PM: 450 Teilnehmende bei antifaschistischer Kundgebung gegen den Al Quds-Tag in Berlin July 27, 2014 | 11:16 pm

Linkes Bündnis hatte zu Proteste gegen den größten regelmäßigen antisemitischen Aufmarsch Deutschlands aufgerufen Die Kundgebung des „Antifaschistischen Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag“ konnte am Freitag eine gestiegene Beteiligung verzeichnen. Gezählt wurden 450 Teilnehmende, die sich am Adenauerplatz in Charlottenburg versammelt haben, um gegen den dort ebenfalls stattfindenden islamistischen Aufmarsch „für die Befreiung Jerusalems“ zu protestieren. Aufgerufen [...]

Warum auch in die Ferne schweifen… July 27, 2014 | 06:16 pm

Deutsche Islamkritik.

„Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Nazi ist das andersrum.“
-Spontispruch

Wie man es dreht und wendet, ganz unfreiwillig sprachen die Spontis seinerzeit schon aus, womit man sich in der politischen Landschaft Deutschlands würde abfinden müssen: zwei Arten von Idioten, Tucholskys berühmtem Haufen „neurasthenischer Irrer, die samt und sonders, jeder für sich, unrecht haben.“
Die beiden Pole dieser Auseinandersetzung zeigen sich archetypisch in zwei Erklärungen, die man sich genötigt sah in den deutschen Blätterwald zu scheißen: einerseits in der Erklärung der Hannoverschen Zivilgesellschaft gegen Antisemitismus, andererseits in Christian Geyer-Hindemiths Kolumne „Nicht dummstellen“ in der FAZ.

Die gute Nachricht zuerst: Geyer stellt sich nicht dumm. Er hat das mangels kognitiver Kapazitäten gar nicht weiter nötig. Der gute Geyer ist Phänomenologe. Als solcher weiß er festzustellen: „Dieser Antisemitismus entspringt nach allem, was man wahrnimmt, maßgeblich den Köpfen von Migranten aus der Türkei und arabisch-islamischen Herkunftsländern“.

Freilich weiß ein tüchtiger Rassenkundler und Brecher politischer Tabus wie Geyer, wie man durch bloße Wahrnehmung den Migranten vom deutschen Staatsbürger unterscheidet – das erspart nämlich die lästige Nachfrage danach, wie es mit der Vermittlung von deutschem und arabisch-türkischem Antisemitismus bestellt ist.

Nachdem Geyer also seine ethnologischen Beobachtungen erfolgreich beendet hat, schreitet er zur Urteilsverkündung: „Richtig ist, dass in vielen dieser judenfeindlichen Obszönitäten ein tradierter Antisemitismus aus der Heimat nachwirkt, der nicht ohne seine religiösen Hintergründe erklärt werden kann.“

Geyers Unglück besteht nun nur darin, dass die religiösen Hintergründe des Antisemitismus muslimischer Prägung keineswegs aus ‚deren‘ Heimat tradiert werden – was ein solch scharfsinniger Beobachter spätestens dann hätte bemerken können, als Gas für die Juden gefordert wurde: ein solcher Antisemitismus tradiert sich nicht aus Mekka, sondern aus München – hierin irren sich Geyer und seine scheinbaren Feinde gleichermaßen.
Und wäre es nicht Deutschland, man dürfte hoffen, dass sich die linke Opposition klüger verhielte. Stattdessen muss man hierzulande vorlieb nehmen mit der „Hannoverschen Zivilgesellschaft gegen Antisemitismus“, in der sich von DIG über den BAK Shalom bis hin zu allerlei Israelfreundschaftsvereinen jeder tummelt, der noch den dümmsten Wisch unterschreibt, der sich vom Antisemitismus distanziert.

In der Erklärung heißt es, nachdem man sich schon nicht zu schade war, das Menschenrecht auf Israelkritik abermals zu betonen:

„Angesichts der Teilnehmerinnen und Teilnehmern [sic!] der Pro-Hamas-Demonstrationen müssen wir feststellen, dass es unter den hier lebenden Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit muslimischen Wurzeln ein Segment gibt, das in seinem hasserfüllten Antisemitismus den deutschen Neonazis in nichts nachsteht. Auch die Kooperation israelkritischer linker Gruppen mit diesen Spektren erfüllt uns mit großer Sorge.“

Während also die politisch korrekt umschriebenen Muslime in ihrem Antisemitismus den Neonazis in nichts nachstehen, sind die linksdeutschen Freunde der Hamas bloß „israelkritische“ Gruppierungen, deren Recht auf Kritik selbstverständlich verteidigt werden muss.

Was beide verbindet, ist die bedingungslose Bereitschaft, den Islam und die muslimischen Communities als ‚ganz Andere‘ zu begreifen, deren Antisemitismus losgelöst von dem der Deutschen zu betrachten wäre. Beiden entgeht, inwiefern genau diese Wahrnehmung die neue Qualität des Antisemitismus überhaupt erst ermöglicht:
Durch die Verschiebung des Vernichtungsantisemitismus in eine muslimische Welt, die keinerlei Berührpunkte mit der europäischen hat, wird jene zum idealen Erfüllungsgehilfen derjenigen Sehnsüchte, die vom SPDler Schulz über Marcus Staiger bis hin zu den Frauendecklern der Linkspartei hierzulande die Nahostpolitiker und Friedensfreunde umtreiben.

Die falscheste Antwort auf dieses Dilemma wäre es nun darauf zu verweisen, man solle nicht den Antisemitismus der muslimischen Communities als solchen und mit gesteigerter Dringlichkeit adressieren: Richtig wäre es, endgültig zu begreifen, dass der Antisemitismus der Muslime der Preis für die Israelkritik der Europäer ist. Indem man ihnen ihren „Sprechort“ zugesteht um hernach Verständnis für ihre israelkritischen Haltungen zu zeigen, legitimiert man sie zu genau dem Mord und Totschlag, von dem man hinterher behauptet, man hätte immer schon vor ihm gewarnt.

Dass man keine Ideologiekritik des Islam entwickeln möchte, liegt nicht daran, dass man sich davor fürchtet, die Muslime zu stigmatisieren, wie die Geyers dieser Republik das heute schon tun: die Hannoveraner Erklärung zeigt das deutlich. Es liegt daran, dass man im Herzen dieser Ideologie gar zu viel über sich selbst herausfände.

Kurzum: man lässt die Muslime als unmittelbar vom Zionismus Betroffene ihre kindliche Wut ausagieren und rationalisiert jene, um ein ehrbares Feigenblatt für den eigenen Antisemitismus vorweisen zu können. Das sozial installierte Tabu über dem europäischen Antisemitismus wird hierdurch nivelliert, zugleich jedoch enthebt man sich der Verantwortung für den Schmutz, den man unentwegt produziert. Die chronische Unfähigkeit, über islamischen Antisemitismus zu sprechen, entspringt keinen politisch-korrekten Tabus, wie rechte Demagogen meinen: Sie entspringt dem Bedürfnis, auch beim nächsten Mal einen legitimen Grund zu haben, sozialarbeiterisches Verständnis für die Raketen der Hamas aufzubringen.

Solidarität mit Kafiristan July 27, 2014 | 03:50 pm

Keine andere Firma ändert so häufig ihren Markennamen: ... al-Qaeda in Iraq, Mujahideen Shura Council, Islamic State of Iraq, Islamic State of Iraq and the Levant (ISIS) und nun, wo das Kalifat als finale Unternehmung ausgeschrieben worden ist, Islamic State (1). Für europäische Antiimperialisten dagegen hieß sie noch an anderen Tagen, vereint mit jenen Koalitionären aus Nationaldjihadisten (2) und Baʿthisten, mit denen die ISIS jüngst Mosul eingenommen hat, „Irakischer Widerstand“. Ihm widmeten die Antiimperialisten ihre Solidarität. Das Gespräch, das Wilhelm Langthaler vom „Campo Antiimperialista“ im Juli 2007 für das antizionistische Fanzine „Intifada“ mit dem Iraker Abduljabar al-Kubaysi führte, ist nur eine unter vielen Apologien des Djihads im Irak. Kubaysis Erzählung aber, wie al-Qaida, rekrutiert aus djihadistischen Internationalisten, in weitgehend geschlossene Stammes- und Clanstrukturen einsickern konnte, könnte auch von kritischem Interesse sein.

Als im Jahr 2003 ein drohender regime change ihr Interesse am Irak provozierte wurde der Exil-Iraker Kubaysi so manchen europäischen Antiimperialisten zu etwas wie ein Saddam Hussein zum Anfassen. Seit 1958 ein militanter Baʿthist drohte Kubaysi noch vor dem totalen Zugriff Saddam Husseins auf die Partei der nationalen Wiedergeburt, in Baʿth-internen Fehden aufgerieben zu werden, so dass er 1976 den Irak zu verlassen gezwungen war und nunmehr im Damaszener Exil den panarabistischen Parteiflügel repräsentierte. Nachdem er 1997 auch Syrien verließ, zog es ihn 2002 aus dem europäischen Exil wieder in den Irak, um dort in „einer Atmosphäre der Versöhnung mit den irakischen Patrioten“ um Saddam Hussein die irakische Reaktion auf einen drohenden regime change anzurichten. Von exilierten Genossen wurde Kubaysi vorgeworfen, als Baʿth-Milizionär mitverantwortlich zu sein für Morde an mehreren tausend Kadern und Sympathisanten der Irakischen Kommunistischen Partei im Jahr 1963. Kubaysi aktualisierte alsdann die Todesdrohung an die Überlebenden von „al-Anfal“, jener Militärkampagne, mit der die Baʿth-Despotie in den Jahren 1988 und 1989 das irakische Kurdistan überzog (3). Entweder würden sie der Kollaboration mit den US-Amerikanern abschwören und sich dem arabisch-islamischen Vaterland fügen oder sie werden für den Verrat büßen. Auch Kommunisten, die den Islam als Identitätskitt der Iraker bedrohen, markierte Kubaysi als Verräter und kitzelte damit den völkischen Instinktiv seiner europäischen Kameraden. Langthaler, einer der Initiatoren des Mordaufrufs „10 Euro für den irakischen Widerstand“, enttarnte die kommunistischen Dissidenten als Kulturzersetzer: Diese seien „was ihre politische Tradition und Kultur betrifft, durch und durch persisch“, an ihnen hafte der „Säkularismus der persischen Intelligenz“. 

Waren es zunächst noch einstige Generäle und Offiziere Saddam Husseins, die die irakische Straße mit Blut tauften, sprach Kubaysi im Gespräch mit der „Intifada“ ohne jedes Bedauern aus, dass es nun womöglich al-Qaida sei, die nunmehr „die stärkste Organisation des Widerstands“ geworden ist. “Sie marschieren getrennt von allen anderen“, so Kubaysi, doch gebe es „lokale militärische Kooperation“ mit den Djihadisten. Es war als erstes Saddam Hussein, so Kubaysi, der sich durch den Irak schlich, um Stammesälteste und versprengte Offiziere zu kontaktieren, und den Loyalisten anbefahl, Nation und Islam, nicht aber sein eigenes Konterfei zu Symbolen des Widerstandes zu machen. Kubaysi würdigt die Askese der Djihadisten, ihr „spartanisches Leben"“ in dem alles dem Djihad „geopfert und untergeordnet“ werde. Durch einen nicht schwindenden Geldfluss - dazu, wo dieser entspringe, sagte Kubaysi nichts -  hätte sich al-Qaida bei den sunnitischen Stämmen eingekauft, aus denen sich noch zuvor – auch dazu sagt Kubaysi nichts - die Funktionäre und Profiteure des Baʿth-Apparates rekrutiert hatten.

Der Baʿthist Kubaysi nimmt die Djihadisten von al-Qaida von jeder Schuld an dem konfessionellen Abschlachten aus. Die systematischen Morde an Schiiten seien keine Strategie, viel mehr nur „einige wenige Reaktionen“ auf Morde durch Schiiten, eine militante Defensive, die aber allen „Vernünftigen unter den Schiiten“ wissen lässt: beendet die Verdrängung der Sunniten aus Baghdad sowie die Kollaboration mit US-Amerikanern und Iranern oder aber ihr werdet „die Verantwortung dafür tragen müssen“. Heute bedarf die ISIS keiner Legitimation mehr. Wo sie herrscht, werden religiöse Minoritäten identifiziert, zur Konversion, Jizya oder Flucht gezwungen oder aber, bei Nichtbefolgung, mit dem Tod bedroht.   

Neben dem USA und Israel sowieso markierte Kubaysi den khomeinistischen Iran, die Hizbollah sowie ihre irakischen Satelliten als Todfeinde des Iraks. Sie hätten Muqtada al-Sadr, dem klerikalen Ganglord aus den schiitischen Slums im Nordosten Baghdads, zur Kollaboration mit dem Kompradorenregime und zur Terrorisierung der Sunniten gedrängt. Seine Mahdi-Armee, so Kubaysi, sei  weitgehend von Iranern infiltriert. Die Satelliten Irans würden nicht nur jeden töten wollen, den sie verdächtigen, Baʿthist zu sein, sie würden auch durch die Einschleppung von Prostitution und Rausch die kulturelle Integrität der irakischen Stämme untergraben. Nicht, dass den europäischen Antiimperialisten irgendetwas daran irritiert hätte, was Kubaysi zu al-Qaida im Irak äußerte. Sie bewarben die virtuelle al-Qaida wie „Jihad Unspun“ und horchten ehrfürchtig der Erzählung eines Halsabschneiders, wie die baʿthistische Todesschwadrone Saddam-Fedajin, die Opferbereiten Saddam Husseins, die abgetrennten Köpfe getöteter US-Amerikaner als Trophäe präsentierten. Viel mehr noch drohten im deutschen Zentralorgan der „Irakischen Résistance“ jene für Halabja und andere Bestialitäten verantwortliche „ehemalige Generäle Saddam Husseins“ jedem mit dem Tod, der auch nur ein Laken für einen US-Amerikaner falze: „Iraker oder nicht, es sind Verräter.“ Am effizientesten, so die Apologeten des Todes, schlüge die „Kamikaze“ zu, eine Todesschwadrone von etwa 5.000 Märtyrern, die nur „einen mündlichen Befehl“ bräuchten, um den Irak nichts als geschmolzenes Metall und dem beißenden Geruch nach verbranntem Fleisch zu vermachen. Eine Rivalität der Baʿthisten zu den Djihadisten hätte es allein darin gegeben, wer mehr US-Amerikaner und ihre Kollaborateure tötete.

Der Irak wurde wie in den 1980ern Afghanistan ein Laboratorium djihadistischer Höllenhunde. Die Rache der sunnitischen Stämme zwischen Haditha und Tikrit, Ramadi und Fallujah für die Verdrängung aus den Funktionen des Apparates traf sich mit der Generalmobilmachung salafistischer Djihadisten, die in den Ruinen der Baʿth-Despotie das geeignete Terrain – ein extensives System von Expresstraßen, das den ausschweifendem Gebrauch von IEDs (Improvised Explosive Devices) und Kamikaze-Kommandos heraufbeschwörte - vorfanden als auch die unter Saddam Hussein ausgereizte konfessionelle Entzweiung von Shiah (schīʿat ʿAlī: „Partei Alis“) und ahl as-sunna („Volk der Tradition“). Djihadistische Internationalisten kamen zu Tausenden zum Begräbnis des post-baʿthistischen Iraks und grub sich unter vielsagenden Namen wie Brigades of Monotheism and Religious Conservatism, Conquering Army, Assembly of the Helpers of Sunnah, Wakefulness and Holy War oder Secret Islamic Army im Irak ein, während die geschlagenen Baʿthisten und Loyalisten Saddam Husseins Mimikry betrieben und sich in Rackets reorganisierten, die in ihrer Rhetorik kaum von den Djihadisten zu unterscheiden sind. Izzat Ibrahim al-Duri, baʿthistischer General und Saddams engster Vertrauter, etwa organisierte mit den Sheikhs des berüchtigten Tarikats der Naqshbandi eine gleichnamige Armee und die Armee Mohammeds fungierte als militanter Flügel der versprengten irakischen Baʿth-Partei. Unterdessen schnürte sich, toleriert von den US-Amerikanern, der Zugriff der Khomeinisten auf die irakische Shiah weiter zu. Schiitische Todesschwadronen von der Asa'ib Ahl al-Haq bis zur Mahdi Army infiltrierten Polizei und Paramilitärs, jagen seither Homosexuelle, Prostituierte, unverschleierte Gebärmaschinen sowie unverheiratete Pärchen und markieren die verbliebenen Sunniten in den schiitischen Viertels Baghdads als Sühneopfer dafür, dass andauernd Schiiten durch die djihadistische Kamikaze in den Tod gerissen werden. Während die Ruinen des Staatsapparates nur noch mehr von Rackets der Shiah und folglich durch die Interessen der khomeinistischen Despotie Iran ausgehöhlt werden, perfektioniert al-Qaida und das über sie hinauswachsende Sidekick namens ISIS die Technologien des Todes – allein im vergangenen Jahr kam es im Irak zu 537 car bombings und 238 suicide attacks.

Im syrischen Schlachten fanden sie sich alle wieder ein: die schiitischen Apokalyptiker aus dem Irak, die Asa'ib Ahl al-Haq und Kata'ib Hezbollah etwa, die der khomeinistische Iran zur Flankierung der syrischen Ba'th-Despotie nach Syrien abkommandiert hat sowie ihr verhasster Zwilling, die salafistischen Djihadisten (4). Es ist dabei ein antiimperialistischer Mythos, dass das Assad-Regime für ein modernes, säkulares Syrien gegen die sunnitischen Djihadisten einsteht. Phillip Smyth dokumentiert auf Jihadology.net: Hizballah Cavalcade ausführlich wie in Syrien schiitische Djihadisten aus dem Libanon, dem Irak und Iran aufmarschieren und für ein Überleben des Regimes ihr Leben geben. Sowieso ist es ein Mythos, dass das Assad-Regime ein Garant gegen die Islamisierung Syriens ist. Die Alawitisierung des Ba'th-Regimes, das heißt: die Einnahme der zentralen Funktionsstellen durch Angehörige der religiösen Minorität, ging einher mit der Islamisierung der Alawiten, die flankiert vom Küstengebirge vor allem im westlichen Gouvernement Latakia leben. Das Misstrauen der sunnitischen Autoritäten und das aggressive Agitieren der Muslimbrüder unter den vom Staatsapparat ausgesperrten Sunniten zwang Hafiz al-Assad zur Selbstverleugnung. Die alawitische Praxis wurde nunmehr diskriminiert und die religiöse Minorität der Alawiten selbst einer Missionierungskampagne unterworfen. Demonstrativ betete al-Assad von nun an in der Moschee. Sein Sohn Bashar dagegen protegiert die Schiitisierung der Alawiten. Mit Kapital aus dem khomeinistischen Iran entstanden in Syrien Reliquienschreine schiitischer Heiligenfiguren, die jährlich von tausenden regimetreuen Iranern aufgesucht wurden. Während die Unterdrückung alawitischer Praxis andauerte bei simultaner Inszenierung Assads als Protektor der Minoritäten, lockte die Konversion zur Shiah mit Importbräuten aus dem Iran (siehe IZ3W, #332/2012).

Auffallend ist, dass sich die ISIS weniger an den Loyalisten al-Assads aufreibt, sie sich viel mehr darauf konzentriert, einerseits die islamistische Konkurrenz sowie die nationale Free Syria Army in Grabenkämpfe zu zwingen und andererseits eines der letzten Refugien Syriens einzunehmen, in dem der Irrsinn noch nicht triumphiert hat: Syrisch-Kurdistan (Rojava). Ihr Sozialwesen – Körperamputationen plus Elektrizität – finanziert die ISIS über die kommenden Industrien des 21. Jahrhunderts: Okkupation von Bohranlagen und Staudämmen mit anschließendem Verkauf der knappen Ressourcen an die feindliche Zentralgewalt, Plünderung von Bankreserven, Geiselnahmen (wobei die Wertigkeit etwa eines nepalesischen Malochers bei nahezu null liegt, dieser also direkt dem Scharfrichter zugestellt wird, ein Franzose oder Brite aber Humankapital im wahrsten Sinne ist), Erpressung von religiösen Minoritäten (islamisch legitimiert: Jizya) sowie natürlich Fundraising und social Networking (siehe des Weiteren: Tomasz Konicz). Die widersprüchlichen Interessen des türkischen Regimes der Muslimbrüder, des syrischen Assad-Regimes sowie des khomeinistischen Irans provozieren nur einen weiteren Wildwuchs der ISIS:

Erdoğan toleriert den Zustrom der Djihadisten der Organisationen al-Nusra, Liwa al-Tawhid und ISIS über türkisches Staatsterritorium nach Syrien. Während in den vergangenen Monaten Geflüchtete und andere Grenzgänger von türkischem Militär ermordet und verstümmelt wurden, bewegen sich Djihadisten ungezwungen von einer Seite zur anderen als wäre ihr postnationales Kalifat noch dieser Tage Realität. In Karkamış, gelegen in der an Syrien angrenzenden Provinz Gaziantep, verfüge die ISIS zudem über ein eigenes, von türkischem Militär flankiertes Trainingscamp. Dem türkischen Erdoğan-Regime sind die Djihadisten eine nunmehr etablierte Methode, ein säkulares Kurdistan unter Druck zu halten (5). Nahezu alle Organisationen des politischen Islams in der Türkei mobilisieren unter dem Label „humanitarian aid“ für den Djihad in Syrien: etwa Özgür-Der, Kalem-Der, İmkan-Der, Vahdet Vakfı oder HÜDA-PAR. Allein die Yardım Vakfım alias İHH (Foundation for Human Rights and Freedoms and Humanitarian Relief), die regime-nahe Benefiz-Sparte von Milli Görüş, habe mehr als hundert britische Djihadisten an die syrische Front geschleust sowie hunderte junge Türken rekrutiert. Währenddessen schraubt das Erdoğan-Regime die Blockade des syrischen Kantons Kobanî, in dem über 200.000 Geflüchtete sich aufstauen und das von der ISIS bedrängt, weiter an (siehe etwa die letzte UN-Resolution). Darin, welchen der konkurrierenden djihadistischen Organisationen in Syrien – etwa Ahrar ash-Sham, Jabhat al-Nusra oder ISIS – das türkische Fundraising vorrangig gilt, ist kaum einzusehen.

Das Assad-Regime amnestierte noch zu Beginn der Revolte hunderte Djihadisten mit dem Kalkül, diese würden die Opposition mehr schädigen als es selbst bedrohen und natürlich um das Alibi geliefert zu bekommen für das gnadenloses Vorgehen gegen jede Opposition. Die berüchtigten Fassbomben (Barrel bombs), mit denen das Assad-Regime anderswo kaum mehr hinterließ als Ruinen und Leichengestank, sparten die Frontverläufe der ISIS zunächst systematisch aus. Es dauerte bis zur Einnahme Mosuls, also bis zur Tangierung iranischer Interessen im Irak, dass Assad die Bombardierung der ISIS-Kommandozentrale im syrischen ar-Raqqa anbefahl. Die sich in die Länge ziehenden Korsos, auf denen die ISIS ihre Beute aus dem Irak vorführte, waren dagegen nicht betroffen. 
In einem Gespräch mit Mutlu Çiviroğlu charakterisiert Sipan Hemo, „commander-in-chief of the People's Protection Units (YPG)“, die Interessen des khomeinistischen Irans als Strategie einer weiteren Eskalation des konfessionellen Konflikts. Die khomeinistische Despotie verfolge mit ihr, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der sich vom Iran über den Irak bis zum Südlibanon erstreckt, zu installieren. Die ISIS fungiert der khomeinistischen Despotie hierbei als Komplementär. Es scheint in ihrem Interesse zu sein, dass es die ISIS ist, die nun den Hass der irakischen Sunniten auf das schiitischen Maliki-Regime in Baghdad orchestriert. Exemplifiziert die syrische Katastrophe doch wie die ISIS noch die ideologisch engsten Verwandten, etwa das al-Qaida-Geschwisterchen  Jabhat al-Nusra, in Fehden aufreibt und jede Opposition sprengt. Nach der Einnahme Mosuls und Bedrohung Baghdads durch die Djihadisten drohte Teheran noch mit militärischen Konsequenzen – und als Regionalpolizist wird der Iran inzwischen auch in Washington D.C. und Berlin favorisiert. Doch bei großmäuligen Drohungen blieb es dann auch. Iranische Drohnen kreisen über das der irakischen Zentralgewalt entrissene Territorium, doch von Bombardements der Karawanen aus Djihadisten und erbeutetem Mordmaterial – M198-Haubitzen, Humvee's und andere US-amerikanische Hochtechnologien – wurde bislang abgesehen.

Ohne diese Zwieschlächtigkeit in den Interessen des türkischen Muslimbrüder-Regimes, der Assad-Despotie sowie des khomeinistischen Irans wäre es kaum zu dem Landgewinn des „Islamic State“ gekommen. Die Pseudofront zwischen diesen Mimen wäre wahrlich als Verschwörung zu charakterisieren, würde dadurch nicht verdunkelt werden, dass der „Islamic State“ weniger das Produkt anderer Interessen ist als das eines Racketisierungsprozess, dem viel mehr mit den Kategorien Krise und Ideologie nachzugehen wäre. Die Djihadisten sind die authentischen Liquidatoren einer absolut ruinösen Modernisierung in den arabischen Staaten (und nicht nur dort), viel mehr: einer Modernisierungsattrappe, dessen Einknicken auch nur durch die Repression des al-Mukhabarat, der politischen Polizei, so lange hinausgezögert werden konnte. Was sich an dem „Islamischen Staat“ exemplifiziert ist die Entgrenzung eines konfessionellen Bandenwesens, welches zuvor noch national integriert war. Die „Alawitisierung“ des syrischen Regimes oder die Sunnitisierung des irakischen Baʿth—Regimes unter Saddam Hussein gehorchte dem objektiven Zwang, sich eine absolut loyale Basis als Staatsmaterial zu halten. Wurde der Staatsapparat auch konfessionalisiert, war die herrschende Clique doch gezwungen, darüber den Schleier eines überkonfessionellen syrischen oder irakischen Nationalismus zu legen.

Die Khomeinisten waren die ersten, die die beschädigte Modernisierung liquidierten und sie verscharrten,wie die Kritiker ihrer Despotie, auf den Totenäckern eines islamisierten Irans. Die khomeinistische Despotie gehorcht - wie denn auch anders - den Imperativen kapitalistischer Reproduktion und vereinnahmt die moderne Technologie zum Zweck der Repression, doch ihr primärer Drang ist nicht mehr der nach Anschluss an die Konkurrenz: sie verfolgt eine regressiv versöhnte Ummah, die im Tod für den Imam das Unglück in der kapitalistischen Konkurrenz austreibt. Die „Islamische Revolution“ im Iran 1979 brach nicht nur mit jedem Modernisierungsversprechen, anders als etwa die auf Rhetorik begrenzte panarabische Ideologie der Baʿth-Regime verfolgten die Khomeinisten von Beginn an die Entgrenzung ihrer Despotie (6). In Folge des ersten al-Quds Tages selbigen Jahres unterzog Imam Khomeini sich und seinem Projekt der “Islamischen Revolution” einer radikalen Selbstkritik.Weder die Revolutionsgarden noch er selbst hätten die Revolution konsequent zu ihrem Ende geführt. Wenn doch, sie hätten jedes widersprechende Wort zum Verstummen gebracht, über jeden Dissidenten gerichtet und jede andere Partei als die ihrige zerschlagen. Wären sie konsequent revolutionär, so Khomeini, existiere es nur noch eine Partei: die Hezbollah, die Partei Gottes. Der von Khomeini ausgerufene al-Quds Tag – und hier spricht sich der Antisemitismus wieder als die zum Furor eskalierende Denkform der Konterrevolution aus – sollte das Ende aller Inkonsequenz markieren. Von nun an, so Khomeini weiter, folgen sie Imam Ali: „Er zog sein Schwert gegen die Verschwörer. Es ist überliefert, dass er siebenhundert Juden an einem Tag tötete. Die Verschwörer sind Ungläubige. Auch die Verschwörer in Kurdistan sind Ungläubige.“ Was folgte war die Menschenschlacht mit dem irakischen Ba‘th-Regime, eine durchs Exekutionskommando erpresste Grabesruhe im Inneren, die Liquidierung der „Verschwörer“ in Iranisch-Kurdistan wie im erzwungenen Exil – und jedes Jahr ein Aufmarsch in Teheran und Beirut, London und Berlin, auf dem das Ende des „Krebsgeschwürs“ Israel simuliert wird. Die Hezbollah dagegen wurde nie „die einzige“ Partei der Muslime, wucherte aber durch iranisches Geld, syrische Logistik und russische Artillerie zu einem eigenen khomeinistischen Staat im Libanon. Der von ihr zu verantwortende Body Count im Judenmord – etwa das AMIA bombing am 18. Juli 1994 im argentinischen Buenos Aires - brachte ihr vorübergehend auch unter sunnitischen Antisemiten Prestige ein (6), konnte aber über die konfessionellen Gräben (und den geopolitischen sowieso) nicht täuschen. Seit dem Einmarsch der Hezbollah in Syrien auf der Seite des “gottlosen” Assad-Regimes wird Hasan Nasrallah, Generalsekretär der “Partei Gottes” und Ikone der „Achse des Widerstandes“, nunmehr in salafistischen Predigten zwischen Kairo und Karachi „Satan“ und nahezu sinngleich: „Sohn der Juden“ gerufen. Einzig im schmalen Gazastreifen verfügt der Iran noch über sunnitische Satelliten: die Hamas sowie der Islamische Djihad, beide dem Schoss der ägyptischen Muslimbrüder entkrochen, denen auch kaum jemand anderes bleibt als der Iran. Zunächst verkalkulierte sich die Hamas und verriet das Assad-Regime, um sich in die Abhängigkeit des ägyptischen Muslimbrüder-Regimes zu begeben, das inzwischen von der eigenen Repression eingeholt worden ist. Das heutige ägyptische Militärregime führt die Hamas nunmehr als “terroristische Organisation”, während das syrische Assad-Regime und die Hezbollah die Hamas beschuldigen, die “wahre Achse des Widerstandes” verraten zu haben und den syrischen Muslimbrüdern beizustehen. Und dann war auch noch Katar, wo das Parteibüro der Hamas residiert, gezwungen, nachdem Milliarden Dollar, mit denen das Emirat die ägyptischen und tunesischen Muslimbrüder sponserte, versandet sind und die syrische Hölle unersättlich in sich hineinfrisst, ihre Generosität gegenüber der Hamas zu korrigieren. Das türkische Regime der Muslimbrüder orchestriert einerseits die Hetze gegen Israel. Mit Ritualmordlegenden bedient Erdoğan das antisemitische Brüllvieh und beschuldigt Israel eines “systematischen Genozids” an den Palästinensern – als wäre es nicht die Türkei, die als Staat in der Ausrottung der anatolischen Christen gründet. Wie in Syrien ergänzen sich hier türkische Staatspolitik und die Graswurzel-Organisationen des Politischen Islam: Fehmi Bülent Yıldırım, Präsident der notorischen İHH,visiert die noch verbliebenen türkischen Juden an und droht ihnen, soweit sie sich nicht von Israel distanzieren, mit Pogromen. Es war auch die İHH, die die Attacken auf die israelischen Repräsentanzen in Istanbul und Ankara koordinierte. Jüngst rief die Organisation zu einer neuen Märtyrer Flottille nach Gaza auf. Andererseits ist die Türkei als NATO-Staat daran gehindert (oder auch nicht daran interessiert), jenes Mordmaterial zu liefern, mit dem die Hamas ihren Djihad führt. Hierzu bedarf es nach wie vor dem khomeinistischen Iran. Und so ist es iranische Technologie & Logistik (BM-21 Grad, M302 rockets etc.), mit denen Hamas und PIJ allen anderen einen Djihad aufoktroyieren, der nichts anders verheißt als den Tod der Mikroben und Bakterien, welche ihnen die Juden sind, und die tugendsterroristische Verwahrung der Eigenen.

Und so hat endlich auch der Tod von 170.000 Menschen – begraben unter den Fassbomben Assads oder hingerichtet durchs djihadistische Kopfschusskommando – noch seinen Sinn, wenn auch einen unmenschlichen, zynischen Sinn. Fotomaterial aus der syrischen oder irakischen Hölle findet im Moment exzessiv Verwertung, um mit ihm dem Objekt anzukreiden, wonach der zwanghaft Projizierende selbst verlangt: den Tod des Anderen. Und so brüllen in diesen Tagen „Israelkritiker“ durch die Straßen: „Chaibar, Chaibar, ya yahud, dschaisch Mohammed saya'ud“ („Chaibar, Chaibar, oh ihr Juden, die Armee Mohammeds wird wiederkommen“*) und „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und so marschieren potenzielle NSU-Opfer und deutsche Nazis vereint gegen die „jüdische Bestie“. Und während im hessischen Frankfurt die Polizei den Antisemiten das technische Equipment überlässt und durch das Chassis „Kindermörder Israel“ und „Allahu Akbar“ dröhnt, werden Polizisten in Essen von verhinderten Pogromisten als Zionisten beschimpft, weil diese eine Synagoge abschirmen. Ohne dass an der syrischen Front der Tod durchs Schrapnell und das konfessionelle Abschlachten im Irak auch nur für einen Moment ruhen, finden sich im Hass auf die Emanzipationsgewalt der Juden, den Staat Israel, alle wieder vereint. Solidarität mit den Menschen, die in der Hölle Gaza zu leben gezwungen sind, würde darüber trauern, dass das perfide Kalkül der Hamas wieder aufgegangen ist, darüber, tote Kinder als Lebenselixier ihrer Despotie zu produzieren. Solidarität mit den Palästinensern würde nach dem Aufstand gegen die Hamas, den Islamischen Djihad und alle anderen Rackets rufen, auf dass diese nie wieder ihre Artillerie zwischen den Behausungen jener eingraben, deren Tode sie propagandistisch verwerten.

Was die Antizionisten in allen ihren Variationen – seien es nun die veritablen Pogromisten des Alois-Brunner-Gedenkkorps oder die Internationalisten aus der Kasseler Germaniastraße -  den Menschen androhen, die in Syrien zwischen Ba'ath-Despotie und ihrer djihadistischen Konkurrenz aufgerieben werden, ist bei allen dasselbe: nationale Souveränität. „Entscheidungen nur durch das syrische Volk“,  beharren etwa deutsche Nazis, bei denen unstrittig ist, wer in Syrien dieses Abstraktum Volk konkretisiert: Bashar Hafez al-Assad. Und das internationalistische „Solidaritätskomitee für Syrien“ aus Frankfurt macht seine Solidarität "mit dem syrischen Volk" davon abhängig, inwieweit dieses "hinter seiner Führung“ stramm stehe. Assad widerstünde, so die Führerphantasie, sich der Verantwortung durch den Gang in "ein 'goldenes' Exil" zu entziehen, viel mehr personifiziere er "Einheit und Einigkeit des syrischen Volkes". Der antiimperialistische Souveränitätsfetischismus entspringt nicht etwa dem Gedanken, der entgrenzenden Racketisierung irgendwie noch Herr zu werden – und sei es mit polizeilichen, also staatsterroristischen Methoden. Dieser entspricht viel mehr der Akzeptanz eines Irrsinns, in der sich etwa die khomeinistische Despotie unter der Totalität des Kapitals als das absolut Andere suggeriert, aber nichts mehr fürchtet als den Ausschluss von den Märkten oder, wie die ISIS, aggressiver als jede Konkurrenz Kapital akkumuliert. Es ist eine der fatalsten Neigungen des kriselnden Subjekts, sich und das Kollektiv, in das es national, völkisch oder religiös versackt ist, abseits der Totalität des Kapitals zu halluzinieren und Kapital und Krise im Objekt zu personifizieren. So akkumuliert das Subjekt das Moralin, womit es verschleiert, dass sein eigener bornierter Zweck nur die Akkumulation von Kapital ist – wenn es denn nur eine Funktion einzunehmen vermag. Dass die Krise ein Fremdkörper sei und dieser „jüdisch“, ist der Kern des Antisemitismus als präventive Konterrevolution. Diese pathisch indolente Gattung Mensch hungert nach der Figur “des Juden” als Alibi für das Unglück, das sie selbst Tag für Tag reproduziert.

Es scheint als wäre dieses Deutsch-Europa verdammt, die archaische Hölle anderswo in seinen eigenen perfiden Varianten zu reproduzieren - ohne mit ihr in eins zu fallen. Bedroht von 'zigeunerischen Untermenschen', deren als kollektiv unproduktiv identifizierte Population rasant zunehme, und terrorisiert von 'jüdisch-bolschewistischen, schwulen und geldheckenden Übermenschen', dem ewigen Béla Kun, der die Magyaren um die nationale Identität von Krone, Pfeil und Kreuz bringe, formieren sich etwa in Ungarn völkische Rackets, von denen eines nicht von ungefähr HAMASZ heißt. Die pogrom-faschistische Goldene Morgendämmerung dagegen verfolgt nach Selbstaussage, eine griechische Variante der libanesischen Hezbollah zu werden. Im Hass auf die Juden und Israel sowieso inspirieren sich Nazis und Islamisten, Panarabisten und antiimperialistische Internationalisten gegenseitig. Und so propagierte der norwegische Egoshooter-Djihadist Breivik noch in seinem Hass auf muslimische Immigranten eine “al-Qaida für Christen”.

Die europäischen Souveräne tragen das ihrige dazu, dass die nach Europa Geflüchteten keine Freude haben an dem Entkommen vor dem unmittelbaren Zwang und sie in der erdrückenden Enge resignieren. Er rationiert ihr tägliches Brot, um an ihnen vorzuführen, dass Subjektivität ein Privileg ist und ohne völkische Zertifizierung keine Garantie hat. Er hämmert ihnen ihre Überflüssigkeit vor dem Kapital wieder ein, um über die konstitutive Fungibilität der mit ihm identifizierten Subjekte zu täuschen. In der Schweiz etwa, diesem Idyll wider die Krise, werden Geflüchteten zunehmend in unterirdischen Militäranlagen kaserniert. Es ist als würde mit dem Entzug von Tageslicht das Entkommen aus der afghanischen, syrischen oder somalischen Hölle sanktioniert werden. In der oberirdischen Anlage Bremgarten haben die Asylsuchenden nur zwischen neun und siebzehn Uhr Ausgang. Als würde der schweizerische Souverän jede Regung im Blick haben wie anderswo die tugendterroristische Agenturen aus Familie und Racket kontrolliert ein eigener Sicherheitsdienst das Stadtgebiet im Kanton Aargau, durchstreift es nach Abtrünnigen und horcht über einer Hotline jeder rassistischen Denunziation seitens der Autochthonen. Den Geflüchteten sei keine einzige Minute gegönnt, den Moralterror der Taliban, al-Shabaab und anderer aus den Gedanken zu bekommen, und so ist ihnen noch der Besuch des städtischen Schwimmbades untersagt. Der einzige Antirassismus, der im Europa der nächtlichen Abschiebekommandos und grenzkontrollierenden Roboter noch zu haben ist, heißt nicht Garantie auf ein menschenfreundliches Exil für die vor der islamischen Despotie Geflüchteten, er heißt immer nur Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, die am hysterischsten brüllen, das heißt: Kollaboration mit oder mindestens Beschwichtigung gegenüber dem politischen Islam.

Die Hoffnung harrt im Moment im syrischen und irakischen Kurdistan aus. Nicht dass dort die Zentralisation von Souveränität sehr viel unblutigere Formen als anderswo angenommen hat (8), so wird hier doch der obskurantistische und völkische Irrsinn dahingehend durchbrochen, dass von den Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans (YPG/YPJ) und den Pershmerga in Irakisch-Kurdistan die Menschen in den von ihnen beherrschten Territorien in Absehung ihrer Blutsenge vor der djihadistischen Aggression der ISIS verteidigt werden. Tausende Christen fliehen im Moment unter das Protektorat beider Milizen, nachdem die ISIS in Raqqa und Mosul die Christen dazu aufrief, entweder zu konvertieren, sich der Jizya zu unterwerfen oder den Tod entgegen zu gehen. Anders als die US-Amerikaner zwischen 2003 und 2011 kommen YPG und Pershmerga auch der Verantwortung nach, die physische Existenz von Christen, Yeziden und anderen Minoritäten zu garantieren. Und so sind es in Rojava auch christliche Assyrer, die sich innerhalb der YPG militant organisieren.  Mag es unter dem Antlitz Abdullah Öcaclans auch etwas zwieschlächtiges und ideologisches anhaften, das Versprechen, das sich die Rekrutinnen der YPJ geben,„Jin Jiyan Azadî” (Frau – Leben - Freiheit),  ist angesichts der Frauenverachtung und Todesbeschwörung der Djihadisten, “Wir lieben den Tod wie ihr das Leben” , jener militante Konter auf die islamistische Aggression, der keinen Zweifel daran lässt, was es vorrangig zu verteidigen gilt: nicht die Scholle, nicht die inzestiöse Blutsenge, allem anderen voran die Hoffnung auf ein besseres Leben. Gäbe es also mit Blick auf die syrische Schlächterei noch Adressaten für zivilisatorische Forderungen und wäre zudem das Banner der „internationalen Solidarität“ nicht längst von djihadistischen Apokalyptikern und antiimperialistischen Faschisten okkupiert, die Forderung müsste diese jene sein: Gebt den Menschen in Kafiristan, dem Land der Ungläubigen, wie die Djihadisten Kurdistan rufen, alles nötige, um ihr Leben zu verteidigen. 
(1) Ich werde im Folgendem bei der Abkürzung ISIS bleiben.
(2) Als da wären etwa die salafistischen und nationalislamistischen Organisationen Islamic Army, Mujahideen Army, Ansar al-Sunna,1920 Revolution Brigade und Hamas of Iraq.
(3) Vor dem Mordauftrag „Al-Anfal“, inspiriert von der Koransure: „Die Beute“ , sprach das Baʿth-Regime ein letztes Ultimatum aus: Entweder würden sich die Abtrünnigen der irakischen Nation fügen, mit der Konsequenz einer Zwangskasernierung unter dem strengen Regiment des baʿthistischen Militärs, oder sie würden aus der irakischen Nation herausfallen und als Deserteure gelten. Desertion aber wurde im Irak Saddams, wie auch woanders, mit dem Tod geahndet. Der Tod durchs Gas war integriert in die „al-Anfal-Kampagne“, in der das Baʿth-Regime Arabisierung und Pazifizierung des abtrünnigen Hinterlandes im nördlichen Irak, das abwechselnd als „israelische Enklave“  oder „5. Kolonne der Perser“ denunziert wurde, kombinierte. Allein in Halabja wurden am 16. März 1988 bis zu 5.000 Menschen ermordet als das Baʿth-Militär Sarin und andere toxischen Chemikalien regnen ließ. Die deutsche Flanke der Baʿth-Killer trug hier staatsmännische Züge. Karl Kolb aus der hessischen Provinz etwa diente mit einer Gaskammer, in der die tödlichen Konsequenzen von Chemikalien an Vieh bewertet werden konnten. Südlich von Samarra hatte das Baʿth-Regime noch zu Beginn der 1980er in einer 160 Quadratkilometer großen Sperrzone Pestizide zur „Absicherung der Dattelernte“ zu produzieren begonnen. Involviert war etwa der bayrische Industrielle Anton Eyerle, der in Saddam Hussein einen würdigen Nachkommen Adolf Hitlers ersah. Für den Einkauf der brisanten Waren wurde noch am 17. April 1984 die Tarnfirma W.E.T. in Hamburg initiiert, in der mindestens ein Mann des BND involviert war. Die europäischen Antiimperialisten folgten in ihrer Solidarität mit dem „Irakischen Widerstand“ – ohne auch nur im kleinsten deren ökonomische und politische Potenz zu haben – auf die deutschen Todeskrämer, die in den 1980 dem Baʿth-Regime das technische Detail lieferten für dessen Schlacht gegen „Juden, Perser und andere Insekten“.
(4) Doch nicht nur der Touristikzweig des Djihads prosperiert in der syrischen Hölle, auch einige der Militantesten unter den europäischen Neofaschisten finden sich dort ein, wo sich noch im hemmungslosen Blutbesäufnis von einer 'antiimperialistischen Front gegen Israel' phantasieren lässt: Falangisten aus Polen, die berüchtigte italienische Casa Pound, die griechische Gregor Strasser-Jugend von Makros Krinos und andere verbrüdern sich - etwa als „European Solidarity Front for Syria“ - mit dem Baʿth-Regime und beschwören eine eurasische Front mit al-Assad, Hizbollah und dem khomeinistischen Regime Irans. Einige griechische Nazis hätten nach Selbstaussage sich der Hizbollah in al-Qasr angeschlossen und mindestens elf Kameraden der antiziganistischen Pogromistenpartei Jobbik wären in Syrien als Märtyrer gestorben.
(5) In den 1990er Jahre nahm die Hizbullahî Kurdî eine ähnliche Funktion ein wie heute die Djihadisten der al-Nusra Front und der ISIS in Syrisch-Kurdistan: die Terrorisierung der säkularen Konkurrenz. Bis zu 2.000 Menschen ermordete diese „Partei Gottes“ in jenen Jahren. Die Getreuen Öcalan, deren Reihen am schwersten von den Fememorden betroffen waren, reagierten staatsmännisch, das heißt: mit Militanz und Beschwichtigung. Sie überfielen, um die Morde an ihren Kadern zu rächen, Dörfer in denen die Hizbullahî Kurdî sich eingegraben hatte, und präsentierten sich selbst als Volkspartei, die die „religiösen Gefühle“ der Muslime achten würde. So war es das Gefolge Öcalans, das nicht nur die Parteikader zur sexuellen Askese und Entbehrung zwang, viel mehr in den Provinzen des Südostens jeden Verkauf von Alkohol zu untersagen drohte. Ihre Konkurrenz hieß Refah, die Milli Görüş-Partei von Erdoğans Ziehvater Necmettin Erbakan, die in der ersten Hälfe der 1990er viele Provinzen der südöstlichen Türkei einnahm und die atheistische PKK zwang, sich selbst als den Islam achtend zu präsentieren.
(6) Wie Saddam Hussein, das Assad-Regime und die palästinensischen Rackets wussten auch die Khomeinisten noch in den ersten Tagen ihrer „Islamischen Revolution“ ein Gros der antiimperialitischen Internationalisten hinter sich. Brian Grogan, Generalsekretär der britischen Sektion der „Vierten Internationalen“ etwa brüstete sich damit, dass er in Teheran auf Protestmärsche gegen das Shah-Regime „Allahu akbar“ rief und auf seinem Gepäck das Antlitz Khomeinis trug. „Gott ist groß“, so Grogan, hieße, das Volk ist stärker als die Armee des Shah. Nach Workers Power, ein Derivat der „Fünften Internationalen“, hat der Anschluss an die Khomeini-Aufmärsche „de facto eine antimilitaristische Einheitsfront“ zur Folge gehabt. Wahrhaft antimilitaristische Sabotageaktionen oppositioneller Iraner dagegen denunzierte die Socialist Worker Party als Dolchstoß. Sie alle geiferten dort gegen den “kulturellen Imperialismus” und für die “kulturelle Identität”, wo Kultur als erstes religiöser Obskurantismus und Zwang unter die Blutsenge heißt. Cindy Jaquith, Parteifunktionärin der US-amerikanischen Socialist Workers Party, etwa erhob den Chador zum Symbol des Widerstandes. Khomeini, so Jaquith, drücke die „nationalistischen und antiimperialistischen Gefühle” der Muslime aus  – es war ihr ein Kompliment. Dem Campo Antiimperialista ist bis heute der Hijab kein aufgezwungenes Grabtuch der Sinnlichkeit: viel mehr „ein Symbol der sich befreienden Frau“ gegen „imperialistische Assimilierung“, worin sich auch die Denunziation jener Dissidentinnen ausspricht, die es riskieren, wider der islamischen Sexualmoral über sich und ihr Leben selbst zu entscheiden.
(7) Aus Kadern der Muslimbrüder rekrutierte sich die Bewegung des Islamischen Djihads in Palästina, die von nun an die Schriften Khomeinis denen der ägyptischen Väter vorzogen. Und in der Türkei provozierte die Islamische Revolution die eine oder andere Spaltung innerhalb der sich formierenden anti-laizistischen Reaktion. Cemalettin „Hocaoğlu“ Kaplan, der noch 1977 für die Partei Necmettin Erbakans antrat und dem von diesem dann die Erbauung der Türken in der Diaspora überantwortet worden ist, verließ im deutschen Exil Milli Görüs und entzog ihr als „Khomeini von Köln“ den Zugriff auf eine beachtliche Anzahl von Moscheen und Gläubigen. Hocaoğlu verachtete den von Erbakan betriebenen Marsch durch die Institutionen. Im Islam, so der Hocaoğlu, habe nur eine Partei zu existieren, die Partei Gottes. Inspiriert von der khomeinistischen Revolution propagierte er die Erhebung der hoca, der Gelehrten in Schrift und Gebet, mit Blick auf ein nahendes Kalifat.
(8) Infolge der Fehde zwischen PDK/DPK Barzanis und der YNK/PUK Talabanis starben in den 1990ern mehrere tausend Menschen. Die PDK ließ sich abwechselnd vom khomeinistischen Iran, dem irakischen Baʿth-Regime und der Türkei instrumentalisieren. 1996 etwa verhalf die PDK Saddam Husseins Republikanischer Garde zur Einnahme Erbils; hunderte PUK-Peshmerga wurden in der Folge hingerichtet. Ein halbes Jahr zuvor hatten Barzani und die US-Amerikaner eine koordinierte Tötung Saddam Husseins durch die PUK und einige irakische Dissidenten verraten. 1997 kollaborierte Barzani dann mit dem türkischen Regime gegen die PKK. Die Stärke der PYD in Syrisch-Kurdistan fundiere, so Konkurrenz und Kritiker, auf einer Stillhalte-Politik gegenüber dem Assad-Regime zu Beginn der syrischen Revolte sowie Repression gegen Oppositionelle.

Gerüchte über Juden July 27, 2014 | 03:45 pm

Ein Kurzbericht über die Kundgebung am 26. Juli 2014

Seien wir ehrlich: Keine deutsche Zeitung hätte über den manifesten Antisemitismus im Zuge der Hamas-Demonstrationen auf Deutschlands Straßen berichtet, wenn nicht der Zentralrat der Juden eine entsprechende Erklärung abgegeben hätte. Nachdem daraufhin auch die Bundesregierung den Judenhass klar benannt und verurteilt hatte, konnte nicht einmal mehr Heribert Prantl diesen leugnen – freilich nicht ohne zugleich zu betonen: „Der Gaza-Krieg kann, darf und muss kritisiert werden.“ (SZ, 24. Juli 2014) Was genau es an einem Krieg zu kritisieren gibt, der darauf angelegt ist, einer antisemitischen Terrororganisation (sogar nach EU-Recht) das Handwerk zu legen, verrät Prantl aber nicht und belässt es bei raunenden Andeutungen. Wer will, denkt sich den Rest dazu: Der Slogan „Kindermörder Israel“, der momentan fast täglich zu hören ist, ist der konsequente Ausdruck dieses „Gerüchts über die Juden“ (Adorno), das Prantl nährt.

Arabischer Opferkult (Foto: David Moe)

Arabischer Opferkult (Foto: David Moe)

Dies ist auch der Grund dafür, dass die SZ – wie so viele andere Medien auch – partout keinen Antisemitismus gehört haben will, wenn die Meute wie am letzten Samstag in München geschehen, wieder einmal ruft: „Palästina ist in Not, viele Kinder sind schon tot!“ Diese aktualisierte Ritualmordfantasie kommentiert die Süddeutsche (26.7.2014) mit der Überschrift: „Hunderte demonstrieren friedlich in München“. Weitgehend friedlich blieb es in Wahrheit nur, weil eine halbe Hundertschaft der Polizei zugegen war; die Drohungen aus der Demonstration ließen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig. Auch den Ruf „Free Palestine“ will man nicht so verstehen, wie er gemeint ist: als Forderung nach einem judenfreien Palästina. Stattdessen gelten diejenigen, die sich mit Israel und den Juden in Deutschland solidarisieren, als Störenfriede und Provokateure: „Ein paar junge Gegendemonstranten mit israelischen Fahnen sorgten zu Beginn der Kundgebung am Orleansplatz für Unruhe, doch die Veranstalter riefen die Demonstranten immer wieder auf, sich nicht provozieren zu lassen.“

Dabei waren es nicht nur „ein paar junge Gegendemonstranten“, sondern immerhin rund 30 Personen, die dem antisemitischen Mob den Nachmittag wenigstens ein bisschen vermiesen konnten. Dabei war die Zahl der Islamistenfreunde dieses mal übrigens auf höchstens 500 Personen (gegenüber 5000 Personen in der vorherigen Woche) zusammengeschrumpft, weil die Demoleitung vorab angekündigt hatte, aus taktischen Gründen antisemitische und islamistische Schlachtrufe unterbinden zu wollen: „Keine anti semitischen Parolen bitte, Merkel schaut zu wir sind nicht gegen Juden, sondern gegen Zionisten, Völkermord, Ungerechtigkeit, Unmenschlichkeit, gegen die einseitige Rechtsempfindung mancher ‚zionistischen Sklaven’.“ (Facebook-Seite der Anmelder).

Al-Afghani in Aktion (Foto: München Nazifrei)

Al-Afghani in Aktion (Foto: München Nazifrei)

Tatsache ist auch, dass mit Ahmed al-Afghani abermals ein islamistischer Scharfmacher die Demonstration von Anfang an mit getragen und organisiert hat; dass mehrere Personen Fahnen von al Qaida, Hamas und Islamischem Jihad bei sich trugen, diese vor der Gegenkundgebung enthüllten und nicht erfreut über die Anordnung der Demoleitung waren, sie wieder einzupacken.

Und Tatsache ist auch, dass der israelsolidarischen Demonstration die ganze Zeit über blanker judenfeindlicher Hass entgegenschlug. Eine kleine Auswahl: „Drecksjuden!“, „Hitler hat euch vergessen!“, „Ihr seid das dreckigste Volk der Welt!“, „Wieviele Kinder habt ihr schon getötet?“, „Israel ist das nationalsozialistischste Land der Welt“, „Ihr seht gar nicht aus wie Juden“, „Hitler hat mit jüdischen Bankiers in der Schweiz zusammengearbeitet“, „Allahu Akbar“ usw. usf.

Schon minimale journalistische Sorgfalt und Redlichkeit hätten genügt, all diese Fakten zur Kenntnis zu nehmen und zu verwerten. Stattdessen beschloss die SZ einmal mehr, sich in den Dienst der antisemitischen Internationale zu stellen.


Dummheit als Triebfeder der Literatur… July 27, 2014 | 08:15 am

Der neurotische, leidende Charakter hat seinen Zenit überschritten. Die traurigste Szene in Tolstois Anna Karenina ereignet sich relativ zu Beginn des Romans. Es ist der Tod von Vronskijs Pferd. Dieses arme Tier. Zu Schande geritten von einem geltungssüchtigen Gecken, verreckt es jämmerlich als völlig unschuldiges Opfer der Umstände. Ganz im Gegensatz zu Vronskij und Anna […]

Das Valium für den empörten Bürger: „Antisemitismus – Eine Region erhebt ihre Stimme” July 26, 2014 | 12:22 pm

Die BILD-Zeitung legte vor, in der Provinz geht es weiter. Die antisemitischen Aufmärsche der letzten Tage führen dazu, dass sich die Zivilgesellschaft dazu bequemt, ihre Stimme zu erheben. Prima! könnte man versucht sein zu sagen, endlich machen sie das, was wir in den letzten Tagen so schmerzlich vermissten. Zur Kundgebung gegen Antisemitismus auf Kassels Strassen hatten wir sämtliche Fraktionen der Kasseler Stadtverordnetenversammlung eingeladen. Keiner ließ sich blicken, der Grundsatzreferent des Kasseler OB Bertram Hilgen, Reinhold Weist lief als Zaungast bei den marschierenden Antisemiten mit, der Stadtkämmerer Dr. Jürgen Barthel huschte – vermutlich Besorgungen erledigend – schnell am Ort des Geschehens vorbei. Die lokale Presse hielt sich in den Reihen der Palästinademonstranten auf, was dazu führte, dass sie nicht wahrnehmen wollte oder konnte, was sich vor und hinter der Polizeikette abspielte. Der Reporter entgegnete uns auf einem später durchgeführten Pressegespräch, die Teilnehmer der Demo, die er als eine für den Frieden bezeichnete, seien doch überwiegend friedlich gewesen, wenn einige ausgerastet seien, so spräche dass doch nicht für alle. Ein Beispiel an Ignoranz und Faktenresistenz.

Ein Aufruf zur Beruhigung des Gewissens

Ein Aufruf zur Beruhigung des Gewissens

Nun hat es sich aber auch bis in die Redaktionsräume der Lokalpresse herumgesprochen, dass aus den Reihen der Demonstranten Rufe laut wurden wie: „Hamas, Hamas – Juden ins Gas“, „Jude, Jude feiges Schwein …“, „Kindermörder Israel“ usw. und dass Juden in Deutschland um ihre Sicherheit und Unversehrtheit fürchten müssen. Was man also diese Tage erlebt, ist die offene Artikulation des Hasses des antisemitischen Mobs. Nach 1945 war dies in Deutschland nicht möglich, nicht etwa aus Einsicht, sondern deshalb, weil Deutschland von den alliierten Streitkräften niedergekämpft werden musste und danach ein besetztes Land blieb, in dem nationalsozialistische Propaganda von den alliierten Besatzungsmächten unterbunden wurde. Die deutsche Bevölkerung gab nach 1945 vor, den Juden Auschwitz zu verzeihen, kamen aber nie darüber hinweg, dass Juden beanspruchten, Opfer des deutschen Terrors gewesen zu sein, sahen sie sich doch selbst als Opfer Hitlers, als Opfer alliierter Bombenangriffe, alliierter Kriegsgefangenschaft und “Vertreibungen” oder ganz allgemein als Opfer von “Krieg und Gewalt” an. Nachdem, durch massenkulturelle Produktionen von Wolfgang Borchert,  Heinz Konsalik  und Bernhard Wicki in den fünzigern bis hin zu Nico Hofmann und Guido Knopp heute maßgeblich voran getrieben, es wieder opportun erschien, einen Opferstatus für die Deutschen zu reklamieren, bürgerte sich die Kritik an Israel spätestens seit 1967 ein und bot den Deutschen die Möglichkeit zu meinen, seht ihr, (auch) ihr Juden seid doch Täter.

Der sich dieser Tage formierende Mob setzt sich überwiegend aus muslimischen, arabischen und türkischen Gruppen und Personen zusammen, begleitet von einigen “antiimperialistisch” orientierten Linken (in Kassel die MLPD, Personen um das notorische Café Buchoase, die sogenannten Revos u.ä.), Personen aus der Aluhutfraktion und vereinzelt auch einige komplett vernagelte Friedensbewegte. Der von diesen artikulierte Antisemitismus entspricht dem, der von der SA und von den mit ihnen sympathisierenden Volksgenossen in den zwanziger und dreißiger Jahren artikuliert wurde und der nach 1945 als Tabu galt. Dieser blanke Judenhass schreckte dann doch diejenigen ab, die sonst die bundesweit konsensfähige “Israelkritik” zum Anlass nehmen, dann auf die Straßen zu gehen und/oder ihre Stimme zu erheben, wenn Israel gegen die terroristischen Aktionen und Bedrohungen vorgeht. Diese können wie viele andere, seelenruhig den Aufruf unterschreiben und ihr Gesicht in den Zeitungen zeigen und trotzdem Israel zur Mäßigung mahnen, die “Siedlungs-” und “Besatzungspolitik” skandalisieren. In Nordhessen steht dafür exemplarisch der Dechant der katholischen Kirche Harald Fischer, der 2009 gemeinsam mit der islamofaschistischen Milli Görüs und den Hardcore-Antizionisten der Kasseler Friedensbewegung den ersten größeren antisemitischen Aufmarsch in Kassel nach 1945 organisierte.

Das Alles zeigt wie wertlos der Aufruf der BILD-Zeitung ist. Die Zeitung beansprucht zwar, Solidarität mit Israel auszudrücken, doch schon der von Bundespräsident Joachim Gauck zitierte Satz: „Ich möchte alle Menschen auffordern, ihre Stimme zu erheben, wenn es einen neuen Antisemitismus gibt, der sich auf den Straßen brüstet.“ ist Ausdruck eines intellektuellen Offenbarungseids. Man soll gegen Antisemitismus die Stimme erheben, wenn er sich auf den Straßen brüstet – aha! Wenn er sich in den Zeitungen der ehrenwerten Zivilgesellschaft (Süddeutsche Zeitung, Spiegel usw.) oder in denen der linken Protest- oder Friedenshanseln (Freitag, Junge Welt u.ä.) artikuliert, dann kann man schweigen. Aus Gauck spricht es heraus, wie die Mehrheitsgesellschaft denkt: Man soll die Stimme erheben, wenn es einen neuen sich brüstenden Antisemitismus gibt, weil er möglicherweise das Ansehen Deutschlands beschmutzt, der alte jedoch ist keiner Rede wert. Der alte Antisemitismus einiger Reporter der hiesigen Lokalpresse, eines Günther Grass, der eines Martin Schulz, eines Martin Walsers et al., der, der in der Süddeutschen Zeitung und im Hirn eines Jacob Augstein west, der Antisemitismus der im Gewande der “Israelkritik” oder als Antizionismus daher kommt und dem doch mehr als die Hälfte der Bundesbürger beipflichten können, gegen diesen die Stimme erheben? Nein, das ist nicht nötig, man ist doch tolerant und man wird doch Israel noch kritisieren dürfen.

Dieses Bedürfnis Israel kritisieren zu dürfen, das so reflexartig sich artikuliert, sobald man gegen Antisemitismus agiert, ist ein Wesensmerkmal der postnazistischen Gesellschaft. Diese bildet den ideologischen Background für die, sie liefert die wohlfeil formulierte Rechtfertigung für die, die den offenen Judenhass herausbrüllend, sich derzeit auf den Straßen zeigen.

Sich gegen Antisemitismus stellen heißt nicht nur, sich dem antisemitischen Mob mit einer Israelfahne bewehrt entgegenzustellen sondern auch:

  • Israel ist und bleibt ein jüdischer Staat
  • „Jüdische Siedlungen“ sind kein Hindernis für Frieden
  • Antisemitismus in der arabischen Gesellschaft ist ein Hindernis für Frieden
  • Jerusalem ist die israelische Hauptstadt
  • Stoppt die antisraelische Boykottbewegung
  • Waffen für Israel
  • Stoppt das Atomprogramm des Irans mit allen Mitteln
  • Verbot der Hamas und der Hisbollah
  • Keine Finanzierung der palästinensischen Autonomiebehörde mit EU-Geldern, solange diese ihre antisemitische Propaganda im Westjordanland nicht einstellt
  • Israelkritik und Antizionismus ist Antisemitismus

Mehr als 700 Menschen protestieren gegen den antisemitischen AlQuds-Marsch July 26, 2014 | 11:32 am

Gegen den Marsch von etwas mehr als 1000 Unterstützer_innen des Iranischen Regimes und der Terrorgruppen Hizbollah und Hamas, der gestern durch Berlin City West zog, haben mit zwei Kundgebungen und verschiedenen Störaktionen mehr als 700 Menschen protestiert. Auf der Kundgebung unseres Bündnisses am Adenauerplatz fanden sich 500 Menschen verschieder Gruppen und Parteien ein. Manche waren [...]

Verhältnismäßig verhältnismäßig July 26, 2014 | 01:29 am

Dekel Keinan, Spieler von Maccabi Haifa, wehrt im Testspiel gegen den OSC Lille den Angriff eines antisemitischen Hooligans ab. Bischofshofen (Österreich), 23. Juli 2014.

Wann immer Israel militärisch auf einen Angriff reagiert, heißt es nahezu unisono, diese Antwort sei »unverhältnismäßig«. Dan Hodges, ein ehemaliger britischer Gewerkschafter und Funktionär der Labour Party, hat sich diesen Vorwurf vor dem Hintergrund der aktuellen Geschehnisse einmal näher angesehen und ihn für den Blog der Tageszeitung The Telegraph analysiert. Mit seiner Genehmigung hat Lizas Welt den Beitrag ins Deutsche übersetzt.


VON DAN HODGES


Als die Debatte über Israels Militärintervention im Gazastreifen in den vergangenen Tagen an Schärfe zunahm, habe ich beobachtet, dass eine bestimmte Phrase ständig wiederkehrt. Sie lautet etwa so: »Ja, Israel hat ein Recht, sich zu verteidigen. Aber die Antwort muss verhältnismäßig sein. Und was wir sehen, ist alles, nur nicht verhältnismäßig.« Nick Clegg [der stellvertretende britische Premierminister] hat sich diesem Chor angeschlossen und Israel beschuldigt, eine »unverhältnismäßige Form von Kollektivstrafe« gegenüber der palästinensischen Bevölkerung zu praktizieren.

Vergleichbare Worte hat auch die UNRWA gefunden, als sie warnte: »Es muss maximale Zurückhaltung geübt werden, und es ist auf die Unterscheidung [zwischen Kombattanten und Zivilisten], auf die Verhältnismäßigkeit und auf Schutzmaßnahmen zu achten.« Während der Debatte im Unterhaus am Montag [21. Juli] hat sich eine Reihe von Parlamentsmitgliedern ebenfalls ganz ähnlich geäußert. Und wer würde sich auch darüber streiten wollen? Wer würde sich eine unverhältnismäßige Antwort in einer Krise wie dieser wünschen?

Doch wenn wir von Israel »Verhältnismäßigkeit« verlangen, würde ich gerne eine Frage stellen: Was wäre denn zurzeit eine verhältnismäßige Reaktion? Wenn jeder im Prinzip anerkennt, dass Israel sich verteidigen darf, wie sollte diese Verteidigung dann in der Praxis aussehen?

Eine Möglichkeit für Israel, sich gegen die fortgesetzten Raketenangriffe der Hamas zu verteidigen, besteht natürlich darin, Bodentruppen in den Gazastreifen zu schicken, um die Raketen – und diejenigen, die sie abschießen – zu finden und unschädlich zu machen. Aber nach Ansicht der Israelkritiker stellt das eine furchtbare Eskalation des Konflikts dar. Eine Alternative dazu sind Luftschläge. Aber auch die führten weltweit zu einer Verurteilung. Marschflugkörper wären ebenfalls eine Option. Nur kann ich mir nicht vorstellen, dass die Stop the War Coalition dann in einer Pressemitteilung die Anwendung israelischer Präzisionswaffen in Gaza begrüßen würde.

Wie wäre es also mit einer chirurgischeren Herangehensweise? Könnte Israel vielleicht Attentatskommandos in den Gazastreifen schicken, um die Führung der Hamas und ihre wichtigsten Funktionäre auszuschalten? »Heute begrüßte UN-Generalsekretär Ban Ki-moon die Nachricht, dass israelische Stoßtrupps in die palästinensischen Gebiete einmarschiert sind. ›Das ist eine rechtzeitige Deeskalation des Konflikts‹, sagte er.«

Und wie wäre es, überhaupt keine offensive Aktion zu unternehmen? Was würde passieren, wenn Israel einfach versuchen würde, die Hamas im Gazastreifen irgendwie in Schach zu halten? Nein, tut mir leid, das würde nicht funktionieren, weil man Israel dann vorwerfen würde, Gaza in das »größte Gefängnis der Welt« zu verwandeln. Die Hamas blockieren? Nein, denn die Welt verlangt ja gerade, die Blockade aufzuheben. Gezielte Sanktionen gegen die palästinensische Autonomiebehörde? Nicht im Ernst! Das würde nur unschuldige Palästinenser bestrafen. Und überhaupt: Die Welt sollte in der Stunde der Not solidarisch an ihrer Seite stehen!

Wenn die Leute sagen, Israels Antwort auf die Aggression der Hamas müsse »verhältnismäßig« sein, meinen sie das gar nicht so. Was sie in Wahrheit meinen, ist, dass Israel überhaupt nicht antworten soll. Kein Problem: Jeder hat das Recht, diese Sichtweise einzunehmen. Aber die Israelkritiker sollten dann wenigstens so ehrlich sein, ihre Absichten einzuräumen. Und die bestehen darin, Israel das Recht auf Selbstverteidigung zwar in der Theorie grundsätzlich zuzubilligen, nicht aber in der Praxis. Es soll einfach die andere Wange hinhalten.

Und deshalb möchte ich denjenigen, die behaupten, dass Israels Antwort unverhältnismäßig ist, gerne eine andere Frage stellen: Was glaubt ihr, wie groß die Zahl der Todesopfer wäre, wenn die Hamas über das militärische Potenzial Israels verfügen würde – inklusive der atomaren Kapazitäten? Ich glaube nämlich, dass wir unter diesen Umständen in entsetzlicher Deutlichkeit vor Augen geführt bekämen, wie eine unverhältnismäßige Anwendung militärischer Gewalt tatsächlich aussieht.

Ich begrüße es, dass viele – womöglich sogar die Mehrheit – derjenigen, die Israel kritisieren, dies eher aus einer moralischen als aus einer ideologischen Position heraus tun. Aber es genügt nicht, einfach zu schreien, was Israel alles nicht tun sollte. Angesichts der Tatsache, dass der Raketenhagel weitergeht, müssen diese Leute auch genau erklären, was Israel ihrer Ansicht nach zu seinem Schutz unternehmen darf.

»Sich aus Gaza zurückziehen« ist eine häufig angebotene Lösung. Nun, das ist bereits geschehen. Israel hat sich aus dem Gazastreifen zurückgezogen, die Siedlungen abgerissen und rund 10.000 jüdische Siedler gewaltsam geräumt. Danach rückte die Hamas ein und begann mit dem Raketenbeschuss sowie terroristischen Angriffen. »Sie sollten einem sofortigen Waffenstillstand zustimmen« ist eine weitere Forderung. Israel ist ihr nachgekommen. Und der Raketenbeschuss ging weiter. »Sie sollten sich hinsetzen und miteinander sprechen, wie wir es mit der IRA in Nordirland getan haben.« Ja, wir haben uns hingesetzt und miteinander gesprochen. Aber bevor wir uns hingesetzt haben, haben wir die IRA darum gebeten, nichts mehr in die Luft zu jagen. Und die IRA hat zugestimmt.

Nehmen wir an, Benjamin Netanjahu hat eine Eingebung. »Mein Gott«, sagt er zu sich selbst, »unsere Kritiker haben Recht. Unsere Antwort ist unverhältnismäßig.« Also geht er zum Fernsehen und sagt der israelischen Bevölkerung: »Ich habe unsere Streitkräfte angewiesen, nichts mehr zu unternehmen. Die Raketen werden weiter explodieren. Es wird weiterhin Entführungen geben. Es wird wieder Selbstmordattentate geben. Aber wir werden trotzdem keinen Finger rühren.« Wie lange würde Netanjahu nach Ansicht der Israelkritiker unter diesen Umständen noch Premierminister von Israel bleiben? Eine Woche? Eine Stunde?

Ob es einem nun gefällt oder nicht: Israel ist ein souveräner, demokratischer Staat. Er hat nicht nur das Recht, sich zu verteidigen, seine Bevölkerung erwartet es auch. Und wenn man zusammengekauert in einem Bombenschutzraum sitzt und schließlich herauskommt, um dann zu sehen, wie die verkohlten Überreste einer Kassam-Rakete aus dem Dach der Schule seines Kindes herauslugen, dann prägt das vermutlich die Sichtweise, wie eine »verhältnismäßige« Reaktion tatsächlich aussieht.

Was wollen wir also? Wollen wir die Truppen, die Bomben, die Marschflugkörper, die Drohnen, die Artillerie, die Tötungskommandos, die Blockaden oder die Sanktionen? Denn wenn wir sagen, dass Israel ein Recht hat, sich zu verteidigen, und das auch so meinen, dann müssen wir uns schon entscheiden. Und wenn wir das nicht tun, dann müssen wir so ehrlich sein zuzugeben, dass wir nicht wollen, dass Israel sich überhaupt verteidigt.

Zum Foto: Dekel Keinan, Spieler von Maccabi Haifa, wehrt im Testspiel gegen den OSC Lille den Angriff eines antisemitischen Hooligans ab. Bischofshofen (Österreich), 23. Juli 2014. (Das Bild entstammt der Facebook-Seite einer Maccabi-Fanvereinigung.)

Eine niederländische Übersetzung dieses Beitrags findet sich auf dem Weblog E.J. Bron: Israëls critici willen geen proportioneel antwoord in Gaza. Ze willen helemaal geen antwoord.


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Rechtsextreme mobilisieren für Pro-Gaza Demo in München July 25, 2014 | 10:29 pm

Am Samstag soll eine weitere antiisraelische Demonstration in München stattfinden – doch das Pro-Gaza-Bündnis zeigt sich zerstritten. Zudem ruft die rechtsradikale „Europäische Aktion“ zur Teilnahme auf. Es kursieren Gerüchte, der Journalist Jürgen Todenhöfer werde auf der Demonstration sprechen. Eine Gegenkundgebung ist geplant.

Die „Europäische Aktion“ hielt auch schon gestern in München eine Kundgebung ab. Jetzt wollen sie sich der Demonstration des Vereins „Palästinensische Gemeinde München“ anschließen. (c) München Nazifrei

Ganz so martialisch wie vergangenen Sonntag soll es kommenden Samstag bei der Demonstration „Protest gegen das Töten in Palästina“ ab 14 Uhr am Orleansplatz nicht zugehen. Sie schäme sich zutiefst für den Hass, der auf der letzten Demonstration geschürt worden sei, beklagte Mitveranstalterin Dunya Sabreen im Nachgang. Die Demonstration „Freiheit für Palästina“ sei „sehr religiös und teilweise antisemitisch geprägt“ gewesen. Auch die Parole „Kindermörder Israel“ werde von außen als aggressiv wahrgenommen, so Sabreen. Auf der Demonstration wurden vielfach antisemitische Schilder gezeigt mit Pa­ro­len wie: „Die Opfer von ges­tern sind die Täter von heute“, „Ho­lo­caust in Pa­les­ti­ne und die Welt schaut zu“ und an­dern Ekeln. Hauptveranstalter war der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ der seinen Sitz derzeit im städtisch geförderten „Eine Welt Haus“ hat.

Veranstalter wollen Mob ansehnlicher gestalten
Zur Demonstration am Samstag haben die Veranstalter nun vorsorglich ein Regelwerk verfasst. Unter anderem ist einzig die palästinensische Fahne erwünscht und „Allahu Akbar“-Rufe (Gott ist groß) sind zu unterlassen. Viele zeigten sich daraufhin enttäuscht, die noch letzten Sonntag mit der türkischen Fahne, der Fahne der faschistischen „Grauen Wölfe“ oder der Terrororganisation Hamas gekommen waren. Manche kündigen an, eine eigene, islamistische Demonstration zu veranstalten: „Nur für Männer.“ Die rechtsradikale „Europäische Aktion“ – ein Sammelbecken für Holocaust-Leugner und Rechtsextremisten – hat wiederum zur Teilnahme an der Demonstration aufgerufen – mit Bezug auf den sogenannten „Al Quds Tag“. Am Freitag demonstrierte die Formation in München bereits unter dem Motto „Abzug aller US-Truppen aus Europa – Austritt aus NATO und EU“ und zeigte die palästinensische Fahne.

Spricht Jürgen Todenhöfer in München?
Es kursiert darüber hinaus das Gerücht, dass auch der Journalist Jürgen Todenhöfer am Samstag in München sprechen könnte – allerdings sind die Belege bislang eher dürftig. Der Islamist und Mitveranstalter Ahamd Al Afghani zitierte Todenhöfer bei seiner Rede vergangenen Sonntag. Am Dienstag ploppte dann ein aktuelles Foto auf dem Facebook-Account Afghanis auf, das Tödenhofer und ihn heiterer Eintracht im Münchner Westen vor dem Geschäft „Radlbauer“ zeigt. Seitdem schießen die Spekulationen ins Kraut, weitere Hinweise gibt es aber nicht. Todenhöfer genießt derzeit unter Islamisten großes Ansehen, nachdem er sich ein weiteres Mal als „Demagoge des Mainstreams“ (Lizas Welt) zu verstehen gegeben hat.

Afghani fordert „Verteidige deinen Glauben“. Hier mitsamt der Aufforderung: „Sei ein Soldat Allahs“.

Ein „Soldat“ mit Ambitionen zur Weltherrschaft
Ahmad Al Afghani ist ein führender Kopf der Islamisten in München und trat bei der letzten antiisraelischen Demonstration als Mitveranstalter auf. Unter der Weltherrschaft will er es nicht machen: „Ein bisschen Teamgeist und die Welt gehört uns“, schreibt der in Kabul geborene Al Afghani in aller Deutlichkeit. Auf seiner Facebook-Seite bekundet er seinen Gefallen an einer illusteren Gruppe islamistischer Antisemiten, wie beispielsweise dem Hassprediger Prierre Vogel. Mit Parolen wie „Zionisten sind Faschisten“, „Kindermörder Israel“, „Netanjahu nach Den Haag“, und „Falestin, Falestin“, heizte er am vergangenen Sonntag der Menge ein – am Tag zuvor sprach der Islamist in Schwäbisch Gemüd. Auch zur Demonstration am Samstag hat Al Afghani aufgerufen. Ein weiterer Veranstalter der letzten Demonstration nennt sich Sunaj Ajla Abdulla. Dieser ist unter diesem Namen bislang wenig auffällig gewesen, dafür tat er sich im Rahmen der letzten Demonstration umso heftiger hervor. „Ich will keinen Frieden, Ende Gelände, weg mit dem Drecksvolk“, ließ der Veranstalter wissen.

„Allah soll dich bestrafen (Israel)“ – letzten Sonntag in München. Weitere antisemitische Plakte sind hier dokumentiert.

Gegendemonstration geplant – Überforderung der Polizei wieder möglich
Laut Insiderkreisen ist am Samstag eine Gegenkundgebung geplant, genauere Informationen liegen allerdings noch nicht vor. Es bleibt zu hoffen, dass die Polizei am Samstag besser aufgestellt ist als letzten Sonntag – um die voraussichtliche Gegendemonstration zu schützen und Volksverhetzung zu unterbinden. Als sich der Demonstrant Samuel H. (Name von der Redaktion geändert) letzten Samstag auf der Demonstration „Freiheit für Palästina“ an einen Polizisten mit der Bitte wandte, ein Plakat mit Hakenkreuz entfernen zu lassen, soll der Polizist gesagt haben, dieser könne da nicht reingehen, sonst eskaliere die Situation. Ein weiterer Polizist erklärte ihm angeblich, dass „eine gewaltbereite Gruppe vertreten ist“ und Samuel ja selbst sehe, dass nicht genug Polizisten vor Ort seien, um eine Eskalation in den Griff zu bekommen.

Vermutlich das einzige echte Friedensplakat auf der Demonstration „Freiheit für Palästina“ trug Samuel H.

Große Kundgebung der IKG gegen Antisemitismus
Kommenden Dienstag ist eine große Kundgebung der Israelititischen Kultusgemeinde (IKG) München und Oberbayern am Platz der Opfer des Nationalsozialismus geplant. „Die jüdische Gemeinschaft sieht sich in der jüngsten Vergangenheit auch in Deutschland mit einer neuen Dimension an Judenhass konfrontiert“, heißt es im Aufruf. Die Vorsitzende der IKG, Charlotte Knobloch, hat dazu eingeladen. Titel der Veranstaltung ist: „Wehret den Anfängen! Gegen Antisemitismus und Antizionismus.“

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Proteste gegen den Al-Quds-Tag 2014 July 25, 2014 | 09:17 pm

Wir kön­nen nicht sagen, man habe uns nicht ge­warnt. Freun­de und Freun­din­nen die im Vor­feld wuss­ten, wie er­trag­reich es nach aller Vor­aussicht sein würde, sich an der ‚an­ti­fa­schis­ti­schen‘ Mo­bi­li­sie­rung gegen den Al-Quds-Tag zu be­tei­li­gen, pro­gnos­ti­zier­ten von An­fang an, dass man nicht in der Lage sein würde die Zu­sam­men­ar­beit auf­recht zu er­hal­ten, ohne nicht ak­zep­tier­ba­re Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen zu müs­sen.
Das Bünd­nis ent­schied sich er­war­tungs­ge­mäß da­ge­gen, un­se­ren Re­de­bei­trag im Rah­men der Pro­tes­te ver­le­sen zu las­sen. Der Re­de­bei­trag selbst hätte die zugrundeliegenden Probleme und Rücksichtnahmen adäquat benannt, weshalb er im Folgenden hier dokumentiert wird.

Hier finden sich:
1.) Die nicht gehaltene Rede
2.) Vier Thesen gegen den Common Sense
3.) Ein weiteres Flugblatt der HUmmel-Antifa

Unsere Kritik am Bündnis würde nur unter der Voraussetzung verfangen, dass es den Beteiligten Gruppen tatsächlich um Israel ginge, statt um Selbstbestätigung. Die Hummel-Antifa verfasste daher zu den vier Thesen ihr Flugblatt, in dem sie darlegt, weshalb genau das eine Prämisse war, von der wir ihrer Meinung nach nicht hätten ausgehen dürfen.

Election results in Libya July 25, 2014 | 01:04 pm

Of the total 200 seats in the new parliament, 188 were set, while the remaining 12 seats were absent due to boycott or insecurity in some electoral districts, according to Libya’s High National Electoral Commission.

Analysts said the secular factions have seemingly taken most of the seats, while the Islamist lawmakers, who had a bigger say in the old parliament, only won around 30 seats this time. Some feared that the results might intensify the current armed clashes between the secular forces and Islamist militants in the volatile North African country, given the imbalance of power between the two sides in the parliament.

Source

Der Benz unter den Experten July 25, 2014 | 10:20 am

Auf den Straßen tobt offener Judenhass – und der ehemalige Leiter des „Zentrums für Antisemitismusforschung“ gibt Entwarnung

Als noch nicht sicher war, ob die im Westjordanland entführten jüdischen Jugendlichen noch am Leben sind, versammelten sich in mehreren deutschen Städten – auch in München – Menschen zu kleinen Solidaritätskundgebungen, die das Auge der Öffentlichkeit auf das Leid der Jugendlichen und ihrer Familien lenken wollten. Für einige Judenfeinde war selbst das zu viel an „Israelsolidarität“: Am 20. Juni wurde in Hamburg ein 83-jähriger Demonstrant von einem linken Palästinafreund angegriffen und musste danach ins Krankenhaus gebracht werden. Auch die Tochter des Verletzten, die diesem zu Hilfe eilte, wurde attackiert. Dies war der Auftakt, der freilich in einer langen Reihe offener antisemitischer Gewalt und Propaganda in den letzten Jahren steht.

Mit Beginn der israelischen Militäroperation „Protective Edge“, welche auf die Zerstörung der Raketenabschussanlagen und Waffenschmuggeltunnel der Hamas im Gazastreifen zielt, hat eine Flut antisemitischer Aufmärsche, Hetze und Straftaten begonnen, die im Folgenden nur ausschnittsweise dokumentiert sei. Fast allen Vorkommnissen ist gemein, dass die Polizei Juden und Israelfreunde nicht schützen konnte oder wollte; häufig wurden gerade diejenigen, die gegen Antisemitismus demonstrierten, des Platzes verwiesen, während der arabisch-türkisch-deutsche Mob seinem Hass freien Lauf lassen durfte.

Am 12. Juli marschierten Linke, Islamisten und Neonazis in Frankfurt einträchtig nebeneinander. Dabei skandierten sie immer wieder die zum Schlachtruf der Bewegung avancierte Parole „Kindermörder Israel“, die eine aktualisierte Variante der mittelalterlichen Ritualmordlegende darstellt und einige Tage später in Berlin auch folgerichtig von einer Fotomontage untermalt wurde, die den israelischen Ministerpräsidenten beim Verspeisen eines palästinensischen Kindes zeigt (wozu der kleinen Waffen-SZ, der Stuttgarter Zeitung, als Bildunterschrift nur einfällt, dass Netanjahu „im Zentrum der Kritik“ stehe). Ein Schild mit der Aufschrift „Ihr Juden seid Bestien!“ war zu sehen. Demonstranten griffen die Polizei mit Steinen an, woraufhin diese der Demonstration ein Polizeiauto samt Lautsprecheranlage zur weiteren Verkündung ihrer Hetze zur Verfügung stellte – laut Polizeisprecher, um die Situation zu deeskalieren. Am selben Tag demonstrierten in verschiedenen Städten Anhänger des palästinensischen Volkstumskampfes und trugen dabei – etwa auf der „Friedensdemonstration“ (so das Original aus der Hauptstadt der Bewegung) in München – u.a. Flaggen von Hamas, ISIS und Grauen Wölfen. In Gelsenkirchen riefen Teilnehmer der Demonstration „Hamas, Hamas, Juden ins Gas“ und „Allahu Akbar!“.sz

Einen Tag später, am 13. Juli, wurde in Bremen ein Mann aus der Demonstration heraus als „Scheiß Jude“ beschimpft, ein Journalist der Taz tätlich angegriffen. Ein Passant, der seine Ablehnung des Demonstrationsanliegens zum Ausdruck gebracht hatte, wurde mit der Faust ins Gesicht geschlagen und musste von einem Notarzt auf die Intensivstation gebracht werden.

Am 17. Juli skandierten Dutzende Demonstranten in Berlin „Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein!“; am 18. Juli kam es in Leipzig erneut zu „Scheiß Juden“-Rufen auf einer Demonstration. In Essen wurden auf einer vom Jugendverband der Linkspartei organisierten Demonstration Schilder mit Aufschriften wie „Früher angeblich Opfer – heute Täter“ sowie Davidsterne mit Hakenkreuzen gezeigt. Es erschallen Rufe wie „Scheiß Jude, brenn“ und eine proisraelische Gegendemo wurde mit Flaschen und Steinen beworfen. Ein Teilnehmer der Gegendemonstration wurde nach Auflösung der Veranstaltung verprügelt. Es wurden Verfahren wegen des Zeigens des Hitlergrußes eingeleitet.

Am 19. Juli wurde in Berlin ein zufällig die Demonstration passierendes israelisches Ehepaar angepöbelt, da der Mann durch seine Kippa als Jude zu erkennen war. Die Täter schrien „Scheiß Juden, wir kriegen euch!“ und „Wir bringen euch um!“. Zeitgleich fielen in Nürnberg hunderte Antisemiten in Fastfood-Restaurants im Hauptbahnhof ein – in dem Glauben, es handele sich um „jüdische“ Geschäfte. In Göttingen wurden aus einer Palästina-Demo heraus mehrere proisraelische Gegendemonstranten, begleitet von „Judenschweine“-Rufen, angegriffen und verletzt.

Am 20. Juli wurden in Hannover durchgestrichene Davidsterne präsentiert und antisemitische Parolen gegrölt, abermals proisraelische Demonstranten mit Tritten und Schlägen traktiert. Und auch kurz hinter der Grenze, im österreichischen Bregenz wurden aus einer Demonstration heraus Israelfreunde (laut Demonstrationsteilnehmern: „die Juden“) angegriffen, denen die Polizei nach kürzester Zeit nur zur Flucht riet. Ähnlich verliefen an diesem Wochenende Gegenkundgebungen in Innsbruck und Wien.

Am 24. Juli stürmten bei einem Fußballspiel zwischen Maccabi Haifa und dem OSC Lille im Salzburger Bischofshofen etwa 20 Männer den Platz und griffen die israelischen Spieler mit Tritten und Schlägen an.

Soweit zur derzeitigen Situation, wobei die alltäglichen Vorkomnisse – Drohbriefe an Mitglieder der jüdischen Gemeinde, Ausfälle in jüdischen Museen, antisemitische Sprüche auf den Schulhöfen und Hetzartikel in der SZ – noch nicht einmal eingerechnet sind. Was aber sagt nun Deutschlands oberster Antisemitismus-Experte dazu? Ein Mann, der es schon in der Vergangenheit fertig brachte, die antisemitische Motivation des Attentäters von Toulouse infrage zu stellen? In der Zeit vom 22. Juli 2014 gab Prof. Dr. em. Wolfgang Benz, ehemaliger Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung an der Technischen Universität Berlin, ein Interview, das endgültig seinen ideologischen Versuch offenbart, jeden Antisemitismus zu bagatellisieren, der nicht von Neonazis mit Hitlerbärtchen und Hakenkreuzbinde geäußert wird.

benzDem Hinweis des Zentralrates der Juden in Deutschland, dass es eine „schockierende Explosion des Antisemitismus“ in Deutschland gibt, begegnet der Experte mit der lapidaren Antwort: „Kritik an der Politik Israels ist nicht gleich Antisemitismus. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Antisemitismus ist hierzulande seit Jahrzehnten eine ziemlich konstante Größe. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung hegen so starke Ressentiments, dass man sie als Antisemiten bezeichnen kann.“ Indem Benz Vorfälle wie die oben beschriebenen unter das Stichwort „Kritik an der Politik Israels“ rubriziert, leugnet er nicht nur deren explizit antijüdischen Charakter, sondern tut auch so, als lasse sich das deutsch-islamische Gerede über Israel von Antisemitismus unterscheiden. Die willkürlich erscheinende Nennung der Zahl von 5% Antisemiten weicht extrem von der sonst in Umfragen üblichen Feststellung von 15-20% Personen mit antisemitischen Einstellungen ab und zeigt, dass Benz die Bedeutung der Tarnung, der Latenz und der Verschiebung in der postnazistischen Demokratie überhaupt nicht begriffen hat.

Angesichts der Tatsache, dass der Mann sich in den letzten Jahren zum Fürsprecher der angeblich so gehassten Muslime aufgeschwungen hat, ist erstaunlich, dass er diese konsequent aus der deutschen Gesellschaft ausschließt. Das Problem des Antisemitismus in Deutschland wird so gewissermaßen ausgelagert: „Wichtig ist jetzt, zu klären, wer das gerufen hat. Das waren offenbar junge Muslime oder Menschen mit Migrationsgrund. Das entschuldigt nichts, es ist auch nicht schlimmer oder weniger schlimm. Aber es ist wichtig für die Unterscheidung. Denn offenbar ist dies nicht der den Deutschen angeblich angeborene Antisemitismus, der immer wieder aufflackert.“ Zwar spielt der Hintergrund der Täter durchaus eine Rolle, wenn es darum geht, ihm aktiv entgegenzuwirken (was Benz allerdings selbst hintertreibt, wenn er die Kritik des Islam als „Islamophobie“ verunglimpft). Das ändert aber nichts daran, dass der islamische Antisemitismus „ein Teil von Deutschland“ (Christian Wulff) ist. Er kann gedeihen und sich austoben, weil es ein stilles Einverständnis der Mehrheit der autochthonen Deutschen gibt, das sich etwa in den Kommentaren der SZ, im Agieren von Polizei und Justiz oder in der Zustimmung zu antizionistischen Scharfmachern in Linkspartei und SPD ausdrückt.

Richtig ans Eingemachte geht es aber, wenn Benz sich auf sein Spezialfeld begibt, die psychologische Betrachtung des Antisemitismus: „Ressentiments gegen Juden sind Einstellungen – damit ist bei den meisten keine Gewaltbereitschaft verbunden.“ Nichts als Vorurteile, so wie die der Preußen gegen die Bayern oder der Kölner gegenüber den Düsseldorfern. Eine Geschichte der Gewalt, die in jedem antisemitischen Wort mit transportiert wird? Der Professor hat nie davon gehört. Selbst als er vom Interviewer mit der manifesten Gewalt in Paris konfrontiert wird, wiegelt er ab. Das sei nun mal Frankreich, da tickten die Uhren anders: „Antisemitismus ist in Frankreich etwas salonfähiger als bei uns. Auch aufgrund antisemitischer Traditionen, die es in Frankreich seit dem 19. Jahrhundert gibt, und die nicht wie in Deutschland durch die Erfahrung des Holocaust und das folgende Schuld- und Schamgefühl gebrochen sind.“ Benz tut so, als ob der aktuelle Antisemitismus in Frankreich eine Folge der Dreyfus-Affäre sei, um bloß nicht vom Antisemitismus der Linken, der Liberalen (also der Dreyfusards) und vor allem der Muslime sprechen zu müssen. Denn die seien keine Antisemiten, sondern „sympathisieren mit den unterdrückten Palästinensern“. „Das ist in erster Linie eine Israelfeindschaft“, meint Benz, und unterscheidet sie strikt von „allgemeiner Judenfeindschaft.“ Und wenn es sich dann doch nicht leugnen lässt, dass der Antisemitismus unter Muslimen auch in Deutschland grassiert – der Interviewer weist auf den Berliner Imam hin, der letzte Woche in der al-Nur-Moschee in Berlin-Neukölln zur Ermordung aller Juden aufgerufen hatte –, dann ist sich Benz sicher: „Wenn der Imam das so gepredigt hat, würde ich ihn als einen verwirrten Fanatiker bezeichnen, der jetzt wahrscheinlich große Probleme mit seiner Gemeinde hat. Er wäre jedenfalls nicht typisch für die deutschen Muslime. Zum Alltag gehört eher, dass junge Muslime und Juden aufeinander zugehen: In Berlin-Neukölln, in Duisburg, an anderen Orten.“

Da bleibt eigentlich nur die Frage: Ist das Verblendung oder Vorsatz?


Freitag – 13:00 – Kundgebung July 24, 2014 | 10:35 pm

Freitag ist es soweit, ab um 13 Uhr stellen wir uns den Antisemit*innen am Adenauerplatz (Brandenburgische Str./Ecke Kurfürstendamm) entgegen (https://www.facebook.com/events/251821861675647/)! Bei dem immer offener auf die Straße getragenen Hass in den letzten Tagen auf zahlreichen Anti-Israel-Demonstrationen ist es umso wichtiger sich dieser Hetze entgegen zu stellen, gemeinsam gegen den Al Quds Tag! Aufgrund der aktuellen Lage und [...]

Vor 70 Jahren: “Ich sah das Vernichtungslager” July 24, 2014 | 10:05 pm

Vor siebzig Jahren, am 23. Juli 1944 befreite die Rote Armee im Rahmen ihrer großen Sommeroffensive, das von der deutschen Wehrmacht verteidigte Vernichtungslager Maidanek. Der Schriftsteller Konstantin Simonow war Frontberichterstatter und schrieb den hier dokumentierten Bericht. Er war der erste Bericht eines alliierten Soldaten über ein aufgefundenes Vernichtungslager. Der Bericht zeigt zum einen die bei vielen Rotarmisten vorhandene antifaschistische Gesinnung und ihre Abscheu vor der nationalsozialistischen Barbarei und die Empathie für die Opfer. Diese Haltung trägt dazu bei, dass der Text immer wieder der offiziellen Sprachregelung in der Sowjetunion zuwiederläuft, die im Faschismus eine brutale Diktatur des Kapitals und den Faschismus als besondere Ausprägung des Imperialismus ansah, weniger oder gar nicht jedoch den Antisemitismus und die Volksgemeinschaft thematisierte. Man findet bei Simonow beides, Juden werden als Opfer benannt, dann sind es wieder Polen aus dem Warschauer Ghetto, die in Maidanek umgebracht wurden. Juden als Opfer des antisemitischen Vernichtungswahns zu beschreiben und diesen als Spezifikum des Nationalsozialismus zu kategorisieren, soweit geht Simonow nicht. Aber er beschreibt eindrücklich die Eigenart der Deutschen sich herausreden zu wollen und die Schuld am Geschehen den anderen zuzuschieben, der SS, dem SD, der GESTAPO etc. Smimonow kommt am Ende zu einer bemerkenswerten Schlußfolgerung als er zwei Tätertypen beschreibt, den Mörder und den Nutznießer. Beide umspannt eine Kette, die ganz Deutschland umspannt.

Das, worüber ich jetzt schreiben will, ist so ungeheuerlich und grauenhaft, daß man es in seinem ganzen Umfang gar nicht fassen kann. Mit der Untersuchung dieser grauenvollen Taten werden sich zweifellos Juristen, Ärzte, Historiker und Politiker noch lange beschäftigen. Und diese eingehenden Untersuchungen werden erst den ganzen Umfang dieses von Deutschen begangenen Verbrechens gegen die Menschheit in allen Einzelheiten ans Licht bringen. Mir sind bisher bei weitem noch nicht alle Tatsachen und alle Zahlen bekannt: ich sprach vielleicht nur mit einem Hundertstel der Zeugen und sah wohl nur ein Zehntel der vorhandenen Spuren des Verbrechens. Doch ein Mensch, der das gesehen hat, kann nicht schweigen und kann nicht warten. Ich möchte schon jetzt, gerade heute, von den ersten entdeckten Spuren des Verbrechens berichten, von dem, was ich in diesen Tagen gehört und mit eigenen Augen gesehen habe. Ende 1940 erschienen auf einem riesigen unbebauten Feld, das sich rechts von der Cholmer Landstraße, zwei Kilometer von Lublin, erstreckt, einige SS-Offiziere und Landvermesser mit ihren Arbeitsgeräten. Ein paar Tage später war hier ein riesiges Grundstück vermessen, das fast das ganze Feld umfaßte und eine Gesamtfläche von fünfundzwanzig Quadratkilometer einnahm. Auf dem in der Gestapo angefertigten Grundriß waren sechzehn riesige Quadrate eingezeichnet, und jedes Quadrat enthielt je zwanzig gleiche Rechtecke. Diese Rechtecke bezeichneten Baracken, und die Quadrate waren die sogenannten Felder oder Sektoren, die von allen Seiten mitStacheldraht umgeben waren. Oben auf dem Grundriß stand zuerst die späterverschwundene Überschrift: »Lager Dachau Nr. 2«.
Rotarmisten gedenken der Toten in Maidanek

Rotarmisten gedenken der Toten im gerade befreiten Maidanek

Die Gestapo begann bei Lublin mit dem Bau eines riesigen Konzentrationslagers, dass einem System nach eine genaue Kopie des berüchtigten Lagers Dachau in Deutschland darstellte, jedoch dieses an Größe mehrfach übertraf. Der Bau begann im Winter 1940/41. Anfangs wurde eine Anzahl polnischer Ingenieure und Arbeiter aus der Zivilbevölkerung zum Bau herangezogen, denen man bald darauf polnische und jüdische Kriegsgefangene als Hauptarbeitskräfte beigab, die während des deutsch-polnischen Krieges im Jahre 1939 gefangengenommen waren. Etwa imAugust 1941 wurde das erste Tausend russischer Kriegsgefangener und Zivilpersonen als Arbeitskräfte in das im Bau befindliche Lager eingeliefert. Zu dieser Zeit war dort das erste Feld, oder, wie die Deutschen es nannten, der »erste Block«, mit zehn Baracken zur Hälfte fertiggestellt.
Den ganzen Herbst 1941 und den Winter1942 hindurch wurde der Bau fortgesetzt. Die Zahl der mit dem Bau beschäftigten Menschen wuchs allmählich. Bald nach denRussen kamen große Gruppen politischer Gefangener – Tschechen und Polen – an sowie Menschen, die aus anderen Lagern übergeführt wurden, wo die meisten von ihnen schon seit 1933 gesessen hatten. Im Herbst 1941 wurden die ersten zweitausend Juden aus dem Lubliner Getto zur Arbeit hierher gebracht. Ihnen folgten im Dezember1941 siebenhundert Polen aus dem Lubliner Schloß. Dann gerieten vierhundert polnische Bauern ins Lager, die dem deutschen Staat nicht rechtzeitig die Steuern bezahlt hatten. Im April 1942 kamen Transporte von zwölftausend Personen aus der Slowakei – Juden und politische Gefangene – im Lager an. Den ganzen Mai hindurchtrafen immer neue Transporte aus Böhmen, Österreich und Deutschland ein. Der Bau des Lagers wurde äußerst beschleunigt, und im Mai waren die Baracken Nr. 1, 2, 3 und 4 für etwa vierzigtausend Personen vollendet. Den Monat Mai 1942 kann man als den Abschluß der ersten Etappe in der Geschichte des Lagers betrachten.
Das war die Periode einer fieberhaften Bautätigkeit, in der man unermüdlich bestrebt war, den allgemeinen Unterkunftsraum zu erweitern. Als die Baracken für vierzigtausend Personen fertig und die Haupt-, Neben- und Sonderbauten errichtet waren, als alles mit doppelten Reihen Stacheldraht, zum größten Teil unter Starkstrom, umgeben war, wurde das Lager von der Gestapo als betriebsfertig bezeichnet. Es wurde auch weiterhin ausgebaut und wäre ins Endlose weiter gebaut worden, hätten unsere Truppen Lublin nicht genommen. Doch das Bautempo war schon ein anderes. Vom Mai 1942 an wurde das Lager allmählich ausgebaut, ohne Hast, mit Einführung aller möglichen Vervollkommnungen. Dieses »Konzentrationslager der SS,Lublin«, wie es in amtlichen Papieren genannt wurde, hieß seit Mai 1942 in nichtamtlichen Dokumenten, Briefen, sonstigen Schriftstücken und von Mund zu Mund anders, und zwar »Vernichtungslager«. Auf dem zwei Kilometer von Lublin entfernten unbebauten Feld, rechts von der Cholmer Landstraße, errichteten die Deutschen die größte »Todesfabrik« Europas, einzig und allein dazu bestimmt, auf möglichst einfache, nutzbringende und schnellste Weise eine größtmögliche Anzahl von Kriegsgefangenen und politischen Häftlingen zu vernichten.
Die Organisation des Lagers war in jeder Beziehung einzig dastehend. Findet man in anderen deutschen Mordeinrichtungen alle die Elemente des Systems aus dem Lubliner »Vernichtungslager« vereinzelt vor, so haben diese grauenhaften Erzeugnisse der deutschen Tollwut sich in dieser vollständigen, sozusagen lückenlosen Form noch nie so offensichtlich unseren Blicken dargeboten wie hier in Lublin. Uns sind Stätten bekannt wie Sobibor und Bjelshza, wo ganze Züge mit Todeskandidaten auf einer Schmalspurbahn auf ein abgelegenes ödes Feldgebracht wurden, wo man die Menschen erschoß und verbrannte. Wir kennen solche Lager wie Dachau und Auschwitz oder das »Großlazarett« in Slawuta, wo die Zivil-und Kriegsgefangenen durch Schläge; Hunger und Krankheiten allmählich umgebracht wurden. Aber im Lubliner »Vernichtungslager« waren alle diese Methoden kombiniert.Hier lebten in den Baracken Zehntausende Gefangene; die ununterbrochen ihr Gefängnis bauten, ausbauten und umbauten.
Es gab Tausende von Kriegsgefangenen, die vom Herbst 1942 an nicht zur Arbeit zugelassen wurden, deren Lebensmittelration noch kleiner war als die der anderen Gefangenen und die mit entsetzlicher Geschwindigkeit durch Hunger und Krankheiten umkamen. Es gab hier Todesfelder mit Scheiterhaufen und Leichenverbrennungsöfen, wo Tausende, ja Zehntausende von Menschen vernichtet wurden, die nur wenige Stunden oder Tage im Lager gehalten wurden, je nachdem, wie groß die Zahl der Angekommenen war und wieviel Zeit nötig war, um sie zu durchsuchen und nackt auszuziehen. Es gab hier »Gaswagen« vom gewöhnlichen Typus und stabil gebaute, betonierte Bunker für Zyklongasvergiftungen. Hier wurden die Menschen auch auf altindische Art verbrannt, auf die allerprimitivste Weise: eine Reihe Holzscheite, darauf eine Reihe Leichen, dann wieder eine Reihe Holzscheite und wieder eineReihe Leichen. Hier wurde die Verbrennung in primitiven Kremationsöfenvorgenommen, die wie große eiserne Kessel gebaut waren, und man benutzte auch ein besonders vervollkommnetes Krematorium für Blitzverbrennung.
Die einen wurden in Gräben erschossen, anderen wurde der Halswirbel mit einem eisernen Stock durchschlagen. Hier wurden Menschen im Wasserbecken ertränkt und auf verschiedenste Arten erhängt; es gab gewöhnliche Galgen mit einer Querstange und vervollkommnete transportable Galgen mit Flaschenzug und Schwungrad. Lublin war eine Todesfabrik, wo die Zahl der täglichen Todesfälle von zwei Faktoren geregelt wurde: von der Anzahl der ins Lager eingelieferten Menschen und von den in einerbestimmten Phase benötigten Arbeitskräften für den endlos fortgesetzten Bau. Endgültige Zahlen wird man erst später genau feststellen. Aber einige vorläufige Zahlen lassen sich schon heute erkennen. Alles in allem war das Lager über drei Jahre lang im Betrieb. Als die Rote Armee nach Lublin kam, fand sie im Lager nur einige hundert Russen vor; als sie im Frühling auf Kowel vorrückte, evakuierten die Deutschen nach Zeugenaussagen zwölf- bis sechzehntausend Gefangene aus demLager. Selbst wenn wir die Zahl Sechzehntausend annehmen, so enthielt das Lager vor seiner Auflösung insgesamt kaum siebzehntausend Personen.
Die durchschnittliche Zahl der Gefangenen betrug jedoch nach den Tagesberichten der Lagerkommandantur im Jahre 1943 ungefähr vierzigtausend Personen, die nach oben oder unten um einige Tausende schwankte. Nehmen wir jedoch die Gesamtzahl der Menschen, die im Laufe von über drei Jahren ins Lager eingeliefert wurden, so stellt sich heraus, daß zwischen der Endzahl von siebzehntausend und der Zahl der Eingelieferten ein Unterschied von vielen Hunderttausenden besteht. Dieser Unterschied gibt annähernd die Zahl der Menschen wieder, die unmittelbar im Lager umgebracht wurden, abgesehen von denen, die, ohne erst im Lager registriert zu werden, getötet wurden. Alle diese Angaben sind den amtlichen Rechenschaftsberichten der Verwalter des Lagers für die ganze Zeit seines Bestehens entnommen. Als ich von den Gefangeneneinlieferungen während der ersten Bauperiode des Lagers sprach, verwies ich auf den Monat Mai 1942. Im April und Mai 1942 wurden massenhaft Juden aus den Gettos von Lublin und Umgebung ins Lager eingeliefert: ImLaufe des Sommers kamen weitere achtzehntausend Personen aus der Slowakei und aus Böhmen an. Im Juli 1942 brachte man die erste Gruppe Polen, die beschuldigt wurden, sie seien Partisanen gewesen. Schon dieser erste Transport bestand aus fünfzehnhundert Personen. Im selben Monat wurde eine große Zahl politischer Gefangener aus Deutschland übergeführt. Im Dezember 1942 brachte man einigetausend Juden und Griechen aus dem Auschwitz-Lager bei Krakau; am 17. Januar 1943 fünfzehnhundert Polen und vierhundert Polinnen aus Warschau. Am 2. Februar trafen neunhundertfünfzig Polen aus Lemberg ein, am 4. Februar viertausend Polen und Ukrainer aus Taloma und Tarnopol. Im Mai 1943 kam ein Transport von sechzigtausend Menschen aus dem Warschauer Getto an. Den ganzen Sommer und Herbst 1943 über wurden mit Unterbrechungen von einigen Tagen Gefangenentrupps aus allen deutschen Hauptlagern – Sachsenhausen, Dachau, Flossenburg, Neuhamm, Großenrosen und Buchenwald – eingeliefert. Keiner dieser Transporte war unter tausend Mann stark.
Die Herkunft der Neuangekommenen erfuhr man im Lager nicht nur aus ihrenErzählungen, man erkannte sie auch gleich äußerlich, denn jedes Lager hinterließ bei den Insassen seinen besonderen Stempel. In Auschwitz zum Beispiel war es Sitte, allen Gefangenen, auch den Frauen, die Köpfe kahl zu scheren und ihnen die Gefangenennummer nicht wie anderswo um den Hals zu hängen, sondern in die Handfläche einzubrennen. Aus Buchenwald kamen Menschen an, die nur schwer Sonnenlicht vertragen konnten: in einer Filiale von Buchenwald, dem »Dora-Lager«, befand sich ein in den Felsen gehauenes unterirdisches Werk, in dem die berüchtigte »V-1 «-Waffe – die deutschen Flügelbomben – hergestellt wurde. Dort arbeiteten ausschließlich Slawen, hauptsächlich Polen und Russen. Sie arbeiteten, ohne ans Tageslicht zu kommen, und nach einem halben Jahr unterirdischer Arbeit büßten sie ihr Sehvermögen so stark ein, daß sie unverzüglich gruppenweise ins Lubliner »Vernichtungslager« geschickt wurden.Ich habe nur einige Zahlen und Lager genannt, nicht um eine vollständige Berechnung der Umgekommenen aufzustellen, sondern um zu helfen, sich wenigstens ein ungefähres Bild von dem Geschehenen zu machen. Ergänzend noch einiges über die nationale Zugehörigkeit der hier Eingelieferten. Die im Lager Umgebrachten waren meistenteils Polen. Unter ihnen waren Geiseln, echte und angebliche Partisanen und Angehörige von Partisanen, außerdem sehr viele Bauern, besonders solche, die aus Bezirken ausgesiedelt worden waren, in denen die deutsche Kolonisierung vor sich ging. Nach den Polen bilden Russen und Ukrainer die größte Zahl der Ermordeten. Ebenso groß ist die Zahl der von den Deutschen vernichteten Juden, die buchstäblich aus allen Ländern Europas, von Polen bis Holland, im Lager zusammengetrieben wurden. Dann folgen ansehnliche Zahlen, jede über mehrere tausend: das sind Franzosen, Italiener, Holländer und Griechen. Eine kleinere,aber ebenfalls beträchtliche Zahl entfällt auf Belgier, Serben, Kroaten, Ungarn,und Spanier (die letzteren gehörten offenbar zu den in Frankreich festgenommen Republikanern). Aus den gefundenen Personalausweisen ersieht man, daß hier Bürger aus aller Herren Länder eingeliefert waren, und zwar Norweger, Schweizer, Türken und sogar Chinesen.

 
In einem Zimmer der Lagerkanzlei, wo ein großer Haufen von Papieren, Pässen undPersonalausweisen der Getöteten auf dem Boden lag, fand ich, als ich aufs Geratewohl diese Papiere herausgriff, im Laufe von zehn Minuten Dokumente Angehöriger fast aller europäischen Nationen. Da war der Paß von Sophia Jakowlewna Dussewitsch aus dem Dorf Konstantinowka im Kiewer Gebiet, einer ukrainischen Arbeiterin, geboren im Jahre 1917. Da war der Paß mit dem Stempel »RepubliqueFrancaise« auf den Namen Eugene Duramer, Franzose, Metallarbeiter, geboren in LeHavre am 22. September 1888. Ein von der Volksschule in Banja-Luka ausgestelltes Zeugnis für Ralo Zunic, Mohammedaner, der die Schule im Jahre 1937 mit dem Zeugnis»dobar«, d. h. »gut« in »Moral, Naturkunde und Geschichte« abgeschlossen hatte. Ein in Kroatien ausgestellter Paß lautete auf den Namen Jatiranowic, geboren in Zagreb, den dieser am 2. Januar 1941 erhielt. Da war der Paß Jakob Borchardts, geboren in Rotterdam am 10. November 1918, ein Personalausweis von Eduard Alfred Saka, geboren im Jahre 1914 in Mailand auf der Via Plimo Nr. 29, »Größe 175,Körperbau stark, besondere Kennzeichen keine«. Da war ein Personalausweis Nr.8544, ausgestellt für Savaranti, Grieche, von der Insel Kreta. Ein deutscher Reisepaß lautete auf Ferdinand Lotmann, Ingenieur aus Berlin, geboren am 19.August 1872; da war ein Arbeitsbuch mit dem Stempel »Generalgouvernement«, ausgestellt für Sigmund Remak, polnischer Arbeiter, geboren am 20. März 1924 in Krakau. Da gab es eine chinesische Legitimation mit Photo und Hieroglyphen, die ich nicht lesen konnte. Es gab Personalausweise mit Blutflecken, andere waren durch Wasser aufgeweicht, es gab Papiere, die mitten durchgerissen, und andere, die zertrampelt waren. Dieser grauenhafte Berg von Personalausweisen war ein Grabhügel ganz Europas, eingezwängt in die vier Wände eines Zimmers.Es läßt sich sogar schwerlich voraussagen, welche ungeheuerlichen Einzelheiten beider eingehenden Untersuchung dieser Papiere und bei dem Verhör der unzähligen Zeugen zutage kommen werden.
Wie viele furchtbare Enthüllungen über das Schicksal der verschiedensten Menschen aus den verschiedensten Winkeln Europas werden erst gemacht werden, wenn das ganze Material ans Tageslicht kommt und alle Zeugen vernommen werden? Geht man die Cholmer Landstraße entlang, so sieht man rechter Hand in etwa dreihundert Meter Entfernung die Umrisse einer ganzen Stadt emporwachsen: Hunderte niedriger, grauer Dächer, gebaut in genau ausgerichteten Reihen, getrennt durch Stacheldraht. Es ist eine große Stadt mit Raum für Zehntausende von Menschen. Man biegt von der Landstraße ab und fährt durch ein Tor auf die andere Seite des Stacheldrahtverhaus. Saubere Baracken mit gepflegten Vorgärten und aus Birkenholzgezimmerten Sesseln und Bänken stehen in Reihen. Das sind die Baracken der SS-Wache und der Lagerleitung. Hier ist auch das »Soldatenheime, eine etwas kleinere Baracke, in der das Bordell für die Lagerwache untergebracht war; die Frauen waren ausschließlich Gefangene, und sobald eine schwanger wurde, wurde sie umgebracht. Dann kommen die Desinfektionskammern für die den Gefangenen abgenommenen Kleider. Durch in die Decke eingelassene Rohre wurden Desinfektionsmittel geschüttet, dann wurden die Rohre verkittet, die Türen hermetisch verschlossen, und die Desinfizierung konnte beginnen. Die Bretterwände der Baracken und die leichtgebauten, nicht mit Eisen beschlagenen Türen bezeugen, daß hier tatsächlich nur Kleiderdesinfizierungen vorgenommen werden konnten. Doch nun öffnen wir die nächste Tür und gelangen in eine zweite Desinfektionskammer, die schon nach einem ganz anderen Prinzip gebaut ist. Ein quadratischer Raum, etwas über zwei Meter hoch, mit einer Bodenfläche von etwa sechs mal sechs Meter, Wände, Decke und Boden sind aus kompaktem grauem Beton. Kleiderhaken wie im ersten Raum gibt es hier nicht. Alles ist kahl und leer. DerEingang zum Raum wird von einer einzigen großen Stahltür mit riesigen Stahlriegeln von außen her hermetisch verschlossen.
Die Wände dieser Betonkammer haben drei Öffnungen: zwei von ihnen bestehen ausRohren, die von außen nach innen führen, die dritte ist ein Guckloch. Es ist ein kleines viereckiges Fensterchen, geschützt durch ein innen in der Betonwand angebrachtes starkes und dichtes Stahlgitter. Das dicke Glas ist von außen so eingesetzt, daß man es durchs Gitter nicht erreichen kann. Wohin sieht man durchs Guckloch? Um auf diese Frage Antwort zu bekommen, öffnen wir die Tür und treten aus der Kammer. Neben ihr ist eine zweite kleine Betonkammer angebaut, in die eben das Guckloch führt. Hier gibt es elektrisches Licht und einen Schalter. Von hier aus kann man durch das Guckloch die ganzeKammer übersehen. Auf dem Boden stehen einige runde, hermetisch verschlossene Behälter mit der Aufschrift »Zyklon« und darunter in kleiner Druckschrift: »Zur besonderen Verwendung in den Ostgebieten«. Der Inhalt eben dieser Behälter wurde durch die Rohre in die benachbarte Kammer geschüttet, wenn sie voller Menschen war. Die Menschen waren nackt und so dicht aneinandergedrängt, daß sie wenig Platz einnahmen. In der Kammer mit einer Bodenfläche von etwa vierzig Quadratmeter wurden über zweihundertfünfzig Menschen zusammengepfercht. Sie wurden hineingestoßen, die Stahltür von außen verriegelt und zur besseren Abdichtung verkittet, ein Sonderkommando in Gasmasken entleerte die runden »Zyklon«-Behälterin die Rohre. In den Behältern waren blaue, harmlos aussehende kleine Kristalle, die bei Verbindung mit Sauerstoff Giftstoff aussondern, der sofort auf alle Zentren des menschlichen Körpers einwirkt. Durch die Rohre wurde »Zyklon«geschüttet, der die Erstickung leitende SS-Mann drehte den Schalter an, die Kammer wurde hell beleuchtet, und er beobachtete von seinem Kommandopunkt durchs Guckloch den Erstickungsprozeß, der, verschiedenen Aussagen zufolge, zwei bis zehn Minuten dauerte. Durchs Guckloch konnte er ungefährdet alles sehen, sowohl die verzerrtenGesichter der Sterbenden wie auch die fortschreitende Wirkung des Gases. Das Guckloch ist gerade in Augenhöhe eingebaut.
Und wenn die Menschen starben, brauchte der Beobachter nicht hinabzusehen : sie fielen nicht um im Sterben, die Kammer war so vollgepfropft, daß auch die Toten aufrecht standen. Übrigens ist »Zyklon« wirklich ein Desinfektionsmittel. Mit ihm wurden tatsächlich in den Nebenkammern Kleider desinfiziert. Alles ist makellos, alles ist in Ordnung, alles entspricht der Wirklichkeit. Es handelt sich nur darum, wie groß die Dosis »Zyklon« ist, die in die Kammer geschüttet wird. Gehen wir einige hundert Schritte weiter. Ein leerer Platz. Verschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß hier früher einmal ein Gebäude gestanden haben muß. Ja, hier war bis zum vorigen Herbst ein Krematorium. Im Herbst wurde der Bau eines anderen, vervollkommneten Krematoriums beendet, zu dem wir später kommen werden; das alte, primitiv gebaute Krematorium wurde zerstört, da seine Leistungsfähigkeitwesentlich hinter der rationalisierten, vervollkommneten Gaskammer zurückblieb. Jenes Krematorium bestand einfach aus einer geräumigen Baracke mit Zementboden, wo auf Ziegelfundamenten zwei riesige Eisenkessel der Länge nach aufgestellt waren. Die Verbrennung ging in diesen Kesseln viel zu langsam vor sich. Zwar erwartete man hier nicht die endgültige Einäscherung der Leichen, doch schon der Zerfall der Leiche in morsche Knochen dauerte hier wenigstens zwei Stunden. In beide Verbrennungsräume kamen gleichzeitig je vierzehn Leichen. Das Krematorium konnte also täglich nicht mehr als hundertfünfzig Leichen verbrennen, während in der Gaskammer sogar bei nur einer, wie man sich hier ausdrückte, »Vergasung« dreihundert Personen täglich getötet wurden. Deshalb mußte vor dem Bau des neuen Krematoriums an den großen Vernichtungstagen ein bedeutender Teil der Leichen von hier mit Lastkraftwagen auf ein Feld hinter den Lagern gebracht und dort verscharrt werden. Der Zaun besteht aus zwei Reihen vier Meter hoher Pfosten mit Stacheldraht, der oben in Halbdachform nach innen gebogen ist. Beide Pfostenreihen stehen zwei Meter voneinander, und quer durch diesen Zwischenraum zieht sich im Diagonal, von der Spitze des einen Pfostens bis zum Fuß des gegenüberstehenden, eine dritte Reihe Stacheldraht.
Der Draht läuft über Isolationsrollen und war elektrisch geladen: durch ihn wurde ein tödlicher Starkstrom geleitet, der jede Fluchtmöglichkeit ausschloß. Dieses elektrifizierte System war anfangs nicht eingeführt. Ursprünglich ging durch den Drahtverhau kein elektrischer Strom. Der Übergang zum elektrischen System wurde durch folgenden Vorfall hervorgerufen. Im Mai 1942 erschlug eine Gruppe russischer Kriegsgefangener, die Erschossene im nahe liegenden Krempezker Wald begraben sollten, mit ihren Spaten sieben deutsche Wächter und flüchtete. Zwei von ihnen wurden gefangen, die übrigen fünfzehn entkamen. Da wurden die imLager verbliebenen hundertdreißig Kriegsgefangenen (von den tausend im August 1941eingelieferten Kriegsgefangenen waren nur hundertdreißig am Leben geblieben) in den Block übergeführt, wo die Häftlinge aus der Zivilbevölkerung untergebrachtwaren. Eines Abends Ende Juni entschlossen sich die russischen Kriegsgefangenen, als sie sahen, daß sie hier sowieso zugrunde gehen würden, zu einem Fluchtversuch. Einige Dutzend der Häftlinge gingen nicht mit. Die Kriegsgefangenen sammelten alle vorhandenen Bettdecken, legten sie zu je fünf Stück zusammen, breiteten sie als Brücken über den Stacheldraht aus und flohen. Die Nacht war finster, nur vier derFlüchtlinge wurden erschossen, die übrigen entkamen. Die zurückgebliebenen fünfzig Mann wurden sofort nach Entdeckung der Flucht in den Hof geführt, mußten sich auf die Erde legen und würden aus Maschinenpistolen erschossen. Doch die Deutschen begnügten sich nicht mit dieser Strafmaßnahme. Die gelungene Flucht blieb eineTatsache, und die Deutschen elektrifizierten eiligst vier der fünf Blocks. Nur einer der Blocks war nicht elektrifiziert: dort befanden sich Frauen, von denen man wohl schwerlich einen Fluchtversuch erwarten konnte. Wir gelangen zu einem anderen Nebenblock. Er ist weniger sorgfältig abgezäunt als die Wohnblocks. Daran ist übrigens nichts Erstaunliches, denn hierher kamen die Toten oder Halbtoten oder solche, die unter verstärkter Bewachung zur Tötung vorgesehen waren. Hier, hinter diesem Draht, lebte, mit Ausnahme der SS und der Leichenverbrennungsmannschaft niemand länger als eine Stunde.
Mitten auf einem leeren Feld sehen wir einen hohen viereckigen Schornstein aus Steinen mit einem anschließenden langen, niedrigen rechteckigen Ziegelsteingebäude. Das ist das Krematorium. Es ist vollkommen erhalten geblieben. Etwas weiter finden wir die Überreste eines großen Ziegelsteinbaus: In den wenigen Stunden, die der Lagermannschaft zwischen der Nachricht vom Durchbruch der Front und der Ankunft unserer Truppen zur Verfügung standen, versuchte sie, die Spuren zu verwischen. Sie schaffte es nicht, das Krematorium in die Luft zu sprengen, aber das Nebengebäude setzten sie in Brand. Trotzdem legen die Spuren ein beredtes Zeugnis ab. Ein fürchterlicher Leichengestank erfüllt die Luft. Die Nebenräume des Krematoriums bestehen aus drei Hauptkammern. Die eine Kammer ist vollgestopft mit halbverbrannten Kleidungsstücken. Das sind die noch nicht weggebrachten Kleider der letzten Gefangenen, die hier ermordet wurden. Von derKammer nebenan ist nur ein Teil der Wand übriggeblieben. In diese Wand sind mehrere Rohre kleineren Durchmessers eingelassen als die in der Gaskammer, die wir schon gesehen haben. Das ist auch eine Gaskammer zur Vergiftung (bisher ist noch nicht aufgeklärt, ob mit »Zyklon« oder mit einem anderen Gas). Wenn besondersviele ausgerottet werden sollten, konnte die Hauptgaskammer nicht alles bewältigen, und ein Teil der Menschen wurde hierhergeführt und unmittelbar neben dem Krematorium »vergast«. Die dritte und geräumigste Kammer war offenbar für die Aufstapelung der Leichen bestimmt, die hier lagen, bis sie an die Reihe kamen, um verbrannt zu werden.
Der ganze Boden ist mit halbverwesten Skeletten, Schädeln undKnochen bedeckt. Dies rührt nicht von einer planmäßigen Verbrennung her, sondern das ganze Gebäude wurde niedergebrannt: als die Deutschen die dritte Kammer anzündeten, verbrannten die dort aufgehäuften Leichen. Es sind ihrer viele, vielleicht Dutzende, vielleicht Hunderte – das ist schwer zu sagen, denn diese Menge halbverwester Knochen mit Stücken halbverbrannten Fleisches daran läßt sich nicht zählen.
Jetzt sind es nur noch wenige Schritte zum eigentlichen Krematorium. Es stellt ein großes Rechteck dar, gebaut aus feuerfesten Ziegeln, aus Dinassteinen. In diese Steinwand sind fünf große Feueröffnungen nebeneinander eingelassen mit hermetisch verschließbaren gußeisernen Ofentüren. Die runden Ofentüren stehen jetzt offen. Die tiefen Verbrennungsräume sind zur Hälfte,- mit verbrannten Knochen und Asche gefüllt. Vor den Öfen liegen auf dem Platz vor den Feueröffnungen halbverkohlte Menschenskelette, die die Deutschen verbrennen wollten und die nun durch die Feuersbrunst zerstört wurden. Vor drei Feueröffnungen liegen Männer- oderFrauenskelette, vor den beiden anderen liegen Skelette von Kindern im Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren – nach der Größe zu urteilen. Vor jedem Feuerlochliegen fünf bis sechs Skelette. Das entspricht ihrem Fassungsvermögen: in jedenVerbrennungsraum wurden sechs Leichen auf einmal gestopft. Wenn die sechste Leiche nicht Platz fand, schlug die Verbrennungsmannschaft den nicht hineingehendenKörperteil – die Hand oder das Bein oder den Kopf – einfach ab und schloß darauf hermetisch die Ofentür. Im ganzen gibt es dort fünf Verbrennungsräume. Ihre Leistungsfähigkeit war sehr groß. Das Krematorium war so berechnet, daß die Verbrennung der Leichen innerhalb von fünfundvierzig Minuten erfolgte. Doch allmählich lernten es die Deutschen, denVerbrennungsprozeß zu beschleunigen, und verdoppelten durch Erhöhung der Temperatur die Leistungsfähigkeit: die Dauer der Leichenverbrennung wurde von fünfundvierzig Minuten auf fünfundzwanzig Minuten und sogar auf weniger verkürzt. Sachverständige haben bereits diese Dinassteine untersucht und an ihrer Deformierung und Strukturveränderung erkannt, daß die Temperatur hier überfünfzehnhundert Grad betrug. Als ergänzender Beweis dienen die gußeisernen Schieber, die auch deformiert und geschmolzen sind. Nehmen wir als Durchschnittan, daß die Verbrennung jeder Partie Leichen eine halbe Stunde dauerte, und fügen wir hinzu, daß nach übereinstimmenden Aussagen der Schornstein des Krematoriums vom Herbst 1943 an ununterbrochen Tag und Nacht rauchte und das Krematorium wie ein Hochofen keine Minute stillstand, dann ergibt sich, daß ungefähr,vierzehnhundert Leichen täglich verbrannt wurden. Zum Bau des Krematoriums sahen sich die Deutschen besonders auch durch dieVorgänge bei dem Fall »Katyn« genötigt. Sie fürchteten weitere Enthüllungen beider Öffnung der Gruben mit den verscharrten Leichen der Ermordeten, und deshalb unternahmen sie auf dem Gelände des Lubliner Lagers vom Herbst 1943 anumfangreiche Ausgrabungen. Sie gruben aus den vielen umliegenden Gräben die halbvermoderten Leichen der Erschossenen aus und verbrannten sie im Krematorium,um die Spuren endgültig zu verwischen. Die Asche und die verkohlten Knochen aus den Verbrennungsräumen des Krematoriumswurden in dieselben Gräben geschüttet, aus denen die Leichen ausgegraben wurden. Einer dieser Gräben ist schon geöffnet worden. Man fand dort eine fast meterdicke Aschenschicht.
Hinter dem Lager steht noch ein unvollendeter Block. Innerhalb des Stacheldrahts sind nur Ziegelfundamente zu sehen. Die Mauern sind noch nicht errichtet; nur eine Baracke ist fertiggebaut, aber nicht mit Pritschen versehen. Sie war unbewohnt, und dennoch wurde sie vielleicht zum grauenhaftesten Zeugen dessen, was hier vor sich ging. Diese einige Dutzend Meter lange und breite Baracke ist in ihrer ganzen Ausdehnung und in halber Deckenhöhe, d. h. über zwei Meter hoch, angefüllt mit dem Schuhzeug der hier im Laufe von drei Jahren hingerichteten Menschen. Es ist schwer zu sagen, wieviel Paar Schuhe hier liegen. Vielleicht eine Million, vielleicht mehr. Das Schuhzeug hat keinen Platz in der Baracke und fällt aus Fenstern und Türen heraus. An einer Stelle hat sein Gewicht die Wand durchgedrückt, und ein Stück der Wand ist zusammen mit einem Berg von Schuhen eingefallen. Hier finden wir alles: zerrissene russische Soldatenstiefel und polnische Militärstiefel, Männerschuhe und Damenhalbschuhe, Galoschen und vor allem – was das Furchtbarste ist – zehntausende Paar Kinderschuhe: Sandalen, Halbschuhe und Schuhchen für Zehnjährige, Achtjährige, Sechsjährige und Babyschuhe. Man kann sich kaum etwas Grauenvolleres vorstellen als dieses Bild. Ein furchtbares, stummes Zeugnis für die Ermordung Hunderttausender von Männern, Frauen und Kindern! Steigt man über diesen Schuhberg hinweg und gelangt in den rechten Winkel des Schuppens, findet man sogleich die Erklärung für das Bestehen dieses ungeheuerlichen Lagerraums. Hier sind Tausende, ja Zehntausende von Sohlen und Oberleder zusammengelegt und Lederstücke einzeln gesammelt. Hier wurde der Teil des Schuhwerks, der als Fußbekleidung schon unbrauchbar war, aufgetrennt und sortiert, und die Sohlen, Absätze und Oberleder wurden gesondert abgelegt. Wie alles im Todeslager hatte auch diese Sammelstelle ihren nutzbringenden Zweck: von den Ermordeten durfte nichts verlorengehen – weder ihre Kleider noch ihr Schuhzeug, noch ihre Knochen, noch ihre Asche.
In einem der großen Häuser in Lublin ist die letzte Abteilung des Lagers untergebracht. In Dutzenden von Räumen, in Dutzenden großer und kleiner Zimmer ist dort eine riesige Sortierungsstelle für alle Hinterlassenschaften der Ermordeten eingerichtet. In einem Zimmer sehen wir Zehntausende von Frauenkleidern, in einem anderen, einige zehntausend Paar Beinkleider, in einem dritten Zehntausende vonWäschestücken, in einem vierten Tausende von Damentäschchen, in einem fünften Zehntausende von Kinderanzügen und -kleidern, in einem sechsten Rasierzeug, in einem siebenten Mützen und Hüte. Ich sprach mit gefangenen Deutschen, die am Krematorium und an den Leichengräben vorbeikamen. Sie stritten ihre Teilnahme an all dem ab. Sie sagten, nicht sie hätten das getan, sondern die SS. Aber als ich später einen im Lager beschäftigten SS-Mann verhörte, behauptete er, daß die Massenhinrichtungen nicht die SS, sondernder SD, d. h. die Gestapo, vollzogen hätte. Die Gestapoleute hingegen beschuldigten die SS. Ich weiß nicht, wer von ihnen die Menschen verbrannte, wer sie schlechtweg erschlug, wer ihnen die Schuhe von den Füßen zog und wer die Damenwäsche und die Kinderkleidchen sortierte – ich weiß das nicht. Aber beim Anblick dieser Kleidersammelstelle denke ich daran, daß eine Nation,welche Leute hervorgebracht hat, die zu all dem fähig waren, sowohl die volleVerantwortung wie auch den Fluch für die Untaten ihrer Repräsentanten auf sich nehmen muß und nehmen wird. Die Geschichte des Lubliner »Vernichtungslagers« habe ich schon erzählt und sein heutiges Aussehen geschildert. Verweilen wir jetzt bei den Aussagen einzelner Zeugen, mit denen ich gesprochen habe. Ihre Aussagen umfassen vielleicht nur denhundertsten Teil jener Beweismittel, die später das Material für die Untersuchungskommission bilden werden. Ich sprach mit dem russischen kriegsgefangenen Arzt Baritschew, Oberarzt im Lagerlazarett für Kriegsgefangene, und auch mit einem Heilgehilfen desselben Lazaretts, mit Ingenieuren und Arbeitern aus der Zivilbevölkerung, die beim Bau des Lagers tätig waren, und mit Lagerinsassen, sowohl Häftlingen als auch Kriegsgefangenen; ich sprach ebenfalls mit den SS-Leuten, die das Lager bewachten. Aus all diesen Gesprächen erhielt ich ein Gesamtbild über das Leben im »Vernichtungslager«, über das man hier sprechen muß. Die erste Voraussetzung, von der die im Lager herrschenden SS-Leute ausgingen, war folgende: alle, die ins Lager kommen, seien es Kriegsgefangene oder Häftlinge aus der Zivilbevölkerung, seien es Russen, Ukrainer, Polen, Bjelorussen oder Juden, Franzosen oder Griechen usw., sie alle werden früher oder später umgebrachtwerden, nie wird einer lebend aus diesem Lager herauskommen und erzählen können,was dort vor sich geht. Diese erste Voraussetzung bestimmte sowohl das Vorgehen der Wachmannschaft als auch die Methoden für die Ausrottung der Menschen in diesem Lager. Die Toten sind stumm und können nichts mehr erzählen. Sie können von keinen Einzelheiten berichten und diese Einzelheiten mit Dokumenten belegen.
Daher wird niemand Beweise in der Hand haben, und das war, nach Auffassung der Deutschen, das Wichtigste. Natürlich konnten Berichte über das Lager als Ganzes, als Todeslager, zu der Bevölkerung der Umgegend dringen, aber das beunruhigte die Deutschen nicht. Sie fühlten sich in Polen wie zu Hause. Das »Polnische Generalgouvernement« war für sie ein für immer erobertes Land. Die, die hier amLeben geblieben waren, sollten vor allem vor den Deutschen Angst haben, und deshalb waren die entsetzlichen Gerüchte, die über das Lubliner Lager in ganz Polen umgingen, den Deutschen sogar erwünscht. Der Leichengeruch, der an Tagen besonders großer Massenmorde aus dem Lager in die Umgebung drang und die Menschen sogar in Lublin zwang, sich Tücher vors Gesicht zu halten, flößte den Bewohnern der Umgegend Furcht ein. Das sollte ganz Polen eine Vorstellung vermitteln von der Stärke der deutschen Herrschaft und von den Schrecken, denen alle, die Widerstand zu leisten wagten, ausgeliefert waren. Die Rauchsäule, die wochen und monatelangüber dem hohen Schornstein des Hauptkrematoriums stand, war weithin sichtbar, aber das störte die Deutschen nicht. Dieser entsetzliche Rauch sollte ebenso wie der Leichengeruch der Bevölkerung Schrecken einflößen. Tausendköpfige Menschenkolonnen marschierten vor aller Augen über die Cholmer Landstraße, und hatte sich das Tor des Lubliner Lagers hinter ihnen geschlossen, kehrten sie nie wieder von dortzurück. Auch das sollte die Stärke der Deutschen beweisen, die meinten, sich alles, was ihnen beliebte, erlauben zu können und sich dafür vor niemandem verantworten zu müssen. Ich möchte meinen Bericht mit der Beschreibung der »humansten« Einrichtung desLagers, dem Lazarett, beginnen. Alle ins Lager Eingelieferten kamen, bevor sie in die allgemeinen Baracken übergeführt wurden, laut strengster medizinischer Vorschrift für 21 Tage unter Quarantäne. Das entsprach fraglos den Erfordernissen der Hygiene. Hier muß man nur eine Kleinigkeit hinzufügen: alle Kriegsgefangenen, die unter Quarantäne ins Lazarett kamen, wurden laut Befehl der Lagerkommandantur ausschließlich in Baracken untergebracht, in denen Kranke mit offener Tuberkulose lagen.
In jede dieser schrecklich überfüllten Baracken, wo zweihundert Kranke mit offener Tuberkulose lagen, wurden noch je zweihundert Menschen hineingepfercht, die unter Quarantäne standen. Wenn man diese kleine Einzelheit berücksichtigt, so wird es verständlich, daß die Todesursache bei 70 bis 80 Prozent der Menschen, die im Lager sozusagen eines natürlichen Todes starben, Tuberkulose war. Eigentlich war das Lazarett nichts weiter als eine Abteilung des»Vernichtungslagers«. Hier wandten die Deutschen Mordmethoden an, die manchmal schneller wirkten als die in den gewöhnlichen Baracken. Wenn man überhaupt von den Methoden der Ermordung spricht, so muß bemerkt werden, daß sie äußerst mannigfaltig waren und entsprechend der Vergrößerung des Lagers progressiv zunahmen. Der erste Platz für die Massenausrottung war eine Bretterbude, die anfangs, als das Lager gebaut wurde, zwischen zwei Reihen Stacheldraht errichtet wurde. Durch diese Bretterbude lief unter der Decke ein langer Balken, an dem ständig acht Lederschlingen hingen. Hier wurden alle Entkräfteten erhängt. In der ersten Zeit gab es im Lager nicht genügend Arbeitskräfte, und die SS-Leute konnten nicht einfach zu ihrem Vergnügen töten. Sie töteten keinen Gesunden. Sie erhängten nur diejenigen, die durch Hunger und Krankheiten entkräftet waren. Dabei hatten die Kriegsgefangenen eine Vergünstigung. In dieser Bretterbude wurden nur Häftlinge aus der Zivilbevölkerung erhängt. Die Gruppen der entkräfteten und zur Arbeit untauglichen Kriegsgefangenen wurden aus dem Lager hinausgeführt und erschossen. Kriegsgefangene wurden nur dann erhängt, wenn keine ganze Gruppe zusammengestellt werden konnte und es sich nicht lohnte, einen oder zwei Mann in den Wald zuführen. Da wurden ein bis zwei Kriegsgefangene zusammen mit den Häftlingenerhängt. Bald war das erste primitive Krematorium aus zwei Öfen, von dem schonfrüher die Rede war, fertiggestellt. Die Gaskammer kam erst später zur Anwendung,sie war noch nicht fertiggebaut.
Zu dieser Zeit war die Hauptmethode zur Ermordung der Kranken und Geschwächten folgende: an das Krematorium wurde ein kleines Zimmer mit sehr engem und niedrigem Eingang angebaut. Dieser Eingang war so niedrig, daß sich der Eintretende unbedingt bücken mußte. Zwei SS-Leute standen zu beiden Seiten der Tür, und jeder von ihnen hielt eine kurze und schwere Eisenstange in der Hand. Wenn der Mensch, der durch die Tür gehen sollte, mit gebeugtem Kopf eintrat, erhielt er von einem SS-Mann einen Schlag mit der Eisenstange gegen den Halswirbel. Wenn der eine SS-Mann daneben schlug, half der andere nach. Wenn das Opfer dann noch nicht tot war, sondern nur die Besinnung verlor, hatte das keine Bedeutung. Der Gestürzte galt als tot und kam in den Verbrennungsraum des Krematoriums. Allgemein bestand im Lager folgende Regel: wer hingefallen war und nicht mehr aufstehen konnte, galt als tot. Manchmal wurden die erschöpften Opfer stundenlang in den Hof getrieben, damit sie in der Kälte umkamen. Hier muß noch die sogenannte Abendgymnastik erwähnt werden. Sie bestand darin, daß die Leute, die ohnehin entkräftet und durch den Arbeitstagaufs äußerste erschöpft waren, nach der abendlichen Kontrolle gezwungen wurden, anderthalb Stunden lang durch kniehohen Morast – im Winter durch den Schnee und im Sommer in der Hitze – um den ganzen Wohnblock zu rennen. Dieser Weg ist über einen Kilometer lang. Am Morgen wurden die Leichen, die am Zaun des Blocks lagen,eingesammelt. Das waren sozusagen die üblichen, alltäglichen Tötungsmethoden. Aber die Bestien, die schon Menschenblut geschmeckt hatten, benügten sich nicht mitgewöhnlichen Methoden. Die Ermordung ihrer Opfer war nicht nur eine Arbeit,sondern auch eine Zerstreuung. Wir wollen nicht über die »Zerstreuungen« sprechen, die in allen deutschen Lagern üblich waren, wie z. B. das Schießen von denWachtürmen auf Häftlinge, die als Zielscheibe dienten, oder das Totprügeln von Hunderten halb verhungerter Menschen, wenn sie sich auf ihnen hingeworfene Knochen stürzten. Wir erwähnen hier nur einige Zerstreuungen, die typisch für das LublinerLager waren.
Der erste »geistreiche Spaß« sah so aus: einer der SS-Leute schikanierte irgendeinen Häftling und erklärte, daß dieser die Lagerordnung verletzt habe und deshalb erschossen werde. Der Häftling wurde an die Wand gestellt, und der SS-Mann zielte mit seinem Parabellum auf dessen Stirn. In Erwartung des Schusses schloß das Opfer in 99 Fällen von 100 instinktiv die Augen. Da schoß der SS-Mann in die Luft, während ein anderer SS-Mann, der sich inzwischen unbemerkt an den Häftling her angeschlichen hatte, ihm mit einem dicken Brett einen Schlag auf den Kopf versetzte. Der Häftling verlor die Besinnung und fiel hin: Wenn er dann ein paarMinuten später zu sich kam und die Augen öffnete, sagten die vor ihm stehenden SS-Leute lachend: »Siehst du, jetzt bist du im Jenseits. Auch auf der anderen Welt sind Deutsche. Wie du siehst, kannst du dich vor ihnen nirgends retten.« Da der blutüberströmte Mensch gewöhnlich nicht mehr die Kraft hatte, sich zu erheben, so galt er als dem Tode verfallen und wurde schließlich und endlich, nach dem man sich so ergötzt hatte, erschossen. Der »Spaß« Nr. 2 wurde in einem großen Wasserbecken durchgeführt, das sich in einer der Lagerbaracken befand. Der Häftling, den man als Schuldigen auserkor, wurde ausgezogen und in dieses Becken gestoßen. Er versuchte, wieder nach oben zu kommen und aus dem Becken zu klettern. Die SS-Leute, die in seiner Nähe standen, stießen ihn mit ihren Stiefeln wieder ins Wasser zurück. Wenn es ihm gelang, den Schlägen zu entgehen, hatte er das Recht, wieder herauszuklettern. Dabei mußte er aber noch eine Bedingung erfüllen: sich in drei Sekunden völlig ankleiden. Die SS-Leute kontrollierten das mit der Uhr in der Hand. Natürlich konnte sich niemand in drei Sekunden ankleiden. Und er wurde wieder ins Wasser gestoßen, wurde von neuem gequält, bis er ertrank. Der »Spaß«Nr. 3 hatte unbedingt den Tod des Opfers zur Folge, an dem man sich ergötzte. Bevor der Schuldige umgebracht wurde, führte man ihn in die Wäscherei zur silbrigglänzenden Wringmaschine und zwang ihn, die Fingerspitzen zwischen die schweren Gummirollen zu stecken.
Dann begann einer der SS-Leute oder auf ihren Befehl einer der Häftlinge, die Kurbel der Maschine zu drehen. Der Arm des Opfers wurde bis zum Ellbogen oder bis zur Schulter in diese Maschine gepreßt. Das Geschrei des Gemarterten war dabei der Hauptspaß. Selbstverständlich wurde ein Mensch mit zerquetschtem Arm, wie jeder andere, der nicht arbeitsfähig war, gleich nach der Marter umgebracht. Die hier aufgezählten »Vergnügungen« waren sozusagen allgemein üblich. Einzelne SS-Leute ergötzten sich noch auf ihre besondere Art. Ich will nur ein Beispiel anführen, das von zwei Zeugen bestätigt wird. Einer der SS-Leute, der die Arbeiter beim Bau des neuen Krematoriums bewachte, ein neunzehnjähriger Bursche, trat ohne jeden Grund an den gesündesten und hübschesten der dort Arbeitenden heran, befahl ihm, sich zu bücken, und schlug ihn mit aller Kraft mit einem Knüppel auf den Hals. Als jener hinfiel, befahl der SS-Mann zwei anderen Häftlingen, den am BodenLiegenden an den Füßen zu nehmen und ihn mit dem Gesicht nach unten umherzuschleifen, damit er wieder zu sich komme. Als man ihn jedoch hundert Meter über den gefrorenen Boden geschleift hatte, war er noch nicht zu sich gekommen und lag regungslos. Da packte der SS-Mann ein hohles Zementrohr, das für dieKanalisation bestimmt war, hob es auf und warf es dem am Boden Liegenden auf denRücken. Dann hob er das Rohr wieder auf, warf es wieder, und das wiederholte er fünf mal. Nach dem ersten Schlag mit dem Rohr zuckte der am Boden Liegende im Todeskrampf. Nach dem zweiten Schlag war er wieder reglos. Nach dem fünften Schlagbefahl der SS-Mann, ihn umzudrehen, und schob ihm mit seinem Stock die Augenlider hoch. Als sich der SS-Mann überzeugt hatte, daß sein Opfer tot war, spie er aus, zündete sich eine Zigarette an und ging seines Wegs, als ob nichts geschehen wäre. Nebenbei gesagt, war das nicht nur das Resultat seiner persönlichen ungeheuerlichen Veranlagung. In den Herbst- und Wintermonaten 1943 hielt es jederSS-Mann für seine Pflicht, damit zu prahlen, daß er am Tage nicht weniger als fünf Häftlinge umgebracht habe. Ich möchte noch über die Frauen sprechen.
In manchen Monaten waren im Lager bis zu zehntausend Frauen. Sie wurden genau so wie die Männer behandelt, nur mit dem einen Unterschied, daß sie von SS-Weibern bewacht wurden. Ich will über eine dieser Furien erzählen, die im Unteroffiziersrang stand und Oberaufseherin der Frauenbaracken war. Leider ist es bisher noch nicht gelungen, ihren Namen festzustellen, weil sie bei allen einfach nur unter der verstümmelten deutschen Bezeichnung »Lagerseherka« bekannt war. Diese »Lagerseherka« erschien nie ohne eine Peitsche. Ein zwei Meter langer, elastischer Stahldraht, umwickelt mit Gummi und mit Leder bespannt – das war die Peitsche. Die »Lagerseherka« war eine mißgestaltete hagere Megäre, die sich durch perversen Sadismus auszeichnete und halb verrückt war. Bei der Morgen- und Abendkontrolle suchte sie unter den erschöpften und abgemagerten Frauen die hübscheste aus, die noch mehr oder minder menschlich aussah, und schlug sie grundlos mit der Peitsche auf die Brust. Wenn das Opfer, von diesem Schlag getroffen, zu Boden fiel, erhielt es einen zweiten Peitschenschlag zwischen die Beine, wohin dann ein dritter Stoß mit dem beschlagenen Stiefel folgte. Gewöhnlich konnte sich eine solche Frau nicht mehr erheben und mußte, bevor sie aufstand, noch lange auf dem Boden kriechen, wobei sie Blutspuren hinterließ. Nach eineroder zwei solcher Mißhandlungen wurden die Frauen zu Krüppeln und starben bald. Es fällt schwer, über all das zu sprechen. Es bleibt nur noch zu hoffen, daß dieses entsetzliche Geschöpf und Tausende, die ihr gleichen, beim Namen genannt, ausfindig gemacht und hingerichtet werden, also wenigstens den hundertsten Teil der verdienten Strafe büßen werden.
Bisher sprachen wir über die Martern und den Tod jener, die eine mehr oder minderlange Zeit im Lager waren. Aber das Lager bei Lublin war eine echte Todesfabrik, und viele Menschen wurden hier sofort nach ihrem Eintreffen umgebracht. Solche sind in drei Jahren zu Hunderttausenden durch dieses Lager gegangen. Fast täglichwurden Opfer aufs Todesfeld geführt. In den Nächten ratterten innerhalb des Lagers Traktoren, eigens angekurbelt, um das Knattern der automatischen Pistolen und die Schreie der zu Tode Getroffenen zu übertönen. Wenn der Traktor zu rattern begann, wußten im Lager alle, daß für Tausende die letzte Stunde geschlagen hat. Wir wollen nur ein paar Worte über eine einzige dieser Erschießungen sagen, über die größte Erschießung, die am 3. November 1943 vor sich ging. Frühmorgens wurde die ganze Wache alarmiert und das Lager durch eine Doppelkette von Gestapoleuten abgesperrt. Von der Cholmer Landstraße zog sich durch das Lager ein endloser Menschenzug, dessen Reihen aus je fünf an den Händen zusammen gebundenen Personen bestanden. Ihre Zahl betrug an diesem Tage achtzehntausend. Die eine Hälfte bestand aus Männern, die andere aus Frauen undKindern. Die Kinder bis zu acht Jahren gingen zusammen mit den Frauen, die älteren Kinder bildeten eine Gruppe für sich. Sie gingen auch zu fünft in einer Reihe undwaren ebenfalls an den Händen zusammengebunden. Zwei Stunden, nachdem die Spitze des Zuges im Lager verschwunden war, ertönte im ganzen Lager und in seiner Umgebung Musik. Aus Dutzenden von Lautsprechern schallten ohrenbetäubende Foxtrotts und Tangos. Das Radio spielte den ganzen Morgen, den ganzen Tag und die ganze Nacht. Diese achtzehntausend Personen wurden auf offenem Feld neben dem neuen Krematorium erschossen. Einige zwei Meter breite und mehrere hundert Meter lange Gräben wurden ausgehoben. Zunächst wurden alle dem Tode Geweihten völlig ausgezogen und mußten sich nackt in diese Gräben legen. Kaum lag eine Reihe Menschen im Graben, wurden sie aus automatischen Pistolen von oben erschossen. Dann wurde die zweite Schicht hineingelegt, und wieder begann die Erschießung. Und das dauerte so lange, – bis der Graben angefüllt war. Dann mußten die am Leben Gebliebenen diesen Graben mit Erde zuschütten, und sie selbst kamen in den nächsten Graben, wo nun sie erschossen wurden. Nur die letzte Reihe der Ermordetenin dem letzten Graben wurde von den Gestapoleuten selbst zugeschüttet. Man vergrubsie so, daß sie nur mit einer dünnen Erdschicht bedeckt waren.
Am nächsten Tag begann man, die Leichen der Ermordeten mit ungewöhnlicher Hast ind en Öfen des neuen Krematoriums zu verbrennen. Auf diese Weise brachten die Deutschen an einem Tag achtzehntausend Menschen um. Zum Schluß müssen noch zwei Deutsche erwähnt werden, oder richtiger, ein Deutscher und eine Deutsche, die gefangengenommen worden sind. Der Deutsche hatte direkt, die Deutsche indirekt damit zu tun, was im Todeslager vorging. Der Deutsche heißt Theodor Schollen. Ihn hat noch nicht die verdiente Strafe ereilt, er lebt noch. Er ist 41 Jahre alt. Geboren ist er in Düsseldorf. 1937 trat er in die Nationalsozialistische Partei und später in eine SS-Abteilung ein. Im Juli 1942 kam er im Lubliner Lager an und wurde dort Rottenführer der SS. Seinem Beruf nach ist er Fleischer aus dem Berliner Schlachthaus, und im Lager übte er das Amt eines Verwalters aus. Zu seinen Pflichten gehörte es, die im Lager eintreffenden Häftlinge auszuziehen, zu durchsuchen, ihnen ihre Kleider abzunehmen, bevor sie in die Gaskammer geschickt wurden. Er nennt sich Lagerverwalter und sagt, daß er derSS-Abteilung irrtümlich in betrunkenem Zustand beigetreten sei. Er sagt, daß er sich zu den Häftlingen äußerst human benommen habe, und plärrt, wenn bei der Gegenüberstellung die Zeugen, die durch seine Hände gegangen sind, ihn daran erinnern, wie er auf der Suche nach Brillanten, die in der Zahnhöhle versteckt sein konnten, mit einer Schlosserzange den Leuten die Zähne herausgerissen und die Goldkronen von den Zähnen gebrochen hat, die in den amtlichen Listen über die abgenommenen Gegenstände nicht geführt wurden und die er sich also aneignen konnte. Er schwört, daß er nichts weiter als Unteroffizier bei der SS war und die Menschen von dem SD, d. h. Gestapo, umgebracht wurden. Als er entlarvt wird, lügt er und vergießt so dicke Tränen, daß ihm ein naiver Mensch im ersten Augenblick glauben könnte. Das über den Deutschen.
Nun zu der Deutschen. Sie heißt Edith Schostek, ist einundzwanzig Jahre alt und stammt aus Mitteldeutschland. Sie kam vor zwei Jahren nach Lublin laut Gesetz, nach dem alle deutschen Mädchen, die neunzehn Jahre alt geworden sind, für den Staat arbeiten müssen. Sie kam für ein Jahr und blieb zwei Jahre. Sie mordete nicht und schlug die Frauen nicht mit der Peitsche vor die Brust. Sie war nur eine Stenotypistin beim deutschen Direktor des Lubliner Kraftwerks, und ihre Hände sind nicht mit Blut befleckt. Aber wie wir sie eingehend verhören, stellt sich eine Kleinigkeit heraus. Sie und ihre Schwester, die auch in Lublin arbeitete, erhielten als zusätzliche Entschädigung Kleidungsstücke aus jener Sammelstelle für die Hinterlassenschaft der Hingerichteten, die dem Leser schon bekannt ist. Sie und ihre Schwester erhielten von dort Spitzen und Schuhe. Andere erhielten vielleicht Wäsche und Kleider. Wieder andere, die Kinder hatten, bekamen Kinderhemdchen und Schuhe der ermordeten Kinder. So schließt sich die Kette, die ganz Deutschland umspannt. An einem Ende dieserKette steht der Henker Theodor Schollen, der den Leuten die Goldzähne heraus riß und sie in die Gaskammer stieß, am anderen Ende der Kette steht Edith Schostek, die lediglich für ihre Arbeit die Kleidungsstücke der Ermordeten erhielt. Sie stehen an verschiedenen Enden der Kette, aber es ist die gleiche Kette. Mehr oder minder werden sich alle verantworten müssen. Mögen sie einander nicht die Schuld in die Schuhe schieben. Mögen sie ein für allemal begreifen: sie alle werden für ihre Taten einstehen müssen.

5 Thesen zur Operation insertrecentnamehere July 24, 2014 | 09:17 pm

  1. In letzter Zeit hört man etwas seltener, dass die Hamas ja die demokratisch gewählte Regierung der Palästinenser im Gaza-Streifen sei. Es kann trotzdem nicht schaden, darauf hinzuweisen, dass die Regierung Netanjahu ebenfalls gewählt ist. Ich suche nach dem Präzedenzfall einer Regierung, die auf fortgesetzten Raketenbeschuss der eigenen Bevölkerung nicht mit militärischen Mitteln reagiert hat und dafür von ihrem dankbaren Staatsvolk wiedergewählt worden ist, zweifle aber daran, dass ich einen finden werde.
  2. Wer Gaza als riesiges Gefängnis bezeichnet und die rigiden Grenzkontrollen beklagt, denke bitte auch darüber nach, welche und wieviele Waffen die Hamas heute hätte (und wie der Konflikt in der Folge eskalieren würde), würden Israel und Ägypten diese rigiden Grenzkontrollen nicht durchführen.
  3. Warum Israel größeres Vertrauen in Gespräche mit Organisationen setzen sollte, die sein Existenzrecht bestreiten und Waffenruhen als taktisches Element begreifen, bleibt unklar.
  4. Dass es bei dem aktuellen Krieg nicht um palästinensische Freiheit geht, lässt sich unschwer aus dem Programm der Hamas ablesen und muss deshalb nicht weiter begründet werden. Freiheit und religiöse Herrschaft schließen einander aus.
  5. Mitgefühl muss allen säkularen und religiösen Palästinensern gelten, die die Hamas nicht gewählt haben und Israel als Staat zu akzeptieren bereit sind. Sie sind die tatsächlichen palästinensischen Opfer dieses Krieges, zusammen mit den Kindern, die das Pech hatten, in eine Gesellschaft hineingeboren zu werden, die von religiösen Antisemiten dominiert wird. Wer jedoch die Hamas in Kenntnis ihres Programms gewählt hat, hat damit auch die Entscheidung getroffen, ein Leben in Gefahr zu führen.

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(Die Thesen 2-5 habe ich aus einem fünf Jahre alten Text kopiert, und auch These 1 klingt verdächtig vertraut – so wenig hat sich leider geändert.)


Vier Thesen gegen den Common Sense. July 24, 2014 | 06:08 pm

Vier Thesen gegen den Common Sense
(Text als PDF)

1. These: Gegen den linken Common Sense

Über den Al-Quds-Tag zu reden und in erster Linie damit zu mobilisieren, dass sich deutsche Nationalisten und die paranoischen Wahnsinnigen der Montagsmahnwachen dafür begeistern können, ist nicht nur kontraintuitiv, sondern gewissermaßen geradezu verlogen. Zu sehr schweigt sich eine solche Position darüber aus, dass es eben nicht deutschnationale Kräfte sind, die das Gros der Al-Quds-Demo-Teilnehmer ausmachen, sondern Islamisten und Muslime jedweder Couleur. Wer sich daran stört, dass dies einmal in aller Klarheit ausgesprochen wird, dessen antifaschistische Arbeit ist schon deshalb zum Scheitern verurteilt, weil er sich konsequent vor einer adäquaten Analyse der Wirklichkeit drückt: dass die Trennung zwischen Islam und Islamismus im Mindesten durchlässig ist, in der Causa Israel aber häufiger schlicht nicht existiert, ist schlechterdings eine Tatsache.

Wer in Anbetracht dieser Tatsache noch immer darauf insistiert, der Al-Quds-Tag würde nur von Islamisten, nicht aber von Muslimen besucht, täuscht sich und andere. Richtig ist: Nicht alle Muslime besuchen oder unterstützen den Al-Quds-Tag. Richtig ist aber auch, dass der Gegenwartsislam in den allermeisten seiner Ausprägungen dem jüdischen Staat lieber heute als morgen an den Kragen will. Der Islam verhält sich zum Islamismus wie der harmlose Patriotismus zum Nationalismus: dass Antifaschisten, die bei jeder WM-Fahne eine Wiederkehr des NS wittern, dies nicht sehen wollen, ist im Mindesten sträfliche Fahrlässigkeit.
Es ist vor diesem Hintergrund – so traurig das für engagierte Kulturwissenschaftler oder Historikerinnen sein mag – schlechterdings uninteressant, dass die islamische Welt in der Vergangenheit die Aufklärung förderte und einige der maßgeblichsten Errungenschaften der Zivilisation für sich verbuchen kann: dies taugt einzig als Beweis für die Banalität, dass es keine Essenz des Islam gibt, die bis in alle Ewigkeiten unverändert bleiben muss. Der Beweis allerdings, dass die gnadenlose Regression des Islam zu einer barbarischen Herrschaftsideologie umkehrbar wäre, müsste zunächst geführt werden. Dies ist nicht die Sache der Antifaschisten, sondern die der Muslime, die in ihrer überwältigenden Mehrheit derzeit solche Probleme lieber verleugnen, als sie zu adressieren oder zu kritisieren.

Sache der Antifaschisten dieser Tage muss etwas anderes sein, das in den letzten Wochen schmerzlich offensichtlich wurde: eine rückhaltlose, unmissverständliche Kritik der skrupellosen Gewalt, die ein ums andere Mal aus den Reihen antiisraelischer Demonstrationen ausging und die sich nicht schämt, überall in Europa Synagogen zu beschmieren, in Brand zu setzen oder zu belagern. Sache der Antifaschisten hat es zu sein, zu adressieren, dass weder die Entstehung von Boko Haram, noch die Entstehung von ISIS/ISIL im luftleeren Raum geschahen, sondern ihre Wurzeln in ‚gewöhnlichen‘ muslimischen Gesellschaften liegen, die sich in ihrem Hass auf Israel und den Westen häufig eher graduell als substantiell von ihren mörderischen Wiedergängern unterscheiden. Um unmissverständlich zu sein: Freilich liebt man auch in diesen Gesellschaften die Geister, die man rief keinesfalls, man sieht sich nur ebenso unfähig, das Übel an der Wurzel zu packen – was bedeuten würde, mit liebgewonnenen Traditionen und Identitäten zu brechen.

2. These: Gegen den rechten Common Sense

Wer sich aber nun einbildet, in irgendeiner Form durch Einwanderungspolitiken oder rassistische Propaganda dieses Problem angehen zu können, der ist nicht nur Menschenfeind, sondern täuscht sich noch fataler als seine linken Gegner. Schließlich ist es nicht nur eine Tatsache, dass der Islam immer anziehender auf autochthone und Pass-Deutsche wirkt, sondern zudem ein Fakt, dass die antisemitische Hetze der islamischen Propaganda nicht nur Deutschland und Europa selbst entspringt, sondern zudem ein ums andere Mal in diesen Breiten willige und verständnisvolle Hörer findet, die die verschiedenen Arten des Jihad nur allzu gern mit Geldern und ideologischer Schützenhilfe ausstatten.

Von dieser Banalität einmal abgesehen, bleibt festzuhalten, dass diejenigen, die unter den autoritären Strukturen der muslimischen Welt leiden, in erster Linie die Muslime selbst sind. So sehr sie im Einzelnen es auch vermeiden mögen, das Kind mit dem Bade auszuschütten und ihre Religion aufzugeben, so deutlich begegnen ihnen doch im Alltag all die Restriktionen: ungezählt diejenigen, die ihre Homosexualität verleugnen, die Frauen, die sich nach Freiheit sehnen, die Pauperisierten, die sich nach dem westlichen Leben sehnen. Wer den Islam kritisiert, hat sich ihrer zu erinnern und ihnen allen Schutz zu bieten, der sich bieten lässt: eine Öffnung der Grenzen für die syrischen Flüchtlinge, für die iranischen Dissidenten, für überhaupt jeden, der der Hölle entkommen will, zu dem die Mullahs und Islamisten den Nahen Osten werden ließen, wäre das Mindeste, wofür man sich als zivilisierter Mensch einzusetzen hätte.

Soll sich niemand darüber hinwegtäuschen, dass die Islamisierung der Levante nicht zufällig anschloss an ihre Kolonisierung – und soll niemand behaupten, die neue Barbarei sei Resultat ‚rassischer‘ Konstanten oder eines mittelmeerischen Temperaments. Schließlich waren es deutsche Nationalsozialisten und italienische Faschisten, die die reaktionärsten Kräfte der Region über Jahre hinweg mit Rat und Tat unterstützten und förderten.

Bis heute handelt Deutschland mit dem Iran und ist einer der wichtigsten Technologieexporteure, bis heute schämt man sich nicht, die saudischen Financiers ungezählter Terrorgruppen als strategische Partner zu verharmlosen und dennoch tut man so, als trüge man keine Verantwortung für die Menschenmassen, die man vor Lampedusa ersaufen oder in deutschen Abschiebeknästen versauern lässt. Wer sich einbildet, er könne gegen den Islam demonstrieren und mit Israel solidarisch sein, ohne über die Hochzeit aus Faschismus und Islam zu sprechen, wer glaubt, er könne den Islam kritisieren ohne zugleich die Muslime, Muslimas und vor allem die Ex-Muslime vor seinen Exzessen schützen zu wollen, der rationalisiert einzig und allein seinen Rassismus und steht mithin nicht etwa für eine bessere Alternative, sondern liefert das westlich-säkulare Komplement zu genau jenen Scheußlich-keiten, die er angeblich so sehr hasst.

3. These: Gegen den deutschen Common Sense

Was also heißt es, gegen den Al-Quds-Tag auf der Straße zu sein und was sollte es heißen? Mit einiger Sicherheit ist damit nicht das folgenlose Bekenntnis gemeint, man stehe für das Existenzrecht Israels ein, wie es die deutsche Staatsraison fordert. Genauso wenig ist damit ein plumpes Bekenntnis gegen Extremismus ausgesprochen: es geht viel mehr um eine konkrete Solidarität mit dem jüdischen Staat und den Juden hier in Europa. Gegen den Al-Quds-Tag auf der Straße zu sein, das bedeutet den jüdischen Schutzraum anzuerkennen und die Maßnahmen, die er zu seiner Verteidigung trifft, zu unterstützen, indem man der europäischen Dämonisierung und diplomatischen wie journalistischen Isolierung Israels entschieden entgegentritt. Es ist nicht möglich, einerseits gegen die brennenden Synagogen zu sein und andererseits die Auffassung zu vertreten, die israelische Notwehr gegen den Raketenterror der Hamas sei ungerechtfertigt oder überzogen. Der erste Fall illustriert nur, was im letzteren Fall geschähe, wenn das israelische Militär sich nicht mit aller Gewalt gegen seine Todfeinde im Iran, Gaza und anderswo zur Wehr setzte.

Die deutsche Friedenssehnsucht, die beizeiten in Gestalt alternder SS-Schützen sich mockiert, dass Israel den ohnehin brüchigen Weltfrieden gefährde, ist nicht zu retten. Sie täuscht sich beständig über die Tatsache hinweg, dass es diesen Weltfrieden weder gibt, noch in antagonistisch organisierten Gesellschaften geben kann. In letzter Konsequenz, so zeigt die Empirie, nicht zuletzt anhand der derzeitigen Montagsdemonstrationen, ist sie in aller Regel ohnehin nur die mäßige Rationalisierung der eigenen Ressentiments gegen Juden, die USA und den Westen. Für Antifaschisten gilt es, sich ein für alle Mal vom Gedanken zu verabschieden, sie könnten eine Friedens-bewegung ohne Aluhüte bekommen. Der Frieden, der hier gemeint ist, ist stets identisch mit einem Frieden mit den Unterdrückern. Der Krieg ist in der Welt und wer die Niederlegung der Waffen fordert, der fordert den Erhalt des ancien régime. Weder Hamas, noch die Islamische Republik Iran, noch Assad, noch der „Islamische Staat“ sind mit Argumenten, Diskurs und Verhandlungen zu überzeugen. Sämtliche der genannten agieren weit unter dem Niveau von Kritik und Diskussion und müssen mit Waffengewalt niedergezwungen werden. Dies steht so felsenfest, dass es nicht mehr Teil der Debatte sein darf, ob das zu geschehen habe, sondern einzig und alleine Wie.

Und so sehr es den Deutschen, die bekanntermaßen seit 1945 überzeugte Pazifisten sind, an dieser Stelle in den Fingern juckt, zu erwidern, es sei sehr einfach dergleichen aus gemütlichen Studierstuben zu behaupten und man ignoriere die furchtbaren Realitäten eines Krieges, so deutlich muss diesen Kathederpazifisten entgegengehalten werden, es habe seinen guten Grund, dass die Friedensbewegungen der Vergangenheit mehr als einmal vor Militanz nicht zurück-schreckten. Es muss jedem, ohne jede Ausnahme, ein für alle Mal eingebläut werden, dass die Existenz oder Nichtexistenz eines Krieges sich nicht über die eigene Involviertheit in das Kampfgeschehen bestimmt. Die Syrer leiden bereits heute. Der Staat ist zerrissen, das Regime setzt chemische Waffen gegen die Bevölkerung ein, marodierende, islamistische Banden zerfetzen die Hoffnung an eine brauchbare Opposition. In Gaza leiden die Menschen bereits jetzt unter den Beschüssen, die die Hamas ein ums andere Mal provoziert, in Israel leben Millionen von Menschen in ständiger Angst vor dem Raketenhagel der palästinensischen Volksbefreier oder der Hisbollah. Der Iran werkelt an der Bombe und destabilisiert die Region, während eine Gewaltwelle neuer Qualität sich in Gestalt von ISIL durch die Levante wälzt. In diesem Klima den Frieden zu fordern heißt, den Unterdrückern das Feld zu überlassen.

4. These: Gegen den antideutschen Common Sense

Gegen diese Grabesruhe zu opponieren kann dabei nicht heißen, ein ums andere Mal die westliche Welt als einen möglichen Retter der arabischen Welt zu beschwören. Die vergangenen Jahre unter Obama haben gezeigt, dass die USA entweder nicht länger in der Lage oder aber nicht mehr willens sind, sich in der Region in dem Maße zu engagieren, das notwendig wäre, um in Syrien oder anderswo einen signifikanten Umschwung zu erzeugen. Dass kommunistische Agitation – also Agitation in einem Sinne, dessen hauptsächliches Anliegen es ist, jeden Zustand umzustürzen, in dem der Mensch ein geknechtetes, ein verächtliches, ein einsames Wesen ist, sich zeitweilig darauf stützen konnte, mit den Vereinigten Staaten und der Achse der Willigen zu kooperieren, war ebenso eine temporäre Episode wie die Zeit, in der kommunistische Kräfte kritiklos mit den Linken paktieren konnten. Da weder diese noch jene Seite in absehbarer Zeit zur Vernunft kommen werden, bleibt nur, die eigenen Kräfte und Einflussmöglichkeiten neu zu evaluieren und dementsprechend zu agieren. In aller Klarheit: Die militärische Verteidigung Israels wird von der IDF übernommen, deutsche Antifaschisten müssen und werden nicht in der arabischen Welt kämpfen – dementsprechend wäre es das Mindeste, aufzuhören sich so zu benehmen, als sei dies demnächst zu erwarten. Wer dieser Tage etwas tun möchte, der hat bis auf weiteres in seiner Reichweite zu agieren: das heißt einerseits, die islamistischen Hetzer beim Namen zu nennen, andererseits aufzuzeigen inwieweit die deutsche Journaille von Süddeutsche über Spiegel bis hin zu den Tagesthemen ihnen in die Hände spielt. Antifaschismus anno 2014 kann nur bedeuten, Zustände zu verunmöglichen in denen die Polizei ihre Funkwagen für „Allahu Akbar“-Rufer zur Verfügung stellt und in denen Querfronten aus Linken, Rechten und anderen schizoiden Paranoikern aus unerfindlichen Gründen noch immer als satisfaktionsfähig gelten. Es heißt notwendig, die mühsame Arbeit auf sich zu nehmen nach Bündnispartnern in den betroffenen Regionen zu suchen und die wenigen zu stützen und zu schützen, die sich gegen den dortigen Konsens stellen: dabei ist es egal, ob diese Hilfe in Form von Asyl in Deutschland, Spenden oder schlicht Verbreitung ihrer Positionen geschieht. In Zeiten, in denen nicht mehr darauf gezählt werden kann, dass das transatlantische Bündnis irgendeine Restvernunft hervorbringt, gilt es für Antifaschisten, die Profiteure und Organisateure des antijüdischen Terrors und die Stimmungsmacher der deutschen Gesellschaft zu denunzieren und zu attackieren: Krieg den deutschen Zuständen, das heißt Krieg den Stiftungen, ob sie nun Böll, Adenauer oder Wissenschaft und Politik heißen, das heißt Krieg den Friedenshetzern in den Redaktionsstuben in München und anderswo, das heißt Krieg den Universitäten mit all jenen Friedensforschungsclustern, die im Vierteljahresturnus herausfinden, dass die Juden unser Unglück sind.

Make anarchism a threat again July 24, 2014 | 01:45 pm

[This article includes one lecture in english language – look at the third caption.] – Wir dokumentieren mehrere Vorträge, die sich mit dem Anarchismus auseinandergesetzt haben:

1.) Schwarze Flamme – Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus/Syndikalismus

Im letzten Jahr ist bei Edition Nautilus die deutsche Übersetzung des Buches „Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus/Syndikalismus“ der südafrikanischen Autoren Lucien van der Walt und Michael Schmidt erschienen. Das Buch hat den Anspruch, eine historische und systematische Rekonstruktion der weltweiten anarchistischen Bewegung zu liefern. Eine Leseprobe des Buches gibt es hier.

Radio Lora hat einen Beitrag zusammengestellt, in dem ein Interview und ein Vortrag von Andreas Förster, einem der Übersetzer des Buches, zu hören ist. Im Vortrag, den er auf Einladung der FAU München gehalten hat, gibt er eine Definition des Anarchismus, erläutert die Differenzierungen des Anarchismus und gibt einen Überblick über anarchistische Taktiken und darum geführte Debatten. Am Ende des Vortrags geht er relativ ausführlich auf Fragen des Betriebs- und Arbeitskampfes ein. Mit van der Waldt und Schmidt beharrt Förster nachdrücklich auf der notwendig sozialistischen Grundlage des Anarchismus.

Die Südafrikaner Lucien van der Walt und Michael Schmidt haben mit dem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch „Schwarze Flamme” (Edition Nautilus, Hamburg 2013) eine umfassende Untersuchung und internationale Geschichte des Anarchismus vorgelegt. In dieser Studie kreist die Auseinandersetzung vor allem um Kernfragen wie Organisierung, Strategie und Taktik der anarchistischen Bewegungen. Anarchismus definieren sie dabei als libertäre Form des Sozialismus, der eine revolutionäre Klassenpolitik vertritt. Hier zu Lande sorgte das Buch deshalb bereits vor dem Erscheinen für Furore und Empörung in anarchistischen Kreisen. Nichtsdestotrotz gilt „Schwarze Flamme” schon heute als ein Standardwerk zur Theorie und Praxis des Anarchismus/Syndikalismus. [via]

    Download: via FRN (mp3; 39 MB; 42:05 min)

2.) Rudolf Rocker und der Anarchosyndikalismus

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ fand vom 09.-11.05.2014 in Weimar ein Wochenendseminar zur Geschichte des Anarchismus statt. Auf diesem Seminar hat Thomas Möller (FAU Erfurt/Jena) einen einführenden Vortrag über Leben und Werk Rudolf Rockers sowie die Grundprinzipien des Anarchosyndikalismus gehalten. Spannender Vortrag – gute Einführung!

    Download: via AArchiv (mp3; 98,8 MB; 1:47:52 h)

3.) Anarchie & Kunst – Von der Pa­ri­ser Kom­mu­ne bis zum Fall der Ber­li­ner Mauer / Anarchy & Art from Paris Commune to the Fall of the Berlin Wall

[English description further down.] Ebenfalls in Weimar sprach der anarchistische Kunstprofessor Allan Antliff aus Canada über das Verhältnis von Anarchie und Kunst. Kürzlich hat er gemeinsam mit der Übersetzerin Katja Cronauer eine Lesereihe durch Deutschland unternommen, auf der er sein Buch „Anarchie und Kunst. Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer“ vorgestellt hat, das bei Edition AV erschienen ist. Im Vortrag gibt er einen Einblick in sein Buch und stellt einige anarchistische KünstlerInnen vor: František Kupka, Gustave Courbet, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Robert Duncan, Jess Collins, Susan Simensky Bietila, Gee Vaucher und Richard Mock. Die Präsentation zum Vortrag findet sich hier.

Allan Ant­liff – An­ar­chist, Kunst­his­to­ri­ker, -​kri­ti­ker und Pro­fes­sor für Mo­der­ne und Zeit­ge­nös­si­sche Kunst in Ka­na­da – und Katja Cro­nau­er – Über­set­ze­rin – tra­fen sich vor Kur­zem zum ers­ten Mal in Per­so­na und be­schlos­sen spon­tan eine Le­se­r­ei­se zu star­ten. Allan Ant­liff stellt sein bei Edi­ti­on AV er­schie­ne­nes Buch An­ar­chie und Kunst – Von der Pa­ri­ser Kom­mu­ne bis zum Fall der Ber­li­ner Mauer vor. Es be­ginnt mit Cour­bet, Proud­hon und der Pa­ri­ser Kom­mu­ne und han­delt von an­ar­chis­ti­scher Kunst seit dem 19. Jahr­hun­dert und ihrer Wech­sel­wir­kung auf ge­sell­schaft­li­chen Wan­del an­hand be­deu­ten­der ge­schicht­li­cher Er­eig­nis­se, vor allem in Eu­ro­pa, Russ­land und den USA. Unter Be­zug­nah­me auf die phi­lo­so­phi­schen und po­li­ti­schen Dis­kur­se der je­wei­li­gen Epo­che, wird un­ter­sucht, wie sich an­ar­chis­ti­sche Künst­ler*innen (Maler*innen, Dich­ter*innen, Gra­fi­ker*innen, Mu­si­ker*innen, Kunst­his­to­ri­ker*innen, u.a.) mit einer Reihe von The­men wie Äs­the­tik, Mi­li­ta­ris­mus, der öko­lo­gi­schen Krise, Staats­au­to­ri­ta­ris­mus, Armut, An­ti­im­pe­ria­lis­mus und Fe­mi­nis­mus be­schäf­tigt haben. Der Vor­trag wird auf Eng­lisch und Deutsch ge­hal­ten. [via]

On 17.06.2014 Allan Antliff (Anarchist, Art Professor, Canada) spoke about the connection between anarchy and art in Weimar. Recently he did a reading tour through Germany together with the translator Katja Cronauer and presented his book „Anarchy & Art from Paris Commune to the Fall of the Berlin Wall“. In the lecture he gave an insight in his book and portraited some anarchistic artists: František Kupka, Gustave Courbet, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Robert Duncan, Jess Collins, Susan Simensky Bietila, Gee Vaucher and Richard Mock. The presentation that was shown at the lecture you can find here.

    Download: via AArchiv (mp3; 41,6 MB; 45:24 min)

4.) Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus

Die Frankfurter Sektion der Gruppe Platypus hat Anfang dieses Jahres eine Podiumsdiskussion über das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus mit Peter Bierl, Henning Mächerle (DKP) und Jürgen Mümken organisiert. Sie traten auf in folgenden Rollen: Mümken: der postmoderne Anarchist, Mächerle: der orthodoxe Partei-Marxist, Bierl: der kritische Gelehrte zwischen den Stühlen. Streitpunkte waren u.a.: Theoretische Stärken und Schwächen sowie historisches Scheitern von Anarchismus und Marxismus bzw. Leninismus, Organisationsfrage und Frage der Übergangsgesellschaft, Oktoberrevolution. Man hat sich ein bissel gestritten, aber war doch insgesamt ganz lieb zueinander.

Es scheint als gäbe es gegenwärtig nur noch zwei radikale Strömungen: Anarchismus und Marxismus. Beide entstammen demselben historischen Schmelztiegel – der industriellen Revolution, den gescheiterten Erhebungen von 1848 und 1871, einem schwachen Liberalismus, der Zentralisierung der Staatsgewalt, dem Aufstieg der Arbeiterbewegung und dem Versprechen des Sozialismus. Sie sind unser revolutionäres Erbe. Alle maßgeblichen radikalen Bewegungen der letzten 150 Jahren waren darum bemüht die Bedeutung des Anarchismus und des Marxismus für die jeweilige Situation nutzbar zu machen. Davon scheint sich unser historischer Moment nicht zu unterscheiden.

Um als Linke in der aktuellen historischen Situation zu handeln, wollen wir Bilanz ziehen aus den Auseinandersetzungen zwischen Anarchismus und Marxismus während der letzten 150 Jahre. Die historischen Erfahrungen, welche die Ideen des Marxismus und des Anarchismus maßgeblich geprägt haben, müssen aufgearbeitet und entfaltet werden, sollen sie uns heute als Orientierungspunkte dienen. Inwiefern repräsentiert der Rückbezug auf Anarchismus und Marxismus ein authentisches Engagement – und inwiefern die Wiederkehr eines Gespenstes? Wo stehen wir heute nach den vergangenen Kämpfen? Welche Formen stehen uns – theoretisch wie praktisch – zur Verfügung, um den gegenwärtigen Problemen zu begegnen? [via]

    Download: via AArchiv | via archive.org (mp3; 172 MB; 2:04:57 h)

5.) Make anarchism a threat again? Eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen anarchistischen Debatten

Auf Einladung der Associazione Delle Talpe hat Peter Bierl einen sehr hörenswerten Vortrag gehalten. Aus Sympathie mit dem Anarchismus formuliert Bierl eine marxistisch und ideologiekritisch geschulte Kritik an ihm. Dabei geht er aus vom globalen Triumpfzug des Kapitalismus und dem Scheitern aller Fraktionen der Linken und konstatiert die Notwendigkeit eines Neubeginns der radikalen Linken. Für diesen Neubeginn könne der Anarchismus ein Gegengewicht gegenüber leninistischen und anderen staatsfixierten Ansätzen bieten, was jedoch eine gründliche Kritik reaktionärer Teile der anarchistischen Bewegung selbst voraussetze, die viel zu selten aus dem Anarchismus selbst heraus formuliert werde. Er selbts formuliert eine Kritik an Positionen von Proudhon, Stirner und Bakunin und in deren Tradition stehende gegenwärtige Strömungen des Anarchismus. Anknüpfungspunkte sieht Bierl vor allem im kommunistischen Anarchismus. Er bezieht sich mehrfach auf das Black-Flame-Buch, wobei er auch in diesem einige Aspekte zu kritisieren hat. Ein wichtiger Bezugspunkt ist außerdem immer wieder Murray Bookchin. Eine Kritik an aktuellen Strömungen des Anarchismus hat Bierl auch im Jungle-World-Dossier vom 21.11.2013 formuliert.

Nachdem Anarchismus jahrzehntelang nur auf Punker-Lederjacken stattgefunden hat, ist er heute im Feuilleton angekommen. Vor Allem die Broschüre Der kommende Aufstand des unsichtbaren Komitees und David Graebers Buch Schulden wurden wohlwollend diskutiert. In linken Bewegungen bildet der Anarchismus bereits seit dem zapatistischen Aufstand in Mexiko 1994 ein zunehmend präsenteres Gegengewicht zu sozialdemokratischen und leninistischen Strömungen. Dieses anarchistische Revival fand seinen letzten Höhepunkt in den Occupy-Protesten.

Für eine radikale Linke im 21. Jahrhundert bietet der Anarchismus in der Tat einige Anknüpfungspunkte wie bspw. eine generelle Staats- und Parlamentarismuskritik oder die Ablehnung autoritärer Organisationsmodelle. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den ökonomischen Verhältnissen kann der Anarchismus allerdings wenig beitragen. Anstelle einer systematischen Analyse favorisieren viele Anarchist_innen antisemitische „Zinstheorien“ und Stammtischparolen gegen „die 1 Prozent“. Ebenfalls bedenklich sind der Militanz- und Aufstandsfetischismus, der von Bakunin bis CrimethInc reicht.

Peter Bierl wird sich in seinem Vortrag mit einigen aktuellen anarchistischen Debatten kritisch auseinandersetzen. Neben David Graeber und dem Unsichtbaren Komitee wird er sich dabei auch mit dem vor Kurzem erschienenen Buch Schwarze Flamme von Lucien van der Walt und Michael Schmidt beschäftigen. In diesem legen die beiden Autoren einen Schwerpunkt auf sozialistischen Anarchismus und Anarchosyndikalismus.

Peter Bierl kommt aus Süddeutschland und arbeitet als Journalist, vor allem zu diversen Formen von Aberglaube, Esoterik und pseudowissenschaftlichem Unfug, auch in linken Diskursen. Veröffentlichungen unter anderem: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister: Die Antroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Hamburg 2005; Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts – Der Fall Silvio Gesell, Hamburg 2012; Grüne Braune – Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts, Münster 2014. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 109,8 MB; 1:19:37 h)

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Zum Abschluss ein paar Literaturhinweise: Die Prinzipienerklärung des Syndikalismus von Rudolf Rocker (heute noch eine der Grundlagen der FAU). Ansätze eines modernen Anarchismus finden sich in den Zeitschriften „A Corps Perdu“ und „Grenzenlos“ (Ausgabe 1 / Ausgabe 2). Texte der individualistisch-terroristischen Feuerzellen hat das Übersetzungskollektiv „et al.“ ins Deutsche übersetzt – hier (+ Rezension). Paul Pop hat vor einiger Zeit in der östereichischen Zeitschrift Grundrisse unter dem Titel »Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21.Jahrhundert« eine selbskritische Bestandaufnahme aus anarchistischer Perspektive geschrieben. Ebenfalls vor einiger Zeit hat Joachim Bruhn beachtenswerte Thesen zum Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik geschrieben. Ein Buch, das sich u.a. kritisch mit Antisemitismus innerhalb des Anarchismus auseinandersetzt, liegt bisher nur auf französisch vor: Amadeo Bertolo – Juifs et Anarchistes. Und zuletzt – vor noch längerer Zeit schrieb Maximilien Rubel über Marx als Theoretiker des Anarchismus.

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„Es konnte kein Konsens erreicht werden“. July 24, 2014 | 10:14 am

Links-antideutsche Kritiker bei der Arbeit

Wir kön­nen nicht sagen, man habe uns nicht ge­warnt. Freun­de und Freun­din­nen die im Vor­feld wuss­ten, wie er­trag­reich es nach aller Vor­aussicht sein würde, sich an der ‚an­ti­fa­schis­ti­schen‘ Mo­bi­li­sie­rung gegen den Al-Quds-Tag zu be­tei­li­gen, pro­gnos­ti­zier­ten von An­fang an, dass man nicht in der Lage sein würde die Zu­sam­men­ar­beit auf­recht zu er­hal­ten, ohne nicht ak­zep­tier­ba­re Zu­ge­ständ­nis­se ma­chen zu müs­sen.
Das Bünd­nis ent­schied sich nun er­war­tungs­ge­mäß da­ge­gen, un­se­ren Re­de­bei­trag im Rah­men der Pro­tes­te ver­le­sen zu las­sen. Da der Redebeitrag selbst genau die­ses Ver­sa­gen und seine Grün­de ad­äquat be­nennt, soll er im An­schluss do­ku­men­tiert wer­den.
Hier findet sich darüber hinaus unser Flyer, der auf der Antifa-Kundgebung verteilt wurde, sowie ein weiterer Flyer der HUmmel-Antifa.

Schönen guten Tag euch allen, trotz der bedauerlichen Umstände.

Ich spreche hier für die Association Antiallemande Berlin und wir sind sehr dankbar, dass wir heute hier reden können und das, obwohl man ja weiß, dass wir so unangenehme Angewohnheiten haben wie die, im Haus des Henkers am liebsten vom Strick zu reden.

Wir halten das für dringend notwendig in Anbetracht all dessen, was in den letzten Tagen geschah. Wir erinnern uns: ein Antisemitenmob zieht durch Berlin und brüllt Parolen gegen feige Judenschweine heraus. In der Berliner Al-Nur Moschee ruft ein Imam zum Mord an den Juden auf. In Paris brennt ein jüdisches Viertel. In Essen werden 14 Menschen vorläufig festgenommen, vermutlich weil sie einen Anschlag auf eine Synagoge planten. Überall in Deutschland ist die Polizei zu gering besetzt, zu schlecht ausgestattet und von der antifaschistischen Gegenmobilisierung wollen wir erst einmal gar nicht reden. In Göttingen war sichtbar was passiert, wenn die Polizei nicht unseren Schutz gewährleistet: Verletzte, Krankenhausaufenthalte, größte körperliche Gefahr.
In diesem Sinne danken wir an dieser Stelle einmal den Beamten die heute hier sind dafür, dass sie das Ärgste hoffentlich auch heute wieder verhindern werden und ihren Kopf dafür hinhalten, dass die Mindestbedingungen der Zivilisation und Kritik aufrechterhalten werden.

Soweit ist es gekommen mit der antifaschistischen Aktion.
Und das ist nicht nur ein Skandal, sondern auch ein Mangel: Wo die antifaschistische Gegenmobilisierung fehlschlägt, braucht man sich keinerlei Illusionen darüber zu machen, dass der deutsche Staat in der Lage oder willens wäre, mehr als absolute Mindeststandards aufrecht zu erhalten. Am Montag veröffentlichte die Bundesregierung eine Erklärung, trotz mehrfacher gewalttätiger und gefährlicher Übergriffe gäbe es keine Notwendigkeit für eine neue Einschätzung der Sicherheitslage. Im Klartext: Jüdische Menschen oder solche, die man dafür hält, bleiben in der Gefahr, in der sie sich in den letzten Tagen und Wochen befanden. Und wir haben als Antifaschistinnen und Antifaschisten weder die Ressourcen noch die Vorbereitung, eigenständig zu intervenieren.

Und trotzdem wurde für heute mit einem Flyer mobilisiert, der zu drei Vierteln auf die Friedensdemos und Mahnwachen eingeht – mithin auf ungemütliche und unschöne Veranstaltungen von Irren, gegen die man aber immerhin vorgehen kann, ohne dafür seinen Kopf zu riskieren. Mit anderen Worten: Man sucht sich das harmloseste mögliche Ziel aus und beweist sich daran, dass man noch zu etwas in der Lage ist.

Sehen wir aber den Tatsachen ins Auge: Wir sind faktisch bewegungsunfähig. Und das nicht zuletzt deshalb, weil große Teile der Linken immer noch lieber mit dem Mob gemeinsam auf israelkritische Judenhatz gehen, anstatt endlich und ein für alle Mal einzusehen, dass Antisemitismus und Antizionismus absolut deckungsgleich sind. Damit muss nun, wo man sich nicht einmal mehr die Mühe macht, den Judenhass zu verbergen, allerspätestens Schluss sein.

Die Demonstration in Essen, von der erhebliche Gefahr für Antifaschistinnen und Antifaschisten, gar nicht zu reden von Jüdinnen und Juden ausging, wurde organisiert von der Jugendgruppe der Linkspartei, die Linksjugend Solid Ruhr. Das ist absolut untragbar, da kann es keine Diskussion mehr geben. Nun hat diese Partei auch einen Flügel, der sich israelsolidarisch nennt und mehr sein will als ein Feigenblatt: die Landesarbeitskreise Shalom und der BAK Shalom.

Jetzt wäre es an der Zeit sich zu beweisen: Wenn dieser Flügel mehr ist als eine miese Entschuldigung für den Judenhass in der Linken, dann müsste es ihnen zumindest gelingen, für eine gewalttätige, antisemitische Demonstration Köpfe rollen zu lassen. Im Klartext: Die Linksjugend Solid Ruhr hat geschlossen aus dieser Partei zu fliegen oder aber die Israelsolidarischen haben freiwillig zu gehen, weil das endgültig der Beweis wäre, dass sie noch nicht einmal in der Lage sind, das absolute Minimum dessen zu gewährleisten, wozu sie in dieser Partei sind – das ist eine absolute Mindestforderung. Sollen sie ihre Abgeordneten nach Gaza schippern lassen – spätestens wenn Verbände der eigenen Partei ohne schlechtes Gewissen Synagogenstürmungen mitorganisieren und es dafür keine Ausschlussverfahren hagelt, ist es an der Zeit, Konsequenzen zu ziehen.

Weiterhin: wer glaubt, er könne sich an Elsässer und Konsorten abarbeiten – unappetitlich wie sie auch immer sein mögen – und dabei über den politischen und organisierten Islam schweigen, von dem – sei es in sunnitischer oder schiitischer Spielart – ein Gros der Gewalt der letzten Wochen ausging, der kann seinen Antifaschismus einpacken und nach Hause gehen, das ist nicht weiter schlimm, das haben unsere Eltern auch schon alle so gemacht und er sieht auch ganz hübsch aus im Bücherregal zwischen Walser, Böll und Grass.

Wem es aber ernst ist damit, den antisemitischen Mobs zu begegnen, der wird darüber reden MÜSSEN, was in der Al-Nur Moschee gepredigt wird – der wird darüber reden MÜSSEN, wie und warum die muslimischen Communities sich zunehmend radikalisieren und der wird nicht zuletzt endlich sich eine materialistische und rückhaltlose Islamkritik aneignen MÜSSEN.

Nun mag es den Empfindlichkeiten deutscher Jungantifaschisten nicht besonders liegen, hier vom Islam zu reden, statt von „islamischen Identitätsmarkern“, dem „Islamismus“ oder „muslimischem Extremismus“, aber dagegen sei daran erinnert, dass sich der Islam zum Islamismus verhält wie der Patriotismus zum Nationalismus und dass man zurecht seit Jahren all jene Bürgerlichen auslacht, die gegen den Nationalismus reden wollen, aber über die Nation schweigen.

Das nämlich sind Distinktionen, die man sich ohnehin nur im linken Zentrum und dem Akademikerghetto leisten kann: Soll doch niemand glauben, das Christentum sei von Thomas von Aquin und Hildegard von Bingen domestiziert worden, statt von den Atheisten, Voltaire, Nietzsche und der Aufklärung schlechthin. Nicht nur, dass diese Mobs eine erhebliche Gefahr für unser Wohlergehen und das unserer jüdischen Mitbürger darstellen: die global am deutlichsten Leidtragenden des organisierten Islam sind und bleiben Muslime – zumindest solange die IDF gewährleisten kann, dass die Vernichtungsdrohungen gegen den Judenstaat nicht wahrgemacht werden. Wie die Verhältnisse dort aussehen, wo der Islam des zwanzigsten Jahrhunderts sich als Elendsverwaltungsideologie etablierte, dazu sagte ja bereits die Genossin von Stop the Bomb einiges.

Daher: hört endlich auf, auf die Banalität hinzuweisen, dass der Islam nicht zu allen Zeiten so war und nicht für alle Zeiten so bleiben muss, wie er jetzt ist. Setzt euch mit den Ex-Muslimen zusammen, mit den iranischen Emigranten, mit arabischen Exilanten und Atheisten, mit Leuten wie Fathiyeh Naghibzadeh und Maikel Nabil Sanad und greift ihnen unter die Arme, statt zum hundertsten Mal irgendwelche moderaten Kronzeugen zu suchen: Diese Leute wissen, was die Probleme sind, wissen, inwiefern der Islam als Herrschaftsideologie funktioniert und wissen, welche Beziehungen oder Distinktionen es zwischen muslimischer Alltagsideologie und dem gefährlicheren Islamismus gibt.

Wer dazu nicht in der Lage oder nicht willens ist, wer nicht bereit ist, sich langfristig gegen die Radikalisierung und Fanatisierung junger Muslime einzusetzen – und ein erster Schritt dazu wäre es, die Al-Nur Moschee, dieses verkappte Nazibildungszentrum, zu schließen – der darf sich schon mal mental darauf vorbereiten, dass seine nächste antifaschistische Kampagne darin bestehen wird, für bessere Helme für die Polizei und den Einsatz von mehr Hundertschaften bei Demonstrationen zu protestieren.

Materialistische Kritik, das wusste einer wie Adorno noch, besitzt einen objektiven Begriff vom Glück und einen objektiven Begriff von Leid: Das ist in Anschlag zu bringen, wenn sich dieser Tage deutsche Staatsbürger im Irak in die Luft sprengen. Während sich der gute Liberale da denkt: „Jeder wie’s ihm gefällt“ und „Solang er’s nicht vor meiner Nase tut“, ist es Aufgabe von Kommunisten klarzustellen, dass diese Menschen ebenso darunter leiden und man sie beizeiten vor ihrer eigenen Ideologie retten muss. Das heißt: Klar auszusprechen, dass die Lustfeindlichkeit und Restriktionen des Mehrheitsislam das Klima bilden, in dem solche Todesliebe gedeiht.

Wer glaubt, dass dergleichen nicht notwendigerweise und begrifflich zum Islam gehört, der mag recht haben – nur gälte es, das den Muslimen mitzuteilen, statt sich im linksliberalen Feuilleton darüber zu verständigen. Wer also das dringende Bedürfnis hat, in die Al-Nur Moschee zu gehen und dem Imam zu erklären, er habe keine Ahnung vom Islam, dem ist das sicherlich freigestellt: Wir raten davon ab, möchten aber auch Reisende nicht aufhalten.

Die antifaschistische Prävention hat versagt, das ist dieser Tage schmerzlich sichtbar. Antifaschistischer Schutz kann niemandem garantiert werden, ganz im Gegenteil, müssen wir uns schützen lassen. Wer nicht möchte, dass sich diese Zustände ad calendas graecas fortsetzen, der wird einsehen müssen, dass es nicht mehr reicht, tausende gegen den Steinar-Store zu mobilisieren und die ideologischen Dreckschleudern des Islamismus, von Al-Nur Moschee bis Süddeutsche, von Compact Magazin bis Linksjugend Solid Ruhr, von Milli Görüs bis IGD unbehelligt zu lassen.

Der Glaube, dass arabische, türkische oder iranische junge Menschen auf den Islam und seine Restriktionen verpflichtet seien, ist dem deutschen Spießbürger zu überlassen, der sich noch nie anders zu helfen wusste, als durch immer neue Abschiebungsrufe. Rückhaltlose und kompromisslose Aufklärung ist das Gebot der Stunde. Und das heißt, nicht im autonomen Zentrum, sondern auf den Schulhöfen, in den Neuköllner Straßen und anderswo. Verbündete gibt es genug, wenn man sich einmal die Mühe macht, nach ihnen zu schauen: Die Green Party of Iran, die Ex-Muslime und dutzende andere, die für ihre Freiheit und ihre Rechte kämpfen, freuen sich über eure Hilfe. Den Paternalismus antifaschistischer Sozialarbeiter haben die Jungmuslime in der Vergangenheit nicht gebraucht und sie brauchen ihn auch jetzt nicht.

Es gilt einzusehen, dass es sich bei diesen Menschen um politische Subjekte handelt, die genauso mit Vernunft und Kritik angesprochen werden können wie andere Menschen auch: Es muss Schluss sein mit dem Paternalismus, Schluss damit, dass hier nicht Klartext gesprochen wird. Und es muss jedem, der heute hier ist, klar sein: Wenn ihr es nicht tut, dann wird es keiner tun. Der deutschen Politik sind die Bildung von Parallelgesellschaften, die selbstgewählte Marginalisierung und die Bildung von radikalen islamistischen Ghettos scheißegal. Man wartet, bis es zu spät ist und organisiert dann Abschiebungen, während der Rest dieser Communities weiter verelendet und noch ärgeres hervorbringt. In dieser Krise dieser Tage ist es für uns zu spät, Prävention zu leisten. Solche Versäumnisse darf es in der Zukunft nicht mehr geben.

Wer vom Antisemitismus in Deutschland redet und von der Al Nur Moschee schweigt, hilft mit zu perpetuieren, was uns heute entgegen schlägt. Gegen den Al Quds Tag, gegen jeden Antisemitismus – und das nicht nur heute, sondern das ganze Jahr über.

Am Israel Chai!

Times are bad. July 24, 2014 | 09:35 am



Times are bad.

Rechtsstaat Österreich – 404 Not Found July 23, 2014 | 08:05 pm

Von David Kirsch & Gertrude Lover

Foto: soli2401.blogsport.eu

Der angebliche Rädelsführer der Proteste gegen den Akademikerball Josef S. (23) wurde am 22. Juli 2014 schuldig gesprochen. Am dritten Prozesstag wurde der Jenaer Student zu einer Haftstrafe von zwölf Monaten verurteilt, acht davon sind bedingt. Bezeichnend für diesen Fall war nicht nur die lange Untersuchungshaft, die vielen BeobachterInnen ungerechtfertigt erschien: Interessant sind auch die Parallelen zu einem früheren Justizfall.

Kurze Empfehlung: Zwischen den Palästen von Naqib Mahfuz July 23, 2014 | 07:28 am

Weil nicht immer Zeit für eine detaillierte Auseinandersetzung ist und auf starke Texte, die durchaus für sich selbst sprechen, doch hingewiesen werden soll, werden in der Sonntagsgesellschaft in Zukunft immer mal wieder kurze Empfehlungen zu Romanen erscheinen, bei denen es zu einem Artikel (noch?) nicht ganz gereicht hat. Heute: Zwischen den Palästen von Naqib Mahfuz […]

Islamic caliphate labels female genital mutilation obligatory July 22, 2014 | 11:36 pm

Recently the Islamic state issued a fatwa which called female genital mutilation a religious duty for every woman and girl living within the caliphate’s boundaries.

It is telling that this is one of their first worries when establishing their terror reign… The existence of this “state” is a shame for whole mankind, and every day is a day too much.

This is a translation of the Fatwa:

For protecting our Islamic nation in Iraq and Syria, our land, and our people, we need to look after our women and their behavior while preventing them from the dreadful modern life they are surrounded with.
Abu Baker Al-Baghdady:
A rule to all of the Islamic nations, regions, and districts is to protect women as our Khalifa says and prophet says while the mother Aatyia was circumcising a woman, the prophet said, “Don’t get disappointed, that is good for your husband, and your face”.  In another story, the prophet saw the mother Hajer, who had been known as odalisque’s mutilated woman, and asked her whether she still practice her job or not, the mother Hajer answered with yes. Then she asked the prophet whether it is Haram or not and he answered her with being Halal and he can teach her how to do it. The prophet says, “it is brighter for the face, and luckier for the husband”. Meanwhile, the prophet says, “if you mutilate, do not exaggerate”.
Abu Harera gives another statement that the prophet says, “All Muslim women, accept circumcision but do not exaggerate on it”.  Therefore, this is a call for all women to get mutilated.

 

ISRAEL UND DER EUROPÄISCHE ANTISEMITISMUS July 22, 2014 | 10:10 pm

Gedanken von Ludicra Masculum Lateramen

In den letzten Tagen und Wochen wuchs eine (neue?) Erkenntnis aus der momentanen Lage und den zahlreichen dokumentierten Ereignissen. Was wir derzeit erleben, steht nur oberflächlich in einem Zusammenhang. Auf der einen Seite gibt es die höchst komplexe Situation in Israel und im Nahen Osten, auf der anderen Seite eine Entwicklung in Europa, die nur allenfalls kausal mit der Entwicklung im Nahen Osten verknüpft ist. Der Staat Israel, dessen geopolitische Situation jedem klar sein müsste, der sich ein wenig profunder mit der Geschichte und der Gegenwart der Region beschäftigt hat und seine Informationen nicht lediglich aus der Mainstreampresse bezieht, geht zur Zeit seiner Verpflichtung nach, seine eigene Bevölkerung zu beschützen und tut dies nach langem Zögern mit militärischen Mitteln, deren Ziele eher bescheiden sind, anders, wie es die hiesige Presse und antiisraelische Propaganda gern zu vermitteln versucht.

Diese Situation ist aber keineswegs ein isoliertes Problem von Israel und den exterminatorisch determinierten Aktionen der Hamas in Gaza. Komplex wird die Situation durch die extrem dynamische Entwicklung in der gesamten nahöstlichen Region – beginnend mit dem sogenannten “arabischen Frühling” und dem Versuch Irans einer nuklearen Aufrüstung, über die Entwicklungen in Syrien, Ägypten, Libanon, bis hin zum Aufstieg der expansiven und brutalen IS (ehemals ISIS) im Irak und inzwischen auch Syrien, der Gefahr einer das moderate Königshaus bedrohenden Radikalisierung in Jordanien, und ähnlich vollkommen undurchsichtige Entwicklungen in der gesamten Region, bis Afghanistan oder bis tief in afrikanische Länder hinein. Diese Entwicklungen sind derart komplex (was eigentlich typisch ist für den Nahen Osten mit seinen ständig wechselnden “Koalitionen”), dass die simplen Erklärungen und Lösungsvorschläge der Heerscharen von europäischen “Nahostexperten” sich ausmachen, wie Sandkastenspiele im Vorschulalter. Sehr selten wird Israels Handeln (oder auch Nicht-Handeln) im komplexen Licht dieser Zusammenhänge betrachtet oder gar analysiert.

Auf der anderen Seite erleben wir in Europa eine “Mainstreamisierung” des Antisemitismus in einer bislang nicht erlebten Offenheit und Masse. Als Auslöser oder gar Ursache wird gerne das momentane militärische Vorgehen des Staates Israel benannt – ganz klar nach dem alten antisemitischen Motto: “Der Jude ist am Judenhass selbst schuld”. Der oben erwähnte komplexe und auch historisch begründete Kontext wird dabei vollkommen ausgeblendet. Dabei sind die defensiven militärischen Aktionen Israels nur vordergründig eine Ursache, sie sind schlicht ein Vorwand, auf den die längst begonnene antisemitische Entwicklung in Europa gewartet hat. Diese Entwicklung in Europa hat längst vor den Ereignissen im Nahen Osten begonnen und ihre Eigendynamik entwickelt. Der Antisemitismus ist kein singuläres Phänomen in Europa, welches durch die Dynamik im Nahen Osten entstanden ist, sondern es ist ein Phänomen, welches seine Eigendynamik potenziell selbst entwickelt. Wir reden also von zwei verschiedenen Dingen, die in der Geschichte und Entwicklung beider Regionen unabhängig voneinander entstanden sind: Ereignisse im Nahen Osten und in Europa (wobei die Entwicklung des Antisemitismus und Antizionismus nicht lediglich in Europa, sondern weltweit dynamisch ist – ich beschränke mich aber hier auf Europa).

Die Gründe für die plötzliche Renaissance des Antisemitismus in Europa sind mindestens genauso komplex, wie die Situation im Nahen Osten. Heute ist Antisemitismus nicht einfach auf “rechts” oder “links” zu reduzieren, oder, wie manche es zur Zeit gerne tun, auf die demographische Entwicklung durch eingewanderte Migranten mit einem islamischen Hintergrund und deren bereits in den europäischen Ländern geborenen Nachkommen. Ebenfalls lässt sich Antisemitismus nicht mehr nur durch Unterschiede in der unterschiedlichen Bildungsqualität und sozialen Herkunft erklären. All dies genannte sind lediglich Komponenten einer eigendynamischen Entwicklung. Der Antisemitismus ist längst auch in der gebildeten, intellektuellen Mittelschicht angekommen. Er war dort schon immer, heute ist er aber immer weniger latent oder er verbirgt sich gerne hinter Ritualen, wie etwa “Wochen der Brüderlichkeit” oder entsprechenden Gedenkveranstaltungen. Er äußert sich mit Vorliebe mit laut herausgebrüllten moralisierenden Forderungen an den Staat Israel, ganz nach dem Motto: In Gedenken an den “Holocaust” erwarten wir gerade von den Juden, dass sie ihre Konflikte im Nahen Osten mit “Maß” und “Menschlichkeit” lösen, am besten nach dem Gandhi-Prinzip des totalen Gewaltverzichts. Natürlich ist gerade auch dieser in solchen Forderungen liegende historische Vergleich historisch genauso falsch und dumm, wie der so beliebte und massenhaft bemühte Vergleich zwischen der südafrikanischen Apartheid und der Situation im Staate Israel. Die faktischen Konsequenzen eines so vorgeschlagenen Handelns werden gar nicht erst in Erwägung gezogen. Aber diese Forderung setzt sich bereits in Vorkriegs- und Waffenstillstandszeiten durch und führt dann in Krisenzeiten zu radikaleren Tendenzen. Und so entsteht ganz allmählich eine breite antisemitische Allianz vom vermeintlich “friedensliebenden” Mainstream der Mitte, der durch bestimmte Tendenzen in Presse und Medien angeheizt wird, und sich durch einen irrsinnig extremen Mangel an Empathie einerseits, aber vor allem an historischer Bildung auszeichnet. Eine Allianz vom schon klassischen Antisemitismus bei der extremen Rechten, Alt- und Neonazis, der extremen Linken, der radikal-pazifistisch, ökologisch oder christlich geprägten Friedensbewegung, den Nationalbolschewisten von der Sorte der “neuen Montagsdemonstrationen” um Gestalten wie Ken Jebsen (KEN-FM) und Jürgen Elsässer, und im Zusammenhang damit einer bestimmten esoterischen Bewegung – nicht selten unter den Fahnen von krankhaften Verschwörungstheorien, und nicht zuletzt eben den jetzt massenhaft und europaweit lautstark auftretenden Massen der Bevölkerung mit arabischem oder türkischem Hintergrund, oft, aber nicht nur, moslemischen Glaubens. Und auch bei der letzten Gruppe ist man mit diversen teils sehr unterschiedlichen Einflüssen konfrontiert: radikale Islamisten und Salafisten, arabische, palästinensische und türkische Nationalisten, türkische Faschisten aus der Bozkurt-Ecke (“Graue Wölfe”), arabische oder türkische oder teilweise auch kurdische Linksextreme. Alle sie, die Bewohner Europas mit und ohne “Migrationshintergrund”, in all ihrer oft konträren Gegensätzlichkeit, eint derzeit der Antisemitismus, oft noch, aber nicht mehr ausschließlich unter dem Deckmäntelchen des sogenannten “Antizionismus”. Bei aller Heterogenität sind die Grenzen all dieser Gruppierungen sehr fließend und verschwommen. So kommt es dann zu seltsamen und früher ungeahnten Allianzen im Kampf gegen den “Terrorstaat Israel”. Plötzlich erklingen bei den Moslems zwischen den obligatorischen wie Schlachtrufe klingenden “Allahu-Akbar” Rufen auch “Adolf Hitler-Rufe”. Umgekehrt beteiligen sich Neonazis und Linksradikale an palästinensisch organisierten Demonstrationen, zusammen mit einem vermeintlich friedensbewegten Mainstream. Dies kann auch mit der Grund sein für die offenbare Hilfslosigkeit der Staatsorgane, wie Polizei, in der jüngsten Zeit angesichts dieser Verwirrung. Wobei diese Unwissenheit und dieser Informationsmangel sich keineswegs zu einer Rechtfertigung oder gar Entschuldigung eignen. Es ist ja nicht so, dass diese Entwicklungen und Tendenzen nicht bereits vor langer Zeit sichtbar gewesen wären. Beim regelmäßigen “Al-Quds-Tag” in Berlin werden regelmäßig Rechts- und Linksextreme in den Aufmarsch-Reihen beobachtet. Nicht erst jetzt. Die antisemitische Radikalisierung ist im Internet und besonders in den sozialen Netzwerken schon seit vielen Jahren zu beobachten. Jeder, der sich halbwegs ernsthaft mit der Thematik beschäftigt, weiß und erkennt dies schon seit vielen Jahren und es ist auch nicht so, dass es keine Warnungen vor dieser Entwicklung gab. Heute ist der Antisemitismus nur wieder um viele Grade offener und radikaler. Aber er ist nicht erst entstanden. Mitnichten durch die militärische Verteidigungsaktion des Staates Israel.

Wir erkennen zwei unterschiedliche Phänomene, die ursächlich nichts miteinander zu tun haben. Die Verbindung wird erst von jenen geschaffen, die ein Interesse daran haben, ihren antisemitischen Wahn in einem neuen Outfit gesellschaftsfähig zu machen. Und es liegt an den demokratischen und rechtsstaatlichen Staaten Europas und an jedem einzelnen Europäer selbst, wie weit er dieses zulassen wird. Der Antisemitismus in Europa ist keineswegs ein jüdisches Problem, es ist in erster Linie ein rein europäisches Problem.

(un)normal life July 22, 2014 | 12:33 am

In Israel gibt es (nach Wikipedia alles superlative) Feiertage, welche den Alltag entschleunigen, brechen, verunmöglichen. Einer der Feiertage mit Namen Jom Kippur (wkp) liegt schon wieder in Sichtweite. Vor einer ganzen Weile wurde ein Film gebloggt der nichts an Anschaulich- und Einprägsamkeit des gebrochenen Alltags verloren hat. Passt wegen seiner unter-spannten Atmosphäre noch weniger in die derzeitige Situation als ohnehin schon, oder vielleicht gerade.

jom_kippur-tel_aviv(src, 2,30 Min)

Ein Besuch in einer von Raketeneinschlägen bedrohten Region in Israel im Jahr 2012 – damals folgte (ähnlich wie heute) als Reaktion auf die Einschläge und die permanente Bedrohung der Bevölkerung eine militärische Intervention im Gebiet der Raketenabschüsse. Ein gewisser Grad der Entspannung blieb und bleibt in den bedrohlichen Momenten (etwa in Form älterer Männer, auf einer Bank sitzend) erhalten; die Anspannung der jugendlichen Menschen, welche die Situation zum ersten Mal erleben ist indes spür- und nachvollziehbar.

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Die Situation heute: eine größere Anzahl Raketen mit einer besseren Reichweite schlägt derzeit noch immer (aus dem Gazastreifen von der Hamas und anderen paramilitärischen Vereinigungen abgefeuert) in Israel ein (IDF-reports on twttr).


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Demagoge des Mainstreams July 21, 2014 | 08:19 pm

Jürgen Todenhöfer. © Das blaue Sofa/Club Bertelsmann, CC-Lizenz

Wenn es stimmt, dass ein Bild oft mehr sagt als tausend Worte, dann charakterisiert dieses Foto, das Jürgen Todenhöfer vor wenigen Tagen auf seiner Facebook-Seite veröffentlicht hat, den früheren CDU-Politiker bereits hinreichend. Es zeigt ihn »inmitten von Trümmern«, wie der Historiker und Blogger Moritz Hoffmann schreibt, »nachdenklich, betroffen, zwischen Dreck, Zerstörung und Chaos. Und um ihn herum, fein säuberlich ins Bild komponiert, sauber wie direkt aus dem Geschäft, Kinderspielzeug. Bilderbücher, Puppen, Teddybären. Als hätte eine göttliche Fügung sie bei der Zerstörung dieses Hauses genau dorthin gespült.« Die allzu offenkundig gestellte Aufnahme illustriert eine Parole, die in diesen Tagen bei antiisraelischen Demonstrationen in Deutschland aus Tausenden von Kehlen zu hören ist und die die alte antijüdische Ritualmordlegende in modernisierter Form fortspinnt: »Kindermörder Israel!« Todenhöfer spricht sie nicht selbst aus, so schlicht formuliert er nicht. Aber er kann sich darauf verlassen, dass sein Publikum – der »Mainstream der deutschen Mittelschicht«, wie Hoffmann treffend zusammenfasst – auch so versteht. Zu Recht, wie zahllose Kommentare unter seinem Text beweisen.

Auf die tausend Worte möchte der Publizist trotzdem nicht verzichten, deshalb nutzt er vor allem seinen Facebook-Auftritt, der ausweislich der »Likes« mehr als 165.000 Nutzern dieser Plattform gefällt, für seine Botschaften. »Gaza: Die Verdammten dieser Erde« ist sein jüngstes Elaborat überschrieben, eine Anspielung auf Frantz Fanon und dessen 1961 erschienenes Hauptwerk. Der schmale, an Israel und Ägypten grenzende Küstenstreifen als Zentrum des Widerstands gegen Kolonialismus und Imperialismus also, seine Bewohner als revolutionäre Subjekte in einem gerechten Kampf gegen eine böse, brutale Militärmaschinerie, Todenhöfer selbst als Propagandist dieses Kampfes in Deutschland. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete weiß genau, welchen Ton er zu treffen hat und wie er sich inszenieren muss, um als sachkundiger Kenner, als Experte zu gelten und gleichzeitig zu Tränen zu rühren.

»Mit Panzern gegen die Eselswagen der Tunnelbauer! Es ist absurd«, klagt er die israelische Regierung an. Es ist dies die Fortführung der alten Mär von den »Raketen gegen Steinewerfer«, die von etlichen deutschen Medien während der ersten und zweiten »Intifada« gesponnen wurde. Todenhöfer spitzt sie sogar noch zu, indem er suggeriert, die israelische Armee ziehe gegen vormoderne, wehrlose, unschuldige Habenichtse zu Felde. (Lediglich am Rande sei angemerkt, dass die Hamas schon seit Jahren auch Tiere mit Sprengstoff belädt, um sie als Waffen in ihrem Krieg gegen Israel zu benutzen.) Das ist ein grotesker Einstieg, doch bevor er ihn wieder aufgreift, lässt er zunächst eine so knappe wie pflichtschuldige, vor allem aber taktische Distanzierung folgen: »Ich bin kein Freund der Hamas. Und werde es nie sein. Ich kritisiere die Ideologie und die ›Militärstrategie‹ der Hamas mit Nachdruck.« Gerne wüsste man, wo das denn geschehen sein soll, doch da folgt schon das »Aber«: »Aber ich bin ein Freund der Palästinenser. Ich weigere mich schweigend zuzusehen, wie ihre Rechte und ihre Würde mit Füßen getreten werden.« Von Israel, versteht sich, und nicht etwa durch das Terrorregime der Hamas. Ein echter Freund der Palästinenser, der Herr Todenhöfer.

»Natürlich hat Israel das Recht auf Selbstverteidigung«, beeilt er sich anschließend großmütig zu konzedieren, »gegen die sinnlose Ballerei der Hamas und anderer Widerstandsgruppen«. Schon die verniedlichenden, verharmlosenden Termini »Ballerei« (für den Beschuss mit Hunderten von Raketen) und »Widerstandsgruppen« (für Terrororganisationen, deren erklärtes Ziel die Vernichtung Israel ist) deuten an, dass Todenhöfer dieses israelische Recht nicht allzu weit gefasst sehen will. Und tatsächlich besteht es für ihn ausschließlich – er schreibt zwar »unter anderem«, doch weitere Beispiele nennt er nicht – in der »perfekte[n] Flugabwehr ›Iron Dome‹«. Das heißt: Die Israelis sollen den Raketenbeschuss dulden und sich ganz auf die »Eiserne Kuppel« verlassen, vielleicht noch auf ihre Schutzräume, für deren Erreichen sie fünfzehn Sekunden Zeit haben, wenn die Alarmsirenen heulen. Was sie nicht sollen: ihre Armee in Gang setzen, um Raketenbasen zu zerstören und Terroristen unschädlich zu machen, das heißt, den Beschuss zu verhindern. Das erinnert an einen legendären Vorschlag des Politologen Ekkehart Krippendorff, der vor über 20 Jahren in der taz allen Ernstes schrieb, die Juden hätten das »Dritte Reich« durch »passiven Widerstand«, etwa durch »Sitzstreiks« auf Bahnhöfen, locker in die Knie zwingen können. Wehren sollen sie sich jedenfalls nicht dürfen, wo kämen wir sonst hin?

Völkerrechtlich seien »die Bombenmassaker in Gaza« jedenfalls »Kriegsverbrechen« und »keine Selbstverteidigung«, doziert Todenhöfer weiter. Man dürfe »ein Volk nicht kollektiv bestrafen«, das lerne »ein Jurastudent in den ersten Semestern«. Nun wäre es für die israelische Luftwaffe ein Leichtes, den Gazastreifen flächendeckend unter Beschuss zu nehmen und so tatsächlich eine Kollektivstrafe zu verhängen. Nur tut sie genau das nicht und will es auch gar nicht. Im Gegenteil nimmt sie die Stellungen der Hamas gezielt unter Feuer und warnt zuvor die Zivilbevölkerung mit Flugblättern, Anrufen und Textnachrichten, wenn die Hamas diese Stellungen mal wieder – übrigens völkerrechtswidrig – mitten in einem Wohngebiet platziert hat. Es gehört zur Strategie der Gotteskriegerpartei, dass sie die Bewohner auffordert, diese Warnungen zu ignorieren und sich als »menschliche Schutzschilde« auf den Dächern zu versammeln. Auch der Einsatz israelischer Bodentruppen im Gazastreifen ist alles, nur keine kollektive Bestrafung: Mit ihm sollen – unter dem Risiko hoher eigener Verluste – vor allem die für Israel so bedrohlichen Tunnelsysteme zerstört werden.

Apropos Tunnel: Was sie betrifft, legt Jürgen Todenhöfer einen ganz besonders aberwitzigen Erfindergeist an den Tag. Die »Menschen von Gaza« hätten begonnen, »wie Maulwürfe Tunnel in Nachbarländer zu graben, um manchmal für ein paar Tage oder Stunden Freiheit zu schnuppern«, schreibt er. »Um nicht immer wie Untermenschen zu leben, gingen sie unter die Erde. Wie paradox! Natürlich gruben sie die Tunnel in erster Linie, um nicht auf Waren und Medikamente verzichten zu müssen. Und um sich verteidigen zu können. Oder so zu tun als ob.« Herzzerreißend, nicht wahr? Eine noch groteskere Verdrehung der Realität ist allerdings kaum denkbar. Denn in Wahrheit dienen diese durchaus nicht maulwurfartig, sondern sehr professionell angelegten unterirdischen Wege keineswegs humanitären Zwecken, sondern vor allem dazu, Waffen und Raketen zu lagern, Terroristen Unterschlupf zu gewähren und ihnen das Vordringen auf israelisches Gebiet (sowie den anschließenden Rückzug nach Gaza) zu ermöglichen. Die Tunnel – bei deren Bau bislang anzweifeln kann. Einmal abgesehen davon, dass die Hamas ideologisch gar nicht zwischen Kombattanten und Zivilisten unterscheidet, weil für sie jeder Palästinenser ein Kämpfer im heiligen Krieg gegen den zionistischen Feind ist.

Doch einmal in Fahrt, zieht Todenhöfer schließlich auch noch den Nazijoker: »Noch in Tausenden von Jahren wird man sich die Geschichte der Gefangenen von Gaza erzählen. Dieses gedemütigten und entrechteten kleinen Volkes, das von einem benachbarten Herrenvolk in einem großen Käfig gehalten wurde. Dem das Herrenvolk den Strom abdrehte, wann es ihm gefiel.« Mit anderen Worten: Die Israelis treiben es heute mit den Palästinensern wie weiland die nationalsozialistischen Deutschen, das »Herrenvolk« par excellence also, mit den Juden. Und wenn man einmal an diesem Punkt der Täter-Opfer-Verdrehung und der Holocaust-Relativierung angelangt ist – die keine Entgleisung im Überschwang, sondern eine wohlkalkulierte Pointe darstellt –, dann fügt sich alles wie von selbst ins Weltbild ein. Auch die Tatsache, dass es eine Rakete aus dem Gazastreifen war, die vor einigen Tagen israelische Hochspannungsleitungen traf und 70.000 Palästinensern in Khan Younis und Deir el-Balah die Stromversorgung kappte. Oder dass die Palästinensische Autonomiebehörde bei der israelischen Elektrizitätsgesellschaft mit 525 Millionen Dollar in der Kreide steht, wovon 62 Millionen Dollar auf den Gazastreifen entfallen.

Der Rest von Todenhöfers Pamphlet ist Pathos, Tränendrüse, Betroffenheitsprosa, Show. Niemand weine »mit den Menschen von Gaza«, mit den »Müttern, deren zu Tode gebombte Kinder in ihren Armen starben«, klagt er. Ewig werde man »über die Schande von Gaza sprechen«, über die »herablassende, respektlose Unterdrückung und Demütigung seiner Bevölkerung durch den Nachbarn Israel«, über das »Versagen der Weltöffentlichkeit angesichts ihrer Behandlung als Menschen dritter Klasse, Jean Paul Sartre würde sagen als ›Halbaffen‹«. Täglich erhalte er »Morddrohungen«, die er gar nicht mehr zählen könne, sagt Todenhöfer, und dennoch denke er »jede Minute an die Menschen in Gaza, an die Verdammten dieser Erde«. Am liebsten würde er »gleich wieder zu ihnen hinfahren«. Bis es so weit ist, gibt er, der »stets gut frisierte Posterboy der neuen, mittelalten Friedensbewegung«, der »begabteste Pressesprecher, den die Hamas je hatte« (Moritz Hoffmann), im gebührenfinanzierten Morgenmagazin der ARD das Leiden Christi. Oder begeistert eben auf Facebook seine zahlreichen Fans.

Jürgen Todenhöfer zieht – nicht zum ersten Mal – alle Register, die der moderne Antisemitismus zu bieten hat. Wortgewaltig und mit dem Zorn des scheinbar Gerechten dämonisiert und delegitimiert er Israel, legt an den jüdischen Staat Maßstäbe an, die er für kein anderes Land der Welt geltend machen würde, und geißelt dessen Wehrhaftigkeit im Angesicht der Bedrohung. Todenhöfer verharmlost den judenfeindlichen Terror der Hamas und verdreht ihn in einen Akt der Freiheitsliebe, er beugt die Wahrheit mit den Mitteln der Demagogie, er lässt Tatsachen aus, die ihm nicht in den Kram passen. Er geriert sich als Freund der Palästinenser, dabei dienen diese ihm vor allem als Projektionsfläche für seine Ressentiments gegen den jüdischen Staat, während es ihn offenbar kalt lässt, dass die Hamas ihnen das Leben zur Hölle macht. Das alles wäre nicht weiter der Rede wert, wenn es sich bei Todenhöfer um eine randständige Figur handeln würde, die kaum jemand ernst nimmt. Doch er bedient eben nicht bloß die Ränder, sondern auch und vor allem die »Israelkritik« in der vielbeschworenen »Mitte der Gesellschaft«. Vor allem das macht ihn nicht nur zu einem erfolgreichen Autor, sondern auch zu einem gern gesehenen Gast in Interviews und Talkshows. Er ist ein Demagoge des Mainstreams.

Foto: © Das blaue Sofa/Club Bertelsmann, CC-Lizenz


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