Mitschnitt des Vortrags “Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus in der DDR. Zur notwendigen Selbstkritik des Antifaschismus” von Harry Waibel in Stuttgart March 8, 2016 | 11:31 am

Einst waren sie Staatsgeheimnis, bis heute werden sie verleugnet und verdrängt: Mittlerweile sind über 8000 neonazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten in der DDR belegt. Seit 1990 gab es über 250 Tote und tausende Verletzte durch rechte Gewalttaten und die Täter kommen, gemessen an der Einwohnerzahl, im Verhältnis 3:1 aus dem Osten. Die antifaschistischen Kräfte vermochten bisher nicht, auf diese Entwicklung nennenswerten Einfluss zu nehmen. Höchste Zeit für Selbstkritik antifaschistischer Theorie und Praxis.

Audio: Höhere Mächte sind auch keine Erlösung March 8, 2016 | 11:31 am

Zur Konjunktur des Glaubens an „höhere Mächte“ in Zeiten der Krise

Vortrag von  Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 29. Februar 2016 in Hamburg

Was verbindet so unterschiedliche Leute wie die reinkarnationsgläubige Waldorflehrerin, den selbstbewussten Kämpfer gegen gierige Bankster, die esoterisch angehauchte Bioladendauerkundin, den missionarischen Salafisten, die treue Kirchgängerin, den sonnwendfeiernden Neonazi, die eifrige Streiterin wider die Weltverschwörung der Bilderberg-Konferenz, den homophoben Rastafarian, die aus ihrem Krafttier Energie schöpfende Schamanin, den spirituelle Erlösung suchenden Insassen einer Yoga-Lebensgemeinschaft, den Hirtenworte verkündenden Bischof und die einer Verdünnung von 1:1 000 000 000 000 000 000 000 000 vertrauende grüne Stadtverordnete, die sich für eine kritische Verbraucherin hält?

Es ist der Glaube, ihr Wohl und Wehe hinge vom Walten höherer Mächte ab. Die einen verehren sie, die anderen fürchten sie. Die einen werfen sich ihnen wacker entgegen, die andern unterwerfen sich ihnen lustvoll. Die einen sind sanftmütig, die andern kochen vor Wut. Die einen sind religiös, die anderen atheistisch, die einen unpolitisch, die anderen hochpolitisch, die einen rechts, die anderen links. Und doch verbindet sie mehr als sie trennt: Der Hang zu einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, das wohlige Gefühl, zur Gemeinschaft der Erleuchteten zu gehören und eine ausgeprägte Kritikresistenz.

Zeiten, in denen sich der krisenhafte Zustand der Welt herumgesprochen hat und Unsicherheit und Zukunftsängste um sich greifen, sind gute Zeiten für einfache Botschaften. Wo sich Demut statt Vernunft, Wut statt Kritik und Glauben-wollen statt Wissen-wollen durchsetzen, herrschen Denkfaulheit, Regression und Irrationalität. Doch nicht genug: Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist immer auch die nach starken Führern, die heutzutage gerne auch mal Führerinnen sein dürfen, wenn sie nur Halt und Orientierung versprechen.

Was muss emanzipatorische Kritik leisten, die sich weder mit der kapitalistischen Krise noch mit ihrer regressiven Verarbeitung in den Köpfen abfinden will und die am Ideal einer Gesellschaft freier Menschen in freien Vereinbarungen festhält?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für konkret, Jungle World und emafrie.de

Zum Erdrutschsieg der hessischen CDU bei den Kommunalwahlen March 7, 2016 | 06:06 pm

CDU und AFD holten bei den Kommunalwahlen in Hessen 28,2% + 13,2 %. Das sind 41,4% der Wähler, die eine menschenverachtende Asylpolitik wählten. Die CDU Marburg-Biedenkopf versuchte die AFD in der letzten Minute noch rechts zu überholen. Das Titelbild der Parteipostille „Der Kurier“ ziert eine rote Zahl:

„78369 ausländische Tatverdächtige im Jahr 2015 in Hessen. Laut Polizeilicher Statistik des Landes Hessen stieg diese Zahl gegenüber 2014 um 10,363 (von 68.006) an.“

Wer immer nach Deutschland flieht, bricht automatisch ein Gesetzt: man begeht „illegalen Grenzübertritt“.  Mit diesem Gesetz werden Asylsuchende mit bis zu einem Jahr Haft bedroht und finanziell ausgebeutet: Von ihrer ohnehin bescheidenen Grundsicherung müssen sie mitunter über 600 Euro Strafe zahlen, die dann, deutsche Richter sind keine Unmenschen, auch mal auf Raten abgestottert werden können. Das ist zwar rechtlich meist nicht zu halten, weil für asylberechtigte Flüchtende Ausnahmen gelten sollten, aber weil sprachunkundige Flüchtlinge in der Hoffnung auf Asyl den Behörden erst einmal alles recht zu machen versuchen und kaum Anwälte finden, haben Polizisten und Staatsanwälte mit dem § 14 des Aufenthaltsgesetzes einen besonders zynischen Weg gefunden, das Existenzminimum noch einmal kräftig zu dezimieren und ungestraft nachzutreten.

Man kann sich auch sicher sein, dass die CDU die Statistik ordentlich aufblähte durch andere Taten wie Schwarzfahren, Schwarzarbeiten, Beleidigung von Nazis, etc.. Dass man nicht einmal die Zahl der letztlich verurteilten Straftäter wählte, sondern die Zahl der „Verdächtigen“, hat mit großer Wahrscheinlichkeit einen propagandistischen Grund: Die CDU Marburg-Biedenkopf wollte Ausländer generell „tatverdächtig“ machen, weil ihr im rot-grünen Marburg das friedvolle Miteinander und die doch beachtliche Hilfsbereitschaft einer demokratisch integrierten Gesellschaft unheimlich zu werden schien. Verurteilungen zu vermelden würde signalisieren, dass der Rechtsstaat bereits funktioniert und auf die ständige Überwachungsbereitschaft und das paranoide Verfolgertum der Zivilgesellschaft verzichten könnte.

Damit bis zu den nächsten Wahlen in der Statistik nichts besser wird, hat die CDU vorgesorgt. Voll von kindlichem Zerstörerstolz führt sie auf Seite zwei des „Kurier“ an, zu was ihre Vertreter im Bund in der Lage waren. So wurden mit den Anti-Roma-Gesetzen Albanien, Kosovo und Montenegro pauschal zu sicheren Drittstaaten erklärt, als wäre die antiziganistische Gewalt nicht schon im sicheren Kernland der EU politisches Standardrepertoire. Stolz ist man bei der CDU auch auf den „Abbau von Abschiebungshindernissen“. Tatsächlich gelten psychische Erkrankung und Traumatisierung kaum noch als Grund für die Aussetzung einer „Ausreise“. Abschiebungen wurden generell „erleichtert“, „Sachleistungen in Erstaufnahmeeinrichtungen“ durchgesetzt, Lager (euphemistisch „Ausreisezentren“) für beschleunigte Abschiebungen eingerichtet, der Familiennachzug begrenzt.

Und dann müssen Flüchtende noch die Sprach- und Integrationskurse selbst bezahlen, zu denen sie verpflichtet werden sollen. Aber das reicht der CDU nicht, denn der unschuldige Verfolger hat nie genug. Man beschwert sich deshalb, dass die SPD blockieren würde.
„Von der CDU seit Januar gefordert , mit der SPD so nicht vollständig durchsetzbar.“
„Integrationspflicht“ will die CDU und meint nicht CDU-Wähler, sondern vermutlich dasselbe, wie die Pflicht der Arbeitssuchenden, sich absolut konform für jedwede Sklavenarbeit zur Verfügung zu stellen. Auch „weitgehende Wohnsitzauflagen zur Vermeidung von Ballungen in Großstädten“ findet die CDU offenbar rechtsstaatlich praktikabel und zu den sicheren Drittstaaten sollen recht gern auch Marokko und Algerien „u.a.“ gehören, was in dieser Offenheit recht eigentlich die ganze Welt meint, die doch bitteschön aus dem hessischen Dörfchen bleiben soll. Das Ausland will man im Urlaub in Sri Lanka sehen und nicht vor der eigenen Haustüre.

Natürlich will man ganz klassisch „straffällige Asylbewerber“ schneller und leichter ausweisen, als wäre das nicht schon längst usus. Als hätte man nicht als Regierungspartei des mächtigsten europäischen Landes schon längst tausende noch nicht einmal straffällig gewordene Menschen nach Afghanistan, Iran oder in andere Krisenregionen abgeschoben und Zehntausende weitere straflos in ein nasses Grab im Mittelmeer getrieben, genug an Menschenrechtsverletzungen begangen, um einen afrikanischen Diktator nach Den Haag zu bringen. Und mit Idomeni geht der Weg schon sehr deutlich in Richtung KZ, auch wenn man noch keine offiziellen Gebäude dafür abstellt und 14.000 Menschen mit Tränengas und Knüppeln in den kalten Matsch zurückzwingt, in dem sie offenbar sterben sollen, denn einen anderen Plan lässt die EU nicht erkennen. Dass die CDU ihre Maßnahmen ausschließlich manisch anpreist, anstatt sie depressiv im Stillen vorzunehmen, wie es einem tatsächlich überforderten Land wie Libanon vielleicht noch zustünde, verweist auf ein verdrängtes Bewusstsein von Schuld. Im Land der Zweitlimousinen und 5000-Euro-Grills ahnt noch jeder, dass es ohne weiteres anders ginge, dass mit ein paar wenigen Milliarden die allfälligen Probleme eingehegt werden könnten. So aber wird die Vorlust aufs Pogrom geweckt, das der nach oben offene Maßnahmenkatalog verspricht: Den Abbau noch letzter Schuldgefühle, letzten Mitgefühls und schließlich des Rechtsstaats, der an der Asylfrage erodiert.

Jede Verwunderung über Wahlergebnisse der AFD und der NPD erübrigen sich angesichts einer CDU, die von je darauf abstellt, noch im Angesicht brennender Aufnahmeeinrichtungen die Forderungen des rechten Randes zu erfüllen und die Stimmung zu schüren, die wiederum zu mehr brennenden Aufnahmeeinrichtungen führt. Mit satten 41 % Zustimmung zu ihrer Politik kann die CDU sich auf künftige Verhandlungen mit einer SPD freuen, die intellektuell noch nicht einmal in der Lage zu sein scheint, selbst nur gegen die bösartigsten, vulgärsten Reflexe ihrer eigenen Parteiführung etwas einzuwenden.

Der Beitrag Zum Erdrutschsieg der hessischen CDU bei den Kommunalwahlen erschien zuerst auf Nichtidentisches.

07-03-2016Mit Tove Soiland: Kritik der poststrukturalistischen… March 6, 2016 | 08:52 pm



07-03-2016
Mit Tove Soiland: Kritik der poststrukturalistischen feministischen Theoriebildung. Oder: Gender und der verlorene Link zwischen Feminismus und Kapitalismuskritik

Audio: Schön, dass uns die Arbeit ausgeht. Ein Plädoyer für massive Arbeitszeitverkürzung. March 3, 2016 | 08:22 pm

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 24.November 2015 in Kassel      

Eine Veranstaltung der IG Metall Jugend Nordhessen und der Falken Hessen Nord

Wenn ältere Leute davon erzählen, dass es einmal so etwas wie Vollbeschäftigung gab und die Aussicht, sich durch Arbeit lebenslang seinen Unterhalt zu sichern, so klingt das wie aus einer fernen, längst vergangenen Zeit. Opas Welt kehrt in der Tat nicht wieder. Seit langem schmelzen sichere Arbeitsplätze wie Schnee an der Sonne und in den kommenden 20 Jahren wird jeder zweite Job in Europa und den USA verschwinden, weil künstliche Intelligenz und Roboter das viel besser und billiger können.

Aber warum macht uns das eigentlich Angst? Es wäre doch vielmehr Freude angesagt. Schließlich träumen Menschen seit Jahrtausenden davon, ihr Leben mit Angenehmerem verbringen zu können als ausgerechnet mit Arbeit. Doch nur den wenigsten war es vergönnt, dem  Zwang zu lebenslanger Schufterei zu entfliehen. Das Schöne ist, dass das heute alle könnten. Denn Technologie und Wissenschaft ermöglichen uns, mit immer weniger Arbeit immer mehr Reichtum zu schaffen. 

Doch ausgerechnet jetzt sollen wir immer länger arbeiten. Welch Skandal: Weniger Arbeit denn je wäre für ein gutes Leben nötig, aber die Überstunden häufen sich, immer mehr Leute müssen in ihrer angeblichen Freizeit arbeiten, der Markt verlangt uns grenzenlose Flexibilität ab. Gehören wir zu den nicht mehr ganz Jungen, bekommen wir – vielleicht – einmal mit 67 oder 70 eine Rente, die immer niedriger wird. Gehören wir zu den ganz Jungen, so ahnen wir, dass wir nie eine sehen werden.

Hauptsache Arbeit? Oft wollen wir gar nicht so genau wissen, an was wir da eigentlich  den ganzen Tag so arbeiten. Vieles davon ist fragwürdig, überflüssig, ja schädlich. Es gibt nur einen einzigen Grund, warum wir Angst haben müssen vor dem Verschwinden der Arbeit: Die Wirtschaft, von der wir abhängen, ist verrückt organisiert. Die einen sollen arbeiten bis zum Umfallen, die anderen werden zum überflüssigen Menschenmüll erklärt, sprich arbeitslos.

Massive Arbeitszeitverkürzung für alle ist das Gebot der Stunde. Und sie wäre durchaus machbar, ohne dass wir auf Lebensqualität verzichten müssen. Damit das funktioniert, müssen wir allerdings aus einem Gedankengefängnis herausfinden. Es gilt, sich von der Vorstellung zu verabschieden, das ewige Weiterdrehen am Hamsterrad des „Arbeiten-gehen-müssen-um-Geld-zu-verdienen-weil-wir-sonst-nicht-leben-können“ garantiere uns eine gute Zukunft. Das Gegenteil ist der Fall.

Lothar Galow-Bergemann ist nach 40 Jahren Arbeit endlich in Rente. Er arbeitete vorwiegend in der Krankenpflege, ist verdi-Mitglied und war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Seine schönsten Arbeitstage erlebte er, wenn er zusammen mit seinen KollegInnen gestreikt hat. Heute schreibt er u.a. für Konkret, Jungle World und emafrie.de

„Sich nicht von der eigenen Ohnmacht dumm machen lassen“ – Eine Bitte um Unterstützung March 3, 2016 | 07:54 pm

Liebe Freundinnen und Unterstützer von Wadi,

der Krieg in Syrien geht weiter und ist in den vergangenen Wochen sogar noch eskaliert. Daran werden halbherzige Feuerpausen nichts ändern, wenn gleichzeitig die Ursache bestehen bleibt und sogar gestärkt wird. Der syrische Diktator Bashar al-Assad sitzt so fest im Sattel wie lange nicht mehr und alle tun so, als ließe sich mit ihm und seinen Verbündeten ernsthaft Frieden schaffen.

Derweil verschlechtern sich im Irak und in Irakisch-Kurdistan fast täglich die Lebensbedingungen. Der niedrige Ölpreis ist die Hauptursache für eine schwere ökonomische Krise, die inzwischen alle Teile der Gesellschaft erreicht hat. So wurden seit nunmehr sieben Monaten keine Gehälter im öffentlichen Dienst gezahlt.

Angesichts des Wahnsinns in der Region zweifeln wir bei WADI oft am Sinn unserer Arbeit, ja kämpfen, dass nicht Verzweiflung sich ausbreitet. Seit Anfang der damals noch ganz friedlichen Proteste in Syrien, haben wir vor den Folgen einer Politik des Wegschauens gewarnt und in etlichen Beiträgen beschrieben, was in Syrien angesichts der geopolitischen Gemengelage droht. Schon im Februar 2012 unterstützte WADI deshalb eine internationale Petition, die eine Flugsverbotszone für Nordsyrien forderte. Nichts dergleichen geschah. Wenn heute, vier Jahre, 500 000 Tote und 14 Millionen Flüchtlinge später, plötzlich in unzähligen Kommentaren die damaligen Versäumnise westlicher Politik beklagt werden, hilft das allerdings auch nicht weiter.

Das Team vom Flüchtlingsradio in Halabja

Seit 25 Jahren arbeiten wir in der Region für die Verbesserung der Lage von Frauen und Kindern. Wir haben geholfen, demokratische Strukturen aufzubauen und rechtsstaatliche Prinzipien zu festigen.Aber mit der Eskalation des Krieges scheinen unsere Projekte im Irak und Syrien immer mehr wie ein hoffnungsloser Kampf gegen Windmühlen. Katastrophe reiht sich an Katastrophe und auch wir sehen uns mit immer neuen Flüchtlingen und damit Herausforderungen konfrontiert. Langfristige Projekte leiden, weil wir aufgrund der Not zunehmend kurzfristig intervenieren müssen.

Und dann werden uns auch noch staatliche Gelder für Projekte gestrichen, die auf Jahre angelegt sind. Darüber und über eine Petition der Jesidinnen an die Bunderegierung berichtet die BILD. So ist Entwicklung nicht möglich. Aus Erfahrung wissen wir: Nur wer einen langen Atem hat, kann die so notwendigen Veränderungen in der Region voranbringen. Nicht nur uns geht es so: im Irak, wie auch in der Türkei, im Libanon und Jordanien werden solche Projekte kaum noch unterstützt. Selbst für die akute Flüchtlingshilfe fehlt Geld. Werden die Zusagen der letzten Geberkonferenz von 5,5 Milliarden eingehalten, dann stehen pro Flüchtling rund 1200 Euro zur Verfügung, wohlgemerkt im Jahr! Das reicht kaum fürs Nötigste.

Schülerinnen und Schüler in der Afrin-Schule

Die Menschen wollen nach vier Jahren Krieg jedoch mehr als ein Stück Brot. Sie brauchen eine Perspektive. Keine NATO-Schiffe und Grenzzäune werden sie davon abhalten, es nicht zumindest zu versuchen, sich diese zu schaffen. Der Opfer der europäischen Grenzpolitik gedachten wir Ende Januar in einer Aktion in Suleymania.Doch Grenzsicherung ist die einzige Politik, auf die man sich in der EU problemlos einigen konnte. Damit kann heute ein Totalversagen der europäischen Politik konstatiert werden.

Wir machen trotzdem weiter. Dabei gilt uns ein Aphorismus aus Adornos Minima Moralia als Leitsatz: „Die fast unlösbare Aufgabe besteht darin, weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“

Gerade jetzt brauchen die Menschen unsere Solidarität und Unterstützung für ihre eigenen Ideen. Angesichts von Krieg und Leid erklärt zwar so mancher Kommentator den arabischen Frühling für tot. Doch nichts könnte falscher sein. Nach wie vor ist bei vielen Menschen der Wille, sich für eine bessere und freiere Zukunft in ihrer Region einzusetzen, ungebremst.

Das erleben wir täglich in unserer Arbeit, so zum Beispiel beim Flüchtlingsradio in Halabja. Über die Aktion junger Flüchtlingsfrauen in diesem Projekt zum Valentinstag berichtete die BILD. Ein Film von MSNBC zeigt, wie ehemalige und heutige Flüchtlinge im Frauenzentrum in Halabja gemeinsam für eine bessere Zukunft eintreten. Fusion.net berichtet, wie unserer Frauenteams sich für jesidische Mädchen einsetzen, die vor dem IS fliehen mussten. Gemeinsam mit der irakischen Sikh Gemeinde unterstützen wir zudem 100 jesidische Familien. Derzeit machen wir mit Unterstützung der Unesco Schulen und Lehrer fit, damit 8350 Schülerinnen und Schüler, die aus ihrer Heimat geflohen sind, endlich wieder zur Schule gehen können. Wie auch in der von uns betreuten Afrin Schule sind bei diesem Bildungsprojekt die Lehrer selber Flüchtlinge.

Test

Gedenkveranstalung für die Ertrunkenen

Da aber inzwischen viele Menschen, mit denen wir zusammen für Demokratisierung und Menschenrechte eingetreten sind, ihren Weg nach Deutschland gefunden haben, arbeiten wir nun auch in Deutschland: Gemeinsam mit syrischen und irakischen Demokratieaktivisten wollen wir die Selbstorganisation von Flüchtlingen in Deutschland unterstützen. Dazu startet ein Pilotprojekt unter dem Titel „Demokratie leben – Vom Flüchtling zum Bürger / zur Bürgerin, oder wie geht Demokratie“ in Celle dieses Frühjahr.Weil wir selber seit vielen Jahren gerne und erfolgreich mit Menschen aus dem Nahen Osten zusammenarbeiten, wollen wir hier in Deutschland vermitteln, wie das geht und bieten deshalb Workshops für Integrationslotsen und Flüchtlingshelfer an. Darüber berichteten die Cellesche Zeitung und die Allgemeine Zeitung.

Wir bleiben dabei: Langfristige Verbesserung der Verhältnisse erfordern Ausdauer und gute Kenntnisse der Situation vor Ort. WADI arbeitet seit 1992 in Irakisch-Kurdistan und anderen Ländern im Nahen Osten gemeinsam mit Partnern, die sich eigenverantwortlich für ihre Rechte und eine bessere Zukunft einsetzen.

Bitte helfen Sie uns dabei. Denn dringender denn je sind wir auf die solidarische Unterstützung von Privatspenden angewiesen, um so viele dieser Projekte wie möglich fortführen zu können.

Mit herzlichen Grüßen,
Ihre Hannah Wettig

Projekt Koordinatorin
„Vom Flüchtling zum Bürger“

Spendenkonto WADI e.V.
Kontonummer: 612 305 602
Bank: Postbank Frankfurt
BLZ: 500 100 60
IBAN: DE43500100600612305602
BIC: PBNKDEFF

Der »Stürmer« lässt grüßen March 3, 2016 | 02:01 pm

Der populäre Karikaturist Dieter Hanitzsch versteht die Welt nicht mehr:

Als Protest gegen TTIP habe ich heute am »Sonntagsstammtisch« [des Bayerischen Rundfunks] diese Karikatur mit der »Krake TTIP« gezeigt. Unerwartet wurde mir von Zuschauern Antisemitismus und Verwendung von Methapern antijüdischer Nazi-Propaganda vorgeworfen. Meine Stellungnahme zu diesen Vorwürfen ist: Es erfüllt den Tatbestand der schweren Beleidigung, mir im Zusammenhang mit dieser Karikatur Antisemitismus und Verwendung von Stürmer-Metaphern vorzuwerfen. Ich behalte mir rechtliche Schritte dagegen vor. Was an dieser Karikatur antisemitisch sein soll, erschließt sich mir wirklich nicht. Dass die Nazis die Krake als Vehikel für ihre antijüdische Propaganda benutzt haben, kann doch nicht bedeuten, Kraken in der Karikatur grundsätzlich als antisemitisch zu verstehen und sie damit quasi zu verbieten! »Die Metapher der Krake gehört spätestens seit Ende des 19. Jahrhunderts zum Repertoire der Karikaturisten. Sie dient als Sinnbild für eine erdrückende, alles an sich raffende Übermacht.« (aus einem medienwissenschaftlichen Aufsatz)

Bemerkenswert ist zunächst einmal die ostentative Naivität, mit der sich Hanitzsch auf seiner Facebook-Seite äußert. Eigentlich sollte man ja davon ausgehen dürfen, dass jemand, der als politischer Karikaturist seine Brötchen verdient, sich erstens schon einmal mit dem wohl bekanntesten aller Kraken-Cartoons – jenem von Josef Plank aus dem »Stürmer« von 1938 nämlich – und dessen antisemitischem Gehalt beschäftigt hat (der sich mitnichten darin erschöpft, dass die Nationalsozialisten eine vermeintlich unschuldige Symbolik zweckentfremdet haben). Und dass ihm zweitens die Debatte nicht entgangen ist, die es unlängst um die Kraken-Karikatur gab, die sein Kollege Burkhard Mohr von Facebook-Chef Mark Zuckerberg angefertigt hatte (für die »Süddeutsche Zeitung« übrigens, die auch zu Hanitzschs Auftraggebern respektive Abnehmern zählt). Insofern mag man ihm weder seine Verwunderung noch seine Ahnungslosigkeit so recht abnehmen.

Das Raunen des Karikaturisten

Doch selbst wenn beides echt sein sollte, macht das die Sache nicht besser. Gerade angesichts der Schwere der Kritik seitens der Zuschauer wäre es dann ja ratsamer gewesen, innezuhalten und die Bildungslücken zu füllen, statt sofort mit rechtlichen Schritten zu drohen – nach dem Staat zu rufen, wenn die Argumente fehlen, ist ohnehin jämmerlich – und in aller Eile einen vermeintlichen Beweis für die eigene Redlichkeit zu ergoogeln, der sich bei Lichte betrachtet als Dementi entpuppt. Denn der medienwissenschaftliche Aufsatz, auf den sich Hanitzsch beruft, ohne die Quelle zu nennen, entstammt der Feder von Robert Hampicke, ist im Juli 2010 auf »publikative.org« erschienen und stützt Hanitzschs Sicht der Dinge gerade nicht. Am Beispiel eines Plakats der Piratenpartei, das sich ebenfalls des Kraken-Ikons bediente, macht Hampicke vielmehr etwas deutlich, das exakt so auch auf Hanitzschs Karikatur zutrifft: »Es beschreibt nur den Sachverhalt einer dunklen Bedrohung der Welt, worin diese Bedrohung besteht, darüber gibt die Darstellung keine weitere Auskunft. Das macht sie der Krake aus dem ›Stürmer‹ von 1938 so ähnlich und legt die Vermutung nahe, dass sich hinter ihr ebenfalls ein geschlossenes Weltbild verbergen könnte.«

Würde man Hanitzsch fragen, worin konkret die von ihm versinnbildlichte Gefahr bestehen soll, die angeblich vom TTIP-Abkommen für den Globus ausgeht, bekäme man mutmaßlich kaum Substanzielleres zur Antwort als die Behauptung, dass sich die Vereinigten Staaten von Amerika und die dort beheimateten Konzerne eben den gesamten Planeten einverleiben wollen. So wie »der Jude« in der Karikatur von Josef Plank. Sie tun es, weil sie es wollen, weil sie es aufgrund ihrer unumschränkten Macht können, und weil sie das Böse schlechthin sind. So raunt es aus dem Cartoon, dessen Urheber es bewusst sein dürfte, dass sein Publikum es auch gar nicht genauer wissen will – und dass die Krake als kollektives Symbol funktioniert, weil sie »unabhängig von der individuellen Intention als kommunikative Chiffre fungieren kann, also kollektiv geteilt wird«, wie Samuel Salzborn es einmal am Beispiel des antisemitischen Gehalts von Ungeziefer-Metaphern analysiert hat.

Kein unschuldiges Symbol

»Dass die Nazis die Krake als Vehikel für ihre antijüdische Propaganda benutzt haben, kann doch nicht bedeuten, Kraken in der Karikatur grundsätzlich als antisemitisch zu verstehen«, schreibt Dieter Hanitzsch. Er hätte gerne, dass das Symbol als solches unschuldig ist und blendet deshalb eine naheliegende Frage aus: Was hat es für die Nationalsozialisten als »Vehikel für ihre antijüdische Propaganda« eigentlich so attraktiv gemacht? Die Antwort hat sich Hanitzsch, ohne es zu merken, mit dem Zitat von Robert Hampicke bereits selbst gegeben: Die Krake eignet sich in besonderem Maße »als Sinnbild für eine erdrückende, alles an sich raffende Übermacht«. Spätestens mit Robert Planks Karikatur hatte sie als Ikon ihre Unschuld für immer verloren. Die Nationalsozialisten haben auch diesbezüglich einen unhintergehbaren Maßstab gesetzt. Der Antisemitismus lässt sich aus dem kollektiven Symbolgehalt nicht herausredigieren.

Damit verbunden sind zwei weitere Fragen: Warum erscheint Hanitzsch eine Symbolik als treffend, die sich für antisemitische Karikaturen hervorragend eignet? Und weshalb illustriert er sein politisches Anliegen mit einem Ikon, das Antisemiten besonders passend finden? Offenkundig deshalb, weil er sich wie sie die Welt als eine von dunklen Mächten beherrschte vorstellt, weil er wie sie eine Weltverschwörung am Werk sieht, weil er wie sie glaubt, dass der Erdball von raffgierigen, rücksichtlosen und hinterhältigen Schmarotzern zuschanden geritten wird. Antiamerikanismus und Antisemitismus sind sich in ihren Ideologemen, Argumentationsmustern und Denkstrukturen vielfach ähnlich und kommen nicht zuletzt im regressiven Antikapitalismus immer wieder zusammen, wofür Hanitzschs Cartoon ein weiterer Beleg ist. Die Empörung des Karikaturisten über die Kritik ist wohlfeil: Er wusste, was er tat. Und er zeigte auch nicht zum ersten Mal, wie es in ihm denkt.

Anmerkung: Eigentlich müsste es »der Krake« heißen, im Alltagssprachgebrauch ist »die Krake« jedoch weiter verbreitet – und dem Duden zufolge auch zulässig.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.


Einsortiert unter:Politik Tagged: Antiamerikanismus, Antisemitismus, Dieter Hanitzsch, TTIP

Vs. Kultur & Kontrakultur March 1, 2016 | 06:26 pm

Ich habe ein paar Zeilen für die aktuelle Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax geschrieben. Im Text »Gegen die Kultur« habe ich ein paar facts über einige Aspekte kommunistischer (Anti-)Kulturpolitik gespittet. Sicherlich unvollständig, vielleicht für den einen oder die andere eine Anregung. Untenstehend eine etwas längere Version mit ein paar abweichenden Formulierungen und zusätzlichen Literaturhinweisen. Im Heft ist außerdem ein Text von Nora zur Kritik der Kontrakultur enthalten (der Hallenser Sektion der Identitären) – einige Aspekte davon können in den Antifa-News vom 28. Januar 2016 nachgehört werden.

»Gegen die Kultur«

Wir können nichts bewahren / nichts erhalten / es gibt kein Zurück / die Uhr tickt / es hilft auch kein sparen und verwalten / die Natur siegt, immer / deshalb bringen wir nur / Raps pur / MOR kämpfen gegen die Kultur. (M.O.R. – Gegen die Kultur)

Eine Stakatto-Fingerübung zur Frage, was Kulturpolitik sein könnte

Es gibt keinen so schillernden und so schwer definierbaren Begriff wie den der Kultur. Bezeichnet er den Komplex jener Tätigkeiten, der den Menschen von der Natur unterscheidet (im Sinne von Kulturleistung)? Umschreibt er jenen enger umgrenzten Tätigkeitsbereich, in dem der Mensch malt, musiziert, dichtet, gestaltet und spielt (also das Ensemble der Künste)? Oder fasst er die Besonderheiten territorial abgegrenzter Verhaltensweisen und Bräuche (in diesem Sinne gäbe es eine abendländische, deutsche oder bayrische Kultur)? Es ließen sich weitere Definitionen heranziehen – und je nachdem in welchem Wörterbuch man nachschlägt, welche Philosophin oder welchen Historiker man fragt, wird man eine andere Antwort erhalten. Es gibt zumindest einige Gründe, misstrauisch zu sein, wenn mit dem Begriff der Kultur hantiert wird: Weil die Deutschen keine politische Revolution hinbekommen haben, verstanden sie sich (durchaus in antifranzösischer Manier) fortan als Kulturnation – und während sich heute keiner mehr traut, von rassischen Besonderheiten zu reden, lässt man es durchgehen, wenn gefordert wird, Verständnis für die Eigenarten bestimmter Kulturkreise zu haben (wer das Gruseln lernen will, sollte in diesen Fällen probeweise einmal das Wort Kultur durch Rasse ersetzen). In Zeiten ihrer fortschreitenden Marginalisierung scheint in der Linken die Kulturpolitik – verbunden mit den Stichwörtern der alternativen, Sub- oder Gegenkultur – einer der letzten Bereiche zu sein, in denen die Kämpfe nicht hoffnungslos verloren sind. Es lohnt sich daher, einmal einen Schnelldurchlauf durch einige Aspekte der Geschichte »linker Kulturpolitik« zu machen.

Der Ursprung der Kulturpolitik ist sicherlich eng mit dem Aufstieg des Bürgertums verbunden: Weil das Bürgertum in seiner Betätigung (d.h. vor allem Handel und Unternehmertum) durch die politischen und ökonomischen Regelungen der Monarchien und Fürstentümer eingeschränkt war, entwickelte es einen Pathos der allumfassenden Umgestaltung der Welt. Der neue Mensch sollte schon in den Künsten und in den begrifflich entwickelten Moralsystemen erwachen. Als das Bürgertum jedoch das Reich der Freiheit nur in dem Sinne erreichte, dass es zur neuen herrschenden Klasse wurde, bekam die Kultur fortan eine neue Funktion: sie wurde zu einem Bereich, in dem die Bürger ihre Konflikte virtuell bearbeiten konnten – die großen bürgerlichen Romane legen Zeugnis von den Dilemmata bürgerlicher Subjektivität ab. Konnte die Kenntlichmachung dieser Konflikte anfänglich durchaus einen gesellschaftskritischen Impuls haben, so deutlich wurde ihre bloß virtuelle Bearbeitung mit dem ersten Weltkrieg: schließlich waren die deutschen Soldaten mit Goethe und Schiller im Tornister auf die europäischen Schlachtfelder gezogen.

Die Dadaisten reagierten auf die Ereignisse des ersten Weltkriegs daher mit einem Generalangriff auf die abendländische Kultur: »Ich verlache Wissenschaft und Kultur, diese elenden Sicherungen einer zum Tode verurteilten Gesellschaft.« (Raoul Hausmann) So negativ die dadaistischen Bestrebungen auch gewesen sein mögen – sie erwiesen sich als Teil einer viel weitergehenden Tendenz: das Programm der Kunst-Avantgarden (Surrealismus, Konstruktivismus, etc.) wurde es zwischen den beiden Weltkriegen, die künstlerischen Mittel für eine revolutionäre Umgestaltung der Welt zu mobilisieren1. Da die Verlogenheit des Bürgertums gerade darin bestanden hatte, dass es die edelsten Bestrebungen nur im Bereich der Kunst (nicht in der Wirklichkeit) entwickeln konnte und den schlechten Verhältnissen somit einen Heiligenschein verlieh, durfte das avantgardistische Programm kein bloß künstlerisches bleiben: es musste dazu streben, die künstlerischen Prinzipien auf alle gesellschaftlichen Bereiche auszuweiten. Von einer Kulturpolitik kann hier also eigentlich nicht die Rede sein – es ging um die Aufhebung der Kunst. Am weitesten ist dieser Versuch in der jungen Sowjetunion vorangeschritten. Dem Konstruktivismus – insbesondere dem Proletkult – gelang es, Massen von Arbeiterinnen zwecks der ästhetischen Umwandlung der Produktion zu organisieren2.

Die Stalinisierung in der Sowjetunion, der Aufstieg des Nationalsozialismus und schließlich der Zweite Weltkrieg haben die Bestrebungen der Avantgarde abgebrochen, bevor diese ihre wahre Tendenz wirklich entfalten konnte. Diejenigen Schriftsteller, die sich der internationalen Arbeiterbewegung angehörig fühlten, hatten ihrerseits auf den Aufstieg des Faschismus reagiert: 1935 rief die Komintern zum »Internationalen Kongress der Schriftsteller für die Verteidigung der Kultur« nach Paris3. Hier wurde die Frage gestellt, wie Künstlerinnen und Schriftsteller auf ihrem Gebiet der Kultur geeignete Waffen gegen den Faschismus schmieden könnten. Der Kongress stand dabei unter dem Diktum der Volksfront – dass bürgerliche und kommunistische Kräfte zusammen dem Faschismus die Stirn bieten müssten. Der Kongress zur Verteidigung der Kultur ist die wahre Geburtsstunde linker Kulturpolitik und er markiert die Mängel, die sie fortan haben würde: einerseits, dass der Maßstab der Avantgarden hinterschritten und Kultur als ein abgetrennter Bereich gehandelt wurde, andererseits, dass Kulturpolitik als Teil staatlicher Politik verstanden wurde. Die darauf folgenden Debatten um den Realismus – deren interessanteste Aspekte in der 1936-38 in der Exilzeitschrift »Das Wort« geführten Expressionismusdebatte zutage kamen – standen bereits unter dem Schatten des Diktums des Sozialistischen Realismus als einzig sozialistischer Staatskunst in der Sowjetunion.

All diese Diskussionen wurden – wie bereits vorweggenommen – durch den zweiten Weltkrieg gewaltsam abgebrochen. Und nach der Shoa konnten sie nicht einfach fortgeführt werden, sondern es bedurfte (mehr noch als nach dem ersten Weltkrieg) einer grundlegenden Neuorientierung. Aus jener marxistischen Strömung, die bereits vor dem zweiten Weltkrieg der Kultur eine besondere Bedeutung für die Analyse der ganzen Gesellschaft zugemessen hatte – der kritischen Theorie, auch genannt »Frankfurter Schule« – kam das Diktum: »Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.«4 (Adorno) Die Kultur hatte sich mitschuldig gemacht an dem, was von Deutschland, der Kulturnation, ausgegangen war. Adorno hat mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser Satz, in seiner Negativität, gerade nach einer engagierten Dichtung verlangt – indem die Kunst ihr Müll-Sein erkennt, soll sie über sich hinaus treiben. Auf der Suche nach diesem Potential machten sich die Autoren der kritischen Theorie – wobei Engagement gerade nicht eine dem Inhalt nach politische Kunst meinte, sondern in der Form augefunden werden sollte. Das heißt: in der Kunst braucht es niemanden, der uns sagt, was politisch richtig oder falsch ist – sondern Kunst soll in ihrer Gestalt, jenseits eingespielter Begrifflichkeiten, etwas sein, das selbst Widerspruch ist und zum Engagement drängt. Adorno meinte dies vor allem in der Neuen Musik zu finden – am interessantesten in diesem Strang (der sich aus dem Wiener Kreis um Alban Berg entwickelte) ist vielleicht der italienische Komponist Luigi Nono, der durchaus politische Werke komponierte5. Weitere Verbreitung als die musiktheoretischen Einlassungen Adornos fand hingegen die mit Horkheimer zusammen ausgearbeitete Kritik der Kulturindustrie6. Im amerikanischen Exil hatten sie jene neue Massenkultur kennengelernt, die sich nach dem zweiten Weltkrieg auch in Europa flächendeckend durchsetzen sollte. Der Fordismus war jene Epoche, in der ein neuer Akkumulationsschub eine Massenproduktion an Autos, Kühlschränken und Fernsehern in Gang setzte und gleichzeitig nach einem Absatz in der fordistisch formierten Arbeiterklasse verlangte. Zeitgleich entstand der Freizeitsektor, der mit standardisierten Massenprodukten der Kultur ausgestattet wurde. Adorno und Horkheimer kritisierten an dieser Massenkultur, dass sie die Freizeit zu einem funktionalen Bestandteil der ganzen Produktionsmaschinerie machte und somit das Arbeitsleben in die Freizeit verlängerte: es gibt kein Entkommen mehr.

Andere marxistisch inspirierte Kulturkritiker sahen die neue Massenkultur nicht durchweg negativ. Der holländische Maler und Architekt Constant machte gerade in der Jugend – die erst im Fordismus vollends zu einer eigenständigen Zwischenzeit des Menschenlebens wurde, die von der Werbung und den Kultur-Waren umworben wird – radikale und spielerische Elemente aus, die über die kapitalistische Formierung der Kultur hinauswiesen7. Der tendenziellen Überflüssigkeit ihrer Arbeitskraft ins Auge blickend, entwickelten sich wilde Jugendkulturen, die mit den Gesten der Massenkultur spielten und in eine tendenziell subversive Betätigung überführten. Gammler, Rocker und Hippies waren nicht mehr bereit, ihre Zukunft als kleinbürgerliche Proleten im Reienhaus zu akzeptieren. Die Situationistische Internationale – eine revolutionäre Künstler-, dann Antikünstlergruppe8, der sich Constant später anschloss – erkannte die Widersprüchlichkeit dieser Tendenzen. Einerseits entwickelten die neuen Jugendkulturen radikale Gesten der Verweigerung. Andererseits wurde die Verweigerung selbst zu einem konsumierbaren Bild, wodurch die Gesten wieder in die warenförmige Massenkultur integriert wurden. Von dieser Erkenntnis ausgehend entwickelten die Situationisten ihre Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« (Guy Debord). Das Spektakel beschreibt das Zum-Bild-Werden aller Lebensäußerungen und die Passivität der Insassen der Produktionsmaschine. Die Universitäten sollten zu einem immer wichtigeren Ort werden, an dem die künftigen Verwalter dieser Maschine herangezogen wurden – diese begannen jedoch Ende der 60′er Jahre ihre Rolle zu verweigern und erkannten ein gemeinsames Interesse mit den Arbeitern. Oft wird vergessen, dass es sich bei der Bewegung von 1968 um ein europaweites – wenn nicht weltweites – Beben gehandelt hat. Die große Verweigerung von 1968 sollte auch auf dem kulturellen Gebiet stattfinden und die Situationisten entwarfen ihr radikalstes Programm: Alle bisherigen und gegenwärtigen kulturellen Ausdrucksformen sollten im situationistischen Sinne entwendet werden und in die gesamtheitliche Gestaltung des Lebens überführt werden9. Erst in zeitlich beschränkten, experimentellen Phasen (Situationen) – später, im Zuge einer revolutionären Überwindung des Kapitalismus, als gesamtgesellschaftliches Spiel. Die Situationisten begannen tatsächlich sowohl mit künstlerischen, als auch mit kulturindustriellen Formen zu experimentieren, die sie ihren ursprünglichen Kontexten entrissen, um sie in zeitweilige Verweigerungsgesten zu überführen (etwa in ihren bekannten Comic-Verfremdungen). Die Situationisten sollten dann tatsächlich in der Streik- und Besetzungsbewegung in Frankreich 1968 eine gewisse Rolle spielen und versuchten stets, der radikalste Ausdruck dieser Bewegung zu sein. Nachdem die Eruption vom Mai 68 befriedet wurde, gingen sie von einer (anti-)künstlerisch-experimentellen Phase in eine Phase der theoretischen Kritik über, bis sich die Situationistische Internationale 1972 auflöste.

In ganz Europa gab es nach der Eruption von 1968 Nachwehen – am längsten dauerten sie in Italien, wo die Klassenkämpfe Ende der 70′er Jahre in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. In Italien hatte es ab 1967 mehrere Zyklen heftiger Klassenkämpfe gegeben – und nirgends war die Allianz zwischen linksradikaler Studentenbewegung und Fabrikkämpfen so weit gegangen. Parallel zur Autonomie – das heißt der italienischen Streikbewegung, die sich jenseits der üblichen Formen von Gewerkschaft und Partei abspielte – entstand in den italienischen Großstädten die diffuse Autonomie – das heißt eine verschlungene und wilde Bewegung von Hausbesetzungen, Stadtteilkämpfen, Schüler- und Studentenprotesten, Protesten gegen die Psychiatrie, feministischer Gruppen und Subkulturen10. Hier entstand eine enthusiastische Kultur des Widerstands, die in zahlreichen Zeitschriften und Fanzines, Konzerten und Happenings, Theater und Krawall, Punkrock und Rausch ihren Ausdruck fand. Die Autonomen in der BRD der 80′er Jahre haben sich von einigen Aspekten dieser Bewegung beeinflussen lassen.

Entscheidend für die diffuse Autonomie: die Piratensender, die überall im Land aus dem Boden schossen, wurden zu einem wichtigen Ausdrucksmittel der Bewegung und fanden von Italien ausgehend viel Nachahmung in anderen Ländern. Ein bekanntes Beispiel ist das Radio Alice in Bologna, das ab Februar 1976 ca. ein Jahr lang sendete, bis es wegen »Aufruf zur Gewalt« und »Rädelsführerschaft« (von einem kommunistischen Bürgermeister) geschlossen wurde. Das Programm von Alice dauerte täglich von 7:00 Uhr morgens bis Mitternacht, das Programm entstand oft spontan. Alice bestand aus ständig wechselnden Redaktionen und zeichnete sich durch einen sehr experimentellen Stil aus. Oft wurde direkt aus streikenden Fabriken oder von Demonstrationen berichtet. Ein Auszug aus einem Sende-Text:

Stimme 1: Sie reden, sie reden, sie sagen Ordnung, Demokratie, aber das ist alles Zeugs, das mit uns nichts zu tun hat; sie wollen, daß wir wieder an die Arbeit zurückkehren wie früher, schweigend, still und diszipliniert. Sprechen soll nur das Fließband, für sie, für die, die sprechen, sprechen, aus dem Radio, dem Fernseher, den Zeitungen, von den Kathedern, und so weiter. An die Arbeit, das ganze Leben lang, an ein Fließband gefesselt, im Austausch für einen Lohn. Die Maschinen sprechen, eine Sprache aus Eisen, immer gleich, sie haben sie präpariert, perfektioniert, ein für alle mal. Und wir sind da, die Befehle zu beantworten, die die Maschinen fortwährend schweigend geben. (…) Stimme 2: Die Dialektik lernten wir nicht grad bei Hegel / mit Kampfgeprassel brach sie in den Vers / als wir den Bürger schlugen durch Umkehr der Regeln / laut welcher er uns schlug vorerst …11

Die Kämpfe in Italien wurden letztlich vom Staat mit Hilfe faschistischer Gruppen niedergeschlagen und zerrieben – vielleicht wurde hier bis Anfang der 80′er, als die Niederlage in vollem Umfang deutlich wurde und Tausende in den Knästen saßen, die Entscheidung über den Aufbruch von 1968 insgesamt erzwungen. Seitdem hat sich kaum wieder in dieser Breite eine solch explosive Gemengelage ergeben.

Das heißt nicht, dass es nicht weiterhin interessante Formen und Experimente der Sub- und Gegenkultur gegeben hätte. Punk und Dark Wave in den 80′ern, die genialen Dillettanten in Westberlin, Hardcore als eine junge und aggressive Jugendkultur, später zahlreiche Experimente im Bereich der elektronischen Musik … – die wichtigsten Beispiele habe ich bestimmt vergessen. Oft standen und stehen die interessantesten Experimente im Bereich der Subkultur – die sich fortan vor allem an bestimmte Musik-Stile koppelte – in einem Spannungsverhältnis zur Linken oder zur Politik überhaupt. In den 90′er Jahren entstand – in Verbindung mit Zeitschriften wie der Spex und im Zuge des Diskurs-Pop – die sogenannte Pop-Linke, die ich jedoch für ein Gespenst halte, das vor allem den Köpfen linker Intellektueller entsprungen ist, die freilich zuweilen selbst Musik machten. Heute finden Experimente mit der Kultur vorwiegend in Nieschen statt – dort entstehen und vergehen, mal unter mehr, mal unter weniger prekären Bedingungen, immer wieder Experimente, die zum Teil enorm eigenwillig sind, die aber meistens nicht stören oder für große Skandale sorgen. Kultur ist Teil des Ganzen – sie ist integriert, sie ist Integration.

Als Radiomacher oder Musikerinnen sind wir Teil dieser Kultur. Wir verfügen über ein riesiges Arsenal der Kulturgeschichte, das wir kennen sollten – und wenn das gesamte Gefüge der Gesellschaft wieder einmal zu knirschen beginnt, werden hier eventuell fruchtbare Explosivstoffe und scharfe Waffen erkennbar. Bis dahin sollten wir Augen und Ohren offen halten, für alles, was jenseits der eigenen Kulturgewohnheiten stattfindet – bis dahin braucht es Mut, zum Experiment. Vielleicht werden wir von kulturellen-gegenkulturellen Tedenzen überrascht, die wir nicht haben kommen sehen. Legen wir schon jetzt die Scheuklappen der linken Subkultur ab, die oftmals allzu ausdrucksarm und leidenschaftslos daher kommt.

  1. Literaturtip: Thesen zur Avantgarde. [zurück]
  2. Literaturtip: Kerstin Stakemeier – Künstlerische Produktion und Kunstproduktion [zurück]
  3. Literaturtip: Kerstin Stakemeier & Roger Behrens – Die Expressionismusdebatte in ihrer Zeit [zurück]
  4. Adorno: Negative Dialektik [zurück]
  5. Literaturtip: Irene Lehmann – Formen der Unverständlichkeit. Luigi Nono und das engagierte Kunstwerk, in der Zeitschrift »Sans Phrase«, No. 3. [zurück]
  6. Siehe das Kapitel »Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug« in der »Dialektik der Aufklärung« von Adorno und Horkheimer. [zurück]
  7. Siehe: Constant – Spielen oder töten. Der Aufstand des Homo ludens (Gustav Lübbe Verlag, 1971) [zurück]
  8. Literaturtip: Biene Baumeister Zwi Negator – Ihre eigene Situation ist paradox [zurück]
  9. Siehe: Debord/Wolman – Gebrauchsanweisung des Détournements [zurück]
  10. Literaturtip: Balestrini/Moroni – Die Goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien (Assoziation A, 1994), oder als kleine Einführung: Den Himmel stürmen – Aspekte eines Kampf-Zyklus und einer großen Niederlage (Sabotnik). [zurück]
  11. Siehe: Kollektiv A/traverso – Alice ist der Teufel. Praxis einer subversiven Kommunikation. Radio Alice (Bologna) (Merve Verlag, 1977) [zurück]

Audio: Partout nichts dazugelernt February 25, 2016 | 05:48 pm

Sahra Wagenknecht und die gescheiterte Querfrontpolitik der KPD

von Lothar Galow-Bergemann

 

Die KPD betrieb in der Endphase der Weimarer Republik eine Umarmungspolitik gegenüber den Nazis. Parteiintern wurde es als besonders schlaue Taktik verkauft, der NSDAP mit rechten und völkischen Parolen das Wasser abzugraben. Der Kurs scheiterte katastrophal. Die Kommunisten machten die NSDAP letztendlich erst recht salonfähig und „die Arbeiterklasse und das Volk“ entschieden sich dann doch lieber für das Original. Manche haben bis heute nichts daraus gelernt. Sahra Wagenknechts Agieren in der so genannten Flüchtlingsfrage ist ein beredtes und beängstigendes Beispiel dafür.

(aus Anlass des Vortrags „Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus in der DDR. Zur notwendigen Selbstkritik des Antifaschismus“ von Harry Waibel am 18. Februar 2016 in Stuttgart)

„Übe das Leben jetzt“ – ein Nachruf February 21, 2016 | 06:44 pm

Heute endet die Fotoausstellung ,,Übe das Leben jetzt – Kunst und Kultur in Palästina“ im Münchner Kulturzentrum Gasteig. Sie war schon in vielen anderen Städten zu sehen – häufig mit städtischer Förderung. In der Ausstellung werden unter dem Deckmantel künstlerischen Engagements aggressive antiisraelische Inhalte vermittelt.

Ausstellungseröffnung in München mit Markus Stephan Bugnyar (Österreichisches Hospiz der Hl. Familie in Jerusalem) und Wolfgang Sréter

Während die Gasteigseite mit dem positiven Bild eines musizierenden Mädchens für die Veranstaltung warb, eröffnet sich in der Ausstellung selbst ein anderes Bild. Die Ausstellung des Fotografen und freischaffenden Autors Wolfgang Sréter ist leider größtenteils durchsetzt mit subtil platzierter Fatah-Propaganda. Zu den allerdings nicht mehr subtilen Propagandaelementen zählt beispielsweise ein Graffito im Segment „Street Art“, das Israel symbolisch von der Karte gelöscht und ganz durch einen palästinensischen Staat ersetzt zeigt.

Bekräftigt wird die Forderung nach der Auslöschung Israels durch die umstehenden arabischen Schriftzeichen. ت وا صل Die große Schrift in roten und grünen Farben der palästinensischen Flagge bedeutet „Verbindung“. In der Mitte des Wortes prangt die Karte. Daneben sind die Namen der Städte Akkon, Jerusalem, Nazareth aufgelistet, also Städte im israelischen Kernland, die dem Aufruf nach „Verbindung“ zufolge ganz an einen Staat Palästina fallen sollen. Dabei handelt es sich um eine Forderung, die seitens der Fatah regelmäßig wiederholt wird. Auf Nachfragen nahm der Aussteller Sréter keinen Anstoß daran. Außerdem habe er nicht recherchiert, was auf seinen Graffiti-Fotografien stehe, so Sréter.

Bildausschnitt der Ausstellung: „Übe das Leben jetzt“ in München

„My land is from river to sea“
Möglicherweise kann Sréter kein Arabisch, aber an anderer Stelle führt der Künstler offenbar ganz bewusst die Besucherinnen und Besucher an der Nase herum. Auf einer Texttafel im Bereich ,,Musik“ wird der Sänger Mohammed Assaf als positives Vorbild angeführt: „Mit seiner Liedzeile ,The origin of dignity is is humanity‘ bekennt sich der palästinensische Sänger Mohammed Assaf (…) zum Grundanliegen aller Palästinenser, dass ihnen mit der Würde auch das Menschsein abgesprochen wird.“ Was Sréter in seinem Text aber unterschlägt: Das Lied zitierte Lied von Assaf geht wie folgt weiter:

,,The origin of dignity is humanity (…) Gaza calls / With the might of those hands / Throw your enemy with stones / And you‘ll stand in the face of death. (…) We shall sacrifice for its soil. (…) It’s either victory or martyrdom (…) Take my blood and give me Freedom. My land is from river to sea”.

Vor dem Hintergrund dieses Aufrufes zum Märtyrertod wäre diese Ausstellung besser mit „Übe den Tod jetzt“ überschrieben. Das von Assaf selbst verbreitete YouTube-Video zur Songzeile ,,The origin of dignity is humanity“ („Raise your head high“) ist ein sechsminütiger Aufruf zur Gewalt gegen Israel.

Nähe zur BDS-Kampagne
Die Ausstellung „Übe das Leben jetzt“ wurde zweimal in München und einmal in Passau von der grünen Petra-Kelly-Stiftung unterstützt, die auch für die viel kritisierte BDS-Veranstaltung im Vorjahr mitverantwortlich ist. Zudem wurde der Bildband zur Ausstellung vom Österreichischen Hospiz der Heiligen Familie in Jerusalem herausgegeben – was im Trend des wiedererstarkenden christlich motivierten Antisemitismus liegt. (1, 2, 3)

Von Berührungsängsten mit der BDS-Bewegung zeigt sich Sréter ohnehin nicht geplagt. So hielt die Eröffnungsrede zu der Fotoausstellung ,,Übe das Leben jetzt“ im Mai 2015 in Düsseldorf der BDS-Aktivist Martin Breidert von der ,,Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft NRW Süd“. Im Januar 2016 machte die Gruppe in Bonn durch eine Aktion selbsternannter BDS-Inspekteure von sich Reden, die das Sortiment der Galeria Kaufhof nach israelischen Produkten durchsuchten und u.a. mit dem Namen von Martin Breidert unterschriebene Handzettel verteilten.

Die subtile Dämonisierung
Sréter kündigt eine weitere Ausstellung zum Thema „Gaza“ an. Ob die Stadt München auch die kommende Ausstellung unterstützen könnte? Das gilt als wahrscheinlich. Viel eindeutiger als die aktuelle Ausstellung Sréters kann eine Gaza-Ausstellung gar nicht werden. Die Parole: „Israel von der Karte streichen – Palästina muss von Meer bis Jordan reichen“ wird in der Ausstellung „Übe das Leben jetzt“ bereits deutlich genug zum Ausdruck gebracht. Ganz künstlerisch versteht sich. Hauptproblem dieser an einzelnen Ausstellungsobjekten skandalisierbaren Veranstaltung – in der Israel offensiv delegitimiert und Kriegstreiber geehrt werden – ist aber die subtile Delegitimierung Israels, die sich wie ein roter Faden durch die Ausstellung zieht. Nähme man die angesprochenen Ausstellungsobjekte heraus, würde überhaupt nichts besser.

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Radio Works February 20, 2016 | 07:27 pm

Da ich gerade den größten Teil meiner Lebenszeit in einem freien Radio verbringe und da auf diesem Blog ohnehin zur Zeit nicht mehr so viel passiert, möchte ich an dieser Stelle einige meiner Radio-Produktionen des letzten halben Jahrs dokumentieren. Es handelt sich größtenteils (aber nicht nur) um Interviews, wobei ich eine Auswahl der m.E. hörenswertesten Sachen ausgewählt habe (d.h., sie sind eher zeitlos, weniger tagesaktuell). Es gibt dazu jeweils eine kurze Einleitung, die meistens schon auf die erste Antwort des Interviewpartners hinführt, sodass sich der geneigte Leser die Sachen aussuchen kann, die ihm selbst am interessantesten erscheinen. Außerdem habe ich jeweils weiterführende Links hinzugefügt. Weitere Interviews und Beiträge von Radio Corax finden sich auf der Austauschplattform der freien Radios unter freie-radios.net. Ich denke, ich werde diesen Blog in nächster Zeit mal wieder öfter bestücken – wenn es die Zeit zwischen Radiomachen und sonstigem Leben zulässt.

Ungefragte Arbeitskräfte

Am 17. September 2015 fand in Berlin eine Veranstaltung der Redaktion der Zeitschrift Kosmoprolet statt, in der es um „Ungefragte Arbeitskräfte“, genauer: um das Surplus-Proletariat im Spätkapitalismus ging. Über den Inhalt des Vortrags habe ich ein Interview mit Felix von den Freundinnen und Freunden der Klassenlosen Gesellschaft geführt, eine Berliner Gruppe, die diese Veranstaltung organisiert hatte. Die Veranstaltung bezieht sich auf zwei Texte, die im Kosmoprolet erschienen sind und ich habe Felix zunächst gefragt um was für eine Zeitschrift es sich dabei handelt.

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William Morris – Romantik und Revolution

Unter dem Titel „Utopie und Revolution“ lud das Bildungskollektiv im Herbst 2015 zu einer vierteiligen Veranstaltungsreihe, in der es um verschiedene Aspekte utopischen Denkens und revolutionärer Bewegungen ging. Am 15. Oktober begann diese Veranstaltungsreihe in der Offenen Arbeit Erfurt mit einem Vortrag über den englischen Schriftsteller und Sozialisten William Morris. Ich habe mit Sebastian vom Bildungskollektiv über die Veranstaltungsreihe und über den Auftakt-Vortrag gesprochen. Zunächst hat er erzählt, womit sich das Bildungskollektiv in dieser Veranstaltungsreihe auseinandergesetzt hat.

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Magnon und Venus in Ruhrstadt

Im zweiten Teil dieser Veranstaltungsreihe hat Clemens Bach in der [L50] einen Vortrag gehalten. Dieser Vortrag trug den Titel „Magnon und Venus in Ruhrstadt“ und er hat in diesem Vortrag drei aktuelle Science-Fiction-Romane vorgestellt und dazu verschiedene Thesen zur Diskussion gestellt. Ich habe Clemens Bach zunächst nach dem Stand der Utopie in der Literatur gefragt.

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Mit ökologischen Utopien gegen „Realsozialismus“ und Kapitalismus

Ebenfalls im Rahmen dieser Reihe hat Alexander Amberger (Helle Panke Berlin) einen Vortrag halten, in dem es um drei DDR-Dissidenten ging, die die Umwelt-Politik der DDR auf marxistischer Grundlage kritisierten und die der DDR auf verschiedene Weise utopische Modelle entgegensetzten: Rudolf Bahro, Wolfgang Harich und Robert Havemann. Über die Vorstellungen dieser drei Dissidenten und über die Widersprüche und die Aktualität ihrer Ideen habe ich mit Alexander Amberger gesprochen. Zunächst haben ich ihn gefragt, wie es in der DDR denn mit der Umwelt-Politik ausgesehen hat.

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Nationalstaatlichkeit und Migrationskontrolle vs. Globale Bewegungsfreiheit

Die Diskussionen um die aktuellen Fluchtbewegungen sind derzeit in allen Medien present. Und auch hier bei Radio Corax verfolgen wir die tagespolitischen Diskussionen rund um das Thema Flucht und Migration und versuchen hierbei Einblicke zu gewinnen und gesellschaftskritische Perspektiven zu beleuchten. Wenn es um tagespolitische Debatten und Entscheidungen geht, ist es oft schwierig, das gesellschaftliche Ganze und seine Strukturen im Blick zu behalten. So auch beim Thema Flucht und Migration. Die Unterstützung von Flüchtlingen und die Abwehr einer restriktiven Flüchtlingspolitik lassen oft keine Zeit, nach den strukturellen Ursachen von Flucht auf der einen Seite und der gesellschaftlichen Grundlage von Migrationsregimen auf der anderen Seite zu fragen. Genau darüber haben wir mit Fabian Georgi gesprochen. Fabian Georgi arbeitet am politikwissenschaftlichen Institut der Uni Marburg und forscht über internationale Migrationspolitik und Migrationskontrollen in historischer und theoretischer Perspektive. Ich habe ihn zunächst gefragt, wie sich die europäische Migrationspolitik in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Ein ausführlicher Vortrag zum Thema von Fabian Georgi kann hier nachgehört werden.

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These boots were made for walking – Klassenkämpfe in China

China hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer der exportstärksten Staaten entwickelt und die deutsche Regierung bemüht sich um Wirtschaftsverträge mit diesem Exportriesen. Wenn von Exporten und von millionenschweren Wirtschaftsverträgen die Rede ist, dann gibt es davon immer auch eine andere Seite – nämlich die Seite derjenigen, die für die Exportindustrie buckeln müssen. Deshalb wollte ich einmal genauer schauen, welche Klassenauseinandersetzungen und Arbeitskämpfe eigentlich in China geführt werden. Dafür haben ich mit einem Redakteur der Zeitschrift „Wildcat“ gesprochen – diese Zeitschrift verfolgt sehr akribisch Streikbewegungen und Arbeitskämpfe auf der ganzen Welt. In der Ausgabe No.98 dieser Zeitschrift, gab es einen Themenschwerpunkt über die Zusammensetzung der Weltarbeiterklasse – und in diesem Rahmen ist auch ein Text über Arbeitskämpfe in China erschienen. Darüber habe ich mit Karl von der Wildcat gesprochen. Ich habe ihn zunächst gefragt, wie es zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe gekommen ist. Weiterführende Texte im China-Dossier der Wildcat.

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40 Jahre Beendigung des PREC (Portugiesische Revolution)

Am 25.11.1975 folgten in Portugal zwei Putsche aufeinander, wobei sich der sozialdemokratische General Ramalho Eanes durchsetzte und in Portugal die Weichen hin zur westlich orientierten Demokratie gestellt wurden. Damit waren der heiße Sommer und der heiße Herbst beendet – und mit ihnen der Permanente Revolutionäre Prozess (PREC). Die „Nelkenrevolution“ gilt seither als Rettung der Demokratie vor dem Faschismus – die darüber hinausgehenden Tendenzen (Kollektivierungsbestrebungen in der Produktion, Landbesetzungen) werden im öffentlich-politischen Gedächtnis verschwiegen. Ich sprach mit Zwi von der Translib Leipzig, die anlässlich der vierzig-jährigen Beendigung des PREC drei Veranstaltungen ausrichtete. Mitschnitte und Materialien zur Veranstaltungsreihe finden sich hier.

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„Wenn nicht wir, wer dann?“ – Zur Kritik eines Manifests

Der Leiter der Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“, Philipp Ruch, hat kürzlich ein über 200 Seiten langes Manifest veröffentlicht. Wer das „Zentrum“ bisher für eine linke oder fortschrittliche Aktionsgruppe hielt, könnte bei der Lektüre dieses Buches nun einen anderen Eindruck bekommen. Es ist durchzogen von Anti-Modernismus, Gegenaufklärung und Genie-Kult. Ich habe über dieses Manifest mit dem Philosophen und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich gesprochen, der eine kritische Rezension über Philipp Ruchs Buch geschrieben hat. Zunächst habe ich ihn gefragt, was das Buch überhaupt intendiert und was es auszeichnet. Blog von Philipp Ruch.

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Die Wiedergutwerdung der Deutschen – über Eike Geisel

In den „Nachrichten aus dem beschädigten Leben“ habe ich den Journalisten und Essayisten Eike Geisel portraitiert, wozu ich mit Klaus Bittermann (Edition Tiamat) gesprochen und O-Töne aus einem Gespräch mit Eike Geisel verwendet habe. Kürzlich bei Edition Tiamat erschienen: Gesammelte Texte von Eike Geisel.

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Zur Besetzung des des Georg-von-Rauch-Hauses

Vor 44 Jahren – am 08.12.1971 – ist in Berlin-Kreuzberg das ehemalige Bethanien-Krankenhaus besetzt worden. Es war dies eine der ersten erfolgreichen Hausbesetzungen in West-Berlin. Über den Hintergrund der Besetzung habe ich mit Ringo gesprochen, der damals bei der Besetzung dabei gewesen ist. Ich habe ihn zunächst gefragt, warum das Bethanien von den Besetzern „Georg-von-Rauch-Haus“ genannt worden ist. Eine unbedingte Empfehlung: Die Dokumentation „Allein machen sie dich ein“ über das Rauchhaus von 1973.

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Der Bruch mit dem Bestehenden – Hintergründe zur Novemberrevolution

Vor 97 Jahren ereignete sich im Deutschen Reich die Novemberrevolution – ein Ereignis, das eigentlich viel mehr eine Reihe von Ereignissen ist, die sich vom Herbst 1918 bist in den Januar 1919 gezogen haben. Ausgehend von der Weigerung der Kieler Matrosen, noch einmal in die Seeschlacht zu ziehen, bildeten sich überall im Reich Arbeiter- und Soldatenräte. Über die Novemberrevolution habe ich mit Philipp Schweizer von den Falken Erfurt gesprochen. Zunächst habe ich ihn nach dem Auslöser der Novemberrevolution gefragt. Das Interview hat auch auf eine Veranstaltungsreihe der Erfurter Falken zum Thema verwiesen.

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Granaten in der Nationalversammlung

Auszüge aus dem Interview mit Philipp Schweizer habe ich dann noch einmal in den Nachrichten aus dem beschädigten Leben vom 14.12.2015 verwendet. Hier geht es dann um eine Erzählung von Ludwig Turek über eine geplante Aktion gegen die Weimarer Nationalversammlung, die ich schon einmal hier gespiegelt hatte.

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Vor 96 begann in Berlin der „Spartakus-Aufstand“

Der 5. Januar ist ein besonderes Datum für die deutsche Geschichte und für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: Vor 96 Jahren, am 05. Januar 1919, fand in Berlin eine Arbeiter-Demonstration statt und von dieser Demonstration ausgehend haben dann bewaffnete Arbeiter die Druckereien der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“ und des Berliner Tageblatts besetzt. Weiterhin sind an diesem Tag mehrere Verlagsgebäude in Berlin besetzt worden. Diese Besetzung des Berliner Zeitungsviertels war der Beginn des sogenannten „Spartakus-Aufstands“. Ich habe mit Frederik Schwieger von den Falken Erfurt über die Januar-Kämpfe von 1919 in Berlin gesprochen. Ich habe Fred zunächst gefragt, wie die Novemberrevolution in die Januar-Kämpfe gemündet ist. Der gesamte Sendeblock zum Spartakusaufstand, der neben dem Interview mit Frederik Schwieger auch einen O-Ton von Alfred Sohn-Rethel und einen Auszug aus einem Vortrag von Seb Bronsky enthält, kann hier heruntergeladen werden.

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Der Umbruch 1989 – Revolution, Implosion oder Konterrevolution? – ein Gespräch mit Renate Hürtgen

Diejenigen, die in der Wendezeit 1989 / 1990 dabei gewesen sind, haben heute ein sehr ambivalentes Verhältnis zu diesem Begriff – „Wende“. Während die offizielle Geschichtsschreibung von der Wende und der Friedlichen Revolution spricht, haben viele Mensschen die Zeit ganz anders erlebt. So existieren auch Begriffe wie Konterrevolution oder Implusion, Umbruch oder einfach nur „89″. Ob die Wende nun eine Revolution gewesen ist, eine Implosion oder eine Konterrevolution – und wer über diese Frage entscheidet, darüber haben ich mich mit der Historikerin Renate Hürtgen unterhalten. Das Interview verwies auf eine Veranstaltungsreihe der Leipziger Marx Expedition.

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Die MEGA-Edition geht online

Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.

Diese drei Sätze stammen aus einem Dokument, das den sogenannten „Historischen Materialismus“ begründet hat – eine Schrift, die da heißt „Die deutsche Ideologie“ und die aufgeschrieben worden ist von Karl Marx und in Teilen von Friedrich Engels. Allerdings ist diese Schrift niemals vollendet worden – in ihrer ursprünglichen Form ist sie lediglich ein Konvolut von Manuskripten gewesen. In Buch-Form liegt diese Schrift als dritter Band der Blauen Bände vor – der Marx-Engels-Werke. Allerdings wurde dieser dritte MEW-Band, wie die Blauen Bände überhaupt, editiert vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED – und war daher auch editorisch eingebettet in die Ideologie des Marxismus-Lenismus. Und inwiefern hier an den Manuskripten willkürliche Änderungen, Vereindeutungen und Umschreibungen vorgenommen worden sind – das lässt sich für einen unbedarften Leser kaum nachvollziehen. Ein Projekt, das sich um eine authentische Herausgabe der Original-Schriften von Marx und Engels, auch der Deutschen Ideologie, bemüht, ist das MEGA-Projekt – die Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe. Die MEGA bemüht sich um eine historisch-kritische Ausgabe aller Schriften von Marx und Engels und will die Entstehung der marx’schen und engel’schen Texte nachvollziehbar machen – und angesichts des überaus großen Nachlasses von Marx und Engels kann man wohl sagen, dass es sich bei der MEGA um ein editorisches Großprojekt handelt. Wie an einem solchen wissenschaftlich-philologischen Großprojekt gearbeitet wird – das ist sicher nicht nur für eingefleischte Marxisten interessant. Ich habe mit Gerald Hubmann gesprochen, der die Arbeit an der MEGA an der Akademie der Wissenschaften in Berlin leitet. Ich wollte herausfinden, was es bedeutet, über zweihundert Jahre alte Texte historisch-kritisch zu erschließen und zu editieren. Dabei habe ich Gerald Hubmann zunächst gefragt, worin eigentlich der Unterschied zwischen den Blauen Bänden der Marx-Engels-Werke und der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe besteht. Links zum Thema: Artikel zur Geschichte der MEGA-Edition | Artikel zum Online-Projekt | Internetpräsenz der MEGA.

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Zur Psychologie des Islamischen Staates

Es gibt ein Thema, das – selbstkritisch eingestanden – bei Radio Corax kaum vorkommt: Die Kritik des politischen Islams – die kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie und der Praxis des islamistischen Terrors, aus einer emanzipatorischen Perspektive. Dass der Islamismus in seiner politischen Form emanzipatorischen Bestrebungen entgegensteht, das mag in zahlreichen linken Debatten vorausgesetzt sein – aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Islamismus bleibt dann doch oftmals aus. Das ist der Grund, warum ich mir dieses Thema einmal etwas ausführlicher vorgenommen haben. Felix Riedel, der unter anderem als Ethnologe an der Universität in Kassel lehrt und einen Blog betreibt, hat im letzten Jahr in Leipzig und in Berlin einen Vortrag gehalten, der sich mit der „Psychologie des Islamischen Staats“ auseinandergesetzt hat. Dieses Thema ist mehr als aktuell – letzten November gab es in Paris einen verheerenden Anschlag des Islamischen Staats und der Islamische Staat übt nach wie vor die Herrschaft über Gebiete in Syrien und im Irak aus. Über den Islamischen Staat haben ich mit Felix Riedel gesprochen und ich habe ihn zunächst danach gefragt, wie der Islamische Staat innerhalb der verschiedenen islamistischen Strömungen einzuordnen ist.

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Avantgarde – von den dadaistischen Anfängen bis zu Dada

Das Cabaret Voltaire in Zürich, das als Geburtsort des Dadaismus gilt, wurde am 5. Februar 1916 gegründet. Eine Annäherung an Dada habe ich mit Alexander Emanuely aus Wien unternommen. Der hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem es unter anderem auch um den Dadaismus geht. Dieses Buch trägt den Titel „Avantgarde – von den anarchistischen Anfängen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit“. Worum es in diesem Buch geht, darüber habe ich mit Alexander Emanuely gesprochen. Ich habe ihn zunächst gefragt, was der Begriff „Avantgarde“ eigentlich bezeichnet. Eine Rezension zu Emanuelys Buch und weiterführende Texte finden sich hier.

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100 Jahre Dada – ein Kommentar

Eine Antwort von Alexander Emanuely habe ich dann noch einmal in einem eigenen Kommentar zu 100 Jahren Dada verwendet:

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Die europäische Dimension des Rechtsextremismus

Am 6. Februar 2015 hat die Pegida-Bewegung mit einem europa-weiten Aktionstag aufmerksam auf sich gemacht – ein Aktionstag der unter dem Titel „Festung Europa“ stand und in dessen Rahmen unter anderem in Tschechien, in Polen, in Frankreich, in Dänemark, in Großbrittannien und in Irland fremdenfeindliche Kundgebungen und Demonstrationen stattgefunden haben. Dass sich Rechte und extreme Rechte europaweit vernetzen, das ist sicherlich nicht neu – aber wer Pegida bisher als ein auf Deutschland beschränktes Problem wahrgenommen hat, der wurde hier eines besseren belehrt und es ist vielleicht sinnvoll, sich gerade jetzt noch einmal ausführlicher mit der extremen Rechten in Europa auseinanderzusetzen. Ich habe darüber mit Andreas Peham gesprochen, der schon vor einigen Jahren ein Buch über die extreme Rechte in Europa gesprochen hat. Ich habe ihn zunächst gefragt, inwiefern das Problem des Rechtsextremismus schon immer eine europäische Dimension gehabt hat. Andreas Peham lebt in Wien und arbeitet im Dokumentationsarchiv des östterreichischen Widerstands.

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Vergiftete Schokolade

Und zuguterletzt ein Feature, das ich im letzten Jahr gemeinsam mit Götz Rubisch im Rahmen des Werkleitz-Festivals produziert habe. Es ist gewissermaßen eine militante Untersuchung über das Verhältnis zwischen Werken und Rezipienten postmoderner Kunst.

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Die syrische Katastrophe – einige Anmerkungen zur kursierenden Dolchstoßlegende February 18, 2016 | 09:04 pm


Die syrische Katastrophe ist unlängst um den türkischen Südosten erweitert. Cizre und Sur, das historische Diyarbakır, sind kaum noch zu unterscheiden von Halep und Homs. Eine Straße wird nach der anderen geschlachtet, wer ausharrt und nicht flüchtet als potenzieller Terrorist markiert. Systematisch wird Reizgas in die Gemäuer geschossen, in denen die Eingeschlossenen ausharren. Während auf den zerschossenen Fassaden in den eingeschlossenen Distrikten der Schlachtruf der türkischen Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen prangt, Ermeni Piçleri: „Armenische Bastarde“, salutiert die Konterguerilla mit Wolfsgruß in der schwerbeschädigten St. Giragos Kathedrale in Diyarbakır.

Die türkische Katastrophe ist längst um Syrien erweitert. In den turkmenischen Brigaden im nordwestlichen Syrien, der Bergregion Bayır Bucak, propagieren Graue Wölfe die völkische Erweckung eines Großturkistans. Als jüngst ein Parteifunktionär der panturanistischen Milliyetçi Hareket Partisi (MHP) aus dem Istanbuler Distrikt Fatih in der syrischen Hölle zum Märtyrer wurde, trugen ihn Parteikameraden als Şehit Tuğtekin, als Wiedergeburt des Atabeg von Damaskus aus dem Jahr 1104, zu Grabe. Ahmet Mahmut Ünlü, der berüchtigte Imam des fundamentalistischen İsmail Ağa Cemaat, sprach das Totengebet, während Graue Wölfe ihr Haupt senkten. Unter den Betenden auch Alparslan Çelik aus dem östlichen Elazığ, der sich damit brüstet, einen der russischen Piloten der abgeschossenen Sukhoi ermordet zu haben.

In Syrien brechen die imperialen Ideologien, die diese Region systematisch hervorbringt, ungehemmt durch. Die imperiale Aggression hüllt sich in Unschuld und wähnt sich als ständiges Opfer imperialistischer Verschwörung, bevor sie zur Verfolgung der Anderen schreitet. Was diese Despotien – allen voran der klerikalfaschistisch-militaristische Iran und die Türkei unter den Muslimbrüdern - eint, ist die etatistische Erziehung zur Unmündigkeit und einer alles durchdringenden Paranoia. Der Reflex, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige anderswoher zu exorzieren, wird eingeprügelt mit der Drohung, selbst als Äußeres markiert zu werden.*

Die US-Amerikaner, jahrzehntelang in der Funktion des militanten Souveräns des Wertgesetzes, haben wie die Europäer die Organisierung der militanten Opposition gegen das Regime Bashar al-Assads den türkischen Muslimbrüdern sowie Qatar und der saudischen Despotie anvertraut, ganz so wie sie in diesen Tagen dem klerikalfaschistischen Iran den Todesstoß derselbigen überlassen. In der syrischen Hölle, wo das Aushungern eine zentrale Strategie des Regimes ist und Menschen über Jahre auf wenigen Quadratkilometern eingeschlossen bleiben, entscheidet über Loyalität und Rekrutierung als erstes ein funktionierendes Distributionssystem in den eingeschlossenen Distrikten. Wer die Mehlmühlen und Brotstuben kontrolliert, erzwingt Hörigkeit. Folglich werden sie von dem Regime Bashar al-Assads systematisch bombardiert, auf der ständigen Verknappung des Gröbsten gründet die Macht des militärisch-humanistischen Komplexes türkischer Muslimbrüder. Pseudo-NGOs wie die İHH und İmkander, beide aus dem Istanbuler Distrikt Fatih, fungieren als logistische Schneise der Muslimbrüder zur Front. Die İHH, aus dem Milieu der antilaizistischen Bewegung in den Staat: Millî Görüş, pflegt intime Kontakte zur AK Parti Erdoğans, sie wirbt beidseitig im Bordmagazin der staatseigenen Turkish Airlines. An türkischen Universitäten häufen sich dagegen die Konfrontationen, wenn islamistische Fundraising-Organisationen Werbestände aufmachen.

An allen Tagen findet sich in Istanbul, Gaziantep oder anderswo ein Benefizabend für den syrischen Jihad. Mit dem Tugenddiktat „Treue zu den Märtyrern“ ruft İmkander zum Gedächtnisabend, das Plakat hierzu wirbt mit dem spirituellen Haupt der Hamas Ahmed Yasin, dem Emir des Kaukasus-Emirats Dokka Umarov, dem Mentor Osamas Abdullah Azzam. In Gaziantep unterhielt İmkander ein eigenes Charité für jene, die in Syrien am Märtyrertod vorbeigeschrammt sind. In allen Ehren halten die türkischen Muslimbrüder den kaukasischen Jihad, sie verehren Şamil Basayev, den Blutsäufer von Beslan, und machen Beerdigungen tschetschenischer Jihadisten im Istanbuler Distrikt Fatih zu Aufmärschen gegen den „Şeytan“ Putin. Die honorige İHH gedenkt in diesen Tagen auf Twitter und anderswo Ibn al-Chattab „Komutan Hattab“, ein saudischer Reisender tscherkessischer Abstammung und Weggefährte Osamas, der in Afghanistan, Tadschikistan und im Kaukasus dem Jihad gedient hat. Von ihm kursierten in den 1990er Jahren Snuffmovies, in denen er Feinden des Emirats die Hälse durchschneidet.

Es ist nicht der „Islamische Staat“, dem der türkische Benefiz vorrangig gilt. Es ist ein Milieu irgendwo zwischen den Muslimbrüdern und der traditionellen al-Qaida, in dem auch panturkistische Heilsversprechen keimen. In der Grenzprovinz Idlib ist es die Jaysh al-Fatah, eine Militärallianz von Jabhat al-Nusra und Ahrar al-Sham, die auf die türkische Flanke vertraut. In Latakia panturkistische Brigaden mit Volontärs aus dem völkischen Milieu der Grauen Wölfe. Im strategisch sensiblen Distrikt Azaz an der syrisch-türkischen Grenze verlor die protürkische Jabhat al-Sham, die Levante Front, in den vergangenen Tagen Tel Rifat an die YPG, die de-facto-Armee Syrisch-Kurdistans, sowie an die mit ihr verbrüderten multiethnischen Jaysh al-Thuwar. Die Militärkoalition Jabhat al-Sham besteht vor allem aus der Islamischen Front, der saudisch-hörigen Asala wa-al Tanmiya und der quietistisch-salafistischen Harakat Nour al-Din al-Zenki. Im Spätherbst 2013 haben diese, mit der syrischen al-Qaida, die Institutionen der syrischen Exil-Opposition als illegitim und „konspirative Unternehmung“ denunziert und die Sharia, die Despotie des religiösen Gesetzes, als einzig legitimes Fundament des Staatswesens behauptet.

"Vereint für die Etablierung des Islamischen Staates", Graffiti in Tel Rifat (ANHA)

Die Konstellationen des kaukasischen Jihads aus den 1990ern ähneln grob denen in Syrien. Die Bösartigkeit jener, die den Syrern die Sharia aufzwingen, trifft auf die Gnadenlosigkeit einer militaristischen Despotie, die mit ihrer Strategie der Teppichbombardements Bashar al-Assad als ihren syrischen Kadyrow stabilisiert. Sie ähneln aber noch mehr der irakischen Katastrophe. Die islamisierte Opposition funktioniert nach derselben Logik einer konfessionalistischen Eskalation, die der khomeinistische Iran im Irak verfolgt.

Es ist nicht der „Islamische Staat“ aka Daʿish, dem die russische Aggression vorrangig gilt. Es ist aber gelogen, jene sunnitischen Jihadisten, die in diesen Tagen Aleppo verlieren, unter einen anderen Namen zu rufen. Und es ist bösartig, jene, die von diesen Jihadisten bis aufs Äußerste bedrängt werden, eines Dolchstoßes an der syrischen Opposition zu beschuldigen. Die Levante Front hat noch im vergangenen Jahr begonnen, das kurdische Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo auszuhungern. Ihre Artillerie schießt blind unter dem Mordgebrüll „Allahu Akbar“ in die Enklave der Ungläubigen. Ahrar al-Sham, als stärkster Teil der Islamischen Front vorherrschend in dieser Militärkoalition, bedrängt mit der syrischen al-Qaida, Jabhat al-Nusra, den eingeschlossenen Kanton Syrisch-Kurdistans Afrin. Die Fatah Halab, die wesentliche Operationszentrale in Aleppo, denunzierte die YPG längst vor dem territorialen Einbruch der islamisierten Opposition als „Ungläubige“ und „Feinde der Religion“.**

Brigadistinnen der YPG/YPJ mit der arabischen Stammesmiliz Jaysh al-Sanadid (QSD Press Office) 

Gegen die YPG wird mitunter moralisiert als hätte man dem Mythos von Rojava als revolutionäre Kommune blind geglaubt. Natürlich ist es kühles Kalkül, den russischen Bombardements zu folgen, daraus aber das Gründungsmoment einer Dolchstoßlegende zu machen, nach der eine demokratische Opposition, die unter den Militanten in Aleppo längst nicht mehr existiert, von der YPG aufgerieben werde, ist ein rhetorisches Anschmiegen an Erdoğans Bemühen, die Region zwischen Azaz und Cerablus unter islamistischer Kontrolle zu halten. Der deutschsprachige Analyseblog bikoret khatira hat als einer der wenigen erkannt, dass der Vorstoß der YPG von Afrin aus nach Osten weniger der islamistischen Levante Front gilt als dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah. Diese stieß in den vergangenen Tagen massiv im Distrikt Azaz vor und droht die gleichnamige türkisch-syrische Grenzstadt einzunehmen. Ein von der Hezbollah kontrolliertes Azaz würde Afrin auf Dauer vom östlichen Syrisch-Kurdistan abschneiden, eine direkte Konfrontation mit dem Iran und seinen Satelliten dagegen wäre selbstmörderisch. Wie es aussieht, liegt darin der jüngste Vorstoß der YPG begründet. In diesem Moment nähert sich die YPG unter dem Donnern der türkischen Artillerie Dabiq, knapp 20 Kilometer von Tel Rifat, beherrscht vom „Islamischen Staat“. Einem apokalyptischen Hadith zufolge werden in Dabiq – das Fanzine der jihadistischen Genozideure ist hiernach benannt - die Armeen der Muslime am Ende der Menschheit mit den Feinden der Religion konfrontiert.

Währenddessen beschuldigt das Regime Assads die YPG, eine Passage für militante Oppositionelle von Idlib durch Afrin ins nördliche Aleppo aufgemacht zu haben. Quwwat Suriya al-Dimuqratiya (QSD), die Militärkoalition der YPG mit arabischen, turkmenischen und assyrisch-christlichen Verbänden, zufolge hätten sich ihr in Tel Rifat Brigaden der aufgeriebenen FSA angeschlossen. Ende Januar schlug die berüchtigte Spezialität Bashar al-Assads, explorierender Stahlschrott, auch in Sheikh Maqsood im nördlichen Aleppo ein. Es wird womöglich die Drohung sein, dass zwischen einer direkten Kornfrontion allein Russen und US-Amerikaner stehen. Anders als deutsche Politiker, die bei dem Iran einzig an Stabilität, Kulturdialog und Konjunkturhoch für die Kranindustrie denken, hat die Partiya Yekitîya Demokrat, die Initiatorin der YPG, wieder und wieder den Iran als Hauptaggressor neben der türkischen Despotie genannt. Wo die militanten Sidekicks der Muslimbrüder und die salafistisch-jihadistischen Bataillone aufgerieben werden, stößt nicht eine irgendwie noch multikonfessionelle Armee Syriens vor, es ist die Internationale der Ayatollahs, koordiniert durch Hezbollah und Qods-Pasdaran. Sie sind die Komplementäre zur Islamischen Front, nicht ihre Opposition. Der entscheidende Unterschied zwischen ihnen liegt darin, dass die khomeinistische Despotie als das akzeptiert ist, was den salafistisch-jihadistischen Emiraten und Pseudokalifaten ohne Hermes-Kredite und europäischem Kulturdialog verweigert wird: die Akzeptanz als Stabilitätsgarant, als Komplize.

Das Gerücht über den Dolchstoß verschleiert die eigentliche Katastrophe: die Säkularen Syriens sind vom ersten Tag mit den aggressivsten Feinden von Aufklärung und Mündigkeit alleingelassen. Während die türkische Staatsfront die syrische Katastrophe um den eigenen Südosten erweitert und inzwischen selbst mit schwerer Artillerie der Jabhat al-Nusra, Ahrar al-Sham und indirekt auch Daʿish (indem sie den Vorstoß der YPG auf Cerablus blockt) beikommt, finanzieren die Deutschen die türkische Kollaboration mit der syrischen al-Qaida zur Repatriierung Geflüchteter. Und während die iranischen Qods-Pasdaran vorankommen, Syrien als „35ste Provinz“ des Irans (Mullah Mehdi Taeb) einzunehmen, sind sich die Deutschen einzig noch über Vertragsklauseln bei der technologischen Modernisierung der khomeinistischen Despotie und über das perfekte Timing der Einladung von Hasan Ruhani als Staatsgast uneins. Wenn deutsche Politiker und andere am Iran Interessierte heute noch über die dezidiert säkulare Revolte aus dem Jahr 2009 sprechen, dann mit dem Unbehagen, dass eine solche die Grabesruhe irgendwann wieder stören könnte.

* Die khomeinistische Despotie im Iran etwa verfolgt in der religiösen Minorität der Bahá'í eine solche halluzinierte Inkarnation des Dolchstoßes. Nach der „Islamischen Revolution“ wurde mit über 200 Hinrichtungen die Organisationsstruktur der Bahá'í gänzlich gesprengt, über 10.000 Menschen zwang es ins Exil. In der Teheraner Metro und anderswo klären, wie im vergangenen Jahr, großflächige Plakate über die Bahá'í auf. Sie seien „Spione und Agenten imperialistischer Mächte“ und „propagieren Unmoral“. Wieder und wieder wurden Bahá'í als Apostaten hingerichtet; Verhaftungen von Oppositionellen werden weiterhin damit begründet, dass die Verdächtigten im konspirativen Kontakt zu Bahá'í gestanden hätten.

** In der Fatah Halab koordinieren Jabhat al-Sham, einschließlich: Ahrar al-Sham und Jaysh al-Islam, mit den salafistisch-jihadistischen Fajr al-Khilafah Bataillonen sowie sunnitisch-konservativen, vorübergehend US-amerikanisch finanzierten Brigaden wie Liwa Fursan al-Haqq ihre Militäraktionen. 

Flugblatt: Faszination Klerikalfaschismus February 18, 2016 | 08:00 pm

Das Flugblatt wurde bei der Veranstaltung unter dem Titel »Unterwegs auf der ‚Achse des Bösen‘ – Gesichter des Iran«, zu der das Gemeindehaus St. Norbert in Halle geladen hatte, verteilt. Laut Ankündigungstext wollten die Vortragenden „versuchen einen eigenen, persönlichen Blick … Weiterlesen

Anita-Augspurg-Preis für BDS-Organisation? February 17, 2016 | 11:14 pm

Am gestrigen Mittwoch diskutierte der Münchner Stadtrat die Vergabe des Anita-Augspurg-Preises. Favorit ist die Internationale Frauenliga für Frieden und Freiheit (IFFF). Frappant: Die Frauenorganisation ruft zum Boykott israelischer Waren auf und sieht sich als Teil der BDS-Bewegung. Auch die Frauenrechtlerin Augspurg (1857) hatte eine kaum bekannte antisemitische Schlagseite.

Bürgerlicher Frauenstimmrechtskongress 1912 in München. Mittig in Weiß: Anita Augspurg

Eine Frauenrechtsorganisation hat gute Gründe, über den Nahen Osten zu sprechen. Der staatliche Tugendterror gegen Frauen im Iran, die übergriffige Situation in Ägypten, die antifeministischen Verschärfungen in der Türkei – es gäbe viele Themen. Und an Kriegstreibern mangelt es in der Region nicht. Doch wer auf der offiziellen Seite der „Frauenliga für Frieden und Freiheit“ auf den Link „Nahostkonflikt“ klickt, findet dort ausschließlich wortgewaltige Verurteilungen und Dämonisierungen des jüdischen Staates. Unter anderem macht die Münchner IFFF-Aktivistin Heidi Meinzolt ihrem Ärger Luft und fordert eine Ende der „internationalen Rücksichtnahme auf die schwierige Situation des Staates Israel“, da Israel eine „Vernichtungsmaschine“ in Gang setze.

Nachdem heute im Stadtrat kritische Stimmen laut wurden, reichte der Ausschuss den Fall Anita-Augspurg-Preis an den Ältestenrat weiter. Voraussichtlich wird die nächste Vollversammlung des Stadtrates darüber befinden, ob die Frauenrechtsoganisation würdig ist. Eine Zustimmung gilt als wahrscheinlich. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) versprach nach einer BDS-Veranstaltung im Gasteig letzten Jahres, dass es künftig „keine städtische Unterstützung mehr für solche Veranstaltungen“ gebe. Deshalb wäre es erstaunlich, wenn sich die Stadt für die Auszeichnung einer BDS-nahen Gruppierung entscheidet.

IFFF ist Teil der BDS-Bewegung
Die Frauenrechtsorganisation hat sich 2010 laut einer vom Dachverband (WILPF) gefassten Resolution der antiisraelischen BDS-Kampagne angeschlossen. Ziel der Kampagne ist die wirtschaftliche Isolation Israels. In der 2010 beschlossenen Resolution (1) heißt es:

„WILPF stimmt überein darin, die BDS-Bewegung gegen Israel zu unterstützen und fordert die Sektionen auf, Informationen zu verbreiten mit Listen der zu boykottierenden Firmen. WILPF ruft alle ihre Sektionen dazu auf, ihre Regierungen zu ermutigen, jeglichen Handel mit Israel als Teil dieser Bewegung zu beenden.“

In einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel und Westerwelle bekräftigte die Vorsitzende der Deutschen Sektion (IFFF), Irmgard Heilberger, dass die IFFF den Boykott israelischer Waren auch auf dem europäischen Markt durchsetzen wolle. Die Dachorganisation forderte auch 2011 die Gliederungen laut einer Resolution Resolution dazu auf, die „starke Unterstützung der BDS-Kampagne“ weiterzuführen.

In Frankreich wurde die BDS-Bewegung bereits gerichtlich sanktioniert, da sie zu Hass und Diskriminierung aufstachle. Auch England kündigt Schritte gegen den Boykott israelischer Waren an.

Der Augspurg antijüdischer Taschenspielertrick
Eine Auszeichnung der IFFF dürfte der Frauenrechtlerin Antia Augspurg allerdings gefallen haben – nicht nur, weil sie zu den Gründerinnen der Frauenliga zählt. Zwar gab es ihrerzeit noch kein Israel, aber Jüdinnen und Juden, die unmittelbare Opfer des Ressentiments wurden. Augspurg tat sich in diesem Zusammenhang engagiert hervor, wie der „Verein zur Abwehr des Antisemitismus“ in seiner Titelstory im Dezember 1912 ausführt.

Beim Frauenstimmrechtskongress 1912 in München drückte Augspurg nämlich mit ihrer Lebensgefährtin Lida Gustava Heymann eine Resolution gegen das jüdische Ritual des Schächtens durch. Dabei ging Augsprug mit bemerkenswerter List vor. Das Wort „Schächten“ wurde bei der Konferenz weder verlesen, noch war in den ausgeteilten Texten von „Schächten“ die Rede. Es ging in der Resolution ganz allgemein um tierquälerisches „Schlachten“ – was einstimmig angenommen wurde. Dafür stimmten auch die teilnehmenden jüdischen Frauen. In der später veröffentlichten Version hatte Augspurg dann den doppelten Boden entfernt und das Wort „Schlachten“ durch „Schächten“ ersetzt, wodurch die Resolution einen offenen antijüdischen Dreh bekam.

Frauenstimmrecht und Altes Testament unvereinbar?
Nach zahlreichen Beschwerden und Austritten von jüdischen Frauen bekräftigte Augspurg ihre Haltung in einem Schreiben. Ihr ging es nämlich weder um tierquälerisches „Schlachten“ noch um „Schächten“, sondern um ein größeres Fass:

„Uns erscheint ein religiöses Empfinden bedauerlich, für das Grausamkeiten wie das Schächten ein integrierbarer Bestandteil sind. Übrigens stellen sich Jüdinnen, die das Frauenstimmrecht fordern, jedenfalls in einen ebenso starken Gegensatz zu den Vorschriften des Alten Testaments wie Menschen, die das Schächten bekämpfen.“ (Augspurg zitiert in: Abwehrhefte 12/1912)

Anita Augspurg (Teilzeitexpertin für Schächtfragen und das Alte Testament) erklärt einem Berichterstatter die Lage beim Frauenstimmrechtskongress 1912

Augspurg kassiert Rüge vom Verband für Frauenstimmrecht
Die Generalversammlung des „Bayerischen Vereins für Frauenstimmrecht“ distanzierte sich umgehend von Augspurg. Wäre anstatt „Schlachten“ „Schächten“ geschrieben worden, wäre das Ergebnis nicht einstimmig ausgefallen, so der Verband. Außerdem sei der von Augspurg und Heymann in München geleitete Frauenstimmrechtskongress keine offizielle Veranstaltung des Verbandes gewesen.

Das bestätigte auch der Vorstand des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht in einer Erklärung, nachdem er eine „lebhafte Beunruhigung jüdischer Mitglieder“ festgestellt habe. Der Verbandsvorstand betrachte „die Schächtfrage als außerhalb der Aufgaben unserer Organisation“, heißt es in der Erklärung. Wenige Monate später zieht sich Augspurg aus Strukturen des Frauenstimmrechtsverbandes – beispielsweise als Redakteurin des Vereinsorganes – zurück.

Antisemitischen Traditionslinien der Frauenbewegung beenden
Die Umwegkommunikation über das Schächten und die Umwegkommunikation über Israel unterscheiden sich zwar vom Gegenstand des Umweges, aber in der antisemitischen Motivation sicher nicht. Dass die Stadt München einer BDS-Unterstützer-Gruppe nun den Anita-Augspurg-Preis verleihen möchte, mag zwar dem damaligen Sinne der Namenspatronin nahe kommen, aber ist nicht im Sinne einer umfassenden Emanzipation. Gerade bei diesem Preis wäre eigentlich darauf zu achten, dass die problematische Traditionslinie von Augspurg und anderen gebrochen und nicht auch noch verlängert wird.

(1) Bis vor Kurzem war die Resolution noch auf der Seite der deutschen Sektion zu finden. Heute ist sie gelöscht, allerdings der Wortlaut auf einer anderen Seite erhalten.

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Der Tölva-T(r)ick. February 17, 2016 | 07:12 pm

»Vor allem von männlichen Antideutschen wurde und wird in sozialen Netzwerken wiederholt auf vermeintliche oder tatsächliche Sexismen muslimischer Männer hingewiesen und sich dann gegenseitig in Form von Likes und Shares auf die digitalen Schultern geklopft«, behauptete der Autor Jan Tölva in der linken Wochenzeitung Jungle World. Doch weder im Artikel, noch in der darauf folgenden Diskussion, hielt er es für nötig, auch nur einen Beweis für seine steile These anzuführen. So what! Stattdessen windet er sich auf Facebook in Ausflüchten: »Das Ganze spielte sich auch eher in sozialen Medien und in Form von Wortmeldungen von Einzelpersonen ab. Namen nennen kann und will ich da aber keine.«

Tölva, der in der Vergangenheit nicht durch fundierte Ideologiekritik aufgefallen ist, schielt wie alle Populisten auf den Applaus eines bestimmten Rackets, an einem Erkenntnisgewinn ist er nicht interessiert. Es ist hinlänglich bekannt, dass nach den sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht rassistische Kommentare – gerade im Cyberspace – massenhaft veröffentlicht und verbreitet wurden. Absurd wäre es anzunehmen, dass unter diesen Vollpfosten kein einziger sich als antideutsch definierender Einfaltspinsel gewesen ist. Aber der von Tölva ins Spiel gebrachte Topos des »männlichen Antideutschen« bleibt dabei genauso nebulös, wie die soziologischen Kriterien, die diesen erklären sollen.

Ohne Not diese Formulierung zu wählen, statt möglicherweise von »einigen antideutschen Armleuchtern« zu sprechen, soll suggerieren, dass »nicht-männliche Antideutsche« derartigen Kokolores niemals von sich geben würden. Wer bisher glaubte, selbst die absurdesten Vorwürfe gegenüber den Antideutschen aus dem EffEff zu kennen, der muss neidlos anerkennen, der T(r)ick, das äußerst beliebte Feindbild mit zur Hilfenahme eines solchen Kniffs zu denunzieren, erweist sich zumindest als äußerst innovativ. Doch ist er genauso unzutreffend, wie all die unzähligen Vorhaltungen zuvor.

Traumschiff Surprise

»So oder so bleibt der Beigeschmack, dass hier weiße, europäische Männer im Grunde wenig anderes tun, als sich gegenseitig zu versichern, sie seien viel fortschrittlicher und frauenfreundlicher als die zu einem monolithischen Block zusammengeschmolzenen Männer muslimischen Glaubens.« Jan Tölva, Jungle World 2/16

Projektionen sind tückisch, erweisen sich nur zu oft als Bumerang, weil sie das eigene geistige Panoptikum offenbaren. Den Habitus des Kritikers an »weißen, europäischen Männern« nimmt dem weißen, europäischen und männlichen Autor niemand ab. Fortschrittlich und frauenfreundlich sind in dieser Lesart ausschließlich diejenigen, die sich von den »männlichen Antideutschen« zunächst brav distanzieren. Das Spielchen der Zugehörigkeiten, Identitäten und Distinktionen kann beginnen. Surprise: Gewisse Teile der Leserschaft fühlten sich angesichts solcher Formulierungen gebauchpinselt, selbstverständlich klopfte man sich in diesen Kreisen »gegenseitig in Form von Likes und Shares auf die digitalen Schultern«. Say what? Mit Gesellschaftskritik hat das nichts zu tun, sondern mit der nicht nur in diesem Milieu üblichen Bestätigung der eigenen Ressentiments.

Zahlende Konsumenten wollen in ihrer täglichen Morgenlektüre lesen, was sie längst schon wissen. Sie erwarten die Bestätigung ihrer Identität. Passenderweise gibt es für jedes Töpfchen den optimalen Deckel: »Ausländer nehmen uns die Arbeitplätze weg«, »Männer sind Schweine« oder »die Banker an unserem Unglück schuld«. Jeder, der solche Vorurteile sein eigen nennt, hat die dementsprechende Hauspostille. Verbindendes Element ist die Verachtung des jeweils Anderen. Über den Horizont hinaus gehende Erkenntnisgewinne sind nicht erwünscht. Nur so bleibt das eigene Gedankengerüst stabil.


Die Kratzer in der Platte

»Während also ein Teil der queerfeministischen Szene weiterhin mit Antisemitismus kokettiert, geht solidarische Kritik auch insbesondere in ideologiekritischen Kreisen beinahe unter im immerwährenden Plätschern von Artikeln und Hinweisen auf das altbekannte islamische Frauenbild. Beispielhaft sind hier etwa die Behauptungen von »Islamexpertinnen« wie der ehemaligen Femen-Aktivistin Zana Ramadani, die im Interview mit der Welt die Frage, wie die »islamischen Werte« denn in die Männer reinkämen, wie folgt beantwortete: »Die Frauen haben die Werte, unter denen sie selbst oft gelitten haben, so verinnerlicht, dass sie sie sowohl an ihre Söhne als auch an ihre Töchter weitergeben.« Scheinbar unabhängig von der konkreten Debatte spielen ideologiekritische Islamkritiker ihre gewohnte Platte ab und bestätigen sich mal wieder in ihrer eigenen Identität, die sie in einer einseitigen, teilweise sexistischen Islamkritik ausleben. Wer Frauen, um ihrer selbst, jedoch gegen ihren Willen, das Kopftuch ausziehen möchte, aber auf kindisch-rebellische Art und Weise auf Begriffen wie »Hurensohn« besteht, hat vielleicht die Religionskritik formuliert, die man im hiesigen Queerfeminismus vermisst, blendet jedoch die real existierenden patriarchalen Verhältnisse aus.« Dora Streibl, Jungle World 4/16

Während-auch oder jedoch-aber-Sätze sind die absolute Krönung des ausgewogenen Sprechs. Das wissen alle Wohlmeinenden. Im ideologiekritischen Rhetorikseminar werden solche verbalen Missgeschicke als heiße Luft mit Stützrädern bezeichnet. So true! Die neue Mitte, eigentlich ein sozialdemokratisches Produkt des letzten Jahrhunderts, scheint im Rahmen des Retro-Trendes wohl wieder absolut angesagt zu sein. Wortklumpen wie »Hurensohn« waren allerdings niemals en vogue, noch werden sie es jemals sein. Zurück zum Gegenstand: Dora Streibl nutzt die hier zitierte Perle postmoderner Rhetorik, um einerseits klarzustellen, dass sie abgewogen, beinahe neutral, das Geschehen beurteilt und andererseits ist es der perfide Versuch, eine plausible Aussage, der von ihr durch Anführungszeichen herabgesetzten Islamkritikerin Zana Ramadani, völlig zusammenhangslos zu denunzieren.

Die Autorin konstruiert eine Kohärenz, die so nie existierte. Die meisten relevanten, »ideologiekritischen Islamkritiker« und antideutschen Gruppen veröffentlichten weder vorschnell irgendwelche Statements im Zusammenhang mit den Übergriffen in Köln zu Silvester, noch lebten sie massenhaft in den sozialen Medien ihre »einseitige sexistische Islamkritik« aus. Es herrschte vielmehr Schweigen im Walde. Die »gewohnte Platte« spulten dagegen die Kritiker »der Antideutschen« ab. Wie üblich ohne Substanz, »unabhängig von der konkreten Debatte«, statt dessen mit einem neuen Kniff. »Männliche Antideutsche« und »ideologiekritische Islamkritiker« sind die neuesten Kratzer, weshalb die emanzipatorische Platte einfach nicht rund laufen will.

Der Meta ihre Ebene.

»Komm mal runter man. Wir reiten den Staatsverrat gen Sonnenuntergang. Denn solange die Pegida marschiert, ist unser Magazin geladen und wieder geschmiert. Überall Missgunst und peinliche Argwohn. Wofür hat son Flüchtling eigentlich nen Smartphone? Brat mir einer nen Jauch, schlag mir einer…« Dendemann, Zurück #TheRappening

Wer aus feministischen Gründen rassistisch, beziehungsweise aus rassistischen Gründen feministisch argumentiert, der rüttelt kräftig am Ohrfeigenbaum. Dies gilt gleichwohl für solche Spezialisten, die glauben, Kritik am Islam bedeutet kollektive Vorverurteilung, deren Strafbedürfnis jenen Geisterfahrern gleicht, die einen »Todesstrafe für Kinderschänder«-Aufkleber in der Heckscheibe zu kleben haben oder behaupten, die Aufnahme von einer Million Flüchtlingen übersteige die Kapazität der größten Wirtschaftsmacht in Europa. Fuck you!

Ohne jetzt in sinnlosen Definitionsdebatten komplett zu versumpfen, Antideutsche sind die entschiedensten Gegner jeglichen Kollektivismus, verachten Stereotype und Ressentiments. Sie träumen nach wie vor von einer Assoziation der freien Individuen. Dies ist bestimmt keine neue Erkenntnis, muss aber angesichts der bescheidenen Zustände gebetsmühlenartig betont werden. Und wenn wir gerade bei den Selbstverständlichkeiten sind: Rassisten können möglicherweise »antideutsch« sein, aber Antideutsche niemals rassistisch. Over and out!

Antideutsche Aktion Berlin im Februar 2016

Das hat Kurt Landauer nicht verdient February 16, 2016 | 02:03 pm

Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer und der Chief of Competition and Football Development der Qatar Stars League, Ahmad al-Harami, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, Doha, 11. Januar 2015 (© Getty Images)
Wegen seiner Kooperation mit Katar wird der FC Bayern scharf kritisiert. Manche Fans werfen ihm sogar einen Verrat an den Werten des Vereins vor. Die Frage ist allerdings, ob es diese Werte überhaupt gibt.

Die enge Bande, die der FC Bayern München mit dem Emirat Katar pflegt, hat zu einer Menge Kritik geführt, seit zum einen die sklavenarbeitsähnlichen Bedingungen auf den WM-Baustellen im Land in den Fokus gerückt sind und sich zum anderen selbst eingefleischte Fans des Rekordmeisters auch öffentlich ablehnend über die Zusammenarbeit ihres Lieblingsvereins mit dem Golfstaat äußern, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. So kritisiert beispielsweise Oliver Schmidt auf seinem bekannten Blog »Breitnigge« in einem offenen Brief an den Vorstand des Klubs, »dass ausgerechnet der FC Bayern, als Verein mit einer großen jüdischen Tradition – zu der sich der Verein ja (inzwischen) bekennt und diese lebt […] –, mit Ländern wie Katar geschäftliche Beziehungen unterhält. Einem Land, welches Israel – gelinde gesagt – ablehnt und unter anderem israelischen Sportlern die Einreise verwehrt.« Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es eigentlich zusammengeht, auf der einen Seite diese jüdische Tradition zu pflegen, für die vor allem der Name des langjährigen Präsidenten Kurt Landauer steht, und auf der anderen Seite mit einem antisemitischen Regime zu kooperieren. Auch mutet es ausgesprochen widersprüchlich an, wenn sich der FC Bayern, wie im Januar 2015 geschehen, einerseits mit den Opfern der islamistischen Terroranschläge in Paris solidarisiert (»Je suis Charlie«) und andererseits unmittelbar darauf in ein Land fliegt, das zu den Hauptförderern des islamistischen Terrorismus gehört.

Um dieser Widersprüchlichkeit auf den Grund zu gehen, ist ein Blick auf die jüngere Geschichte des Klubs zweckmäßig, in der die ältere Geschichte überhaupt erst ein Thema wurde. Zuvor hatten die Ära Landauer, der jüdische Teil der Vereinshistorie und der Nationalsozialismus in Verlautbarungen des FC Bayern München lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. In den hauseigenen Chroniken etwa wurde all dies lange Zeit lediglich am Rande erwähnt, und selbst im Nachruf auf Kurt Landauer in der Klubzeitung hieß es im Januar 1962 hinsichtlich seiner Abwesenheit zwischen 1933 und 1947 bloß knapp, diese habe »politische Gründe« gehabt. Noch im Mai 2003 wurde Uli Hoeneß in einem Beitrag der »Zeit« mit den lapidaren Worten zitiert: »Ich war zu der Zeit nicht auf der Welt.« Und der langjährige Vizepräsident Fritz Scherer wollte auch vor sieben Jahren noch nicht die jüdische Tradition des FC Bayern herausstellen: »Dann laufen Sie Gefahr, dass es Gegendemonstrationen gibt, da provoziert man etwas«, sagte er mit Blick auf die »rechte Szene«. Eine Form von Appeasement also, um Neonazis und andere Antisemiten zu beschwichtigen. Ein unwürdiger Umgang mit der Geschichte des Vereins.

Es waren die Ultras von der »Schickeria«, die Kurt Landauer und das jüdische Erbe des FC Bayern aus der Vergessenheit holten – zum Beispiel mit selbstorganisierten Fußballturnieren um den Kurt-Landauer-Pokal, Artikeln, Vorträgen und Choreografien im Stadion. Erst 2009 begann auch die Klubführung allmählich, sich damit zu beschäftigen: Zum 125. Geburtstag von Kurt Landauer legte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in Dachau einen Kranz an der ehemaligen KZ-Zelle des früheren Präsidenten nieder, und auf der Homepage des Vereins erschien erstmals eine ausführliche Würdigung. Im Mai 2011 nahm Rummenigge in München an der Präsentation des Buches »Der FC Bayern und seine Juden« von Dietrich Schulze-Marmeling teil und sagte dort: »Der FC Bayern hat eine jüdische Vergangenheit, eine sehr reiche und erfolgreiche. Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit, und gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden werden wir auch eine stolze Zukunft haben.« Inzwischen wird die Ära Landauer in der »Erlebniswelt« des FC Bayern in der heimischen Arena gebührend gewürdigt, und zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar gibt es seit 2013 regelmäßig Sonderausstellungen, Führungen und Veranstaltungen.

Für sein mittlerweile recht offensives Bekenntnis zum jüdischen Teil seiner Geschichte und insbesondere zum Vermächtnis von Kurt Landauer – nach dem unlängst auch der Platz vor dem Stadion in Fröttmaning benannt wurde – hat der FC Bayern sehr viel Lob bekommen. Sätze wie die von Fritz Scherer oder Uli Hoeneß würde man heute nicht mehr von einem Funktionär des Rekordmeisters hören. Man könnte also annehmen, dass in der Führungsetage ein Umdenken stattgefunden hat. Womöglich hat dieses Umdenken aber vor allem etwas damit zu tun, dass es dem Prestige und dem Image des Klubs genutzt hat. Der sportlich und finanziell größte und erfolgreichste deutsche Fußballverein gilt längst auch im Umgang mit der Vergangenheit als vorbildlich, und das hat ihm eine Menge Sympathien eingebracht, selbst von Kritikern und Fans anderer Klubs. Daran ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, ob dieser Umgang tatsächlich mehr ist als eine Marketingstrategie. Und daran muss man angesichts der Beziehungen zu Katar inzwischen zweifeln.

Denn wer es ernst meint mit dem Bekenntnis zur jüdischen Tradition und der entschiedenen Ablehnung einer Ideologie, derentwegen Kurt Landauer verfolgt und ins Konzentrationslager gesperrt wurde, kann nicht in und mit einem Land, das von einem totalitären, antisemitischen Regime beherrscht wird, millionenschwere Geschäfte machen. Der FC Bayern hat jedoch nicht einmal davor zurückgeschreckt, seinen Deal mit dem Flughafen Doha auch noch ausgerechnet am diesjährigen Holocaust-Gedenktag zu verkünden. Genau darin kulminiert die vermeintliche Widersprüchlichkeit – und löst sich gleichzeitig auf: Getan wird einfach, was sich auszahlt. Als man beim FC Bayern begriff, dass sich die Zeiten geändert haben und sich die Würdigung von Kurt Landauer und der damit verbundenen Tradition in vielerlei Hinsicht lohnen könnte, gab man seine Ignoranz auf und verkaufte sein Engagement fortan als Einsatz für die Werte des Vereins. Als man verstand, dass die Kooperation mit Katar sich lohnen könnte, ließ man sich auf sie ein. Der Kritik daran begegnete man mit Alibi-Beteuerungen wie jener von Philipp Lahm, man werde im Emirat »nicht die Augen zumachen«. Was der Bayern-Kapitän dort sah und gegebenenfalls in kritischer Absicht ansprach, hat die Öffentlichkeit jedoch bis heute nicht erfahren.

Der FC Bayern bewegt sich damit allerdings voll und ganz im deutschen Mainstream. Auch in der Politik hat man bekanntlich kein Problem damit, einerseits das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hochzuhalten, am Holocaust-Gedenktag oder am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 besonders laut »nie wieder« zu rufen und das Eintreten für die Sicherheit Israels als Teil der Staatsräson zu bezeichnen – und andererseits mit einem Regime wie dem iranischen, das den Holocaust leugnet und Israel am liebsten von der Landkarte radieren würde, gute Beziehungen zu pflegen. Insofern tut das Flaggschiff des deutschen Fußballs nichts, was hierzulande nicht ohnehin schlechte Normalität ist. Ein Grund, das nicht zu kritisieren, kann das gleichwohl selbstverständlich nicht sein. Von der Illusion, dass dem FC Bayern die eigene Geschichte ganz besonders am Herzen liegt, sollte man sich allerdings tunlichst verabschieden. Das Bekenntnis zur Historie dient dem Klub vor allem zur Imagepflege, also letztlich zu Marketingzwecken. Das hat Kurt Landauer nicht verdient.

Zuerst veröffentlicht auf kickwelt.de.

Zum Foto: Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer und der Chief of Competition and Football Development der Qatar Stars League, Ahmad al-Harami, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, Doha, 11. Januar 2015 (© Getty Images).


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the calling February 13, 2016 | 12:27 pm


Wer sind hier die Kindermörder? February 12, 2016 | 01:28 pm

Kinder in einem militärischen Sommertrainingslager der Hamas (© The Atlas Society)

»Kindermörder Israel« rufen hasserfüllte Palästinenser auf Demonstrationen gegen den jüdischen Staat immer wieder – und stoßen damit in Europa auf viel Zustimmung. Dabei fällt diese Anklage auf sie selbst zurück. Und das gilt nicht nur für die Radikalen unter ihnen.

Als die Hamas im Sommer 2014 Israel einmal mehr mit unzähligen Raketen angriff und so erneut in einen Krieg zwang, gingen in europäischen Städten Abertausende Palästinenser auf die Straße, um ihren Hass auf den jüdischen Staat hinauszuschreien. Eine ihrer im deutschsprachigen Raum am häufigsten zu hörende Parole lautete dabei: »Kindermörder Israel!« Die Botschaft dieser drastischen Anklage liegt auf der Hand: Der jüdische Staat schreckt vor nichts zurück, nicht einmal vor der absichtlichen Tötung der Kleinsten, Unschuldigsten und Wehrlosesten. Zum vermeintlichen Beweis hielten Demonstranten immer wieder großformatige Fotos von toten, grauenvoll zugerichteten Kindern in die Höhe. Schließlich ist der Krieg gegen Israel auch ein Krieg der Bilder, und die Palästinenser wissen sehr genau, welche Mittel und welche emotionale Symbolik sie einsetzen müssen, um die westlich-europäische Öffentlichkeit von der abgrundtiefen Niederträchtigkeit der Israelis und der Gerechtigkeit der eigenen Sache zu überzeugen. Genauer gesagt: um sie in dieser weithin bereits vorhandenen Überzeugung zu bestätigen.

Denn wenn beispielsweise fast 40 Prozent der Deutschen allen Ernstes die Ansicht vertreten, Israel führe nicht weniger als »einen Vernichtungskrieg gegen die Palästinenser«, dann zeigt das, wie groß die Bereitschaft ist, an der Dämonisierung des jüdischen Staates teilzuhaben. Gleichzeitig können sich die Palästinenser darauf verlassen, dass ihnen nicht nur vieles nachgesehen wird, sondern dass man ihnen auch nicht zutraut, ausgerechnet das zu tun, was sie anderen so vehement vorwerfen. Dabei ist genau das der Fall. Insbesondere die Hamas hat keine nennenswerten Skrupel, Kinder für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, das heißt: sie zu indoktrinieren, als Kanonenfutter zu missbrauchen, in den Tod zu schicken, zu Mördern zu machen. Vollkommen üblich ist es beispielsweise, sie als »menschliche Schutzschilde« zu beanspruchen, wenn Israel einen Militärschlag gegen eine Stellung der Hamas ankündigt – schließlich steigen so die Chancen für die Gotteskriegerpartei, exakt die Bilder zu bekommen, die sich anschließend für eine flammende Anklage gegen Israel verwenden lassen. Dass sie von europäischen Medien und Politikern für diese Form der Kindesmisshandlung verurteilt wird, muss die Hamas nicht fürchten.

Auch zum Bau der Tunnel, die die Hamas für den Transport von Kriegsgerät und Terroristen verwendet, werden oftmals Kinder herangezogen – was in der Vergangenheit für einige von ihnen tödliche Folgen hatte. »Al-Aqsa TV«, ein Fernsehsender der Hamas, ruft derweil im Kinderprogramm regelmäßig zum Mord an Juden auf und verbreitet immer wieder antisemitische Legenden. Die Hamas hält sich zudem eine regelrechte Kinderarmee, erzieht sie zum Dschihad und unterweist sie im Gebrauch von Waffen. Sie veranstaltet im Sommer militärische Trainingslager, an denen Zehntausende von minderjährigen Palästinensern teilnehmen. Dort wird ihnen, wie der palästinensische Journalist Khaled Abu Toameh berichtet, »beigebracht, dass Selbstmordbomber der Hamas und Terroristen, die für den Tod Hunderter Israelis in den vergangenen Jahrzehnten verantwortlich sind, Vorbilder seien, denen es nachzueifern gelte«. Außerdem wird ihnen gezeigt, wie man einen Angriff auf einen israelischen Militärstützpunkt durchführt und israelische Soldaten tötet und gefangen nimmt. »Diese Lager«, sagt der Hamas-Offizier Khalil al-Hayah, »dienen dazu, eine Generation vorzubereiten, die den Koran und das Gewehr trägt«.

Aufstachelung von Kindern auf allen Ebenen

Wer nun glaubt, aufseiten der angeblich gemäßigten Palästinensischen Autonomiebehörde sehe es anders aus, irrt gewaltig. Wie die Hamas lobpreisen auch sie die zumeist sehr jungen Attentäter, die seit Oktober des vergangenen Jahres nahezu täglich mit Messern und anderen Waffen auf jüdische Israelis einstechen, und erklären sie im Falle von deren Tötung durch israelische Sicherheitskräfte zu »Märtyrern«. Mehr noch: Sie heizen das lebensgefährliche Treiben selbst an. Jüngst erklärte beispielsweise dem israelischen Inlandsgeheimdienst Schin Bet zufolge der erst 15-jährige Mörder der Israelin Dafna Meir, die er Mitte Januar in der Ortschaft Otniel mit mehreren Messerstichen tödlich verletzt hatte, er habe vor seinem Angriff regelmäßig das Programm des offiziellen Fernsehsenders der Autonomiebehörde (PA-TV) geschaut, in dem Israel als Staat dargestellt werde, der »palästinensische Jugendliche tötet«. Am Tag des Mordes habe er unter dem Eindruck der Fernsehsendungen schließlich die Entscheidung getroffen, mit einem Messer auf einen Juden oder eine Jüdin loszugehen.

Wie die Fernsehsender der Autonomiebehörde und der Fatah die Palästinenser – auch und gerade die jüngsten von ihnen – zum Hass auf Israelis erziehen, dokumentiert »Palestinian Media Watch« immer wieder. In den Schulen wird dieser Hass ebenfalls gezielt verbreitet, das Gleiche gilt für die sozialen Netzwerke. Die Fatah ließ bei den »Feierlichkeiten« zum 51. Jahrestag ihrer Gründung sogar Kinder mit Sprengstoffgürteln auflaufen. Angesichts all dessen überrascht es nicht, dass die Messer-Attentäter oft minderjährig und bisweilen sogar noch Kinder sind. »Offizielle Vertreter der Palästinensischen Autonomiebehörde behaupten, unsere Kinder träfen diese Entscheidung unabhängig und dass niemand sie losschickt, um Terroranschläge zu verüben«, schreibt der palästinensische Wissenschaftler und Publizist Bassam Tawil. »Aber in Wirklichkeit weiß jeder Palästinenser, dass hinter diesen angeblich ›unabhängigen‹, ›spontanen‹ Angriffen eine organisierte, wohl überlegte Aufstachelung steckt, teilweise von Politikern und teilweise von durch Kleriker ausgegebene Fatwas.«

Finstere Kultur von Mord und Tod

Wenn die Kinder dann bei der Ausübung ihrer Mordtaten getötet würden, so Tawil weiter, behaupteten sowohl die Autonomiebehörde als auch die Hamas, dass die Israelis sie hingerichtet hätten. Sie verklärten diese Minderjährigen dann und machten aus ihnen »Vorbilder für andere Loser-Kids«. Anschließend bezahlten sie ihren Familien enorme Prämien. »Sie schicken Minderjährige los, um ihre schmutzige Arbeit zu erledigen, während sie genau wissen, dass diese wahrscheinlich von den israelischen Sicherheitskräften getötet werden.« Es quäle ihn zu sehen, schreibt Tawil, »wie diese jungen Menschen zu Schnäppchen-Material gemacht werden«. Die Kinder würden geopfert »durch eine zynische Palästinenserführung, die eine finstere Kultur von Mord und Tod nährt«. Jeder, der junge Menschen losschicke, damit diese töten und getötet werden, sei »selbst ein Mörder«.

Golda Meir sagte schon 1957 in einer Rede vor dem »National Press Club« in Washington in ihrer Funktion als israelische Außenministerin: »Frieden wird es geben, wenn die Araber ihre Kinder mehr lieben, als sie uns hassen.« Zwölf Jahre später äußerte sie, inzwischen Premierministerin, auf einer Pressekonferenz in London: »Wenn es Frieden gibt, werden wir den Arabern vielleicht noch rechtzeitig verzeihen können, dass sie unsere Söhne getötet haben. Aber es wird schwieriger für uns sein, ihnen zu verzeihen, dass sie uns gezwungen haben, ihre Söhne zu töten.« Diese Feststellungen haben nicht nur nichts an Gültigkeit eingebüßt, sie sind vielmehr aktueller denn je. Der »Kindermörder«-Vorwurf, der von palästinensischer Seite gegenüber Israel erhoben wird, fällt auf die Palästinenser zurück. Sie selbst sind es, die das Leben ihrer Jüngsten zerstören.

Zuerst veröffentlicht auf Audiatur Online.

Zum Foto: Kinder in einem militärischen Sommertrainingslager der Hamas. © The Atlas Society.


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Der Reichtum des Unvermögens February 12, 2016 | 01:00 pm

Kommende Woche startet die hannoversche Veranstaltungsreihe „Riot statt Rosen“, die sich mit „feministischen Perspektiven auf Migration und Flucht“1 beschäftigen möchte. Dabei setzt sie sich in ihren Veranstaltungen aber nicht mit dem islamischen Zwangskollektiv auseinander, das gerade Frauen durch barbarischen Krieg, Folter oder den islamischen Normalvollzug dazu zwingen müsste, sich auf die Flucht zu begeben. Jan-Georg Gerber stellte schon 2013 treffend fest, dass sich die Linke „weder für die jeweiligen Fluchtursachen interessiert, noch für die Hoffnungen und Wünsche, mit denen das Subjekt ihrer Begierde in Deutschland ankommt.“2 Mit dem Alltag aus Ehre, Kopftuch und Scharia sind Flüchtlinge dann wieder konfrontiert, wenn in Europa die lokale Parallelgesellschaft auf sie wartet. Das antirassistische Appeasement vor dem Zwangskollektiv, das dieses scheinbar wohlwollend als kulturelle Eigenart begreift, ist ein Fall in den Rücken jener, die sich diesem nicht mehr beugen wollen. Darüber hinaus hilft es bei der Restitution und Zementierung eben jener regressiven Zustände, stellt es doch für geflüchtete Frauen keine Seltenheit dar, in den europäischen Banlieus von Paris bis Neukölln erneut Opfer patriarchal-islamischer Geschlechter- und Sexualitätsvorstellungen zu werden, was bei den hannoverschen Kulturverfechtern aber keine Rolle spielt.

Herausstechend ist die Veranstaltung „Der Reichtum der Fremden“. Dort soll der „offene und verdeckte Rassismus“ dadurch gestoppt werden, dass Flüchtlinge ihre Kultur und ihre Heimat präsentieren, mit der sie das Deutschland der Zukunft bereichern. Wortwörtlich heißt es im Veranstaltungstext: „Schluss mit dem offenen und dem versteckten Rassismus, es geht um ein freies Zusammenleben auf Augenhöhe. Das wollen wir hinkriegen. Und dafür bringen die Schutzsuchenden uns etwas mit, großen Reichtum: ihre Kultur, ihre Musik, ihr Theater, ihre Bilder – und ihre Literatur.“3 Zwar wird der Hintergrund der Flucht angesprochen, als Argument zählt aber letztlich mehr, dass die Geflohenen Träger einer Kultur sind, mit der sie für Vielfalt sorgen, da das Verwertungsargument der bürgerlichen Mitte bei Linken nicht überzeugt. Ohne es zu merken, reproduzieren die antirassistischen Linken das folkloristische Bild des von seiner Kultur determinierten Individuums, dessen “Reichtum” fremdartig aber gleichzeitig anziehend wirkt.

Doch die hannoversche Linke ist nicht allein, wenn es darum geht, sich als alternativer Krisenverwalter zu konstituieren und sich für den “Reichtum der Fremden” zu begeistern. Bei den No-Border-Rhetorikern von …umsGanze! wird vorsorglich schon einmal der baldige Umsturz herbei halluziniert: „Die Mauern der Festung Europa wackeln, helfen wir mit, sie einzureißen.“4 In ihrem allumfassenden Größenwahn kommen ihnen die Flüchtlinge als geeignete Manövriermasse gerade recht, bilden sie doch die Hoffnung auf eine Restaurierung einer althergebrachten Solidargemeinschaft. Dass dies nicht bedeutet, für Individuation, Freiheit und Autonomie der Flüchtlinge einzutreten, sondern für den Gemeinschaftskitsch der nie revolutionsmüden Linken, bedient nur die eigenen, projektiven Sehnsüchte. Jedoch übersieht diese paternalistische Manier, dass ein Großteil derer, die hierherkommen, eher darauf hofft, sich in die Sicherheit der Lohnarbeit zu begeben oder sich Zwangskollektiven zu entziehen, als sich bei der allabendlichen VoKü im lokalen autonomen Wohlfühlzentrum die neusten Ergüsse linker Revolutionsromantiker anzuhören.

Egal ob in Hannovers Linke oder bei den bundesweit organisierten kommunistischen Vereinsmeiern – das Kultur- und Bereicherungsgesülze hebt sich nicht von ganz normalem Kulturrelativismus ab. Die Antirassisten sehen Flüchtlinge als Gattungsexemplare ihrer spezifischen Kulturen, Sitten und Gebräuche, und reduzieren sie dadurch romantisierend auf ihre vermeintlich folkloristischen Eigenarten. Darüber hinaus wird ein „Recht“ auf Kollektivzwang proklamiert und der Islam als sensibles Hätschelkind behandelt, das als zu verteidigendes Kulturgut stilisiert wird. Diejenigen, die sich bei jeder Gelegenheit als Kritiker des rassistischen Konsens hervortun, zeigen dann erstaunlich viel Zurückhaltung, wenn es um eine klare Positionierung gegen Ehrenmorde, Zwangsheirat, Verschleierung, Antisemitismus und Homophobie in islamisch geprägten Milieus geht. Dass in der Veranstaltungsreihe die islamische Ideologie und ihre Apologeten nicht mal eine Nebenrolle spielen, passt da nur allzu gut ins Bild.

Merci, hannoversche Linke.

  1. http://riotstattrosen.blogsport.eu/ [zurück]

  2. http://jungle-world.com/artikel/2013/50/49005.html [zurück]

  3. http://riotstattrosen.blogsport.eu/veranstaltungen/der-reichtum-der-fremden/ [zurück]

  4. http://umsganze.org/solidaritaet-muss-politisch-werden/ [zurück]

Vortrag mit Harry Waibel am 18.02. in Stuttgart: “Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus in der DDR. Zur notwendigen Selbstkritik des Antifaschismus” February 10, 2016 | 07:10 pm

Einst waren sie Staatsgeheimnis, bis heute werden sie verleugnet und verdrängt: Mittlerweile sind über 8000 neonazistische, rassistische und antisemitische Propaganda- und Gewalttaten in der DDR belegt. Seit 1990 gab es über 250 Tote und tausende Verletzte durch rechte Gewalttaten und die Täter kommen, gemessen an der Einwohnerzahl, im Verhältnis 3:1 aus dem Osten. Die antifaschistischen Kräfte vermochten bisher nicht, auf diese Entwicklung nennenswerten Einfluss zu nehmen. Höchste Zeit für Selbstkritik antifaschistischer Theorie und Praxis.