Posts Tagged ‘Nationalsozialismus’
Nationalsozialismus und soziale Frage October 14, 2015 | 07:58 am

Über den Antikapitalismus der alten und neuen Nazis

Im Rahmen einer kleinen Veranstaltungsreihe über den Nationalsozialismus der Falken Erfurt hat Joachim Bons (Uni Göttingen) einen Vortrag über den Antikapitalismus der Nazis gehalten. Diesen untersucht er anhand von Zitaten von Strasser, Göbbels und Hitler sowie aus dem Stürmer und dem Völkischen Beobachter (und am Rande auch aus aktuellen Nazi-Publikationen). Er plädiert dafür, den Antikapitalismus der Nazis nicht einfach als Demagogie abzutun und stellt gleichzeitig heraus, dass der NS-Antikapitalismus nicht die Überwindung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit, sondern deren Versöhnung anstrebt.

Die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ beschwört den „nationalen Antikapitalismus“ und will den „Kapitalismus zerschlagen“ und bereits die Goebbels-Zeitung „Der Angriff“ präsentierte die Nazis als „Todfeinde des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems“. Was ist von derartigen Aussagen von Parteien zu halten, die gleichzeitig das Privateigentum als naturgegeben anerkennen und dem „genial“ tätigen, wertschaffenden Unternehmer die Unentbehrlichkeit für Volk und Wirtschaft bescheinigen? Drückt sich hier ein genuin antikapitalistischer Impetus oder doch nur ein sozialdemagogisches Täuschungsmanöver aus oder wie sind derartige Aussagen sonst im Gesamtkontext (neo-) nationalsozialistischer Ideologie zu entschlüsseln? Wie war die soziale Frage eingebettet und welche Antworten wurden gegeben? Und nicht zuletzt, was können Gründe für die politische Wirksamkeit dieser Ideologie (gewesen) sein? Diese und weitere Fragen zu Ideologie und Politik des historischen und des akturellen Nazismus wollen wir gemeinsam diskutieren. Mit Joachim Bons aus Göttingen, der an der Uni Göttingen am Seminar für Politikwissenschaften zum Bereich Nationalsozialismus lehrt. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 79.4 MB; 1:26:42 h)
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Interview mit Eike Geisel über drei Berliner Ausstellungen September 25, 2015 | 08:16 pm

»Die Dummköpfe haben sich verdoppelt in dieser Stadt durch die Wiedervereinigung.«
(Eike Geisel über Berlin)

Der Journalist und Essayist Eike Geisel (1945-1997) war ein herausragender Kritiker der deutschen Ideologie. Er war ein Kritiker deutscher Geschichtspolitik, auch in ihrer beredsamen Variante, und deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und denunzierte früh den Antisemitismus in der politischen Linken (auch in seiner philosemitischen Variante). Seine treffsicheren Polemiken sind auch dann heute noch lesenswert, wenn sie als Eingriffe in tagespolitische Debatten geschrieben waren. Auf archive.org findet sich ein Interview mit Eike Geisel, das Geert Lovink geführt hat. Darin spricht Geisel zum einen über die Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“, die 1991 im Berliner Gropius-Bau eröffnet worden war und deren Ausrichtung er scharf kritisiert hatte. Zum anderen spricht er über sein eigenes Buch „Im Scheunenviertel“ über das Berliner Scheunenviertel, das zwischen den beiden Weltkriegen ein Zuwanderungsort für osteuropäische Juden gewesen war, und über Geisels Ausstellung über den Jüdischen Kulturbund, auf dessen Geschichte er relativ ausführlich eingeht. Zuletzt spricht er über die damals eröffnete Gedenkstätte im Haus der Wannsee-Konferenz. Das Interview muss 1991 oder ’92 geführt worden sein – weitere Informationen über den Hintergrund des Gesprächs liegen mir leider nicht vor.

Bei Edition Tiamat ist in diesem Jahr unter dem Titel Die Wiedergutwerdung der Deutschen ein Buch erschienen, in dem zahlreiche Texte von Eike Geisel gesammelt sind. Darin ist auch der Text von 1992 in der konkret enthalten, in dem Geisel die Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“ kritisiert hat.

Im Dezember erscheint ein Film über Geisel. Ein Ausschnitt bzw. Teaser ist hier zu sehen. Der Macher des Films hat uns freundlicherweise eine besser klingende Fassung des Interviews bereitgestellt. Der AArchiv-Link und die Hörfassung unten sind aktualisiert worden (13.10.2015).

    Download: via AArchiv (mp3; 56 MB; 1:01 h, HQ) | via AArchiv (zip/mp3, einzelne tracks, 140 MB, Super Qualität) | via archive.org (verschiedene Formate, schlechte Klangqualität)
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Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg March 10, 2015 | 02:57 pm

Am Zweiten Weltkrieg waren mehr Soldaten aus der Dritten Welt beteiligt als aus Europa. Die Schlachtfelder des Zweiten Weltkriegs erstreckten sich auch über Nordafrika, den Nahen Osten, Südostasien und Ozeanien. Soldaten aus den Kolonien kämpften (meist zwangsrekrutiert) auf Seiten der Alliierten, in den Kolonien wurden Menschen zur Kriegsproduktion gezwungen. Aber es gab auch Kollaborateure in der Dritten Welt, die sich durch eine Zusammenarbeit mit den Nazis Vorteile erhofften und teils deren Ideologie übernahmen. Obwohl sich der Zweite Weltkrieg gerade deshalb als Weltkrieg auszeichnet, weil durch ihn die Peripherie unweigerlich in das Weltgeschehen hineingezogen wurde, spielt ein Zusammenhang mit der Dritten Welt im europäischen Gedächtnis kaum eine Rolle. Wir dokumentieren hier mehrere Beiträge, die sich mit der Rolle der Dritten Welt im Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt haben.

1. Unsere Opfer zählen nicht. Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg

Im März 2005 hat das Rheinische JournalistInnenbüro nach jahrelangen Recherchen ein Buch über die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg herausgegeben. Wir dokumentieren hier den Vortrag eines Mitautors dieses Buches – Karl Rössel –, den dieser im Mai 2009 in Freiburg gehalten hat. Darin wirft er einige Schlaglichter auf die Kriegsschauplätze in der Dritten Welt, wobei er sich vor allem auf Afrika konzentriert. Er schildert Verläufe von einzelnen Gefechten, berichtet über die Behandlung von Kolonialsoldaten und von afrikanischen Kollaborateuren der Nationalsozialisten, es geht um Zwangsarbeit für die Kriegsproduktion und Kriegsverbrechen in den Kolonien. Als Quellen nennt Rössel u.a. das Buch „Hitlers afrikanische Opfer“ von Raffael Scheck sowie den afrikanischen Historiker Joseph Ki-Zerbo. Der Mitschnitt stammt aus einer Radiosendung von Radio Dreyeckland.

    Download: via AArchiv (ohne Musik; mp3; 39.9 MB; 43:36 min) | via MF (mit Musik; mp3; 51.3 MB; 56:02 min)

Kurz nach der Veröffentlichung des Buches „Unsere Opfer zählen nicht“, hat Radio Dreyeckland ein Interview mit der Mitautorin Birgit Morgenrath geführt. In diesem Interview gibt sie einen Einblick in die Motivation und Methode der Forschungsarbeit des Rheinischen JournalistInnenbüros und führt noch einmal einige Aspekte der Verstrickung der Dritten Welt in den Zweiten Weltkrieg an.

    Download: via AArchiv (mp3; 7.8 MB; 16:58 min)

Mit den Ergebnissen seiner Recherchen hat das Rheinische JournalistInnenbüro außerdem eine Wanderausstellung zusammengestellt, die seit 2009 in mehreren Städten zu sehen war. Als diese Ausstellung 2012 im Historischen Museum Frankfurt zu sehen war, hat Heike Demmel ein hörenswertes Feature produziert, das auf Radio Z zu hören war. In der Sendung werden noch einmal Schlaglichter auf Zusammenhänge und Ereignisse des Zweiten Weltkriegs in der Dritten Welt geworfen. Neben Kommentaren von Karl Rössel sind einige Interviews und O-Töne aus den Hörstationen der Ausstellung zu hören.

    Download: via AArchiv | via Radio Z (mp3; 21.7 MB; 23:43 min)

Das Projekt „Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg“ hat außerdem eine Webpräsenz, auf der neben ausführlichen Informationen, Verweisen und Quellenangaben auch zahlreiche O-Töne von Zeitzeugen zum Anhören zur Verfügung stehen. Eine Kritik an der Ausstellung aus post-kolonialer Perspektive, die auf Radio Unerhört Marburg gesendet wurde, kann hier nachgehört werden.

2. Erinnerung und Erkenntnis. Der Zweite Weltkrieg in peripherischer Perspektive

Dan Diner (u.a. Simon-Dubnow-Institut Leipzig) hat gemeinsam mit einer Forschungsgruppe gerade ein Projekt begonnen, das sich mit einer Globalgeschichte bzw. mit einer Gedächtnisgeschichte des 2. Weltkriegs auseinandersetzt. Aspekte dieser Forschungsarbeit hat Diner am 20.11.2014 auf Einladung des Wiesenthal-Instituts für Holocaust-Studien in Wien vorgestellt. Er legt in diesem Vortrag an einzelnen Ereignissen und Personen dar, dass der Zweite Weltkrieg in der Erinnerung der kolonialisierten Länder eine andere Bedeutung einnehmen musste, als in Europa. Dies rekonstruiert er u.a. an einer Debatte zwischen Gandhi und Martin Buber und an einem Briefwechsel zwischen Jacques Derrida und Pierre Nora. In der historischen Darstellung konzentriert sich Diner vor allem auf Frankreich und die französischen Kolonien, weil sich in Frankreich kontinentale und koloniale Geschichte auf exemplarische Weise miteinander verknüpften. Außerdem legt Diner einen Focus auf die jüdische Erinnerung an den zweiten Weltkrieg und rekonstruiert, wie durch die kolonialen Grenzziehungen auch auseinandertretende Perspektiven innerhalb des Judentums entstanden sind.

Die Globalisierung der Lebenswelten zieht die Globalisierung von Gedächtnissen nach sich. Damit werden nicht nur Fragen gemeinsamer, verschiedener wie gegenläufiger Erinnerungen aufgeworfen. Auch die Geltung wie die Reichweite dessen, was gemeinhin unter Geschichte verstanden wird, bedarf globalisierender Erwägungen. Dies gilt nicht zuletzt für derartig einschneidende Ereignisse wie den Holocaust. Ist seine Bedeutung als negatives Kernereignis des kontinentaleuropäisch-transatlantischen Kulturzusammenhanges universalisierbar? Lassen sich die von ihm ausgehenden Konsequenzen im Bereich von Moral und historischem Urteilsvermögen übertragen? Der Vortrag unternimmt den Versuch, die Koordinaten der Ereignisgeschichte des Zweiten Weltkrieges neu in den Blick zu nehmen und sie in globalisierender Absicht zu justieren. Dabei werden die Stränge kontinentaler und kolonialer Ereignisse in ihrer Verschränkung präsentiert, wobei der Holocaust aus Gründen von Moral und Urteilskraft ins Zentrum des Erkenntnisinteresses gerückt wird.

Moderation: Sybille Steinbacher (Institut für Zeitgeschichte, Universität Wien und Mitglied des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats des VWI).

Dan Diner ist Professor für moderne europäische Geschichte an der Hebrew University of Jerusalem, Professor emeritus für jüdische Geschichte und Kultur an der Universität Leipzig, Leiter des Akademieprojektes Europäische Traditionen – Enzyklopädie jüdischer Kulturen und Ordentliches Mitglied der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig und zur Zeit Fellow am Swedish Collegium for Advanced Study in Uppsala. Seine Forschungsschwerpunkte sind die jüdische Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, die Gedächtnisgeschichte des Holocaust und die Globalgeschichte des Zweiten Weltkrieges. Er ist Herausgeber der Enzyklopädie jüdischer Geschichte und Kultur (EJGK) und Autor zahlreichen Monographien, darunter jüngst Zeitenschwelle. Gegenwartsfragen an die Geschichte. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 91.8 MB; 1:40:18 h)
    Video: bei Youtube


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9. November 1938 – Auftakt zum Holocaust November 8, 2014 | 06:00 pm

Vor einem Jahr, als das Gedenken an die damals 75 Jahre zurückliegende »Reichskristallnacht« auch der deutschen Öffentlichkeit ein wenig wichtiger war als der Jahrestag des Mauerfalls, produzierte Sachzwang FM eine sehr hörenswerte Sendung über die Pogrome des November 1938 und über die Struktur des Antisemitismus. Dieses Wochenende, an dem staatstragend die »friedliche Revolution von 1989« und die Wiederherstellung der deutschen Nation gefeiert wird, sind die deutschen NS-Verbrechen im öffentlichen Bewusstsein vermutlich kein, jedenfalls kein großes Thema. Die richtige Zeit also, zwei von Dr. Indoctrinator verlesene, leicht gekürzte Beiträge zu hören (oder selbst zu lesen), deren erster von Rainer Bakonyi stammt und vor allem die Ereignisse in der Art einer Chronik der Verfolgung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden schildert. Im zweiten Beitrag widmet sich Rolf Pohl psychoanalytischen Theorien des antisemitischen Wahns. Im Zentrum stehen dabei die Begriffe »pathische Projektion« und »projektive Identifizierung« sowie die Wahrnehmungspsychologie.

    Download: via AArchiv (2 h, 41 MB)

Textnachweise:

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Die Utopie von der gesunden Welt. Zur Züchtung des »brauchbaren Menschen« im NS-Staat July 21, 2013 | 12:04 pm

Wolfgang Dreßen hat für den DLF einen guten Beitrag über die (Vor-) Geschichte und das Nachleben des NS-»Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses« verfasst. Er beleuchtet u.a. die Nichtentschädigung der von Zwangssterilisierung betroffenen Menschen in der BRD und die Individualisierung der »Biopolitik« durch pränatale medizinische Techniken heute.

Download: via DLF | via RS.com (0:29 h, 26 MB)

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HYLE – Ein Traumsein in Spanien April 4, 2013 | 09:22 pm

Hörspiel nach einem Roman von Raoul Hausmann

In der Mediathek des Bayrischen Rundfunks steht bereits seit längerer Zeit die Hörspielbearbeitung eines Romans von Raoul Hausmann zur Verfügung. Hausmann war eine wichtige Figur im Kreis der Dadaisten, von ihm stammt u.a. das »Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung« und in einer nicht unproblematischen Beziehung war er langjähriger Lebenspartner von Hannah Höch. Der lesenswerte Blog Golem hat dieses Hörspiel kommentiert und plädiert für eine Eigenständigkeit des auditiven Reizes vom Visuellen:

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bieten – neben zahlreichem Feuilletonistischem, das weit mehr über die Freude der Vortragenden, sich selbst reden zu hören, als über den behandelten Gegenstand selbst verrät, sowie der Hofierung diverser meist unsympathischer Vertreter_innen des parlamentarischen Betriebs – auch von Zeit zu Zeit kleine hörenswerte Stücke der Hörspielkunst. Exemplarisch dafür steht beispielsweise die vergleichsweise neue Bearbeitung des Ulysses von James Joyce, die über die Weihnachtsfeiertage auf Deutschlandradio gesendet wurde, und anhand derer die weitreichenden Möglichkeiten dieser spezifischen und (meiner Meinung nach) unterschätzten Kunstform deutlich werden. Wer nicht gerade eine gut sortierte öffentliche Bibliothek in seiner Nähe weiß, dem würde ich den Hörspielpool des Bayerischen Rundfunks nahelegen, wo dankenswerterweise sämtliche Produktionen und Features zum Herunterladen zur Verfügung stehen.

Desweiteren gibt er eine kurze Beschreibung des Hausmann-Hörspiels:

Hausmann ist vor allem als dadaistischer (Anti-)Künstler und Monteur zahlreicher Fotocollagen bekannt geworden. Weniger bekannt ist sein Projekt Hyle – ein Roman, an dem er bis in die 1960er Jahre arbeitete. Dieser ›autobiographische Mythos‹, wie ihn Hausmann selbst nannte, ist zwar zeitlich in den Exiljahren auf Ibiza 1933 bis 1936 verortet, folgt aber innerhalb dieser Eckpfeiler nur der freien Assoziation: Perspektiven wechseln, die Zeit fließt und erstarrt wieder. Viel von Hausmanns spöttischem Ton lässt sich auch hier wiederfinden, doch darin geht der Text nicht auf. Er pendelt vielmehr zwischen den Themen Traum und Sinnverlust, Vereinzelung, Flucht und der Unerkennbarkeit der Welt – und ist damit zugleich Nachsinnen über die konkrete Erfahrung der politischen Verfolgung durch den Faschismus sowie des generellen Erfahrungsverlusts des modernen Subjekts. [via]

Die Handlung dreht sich um das Leben im Exil auf einer spanischen Insel, wo Gal, Ara und eine Person, die nur „die Kleine“ genannt wird, eine seltsame Dreiecks-Beziehung führen, die voll von Verbohrungen, Verachtung und Unausgesprochenem ist (ganz so frei assoziiert scheint mir die Handlung nicht zu sein). Das Geschehen spielt sich dabei vor allem auf einer psychologischen Ebene ab – oft ist nicht klar, was ausgesprochen und was nur gedacht ist –, während die Landschaft des Exils der öde Hintergrund der Auseinandersetzungen bleibt. Bis die Wirklichkeit des Krieges auch in Ibiza eintrifft…

Hören & Download: BR2
Download: via RS (75,6 MB)

In der Welt ist eine kurze Rezension der Neuflage des Romans zu lesen, in der auch deutlich Hausmanns Sexismus hervorgekehrt wird, mit dem sich auch Hannah Höch konfrontiert sah. Ein Portrait Hausmanns zum lesen gibt es hier.

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Kritik des Gedenkens und materialistische Erkenntnis der Geschichte February 13, 2013 | 09:00 am

Wenn jedes Jahr am 13. Februar in Dresden »bürgerliche« Kräfte und Nazis um die Deutungshoheit über das legitime Gedenken an die Opfer der alliierten Bombardements ringen, ist dies nur ein besonders spektakuläres Beispiel für die beredte Umarbeitung der deutschen Geschichte. Dem entgegenzusetzen wäre eine Kritik offizieller Gedenkspektakel und ein materialistischer Begriff von Geschichte, sowie die Zeugnisse der Opfer des Nationalsozialismus zu Gehör zu bringen. Dazu sei mit diesem Beitrag angeregt.

1.) Philipp Schweizer: Eine materialistische Theorie der GeschichteWalter Benjamins Griff nach der Notbremse und Adornos Versuch, die Ursachen der Vergangenheit zumindest nachträglich zu beseitigen. Im Rahmen der Jenaer Veranstaltungsreihe »Erinnern, Vergessen, Verdrängen« hat Philipp Schweizer (Falken Erfurt) am 27.11.2012 über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit referiert und dabei vor allem anhand Benjamins Thesen »Über den Begriff der Geschichte« und Adornos Vortrag »Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?« einige Gedanken entwickelt. Im Referat und in der Diskussion wird insbesondere die Frage besprochen, wie sich das Verhältnis von Verdrängen und Erinnern heute verändert hat. Vortrag und Diskussion gehen fließend ineinander über, wobei die Aufnahme irgendwann in der Diskussion abbricht.

Noch vor 50 Jahren schienen die Fronten klar: die Erinnerung an den Nationalsozialismus richtete sich nicht nur gegen das Schweigen der eigenen Väter und Onkel, sondern auch das er gesamten deutschen Öffentlichkeit. Diese wollte lieber auf eine große Zukunft Deutschlands hinarbeiten und dazu einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, anstatt sich mit der Erinnerung an die abzugeben die im Namen Deutschlands und seiner Zukunft ermordet wurden. Vor diesem Hintergrund schien jedes Erinnern ein Angriff auf den emsigen Wiederaufbau und die Ruhe und Ordnung zu sein – kurz war praktische Subversion.
Wie aber steht es um die subversiven Potentiale von Erinnerung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Zeiten in denen sich eine Breite Erinnerungskultur etabliert hat und sogar Gedenkverstaltungen zur Befreiung von Auschwitz oder zum Ende des Nationalsozialismus in Bundestag und -rat mit Zitaten Theodor W. Adornos eröffnet werden?

Der Vortrag vergegenwärtigt zunächst die Überlegungen der Kritischen Theorie zu Erinnerung und Geschichte, indem die Überlegungen aus Walter Benjamins Thesen »Über den Begriff der Geschichte« (1940) und Theodor W. Adornos Vortrag »Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit« (1960) vorgestellt werden, um in Anschluss an diese eine materialistische Theorie der Geschichte zu umreißen.

Philipp Schweizer ist Mitglied der Falken Erfurt [www.falken-erfurt.de], die »(noch) eher weniger erfolgreich versuchen Solidarität in der Trostlosigkeit und Ansätze zu einer materialistischen Kritik der Gesellschaft zu organisieren.« [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 97,0 MB; 1:55:24 h) | via Audioarchiv++ (siehe hier)

2.) Primo Levi: Ist das ein Mensch / Die Atempause – Im letzten Jahr hat Hans Kremer in der BR2-Sendung »radioTexte« anlässlich des 25. Todestages von Primo Levi Auszüge aus zwei seiner Bücher gelesen: »Ist das ein Mensch?« und »Atempause«.

    A.) Die Atempause

»Die Atempause« heißt Levis Bericht über das, was nach der Befreiung durch die Rote Armee geschah und über die endlose Irrfahrt nach Hause. Eine Atempause trotz allem, denn zuhause begann der Kampf um die Wahrheit und gegen das Nicht-Wissen-Wollen, den die ehemaligen Häftlinge immer wieder verloren. Primo Levi hat ein Leben lang Zeugnis abgelegt über die Realität des Vernichtungslagers Auschwitz, das er erlebt und überlebt hatte. »Ist das ein Mensch?« erschütterte Generationen und stieß gleichzeitig immer auf Ablehnung und Unglauben. In seinem Buch »Die Atempause« beschrieb er, was nach der Befreiung durch die Rote Armee geschah und wie endlos die Irrfahrt durch halb Europa war, nach Hause. Eine Atempause trotz allem, denn zuhause begann der Kampf um die Wahrheit und gegen das Nicht-Wissen-Wollen, den die ehemaligen Häftlinge immer wieder verloren. Es liest Hans Kremer. [via]

    Download: via BR2 | via Mediafire (mp3; 28,2 MB; 29:18 min)
    B.) Ist das ein Mensch?

Die ersten Kapitel von »Ist das ein Mensch?« erzählen von Levis Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz:

Zum 25. Todestag des Autors liest Hans Kremer in den radioTexten am Karsamstag die Anfangskapitel des epochalen Buchs. Zu Ehren Primo Levis und wider das Vergessen. [via]

    Download: via BR2 | via Mediafire (mp3; 54,3 MB; 56:31 min)
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Libertärer Literat und Lebemann #5 February 10, 2013 | 11:55 am

Glos­sen von und über Erich Müh­sam

Im letzten Jahr hat die Audioarchiv-Redaktion mit einer Themen-Reihe über den Anarchisten Erich Mühsam begonnen – Anlass war dabei die Herausgabe einer kritisch-historischen Edition der Tagebücher Mühsams im Verbrecher-Verlag (bisher erschienen Band 1, Band 2, Band 3), inklusive einer Online-Edition der Tagebücher. Zum Abschluss dieser Reihe soll es deshalb noch einmal (siehe auch Beitrag #1) um die Tagebücher Mühsams gehen. Zusätzlich findet ihr ein Feature über Mühsam, das kürzlich auf BR2 zu hören war.

9.) Am 18.12.2011 fand im Rahmen der Reihe „Die Untüchtigen“ in der Hamburger Hafenschenke „Golem“ eine Lesung aus dem ersten Band der Mühsam-Tagebücher (1910-1911) statt. Der Mitherausgeber der Tagebücher, Chris Hirte, hat die Lesung kommentiert und über die Entstehung der Tagebücher berichtet. Philipp Meier von Rouden hat ausführlich aus den Tagebüchern vorgetragen. Im Vordergrund der Lesung stehen dabei Erinnerungen Mühsams an seine Kindheit und Jugend, die wohl einige Bitterkeiten enthielten, sowie seine Münchner Bohéme-Zeit. Mühsam stellt darin einige Beobachtungen über das kulturelle und städtische Leben Münchens an, portraitiert einige Zeitgenossen, berichtet über seine Lebensumstände und notiert Einschätzungen der politischen Lage. Die auf dem AArchiv-Server gespeicherte Datei ist kleiner komprimiert, während die FRN-Version größer und daher auch besser im Radio verwendbar ist.

ERICH MÜHSAM »Tagebücher – Band 1 / 1910–1911«Livemitschnitt aus dem GOLEM (Hamburg) vom 18.12.2011 Gelesen von Philipp Meier von Rouden

Durch allerhand Anekdoten und Anmerkungen garniert sowie Kommentiert durch den Herausgeber Chris Hirte, der ebenfalls der Lesung beigewohnt hat.

15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist, sein Leben festgehalten: ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen – und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt: Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart. Mühsams Tagebücher sind ein Jahrhundertwerk, das es noch zu entdecken gilt, sie erscheinen in 15 Bänden – und zugleich als Online-Edition. Die von Chris Hirte und Conrad Piens gewissenhaft edierten Textbände werden im Internet veröffentlicht, begleitet von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien, Suchfunktionen – es entsteht eine historisch-kritische Ausgabe.
In dem ersten Band geht es vor allem um Mühsams zentrale Rolle in der Münchener Boheme.

Erich Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, war ein Dichter und politischer Publizist. Er war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. 1933 wurde er verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS-Wachmannschaft ermordet.

Chris Hirte war Mitherausgeber der Erich-Mühsam-Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt (1978-1985). Seine Mühsam-Biographie erschien 1985 im Verlag Neues Leben. 1994 veröffentlichte er bei dtv München eine Auswahl aus den Tagebüchern. Seit 2009 arbeitet er gemeinsam mit Conrad Piens an der Gesamtausgabe der Tagebücher. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 45,1 MB; 1:33:53 h) | via FRN: Teil 1 / Teil 2 | hören bei Soundcloud

10.) Ebenfalls im Golem fand am 08.04.2012 eine musikalische Lesung statt, die von äußerst prominenten Sprechern und Musikern gestaltet wurde – teilgenommen haben Thomas Ebermann, Harry Rowohlt, Frank Spilker (Die Sterne), Knarf Rellöm und Manuel Schwiers (School of Zuversicht). Dabei wechseln sich Auszüge aus Mühsams Tagebüchern mit musikalischen Beiträgen ab, die zum Teil aus Vertonungen von Mühsams Gedichten, zum Teil aus Bearbeitungen und Interpretationen von Mühsams Texten bestehen. Zusätzlich steht eine Lesung zum gleichen Thema und mit gleicher Besetzung (aber leicht differierendem Inhalt) zur Verfügung, die bereits 2010 im Festsaal Kreuzberg stattfand – bearbeitet und kommentiert vom Dschungelfunk.

    Download:

    A.) Hamburg: via AArchiv (mp3; 369,4 MB; 2:33:54 h) | bei Soundcloud hören

    B.) Kreuzberg: via FRN: Teil 1, Teil 2 | per Stream via Dschungelfunk | via RS

Eine Rezension zum ersten Band der Mühsam-Tagebücher findet sich hier.

11.) Das Leben schreit!Ein Feautre über Erich Mühsam von Carola Zinner. In diesem hörenswerten Feature erhält man einen Überblick über Mühsams Leben und seine Aktivitäten – vor, während und nach der Münchner Räterepublik. Es sind Auszüge aus politischen Reden Mühsams, so wie aus sehr persönlichen Reflexionen zu hören. Unter anderem kommen sein Biograph Günther Gerstenberg, so wie seine Frau Zenzl Mühsam im O-Ton zu Wort.

Erich Mühsam – der „Schwabinger Kaffeehausliterat“ mit scharfem Verstand und ausschweifendem Liebesleben. In die Geschichte eingegangen aber ist Mühsam vor allem als Vertreter der Münchner Räterepublik und – als eines der ersten Opfer in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager. [via]

    Download: via BR2 | via Mediafire (mp3; 20,6 MB; 21:22 min)

Dies, meine Damen und Herren, ist im Übrigen der 600. Audio-Beitrag im Audioarchiv. Daher gibt es untenstehend eine kleine musikalische Zugabe:

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Antideutsche Wertarbeit December 30, 2012 | 10:08 pm

Zum Jahresende dokumentieren wir einen Kongress, der vor mittlerweile mehr als zehn Jahren, vom 29.-31.3.2002 in Freiburg stattfand. Ein halbes Jahr nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center, in deren Folge sich der Bruch innerhalb der deutschen Linken zur unleugbaren Kenntlichkeit vertiefte, richtete die Initiative Sozialistisches Forum einen Kongress aus, dessen Beiträge teilweise auch heute noch – nicht nur in »szenehistorischer« Hinsicht – interessant sind und dessen Diskussionen ihre Aktualität mitunter noch nicht vollends verloren haben. Einige der Beiträge sind bereits in Form von Radiosendungen dokumentiert worden.

Die als Links bzw. Anker ausgeführten fortlaufenden Nummern dienen auch der leichteren Verlinkung der einzelnen Beiträge. Wer die Dateien mit einem Downloadmanager (von Rapidshare) herunterladen möchte, findet hier die entsprechenden Containerformate.

1. Begriff des Kapitals: Die Implikationen der marxschen Kritik der politischen Ökonomie Hörenswert!

Podiumsdiskussion mit Michael Heinrich, Nadja Rakowitz und Manfred Dahlmann, moderiert von Joachim Bruhn.

Die Debatte zwischen Michael Heinrich und Dahlmann/Bruhn kann als Vorläuferin bzw. Auftakt des bis in jüngste Zeit (mit modifiziertem, vielleicht erweitertem Thema) fortgesetzten1 Marxismus-Mystizismus-Streits gelten, einer Art innerlinken Neuauflage des Positivismustreits in der Deutschen Soziologie, der hin und wieder zwischen der (semi-/sub-)akademischen »Neuen Marx-Lektüre« auf der einen und »antideutscher materialistischer Kritik« auf der anderen Seite ausgetragen wird. Die Diskussion betrifft die Frage nach dem »Theorietypus« und dem »Erkenntnismodus« der marxschen Kritik der politischen Ökonomie und nach ihren erkenntnis- bzw. ideologiekritischen Implikationen: Handelt es sich um eine als positive Wissenschaft oder Quasi-Systemphilosophie zu vollendende Theorie der kapitalistischen Gesellschaft, deren »Dialektik« eine bloße »Darstellungsmethode« ist, mit deren Hilfe die aufkommenden Widersprüche im Fortgang stets aufgelöst werden, oder um eine »subversive Kritik«, die, in jedem Satz zugleich Aufruf zur Revolution, die logische Unmöglichkeit und das Skandalon einer an sich unbegreifbaren, durch und durch irrationalen Vergesellschaftungs- und Produktionsweise aufzeigen möchte?
Dahlmann macht zunächst Ausführungen zum Zusammenhang von Warenform und Denkform, um die gesellschaftliche Konstitution des Subjekts anzudeuten. Heinrich weist u. a. auf die Selbstwidersprüche der ISF-Position hin, etwa Aussagen über den Wert und das Kapital zu machen und zugleich jede Theoretisierung derselben für eine Unmöglichkeit und »Rationalisierung« zu erklären. Warnung an GSPler: Die prüfen beide nicht den Wahrheitsgehalt ihrer Argumente.

Heinrich: Die Kritik der politischen Ökonomie löst nicht nur das wissenschaftliche Problem einer adäquaten Erklärung des Mehrwerts, sie besitzt auch eine unmittelbar politische Seite, indem sie eine moralische Kapitalismuskritik sowie sozialistische Auffassungen, die auf einen Sozialismus der kleinen Warenproduktion hinauslaufen, als in dem von der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervorgebrachten Schein befangene Vorstellungen nachweist. Die Marxsche Kapitaltheorie steht daher in einer doppelten Frontstellung. Die »Apologeten« lösen die kapitalistische Produktion in die Harmonie der einfachen Zirkulation auf. Indem sie Kapital auf Ware und Geld, auf Kauf und Verkauf reduzieren, sehen sie Freiheit, Gleichheit und Eigentum gewährleistet, indem sie die kapitalistische Produktion mit der nicht-kapitalistischen Warenproduktion identifizieren. Ihnen gegenüber weist Marx nach, daß ihre Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum aufgrund eigener Arbeit bloßer Schein ist, da die von ihnen unterstellten gesellschaftlichen Verhältnisse nicht existieren und nie existiert haben. Damit intendiert Marx jedoch keine immanente Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Daß es Marx darum gegangen wäre, aufzuzeigen, daß der Kapitalismus seinen eigenen normativen Standards widerspreche, wurde u.a. von Habermas vertreten. Diesen Marx unterstellten Versuch einer immanenten Kritik unternimmt eher Proudhon. Gegen utopische Sozialisten wie Proudhon, die das aus der einfachen Zirkulation abgezogene Ideal gegen seine angebliche Verfälschung in der kapitalistischen Produktion geltend machen wollen, argumentiert Marx, die kapitalistische Produktion sei die durchgeführte Freiheit und Gleichheit der einfachen Zirkulation und nicht etwa deren Entartung, da die einfache Zirkulation mitsamt ihren Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum nur auf kapitalistischer Grundlage existiert. Die Utopisten betreiben daher, sagt Marx in den »Grundrissen«, »das überflüssige Geschäft…, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst aus sich geworfne reflectirte Lichtbild, selbst wieder verwirklichen zu wollen.«

(Rakowitz: Die marxsche Wertformanalyse erweist sich als systematischer Weg, den Schein der einfachen Zirkulation zu durchbrechen. Als Kritik kann sie die Momente des ideologischen Scheins der bürgerlichen Gesellschaft transzendieren und zumindest die negativen Bedingungen der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft aufzeigen. Deshalb ist die Kritik der einfachen Zirkulation und damit die Kritik der einfachen Warenproduktion und ihr notwendiges Übergehen in die Kritik des Kapitalverhältnisses zentral für das Verständnis der Kritik der politischen Ökonomie. Dies gilt nicht nur in methodischer, sondern vor allem in politischer Hinsicht. In den »Grundrissen« gibt Marx einen Ausblick auf den Fortgang der Darstellung der Widersprüche der politischen Ökonomie, der zu leisten wäre, um die kapitalistische Produktionsweise als Totalität begreifen zu können. Begreifen heißt hier Kritik der Theorien wie der Verhältnisse und hat Praxis als immanenten Zweck: »Durch sich selbst weist (die Warenwelt) … über sich hinaus, auf die ökonomischen Verhältnisse, die als Produktionsverhältnisse gesetzt sind. Die innere Gliederung der Produktion bildet daher den zweiten Abschnitt, die Zusammenfassung im Staat den dritten, das internationale Verhältnis den vierten, der Weltmarkt den Abschluß, worin die Produktion als Totalität gesetzt ist und ebenso jedes ihrer Momente; worin aber zugleich alle Widersprüche zum Prozeß kommen. Der Weltmarkt bildet dann wieder ebenso die Voraussetzung des Ganzen und seinen Träger. Die Krisen sind dann das allgemeine Hinausweisen über die Voraussetzung und das Drängen zur Annahme einer neuen geschichtlichen Gestalt.«)

Dahlmann: Daß es in der materialistischen Gesellschaftsanalyse keine vom Gegenstand abgelöste Methode geben kann, ist zur Binsenweisheit linker Theoriebildung geworden. Wenn jedoch eine weitere zentrale Differenz nicht reflektiert und aufgehoben wird – nämlich die Differenz zwischen Erkenntnissubjekt und Gegenstand –, ist mit dem Postulat der Übereinstimmung von Form und Inhalt nur wenig gewonnen. Kapital und Wert jedenfalls bleiben unbegriffen, das heißt sie werden, wie in der Linken üblich, ökonomistisch reduziert, wenn sie dem Subjekt, erst recht dem sich wissenschaftlicher Analyse befleißigenden, als Gegenstand erscheinen, dessen sich der Gedanke bemächtigen könne, oder gar, umgekehrt: als Gegenstand, der den Gedanken sich subsumiere. Vielmehr ist es dieses Subjekt, das in der Reflexion sich und den Gegenstand (negativ) erst konstituiert. Dementsprechend hängt die überindividuelle Geltung von Urteilen nicht davon ab, ob in ihnen Methode und Gegenstand übereinstimmen oder nicht, sondern Wahrheit ist grundsätzlich nur zu verbürgen, wenn eine das Subjekt transzendierende, allgemeine (und verallgemeinernde) Vermittlung postuliert wird, durch die hindurch erst alle Differenzen (Methode und Sache, Subjekt und Objekt) in eins gesetzt werden können. Oder anders: man sollte den Schritt von Kant zu Hegel nicht vorschnell vollziehen – denn das droht auf Kosten der Kritik zu gehen; auf Kosten einer Kritik, der allein sich auch die Negativität der totalen Vermitteltheit (als Kapital, als Wert) zu erschließen vermag.

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2. Uli Krug: Begriff des Subjekts. Marx, Freud, Adorno und der Wert des Ich

Die Psychoanalyse ist kein der Kritischen Theorie nach Belieben anzuheftendes oder abzulösendes Assecoir: »Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrationslager Kastration charakteristischer als Konkurrenz« (Adorno). Aus demselben Grund, aus dem Marx »psychologischen« Erwägungen gegenüber so kritisch war, daß sie nämlich objektivem Zwang einen falschen Schleier von Individualität verliehen, aus demselben Grund ist die unrevidierte Psychoanalyse eines Sinnes mit der Kritik der politischen Ökonomie: Als Kritik der seelischen Ökonomie. So wie die eine das kapitale Subjekt als »Charaktermaske« eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte – in der revolutionären Hoffnung, daß kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch sind –, so legt die andere das Zwanghaft-Unbewußte am vorgeblich freien Willen des Individuums frei. So wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politischen Zwangscharakter kapitaler Subjektivität befestigt, so entspricht ihr die steigende Zusammensetzung des Subjekts in seinem Inneren: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die – schon immer limitierte – autonome Kontrolle über sein Schicksal und seine Entscheidungen, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die – schon immer limitierte – Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: Der Nationalsozialismus und die Epoche, die er begründete, können so als Infantilisierung der ehemals bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Rechtssubjekte beschrieben werden: Abhängig wie Kinder von unverstandener Außenwelt und beherrscht von einem sublimationsunfähigen Gefühlschaos, von Größenwahn, Angst und Sadismus. Der Zügellosigkeit der Feindkampagnen, wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus, mit Deutschland und den Deutschen, nicht so tun, als ob die politisch-ökonomische Regression der Gesellschaft die Kategorien wie Interesse, Bewußtsein, etc. im Individuellen in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Es.

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3. Joachim Bruhn: »Logik des Antisemitismus«: Die ökonomische/soziologische Reduktion des Wertbegriffs und ihre Folgen

Die Überlebsel der radikalen Linken haben seit dem Golfkrieg von 1991 den Antisemitismus als Thema politischer Agitation wie akademischer Beschäftigung entdeckt: Das ist schick, zumindest Common Sense. Wer sich informieren will, was das deutsche Mordkollektiv den Juden wie und wo angetan hat, leidet nicht an einem Mangel einschlägiger Literatur. Wer sich allerdings aufklären möchte, warum es das getan hat, stößt bald darauf, daß außer Moishe Postones Aufsatz über die »Logik des Antisemitismus« nur wenig Substantielles vorhanden ist. Sein Essay bedeutete, vor über zwanzig Jahren, die längst fällige Revolutionierung der materialistischen Antisemitismustheorie. Aber eben nur: der Theorie. Weil Postones Bemühung im Theoretischen steckenblieb, konnte sich hinfort die linke Kritik des Antisemitismus bestens mit den verschiedensten Spielarten des Antizionismus, der Aversion und des Hasses gegen Israel vertragen. Ein Komplex bildete sich heraus, in dem die Erkenntnis mit ihrer Verdrängung kollaborierte. Denn Postone hatte nicht nur den philosophischen Status der Kritik der politischen Ökonomie als einer Kritik verfehlt, er hatte auch das politische Moment und die staatskritische Implikation dieser Kritik verkannt. Und so wußten die Linken nun ganz genau, was es mit dem Verhältnis von konkret und abstrakt auf sich hatte, warum die Nazis von der »Brechung der Zinsknechtschaft« halluzinierten, warum die Volksgemeinschaft eine verschwörerische Antirasse sich erfinden mußte. Warum jedoch die Nazis von Anfang an ihren Vernichtungswillen so antisemitisch wie antizionistisch programmierten, das blieb sowohl als historischer Tatbestand wie als materialistisches Thema unbekannt. Postones Reduktion des Antisemitismus auf ein binnengesellschaftliches und ökonomisches Phänomen erklärt sich zwanglos aus seiner ökonomischen Reduktion des Wertbegriffs selbst, einer Depotenzierung also des Erkenntnisanspruchs, den der Materialismus mit Marx und Adorno erhebt; einer Depotenzierung, die neuerdings als »fundamentale Wertkritik« selbst schulbildend geworden ist. Wert jedoch, so wird zu zeigen sein, ist, als Inbegriff negativer Vermittlung einer in sich selbst verkehrten Gesellschaft, allererst keine ökonomische Kategorie, sondern die Kategorie der Konstitution politischer wie ökonomischer Gegenständlichkeit. Die Logik, von der Postone spricht, erweist sich erst dann als hinreichend verstanden, wird sie als Moment der negativen Dialektik des Antisemitismus bestimmt.

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4. Clemens Nachtmann: Begriff des Faschismus: Marx und die negative Aufhebung des Kapitals

Der nationalsozialistische Staat stiftet gesellschaftliche Einheit in Form der Zwangshomogenisierung der Bevölkerung zum Volk. Er organisiert die totale Dienstbarkeit des Einzelnen fürs gesellschaftlicher Ganze, die totale Unterordnung der Partikularinteressen unter die Staatsräson, indem er einerseits die bürgerliche Öffentlichkeit und ihre klassische Repräsentanz, das Parlament, zerschlägt; indem er andererseits die Organisationen der Arbeiterbewegung liquidiert und die gesellschaftliche Arbeit in unmittelbar staatlich gelenkten Massenorganisationen zusammenfaßt. Der nationalsozialistische Staat bewerkstelligt so die endgültige Aufhebung der Trennung von Staat und Gesellschaft; er kreiert den totalen Staatsbürger, der seine gesellschaftlichen Bestimmungen nur noch nebenher, als Anhängsel mitschleppt. Die »Volksgemeinschaft« ist daher alles andere als eine, wie der orthodoxe Marxismus es unterstellt, bloße Parole, die der »Verschleierung« der in gehabter Form weiterexistierenden Klassen diente. Im Nationalsozialismus konstituiert sich die Volksgemeinschaft real, und zwar in der einzig möglichen Form: ex negativo, als klassenübergreifendes Kollektiv der Verfolger, das sich tätlich, in massenmörderischer Aktion gegen diejenigen definiert, in denen der völkische Wahn die Inkarnation all dessen erblickt hatte, was der substantiellen Einheit der Nation im Wege stehe – die Juden. Die Massenvernichtung der Juden als kollektiv begangenes Verbrechen besiegelt derart den faschistischen Sozialpakt als die negative Aufhebung der Klassengesellschaft.

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5. Deutschland und das Kapital. Kann es einen Materialismus geben, der nicht antideutsch ist?

Streitgespräch zwischen Ulrich Enderwitz und Gerhard Scheit

Die Diskussion kreist um eine Frage, mit der sich der »antideutsche Materialismus« immer wieder herumschlagen muss: Was ist das Deutsche am Deutschen Sonderweg und welche Zukunft hat die deutsche Ideologie als Krisenlösung? Ulrich Enderwitz, offenbar langjähriger Sympathisant der ISF, wandte sich, reagierend auf die einschlägigen ISF-Stellungnahmen nach dem 11. September, zunächst verwundert und kritisch an seine alten Genossen und schließlich von ihnen ab.2

Enderwitz: Woher plötzlich der qualitative Unterschied zwischen liberalistisch operierendem und nationalsozialistisch organisiertem Kapital, zwischen oligarchischer Demokratie und Faschismus, zwischen Angelsachsen und Teutonen? Waren wir uns denn nicht immerhin darin einig, dass der volksdemokratische Faschismus eine logische oder jedenfalls krisen- beziehungsweise notstandslogische Konsequenz des repräsentativ-demokratischen Kapitalismus ist und der Nationalsozialismus insofern als eine durch die besonderen Umstände Deutschlands begünstigte frühe Ausbildung oder Vorform einer der kapitalistischen Entwicklung insgesamt eingeschriebenen Rezeptur gelten kann? Wobei Früh- oder Vorform gar nicht so sehr im historisch-exemplarischen als vielmehr bloß im systematisch-paradigmatischen Sinne verstanden werden soll, das heißt unter der Annahme, daß nur unter allgemeinen strukturellen Gesichtspunkten (Intervention des Staats, Zusammenschluß von Kapital und Arbeit, Schaffung eines die gemeinschaftliche Identität terroristisch festklopfenden Feindbilds), nicht aber unbedingt unter dem Aspekt seiner besonderen funktionellen Ausprägung (Führerkult, volksgemeinschaftliche Arbeitsfront, Antisemitismus) der deutsche Faschismus wegweisend gewesen ist. Es ist mit anderen Worten durchaus denkbar, daß zukünftige faschistische Entwicklungen ohne die charakterologischen Besonderheiten des deutschen Faschismus, wenn auch nicht ohne seine strukturellen Prinzipien auskommen werden. Die mordlüstern-schlagkräftige Volksgemeinschaft und der Antisemitismus sind nicht unbedingt konstitutive Bestandteil jedes Faschismus. Was nun? Entweder dieser deutsche Faschismus bleibt ein Sonderphänomen, seine »Implementation«, wie man neudeutsch zu sagen pflegt, ein Sonderweg der Deutschen; dann muß man sich, um ihn zu verhindern, auf die Seite des »normalen«, liberalistischen Kapitalismus als des herrschenden und den deutschen Sonderweg allein zu verbauen fähigen Allgemeinen schlagen. Oder dieser deutsche Faschismus ist – wie ja durch die These von der tendenziellen, wo nicht gar notwendigen Faschisierung des Kapitalismus nahgelegt wird – der maßgebende Wechsel auf das Schicksal des Kapitalismus ganz allgemein, der Vorgriff auf die Zukunft aller Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht; dann hat man in vexierbildlicher Wiederaufnahme der Rede vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen wird, und des darin kodifizierten Größenwahns Deutschland zur schlechthin schicksalsträchtigen Nation, zum »Meister der Krise« oder besser gesagt zum »Tier der Apokalypse« erklären. Diese Sicht aber von Deutschland als dem bahnbrechenden Vorreiter beziehungsweise wegweisenden Anführer beim leviathanischen Marsch in den apokalyptisch permanenten Notstand scheint mir bar jedes Realismus und historischen Sinns. Sie führt in Selbstbespiegelung und damit hinein in die Paradoxie des Antideutschtums, einer aus Provinzialismus und Projektion gemischten negativen Deutschtümelei.

Scheit: Die oberste Instanz der Gewalt ist der Staat. Seine Souveränität ist so allgemein wie das Kapitalverhältnis. Anders als bei dessen Fetischismus, der im Logisch-Abstrakten der Wertform steckt, erschließt sich Ideologie hier jedoch im Historisch-Konkreten – möglich allerdings nur durch die Kritik jener fetischistischen Form. Denn Souveränität wird letztlich durch die von vornherein gegebene Möglichkeit der Krise konstituiert. Die Kritik der Warenform ist zwar die Bedingung dafür, die Macht radikal in Frage zu stellen, die das Monopol auf die gewaltsame Durchsetzung dieser Form beansprucht – aber die Staatsmacht geht darum in der Warenform so wenig auf wie der Gebrauchswert im Tauschwert. Es geht also darum, die Logik des Kapitals und die Geschichte des Staats jederzeit als einen einzigen, unauflösbaren Zusammenhang zu begreifen – ohne sie entweder als Logisch-Abstraktes oder Historisch-Konkretes kommensurabel zu machen, ohne die Nichtidentität in der Identität verschwinden zu lassen. Der Wert ist immer und überall derselbe – mit sich selbst absolut identisch (Differenz ist allein quantitativ möglich); und er kann überhaupt nur als diese absolute Identität auf den Begriff gebracht werden. Der Staat entspricht zwar seinerseits solcher realen Abstraktion und ist insofern immer und überall der gleiche; untrennbar davon aber – also gerade in seiner Allgemeinheit – läßt er sich nur als ganz bestimmter begreifen, das heißt: im Zusammenhang, in dem er mit seinesgleichen steht und worin er sich unterscheidet. So ist es ein- und dasselbe Kapitalverhältnis, das überall in die Krise gerät, doch gerät es überall auf je verschiedene Weise in die Krise – und darüber entscheidet nicht zuletzt, welches Bewußtsein von Krise und Krisenbewältigung das Verhältnis zum Staat bestimmt und die Menschen zur Nation formiert. So wären nicht nur ganz allgemein die Warenbesitzer mit dem Staat in Beziehung zu bringen – unter dem Gesichtspunkt: Was ist eine Nation? –, sondern genau in diesem Punkt die Staaten zueinander ins Verhältnis zu setzen – also: Was ist deutsch?

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6. Iris Harnischmacher: Begriff der Kritik (1). Karl Marx und die gesellschaftliche Reflexion der Hegelschen Systemphilosophie Hörenswert!

Ein recht anspruchsvoller, aufgrund zahlreicher Erläuterungen aber doch verständlicher Vortrag zum Verhältnis von Hegel und Marx hinsichtlich des Verfahrens immanenter Kritik. Im Mittelpunkt steht der Begriff des Gesetzes und die Kritik an ihm.

Die Transformation des Hegelschen Begriffs in materialistische Kritik läßt die destruktiven Züge des Denkens deutlicher hervortreten, die der »Wissenschaft der Logik« zufolge die reflexive Tätigkeit des Verstandes charakterisieren. Als die negative Kraft des Denkens werden sie zu konstruktiven Momenten der positiven Wahrheit neutralisiert, dergestalt, daß, was sie destruieren, zur neuen Einheit zusammengefügt, in die neue entstehende Unmittelbarkeit überführt wird. Die materialistische Kritik formt ein Denken, das aller proklamierten Negativität zum Trotz vor seiner eigenen zerstörerischen Macht geschützt zu sein glaubt, in ein selbstkritisches Denken um, das eingesteht, von der Wirklichkeit abzuhängen, ohne sich ihr vollständig zu unterwerfen. Es glaubt, von der Kritik ausgenommen zu sein, weil es sich in ein substantielles, durch die Sache hindurch sich realisierendes, sich vampirisch von ihr nährendes, sie ersetzendes Denken verwandelt hat: in Geist. Die Kritik zielt nicht darauf, das geistige Prinzip durch ein materielles zu ersetzen. Die Transformation des Idealismus, die erfordert ist, weil er die gebrechliche Einrichtung der Welt ignoriert, setzt voraus, ihn dialektisch zu entfalten. Marx hält am objektiven Impuls der idealistischen Philosophie fest. Er zeigt zugleich, daß in ihrem Rahmen der Anspruch, die Wirklichkeit zu greifen und das Denken zur Objektivität zu führen, nicht erfüllt ist. Die Weise, in der er mit dem Idealismus bricht, ist durch dessen eigene methodische Einsichten vorgegeben. Nicht subjektives Dafürhalten, der am Gegenstand sich bildende Begriff begründet die materialistische Kritik. Der Integrität und inneren Wahrheit des Gegenstandes entspräche es, seine aktuelle Form zu zerstören, in der zu verharren er nicht zuletzt durch eine affirmative Philosophie gezwungen ist. Die Kritik unterscheidet sich darin vom logischen Begriff, daß sie zu einem destruktiv-transitorischen Wahrheitsbegriff gelangt. Nicht die adäquate Darstellung der Realität ist ihr Ziel, sondern die tätige Veränderung. Die Kritik ruht nicht in sich, denn der Impuls zur Veränderung geht von der Praxis aus. Ob er vorhanden ist, mag eine theoretische Frage sein; ihn hervorzubringen ist nicht die Aufgabe der Theorie. Zwar strebt die Kritik wie der absolute Idealismus die Versöhnung an, doch zeigt sie, daß, wer dieses Ziel erreichen will, die falsche Form der Welt ebenso wie die falschen Formen des Bewußtseins, die ihr korrespondieren, zerstören muß.

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7. Hans-Georg Backhaus: Begriff der Kritik (2). Horkheimer, Adorno und die gesellschaftliche Reflexion der Marxschen Ökonomiekritik

Um Adorno und Horkheimer geht es in diesem Vortrag nur am Rande. Backhaus redet eher über die erfolglosen Versuche der ökonomischen Wissenschaft, das Geld widerspruchsfrei zu bestimmen. In der Diskussion wird die meiste Zeit gelacht, etwa nachdem Backhaus eine Aussage Marxens zitiert, in welcher jener seinen Stolz bekundet, dem deutschen Volk anzugehören…

Die traditionell einseitige Rezeption des marxschen »Kapital« in seiner Eigenschaft als einer »Kritik der politischen Ökonomie« führt darauf, daß die Neutralisierung oder gar Eliminierung des Marxschen Kritik-Programms ein konstitutionelles Markmal des traditionellen Marxismus ausmacht, und zwar in allen seinen Spielarten. Dagegen begründet Max Horkheimers Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« eine neue Perspektive, indem das die Differenz der beiden Theorietypen kennzeichnende Attribut »kritisch« ausdrücklich auf die »dialektische Kritik der politischen Ökonomie« bezogen wird, also auf Marxens Analyse im Sinne einer »dialektischen Kritik«. Dabei geht es einmal um jene spezifische Auslegung der »Kritik« und ebenso ihres Objekts, wie sie Theodor W. Adorno in seinen 1942 verfaßten »Reflexionen zur Klassentheorie« knapp und präzise formuliert hat: daß Marxens »Kritik der politischen Ökonomie die des Kapitalismus« bedeutet, also die der »politischen Ökonomie« primär nicht als einer ökonomischen Theorie, sondern als eines realen ökonomischen Gesamtsystems – eines »Systems der Entmenschlichung«, wobei Adorno die »Unmenschlichkeit« so definiert, »daß die Menschen zu Objekten geworden sind«. Einer so verstandenen »Kritik der politischen Ökonomie« geht es nicht allein um die Kritik apologetischer Wirtschaftstheorien, sondern um eine weit radikalere und umfassender Kritik, die in eine Begründung der Klassentheorie als Basis des Historischen Materialismus einmündet, somit in eine »Kritik der ganzen Geschichte« als einer zu kritisierenden »Geschichte der Herrschaft«. Herbert Marcuse hat die Konsequenz dieses kritischen Erkenntnisbegriffs am provokantesten formuliert: »Die Wahrheit der materialistischen These soll sich in ihrer Negation erfüllen.« Und im gleichen Sinne schrieb Adorno 1969 in seiner »Negativen Dialektik«: »Fluchtpunkt des historischen Materialismus wäre seine eigene Aufhebung. … Eine befreite Menschheit wäre nicht länger Totalität, eine wahre Gesellschaft erst wäre frei von Widerspruch und Widerspruchslosigkeit gleichermaßen.« Und trotzdem wird bis heute der werttheoretische Hintergrund jenes Grundmotivs der Frankfurter »Kritik« ignoriert, daß das »Ganze« der kapitalistischen Gesellschaft ein »Unwahres« ist, »eine falsche Identität von Subjekt und Objekt«.

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8. Manfred Dahlmann: Der Wert und die Ideale: (Un-)Moralische Perspektiven

Der sogenannte Materialismusstreit beherrschte die philosophischen Debatten der Linken in den siebziger Jahren. Von den sich als Materialisten bezeichnenden kritisiert wurde ein ‚Idealismus‘, dem die Idiotie unterstellt wurde, er betrachte die Gegenständlichkeit der Natur als bloßes Gedankengebilde. Gar nicht ging es ihnen um das naheliegendste: die Kritik der Ideale im profanen, umgangssprachlichen Sinne. Der Grund dafür ist einfach – waren sie es doch, die damaligen ‚Materialisten‘ also, die die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer reinsten Form (Freiheit, Gleichheit, Solidarität) zu verwirklichen vorgaben, und legitimierten sie doch auf genau dieser (nicht anders als idealistisch zu nennenden) Grundlage ihre Politik. Alles also wie gehabt: die Linke als die wahren Bürger und somit als Ärzte am Krankenbett einer Welt, die den Glauben an ihre eigenen Ideen längst verloren hatte. Die bürgerliche Rechte redet denn auch seit langem schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, von kaum etwas anderem als vom Verfall der kulturellen Werte (der ihnen dabei gern als Konsequenz des »Materialismus« gilt) und sieht in ihm die Ursache alles Bösen. Unter Linken und Rechten herrscht ungeachtet aller Animositäten bis auf den heutigen Tage somit der Glaube, wie in der Antike seien es die individuellen Tugenden, und somit das wohlgefällige, am Guten, Wahren, Schönen ausgerichtete Leben eines jeden, die letztlich darüber entschieden, wie es um die Qualität des gesellschaftlichen Ganzen bestellt sei. Wer wollte denn auch bestreiten, daß die Moral in seinem Alltag eine herausragende Rolle spielt (keiner behauptet schließlich von sich, er gefalle sich darin, seinen Freunden und Bekannten als Bösewicht gegenüber zu treten), und was liegt näher, als ins gesellschaftliche Allgemeine unmittelbar zu projizieren, was aus dieser Erfahrung – der, daß man selbst zweifellos nie etwas Böses im Schilde führen könne – unmittelbar folgt: daß es sich bei den anderen um Menschen mit schlechtem Charakter handeln muß, wenn es gesellschaftlich mal nicht so läuft wie man selbst es gerne hätte. Gegen die unvollkommene Verwirklichung der Werte als auch gegen den Werteverfall wird allseits die gleiche Medizin aus dem Arsenal erfolgsorientierten Managements verschrieben: konsequentes, zielgenaues Handeln. Selbst wem es um die Umwertung aller Werte (Nietzsche/Heidegger/Foucault) geht, oder auch, etwas bescheidener, nur um die Wertfreiheit der Wissenschaften (die so zur Verwirklichung allgemein anerkannter, pluralistischer Werte instrumentalisiert werden sollen), der redet immer von den anderen als denjenigen, die die falschen Ideale (oder die richtigen Ideale mit falschen Mitteln) verwirklichen würden, aber nie darüber, worum es jedem Gerede um Moral, Normen, Macht, Zwecksetzungen oder was für einer Praxis und Idealität auch immer in Wirklichkeit einzig geht: die Verwertung des Werts als die im empirischen Subjekt sich konstituierende und in Geld und Kapital inkarnierende gesellschaftliche Synthesis.

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9. Abschlußveranstaltung: Begriff des Kommunismus – Notwendigkeiten der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft nach dem 11. September

Podiumsdiskussion mit Tjark Kunstreich, Horst Pankow, Stephan Grigat (angefragt) und Joachim Bruhn

(Grigat: Was heute ansteht, ist eine Radikalisierung der Kritik der Politik vor dem Hintergrund der Neurezeption der Marxschen Fetischkritik. Die Kritik an der begeisterten Bezugnahme auf jede auch nur irgendwie widerständige Regung der wert- und staatsfetischistischen Subjekte und an der diesen Regungen im Postnationalsozialismus fast zwangsläufig innewohnenden Affirmation der Volksgemeinschaft muß dabei in Zukunft ins Zentrum gerückt werden. In dieser Kritik wird Politik einerseits als bewußte Herrschaft und andererseits als objektiver, den Trägern von Politik unbewußter historischer und aktuelle Durchsetzungsmodus der Wertvergesellschaftung begriffen. Auch die Politik der traditionellen Arbeiterbewegung wie der Neuen sozialen Bewegungen hat daran teil. Allein die Tatsache, daß alle anfänglich emanzipatorischen Bewegungen im Staat gelandet sind, rechtfertigt es, jede Politik als staatsfixiert zu begreifen. Der Kritik der Politik geht es daher nicht um die Wiederbelebung des Politischen oder um die Rettung der Politik, sondern um ihre Abschaffung.)

Pankow: Spätestens mit Auschwitz wurde der Zionismus als jüdisches Selbstbewußtsein, das sich auch materiell – d. h. gewaltsam – zu behaupten weiß, für die Juden zur Überlebensnotwendigkeit. Schließlich hatten die Deutschen unter Beweis gestellt, wozu der Antisemitismus in seiner Konsequenz fähig ist. Wenn ein auf solche Weise gewaltsam zur »Nation« befördertes Kollektiv sich einen Staat schafft, ist dies in einer Welt, deren Normalzustand die gewaltförmige Organisation in Staaten ist, nicht nur nicht verwunderlich, es ist erforderlich. Die Gründung Israels war insofern nur konsequent. Israel ist für alle Juden eine Bedingung relativer Sicherheit, solange es Antisemitismus gibt. Gerade antinationale und antideutsche Linke haben daher das scheinbare Paradox zu akzeptieren, daß es ihre Aufgabe ist, die Existenz des Staates Israel und seiner nationalen Interessen bedingungslos zu verteidigen.

Bruhn: »Ihr wißt, der Kommunismus ist ein System, nach welchem die Erde das Gemeingut aller Menschen sein, nach welchem jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten, ›produzieren‹, und jeder nach seinen Kräften genießen, ›konsumieren‹ soll; die Kommunisten wollen also die ganze alte gesellschaftliche Organisation einreißen und eine völlig neue an ihre Stelle setzen. (…) Denn daß aber an der alten, gänzlich verfaulten Gesellschaftsordnung zu flicken und zu übertünchen Zeitverschwendung ist, wird jeder vernünftige Mensch leicht erkennen. Es ist daher nötig, daß wir fest an dem Wort Kommunismus halten und es kühn auf unsre Fahnen aufpflanzen und dann die Streiter zählen, die sich unter derselben versammeln«, so heißt es in der »Ansprache der Volkshalle des Bundes der Gerechten« an den Bund aus dem Februar 1847; und wenig später gab man bei Marx das »Kommunistische Manifest« in Auftrag. An der Wahrheit dieser Sätze hat der 11. September einerseits gar nichts geändert, andererseits aber so viel, daß Vernunft und Wirklichkeit ein weiteres Stück auseinandergetreten sind, so weit, daß, wenn die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« die antiimperialistischen Bekenntnisse von Arundhati Roy druckt, die Linke das stantepede im autonomen Vereinsblättchen raubdruckt. Das kommt davon: Deutsche Bourgeoisie und deutsche Linke sind eine Volksfront geworden: So viel, als Fußnote, zum Begriff des Kommunismus.

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  1. Siehe etwa den entsprechenden Vortrag von Ingo Elbe und die zuletzt von Manfred Dahlmann in der Prodomo formulierte Kritik an der NML, die in einem Zusammenhang mit dem Begriff der Freiheit, der Kritik des Antisemtimus und dem Existentialismus Sartres steht: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3. Joachim Bruhn hat unterdessen seine Kritik an der akademischen NML zugespitzt zu der Frage »Warum können Marxisten nicht lesen?«. Hinzuweisen ist auch auf den Nachtrag zur Prodomo-Debatte, den Elmar Flatschart in der EXIT! veröffentlicht hat. Nr. 10/2012 [zurück]
  2. Hier ein Überblick über die entsprechenden Texte: [zurück]
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100 Jahre Jean Améry October 31, 2012 | 06:42 pm

Vor hundert Jahren, am 31. Oktober 1912 wurde Jean Améry als Hans Chaim Mayer in Wien geboren. Der politische Essayist und Schriftsteller, von den Nazis als Jude und Widerstandskämpfer verfolgt, interniert, gefoltert, wählte 1978 den Freitod. Die folgenden Beiträge, welche teilweise aus dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk, teilweise aus den freien Radios stammen, erinnern an Améry, an seine leidvolle Biographie ebenso wie an sein leidenschaftlich-engagiertes Schreiben nach 1945.

1. 100 Jahre Jean Améry: Die Unmöglichkeit weiterzumachen.

Roger Behrens geht u.a. Amérys Kritik des linken Antisemitismus und seiner Auseinandersetzung mit Philosophie und Literatur nach.

Jean Améry wurde im April 1945 von den Engländern aus Bergen-Belsen befreit – nach zwei Jahren in verschiedenen Konzentrationslagern, darunter Auschwitz.
Der Schriftsteller polemisierte in den folgenden Jahren gegen alle diejenigen, die die existenzielle Bedeutung des Staates Israels nicht sehen wollten. Denn das Bestehen dieses Staates, so Améry, sei nur vor dem Hintergrund der Katastrophe Auschwitz und der darin enthaltenen Möglichkeit eines zweiten Auschwitz zu sehen. Améry hatte sich selbst immer als der Linken zugehörig betrachtet. Die Ignoranz gegenüber der andauernden Bedrohung Israels und der zunehmende und nur schlecht als „Antizionismus“ verhüllte Antisemitismus ausgerechnet innerhalb der Linken ließen ihn jedoch schließlich an dieser Linken verzweifeln. Wir hören Roger Behrens über Améry, der am (heutigen) Mittwoch 100 Jahre alt geworden wäre.

2. Vom Leben nach der Folter. Erinnerung an Jean Améry

Von Astrid Nettling

Dass die Folter das fürchterlichste Ereignis sei, das ein Mensch sich bewahren könne – dieses kompromisslose Urteil stammt von Jean Améry, dem belgischen Schriftsteller österreichischer Herkunft. Nach seinen qualvollen Erfahrungen als KZ Häftling während der Zeit des Nationalsozialismus stellte er immer wieder fest, in der Welt nicht mehr heimisch werden zu können.

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3. DRS 2 Reflexe: Jean Améry, Modernist aus Leidenschaft

Der österreichische Schriftsteller Jean Améry (1912-1978) verkörperte einen Typus von Intellektuellen, wie es ihn heute kaum noch gibt. Der gebürtige Wiener war ein blendender Stilist und ein kritischer Analytiker der Zeitläufe.

Er war von der französischen Aufklärung und vom Existenzialismus Sartres geprägt, ein wacher, sensibler und nervöser Geist, der über Foucault und den Strukturalismus ebenso glänzend zu schreiben vermochte wie über seine Erfahrungen als KZ-Häftling in Auschwitz und die moralischen Aspekte des Freitods.

Zum 100. Geburtstag, am 31. Oktober 2012, erinnert Günter Kaindlstorfer an den bedeutenden Schriftsteller und stellt die Frage nach Amérys Aktualität. [via]

    Download: via DRS | via RS (0:30 h, 14 MB)

4. ZDF: Zeugen des Jahrhunderts

Zuletzt ein Gespräch, das Ingo Hermann mit Améry kurz vor dessen Tod im Sommer 1978 geführt hat. Es kreist u.a. um das Thema politische Gewalt. Die Aufzeichnung ist leider unvollständig.

    Download: video (mp4, 158 MB), audio (mp3, 0:49 h, 20 MB)
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Zwischen Diktatur und Demokratie May 18, 2012 | 10:47 am

Was bleibt von Franz Neumann?

Am 14. Mai 2012 hat das Hamburger Institut für Sozialforschung anlässlich des 70. Jahrestags der Erscheinung des Buches »Behemoth« eine Veranstaltung zur Aktualität Franz Neumanns veranstaltet. Mit Prof. Dr. David Kettler (Bard College), Prof. Dr. Oliver Lepsius (Universität Bayreuth), Prof. Dr. Alfons Söllner (TU Chemnitz) und Prof. Dr. Michael Wildt (Humboldt-Universität zu Berlin) waren dabei einige wichtige akademische Neumann-Rezipienten anwesend, die über einige Aspekte – Probleme, Stärken, Schwächen, implizite theoretische Annahmen, Aktualität und Rezeption – der theoretischen Bemühungen Neumanns diskutiert haben. Weil es Neumanns wichtigster Gegenstand war, geht es auch in der Diskussion um das (Un-)Wesen des nationalsozialistischen (Un-)Staates. David Kettler beharrt dabei auf der zentralen Frage, die mit Neumann verbunden ist: Welche Rolle die Shoa und der Antisemitismus in der Struktur des Nationalsozialismus gespielt haben, in welchem Verhältnis dies zu einer ökonomischen Rationalität steht und ob dies in Neumanns Forschungen angemessen erfasst ist. Die Klangqualität der Aufnahme ist leider nicht sonderlich gut.

Vor 70 Jahren erschien Franz Neumanns „Behemoth“ – ein Meilenstein der Forschung über „Struktur und Praxis des Nationalsozialismus“. Neumann – das war der prominente Weimarer Anwalt und Sozialdemokrat, der sich später vorwarf, nicht entschlossen genug für die Republik gekämpft zu haben. Der Emigrant, der sich als Politikwissenschaftler neu erfinden musste, um die Katastrophe zu verstehen. Der amerikanische Regierungsberater, der sich der Zerstörung des Nationalsozialismus und der Re-education der Deutschen widmete. Der politische Denker, für den Demokratie sich nicht in Verfahren und Rechten erschöpfte, sondern sozial- und bildungspolitisch abgesichert sein muss und ihre Legitimität auf individuelle Teilhabe gründet, auf die Erfahrung, etwas verändern zu können – eine notwendig unabgeschlossene Aufgabe. [via]

    Download (via AArchiv): Referate (mp3; 56,7 MB; 1:01:52 h) | Diskussion (mp3; 46,7 MB; 51:01 min)
| Referate und Diskussion via Mediafire (unbearbeitet: mp3; 104,6 MB; 1:54:12 h)

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Entnazifizierung der Philosophie April 8, 2012 | 01:43 pm

Heidegger und der Nationalsozialismus

Emanuel Kapfinger und Paul Stephan (beide aus Frankfurt, u.a. Ivi) haben im Januar auf Einladung der IG Philosophie in Wien einen Vortrag über das Verhältnis Heideggers zum Nationalsozialismus gehalten. Dabei richten sie sich explizit gegen einen biographischen Reduktionismus und versuchen dieses Verhältnis an der Philosophie Heideggers selbst nachzuverfolgen.

Die historischen Fakten zeigen eindeutig, dass Martin Heidegger ein Nazi war. Unter anderem war er als erster nationalsozialistischer Hochschulrektor maßgeblich daran beteiligt, Führerprinzip und nationalsozialistische Gesinnung an den deutschen Hochschulen zu verankern. Doch ist damit bereits das Urteil über seine Philosophie gesprochen? Im Vortrag soll daher auf diese selbst eingegangen und dargelegt werden, dass Heideggers Denken einer hochabstrakten, philosophischen Fassung nationalsozialistischen Bewusstseins entsprach, wozu unter anderem sein heroischer Nihilismus, seine mystizistische Argumentationsweise, die Auflösung konkreter Geschichte in ein Seinsgeschehen und antisemitische Klischees in seiner Philosophie zu nennen sind.

Gegenüber der Entwicklung in Heideggers Philosophie möchte das Vorgetragene sensibel sein. Emanuel Kapfinger versucht, innerhalb der früheren Phase den Nachweis eines faschistischen Wesensbegriffes (Sein) sowie eines Bezugs zu einem unmittelbaren abstrakt-allgemeinen Individuum (das faschistische Volk) in der Eigentlichkeit zu führen und die Kontinuität der Philosophie von Sein und Zeit (1927) zu den politischen Stellungnahmen von 1933 aufzuzeigen. Paul Stephan möchte auf Grundlage des Gesamtwerks überprüfen, inwiefern in diesem der persönliche Antisemitismus Heideggers einen strukturellen Wiederhall findet. Er bezieht sich insbesondere auf die Kritiken von Jean-Paul Sartre (in Das Sein und das Nichts, 1943), Theodor W. Adorno (Jargon der Eigentlichkeit, 1964) und Pierre Bourdieu (Die politische Ontologie Martin Heideggers, 1988). [via]

Gliederung des Vortrags:

  • Einleitung
  • Einführung in Heideggers Philosophie
  • Heidegger als „Hitler des Denkens“
  • Das Verhältnis von „Sein und Zeit“ zum Nationalsozialismus
  • Heideggers philosophische Politik 1933
  • Philosophie und Nationalsozialismus – Das Problem der Zweideutigkeit
  • Ist ein unproblematischer Anschluss an Heidegger möglich? (Ausblick)
    1. Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 1:24:54 h; 39,2 MB) | Diskussion (mp3; 1:00:27 h; 27,2 MB) | Handout (PDF)
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    Von Erfurt in alle Welt February 24, 2012 | 04:46 pm

    Die antisemitische Propagandazentrale »Weltdienst«

    Im November 2011 fanden in Erfurt zwei Veranstaltungen statt, die sich mit der Stadt Erfurt als einem Zentrum der Verbreitung antisemitischer Hetzschriften beschäftigt haben – einer der beiden Vorträge wurde mitgeschnitten: In seinem Vortrag spricht Eckart Schörle über den Erfurter Verleger Ulrich Fleischhauer und dessen »Bodung-Verlag«, in dem neben zahlreichen antisemitischen Publikationen auch das internationale Periodikum »Der Weltdienst« erschien. Schörle gibt einen detaillierten Überblick über die Tätigkeiten und Netzwerke der Antisemiten, die sich um den »Weltdienst« sammelten.

      Download: via AArchiv (mp3; 22,6 MB; 39:33 min)

    Ankündigungstext zu beiden Veranstaltungen:

    Die »Protokolle der Weisen von Zion« regen bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts die Fantasie der antisemitischen Verschwörungstheoretiker_innen an. Entstanden unter nicht vollends geklärten Umständen diente das Buch dem Antisemitismus, indem es Belege für eine jüdische Weltverschwörung erfand. Schon in den 1920er Jahren wurde akribisch gezeigt, dass es sich bei dem Machwerk um eine Fälschung handelt. Weil sich moderner Antisemitismus aber nicht aus den Tun von Jüdinnen und Juden speist, sondern aus dem Wunsch der Antisemit_innen, eine Erklärung für die Verwerfungen und Zumutungen von Kapitalismus und bürgerlichem Staat zu finden, reichen Vernunft und Verstand eben nicht aus, ihn zu erledigen: Noch heute beziehen sich Verschwörungstheoretiker_innen in aller Welt auf die »Protokolle«, um ihre kruden Vorstellungen von einer jüdisch gesteuerten »Neuen Weltordnung« zu belegen. Damit kann die Schrift wohl als die wirksamste Propagandawaffe des Antisemitismus bezeichnet werden.

    Einer der Ersten, die sich kritisch der Protokolle annahmen, war der aus Galizien stammende jüdische Journalist Binjamin Segel. Schon bald nach ihrem Erscheinen in Deutschland untersuchte er ab 1920 Entstehungsgeschichte und Weiterverbreitung des Werkes und wies nach, dass es sich an vielen Stellen um ein Plagiat einer 1864 publizierten Schrift aus Frankreich handelt. Aber schon Segel musste erkennen, dass die Wirksamkeit von Aufklärung gegen Antisemitismus Grenzen hat: Zahllose Bücher sind doch schon gegen derartige albernen Lügen geschrieben worden, und doch tauchen die Lügen immer wieder in veränderter Gestalt von neuem auf.

    Einer derjenigen, die dafür gesorgt haben, dass die Lügen immer wieder neu auftauchen, war der Erfurter Verleger Ulrich Fleischhauer. Man kann ihn durchaus als zentrale Figur in einem international agierenden antisemitischen Netzwerk bezeichnen. Er vertrieb in seinem U. Bodung-Verlag zahlreiche antisemitische Bücher und gründete 1933 eine Art Presseagentur, die mit dem regelmäßig erscheinenden »Welt-Dienst« Antisemit_innen in zahlreichen Ländern mit Material versorgte. Für Aufsehen sorgte seine Rolle im Berner Prozess, bei dem Ulrich Fleischhauer 1933-1935 vergeblich versucht hatte, die Echtheit der »Protokolle« zu beweisen . Ende der Dreißiger Jahre übernahm schließlich Alfred Rosenberg den »Welt-Dienst« und verlegte den Sitz der Organisation nach Frankfurt a.M..

    Bis heute ist unklar, wie man Antisemitismus wirksam entgegentreten kann. Dass man ihm entgegentreten muss, ist klar. Und auch wenn sich ein wahnhaftes Weltbild u.U. gegen eine Widerlegung mit den Mitteln der Vernunft sperrt, so muss zumindest ein Teil des Engagements gegen Antisemitismus die Aufklärung über die Lügen und das Weltbild des Antisemitismus sein, die zwei Historiker_innen in dieser Veranstaltungsreihe leisten.

    Franziska Krah spricht am 23.11. über die Anstrengungen von Binjamin Segel, mit den Waffen der Aufklärung gegen den Antisemitismus vorzugehen.

    Eckart Schörle spricht am 7.12.2011 zum Thema: Von Erfurt in alle Welt. Die antisemtische Propagandazentrale »Welt-Dienst«.

    Beide Veranstaltungen finden um 19.30 Uhr in der Kleinen Synagoge (An der Stadtmünze, Erfurt) statt und sind eine Kooperation vom Bildungskollektiv Biko und DGB-Bildungswerk Thüringen mit Unterstützung der Rosa-Luxemburg-Stiftung und der Antifaschistischen Koordination Erfurt [AKE]. [via]

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    Dialektik und Existenzphilosophie December 9, 2011 | 10:00 am

    Mit drei Vorträgen über Dialektik von Existenzphilosophie und westlichem Marxismus hat die Frankfurter Translib noch einmal die Reihe »Existentialism Revisited« fortgesetzt und damit einen Beitrag zu einer Debatte geleistet, die zur Zeit in einem (post-)antideutschen Umfeld ihre Wellen schlägt. Die Diskussion über das Verhältnis von Adorno und Sartre bzw. Existenzialismus und Kritischer Theorie begann zum einen in der vierzehnten Ausgabe der Zeitschrift Prodomo, mit einem Beitrag von Ingo Elbe über Sartres Antisemitismusanalyse, die bereits in der selben Ausgabe eine Erwiderung von Tjark Kunstreich fand. Die Diskussion setzte sich dann in der fünfzehnten Ausgabe mit einem Beitrag von Philipp Lenhard und einem ausführlichen Text zu Sartres Freiheitskonzeption von Manfred Dahlmann fort, war aber bspw. auch zentrales Thema der Tagung der Wiener Sonntagsgesellschaft und ist u.a. Gegenstand in Gerhard Scheits letztem Buch.

    1. Roswitha Scholz: »Simone de Beauvoir heute«

    Roswitha Scholz (EXIT!) diskutiert die Theorie Simone de Beauvoirs anhand ihrer Rezeption im Spannungsfeld von Gleichheitsfeminismus, Differenzfeminismus, dekonstruktivistischem und materialistischem Feminismus. Dazu referiert sie zunächst die Grundlagen des Existenzialismus in seinem Verhältnis zum Marxismus, insbesondere das Verhältnis von Subjekt-Objekt-Dialektik und dem Verdinglichungstheorem und untersucht diese Debatte auf das Geschlechterverhältnis hin. Im letzten Teil skizziert sie die Grundlagen der Wertabspaltungskritik, arbeitet Gemeinsamkeiten und Unterschiede heraus und wirft abschließend einen Blick auf postmoderne Theoriebildung und inwiefern dort de Beauvoir wieder auftaucht (hierbei kritisiert sie u.a. Heinz-Jürgen Voß, aber auch »neo-situationistische« Positionen). Scholz richtet sich eindeutig gegen eine Neuauflage des Existenzialismus. Ein für die Debatte m.E. interessanter Bezugspunkt ihres Vortrags ist der Aufsatz »Phänomenologie und Marxismus in geschichtlicher Perspektive« von Winfried Dahlmeyer. In der Diskussion dreht es sich vor allem um das Theorem der Wertabspaltung und den Begriff des (warenproduzierenden) Patriarchats.

    Simone de Beauvoirs Buch Das andere Geschlecht spielte in der feministischen Theorie/Genderforschung lange keine Rolle mehr. In letzter Zeit taucht de Beauvoir aber nicht nur in neu erstellten Überblickswerken zu Klassikerinnen des Feminismus wieder auf, zu ihr und ihrer Theorie wurden inzwischen auch vermehrt Tagungen und Veranstaltungen angeboten (was wohl mit ihrem hundertsten Geburtstag 2008 zusammenhängt). Hie und da erinnert man/frau sich wieder an sie. Dies dürfte nicht zuletzt einem Selbstreflexivwerden von Feminismus und Genderforschung in der gegenwärtigen Krisensituation geschuldet sein. Dabei stellen sich die Fragen des „Wie weiter?“ und „Was kommt nach der Genderforschung?“. In den 1970er Jahren hatte sich insbesondere ein Gleichheitsfeminismus mit dem Slogan „Man wird nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht“ auf de Beauvoir berufen. Ein Differenzfeminismus bezichtigte sie sodann, männliche Normalitätskriterien auf Frauen anzuwenden. Schließlich wurde ihr in den 1990er Jahren von einem dekonstruktiven Feminismus vorgeworfen, trotz all ihrer Kritik der hierarchischen Geschlechterverhältnisse einem dualistischen Denken verpflichtet geblieben zu sein und eine erneute Herstellung von Zweigeschlechtlichkeit betrieben zu haben. In dem Vortrag wird eine zeitliche Einordnung des „anderen Geschlechts“ und seiner Bedeutung vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungskritik versucht sowie auf Aspekte hingewiesen, die durchaus noch heute Aktualität beanspruchen können. [via]

      Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35,5 MB; 1 h 2 min) | Diskussion (mp3; 26,2 MB; 45:51 min)

    2. Christoph Zwi: »Die Heidegger-Kritik von György Lukács«

    Zwi gibt einen Überblick über die verschiedenen Anläufe, in denen Georg Lukács den Versuch unternahm, eine grundlegende und immanente Kritik Heideggers Philosophie zu leisten. Während dies in »Die Zerstörung der Vernunft« im Zuge der Kritik des dekadent-bürgerlichen Irrationalismus geschah, entwickelte Lukács in seiner unvollendet gebliebenen »Ontologie des gesellschaftlichen Seins« eine Kritik Heideggers Pseudo-Ontologie, indem er selbst den Ansatz für eine kritische, materialistische und historische Ontologie entwarf. Im größten Teil des Vortrags gibt Zwi einen Überblick über das Verhältnis von Heidegger und Lukács, weist Bezüge und Abgrenzungen auf. Auch hier ist das Subjekt-Objekt-Verhältnis, zwischen bzw. jenseits der idealistischen Figur des identischen Subjekt-Objekt, sowie Subjektivismus und Objektivismus, von zentraler Bedeutung. Außerdem geht es zentral um das Verhältnis von Kategorien, Geschichtlichkeit und Sprache. Ein interessanter Punkt ist die Frage, inwiefern Adorno Ontologie grundlegend verwarf, oder ob er selbst einen kritisch-ontologischen Ansatz hatte. Die Diskussion ist vor allem in der zweiten Hälfte noch einmal sehr spannend – neben interessanten Ergänzungen zu Lukács‘ Ontologie, werden hier konkret einige Sätze von Heidegger unter die Lupe genommen. Mit seiner zentralen Positionierung für eine kritische Ontologie, bezieht Zwi Stellung gegen die meisten Beiträge in der bisherigen Existenzialismus-Debatte.

    Der philosophische Dichter und Denker im Lande der Richter und Henker – der (prä- und post-) NS-Ideologe Martin Heidegger – hat vor allem auf einem Gebiet zu siegen nicht aufgehört: bis heute wird „Ontologie“ in einem stereotypen Reflex gerade auch von Linken allererst mit seinem Namen in Verbindung gebracht. Dass es sich dabei jedoch um eine Pseudo-Ontologie handelt, welche vom „Dasein“, „Seienden“ und „Seinsgrund“ usw. faselt, während sie die begriffliche Bestimmung aller Kategorien und Beziehungen von gesellschaftlichem Sein, Bewusstsein sowie last but not least naturhaften Seinsgrundlagen verbietet und durch Mystizismus ersetzt, dies materialistisch aufzudecken gelang dem Begründer des „westlichen Marxismus“, Georg Lukács, dessen ontologische Kritik aber noch immer weithin verdeckt wird von der Adornoschen Ontologiekritik. Ohnehin wird im fachphilosophischen herrschenden Universitätskanon „Ontologie“ noch stets pauschal als „vor(erkenntnis)kritische Metaphysik“ tabuisiert.

    In der bisherigen transLib-Reihe zum Existenzialismus (2010/2011) wurde indes ein spannender Aspekt sichtbar: Es gibt auch Bemühungen um eine kritische Methode der Gesellschaftsanalyse und ihr entsprechende Ethik, die von Karl Marx‘ Feuerbachthesen und der Kritik der politischen Ökonomie ausgeht, sich in dieser Perspektive als kommunistisch-revolutionär versteht und gleichwohl sich durchaus als ontologisch basiert begreift. Die phänomenologische oder spekuläre Ontologie von J.P.Sartre, die spektakelkritische der Situationisten und eben die historisch-genetische Gesellschaftsontologie von Lukács wurden bisher benannt. Wenn nun letztere ins Zentrum dieses Vortrags gestellt wird, dann geht es um ein Resümee des Weges, den eine „Neue Ontologie“ seit dem Ende des Ersten Weltkrieges in der Heidegger- und in der Lukács-Richtung in unversöhnlicher Divergenz eingeschlagen hat.

    An jeder Wegmarke erwies er sich erneut als Scheideweg: – ob Kategorien oder ob „Existenzialien“ herauszuarbeiten sind, – ob es einen „dritten Weg“ zwischen „Idealismus“ und „Materialismus“ oder zwischen „Rationalismus“ und „Irrationalismus“ geben kann, – ob Philosophie, Wissenschaft, Theorie und Denken miteinander und mit gesellschaftlicher Praxis revolutionär zusammengehen können, – ob Geschichtlichkeit mit theologischen Deutungsmustern zu interpretieren ist oder immer nur als Veränderung der Gegenständlichkeit durch die Menschen begriffen werden kann, – ob die Subjektivität oder die Objektivität im gesellschaftlichen Sein, in Raum und Zeit für die Analyse der Bewusstseinsformen und Gesellschaftsformen das Entscheidende ist, – und welche Funktion in alledem die Sprache hat … Jede dieser Entscheidungsfragen wurde von Lukács seit 1920 bis 1970 diametral entgegen den Heideggerschen Denkvoraussetzungen gestellt und beantwortet. „Das eigentliche Sein zum Tode, d.h. die Endlichkeit der Zeitlichkeit ist der verborgene Grund der Geschichtlichkeit des Daseins.“ (Heidegger) Lukács denunziert dies als Pseudogeschichtlichkeit. „Heidegger will eine theologische Geschichtsphilosophie für den ‚religiösen Atheismus‘ schaffen.“ Die Lukács’sche Ontologie arbeitet ideologiekritisch, indem sie materialistisch bloßlegt, dass und wie Sein wesentlich permanentes Anderswerden ist. „Es ist nicht so, dass sich die Geschichte innerhalb des Kategoriensystems abspielt, sondern es ist so, dass die Geschichte die Veränderung des Kategoriensystems ist. Die Kategorien sind also Seinsformen“.

    Wenn die menschlichen Bewusstseinskategorien die Seinskategorien reflektieren, dann bedeutet ontologische Methode die Analyse von Erscheinungen und Scheinformen in ihrer objektiven Wirkungsmächtigkeit als dialektisches, wesentliches Aufeinandereinwirken der Menschen. Sowohl Lukács als auch Heidegger sprechen von „Verdinglichung“. Doch genau mit der fetischismuskritischen Entfaltung dieses Begriffs legt Lukács die „Pseudoobjektivität“ der „Fundamentalontologie“ Heideggers als subjektivistische, ungeschichtliche – und immer wieder suggestive – Fixierung kapitalistischer Alltagsunmittelbarkeiten bloß. Ihre „philosophische“ Mystifikation hilft Menschen in der „Sorge“ der gesellschaftlichen Krise, sich dem vorgeblichen „Seinsgeschick“ und der „Entschlossenheit“, der „Gelassenheit zu den Dingen“ und dem „Sein zum Tode“ zu unterwerfen. [via]

      Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 39,2 MB; 1 h 8:32 min) | Diskussion (mp3; 42 MB; 1 h 13:23 min)

    3. Magnus Klaue: »Abschied von der Geschichtsphilosophie: Adorno, Sartre und die Sehnsucht nach der positiven Freiheit«

    Man muss nur denken: „Na, was schadet schon das Wandern?“
    Und man darf weder sich noch and‘ren Leuten grollen
    Denn man muss wissen: Man ist ganz so wie die Andern
    Nur dass die Andern grade das nicht wissen wollen
    (Georg Kreisler)

    In der Verweigerung, zu erkennen, dass man wie die anderen ist, sieht Magnus Klaue einen wesentlichen Impuls des Existenzialismus. Während Heideggers Existenzialontologie gerade in diesem Punkt – sich im willigen Vollzug des schlechten Allgemeinen noch als etwas Besonderes zu wähnen – im Nationalsozialismus verwirklicht wurde, konnte dieses Bedürfnis in Deutschland nach dem NS nicht mehr ohne weiteres über Heidegger geäußert werden, sondern musste seinen Umweg über Frankreich (also die Beerbung Heideggers im Strukturalismus, Poststrukturalismus und in Sartres Existenzialismus) nehmen, so eine zentrale These im Vortrag von Klaue. Er untersucht unterschiedliche historische Ausgangsbedingungen von Sartres Philosophie und der Kritischen Theorie Adornos und inwiefern diese auch die jeweilige Reflexion über Antisemitismus gefärbt haben. Skizzenhaft widmet er sich zudem den unterschiedlichen ästhetischen Konzepten von Sartre und Adorno, indem er Adornos Beckett-Rezeption mit den Dramen von Sartre im Bezug auf das Konzept der Absurdität vergleicht. Klaue begründet eine Kritik am erneuten Aufgreifen von Sartres Freiheitsphilosophie.

    Seit einiger Zeit findet in antideutschen Kreisen verstärkt die zuerst von Jean Améry unter dem Schlagwort vom „Jargon der Dialektik“ aufgestellte These Anklang, wonach im geschichtsphilosophischen Entwurf der „Negativen Dialektik“ und in der negativen Anthropologie, wie die „Dialektik der Aufklärung“ sie entwerfe, eine Verwischung der Grenze zwischen Tätern und Opfern der Shoah und eine Leugnung der moralischen Zurechenbarkeit individueller Handlungen wie auch individueller Leiderfahrung angelegt sei. Dadurch mache sich die Kritische Theorie, entgegen ihren Möglichkeiten, blind für die in keine „Dialektik“ auflösbaren Widersprüche der Empirie. In Rückgriff auf die Existenzphilosophie, insbesondere auf Amérys Begriff der Leiberfahrung und Sartres Theorem der „Entscheidung“, versucht etwa Gerhard Scheit in seiner Studie „Der quälbare Leib“, diesem Defizit beizukommen. Der Vortrag möchte es demgegenüber unternehmen, gerade das oft als „negative Teleologie“ abgelehnte Moment des Adornoschen Denkens als notwenige Bedingung geschichtlicher Wahrheitserkenntnis auszuweisen, und daran erinnern, daß an den „Schwierigkeiten mit der Geschichtsphilosophie“ (Odo Marquard), in die jeder denkende Mensch durch die reflektierte Erfahrung der Wirklichkeit gestürzt wird, nicht die Philosophie, sondern die Geschichte schuld ist. [via]

      Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35,9 MB; 1 h 2:41 min) | Diskussion (mp3; 28,1 MB; 49:08 min)

    Hingewiesen sei noch auf zwei Veranstaltungen zum Thema in Halle: Am 13.12.2011 wird Birte Hewera über »Engagement und Desengagement. Jean-Paul Sartre – Michel Foucault – Jean Améry« referieren und am 15.12.2011 spricht Lars Quadfasel über »Die Abgründe der Autonomie. Zur Kritik von Freiheit und Subjektivität«. Beide Veranstaltungen finden im Melanchthonianum am Uniplatz in Halle statt (via Bubizitrone | via Hintergrundrauschen).

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    Schönheit ist die Wahrheit selbst December 6, 2011 | 12:25 pm

    Geschlecherbilder in der Kunst des Nationalsozialismus

    Müsli-Mann hat uns schon vor längerer Zeit darauf hingewiesen, dass der Asta der Uni Trier zahlreiche Audio-Vorträge zur Verfügung stellt. Passend zum Beitrag über die nationalsozialistische Kunstpolitik und zum letzten Posting, findet sich dort ein Vortrag von Elke Frietsch über Geschlechterbilder in der Kunst des Nationalsozialismus, den sie am 10.02.2010 in Trier im Rahmen einer Reihe über Kunst und Faschismus (Programm) gehalten hat. Sie diskutiert hier zwei Thesen: zum einen, dass die Kunst im Zentrum nationalsozialistischer Propaganda stand, zum anderen, dass Geschlechterbilder im NS sowohl im Alltag, als auch in der Propaganda und in der Kunst einen großen Stellenwert hatten. Sie stellt dann sehr ausführlich dar, welche Funktion die Kunst im NS hatte und wie sie in Verbindung mit Geschlechterbildern stand – hier ist für Frietsch vor allem der Vergleich von männlichen und weiblichen Körperdarstellungen zentral, die sie auch mit Körperdarstellungen in der sowietischen Kunst vergleicht. Zur Erklärung nationalsozialistischer Körperverhältnisse bezieht sie sich auf Michel Foucaults Thesen zu Körpertechniken und Biomacht. Als Beispiel wird u.a. der nationalsozialistische Skulptur-Künstler Arno Breker herangezogen. Bemerkenswert scheinen mir im Vortrag vor allem drei Aspekte zu sein, die nur scheinbar widersprüchlich sind und in der NS-Ideologie zusammen gehen: ein antifeministischer Kampf gegen »Frauenemanzipation«, die Funktion der Frau als reine Repräsentation und Reproduktion der Rasse und das Postulat der Gleichberechtigung der Frau am Arbeitsplatz und an der Front.
    Zur besseren Hörbarkeit habe ich in der nachbearbeiteten Version die längere Einleitung, in der es vor allem um den Anlass und die Vorstellung der Reihe geht, herausgeschnitten. Wer daran interessiert ist (es geht u.a. über die Diskussion um Johannes Scherl), sollte auf die Version der Uni Trier zurückgreifen:

      Download: via Uni Trier (mp3; 58,6 MB; 1 h 3:57 min) oder kürzer via AArchiv (mp3; 26 MB; 45:28 min)

    Zum Ankündigungstext der Reihe:

    Kunst war unter nationalsozialistischer Herrschaft nicht mehr autonom, sondern wurde ausschließlich in den Dienst des Regimes und dessen Rassenideologie gestellt. Avantgardistische künstlerische Positionen wurden als „entartet“ diffarmiert. Diese Künstlerinnen und Künstler wurden verfolgt, mit einem Berufsverbot belegt oder mussten emigrieren. Als ästhetischer Maßstab wurde stattdessen in der Kunst der „nordische Mensch“ beschworen, der in der Propaganda der NS-Zeit die Schönheit, Reinheit und Anmut symbolisieren sollte. Dieses heroisierende Pathos wurde vor allem in der Monumentalplastik deutlich. Die Veranstaltungsreihe geht der Frage nach, welchen Einfluss diese Ästhetik auf die Normierung von Körperbildern hatte und inwiefern diese nach 1945 fortgeführt wurde. Auch in Trier lassen sich dafür Beispiele finden, wie etwa die Plastiken des Künstlers Johannes Scherl („Der Glückstreiber“ (Schweinehirt) und „Familie“). [via]

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    Arabischer Nationalismus … December 4, 2011 | 11:05 pm

    …, Antisemitismus und die Auslandspropaganda der Nationalsozialisten

    Etwas verspätet: Das Bündnis gegen den Al Quds-Tag in Berlin stellt einen sehr informativen Vortrag über die Beziehungen der Nationalsozialisten zu Kollaborateuren in arabischen Ländern zur Verfügung, der am 24.08.2011 im Rahmen der Mobilisierung gegen den Al Quds-Tag in Berlin gehalten wurde. Darin gibt Hannes Bode zunächst einen sehr differenzierten Überblick über die Bedingungen, unter denen im arabischen Raum überhaupt eine Öffentlichkeit im modernen Sinne entstanden ist und im Rahmen welcher Kräfteverhältnisse sich dort nationalistische und antisemitische Positionen etablieren konnten. Vera Henßler spricht dann über diplomatische und propagandistische Versuche der Nationalsozialisten, im arabischen Raum (kriegerisch) Fuß zu fassen. Die Aufnahme enthält leider starke Hintergrundgeräusche.

      Download: via FRN (mp3; 57,5 MB; 1 h 2:44 min) | via AArchiv (mp3; 35,9 MB) | Soundcloud

    Die weiteren im Rahmen der Mobilisierung gehaltenen Vorträge findet ihr auf dem Blog des Bündnisses oder direkt auf dem AArchiv-Server. Zudem sei auf das zahlreiche Material des Bündnisses hingewiesen. Ebenfalls maßgeblich: die Ausgabe des iz3w mit dem Schwerpunkt zum Thema.

    Zum Ankündigungstext des Vortrags:

    Vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges herrschte bei den für die Auslandspropaganda zuständigen NS-Ämtern bezüglich einer Propaganda in die „arabische Welt“ starke Zurückhaltung. Grund dessen war eine nationalsozialistische (Bündnis-)Politik, die einer Einbindung nationalistischer Antikolonialisierungsbewegungen des Nahen Ostens entgegenstand. Spätestens mit Beginn des Zweiten Weltkrieges und damit neuen Voraussetzungen änderte sich die deutsche Propagandastrategie: Der Nahe Osten wurde zunehmend Ziel einer antisemitischen Propaganda, die mit national-religiösen Inhalten verknüpft wurde. Ideologische Basis dessen war die Propagierung einer „jüdischen Weltverschwörung“, die sich sowohl gegen Deutsche als auch gegen (arabische) Muslime wende.

    Der Vortrag von Vera Henßler beleuchtet die Entwicklung der Propaganda in den arabischen Raum in Wechselwirkung mit nationalsozialistischer Kriegszielpolitik sowie die Funktion des Antisemitismus und dessen Verknüpfung mit anderen Ideologemen. Der Raum, in dem der moderne Antisemitismus wirkmächtig werden konnte, ist der moderne Nahe Osten. In einer historischen Einführung von Hannes Bode soll es daher zuerst um die Genese einer arabischen „Öffentlichkeit“ und die Rezeption und Modifikation moderner Konzepte nationaler Identität und Selbstbestimmung vor dem Hintergrund zunehmender kolonialer Durchdringung gehen. [via]

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    Arbeit am schönen Schein November 28, 2011 | 11:47 pm

    Warum Goebbels die Kunstkritik verbot

    Der Führer liebt die Künstler, weil er selbst ein Künstler ist.
    (Goebbels)

    Vorletzte Woche war auf DLF ein sehr hörenswertes Feature von Walter van Rossum über die Kunstpolitik im Nationalsozialismus zu hören. Es wird unter anderem das Verhältnis der Nazis zur Moderne und den Avantgarden, zu Expressionismus und Futurismus und insbesondere zu Gottfried Benn und Marinetti beleuchtet und analysiert. Eine wichtige Rolle spielt die negative Bestimmung der wahren völkischen Kunst über die entartete Kunst und die damit verbundenen Kunstvernichtungsaktionen. Das Feature läuft zudem auf die Charakterisierung nationalsozialistischer Herrschaft als Ästhetisierung der Politik (Walter Benjamin) hinaus: die Übertragung der Konzeption vom Gesamtkunstwerk auf die Gestaltung der Volksmasse, die Volksgemeinschaft als ästhetisierte Religionsgemeinschaft und der Krieg als letztes und höchstes ästhetisches Ereignis. Zu Wort kommt unter anderem der Kunsthistoriker Bazon Brock, von dem auch der Titel des Features stammt. Das Feature ist zudem durchaus als gelungene Einführung in den Charakter des Nationalsozialismus zu empfehlen.

    Am 26. November 1936 platzt Dr. Goebbels der Kragen. Die deutsche Kunstkritik hätte vier Jahre Zeit gehabt, sich nach nationalsozialistischen Grundsätzen auszurichten. Jetzt helfe nur noch ein amtlicher Erlass: »An die Stelle der bisherigen Kunstkritik, die in völliger Verdrehung des Begriffes ›Kritik‹ in der Zeit jüdischer Kunstüberfremdung zum Kunstrichtertum gemacht worden war, wird ab heute der Kunstbericht gestellt.« Fast möchte man lachen über den konfusen Ernst, mit dem der Minister der Kunstkritik zu Leibe rückt. Doch in Wahrheit geht es hier um ein Kernstück des Nationalsozialismus: Diese Bewegung wollte Ernst machen mit der Kunst, ästhetische Visionen als Wirklichkeit zu erzwingen – und umgekehrt: Sie wollte das Politische ästhetisieren. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 41 MB; 44:48 min) | Zum Text des Features.

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    Buße & Strafe August 28, 2011 | 11:08 am

    1. Eine weitere sehr hörenswerte Sendung von 17Grad beschäftigt sich mit der Todesstrafe. Die Hörer_innen erhalten einige statistische Informationen und erfahren Hintergründe über die Geschichte der Todesstrafe in Deutschland (hierbei interessant, dass einerseits bereits 1947 Todesurteile wieder durch deutsche Richter verhängt und durch Scharfrichter vollstreckt wurden, die schon vor ’45 diese Ämter innehatten und dass andererseits ein wichtiger Grund für die Abschaffung der Todesstrafe in Deutschland, die Abwendung von Todesurteilen gegen NS-Verbrecher war). Außerdem behandelt die Sendung das Vorkommen von Todesstrafen in deutschen Volksmärchen und ihre rechtshistorischen Parallelen und die Geschichte der Zunft der Scharfrichter. Musikalisch wird die Sendung von Johnny Cash begleitet.

      Download: via Mediafire (mp3; 82 MB; 59:41 min)

    2. Nicht erst die Abschaffung der Todesstrafe, sondern bereits die Verlagerung ihrer Vollstreckung in nicht-öffentliche Räume, steht nach Michel Foucault für eine Tendenz der Strafe weg von einer Gerichtetheit auf den Körper, hin zu einem »körperlosen« Strafsystem. Eine Eigentümlichkeit der vormodernen Strafe als Marter des Körpers, ist die Sanftmütigkeit, das Mitleid und das Verständnis, welches die geistlichen Begleiter der Zeremonie gegenüber den Gemarterten an den Tag legten: so küsst etwa der Pfarrherr von Marsilly den gemarterten Damien auf die Stirn, dessen Hinrichtung Foucault auf den ersten Seiten von »Überwachen und Strafen« beschreibt. Auch der Rabbi Aser Abarbanel, der in der Geschichte »Die Marter der Hoffnung« von Comte de Villiers de L‘Isle-Adam gefangen in einem Folterkeller sitzt, erfährt diese seltsame Sanftmut: als man ihn über sein Todesurteil informiert, wird er sowohl vom Großinquisitor, als auch vom zuständigen Foltermeister und seiner Begleitung umarmt und geküsst. Die Geschichte steht hier in einer Hörspielversion von Radebass zur Verfügung.

      Download: via Mediafire (zip; 24,2 MB)

    pw:

    Hoppmart
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    Die Deutschen und der Stuttgarter Bahnhof June 30, 2011 | 07:01 pm

    Über die Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart und die damit verbundenen baulichen Maßnahmen wird nach wie vor auf allen Ebenen gestritten: Der Bundestag hält eine aktuelle Stunde zum Thema ab, Feuilletonisten und Leitartikler beleuchten das Thema von allen moralischen Seiten, Soziologen rätseln über den neuartigen Charakter sozialer Konflikte, der hier zum Ausdruck kommen soll und die Linke weiß nicht so recht, wie sie sich zu all dem verhalten soll. Wir dokumentieren hier zwei Beiträge, die sich kritisch mit der neuen Protestbewegung gegen Stuttgart 21 auseinandersetzen.

    1. Uff de’ schwäb’sche Eisebahne…“ – Der Protest gegen Stuttgart 21 als Spielwiese der Gegensouveränität:

    Uli Krug (Redaktion Bahamas) referiert in seinem von der Gruppe Monaco in München organisierten Vortrag vor allem zwei Thesen: 1. Es ist kennzeichnend für die deutsche Protestbewegung, dass sie nicht die Welt verändern will, sondern dass sie verhindern will, dass sich die Welt verändert. 2. Im Protest gegen Stuttgart 21 wird ein Idealbild von Gesellschaft und Staat verhandelt: angestrebt wird eine Abkehr vom naturfernen, künstlichen Rechtsstaat – es handelt sich um eine Heimatschutzbewegung. Während diese Thesen (nebst eingestreuten Klagen über den Anti-Katholizismus) wohl von einem Bahamas-Redakteur zu erwarten gewesen sind, sind die weiteren Ausführungen dann doch recht interessant. So führt er aus, dass sich im Motto der Proteste, „Oben bleiben“, die soziale Abstiegsangst der grünen Mittelschicht ausdrückt, die ihren drohenden Abstieg in der Verlagerung des Stuttgarter Bahnhof ins Unterirdische symbolisiert sieht. So trennte ein überirdischer Bahnhof bisher sauber diejenigen, die sich ein Bahnticket leisten können, vom ubahnfahrenden Pöbel, während ein unterirdischer Bahnhof das bisher Getrennte nun zu vermischen droht. Dass hier nicht nur eine Analogie in der Symbolik vorliegt, macht er deutlich, indem er die Sozialstruktur Baden-Württembergs als von mittelständigen Zünften und Clans geprägt charakterisiert, die sich hartnäckig gegen Modernität und Mobilität zur Wehr setzen.

    In Stuttgart wird ein Bahnhof gebaut. Der schäbige, alte Kopfbahnhof, der die Durchreisenden dazu zwang, länger als eigentlich nötig in der Spießermetropole Nummer 1 zu verweilen und kostbare Lebenszeit für mehr als einen Blick auf ein trostloses Beispiel antimoderner Architektur zu opfern, wird endlich abgerissen. Nicht eine einzige Person wird durch den Bau des neuen Bahnhofes absichtlich verletzt werden, keiner wird deshalb verhungern oder erfrieren (im Gegenteil), und niemand droht darum die Abschiebung oder Verhaftung. Und doch behaupten die Protestierenden, es gehe um nichts weniger als um die „Zerstörung der Stadt“ (www.kopfbahnhof-21.de). Wo der wahnwitzige Kult um die Heimat so stark ist, dass jede Veränderung, ja sogar jede Verschönerung zur „Zerstörung“ erklärt wird, während man sich um die physisch und psychisch durch den Gang der kapitalistischen Logik Zerstörten, die auch in Stuttgart allgegenwärtig sind, nicht im Geringsten schert, da ist „sozialer Protest“ nur ein anderes Wort für irregewordene Raserei. Der Bahnhof wird zur heiligen Stätte, die Steine selbst zum Symbol des Widerstands gegen ein fetischisiertes Abbild des Kapitalismus, der alles niederreiße und nichts als neue Wunden hinterlasse, die nie wieder verheilten.

    Gegen diesen „Raubtierkapitalismus“ (Helmut Schmidt) der Banken und Konzerne helfe nur die geballte Wut des Volkes, ein Aufstand der Anständigen, die sich nicht mehr durch das korrumpierte Staatspersonal repräsentiert fühlen. Die in der Form Demokratie als Tendenz angelegte Herrschaft des Mobs wird in Stuttgart als wirksame Arznei gegen volks- und umweltschädliche Potentaten empfohlen. Die Zauberformel der Stunde heißt, in Ermangelung eines Volkstribuns Hitlerschen Typus, mit dem sich die Massen fraglos identifizieren könnten, „Volksbefragung“. Die Ausschaltung des Parlaments und des rationalen, weil kalkulierbaren Rechts zugunsten der obskuren und willkürlichen Beschlüsse eines sich ebenso spontan wie vorhersehbar bildenden Plebiszits der Öko-, Friedens- und Sozialaktivisten läuft auf nichts weniger als eine postmoderne Version der Volksgemeinschaft hinaus. [via]

      Download: original via MF (m4a; 27,1 MB; 56:42 min) oder nachbearbeitet via AArchiv (mp3; ; 56:42 min)

    2. 17 Grad – Stuttgarter Bahnhof:

    Dass es sich bei den Protesten gegen Stuttgart 21 tatsächlich um eine besonders deutsche Bewegung handelt, macht eine Sendung der Redaktion „17 Grad“ deutlich, die den Blick vor allem auf den Architekten desjenigen Gebäudes richtet, das hier so vehement verteidigt wird: Paul Bonatz, der das Hauptgebäude des Stuttgarter Bahnhofs entwarf, steht für diejenige nationalistische, antimoderne Architekturschule, die sich gegen das neue Bauen (Bauhaus etc.) engagierte, für die selbst das Bauen rassisch und naturverbunden zu sein hatte und die sich der nationalsozialistischen Herrschaft andiente und von dieser gefördert wurde. Der sonst von der 17Grad-Redaktion gewohnte gute Musikgeschmack lässt in dieser Sendung leider etwas zu wünschen übrig (gespielt wird ausschließlich Reggae), deshalb habe ich eine nachbearbeitete Version erstellt, in der die Musik entfernt ist.

      Download: Originalsendung via MF (mp3; 55,3 MB; 1 h) oder nachbearbeitet, ohne Musik via AArchiv (mp3; 13,9 MB; 24:19 min)
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    Rote Armee Fiktion June 3, 2011 | 11:00 am

    Im Folgenden sei eine etwas ältere Veranstaltung dokumentiert, die 2007 für einigen Trubel gesorgt hat: Die Werbeveranstaltung für das Buch »Rote Armee Fiktion« mit Jan Gerber und Joachim Bruhn auf der linken Literaturmesse in Nürnberg am 15.12.2007. Im ersten Part referiert Bruhn und streift darin in gewohnter Polemik zahlreiche Aspekte zum Thema RAF und Deutscher Herbst: Das Attentat als Berufsrisiko für Politiker in der Klassengesellschaft, die RAF als Naturkatastrophe der bürgerlichen Gesellschaft usw. Er formuliert sowohl eine Kritik an der Aufregung über die RAF, als auch an der RAF selbst – diese hat, so Bruhn, dem revolutionären Projekt geschadet, da sie den Begriff der Charaktermaske ruiniert hat und zudem nicht auf die Aneignung von Reichtum, sondern auf das Anzünden von Kaufhäusern gesetzt hat. Zentral ist dabei auch der Antizionismus der RAF und der RZ. Jan Gerber versucht die RAF in eine Geschichte der Protestbewegung nach ’68 einzuordnen und kritisiert ebenfalls sowohl die Herrschaft, die, sobald es um die RAF geht, in ein Gestammel des gesunden Menschenverstandes verfällt, als auch die RAF selber, die er als »ideelle Gesamtlinke« bezeichnet. Ob es sich bei der Kritik der beiden an der RAF nun um eine »solidarische Kritik« handelt oder nicht, ist dann zentraler Gegenstand der Diskussion.

      Download: via ISF (mp3; 22 MB; 1 h 36:02 min) oder nachbearbeitet (trotzdem relativ schlechte Klanqqualität) via AArchiv (mp3; 16,5 MB)

    Am obigen Beitrag ist es also möglich nachzuprüfen, ob oder wie Joachim Bruhn und Jan Gerber die Gesprächskultur auf der linken Literaturmesse zerstört oder dies zumindest versucht haben – dies war nämlich der zentrale Vorwurf, mit dem schließlich der Ausschluss des ça ira Verlags von der linken Literaturmesse begründet wurde (siehe die Erklärung des ça ira Verlags). In einem Gespräch mit dem FSK haben dann Norbert von der AG Kritische Theorie und Joachim Bruhn ihre Sicht auf die Vorgänge des Ausschlusses geschildert. Das Interview enthält sowohl eine Vorstellung des ça ira Verlags als auch der AG Kritische Theorie, welche den ça ira Verlag damals auf der Literaturmesse vertreten hatte:

      Download: via FRN (mp3; 29,8 MB; 25:59 min)

    Nachprüfbar ist ebenfalls, ob Joachim Bruhns Seitenhieb gegen Jutta Ditfurths Ulrike-Meinhof-Biographie zutrifft, die er in seinem Vortragsteil als »Terror-Soap« unter dem Niveau bürgerlicher Geschichtsschreibung beschreibt und sie vor allem als Ideal- bzw. Wunschbiographie Ditfurths selbst versteht. In zwei Interviews mit Ditfurth erfährt man, neben einigen Details über die Person Meinhof und die bisherige Behandlung dieser Person im allgemeinen Kanon der bundesdeutschen Literatur und Presse, auch einiges über Ditfurth selbst: dass sie cool und mit Profis gegen Verleumdungen in der Presse vorgeht, wie sie aufopferungsvoll viele Jahre an dieser Biographie gearbeitet hat, dass Kunst, Literatur und Politik ihr Leben sind und dass sie meint, dass Veränderung und Gegenöffentlichkeit eher aus einer anderen Welt kommen (dass eine solche möglich ist, wissen wir ja bereits):

    • Interview mit J. Ditfurth von Klaus Blödow vom NEWS Magazin: via FRN (mp3; 25,8 MB; 37:35 min)
    • Interview mit J. Ditfurth von Roger Spindler vom Schweizer Freien Radio RaBe: via archive.org (mp3; 48 MB; 59:54 min)
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