Posts Tagged ‘Philosophie’
Michel Foucault – Was macht Macht? September 12, 2013 | 06:48 pm

Michael Reitz hat für RadioWissen ein hörenswertes Feature über Foucault gestaltet.

Der französische Philosoph Michel Foucault ist einer der einflussreichsten kritischen Denker der Moderne. Ihn interessierte, wie Macht entsteht, wozu sie benutzt wird und was sie aus Menschen machen kann.

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Gefunden: Denken ohne Geländer August 8, 2013 | 11:32 am

Hat jemand einen Mitschnitt der Langen Nacht über Hannah Arendt?

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Die »klassische deutsche Philosophie« und die kritische Theorie der Gesellschaft July 26, 2013 | 12:44 pm

Aspekte der materialistischen Auseinandersetzung mit Kant und Hegel

Die Systemphilosophie Hegels stellt als Abschluss der durch Kant eingeleiteten transzendental-idealistischen Bewegung zweifellos einen Wendepunkt der europäischen Philosophie dar. Aus dem Zusammenbruch der Hegel-Schule traten Materialisten mit Anspruch hervor, mit der so genannten klassischen deutschen Philosophie die Philosophie überhaupt zu beerben, sie revolutionär zu verwirklichen und in gesellschaftsverändernde Praxis aufzuheben.

Die folgenden Vorträge kreisen unter verschiedenen Gesichtspunkten, allerdings leider strikt androzentrisch, um die Frage, ob Hegel das letzte Wort der Philosophie gesprochen oder aber eher eine problematische Tendenz des Kantischen »Kritizismus« auf die Spitze getrieben hat, welche die materialistische Gesellschaftskritik spätestens im 20. Jahrhundert nötigte, zu Kant zurückzukehren, um über ihn und Hegel gleichermaßen hinauszugelangen.

1. Andreas Arndt, Die Hegel-Kritik des frühen Marx.

Andreas Arndt ist Professor der Philosophie an der theologischen Fakultät der Berliner Humboldtuni und ein Hegelianer vor dem Herrn. Der vorliegende Kurzvortrag stammt von der Konferenz »La réalisation de la philosophie à l’époque du Vormärz« (Paris, Februar 2012, Videodokumentation hier) und behandelt leider (fast) nur den jungen Marx. Arndt konzentriert sich auf Marxens Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie und stellt auch heraus, worin Marx selbst in seinen materialen Arbeiten Hegelianer geblieben ist. Allerdings bricht er an einer Stelle ab, an der eine materialistische Wendung Not täte: Dass Marx kategoriale Bestimmungen der Hegelschen Logik im Kapital bzw. aufs Kapital anwenden kann, ist m. E. dadurch bedingt, dass das Kapital bereits in Hegels Kategorien steckt.

    Hören:

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2. Alfred Schmidt, Gegenwartsprobleme in der materialistischen Erkenntnistheorie. Besonders hörenswert

Auf Einladung des Verbands Sozialistischer Studenten Österreichs sprach der vor etwa einem Jahr verstorbene Horkheimerschüler, Adornoassistent und spätere Philosophieprofessor Alfred Schmidt 1970 (!) in Wien über materialistische Erkenntnistheorie. Er skizziert in seinem noch heute hörenswerten Vortrag u.a. die Auseinandersetzung Marxens mit der theoretischen Philosophie Hegels. Marx und Engels verwarfen Hegels identitätsphilosophischen Ansatz, hielten aber an seiner Kritik am Kantischen »Ding an sich« fest. Diese »prekäre« Konstellation materialistischer Erkenntnistheorie und die Frage, warum auch der Materialismus nicht (im Gefolge Hegels) völlig ohne erkenntnistheoretische Erwägungen auskommt, beleuchtet Schmidt eingehend.

3. Paul Mentz, Philosophie im Angesicht der Verzweiflung. Adornos negative Philosophie der Moral.

Moralphilosophie scheint für radikale Gesellschaftskritik kein Anliegen ersten Ranges zu sein, möchte sie doch nicht an die Einzelnen appellieren, sie mögen ihr Verhalten ändern, sondern sie anstacheln zum Umsturz jener fetischistisch objektivierten Verhältnisse, in denen sie geknechtete (usw.) Wesen sind. Und doch sah Adorno sich veranlasst, Moralphilosophie nicht allein als Gegenstand, sondern auch als Medium oder Bestandteil seiner kritischen Theorie der Gesellschaft zu behandeln. Paul Mentz (Rote Ruhr Uni) zeichnet in seinem am 3. Juli 2013 bei der ISF in Freiburg gehaltenen Vortrag Adornos Auseinandersetzung mit Kants Individualethik und Hegels Theorie der Sittlichkeit nach.

Ankündigungstext:

Eine Moralphilosophie, die den eigenen Anspruch, moralisch zu sein nicht preisgeben will, muß auf die Verstrickung von herrschender Praxis und herrschender Unfreiheit reflektieren, und dabei festhalten, daß “nur wenn, was ist, sich ändern läßt, ist das, was ist, nicht alles.” Angesichts der fortschreitenden Geschichte der Herrschaft und des Leidens läßt sich kein positiver Standpunkt der Moralphilosophie ausmachen, denn selbst “was der Mensch an sich sein soll”, läßt sich nicht sagen, da er immer nur das ist, “was er war: er wird an den Felsen seiner Vergangenheit geschmiedet.” Wie ein freier Mensch wäre, läßt sich nicht antizipieren, so daß keine moralischen Prinzipien aus der inneren Verfaßtheit des Menschen abgeleitet werden können. Adornos negative Moralphilosophie ist keine ethische Konzeption, sondern Kritik sowohl der Moralphilosophie als auch der Herrschaft und des Leidens, die, gerade weil sie auf die Unfreiheit reflektiert, zugleich auf die Realisierung von Freiheit insistiert, ohne diese positiv zu bestimmen. – Es spricht Paul Mentz (Dortmund), Autor u.a. von „Moralphilosophie im Stande der Unfreiheit – Adornos negative Moralphilosophie“ (Berlin 2012).

4. Literaturempfehlungen

1. Fragen die Erkennbarkeit der Natur betreffend, werden in Karl Heinz Haags Der Fortschritt in der Philosophie diskutiert, wobei Kant als ambivalenter Denker Gegenstand der Kritik wird ebenso wie Einspruchsinstanz gegen Hegel, den Neukantianismus, den Positivismus, ja gar gegen die materialistische Metaphysik Lenins und der marxistischen Orthodoxie. Das etwa 200 Seiten lange Plädoyer für eine negative Metaphysik, welche die Natur nicht in dem aufgehen lässt, was an ihr erkennbar ist, und die nicht von der historisch-gesellschaftlichen Vermitteltheit der Erkenntnis absieht, enthält auch ein Kapitel über Marx, in dem herausgearbeitet wird, dass dieser mit dem Begriff der immanenten Form von Naturdingen an einem Kerngedanken negativer Metaphysik festhält. Meines Erachtens überaus lesenswert, auch wenn die Auseinandersetzung mit der Philosophiegeschichte meist nur immanent-argumentativ ohne Rückbezug der behandelten Theorien auf gesellschaftliche Realität erfolgt.

2. Um Ideologiekritik an Kant und Hegel, die eine feministische Dimension nicht ausspart, bemüht sich Daniel Späth in einer Reihe von Ausgaben der EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft. Kürzlich erschien der erste Teil zu Hegel.

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Vom Lager, dem Ausnahmezustand und der Anstößigkeit des Denkens March 26, 2013 | 05:45 pm

Nachtrag zum Poststrukturalismus:

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben gehört seit zehn Jahren zur Avantgarde seines Faches und wird auch in popkulturellen Zusammenhängen immer wieder zitiert und diskutiert. Mit seinen Schriften hat Giorgio Agamben in der Philosophie „die pole position eingenommen, die seit dem Tod Michel Foucaults vakant ist“. So hat es der Literaturwissenschaftler Anselm Havelkamp formuliert. Wie Michel Foucault ist Giorgio Agamben ein lästiger, sperriger und unbequemer Denker. Seine Texte sind so begeisternd wie anstößig, so anregend wie unbehaglich. [via]

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Ebenfalls von Sammy Khamis via Bayern2 über Agamben, etwas älter:

Die Brutalität der Realität

„Die souveräne Macht und das nackte Leben“ ist der Titel eines Buches des Philosophen Giorgio Agamben. Dem italienischen Denker geht es vor allem darum zu zeigen, wie sich unsere zeitgenössische, angeblich aufgeklärte Gesellschaft ihre eigenen totalitären Strukturen geschaffen hat. Solange es Macht gibt, so eine seiner Thesen, wird es Verbrechen wie den Holocaust und Lager wie Guantanamo geben. Sammy Khamis stellt Giorgio Agamben vor. [Weitere Infos]

Download: via BR2 | via RS.com (0:26 h, 24 MB) | Manuskript

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Römische Verhältnisse March 5, 2013 | 12:25 am

Zur Aktualität von Hegels »Philosophie der Geschichte«

Deutschlandfunk stellt ein interessantes Radio-Essay von Peter Bürger zum Hören zur Verfügung, in dem dieser einige Überlegungen über die Aktualität der Hegelschen Geschichtsphilosophie anstellt. Das Essay ist meines Erachtens ambivalent: Einerseits spricht hier deutlich der bürgerliche Intellektuelle, der von der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen (der »Souverenität des Volkes« und insbesondere der Kultur) enttäuscht ist, ohne in einer materialistischen Analyse herauszuarbeiten, wie dieser Verfall einer kapitalistischen Krisenlogik immanent sein könnte (und dabei auch ohne Managergehälter oder italienische Wahlen etwas mit Ausbeutung zu tun hat). Er muss daher bei seinem Vergleich dieser Institutionen mit dem Hegelschen Bild der römischen Gesellschaft auf der Ebene oberflächlicher Analogien verbleiben — auf der anderen Seite bemüht sich Bürger jedoch, ein »nach dem Kapitalismus« denkbar zu machen, ohne dabei einerseits in blinden Geschichtsoptimismus oder andererseits in ebenso blinden Fatalismus zu verfallen.

Der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel betrachtete die Geschichte als Prozess eines dialektischen Fortschritts. Von diesem Vertrauen ist heute nicht mehr viel übrig. Die Zukunft erscheint in eher düsteren Farben. Doch auch für die Gegenwart hält Hegels „Philosophie der Geschichte“ Ermutigung bereit.

Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger befasst sich in regelmäßigen Abständen mit vielfach als verstaubt geltenden Klassikern der Geistesgeschichte. So untersuchte er etwa die Rolle Friedrich Nietzsches als Reformator oder er versuchte Oswald Spenglers „Untergang des Abendlands“ neu zu bewerten.

Er lehrte an der Universität Bremen Literaturwissenschaften. Sein Hauptwerk über die „Theorie der Avantgarde“ wurde in fast alle Sprachen übersetzt. 2007 erschien beim Suhrkamp Verlag sein Buch „Sartre. Eine Philosophie des Als-ob“. [via]

Lesen und Hören: bei DLF (Essay und Diskurs)

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Wo keins ist, ist eins #12 – #15 February 8, 2013 | 02:09 pm

Es ist schon wieder einige Zeit vergangen, seitdem wir die letzten Ausgaben der Hamburger Dialektik-Sendung „Wo keins ist, ist eins“ dokumentiert haben. Bevor wir auch dialektisch ins neue Jahr starten, seien also hier zunächst die letzten Sendungen aus dem Jahr 2012 präsentiert:

Wo keins ist, ist eins #12 (09.09.2012)

Karl Marx: Die Entwicklung vom Junghegelianer zum Kritiker der Politischen Ökonomie. Schellings Vorlesung: Philosophie der Offenbarung 1841/42 hatte ein Publikum, das aus hohen Staatsbeamten, Militärs, Universitätsprofessoren, Hörern wie Bakunin, Kierkegaard, Friedrich Engels, Jakob Burckhardt, Savigni, Steffens, Trendelenburg, Ranke, A. von Humboldt usw. bestand. Nach Hegels Tod war Berlin philosophisch durchaus geistiger Mittelpunkt. Die Diskussion der Kritik idealistischer Dialektik durch Marx ist selber zu historisieren. Es gilt die Phasen der Hegelaneignung und (Selbst-) Kritik des Junghegelianismus, denen auch Theoriephasen Marxens entsprechen herauszuarbeiten. In den Folgesendungen wird dann die Ost-West-Spaltung innerhalb des Marxismus Thema werden, die sich in einer neuen Hegelaneignung durch Lukács und Korsch und eine positivistische Marxaneignung im Osten vollzog.

    Download: via AArchiv (mp3; 60,4 MB; 1:40:40 h)

Wo keins ist, ist eins #13 (14.10.2012)

Die 13. Ausgabe der Dialektik-Sendung hat sich erneut ausführlich mit dem Positivismusstreit auseinandergesetzt. Ein etwas ausführlicherer Ankündigungstext zur Sendung ist in der Oktober-Ausgabe des Transmitter erschienen. (Siehe unten)

    Download: via AArchiv (mp3; 59 MB; 1:38:17 h)

Wo keins ist, ist eins #14 (11.11.2012)

Fortsetzung: Positivismusstreit „Das Ganze ist das Unwahre.“ „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ Oder: warum ist Kritik möglich? Nachdem in der Oktobersendung die positivistische Stellung des Gedankens zur Wirklichkeit des „Kritischen Rationalismus“ kritisiert wurde, wird die dialektische Auffassung von Kritik zum Thema, wie sie anhand jener berühmten Sätze Adornos sich zeigen läßt. »Die Verdinglichung des Bewußtseins, das zur Dingwelt überläuft, vor ihr kapituliert, ihr sich gleichmacht; die verzweifelte Anpassung dessen, der die Kälte und Übergewalt der Welt anders nicht zu bestehen vermag, als indem er sie womöglich überbietet, gründet in der verdinglichten, der Unmittelbarkeit menschlicher Beziehungen entäußerten, vom abstrakten Prinzip des Tausches beherrschten Welt. Gibt es wirklich kein richtiges Leben im falschen, so kann es eigentlich auch kein richtiges Bewußtsein darin geben. Nur real, nicht durch ihre intellektuelle Berichtigung allein wäre über die falsche Meinung hinauszukommen.« (Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften Bd. 10.2, S. 591)

    Download: via AArchiv (mp3; 59,2 MB; 1:38:35 h)

Wo keins ist, ist eins #15 (09.12.2012)

Idealistische und materialistische Dialektik I – Die erste der Marxschen Feuerbachthesen sah den „Hauptmangel alles bisherigen Materialismus“ darin, daß der „Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird, nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit“. Die tätige Seite sei im Idealismus lediglich abtrakt herausgearbeitet worden. In der Sendung soll anhand der Phänomenologie des Geistes und der Logik des Begriffs, diese tätige Seite herausgearbeitet (materialisiert) werden.

    Download: via AArchiv (mp3; 63,9 MB; 1:46:34 h)

Text zur 13. Sendung:

POSITIVISMUSSTREIT: KRITISCHER RATIONALISMUS vs. DIALEKTIK

Eine Ausarbeitung der Möglichkeiten der Dialektik, die den kritischen Rationalismus übersteigen

Der Positivismus wird durch seinen überdeterminierten Wirklichkeitsbegriff letztlich dazu gezwungen, alle objektiven Wahrheitsansprüche preiszugeben und zu schlussfolgern: Wir können nichts verifizieren, sondern alles könnte künftig auch anders sein, das heißt wir können die Allsätze nur unter dem Falsifikationsvorbehalt behaupten, dass es irgendwann Überprüfungen geben könnte, die sie widerlegen.

Wenn nun aber die Allsätze, die Popper von Basissätzen – also empirischen – unterscheidet, die Notwendigkeit zum Ausdruck bringen sollen und gleichermaßen auf die Wirklichkeit unmittelbar bezogen werden, dann könnte tatsächlich die Wirklichkeit jederzeit eine andere Gesetzmäßigkeit haben. Das stellt Dialektik in Frage: Die differenzierte Dialektik von Notwendigkeit, Möglichkeit und Zufall wie sie bei Hegel vorliegt, geht davon aus, dass das was wirklich ist, immer schon vorher möglich gewesen sein muss.

Was möglich oder unmöglich ist, dies sagen wir mit Notwendigkeit aus. Der Ziegelstein auf dem Dach – ein Beispiel aus einer späteren Sendung – fällt immer gemäß dem Fallgesetz, aber es fallen nicht ständig Ziegelsteine, sondern bei Sturm oder Unwetter. Ein Gesetz, eine Notwendigkeit, drückt eine Möglichkeit aus, nicht die unmittelbare Wirklichkeit. Im Experiment dagegen wird diese Möglichkeit allerdings erzwungen und Bedingungen hergestellt, damit beispielsweise Kugel und Feder gleich schnell fallen, was im Vakuum der Fall ist.

Popper nennt die Bedingung, aus der ein Ereignis folgt, Randbedingung. Wobei: Rahmenbedingungen, die das Verhältnis von Gesetz und Folge zum Gegenstand der Überlegung haben sollten, werden hier erst gar nicht ausreichend wahrgenommen. Das bedeutet also für die Dialektik: Die Wirklichkeit ist auch zufällig, aber die Möglichkeit, die die Wirklichkeit voraussetzt – denn etwas Unmögliches kann nicht Wirklichkeit werden – ist nicht zufällig.

Wenn zum Beispiel Marx von ökonomischem Bewegungsgesetz spricht, dann ist das kein Determinismus in Hinsicht auf die Wirklichkeit – Marx zeigt, wie Krisen möglich sind, unter welchen Bedingungen sie eintreten, aber wann sie eintreten, lässt sich nicht voraussagen, nur erwarten.

Das Fazit dieser knapp komprimierten Überlegungen: Die Gesetze beschreiben also in der Analyse gesellschaftlicher Formen systematische Bedingungen der Möglichkeit von wirklichen Ereignissen, nicht deren unmittelbare Wirklichkeit. Dazu könnte man dann den Satz des Wowereit anführen: Und das ist gut so.

Wäre es so, dass ein Gesetz unmittelbar die Wirklichkeit bestimmt, kein Zufall in ihr wäre, so wäre auch keine eingreifende Praxis möglich, die etwas an der Wirklichkeit änderte. Nun ist es bei Marx so, dass ja die Bedingungen – oder Poppers Randbedingungen – einmal historisch entstanden im Kapitalismus wieder hergestellt werden, darum gibt es immer wieder Krisen. Das ist dann ein organisches System (spätere Systemtheorie spricht von Autopoiesis oder Selbstorganisation und dergleichen) und kein bloß mechanisches/chemisches.

Ein Beitrag der Sendung „Wo keins ist, ist eins“ (via Transmitter 10/12)

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Der vergessene »Kommunistenrabbi« January 11, 2013 | 09:34 pm

Zum 200. Geburtstag von Moses Hess

Exit!-Redakteur Udo Winkel hat im Dezember einen Vortrag über den weithin vergessenen Philosophen Moses Hess gehalten. Der Wegbereiter und -gefährte von Marx und Engels, 1812-1875, war einer der ersten (sozialistischen) Zionisten. Winkel liefert einen kurzen, kenntnisreichen Überblick über die Marxrezeption, die er dafür verantwortlich macht, dass Hess mittlerweile wieder vergessen worden ist. Danach geht er u.a. auf Hess‘ Religions-, Staats- und Geldkritik ein. Er bedient sich dazu ausführlicher Zitate.

Eine Kurzfassung des Referats ist erschienen in EXIT! Nr. 10.

10.12.2012 (19:00)
Vortrag: Der vergessene „Kommunistenrabbi“ – Zum 200. Geburtstag von Moses Hess

Referent: Udo Winkel
Beginn: 19 Uhr
Ort: Jugendhaus Erlangen

Um Moses Hess ist es still geworden, seine Werke sind vergriffen und bestenfalls noch antiquarisch zu erwerben. Das sah vor dreißig Jahren noch etwas anders aus. Im Zuge der Beschäftigung mit Marx und seinen theoretischen Voraussetzungen seit der Studentenbewegung war der Linkshegelianismus und frühe Kommunismus und damit auch Moses Hess wiederentdeckt worden. Seine Schriften wurden neu aufgelegt, Arbeiten über ihn verfasst und er wurde in Kompendien gewürdigt. Dass er erneut in Vergessenheit geraten ist, sagt viel über die heutige Marxrezeption aus. Hess war nicht nur der erste deutsche Kommunist, der wesentlich dazu beitrug, dass Marx sich vom Linkshegelianismus loslöste, sondern auch der Vorläufer eines sozialistischen Zionismus. Das Referat will an den „Kommunistenrabbi“ erinnern und ihn würdigen.

Udo Winkel lebt in Nürnberg und ist Redakteur der Theoriezeitschrift EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft.

veranstaltet von:
BAK Shalom Erlangen
Exit! – Krise und Kritik der Warengesellschaft
Haskala Bayern

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Was bleibt vom Individuum? January 10, 2013 | 08:40 pm

Von der Entfremdung des Menschen zum Untergang des Individuums

Die Initiative Sozialistisches Forum Freiburg dokumentiert einen Vortrag zum Begriff des Individuums in der bürgerlichen Gesellschaft, den Lea Bendemann im Rahmen des ISF-Jour Fixe im Juli 2012 gehalten hat. Im ersten Teil setzt sich Bendemann mit den Marxschen Frühschriften und der Spaltung des Individuums in Bourgeois und Citoyen auseinander. Im zweiten Teil befasst sie sich mit Adornos Reflexionen über das Individuum im Zeitalter von (und nach) Auschwitz. Im Dritten bemüht sie sich um den Nachweis, dass Adorno an die Marxschen Frühschriften anknüpft.

Hören:

Mittwoch, 18. Juli 2012

Was bleibt vom Individuum?

Von der Entfremdung des Menschen zum Untergang des Individuums

Die Gesellschaft, die ihre “Gleichgültigkeit gegens Individuum” durch Auschwitz bewies, kann nur von einem Standpunkt aus kritisiert werden, welcher am Denken, trotz dessen Ohnmacht, festhält. Von wem aber kann der Versuch dieser Reflexion geleistet werden, wenn nicht vom Individuum, an welchem als einem untergehenden die “Spur des Menschlichen” (Adorno) zu haften scheint? Daß die Individuen heute als bloße “Verkehrsknotenpunkte der Tendenzen des Allgemeinen” (Horkheimer/Adorno) erscheinen, korrespondiert der von Marx konstatierten Brüchigkeit des entfremdeten Menschen. Durch die bürgerliche Revolution zerfällt das Individuum in den “Citoyen”, der Anteil an Staat und Gattungsleben nimmt, und den privaten, der Vorherrschaft des kapitalistischen Nutzenkalküls unterworfenen “Bourgeois” (Marx). Die Bürger, die nur ihren je eigenen Zweck rücksichtslos verfolgen, sind virtuell schon Nazis, die die “Vernichtung des Nichtidentischen” einfordern. Angesichts des Nationalsozialismus flüchtet sich das, was von Moral und Kritik überlebte, in die Erfahrung der Einzelnen: Es “mag temporär etwas sogar von der befreienden gesellschaftlichen Kraft in die Sphäre des Individuellen sich zusammengezogen haben” (Adorno). Auf dieses Refugium bleibt angewiesen, wer an Adornos kategorischem Imperativ festhält. – Es spricht Lea Bendemann (Freiburg).

Um 20 Uhr im Jos Fritz-Café, Wilhelmstr. 15 (Spechtpassage) [Freiburg]

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Antideutsche Wertarbeit December 30, 2012 | 10:08 pm

Zum Jahresende dokumentieren wir einen Kongress, der vor mittlerweile mehr als zehn Jahren, vom 29.-31.3.2002 in Freiburg stattfand. Ein halbes Jahr nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center, in deren Folge sich der Bruch innerhalb der deutschen Linken zur unleugbaren Kenntlichkeit vertiefte, richtete die Initiative Sozialistisches Forum einen Kongress aus, dessen Beiträge teilweise auch heute noch – nicht nur in »szenehistorischer« Hinsicht – interessant sind und dessen Diskussionen ihre Aktualität mitunter noch nicht vollends verloren haben. Einige der Beiträge sind bereits in Form von Radiosendungen dokumentiert worden.

Die als Links bzw. Anker ausgeführten fortlaufenden Nummern dienen auch der leichteren Verlinkung der einzelnen Beiträge. Wer die Dateien mit einem Downloadmanager (von Rapidshare) herunterladen möchte, findet hier die entsprechenden Containerformate.

1. Begriff des Kapitals: Die Implikationen der marxschen Kritik der politischen Ökonomie Hörenswert!

Podiumsdiskussion mit Michael Heinrich, Nadja Rakowitz und Manfred Dahlmann, moderiert von Joachim Bruhn.

Die Debatte zwischen Michael Heinrich und Dahlmann/Bruhn kann als Vorläuferin bzw. Auftakt des bis in jüngste Zeit (mit modifiziertem, vielleicht erweitertem Thema) fortgesetzten1 Marxismus-Mystizismus-Streits gelten, einer Art innerlinken Neuauflage des Positivismustreits in der Deutschen Soziologie, der hin und wieder zwischen der (semi-/sub-)akademischen »Neuen Marx-Lektüre« auf der einen und »antideutscher materialistischer Kritik« auf der anderen Seite ausgetragen wird. Die Diskussion betrifft die Frage nach dem »Theorietypus« und dem »Erkenntnismodus« der marxschen Kritik der politischen Ökonomie und nach ihren erkenntnis- bzw. ideologiekritischen Implikationen: Handelt es sich um eine als positive Wissenschaft oder Quasi-Systemphilosophie zu vollendende Theorie der kapitalistischen Gesellschaft, deren »Dialektik« eine bloße »Darstellungsmethode« ist, mit deren Hilfe die aufkommenden Widersprüche im Fortgang stets aufgelöst werden, oder um eine »subversive Kritik«, die, in jedem Satz zugleich Aufruf zur Revolution, die logische Unmöglichkeit und das Skandalon einer an sich unbegreifbaren, durch und durch irrationalen Vergesellschaftungs- und Produktionsweise aufzeigen möchte?
Dahlmann macht zunächst Ausführungen zum Zusammenhang von Warenform und Denkform, um die gesellschaftliche Konstitution des Subjekts anzudeuten. Heinrich weist u. a. auf die Selbstwidersprüche der ISF-Position hin, etwa Aussagen über den Wert und das Kapital zu machen und zugleich jede Theoretisierung derselben für eine Unmöglichkeit und »Rationalisierung« zu erklären. Warnung an GSPler: Die prüfen beide nicht den Wahrheitsgehalt ihrer Argumente.

Heinrich: Die Kritik der politischen Ökonomie löst nicht nur das wissenschaftliche Problem einer adäquaten Erklärung des Mehrwerts, sie besitzt auch eine unmittelbar politische Seite, indem sie eine moralische Kapitalismuskritik sowie sozialistische Auffassungen, die auf einen Sozialismus der kleinen Warenproduktion hinauslaufen, als in dem von der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervorgebrachten Schein befangene Vorstellungen nachweist. Die Marxsche Kapitaltheorie steht daher in einer doppelten Frontstellung. Die »Apologeten« lösen die kapitalistische Produktion in die Harmonie der einfachen Zirkulation auf. Indem sie Kapital auf Ware und Geld, auf Kauf und Verkauf reduzieren, sehen sie Freiheit, Gleichheit und Eigentum gewährleistet, indem sie die kapitalistische Produktion mit der nicht-kapitalistischen Warenproduktion identifizieren. Ihnen gegenüber weist Marx nach, daß ihre Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum aufgrund eigener Arbeit bloßer Schein ist, da die von ihnen unterstellten gesellschaftlichen Verhältnisse nicht existieren und nie existiert haben. Damit intendiert Marx jedoch keine immanente Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Daß es Marx darum gegangen wäre, aufzuzeigen, daß der Kapitalismus seinen eigenen normativen Standards widerspreche, wurde u.a. von Habermas vertreten. Diesen Marx unterstellten Versuch einer immanenten Kritik unternimmt eher Proudhon. Gegen utopische Sozialisten wie Proudhon, die das aus der einfachen Zirkulation abgezogene Ideal gegen seine angebliche Verfälschung in der kapitalistischen Produktion geltend machen wollen, argumentiert Marx, die kapitalistische Produktion sei die durchgeführte Freiheit und Gleichheit der einfachen Zirkulation und nicht etwa deren Entartung, da die einfache Zirkulation mitsamt ihren Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum nur auf kapitalistischer Grundlage existiert. Die Utopisten betreiben daher, sagt Marx in den »Grundrissen«, »das überflüssige Geschäft…, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst aus sich geworfne reflectirte Lichtbild, selbst wieder verwirklichen zu wollen.«

(Rakowitz: Die marxsche Wertformanalyse erweist sich als systematischer Weg, den Schein der einfachen Zirkulation zu durchbrechen. Als Kritik kann sie die Momente des ideologischen Scheins der bürgerlichen Gesellschaft transzendieren und zumindest die negativen Bedingungen der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft aufzeigen. Deshalb ist die Kritik der einfachen Zirkulation und damit die Kritik der einfachen Warenproduktion und ihr notwendiges Übergehen in die Kritik des Kapitalverhältnisses zentral für das Verständnis der Kritik der politischen Ökonomie. Dies gilt nicht nur in methodischer, sondern vor allem in politischer Hinsicht. In den »Grundrissen« gibt Marx einen Ausblick auf den Fortgang der Darstellung der Widersprüche der politischen Ökonomie, der zu leisten wäre, um die kapitalistische Produktionsweise als Totalität begreifen zu können. Begreifen heißt hier Kritik der Theorien wie der Verhältnisse und hat Praxis als immanenten Zweck: »Durch sich selbst weist (die Warenwelt) … über sich hinaus, auf die ökonomischen Verhältnisse, die als Produktionsverhältnisse gesetzt sind. Die innere Gliederung der Produktion bildet daher den zweiten Abschnitt, die Zusammenfassung im Staat den dritten, das internationale Verhältnis den vierten, der Weltmarkt den Abschluß, worin die Produktion als Totalität gesetzt ist und ebenso jedes ihrer Momente; worin aber zugleich alle Widersprüche zum Prozeß kommen. Der Weltmarkt bildet dann wieder ebenso die Voraussetzung des Ganzen und seinen Träger. Die Krisen sind dann das allgemeine Hinausweisen über die Voraussetzung und das Drängen zur Annahme einer neuen geschichtlichen Gestalt.«)

Dahlmann: Daß es in der materialistischen Gesellschaftsanalyse keine vom Gegenstand abgelöste Methode geben kann, ist zur Binsenweisheit linker Theoriebildung geworden. Wenn jedoch eine weitere zentrale Differenz nicht reflektiert und aufgehoben wird – nämlich die Differenz zwischen Erkenntnissubjekt und Gegenstand –, ist mit dem Postulat der Übereinstimmung von Form und Inhalt nur wenig gewonnen. Kapital und Wert jedenfalls bleiben unbegriffen, das heißt sie werden, wie in der Linken üblich, ökonomistisch reduziert, wenn sie dem Subjekt, erst recht dem sich wissenschaftlicher Analyse befleißigenden, als Gegenstand erscheinen, dessen sich der Gedanke bemächtigen könne, oder gar, umgekehrt: als Gegenstand, der den Gedanken sich subsumiere. Vielmehr ist es dieses Subjekt, das in der Reflexion sich und den Gegenstand (negativ) erst konstituiert. Dementsprechend hängt die überindividuelle Geltung von Urteilen nicht davon ab, ob in ihnen Methode und Gegenstand übereinstimmen oder nicht, sondern Wahrheit ist grundsätzlich nur zu verbürgen, wenn eine das Subjekt transzendierende, allgemeine (und verallgemeinernde) Vermittlung postuliert wird, durch die hindurch erst alle Differenzen (Methode und Sache, Subjekt und Objekt) in eins gesetzt werden können. Oder anders: man sollte den Schritt von Kant zu Hegel nicht vorschnell vollziehen – denn das droht auf Kosten der Kritik zu gehen; auf Kosten einer Kritik, der allein sich auch die Negativität der totalen Vermitteltheit (als Kapital, als Wert) zu erschließen vermag.

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2. Uli Krug: Begriff des Subjekts. Marx, Freud, Adorno und der Wert des Ich

Die Psychoanalyse ist kein der Kritischen Theorie nach Belieben anzuheftendes oder abzulösendes Assecoir: »Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrationslager Kastration charakteristischer als Konkurrenz« (Adorno). Aus demselben Grund, aus dem Marx »psychologischen« Erwägungen gegenüber so kritisch war, daß sie nämlich objektivem Zwang einen falschen Schleier von Individualität verliehen, aus demselben Grund ist die unrevidierte Psychoanalyse eines Sinnes mit der Kritik der politischen Ökonomie: Als Kritik der seelischen Ökonomie. So wie die eine das kapitale Subjekt als »Charaktermaske« eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte – in der revolutionären Hoffnung, daß kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch sind –, so legt die andere das Zwanghaft-Unbewußte am vorgeblich freien Willen des Individuums frei. So wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politischen Zwangscharakter kapitaler Subjektivität befestigt, so entspricht ihr die steigende Zusammensetzung des Subjekts in seinem Inneren: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die – schon immer limitierte – autonome Kontrolle über sein Schicksal und seine Entscheidungen, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die – schon immer limitierte – Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: Der Nationalsozialismus und die Epoche, die er begründete, können so als Infantilisierung der ehemals bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Rechtssubjekte beschrieben werden: Abhängig wie Kinder von unverstandener Außenwelt und beherrscht von einem sublimationsunfähigen Gefühlschaos, von Größenwahn, Angst und Sadismus. Der Zügellosigkeit der Feindkampagnen, wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus, mit Deutschland und den Deutschen, nicht so tun, als ob die politisch-ökonomische Regression der Gesellschaft die Kategorien wie Interesse, Bewußtsein, etc. im Individuellen in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Es.

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3. Joachim Bruhn: »Logik des Antisemitismus«: Die ökonomische/soziologische Reduktion des Wertbegriffs und ihre Folgen

Die Überlebsel der radikalen Linken haben seit dem Golfkrieg von 1991 den Antisemitismus als Thema politischer Agitation wie akademischer Beschäftigung entdeckt: Das ist schick, zumindest Common Sense. Wer sich informieren will, was das deutsche Mordkollektiv den Juden wie und wo angetan hat, leidet nicht an einem Mangel einschlägiger Literatur. Wer sich allerdings aufklären möchte, warum es das getan hat, stößt bald darauf, daß außer Moishe Postones Aufsatz über die »Logik des Antisemitismus« nur wenig Substantielles vorhanden ist. Sein Essay bedeutete, vor über zwanzig Jahren, die längst fällige Revolutionierung der materialistischen Antisemitismustheorie. Aber eben nur: der Theorie. Weil Postones Bemühung im Theoretischen steckenblieb, konnte sich hinfort die linke Kritik des Antisemitismus bestens mit den verschiedensten Spielarten des Antizionismus, der Aversion und des Hasses gegen Israel vertragen. Ein Komplex bildete sich heraus, in dem die Erkenntnis mit ihrer Verdrängung kollaborierte. Denn Postone hatte nicht nur den philosophischen Status der Kritik der politischen Ökonomie als einer Kritik verfehlt, er hatte auch das politische Moment und die staatskritische Implikation dieser Kritik verkannt. Und so wußten die Linken nun ganz genau, was es mit dem Verhältnis von konkret und abstrakt auf sich hatte, warum die Nazis von der »Brechung der Zinsknechtschaft« halluzinierten, warum die Volksgemeinschaft eine verschwörerische Antirasse sich erfinden mußte. Warum jedoch die Nazis von Anfang an ihren Vernichtungswillen so antisemitisch wie antizionistisch programmierten, das blieb sowohl als historischer Tatbestand wie als materialistisches Thema unbekannt. Postones Reduktion des Antisemitismus auf ein binnengesellschaftliches und ökonomisches Phänomen erklärt sich zwanglos aus seiner ökonomischen Reduktion des Wertbegriffs selbst, einer Depotenzierung also des Erkenntnisanspruchs, den der Materialismus mit Marx und Adorno erhebt; einer Depotenzierung, die neuerdings als »fundamentale Wertkritik« selbst schulbildend geworden ist. Wert jedoch, so wird zu zeigen sein, ist, als Inbegriff negativer Vermittlung einer in sich selbst verkehrten Gesellschaft, allererst keine ökonomische Kategorie, sondern die Kategorie der Konstitution politischer wie ökonomischer Gegenständlichkeit. Die Logik, von der Postone spricht, erweist sich erst dann als hinreichend verstanden, wird sie als Moment der negativen Dialektik des Antisemitismus bestimmt.

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4. Clemens Nachtmann: Begriff des Faschismus: Marx und die negative Aufhebung des Kapitals

Der nationalsozialistische Staat stiftet gesellschaftliche Einheit in Form der Zwangshomogenisierung der Bevölkerung zum Volk. Er organisiert die totale Dienstbarkeit des Einzelnen fürs gesellschaftlicher Ganze, die totale Unterordnung der Partikularinteressen unter die Staatsräson, indem er einerseits die bürgerliche Öffentlichkeit und ihre klassische Repräsentanz, das Parlament, zerschlägt; indem er andererseits die Organisationen der Arbeiterbewegung liquidiert und die gesellschaftliche Arbeit in unmittelbar staatlich gelenkten Massenorganisationen zusammenfaßt. Der nationalsozialistische Staat bewerkstelligt so die endgültige Aufhebung der Trennung von Staat und Gesellschaft; er kreiert den totalen Staatsbürger, der seine gesellschaftlichen Bestimmungen nur noch nebenher, als Anhängsel mitschleppt. Die »Volksgemeinschaft« ist daher alles andere als eine, wie der orthodoxe Marxismus es unterstellt, bloße Parole, die der »Verschleierung« der in gehabter Form weiterexistierenden Klassen diente. Im Nationalsozialismus konstituiert sich die Volksgemeinschaft real, und zwar in der einzig möglichen Form: ex negativo, als klassenübergreifendes Kollektiv der Verfolger, das sich tätlich, in massenmörderischer Aktion gegen diejenigen definiert, in denen der völkische Wahn die Inkarnation all dessen erblickt hatte, was der substantiellen Einheit der Nation im Wege stehe – die Juden. Die Massenvernichtung der Juden als kollektiv begangenes Verbrechen besiegelt derart den faschistischen Sozialpakt als die negative Aufhebung der Klassengesellschaft.

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5. Deutschland und das Kapital. Kann es einen Materialismus geben, der nicht antideutsch ist?

Streitgespräch zwischen Ulrich Enderwitz und Gerhard Scheit

Die Diskussion kreist um eine Frage, mit der sich der »antideutsche Materialismus« immer wieder herumschlagen muss: Was ist das Deutsche am Deutschen Sonderweg und welche Zukunft hat die deutsche Ideologie als Krisenlösung? Ulrich Enderwitz, offenbar langjähriger Sympathisant der ISF, wandte sich, reagierend auf die einschlägigen ISF-Stellungnahmen nach dem 11. September, zunächst verwundert und kritisch an seine alten Genossen und schließlich von ihnen ab.2

Enderwitz: Woher plötzlich der qualitative Unterschied zwischen liberalistisch operierendem und nationalsozialistisch organisiertem Kapital, zwischen oligarchischer Demokratie und Faschismus, zwischen Angelsachsen und Teutonen? Waren wir uns denn nicht immerhin darin einig, dass der volksdemokratische Faschismus eine logische oder jedenfalls krisen- beziehungsweise notstandslogische Konsequenz des repräsentativ-demokratischen Kapitalismus ist und der Nationalsozialismus insofern als eine durch die besonderen Umstände Deutschlands begünstigte frühe Ausbildung oder Vorform einer der kapitalistischen Entwicklung insgesamt eingeschriebenen Rezeptur gelten kann? Wobei Früh- oder Vorform gar nicht so sehr im historisch-exemplarischen als vielmehr bloß im systematisch-paradigmatischen Sinne verstanden werden soll, das heißt unter der Annahme, daß nur unter allgemeinen strukturellen Gesichtspunkten (Intervention des Staats, Zusammenschluß von Kapital und Arbeit, Schaffung eines die gemeinschaftliche Identität terroristisch festklopfenden Feindbilds), nicht aber unbedingt unter dem Aspekt seiner besonderen funktionellen Ausprägung (Führerkult, volksgemeinschaftliche Arbeitsfront, Antisemitismus) der deutsche Faschismus wegweisend gewesen ist. Es ist mit anderen Worten durchaus denkbar, daß zukünftige faschistische Entwicklungen ohne die charakterologischen Besonderheiten des deutschen Faschismus, wenn auch nicht ohne seine strukturellen Prinzipien auskommen werden. Die mordlüstern-schlagkräftige Volksgemeinschaft und der Antisemitismus sind nicht unbedingt konstitutive Bestandteil jedes Faschismus. Was nun? Entweder dieser deutsche Faschismus bleibt ein Sonderphänomen, seine »Implementation«, wie man neudeutsch zu sagen pflegt, ein Sonderweg der Deutschen; dann muß man sich, um ihn zu verhindern, auf die Seite des »normalen«, liberalistischen Kapitalismus als des herrschenden und den deutschen Sonderweg allein zu verbauen fähigen Allgemeinen schlagen. Oder dieser deutsche Faschismus ist – wie ja durch die These von der tendenziellen, wo nicht gar notwendigen Faschisierung des Kapitalismus nahgelegt wird – der maßgebende Wechsel auf das Schicksal des Kapitalismus ganz allgemein, der Vorgriff auf die Zukunft aller Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht; dann hat man in vexierbildlicher Wiederaufnahme der Rede vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen wird, und des darin kodifizierten Größenwahns Deutschland zur schlechthin schicksalsträchtigen Nation, zum »Meister der Krise« oder besser gesagt zum »Tier der Apokalypse« erklären. Diese Sicht aber von Deutschland als dem bahnbrechenden Vorreiter beziehungsweise wegweisenden Anführer beim leviathanischen Marsch in den apokalyptisch permanenten Notstand scheint mir bar jedes Realismus und historischen Sinns. Sie führt in Selbstbespiegelung und damit hinein in die Paradoxie des Antideutschtums, einer aus Provinzialismus und Projektion gemischten negativen Deutschtümelei.

Scheit: Die oberste Instanz der Gewalt ist der Staat. Seine Souveränität ist so allgemein wie das Kapitalverhältnis. Anders als bei dessen Fetischismus, der im Logisch-Abstrakten der Wertform steckt, erschließt sich Ideologie hier jedoch im Historisch-Konkreten – möglich allerdings nur durch die Kritik jener fetischistischen Form. Denn Souveränität wird letztlich durch die von vornherein gegebene Möglichkeit der Krise konstituiert. Die Kritik der Warenform ist zwar die Bedingung dafür, die Macht radikal in Frage zu stellen, die das Monopol auf die gewaltsame Durchsetzung dieser Form beansprucht – aber die Staatsmacht geht darum in der Warenform so wenig auf wie der Gebrauchswert im Tauschwert. Es geht also darum, die Logik des Kapitals und die Geschichte des Staats jederzeit als einen einzigen, unauflösbaren Zusammenhang zu begreifen – ohne sie entweder als Logisch-Abstraktes oder Historisch-Konkretes kommensurabel zu machen, ohne die Nichtidentität in der Identität verschwinden zu lassen. Der Wert ist immer und überall derselbe – mit sich selbst absolut identisch (Differenz ist allein quantitativ möglich); und er kann überhaupt nur als diese absolute Identität auf den Begriff gebracht werden. Der Staat entspricht zwar seinerseits solcher realen Abstraktion und ist insofern immer und überall der gleiche; untrennbar davon aber – also gerade in seiner Allgemeinheit – läßt er sich nur als ganz bestimmter begreifen, das heißt: im Zusammenhang, in dem er mit seinesgleichen steht und worin er sich unterscheidet. So ist es ein- und dasselbe Kapitalverhältnis, das überall in die Krise gerät, doch gerät es überall auf je verschiedene Weise in die Krise – und darüber entscheidet nicht zuletzt, welches Bewußtsein von Krise und Krisenbewältigung das Verhältnis zum Staat bestimmt und die Menschen zur Nation formiert. So wären nicht nur ganz allgemein die Warenbesitzer mit dem Staat in Beziehung zu bringen – unter dem Gesichtspunkt: Was ist eine Nation? –, sondern genau in diesem Punkt die Staaten zueinander ins Verhältnis zu setzen – also: Was ist deutsch?

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6. Iris Harnischmacher: Begriff der Kritik (1). Karl Marx und die gesellschaftliche Reflexion der Hegelschen Systemphilosophie Hörenswert!

Ein recht anspruchsvoller, aufgrund zahlreicher Erläuterungen aber doch verständlicher Vortrag zum Verhältnis von Hegel und Marx hinsichtlich des Verfahrens immanenter Kritik. Im Mittelpunkt steht der Begriff des Gesetzes und die Kritik an ihm.

Die Transformation des Hegelschen Begriffs in materialistische Kritik läßt die destruktiven Züge des Denkens deutlicher hervortreten, die der »Wissenschaft der Logik« zufolge die reflexive Tätigkeit des Verstandes charakterisieren. Als die negative Kraft des Denkens werden sie zu konstruktiven Momenten der positiven Wahrheit neutralisiert, dergestalt, daß, was sie destruieren, zur neuen Einheit zusammengefügt, in die neue entstehende Unmittelbarkeit überführt wird. Die materialistische Kritik formt ein Denken, das aller proklamierten Negativität zum Trotz vor seiner eigenen zerstörerischen Macht geschützt zu sein glaubt, in ein selbstkritisches Denken um, das eingesteht, von der Wirklichkeit abzuhängen, ohne sich ihr vollständig zu unterwerfen. Es glaubt, von der Kritik ausgenommen zu sein, weil es sich in ein substantielles, durch die Sache hindurch sich realisierendes, sich vampirisch von ihr nährendes, sie ersetzendes Denken verwandelt hat: in Geist. Die Kritik zielt nicht darauf, das geistige Prinzip durch ein materielles zu ersetzen. Die Transformation des Idealismus, die erfordert ist, weil er die gebrechliche Einrichtung der Welt ignoriert, setzt voraus, ihn dialektisch zu entfalten. Marx hält am objektiven Impuls der idealistischen Philosophie fest. Er zeigt zugleich, daß in ihrem Rahmen der Anspruch, die Wirklichkeit zu greifen und das Denken zur Objektivität zu führen, nicht erfüllt ist. Die Weise, in der er mit dem Idealismus bricht, ist durch dessen eigene methodische Einsichten vorgegeben. Nicht subjektives Dafürhalten, der am Gegenstand sich bildende Begriff begründet die materialistische Kritik. Der Integrität und inneren Wahrheit des Gegenstandes entspräche es, seine aktuelle Form zu zerstören, in der zu verharren er nicht zuletzt durch eine affirmative Philosophie gezwungen ist. Die Kritik unterscheidet sich darin vom logischen Begriff, daß sie zu einem destruktiv-transitorischen Wahrheitsbegriff gelangt. Nicht die adäquate Darstellung der Realität ist ihr Ziel, sondern die tätige Veränderung. Die Kritik ruht nicht in sich, denn der Impuls zur Veränderung geht von der Praxis aus. Ob er vorhanden ist, mag eine theoretische Frage sein; ihn hervorzubringen ist nicht die Aufgabe der Theorie. Zwar strebt die Kritik wie der absolute Idealismus die Versöhnung an, doch zeigt sie, daß, wer dieses Ziel erreichen will, die falsche Form der Welt ebenso wie die falschen Formen des Bewußtseins, die ihr korrespondieren, zerstören muß.

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7. Hans-Georg Backhaus: Begriff der Kritik (2). Horkheimer, Adorno und die gesellschaftliche Reflexion der Marxschen Ökonomiekritik

Um Adorno und Horkheimer geht es in diesem Vortrag nur am Rande. Backhaus redet eher über die erfolglosen Versuche der ökonomischen Wissenschaft, das Geld widerspruchsfrei zu bestimmen. In der Diskussion wird die meiste Zeit gelacht, etwa nachdem Backhaus eine Aussage Marxens zitiert, in welcher jener seinen Stolz bekundet, dem deutschen Volk anzugehören…

Die traditionell einseitige Rezeption des marxschen »Kapital« in seiner Eigenschaft als einer »Kritik der politischen Ökonomie« führt darauf, daß die Neutralisierung oder gar Eliminierung des Marxschen Kritik-Programms ein konstitutionelles Markmal des traditionellen Marxismus ausmacht, und zwar in allen seinen Spielarten. Dagegen begründet Max Horkheimers Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« eine neue Perspektive, indem das die Differenz der beiden Theorietypen kennzeichnende Attribut »kritisch« ausdrücklich auf die »dialektische Kritik der politischen Ökonomie« bezogen wird, also auf Marxens Analyse im Sinne einer »dialektischen Kritik«. Dabei geht es einmal um jene spezifische Auslegung der »Kritik« und ebenso ihres Objekts, wie sie Theodor W. Adorno in seinen 1942 verfaßten »Reflexionen zur Klassentheorie« knapp und präzise formuliert hat: daß Marxens »Kritik der politischen Ökonomie die des Kapitalismus« bedeutet, also die der »politischen Ökonomie« primär nicht als einer ökonomischen Theorie, sondern als eines realen ökonomischen Gesamtsystems – eines »Systems der Entmenschlichung«, wobei Adorno die »Unmenschlichkeit« so definiert, »daß die Menschen zu Objekten geworden sind«. Einer so verstandenen »Kritik der politischen Ökonomie« geht es nicht allein um die Kritik apologetischer Wirtschaftstheorien, sondern um eine weit radikalere und umfassender Kritik, die in eine Begründung der Klassentheorie als Basis des Historischen Materialismus einmündet, somit in eine »Kritik der ganzen Geschichte« als einer zu kritisierenden »Geschichte der Herrschaft«. Herbert Marcuse hat die Konsequenz dieses kritischen Erkenntnisbegriffs am provokantesten formuliert: »Die Wahrheit der materialistischen These soll sich in ihrer Negation erfüllen.« Und im gleichen Sinne schrieb Adorno 1969 in seiner »Negativen Dialektik«: »Fluchtpunkt des historischen Materialismus wäre seine eigene Aufhebung. … Eine befreite Menschheit wäre nicht länger Totalität, eine wahre Gesellschaft erst wäre frei von Widerspruch und Widerspruchslosigkeit gleichermaßen.« Und trotzdem wird bis heute der werttheoretische Hintergrund jenes Grundmotivs der Frankfurter »Kritik« ignoriert, daß das »Ganze« der kapitalistischen Gesellschaft ein »Unwahres« ist, »eine falsche Identität von Subjekt und Objekt«.

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8. Manfred Dahlmann: Der Wert und die Ideale: (Un-)Moralische Perspektiven

Der sogenannte Materialismusstreit beherrschte die philosophischen Debatten der Linken in den siebziger Jahren. Von den sich als Materialisten bezeichnenden kritisiert wurde ein ‚Idealismus‘, dem die Idiotie unterstellt wurde, er betrachte die Gegenständlichkeit der Natur als bloßes Gedankengebilde. Gar nicht ging es ihnen um das naheliegendste: die Kritik der Ideale im profanen, umgangssprachlichen Sinne. Der Grund dafür ist einfach – waren sie es doch, die damaligen ‚Materialisten‘ also, die die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer reinsten Form (Freiheit, Gleichheit, Solidarität) zu verwirklichen vorgaben, und legitimierten sie doch auf genau dieser (nicht anders als idealistisch zu nennenden) Grundlage ihre Politik. Alles also wie gehabt: die Linke als die wahren Bürger und somit als Ärzte am Krankenbett einer Welt, die den Glauben an ihre eigenen Ideen längst verloren hatte. Die bürgerliche Rechte redet denn auch seit langem schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, von kaum etwas anderem als vom Verfall der kulturellen Werte (der ihnen dabei gern als Konsequenz des »Materialismus« gilt) und sieht in ihm die Ursache alles Bösen. Unter Linken und Rechten herrscht ungeachtet aller Animositäten bis auf den heutigen Tage somit der Glaube, wie in der Antike seien es die individuellen Tugenden, und somit das wohlgefällige, am Guten, Wahren, Schönen ausgerichtete Leben eines jeden, die letztlich darüber entschieden, wie es um die Qualität des gesellschaftlichen Ganzen bestellt sei. Wer wollte denn auch bestreiten, daß die Moral in seinem Alltag eine herausragende Rolle spielt (keiner behauptet schließlich von sich, er gefalle sich darin, seinen Freunden und Bekannten als Bösewicht gegenüber zu treten), und was liegt näher, als ins gesellschaftliche Allgemeine unmittelbar zu projizieren, was aus dieser Erfahrung – der, daß man selbst zweifellos nie etwas Böses im Schilde führen könne – unmittelbar folgt: daß es sich bei den anderen um Menschen mit schlechtem Charakter handeln muß, wenn es gesellschaftlich mal nicht so läuft wie man selbst es gerne hätte. Gegen die unvollkommene Verwirklichung der Werte als auch gegen den Werteverfall wird allseits die gleiche Medizin aus dem Arsenal erfolgsorientierten Managements verschrieben: konsequentes, zielgenaues Handeln. Selbst wem es um die Umwertung aller Werte (Nietzsche/Heidegger/Foucault) geht, oder auch, etwas bescheidener, nur um die Wertfreiheit der Wissenschaften (die so zur Verwirklichung allgemein anerkannter, pluralistischer Werte instrumentalisiert werden sollen), der redet immer von den anderen als denjenigen, die die falschen Ideale (oder die richtigen Ideale mit falschen Mitteln) verwirklichen würden, aber nie darüber, worum es jedem Gerede um Moral, Normen, Macht, Zwecksetzungen oder was für einer Praxis und Idealität auch immer in Wirklichkeit einzig geht: die Verwertung des Werts als die im empirischen Subjekt sich konstituierende und in Geld und Kapital inkarnierende gesellschaftliche Synthesis.

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9. Abschlußveranstaltung: Begriff des Kommunismus – Notwendigkeiten der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft nach dem 11. September

Podiumsdiskussion mit Tjark Kunstreich, Horst Pankow, Stephan Grigat (angefragt) und Joachim Bruhn

(Grigat: Was heute ansteht, ist eine Radikalisierung der Kritik der Politik vor dem Hintergrund der Neurezeption der Marxschen Fetischkritik. Die Kritik an der begeisterten Bezugnahme auf jede auch nur irgendwie widerständige Regung der wert- und staatsfetischistischen Subjekte und an der diesen Regungen im Postnationalsozialismus fast zwangsläufig innewohnenden Affirmation der Volksgemeinschaft muß dabei in Zukunft ins Zentrum gerückt werden. In dieser Kritik wird Politik einerseits als bewußte Herrschaft und andererseits als objektiver, den Trägern von Politik unbewußter historischer und aktuelle Durchsetzungsmodus der Wertvergesellschaftung begriffen. Auch die Politik der traditionellen Arbeiterbewegung wie der Neuen sozialen Bewegungen hat daran teil. Allein die Tatsache, daß alle anfänglich emanzipatorischen Bewegungen im Staat gelandet sind, rechtfertigt es, jede Politik als staatsfixiert zu begreifen. Der Kritik der Politik geht es daher nicht um die Wiederbelebung des Politischen oder um die Rettung der Politik, sondern um ihre Abschaffung.)

Pankow: Spätestens mit Auschwitz wurde der Zionismus als jüdisches Selbstbewußtsein, das sich auch materiell – d. h. gewaltsam – zu behaupten weiß, für die Juden zur Überlebensnotwendigkeit. Schließlich hatten die Deutschen unter Beweis gestellt, wozu der Antisemitismus in seiner Konsequenz fähig ist. Wenn ein auf solche Weise gewaltsam zur »Nation« befördertes Kollektiv sich einen Staat schafft, ist dies in einer Welt, deren Normalzustand die gewaltförmige Organisation in Staaten ist, nicht nur nicht verwunderlich, es ist erforderlich. Die Gründung Israels war insofern nur konsequent. Israel ist für alle Juden eine Bedingung relativer Sicherheit, solange es Antisemitismus gibt. Gerade antinationale und antideutsche Linke haben daher das scheinbare Paradox zu akzeptieren, daß es ihre Aufgabe ist, die Existenz des Staates Israel und seiner nationalen Interessen bedingungslos zu verteidigen.

Bruhn: »Ihr wißt, der Kommunismus ist ein System, nach welchem die Erde das Gemeingut aller Menschen sein, nach welchem jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten, ›produzieren‹, und jeder nach seinen Kräften genießen, ›konsumieren‹ soll; die Kommunisten wollen also die ganze alte gesellschaftliche Organisation einreißen und eine völlig neue an ihre Stelle setzen. (…) Denn daß aber an der alten, gänzlich verfaulten Gesellschaftsordnung zu flicken und zu übertünchen Zeitverschwendung ist, wird jeder vernünftige Mensch leicht erkennen. Es ist daher nötig, daß wir fest an dem Wort Kommunismus halten und es kühn auf unsre Fahnen aufpflanzen und dann die Streiter zählen, die sich unter derselben versammeln«, so heißt es in der »Ansprache der Volkshalle des Bundes der Gerechten« an den Bund aus dem Februar 1847; und wenig später gab man bei Marx das »Kommunistische Manifest« in Auftrag. An der Wahrheit dieser Sätze hat der 11. September einerseits gar nichts geändert, andererseits aber so viel, daß Vernunft und Wirklichkeit ein weiteres Stück auseinandergetreten sind, so weit, daß, wenn die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« die antiimperialistischen Bekenntnisse von Arundhati Roy druckt, die Linke das stantepede im autonomen Vereinsblättchen raubdruckt. Das kommt davon: Deutsche Bourgeoisie und deutsche Linke sind eine Volksfront geworden: So viel, als Fußnote, zum Begriff des Kommunismus.

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  1. Siehe etwa den entsprechenden Vortrag von Ingo Elbe und die zuletzt von Manfred Dahlmann in der Prodomo formulierte Kritik an der NML, die in einem Zusammenhang mit dem Begriff der Freiheit, der Kritik des Antisemtimus und dem Existentialismus Sartres steht: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3. Joachim Bruhn hat unterdessen seine Kritik an der akademischen NML zugespitzt zu der Frage »Warum können Marxisten nicht lesen?«. Hinzuweisen ist auch auf den Nachtrag zur Prodomo-Debatte, den Elmar Flatschart in der EXIT! veröffentlicht hat. Nr. 10/2012 [zurück]
  2. Hier ein Überblick über die entsprechenden Texte: [zurück]
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Roger Behrens: Versuche einer kritischen Radiopraxis December 9, 2012 | 02:53 pm

Er hielt Rundfunkvorträge, nahm an Gesprächsrunden1 teil, diskutierte im Fernsehen über Fragen der kritischen Theorie, bediente sich des Rundfunks, um im Sinne der Erziehung zur Mündigkeit mit politisch – philosophischen Beiträgen Aufklärung zu leisten: Theodor W. Adorno. Michael Schwarz, Mitarbeiter im Adorno-Archiv, hat allein 114 Rundfunkgespräche gezählt, bei denen sich Adorno vor das Mikrophon setzte. Noch höher ist die Zahl der ausgestrahlten Vorträge im Radio. Durch die Partizipation im öffentlich-rechtlichen Rundfunk versprach er sich seinen Teil zur Entbarbarisierung beizutragen; das Radio als Kommunikationsapparat zu nutzen, statt es wie in der Kulturindustrie zum Volksempfänger zu funktionalisieren.
Das (öffentlich-rechtliche) Radio, das hilft nicht zu verkümmern, ist heute Illusion: Rundfunkanstalten sind vernarrt in die Idee, dass Hörfunk eine Art überall erreichbaren Services sei. Die Konsequenz ist das kleinste zumutbare gemeinsame Vielfache: Musik, die durch den Alltag dudelt und – quasi zusätzlich- Informationen über das Wetter, den Verkehr und das tagesaktuelle Geschehen – möglichst gut und schnell verdaulich. Nicht verwunderlich daher, dass Akteure, die sich in der Tradition der Kritischen Theorie sehen, sehr selten in solchen Formaten zu Wort kommen. Die Wenigen, die dennoch zu hören sind, sind zumeist auf die limitierten Möglichkeiten freier Radios angewiesen. Ein Beispiel liefert Roger Behrens Sendung Freibaduniversität (im Winter Hallenbaduniversität genannt), die er für das Freie Senderkombinat Hamburg und Radio Corax produziert. Einige Sendungen der letzten Monate dokumentieren wir im Folgenden.

Zu Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte2

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund ist offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte) Roger Behrens spricht über die posthum unter dem Titel „Über den Begriff der Geschichte“ publizierten geschichtsphilosophischen Thesen Benjamins.

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Verstummen. Versuch einer Aktualisierung der Kritischen Theorie

Roger Behrens unternimmt den Versuch einer Bestandsaufnahme sowie einer Aktualisierung der kritischen Theorie des Sozialphilosophen Theodor W. Adorno; dabei geht es auch um Aspekte, die in der kritischen Gesellschaftstheorie Adornos widersprüchlich oder bloß angedeutet blieben, etwa um die Frage der gegenwärtigen Bedeutung der Kritik der Kulturindustrie für die neuere Popkultur, um die Perspektiven einer ästhetischen Theorie nachdem Kunst endgültig verstummt scheint.

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Die Moderne redigiert. Zum Tod von Heinz Paetzold

Am 9. Juni ist der Kulturphilosoph und Kritische Theoretiker Heinz Paetzold gestorben. Wer Paetzold liest, merkt sofort, auf welche Vielfalt von Theorien er sich bezogen hat. Keineswegs ist sein Zugriff auf die unterschiedlichsten Theorien affirmativ, wenn auch insofern wohlwollend, als er selbst Arnold Gehlen oder Shuzo Kuki und Tetsuro Watsuji in der Perspektive rettender Kritik rezipiert.

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Über und gegen Heideggers Ontologie

Heideggers Ontologie wurde von unterschiedlichsten Schulen nachgerade euphorisch rezipiert als vermeintlich einziger Denkweg, der im gegenwärtigen Zeitalter überhaupt noch beschritten werden könne. Dass Heidegger die Metaphysik endgültig zerschlagen wollte und Jacques Derrida dies mit dem Verweis quittierte, Heidegger sei damit nicht weit genug gegangen, ist überdies symptomatisch für eben die Paradoxie, die die moderne Ontologie im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts ohnehin bezeichnet: Die Fundamentalontologie ist nur naiv oder zynisch vom deutschen Boden zu trennen, auf dem die Lichtung des unverborgenen Seins inmitten des nationalsozialistischen Terrors ausgemacht wurde. Dass Heidegger sich nicht nur persönlich zum Faschismus bekannte, gilt noch heute in der akademischen Philosophie als Tabu.

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Erich Fromm und die kritische Theorie des Subjekts

Erich Fromm über den angepassten Menschen heißt ein kurzer, zweiminütiger Clip auf Youtube, in dem Fromm in einem Interview von 1977 über die spätkapitalistische Gesellschaft spricht: Wie werden Menschen in die bestehende Ordnung integriert, und wie wird dabei ihr psychischer Apparat so organisiert, dass man sich mit einer Struktur abfindet, in der die Repression nachgerade als Erfüllung höchster Ziele erscheint? Fromm beginnt: Die Normalsten sind die kränkesten, und die Kranken sind die gesündesten … Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch Symptome erzeugen … Glücklich der, der ein Symptom hat; wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt. Das wissen wir: Wenn der Mensch keinen Schmerz empfinden würde, wäre er in einer sehr gefährlichen Lage. Aber sehr viele Menschen sind so entfremdet, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden, das heißt, ihr wirkliches Gefühl ist so verkümmert, dass sie das Bild einer chronischen leichten Schizophrenie zeigen.

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Allumfassende Kulturindustrie

In der Konkurrenz der Medien ist der Bedarf nach Musik, Geschichten und Bildern ebenso unersättlich wie in der politischen Konkurrenz der Interessen der nach Expertenäußerungen. Irgendwelche Verbindlichkeit hat das alles nicht. Ein Musikstück folgt dem anderen, eine Expertenäußerung wird von der nächsten aufgehoben. Künstler machen es mehr mit modischer Unangepaßtheit. Aber im Großteil der Fälle passiert gar nichts. Roger Behrens über die Totalität und die Möglichkeiten einer Kritik der Kulturindustrie.

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Krieg und Pop

Die Gammler und der Protest gegen die atomare Wiederaufrüstung, die friedliche Nelkenrevolution mit den Blumen in den Gewehrläufen, die Poster, auf denen Atompilze und sterbende Soldaten mit einem Why? befragt wurden, und die Mauer, auf der steht: Stell Dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin!; Yoko Ono und John Lennon (Make Love, not War), Joseph Beuys (Wir wollen Sonne statt Reagan, in), Nicole (Ein bißchen Frieden) und natürlich die Bots, überhaupt die Friedensbewegung, das Friedenszeichen und Picassos weiße Taube, und so weiter. Doch die Symbolik der Popkultur ist nur augenscheinlich eine des Friedens: Bereits die frühen Jugendbewegungen zogen 1914 begeistert in den ersten Weltkrieg; eine – wie auch immer codierte – Adaption militärischer Accessoires gehört zu fast allen Popkulturen, von den Flieger-Lederjacken bis zu den Parkas der Mods und! der derzeitigen Camouflagebekleidung. Ihren Protest gegen den Krieg setzt die Popkultur nicht selten mit den Mitteln des Krieges um – diesen Zynismus hat zuerst der Punk erkannt, allen voran Gruppen wie Crass, die dann auch richtig stellten: Fight War, not Wars!. Um es kurz zu machen; Kein Pop ohne Krieg. Friedrich Kittler hat die Nähe zwischen Kriegselektronik und moderner Kulturtechnik nachgewiesen; die Fundierung der sexistischen Gewalt in der Popkultur, die im Krieg etwa als Massenvergewaltigung eingesetzt wird, bestätigt Männerphantasien von Ernst Jünger bis Slayer. Alle maßgeblichen Elemente der Massenkultur sind zugleich Elemente des Krieges. Roger Behrens über Krieg und Pop.

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Gesellschafts- statt Kulturkritik.75 Jahre traditionelle und kritische Theorie (Max Horkheimer)

Die Frage, ob man für oder gegen Kritische Theorie sei, ist Unfug; sie entspricht der herrschenden Tendenz in den Geistes- und Sozialwissenschaften, vom theoretischen Ballast, von schwerverdaulicher Kritik sich zu verabschieden: sich frei zu machen, womöglich von Theorie überhaupt; als ob nicht die Zustände das Problem seien, sondern die Theorie, die diese Zustände als problematisch beschreibt. Mit der Kulturindustriethese gelingt Adorno eine Kulturkritik, die über den konservativen und restaurativen Kulturpessimismus mehr als hinausgeht – und deswegen keine Kulturkritik ist, sondern an der Kultur explizierte Gesellschaftskritik; mit der Kulturindustriethese entfaltet Adorno die Notwendigkeit einer dialektischen Aufhebung der Kultur, als deren Resultat das stünde, was Adorno kaum auszusprechen wagte, was zugleich im Namen der Kultur strukturell verhindert wird: die emanzipierte Gesellschaft. Roger Behrens – aus Anlass des 75. Jahrestages des Erscheinens des Aufsatzes traditionelle und kritische Theorie von Max Horkheimer – zur Aktualität der Kritischen Theorie.

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Kritik der Medien und des Pop

Seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts bilden Neue Medien, Pop, Postmoderne und die dazugehörigen theoretischen Derivate die kulturelle, technische und ideologische Architektur des Spätkapitalismus; zusammen mit Wörtern wie Information, Kybernetik, Kommunikation und dergleichen bestimmen sie den Ausdruckszusammenhang der Entwicklung von der fordistischen zur postfordistischen Gesellschaft bis in die Gegenwart. Pop, Medien oder Postmoderne werden dabei in je spezifischen Diskursformationen (Popdiskurs, Cultural Studies, Medientheorie, Postmoderne und Poststrukturalismus) als Paradigmen eingeführt. Dabei werden Bezeichnungen wie Pop und Medien auf immer mehr Bereiche der gegenwärtigen Gesellschaft ausgedehnt und verallgemeinert (ohne damit aber Allgemeines zu begreifen): Die Gesellschaft wird zum abstrakten Modell, die konkreten Beziehungen der Menschen immaterialisiert. Die materiellen Bedingungen der Produktion sind aufgelöst in Feldern, Koordinaten, Systemen, oder werden schlichtweg theoretisch annulliert. Roger Behrens übt eine Kritik der Medien und des Pop.

    Download: via FRN (mp3; 49 min; 35 MB)

Weitere aktuelle Beiträge von Behrens werden unregelmäßig, aber früher als im Audioarchiv, hier zusammengetragen.

  1. Eine kleine Auswahl findet sich unter anderem bei Ubu:
    http://ubu.com/sound/adorno.html
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  2. In dieser Sendung tauchen auch hin und wieder Sequenzen des Ammer & Console Projektes Loopspool (1999) auf. Dort finden sich die Stimmen von Theodor W. Adorno, Laurie Anderson, Ernst Bloch, Lisa Fittko, Heiner Müller, Max Rychner und Gerschom Sholem: http://www.coderecords.de/code01loopspool.html [zurück]
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An den Grenzen des Geistes (II) December 8, 2012 | 02:02 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Nach einiger Verzögerungen können wir nun einige weitere Beträge der Berliner Améry-Tagung vom 17. November 2012 dokumentieren. Es handelt sich um zwei Vorträge des zweiten Podiums, das einen philosophischen Schwerpunkt hatte, sowie um den Abschlussvortrag der Améry-Biografin Irene Heidelberger-Leonard, die viele Motive der Tagung noch einmal aufgreift und einige neue Aspekte anspricht. Das Literatur-Podium wurde nicht aufgezeichnet. Es ist nach Aussage der VeranstalterInnen allerdings ein Tagungsband geplant, in dem alle Beiträge schriftlich dokumentiert werden.

Podium 2: Philosophie im Spannungsfeld von Erfahrung und Abstraktion

Gerhard Scheit, Folter und Vernichtung. Jean Amérys immanente Kritik an der Philosophie Jean-Paul Sartres

Deborah Hartmann, »Was mir anliegt, das ist die Beschreibung der subjektiven Verfassung des Opfers.« Jean Améry, Theodor W. Adorno und das Jude-Sein nach Auschwitz

Deborah Hartmann, Studium der Politikwissenschaft und Geschichte in Wien, seit 2007 Pädagogische Mitarbeiterin der International School for Holocaust Studies Yad Vashem, lebt seit 2011 in Berlin und repräsentiert die pädagogische Abteilung Yad Vashems in den deutschsprachigen Ländern. [via]

Festvortrag:
Irene Heidelberger-Leonard, Was bleibt? – Jean Améry zum 100. Geburtstag

Vom Festvortrag gibt es auf Youtube eine Videoaufzeichnung mit mäßiger Klangqualität.

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Privateigentum – »tief im Wesen des Menschen« begründet? November 22, 2012 | 11:20 pm

Zur Entstehung und Kritik des bürgerlichen Eigentumsbegriffs

Die Freie Uni Bamberg dokumentiert einen einführenden Vortrag vom 22.06.2012, den Ingo Elbe (u.a. Rote Ruhr Uni, Institut für Sozialtheorie) offenbar schon öfter gehalten hat. Er befasst sich mit der Legitimation des Privateigentums bei John Locke, dessen Theorie recht kleinschrittig und leicht verständlich entwickelt wird, wie auch mit Kritik an derselben, wie sie von Immanuel Kant formuliert wurde. Eingerahmt ist das Ganze von einem ideengeschichtlich aufschlussreichen Exkurs über die (Gemein-)Eigentumsvorstellungen der Vormoderne am Anfang und einigen Ausführungen zur Kritik des Privateigentums im Kontext der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie (u.a. gewaltsame Aneignung in der ursprünglichen Akkumulation) am Ende.

Einen gewissen Nachdruck legt Elbe darauf, dass bereits die Lockesche, frühbürgerliche Apologie des Eigentums die Möglichkeit eines Opfers des Eigentümers an die Eigentumsordnung als solche enthält. Vgl. dazu auch seinen Text Vom Eigentümer zum Eigentum und allgemein die Sammelbände zur Kritik der politischen Philosophie.

Download: via AArchiv, via RS (1:13 h, 67 MB)

Hören:

    Das Privateigentum (an Produktionsmitteln) ist das rechtliche Basisinstitut der kapitalistischen Gesellschaft. Seit ihrer Entstehung wurde daher auch versucht, dieses Institut zu rechtfertigen. Die bei weitem einflussreichste Legitimationsstrategie findet sich in der 1689 veröffentlichten »Zweiten Abhandlung über die Regierung« von John Locke. Das Privateigentum wird hier systematisch als unantastbares Menschenrecht aufgefasst und aus dem Selbsteigentum der Person und seiner Vermischung mit Naturgegenständen im Prozess der Arbeit abgeleitet. Damit wird dem aufstrebenden Bürgertum eine nachhaltige Legitimationsgrundlage verliehen, die noch im BGB nachwirkt.

    Der Vortrag soll Lockes eigentumstheoretische Revolution in ihren ideengeschichtlichen Konstellationen vorstellen, ihre immanenten Widersprüche kritisieren und zeigen, wie im so genannten »Besitzindividualismus« der Besitz sich letztlich radikal gegen das Individuum kehrt.

    Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg und Vorsitzender des Bochumer Instituts für Sozialtheorie. Zuletzt hat er in der Freien Uni über das Thema »Gesellschaftskritik als proletarische Weltanschauung« gesprochen.

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An den Grenzen des Geistes (I) November 21, 2012 | 10:09 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Am 17. November veranstaltete der Arbeitsbereich Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen der FU Berlin eine kleine, aber gut besuchte Konferenz über Jean Améry. Unterstützt durch die VeranstalterInnen sowie die Tontechniker vor Ort und mit freundlicher Einwilligung der ReferentInnen habe ich einige der Vorträge aufgezeichnet. Hier erfolgt nun zunächst die Dokumentation des Eröffnungspodiums. Es stand unter dem Titel: »…daß das Wort nicht verstumme«: Was bedeutet »Moralisierung der Geschichte«?

Sich durch dieses und andere Podien ziehende Fragen bezogen sich auf Amérys Erfahrungen als Opfer von Folter und als Shoahüberlebender, sowie auf sein Verhältnis zu Sartre, Adorno, Hannah Arendt und zum Zionismus.

Die Beiträge sind auch auf Archive.org hinterlegt. Der zweite Teil der Dokumentation liegt mittlerweile auch vor.

Hermann Haarmann und Birte Hewera: Begrüßung und Einführung


    Download: via AArchiv, via RS (0:10 h, 4 MB)

Birte Hewera: Die »Wahrheit der Untat« – Jean Amérys Ressentiments


    Download: via AArchiv, via RS (0:27 h, 13 MB)

Miriam Mettler: Unversöhnlichkeit und Utopie – der Begriff der Heimat bei Adorno und Améry


    Download: via AArchiv, via RS (0:21 h, 10 MB)

Christoph Hesse: »Einen ewigen Namen will ich ihnen geben…« Claude Lanzmanns Film Shoah


    Download: via AArchiv, via RS (0:18 h, 8 MB)

An den Grenzen des Geistes.
Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry
17. November 2012, 10.00 bis 18.30 Uhr, Eintritt frei
Akademie der Künste, Clubräume, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Jean Améry

Hans Mayer alias Jean Améry, der sich in den neunzehnhundertsechziger Jahren als Essayist, Publizist und Schriftsteller einen Namen machen konnte, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach Belgien fliehen. Dort schloss er sich einer Widerstandsgruppe an. 1943 wurde er von der Gestapo als politischer Gegner verhaftet und anschließend im belgischen Auffanglager Breendonk von SS-Männern gefoltert. Es folgte seine Deportation nach Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau und schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im April 1945 von den Engländern befreit wurde. Die Erfahrungen von Folter und KZ blieben für immer der unhintergehbare Ausgangspunkt für sein Denken.
Über die Tagung

Das Berliner Symposion nimmt Jean Amérys 100. Geburtstag zum Anlass, die Diskussion um Person und Werk Jean Amérys weiter voranzutreiben und diesem Kommentator und Kritiker der Zeitgeschichte das ihm gebührende wissenschaftliche und politische Interesse zuteil werden zu lassen. Die Tagung möchte den moralischen, politischen, philosophischen und ästhetischen Aspekten im Werk Amérys nachspüren. In einem interdisziplinären Zugriff auf seine literarischen, philosophischen und publizistischen Arbeiten soll erörtert werden, inwieweit sie sich als kritische Interventionen in einer breiteren politischen Öffentlichkeit heute noch bewähren können.

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Wo keins ist, ist eins #8 – #11 September 11, 2012 | 02:36 pm

Da ich vermute, dass auch die meisten Nutzer_innen des Audioarchivs nicht die ganzen letzten Sommertage in ihren Zimmern hocken und sich Radiosendungen über Hegel reinziehen, mögen sie es mir verzeihen, dass ich es mit der Regelmäßigkeit etwas habe schleifen lassen und nun schon wieder eine ganze geballte Ladung Philosophie, diesmal gleich vier Ausgaben der Dialektik-Sendung vom FSK auf einmal hier dokumentiere. Vielleicht sind es ja ein paar Stunden, mit denen sich die werten Hörer_innen den kommenden Herbst oder dann den Winter denkerisch versüßen können – hörenswert sind die Sendungen in jedem Fall.

Wo keins ist, ist eins #8 (13.05.2012)

In der Sendung steht die Wirklichkeit als Einheit von Inneren und Äußeren, Kraft und Äußerung, Wesen und Erscheinung im Vordergrund. Hatte die metaphysische und positivistische Tradition die formelle Wirklichkeit als das, was sich widerspruchsfrei denkbar zu erweisen hat, erfasst, so wird mit Hegel die innere Widersprüchlichkeit einer solchen Wirklichkeit aufgewiesen, die sich als zufällig erweist, d.h. nicht notwendig so ist, wie sie ist, sondern auch anders sein kann. Das nötigt Hegel von der formellen zur realen Wirklichkeit, Möglichkeit und Notwendigkeit überzugehen. Ein Kurzschluss von Notwendigkeit und Wirklichkeit, ein überdeterminierter Wirklichkeitsbegriff, wie der Positivismus oder kritische Rationalismus ihn haben, führt dazu, dass schließlich alles, was notwendig sein soll, sich als etwas erweist, was auch ganz anders sein kann. Die reale Möglichkeit der Totalität der Bedingungen einer Sache ist vorhanden, bevor die Sache in Existenz tritt. Fehlen Bedingungen der Veränderung in einer bestehenden Möglichkeit, sind Versuche gesellschaftliche Praxis zum Scheitern verurteilt.

    Download: via AArchiv (mp3; 1:40:36 h; 57,6 MB)

Wo keins ist, ist eins #9 (Juni 2012)

Zur Wirklichkeit gehört nicht nur das Beobachtbare, sondern auch deren Möglichkeiten, Vernunftpotentiale; so endet die objektive Logik Hegels und dies reflektiert auch die materialistische Dialektik Adornos. Der Übergang zum Subjekt oder Begriff des Begriffs hat es in sich. Die Dialektik von Allgemeinen und Besondern wird anhand von Hegels Verständnis von Begriff und deren materialistischer Kritik aufgewiesen wie u.a. Adorno sie zusammenfaßt: »Dialektik heißt nicht, wozu sie in der Parodie wie in der dogmatischen Versteinerung wurde, die Bereitschaft dazu, die Bedeutung eines Begriffs durch eine erschlichene andere zu substituieren; nicht, man solle, wie man der Hegelschen Logik es zumutet, den Satz vom Widerspruch ausstreichen. Sondern der Widerspruch selber: der zwischen dem festgehaltenen und dem bewegten Begriff, wird zum Agens des Philosophierens. Indem der Begriff festgehalten, also seine Bedeutung mit dem unter ihm Befaßten konfrontiert wird, zeigt sich in seiner Identität mit der Sache, wie die logische Form der Definition sie verlangt, zugleich die Nichtidentität, also daß Begriff und Sache nicht eins sind. Der Begriff, der der eigenen Bedeutung treu bleibt, muß eben darum sich verändern; Philosophie, die den Begriff für höher achtet denn ein bloßes Instrument des Verstandes, muß nach deren eigenem Gebot die Definition verlassen, die sie daran hindern möchte. Die Bewegung des Begriffs ist keine sophistische Manipulation, die ihm von außen her wechselnde Bedeutungen einlegte, sondern das allgegenwärtige, jede genuine Erkenntnis beseelende Bewußtsein der Einheit und der gleichwohl unvermeidlichen Differenz des Begriffs von dem, was er ausdrücken soll. Weil Philosophie von jener Einheit nicht abläßt, muß sie dieser Differenz sich überantworten.«(Adorno)

    Download: via AArchiv (mp3; 1:31:24 h; 52,3 MB)

Wo keins ist, ist eins #10 (Juli 2012)

Hegels Begriff des Begriffs als Einheit der Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelnem, wurde in der vorherigen Folge von „Wo keins ist, ist eins“ als Ergebnis des Durchgangs durch die Kategorien der Substantialität als Ergebnis der Wesenslogik herausgearbeitet. Den Begriff bezeichnet er als absolute Einheit von Reflexion und Gesetztsein oder Anundfürsichsein. Anundfürsichsein ist der Kontrastbegriff zu allen nur verhältnisweisen, außenrelativen Bestimmungen einer Sache, wie sie bei Hegel beim Staat (Allgemeinwille), christlichem Gott und dem Lebendigen auftritt. Mit dem Gedanken der „Identität von Anundfürsichsein und Gesetztsein“ artikuliert Hegel, daß eine Sache durch sich selbst bestimmt sei, so erweist sich der Idealismus als Theorie der Freiheit. In der materialistischen Dialektik wird aufgewiesen, daß in dieser Art von Subjekt bzw. „Begriff“ gesellschaftliche Arbeit sich verbirgt. Neben einigen Lektüretips zum Idealismus und deren materialistischer Kritik, soll das Verhältnis von Allgemeinen und Besonderen, nun im Kontrast Hegel und Adornos Negativer Dialektik entfaltet werden.

    Download: via AArchiv (mp3; 56,4 MB; 1:38:35 h)

Wo keins ist, ist eins #11 (August 2012)

Die Diskussion der gesellschaftlichen Substanz, die dem Wert der Ware zugrundeliegt, aus der Juli Sendung, wird fortgesetzt. Die folgende Dialektik, die Adorno am Verhältnis vom Allgemeinen und Besonderen herausarbeitete, wird genauer diskutiert: »Je selbstherrlicher das Ich übers Seiende sich aufschwingt, desto mehr wird es unvermerkt zum Objekt und widerruft ironisch seine konstitutive Rolle. Ontisch vermittelt ist nicht bloß das reine Ich durchs empirische, das als Modell der ersten Fassung der Deduktion der reinen Verstandesbegriffe unverkennbar durchscheint, sondern das transzendentale Prinzip selber, an welchem die Philosophie ihr Erstes gegenüber dem Seienden zu besitzen glaubt. Alfred Sohn-Rethel hat zuerst darauf aufmerksam gemacht, daß in ihm, der allgemeinen und notwendigen Tätigkeit des Geistes, unabdingbar gesellschaftliche Arbeit sich birgt. Der aporetische Begriff des transzendentalen Subjekts, eines Nichtseienden, das doch tun; eines Allgemeinen, das doch Besonderes erfahren soll, wäre eine Seifenblase, niemals aus dem autarkischen Immanenzzusammenhang von notwendig individuellem Bewußtsein zu schöpfen.« (Adorno, Negative Dialektik) Es werden Kriterien zur Aneignung der idealistischen Dialektik durch eine materialistische Theorie erarbeitet, die in der Folgesendung historisch weitergeführt wird.

    Download: via AArchiv (mp3; 56,4 MB; 1:38:35 h)

Wo keins ist, ist eins.

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Kritik und Utopie July 7, 2012 | 10:11 am

Die Jenaer Gruppe Revolta hat am 28. Juni Klaus Holz von der Jour Fixe Initiative Berlin zu einem Vortrag über die Begründung einer materialistischen Ethik eingeladen. Ausgehend von der Feststellung, dass es in der Kritischen Theorie ein Übergehen von der Bestimmung objektiver Möglichkeiten, hin zur Beschäftigung mit dem Subjekt gibt, das ein Bewusstsein dieser Möglichkeit haben könnte, gibt er eine Problemskizze, die für ihn eine materialistische Ethik notwendig macht. Weil gegebene Möglichkeiten nicht gleich in einem emanzipatorischen Sinne erwünscht sein müssen, bedürfe es der Ethik, die darüber reflektiert, wie mit den Tendenzen der Wirklichkeit umzugehen ist, ohne der Gefahr zu unterliegen in der Überhöhung (unbedingter) Subjektivität selbst wieder idealistisch zu werden. Materialistische Kritik, so Holz, basiert auf der Bestimmung ihrer objektiven Bedingung, kann sich aber nicht in ihr erschöpfen – damit wendet er sich einer anti-hegelianischen Position zu, die Marx aus einer kantianischen Perspektive kritisiert. Zudem problematisiert er das Verhältnis von Humanismus und „Ahumanismus“ in den verschiedenen Phasen von Marx. Auch wenn der Vortrag thematisch auf einer anderen Ebene angesiedelt ist, gibt es einige Parallelen zum Vortrag von Christine Zunke, in dem diese ebenfalls eine kanto-marxistische Position zu begründen versucht.

    Download: via AArchiv | via MF (mp3; 35,1 MB; 1:01:21 h)

Materialistische Kritik und Utopie fallen nicht in eins. Die Kritik bestehender Verhältnisse genügt nicht, um eine zukünftige Gesellschaft und den Weg zu ihr zu begründen. Denn Kritik ist einem theoretischen Antihumanismus verpflichtet, der viel über das Kapital (resp. die Gesellschaft), wenig über die Proletarier (resp. die Subjekte) zu sagen weiß. Das Problem der Emanzipation aber liegt gerade darin, dass die neue Gesellschaft zugleich neue Menschen braucht und umgekehrt. Die sich daraus ergebenden Probleme provozieren Gewalt gegen die Menschen, Entmündigung, Erziehungsdiktatur bis hin zum Gulag. Dem entspricht das linke Vorurteil, Ethik, zumal eine humanistische, sei bürgerlich, jedenfalls bäh.

Der Vortrag wird Kritik, Ethik und Utopie im Blick auf Marx, Marcuse, Bloch und Adorno erörtern, utopische Ziele benennen und Widersprüche, die den Weg zum guten Leben verstellen, reflektieren. Was also fehlt? Eine Politik, die antihumanistischer Kritik und humanistischer Ethik verpflichtet ist. Das mag man Posthumanismus nennen. [via]

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Wo keins ist, ist eins #5 – #7 May 17, 2012 | 12:44 pm

Diesmal durch sonstige Verpflichtungen etwas verzögert, dafür als geballte Ladung, dokumentieren wir hier die letzten drei Ausgaben der Dialektik-Sendung vom FSK:

Wo keins ist, ist eins #5 (12.2.2012)

Nachdem die vorherigen Sendungen zu erklären suchten, wie die Wesenslogik Hegels, die auch für die materialistische Dialektik wichtig wurde, aus Kants und Fichtes Reflexionsphilosophie entwickelt wurde, werden in dieser die setzende, voraussetzende und bestimmende Reflexion, konstruktive Voraussetzung der Reflexionsbestimmungen: Identität, Unterschied, Verschiedenheit, Gegensatz und Widerspruch konkretisiert. In Adornos Utopie einer Welt, in der man ohne Angst verschieden sein kann, wird gezeigt, welche Bedeutung die Kritik der Identitätsphilosophie auch für eine Gesellschaftstheorie hat.

    Download: via AArchiv (mp3; 52 MB; 1:30:56 h)

Wo keins ist, ist eins #6 (11.3.2012)

Von den unterschiedlichen Fassungen der Wesenslogik wird die »große Logik« oder »Wissenschaft der Logik II«, zur Entfaltung des Begriffs des Grundes herangezogen. Hierbei wird die Mehrdeutigkeit des Begriffs des Wesens diskutiert. Ein identisches Wesen zeigt sich in verschiedenen Formen, die Materie kann verschiedene Formen annehmen, eine bestimmte formierte Materie macht einen Inhalt aus. Diesen zu erklären aus tautologischen Gründen oder beliebigen vom begründeten unterschiedenen Gründen, ist unzureichend. Zur Vollständigkeit des Grundes bedarf es der Be-Dingungen, die notwendig sind, damit eine Sache in Existenz tritt.

    Download: via AArchiv (mp3; 58,5 MB; 1:42:15 h)

Wo keins ist, ist eins #7 (08.4.2012)

Diese und die im Mai folgende Sendung beschäftigt sich mit der Wirklichkeit als der in Existenz getretenen Sache. Die unmittelbare Existenz ist die von Dingen und ihren Eigenschaften, deren Fixiertheit aufgelöst wird. Dialektik verflüssigt die festen Bestimmungen und löst alles auf in ein Verhältnis von Kräften oder Potenzen, die sich gegenseitig hervorlocken (solizitieren), die Wirklichkeit erweist sich als ein Verhältnis von Inneren und Äußeren. Auch die menschliche Vernunft, so erweist sich, gehört zu diesen Kräften, Potenzen, zum Inneren der sich manifestierenden Wirklichkeit, deren Einheit dann dargelegt wird.

    Download: via AArchiv (mp3; 57,1 MB; 1:39:51 h)
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Entnazifizierung der Philosophie April 8, 2012 | 01:43 pm

Heidegger und der Nationalsozialismus

Emanuel Kapfinger und Paul Stephan (beide aus Frankfurt, u.a. Ivi) haben im Januar auf Einladung der IG Philosophie in Wien einen Vortrag über das Verhältnis Heideggers zum Nationalsozialismus gehalten. Dabei richten sie sich explizit gegen einen biographischen Reduktionismus und versuchen dieses Verhältnis an der Philosophie Heideggers selbst nachzuverfolgen.

Die historischen Fakten zeigen eindeutig, dass Martin Heidegger ein Nazi war. Unter anderem war er als erster nationalsozialistischer Hochschulrektor maßgeblich daran beteiligt, Führerprinzip und nationalsozialistische Gesinnung an den deutschen Hochschulen zu verankern. Doch ist damit bereits das Urteil über seine Philosophie gesprochen? Im Vortrag soll daher auf diese selbst eingegangen und dargelegt werden, dass Heideggers Denken einer hochabstrakten, philosophischen Fassung nationalsozialistischen Bewusstseins entsprach, wozu unter anderem sein heroischer Nihilismus, seine mystizistische Argumentationsweise, die Auflösung konkreter Geschichte in ein Seinsgeschehen und antisemitische Klischees in seiner Philosophie zu nennen sind.

Gegenüber der Entwicklung in Heideggers Philosophie möchte das Vorgetragene sensibel sein. Emanuel Kapfinger versucht, innerhalb der früheren Phase den Nachweis eines faschistischen Wesensbegriffes (Sein) sowie eines Bezugs zu einem unmittelbaren abstrakt-allgemeinen Individuum (das faschistische Volk) in der Eigentlichkeit zu führen und die Kontinuität der Philosophie von Sein und Zeit (1927) zu den politischen Stellungnahmen von 1933 aufzuzeigen. Paul Stephan möchte auf Grundlage des Gesamtwerks überprüfen, inwiefern in diesem der persönliche Antisemitismus Heideggers einen strukturellen Wiederhall findet. Er bezieht sich insbesondere auf die Kritiken von Jean-Paul Sartre (in Das Sein und das Nichts, 1943), Theodor W. Adorno (Jargon der Eigentlichkeit, 1964) und Pierre Bourdieu (Die politische Ontologie Martin Heideggers, 1988). [via]

Gliederung des Vortrags:

  • Einleitung
  • Einführung in Heideggers Philosophie
  • Heidegger als „Hitler des Denkens“
  • Das Verhältnis von „Sein und Zeit“ zum Nationalsozialismus
  • Heideggers philosophische Politik 1933
  • Philosophie und Nationalsozialismus – Das Problem der Zweideutigkeit
  • Ist ein unproblematischer Anschluss an Heidegger möglich? (Ausblick)
    1. Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 1:24:54 h; 39,2 MB) | Diskussion (mp3; 1:00:27 h; 27,2 MB) | Handout (PDF)
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    Autonomie und Kapitalsouveränität April 4, 2012 | 07:06 am

    Jean-Paul Sartre, Adorno und der Begriff der Freiheit

    In seinen Texten gegen Sartre trifft Adorno den Existenzialismus, aber geht an Sartre vorbei – diese These nahm Manfred Dahlmann (ISF) in einem Vortrag am 02.11.2011 in Freiburg zum Ausganspunkt, um Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der Kritischen Theorie und dem philosophischen Entwurf Sartres herauszuarbeiten. Er referiert vor allem über die Begriffe der Autonomie und der Freiheit und knüpft dabei an die Diskussionen an, die in der Prodomo (Teil 1 und Teil 2 seines Beitrags) und auf der Konferenz der Sonntagsgesellschaft geführt wurden. Zuletzt spricht er über den Begriff der Scham und setzt ihn in Beziehung zum Kapital. Siehe auch die anderen Beiträge zum Existenzialismus im Audioarchiv.

    Weil nur der je einzelne Mensch frei sein kann, nicht aber etwas ihn, d.h. seinen individuellen Leib Überschreitendes, darum, so lautet Sartres logisch unwiderlegbares Urteil, kann keinem äußeren Objekt die Fähigkeit, autonome Entscheidungen zu fällen, zugesprochen werden. Wenn ein Subjekt einem ihm Äußeren – sei‘s Gott, der Natur oder dem Staat, dem Kapital, dem Schönen oder gar dem Glück –, derart Autonomie zuschreibt, belügt es sich, um die Angst vor der Freiheit zu beherrschen und sich für seine Taten nicht verantwortlich fühlen zu müssen. Wenn man Adornos Ästhetik dieser Subjektbestimmung konfrontiert, läßt sich jedoch zeigen, daß, so sehr Sartre logisch im Recht sein mag, die Kritik im Grunde darauf zielen muß, genau jenes für Sartre Unmögliche dennoch zur Darstellung zu bringen: um die Verkehrungen erkennen zu können, dank derer das Kapital als automatisches Subjekt, als Souverän, agieren kann. Diese Kritik muß zum einen erkennen lassen, daß jede Form geschichtlich geworden, das heißt “sedimentierter Inhalt” ist; in diesem Erkenntnisinteresse gibt es zwischen Adorno und Sartre keine Differenz. Als derart Erkanntes schlägt sie zum anderen aber auch auf jede Logik, somit auch die Sartres, zurück: sie relativiert sie dahingehend, daß auch die Freiheit in eine Objektivität, in eine – bewußt gewählte – Form eingebettet werden muß; wenn auch in eine, die es, im Gegensatz zur Autonomie des Kapitals, verhindert, daß sie sich gegen sich selbst wendet. Aus der Konfrontation Adornos mit Sartre ergeben sich jedenfalls Subjekt­bestimmungen und Urteile über die Negativität der Gesellschaft, die, ungeachtet aller Differenzen im Grundsätzlichen, überraschende Gemeinsamkeiten zwischen diesen Protagonisten der individuellen Freiheit beziehungsweise des Nichtidentischen erkennen lassen. – Es spricht Manfred Dahlmann (ISF Freiburg), der u.a. für die Zeitschriften “Prodomo”, “Jungle World” und “Bahamas” schreibt (siehe: hier). [via]

      Download: via AArchiv (mp3; 47,9 MB; 52:19 min)

    Weitere Mitschnitte aus dem Jour-Fixe-Programm der ISF gibt es direkt auf dem AArchiv-Server – die dazugehörigen Ankündigungstexte gibt es jeweils hier. Dahlmanns Buch über die Existenzphilosophie wird in Kürze im ça-ira-Verlag erscheinen – zur Vorschau.

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    Kritische Theorie und Emanzipation March 30, 2012 | 02:38 pm

    Wir stellen stellen im Folgenden Download-Versionen der von der Bielefelder Association Critique dokumentierten Aufzeichnungen der Tagung Kritische Theorie und Emanzipation bereit. Diese fand, veranstaltet von der Antifa AG an der Uni Bielefeld, [association critique], der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld, dem Rosa-Luxemburg-Club Bielefeld sowie der Rosa-Luxemburg-Stiftung NRW, am 11. und 12. November 2011 statt. Verlinkt sind jeweils mit 48 kBit/s kodierte Dateien. Auf dem Audioarchiv-Server sind zusätzlich auch 64 kBit/s-Varianten verfügbar (allerdings mit einer geringeren Abtastrate von 22 statt 32 kHz).

    Alex Demirovic: Was ist Kritische Theorie?

    Im Vortrag wird das Selbstverständnis von kritischer Theorie umrissen. Diese kann nicht als Theorie einzelner Personen verstanden werden. Vielmehr handelt es sich um ein Projekt, das tief in der bürgerlichen Gesellschaft verankert ist und an dessen Entwicklung viele Menschen seit vielen Jahrzehnten beteiligt sind. Entsprechend den historischen Veränderungen und gesellschaftlichen Herausforderungen verändert sich auch das Verständnis von kritischer Theorie. Es geht kritischer Theorie um Aufklärung und Emanzipation, um Mündigkeit, Einrichtung einer vernünftigen Welt, Weltfrieden, Demokratie. Seit Marx ist kritische Theorie nicht mehr naiv, sondern stellt die Frage danach, welche Bedingungen erfüllt sein müssen, damit sich solche Ziele verwirklichen lassen. Horkheimer und Adorno haben danach gefragt, wieweit die Tradition der kritischen Theorie nicht naiv im Verhältnis zu sich selbst ist. Zu wenig kritisch gegenüber der eigenen Praxis, kann auch kritische Theorie autoritär werden. So stellt sich heute, angesichts einer neuen Phase kapitalistischer Vergesellschaftung die Frage nach einer erneuerten Befreiungstheorie.

    Alex Demirovic, Prof. Dr., lehrt z.Zt. politische Theorie an der Technischen Universität Berlin. Zuvor arbeitete er u.a. am Frankfurter Institut für Sozialforschung. Er gilt als einer der jungen Vertreter der kritischen Theorie. Mitglied der Redaktionen von PROKLA und LuXemburg. Arbeitsschwerpunkte: Demokratie- und Staatstheorie, kritische Theorie der Gesellschaft, Intellektuellen- und Wissenschaftssoziologie.

        Download: via AArchiv | via MF (1:28 h, 30 MB)

      Rüdiger Dannemann: Über die Verdinglichungskritik von Georg Lukács und dessen Aktualität

      Rüdiger Dannemann gibt einen guten Überblick über die Verdinglichungskritik von Georg Lukács, dessen spätere Selbstkritik, ihre Fortentwicklung sowie ihren Stellenwert für die Kritische Theorie und ihre Entschärfung bei Habermas und Honneth. Adorno nimmt dabei wenig Raum ein. Dafür erfährt man einiges über aktuelle englischsprachige Ansätze, die sich der Thematik annehmen und im Zuge dessen auch Axel Honneths Verdinglichungstheorie kritisieren.

      Im theoretischen Zentrum Georg Lukács’ 1923 veröffentlichten „Geschichte und Klassenbewußtsein“ steht die durch das Warenverhältnis allgegenwärtig gewordene Verdinglichung. Hinter dem Warentausch verschwinden die Beziehungen zwischen den Personen und erscheinen als streng rationelle, geschlossene Verhältnisse von Dingen. So kann Lukács schließlich festhalten, dass im modernen Kapitalismus die Individuen einzig noch als teilnahmslose Beobachter eines ihnen scheinbar fremden Geschehens dastehen. Damit nicht genug, ist zuletzt die gesamte Gesellschaft eine Funktion des Warenverkehrs. In einer sehr grundlegenden Weise stehen die gesellschaftskritischen Analysen der frühen kritischen Theorie Max Horkheimers, Theodor W. Adornos und anderer auf den Schultern der „Studien über marxistische Dialektik“, ja scheinen ohne den großen Wurf des Jahres 1923 kaum denkbar. Jürgen Habermas indes gelang es, dies – wie zuletzt das gesamte marxistische Erbe der kritischen
      Theorie – respektvoll zu tilgen. Jedoch kehrt die Verdinglichung als verdrängter, unverarbeiteter Brocken aus den Untiefen vergangen geglaubter Zeiten wieder. So haben unlängst Rahel Jaeggi sowohl als auch Axel Honneth den durchaus mutigen Versuch unternommen, die Überlegungen Georg Lukács zu reformulieren. Insbesondere Honneth aber wendet die Verdinglichung anerkennungstheoretisch und bringt die Verdinglichungskritik weiter um ihren politökonomisches Stachel. Im Vortrag soll zunächst die Verdinglichungskritik Georg Lukács dargestellt werden. Im Anschluss wird versucht, die oft verleugnete Bezugnahme Horkheimers und zumal Adornos sichtbar zu machen. Schließlich werden die Anschlüsse Honneths und Jaeggis ebenso zur Sprache kommen wie Möglichkeiten einer polit-ökonomisch informierten Verdinglichungskritik.

      Rüdiger Dannemann, Philosophielehrer, Mitbegründer und stellv. Vorsitzender der Internationalen Georg Lukács-Gesellschaft; Studium der Philosophie, Germanistik und Geschichte in Bochum und Frankfurt am Main. Promotion über Das Prinzip Verdinglichung (1987) in Rotterdam. Arbeitsschwerpunkte: Georg Lukács, Kritische Theorie und westlicher Marxismus; ästhetische Probleme der populären Musik.

          Download: via AArchiv | via MF (1:37 h, 33 MB)

        Heinz Gess: Antisemitismus und Emanzipation

        Heinz Gess bestimmt Antisemitismus als die Gegenbewegung zur Emanzipation und spricht in seinem Vortrag u.a. über Verdrängung und Schuldabwehr im Zusammenhang mit dem Nationalsozialismus.

        Der Antisemitismus markiert die „Grenzen des Aufklärung“, so der Untertitel des von Max Horkheimer und Theodor W. Adorno unter Mitwirkung Leo Löwenthals gemeinsam verfassten Abschnittes „Elemente des Antisemitismus“. Spätestens seit den frühen 1940er Jahren steht die Antisemitismuskritik auch im Zentrum der Bemühungen der kritischen Theorie. Eine wesentliche Einsicht ist dabei, dass die antisemitische Verhaltensweise gerade keine bloß vorurteilsbasierte ist. Damit gehen Horkheimer und Adorno deutlich über konventionelle Erklärungsansätze hinaus. Kritische Theorie versucht den Antisemitismus gesellschaftstheoretisch aus einem gescheiterten Zivilisationsprozess heraus zu begreifen. Vor diesem Hintergrund geht es ihr schließlich sowohl um die historische Entstehung des Antisemitismus, seine Grundlagen im Lebensprozess einer Gesellschaft, das heißt in der Ökonomie, als auch um die Verfasstheit der Subjekte dieser Gesellschaft.
        Im Vortrag wird es einerseits um die Antisemitismuskritik des exilierten Instituts für Sozialforschung gehen. Zudem soll versucht werden, die Überlegungen Horkheimers und anderer von anderen Erklärungsansätzen abzugrenzen. Zuletzt wird es freilich um die Aktualität einer kritischen Theorie über den Antisemitismus, gerade auch vor dem Hintergrund des Islamismus, gehen.

        Heinz Gess, Prof. Dr., war bis 2010 Hochschullehrer für Soziologie an der Fachhochschule Bielefeld. Er ist Herausgeber von Kritiknetz – Zeitschrift für Kritische Theorie der Gesellschaft.

            Download: via AArchiv | via MF (1:41 h, 35 MB)

          Isabelle Klasen: Über Begriff und Aktualität der Kulturindustrie

          Isabell Klasen erläutert den Begriff der Kulturindustrie im Kontrast zur autonomen Kunst, wie Adorno sie verstand.

          Max Horkheimer und Theodor W. Adorno entwickelten den Begriff der Kulturindustrie am Modell der „verwalteten Welt“, des Spätkapitalismus der 40er und 50er Jahre, welcher samt der kulturellen Erzeugnisse durch die Destruktivität des kapitalistischen Verwertungsmechanismus und die Herrschaft des universalen Tauschprinzips geprägt war. Alles Individuelle sei hierdurch in Schemata gezwungen und die Wirklichkeit werde mit Identität und Konformismus geschlagen. In den Produkten der Kulturindustrie sahen Horkheimer und Adorno diese Identität besonders zwingend zum Ausdruck kommen, auch und gerade durch deren scheinbare Nonkonformität und Pluralität. Kulturindustrie ziele auf das, was zunächst einmal nicht identisch sei und was, insbesondere für Adorno, die Kunst dagegen bewahre: die Bedürfnisse und Wünsche der Menschen, welche sie neutralisiere.
          Im Vortrag soll der Begriff der Kulturindustrie im Gegensatz zur Kunst dargestellt werden. Überdies soll es um die Aktualität der Überlegungen Horkheimers und Adornos gehen. Es läßt sich nämlich fragen, ob heute am Begriff der Kulturindustrie noch festgehalten werden kann, da die Kulturindustrie mittlerweile ihren eigenen, einstmals kritischen Begriff geschluckt zu haben scheint.

          Isabelle Klasen ist Lehrbeauftragte an der Ruhr-Universität Bochum und Mitglied des Arbeitskreises Rote-Ruhr-Uni. Sie ist Mitherausgeberin des in Kürze erscheinenden Bandes „Alles falsch: von verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“.

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            Dirk Braunstein: Kritische Theorie und Kritik der politischen Ökonomie

            Dirk Braunstein legt seinen Fokus zwar auf Adornos Beschäftigung mit der Kritik der Politischen Ökonomie, rekonstruiert aber auch die Debatten, die innerhalb des Instituts über die polit-ökonomische Verfassung des Nationalsozialismus geführten worden sind (Pollocks Staatskapitalismus-These vs. Neumanns Behemoth). Er arbeitet heraus, dass Adornos Zugang zur Ökonomiekritik zunächst allein von Lukács Verdinglichungskritik bestimmt ist, dann aber durch die Wendung zur Klassentheorie und zur (transhistorischen) Kritik der »Ökonomie überhaupt« eine andere Gestalt annimmt. Auch Adornos Position zu den Begriffen der Gerechtigkeit und des Rechts nimmt im Vortrag wie in der Diskussion einigen Raum ein.

            Bis heute ist die Einschätzung verbreitet, dass der Rückgriff auf Karl Marx – und zumal auf dessen Kritik der politischen Ökonomie – in den Schriften der Frankfurter Schule ein Relikt aus bald überwundenen Stadien seiner Theorieentwicklung darstelle. Offensichtlich gab es eine große Distanz zum Fortschrittsoptimismus und erst recht zum Parteikonformismus marxistisch inspirierter Theoretiker wie etwa Georg Lukacs. Jedoch zieht sich eine produktive Auseinandersetzung mit wesentlichen Bestandteilen des Marx‘schen Hauptwerkes durch das gesamte Schaffen von Horkheimer und Adorno. Anhand zahlreicher Textdokumente lässt sich diese These belegen. Sie zeigt, dass im Zentrum von Adornos kritischer Theorie der Gesellschaft eine Kritik nicht nur der politischen Ökonomie steht, sondern eine von Ökonomie überhaupt.
            Der Vortrag soll das Beziehungsgeflecht von Marxscher Ökonomiekritik und der klassischen kritischen Theorie beleuchten und fragen, welche Aktualität diesen Inhalten zukommt.

            Dirk Braunstein, Dr. phil., studierte in Bochum, Köln, Frankfurt a.M. und Berlin und gibt die Vorlesung „Philosophie und Soziologie“ aus dem Nachlass Adornos heraus. Letzte Veröffentlichung: Adornos Kritik der politischen Ökonomie, Bielefeld, 2011.

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              Barbara Umrath: Kritische Theorie zu Geschlecht, Subjekt und Körper im Kontext ihrer herrschaftskritischen Grundüberlegungen

              Ausgangs- und Hauptbezugspunkt des Vortrags sind die Ausführungen in der »Dialektik der Aufklärung«, in denen eine Kritik des Subjekts und an dessen männlichem Charakter formuliert werden. Umrath konfrontiert darüber hinaus Aussagen Adornos zum Subjektstatus der Frau und zu deren Stellung im Produktionsprozess mit Ergebnissen der (empirischen) Frauenforschung. Hier stellen die Arbeiten Regina Becker-Schmidts einen wichtigen Bezugspunkt da. Sie zeigt im Zuge dessen, dass feministische Theorie produktiv an die Kritische Theorie anknüpfen kann – was eben auch heißt, über sie hinaus zu gehen.

              Das Denken Adornos, Horkheimers und Co. hat bis heuteeinen starken Einfluss auf gesellschaftskritische Theorien. „Geschlecht“ war für die frühe Kritische Theorie jedoch keine zentrale Analysekategorie, sondern findet eher beiläufig und an verschiedenen Stellen immer wieder Erwähnung.Dabei finden sich gleichermaßen Passagen, in denen die Unterdrückung von Frauen denunziert wird wie solche, in denen die bürgerliche Familie und die mit dieser gegebene geschlechtliche Arbeitsteilung in einem verklärten Licht erscheinen. Dies brachte der Kritischen Theorie von feministischer Seite den Vorwurf ein, sie wiederhole die patriarchale Unterdrückung. Entsprechend spielt die Kritische Theorie heutzutage in der Frauen- und Geschlechterforschung kaum eine Rolle.
              Im Vortrag sollen die Äußerungen der Kritischen Theorie zu Geschlecht, Subjekt und Körper im Kontext ihrer herrschaftskritischen Grundüberlegungen betrachtet werden. Dabei wird deutlich werden, dass sich die feministischen Einwände nur bedingt bestätigen lassen. Es wird sich sogar zeigen, dass feministische Kritik von der frühen Kritischen Theorie wichtige Impulse aufnehmen kann.

              Barbara Umrath studierte Diplom-Pädagogik an der Universität Augsburg und Soziologie an der New School for Social Research, NYC. Sie war lange Jahre in Frauenprojekten gegen Gewalt in Deutschland und Mexiko aktiv. Aktuell lebt sie in Köln und arbeitet an einer Promotion zum Thema Feminismus und Kritische Theorie.

                Zu feministischen Bezugnahmen auf die Kritische Theorie siehe auch die Vorträge von Regina Becker-Schmidt, Cornelia Klinger und Roswitha Scholz.

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                Was Tun? March 25, 2012 | 06:53 pm

                Zum Verhältnis von Theorie und Praxis

                Unter diesem Titel hat die Gruppe Kritische Intervention aus Halle im letzten Jahr eine sehr interessante Veranstaltungsreihe (siehe auch Text zur Reihe) organisiert, deren Vorträge wir im Folgenden als Audio-Dateien dokumentieren:

                1. Birte Hewera, Engagement und Desengagement. Jean-Paul Sartre – Michel Foucault – Jean Améry

                Birte Hewera (Berlin) zeichnet Jean Amerys Weg zu dessen Kritik des Strukturalismus nach und legt hierbei einen Fokus auf seine spezifische Auseinandersetzung mit dem Existenzialismus, die von Amerys Erfahrung der Verfolgung und Folterung durch die Nazis geprägt ist. Dabei erhält man einen Überblick über Leben und Werk Amerys und dessen Auseinandersetzung mit dem intellektuellen Leben in Frankreich und dem politischen Geschehen im Nachkriegsdeutschland. Zuletzt spricht sie über Amerys Begriffe von Gewalt und Gegengewalt, sowie seine Position zum Staat Israel und seine Kritik des Antizionismus (siehe seinen Text »Der ehrbare Antisemitismus«).

                Jean Améry wurde im April 1945 von den Engländern aus Bergen-Belsen befreit. Nach zwei Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter Auschwitz, stieß der Anhänger des Wiener Neopositivismus nun auf die Philosophie Jean-Paul Sartres. In Auschwitz hatte Amérys Bezug zum Neopositivismus einen Bruch erfahren, da sich in diesem Denken die erlittene Wirklichkeit von Folter und KZ nicht wiederfinden ließ. Erst der Sartre’sche Existentialismus gab Améry die Möglichkeit, dieses Erlittene zu arti­kulieren, sein eigenes Handeln als moralisch zu bekräftigen, die Täter zu verurteilen und für sich selbst eine Zukunft jenseits des von den Nazis über ihn verhäng­ten Urteils überhaupt zu denken. Die „Tendenzwende“ – das Aufkommen des französischen Strukturalismus – stellte diese Errungenschaft jedoch wieder in Frage. Améry kritisierte den Strukturalismus, dem er Michel Foucault entgegen dessen Selbstbeschreibung ausdrücklich zuordnete, bereits sehr früh, lange schon, bevor dieser in Deutschland populär wurde. Er bezeichnete den Strukturalismus als „Philosophie jenseits des Menschen“, da der leibliche und leidende Mensch hier keinen Platz hatte, das Handeln als Akt freier Wahl negiert, sowie überhaupt von jeglicher Erfahrung abstrahiert wurde. Schließlich ist es konstitutiv für das Denken Amérys, dass die gelebte Erfahrung – das „vécu“, den unhintergeh­baren Referenzpunkt jeglicher Reflexion bildet. So polemisierte Améry auch gegen alle diejenigen, die die existenzielle Bedeutung des Staates Israels nicht sehen wollten. Denn das Bestehen dieses Staates, so Améry, sei nur vor dem Hintergrund der Katastrophe Auschwitz und der darin enthaltenen Möglichkeit eines zweiten Auschwitz zu sehen. Améry hatte sich selbst immer als der Linken zugehörig betrachtet. Die Ignoranz gegenüber der andauernden Bedrohung Israels und der zunehmende und nur schlecht als „Antizionismus“ verhüllte Antisemitismus ausgerechnet innerhalb der Linken ließen ihn jedoch schließlich an dieser Linken verzweifeln. Die Bezeichnung der arabischen Gewaltregime als progressiv, Israels hingegen als reaktionär, verweise auf eine „totale Verwirrung der Begriffe“, auf den „definitiven Verlust moralisch-politischer Maßstäbe“. Am Israel-Palästina-Konflikt schließlich habe die Linke sich neu zu definieren, insofern sie sich nicht selbst aufgeben und die Maßstäbe der Gerechtigkeit für den „Fetisch Revolution“ opfern will. [via]

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                2. Lars Quadfasel, Die Abgründe der Autonomie. Zur Kritik von Freiheit und Subjektivität

                Wenn man Freiheit materialistisch nicht als den schroffen Gegensatz zur Notwendigkeit definiert und folglich der Entwurf einer zukünftig freien Menschheit seine materielle Bedingung in der Gegenwart finden muss, die im kritischen Sinne jedoch als unfrei zu diffamieren ist, findet man sich begrifflich in einer Aporie, die nur durch Praxis aufzulösen ist. Über einen materialistischen Begriff von Freiheit, der keine wirkliche Freiheit gegen eine vermeintlich falsche ins Feld führen kann, referiert Lars Quadfasel (Hamburger Studienbibliothek).

                Freiheit, Selbstbestimmung, Autonomie sind Parolen, ohne die bislang noch keine widerständige Bewegung ausgekommen wäre. Sie sind aber zugleich die Parolen, unter denen der Sozialstaat demontiert und die Individuen in die »Eigenverantwortung« entlassen werden, selbst dafür zu sorgen, wie sie mit Krankheit, Alter und Armut fertig werden. Die Freiheitsemphase der bürgerlichen Gesellschaft wusste schon Marx mit dem Verweis auf die ›doppelt freien Lohnarbeiter‹ zurechtzurücken: »Zur Verwandlung von Geld in Kapital muß der Geldbesitzer also den freien Arbeiter auf dem Warenmarkt vorfinden, frei im Doppelsinn, daß er als freie Person über seine Arbeitskraft als seine Ware verfügt, daß er andererseits andere Waren nicht zu verkaufen hat, los und ledig, frei ist von allen zur Verwirklichung seiner Arbeitskraft nötigen Sachen.«

                Unter manch hartgesottenen Marxisten gilt es daher als Ausweis besonderer Radikalität, den Begriff der Freiheit als bloße Herrschaftsideologie zu denunzieren. Dagegen spricht freilich, dass er auch unter den Bürgern kaum mehr den besten Klang genießt. Dass Selbstbestimmung und Autonomie Illusionen seien, die vor den Sachzwängen des Marktes nicht bestehen können und auf die man angesichts der neuesten Ergebnisse der Gehirnforschung ohnehin besser verzichtet, gehört in den gebildeten Kreisen längst zum common sense, und eher peinlich berührt wird der Anachronismus zur Kenntnis genommen, der iranische Aufständische für die Freiheit ihr Leben aufs Spiel setzen lässt.

                Das widersprüchliche Verhältnis ist kein Zufall, sondern gehört zur Sache selbst. Jede positive Behauptung über die Freiheit oder Unfreiheit der Menschen schlägt schnurstracks in ihr Gegenteil um. Die, welche die Determiniertheit aller menschlichen Handlungen, ob durch eherne geschichtliche Gesetze oder durch Synapsenverschaltungen im Gehirn, propagieren, wollen dadurch ja andere dazu bewegen, dieser Einsicht zu folgen – während wiederum ihre Kontrahenten, die auf der Autonomie des Einzelnen beharren, Freiheit auf eine Art mystischen Indeterminismus reduzieren, auf eine Willkür also, die von Zufall, Inbegriff des Heteronomen, nicht mehr zu unterscheiden ist. Freiheit als Propagandaformel war noch stets für jede repressive Konsequenz, die Legitimation göttlichen oder staatlichen Strafens gut, und bringt selbst im besten Fall kaum mehr hervor als die beruhigende Gewissheit, dass, egal wie zwanghaft die Verhältnisse auch sein mögen, es etwas Unantastbares im Inneren der Menschen gäbe. Und doch beruht auch und gerade der Materialismus, der die Praxis der Einzelnen auf den gesellschaftlich vermittelten Naturzwang zurückführt, auf der – nicht anders als metaphysisch zu nennenden – Überzeugung, dass die Menschen auch anders handeln könnten, als sie es hier und jetzt tun.

                Was der Materialismus als menschliches Potential voraussetzt, muss ihn jedoch zugleich verzweifeln lassen: warum die Menschheit, wenn sie es doch besser könnte, nichts besseres zustande gebracht hat als diese unendlich blutige, unendlich barbarische, unendlich deprimierende Geschichte. Die zentrale Aporie jeder Revolutionstheorie ist, dass alles, was an Möglichkeiten für die Menschheit spricht, sie zugleich, als bislang ungenutzte, verdammt. Um diese Aporie, die nur umso drückender wird, desto fortgeschrittener die Produktivkräfte entwickelt sind und desto unentschuldbarer also die ausgeschlagenen Chancen auf der Menschheit – und damit auch auf jedem Einzelnen – lasten, soll es auf dieser Veranstaltung gehen. [via]

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                3. Axel Berger, Marxistisches Terrain? Die Linke nach der kapitalistischen »Lösung« der Agrarfrage

                Axel Berger (u.a. Kosmoprolet) diskutiert in seinem Vortrag ein für die gegenwärtigen linken Theorie-Debatten m.E. eher ungewöhnliches Thema: inwiefern die Agrarrevolution eine wesentliche Bedingung für die Herausbildung der sozialistischen Bewegung gewesen ist. Anhand der Agrarfrage rekonstruiert er (eher implizit) einige Aspekte der Selbstkritik der ArbeiterInnenbewegung in der Theorie des Rätekommunismus, spricht aber auch darüber, was Agrarfrage, grüne Revolution und Land-Grabbing für die gegenwärtige Entwicklung des Kapitalismus bedeuten.

                Walden Bello, Träger des Alternativen Nobelpreises und einer der wichtigsten Theoretiker der globalisierungskritischen Bewegung, hat zuletzt deprimiert eingestanden, das gegenwärtig überall, insbesondere in der sogenannten Dritten Welt zu beobachtende „land grabbing“ der großen Konzerne und Staatsfonds stelle „die letzte Etappe der Verdrängung der bäuerlichen durch die kapitalistische Landwirtschaft“ dar. Die Folgen sind barbarisch, wie in allen anderen Phasen dieses über Jahrhunderte währenden Prozesses, und sie haben Methode. Denn die Agrarrevolution bildet, zumindest nach Marx, die Grundlage des Kapitalismus. Seit den Zeiten der ursprünglichen Akkumulationen und seitdem in jedem Zyklus immer aufs Neue proletarisierte die Dynamik des Kapitals Millionen ehemaliger Bauern.Marx und viele historisch-materialistische Denker betonten bei der Betrachtung dieser „reellen Subsumtion“ der Arbeit unter das Kapital stets die Dialektik von Barbarei und Emanzipation. Der „Verwüstung und Versiechung der Arbeitskraft“ durch die kapitalistischen Agrarrevolutionen setzte vor allem Marx die Hoffnung entgegen, dass der Kapitalismus damit sowohl in materieller Hinsicht als auch revolutionstheoretisch durch die Bildung des Proletariats als Klasse an und für sich die Voraussetzungen einer klassenlosen Gesellschaft überhaupt erst schaffen würde. Der Stand der Revolutionierung der Verhältnisse auf dem Land stellt dementsprechend nicht nur einen Gradmesser für die Durchsetzung des Kapitalismus dar, sondern gab auch das Terrain vor, auf dem sich die revolutionäre Linke seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu bewegen hatte.Die Tragik bestand darin, dass sich schließlich die Sozialisten selbst des Themas anzunehmen hatten, dessen Lösung man eigentlich von der Entwicklung des Kapitalismus „naturwüchsig“ erwartet hatte: Der Transformation agrarischer Gesellschaften in moderne industriell-kapitalistische Klassengesellschaften mit den Polen von Bourgeoisie und Proletariat. Im Ergebnis fielen revolutionäre Strategie und kommunistische Kritik in den Bewegungen des 19. und 20. Jahrhunderts stets auseinander, da die bürgerliche Umwälzung integraler Bestandteil der historischen Arbeiterbewegungen und des Marxismus wurde und – wenn die Revolution auf die Tagesordnung gesetzt werden sollte – auch werden musste. Im Zentrum aller Überlegungen stand dementsprechend die revolutionäre Bemächtigung des staatlichen Regimes zur Durchsetzung der Agrarrevolution, während ihr Ausgangspunkt oftmals die Revolte der Bauern darstellte.Ist in der sogenannten Dritten Welt die „Agrarfrage“ nun endgültig gelöst? Welchen Einfluss hat der weitgehende Abschluss der Agrarrevolution – weniger im Sinne einer Proletarisierung denn als permanente Ausdehnung einer „Überschussbevölkerung“? Wird etwa der Kommunismus als „wirkliche Bewegung“ (Marx) zur Aufhebung des Staates und der Klassengesellschaft nun von seinem etatistischen Erbe befreit? Diese Fragen sollen auf der Veranstaltung erörtert und diskutiert werden. [via]

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                4. Hannes Bode, Negation und Utopie. Überlegungen zur Realgeschichte der Aufklärung und der Ideologie der Menschenrechte

                Hannes Bode (u.a. Jungle World) rekonstruiert in seinem Vortrag, wie die Herausbildung der bürgerlichen Gesellschaft und der Aufklärung an die Sklaverei in den Kolonien gekoppelt war (vgl. Hegel und Haiti) und dechiffriert davon ausgehend die aufklärerischen Ideale »Freiheit, Gleichheit, Menschenrechte« als Verschleierung realer Ungleichheit und Unfreiheit. In seiner skizzenartigen Aufklärungskritik berührt er zahlreiche Aspekte bürgerlicher Inbezugnahme, u.a. die Bedingungen bürgerlicher Öffentlichkeit und politischen Interessenausgleichs. Neben mehreren literarischen Beispielen (Franz Fühmann, Christa Wolf, Günter Kunert, Heiner Müller) bezieht er sich auch auf die beiden Kant-Texte von Daniel Späth in den Ausgaben 8 und 9 der Zeitschrift Exit!. Bodes Handout mit Zitaten könnt hier beziehen.

                Aufklärung erscheint in den heutigen Debatten entweder als europäisches Erbe, als Ursprung der nun endlich umgesetzten bürgerlichen Demokratie, oder als überholtes eurozentrisches Modell, das in Zeiten postmoderner Pluralität ausgedient hat. Vertreter der ersten Darstellungsweise dozieren idealistisch die Ideengeschichte der großen Aufklärer, insbesondere die Geschichte der Idee der Menschenrechte, und ignorieren die Realgeschichte der Aufklärung, die Freiheit als Unfreiheit, den Wohlstand der Bürger aus Sklaverei und Ausbeutung erschuf. Das negative Potential, die „Dialektik der Aufklärung“, den Zivilisationsbruch der Moderne verstecken sie in belesenen Fußnoten, um nicht radikal reflektieren zu müssen.

                Auch die an zweiter Stelle Genannten fordern keine Reflektion, sie diffamieren vielmehr nicht nur alle Ideen der Aufklärung, sondern auch Idee und Wahrheitsanspruch. Die Berücksichtigung der schlechten Realgeschichte der Aufklärung ermöglicht aber einen emanzipatorischen Bezug auf Ideen der Aufklärung, etwa auf die Idee der Menschenrechte, die als noch nie verwirklichte eben Basis aller Kritik der gegenwärtigen Verhältnisse sein könnten.

                Ein materialistischer Blick zeigt den unmittelbaren Zusammenhang von Sklaverei, Kolonisation, Akkumulation und bürgerlicher Aufklärung. Die Formulierung der Menschenrechte fällt zusammen mit dem Beginn des kapitalistischen Zusammenwachsens und Auseinandertretens der Kontinente. Bürgerliche Ideologie spricht von den Menschenrechten, während nur der besitzende Bürger auf der Welt Mensch ist. Der Versuch, diese Verhältnisse zu verstehen und zu kritisieren, kann auch auf die in Fragen nach Theorie und Praxis oft vernachlässigte Literatur zurückgreifen. Sie soll im Vortrag zu Wort kommen. In den Werken von Heiner Müller, Franz Fühmann, Christa Wolf und anderen wird die Frage nach Befreiung und damit nach Freiheit und Menschenrecht immer wieder gestellt – negativ beantwortet vor dem Hintergrund nie aufgegebener Utopie, der Hoffnung auf Erlösung, wie sie Walter Benjamin in seinen Geschichtsthesen formulierte. Sie verweisen uns auf die zentrale Bedeutung von Empathie – ohne sie versagen Kritik und Praxis. [via]

                  Download via AArchiv | via MF | via FRN; Handout mit Zitaten (PDF)
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                Wo keins ist, ist eins #3 und #4 February 5, 2012 | 01:37 pm

                #3 (Dezember 2011) – In der dritten Sendung zur Einführung in die Dialektik beschäftigen sich Michael Löbich, Susanne Sippel und Martin Blumentritt weiter mit dem Verhältnis von Wesen und Erscheinung und mit dem Begriff des Seins. Diesmal gehen sie von Hegel zurück zu Kant und diskutieren über dessen Versuch, das Denken zu denken, über das Verhältnis von Kategorie und Anschauung und die ursprüngliche Einheit der Apperzeption.

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                #4 (Januar 2012) – Es geht weiter mit Kant und der Identität des Subjekts als Voraussetzung für synthetische Verknüpfungen, die konstitutiv für Erkenntnis sind. Es wird auch Fichtes System der Wissenschaft und die Frage nach der Wahrheit des Satzes der Identität A=A gestriffen, die Fichte und Hegel anzweifeln und auf verschiedene Weise weiter entwickeln. Die drei kehren dann wieder zum Beginn der Wesenslogik zurück, um weiter auf den Übergang von Unmittelbarkeit zur Vermittlung zu reflektieren und auf die Hegelschen Reflexionsbestimmungen einzugehen. Der vierten Sendung ist sehr gut zu folgen, da die erste Hälfte auf gut hörbaren, ausformulierten Sätzen basiert. In der zweiten Hälfte diskutieren die drei in gewohnter Weise und kreisen den Gegenstand der Reflexion ausschweifend ein.

                  Download: via Mediafire (mp3; 164,8 MB; 1 h 59:58 min) | via AArchiv (ohne Musik; 58,9 MB; 1 h 42:54 min)
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                Dialektik und Existenzphilosophie December 9, 2011 | 10:00 am

                Mit drei Vorträgen über Dialektik von Existenzphilosophie und westlichem Marxismus hat die Frankfurter Translib noch einmal die Reihe »Existentialism Revisited« fortgesetzt und damit einen Beitrag zu einer Debatte geleistet, die zur Zeit in einem (post-)antideutschen Umfeld ihre Wellen schlägt. Die Diskussion über das Verhältnis von Adorno und Sartre bzw. Existenzialismus und Kritischer Theorie begann zum einen in der vierzehnten Ausgabe der Zeitschrift Prodomo, mit einem Beitrag von Ingo Elbe über Sartres Antisemitismusanalyse, die bereits in der selben Ausgabe eine Erwiderung von Tjark Kunstreich fand. Die Diskussion setzte sich dann in der fünfzehnten Ausgabe mit einem Beitrag von Philipp Lenhard und einem ausführlichen Text zu Sartres Freiheitskonzeption von Manfred Dahlmann fort, war aber bspw. auch zentrales Thema der Tagung der Wiener Sonntagsgesellschaft und ist u.a. Gegenstand in Gerhard Scheits letztem Buch.

                1. Roswitha Scholz: »Simone de Beauvoir heute«

                Roswitha Scholz (EXIT!) diskutiert die Theorie Simone de Beauvoirs anhand ihrer Rezeption im Spannungsfeld von Gleichheitsfeminismus, Differenzfeminismus, dekonstruktivistischem und materialistischem Feminismus. Dazu referiert sie zunächst die Grundlagen des Existenzialismus in seinem Verhältnis zum Marxismus, insbesondere das Verhältnis von Subjekt-Objekt-Dialektik und dem Verdinglichungstheorem und untersucht diese Debatte auf das Geschlechterverhältnis hin. Im letzten Teil skizziert sie die Grundlagen der Wertabspaltungskritik, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und wirft abschließend einen Blick auf postmoderne Theoriebildung und inwiefern dort de Beauvoir wieder auftaucht (hierbei kritisiert sie u.a. Heinz-Jürgen Voß, aber auch »neo-situationistische« Positionen). Scholz richtet sich eindeutig gegen eine Neuauflage des Existenzialismus. Ein für die Debatte m.E. interessanter Bezugspunkt ihres Vortrags ist der Aufsatz »Phänomenologie und Marxismus in geschichtlicher Perspektive« von Winfried Dahlmeyer. In der Diskussion dreht es sich vor allem um das Theorem der Wertabspaltung und den Begriff des (warenproduzierenden) Patriarchats.

                Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht spielte in der feministischen Theorie/Genderforschung lange keine Rolle mehr. In letzter Zeit taucht de Beauvoir aber nicht nur in neu erstellten Überblickswerken zu Klassikerinnen des Feminismus wieder auf, zu ihr und ihrer Theorie wurden inzwischen auch vermehrt Tagungen und Veranstaltungen angeboten (was wohl mit ihrem hundertsten Geburtstag 2008 zusammenhängt). Hie und da erinnert man/frau sich wieder an sie. Dies dürfte nicht zuletzt einem Selbstreflexivwerden von Feminismus und Genderforschung in der gegenwärtigen Krisensituation geschuldet sein. Dabei stellen sich die Fragen des „Wie weiter?“ und „Was kommt nach der Genderforschung?“. In den 1970er Jahren hatte sich insbesondere ein Gleichheitsfeminismus mit dem Slogan „Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht“ auf de Beauvoir berufen. Ein Differenzfeminismus bezichtigte sie sodann, männliche Normalitätskriterien auf Frauen anzuwenden. Schließlich wurde ihr in den 1990er Jahren von einem dekonstruktiven Feminismus vorgeworfen, trotz all ihrer Kritik der hierarchischen Geschlechterverhältnisse einem dualistischen Denken verpflichtet geblieben zu sein und eine erneute Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit betrieben zu haben. In dem Vortrag wird eine zeitliche Einordnung des „anderen Geschlechts“ und seiner Bedeutung vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungskritik versucht sowie auf Aspekte hingewiesen, die durchaus noch heute Aktualität beanspruchen können. [via]

                  Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35,5 MB; 1 h 2 min) | Diskussion (mp3; 26,2 MB; 45:51 min)

                2. Christoph Zwi: »Die Heidegger-Kritik von György Lukács«

                Zwi gibt einen Überblick über die verschiedenen Anläufe, in denen Georg Lukács den Versuch unternahm, eine grundlegende und immanente Kritik Heideggers Philosophie zu leisten. Während dies in »Die Zerstörung der Vernunft« im Zuge der Kritik des dekadent-bürgerlichen Irrationalismus geschah, entwickelte Lukács in seiner unvollendet gebliebenen »Ontologie des gesellschaftlichen Seins« eine Kritik Heideggers Pseudo-Ontologie, indem er selbst den Ansatz für eine kritische, materialistische und historische Ontologie entwarf. Im größten Teil des Vortrags gibt Zwi einen Überblick über das Verhältnis von Heidegger und Lukács, weist Bezüge und Abgrenzungen auf. Auch hier ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis, zwischen bzw. jenseits der idealistischen Figur des identischen Subjekt-Objekt, sowie Subjektivismus und Objektivismus, von zentraler Bedeutung. Außerdem geht es zentral um das Verhältnis von Kategorien, Geschichtlichkeit und Sprache. Ein interessanter Punkt ist die Frage, inwiefern Adorno Ontologie grundlegend verwarf, oder ob er selbst einen kritisch-ontologischen Ansatz hatte. Die Diskussion ist vor allem in der zweiten Hälfte noch einmal sehr spannend – neben interessanten Ergänzungen zu Lukács‘ Ontologie, werden hier konkret einige Sätze von Heidegger unter die Lupe genommen. Mit seiner zentralen Positionierung für eine kritische Ontologie, bezieht Zwi Stellung gegen die meisten Beiträge in der bisherigen Existenzialismus-Debatte.

                Der philosophische Dichter und Denker im Lande der Richter und Henker – der (prä- und post-) NS-Ideologe Martin Heidegger – hat vor allem auf einem Gebiet zu siegen nicht aufgehört: bis heute wird „Ontologie“ in einem stereotypen Reflex gerade auch von Linken allererst mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Dass es sich dabei jedoch um eine Pseudo-Ontologie handelt, welche vom „Dasein“, „Seienden“ und „Seinsgrund“ usw. faselt, während sie die begriffliche Bestimmung aller Kategorien und Beziehungen von gesellschaftlichem Sein, Bewusstsein sowie last but not least naturhaften Seinsgrundlagen verbietet und durch Mystizismus ersetzt, dies materialistisch aufzudecken gelang dem Begründer des „westlichen Marxismus“, Georg Lukács, dessen ontologische Kritik aber noch immer weithin verdeckt wird von der Adornoschen Ontologiekritik. Ohnehin wird im fachphilosophischen herrschenden Universitätskanon „Ontologie“ noch stets pauschal als „vor(erkenntnis)kritische Metaphysik“ tabuisiert.

                In der bisherigen transLib-Reihe zum Existenzialismus (2010/2011) wurde indes ein spannender Aspekt sichtbar: Es gibt auch Bemühungen um eine kritische Methode der Gesellschaftsanalyse und ihr entsprechende Ethik, die von Karl Marx‘ Feuerbachthesen und der Kritik der politischen Ökonomie ausgeht, sich in dieser Perspektive als kommunistisch-revolutionär versteht und gleichwohl sich durchaus als ontologisch basiert begreift. Die phänomenologische oder spekuläre Ontologie von J.P.Sartre, die spektakelkritische der Situationisten und eben die historisch-genetische Gesellschaftsontologie von Lukács wurden bisher benannt. Wenn nun letztere ins Zentrum dieses Vortrags gestellt wird, dann geht es um ein Resümee des Weges, den eine „Neue Ontologie“ seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Heidegger- und in der Lukács-Richtung in unversöhnlicher Divergenz eingeschlagen hat.

                An jeder Wegmarke erwies er sich erneut als Scheideweg: – ob Kategorien oder ob „Existenzialien“ herauszuarbeiten sind, – ob es einen „dritten Weg“ zwischen „Idealismus“ und „Materialismus“ oder zwischen „Rationalismus“ und „Irrationalismus“ geben kann, – ob Philosophie, Wissenschaft, Theorie und Denken miteinander und mit gesellschaftlicher Praxis revolutionär zusammengehen können, – ob Geschichtlichkeit mit theologischen Deutungsmustern zu interpretieren ist oder immer nur als Veränderung der Gegenständlichkeit durch die Menschen begriffen werden kann, – ob die Subjektivität oder die Objektivität im gesellschaftlichen Sein, in Raum und Zeit für die Analyse der Bewusstseinsformen und Gesellschaftsformen das Entscheidende ist, – und welche Funktion in alledem die Sprache hat … Jede dieser Entscheidungsfragen wurde von Lukács seit 1920 bis 1970 diametral entgegen den Heideggerschen Denkvoraussetzungen gestellt und beantwortet. „Das eigentliche Sein zum Tode, d.h. die Endlichkeit der Zeitlichkeit ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des Daseins.“ (Heidegger) Lukács denunziert dies als Pseudogeschichtlichkeit. „Heidegger will eine theologische Geschichtsphilosophie für den ‚religiösen Atheismus‘ schaffen.“ Die Lukács’sche Ontologie arbeitet ideologiekritisch, indem sie materialistisch bloßlegt, dass und wie Sein wesentlich permanentes Anderswerden ist. „Es ist nicht so, dass sich die Geschichte innerhalb des Kategoriensystems abspielt, sondern es ist so, dass die Geschichte die Veränderung des Kategoriensystems ist. Die Kategorien sind also Seinsformen“.

                Wenn die menschlichen Bewusstseinskategorien die Seinskategorien reflektieren, dann bedeutet ontologische Methode die Analyse von Erscheinungen und Scheinformen in ihrer objektiven Wirkungsmächtigkeit als dialektisches, wesentliches Aufeinandereinwirken der Menschen. Sowohl Lukács als auch Heidegger sprechen von „Verdinglichung“. Doch genau mit der fetischismuskritischen Entfaltung dieses Begriffs legt Lukács die „Pseudoobjektivität“ der „Fundamentalontologie“ Heideggers als subjektivistische, ungeschichtliche – und immer wieder suggestive – Fixierung kapitalistischer Alltagsunmittelbarkeiten bloß. Ihre „philosophische“ Mystifikation hilft Menschen in der „Sorge“ der gesellschaftlichen Krise, sich dem vorgeblichen „Seinsgeschick“ und der „Entschlossenheit“, der „Gelassenheit zu den Dingen“ und dem „Sein zum Tode“ zu unterwerfen. [via]

                  Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 39,2 MB; 1 h 8:32 min) | Diskussion (mp3; 42 MB; 1 h 13:23 min)

                3. Magnus Klaue: »Abschied von der Geschichtsphilosophie: Adorno, Sartre und die Sehnsucht nach der positiven Freiheit«

                Man muss nur denken: „Na, was schadet schon das Wandern?“
                Und man darf weder sich noch and‘ren Leuten grollen
                Denn man muss wissen: Man ist ganz so wie die Andern
                Nur dass die Andern grade das nicht wissen wollen
                (Georg Kreisler)

                In der Verweigerung, zu erkennen, dass man wie die anderen ist, sieht Magnus Klaue einen wesentlichen Impuls des Existenzialismus. Während Heideggers Existenzialontologie gerade in diesem Punkt – sich im willigen Vollzug des schlechten Allgemeinen noch als etwas Besonderes zu wähnen – im Nationalsozialismus verwirklicht wurde, konnte dieses Bedürfnis in Deutschland nach dem NS nicht mehr ohne weiteres über Heidegger geäußert werden, sondern musste seinen Umweg über Frankreich (also die Beerbung Heideggers im Strukturalismus, Poststrukturalismus und in Sartres Existenzialismus) nehmen, so eine zentrale These im Vortrag von Klaue. Er untersucht unterschiedliche historische Ausgangsbedingungen von Sartres Philosophie und der Kritischen Theorie Adornos und inwiefern diese auch die jeweilige Reflexion über Antisemitismus gefärbt haben. Skizzenhaft widmet er sich zudem den unterschiedlichen ästhetischen Konzepten von Sartre und Adorno, indem er Adornos Beckett-Rezeption mit den Dramen von Sartre im Bezug auf das Konzept der Absurdität vergleicht. Klaue begründet eine Kritik am erneuten Aufgreifen von Sartres Freiheitsphilosophie.

                Seit einiger Zeit findet in antideutschen Kreisen verstärkt die zuerst von Jean Améry unter dem Schlagwort vom „Jargon der Dialektik“ aufgestellte These Anklang, wonach im geschichtsphilosophischen Entwurf der „Negativen Dialektik“ und in der negativen Anthropologie, wie die „Dialektik der Aufklärung“ sie entwerfe, eine Verwischung der Grenze zwischen Tätern und Opfern der Shoah und eine Leugnung der moralischen Zurechenbarkeit individueller Handlungen wie auch individueller Leiderfahrung angelegt sei. Dadurch mache sich die Kritische Theorie, entgegen ihren Möglichkeiten, blind für die in keine „Dialektik“ auflösbaren Widersprüche der Empirie. In Rückgriff auf die Existenzphilosophie, insbesondere auf Amérys Begriff der Leiberfahrung und Sartres Theorem der „Entscheidung“, versucht etwa Gerhard Scheit in seiner Studie „Der quälbare Leib“, diesem Defizit beizukommen. Der Vortrag möchte es demgegenüber unternehmen, gerade das oft als „negative Teleologie“ abgelehnte Moment des Adornoschen Denkens als notwenige Bedingung geschichtlicher Wahrheitserkenntnis auszuweisen, und daran erinnern, daß an den „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“ (Odo Marquard), in die jeder denkende Mensch durch die reflektierte Erfahrung der Wirklichkeit gestürzt wird, nicht die Philosophie, sondern die Geschichte schuld ist. [via]

                  Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35,9 MB; 1 h 2:41 min) | Diskussion (mp3; 28,1 MB; 49:08 min)

                Hingewiesen sei noch auf zwei Veranstaltungen zum Thema in Halle: Am 13.12.2011 wird Birte Hewera über »Engagement und Desengagement. Jean-Paul Sartre – Michel Foucault – Jean Améry« referieren und am 15.12.2011 spricht Lars Quadfasel über »Die Abgründe der Autonomie. Zur Kritik von Freiheit und Subjektivität«. Beide Veranstaltungen finden im Melanchthonianum am Uniplatz in Halle statt (via Bubizitrone | via Hintergrundrauschen).

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                Lost Tapes #3 December 1, 2011 | 09:53 pm

                Diesmal zwei Radiosendungen von 1994:

                Seite A: Zu hören ist ein Vortrag des Philosophen und Theologen Georg Picht über »Die weltpolitische Bedeutung der Wissenschaftsplanung«. Als Heidegger-Schüler nimmt für ihn, ähnlich wie etwa bei Hannah Arendt oder Günther Anders, die durch die technische Entwicklung möglich gewordene Perspektive der Auslöschung der ganzen Gattung eine zentrale Stellung ein. Von dieser Perspektive ausgehend, wird für ihn die Planung der Wissenschaft zu einer unverzichtbaren Angelegenheit, weshalb er die Ansätze einer Theorie der Planung und einige Überlegungen zum Subjekt dieser Planung entwickelt.

                  Download: via Mediafire (mp3; 17 MB; 29:45 min)

                Seite B: [Anfang fehlt] Passend zum kürzlich geposteten Vortrag über Bildlichkeit und Sehen, eine Radiosendung die sich mit dem Auge beschäftigt. Das Feature mit dem Titel »Zwei Augen hat die Seel« von Eva Severini beschäftigt sich mit der Rolle des Auges für das Denken und die Philosophe, dem Verhältnis von Licht, Göttlichkeit und Vernunft, mit der Farbenlehre und dem inneren Sehen. Zitiert werden unter anderem Hildegard von Bingen, Thomas von Aquin, ETA Hoffmann, Josef Eichendorff und Goethe.

                  Download: via Mediafire (mp3; 7,8 MB; 13:37 min)
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                Wo keins ist, ist eins #2 November 16, 2011 | 01:27 pm

                Während sich die erste Ausgabe der Sendung »Wo keins ist, ist eins« mit dem Anfang (des Denkens, der Logik) befasste, geht es in der zweiten Ausgabe um die Frage, wie voranzuschreiten sei, wo es hingehen soll. Wir hören zunächst ein ausführliches Referat, welches sich ausgehend von Hegels Logik mit den Bestimmungen des Denkens, der Abstraktion, der Reflexion, dem Übergehen von Sein und Nichts in ihr Entgegengesetztes und dem Werden auseinandersetzt. Die Diskussion, die diesmal zu zweit (Martin Blumentritt und Michael Löbich) stattfand, streift dann unter anderem die philosophiegeschichtliche Entwicklung des Idealismus, das Verhältnis von Endlichem und Unendlichem, Materialität und antagonistische Gesellschaft. Einen besonderen Fokus legen die beiden dabei diesmal auf den Begriff der Totalität und des Ganzen. Immer wieder kommen die beiden dabei auf Adorno zu sprechen, dessen Gesellschafts-Begriff sie am Ende als einen dialektischen gegen den Positivismus diskutieren.

                  Download: via AArchiv (mp3; mono; ohne Musik; 58,8 MB; 1:43 h) oder via hotfile (mp3; stereo; mit Musik; 163,6 MB; 2 h)
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                Hegel und Haiti October 23, 2011 | 11:49 am

                Da wir doch gerade bei einer aufklärungskritischen Deutung Hegels waren…

                1. Auf FRN erschien gerade erst vorgestern eine Hörbuchfassung des Essays »Hegel und Haiti«. Dieser stammt aus der Feder von Susan Buck-Morss und entfaltet die These, dass es der Sklavenaufstand 1791 im damaligen französischen Kolonialgebiet Saint-Domingue und die schließlich in die Unabhängigkeitserklärung Haitis 1804 mündende Revolution waren, die Hegel zu seiner berühmten Herr-Knecht-Dialektik inspirierten. Aufklärungskritisch ist der Essay, insofern er zum einen recht detailliert darlegt, wie sich die bürgerlichen Freiheits- und Gleichheitsforderungen von Anfang an auf den weißen Mann beschränkten, während die zu ihnen in krassem Widerspruch stehende Institution der Sklaverei überwiegend stillschweigend oder offen apologetisch gebilligt wurde. So richtete sich die Anklage der »Knechtschaft«, vorgetragen von Philosophen wie Rousseau oder Locke, allein gegen den europäischen Absolutismus. Zum anderen bringt er die noch heute allzu oft anzutreffende Geschichtsfälschung zur Sprache, die darin besteht, die im Sinne des Mythos der Aufklärung verdrängte Gewalt- und Kolonialgeschichte Europas großzügig zu beschweigen und auszublenden, wenn es um die Universalität der mit ihr inaugurierten Vernunft und den Aufstieg des durch sie ermöglichten kapitalistischen Reichtums geht.

                Klappentext:

                1791 revoltierten die Sklaven von Saint Domingue, dem heutigen Haiti, unter Absingen der Marseillaise gegen die französischen Kolonialherren. Die »schwarzen Jakobiner« bewiesen so die Unteilbarkeit der Aufklärung. Diese im Okzident verdrängte Geschichte Haitis wird derzeit angesichts zunehmender weltweiter Ungleichheit wiederentdeckt. Anknüpfungspunkte dafür finden sich ausgerechnet bei Hegel, der die Ereignisse in der Karibik verfolgte. Seine Überlegungen zum Verhältnis von Herrschaft und Knechtschaft lesen sich wie ein Kommentar zum Geschehen – ohne daß Haiti mit einem Wort erwähnt würde. Susan Buck-Morss konfrontiert Hegels Interesse mit seiner Philosophie und skizziert die Grundlinien einer neuen Universalgeschichte.

                Das Hörbuch basiert auf der 2011 in der Edition Suhrkamp erschienenen deutschen Übersetzung. Das erstmals im Jahr 2000 veröffentlichte englischsprachige Original inklusive der Bilder kann man hier als PDF beziehen. Sowohl die deutschsprachige Suhrkamp- als auch die englische Buchausgabe enthalten als zweiten Teil noch den hier nicht vertonten Aufsatz »Universal History«.

                2. Eine positive Besprechung des Buches liegt in einer Sendung von »Lorettas Leselampe« (FSK) vor. Dort erfährt man noch einiges über Geschichte und Gegenwart Haitis, die Sklaverei und die Revolution sowie über Susan Buck-Morss. Download via FRN (0:52 h, 37 MB).

                3. Ein englischsprachiges Interview mit Susan Buck-Morss aus derselben Reihe wie jenes mit Moishe Postone ist hier zu finden. Darin gibt sie u.a. Auskunft über ihren intellektuellen Werdegang und ihre Studienzeit in Deutschland.

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