Martin, Brecht, die Indianer, Hühner KZs und Siedlerkinder* July 1, 2014 | 06:45 pm

Oh Lord, war das ein Tag gestern (30. 6.).

“Martin Heidegger hat kurzzeitig aus falscher Erwartung heraus mit dem Dritten Reich sympathisiert, seine Fehler dann aber korrigiert. Den Antisemitismus des Dritten Reichs hat er nie geteilt ” mit diesen Wort lud das Institut für Philosophie der Uni Kassel am 30 Juni zu einem Vortrag von Professor Silvio Vietta ein. Der laut Ankündigung zu den “profiliertesten Deutern” der Philosophie Heideggers gehörende Redner konnte den Freiburger Philosophen noch selbst kennenlernen und besitzt das kürzlich aufgetauchte “schwarze Heft” aus den Jahren 1945 und 1946.

Unser kleines, aber durchaus illustres Grüppchen vom Bündnis gegen Antisemitismus nahm sich die Freiheit um 18 Uhr in die Hochschule für bildende Künste hier in Kassel zu kommen.

Heidegger genießt via Foucault und dem ganzen Poststrukturalismus heuer hohes Ansehen, sein sehr deutsches Geraune und Gewabere inclusive der notorischen Neologismen hat die Unis in Frankreich, v.a. den USA und nun auch den geisteswissenschaftlichen Fachbereich in Kassel durchdrungen und dazu beigetragen, dass an den Geistes- bzw. Humanwissenschaften die Elemente „Geist“, „human“ und v.a. „Wissenschaft“ seit Dezennien getrost gestrichen werden können. Allerorten: irres, wahnhaftes, wolkiges und verblasenes Geschwätz rules ok. Und im Namen Heideggers lassen sich schon auch mal palästinensische Selbstmordattentate verklären. Gibt es alles bei Suhrkamp.

Was hatte Herr Vietta uns mitzuteilen?

Also: Word up!

Vietta – dessen Mutter eine Geliebte Heideggers war – fing launig an und gab Anekdötchen zum Besten. Der kleine Silvio war 10, spielte Ball, ein Pass zu Heidegger. Dieser schoss aufs Tor, “fast ein bisschen zu fest”, so Vietta. Lachen im Publikum. Ja, der Heidegger war natürlich ganz ein Mensch des späten 19. Jahrhunderts (the generation of 1880), katholisch geprägt, dann ist er aber wegen Herzschmerzen wieder raus aus der Scene … Und die Frauen, ja da hat er eine gehabt, war er verheiratet mit, hat aber natürlich mehr gebraucht, das brauchte der irgendwie zum Arbeiten, halt viele Beziehungen (u.a. zur Jüdin Arendt), die Frau hat derweil die Familie zusammen gehalten. Gutes Konzept. Über sowas hat der liebe Theweleit tausend Seiten geschrieben, die es in sich haben.

Ok, und Nazi war der nicht. Heidegger habe die Politik der Nationalsozialisten falsch eingeschätzt deswegen die überschwengliche Hoffnung auf einen Neubeginn der Abendländischen Kultur zwischen bolschewistischen und angelsächsischen Technik und -Machtwahn (brutalitas plus Technik) und sicher, da gibt es blöde Stellen in seinen Heften, auch habe er Kritik an Juden geübt, sie aber nicht als solche gemeint. Nur die Spekulanten und die in den herrschenden Kreisen überproportional vertretenen Juden, die habe er gemeint. … Aber diese ganze Nazi – Rassismus – Erbanlagen – Vernichtungsscheisse, nee, damit hat der nichts zu tun.

Eigentlich war der ja wie Brecht. In einer der blöden Stellen, da schreibt er nämlich, dass ihm die Bäuerlein in seinem lieben Todtnauberg berichten, wie die Juden die ganzen Rinder aufkaufen, und dann wird sich im Winter keiner mehr Fleisch leisten können. Dieser rechnende Geist, das hat der abgelehnt, das wird man ja noch schreiben dürfen – Und das hat der Brecht ja auch, da muss man nur mal die Heilige Johanna der Schlachthöfe lesen.

Heidegger wollte halt nur „ein Hirte des Seins“ sein, recht eigentlich einer der frühen Kritiker von Technik und Vermassung. Stell dir mal vor, Alter, was der zu Google gesagt hätte…

In der Diskussion wiesen eine Dame und ein junger Herr darauf hin, dass eine solche Haltung Heideggers recht eigentlich schlimmer wie die Totschlagmentalität eines schlichten SA – Manns sei.

Vietta wußte sich da nicht recht zu positionieren, redete sich sozusagen um Kopf und Kragen und entblödete sich zu meiner allergrößten Verblüffung nicht, folgende Einlassung zu tätigen: Die Holocaust – Debatte, das ist ja schon bisschen seltsam, wie die in Deutschland geführt wird, immer der Blick auf die Einzigartigkeit, dabei gäbe es doch überall schlimme Sachen … In den USA gäbe es z.B. Menschen, die die Vernichtung der Indianer durch ihre Vorfahren auch als Holocaust bezeichnen, dito manche auch die Massentierhaltung und –Schlachtung.

Irgendwie war es langsam an der Zeit für ein klärendes Wort von Homer Simpson, aber der war nicht da.

Schluss mit lustig, es war zum Verzweifeln. Ein kaum unterbietbares Niveau. Und das im Rahmen einer Lehrveranstaltung an einer Uni, die als sie noch Gesamthochschule hieß, durchaus Bahnbrechendes und Wegweisendes zur NS – Zeit erarbeitet hat.

Einziger Lichtblick – die Anwesenheit einer Handvoll Zuhörer, die kundige, kluge, informierte Statements abgaben, darunter ein Philosophiestudent, der mit ein paar ausgewählten Zitaten und in zehn Sätzen alles, aber auch wirklich alles sagte, was zu Heidegger und Antisemitismus zu sagen ist. Wer in Kenntnis dieser Zitate noch behaupte Heidegger sei kein Antisemit gewesen, müsse verrückt sein, so der Diskutant. Der Gunter Hagen Lookalike fing an zu stammeln. Im Publikum wurde es daraufhin laut, Unmutsäußerungen wurden in den Raum gerufen. Die veranstaltende Professorin Karin Joisten beendete wenig später die Diskussion.

Ich verließ die Veranstaltung und begann mich schon klammheimlich auf das Fußballspiel zu freuen, natürlich in der Hoffnung, dass die Algerier jetzt mal Schluss mit dem Merkel – Fußball machen würden.

Draußen vor dem Gebäude erfuhr ich die schreckliche Wahrheit, die drei israelischen Jungs waren ermordet worden, ihre Leichen waren gefunden worden.

Und plötzlich war die Welt eine andere.

Also doch. 18 Tage gebangt. Und jetzt verscharrt auf offenem Feld. Die „Siedlerkinder“, wie so schön die Kotz-Zeit titelte.

Hey Martin, dort am Feldrain in der Bauernjacke, erkennst Du die heutigen Zeiten? Ain’t no change. Sie schlagen noch immer Juden tot, und die beherrschen noch immer das Business…

Und dann hat doch wieder Deutschland gesiegt…

Oh Mann, was für ein Abend…

*Jürgen Petzoldt (mit ein paar Ergänzungen von T.K.)

Der Fall Manuel F. July 1, 2014 | 12:27 am

Eine Nacherzählung ohne Anspruch auf Faktizität und Vollständigkeit über den 28. Juni 2013:

In Berlin steht ein offensichtlich verwirrter Mensch (leicht/un-bekleidet und mit einem Messer in der Hand) vor dem Roten Rathaus im Neptunbrunnen. Als die Polizei eintrifft soll er im Wasser liegen, welches bereits etwas blutig ist – der Mann hat sich selbst verletzt. Die Beamten sehen (vielleicht ist der prominente touristische Ort unweit des Fernsehturms von Bedeutung) unmittelbaren Handlungsbedarf, obwohl in dem Augenblick Leib und Leben keiner weiteren Person bedroht ist.

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Ein Polizist übersteigt den Brunnenrand, versucht mit Manuel F. zu sprechen, der reagiert nicht. Der Uniformierte steigt wieder aus dem Brunnen. Mit gezogener Pistole macht sich ein anderer Beamter die Füße nass, stellt sich zu Manuel F. ins Wasser, geht auf den Verwirrten zu, fordert diesen auf sein Messer niederzulegen. Dieser reagiert, sieht sich vermutlich seinerseits durch die auf sich gerichtete Waffe bedroht, handelt irrational und geht auf den Beamten zu – welcher zurückweicht.

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Ein Schuss kracht (anfängliche Berichte sprachen zunächst davon einer der sieben anwesenden außerhalb des Brunnens stehenden Polizisten habe geschossen…). Manuel F. fällt nicht gleich um, so Augenzeugen (acht Sekunden soll er senkrecht gestanden haben), dann fällt er ins Wasser – getroffen in die linke Brust. Er verliert das Bewusstsein, spätere Wiederbelebungsversuche im herbeigeeilten Krankenwagen sind erfolglos. Wegen der Kugel aus der Polizeiwaffe starb Manuel F., stellt das Obduktionsgutachten danach fest.

Über den Tod im Neptunbrunnen wurde in Berlin schnell Unverständnis geäußert:

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Das Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft gegen den Beamten, welcher den tödlichen Schuss abgab, wurde nach 56 Tagen eingestellt – der Verdacht, dieser habe nicht in Notwehr gehandelt, konnte nicht erhärtet werden (Zeit.de). 40cm Brunnenrand sind also nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft Berlin für Polizisten ein unüberwindliches Hindernis. Warum stieg überhaupt ein Polizist in den Brunnen (indem sich sonst niemand aufhielt als der Verwirrte), wenn der Sprecher der Berliner Polizei meint:

In der Ausbildung lernen die Beamten, dass man sich Personen mit langen Messern nicht nähern soll. Eine Distanz muss hergestellt werden. (via)

Der fehlende Warnschuss wird da zur Nebensache (weil er auch eher Anwendung findet wenn Jemand flüchtet). Jedoch blieben und bleiben bis heute Fragen offen nach der Legitimität des Schusswaffengebrauch überhaupt (siehe Artikel Bettina Hammer bei Heise) und nach der Qualität der Schulung der Bereitschaftspolizisten. Wenn die Pistole zum Einsatz kommt, dann wäre etwa im Fall von Manuel F. gezielt nichtletaler Einsatz sinnvoller gewesen, als den Menschen aus dem Leben zu reißen (was für ein Leben dieser auch immer gehabt hat & auch wenn der Polizeisprecher meinte in den Fuß schießen hätte nichts gebracht). Der Vorfall hat wenig dazu beigetragen in die Zielsicherheit der Beamten zu vertrauen. Die Polizei versuchte noch vor Ort die Berichterstattung über ihr Verhalten zu verhindern, indem anwesende Augenzeugen ihre Video-Telefone und Fotoapparate abgeben mussten… Ein Grund mehr an das Ereignis vor einem Jahr zu erinnern.tod-am-neptunbrunnen

(src)

In den USA gab es 2009 einen ähnlich Vorfall was die Linsendichte angeht- ein Polizist erschoss dort vor diversen laufenden Handy- und Überwachungskameras Oscar Grant. Der Fall sorgte wegen seiner Eigenheiten in Folge für mehr Unmut als der Tod von Manuel F.  in Berlin. Am Ende steht dann eine monatlich aktualisierte Liste mit Toten auf dem Konto der amerikanischen Polizei. Oder eben zählbar vielen Opfern der deutschen Polizeigewalt (& sei diese auch rassistisch motiviert & die Liste lückenhaft).


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Zerstörer aus Berufung, Sadist reinen Herzens, ist der Antisemit in der Tiefe seines Herzens ein Verbrecher. Was er wünscht, was er vorbereitet, ist der Tod des Juden. (J.-P. Sartre) June 30, 2014 | 10:28 pm

Egal wer’s letztendlich war: Sie hatten keine Chance und fielen einem oder mehreren Mörder/n zum Opfer, der oder die sie umbrachte/n, weil sie Juden waren. Die, die von “verschollenen Siedlerkindern” schreiben und damit zu erkennen geben, dass der Mord an den Jungs vielleicht Folge eines, von ihnen seit je kritisierten, Zusammenhanges sei und also letztlich von den Eltern (den “Siedlern”) zu verantworten sei, sind nicht nur pietätlos, sondern nehmen klammheimliche Partei für diejenigen, die es auf den Mord ankommen lassen.

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Eyal, Gilad und Naftali wurden ermordet

Die, die vor einer Eskalation warnten und damit die Israelis und nicht die Entführer meinten sind nicht besser, weil sie genau das verurteilenswert finden, was den oben genannten angesichts der Nachricht über den Tod der drei Jungens in der zweiten Zeile einfällt, nämlich “das Israel während der Suche nach den Jugendlichen zahlreiche Hamas-Stellungen angegriffen hat”. Diese Zeile ist mittlerweile abgeändert worden. Die Änderung macht das Ganze aber nicht besser. Dem in Deutschland sehr beliebten Außenminister fällt angesichts der Todesnachricht ein, Israel zu einer Wiederaufnahme der Friedensgespräche mit den Palästinensern aufzufordern.

Fotos aus Kreuzberg June 29, 2014 | 11:55 am

Anne Lüth hat Fotos von den Aktivitäten rund um die von Flüchtlingen besetzte Schule gemacht, die noch immer von Polizei und Grünen terrorisiert wird.

Vortrag mit Stephan Grigat am 18. Juli in Berlin: Die Kritik des Antisemitismus und ihre Bedeutung im Umgang mit dem iranischen Regime June 29, 2014 | 10:16 am

Was heißt der kategorische Imperativ Theodor W. Adornos, dass es darum geht, „im Stande der Unfreiheit“ alles „Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe“? Warum haben gerade so viele Linke Probleme, die Bedrohung des jüdischen Staates eindeutig zu benennen und sich explizit gegen das iranische Regime und seine Verbündeten zu positionieren? Was bedeuten die Gefahren, die von Ajatollahs und Revolutionswächtern im Iran ausgehen, für eine grundsätzliche Kritik an Staat und Kapital, an Nation und Politik?

Wieder gelesen: Die satanischen Verse June 29, 2014 | 08:19 am

Was bleibt vom Roman hinter Fatwa, Verfolgung und Hype? Vor dem Wiederlesen von Rushdies Die satanischen Verse beschleicht mich eine gewisse Unsicherheit, wie bei noch einigen anderen Texten, die man einst einerseits wegen ihrer ungewöhnlichen, ein konservatives Verständnis von Literatur provozierenden Struktur, andererseits in erster Linie aber doch wegen der augenscheinlich darin vertretenen Positionen, denen […]

Antisemitismus? Ach woher dann! „Meine besten Studenten sind Juden.“ June 28, 2014 | 08:36 pm

Der Faschismus war nicht bloß die Verschwörung, die er auch war, sondern entsprang in einer mächtigen gesellschaftlichen Entwicklungstendenz. Die Sprache (Heideggers; bga) gewährt ihm Asyl; in ihr äußert das fortschwelende Unheil sich so, als wäre es das Heil. (T.W. Adorno)

Die HNA druckt am 28. Juni 2014 ein Interview mit dem Sprecher des Heims des faschistischen Asyls Silvio Vietta. Vietta wird am Montag Kassel mit seiner Anwesenheit beehren, um gegen die Lügen des “rechnenden Denkens” vorzugehen: Heidegger der deutscheste aller Philosophen soll Antisemit gewesen sein? Nein! Vietta begegnet dieser These mit einer der vielen Variationen des Stehsatzes derer, die selber solche sind. Ich ein Antisemit? Nein, einer meiner besten Freunde ist Jude!

Vietta gibt weiter Auskunft: Heidegger habe lediglich die Rolle von einigen Juden bei Spekulationsgeschäften „kritisch gesehen“, ebenso habe Heidegger die Dominanz des „rechnenden Denkens bei einigen Juden kritisiert.“ Das alles sei aber kein Antisemitismus, sondern „Zivilisationskritik“. Wie der Antisemitismusleugner Diether Dehm ist Vietta offensichtlich der Auffassung, nur der, der Juden krumme Nasen, dicke Bäuche und rachitische Beine andichtet oder nur der, der Juden tausendfach ermordet sei Antisemit, alles andere sei legitime Israel- äh, Judenkritik.

Was von Heidegger denn bleibe, fragt der investigative Provinzjournalist Matthias Lohr. Heidegger war einer der ersten „Globalisierungskritiker“, so Vietta abschließend, er sei für eine “Verankerung des Menschen in einer einfacheren Lebensform statt in einer entwurzelten Moderne.“ So bringt Vietta das völkische Denken Heideggers auf den Punkt. Dem Interviewer fällt nichts auf, ihm ist es wichtig dem Zögling Heideggers zu entlocken, Heidegger sei ein freundlicher Mensch gewesen, mit dem man spazieren gehen und essen konnte. Das konnten die stets freundlich grüßenden und immer pünktlich essenden deutschen Volksgenossen auch, die bei der tapferen Verteidigung ihres verwurzelten Seins gegen die abendländische Rationalität in alle Welt spazieren gingen und wie ihr Philosoph mit leuchtenden Augen dabei visionär in die Ferne sahen und die von ihnen produzierten Leichenberge nie gesehen haben wollten.

Vor ein paar Tagen attackierten die freundlichen Freunde einfacher Lebensformen einen 86-jährigen Mann, der sich in Hamburg mit den entführten israelischen Jungens solidarisch erklären wollte und verletzten in so, dass er mehrere Tage ins Krankenhaus musste. Die Globalisierungsgegner von Attac erklärten überraschungsfrei: “die sich spontan zusammenrottenden Volksgenossen hätten nur gegen die Anmaßung frecher Israelis demonstrieren wollen, dabei habe sich ein uneinsichtiger Judenknecht leider selbst verletzt. Diesem Volkszorn hätten sich sogar Israelis angeschlossen.”*

Der Antisemitismusleugner Vietta spricht am Montag, den 30. Juni 2014 um 18.00 Uhr in der Kunsthochschule Kassels (Menzelstraße 15, Raum 3140).

Eine Kritik zur Rezeption der sogenannten Schwarzen Hefte Heideggers ist hier nachzulesen: Alex Gruber und Gerhard Scheit, Die Schocktherapie; Micha Brumlik, Sprung in die Irre; Timotheus Schneidegger, Was vom gekränkten Nationalontologen bleibt.

Die Kasseler Professorin Karen Joisten, die Heidegger eingeladen hat, avancierte mit diesem Buch: “Philosophie der Heimat – Heimat der Philosophie”. In der FAZ wurde hierzu das nötige geschrieben: Der olle Bollnow hat ihr den Kopf verdreht.

* Das Zitat ist frei erfuden, jede Ähnlichkeit mit aktuellen Erklärungen ist zufällig aber beabsichtigt.

Das Flugblatt, dass wir am Abend verteilten: Die Kasseler Hochschule: Bühne eines Antisemitismusleugers?

Dem kleinen Hans sein Wiwimacher June 28, 2014 | 06:08 pm

Mit Graus stellen sich Eltern aller Länder immer wieder die Frage: wie umgehen mit infantiler Sexualität? Eine kleine Suche nach Antworten.

abSeit den Kontroversen um die Sexualtheorie Sigmund Freuds stößt die Annahme einer infantilen Sexualität auf Widerstand. Unabhängig von Bildung, ideologischem Hintergrund oder dem eigenen Kontakt zu Kindern findet sich auch heute noch ein gesellschaftsübergreifendes Spektrum, dass ein Jahrhundert nach dem Erscheinen der Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie1 vehement daran festhält, dass Kinder asexuelle Wesen seien. Kindliche Selbstbefriedigung wird zur juckenden Pilzinfektion verklärt, das sichtliche Interesse an Geschlechtsorganen anderer auf Missbrauchserfahrungen zurückgeführt oder das lustvolle Saugen an der Brust mit dem letzten zuckerhaltigen Mahl der Mutter begründet. Das Kind ist nach wie vor idealisiertes Objekt für die Wünsche und Ziele Erwachsener, die in ihm nahezu ausschließlich das Eigene wiederzuerkennen meinen. Sexuelle Regungen stören hier und laufen der propagierten Reinheit des Kindes zuwider. Es ist daher nicht sehr überraschend, dass noch immer allein der Begriff Pädophilie ausreicht, um eine Flut an Mordfantasien loszutreten und Kinder sich in der Werbebranche ungebrochener Beliebtheit erfreuen. Da die süßen Kleinen vor allem mit den Projektionen der Erwachsenen ausgestattet sind, stößt die empathische Besetzung kaum an Grenzen und wendet sich gegen all jenes, welches das idealisierte Bild der kindlichen Unschuld in Frage stellt.

Die infantile Sexualität bleibt derlei Idealisierungen und Verklärungen aber entgegengesetzt. Sie erschüttert und verunsichert nicht bloß Generationen von Kindergärtnerinnen, sondern lässt auch bei deren Dienstgeber, dem subjektverwaltenden Staat die Alarmglocken klingen. Denn wo sich die Triebstrebungen der Erwachsenen leicht durch deren psychologische Befindlichkeit, Hobbys und Spektakel kompensieren lassen, muss das Kind erst noch von den individualisierenden Elementen der Triebstrebungen befreit werden, die das Subjekt im Sinne seiner ökonomischen Verwertbarkeit gefährden.

Die infantile Sexualität wird spätestens mit der analen Phase2 kindlicher Entwicklung als unmittelbare Konkurrenz der elterlichen und gesellschaftlichen Wünsche erkannt, da sich in ihr zum ersten Mal die individuellen Regungen des Kindes bemerkbar machen. Sie agiert durch ihr Wesen gegen die narzisstischen Bedürfnisse der Eltern und die gesellschaftlichen Anforderungen an ein formbares Subjekt. Die Strafe der Eltern, die gegen die sexuellen Handlungen und Interessen des Kindes gesetzt wird, richtet sich daher nur zum Teil gegen die Unsittlichkeit, sondern vorrangig gegen den Willen des Kindes, der den Ansprüchen von Eltern und Gesellschaft zuwider läuft. Nicht einzig die Tat wird geahndet, vielmehr soll das Kind sein, was man sich von ihm erhofft und die Last weitertragen, die man täglich auf den eigenen Schultern perpetuiert. Diese Last, würde sie nicht vom eigenen Nachwuchs weitergetragen werden, würde in ihrer ganzen Sinnlosigkeit über den Menschen zusammenstürzen.Da die eigenen Wünsche enttäuscht wurden und die eigene Zukunft nur mehr als stumpfe Reproduktion der zurückliegenden Jahre wahrgenommen wird, soll das Kind das antizipierte Ideal sein, welchem aber doch nicht mehr Raum geboten wird, als bloß Wiederkehr der Eltern zu sein. Diesem Anspruch ist es geschuldet, dass sich die Erziehung durch Eltern und Gesellschaft gegen die Triebstrebungen des Kindes richtet. Diese sind für die Gesellschaft nur bedingt tragbar und müssen daher – insbesondere in ihrem individuellen Streben – unterdrückt werden. Die Unterdrückung der Triebe aber führt nicht zu ihrer Auflösung. Vielmehr sickern sie ins Unbewusste und harren dort einer Gelegenheit, zurück zur Oberfläche des Bewusstseins drängen zu können. Sie kehren aber zumeist nicht in jener Form wieder, in der sie einst auftraten, sondern betreten als pathologische Kompensation erneut das Licht der Welt. Die Triebunterdrückung unter den Vorzeichen von elterlichem Narzissmus und gesellschaftlicher Konformität bringt psychisch gebrochene Wesen hervor.

cdAnders verhält es sich, wenn das Kind durch die erfolgte Triebversagung lernt seine „Triebziele solcherart zu verlegen, daß sie von der Versagung der Außenwelt nicht getroffen werden können. Die Sublimierung der Triebe leiht dazu ihre Hilfe.“3 Sie löst die Triebspannungen durch den individuellen Lustgewinn aus intellektuellen, künstlerischen oder psychischen Quellen. Die Sublimierung setzt statt des antisozialen Moments des Triebes gesellschaftstaugliche und zugleich individuelle Lustquellen. Durch sie lernt der Mensch, dass er weder der Natur noch der Gesellschaft ausgeliefert ist, sondern diese nach seinem Willen und zur eigenen Genese umformen kann.
Eine Assoziation von Menschen, die mehr als eine barbarische Horde sein will, setzt eine Unterdrückung der sexuellen Triebstrebungen des Kindes voraus. Nicht weil es moralisch verwerflich ist, dass auch das Kleinkind bereits sexuelle Lust empfinden kann, sondern weil erst durch die Negation die Fähigkeit zur Sublimierung geformt wird. Um zu begreifen, dass die eigene Triebbefriedigung nicht alles ist und dem eigenen Streben Grenzen gesetzt sind, bedarf es der äußeren Autorität. Nur durch die Triebunterdrückung, die im „Untergang des Ödipuskomplexes“4 ihren Höhepunkt findet, kann das Individuum der Versuchung des Unmittelbaren Herr werden und sich gegen das regressive Moment der Triebe behaupten. Erst wenn man erlernt hat, die sexuellen Triebziele der frühen Kindheit zu zügeln und abzulenken, kann man neue Ziele, die jenseits der eigenen Erlebniswelt liegen, erschließen. Die Erziehung kann den narzisstischen wie autoerotischen Kosmos des Kindes durchbrechen und so den Grundstein eines Individuums legen, das sich nicht einzig ohnmächtig gegen die Welt zu behaupten sucht, sondern in und mit ihr wachsen kann. Die Repression gegen die infantile Sexualität muss im Sinne des werdenden Individuums sein und nicht einzig im Sinne der Gesellschaft, die ihre Resignation schon den Kleinsten angedeihen lassen will.

Erschienen in der aktuellen Ausgabe der Unique.

  1. Freud, Sigmund: Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie. Studienausgabe V. S. Fischer. FFM. 1972[back]
  2. Der kindliche Wille zeigt sich im Kontext der analen Phase z.B. bei dem zurückhalten und preisgeben von Kot, der den Eltern entweder zum Geschenkt gemacht oder vorenthalten werden kann. Das Kind setzt hier willentlich eine Handlung bzw. ihr Ausbleiben und erfährt sich so als autonomes Wesen. (vgl. z.B.: Freud, Die Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie, S.93)[back]
  3. Freud, Sigmund: Das Unbehagen in der Kultur. Studienausgabe IX. S. Fischer. FFM. 1974, S.211[back]
  4. Freud meint hier die „positive Auflösung“ des Ödipuskomplexes. Der Sohn/die Tochter erkennt, dass das gegengeschlechtliche Elternteil nicht als Liebesobjekt verfügbar ist und identifiziert sich mit dem gleichgeschlechtlichen Elternteil. (vgl. Freud, Sigmund: Der Untergang des Ödipuskomplexes. Studienausgabe V. S. Fischer. FFM. 1972, S.243)[back]


Aufruf und Motto online June 28, 2014 | 11:44 am

Die diesjährigen Proteste gegen den antisemitischen „AlQuds“-Marsch stehen unter dem Motto „Kein Al Quds-Tag 2014! Gemeinsam gegen den größten antisemitischen Aufmarsch Deutschlands!“. Auch der Aufruf ist nun online. Er kann hier in deutsch und englisch nachgelesen werden. In ihm heißt es: Wir treten entschieden gegen Antisemitismus ein. Deswegen wollen wir auch nicht zulassen, dass am 26. [...]

Happy Tau Day oder warum das amerikanische Datumsformat lustig sein kann June 28, 2014 | 10:43 am

Heute ist der 28. Juni 2014, ein Tag, an dem jedes Jahr die Zahl Tau gefeiert wird, die vielleicht wichtigste Zahl der Mathematik. Sie ergibt sich, wenn man den Umfang eines Kreises durch den Radius teil:

6,283185307179586…

(An dieser Stelle werden einige interessierter Leser stutzen und sagen, Moment, war das nicht Umfang zu Durchmesser, genannt Pi? Diese armen Leute sind noch Opfer der Propaganda des mathematisch-industriellen Komplexes, der seine weltumspannende Macht dazu missbraucht, Bildungspolitiker bis in die höchsten Ebenen des Staates zu manipulieren und wehrlose Schulkinder mit ihrem (Hust) irrationalen Glauben zu quälen. Tau ist die bessere Kreiszahl, wie das Tau Manifesto lehrt.)

Wie kommt man auf den 28. Juni? Bekanntlich haben die Amerikaner die Neigung, beim Datum den Monat voranzustellen, also 6/28/2014 statt 28.6.2014. Wer sich in beiden Kulturen bewegt, kann von Glück sagen, wenn er am — sagen wir Mal – 31. Januar Geburtstag hat, denn da gibt es wenigstens wenig Verwechslungsgefahr. Wer dagegen am 6. Oktober geboren wurde, muss ständig aufpassen. Dieser Autor geht davon aus, dass die NSA eine ganze Abteilung damit beschäftigt, solche Dreher abzufangen.

Tau Day zeigt uns, warum das Format wenigstens ein Gutes hat: Man kann damit Jahrestage etwas leichter definieren. 6,28318… wird zu 6/28, und Pi Day Half Tau Day — 3,14159… — zu 3/14, also zum 14. März. Theoretisch könnte man natürlich auch den 6. Februar zum Tau Day und den 3. Januar zum Half Tau Day erklären. Aber mit drei Stellen ist das Ganze etwas prägnanter.

Jetzt muss man sich nur noch fragen, was der wichtigere Feiertag ist, Tau Day oder Star Wars Day am 4. Mai, an dem alle sagen: May the Fourth be with you.


30-06-2014Ein ganzes Land in Schwarz-Rot-Gold: Dagmar Schediwy… June 28, 2014 | 10:14 am



30-06-2014
Ein ganzes Land in Schwarz-Rot-Gold: Dagmar Schediwy mit einer sozialpsychologischen Erklärung/ Ulrike Heider über ihr Buch “Vögeln ist schön”.

Kampagne “You can’t beat me” June 27, 2014 | 09:42 pm

Für die Spielerinnen des Vereins aus Halabja ist klar: Der Kampf um den Ball und der Kampf für die Rechte von Mädchen und Kindern gehören zusammen. Häusliche Gewalt, Zwangsehen und Ehrtötungen von Mädchen sind in der gesamten kurdischen Gesellschaft verbreitet.

Deshalb unterstützen die Spielerinnen des Mädchen Fußball Clubs Halabja eine Aufklärungskampagne, die unter dem Slogan „You can’t beat me“ für Mädchenrechte und den Schutz vor Gewalt und Ausbeutung wirbt. Dies war ein Wunsch der Mädchen und auch ihre Familien unterstützen sie dabei. Mit ihrem öffentlichen Auftreten für ihren Sport und die Rechte von Mädchen sind sie ein Vorbild für viele andere in der Region.

Viele Mädchen in Irakisch-Kurdistan möchten Fußball spielen. Doch die Möglichkeiten sind begrenzt. In nur wenigen Orten haben sich bislang Sportclubs für Mädchen gegründet. Es fehlt an Knowhow, an Plätzen, an Unterstützung. Eine reguläre Liga existiert nicht. WADI fördert die Bemühungen von Mädchen, Vereine zu gründen und setzt sich dafür ein, dass eine regionale Mädchenfußball-Liga entsteht. Unterstützen Sie die Kampagne und fördern auch Sie Sportprojekte mit Mädchen.

Den ganzen Beitrag lesen

 

Gründungstreffen der BAK Shalom AG – nrw June 27, 2014 | 08:23 pm

Darauf haben alle nur gewartet: Der BAK Shalom ist nun endlich auch in NRW vertreten! Wir laden euch hiermit ein zum Gründungstreffen in den Räumlichkeiten des AStA der Bergischen Universität Wuppertal.

Lieblingsfeinde June 27, 2014 | 05:00 pm

Oliver M. Piecha über das Verhältnis von Assad zu Isis:

Wenn Isis derzeit einen wirklichen Verbündeten im Nahen Osten hat, mit dem die Jihadisten zwar nicht ihre abstruse Ideologie, aber sehr viele ­Interessen teilen, dann ist es das Assad-Regime. Um diese Feststellung zu treffen, muss man sich keineswegs in den Abgrund nahöstlicher Verschwörungstheorien begeben – obwohl das im Hinblick auf die Verbindungen zwischen Jihadisten und dem Assad-Regime so einige interessante Anekdoten zutage fördern würde. Es genügt, sich an die offensichtlichen militärischen und machtpolitischen Auswirkungen des Einflussgewinns von Isis zu halten: So haben alleine die Gefechte zwischen Isis und den anderen syrischen Aufständischen in den vergangenen Monaten vermutlich bis zu 6?000 Kämpfern das Leben gekostet. Von solchen Erfolgen beim Kampf gegen ihren Feind kann die syrische Armee nur träumen. Und während das Regime in Damaskus gezielt auf Wohngebiete, Rebellenposten und improvisierte Krankenhäuser Bomben wirft, ignoriert es die markant mit schwarzen Fahnen de­korierten Stützpunkte von Isis. Dass nun die syrische Luftwaffe im Zuge der Isis-Offensive im Irak tatsächlich auch einmal Bomben auf Isis hat fallen lassen, war vermutlich nur ein Mediencoup. Man profitiert einfach zu gut voneinander. Jüngst bekannt gewordene interne Dokumente von Isis lassen den Schluss zu, dass man sogar miteinander Geschäfte macht: Isis soll eine Ölquelle, die er von anderen Aufständischen erobert hatte, gewinnbringend an das Regime zurückverkauft haben.

Kafranbel zur WM June 27, 2014 | 12:47 pm

Neues Video von Brody Dalle "Don’t Mess With Me" June 26, 2014 | 08:51 pm


Brody Dalle - Don't Mess With Me from Mario Schoelcke on Vimeo.

Kreuzberg: Mein Besuch im veganen Sexshop June 26, 2014 | 07:09 pm

Veganes Gleitgel, Peitschen und mehr. credit: othernature


Den queer-feministisch-veganen Sexshop Other Nature gibt es bereits seit 2011. Ich habe mich dort mal umgeschaut, mit der äußerst netten Inhaberin Sara gesprochen und Dildos angefasst.
Hier gehts zum Bericht:
Vegane Kondome und Peitschen aus Fahrradschläuchen

Achja, ich twittere jetzt auch, und zwar hier: https://twitter.com/coryplag

Normalisierung June 25, 2014 | 12:04 pm

Kurdistan Democratic Party (KDP) and the Syrian Democratic Union Party (PYD) have met in the Turkish capital of Ankara to engage in discussions regarding the future of Syrian Kurdistan.

BasNews has learned that that both the KDP and PYD delegates in Turkey have agreed to stop attacking each other over the press, and have resolved to work together to clear problems on the border between Iraqi-Syrian Kurdistan.

Also both delegations have agreed to normalize the situation in Syrian Kurdistan so that every Kurdish party and organization can work and be active in that area of the autonomous region.

Quelle

Robert Heinlein & Die Katze, die nach Nirgendwo geht… June 25, 2014 | 08:16 am

Anmerkung zu Texten, die mit der Viele-Welten-Theorie operieren „Es begann damit, dass ein Mann an meinem Tisch ermordet wurde, wie in einem schlechten Roman. Es führte dazu, dass ich wenig später von einer Frau vergewaltigt wurde, die zweihundert Jahre älter war als ich und darauf bestand, mich zu heiraten. Und beide wurden wir dann von […]

Jutta Ditfurth: „Ich habe freie Auswahl unter allen Todesarten“ June 23, 2014 | 09:00 pm

„Braune Esoterik“ füllt nicht nur zunehmend Bücherregale und Web-Müllhalden, sondern zeigt sich verschärft auch auf öffentlichen Plätzen. Eine Phalanx aus Spinnern, Reichsbürgern und Verschwörungstheoretikern trifft sich seit einigen Monaten regelmäßig am Montag zur Kundgebung in München und anderswo. In ihren Reihen: Neonazis.

Jutta Ditfurth kritisierte schon die Vorläufer dieser Bewegung. Zunehmend gerät die Sozialwissenschaftlerin jetzt ins Fadenkreuz von Kommentarspalten-Randaliereren. Jürgen Elsässer (COMPACT) strebte als Stichwortgeber der aktuellen Kleinsterhebung eine Unterlassungsklage an, nachdem Ditfurth ihn einen „glühenden Antisemiten“ genannt hat. Beim Prozess in München wird es wieder einmal darum gehen, ob ein Antisemit auch als ein solcher bezeichnet werden kann, ohne richterliche Sanktionen fürchten zu müssen. Ein Interview von Schlamassel Muc.

Frau Ditfurth, wie sind Ihre Erwartungen und Einschätzungen hinsichtlich des anstehenden Prozesses?

Sehr optimistisch. Je mehr Quellen ich recherchiere, desto weniger kann ich fassen, dass Elsässer so dumm war, mich zu verklagen. Seine Einstellung gegen Juden wird so mehr Aufmerksamkeit bekommen, als sie es sonst erhalten hätte. Er hätte einmal andere fragen sollen, die vergeblich gegen mich geklagt hatten: den Chemiekonzern Hoechst AG, diverse Institutionen der Polizei, den evangelikalen baden-württembergischen organisierten Abtreibungstreibungsgegner Siegfried Ernst z.B., den ich einen „Nazi“ nennen durfte, oder Dr. Max-Otto Bruker, der in Lahnstein sogenannte Gesundheitsberater ausbildete, der in den 1970er und 1980er Jahren engstens mit Nazis kooperierte und dessen SA-Akte ich dann auch noch fand.

Gibt es in Deutschland eine höhere Bereitschaft als in anderen Ländern, in Krisenzeiten mit Nationalismus, Antisemitismus und/oder Verschwörungstheorien zu reagieren?

Das hat wohl niemand je genau gemessen, aber ich vermute, dass es zutrifft. Dafür gibt es Ursachen. Zu denen gehören einmal der Untertanengeist und der autoritäre Charakter, nicht als genetischer Defekt der Deutschen, sondern als Resultat einer langen kulturhistorischen Deformation. Das führt z.B. dazu, dass Menschen, die sich irgendwie bedroht fühlen, von sozialer Krise oder einem Krieg, nicht die Auseinandersetzung mit den dafür Verantwortlichen suchen, sondern lieber nach unten treten. Sie suchen und konstruieren Schwächere; sie bevorzugen Erklärungen, die ganze Gruppen von Menschen entwerten: Juden, Menschen mit dunkler Hautfarbe, arme Menschen aller Hautfarben. Sie verweigern die Anstrengung von Kopfarbeit. Sie wollen nicht wirklich wissen, wie der Kapitalismus funktioniert. Manche von ihnen profitieren ja durchaus von ihm und wollen sich ihr Geschäft nicht vermasseln lassen. Da ist es doch viel bequemer — und für die eigenen Geschäfte nützlich —, wenn man Personen oder Menschengruppen „als Böse“ identifiziert und an Verschwörungsideologien glaubt. Der Hass auf die konstruierte „jüdische Weltverschwörung“ und auch auf die „jüdisch-bolschewistische Verschwörung“ hat in Deutschland eine lange, furchtbare Tradition.

Auf Ihrem Facebook-Profil tobt sich derzeit ein sehr wütender Mob aus. „Neurechte Kommentare einfach ignorieren, lohnt sich nicht, unterkomplex“, empfehlen Sie. Aber wäre nicht Löschen eine Alternative?

Vielleicht, ich habe ja auch schon hunderte Kommentare, wenn nicht Tausende gelöscht. Aber jetzt mache ich ein Experiment: Jede und jeder soll sehen, wie „friedlich“ die MontagsquerfrontlerInnen in Wirklichkeit sind. Ich habe ja inzwischen freie Auswahl unter allen möglichen Todesarten: „Schädel spalten“, „durchs Knie ins Augen schießen“, mich „nachts überfallen“ und so „bearbeiten“, dass mich „nie wieder einer erkennt“. Dazu kommen nicht mehr zählbare Vergewaltigungsdrohungen und Schmähungen. Aufschlussreich ist der Antifeminismus und der Frauenhass. Die sind neben dem Antisemitismus, dem Rassismus, dem völkischen Denken, der Homophobie und der Sehnsucht nach autoritären gesellschaftlichen Verhältnissen, nicht zu unterschätzen.

Ihr kommender Vortrag findet im DGB-Gewerkschaftshaus statt. Wie ist Ihr Verhältnis zu den Gewerkschaften heute?

Kritisch-solidarisch. Ich bin seit rund 40 Jahren hauptsächlich außerparlamentarisch aktiv und zähle mich zur antiautoritären, undogmatischen Linken, seit 1978 bin ich außerdem Gewerkschaftsmitglied, Jahrzehnte in den IG Medien, sechs Jahre in Gremien, heute, als freie Publizistin, einfaches ver.di-Mitglied.

Jutta Ditfurth kommt am Mittwoch, dem 25.06, um 18.30 Uhr ins Münchner Gewerkschaftshaus, um die Neue Rechte und ihre in sich stimmige Gefühlslage zwischen Nationalismus, Antisemitismus und brauner Esoterik darzustellen.

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poem in the wood June 23, 2014 | 01:45 pm

poem_in_the_wood(seen @ a party in wood near Dresden)

eln

melancholie und freude sind wohl schwestern

und aus den bäumen fällt verblühter schnee

mit jedem pulsschlag wird aus heute gestern

auch glück kann weh tun auch der moment tut weh

 


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Der Mythos von Sykes-Picot June 23, 2014 | 09:51 am

After too much emphasis on the Sykes-Picot order as the root of problems in the region, it is now the Islamic State in Iraq and the Levant (ISIL) that claims the legitimacy of fighting Sykes-Picot. ISIL may believe in its own fantasies about the history of the Middle East and claim that it is “smashing the Sykes-Picot borders,” but we need to be more literate about the past and more sober about the present. Enough is enough about the myth of Sykes-Picot. It is true that the infamous secret agreement was more or less reflected in the drawing of the borders of a number of modern Arab states after the dissolution of the Ottoman Empire. However, firstly, the Middle East was no bed of roses before the First World War; secondly, Sykes-Picot was not the sole determinant of the fate of modern Arab countries; thirdly, the modern history of Arab countries of the last century cannot be reduced to the impact of the post-First World War settlement.

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Charakterstudie June 22, 2014 | 11:46 pm

Vergesst den “Taktik-Blick”, hier ist die “Klinsi-Cam”. Sie zeigt während des Spiels USA – Portugal neunzig Minuten lang Jürgen Klinsmann und ist damit eine der wahnsinnigsten Einrichtungen, die das Fußballfernsehen bisher geschaffen hat. Klinsmann wird unfreiwillig zum Gegenstand permanenter Beobachtung gemacht bei einer Tätigkeit, die eigentlich gar nicht zum Zuschauen gedacht ist. Er betreut schließlich die Spieler, die früher die eigentliche Sehenswürdigkeit waren. Vermutlich ist ihm selbst auch nicht bewusst, dass deutsche Internetnutzer ihn nonstop beobachten können. Was man sieht, ist banal: Klinsmann geht auf und ab, Klinsmann schimpft, Klinsmann schaut.

Man muss sich vielleicht den Kameramann bildlich vorstellen, der ausdauernd dem US-Trainer mit der Kamera folgt, um die ganze Irrsinnigkeit des Vorgangs zu erfassen: Kamera nach links, nach rechts, leichter Zoom hinein, wieder heraus, immer nah am Mann. Was noch fehlt, ist eine eigene Kommentierung für die “Klinsi-Cam”. Warum erzählt uns Bela Rethy nicht, was wir von verschiedenen Bewegungen Klinsmanns zu halten haben? Wo bleibt die Analyse seiner Laufwege und seiner Zwischenrufe?

‘Honour killing’ of 13-year-old girl sparks protests in Tunisia June 22, 2014 | 11:08 pm

Some 300 people marched in Tunis Thursday to condemn the act of a man who allegedly burned his 13-year-old daughter to death because she was walking with a boy.

“No to violence against women and children,” “Nowhere is safe,” and “Eya is a victim of extremism and fanaticism,” were among the messages on banners at the demonstration, dubbed “Silent march for Eya”.

According to preliminary results of the inquiry, the girl’s father sprayed her with petrol last month and set her on fire after seeing her in the street with a boy, the public prosecutor’s spokesman Allala Rhouma said.

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Das postmoderne Rührei: Paul Auster und Andere. June 22, 2014 | 08:20 am

Die Hinfälligkeit des Zufalls als Handlungsmotor. Man kann Paul Austers Werk entweder als das Ergebnis eines einzigen Schicksalsschlages in der Jugend des Autors begreifen, oder der Autor ist einfach ein sehr geschickter aber nicht sonderlich guter Schriftsteller, und insbesondere: ein Selbstdarsteller. Mit 14 Jahren, erklärt Auster, „seien er und ein paar Freunde vom Gewitter überrascht […]