Antiba – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida March 11, 2015 | 11:28 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?

Der Referent schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf emmaundfritz.de

Dienstag, 31.03.2015
, 19 Uhr, Uni Hannover, Hauptgebäude

Iran auf dem Vormarsch March 11, 2015 | 11:24 pm

For years, Iran preferred to work its goals behind the scenes by supplying missiles to Hezbollah in Lebanon and Hamas in the Palestinian territories. With its armed forces opposing ISIS, however, Iran is out in the open, a “respectable” neighbor tackling the abuses and savagery of an extreme Sunni militia.

In Syria, Iranian Revolutionary Guard troops protect the Assad regime. In Lebanon, Iranian troops resist any effort to oust Hezbollah control. And in Yemen, the Houthis have been supported from the outset by the Quds Force. There is little doubt Iranian militia groups are working across borders providing training, reinforcements, and logistical assistance. (…)

It is ironic that President Barack Obama received his Nobel Prize in part for his opposition to nuclear weapons. Yet, it is precisely the policies that he has pursued that have brought the region to the brink of nuclear proliferation. History does have a sense of humor, arguably a tragic sense at that.

And, while the Dark Empire of Iran is in the ascendency, American interests in the area are in decline. Here again irony strikes. As a nation, the U.S. did all it could to thwart Iranian goals, now the arc has changed as the Obama administration supports and encourages Iran’s interest. Yes, the Iran Empire strikes, and the U.S. is in the background nodding approvingly.

Quelle

»Die Welt hasst Israel immer mehr« March 11, 2015 | 01:17 pm

Zweiter und letzter Teil eines Interviews mit dem israelisch-amerikanischen Autor Tuvia Tenenbom, Verfasser des unlängst erschienenen Buches »Allein unter Juden – eine Entdeckungsreise durch Israel« (Suhrkamp-Verlag). Zum ersten Teil des Gesprächs geht es hier.


INTERVIEW: STEFAN FRANK


Ein wichtiges Thema in europäischen Debatten ist die sogenannte Islamophobie.

Es stimmt, es gibt Islamophobe. Viele Kritiker des Islam, die ich getroffen habe, Leute aus dem rechten Spektrum in Europa oder den USA, wissen ebenso wenig über den Islam wie die Intellektuellen – diejenigen, die ihn lieben. Die, die antiislamisch sind, zitieren mir gegenüber Stellen aus dem Koran, aber wenn ich sie nach anderen Stellen frage, stellt sich heraus, dass sie sie nicht kennen, dass sie also den Koran nicht gelesen haben. Diese Antimuslime sind genauso gut wie die Promuslime der Linken – beide lesen nie den Koran. Islamophob zu sein ist falsch, nur der gegenwärtige Islam ist verantwortlich zu machen. Warum gibt es auf den Flughäfen Kontrollen, bei denen man oft stundenlang Schlange stehen muss? Fürchtet irgendjemand, dass ein jüdischer Siedler aus Hebron das Flugzeug in die Luft sprengen könnte? Die Muslime, genauer gesagt: die Palästinenser haben damit angefangen. Linke Pseudointellektuelle sagen: Der Islam und die Muslime sind toll, es gibt nur ein paar faule Äpfel; die Islamophoben, die die Muslime hassen, sagen: Alle Muslime sind böse, und der Islam ist eine furchtbare Religion. Beides ist Bullshit. Beide irren sich, haben nie etwas gelesen und sind nicht ehrlich genug, um Tatsachen zu prüfen.

Ist der Islam fanatisch?

Ja und nein. Auch das Christentum hatte eine Ära des Fanatismus, mit der Inquisition und den Kreuzzügen. Damals war der Islam nicht fanatisch, sondern moderat. Jetzt ist es umgekehrt.

Woher kommt das?

Religiöse Texte – ob der Koran, die Bibel, das Neue Testament oder irgendein anderes Buch – sind üblicherweise widersprüchlich. Wären sie ohne jede Undeutlichkeit und ohne jeden Widerspruch, wäre es keine Religion, sondern Logik. Um Religion zu schaffen – und damit wir Menschen sie kaufen –, muss es Widersprüche im Text geben. In manchen Perioden ist es Zeitgeist, die sanfte Form der Religion zu wählen, in anderen wechselt der Zeitgeist, und es wird die extremste bevorzugt. Der Koran hat wunderschöne Verse und hässliche, wie jeder andere Text. Man kann zitieren, was man will, man muss also ehrlich sein. Der Koran ist ein schön geschriebenes Buch – auf Arabisch, nicht in den Übersetzungen. Ich liebe es. Natürlich stimme ich ihm nicht zu, ich bin ja nicht religiös.

Wie viel vom derzeitigen Antisemitismus in der arabischen Welt ist aus Europa importiert?

Der größte Teil wurzelt im christlichen Antisemitismus, und die meisten antisemitischen arabischen Bücher sind Übersetzungen europäischer Werke. Weder »Die Protokolle der Weisen von Zion« noch »Mein Kampf« wurde von einem Araber oder Muslim geschrieben. Es gibt viele solcher Bücher. Und viele Ideen, wie etwa das Blutgerücht, stammen nicht von Muslimen, auch wenn sie heutzutage daran glauben. Sie kommen aus Europa. Der Antisemitismus begann vor 2000 Jahren, lange bevor Mohammed geboren wurde. Es ist ein seltsames Phänomen, kein logisches. Europa exportiert den Antisemitismus in die arabische Welt und bezahlt dafür. Über Stiftungen, NGOs und Fernsehproduktionen finanzieren die Europäer die antisemitische Bildung der Araber.

Warum tun sie das?

Ich glaube nicht, dass sie wissen, dass sie Antisemiten sind. Sie denken, sie seien gute Friedensfreunde. »Ihr müsst nur die Juden töten.« Auch die Nazis hielten sich selbst nicht für schlechte Menschen. Sie dachten, sie seien nett. Sie wollten bloß »Lebensraum« für Bauern. Die deutsche Kultur ist sehr romantisch.

Du bist auch in die jüdischen Ortschaften gefahren, die hierzulande immer als »Siedlungen« bezeichnet werden. Was hältst du von der vor einiger Zeit in Europa in Umlauf gebrachten Behauptung, die »jüdischen Siedlungen« seien ein »Hindernis für den Frieden«?

Das ist Bullshit. Vor dem Sechstagekrieg 1967 gab es keine einzige Siedlung. Barak und Olmert haben fast allem zugestimmt, was die Palästinenser im Hinblick auf die Siedlungen gefordert haben, etwa deren Auflösung oder einem Landtausch. Die Palästinenser stimmten zum Schein zu, unterschrieben dann aber trotzdem nie einen Friedensvertrag. Ehud Barak sagte mir, dass er den Palästinensern sogar Jerusalem angeboten habe, und sie wollten trotzdem nicht unterschreiben. Zu sagen, die Siedlungen seien ein Hindernis, hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun. Und jeder kann das sehen. Israel hat Gaza verlassen – und schau, was derzeit passiert. Israel kann heute nicht einmal mehr sagen: Nehmt das Land, wir gehen.

Du hattest ein interessantes Gespräch mit dem derzeitigen Vizepräsidenten der Knesset, Mosche Feiglin. Er argumentiert, dass die Welt die Juden liebe, wenn diese selbstbewusst das in Besitz nähmen, was rechtmäßig ihnen gehöre, dass die Welt sie aber hasse, sobald sie sich als schwach und unterwürfig zeigten. Der Beweis, so sagt er, seien die Osloer Verträge. Israel habe den Arabern jüdisches Land gegeben, und die Welt hasse die Juden seither nur noch viel stärker. Hat er, seinen religiösen Bezug einmal außen vor, ein richtiges Argument?

Teilweise. Ich glaube nicht, dass die Welt die Juden lieben würde, wenn sie stärker wären, aber sie würde sie zumindest respektieren. Ich kritisiere die Europäer sehr heftig, sage vieles, was in einigen Kreisen – vor allem denen der europäischen Intellektuellen – nicht erlaubt ist. Das führt nicht dazu, dass sie mich lieben, aber sie respektieren mich. Sie sind diejenigen, die »Allein unter Juden« zu einem Bestseller machen. Das Buch wird von den großen Medien größtenteils ignoriert, und trotzdem kaufen die Leute es. Es ist seit über drei Monaten auf der Spiegel-Bestsellerliste, obwohl es keine Werbung dafür gibt. Offensichtlich respektieren die Leute es, wenn jemand Fakten als solche benennt. Das Gleiche gilt für Staaten. Wenn Israel nicht zurückweichen, sondern sagen würde: Wir sind mit unseren Nachbarn im Krieg, also erobern wir ihr Land, und dieses Land ist unseres – dann würde es respektiert. So funktioniert die Welt. Würde Israel sich wie ein normales Land benehmen, gäbe es keine Konflikte.

Hätte Israel nach dem Krieg im Juni 1967 Judäa und Samaria annektieren sollen…

Ja.

…und den Arabern die volle Staatsbürgerschaft geben?

Nein. Jeder, der Bürger sein will, muss zum Judaismus konvertieren, die anderen wären Einwohner mit einer Green Card. Das hätte Israel tun sollen.

Aber dann hätte es doch in Israel Millionen von Staatenlosen gegeben. Das wäre ein großes Problem für die Gesellschaft und die Demokratie.

Nein. Wie ich schon sagte: Sie wären Einwohner mit einer Green Card gewesen. Die meisten Einwohner Katars sind keine Bürger. Niemand hat ein Problem damit. Sie sind Sklaven, und niemand hat ein Problem damit. Weißt du, was andere Länder tun? »Ich erobere dein Land, und du gehst, oder ich bringe dich um!« So verfahren normale Länder. Glaub mir: Beim nächsten Krieg in Europa – und den wird es geben, weil die Geschichte sich immer wiederholt – werdet ihr euch ohne zu zögern gegenseitig umbringen. Die Länder Europas haben das schon einmal getan. Die Deutschen haben die Alliierten bombardiert und umgekehrt. Tut mir leid, aber so läuft das. Was passierte am Ende des Zweiten Weltkriegs? Deutschland verlor ein Viertel seines Territoriums. Was passierte mit den Deutschen, die dort lebten? Sie mussten gehen. Israel hätte genauso verfahren sollen, sich wie ein normales Land benehmen. »Das ist unser Land, ihr Araber geht zu den anderen Arabern. Raus.« Jeder hätte das akzeptiert. Aber Israel hat das nicht getan. Darum zahlt Israel heute den Preis. Die Israelis waren naiv, sie sagten: Wir wurden im Holocaust getötet, weil wir eine Minderheit waren; wir hingegen werden den Arabern, unseren Feinden, mit Freundlichkeit begegnen. Und was geschieht? Die Araber versuchen, sie umzubringen. Und jetzt schau, wie es zwischen Deutschland und Polen zugeht: Frieden! Jeder Deutsche kann nach Polen fahren und umgekehrt. Das ist es, was Israel hätte tun sollen, so funktioniert die Welt. Israel will moralischer sein, als ein Land sein kann.

Israel hat versucht, Herzen und Verstand der palästinensischen Araber zu gewinnen, indem es für sie einen Wohlfahrtsstaat errichtet hat: Es baute Krankenhäuser, Schulen, einen Zoo in Gaza, sogar Universitäten. Wie die berüchtigte Birzeit-Universität in Ramallah, die ironischerweise zum Zentrum des Terrorismus wurde und wo heute noch nicht einmal mehr sich selbst hassende Juden wie Amira Hass Zutritt haben.

Juden sind dumm. Nachdem sie 2000 Jahre lang staatenlos waren, sind sie naiv geworden. Sie sind die am meisten gehasste Spezies auf dem Planeten und denken immer noch, etwas Gutes würde über sie kommen.

Professor Boaz Ganor vom International Institute of Counter-Terrorism in Herzliya argumentiert, dass es just der Wohlfahrtsstaat war, der in den 1970er Jahren erst zum rasanten Wachstum der arabisch-palästinensischen Bevölkerung geführt hat und dann – in den 1980er Jahren – zu einer großen Zahl von palästinensischen Arabern mit höherer Bildung, die keine Jobs fanden, die ihrer Qualifikation entsprochen hätten.

Das ist viel zu weit hergeholt. Sie waren schon radikal und mochten die Juden nicht, lange bevor sie sich bildeten und Professoren wurden. Sie haben die Juden 1948 bekämpft, sogar bereits 1929. Sie mochten sie schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht. Natürlich sind die Juden dumm, wenn sie ihren Feinden kostenlose Bildung ermöglichen und denken: Wegen der kostenlosen Bildung werden sie nett zu uns sein. Das ist so, als würde man Nazis Geld geben. Idiotisch.

Wie sollte die israelische Regierung die antiisraelische Propaganda kontern?

Indem sie aufhört zu sagen: Tut mir leid, tut mir leid, tut mir leid.

Was würdest du denen sagen, die glauben, dass eine »Zweistaatenlösung« irgendwelche Probleme lösen könnte?

Das ist jenseits von naiv.

Sollte also Netanjahu sagen: Ihr könnt mich mal, es wird keinen palästinensischen Staat geben?

Ja, das sollte er, aber er ist einer der größten Versager in der israelischen Regierung. Er weiß einfach nicht, wie man etwas macht. Er weiß nicht, wie man der Welt entgegentritt, er kann nur reden, reden, reden. Schau dir den Gaza-Krieg vom letzten Jahr an. Er hätte die Hamas zerstören sollen.

Netanjahu sagt, dass eine Invasion und Besatzung zu viele Kräfte für zu lange Zeit gebunden und die Leben zu vieler Soldaten gekostet hätte. Und sobald sie abziehen, geht alles wieder von vorne los. Diese Erfahrung, so sagt er, habe die US-Armee in Fallujah gemacht.

Zuerst einmal hätte er die Soldaten gar nicht von Anfang an einsetzen müssen. Es gibt Flugzeuge. Er hätte Gaza bombardieren sollen und dann erst die Soldaten hineinbringen.

Du meinst Flächenbombardements?

Ja, es tut mir leid, aber das ist die einzige Art, wie es funktioniert. In Gaza sind die Rackets überall. Das Land ist ein einziges Munitionsdepot, einer der seltsamsten Orte auf dem Planeten.

Ist Netanjahu ein Feigling?

Er ist einer der größten Feiglinge Israels.

Weil er Angst vor Obama hat?

Er hat vor jedem Angst. Er hat eine sehr schlechte Wahl getroffen, als er zugelassen hat, dass Israel über Wochen hinweg mit Raketen bombardiert wurde. Das ist ein Verbrechen, für das der Ministerpräsident verantwortlich ist. Jeden zweiten Tag hat er eine Kabinettssitzung abgehalten. Er hat die Soldaten denken lassen: Wir starten. Und hat sie dann gestoppt. Starten und stoppen. Er hat den Geist der Soldaten getötet. Ich bin an die Grenze gefahren und habe mit ihnen gesprochen. Sie sagten: Wir wussten von diesen Tunnels, wir haben gesehen, wie die Hamas sie gegraben hat. Und trotzdem wurde Israel überrascht. Das ist lächerlich.

Jahrelang haben sogenannte humanitäre Organisationen darüber geklagt, dass Israel zu wenig Baumaterial in den Gazastreifen lasse.

Klar. Aber Israel hat nie gesagt: Wir wissen, was ihr baut.

Siehst du irgendwelche anderen politischen Figuren in Israel, die die Probleme besser handhaben könnten als Netanjahu?

Nicht unter denen, die ich getroffen habe – und das waren viele.

Und in der israelischen Geschichte?

Schau dir die israelische Geschichte an: Sie ergibt keinen Sinn. Die Rechten, die gesagt haben, wir werden nie Territorien zurückgeben, waren die, die genau das taten. Die Linken, die gesagt haben, wir werden Territorien zurückgeben, haben fast gar nichts zurückgegeben. Welche Regierung ist aus dem Sinai abgezogen? Begin. Welche aus Hebron? Netanjahu. Welche aus Gaza? Sharon. Linke Regierungen haben nie eine Siedlung aufgelöst. Sie waren lustigerweise die, die sie gebaut haben! Das alles ergibt keinen Sinn.

Wie wichtig sind innerisraelische Konflikte entlang religiöser Linien oder unter Juden verschiedener Herkunft?

Der größte Konflikt ist der zwischen Rechten und Linken. Sie reden nicht miteinander, sitzen nicht am selben Tisch. Leute aus Tel Aviv sitzen nicht am selben Tisch mit Leuten aus Jerusalem, egal ob sie schwarz, weiß oder gelb sind. Die ideologischen Gräben sind sehr tief. Es ist, als ob es verschiedene Nationen wären. Mit Sepharden, Aschkenasen, schwarz oder weiß hat das nichts zu tun.

Vor vier Jahren sprach ich mit einem israelischen Politikanalysten, der sagte, dass es diese Gräben früher gegeben, dass sich aber nach dem Zusammenbruch des Oslo-Prozesses ein loser Konsens in der Mitte gebildet habe: Einerseits seien die meisten Israelis dafür, Land abzugeben, um Frieden zu bekommen, andererseits wüssten sie aber auch, dass es in der PLO und den anderen Gruppen keinen Partner für Frieden gebe, und gäben sich keinen Illusionen mehr hin.

Das ist nicht die Wirklichkeit. Ja, die Linke ist enttäuscht, aber die Linken sind an dem Punkt angelangt, wo sie ihren eigenen Führern die Schuld geben statt den Palästinensern.

Wie wichtig ist die israelische Linke überhaupt? Zu Beginn unseres Gesprächs sagtest du, dass sie nur dank europäischem Geld existiere.

Ich sprach vom NGO-Aktivismus. Die politischen Parteien wie die Arbeitspartei können nicht in dem Maß an ausländisches Geld kommen, wie die NGOs das tun. Die Arbeitspartei ist Mitte-links, Meretz ist weiter links, Hadash – mit einem Juden oder so unter vielen Arabern – ist linksradikal. Die meisten NGOs sind linksradikal.

Kann man in Israel die »Linke« und die »Rechte« anhand von irgendetwas anderem unterscheiden als durch ihre Haltung zu den palästinensischen Arabern?

Kaum. Die Arbeitspartei sagt, sie sei sozialistisch, aber sie spricht so gut wie nie von den Armen. Man kann nicht sagen, dass sie sich um »soziale Gerechtigkeit« oder »soziale Revolution« oder was auch immer kümmern würde. Es geht einzig um Araber und Juden. Die Linke ist vergessen.

Eine Partei wie die Arbeitspartei, die sich von Likud allein durch ihre Tagträume von einem Frieden absetzt, kann also vielleicht immer noch genug Stimmen bekommen, um in Israel die Regierung zu bilden?

Die Israelis sind dumm. Schau dir ihre Zeitungen an: Die größte, Yedioth Ahronot, ist links, Haaretz ist links. Die größte Zeitung der Rechten, Israel Hayom, ist kostenlos; in dem Moment, wo sie Geld verlangen würde, wäre sie erledigt.

Kann Israel überleben?

Nein. Ich schreibe das auch im Buch. Die Welt hasst Israel immer mehr.

Und trotzdem existiert es nicht bloß fort, sondern blüht und gedeiht.

Das jetzige Ausmaß an Hass haben wir nie zuvor gesehen. Die BDS-Bewegung gewinnt an Macht. Ein europäisches Parlament nach dem anderen erkennt »Palästina« an. Das ist das größte Thema in Europa. Gleichzeitig kann Israel sich selbst immer weniger leiden. Die Nationen der Welt sagen zu Israel: Wir hassen dich immer mehr, und du hasst dich selbst immer mehr. Bald werden wir dich töten, und du wirst sagen: Danke!


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Und täglich grüßt das Murmeltier. March 10, 2015 | 07:53 pm

Anmerkungen zu einer ständig wiederkehrenden Farce.

Kein Witz: Eine andere, eine solidarische Welt ist möglich – aber sie kann nur auf den Trümmern der alten Ordnung errichtet werden. Fangen wir mit dem Abriss an“ (1), ködert das kommunistische Bündnis …ums Ganze seine zahlreichen Groupies zu einer gemeinsamen Klassenfahrt nach Frankfurt am Main. Die feierliche Eröffnung des Neubaus der Europäischen Zentralbank (EZB) steht auf dem diesjährigen Parteiprogramm. Anlass für die große revolutionäre Vorfreude ist der Regierungswechsel in Griechenland. „Bemerkenswert ist schließlich, dass Syriza objektiv einen Raum eröffnet hat, den Bewegungen und radikale Linke füllen können, ja füllen müssen – weil er sonst schnell wieder geschlossen sein wird“. Wir halten fest: Die Zeit drängt, weil aus den Wahlen in Griechenland eine „Querfrontregierung“ (2) hervorging. Genau deshalb gilt es für radikale Linke Räume zu füllen! Und wenn es nur der Vorplatz des neuen EZB-Wolkenkratzers bzw. die städtischen Turnhallen in Frankfurt am Main sind.

Wir wollen nur, dass die Menschen, die aus vielen Ländern Europas zu den Blockupy-Protesten anreisen werden, nicht in irgendwelchen Löchern schlafen müssen, sondern ordentlich untergebracht sind. Etwa in städtischen Turnhallen. Beim Evangelischen oder Katholischen Kirchentag, bei allen Turn- und Sängerfesten, kriegt die Stadt Frankfurt das hin“ (3), appelliert der kommode Klassenkämpfer Aaron Bruckmiller von der Interventionistischen Linken (IL) an das »Schweinesystem«, dass dieses doch bitte, bitte Schlafplätze für die anreisenden »Carhartt-Chaoten« zur Verfügung stellen soll. Falls dies nicht geschehe, sehe man sich gezwungen, stattdessen Häuser zu besetzen. Komplett rundet diesen Wahnsinn die Tatsache ab, dass eigens für diesen besonderen Ausflug ein Sonderzug bei der Deutschen Bahn gechartert wurde. Lenins Bonmot, wonach deutsche Revolutionäre eine Bahnsteigkarte kaufen, bevor sie den Bahnhof stürmen, beschrieb einmal eine Trägödie. Diese Zeiten sind längst vorbei. Heutzutage handelt es sich um die ewig gleiche Wiederholung der Farce.

Es gilt folgende einfache Bauernregel: Wenn die Ohnmacht am größten ist, werfen selbst die unausgeschlafensten Murmeltiere noch einen kleinen Schatten. Diesem Prinzip entsprechend funktioniert die Mobilisierung gegen die Eröffnung der Europäischen Zentralbank. Mit Schirm, Charme und ein wenig Photoshop wird die Generation YOLO für eine Minute Berichterstattung in der Tagesschau mobilisiert. Die danach einsetzende staatliche Repression verspricht weitaus mehr Zeit in Anspruch zu nehmen. Typisch linksradikale Bewegungsarithmetik.

Ausgerechnet für solch einen unbedeutenden Event wird jahrelang eine breite Einheitsfront geschmiedet, die von militanten Anarchoveganern, propalästinensischen Trotzkisten, wertkritischen Feministen, über postmoderne Autonome, unzählige V-Männer, hedonistische Riotclowns bis hin zu fleischfressenden Stalinisten und antideutschen Genossen reicht. Sonst haben sich diese politischen Strömungen selten etwas zu sagen. Am 18. März tauchen sie dann aber gemeinsam im kraftvollen »Black-North-Face-Block« ab und tauschen bereitwillig ihre Individualität gegen ein wenig kollektive Revolutionsromatik ein.

Derweil mutieren die großen Bündnisse …ums Ganze und Interventionistische Linke immer weiter zu Serviceagenturen ihrer erlebnisorientierten Klientel und wegen ihrer marktbeherrschenden Position zwingen sie ihre politischen Konkurrenten, sich ebenfalls in größeren Organisationen zu zentralisieren. Im Widerspruch zur autonomen Praxis sind diese großen Zusammenhänge unflexibler und können nur unzureichend auf aktuelle Ereignisse reagieren. Und das Dilemma der marxistischen Theorie ist, dass „der Marxismus irreparabel zerfallen ist in Plattheit auf der einen Seite und Mystik auf der anderen“ (4). Da kann man noch solange in den Aufrufen tiefgründig theoretisch dünnbrettbohren.

Letzten Endes stellt das ganze, jahrelang vorbereitete, Brimborium in Frankfurt am Main kein großes Problem dar, weder für die Gesellschaft noch für die Protagonisten. Die Demonstranten, bis auf die Erstsemester und die ganz Naiven, wissen um den schnell einsetzenden Kater, den eine solch gewagte Simulation von revolutionären Zeiten im 21. Jahrhundert mit sich bringt. Nach dem Großereigniss geht es nämlich ganz normal weiter. Zurück ins Ikearegal, also in den Lesekreis, während in der Gruppe die Planungen für das nächste Jahr beginnen. Und wenn das alles nicht hilft, flüchtet man sich ins about blank.

Auch die Arbeitgeber sowie Professoren brauchen sich keine Sorgen machen. Sie wissen, manchmal aus eigener Erfahrung, dass ein Adrenalinausflug ins Ungewisse ihrer Untergebenen, ein kalkulierter Ausbruch aus dem Alltag, positive Kräfte für die Arbeit frei setzt. Und in zehn Jahren geht man gemeinsam Bungeespringen. Die Sehnsucht nach der revolutionären Umwälzung, wird dann abgelöst durch die Hoffnung, wenigstens noch das lang ersehnte Ende seiner aktuellen Lieblingsserie zu erleben. Die Revolution entlässt ihre Kinder zu jeder Zeit auf ihre Art…

Antideutsche Aktion Berlin im März 2015


Anmerkungen:

(1) Mit dem Aufhören anfangen, Aufruf des kommunistischen »…ums Ganze!«-Bündnisses gegen die Eröffnung des EZB-Neubaus in Frankfurt am 18. März 2015
(2) „Luft nach unten“, Rainer Trampert in konkret 03/2015
(3) „Sonst gibt’s Hausbesetzungen“, Interview mit Aaron Bruckmiller in der taz, 04.03.2015
(4) Das allerletzte Gefecht, Wolfgang Pohrt, Edition Tiamat

Den Text findet Ihr auch in der Jungle World…

Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg March 10, 2015 | 02:57 pm

Am Zweiten Weltkrieg waren mehr Soldaten aus der Dritten Welt beteiligt als aus Europa. Die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs erstreckten sich auch über Nordafrika, den Nahen Osten, Südostasien und Ozeanien. Soldaten aus den Kolonien kämpften (meist zwangsrekrutiert) auf Seiten der Alliierten, in den Kolonien wurden Menschen zur Kriegsproduktion gezwungen. Aber es gab auch Kollaborateure in der Dritten Welt, die sich durch eine Zusammenarbeit mit den Nazis Vorteile erhofften und teils deren Ideologie übernahmen. Obwohl sich der Zweite Weltkrieg gerade deshalb als Weltkrieg auszeichnet, weil durch ihn die Peripherie unweigerlich in das Weltgeschehen hineingezogen wurde, spielt ein Zusammenhang mit der Dritten Welt im europäischen Gedächtnis kaum eine Rolle. Wir dokumentieren hier mehrere Beiträge, die sich mit der Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt haben.

1. Unsere Opfer zählen nicht. Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Im März 2005 hat das Rheinische JournalistInnenbüro nach jahrelangen Recherchen ein Buch über die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg herausgegeben. Wir dokumentieren hier den Vortrag eines Mitautors dieses Buches – Karl Rössel –, den dieser im Mai 2009 in Freiburg gehalten hat. Darin wirft er einige Schlaglichter auf die Kriegsschauplätze in der Dritten Welt, wobei er sich vor allem auf Afrika konzentriert. Er schildert Verläufe von einzelnen Gefechten, berichtet über die Behandlung von Kolonialsoldaten und von afrikanischen Kollaborateuren der Nationalsozialisten, es geht um Zwangsarbeit für die Kriegsproduktion und Kriegsverbrechen in den Kolonien. Als Quellen nennt Rössel u.a. das Buch „Hitlers afrikanische Opfer“ von Raffael Scheck sowie den afrikanischen Historiker Joseph Ki-Zerbo. Der Mitschnitt stammt aus einer Radiosendung von Radio Dreyeckland.

    Download: via AArchiv (ohne Musik; mp3; 39.9 MB; 43:36 min) | via MF (mit Musik; mp3; 51.3 MB; 56:02 min)

Kurz nach der Veröffentlichung des Buches „Unsere Opfer zählen nicht“, hat Radio Dreyeckland ein Interview mit der Mitautorin Birgit Morgenrath geführt. In diesem Interview gibt sie einen Einblick in die Motivation und Methode der Forschungsarbeit des Rheinischen JournalistInnenbüros und führt noch einmal einige Aspekte der Verstrickung der Dritten Welt in den Zweiten Weltkrieg an.

    Download: via AArchiv (mp3; 7.8 MB; 16:58 min)

Mit den Ergebnissen seiner Recherchen hat das Rheinische JournalistInnenbüro außerdem eine Wanderausstellung zusammengestellt, die seit 2009 in mehreren Städten zu sehen war. Als diese Ausstellung 2012 im Historischen Museum Frankfurt zu sehen war, hat Heike Demmel ein hörenswertes Feature produziert, das auf Radio Z zu hören war. In der Sendung werden noch einmal Schlaglichter auf Zusammenhänge und Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in der Dritten Welt geworfen. Neben Kommentaren von Karl Rössel sind einige Interviews und O-Töne aus den Hörstationen der Ausstellung zu hören.

    Download: via AArchiv | via Radio Z (mp3; 21.7 MB; 23:43 min)

Das Projekt „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ hat außerdem eine Webpräsenz, auf der neben ausführlichen Informationen, Verweisen und Quellenangaben auch zahlreiche O-Töne von Zeitzeugen zum Anhören zur Verfügung stehen. Eine Kritik an der Ausstellung aus post-kolonialer Perspektive, die auf Radio Unerhört Marburg gesendet wurde, kann hier nachgehört werden.

2. Erinnerung und Erkenntnis. Der Zweite Weltkrieg in peripherischer Perspektive

Dan Diner (u.a. Simon-Dubnow-Institut Leipzig) hat gemeinsam mit einer Forschungsgruppe gerade ein Projekt begonnen, das sich mit einer Globalgeschichte bzw. mit einer Gedächtnisgeschichte des 2. Weltkriegs auseinandersetzt. Aspekte dieser Forschungsarbeit hat Diner am 20.11.2014 auf Einladung des Wiesenthal-Instituts für Holocaust-Studien in Wien vorgestellt. Er legt in diesem Vortrag an einzelnen Ereignissen und Personen dar, dass der Zweite Weltkrieg in der Erinnerung der kolonialisierten Länder eine andere Bedeutung einnehmen musste, als in Europa. Dies rekonstruiert er u.a. an einer Debatte zwischen Gandhi und Martin Buber und an einem Briefwechsel zwischen Jacques Derrida und Pierre Nora. In der historischen Darstellung konzentriert sich Diner vor allem auf Frankreich und die französischen Kolonien, weil sich in Frankreich kontinentale und koloniale Geschichte auf exemplarische Weise miteinander verknüpften. Außerdem legt Diner einen Focus auf die jüdische Erinnerung an den zweiten Weltkrieg und rekonstruiert, wie durch die kolonialen Grenzziehungen auch auseinandertretende Perspektiven innerhalb des Judentums entstanden sind.

Die Globalisierung der Lebenswelten zieht die Globalisierung von Gedächtnissen nach sich. Damit werden nicht nur Fragen gemeinsamer, verschiedener wie gegenläufiger Erinnerungen aufgeworfen. Auch die Geltung wie die Reichweite dessen, was gemeinhin unter Geschichte verstanden wird, bedarf globalisierender Erwägungen. Dies gilt nicht zuletzt für derartig einschneidende Ereignisse wie den Holocaust. Ist seine Bedeutung als negatives Kernereignis des kontinentaleuropäisch-transatlantischen Kulturzusammenhanges universalisierbar? Lassen sich die von ihm ausgehenden Konsequenzen im Bereich von Moral und historischem Urteilsvermögen übertragen? Der Vortrag unternimmt den Versuch, die Koordinaten der Ereignisgeschichte des Zweiten Weltkrieges neu in den Blick zu nehmen und sie in globalisierender Absicht zu justieren. Dabei werden die Stränge kontinentaler und kolonialer Ereignisse in ihrer Verschränkung präsentiert, wobei der Holocaust aus Gründen von Moral und Urteilskraft ins Zentrum des Erkenntnisinteresses gerückt wird.

Moderation: Sybille Steinbacher (Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien und Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des VWI).

Dan Diner ist Professor für moderne europäische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, Professor emeritus für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, Leiter des Akademieprojektes Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen und Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und zur Zeit Fellow am Swedish Collegium for Advanced Study in Uppsala. Seine Forschungsschwerpunkte sind die jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die Gedächtnisgeschichte des Holocaust und die Globalgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Er ist Herausgeber der Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK) und Autor zahlreichen Monographien, darunter jüngst Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 91.8 MB; 1:40:18 h)
    Video: bei Youtube


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hoerenswert 10 March 9, 2015 | 05:39 pm

Teil 9 hier zu finden

  • SWR2: Anarchisten am Rio de la Plata (27 Min.) (download) (via)
  • WDR-Zeitzeichen: Sozialistengesetz 1878 (14 Min.) – oder: Die fernen Ursprünge der SPD (download) (via)
  • NDR: Hannah Arendts Töchter (20 Min.) (download)
  • SWR2-Aula: Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht – Han Byung-Chul (28 Min.) (download)

Es folgt der obligatorische Hinweis, dass einiges sowohl in seiner inhaltlichen Ausrichtung als auch der Form nach durchaus Kritik würdig ist.


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»Deutsche finanzieren antiisraelische NGOs« March 9, 2015 | 03:47 pm

Tuvia Tenenbom (rechts) mit Stefan Frank (© Stefan Frank)

Erster Teil eines zweiteiligen Interviews mit dem israelisch-amerikanischen Autor Tuvia Tenenbom, der nach »Allein unter Deutschen« kürzlich mit »Allein unter Juden – eine Entdeckungsreise durch Israel« (Suhrkamp-Verlag) ein weiteres Buch veröffentlicht hat. Darin kritisiert Tenenbom nicht zuletzt die Theorie und Praxis linker NGOs in Israel, ihre Unterstützung durch europäische Aktivisten und ihre Finanzierung aus Europa, insbesondere aus Deutschland. Zum zweiten Teil des Gesprächs geht es hier.


INTERVIEW: STEFAN FRANK

Juden, die Israel hassen, spielen eine wichtige Rolle in deinem Buch – wie auch in dem Konflikt selbst. Doch sie arbeiten nicht allein, oder?

Ohne europäisches – und vor allem deutsches – Geld gäbe es keine israelischen linken Organisationen. B’Tselem, Shalom Achshav (Peace now), Rabbis for Human Rights – wer gibt ihnen das Geld? Vor allem Europäer. Und das meiste Geld kommt aus Deutschland.

Woher weißt du das?

Man braucht sich bloß die von solchen Organisationen eingereichten Steuererklärungen anzusehen. Wie viel Geld erhalten die antiisraelischen NGOs von Israelis? Sehr wenig. Diese Vereinigungen, die für eine Menge schlimmer Dinge verantwortlich sind, würden ohne europäisches Geld nicht existieren. Die Europäer suchen nach Juden, die sich selbst nicht mögen, und geben ihnen Geld. Schau dir israelische Filme an – sie sind meistens kritisch gegenüber Israel. Wer finanziert sie? Deutsche. Es gibt alle möglichen Koproduktionen mit dem ZDF, der ARD, Arte

Die Tageszeitung Haaretz hat sogar einen deutschen Besitzer.

Haaretz war kurz davor, dichtzumachen. Ihr Geschäft war lange Zeit nur deshalb profitabel, weil sie in ihrer Druckerei viele Jahre die sehr weit rechts stehende Zeitung Israel Hayom gedruckt haben, ein Blatt, das sie hassen. Haaretz hat es gedruckt! Auf Hebräisch ist Haaretz ein sehr kleines Blatt, auf Englisch hingegen – im Internet – eine große Nummer. Nur wenige Israelis lesen Haaretz.

Dafür aber ist Haaretz die wichtigste israelische Quelle für antiisraelische Propaganda in Deutschland. Leute wie Gideon Levy oder Amira Hass werden ständig um hübsche Zitate gebeten.

Natürlich. Aber es gibt da einen interessanten Punkt: Sogar die sogenannten proisraelischen Magazine in Deutschland hielten es nicht für wert, mein Buch »Allein unter Juden« auch nur zu erwähnen. Haaretz hingegen hat eine großartige Besprechung gedruckt. Der Titel war: »Letzter Aufruf an die israelische Linke: Macht Schluss mit euren Illusionen.« Und hier in Deutschland kann ich eine Zeitung wie die Jungle World nicht dazu bringen, auch nur eine einzige Zeile über das Buch zu schreiben.*

Wie erklärst du dir die positive Rezension in Haaretz?

Es ist so wahnsinnig viel deutsches Geld, das in die israelischen NGOs fließt, dass sogar einige Redakteure von Haaretz sagen: Wir, die Linken, müssen aufwachen. Das zu erfahren war für sie schockierend.

Ist die gesamte israelische Linke antiisraelisch?

Als ich in Israel aufwuchs, war die israelische Linke noch eine andere. Sie war nicht antiisraelisch, sondern gegen die Besatzung. Diese Linke ist fast tot. Die heutige israelische Linke, das ist zum größten Teil die intellektuelle Linke. Ich habe mit vielen ihrer Aktivisten gesprochen. Es ist ein Haufen Selbsthasser, Leute, die sich selbst nicht leiden können. Eine traurige Geschichte. Sie träumen von einem palästinensischen Staat. Ihre Träume von einem israelischen Staat hingegen sind zu Ende. Das geht weit über den »Postzionismus« hinaus, es ist ein »Post-Postzionismus«.

Antizionismus.

Ja.

Vor zwei Jahren haben wir uns hier getroffen und über dein damaliges Buch »Allein unter Deutschen« gesprochen. Eine augenfällige Verbindung zwischen den beiden Büchern ist ebendiese erbärmliche Rolle der Intellektuellen.

Es sind Pseudointellektuelle. Intellektuell sind sie in dem Sinn, dass sie in der Lage sind, aus Tatsachen etwas völlig anderes zu machen. Sie fälschen die Wirklichkeit und passen sie ihren Wunschvorstellungen an, pressen sie in die Förmchen ihres Glaubens. Fakten interessieren sie nicht. Das ist erschreckend.

Ein großer Denker sagte einmal, dass der Intellektuelle, frei von irgendwelchem Wissen über die Dinge des heutigen Lebens, eher dem Philosophen ähnelt als einem Spezialisten. Da er sehr wenig Kenntnis der Sache hat, über die er redet, ist das Kriterium seiner Auswahl von Fakten, wie gut sie zu seinen sonstigen Standpunkten passen und wie gut sie sich eignen, um daraus eine Weltanschauung zu bilden.

Ich habe einer Intellektuellen erzählt, wie antisemitisch sich die Palästinenser in Ramallah mir gegenüber geäußert haben. Da hat sie zu mir gesagt: Völlig ausgeschlossen, so reden sie nicht in Ramallah! Ich habe ihr geantwortet: Du scheinst dir da sehr sicher zu sein, wann warst du denn das letzte Mal dort? Woraufhin sie gesagt hat, sie sei noch nie in Ramallah gewesen. Das ist typisch für Intellektuelle.

Mir ist vor einigen Jahren aufgefallen, dass Europas Pseudointellektuelle nur einen einzigen Hass haben, der dieselbe Intensität hat wie ihr Hass auf Israel: der auf Amerikas republikanische Partei. Ich erinnere mich beispielsweise an die Tollwütigkeit, mit der viele über Clint Eastwood schrieben, nachdem dieser 2012 auf dem Nationalkonvent der Republikaner aufgetreten war.

Deine Beobachtung ist richtig. Die republikanische Partei ist sehr proisraelisch, und obwohl ich nicht sage, dass das der Grund ist, warum sie sie hassen, bin ich mir doch recht sicher, dass sie, wäre sie antiisraelisch, in Europa ein bisschen mehr gemocht werden würde. Die Intellektuellen würden sie lieben, wie sie Brot für die Welt lieben. Brot für die Welt ist religiös, heißt es, und antiisraelisch. Niemand sagt ein schlechtes Wort über Brot für die Welt.

Was ist der am stärksten hervorstechende Unterschied zwischen dem Israel, das du vor 30 Jahren verlassen hast, und dem heutigen?

Alles hat sich geändert, ich beschreibe das ja im Buch. Die Linke hat sich drastisch geändert, ebenso der Konflikt zwischen Arabern und Juden. Damals nannten sich die in Israel lebenden Araber »arabische Israelis«, heute nennen sie sich »Palästinenser«. Vor dem Oslo-Abkommen konnte jeder hingehen, wohin er wollte. Wenn man von Haifa nach Ramallah wollte, stieg man einfach in den Bus und fuhr dorthin. Es gab keine Checkpoints, nichts.

Bedauern viele Israelis diese Art von Apartheid, in der ihre Bewegungsfreiheit so stark beeinträchtigt ist und es Juden nicht mehr erlaubt ist, Orte wie Hebron oder Bethlehem zu besuchen?

Ich glaube, dass nur sehr wenige es so sehen, weil sie nicht einmal wissen, dass sie nicht dorthin dürfen und was dort mit ihnen passieren würde. Sie glauben, dass die israelische Regierung aus Sicherheitsgründen eine Verordnung erlassen hätte – sei es, weil sie keine Scherereien will oder weil einige extremistischen Palästinenser Juden entführen könnten. Den Israelis ist gar nicht klar, dass es nicht um ein paar Extremisten geht, sondern um alle Palästinenser. Die Palästinenser wollen keine Juden, so einfach ist das.

Betrachten Israelis diese Situation als vorübergehend oder wissen sie, dass sie in ihrem Leben niemals mehr Hebron sehen werden?

Nein, das wissen sie nicht. Wenn ihnen das klar wäre, würde niemand mehr über die »Chancen des Friedens« sprechen. Die Rechten und die Linken diskutieren ja immer noch darüber, was man mit den Palästinensern tun müsse, damit es Frieden gibt. Wenn sie die Wahrheit wüssten, wenn sie wüssten, was wirklich vor sich geht…

Sie haben keinen Schimmer?

Nehmen wir beispielsweise Jibril Rajoub aus meinem Buch…

…der als Arafats rechte Hand galt und einmal als dessen möglicher Nachfolger im Gespräch war.

Die Israelis haben ihm einen hebräischen Namen gegeben, sie nennen ihn Gavriel Regev, weil sie glauben, dass er sie so lieb hat. Lustigerweise hat mich die israelische Armee nach meinem Treffen mit Jibril Rajoub angerufen und mich nach meiner Meinung über ihn gefragt. Ich fiel aus allen Wolken: Ist das euer Ernst, ihr ruft mich an? Ihr habt keine Ahnung? Ich habe ihnen dann gesagt, was ich über ihn denke – aber das ist lächerlich. Die Israelis wissen nicht Bescheid. Das ist übrigens einer der Gründe, warum mein Buch sich in Israel so gut verkauft. Als mein Verleger das israelische Fernsehen bat, über das Buch zu berichten, haben Leute dort es gelesen und gesagt: Wir glauben Ihnen nicht. Wir leben hier und kennen die Wirklichkeit. Wir kennen die Tatsachen. Sie kommen hierher und glauben, Sie wüssten es besser? Ich habe gesagt: Wollt ihr die Videos sehen? Sie fragten: Videoaufnahmen von den Gesprächen? Ja, die konnte ich ihnen geben. Sie haben sie sich angesehen. Es war ein linker Fernsehsender, und die Redakteure – und Zuschauer – waren völlig schockiert. Das Buch ist in Israel immer noch ein Bestseller, auch nach fünf Monaten. Und warum? Weil die Israelis nicht wissen, was um sie herum los ist.

Welche Erwartungen hattest du vor deiner Reise? Selbst wenn du nicht alles wissen konntest, was dir widerfahren würde, musst du doch ein paar Ahnungen gehabt haben.

Ich wusste nichts von dem. Ich war völlig ahnungslos. Diese NGOs, die einem überall auf Schritt und Tritt begegnen – ich hätte mir das nicht träumen lassen. Darüber liest man nichts in den Zeitungen. Was ich sah, kam völlig unerwartet. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich in meinem Buch über Israel noch einmal auf Deutschland zu sprechen kommen würde. Vielleicht auf deutsche Juden, ja, oder auf deutsche Touristen in Israel. Aber dass deutsches Geld in all diese antiisraelischen Aktivitäten fließt? Nein! Ich hätte niemals gedacht, dass Leute Tausende von Kilometern reisen, um Juden eins auszuwischen. Das hat meine Vorstellung von Antisemitismus weit übertroffen.

Du hast nie Artikel in vernünftigen Zeitungen und Zeitschriften – etwa in der Jerusalem Post, dem Telegraph, in Commentary oder der National Review – gelesen?

Manchmal liest man Meinungsartikel. Die bedeuten überhaupt nichts, weil die meisten Leute, die diese Stücke schreiben, dabei in ihren bequemen Zimmern sitzen. Einige lieben die Juden, andere die Araber. Du kannst den einen so wenig trauen wie den anderen. Ich habe gar keine Lust, Artikel zu lesen, die jemand in New York, Berlin oder Washington geschrieben hat.

Dabei fällt mir jemand ein, der vor Ort ist: Gideon Levy, der von den Palästinensern geliebt wird – so sehr, wie sie einen Juden eben lieben können –, weil er der Verfechter der palästinensischen Sache ist. Dieser Mann spricht kein Wort Arabisch. Und wenn er zu den Palästinensern reist, tut er das niemals allein, sondern immer in einem Tross von NGOs, damit er beschützt wird. Das ist schon lustig.

Vor deiner Reise hättest du keinen Artikel für glaubwürdiger gehalten als den irgendeines Israelhassers? Alles war für dich eins?

Sorry, aber so ist die Wirklichkeit. Leute schreiben, was sie glauben – auf beiden Seiten. Ich bin kein Rechter, ich bin kein Linker, ich bin kein Zentrist. Und was ich herausgefunden habe, steht im Gegensatz zu dem, was ich mir gewünscht hätte. Ich mag die Araber. Ich mag die Europäer. Und obwohl mir das nicht gefällt, was ich herausgefunden habe, ist es meine Aufgabe als Journalist, darüber zu schreiben. Ich glaube den Rechten nicht mehr als den Linken. Beide werden dafür bezahlt, das zu schreiben, was die Leute hören wollen. Das ist die Wirklichkeit des Lebens, wir können daran nichts ändern. Es ist ein Geschäft, Zeitungen werden zu dem Zweck verkauft, das zu bestätigen, was ihre Leser glauben.

Wollen auch gescheite Leute sich etwas vorgaukeln, weil es das Leben einfacher macht?

Selbstverständlich, das ist die menschliche Natur, und das gilt insbesondere für die Medien. Die Medien der Linken finden immer einen Fehler an der Rechten, die der Rechten immer an der Linken. Auf beiden Seiten sind menschliche Wesen, niemand hat immer Recht oder immer Unrecht. Im Laufe des Lebens habe ich gelernt, den Medien niemals zu trauen – rechten wie linken.

Was tust du, wenn du dich über einen Konflikt informieren willst, zu dem du nicht reisen kannst, um ihn mit eigenen Augen und Ohren zu beurteilen? Du kannst nicht nach Tibet oder Nordkorea. Da musst du irgendjemandem trauen.

Nein, musst du nicht, das ist der Grund, warum ich Jude bin. Das ist es, wofür – meiner Ansicht nach – der Judaismus steht. Glaub nichts, was irgendjemand sagt. Du musst die Wahrheit selbst herausfinden. Sei dir niemals sicher. Wie schon im alten Klischee: Was antwortet ein Jude, wenn man ihn etwas fragt? »Warum nicht, warum ja, und warum?« Ich habe den Judaismus studiert, und sein Wesen ist meiner Meinung nach: Nichts ist sicher, nur Fragen und Zweifel. Die Christen haben Jesus. Die Muslime haben Mohammed. Die Kommunisten haben Stalin. Die Linken haben die Pseudointellektuellen. Die Juden haben niemanden. Beinahe alle jüdischen Führer in den biblischen Geschichten waren Kriminelle, die große Verbrechen begangen haben. Schau dir König David an, den größten König der Juden: Der Typ war ein Vergewaltiger und Mörder, so sagt es die Bibel. Was also lehrt einen das? Man kann niemandem glauben. Wenn ich an einen Ort nicht gehen kann, versuche ich, beide Seiten zu lesen beziehungsweise so viele wie möglich. Die arabische Presse, die jüdische, die europäische, die amerikanische.

Was ist deine Haltung zu Religion im Allgemeinen? Du musst ein Interesse daran haben, sonst hättest du sie nicht studiert.

Ich bin nicht religiös, aber natürlich habe ich ein Interesse an Religion. Sie ist eines der wichtigsten Dinge, die Menschen zusammenhalten. Für viele ist sie eine Rettung, aber sie kann auch töten. Religion besteht nicht allein im Glauben an Gott. Ein Linker oder ein Rechter zu sein ist auch eine Religion. Atheist zu sein ebenfalls. Oder Kommunist.

Das klingt nach dem, was der englische Schriftsteller G.K. Chesterton einmal sagte: »Wenn Menschen sich dazu entscheiden, nicht mehr an Gott zu glauben, glauben sie anschließend nicht an nichts, sondern werden fähig, alles zu glauben.«

Das ist die menschliche Natur.

Was macht deiner Meinung nach eine religiöse Person aus?

Wenn jemand an ein System glaubt, ohne es zu prüfen, dann wird daraus eine Religion. Ich glaube, dass der Judaismus nicht wirklich eine Religion ist. Ich glaube, er ist eine Kultur, eine Kultur der Fragen, eine Kultur, die von dir verlangt, dass du tiefer gräbst.

In diesem Sinn also hast du eine Beziehung zum Judaismus, als eine Art von Philosophie?

Es ist mehr als eine Philosophie, komplexer: eine Geisteshaltung, eine Art des Lebens und Denkens. Das ist es, was ich im Judaismus sehe und was ich gewählt habe zu sein.

Hilft das Studium von Religion, den arabisch-israelischen Konflikt zu verstehen?

Ich glaube nicht, dass Religion der Kern des Konflikts ist. Hätte der weiße Mann sich nicht eingemischt, wäre der Konflikt nicht so schrecklich, wie er ist. Vor Oslo war alles viel besser. Schuld ist die europäische Denkungsart. Die Europäer glauben – und die Amerikaner auch –, sie müssten das Problem zwischen Arabern und Juden lösen. Ich meine, das geht sie nichts an. Lass sie ihre eigenen Konflikte lösen, wie etwa hier, zwischen Pegida und Nicht-Pegida. Es gibt Tausende von Konflikten in der deutschen Gesellschaft – löst sie! Es gibt Nazis hier. Löst nicht die Probleme der Welt. Es gab eine Zeit, wo die Deutschen eine Lösung für die jüdische Frage hatten, die Endlösung. Ich mag diese Lösung nicht.

Was ist der Unterschied zwischen westlicher und nahöstlicher Kultur?

Die westliche glaubt, dass jedes Problem gelöst werden könne. Das ist nicht das, was wir im Osten glauben. Wir glauben, dass Konflikte bleiben, manchmal für immer. Auch die Araber kämpfen untereinander. Sunniten und Schiiten tragen einen ewigen Kampf gegeneinander aus und können den Konflikt nicht lösen. Im Westen muss man verstehen, dass die östliche Kultur anders ist. Wir lösen keine Probleme, wir machen sie, und es ist unsere eigene Angelegenheit. Ich lebe nicht im Osten, sondern im Westen, glaube aber nicht, dass die westliche Kultur auf irgendeine Weise besser ist als die östliche. Schau, was auf diesem Kontinent passiert ist, gerade erst zur Zeit unserer Großeltern. Europäer haben sich gegenseitig abgeschlachtet. Ströme von Blut sind geflossen, und das schon seit Tausenden von Jahren. Europäer sind nicht besser als die Juden oder die Araber. Sie sind Rassisten, die denken, ihre Kultur sei besser als jede andere. Ich habe Neuigkeiten für sie: Das ist falsch.

Siehst du einen Unterschied zwischen europäischen Antisemiten und jüdischen Antisemiten wie Gideon Levy?

Das ist ein Unterschied, ja. Ich habe Mitleid mit Juden, die sich selbst hassen, wie Gideon Levy. Ich habe aber kein Mitleid mit europäischen Antisemiten. Sie sind bloß Rassisten.

* Update: Die Jungle World schreibt in einer E-Mail an Lizas Welt, dass eine Besprechung von Tenenboms Buch in der kommenden, am 12. März erscheinenden Ausgabe zu lesen sein wird. Es ist die Ausgabe zur Buchmesse in Leipzig, bei der Israel das Gastland ist.

Foto: Tuvia Tenenbom (rechts) mit Stefan Frank. © Stefan Frank.


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Die neuen Imperien March 9, 2015 | 11:59 am

Über neue Reiche in Asien schreibt Thomas v. der Osten-Sacken:

Auch in Raqqa, der Hauptstadt des IS-Terrorkalifats, ebenso wie in Teheran, arbeitet man mit Hochdruck an der Wiederherstellung untergegangener Imperien, sei es das arabische Kalifat oder das persische Weltreich. Untereinander mögen sich die neuen Reichsgründer im Krieg befinden, weltanschaulich herrscht unter ihnen Einigkeit, dass die alte globale Ordnung, die der Westen, allen voran die USA und Israel, der Welt angeblich zu ihrem Unheil diktiert habe, nun an ihr Ende gekommen und dem Untergang geweiht sei.

Grübeln Experten in westlichen Hauptstädten noch, ob es dem Iran, der Türkei oder auch Russland nicht vor allem um »legitime Sicherheitsinteressen« gehe und wie im Nahen Osten, der droht, zu einer einzigen failed region zu werden, entlang ethnischer oder konfessioneller Grenzen neue Staaten geschaffen werden könnten, denkt und plant man in Westasien längst wieder in imperialen Großräumen.

Mit unterschiedlichem Erfolg: Während Erdo­?ans neoosmanisches Projekt bislang wenig außenpolitische Erfolge vorzuweisen hat und vor allem massive Repression im Inneren legitimiert, expandiert der Iran mit atemberaubender Geschwindigkeit in der Region.

Unendliche Langeweile. Der definitive David Foster Wallace – Verriss March 8, 2015 | 09:00 am

„Er fieberträumte von dunklen gewunden Sturmwolken, die sich dunkel wanden…“ I – Die gebrochene Form Die Gründe dafür, dass Kompositionen in Wort, Bild und Ton seit der Jahrhundertwende zum 20. Jahrhundert zunehmend komplexer und formal gebrochener werden, dürften dem interessierten Laien bekannt sein: Eine nach Luhmann formal immer ausdifferenziertere Gesellschaft, eine zunehmend unüberschaubare Welt, die […]

Todesurteil nach Facebook-Eintrag March 8, 2015 | 01:17 am

Soheil Arabi mit seiner Ehefrau  Nastaran Naimi und seiner Tochter

Hassan Rohani, der iranische Präsident, wird im Westen von vielen nach wie vor als »pragmatischer Reformer« gehandelt, als »bärtiger Hoffnungsträger« gar, der »sein Land aus der außenpolitischen Isolation führen und den verarmten Bürgern helfen« will (»taz«). Westlichen Politikern gilt er als einer, mit dem man konstruktiv reden und verhandeln kann – auch über das iranische Atomprogramm – und der weitaus weniger rabiat und kleingeistig auftritt als sein Amtsvorgänger Mahmud Ahmadinedschad. In einem lesenswerten Beitrag für die Zeit hat Stephan Grigat frühzeitig mit diesem Mythos vom moderaten Machthaber aufgeräumt. Rohani sei, schrieb der Wiener Politikwissenschaftler, nichts weiter als »das freundliche Gesicht des Terrors« und dabei »spielend in der Lage, in jenem pseudodiplomatischen Jargon zu sprechen, der bei feinfühligen Europäern ankommt«. Weder an den Vernichtungsdrohungen gegenüber Israel noch an der innenpolitischen Lage werde sich unter seiner Regentschaft etwas zum Guten ändern. Dafür sei Rohani viel zu sehr mit dem System der »Islamischen Republik« verwachsen und immer eine seiner Stützen gewesen.

Der italienische Politikwissenschaftler und Iran-Fachmann Emanuele Ottolenghi sieht das genauso. »Das Einzige, was sich verändert hat, ist die Toleranz des Westens gegenüber Menschenrechtsverletzungen im Iran«, sagte er zur Bild-Zeitung. »Denn mit einem Atom-Deal in Aussicht und dem Blick auf gute Wirtschaftsbeziehungen spielen die westlichen Akteure die abgrundtief schlechte iranische Menschenrechtsbilanz gerne herunter.« Hassan Rohani sei »das Aushängeschild, der Poster-Boy des Sicherheitsapparats« und ein »Kleriker, dessen politische Qualifizierung daher stammt, dass er sein gesamtes berufliches Leben lang im repressiven Geheimdienst- und Sicherheitsapparats seines Landes gearbeitet hat«. Jede organisierte und effektive Opposition im Iran, so Ottolenghi weiter, sei »bei der blutigen Niederschlagung der Proteste nach den Wahlen 2009-2010 vom Regime zerschmettert« worden.

Unter Rouhanis Präsidentschaft hat sich die Zahl der Hinrichtungen sogar noch einmal erhöht. 721 Exekutionen hat das Iran Human Rights Documentation Center für das Jahr 2014 gezählt, davon wurden 268 vom Regime selbst bekannt gegeben. 220 waren es bislang in diesem Jahr, davon sind 67 offiziell bestätigt. Einer, der Ende des vergangenen Jahres zum Tode verurteilt wurde, ist der 30-jährige Fotograf und Blogger Soheil Arabi. Gemeinsam mit Nastaran Naimi, seiner Ehefrau, war er im November 2013 von den iranischen Revolutionsgarden in seiner Wohnung verhaftet und ins berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis verbracht worden. Nach Auskunft von Naimi, die nach einigen Stunden wieder freigelassen wurde, räumte Arabi dort unter Folter ein, auf Facebook den Propheten Mohammed und den Revolutionsführer Ali Khamenei beleidigt zu haben. Im September 2014 verhängte ein Revolutionsgericht in Teheran deshalb die Todesstrafe.

Diese wird nach iranischem Recht jedoch nicht vollzogen, wenn »ein Angeklagter angibt, eine Aussage unter Zwang, fahrlässig oder in einem Rauschzustand gemacht zu haben«. Genau darauf berief sich Arabi, als das Urteil vom Obersten Gerichtshof im November des vergangenen Jahres geprüft wurde. Doch vergeblich: Die Strafe wurde nicht nur bekräftigt, sondern wegen der »Verbreitung von Verdorbenheit« – ein extrem dehnbarer Tatvorwurf, mit dem jede dem Regime nicht genehme Äußerung kriminalisiert werden kann – sogar noch einmal erweitert. Damit ist das Urteil endgültig nicht mehr reversibel, eine Begnadigung ist ausgeschlossen. Wegen ein paar kritischer Facebook-Einträge soll Soheil Arabi nun erhängt werden. Die fünfjährige Tochter wisse noch nichts davon, dass ihr Vater in Haft ist und jederzeit hingerichtet werden kann, sagte Nastaran Naimi zu Human Rights Watch. »Wir haben ihr erzählt, dass er zum Arbeiten weggegangen ist.«

Amnesty International ruft zum Protest gegen das Todesurteil auf, auch in den sozialen Netzwerken regt sich Widerstand. Der Richterspruch gegen Arabi ist längst nicht der erste gegen Internetaktivisten in der jüngeren Vergangenheit. »Die Verfolgung von Journalisten und Bloggern hat seit der Amtseinführung von Hassan Rohani im August 2013 deutlich zugenommen«, schreibt das Netzwerk Publikative.org, etwa 65 von ihnen sitzen nach Angaben der Reporter ohne Grenzen momentan in iranischen Gefängnissen. In der weltweiten Rangliste der Pressefreiheit belegt der Iran derzeit Platz 173 von 180. Im Mai 2014 ließ das Regime sogar sieben Menschen verhaften, die in Teheran ein eigenes, völlig harmloses Video zum Song »Happy« von Pharrell Williams gedreht und ins Netz gestellt hatten. Im gleichen Monat wurden acht Facebook-User zu langjährigen Gefängnisstrafen verurteilt, weil sie den Staat beleidigt und sich blasphemisch geäußert haben sollen.

»Nur wenn wir das Regime einen hohen Preis für sein Verhalten zahlen lassen, können wir den gequälten Dissidenten im Land Trost und Hoffnung spenden«, sagt Emanuele Ottolenghi. Doch stattdessen kommt der Westen den iranischen Machthabern schon seit einer ganzen Weile wieder entgegen und sucht eifrig die Kooperation. Die bedrängte Opposition wird damit noch weiter geschwächt. Statt eines Regime-Change stehen weitere Exekutionen bevor, während außenpolitisch die Gefahr für Israel durch das iranische Atomprogramm nicht geringer geworden ist – ganz im Gegenteil. Es müsste deshalb darum gehen, »das iranische Regime an der Fortsetzung seiner Projekte zu hindern«, wie Stephan Grigat schrieb. Das bedeutet: »Es muss neben scharfen Sanktionen auch eine eindeutige militärische Drohung geben.« Und es muss »darüber diskutiert werden, was passieren soll, wenn weder Sanktionen noch politischer Druck helfen und die iranische Freiheitsbewegung nicht in der Lage ist, die religiösen Herrscher zu stürzen – was die mit Abstand beste Lösung wäre«.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Soheil Arabi mit seiner Ehefrau Nastaran Naimi und seiner Tochter.


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09-03-2015Für eine kommunistische Zivilisierung von Abendland… March 7, 2015 | 04:29 pm



09-03-2015
Für eine kommunistische Zivilisierung von Abendland & Morgenland und einige Anmerkungen zum Verhältnis von utopischem Denken und Gesellschaftskritik

Unterstützung einer selbstverwalteten Schule für syrische Flüchtlingskinder March 6, 2015 | 10:36 pm

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Mit finanzieller Unterstützung einer internationalen Hilfsorganisation hat die kurdische Regionalregierung vergangenes Jahr eine Schule für syrische Flüchtlingskinder in Bainjan, einer Kleinstadt in der Nähe von Suleymaniah, errichtet.

Die Lehrer stammen aus Syrien, sind selbst Flüchtlinge und arbeiten ehrenamtlich. 120 Kinder werden unterrichtet, viele von ihne sind allerdings so arm, dass sie weder genügend Winterkleider besitzen noch sich die nötigen Schulsachen besorgen können.

Aber anders als so viele andere Kinder von den Millionen Flüchtlingen, die vor dem blutigen Bürgerkrieg in Syrien geflohen sind, können sie immerhin in die Schule gehen. Und die ist vom irakisch-kurdischen Erziehungsministerium anerkannt. Nur leben viele Familien in so großer Armut, dass sie ihre Kinder nicht einfach in die Schule schicken können.

Hier springt WADI ein. Für dieses Jahr soll der Transport von Kindern und Lehrern finanziert werden, Schul- und Unterrichtsmaterialen gekauft, Kinder, deren Eltern nicht genügend Geld für Kleidung besitzen, gezielt unterstützt werden. Auch sonst wollen wir, wo und wie immer möglich, dieses, in der Region wohl einmalige, Projekt unterstützen.

Denn es sind syrische Flüchtlinge, die anderen syrischen Flüchtlingen helfen. Auch bei Wadi: So ist es unsere Buchhalterin, Kumry Alferha, die selbst aus Quamishli in Syrisch-Kurdistan stammt, die sich um dieses Projekt neben ihrer regulären Arbeit kümmert.

Erst kürzlich verteilten Mitarbeiterinnen von Wadi Spielsachen an die Kinder, die Freude war, wie man sieht, groß.

Dies ist einer unserer Projekte zur Unterstützung von syrischen Flüchtlingen in Irakisch-Kurdistan. Bitte helfen auch Sie mit Ihrer Spende.

Stolpern für Deutschland March 6, 2015 | 01:06 pm

Die Petition für Stolpersteine in München hat in nur wenigen Tagen bald 50.000 Unterzeichnende erreicht. Neben vielen rührigen Kommentaren der Unterzeichnenden wird in manchen auch die Problematik deutscher Gedenkideologie deutlich. Ein Blick in tiefe Abgründe.

„Ich stolpere gerne über die unsagbar quälende Vergangenheit.“

Diese Begründung eines Petitionsteilnehmers ist ohne Weiteres nicht zu verstehen. Denn wer stolpert schon gerne – noch dazu über etwas unsagbar Quälendes? Mit einer patriotischen Brille gelesen, wird aus dem Unsinn wieder Sinn. Während die Erinnerung an den Holocaust vor einiger Zeit noch als Makel im deutschen Identitätskostüm verstanden wurde, wird sie heute zur kulturellen Bereicherung und nationaler Qualifikation hochgejazzt. Auf die Petitionsfrage, warum sie für Stolpersteine sind, antworteten deshalb Teilnehmende:

„[Weil Stolpersteine] stolz darauf machen, wie offen wir in Deutschland mittlerweile mit unserer Geschichte um gehen!“

„wir in Deutschland uns dieser Schuld bewusst sind und Orte des Erinnerns errichten.“

„Ich unterschreibe, weil ich stolz auf Deutschland bin.“

Der millionenfache industrielle Vernichtung wird zum kulturellen Trademark:

„Weil der Holocaust genauso zu Deutschland gehört, wie Goethe!“

„Weil das Erinnern zu einer wichtigen Kultur gehört.“

„Erinnerungen wichtig sind, um eine eigene Identität zu wahren.“

„Stolpersteine gehören zu Deutschland.“

Der Stolperstein als patriotische Pflicht
Wo Gedenkpolitik dermaßen in eine nationale Matrix eingeschrieben zu sein scheint, wird Gedenken freilich zur Pflicht und alle Kritikerinnen und Kritiker zu potenziellen Vaterlandsverrätern:

„Gedenken ist unsere Pflicht!“

„Wir, Sie alle, sind in der Pflicht“

„Ich finde die Weigerung, Stolpersteine zu dulden, als große Schande für unser Land.“

„Wie steht unsere Gesellschaft denn da, wenn eine Weltstadt wie München Stolpersteine verbietet?“

Als „Störenfried der Erinnerung“ (Eike Geisel) wurde von vielen Petitionsteilnehmern Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, ausgemacht.

„Ich will diese Petition nicht nur an den Stadtrat, sondern auch an Frau Knobloch von der jüdischen Gemeinde München gerichtet wissen“

„Ich weiß, dass Frau Knobloch großen Einfluss nahm bezüglich des Verbots in München“

„Frau Knobloch hat im Übrigen nicht die Befugnis, auch für die nicht-jüdischen Opfer der Nazi-Diktatur zu sprechen“

Wie wir gedenken, haben nicht die Juden zu bestimmen
Da der stärkste Widerstand gegen Stolpersteine landesweit aus zahlreichen jüdischen Gemeinden kommt, versuchen einige Stolperstein-Befürwortende, die Mitbestimmung der jüdischen Gemeinden in Gedenkfragen zu desavouieren. Dutzendfach hat eine Münchner Stolperstein-Aktivistin in der öffentlichen Münchner Stolpersteingruppe so oder ähnlich auf Facebook betont:

„Indem man [Charlotte Knobloch] endlich klar macht, dass die Stolpersteine NICHT NUR für die Münchner Juden, sondern für aller Opfergruppen dieser Stadt ein Denkmal darstellen. München bestand und besteht nicht nur aus Juden, wie wir alle wissen.“

In Anbetracht der Kritikerinnen und Kritiker der Stolpersteine ist es besonders absurd, dass diese sich von Petitionsteilnehmern nicht selten als Nazis oder gar als Holocaustleugner verunglimpft sehen müssen.

„Mir scheint, in Bayern könnten noch viele Altnazis und Holocaustleugner in entscheidenden Stellen sitzen“

„Gedenksteine für Opfer des Naziregimes zu verbieten ist wie die Shoah zu leugnen“

„Dies kommt einem Verleugnen des Holocausts gleich.“

„Es gab Zeiten, da hätte man diese Steine in ganz Deutschland auf einen Haufen geworfen und verbrannt, im 21sten Jahrhundert gibt es das zum Glück nur noch in München.“

„Wer gegen die Stolpersteine ist, kann wohl nur ein Nazi sein!“

Seltsame Auferstehung in Messing
Wer gegen Stolpersteine ist, kann wohl nur ein Nazi sein, denn Stolpersteine bringen die grausam Ermordeten angeblich wieder in die Mitte Deutschlands zurück, so meinen zumindest einige Petitionsteilnehmende. Das genau Folgendes nicht der Fall ist, ist offenbar schwer zu begreifen:

„Weil sie mir das Gefühl geben, dass die Menschen, an die sie erinnern, dadurch irgendwie noch in unserer Mitte sind.“

„Und macht sie damit in meinen Augen quasi ein Stück wieder lebendig“

„Weil eine noch so geringe „Auferstehung“ dieser Menschen im Stadtbild nur willkommen sein kann!“

Des weiteren seien Stolpersteine eine „unaufdringliche“ Art der Erinnerung, betonen fünf Unterzeichnende, „heilsam“, „normale Genugtuung“, „klasse“ oder einfach „genial“ betonen andere: Eine Lösung der Gedenkfrage scheinen Stolpersteine nachgerade zu sein, um das viel zitierte „dunkelste Kapitel der deutschen Geschichte“ endgültig positiv auszuleuchten.

Wenn die Stadt München ein Interesse haben sollte, einen kritischen Beitrag zur sogenannten „Aufarbeitung der Vergangenheit“ zu leisten, muss sie die Stolpersteine ablehnen. Allein um den Städten, die sich momentan in ihren Stolpersteinen sonnen, ein dauerhaftes Mahnmal zu sein. Und damit allen, die „gerne über die unsagbar quälende Vergangenheit“ stolpern, etwas entgegengesetzt ist. Also schlicht um daran zu erinnern, dass es mit der Gedenkpolitik nicht so einfach ist. Das wäre deutlich wichtiger, als ein paar Messingplatten im Boden. Damit sei freilich nicht gesagt, dass alle Befürwortende von Stolpersteinen unredliche Motive hätten. Die meisten meinen es wohl irgendwie gut. Trotzdem.

Anm.: Jedes hier aufgeführte Zitat ist einer anderen formalen Absenderin bzw. eines anderen Absenders zuzuordnen. Die Fragmente stammen nicht aus der Feder eines verrückt Gewordenen, sondern sind eine Gemeinschaftsleistung und entstammen bis auf eine Ausnahme der hier einsehbaren Petition.

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Endgame Over March 5, 2015 | 10:25 am

Achtung, neuer Ort: ZOB Hannover

Gegen Antiamerikanismus und völkischen Wahn

Am 14. März ruft die aus dem rechtspopulistischen PEGIDA-Mob hervorgegangene „EnDgAmE“-Bewegung zu einer Demo in Hannover auf. Das Backronym „EnDgAmE“ steht hierbei für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“; der Inhalt wird schon im Namen deutlich: Wie schon bei den beiden vergangenen Aufmärschen in Erfurt und in Halle wird auch in Hannover ein wahnhafter Antisemitismus propagiert werden, nach dessen Vorstellung eine kleine Minderheit die Welt knechte und unterjoche. Als Aufhänger dient dabei ein rassistische Stereotype anwendender Antiamerikanismus. Es ist somit zu erwarten, dass Wahnwichtel, Nazis, selbsternannte Reichsbürger und an Chemtrails Glaubende am 14. nach Hannover kommen werden. Als Redner ist unter anderem Wojna, bekennender 9/11-Truther und Sänger der Band „Die Bandbreite“ angekündigt, welcher sich nicht zu schade ist, mit bekennenden Nazis in der Öffentlichkeit aufzutreten.

endgame

Auch andere Demonstrationsteilnehmer, die sich „links“ und antifaschistisch wähnen, waren in Erfurt zu beobachten. Doch was dort vermittelt wurde und in Hannover vermittelt werden soll, ist weder Antifaschismus noch Antikapitalismus.
Antiamerikanismus hat in Europa Tradition. Der Hass auf die angeblich kulturlosen USA ist so alt wie die Geschichte des Staates selbst. Schon als sich die ersten Europäer auf den Weg nach Nordamerika begaben, warfen ihnen die Heimgebliebenen Verrat vor. Ähnlich irrational wird Amerika seitdem von europäischer Seite aus dämonisiert, um die eigene Lebensweise moralisch aufzuwerten. Selbst den europäischen Kapitalismus wähnen Viele als „humaner“ als das amerikanische und globale Wirtschaften. Dass der Kapitalismus, ob europäisch oder amerikanisch immer ein bedürfnisfeindliches System ist, wird außer Acht gelassen. Spielend leicht wird die Welt in Gut und Böse sortiert, um sich Problemstellungen zu vereinfachen. Diese Schuldzuweisungen sind jedoch keine Kritik, sondern eine völlig absurde Aversion.
Wo unsachliche Wutbürger auftreten, ist Antisemitismus nicht weit. In ihrem Wahn gehören in das Feindbild der „EnDgAmE“-Fans auch Juden. Das uralte antisemitische Ressentiment, „der Jude“ würde die Welt, die Börsen, die Medien oder gleich alles zusammen regieren, klingt auch bei „EnDgAmE“ und Umgebung an. So wird die Schuld an der Finanzkrise 2009 in erster Linie „den Amis“ vorgeworfen. In zweiter Instanz werden „jüdische Großbanken“ dafür verantwortlich gemacht. Statt einer sachlichen Analyse von Krise, Geld und Kreditsystem, werden negative Begleiterscheinungen des Kapitalismus mit regressiven Schuldzuweisungen erklärt. Erneut wird in Europa Kritik an den herrschende Verhältnissen personalisiert und in emotionaler Art und Weise auf Juden projiziert. Wird diese Projektion wahnhaft zuende gedacht, bedeutet dies für den Antisemiten die Vernichtung aller Juden.
In der Welt der „EnDgAmEr“ gilt es, sich möglichst weitreichend von den „Volksschädlingen“ zu distanzieren, somit wird alles, was als nicht deutsch angesehen wird, abgelehnt, um die eigene Kultur rein zu halten. Nicht umsonst ist die Parole „Wir sind das Volk“ unter den armseligsten Gestalten der deutschen Wutbürger-Kultur wieder so beliebt.
Umso wichtiger ist es, am Samstag eine emanzipatorische Alternative aufzuzeigen und zu beweisen, dass Gesellschaftskritik nicht funktioniert, in dem Schlechtes auf einzelne Objekte projiziert wird, sondern durch eine Kritik der gesamtgesellschaftlichen Verhältnisse.
Der Erfolg gegen HAGIDA in den vergangenen Wochen gibt uns Mut, mit Vielen zu rechnen. Wir hoffen, dass es eine radikale Linke schafft, gegen faschistisches, völkisches Denken vorzugehen, auch wenn der Rassismus sich gegen „die Amerikaner“ und der Antisemitismus sich in falschem Antikapitalismus und Verschwörungsdenken artikuliert.
Kommt also am 14. März nach Hannover und zeigt den Spinnern was ihr von ihnen haltet.
Gegen jegliche Form des Antisemitismus und Antiamerikanismus!
14. März Hannover, 14 Uhr, ZOB
EnDgAmE: An diesem Level werdet ihr scheitern!

Splitter: Russland, Mindestlohn, Jugoslawienkrieg March 4, 2015 | 08:13 am

I So wenig es den europäischen Schreibtischstrategen gefallen mag: Die russische Außenpolitik setzt geschickt fort, was seit den neunziger Jahren bei der Zerlegung Jugoslawiens vorexerziert wurde. Damals war es vor allem Deutschland, das jeden noch so radikalen völkischen Nationalismus durch frühzeitige Anerkennung befeuerte, darunter auch das von Nachfolgern der faschistischen Ustascha geführte Kroatien. Dass jede […]

Zur Kritik des poststrukturalistischen Feminismus March 2, 2015 | 09:26 pm

Vortrag und Diskussion mit Andrea Trumann

Anfang der 1990er Jahren schwappte ein Trend aus den USA nach Deutschland herüber. Begriffe, wie „queer“ und „gender“ bestimmten nun den feministischen Diskurs. Daran hatte vor allem Judith Butlers „Gender Trouble“ seinen maßgeblichen Anteil.
Die Idee der Queer-Theorie die dichotome Zweigeschlechtlichkeit zu dekonstruieren, eindeutige Identitätszuschreibungen in Frage zu stellen und „so viele Geschlechter wie Individuen“ auszumachen wirkte auf viele Feministinnen befreiend.
Jedoch erwies sich die Verbalradikalität der Queer-Theorie als Schein, der die kapitalistische Ordnung nicht in Frage stellte, sondern nur um die Anerkennung der Ausgeschlossenen kämpfte. Die Produktionsverhältnisse waren jedoch kein Thema mehr. Seit ein paar Jahren ist von einigen Feministinnen die Kapitalismuskritik wiederentdeckt worden, und wurde versucht mit der Queertheorie zu verbinden. Dies führt jedoch ebenfalls nicht zu einer grundlegenden Gesellschaftskritik, sondern verbleibt auf der Ebene der Erscheinung.
Judith Butler selbst fand die „deutsche Rezeption“ ihrer Werke schon immer merkwürdig, da in Deutschland überall neue Möglichkeiten der Auflösung der Geschlechter gesehen wurden, statt den Zwangscharakter der Zuschreibung zu betonen. In den letzten Jahren ist jedoch von Butlers Identitätskritik in der queerfemininistischen Szene kaum etwas übrig geblieben, vielmehr kann man eine Vervielfältigung der Identitäten beobachten, die allesamt Sorge haben in Medien und Sprache zu wenig repräsentiert zu werden. Überall wird der Ausschluss gewittert und autoritär verfolgt.

Andrea Trumann arbeitet als Sozialpädagogin, derzeit ist sie in Elternzeit. Von dem linken Gruppenwesen hat sie sich verabschiedet,
versucht sich aber immer noch in kommunistischer Agitation.

Veranstaltung im Rahmen der Kampagne Riot statt Rosen zum Frauen*kampftag 2015.

In die Traufe. Erklärung des LAK Shalom Niedersachsen zum regressiven Rollback in der Partei DIE LINKE Niedersachsen March 2, 2015 | 07:52 pm

Westverbände der LINKEN sind im Allgemeinen nicht gerade für ihre erfolgreichen emanzipatorischen Politikansätze bekannt, sondern erreichten in letzter Zeit eher durch Aktionen wie die Veranstaltung und Unterstützung von antisemitischen Demonstrationen [1] oder ihrer Affinität zu den verschwörungsideologischen Veranstaltungen der „Mahnwachen“ und des „Friedenswinters“ [2] unrühmliche Bekanntheit. Der Landesverband Niedersachsen macht da keine Ausnahme: Mit dem Ergebnis [...]

Pressemitteilung des LAK Shalom Niedersachsen: Dem regressiven Rollback in Partei und Jugendverband entgegentreten March 2, 2015 | 07:40 pm

„Auf dem Landesparteitag hat sich eine gefährliche antiimperialistische Mehrheit um Diether Dehm manifestiert. Diese zeichnet sich durch ein Weltbild aus, in dem 'unterdrückte Völker' fremden, imperialistischen Eindringlingen entgegenstehen, kleine Machtzirkel wie Banker oder Politiker die gesamten sozialen Missstände und Zumutungen des Kapitalismus zu verantworten haben und in dem Israel, als "zionistischer Apartheidstaat" kein Existenz- oder und Selbstverteidigungsrecht hat. Dies steht im krassen Gegensatz zu unserem Verständnis einer progressiven, kritischen und emanzipatorischen Linken“

In Erinnerung an Hunter S. Thompson March 2, 2015 | 03:11 pm

Vor wenigen Tagen, am 20. Februar, jährte sich der Todestag von Hunter S. Thompson zum zehnten mal. In Deutschland ist er vor allem durch den Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“ und dessen Verfilmung von Terry Gilliam bekannt geworden. Dabei lohnt es sich doch vor allem sich auch das journalistische Werk des Begründers des Gonzo-Journalismus zu vergegenwärtigen. Thompson hat bewiesen, dass es möglich ist, über politisches Tagesgeschehen oder gar über Sportereignisse zu schreiben und dabei gleichzeitig radikal, treffsicher, feindselig, witzig und unterhaltsam zu sein. Die heutigen linken Schreiberlinge könnten sich mal etwas davon abschauen. Aus diesem Grund dokumentieren wir zwei Beiträge, die an Hunter S. Thompson erinnern.

1.) The Crazy Never Die

Im Jahr 2011 hat Deutschlandradio Kultur eine Lange Nacht über Hunter S. Thompson gesendet. Das rund dreistündige Feature von Tom Noga ist ein ausführliches Portrait von Thompson, das die verschiedenen Phasen des Schriftstellers durchgeht und dabei die Hoffnungen und Wirren der 60′er Jahre und ihrer Nachwehen eindrücklich hörbar macht. Es sind zahlreiche O-Töne zu hören, sowie Interviews mit Thompson und mit einigen seiner Freunde und Zeitgenossen. Das Ganze ist mit zahlreichen Auszügen aus Thompsons eigenen Texten illustriert und mit 60′er-Jahre-Musik unterlegt.

    Download: via NDR | via Mediafire (mp3; 197.4 MB; 2:48:15 h)

2.) 10. Todestag: Gonzo-Erfinder Hunter S. Thompson

Ein kürzeres Feature wurde anlässlich des 10. Todestages von Hunter S. Thompson auf Radio RaBe gesendet. Das Feature enthält mehrere Interview-Auszüge, es geht um den Gonzo-Journalismus, um Thompsons Wahlkampf für Freak Power und vor allem wird ein Fokus auf seine politische Betätigung gelegt. Im Feature wird auch deutlich, dass Thompson gegen Ende seines Lebens zu Verschwörungstheorien neigte und die Sicherheit im politischen Urteil eher verlor (etwa beim Vergleich George W. Bushs mit Hitler) … – was auch für antideutsche Ideologiekritiker kein Grund sein sollte, die frühen Texte von Hunter S. Thompson zu verschmähen (schließlich war Thompson immer auf der Suche nach dem american dream).

Am 20. Februar 2015 jährt sich der Todestag von Hunter S. Thompson, U.S. amerikanischer Schriftsteller und Journalist. Vor zehn Jahren erschoss er sich 67-jährig in seinem Haus in der Nähe von Aspen, Colorado. Berühmt wurde er für seinen verfilmten Reportage-Roman „Fear and Loathing in Las Vegas“. Mit seiner kritischen Politikberichterstattung half er unter anderem mit, das legendäre Magazin „Rolling Stone“ zu etablieren. Zudem wird ihm hoch angerechnet, dass er es mit seinem von ihm erfundenen Gonzo-Stil geschafft hatte, die Grenze zwischen Journalismus und Literatur zu verwischen. Eine Hommage an Hunter S. Thomspon von Michael Spahr. [via]

    Download: via FRN (mp3; 30 MB; 13:04 MB)
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What’s the Difference – Flugschrift in Solidarität mit den Kämpfenden im Iran March 1, 2015 | 11:36 pm


Kritik im Sinne des Marxschen Kategorischen Imperativs - „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“ - hat vor allem auch dort ihren Ausdruck als praktische Solidarität zu finden, wo Kritiker eine tödliche Bedrohung auf sich zu nehmen gezwungen sind. Im Iran richtet seit 1979 die schiitische Variante des Islamischen Staates gnadenlos über reale und halluzinierte Abtrünnige. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Ayatollah Khomeini, der Übervater dieser Despotie, in seinem Todesdekret des Jahres 1988, mit dem er die Hinrichtungen tausender Dissidenten anbefahl. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Und wie Daʿesh, so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“, verdächtigt die khomeinistische Despotie Kurdistan, ein Hort von Unglauben und Verrat zu sein.

Anders als bei Daʿesh werden die Geiseln der khomeinistischen Despotie nicht in Käfigen vorgeführt und ihr Tod spektakulär inszeniert. Liegt das Versprechen des „Islamischen Staates“ aka Daʿesh an die islamistisch Verhetzten und somit sein Wert auf dem Markt apokalyptisch-faschistischer Ideologien darin, sich als genozidale Aggressoren zu ermächtigen, so wie der Gegenwert der Kollaboration unter irakischen und syrischen Muslimen mit dieser Inkarnation des Todes als erstes darin besteht, als einzige zu überleben, ist jedes islamistische Snuff Video, jede noch so bestialische Sequenz daraus, Propaganda des allein im Genozid gründenden „Islamischen Staates“. Die Lebensader der khomeinistischen Despotie Iran als Konsequenz aus der kontrarevolutionären Wendung der Erhebung gegen das Shah-Regime ist die Kollaboration und die Beschwichtigung der Anderen. So ist sie gezwungen, anders abzuwiegen zwischen „interreligiösem Dialog“ und aggressiver Verfolgung etwa der Bahá'í*, zwischen Hafez-Gedenktagen und der brutalst erzwungenen Monokultur der Ayatollahs. Die khomeinistische Despotie kann wie jüngst via „Kayhan“, dem wesentlichen Organ von Khomeinis Nachfolger Ayatollah Ali Khamenei, exilierten Regimekritikern mit dem Tod drohenund dazu aufrufen, die Apostaten - unabhängig davon, wo sie sich aufhalten – den Henkern zuzuführen, um im nächsten Moment als grobe islamophobe Beleidigung anzuprangern, dass sie als Initiatorin solcher Morde an Exil-Oppossionellen, wie etwa in Wien 1989 oder Berlin 1992, benannt wird (2).

Die khomeinistische Despotie ist so etwas wie die staatsgewordene verfolgende Unschuld. Exakt darin, die Erniedrigung und Verächtlichmachung der Menschen zu perfektionieren und im selben Moment jede Bestialität auf das Andere zu projizieren, liegt ihre Genese. Am 19. August 1978, dem Jahrestag des Coups gegen Mossadegh, brannte ein Cinéma in Abadan (Provinz Khuzistan) aus. Über 400 Menschen verbrannten. Wenige Tage später verdächtigte Khomeini den Shah persönlich für den Brandmord verantwortlich zu sein. In enger Absprache mit der nationalreligiösen Opposition um Mehdi Bazargan wurden die Verbrannten nun als Märtyrermaterial verwertet – eine Strategie, die die Khomeinisten im Iran wie im Libanon noch zu perfektionieren wussten. Die Genossen der Tudeh und Fadai schlossen sich der Mobilisierung an. Der Shah sah sich angesichts der Massenaufmärsche gezwungen, dem Klerus entgegenzukommen und ernannte Jafar Sharif-Emami, ein Politkarrierist mit engen familiären Bindungen zu den Religiösen, zu seinem Premierminister. Auf die Politik der nationalen Versöhnung folgte die Amnestie für Inhaftierte mit Nähe zum Klerus und weitere Gesten zur Beschwichtigung der Islamisten. Es half alles nicht. Am 14. September 1978 sprach Khomeini über die systematische Demoralisierung der muslimischen Jugend durch das Shah-Regime: Die Cineastik sei ein kolonialistisches „Zentrum der Prostitution“, das der Jugend jede Moral austriebe. Der Klerus müsse nicht dazu aufrufen, es wisse jeder, dass „diese Zentren der Unmoral“ brennen müssen. Der Brandmord in Abadan dagegen wäre ein Manöver des Shah-Regimes: es wolle damit den Islam diffamieren. Zum Brandmord aufrufen und im selben Moment jede Bestialität auf das Andere projizieren – die antiimperialistischen Claqueure Khomeinis mochten es glauben, bei den Hinterbliebenen der Verbrannten äußerte sich mehr und mehr Skepsis. Hossein Takbalizadeh, ein islamisierter Kleinkrimineller, der aus den Heroinhöhlen Abadans in die Moschee flüchtete, konnte es nicht für sich behalten und es dauerte nicht lange und ein jeder wusste in Abadan, dass er und seine Kumpanen den Brand gelegt hatten. Wie selbstverständlich sprach er von seiner Radikalisierung in der Moschee und dass es ihn zu mehr drang als Khomeini-Propaganda aus dem Irak in den Iran zu schmuggeln. Doch das Shah-Regime, das ihn in Haft nahm, zögerte bis zum Ende, den Kontakten des redseligen Takbalizadeh zum Klerus nachzugehen. Unter Sharif-Emanis Beschwichtigungspolitik verbot man sich über die “große Angst”, die mit dem islamistischen Roll-back zu drohen schien, zu sprechen. Nach der „Islamischen Revolution“ dauerte es nicht lange und die auf Aufklärung beharrenden Hinterbliebenen der Verbrannten wurden als Feinde der Revolution denunziert. Als sie in Sitzstreik gingen, prügelte die Hizbollah wieder und wieder auf sie ein. Am 18. August 1980, am 2ten Jahrestag des Brandes, kam es zu größeren Protesten in Abadan. Das Regime mobilisierte, als Konter, zu einem Großaufmarsch am darauf folgenden Tag unter dem Banner: „Amerika ist unser Feind“.

Die khomeinistische Despotie wirbt nicht in Fanzines mit Köpfungen, die Ayatollahs posieren nicht mit abgeschnittenen Köpfen als Trophäen, sie beeindrucken Außenstehende mit interkulturellem Dialog, theologischer Expertise und Städteaustausch (und den etwas grobschlächtigeren Verbündeten mit Shoah-Karikaturen). „Apostaten“ und „Ungläubige“ mordet die khomeinistische Despotie mit mehr Diskretion – das vor allem ist der Unterschied zu Daʿesh. Inhaftierte Regimekritiker im Iran skizzieren ihre Arrestzellen als Särge und exakt das sind sie nicht allein aufgrund ihrer Größe (im Trakt 209 des in der nördlichsten Peripherie Teherans gelegenen Zendān Evin haben diese Särge die Größe 1 x 2 Meter). In ihnen soll jede Dissidenz, jede Kritik verstummen. Selbst von dem Dahinsterben soll nicht erzählt werden. Zahra Kazemi wurde zu Tode gefoltert, allein weil sie von außen Evin, diese Fabrik sadistischer Qualen, fotografiert hat. Doch keiner kann sagen, er wüsste nicht, was dort passiert, die Biografien der Überlebenden, etwa von Monireh Baradaran und Reza Ghaffari, oder die herausgeschmuggelten Briefe der Toten schildern dieses System der Vernichtung bis ins Detail.

In Iranisch-Kurdistan verfolgt das Regime die Ausrottung eines jeden, der sich entschlossen hat, sich militant gegen diese klerikale Despotie zu organisieren. Auf die Zugehörigkeit zur Partiya Jiyana Azad a Kurdistanê ("Partei für ein freies Leben in Kurdistan" – PJAK) sowie zur Komele(es existieren zwei Parteien unter diesem Namen: die eine ist unabhängig, die andere die Kurdistan-Organisation der Kommunistischen Partei Iran) kontert die Despotie der Ayatollahs mit dem Vorwurf, „feindselig gegenüber Gott“ („Mohareb“) zu sein. Geahndet wird dieses Kapitalverbrechen im Iran mit dem Tod. Für einige der von Hinrichtung Bedrohten werden internationale Kampagnen initiiert, so bekommen aber auch nur manche von ihnen Namen und Gesichter: Ehsan Fatahian (Organisation: PJAK, hingerichtet am 11. November 2009), Fasih Yasamani (PJAK, 6. Januar 2010), Farzad Kamangar, Ali Heydarian, Farhad Vakili, Mehdi Eslamian, Shirin Alam Hooli (PJAK, 9. Mai 2010), Hossein Khezri (PJAK, 15. Januar 2011), Habibollah Golparipour (PJAK, 26. Oktober 2013), Sherko Moarefi (Komele, 4. November 2013), Sabir Mavane (Komele, 6. Januar 2015). Bei manchen von ihnen weigern sich die Henker, den Hinterbliebenen die toten Körper zu übergeben; in Unwissenheit der betroffenen Familien werden so manche hastig verscharrt. Bei anderen wird den Familien angedroht, die Toten im Stillen zu beerdigen. Sie zwingen zur Einhaltung der Grabesruhe, die in ganz Iran herrscht. Bei Verstoß gegen diese werden auch Hinterbliebene inhaftiert.

Vor einigen Tagen wurden die beiden Brüder Ali Afshari and Habibollah "Habib" Afshari hingerichtet, beide waren assoziiert mit der Komele. Ein weiterer Bruder, Jafar Afshari, ist weiterhin inhaftiert. Es ist zu befürchten, dass mit Ali und Habib Afshari auch Saman Nasim, Sirvan Nejavi, Ebrahim Shapouri und Younes Aghayan hingerichtet worden sind. Younes Aghayan ist ein Angehöriger der verfolgten religiösen Minorität der Yarsan. Saman Nasim wurde im Juli 2011 als Jugendlicher inhaftiert. Die Folterschergen der Islamischen Republik Iran rissen ihm Finger- und Fußnägel heraus. Unter Folter gestand er eine Beteiligung an einer militanten Aktion der PJAK gegen die Schergen der Ayatollahs. Gegenüber der Familie schweigt sich das Regime weiterhin aus oder es äußert sich widersprüchlich. Auch dies ist eine perfide Taktik der khomeinistischen Henker, die Hinterbliebenen in Angststarre zu halten. Zainab Jalalian ist eine der wenigen „Mohareb“, die wieder und wieder dem Henker zugeführt werden sollte und dann doch noch die Gnade der Ayatollahs erfuhr. Nach schwerster Folter mit der Folge eines Schädelbruchs und drohender Erblindung wurde die Todesstrafe umgewandelt in lebenslängliche Dunkelheit. Sie ist im Moment in Khoy inhaftiert.

Zainab Jalalian, inhaftiert seit 2007

Die khomeinistische Despotie bedroht auch außerhalb des Irans ein säkulares Kurdistan. Wenige Tage bevor die YPG (Yekîneyên Parastina Gel) die Aggressoren der Daʿesh aus Kobanê herausdrang, provozierte das Regime des Bashar al-Assad in Hesekê eine tödliche Konfrontation mit den Selbstverteidigungsbrigaden Rojavas. Mit Mörsern und Fassbomben terrorisierte das Regime dort, wo überwiegend Kurden und christliche Assyrer leben. Die Partiya Yekitîya Demokrat („Partei der Demokratischen Union“ – PYD) sprach jüngst aus, dass die wesentlichen Entscheidungen in Syrien vom Iran getroffen werden und diese auch darin liegen, ein säkulares Rojava zu untergraben. Die Monate zuvor sickerten mehr und mehr Angehörige der von den Khomeinisten initiierten Hizbullah nach Hesekê ein. Selbst zu Absprachen zwischen arabischen Stämmen, die entweder hinter dem Assad-Regime oder dem „Islamischen Staat“ stehen, soll es gekommen sein. Hossein Amir-Abdollahian, in Funktion des iranischen Außenministers, drohte konkret gegen eine kurdische Staatlichkeit im Nordirak: "Wir haben nicht vergessen, dass (Israels Premierminister) Netanyahu, der einzige ist, welcher mit großer Freude die Unabhängigkeit Kurdistans begrüßt, aber wie werden nie zulassen, dass sich seine Träume für den Irak und diese Region erfüllen."

Die Inhaftierten und von Hinrichtung Bedrohten im Iran gehören mit allem Erdenklichen verteidigt, nicht nur weil sie "unschuldig" sein könnten und die Geständnisse unter höllischer Folter erzwungen worden sind; sie gehören mit allem Erdenklichen verteidigt auch gerade dann, wenn es auf sie zutrifft, wofür in der Islamischen Republik Iran der Tod steht: sich militant gegen diese Despotie zu organisieren. Die Hoffnung liegt auch darin, dass die Säkularen in Kurdistan ihre Verbündeten etwa in jenen finden, die im Jahr 2009 zu hunderttausenden gegen die schiitische Variante des „Islamischen Staates“ revoltiert haben – und doch beinahe von allen allein gelassen worden sind. Im vergangenen Jahr protestieren in Isfahan und Teheran wieder hunderte Menschen gegen sich häufende Säuereattacken auf junge Frauen. Sie schrien: „Tod den religiösen Fanatikern“.

Die Selbstverteidigungseinheit der Frauen Iranisch-Kurdistans (Hêzên Parastina Jinê – HPJ, die Frauenbrigade der PJAK) äußerte jüngst unmissverständlich:

Für uns Frauen gibt es keinen Unterschied zwischen der Islamischen Republik Iran und dem Islamischen Staat. Beide werden genährt von Feindseligkeit gegenüber Frauen und einer Kultur der Gewalt. Als Selbstverteidigungskraft der Frauen Iranisch-Kurdistans werden wir unseren Kampf gegen diese verstärken. Wir könnten eine Verteidigungskraft mit den iranischen Frauen gründen, weil die iranischen Frauen eine solche Kraft wie die HPJ benötigen ... Als (in Isfahan) Frauen mit Säure angegriffen wurden, sagten sie: „Mögen die Frauen von Kobanê kommen und uns verteidigen.“

Nichts anderem schließen wir uns an. Das nahezu Banalste und Menschlichste fordern auch wir: „Tod der Islamischen Republik Iran! Marg bar jomhuriye eslami!“

* Die Aggression gegen die Bahá'í ist ein zentrales Moment der islamistischen Bewegung im Iran und auch darin traf sie auf Kollaborateure außerhalb ihrer eigenen Parteigänger. Die heute berüchtigte Hojjatieh-Sozietät, ein messianischer Männerbund in Ersehung des verborgenen Imams, verschwor sich noch in den 1950ern zu Zwecken der Liquidierung der als Apostaten denunzierten Bahá'í. Der Teheraner Kleriker Mahmud Halabi, der im Jahr 1953 die Hojjatieh mit Einwilligung des quietistischen Ayatollahs Hossein Borujerdi gründete, diente sich dem Shah-Regime in der Verfolgung von “Kommunisten” und anderen “heidnischen Elemente” an. Der SAVAK soll sich mit Informationen über die Bahá'i,wie Adressregister, revanchiert haben. Die Pogrome gegen die Bahá'í während des Monats Ramazan im Jahr 1955 wurden folglich von einem Joint Venture aus Klerikern wie Mahmud Halabi und Mohammad Taqi Falsafi, ein heutiges Idol der Islamischen Republik, sowie dem SAVAK koordiniert. Die Pogrome waren dem Shah ein Ventil – oder aber auch nur die Dankesschuld an den Klerus, der zwei Jahre zuvor den monarchistischen Coup gegen Mohammad Mosaddegh lanciert hatte. Im Jahr 1955 überließ der Shah den Hojjatieh neben den Moscheen auch die offiziellen Propagandaapparate des Regimes zur Mordhetze gegen die Bahá'í.