Kritik der Knastgesellschaft October 9, 2015 | 11:22 am

Die Diskussion über Knastkritik und die gemeinsame Organisierung von Leuten drinnen und draußen ist weitestgehend aus den linksradikalen Zusammenhängen verschwunden – sie hatte (ähnlich wie die Psychiatrie-Kritik) in den 60′er und 70′er Jahren ihren letzten Höhepunkt. Wir dokumentieren hier einige aktuelle Beiträge zum Thema und freuen uns über Ergänzungen in der Kommentarspalte.

1.) Ein Jahr Gefangenengewerkschaft GG/BO

Am 01.10.2015 hat Oliver Rast von der Gefangenengewerkschaft GG/BO einen Vortrag im Berliner Café Kralle gehalten. Er hat im Vortrag über die Hintergründe der Gründung der GG/BO, über die Entwicklungen im Organisierungsprozess und über die Organisationsbedingungen der Gewerkschaft berichtet. Das Anarchist Radio Berlin hat den Vortrag dokumentiert.

Lohnarbeit im Gefängnis wird bewusst entrechtet und inhaftierte Beschäftige nicht als Arbeitnehmer*innen anerkannt. Trotzdem wird hinter Gittern ein exzessives Sozial- und Lohndumping betrieben um Auftraggeber*innen den Produktionsstandort Knast als attraktive Alternative oder sogar Sonderwirtschaftszone anzubieten.

Eine basisorganisatorische Gefangenen-Gewerkschaft macht bereits von Außen und Innen darauf aufmerksam und will mehr erkämpfen. Dabei wird der bisher sehr erfolgreiche Organisierungsprozess in den Knästen auf politischer und juristischer Ebene attackiert. Einblicke in die Arbeit der Gefangenen Gewerkschaft / Bundesweite Organisation – GG/BO sowie aktuelle Entwicklungen erfahrt ihr beim Tresen. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 63.3 MB; 1:10:15 h) | via archive.org (verschiedene Formate)

Beachtet auch, passend zum Thema, den Text „Ein Jahr Gefangenengewerkschaft – Eine Zwischenbilanz“ von Oliver Rast. Radio Corax hat mehrere Interviews mit Mitgliedern der Gefangenengewerkschaft geführt. So z.B ein Interview mit Oliver Rast, in dem es allgemein um die Gefangenengewerkschaft geht und ein Interview mit Gerd Rockmann über die Aktivitäten der Gefangenengewerkschaft in Sachsen-Anhalt.

2.) abrisse. Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen

2011 hat die Gruppe baul_ucken ein Buch unter dem Titel „abrisse. Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen“ bei Edition Assemblage herausgegeben. Das Buch wurde in engem Kontakt mit mehreren Gefangenen konzipiert, enthält Umfragen über das Thema Knast, einige theoretische Texte, sowie verschiedenen Sichtweisen von Gefangenen, Aktivist_innen aus verschiedenen Ländern und Antwält_innen, die über eine isolierte Betrachtung der Institution Gefängnis hinaus weisen. Am 12.10.2011 waren im Rahmen der Gegenbuchmesse zwei MitherausgeberInnen in der Klapperfeldstraße in Frankfurt zu Gast und haben das Buch dort vorgestellt. Zu Beginn werden O-Töne aus den Umfragen vorgespielt, dann geht es um die Entstehunsgeschichte des Buches und zuletzt wird ein Brief einer Gefangenen vorgelesen, der in dem Buch enthalten ist. In der Diskussion geht es eher grundlegend um Knastkritik und Alternativen zum Gefängnis.

    Download: via AArchiv (mp3; 76 MB; 1:46:49 h)

Eine Rezension des Buches gibt es hier. Im Vorfeld einer Buchlesung in Dresden hat Radio Corax ein Interview mit einem Mitherausgeber geführt, das hier nachgehört werden kann. Auf dem Blog der Gruppe baul_ucken findet sich auch ein Text von Albert Destinazero mit dem Titel „Warum Knastkritik? Selbstverständlichkeiten und Einsprüche. Zur Entstehungsgeschichte und Rechtfertigung des Gefängnisses“.

3.) Anti-Knast-Tage 2014 in Wien / Anarchistische Texte zur Knastkritik

Das Anarchistische Radio Wien hat in einer Sendung die Anti-Knast-Tage dokumentiert, die 2014 im Wiener EKH stattfanden. Gesendet wurden Ausschnitte aus den Vorträgen und Diskussionen, die auf den Anti-Knast-Tagen stattgefunden haben.

Von 7. bis 9. November 2014 fanden in Wien die Anti-Knast-Tage statt. An drei Tagen tauschten sich Interessierte zu diversen Kämpfen gegen Knast und Repression aus, es gab Diskussionen, Vorträge und Workshops, die sich sehr unterschiedlichen Themen widmeten. Einige Höhepunkte waren beispielsweise die Veranstaltung zur neu gegründeten Gefangenengewerkschaft in Deutschland oder ein Vortrag zur aktuellen Situation in den griechischen Knästen.

Diese Sendung fasst unvollständig und bruchstückhaft das Wochenende in Wien zusammen und gibt einen kleinen Einblick für alle, die nicht dabei sein konnten bzw. will mit den Audiomitschnitten allen Teilnehmer_innen die spannenden Vorträge in Erinnerung rufen. (via)

    Download: via Anarchistisches Radio (mp3; 76 MB; 56:57 min)

Das Anarchistische Radio hat außerdem in einer weiteren Sendung mehrere Texte zur anarchistischen Knastkritik eingelesen: Die Einleitung des Buches „Stein für Stein – Kämpfen gegen das Gefängnis und seine Welt“ von einer belgischen Gruppe und den Text „An wen richten wir uns?“ aus der italienischen Zeitschrift „Machete“.

4.) Die Unsichtbaren

Nanni Balestrini hat die Erfahrung der Knastkämpfe in Italien während und nach dem Bürgerkrieg in den 70′er Jahren in seinem Roman „Die Unsichtbaren“ literarisch verarbeitet. Auszüge aus diesem Roman wurden in der Juni-Ausgabe der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“ vorgelesen (nach einer Besprechung des Buches „Den Himmel stürmen“).

    Download: via Mediafire (mp3; 140.8 MB; 1:42:31 h)

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Texte zur Kritik am Gefängnis (aus einer eher liberalen Warte) finden sich auf knastkritik.org. Ein grundlegendes Buch zum Thema ist „Sozialstruktur und Strafvollzug“ von Otto Kirchheimer und Georg Rusche. Grundlegend für die Anti-Knast-Bewegung war außerdem das Buch „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault. Eine Tradition der Knastikritik hat sich vor allem im anarchistischen Milieu gehalten – die Download-Seite auf der Internet-Präsenz des Anarchist Black Cross Berlin stellt einige Zeitschriften der anarchistischen Knastkritik zur Verfügung. Die Broschüre „Die vernebelte Spur von Os Cangaceiros durch die soziale Pampa“ versammelt einige deutschsprachige Übersetzungen von Texten der „Totengräber“, einem in den 70′er und 80′er Jahren in Frankreich umherreisenden Kollektiv, das sich auch dem Kampf gegen die Knäste widmete. Weitere Literatur-Tips und Links zu Audio-Beiträgen zum Thema (ob historisch-materialistisch oder kritisch-genealogisch) können in der Kommentarspalte hinterlassen werden.

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Protests in Iraqi-Kurdistan October 8, 2015 | 10:49 pm

Hundreds of demonstrators took to the streets in cities across the Kurdistan region to protest delayed salaries and the stalemate between Kurdish political parties that has left the regional government without an official president for since July.

At the biggest protest site in Suliamani, Rudaw’s Saman Basharty witnessed clashes between the police and protesters who had gathered in front of of the Shary Juan Hotel where the five major Kurdish political parties were holding a meeting.

The meeting, held between representatives of the Kurdistan Democratic Party (KDP), Patriotic Union of Kurdistan (PUK), Change Movement, Kurdistan Islamic Union and the Kurdistan Islamic League, was the latest in a series of unsuccessful attempts to find agreement over the presidency of Masoud Barzani.

Dozens of protesters held demonstrations in Erbil and Halabja. In Erbil, a medical official for Rizgari hospital said doctors who have not been paid would continue to help patients, but stressed that the government needs to know the doctors and other workers need their salaries.

On Tuesday, hundreds of teachers took to the streets in Sulaimani and Erbil after declaring a week-long strike earlier this month over delayed salaries. Representatives of the protesting teachers told Rudaw they refused to go back to work before receiving their full salaries, which have been withheld since July.

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Vor wem fliehen Syrer? October 7, 2015 | 03:53 pm

Die Organisation Adopt a Revolution hat 900 syrische Flüchtlinge befragt, vor wem und weshalb sie geflohem sind. Die Ergebnisse dürften wenig überraschen:

Die Ursache dafür, dass Menschen aus Syrien fliehen, sind bewaffnete Auseinandersetzungen, was 92% als Grund angeben. Dabei machen 70% die Regierung von Bashar al-Assad verantwortlich, „nur“ 32% benennen hier ISIS.

Der zweite zentrale Fluchtgrund ist die Angst vor Verhaftung oder Entführung, was 86% als Fluchtgrund angeben. Drei Viertel (77%) gaben die Befürchtung an, vom Assad-Regime festgenommen zu werden, gefolgt von Entführungen durch ISIS (42%).

Mehr als 90% der Flüchtlinge möchten nach Syrien zurückkehren, allerdings ist für eine Mehrheit von 52% eine Bedingung dafür, dass Assad nicht mehr an der Macht ist.

Nur eine kleine Minderheit (8%) will dauerhaft in Europa bleiben. Gefragt nach Handlungsoptionen der internationalen Gemeinschaft, benennt eine Mehrheit von 58% eine Flugverbotszone als Möglichkeit, die Fluchtbewegung aus Syrien zu reduzieren.

73% sahen den Abwurf von Fassbomben als Risiko für Leib und Leben.

Weitere Ergebnisse und Hintergründe zur Befragung haben wir in einem Hintergrundpapier zusammengestellt.

Chris Kraus »Torpor« October 6, 2015 | 10:47 am

Sylvie und Jêrome sind zurück! In Georges Perecs 1965 erschienenem Romandebüt Die Dinge. Eine Geschichte aus den sechziger Jahren verkörperte das Paar seine Generation französischer Großstadtintellektueller, die, oftmals nach einem abgebrochenen Studium, in der Marktforschung oder in der Werbung tätig, von dem kleinen materiellen Glück träumen. In Die Dinge mussten Sylvie und Jêrome feststellen, dass die Genussfähigkeit, das kulturelle Kapital nicht einfach mit dem Einkommen zunehmen; als sie sich ein Essen in teureren Restaurants leisten können, finden sie die Speisen, die ihnen vorgesetzt werden, »einfach langweilig«.1

In Chris Krausʼ Roman Torpor, 2006 im Original erschienen und seit diesem Jahr auf Deutsch vorliegend, treffen wir Sylvie und Jerome wieder. Ihre Namen sind mittlerweile, nach dem »Ende Europas« und nachdem »New York zur neuen Welthauptstadt der Kultur« geworden war,2 amerikanisiert; die beiden leben in und um New York City – doch die Probleme sind die gleichen. Die Mieten in New York City können sich Sylvie und Jerome, obwohl als Dozent an einer Universität angestellt, kaum noch leisten, und das Milieu, in dem Sylvie und Jerome zu Hause sind, wird gleich zu Beginn so charakterisiert: »Carla, ein Model, macht gerade eine Ausbildung zur Möbelrestauratorin, weil sie sich mit ihren 28 Jahren alle Möglichkeiten offenhalten will. Jeff ist vor drei Jahren aus seiner Band ausgestiegen und verdient sein Geld jetzt mit der High-End-Sanierung von Wohnungen.«3 Zu den finanziellen Problemen kommen Beziehungskrisen hinzu: Sylvie, die »so gern« glauben will, dass das »Elend ganz einfach durch Glück ersetzt werden« kann,4 wünscht sich ein Baby; Jerome hingegen, der aus einer früheren Beziehung bereits eine Tochter hat, will kein weiteres Kind; ihr Kompromiss besteht darin, in Rumänien ein Kind zu adoptieren. Dieses Vorhaben scheitert, und auch die Beziehung zerbricht.

Georges Perecs Die Dinge beginnt mit einer seitenlangen Beschreibung der Inneneinrichtung im Konjunktiv, das heißt mit der Vorstellung, wie die Wohnung von Sylvie und Jêrome aussehen könnte, wenn sie das nötige Einkommen hätten. Auch Kraus arbeitet mit Zeit‑ und Möglichkeitsformen. So ist Sylvie nicht davon angezogen, was Jerome ist, sondern von dem, »was er hätte sein können«.5 Die prägende Zeitform in Torpor ist, dem Titel entsprechend, allerdings das Futur II. Nicht nur die Vergangenheit liegt hinter uns, auch die Zukunft ist bereits abgeschlossen. Perecs Die Dinge endet mit einem Zitat von Karl Marx, und Torpor versucht vor dem Hintergrund des Epochenwechsels 1989/90, dem Niedergang des Staatssozialismus, gleichfalls an Marx angelehnt zu beschreiben, wie der »Albtraum der Geschichte […] auf den Gehirnen der Lebenden« lastet.6

Auf den französischen Schriftsteller Georges Perec nimmt Kraus nicht nur literarisch Bezug. Perec, der heute neben Italo Calvino oder Oskar Pastior zu den bekanntesten Mitgliedern der Gruppe L’ Ouvroir de Littérature Potentielle (Oulipo) gehört, kommt in Torpor als Person vor. Während ihrer Studienzeit gehörten Jerome Shafir und Georges Perec zu einem Kreis jüdischer Linker, die eine nach dem Sergej-Eisenstein-Film benannte Zeitschrift La Ligne Generale herausgaben. Zwischen Jeromes und Perecs Schicksal bestanden, so Kraus, noch weitere Parallelen: »Wie Jerome hatte man auch Georges außerhalb von Paris sicher versteckt, während seine Eltern flohen. Wie Jeromes Eltern waren auch seine Eltern von Warschau nach Frankreich gezogen, nachdem die Nazis Polen überfallen hatten.«7 Bezogen auf Perec sind diese Aussagen nicht ganz korrekt. Perecs Eltern waren, wie man in seinem autobiografischen Roman W oder die Kindheitserinnerung nachlesen kann, bereits Jahre vor dem Zweiten Weltkrieg nach Paris gekommen, und sie konnten nicht vor den Nazis fliehen. Perecs Vater fiel im Kampf gegen Nazi-Deutschland, seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert.8

Perec ist nicht die einzige Persönlichkeit, die in Torpor vorkommt, denn wie sich zeigt, ist Jerome ein begnadeter Netzwerker, der so wirkt, als hätte er eben mit dem Komponisten John Cage Schach gespielt, mit der französischen Nouveau-Roman-Autorin Nathalie Sarraute im Café gesessen und mit dem Beat-Poeten William Burroughs die Nacht durchgemacht. Tatsächlich kennt Jerome den Philosophen Félix Guattari, bei dem in Paris Sylvie und Jerome Ende 1989 den Fall Nicolae Ceaușescus live vor dem Fernsehen erleben. In Berlin wohnen Sylvie und Jerome neben Nan Goldin, essen mit »Peter und Heidi« vom Merve-Verlag und lernen den ehemaligen Stasi-Spitzel und Schriftsteller Sascha Anderson kennen. Damit beschreibt Kraus aber nicht nur Jeromes intellektuelles Netz, sondern markiert, wie sich noch zeigen wird, auch das Koordinatensystem, in dem sie selbst sich gern sähe.9

Wie diese Verweise zeigen, täte man Chris Kraus’ Roman Unrecht, wenn man ihn an Perecs oder Sarrautes Werk messen würde. Perec und Sarraute verfassten, auch wenn in ihren Erzählungen das zeitgenössische Milieu oder sogar reale Personen erkennbar waren, fictions und betonten diesen Charakter dieser Werke. So wahrten ihre Romane gegenüber realen Vorbildern eine wohltuende Diskretion. Torpor hingegen ist wie Kraus’ Romandebüt I Love Dick über weite Strecken ein autobiografischer Bericht, der mitunter auch formal Tagebuchcharakter hat, wie Sätze wie »Das wäre für Sylvie okay gewesen« deutlich machen.10 Karolin Meunier verrät es im Nachwort: Sylvie Green ist Chris Kraus selbst, Jerome Shafir ihr Ex-Ehemann Sylvère Lotringer, Gründer des Verlags Semiotext(e), der mit daran wirkte, den französischen Poststrukturalismus in den USA bekannt machte. Man mag von der Schonungslosigkeit beeindruckt sein, mit der Kraus in Torpor mit sich selbst ins Gericht geht. Dabei analysiert der Roman, wie Meunier schreibt, fraglos »die sozialen Bedingungen künstlerischer Produktion«, vor allem in Hinblick auf das Geschlechterverhältnis.11 Ob man sich an den Einblicken in Guattaris Schlafzimmer freuen kann, muss jede Leserin und jeder Leser selbst entscheiden.

Um jedoch eine materialistische Analyse sein zu können, wäre es notwendig gewesen, dass Hauptfigur und Erzählerin noch stärker voneinander geschieden gewesen wären. Das gilt weniger für die selbstkritische Auseinandersetzung mit der eigenen Liebesbeziehung als für den vergeblichen Versuch, den Charakter ihres Partners Sylvère Lotringer zu deuten, der von seinem Schicksal als Jude unter deutscher Besatzung gezeichnet zu sein scheint und dessen vermeintliche Ziellosigkeit Sylvie ein ewiges Rätsel ist. Von Sylvie heißt es an einer Stelle: »Ihr Wunsch, sich die Toten einzuverleiben und sie zu ficken, ist stärker als ihr Wunsch, einen festen Freund zu haben. Sie wünscht sich, überaus intim mit der Geschichte zu sein.«12 Doch so genau wollen es leider weder Sylvie noch Chris Kraus, wie der Fehler in Bezug auf Georges Perecs Biografie beispielhaft zeigt, gar nicht wissen. Sie möchten vor allem dabei gewesen sein.

Chris Kraus: Torpor (Roman), aus dem Amerikanischen von Stephanie Wurster, Berlin: b_books 2015, 280 S., ISBN 978–3–942214–06–3, € 16,-

Anmerkungen

  1. Georges Perec: Die Dinge. Eine Geschichte aus den sechziger Jahren, aus dem Französischen von Henryk Keisch, Berlin (Ost) 1969, zweite Auflage, S. 222.
  2. Chris Kraus: Torpor, aus dem Amerikanischen von Stephanie Wurster, Berlin 2015, S. 78.
  3. Kraus: Torpor, S. 11.
  4. Kraus: Torpor, S. 40.
  5. Kraus: Torpor, S. 146.
  6. Kraus: Torpor, S. 129.
  7. Kraus: Torpor, S. 131.
  8. Georges Perec: W oder die Kindheitserinnerung, aus dem Französischen von Eugen Helmlé, Zürich 2012, S. 32–38.
  9. Kraus: Torpor, S. 22.
  10. Kraus: Torpor, S. 206.
  11. Karolin Meunier: Heikles Terrain, in: Kraus: Torpor, S. 271–276, hier S. 272.
  12. Kraus: Torpor, S. 144.

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Werner Scholem – das Leben eines jüdischen Kommunisten October 6, 2015 | 10:22 am

Zwei neue Biografien schicken sich an, das Leben des jüdischen Kommunisten, Reichtagsabgeordneten und KZ-Häftlings Werner Scholem auszuleuchten. Beide heben in aus dem Erinnerungskanon als Bruder Gershom Scholems hinaus und würdigen ihn in seiner eigenständigen politischen und Lebensleistung.

»Wir [die jüdischen Intellektuellen] gaben ihnen [den Arbeiterparteien] die geistige Führung, die selbst zu erwerben der Machtstaat sie hinderte, sie verbürgten uns die Sicherheit unseres Lebens und die Grundlagen unserer Arbeit als Juden.«1

Innerhalb eines Jahres wurde Werner Scholem durch zwei Biographien aus dem Schatten seines Bruders Gerhard/Gershom heraus geholt. Diese Aufmerksamkeit wird historischen Persönlichkeiten nicht häufig zuteil, gerade wenn es sich um Vergessene der Geschichte handelt. Bei Werner Scholem handelt es sich um einen solchen Vergessenen, einen Juden, Kommunisten, Abtrünnigen aus Partei und Ausgestoßenen aus dem Elternhaus, einen, der nicht dazugehörte, nicht mitmachte.2 – weder in der Herkunftsfamilie noch in der Wahlverwandtschaft mit den Kommunisten.

Geboren am 29. Dezember 1895, war Werner der dritte Sohn eines Berliner Druckereibesitzers und der zwei Jahre ältere Bruder von Gerhard/Gershom Scholem. Der Vater war ein jüdischer Patriarch, die Mutter eine Mamme, die bei allen familiären Schwierigkeiten den Kontakt zu Werner hielt und sich zunehmende Freiräume verschaffte. Das Milieu war deutsch-jüdisch, der Schabbat und die Feiertage wurden begangen, für sich lehnte man Taufe und gemischte Ehen ab. Mit dem Vater lag Werner schon früh in Konflikt, weil er sich nach einer Stippvisite beim zionistischen Jugendbund »Jung-Juda« der sozialistischen Arbeiterjugend anschloss. Die Arbeiterbewegung, genauer: ihre Partei, sollte seine Heimat werden. Mit diesem Schritt entfloh Scholem der Enge des Elternhauses, der »Kindheit um 1900« (Walter Benjamin) im bürgerlich-jüdischen Berlin. In Hannover wurde der renitente Sohn zur Schule geschickt; mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges meldete er sich zur Front – zum einen, weil er damit rechnete sowieso eingezogen zu werden und zum anderen, weil der schlechte Schüler auf diese Weise sein Notabitur unter vereinfachten Bedingungen ablegen konnte. 1916 wurde Werner wegen Majestätsbeleidigung verhaftet. Scholem registrierte die chauvinistische und antisemitische Einstellung unter seinen Kriegskameraden, belegte sie daraufhin mit dem französischen Schimpfwort der »boches« und fragte sich: »Bin ich Proletarier?« Von seiner Klassenherkunft sicherlich nicht, von seiner intellektuellen Stellung innerhalb der Arbeiterbewegung war Scholem es ebenfalls nicht. Er gab sich die Antwort selbst: »Mich kümmert nur die Partei!« Er zeigte sich angewidert vom Hurra-Patriotismus der SPD und begeistert von Liebknechts antimilitaristischem Kurs. Scholem trat von der SPD, der er sich noch vor dem Krieg in Hannover angeschlossen hatte, über die USPD zur KPD über. Innerhalb von nur vier Jahren stieg er in der Parteihierarchie zum reichsweiten Organisationsleiter auf und stellte mit Ruth Fischer und Arkadi Maslow das linksradikale Führungstriumvirat der KPD. 1917 hatte Scholem die Hannoveraner Kontoristin Emmy Wiechelt, die er schon aus der Arbeiterjugend kannte, geheiratet. Die Verehelichung mit einer Nichtjüdin markierte den endgültigen Bruch mit dem Vater, der Werner innerhalb der Familie bannte und den Kontakt mit ihm untersagen wollte. Die Mutter und der jüngere Bruder Gerhard, der sich nach seiner Auswanderung ins damalige Palästina Gershom nannte, hielten dennoch weiterhin Briefkontakt. Vater und Sohn aber söhnten sich nie aus, Werners Vater starb 1925.

Doch Brüche sind eines der Kennzeichen Werner Scholems Leben – als persönlich-familiärer und als politischer Bruch, aber auch gesellschaftsgeschichtliche Umbrüche und Zusammenbrüche: der Erste Weltkrieg lässt die bürgerliche Welt des »langen 19. Jahrhunderts« zusammenstürzen, die Weimarer Republik liegt nach wenigen Jahren in Trümmern, die Katastrophe, die dem »short 20th century« ihr Mal einbrennt, überlebt Scholem nicht. Alle Phasen seines Lebens sind eng mit dem Kampf um die Emanzipation von der Ausbeutung und Unterdrückung der (spät)bürgerlich-kapitalistischen Welt verbunden.

Schärfe und Witz, aber auch Bitterkeit und Verdruss drücken sich in seiner Wendung zur strikten Partei-Arbeit aus: vom Volk erwartet er nicht viel. Als Abgeordneter des Preußischen Landtages wird er antisemitisch angegriffen – er kontert gegen die »Kälberfressen«, die ihn anblöken.

Aus der Führung der KPD wird Scholem wie auch Fischer und Maslow im Zuge der Stalinisierung schnell herausgedrängt. Die Bolschewisierung der KPD hatten die Linksradikalen vorangetrieben, Revolutionshoffnung und kommunistischer Eifer trugen ihre Arbeit voran. Im Kampf Stalins gegen Trotzki werden die jungen – und jüdischen! – Linken von der Parteispitze abgesetzt, Scholem 1926 aus der KPD ausgeschlossen. Zwei Jahre später scheidet er auch aus dem Landtag aus und beginnt in Berlin ein juristisches Studium. Werner und Emmy bleiben aber ihrer Wahlheimat, dem kommunistischen Milieu, verbunden. Das Ende Werners politischer Laufbahn aber war endgültig, die Partei zog eine deutliche Trennung zwischen Scholem und sich: er galt als Renegat und ›verbürgerlichtes Element‹.

Nach dem Reichstagsbrand wurde Werner Scholem für eine Woche verhaftet, nach der Verabschiedung des »Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums« verlor er zum 31. August des Jahres seine Stellung als Rechtsreferendar. Kurz vor seiner Ausreise wurde Scholem am 22. April 1933 von der Polizei verhaftet. Eine Odyssee durch die deutschen Konzentrationslager begann. Seine Familie löste sich auf, Emmy und ihren gemeinsamen Kindern gelang via Prag die Flucht nach England. Werner blieb in Haft. Von Spandau und dem Polizeigefängnis Alexanderplatz nach Moabit; von dort nach seinem Freispruch(!) durch den Volksgerichtshof 1935 nach Plötzensee in ›Schutzhaft‹, ins KZ Columbiahaus, von dort ins KZ Lichtenburg und zum Ende nach Dachau, dem ältesten Konzentrationslager.

Scholem wurde nochmals überstellt, nach Buchenwald bei Weimar. Dort wurde Werner Scholem im berüchtigten Steinbruch von dem für seine Brutalität unter den Häftlingen verrufenen SS-Hauptscharführer Johannes Blank am 17. Juli 1940 erschossen.3 Er starb als Jude und Kommunist. A: an seiner Häftlingskleidung prangte der sechseckige Stern aus einem gelben und einem roten Winkel. Wenig mehr designierte ihm zum Opfer der Nationalsozialisten, die Werner Scholem verhöhnten, als sie einen Wachsabdruck seines Gesichts auf der Ausstellung »Der ewige Jude« 1937 in München zur Schau stellten.

Beide Biographien Werner Scholems sind für sich gelungene historiographische Arbeiten, reich an Quellen und – das ist löblich – sehr lesenswert geschrieben. Ihre Perspektiven driften auseinander, daher ergänzen sie sich: der politische und der kulturgeschichtliche Blickwinkel komplettieren das Bild Werner Scholems, das aus den vielschichtigen Quellen gezeichnet werden kann.

Was die gegenwärtige Attraktion Scholems ausmachen könnte, ist nicht nur, dass seine Biographie, wie auch die anderer politisch und gesellschaftlich fortschrittlich wirkender Intellektueller, Reflektionen auf das »kurze 20. Jahrhundert«, das wir gerade hinter uns gelassen haben, ermöglicht. Darüber hinaus weist das übergreifende Interesse an Werner Scholems Leben auf etwas Weiteres: das Bedürfnis einer linkspolitischen Traditionsbildung, die durch den Nationalsozialismus zerstört und die »kalten« Jahre der Blockkonfrontation verdeckt worden ist. Die Hoffnung, die Toten zu erwecken, ist in Walter Benjamins Beschreibung des »Engels der Geschichte« von Klee apodiktisch festgehalten. Solange die noch nicht emanzipierte Menschheit ihre Welt kontinuierlich zertrümmert, ist weder die Hoffnung auf Versöhnung durch Befreiung Benjamins abgegolten noch Scholems Revolutionshoffnung.

Mirjam Zadoff: Der rote Hiob. Das Leben des Werner Scholem, München 2014, 384 Seiten, geb., €24,90, ISBN 978–3–446–24622–5

Ralf Hoffrogge: Werner Scholem. Eine politische Biografie (1895–1940), Konstanz 2014, geb., 496 Seiten, €24,99, ISBN 9783867645058

Anmerkungen

  1. Arnold Zweig, Bilanz der deutschen Judenheit. Die Wahrheit über die Deutschen (sic) Juden, Amsterdam 1934 (Querido), S. 281 f.
  2. Siehe zum Begriff des Nichtmitmachens: Leo Löwenthal: Mitmachen wollte ich nie. Ein autobiographisches Gespräch mit Helmut Dubiel, Frankfurt am Main 1980.
  3. Scholem war während seiner Haft isoliert, galt als eigensinniger Trotzkist. Dies exponierte ihn zur posthumen Legendenbildung: die Roten Kapos von Buchenwald hätten ihre Machtstellung ausgenützt, um Scholem durch den korrupten SS-Mann liquidieren zu lassen. Dies rückt Ralf Hoffrogge ins rechte Licht: Scholem wurde durch den SS-Mann im Zuge einer Mordwelle, die 1940 durch Buchenwald ging und die die Roten Kapos weder einzudämmen noch zu steuern vermochten, ermordet.

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Antisemitischer Alltag im Berliner Fußball October 6, 2015 | 09:05 am

soerenkohlhuber:

Das erste Heimspiel der dritten Herren-Mannschaft des Berliner Fußball-Teams von TuS Makkabi hatten sich die Spieler wohl anders vorgestellt. Der Auftakt ging 8:2 beim Spandauer SV IV verloren und somit wollte man gegen den BFC Meteor III die ersten drei Punkte ein-fahren. Beim Stand von 1:0 für die Makkabäer wurde das Spiel abgebrochen . Grund waren antisemitische Anfeindungen durch Spieler und Gäste des BFC Meteor. Es folgte eine Schlä-gerei und ein Polizeieinsatz.Recht zügig reagierte der Berliner Fußballverband. Die Weddin-ger-Gäste wurde vom Ligabetrieb ausgeschlossen, zusätzlich mit einer Punktestrafe belegt und der vermeintliche Haupttäter erhielt eine Spielsperre bis 2017, sowie eine Geldstrafe in Höhe von 300,00 Euro.

Bundesweit berichteten Zeitungen und Magazine über den Vorfall. Ein jüdischer Verein wird in Berlin antisemitisch angegangen, seine Mitglieder verletzt. Es kommt der Verdacht oder auch die Hoffnung auf, dies könnte ein Einzelfall sein. Die Mitglieder des 45-jährigen Vereins sehen sich allerdings regelmäßig antisemitischer Angriffe ausgesetzt. Nur wenige und besonders dramatische Fälle werden bundesweit publik. Wie 2012 nach dem LandesligaDu stinkst schon wie ein Jude , soll gegenüber einem Verein gerufen sein, der explizit nicht nur aus Juden besteht, sich aber in der Traditionslinie jüdischer Sportler in Berlin sieht. Die Aussagen wurden noch angefeuert, daReine Zeitung Kontakte des Neuköllner Vereins zu den türkischen Rechtsextremisten der „Grauen Wölfe“ durch Recherche herausfand. Eine Bestätigung gab es ein Jahr später, als mehrere Hürtürkel-Mitglieder aus ihrem Vereinsheim stürmten und eine kurdische Demonstration mit Symbolen der „Grauen Wölfe“ provozierten. Die Liste der antisemitischen Vorfälle bei Spielen des TuS Makkabi lässt sich endlos fortsetzen. 2006 führten antisemitische Rufe zu einem Spielabbruch im Spiel gegen die VSG Altglienicke II. Gegen den Adlershofer BC und die Reinickendorfer Füchse spielte man 2008 trotz Pöbeleien und Hitlergruß bis zum offiziellen Ende. „Mit Beschimpfungen sehen wir uns fast täglich konfrontiert“, sagt Trainer Claudio Offenberg. Am schlimmsten sei es, so der Trainer, für die muslimischen Spieler und deren Anfeindungen aus der eigenen Community.

Die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ (RIAS) spricht davon, dass sich auch in Fangesängen eine „antisemitische Alltagskommunikation“ offenbaren würde. Diese Aussage trafen sie nach der Oberliga-Partie zwischen Tennis Borussia Berlin und dem FSV Fürstenwalde. Anhänger der Gäste skandierten „Juden-Berlin“-Schlachtrufe, einer ging verbal gegen einen Ordner vor und bezeichnete ihn abwertend als „du Jude“. Bereits vorher erahnten die antifaschistischen Fans von Tennis Borussia Berlin, was eventuell auf sie zukommen könn-te. Der D-Jugendtrainer der Fürstenwalder, Detlef Stamm, war einst Anhänger der Republikaner und sitzt nun als Beisitzer im Verein „Freiheitliche Liga“. Dieser Verein ist der Organi-sator der Abendspaziergänge der „Brandenburger für Meinungsfreiheit und Mitbestimmung“ (Bramm), dem inoffiziellen Pegida-Ableger in Brandenburg. Es war nicht der erste Fall dieses Jahr bei einem Spiel der lila-weißen Nachbarn des TuS Makkabi. Beim Landespokalspiel ge-gen den Kreisligisten BSC Marzahn bezeichnete ein Jugendtrainer der Gäste die Gegner mit „diese Juden“ und korrigierte sich sofort: Dies dürfe man hier ja nicht sagen. Der Präsident der Marzahner gab dazu an, dass „die Angelegenheit Konsequenzen haben [wird], weil ich einfach ein vorbildliches Verhalten erwarte.“ Andere Vereine reagieren gar nicht. Besonders die Berlinliga-Partie zwischen dem TSV Rudow 1888 und Tennis Borussia ist dafür ein Bei-spiel. Obwohl maximal 5-600 Zuschauer zum Sportplatz kamen, wurde es zu einem Sicher-heitsspiel. Viele Beamten mussten organisierte und einschlägig verurteilte Neonazis in den Reihen der Fans vom TSV Rudow von den antifaschistischen Gästen bei Tennis Borussia trennen. Unter den Rudow-Fans befinden sich regelmäßig Funktionäre der NPD und rechte Hooligans von Hertha BSC. Auch Spieler und Spielbetreuer von Tennis Borussia berichteten am Rande eines Gastspiels in Neukölln von antisemitischen Anfeindungen. Den Auswechsel-spielern wurde durch Rudower Fans nahe gelegt, dass „ihr Juden hier nichts zu suchen habt.“ Der Verein reagierte nicht. Auch für ihn sind antisemitische Anfeindungen mittlerweile All-tag.

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Die Abwertung des Gegenüber als „Juden“ ist leider keine Besonderheit. Sprühereien von Fans des 1.FC Union, bei denen der Name des lokalen Rivalen Hertha BSC am Davidstern zu finden ist oder auch von Hertha-Fans welche „Juden SVBBG“ (gemeint ist der Vorort-Klub SV Babelsberg 03) sprühen, zeigen - antisemitische Schmähungen sind ein breites Thema im Berliner Fußballsport.

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Giftschlucken als Glücksversprechen October 4, 2015 | 05:48 am

Vortrag und Diskussion mit Stefan Braun und David Schneider (Frankfurt am Main)

Ende dieses Jahres wird im Bundestag über vier Gesetzentwürfe zur sogenannten Sterbehilfe abgestimmt. Nach derzeitigem Stand hat der fraktionsübergreifende Entwurf von Michael Brand (CDU), Kerstin Griese (SPD), Kathrin Vogler (Linke) und Elisabeth Scharfenberg (Grüne) die meisten Unterstützer, darunter auch die Kanzlerin. Er sieht vor, die „geschäftsmäßige Sterbehilfe“ unter Strafe zu stellen, während die geltenden Regelungen zur passiven, indirekten und aktiven Sterbehilfe unverändert bleiben sollen. Das heißt, dass Sterbehilfe künftig allen Vereinen oder Einzelpersonen verboten wäre, die nicht nur im Einzelfall Sterbehilfe leisten, sondern ein „auf Wiederholung angelegtes, organisiertes Handeln” anstreben. Was eine Selbstverständlichkeit zu sein hätte, nämlich Leuten das Handwerk zu legen, deren Mission darin besteht, das Ableben anderer zu organisieren, versetzt nicht wenige in Rage. Bundesrichter und Zeit-Online-Kolumnist Thomas Fischer zeigte sich nach der im letzten Monat abgehaltenen Expertenanhörung im Rechtsausschuss des Bundestags angesichts der parlamentarischen Mehrheit, die voraussichtlich gegen eine grundlegende Liberalisierung der Sterbehilfe stimmen wird, empört: „Selten ist der dezidierte Wille der Mehrheit des “Volks” (sagen wir: der selbstbestimmungsfähigen Bevölkerung) so eklatant missachtet und in sein Gegenteil verkehrt worden.“

Mit seinem im Jammerton des konformistischen Rebellen vorgetragenen Einspruch gegen die Missachtung des Mehrheitswillens steht Fischer stellvertretend für das berufsgruppen- und parteiübergreifendes Bündnis aus Sterbehilfe-Befürwortern, das Giftschlucken als Glücksversprechen propagiert und das allem Anschein nach tatsächlich die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich hat. Laut einer aktuellen im Auftrag der DAK durchgeführten FORSA-Umfrage möchten 70 Prozent der Deutschen „für sich selbst die Möglichkeit haben, auf ärztliche Hilfe bei der Selbsttötung zurückgreifen zu können“.happy_skull_boy

Wie aufdringlich für ein staatlich gefördertes Nachhelfen beim Sterben getrommelt wird, bezeugt die dem Zeitalter des Wutbürgers gemäße Kampagne „Mein Ende gehört mir!“, die sich seit Oktober 2014 landesweit in Szene setzt. Kernstück der Kampagne sind Plakate, auf denen mehr oder minder Prominente zu sehen sind, die mit zugekniffenen Augen und trüber Visage für das Recht auf Sterbehilfe posieren und dabei den Anschein erwecken, als hätten sie auch ihr geistiges Ende schon hinter sich gebracht. Die Parole „Mein Ende gehört mir!“, die von den Propagandisten des Todes ausgegeben und von Politikern nachgeplappert wird, bringt die narzisstisch gepolte Todessehnsucht des nachbürgerlichen Subjekts, das bei aller Umtriebigkeit in allen Lebenslagen zunehmend von Apathie und Depression geschlagen ist, unverhüllt zum Ausdruck. Grundlage des Autonomiewahns ist das Bedürfnis, den Naturzwang zu rationalisieren, indem die Unausweichlichkeit des Sterbens zum Akt der Selbstbestimmung verklärt wird und die Schicksalsergebenheit in morbiden Tatendrang umgemünzt wird. Als höchster Ausdruck dieser Autonomie wird absurderweise die Zerstörung ihrer Voraussetzung gepriesen, nämlich das individuelle Leben. Von der Hoffnung auf ein gutes Leben und eine vernünftig eingerichtete Gesellschaft bleibt in den vernebelten Köpfen von Leuten, die sich unter Freiheit nicht mehr vorstellen können als die Freiheit zum Tode, nur noch die Forderung nach dem schnellen Ableben per staatlich gestatteter Giftspritze übrig.

Dabei geht es ihnen nicht etwa darum, dass das Sterben privat bleibt. Im Gegenteil: Sie haben die Institutionalisierung des staatlich legalisierten und medizinisch organisierten Tötens im Sinn und wollen, dass Staat und Volk beim Giftschlucken näher zusammenrücken.

Das Leitmotto der Kampagne „Mein Ende gehört mir!“ zeigt, dass die Sterbehilfe-Szene nicht nur marketingstrategisch, sondern auch inhaltlich umgesattelt hat. Während die frühe Euthanasiebewegung vordergründig auf Volkshygiene und Gemeinschaftsnutzen setzte, dominiert im postnazistischen Sterbehilfediskurs das liberale Motiv der Selbstbestimmung. Dass sich der vorzeitige Tod von Kranken und Behinderten ökonomisch rechnet, würde heute keiner mehr als Argument vortragen, weil eine solche Verletzung des demokratischen Jargons den Ausschluss aus der Debattiergemeinde zur Folge hätte. Dass ihm die Kostensenkung im Gesundheits- und Pflegebereich dennoch zentrales Anliegen ist, muss der gemeinwohlorientierte Sterbehilfe-Befürworter gar nicht erst zugeben, er kann sich auf den gesunden Menschenverstand des kapitalistisch deformierten Publikums verlassen. In einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich wegen ihrer privaten Vorlieben wie Rauchen, Trinken oder Faulenzen ein schlechtes Gewissen einreden lassen, weil man selbstverschuldet als kaputtgelebter Kostenfaktor enden könnte, bedarf es keiner expliziten Hinweise darauf, dass der Lebensschutz aller chronisch Kranker oder Schwerbehinderter automatisch an die Frage gekoppelt ist, was sie beim Rumliegen kosten.

Die medialen Katastrophenszenarien, die für gewöhnlich unter der Headline „Pflegenotstand“ zirkulieren, sind immer auch als Drohung an die tendenziell Überflüssigen zu lesen, deren Leben trotz allen Autonomiegefasels kein autonomes, sondern ein noch gewährtes ist. Warum es Aufgabe der Ideologiekritik ist, die Sterbehilfe in ihren unterschiedlichen Ausprägungen anzugreifen, wird Thema des Vortrags sein.

Freitag, den 23. Oktober, um 19:00 Uhr

Janusz Korczak Haus, Sonnenstraße 8 (2. Stock), München


05-10-2015Streit. Zur neuen “Outside the box” 5# October 3, 2015 | 09:57 am



05-10-2015

Streit. Zur neuen “Outside the box” 5#

Vortrag mit Chucky Goldstein am 30. Oktober in Stuttgart: Antisemitismus und Fußball: Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig October 2, 2015 | 12:30 pm

Eine Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss mit dem Beginn des Fußballs in Deutschland beginnen: Während deutsche Männer in Turn und Sportvereinen turnten, waren Juden bei dieser sich auf den antisemitischen Turnvater Jahn berufenden Sportart nicht gern gesehen. Diese Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss dann – logischerweise – mit dem Nationalsozialismus weitergehen, in dem zum Beispiel die professionelle Spielkultur des deutschen Meisters von 1932 und seines jüdischen Präsident Kurt Landauers bekämpft wurde, um den in diesem Falle zu tiefst antisemitischen und antimodernistischen Amateuersport zu huldigen. Und diese Geschichte soll ausführlich in diesem Vortrag erzählt werden.

Vortrag mit Ismail Küpeli am 19. Oktober in Berlin: Türkischer Antisemitismus & Nationalismus October 2, 2015 | 12:16 pm

Keine Antisemiten, nirgends. Auf diese Kurzformel lässt sich die politische und juristische Aufarbeitung der judenfeindlichen Vorfälle in Deutschland zusammenfassen, wonach Antisemitismus in Deutschland 1933 begonnen und 1945 geendet habe. Insbesondere dann, wenn die Täter nicht dem Klischeebild eines Neonazis entsprechen und nicht Symbole und Sprache der traditionellen Nazis benutzen, wird die Judenfeindschaft nicht als solche erkannt. Der Antisemitismus schöpft sich jedoch aus vielen Quellen und funktioniert gewissermaßen transnational. Eine solche Quelle ist der türkische Nationalismus, der jedoch in Deutschland zu wenig beachtet wird. Das wollen wir hier ändern.

Antizionistischer Kartentrick October 1, 2015 | 03:26 pm

Vermeintliche israelische Expansionsgelüste: von »Antizionisten« oft und gern herangezogene Kartenserie

Mahmud Abbas, der längst schon nicht mehr demokratisch legitimierte Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde, hatte bereits vor einiger Zeit angekündigt, auf der Generalversammlung der Vereinten Nationen in New York gewissermaßen eine Bombe platzen zu lassen. Was er dann gestern in seiner Rede sagte, darf man allerdings eher als Rohrkrepierer betrachten: Die Palästinenser fühlten sich nicht länger an die Oslo-Abkommen aus den Neunzigerjahren gebunden, weil diese von Israel nicht eingehalten würden, tat er kund. Das wurde in verschiedenen Medien als »Aufkündigung« dieser Vereinbarung bezeichnet, allein: Es ist, wie Khaled Abu Toameh in der »Jerusalem Post« schrieb, weder zu erwarten, dass Abbas seine Behörde auflöst, noch wird er zurücktreten. Vielmehr wird er vermutlich einfach weitermachen wie bisher, und da sich die palästinensischen Führungen nie groß um die Verträge mit dem jüdischen Staat geschert haben, ändert sich diesbezüglich ohnehin nichts.

Gleichwohl macht die Ansprache einmal mehr deutlich, wie sehr es zum palästinensischen Selbstverständnis gehört, sich als Opfer Israels zu sehen. Ein »historisches Unrecht«, sagte Abbas, sei »dem palästinensischen Volk und seiner Heimat« widerfahren, »einem Volk, das friedlich in seinem Land gelebt« und »die Menschheit mit intellektuellen, kulturellen und humanitären Beiträgen« beglückt habe. Ob er dazu auch Flugzeugentführungen, Selbstmordattentate und Raketenorgien zählt, ist nicht überliefert. Palästina sei infolge des UN-Teilungsbeschlusses von 1947 in zwei Staaten aufgeteilt worden, doch während Israel sich vor 67 Jahren gegründet habe, »wartet der zweite Teil der Resolution immer noch auf seine Umsetzung«. Dass die arabischen Staaten den Teilungsplan seinerzeit in Gänze ablehnten und den jüdischen Staat einen Tag nach dessen Gründung angriffen, unterschlug Abbas genauso wie die Tatsache, dass die Palästinenser sich in den folgenden Jahrzehnten noch den weitestgehenden Angeboten Israels verweigerten und lieber zu den Waffen griffen.

Mit der Wahrheit nicht so genau nehmen es auch die selbsternannten Anwälte der palästinensischen Sache, in Europa beispielweise, den Vereinigten Staaten oder Südafrika. Sie, die den palästinensischen Narrativ nacherzählen, bedienen sich immer wieder auch einprägsamer Bilder und einer markanten Symbolik, die eine emotionale Wirkung entfalten sollen und stets die gleiche Botschaft transportieren: Die Israelis sind die Täter, die Palästinenser die Opfer. Zu diesem Bildmaterial gehört auch eine Serie von vier Karten (siehe oben), die veranschaulichen soll, dass der jüdische Staat sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter ausgedehnt und den bedauernswerten Palästinensern so fast ihr gesamtes Land genommen hat. Diese Kartenserie mit ihrer einfachen Aussage und extremen Suggestivwirkung ist seit vielen Jahren im Umlauf und wird von »Antizionisten« regelmäßig herangezogen, wenn es darum geht, die vermeintlichen expansionistischen Gelüste des jüdischen Staates aufzuzeigen und anzuprangern. Der Historiker Yaacov Lozowick hat sie sich vorgenommen, und weil seine Analyse überaus treffend ist, sei hier ein Großteil ins Deutsche übersetzt:

Fangen wir mit der Karte von 1946 an. Selbst wenn man sie einzeln betrachtet, also getrennt von der Serie, ist sie insofern irreführend, als sie zwei verschiedene Arten von Information enthält: Ihre Umrisse zeigen das von den Briten kontrollierte, gemeinhin Palästina genannte Territorium. Da es sich um die Karte einer politischen Einheit handelt, müsste das Gebiet eigentlich vollständig mit einer einzigen Farbe gefüllt sein, schließlich wurde das gesamte Land von den Briten beherrscht, die weißen Teile genauso wie die grünen. Wollte man dagegen privaten Landbesitz unter britischer Souveränität entlang ethnischer Kriterien darstellen, müsste das Grüne durch einen Mischmasch von Farben ersetzt werden: Ein Teil des Landes gehörte Juden, ein anderer jenen Arabern, die man heute Palästinenser nennen würde, ein weiterer arabischen Grundbesitzern (Libanesen, Syrern, Ägyptern etc.), die nicht auf ihrem Land lebten, wieder ein anderer europäischen Kirchen (beispielsweise der katholischen, protestantischen, griechisch-orthodoxen oder russisch-orthodoxen). Der bei weitem größte Teil des Landes aber gehörte keinem der Genannten und somit der Regierung, also den Briten.

Wenn ich es richtig sehe, wird auf der Karte das jüdische Eigentum an Grund und Boden in Jerusalem (wo es eine jüdische Mehrheit gab) übergangen; Gleiches gilt für Ortschaften wie Gusch Etzion und Neve Yaacov, für Siedlungen am Toten Meer sowie in Hebron, in Safed, in Naharia und dem Hinterland, in Kfar Darom im Gazastreifen und so weiter. Aber das Hauptproblem mit dieser Karte ist nicht, dass sie über jüdisches Eigentum an Grund und Boden hinweggeht, sondern vielmehr die implizite Behauptung, dass alles Land, welches nicht Juden gehörte, »Palästina« war. Und das stimmt nicht. Wenn hier Landbesitz dargestellt werden soll, dann müsste der größte Teil des Territoriums als der britischen Regierung gehörend abgebildet werden; geht es um politische Souveränität, dann war sogar das gesamte Gebiet britisch.

Die zweite Karte beschäftigt sich nicht mehr mit dem Thema Landbesitz, und die Serie kehrt auch nicht mehr dorthin zurück. Es handelt sich vielmehr um eine halbwegs genaue Darstellung des UN-Teilungsplans vom 29. November 1947 – mit einer eklatanten Auslassung allerdings, nämlich der Gegend um Jerusalem und Bethlehem, die eindeutig nicht einer Seite zugeordnet, sondern als corpus separatum behandelt wurde. Ich betone: Jerusalem und Bethlehem. Der Kartenzeichner hat also einem prospektiven Staat Palästina ein sehr wichtiges Stück Land zugeschlagen, das er in Wirklichkeit nie hatte.

Diese Karte bildete natürlich niemals eine Wirklichkeit ab. Zur Zeit des UN-Teilungsplans wurde sie von allen arabischen Staaten abgelehnt, die eine Stimme hatten, und darüber hinaus auch von den einheimischen Arabern, die sich seinerzeit – anders als heute – nicht durchweg Palästinenser nannten. Ich werde mich hier nicht mit der Frage beschäftigen, wer den UN-Teilungsplan durchkreuzte, aber ich glaube, man kann sagen, dass dabei alle Seiten eine Rolle spielten: der Jischuw, el-Husseinis palästinensische Truppen, al-Qawuqjis Truppen sowie die ägyptischen, jordanischen, syrischen, irakischen und libanesischen Truppen, die am Kampf um ein Territorium teilnahmen, das zuvor unter britischer Herrschaft gestanden hatte.

Die dritte Karte (1949–1967) ist auf ihre eigene Weise irreführend. Sie zeigt Israel in weiß und zwei andere Gebiete in einheitlichem Grün – dem gleichen Grün, das in den ersten beiden Karten palästinensisches Territorium markieren sollte. Natürlich stimmt das nicht mit der historischen Wirklichkeit überein: Der Gazastreifen wurde von Ägypten kontrolliert, nicht von den Palästinensern, und sollte von Rechts wegen als ägyptisch besetzt bezeichnet werden. Das größere grüne Gebiet wurde von Jordanien kontrolliert und annektiert; die Bewohner bekamen die jordanische Staatsbürgerschaft, weshalb ich nicht weiß, ob dieses Territorium, rechtlich gesehen, besetzt war oder nicht. Falls ja, dann war sein Status wahrscheinlich ähnlich wie der unter israelischer Herrschaft nach 1967: besetzt eben, mit Siedlern aus dem Besatzerstaat. Wenn es nicht besetzt war, dann war es ein Teil von Jordanien. (Das ist ja auch der Grund für den Namen »Westbank« bzw. »Westjordanland«: die westliche Hälfte von Jordanien.) Wie auch immer: Als Palästina kann man es jedenfalls nicht bezeichnen.

Bemerkenswert ist auch, dass die Karte es vermeidet, sich mit dem privaten Landbesitz zu beschäftigen – was ja das Thema der ersten Karte war. Würde sie diesen Besitz anzeigen, dann müsste an ihr deutlich werden, dass ein Teil des Gebietes innerhalb Israels natürlich Palästinensern gehörte, während kein Stückchen Land in Jordanien als in jüdischem Besitz befindlich akzeptiert wurde, auch wenn dieser Besitz mancherorts niemals in so etwas wie einem rechtsstaatlichen Verfahren aufgehoben wurde.

Kommen wir schließlich zur vierten Karte. Zum ersten Mal in dieser Serie gibt es nun so etwas wie eine palästinensische Herrschaft – im gesamten Gazastreifen und im Westjordanland. (Vernachlässigen wir kurz die Unterscheidung zwischen der Herrschaft der Hamas in Gaza und der Herrschaft der Palästinensischen Autonomiebehörde in der Westbank.) Kaum erklärlich ist dabei die Entscheidung des Kartenzeichners, so zu tun, als ob die palästinensische Befehlsgewalt nur für die A-Zone gilt, und die größeren B-Zonen zu unterschlagen. So, wie ich die Geschichte verstehe, zeigt die Karte außerdem keinen palästinensischen Rumpfstaat, sondern im Gegenteil zum ersten Mal überhaupt das Entstehen einer neuen Entität, von und für Palästinenser. Kein verschwindendes Palästina also, sondern ein entstehendes!

Als »Piktogramm für historische Analphabeten« hat Claudio Casula diesen Kartentrick der besonderen Art in einem lesenswerten Beitrag für »Spirit of Entebbe« schon vor siebeneinhalb Jahren sehr zu Recht bezeichnet. Nun ist »Israelkritikern« selten mit Argumenten beizukommen, aber darum geht es auch gar nicht. Vielmehr wird gerade an Beispielen wie dieser Kartenserie deutlich, mit welchen ideologischen Mitteln und Methoden sie arbeiten, um den jüdischen Staat zu dämonisieren und zu delegitimieren. Und wenn ein Bild, ein Symbol, eine Ikone erst einmal den bezweckten Effekt erzielt hat, ist eine Korrektur nur schwer möglich – selbst wenn die Widersprüche und Falschheiten himmelschreiend sind.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.


Einsortiert unter:Politik Tagged: Antisemitismus, Israel, Mahmud Abbas, Palästinenser

Zu Gast beim Ökumenischen Antisemitenbund October 1, 2015 | 03:01 pm

Wem das „Heilige Land“ gehöre, debattierte ein wohl sortierter Kreis am 26. September im Pfarrzentrum Sankt Josef in München. Auf der Veranstaltung hätte der antisemitische Hofprediger Adolf Stoecker (1835-1909) noch einiges lernen können.

Geradezu in Rage redete sich Hans-Jörg Schmid (ganz rechts im Bild) an diesem Abend, Pfarrer im Ruhestand aus dem fränkischen Neustadt an der Aisch. Das Ausschussmitglied des „Ökumenischen Netzes Bayern“ stammelte bei der Podiumsdiskussion „Dem Zusammenleben Zukunft geben – wem gehört das heilige Land?“ vor den etwa 50 ergrauten Gästen erregt:

„Ich frage die Juden, nehmen sie eigentlich die Propheten aus der Bibel heraus, die zehn Gebote und all das, wo drin steht, ihr seid ein Volk, das von Gott befreit wurde? Ihr wart mal klein und unterdrückt. Und in euren Geboten steht doch drin, deshalb werdet ihr andere Fremde, Flüchtlinge, Witwen und Weisen behüten und schonen. Gilt das für euch heute nicht mehr? […] Wie kann ein Volk, das selbst sich stolz auf einen Gott beruft, der es aus den Händen von mächtigen Sklavenhaltern befreit hat, wie können die andere versklaven? Da muss ich den Propheten Amos zitieren und sagen: Tut weg von mir das Geplärr eurer Lieder, das Recht fließe unter euch wie ein nie versiegender Bach. Dann habt ihr einen richtigen Gottesdienst gefeiert.“

„Das ist Antisemitismus!“, wirft eine der beiden Stimmen aus dem Publikum ein, die Antisemitismus erkennen können. Das Auditorium lacht und raunt daraufhin. Einer ruft zu den Kritikerinnen herüber: „Das war die hebräische Bibel! Kennen sie ihre Bibel nicht!?“ „Es liegt an ihnen, wenn sie keine Kritik vertragen“, spottet eine Sitznachbarin.

Der antijudaistischen Tiraden im Stoecker-Format setzt auf dem Podium niemand etwas entgegen. Da sitzen nämlich neben Schmid auf Einladung des katholischen Pax Christi und des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“ noch Martin Pilgram (Pax Christi München), Mohamed Abu El-Qomsam (Zentralrat der Muslime), Clemens Ronnefeldt (Versöhnungsbund) und Norman Paech (Die Linke) – allesamt unverdächtig, ein Wort gegen Antisemitismus zu reden.

Immer Ärger mit den Juden
Hans-Jörg Schmid durfte sich bereits am früheren Abend ungebremst über Jüdinnen und Juden ausschütten. Im Jüdischen Museum zu Wien habe er beispielsweise kürzlich einen Juden getroffen, berichtet er. Dieser habe ihm gesagt: „Die Menschenrechte existieren nur auf dem Papier, das kann man zerreißen.“ Auch im neu gegründeten „Palästina Gesprächskreis“ in Neustadt an der Aisch hätten sie nun „einen Juden dabei“. Einen Antisemiten habe der ihn aber genannt. „Ich bin das sicherlich nicht, ich habe mit 16 schon ein Konzentrationslager besucht“, erklärt sich Schmid.

Ein Konzept für eine friedliche Lösung im Nahen Osten präsentierte Schmid ebenfalls: Man solle wieder einen Staat Kanaan gründen, in dem Jüdinnen und Juden keine große Rolle spielen. Denn: „Die jüdische Geschichte ist – wenn man es mal weit sieht – eine relativ kurze. Lange vorher waren schon ganz andere Völker in Palästina und haben da gelebt. 2500 vor Christi schon“, gab Schmid zu bedenken. Zu diesem Zustand solle man wieder zurückfinden. „Die israelische Geschichte war nur eine Episode, eine relativ kurze sogar.“

Für den erklärten Nicht-Antisemiten Schmid ist die „Episode“ Israel offenbar schon so gut wie beendet. Für Norman Paech (Die Linke) ist der jüdische Staat noch existent – und genau das ist sein Problem: „Der Anspruch Israels aus der Religion heraus auf das eigene Land wird von niemanden akzeptiert, noch nicht einmal von allen, die der Religion angehören.“ Ein Israel als Heimstätte für alle, die aus antisemitischen Gründen verfolgt werden (könnten), ist mit Paech auch an diesem Abend eben nicht zu machen.

Die Deutschen und ihr israelischer Bengel
Clemens Ronnefeldt vom Versöhnungsbund hat ein Gleichnis aus Israel mitgebracht: Israel verhalte sich zuweilen wie „ein pubertierender Jugendlicher, dem niemand von außen eine Grenze setzt, weil er eine schwere Kindheit hatte“, zitiert Ronnefeldt nach allen Regeln der Küchenpsychologie. Jetzt müsse endlich ein „neues Element von außen“ kommen, so Ronnefeldt. Und das den Juden nicht ganz so neue Element – die Deutschen im Publikum – fühlte sich sogleich aufgerufen:

„Was können wir hier machen als Deutsche?“, frag einer hintersinnig aus dem Publikum. Sobald man sich „kritisch äußert“, werde nämlich sofort der Antisemitismus-Vorwurf erhoben. „Wir haben alle furchtbare Angst. Wir sagen lieber, wir schweigen“, sagt er und schwieg nicht. Und somit kommt die Israel-Boykott-Veranstaltung (BDS) mit Heiligenschein schlussendlich zum Punkt: „Wäre es nicht an der Zeit für einen Gesamt-Boykott aller israelischer Produkte“, fragt ein anderer Publikumsteilnehmer, „ohne Angst vor der Antisemitismus-Keule zu haben?“

Lügen Pax Christis
„Das ist eine BDS-Veranstaltung unter dem Deckmantel der Kirche!“, bemerkt eine der beiden Kritikerinnen im Saal scharfsinnig und laut. Martin Pilgram von Pax Christi München verbittet sich daraufhin, Pax Christi in „irgendeine Ecke“ zu stellen: „Wir sind nicht für einen Boykott“, betont er. „Aber wir sind dafür, dass wir klar definieren, welche Waren in Deutschland aus besetzten Gebieten kommen, wir darüber informieren und diese selbst nicht kaufen.“

Tatsächlich ist die Pax Christi-Kampagne „Besatzung schmeckt bitter“ faktisch ein wesentlicher Arm der BDS-Bewegung in Deutschland. Das Motto des Abends war kein anderes als Boykott, wie selbst die „Münchner Kirchennachrichten“ in ihrem Schlusssatz bemerkten:

„Für die rund 50 Gäste sowie die Veranstalter stand am Ende des Studientages aber fest, dass auch die übrige Welt einen Beitrag für den Frieden im Heiligen Land leisten müsse: Jeder einzelne könne heute schon Gemüse und Obst im Supermarkt liegen lassen, die Israel auf den besetzten Palästinenser-Gebieten anbaut und exportiert.“

Ausliegend am Abend: Propaganda-Material „Besatzung schmeckt bitter“ von Pax Christi

Christlich motivierter Antijudaismus, Antisemitismus und Antizionismus sind nach wie vor stark unterschätzte Probleme. Vor dem Hintergrund der deutschen Schuldabwehr und der „Wiedergutwerdung der Deutschen“ (Geisel) verschmilzt das Ganze zu einem unerträglichen Gebräu. Die Welt wäre um einiges bekömmlicher, würde es wenigstens stimmen, wenn diese Leute sagen: „Wir schweigen lieber.“ Sie schweigen aber nicht. Annähernd jede Woche findet in München eine Veranstaltung statt, wo sich diese und ähnliche Ekel über Israel, Jüdinnen und Juden auslassen können.

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Anstelle eines Nachrufs September 28, 2015 | 07:03 pm

“Peter Strutynski hat es wie kein anderer vermocht, einen  Brückenschlag herzustellen zwischen Friedensforschung und wissenschaftlicher Analyse einerseits und einem aktionsorientierten Herangehen zum Kampf für Frieden und Abrüstung andererseits.”  (Pressemitteilung Friedensratschlag 27.09.2015)

Foto_Strutynski
“Parteilichkeit [ist] zugleich ein bewußt angewandtes theoretisch-methodisches Prinzip, das den objektiven Wahrheitsgehalt, das kämpferische, revolutionäre Wesen und die konsequente offene Parteinahme des Marxismus-Leninismus für die Sache der Arbeiterklasse, den Sozialismus und Kommunismus, für den Fortschritt der Menschheit überhaupt deutlich macht.” (Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, 1972)

Finanziert wurde dieses theoretisch-methodische Prinzip für den Wahrheitsgehalt des Antizionismus und für den Volkstumskampf der Palästinenser und die konsequente offene Parteinahme für den Jihad, für den Fortschritt der atomaren Bewaffnung des Iran überhaupt aus den Steuermitteln der deutschen Bourgeoisie, bzw. dem Etat für Wissenschaft und Bildung der USrael-Kolonie Deutschland.

Friede seiner Asche

Anstelle eines Nachrufs September 28, 2015 | 07:03 pm

“Peter Strutynski hat es wie kein anderer vermocht, einen  Brückenschlag herzustellen zwischen Friedensforschung und wissenschaftlicher Analyse einerseits und einem aktionsorientierten Herangehen zum Kampf für Frieden und Abrüstung andererseits.”  (Pressemitteilung Friedensratschlag 27.09.2015)

Foto_Strutynski
“Parteilichkeit [ist] zugleich ein bewußt angewandtes theoretisch-methodisches Prinzip, das den objektiven Wahrheitsgehalt, das kämpferische, revolutionäre Wesen und die konsequente offene Parteinahme des Marxismus-Leninismus für die Sache der Arbeiterklasse, den Sozialismus und Kommunismus, für den Fortschritt der Menschheit überhaupt deutlich macht.” (Marxistisch-Leninistisches Wörterbuch der Philosophie, 1972)

Finanziert wurde dieses theoretisch-methodische Prinzip für den Wahrheitsgehalt des Antizionismus und für den Volkstumskampf der Palästinenser und die konsequente offene Parteinahme für den Jihad, für den Fortschritt der atomaren Bewaffnung des Iran überhaupt aus den Steuermitteln der deutschen Bourgeoisie, bzw. dem Etat für Wissenschaft und Bildung der USrael-Kolonie Deutschland.

Friede seiner Asche

Audio: „Das Volk will Frieden!“ Zur Kritik der Mahnwachen-Bewegung September 26, 2015 | 11:14 am

Vortrag von Laura-Luise Hammel

gehalten am 24. September 2015 in Stuttgart

[Eine umfassende Arbeit der Autorin ist HIER zu lesen]

Anfang 2014 sorgte auf deutschen Marktplätzen und Online-Plattformen eine neue Soziale Bewegung für Aufsehen. Mit dem Leitthema der Forderung nach „Frieden“ befasste sie sich mit politischen und wirtschaftlichen Krisen, der Rolle der Medien aber auch mit allerlei esoterischen Themen. Kritiker werfen der Mahnwachen-Bewegung Verschwörungsmythologie, Antisemitismus und die Bildung einer neurechten Querfront vor.

Wie entstand die Bewegung? Wer sind ihre Protagonisten, was treibt die Anhänger an und was ist dran an den Vorwürfen?

Die Referentin hat Politikwissenschaft, Geschichte und Kulturanthropologie in Mainz studiert. In ihrer Magisterarbeit untersuchte sie das Sagbarkeitsfeld der Bewegung der Mahnwachen auf verschwörungsmythologische Muster und Anknüpfungspunkte zu bekannten antisemitischen und antiamerikanischen Ressentiments.

Eine Veranstaltung von Contain’t und Emanzipation und Frieden

 

Interview mit Eike Geisel über drei Berliner Ausstellungen September 25, 2015 | 08:16 pm

»Die Dummköpfe haben sich verdoppelt in dieser Stadt durch die Wiedervereinigung.«
(Eike Geisel über Berlin)

Der Journalist und Essayist Eike Geisel (1945-1997) war ein herausragender Kritiker der deutschen Ideologie. Er war ein Kritiker deutscher Geschichtspolitik, auch in ihrer beredsamen Variante, und deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und denunzierte früh den Antisemitismus in der politischen Linken (auch in seiner philosemitischen Variante). Seine treffsicheren Polemiken sind auch dann heute noch lesenswert, wenn sie als Eingriffe in tagespolitische Debatten geschrieben waren. Auf archive.org findet sich ein Interview mit Eike Geisel, das Geert Lovink geführt hat. Darin spricht Geisel zum einen über die Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“, die 1991 im Berliner Gropius-Bau eröffnet worden war und deren Ausrichtung er scharf kritisiert hatte. Zum anderen spricht er über sein eigenes Buch „Im Scheunenviertel“ über das Berliner Scheunenviertel, das zwischen den beiden Weltkriegen ein Zuwanderungsort für osteuropäische Juden gewesen war, und über Geisels Ausstellung über den Jüdischen Kulturbund, auf dessen Geschichte er relativ ausführlich eingeht. Zuletzt spricht er über die damals eröffnete Gedenkstätte im Haus der Wannsee-Konferenz. Das Interview muss 1991 oder ’92 geführt worden sein – weitere Informationen über den Hintergrund des Gesprächs liegen mir leider nicht vor.

Bei Edition Tiamat ist in diesem Jahr unter dem Titel Die Wiedergutwerdung der Deutschen ein Buch erschienen, in dem zahlreiche Texte von Eike Geisel gesammelt sind. Darin ist auch der Text von 1992 in der konkret enthalten, in dem Geisel die Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“ kritisiert hat.

Im Dezember erscheint ein Film über Geisel. Ein Ausschnitt bzw. Teaser ist hier zu sehen. Der Macher des Films hat uns freundlicherweise eine besser klingende Fassung des Interviews bereitgestellt. Der AArchiv-Link und die Hörfassung unten sind aktualisiert worden (13.10.2015).

    Download: via AArchiv (mp3; 56 MB; 1:01 h, HQ) | via AArchiv (zip/mp3, einzelne tracks, 140 MB, Super Qualität) | via archive.org (verschiedene Formate, schlechte Klangqualität)
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Aufklärung als Naivitätsverlust September 24, 2015 | 11:01 pm

Henryk M. Broder als »mobiles Mahnmal« in der TV-Sendung »Entweder Broder«

Vor einigen Tagen hatte ich in einer nordrhein-westfälischen Ortschaft an der Sieg einen Vortrag zum Thema »Israel, die Palästinenser und das Wasser« zu halten (eine Zusammenfassung findet sich hier). Die Veranstaltung fand in einer kleinen Gedenkstätte statt, die an die während der Shoa ermordeten Juden aus der Region erinnert; das Publikum bestand aus etwa 35 Zuhörern, alle waren bürgerlich gekleidet und ganz überwiegend deutlich älter als ich. Was ich anzubieten hatte, war vor allem Empirie – abgesichert durch eine intensive Recherche und Gespräche mit Wissenschaftlern – sowie eine sich daraus ergebende Kritik. Das Problem dabei war: Die Ergebnisse widerlegen die verbreitete Annahme, dass die Israelis die Palästinenser an den Rand des Verdurstens bringen und im Übrigen die größten Wasserverschwender im Nahen Osten sind. Und das schmeckte einem Teil des Publikums überhaupt nicht.

Drei Männer Mitte fünfzig rissen die dem Vortrag folgende Diskussion vollständig an sich und legten, jeweils begleitet von reichlich Beifall, mächtig los. Der erste griff gleich frontal mit einem dröhnenden »Glaube keiner Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast« an, stellte also den Wahrheitsgehalt der präsentierten Zahlen und Fakten rundweg in Frage. Der zweite machte geltend, er habe bei seinen privaten Reisen ins Westjordanland »einen völlig anderen Eindruck gewonnen«, warf Israel vor, die palästinensischen Gebiete mit ungeklärtem Abwasser zu verseuchen, erging sich in einer Philippika über die israelische Siedlungspolitik und fragte mich, von welchen israelischen Diensten ich eigentlich bezahlt würde. Der dritte bezweifelte, dass es sich beim jüdischen Staat um eine Demokratie handelt, klagte über die angeblich allgegenwärtige »Antisemitismuskeule« und raunte, man müsse »endlich mal darüber sprechen, wer eigentlich die Massenmedien beherrscht, die zu den Verbrechen an den Palästinensern schweigen«. Keiner der anwesenden Besucher widersprach auch nur leise.

Die Stimmung war derart aggressiv, dass die Moderatorin der Veranstaltung – die sich nach Kräften bemüht hatte, die Redner einzubremsen – die Debatte, die keine war, schließlich abbrach. »Erleben Sie so etwas häufiger?«, fragte sie mich später, immer noch sichtlich verstört von den wütenden Wortbeiträgen, die allesamt als regelrechte Co-Referate vorgebracht worden waren. Mir blieb als Antwort nur: Ja, regelmäßig, vor allem bei den Themen Antisemitismus, Israel und Naher Osten. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob die Vorträge nun empirisch oder eher ideologiekritisch ausgerichtet sind und ob sie sachlich oder polemisch daherkommen – Israel ist und bleibt an allem schuld, da hilft weder Analyse noch Kritik. (Und dort, wo das Publikum ausnahmsweise überwiegend oder gar durchweg aus Zuhörern besteht, die dem jüdischen Staat wohlgesinnt sind, haben solche Vorträge zumeist viel von einem »Preaching to the Converted«.)

Wundern muss man sich darüber gleichwohl nicht. Denn bei »Israelkritikern« und anderen Antisemiten, die nicht so genannt werden wollen, ist die klassische Aufklärungsarbeit zum Scheitern verurteilt, weil es sich beim Antisemitismus um ein Ressentiment im Rang einer Weltanschauung handelt. Und Ressentiments lassen sich nicht aufklären, nicht mit Argumenten knacken. Wenn der »Israelkritiker« spürt, dass sein Weltbild infrage gestellt wird, und er sich mit der Empirie konfrontiert sieht, zieht er rasch seine Joker: Die Zahlen sind falsch! Die Medien lügen! Die Politik verheimlicht uns, wie es wirklich ist! Und überhaupt: Die Siedlungen! Die rechtsextreme israelische Regierung! Das Völkerrecht! Außerdem kann er jüdische Kronzeugen aufbieten, die zwar vollkommen randständige Gestalten sind, was ihn allerdings nur darin bestätigt, dass die Wahrheit mit Macht unterdrückt wird.

»Die Verhältnisse dementieren die Aufklärung«, schrieb der 1997 verstorbene Publizist Eike Geisel schon vor vielen Jahren, und an der Richtigkeit dieses Satzes hat sich bis heute nichts geändert. Die »Wiedergutwerdung der Deutschen« qua Selbstläuterung in Form der »Vergangenheitsbewältigung«, die Geisel noch als Prozess beobachtete, ist heute abgeschlossen, und wer sie weiterhin in kritischer Absicht thematisiert, gilt als weltfremder Nörgler. Die Shoa hat zum größten Holocaust-Mahnmal der Welt geführt, weshalb der Historiker Eberhard Jäckel auf einem »Bürgerfest« zum fünften Jahrestag der Einweihung dieses Monuments auch voller Stolz sagte: »In anderen Ländern beneiden manche die Deutschen um dieses Denkmal. Wir können wieder aufrecht gehen, weil wir aufrichtig bewahren. Das ist der Sinn des Denkmals, und das feiern wir.« Damit machte er so offenherzig wie nur wenige andere deutlich, worin der eigentliche Zweck der Stelen in der Mitte Berlins besteht: Die Deutschen haben nicht den ermordeten Juden, sondern sich selbst ein Denkmal gesetzt.*

»Erinnerung als höchste Form des Vergessens« also – auch das ein Verdikt von Eike Geisel. Der Holocaust wird in unzähligen Einrichtungen, Seminaren und Geschichtswerkstätten erforscht und hat noch mehr Wissenschaftler und andere Experten in Lohn und Brot gebracht. An jedem 27. Januar und 9. November gibt es landauf, landab Gedenkveranstaltungen, auf denen sich edle Seelen vor allem selbst inszenieren. Dass die Feindseligkeit gegenüber Israel gleichzeitig konsensstiftend ist, stellt dabei gerade keinen Widerspruch dar. Vielmehr sind die Seminarisierung der Shoa und die demonstrative Trauer um die toten Juden längst zur moralischen Selbstermächtigung geworden, um die in Israel lebenden (oder sich positiv auf den jüdischen Staat beziehenden) Juden als neue Täter ausfindig zu machen. Dass die eingangs erwähnten Wutbürger – die sich ganz sicher nicht als Nazis verstehen – nicht einmal in einer Gedenkstätte für ermordete Juden mit ihren Tiraden zögerten, ist nur eines von vielen Beispielen dafür, dass es diesbezüglich kaum noch Hemmungen gibt.

Wenn die Verhältnisse aber die Aufklärung dementieren, welchen Sinn hat sie dann noch – außer dem, diejenigen vor den Kopf zu stoßen, die vor den Kopf gestoßen gehören (und dazu zählen auch die Bedenkenträger, die »Ja, aber«-Sager und die Ausgewogenheitsapostel)? Selbst ein wohlgesinntes Publikum wird letztlich nur mit Argumenten munitioniert, um den gleichen vergeblichen Kampf in seinen eigenen Kreisen zu führen, die sich um sich selbst drehen – immer in der Illusion, vielleicht doch irgendjemanden und irgendetwas zu erreichen. Außerdem: Ist nicht längst alles gesagt? Oder kommt es zumindest auch darauf an, wie es gesagt wird: akademisch, diplomatisch, empirisch, polemisch? Hängt also die Erkenntnismöglichkeit mit der Form der Vermittlung zusammen?

Wenn ich mich selbst als Maßstab nehme, dann hat mich gerade die der Polemik innewohnende Wahrheit stets besonders angesprochen. Eike Geisel etwa war in seinen Texten meist nahe an der Empirie und spitzte die sich daraus ergebenden Konsequenzen eloquent zu. Inhaltliche Kompromisse waren ihm dabei so fremd wie die Befindlichkeiten seines Publikums. Es ging ihm um die radikale Kritik der Verhältnisse, dabei heischte er nicht nach Beifall und schielte nicht nach Mehrheiten. Ihm war es auch nicht um konstruktive Vor- oder Ratschläge zu tun, sondern um die Negation des Falschen als unabdingbare Voraussetzung dafür, etwas anderes und Besseres überhaupt denken zu können.

Gerade dieses Vor-den-Kopf-Stoßen ist es, was die Möglichkeit birgt, über die Erschütterung eine Erkenntnis in Gang zu setzen. In Bezug auf die »Israelkritik« bedeutet das, ihren antisemitischen Kern, der sich nicht zuletzt aus der Empirie ergibt, sichtbar zu machen. Denn es ist letztlich einigermaßen sinnlos, Argumente und Fakten zu präsentieren, ohne zu verdeutlichen, worin die ideologische Motivation der Israelfeinde besteht. Das Gerücht über die Juden und ihren Staat nur zu widerlegen, ohne es – aus welchen Gründen auch immer – als antisemitisch zu qualifizieren (wie es viel zu viele Israelfreunde tun), zieht das Problem auf die Ebene eines bloßen Streits über verschiedene Meinungen herunter und unterstellt lediglich eine Uninformiertheit, wo in Wahrheit das Ressentiment wütet. Damit wird einer indiskutablen Position der Rang der Diskussionswürdigkeit verliehen. Aufklärung aber, die nur dem Wissensfortschritt dient, nicht jedoch dem Naivitätsverlust (Horkheimer) und der Kritik des falschen Ganzen, ist tatsächlich vergebens.

* Diese Form der »Vergangenheitsbewältigung« hat Henryk M. Broder in seiner Rolle als »mobiles Mahnmal« (Foto oben) in »Entweder Broder« aufs Trefflichste zur Kenntlichkeit entstellt.


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Audio: Unverstandener Nationalsozialismus – Unverstandener Antisemitismus September 23, 2015 | 04:09 pm

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 17. September 2015 in München

In Deutschland pflegt man ein merkwürdiges Selbstbewusstsein, dem die von ihm verursachten Katastrophen erstaunlich wenig anhaben können. War es in der Nachkriegszeit die Überzeugung, das „Wirtschaftswunder“ sei „unserem Fleiß“ geschuldet, der „uns“ wohltuend von anderen abhebe, so nährt sich deutsche Selbstgewissheit in jüngster Zeit vor allem aus dem Stolz auf „unser Lernen aus der Geschichte“. Stolpersteine werden verlegt, „Nie wieder“-Schwüre sind zum festen Ritual geworden, ein Holocaust-Mahnmal wurde errichtet. Doch im Gewande der Demut kommt alte Überheblichkeit daher. Andere Völker würden uns um dieses Mahnmal beneiden, sprach ein führender Historiker und konnte sich des rauschenden Beifalls der wohlanständigen Mitte dieser Gesellschaft sicher sein.
Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich jedoch nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit will sich keiner von ihnen nennen lassen. Doch hinter dem verbreiteten „Man wird doch nochmal sagen dürfen“ verbirgt sich alter Antisemitismus in pflegeleichter Aufmachung: Niemand hat was gegen Juden, bewahre! Wir wollen doch alle nur Israel kritisieren.
Der Referent wirft einen Blick auf Nationalsozialismus und Antisemitismus jenseits des herrschenden Mainstreams und zieht unbequeme Schlüsse, die zur Diskussion einladen.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de; er ist Vorstandmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar

 

Mit Rechtspopulisten gegen Europa? September 19, 2015 | 03:53 pm

Sahra Wagenknecht und Oskar Lafontaine kann man mit Fug und Recht vorwerfen, der rechtspopulistischen SVP mittels ihrer Teilnahme an der Veranstaltung eine Art Legitimation für ihre politischen Positionen zu verleihen, da diese sich durch die Ankündigung einer kontroversen Diskussion mit „Andersdenkenden“ einen offenen und demokratischen Anschein geben kann. Es stellt sich darüber hinaus die Frage: wie rechtfertigt sich die Quasi-Wahlkampfunterstützung bei einer faktischen SVP-Veranstaltung für Linke in einer Zeit, in der Rassismus europaweit zunimmt, immer offener über die Schließung von Grenzen für Geflüchtete diskutiert wird, rechtspopulistische Tiraden verstärkt Einzug in den Diskurs halten? Wäre es nicht Aufgabe von Linken, solchen Entwicklungen entschiedene Kritik entgegen zu setzen, statt der schweizerischen Entsprechung der deutschen AfD mit der Teilnahme an hier thematisierter Veranstaltung zu öffentlichkeitswirksamer Propaganda zu verhelfen?

21-09-2015“Wenn die Luft oben dünn wird, brennt sie unten… September 19, 2015 | 08:56 am



21-09-2015

“Wenn die Luft oben dünn wird, brennt sie unten schon” - Eine Erinnerung zum fünften Todestag an Martin Büsser (* 12. Februar 1968; † 23. September 2010)