Fatale Verhandlungen April 1, 2015 | 04:58 pm

Manchmal sind es die beiläufigen, scheinbar nebensächlichen Äußerungen, die den Zweck und den Stand politischer Gespräche besonders gut verdeutlichen. Auch in Bezug auf die Verhandlungen über das iranische Atomprogramm im schweizerischen Lausanne ist das nicht anders. Zwei Bemerkungen am Rande haben eindrücklich klargemacht, wie die Dinge liegen und weshalb die teilweise euphorischen Einschätzungen in Politik und Medien fehl am Platz sind. Die eine stammt von der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und fiel bereits vor anderthalb Wochen: »Es geht darum, dass die nukleare Bewaffnung des Iran eingedämmt wird, und das muss sich im Verhandlungsergebnis natürlich glaubwürdig widerspiegeln«, sagte sie auf einer Pressekonferenz in Brüssel. Eingedämmt und damit grundsätzlich hingenommen also – und nicht etwa verhindert, wie das offizielle Ziel eigentlich lautet (und wie es die Resolutionen des UN-Sicherheitsrates verlangen).

Die andere Äußerung kam von Amir Hossein Motaghi, einem iranischen Journalisten und PR-Manager von Präsident Hassan Rohani, der nach Lausanne geschickt worden war, um im Sinne des Regimes über die Verhandlungen zu berichten, dann jedoch überlief und in der Schweiz politisches Asyl beantragte. »Die Amerikaner sind hauptsächlich dort, um im iranischen Interesse mit den anderen Mitgliedern der 5+1-Staaten zu sprechen und sie zu einem Abkommen zu überreden«, kritisierte er die Strategie von Außenminister John Kerry und dessen Delegation. Eine höchst bemerkenswerte und brisante Geschichte – nur hat sie kaum jemanden interessiert. Zu sehr widersprach sie der allgemeinen Auffassung, unter der Führung der USA stehe ein historischer Deal bevor, der einen heiklen Konflikt beende und allen nur nütze.

Dabei würde eine Vereinbarung vor allem »die nukleare Infrastruktur des Iran aufrechterhalten, und damit wäre der Weg zur Bombe weiterhin ausgesprochen offen für das iranische Regime«, wie der Wiener Politikwissenschaftler Stephan Grigat im Interview des Hessischen Rundfunks analysierte. Selbst wenn Teheran gewisse Zugeständnisse machen müsste, sei die entscheidende Frage immer noch die nach der Kontrolle der Atomanlagen – und in dieser Hinsicht habe der Iran sehr deutlich gemacht, dass er »garantiert nicht zum Beispiel die Militärbasen der Revolutionsgarden für Inspektionen öffnen würde«. Hinzu komme, so Grigat weiter, dass das Regime sich nach wie vor standhaft weigere, »über sein Raketenprogramm, das ein wichtiger Bestandteil der ganzen Nuklearrüstung ist, auch nur zu verhandeln«.

Rund 6.000 Zentrifugen soll der Iran voraussichtlich behalten dürfen, viel mehr, als ursprünglich von den USA als Kompromiss angestrebt. Mit ihnen könnte das Regime »sehr schnell die kritische Menge Uran für eine Atombombe anreichern, ohne die einjährige Vorwarnzeit, die die US-Regierung als Ziel vorgegeben hat«, warnt der italienische Politikwissenschaftler und Publizist Emanuele Ottolenghi. Eine Befürchtung, die Olli Heinonen, der frühere stellvertretende Generaldirektor für Sicherheitsmaßnahmen bei der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO), für realistisch hält – und die auch von Israels Premierminister Benjamin Netanjahu geteilt wird. »Nach allem, was wir hören, ist klar, dass der Deal Teherans Weg zur Atombombe ebnet«, sagte er.

Sollten die Sanktionen nun tatsächlich aufgehoben werden, könnte der Iran sich außerdem wirtschaftlich erholen und damit zunehmend unempfindlich gegen Druck von außen werden. Darüber hinaus wäre der Deal für Teheran wie eine Belohnung für die Destabilisierung der Region mit den immer zahlreicher werdenden kriegerischen Aktivitäten und direkten Einmischungen des Iran in Syrien, dem Irak, Bahrain, dem Libanon, den palästinensischen Gebieten und neuerdings dem Jemen zwecks Vergrößerung der eigenen Macht in der Region und darüber hinaus. »Nach der Beirut-Damaskus-Bagdad-Achse nimmt der Iran jetzt aus dem Süden die Region in die Zange, um den gesamten Nahen Osten zu kontrollieren«, skizzierte Netanjahu das Ziel des Regimes. Noch deutlicher wurde der israelische Verteidigungsminister Moshe Yaalon: »Jede Vereinbarung zwischen dem Westen und diesem apokalyptischen, messianischen Regime wird dem Westen und Israel schaden. Iran wird ein nuklearer Schwellenstaat und kann seine terroristischen Aktivitäten fortsetzen.«

Hocherfreut über einen Deal und das damit verbundene Ende der Sanktionen wäre dagegen die Wirtschaft, vor allem in Deutschland und hier nicht zuletzt in den Bereichen Petrochemie, Maschinenbau, Energietechnik und Automobilindustrie, wo die Beziehungen zum Iran traditionell besonders gut sind. Es stehen lohnende Geschäfte in Aussicht, der Deutsche Industrie- und Handelskammertag rechnet mit einem Exportvolumen von bis zu zwölf Milliarden Euro jährlich. Die Herrscher in der »Islamischen Republik« Iran sehnen sich nach Produkten »Made in Germany«, und Deutschland – einer ihrer wichtigsten Handelspartner überhaupt – hat sich stets als verlässlich erwiesen. Die diktatorische Herrschaft des klerikalfaschistischen Regimes und sein aggressives außenpolitisches Vorgehen sind dadurch entscheidend begünstigt worden. Und dabei wird es bleiben.

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.


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Thüringen im April – Der Vormarsch der 3. US-Army April 1, 2015 | 09:07 am

Im März 1945 überschritt die 3. US-Army unter General Gerog S. Patton den Rhein und stieß zügig gen Osten vor. Ende März erreichten sie die Grenze zu Thüringen. Erst am 31. März 1945  beschlossen der US-Oberbefehlshaber in Europa, General Dwight D.  Eisenhower,

und General Omar N. Bradtey den Angriff auf Thüringen. Ein Grund waren den  Amerikanern vorliegende Hinweise, dass sich wichtige NS-Kommandostellen  nach Thüringen abgesetzt hatten. Die bereits weit nach Hessen  vorgedrungene 3. US-Army erhielt für 24 Stunden freie Hand. In dieser Zeit sollte sie die thüringische Ortschaft Ohrdruf erreichen, wo sich nach Informationen eines deutschen Überläufers ein hochrangiges deutsches Hauptquartier oder eine Kommunikationszentrale befinden sollten.

Die Operationsdirektive war das Auffinden und Erobern des deutschen Nachrichtenzentrums sowie der schnelle Vormarsch auf die damalige Landeshauptstadt Weimar. Am 1. April gingen bei Creuzburg die ersten Truppen der 4. Panzerdivision über die Werra. Auf Befehl  des NS-Gauleiters war die Stadt zur Festung erklärt worden. Wie zuvor  schon die Brücke Hörschel wurde auch die Brücke über die Werra bei Creuzburg vor den Augen der Amerikaner bei deren Eintreffen gesprengt. Im sinnlosen Bemühen, das Vorrücken der GIs aufzuhalten, ließen viele Menschen ihr Leben. 

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Die US-Army überquert den Rhein auf einer provisiorischen Brücke. (März ’45)

 
Etwa zur gleichen Zeit waren Panzerkräfte von Herleshausen nach Altefeld  und Willershausen sowie über den Hachenberg nach Ifta vorgedrungen. Nach der kampflosen Übergabe Iftas konzentrierten sich auch diese Kräfte  auf den Raum Creuzburg. Beim Beschuss versank nahezu der gesamte Ort in  Schutt und Asche, wer sich retten konnte floh in die umliegenden  Wälder. Doch erst am 2. April gelang es den Amerikanern, den Fluss bei Creuzburg und Spichra komplett zu überqueren.
Am gleichen Tag musste der größte Teil der Häftlinge des Lagers Ohrdrufs unter SS-Bewachung in einem Todesmarsch 51 Kilometer nach Buchenwald marschieren. Die Anzahl der Häftlinge, die während des Marsches zusammenbrachen und starben oder von den SS-Bewachern erschossen wurden, kann nur geschätzt werden. Neben den 60 bis 70 Toten, die offensichtlich vor dem Marsch erschlagen oder erschossen worden waren, weil sie nicht marschfähig erschienen, gab es einige Überlebende, die sich vor den SS-Wachen verstecken und so der erneuten Verschleppung entgehen konnten.
Bis zum 4. April gelang den Truppen General Pattons dann der Vormarsch entlang der heutigen Bundesautobahn 4. Bad Salzungen, Gotha und Suhl wurden zum Teil kampflos erobert. Dazu konnten Teile des VIII. Corps der Panzerdivision und des 354th Infantry Regiment das KZ-Außenlager Ohrdruf, dank der Hilfe geflohener Häftlinge, ausfindig machen und ebenfalls befreien, genauso wie 400 gefangene britische Offiziere bei Lengenfeld.
Eisenhower, der das Lager in Ohrdruf besuchte, beschrieb es wie folgt: „…the most interesting—although horrible—sight that I encountered during the trip was a visit to a German internment camp near Gotha. The things I saw beggar description. While I was touring the camp I encountered three men who had been inmates and by one ruse or another had made their escape. I interviewed them through an interpreter. The visual evidence and the verbal testimony of starvation, cruelty and bestiality were so overpowering as to leave me a bit sick. In one room, where they were piled up twenty or thirty naked men, killed by starvation, George Patton would not even enter. He said that he would get sick if he did so. I made the visit deliberately, in order to be in a position to give first-hand evidence of these things if ever, in the future, there develops a tendency to charge these allegations merely to ‚propaganda.‘
eisenhower ohrdruf

General Dwight D. Eisenhower besuchte am 12. April ’45 das Lager Ohrdruf.

Feine Sahne Fischfilet »Bleiben oder gehen« April 1, 2015 | 07:52 am

Jetzt habe ich das neue Album »Bleiben oder Gehen« von Feine Sahne Fischfilet erst zweimal komplett durchgehört und bin schon äußerst angetan von der Lebendigkeit, Ehrlichkeit und, was nach dem derzeitigen Sprachgebrauch nicht fehlen darf: der Authentizität. Was können diese Jungs aus Meck Pomm eigentlich nicht?

Spätestens seit dem letzten Album »Scheitern und Verstehen« (Audiolith 2012) ist diese Band auch bei mir angekommen. Als Opener des neuen Albums dient der straighte Punkrocksong »Für diese eine Nacht«, gefolgt von melodiösen, eingängigen Titeln mit intelligenten, kritischen Texten. Der nun schon bekannte FSF-Sound, begleitet von den für die Band typischen Blasinstrumenten. Viele Bands haben das schon versucht, häufig peinlich, manchmal unhörbar, aber hier wirkt das treffsicher platziert und tut der Power kein bißchen weh. Die Jungs haben ihren eigenen Stil gefunden und über die Jahre konsequent weiter entwickelt.

Klar, auch auf diesem Album findet sich musikalisch nichts absolut neues. In mehr als drei Jahrzehnten Punkmusik ist alles schon einmal erfunden, geklaut, recycled oder gecovert worden. Interpretationen von geradlinigem Punkrock, brachialem Hardcore, verspieltem Ska oder gefälligem Stadionrock finden sich ständig bei vielen Bands. Ob der Kopf das immer so innovativ findet? Dem Bauch ist es egal. Zu der Musik möchte man einfach gepflegt abfeiern. Punkrock lebt von Widerspruch und Ambivalenz, bezieht seine Kraft und seinen Mut gerade aus dem Drang nach genau jener Freiheit, die es erlaubt, zu tun worauf man eben Bock hat. Das darf man einfach nicht übermäßig kopflastig betrachten. FSF sind halt nicht Pink Floyd, zum Glück!

Viele der politischen Parolen, die in den Texten auftauchen, begleiten die Szene ebenfalls seit Jahrzehnten. Auch hier werden keine bahnbrechenden Neuigkeiten präsentiert. Dennoch wirkt das Ganze nicht peinlich, wenn man sich stärker mit der Band auseinandersetzt. Sie begleiten den NSU-Prozess, beteiligen sich aktiv an den Gegenprotesten zu den verschiedenen PEGIDA-Ablegern und unterstützen immer wieder die kleinen Jugendzentren in den Provinzen, die von Repressionen durch den Herrschaftsanspruch der Rechtsradikalen besonders betroffen sind. Anerkennung verdient das allemal.

Sind die ersten Titel des Albums eher geprägt von politischen Positionen, Feierlaune, Kumpelei sowie schnellen und eingängigen Melodien, löst sich die unbeschwerte Stimmung mit dem sechsten Titel »Warten auf das Meer« schlagartig in Luft auf. Der mutigste Song des Albums ist so intensiv und von Herzen aufrichtig, dass er innerhalb meiner Plattensammlung seines gleichen sucht, in der Punkrockabteilung sowieso. Schön zu sehen, dass es auch in dieser oft so harten und kompromisslosen Szene erlaubt ist, um nahestehende Menschen zu trauern, den Schmerz des offenbar bevorstehenden Verlustes in seiner Musik zu artikulieren. Hut ab dafür!

Zum Glück lassen einen FSF nach diesem Titel nicht allein, sondern legen sofort den motivierenden und lebensbejahenden Song »Ich glaube Dir« nach. Es folgen noch weitere fünf von den insgesamt zwölf Titeln des Albums mit 44 Minuten Gesamtspieldauer. Darunter mein persönlicher Favorit »Ruhe«. Ein sehr reflektierter Song, der eine kritische Auseinandersetzung mit politischem Aktionismus und der oft damit verbundenen Selbstvergessenheit betreibt. Sinnbildlich die Textzeile »… doch hat es keinen Wert, dass Du so viel machst, wenn Du am Ende nicht mehr lachst…« Ein Dilemma, in dem sich wohl jeder politisch aktive Mensch schon einmal wieder gefunden hat.

Es fühlt sich direkt seltsam an, wie es die Jungs von FSF schaffen, selbst einem gestandenen Old-School-Punk, der oft glaubt schon alles erlebt zu haben, soviel Kraft und Mut zu geben. Diese Band schafft es nicht nur zum dritten Mal in den Verfassungsschutzbericht, sie geht auch direkt ins Herz. Man muss sie einfach lieben, für ihre Mitmenschlichkeit und das Bild von Freundschaft, dass sie nach außen tragen. Manchmal frage ich mich, ob die eigentlich wissen, wie groß sie bereits sind? Es bleibt zu hoffen, dass der wachsende Erfolg, dieser äußerst sympathischen Band nicht irgendwann ihre Überzeugungskraft raubt.

Und noch eine Frage bewegt mich: Haben die Leute von Audiolith einen Magneten in ihrem Hamburger Keller, der immer wieder die besten Bands anzieht? Audiolith und FSF sind das perfekte Team. Losgehen, kaufen und in Endlosschleife hören. Wir sehen uns dann verschwitzt beim gepflegten Abrocken auf einer der Shows.

Unser Gastautor Tino Hünger lebt in Leipzig. Von ihm ist kürzlich der Roman »Wut, Spaß und Tränen« erschienen, der sich um das Leben als junger Ost-Punk in den Jahren 1986 bis 1991 dreht.

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Tag der Arbeit am 1. April? April 1, 2015 | 07:42 am

Es war ein wichtiger, und zeitweise ein recht engagierter Kampf. Ganz richtig drum war es, am 1. Mai, dem Kampftag der Arbeiterklasse, noch eine Zeit lang festzuhalten, um nachdem es mit der Revolution zumindest relativ düster aussah zu schauen, ob das mit der Kämpferei noch einmal was wird. Was hat man für Bilder im Kopf: […]

Europa ohne Juden? March 31, 2015 | 05:16 pm



Europa ohne Juden?

the best things in life… March 31, 2015 | 01:53 pm

IMG_1380_b(“The Best Things In Life Aren’t Things”, seen in south-portugal)


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Vortrag mit Clemens Heni am 20.04. in Osnabrück: “Waren wir nicht alle irgendwie Opfer?” March 31, 2015 | 12:15 pm

Am 8. Mai 2015 jährt sich zum 70. Mal die bedingungslose Kapitulation des Nationalsozialismus. Seit vielen Jahren greift eine »Selbstversöhnungsrhetorik« in Deutschland um sich. Viele Deutsche sehen sich als Opfer, sowohl der Nazis wie der Alliierten oder »der Moderne«, die an Auschwitz Schuld sei. Diese »Heideggerisierung« setzte schon unmittelbar nach 1945 ein.

Indianer, Teil 6: Herr Sequoyah erfindet eine Schrift March 31, 2015 | 10:46 am

Furchtbare Nachrichten für alle Amerikaner in Deutschland: Der größte deutsche Beitrag zur Legendenbildung über die Indianer, Winnetou, soll neu verfilmt werden. Eigentlich hatte dieser Autor gehofft, dass die Bücher langsam in Vergessenheit geraten, denn selbst die Karl-May-Gesellschaft räumt ein:

[T]here is no denying that the majority of situations, no less than the personnel described by this writer, clash with reality: Life, and fights, and problems as he depicted them as characterizing the Western half of the US in the 1860’s and 1870’s, are strangely anachronistic.

“Anachronistisch” ist nicht wirklich das Wort, das dieser Autor für die Darstellungen der Indianer in diesen Romanen benutzen würde, aber gut. Stellen wir uns darauf ein, dass wir auch die kommenden Jahrzehnte den Deutschen werden erklären müssen, dass sie (zweifellos spannend geschriebenen) Unfug lesen und den Amerikanern, was in aller Welt da in die Germanen gefahren ist. Ehrlich, warum können die Leute nicht einfach Terry Pratchett lesen?

Dem grammatikfaulen Winnetou wollen wir aus diesem Anlass einen Indianer entgegensetzen, der mit Fug und Recht nicht nur als Held seines Stammes, sondern als Genie der Menschheitsgeschichte vorgestellt werden kann: Sequoyah. Den gab es nicht nur wirklich, er hatte auch möglicherweise einen echten Bezug zu Deutschland. Da kann Karl May einpacken.

Sequoyah war ein Cherokee, der etwa 1760 im heutigen Tennessee geboren wurde. Seine Mutter gehörte zum Red-Paint-Klan — wichtig, weil die Zugehörigkeit zum Stamm über sie lief. Sein Vater, nun …

His father’s name has been identified as either George Gist, a German peddler, or Nathaniel Gist, a friend of George Washington’s and ancestor of the Blair family of Washington, D.C.

Sprich, möglicherweise war Sequoyah deutscher Abstammung. Als englischer Name wird auf einem Vertrag von 1828 “George Guess” angegeben. Es finden sich diverse andere Schreibweisen des Nachnamens. Heute nennen ihn alle nur Sequoyah.

Sequoyah war im Laufe seines Lebens Händler, Soldat und Silberschmied. Wie die meisten Cherokee zu dieser Zeit war er Analphabet. Einer Schilderung aus dem Jahr 1820 zufolge geschah es nun eines Tages, dass er sich mit Stammesmitgliedern über die “überlegenen Fähigkeiten des Weißen Mannes” unterhielt. Diese könnten sogar Botschaften auf Papier sprechen und dann über große Strecken verschicken — die talking leaves:

One said that white men could put a talk on paper, and send it to any distance, and it would be understood by those who received it. They all agreed that this was very strange, and they could not see how it could be done.

Dieser Schilderung zufolge soll Sequoyah dann erklärt haben: “You are all fools; why the thing is very easy, I can do it myself.” und dann mit den ersten Zeichen experimentiert haben.

Ob diese auf Hörensagen beruhende Darstellung stimmt, ist unklar. Gesichert ist, dass er ab etwa 1809 an einem eigenen Alphabet für die Sprache der Cherokee arbeitete. Zuerst versuchte er, Bilder zu malen, was zu kompliziert war.[1] Dann ging er der Idee nach, für jedes Wort ein Symbol festzulegen, was zu viel wurde. Seine Freunde, so wird überliefert, lachten ihn aus oder hielten ihn für wahnsinnig.

Irgendwann vor 1821 kam ihm schließlich die Einsicht, dass Wörter aus Silben aufgebaut sind. Nach einigen Experimenten — Archäologen diskutieren, ob jüngst eine frühe Form gefunden wurde — kam er auf 85 Zeichen. Sie machen heute leicht verändert die Silbenschrift der Cherokee aus.

Einige Zeichen übernahm Sequoyah dabei aus einem Englischbuch, das ein Lehrer ihm geschenkt hatte. Da er aber leider keine Ahnung hatte, wie das lateinische Alphabet funktionierte, nahm er sie für völlig andere Laute [PDF]. So entspricht das “H” der Silbe “mi” und das “W” einem “la”.

Seine Tochter A-Yo-Ka war die erste Person, die die neue Schrift lesen und schreiben lernte.

An dieser Stelle hätte der Aberglaube der Cherokee fast dem ganzen Projekt ein brutales Ende bereitet: Sequoyah und A-Yo-Ko wurden von ihrem Stamm der Hexerei angeklagt und sollten hingerichtet werden. Nach der offiziellen Geschichte der Cherokee Nation endete das Gerichtsverfahren allerdings damit, dass die Richter — alles Krieger — vom Wert der Erfindung überzeugt wurden:

[Town chief George] Lowery brought in a group of warriors to judge what was termed a “sorcery trial”. For evidence of the literacy claims, the warriors separated Sequoyah and his daughter to have them send messages between each other until they were finally convinced that the symbols on paper really represented talking. At the end of the trial, the warriors asked Sequoyah to teach them.

Innerhalb kurzer Zeit — die Cherokee selbst sprechen von very few months — konnte die Mehrheit des Stammes lesen und schreiben. Der Missionar Samuel Worcester setzte sich für eine Druckerpresse ein, um die Bibel in der neuen Schrift auflegen zu können. So entstanden Bücher, Pamphlete und Zeitungen. Erhalten sind unter anderem zweisprachige Versionen [PNG] der “Cherokee Phoenix”. Im Jahr 1827 wurde die Verfassung der Cherokee in der neuen Schrift gedruckt.

Sequoyah wurde zum Helden seines Stammes. 1829 wurde er zusammen mit 2500 anderen Cherokee von der US-Regierung nach Oklahoma umgesiedelt (der Trail of Tears kam zehn Jahre später). Er starb im August 1843. Wo er begraben wurde, ist nicht bekannt.

Seine Holzhütte in Oklahoma ist heute ein National Historic Landmark. Nach Sequoyah sind in den USA Schulen und Forschungseinrichtungen benannt, er taucht auf Briefmarken auf und ist am Library of Congress in Bronze verewigt. Er war 1917 der erste Indianer, der mit einer Statue im Kapitol geehrt wurde.

Die intellektuelle Leistung von Sequoyah kann nicht hoch genug bewertet werden. Zwar hatte er eine grobe Vorstellung, dass die komischen schwarzen Zeichen der Weißen irgendeine Bedeutung haben mussten — mehr aber auch nicht. Den Rest entdeckte er selbst, auf eigene Faust, in einer Gesellschaft, die ihn dafür fast hingerichtet hätte. Damit ist er nicht nur einzigartig unter den Indianern, sondern — zumindest, wenn man die vergangenen 3.500 Jahre oder so betrachtet — unter den Menschen.[1]

Winnetou dagegen … ach, wir lassen es einfach.

[1] Diamond, Jared Guns, Germs and Steel. A short history of everybody for the last 13.000 Years Vintage Press, 1997


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