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Der Antisemitismus und die Linke – Antisemitism and the Left January 6, 2014 | 09:00 am

This post includes two presentations in english language – english descriptions you find further down (point 3 and 4). Please forgive, if there are some mistakes in the english descriptions. | Zu Antizionismus und sekundärem Antisemitismus vgl. auch diesen Beitrag.

1.) Die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung

Peter Nowak hat am 19.09.2013 in Erfurt einen Vortrag (organisiert vom BiKo und der Offenen Arbeit) über die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung im deutschsprachigen Raum gehalten, der auf seinem Buch „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der in der deutschen Linken“ basierte, das kürzlich bei Edition Assemblage erschienen ist. Der Vortrag ist eher in einem chronologisch-erzählendem Stil gehalten, die theoretischen Diskussionen über die ideologische Struktur und den Stellenwert des Antisemitismus sind hingegen kaum entfaltet. Der Vortrag ist dennoch interessant – vor allem für solche, die sich zunächst einen Überblick über die Gemengelage verschaffen wollen. Stationen des Vortrags sind u.a. die Texte „Gerd Albartus ist tot“ und „Das Ende der Politik“ der Revolutionären Zellen / Rote Zora (interessant: die Textsammlung „Früchte des Zorns“), der Zerfall des Kommunistischen Bundes und die Spaltung des „Arbeiterkampfes“, die Diskussionen um eine Hamburger Wandbemalung, die Nie-Wieder-Deutschland-Kampagne und später die Diskussionen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001. Unverständlich bleibt mir, was ein „progressiver Antizionismus“ sein soll, den Nowak vom „regressiven Antizionismus“ unterschieden wissen will.

Über den Antisemitismus in der linken Bewegung ist in den letzten 20 Jahren viel geschrieben worden. Doch warum hat gerade dieses Thema eine solche Sprengkraft entwickelt, dass langjährige politische Zusammenhänge, alte politische Freundschaften und viele Wohngemeinschaften daran in die Brüche gegangen sind? Oft sind die politischen Zusammenhänge nicht mehr bekannt, die dafür sorgten, dass diese Debatte in Deutschland einen solchen Stellenwert bekommen hat. Der Journalist Peter Nowak hat in der edition assemblage die „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte“ herausgegeben, in der an einige bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Anderem von Wolfgang Pohrt und Moishe Postone verfasste Grundlagentexte zur Antisemitismusdebatte erinnert wird, die erst nach 1989 in den Teilen einer Linken rezipiert wurde, die sich kritisch mit Staat und Nation auseinanderzusetzen begannen. Auf der Veranstaltung soll auch an konkreten Beispielen aufgezeigt werden, wie sich der Fokus der Antisemitismusdebatte von der Politik in Deutschland auf den Nahen Osten verlagerte und welche politischen Implikationen damit verbunden waren. Besonders die Auswirkungen, die die islamistischen Anschläge vom 11.09.2001 auf die Antisemitismusdebatte hatten, soll genauer dargestellt werden. Schließlich soll ein Vorschlag zur Versachlichung zur Diskussion gestellt werden, der an Diskussionen anknüpft, wie sie in der letzten Zeit in linken Zusammenhängen geführt wurde, die weder ein Interesse daran haben, dass sich die Antisemitismusdebatte ständig nur wiederholt, die aber auch nicht bereit sind, bestimmte in der Auseinandersetzung mit regressiven Antizionismus und verkürzter Kapitalismuskritik gewonnene Grundlagen aufzugeben.

Peter Nowak lebt in Berlin und arbeitet als Journalist unter Anderem für die Jungle World und das Onlinemagazin Telepolis.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Offenen Arbeit Erfurt mit dem Bildungskollektiv Biko und gefördert vom Lokalen Aktionsplan der Stadt Erfurt.
mehr: http://peter-nowak-journalist.de/ [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 63,7 MB; 1:09:34 h)

2.) Wie hältst du es mit Israel? Zündfunkgenerator über linken Antisemitismus

Mit dem Verhältnis der Linken zu Israel hat sich Anfang des vergangenen Jahres ein Feature der Sendereihe „Zündfunk-Generator“ auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ist die kurzzeitige Aufregung, die Anfang des Jahres 2010 innerhalb und außerhalb der Partei „Die Linke“ entstand, nachdem bei einem Besuch des israelischen Staatspräsidenten im Bundestag Sarah Wagenknecht und drei weitere Linke-Abgeordnete demonstrativ sitzen geblieben waren. Zu Wort kommen u.a. Henryk M. Broder, Peter Ullrich, Stefanie Schüler-Springorum und Bodo Ramelow. Zu Beginn des Features gibt es einen kurzen Blick in die Geschichte des linken Antisemitismus von der Arbeiterbewegung bis zur Neuen Linken, später verliert sich das Feature m.E. (u.a. anhand der Augstein-Debatte) in der unvermeidlichen Frage, was man in der Debatte um Israel darf und was nicht, es geht um Fallstricke und Sicherheitskriterien. Das Feature ist um Ausgewogenheit und die Vermeidung von „extremen Positionen“ bemüht – was nicht selten zum Nachteil für Israel gerät, dem man freilich ein Existenzrecht zuspricht. In diesem Fall wird Jakob Augstein kurz vor Ende vom Antisemitismusverdacht freigesprochen.

    Download: via Rapidshare (mp3; 47,8 MB; 52:09 min)
    Hören: auf BR2

3.) Antisemitism and the Left: A German-U.S. Comparison

Am 29.11.2011 hat Zeena Arnold in New York für die Gruppe „The Platypus Affilated Society“ (eine Gruppierung, die Moishe Postone nahesteht) einen Vortrag über Antisemitismus und die Linke gehalten, der u.a. auf antisemitische Manifestationen in der us-amerikanischen Occupy-Bewegung (z.B. hier) reagiert. Skizzenartig stellt sie einige Grundmerkmale des Antisemitismus vor, wobei sie auch auf den sekundären und strukturellen Antisemitismus eingeht und darlegt inwiefern Antikapitalismus und Antisemitismus zusammengehen können. In ihrer kurzen historischen Darstellung geht sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den deutschen und amerikanischen Verhältnissen ein. In ihren Ausführungen bezieht sie sich u.a. auf Adorno und Horkheimer sowie auf Moishe Postone (Antisemitismus und Nationalsozialismus).

On 29.11.2011 Zeena Arnold held a lecture about Antisemitism and the Left at the university in New York, that was organised by the group „The Platypus Affilated Society“. In a way the lecture was a reaction on some antisemitic manifestations within the Occupy movement (one example). Roughly sketched she talked about general characteristics of antisemitism, as secondary and structural antisemitism and shew how anticapapitalism and antisemitism (not necessarily) can go together. In her historical portrayal she compared antisemitism in Germany/Europe and in the USA. In her explanations she quoted Adorno and Horkheimer („Dialectic of Enlightment“, specially the chapter „Elements of Antisemitism“), as Moishe Postone („History and Helplessness“, „Antisemitism and National Socialism“).

From accusations directed towards Occupy Wall Street to arson attacks in Brooklyn, antisemitism has reemerged as a concern of the left in recent months. This talk will look at the relationship between the left and antisemitism, giving an overview of different historical forms, analyzing divergent theoretical explanations, and comparing the U.S. and German cases. Special attention will be given to examining the particular relationship of antisemitism to political economy and critiques of capitalism, the political implications of viewing antisemitism as a form of prejudice versus an ideology, and left debates around antisemitism and Israel post-9/11. This event continues the transatlantic dialogue series initiated by the Platypus Affiliated Society which aims to rebuild an emancipatory internationalism. Zeena Arnold is an activist and scholar from Germany researching perspectives on antisemitism within the U.S. left. [via]

    Download: via Archive.org (mp3; 87,6 MB; 1:16:32 h) | via AArchiv: Lecture (40 MB; 43:39 min) / Discussion (30,1 MB; 32:52 min)

4.) Israel, the Left, and the Crisis of the Late 1960s

Unter diesem Titel liegt uns ein Vortrag von Moishe Postone vor, den er an der Universität Wisconsin-Madison gehalten hat. Wenn ich es richtig verstanden habe (die etwas verhallte Aufnahme macht es etwas schwierig, das Englisch zu verstehen), versucht er einen Zusammenhang zwischen dem linken Antisemitismus und Antizionismus und der Ende der 60′er, Anfang der 70′er Jahre nach einer Periode der Prosperität erstmals wieder einbrechenden Krise zu rekonstruieren. Dabei greift er auf Aspekte seiner Antisemitismus-Theorie zurück, die er in Antisemitismus und Nationalsozialismus entwickelt hat. [Falls jemand eine genauere Inhaltsangabe schreiben kann/will – her damit!]

We present a lecture, Moishe Postone held at the University of Wisconsin-Madison. If I unterstood correctly (the quality is not the best, what makes it difficult for me to understand the english language), he tries to reconstruct a dependence between the leftist antisemitism and antizionism and the crisis in the late 60’s / early 70’s, that hit after a period of prosperity. For this he quotes aspects of his theory of antisemitism, he has expounded in his text „Antisemitism and National Socialism“. [If somebody wants to give a more exactly summary – you‘re welcome!]

    Download: via AArchiv (45,5 MB; 49:41 min) | via Soundcloud

5.) Zeiten des Zorns – Zur Geschichte und Politik der Revolutionären Zellen

Back to Germany: Die letzten Statements der Revolutionären Zellen sind dahingehend mit der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken verbunden, als dass in ihnen — mehr als 10 Jahre nach der Entebbe-Entführung, bei denen Mitglieder der RZ Juden und Nicht-Juden voneinander selektiert hatten — erstmals aus der antiimperialistischen Bewegung heraus Zweifel am linken Antizionismus formuliert wurde, der fest in der Theorie und Praxis der bewaffneten Gruppen verankert war. In ihrer Bewertung der Geschichte der RZ spielen Antisemitismus und Antizionismus zwar keine Rolle (bzw. werden kurz als unwesentlich abgetan), der Vortrag von Klaus Viehmann (ehemals Bewegung 2. Juni) und Stefan Wisniewski (Ex-RAF-Mitglied), den beide am 22.03.2001 im Berliner SO36 gehalten haben, ist dennoch interessant, da er einen ausführlichen Überblick über die Aktivitäten, Aktionsformen und Debatten der RZ von ihren ersten Aktionen bis zu ihrer Auflösung gibt. Zwischendurch sind Ausschnitte aus einem Interview mit Enno Schwall (RZ) von 1986 einmontiert, das damals nicht veröffentlicht wurde. Schwall gibt darin Statements zu einer (damals) neuen Perspektive auf den bewaffneten Kampf, wie sie den RZ vorschwebte.

Durch eine Reihe von Verhaftungen wurden Revolutinäre Zellen und Rote Zora wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt. Aber hinter den Fragen der Solidarität mit den Angeklagten, der Prozessstraegie oder der Auswirkungen von Verrat ist die Politik dieser Gruppen aus der linken Diskussion fast verschwunden. In der Veranstaltung soll die langjährige Geschichte der RZ vorgestellt und diskutiert werden. Wieso entstanden die RZ Anfang der 70er Jahre? Mit welcher Konzeption traten sie an? Welche Sozialrevolutionären und antiimperialistischen Ansätze versuchten sie zu verwirklichen? Wie kam es zur Aktion gegen die OPEC- Konferenz 1995 und zur Entführen eines Verkehrsflugzeuges nach Entebbe 1976? Wie veränderten sich die RZ in den 80er Jahren? Warum wurde die „Flüchtlingskampagne“ gestartet? Und wieso haben die RZ ihre Aktionen seit einigen Jahren eingestellt? Ausschnitte aus dem Film der Veranstaltung am 22. März 2001 im SO 36 in Berlin u.a. mit Klaus Viehmann (Bewegung 2. Juni und zu 15 Jahre Haft verurteilt. Von 1978 bis 1993 im Knast) und Stefan Wisniewski (RAF und zu zweimal lebenslänglich verurteilt, 1978 – 1999 in Haft.)

    Download (Audio): via AArchiv (75,9 MB; 1:22:53 h)
    Video: youtube oder

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Antizionismus ohne Israel December 22, 2013 | 09:00 pm

Es mag zunächst absurd erscheinen, in Bezug auf eine Zeit vor der Staatsgründung Israels, ja gar vor dem Aufkommen eines zionistischen Staatsgründungsvorhabens, von »Antizionismus« zu sprechen. Es gibt jedoch mehr als bloß Indizien dafür, dass der gemeine Antisemitismus schon immer auch eine politische Ausdrucksform hatte, die sich gegen die Möglichkeit eines staatlichen, jüdischen Gemeinwesens richtete. Zwei Vorträge beleuchten diesen Zusammenhang und widmen sich dabei auch der Problematik des »sekundären Antisemitismus« als Erklärungsansatz von (insbesondere linker) Israel-Feinschaft im 20. Jahrhundert und heute.

1. Antizionismus ohne Israel. Der Haß auf den jüdischen Staat im deutschen Idealismus um die Wende zum 19. Jahrhundert

Daniel Späth (Redaktion Exit!) wurde – überraschend genug – nach Freiburg eingeladen, um im Jour Fixe-Programm der ISF Thesen zum Antizionismus bei Kant und Hegel vorzustellen. Seine Ausführungen beschränkten sich aus Gründen des Umfangs auf Immanuel Kant und dessen Antisemitismus. Die recht voraussetzungvolle Argumentation ist nachzulesen in der Exit! #10; ein (Teil-)Aufsatz zu Hegel in der Ausgabe #11.

Download: Teil 1 (0:36 h, 21 MB), Teil 2 (0:45 h, 27 MB)

Es ist ein gängiger Topos der linken Antisemitismuskritik, daß der “sekundäre Antisemitismus” nach Auschwitz zu einer Verschiebung in der judenfeindlicher Agitation geführt habe, sodaß die “klassischen” Stereotype des Judenhasses nun randständig seien. Nicht der “Wucher-Jude” mit der langen Nase werde heute als Verkörperung der Weltverschwörung identifiziert, sondern Israel, wobei der Judenhaß in Form von Staatskritik ein scheinbar unverfängliches Objekt hat: Man wird ja wohl noch Staaten kritisieren dürfen… Aber so unverzichtbar daran die kritische Einsicht ist, daß Auschwitz ins kollektive Unbewußte sedimentierte und daher ein deutscher Schuldkomplex entstand, der die Wiederkehr des Verdrängten an neuen Symboliken zu bekämpfen sich anstrengt, so verkürzt muß eine Antizionismuskritik bleiben, die von der bloßen Verschiebung des Antisemitismus zum Antizionismus ausgeht, d.h. von einer bloß sekundären Wirksamkeit des israelfeindlichen Ressentiments. Denn damit wird die fetischistische Selbstständigkeit antisemitischer Ideologiebildung ausgeblendet, die sich unabhängig vom realen Verhalten von Juden artikuliert. Wie der Antisemitismus auch ohne Juden und Jüdinnen seinem Wahn frönt, so existieren schon lange vor der Staatsgründung Israels eindeutig antizionistische Motive. Vor allem der deutsche Idealismus in seiner durchweg affirmativen Installation bürgerlicher Vernunft generierte bereits Ende des 18. Jahrhundert das Phantasma einer dezidierten “Unmöglichkeit” jüdischer Staatlichkeit, lange bevor dies auf der politischen Tagesordnung stand. Es verwundert nicht, daß die antideutsche Theoriebildung auf diesem Auge bis heute blind ist. Schließlich gilt ihr die bürgerliche Vernunft als letzter Restposten, als immanenter Rückzugsort gegenüber einem scheinbaren “Aufklärungsverrat”, wie er vor allem in der islamistischen Barbarei und im völkischen Antiimperialismus ausgemacht wird. Dabei übersieht die antideutsche Theorie, daß es die bürgerliche Vernunft selbst ist, die aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus antisemitische und antizionistische Denkformen setzt und nicht etwa die Irrationalität einer wie auch immer gearteten “Gegenaufklärung”. – Es spricht Daniel Späth (Tübingen), der für “Exit! Kritik der Warengesellschaft” schreibt (etwa Das Elend der Aufklärung: Antisemitismus/ Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant in N° 10, Horlemann-Verlag, Berlin 2012, sowie Form- und Ideologiekritik der frühen Hegelschen Systeme I, in N° 11/2013), dazu auf http://linkeirrwege.blogsport.de/ publiziert.

2. Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Olaf Kistenmacher widmete sich bereits 2011, in einem in Ludwigsburg gehaltenen Vortrag, der Frage, warum im sekundären Antisemitismus nicht die Ursache für den Hass auf Israel innerhalb der deutschen Linken seit 1967 zu sehen ist. Anhand von auf den Nahen Osten bezogenen Äußerungen und Einschätzungen der KPD der 1920er Jahre beleuchtete er die Vorgeschichte des linken Antizionismus.

Download: Ohne Jingle via AArchiv (0:58 h, 20 MB) | Mit Jingle via FRN (1 h, 56 MB)

Die Sendung enthält eine kurze Moderation bzw. Einleitung von Lothar Galow-Bergemann (Emanzipation und Frieden) und einen Eröffnungsjingle, den ich weggeschnitten habe.

Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet die Kritische Theorie eine Judenfeindschaft, die erst nach 1945 entstanden ist. Dieser Erklärungsansatz wird oft für den Antisemitismus in der politischen Linken herangezogen, denn er benennt die besonderen Motive, die gerade nach 1945 für eine antifaschistische Linke zentral sind: Um Schuldgefühle abzuwehren, setzten radikale Linke die Politik des Staates Israel mit der Shoah gleich.
Doch dieser Ansatz kann nicht die Vorgeschichte des linken Antizionismus erklären: Bereits Ende der 1920er Jahre setzte die KPD den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, während sie andere Nationalbewegungen unterstützte. Ihre Tageszeitung „Die Rote Fahne“ befürwortete 1929 ein Pogrom in Palästina, das über zwei Wochen andauerte und bei dem über hundert Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zur gleichen Zeit stellten andere Artikel „Juden“ als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse und als Unterstützer der NSDAP dar. Überschriften in der „Roten Fahne“ lauteten in den Jahren „Das Dritte Reich schützt die jüdischen Warenhäuser“ (1930), „Hitler proklamiert Rettung der reichen Juden“ (1931) oder „Nazis für jüdisches Kapital“ (1932). Dieser Antisemitismus war mit der gleichzeitigen Ablehnung von Judenfeindschaft insofern vereinbar, als die kommunistische Bewegung Judenhass als „Sozialismus der dummen Kerls“ deutete. Diese Deutung implizierte aber, an der Vorstellung festzuhalten, „Juden“ stünden tatsächlich auf der Seite des Kapitals – und der Zionismus wäre der „Kettenhund des Imperialismus“ im Nahen Osten, wie die „Rote Fahne“ 1925 verlautbarte.

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The Great Nakba-Swindle Meets Munich December 12, 2013 | 01:38 pm


Zeremonie zur Vorbereitung des „Nakba“-Tages in Beirut (gefunden in einem des Zionismus unverdächtigen Blog)

Der Begriff „Nakba“ bedeutet auf arabisch Katastrophe und wurde von radikalen palästinensischen Gruppen in Anlehnung an den hebräischen Begriff „Shoah“ – der ebenfalls große Katastrophe bedeutet – in den letzten Jahrzehnten zum politischen Kampfbegriff geformt. Während „Shoah“ die systematische Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden meint, soll der Begriff „Nakba“ dem eine arabische Katastrophe entgegenhalten: 700.000 Araberinnen und Araber sind im Jahr 1948 aus Israel geflohen oder wurden vertrieben. Währenddessen sah sich Israel dem Angriff von fünf arabischen Staaten ausgesetzt. In etwa zur gleichen Zeit flüchtete ein ähnlich großes Kontingent jüdischer Einwohner aus arabischen Regionen nach Israel. Es war ein unfreiwilliger Bevölkerungsaustausch in einem Kriegsgebiet, wie er weltweit im letzten Jahrhundert schon unzählige Male und in wesentlich größerem Umfang stattgefunden hat. In nahezu allen Fällen verstehen sich die Nachkommen heute nicht mehr als Flüchtlinge. Nicht so einige Palästinenser.

Deutsche Opfer, jüdische Täter
Im Zuge der palästinensischen Strategieänderung nach der letzten Intifada – weniger Sprengstoff-Attentate, mehr internationale Öffentlichkeitsarbeit – wurde der Begriff „Nakba“ immer wichtiger im propagandistischen Waffenarsenal Ramallahs. Obwohl man sich in Deutschland für Flüchtlinge leider wenig interessiert, gelingt es der „Nakba“-Propaganda vermehrt, Fuß zu fassen. Denn zwei Flüchtlingsgeschichten lassen sich in Deutschland gut verkaufen: Das Erinnern an die deutschen Heimatvertriebenen aus Osteuropa erfüllt die Funktion, die ehemaligen deutschen Täter als arme Opfer osteuropäischer Aggression darzustellen. Die arabischen Flüchtlinge von 1948 machen die jüdischen Überlebenden deutscher Aggression als vermeintliche Täter kenntlich. Deutsche Opfer, jüdische Täter: Auf den Punkt brachte das vor kurzem die NPD-Kronach mit ihrem Plakat: „Gestern Dresden, heute Gaza!

Kein geringerer als der „Evangelische Entwicklungsdienst“ finanzierte die seit 2008 umtriebige „Nakba“-Ausstellung mit, die bislang in circa 100 Städten zu sehen war, ausgehend von Baden-Württemberg. Nach Protesten jüdischer Gemeinden und Gruppen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wurde sie in Frankfurt am Main und Düsseldorf verhindert. Am 15. Dezember soll die Ausstellung nun nach Bayern kommen. Die Montessori-Fachoberschule München hat sich dafür hergegeben. In ihrem „Info-Brief“ bewarb sie die Ausstellung schon Anfang des Jahres mit den schwülstigen Worten, auch Jesus sei ein Flüchtling gewesen.

Offene Briefe von AmEchad und Grünen sorgen für Wirbel
Diese Woche sind von der Grünen Jugend München und dem Verein AmEchad zwei offene Brief an die Schulleitung erschienen. Die Ausstellung des „Vereins Flüchtlingskinder im Libanon“ sei keine objektive Betrachtung des „hochkomplexen Konflikts zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten“, zitiert das Portal Israelnetz aus dem Brief von AmEchad. Deren Sprecher, Michael Lang, fand deutlichere Worte: „Die Schulleitung will die Jugendlichen der Montessori-Schule einer wochenlangen, bildgewaltigen Propaganda-Show aussetzen. Das können wir nicht hinnehmen. Israelhass ist immer falsch und hat insbesondere an Schulen nichts zu suchen.“

In ihrem offenen Brief rief die Grünen Jugend München die Schule auf, „diese tendenziöse und antizionistische Ausstellung“ absagen. „Bieten sie Geschichtsrevisionismus keine Bühne!“ Der Vorstand der Grünen Jugend begründete das damit: „Die Gründung Israels war keine ‚Katastrophe‘, sondern nach der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus zwingend notwendig, um einen sicheren Schutzraum für die Opfer von Antisemitismus zu schaffen.“ Die Janusz-Korczak-Akademie mit Sitz in München äußerte gegenüber der Münchner Abendszeitung, es sei „völlig unverständlich“, wie eine Schule, die das freie Denken und den offenen Dialog zum Ziel habe, sich eine solch einseitig und propagandistische Ausstellung ins Haus holen“ könne.

Süddeutsche erklärt Kritik für beendet
Während die Münchner Abendzeitung neutral über die Stellungnahmen berichtete, versuchte sich die Süddeutsche Zeitung erwartungsgemäß darin, den pädagogischen Ausfall der Schule herunterzuspielen. Um die kleine „Palästinenser-Schau“ sei ein „großer Wirbel“ entstanden, aber die Schulleitung wolle „nach der Aufregung zusätzliche Informationen präsentieren“, beschwichtigte das Blatt. Obwohl zu diesem Zeitpunkt keinesfalls klar war, ob die „Aufregung“ schon ihr Ende gefunden hatte. Dem Vernehmen nach erhält die Schule aktuell zahlreiche Protestbriefe.

Begonnen hat die Welle der Kritik mit Äußerungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München. Torsten Weber, Vorsitzender der DIG, kritisierte den „Heimatvertriebenenkult“ der geplanten Ausstellung in München. Das sei „keine Hilfe für modern denkende Palästinenser“, so Weber. Wer die jüdische Minderheit im Nahen Osten als „Verbrecherbande“ darstelle, präsentiere kein pädagogisches Konzept, sondern lege „den Grundstein für antisemitische Worte und Taten“.

Die Ausstellung sah sich auch in anderen Bundesländern seit jeher harter Kritik ausgesetzt. Tilman Tarach kritisierte beispielsweise im April dieses Jahres in der Jüdischen Allgemeinen die Ausstellung. Sie idealisiere nationalsozialistisch unterstützte Judenpogrome, verfälsche Quellen und verschweige die Ziele und Interessen der Konfliktparteien im Nahen Osten, so Tarach.

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Der Irre mit der Bombe, MAN, Israel im Umbruch und der kurze Weg von Adorno zu Mao – alles an einem Tag June 2, 2013 | 11:57 pm

Der kommende Donnerstag hat es in sich. Morgens mobilisiert die Kampagne „Stop the Bomb“ anlässlich der Hauptversammlung von MAN nach München. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft lädt am Frühabend zur Veranstaltung „Israel ist umgezogen“ ins Jüdische Museum ein. Knapp anschließend ist im Kafe Marat zu erfahren, wie die Linke in den 60er und 70er Jahren ebenfalls umzog – von Adorno zu Mao nämlich.

„Stop the Bomb“ wirft MAN die Beteiligung am Bau der iranischen Schiffsflotte vor. Damit würden die Sanktionsbemühungen der Internationalen Gemeinschaft gegen das iranische Regime untergraben, das weiterhin an der Atombombe baue und damit die Staaten der Region und Israel bedroht, so „Stop the Bomb“. Deshalb ruft „Stop the Bomb“ zu Protesten am Donnerstag um 8.30 Uhr vor dem Eingang der ICM Messe München auf, womit ein deutliches Signal bei der Hauptversammlung des bayerischen Motorenbauers gesetzt werden soll.

Ebenfalls am Donnerstag wird Diana Pinto in ihrem Vortrag „Israel ist umgezogen“ die aktuellen Umbrüche innerhalb der israelischen Gesellschaft darstellen. Die in Paris lebende Historikerin und Schriftstellerin machte sich in Gesprächen mit säkularen und orthodoxen, jüdischen und arabischen Israelis auf die Spur der Neuorientierung Israels. Die Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft im Jüdischen Museum in Zusammenarbeit mit dem Suhrkamp Verlag und dem Lehrstuhl für Jüdische Geschichte der LMU findet im Rahmen einer neuen Veranstaltungsserie der DIG-München statt: „Innere Widersprüche – Plurale Gesellschaft: Israels Umgang mit gesellschaftlichen Konflikten“. Damit knüpft die DIG-München an ihre Veranstaltungsserie im Jahre 2011 an: „Ein ‚Gefühl‘, das verbindet: Antisemitismus in einer globalisierten Welt.“

Wer an diesem Donnerstag noch nicht genug hat, kann sich zusammen mit dem Referenten Jens Benicke auf Entdeckungsreise machen und vielleicht einen der vielen Gründe finden, warum es mit der westlichen Linken nur so bergab gehen konnte. In seinem Vortrag „Von Adorno zu Mao – über die schlechte Aufhebung der antiautoritären Bewegung“ referiert er zum Übergang der „antiautoritären Bewegung“ zu „autoritären Kaderorganisationen, die sämtliche emanzipatorischen Errungenschaften der Revolte in ihr Gegenteil verkehren“. Bei diesem Vortrag besteht in jedem Fall die Gefahr der Überschätzung besagter „Revolte“. Dennoch könnte er ein gelungener Ausklang sein.

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Dunkle Wolken über dem SPD-Wald in Israel April 11, 2013 | 11:22 pm

Bald feiert Israel seinen 65. Geburtstag. Den Unabhängigkeitstag am 16. April will die SPD zum Anlass nehmen, in der Negev-Wüste einen Wald zu pflanzen. Dafür sammeln die Sozialdemokraten Spenden. Bislang sind über 9.200 Euro zusammengekommen – benötigt werden aber 50.000. Indes sehen einige Münchner Funktionäre darin einen Verrat an der Sozialdemokratie.

„Willy Brandt hätte so etwas nie zugelassen“, orakelt Rolf-Henning Hintze. Für den Bundestagskandidaten der Münchner Linkspartei ist der geplante SPD-Wald in Israel ein „Widerspruch zu sozialdemokratischen Grundwerten“. Dem kann sich Jürgen Lohmüller, Sprecher der Münchner Linkspartei, nur anschließen: „Vertreibung und ethnische Säuberungen ziehen immer eine Spur des Hasses und gewaltsamer Gegenreaktion nach sich“, schreibt er auf der Petitionsplattform „Change.org“. Dort wurde eine Petition mit dem Titel „Keine Unterstützung des Jüdischen Nationalfonds durch die SPD!“ eingestellt. Sein Münchner Parteikollege Klaus Ried, berüchtigt für dessen israelkritischen Anträge, ist ebenfalls gegen das Wald-Geschenk: „Das ist Landraub. Das ist ein Verbrechen!“

Seit November 2012 sammelt die SPD in den eigenen Reihen Spenden, um nördlich der sogenannten „Hauptstadt der Wüste Negev“, Be‘er Sheva, ein Waldstück zu finanzieren. Die SPD-Spenden gehen direkt an den Jüdischen Nationalfonds (JNF). Nach der Gründung vor 111 Jahren kaufte der JNF hauptsächlich Land im damaligen Palästina auf, heute ist die gemeinnützige Organisation mit Aufforstung und der Sicherung der Wasser-Ressourcen in Israel beschäftigt. Der JNF wird hauptsächlich über Spenden finanziert. Auch Peer Steinbrück unterstützt den SPD-Wald „aus bleibender Mitverantwortung für das Wohlergehen des Staates Israel, aus Verbundenheit mit seinen Menschen und um der Negev-Wüste grüne Seiten abzutrotzen“, schreibt der Kanzlerkandidat auf der Facebook-Seite „Wald der SPD“.

Mobilmachung des Online-Shit-Mobs
Die Münchner Israel-Gegnerschaft sieht das anders. Für sie ist der JNF als zionistische Organisation gestern wie heute eine Instrument der „ethnischen Säuberung“. Die „Palästinensische Gemeinde München“ wirbt für die Petition gegen den SPD-Wald auf ihrer Facebookseite. Die SPD mache sich damit „zum Handlanger eines nationalistischen und rassistischen Unterdrückungsregimes“, hetzt Eckhard Lenner, federführend im antizionistischen Verein „Salam Shalom“, in den Kommentaren zur Petition. Die Provinzkabarettistin Nirit Sommerfeld rät, das Projekt nicht zu unterstützen ebenso wie Bernd Michl von Attac München, denn: „Enteignung darf nicht unterstützt werden“, sagt er. Töne gegen Enteignung, die man von Attac ansonsten nicht so oft hört. Mit der gleichen Leichtigkeit, wie eine Atomanlage urplötzlich zum Menschenrecht erklärt wird, wenn sie nur im Iran steht, wird ein Wald inmitten einer Wüste zur Ethno-Bombe umgedeutet, wenn er nur in Israel wächst. Für Peter Vonnahme, ehemals Richter am Bayerischen Verwaltungsgerichtshof, ist die SPD damit glatt am Ende: „Es ist erschütternd, wie unaufhaltsam eine vormals große Partei mit großen Idealen in politische Orientierungslosigkeit verfällt.“

Auch Kirchenvertreter machen gegen den SPD-Wald mobil und nehmen an der Online-Petition teil. Dazu zählt Rosemarie Wechsler von Pax Christi München. Denn der Wald schränke den „Lebensraum der Beduinen“ weiter ein, so Wechsler. Pater Reiner Fielenbach vom Straubinger Karmeliterkloster wendet sich direkt an den Parteivorsitzenden Sigmar Gabriel und fragt: „Wo ist ihre nach ihrem Besuch 2012 in Hebron gezeigte Empörung?“ Gabriel hatte damals auf Facebook geäußert, in Hebron herrsche ein „Apartheid-Regime“. Das bescherte ihm viele neue Freunde – die sind jetzt enttäuscht. Das Oberhaupt der evangelischen Kirche in Markt Schwaben, Karl-Heinz Fuchs, machte seine Schäfchen per Mail auf die Online-Petition aufmerksam.

Nur noch eine Woche bis zum Unabhängigkeitstag
Auch wenn sich die SPD nicht häufig damit hervorgetan hat, an der Seite Israels zu stehen, könnte im SPD-Wald durchaus etwas wachsen. Es sind nicht nur die üblichen Verdächtigen innerhalb der SPD, die das Geburtstagsgeschenk unterstützen, wie Reinhold Robbe, Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Stephan J. Kramer, Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland oder Gregor Wettberg, Vorsitzender des Arbeitskreises jüdischer Sozialdemokraten aus Berlin und Brandenburg. Es sind auch andere, die auf der Facebook-Seite „Wald der SPD“ um Spenden werben. Zum Beispiel die Mitglieder des Bundestages Andrea Nahles, Christian Lange, Mechthild Rawert, Siegmund Ehrmann oder Olaf Scholz. „Die gespendeten Bäume sind dauerhafte Zeichen unserer freundschaftlichen Verbundenheit mit den Bürgerinnen und Bürgern Israels“, sagt Scholz.

Noch weiter geht Kevin Kühnert, Landesvorsitzender der Jusos Berlin: „Israel bleibt ein unverzichtbarer Schutzraum für Jüdinnen und Juden, der unsere ganze Solidarität verdient“, schreibt er auf der Facebook-Seite „Wald der SPD“. Israel brauche „mehr Solidarität und keine besserwisserischen Belehrungen“, ergänzt sein Kollege Fabian Weißbarth. Die „ganze Solidarität“ der SPD ist bislang aber noch nicht erreicht. 50.000 Euro haben die Initiatoren Andrea Nahles und Christian Lange angepeilt, das entspricht 5.000 Bäumen – darunter ist mit dem JNF kein ganzer Wald zu machen. Hoffentlich schaffe man es rechtzeitig zum israelischen Unabhängigkeitstag, hieß es noch im November 2012. Der ist aber schon nächste Woche. Und bislang hat die SPD laut Wasserstandmeldung erst 9.200 Euro zusammen. Das könnte knapp werden.

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Doppelpack Deluxe: Daniel Kahn und Stephan Grigat January 10, 2013 | 02:41 am

Am Montag spielt der Klezmer-Punk-Kommunist Daniel Kahn mit seinen bunten Vögeln im Feierwerk, am Mittwoch hält der Stop-the-Bomb-Zionist Stephan Grigat einen Vortrag zum Thema „Die Einsamkeit Israels – der globale Antisemitismus und das iranische Regime im neuen Nahen Osten“. Es gab schon schlechtere Wochen im Schtetl.

DANIEL KAHN & THE PAINTED BIRD MEET THE BROTHERS NAZAROFF

Daniel Kahn vereint die besten Traditionen amerikanischer und jüdischer Musik – amerikanische Folksongs in der Tradition von Woody Guthrie oder Pete Seeger, und jiddische Protestsongs. Daniel Kahn fügt diesem Songkatalog elegant neue Facetten hinzu mit Liedern wie „Inner Emigration“, oder dem brillanten „Klezmer Bund“, in dem er mit seinen Musikern ein rotzig-ironisches Bündnis (be)schließt. Gleichzeitig ist Kahn ein Interpret von Arbeiterliedern, von Brecht/Eisler-Songs, wie ihn Deutschland seit den Tagen von Ernst Busch nicht mehr gesehen hat. Ein „Barrikaden-Sänger“ im besten Sinne des Wortes. Wenn Daniel Kahn mit seiner Band Lieder wie „In Kamf“, Mordechai Gebirtigs „Arbetslozer Marsh“ oder Brechts „Denn wovon lebt der Mensch“ singt, dann hören wir nicht brave museale Musikkultur, sondern dann wird wieder klar, dass diese Musik einmal für die Straße, für die Veränderung der Welt und nicht nur fürs Theater geschrieben wurde. Und daß Daniel Kahn und seine Musiker keineswegs gewillt sind, die „Lost Causes“ von vornherein verloren zu geben.

Montag, 14.01.2013 | 20.00 Uhr | 17 EUR | Feierwerk

DIE EINSAMKEIT ISRAELS – DER GLOBALE ANTISEMITISMUS UND DAS IRANISCHE REGIME IM NEUEN NAHEN OSTEN

Wer Anfang 2011 davor warnte, der arabische „Frühling“ könne sehr schnell in einem Siegeszug der islamistischen Moslembrüder enden und für Israel zu einer neuen Bedrohung führen, galt als Schwarzseher, der „den Arabern“ keine Demokratie „gönnen“ würde. Heute ist nicht zuletzt angesichts der Wahlergebnisse in Ägypten Ernüchterung eingetreten. Nachdem die Erfolge der Islamisten nicht mehr geleugnet werden können, geht man dazu über, ihre Ideologie schön zu reden.
Die zentrale Frage lautet, ob jener für den Nahen Osten so typische Mechanismus durchbrochen werden kann, bei dem die innergesellschaftlichen und durch den Weltmarkt evozierten Widersprüche, die durch den Sturz von Mubarak in Ägypten oder von Ben Ali in Tunesien nicht verschwunden sind, stets in hemmungslose Aggression gegen den jüdischen Staat transformiert werden. Bisher gibt es wenig Anzeichen dafür, dass das in absehbarer Zeit gelingen kann. Ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Möglichkeiten für solch ein Gelingen wäre der Sturz des iranischen Regimes, ohne dessen Politik der letzten 30 Jahre kaum eine Entwicklung im Nahen Osten zu verstehen ist.

Mittwoch, 16.01.2013 | 20.00 Uhr | LMU | Raum E004

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Zur Kritik an der israelischen Flüchtlingspolitik im Hinterland Magazin November 30, 2012 | 12:37 am

Dies ist der Abdruck einer Rede von Hannes Bollmann, vorgetragen im stillen Kämmerlein anlässlich des im aktuellen „Hinterland Magazin“ erscheinen Artikels „Durch die Wüste“. Es gilt das gesprochene Wort.

Sehr geehrte Einrichtung, liebe Wand,

der Artikel „Durch die Wüste“ hat mich sehr bewegt. Über die Situation der Flüchtlinge in Israel gibt es viel zu sagen, einer Mehrzahl davon geht es wirklich dreckig. Erlauben Sie mir, dazu eine langatmige Ausführung zu machen. Die Qualität des Hinterland-Magazins zwingt es mir auf, darüber nicht nur mit wenigen Worten hinwegzugehen.

Israel ist der Staat der Holocaust-Überlebenden und ihrer Nachkommen. Es ist die staatgewordene Emanzipation der Jüdinnen und Juden in Reaktion auf den Antisemitismus in Europa und im arabischen Raum. Israel ist eine Wüstenregion, die mit viel Mühe im Zuge der Alijot urbar gemacht wurde, damit es sich dort erträglich leben lässt. Nie wieder sollen Jüdinnen und Juden ihren Feinden unbewaffnet entgegentreten müssen, das ist das Credo. Es gibt keine Nation auf der Welt, die ihre Existenz annähernd gut begründen kann.

Staatsgrenzen sind im Regelfall sinnlos, Israels Grenze nicht. Da viele Länder Israel nicht anerkennen wollen, schafft diese Grenze erst die nötigen Fakten. Dort verhält es sich nicht so wie in Europa, wo sich die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich auflösen lässt und beide Länder funktionieren weiter als wäre nichts passiert. Israels Grenze ist gleichbedeutend mit seiner Existenz.

Damit Jüdinnen und Juden weiterhin über einen geschützten Raum verfügen, ist eine jüdische Mehrheit in diesem Staat notwendig. Denn nur so ist zu gewährleisten, dass eine Mehrheit dagegen stimmt, wenn in Israel antijüdische Politik betrieben werden sollte. Wären Jüdinnen und Juden in der Minderheit, wäre damit das Ende des jüdischen Staates eingeleitet. Was dann womöglich folgen könnte, wollen Sie nicht wissen und soweit sollte es auch gar nicht kommen.

Israel war und ist ein Einwanderungsland. Die überwiegende Mehrheit der jüdischen Familien hat einen sogenannten Migrationshintergrund. Auch die meisten arabischen Familien sind – am Rande bemerkt – Nachkommen der Einwanderer, die sich im Laufe des 19. und 20. Jahrhunderts in der Region niedergelassen haben. Eine große Einwanderungswelle fand auch direkt nach der Staatsgründung statt. Es kamen Hunderttausende Juden aus umliegenden Ländern nach Israel, zum Beispiel aus Marokko, weil sie sich in Marokko bedroht oder zu Israel hingezogen fühlten.

Die Einwanderung war in diesen Jahren so enorm, dass die israelische Regierung in den 50er Jahren sogar noch versuchte, sie zu reglementieren – aber es gelang nicht. Marokko liegt in Afrika, das ist den meisten hier bekannt, nur bis zur Autorin des Artikels „Durch die Wüste“ ist das offenbar noch nicht durchgedrungen, weshalb sie ihren Beitrag beginnt mit:

Für Israel ist die gesellschaftliche Auseinandersetzung darüber, ein Aufnahmeland für Flüchtlinge aus Afrika zu sein, im Verhältnis zu Europa relativ neu.

Israel war schon ein Aufnahmeland für Tausende Flüchtlinge aus Afrika, da haben die meisten Deutschen ihren ersten Schwarzen in Form eines amerikanischen GIs gesehen, wie er sich auf dem „Little Oktoberfest“ ein Marshmallow grillte. Auch mit Frankreich oder England kann sich Israel – in Anbetracht der Bevölkerungsrelation – durchaus sehr gut messen, was die Einwanderung aus Afrika angeht.

1991 evakuierte Israel innerhalb von 36 Stunden über 14.000 äthiopische Jüdinnen und Juden – in der Hauptsache mit dem Flugzeug. In Deutschland leben zirka zehnmal so viele Einwohner wie in Israel. Setzt man die Bevölkerungszahl Israels in Relation, so entsprechen die 14.000 äthiopischen Flüchtlinge weit mehr als einem Drittel der in Deutschland aufgenommen Flüchtlinge während des Bosnienkrieges – und sie wurden in nur 36 Stunden ins Land geholt.

Man möchte sich nicht ausmalen, wie die Deutschen reagiert hätten, wenn annähernd viele Russlanddeutsche nach Deutschland gekommen wären, wie infolge des Scheiterns der Sowjetunion Juden nach Israel ausgewandert sind: 1,3 Millionen waren es inklusive Familien, innerhalb nur weniger Jahre. Das entspräche etwa einer Einwanderung von 13 Millionen Russen in Deutschland – da würde der deutsche Mob toben, die Russendiscos brennen.

Auch bei den aktuellen Flüchtlingszahlen aus Afrika sollte das Verhältnis berücksichtigt werden. Allein 2011 sind durch die Wüste Sinai 17.000 Flüchtlinge nach Israel gelangt. Rechnen Sie mal selbst, was das für eine Zahl ergäbe, wenn man das auf die Einwohnerzahlen Deutschlands oder Europas übersetzt. Und Israel besteht hauptsächlich aus Wüste, die sich zum Leben wenig eignet.

Da gibt es keine sinnlosen Landstriche wie in Deutschland, wo man ohne Probleme noch ein paar Megacities pflanzen könnte. Waren Sie schon mal am Brauneck und haben einen Blick ins Tal geworfen? Da würde eine Großstadt perfekt reinpassen – ein Hauch von Barcelona wäre das, inmitten der bayerischen Tristesse.

Israel hatte bis zur letzten Jahrtausendwende – von konfliktbedingter Ausgrenzung abgesehen, auf die ich noch kommen werde – eine relativ liberale Aufenthaltspolitik für Arbeitsmigranten aus Asien und Afrika. Es gab im Prinzip keinen Abschiebeapparat. Wenn Sie bitte einen Blick auf folgende Statistik werfen. Darauf ist das Verhältnis von Pendlern aus palästinensischen Gebieten und Menschen ohne israelischen Pass auf dem israelischen Arbeitsmarkt dargestellt. Deutlich erkennbar ist auch, wie sich die restriktive Einwanderungspolitik Ariel Sharons auswirkte.

Ich spreche von Aufenthaltspolitik, weil es für Nichtjuden äußerst schwierig war und ist, die israelische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Das hängt mit dem eingangs erwähnten Umstand zusammen, dass es in Israel eine jüdische Mehrheit geben muss. Eine jüdische Mehrheit ist heute gegeben, sie schmolz aber in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich ab. Insbesondere orthodoxe Jüdinnen und Juden versuchen das mit einem großen Kindersegen zu kompensieren, aber es hilft nichts.

In Deutschland ist es völlig egal, ob es eine biodeutsche Mehrheit gibt oder nicht. Kein Mensch droht damit, alle Deutschen zu vernichten. In Israel spielt die Bevölkerungsmehrheit eine überlebenswichtige Rolle, was die Autorin des Artikels „Durch die Wüste“ aber offenbar noch nicht weiß, weshalb sie diese Notwendigkeit in einer Reihe mit rassistischen Zuschreibungen aufzählt:

Neben der auch in Europa immer wieder bemühten Argumentation, es handele sich ausschließlich um Arbeitsmigrantinnen und -migranten […] und den altbekannten, überall auf der Welt verbreiteten rassistischen Stigmatisierungen (Flüchtlinge würden Aids übertragen, Frauen vergewaltigen und die Kriminalitätsrate steigern) kommt in Israel eine besondere Argumentation hinzu: Orthodoxe und nationalistische Kreise heben immer wieder hervor, dass Israel keine nichtjüdischen Flüchtlinge aufnehmen sollte, da sie den jüdischen Charakter des Staates bedrohten. […] Premier Netanjahu findet, dass „Flüchtlinge eine Bedrohung des empfindlichen demographischen Gefüges darstellen, auf dem Israel basiert.“

Viele linke Israelis würden das zwar anders formulieren, aber das Argument von Netanjahu auch nicht von der Hand weisen können. Leider bietet der Artikel überhaupt keine Lösung hierzu an. Flüchtlinge haben ein Recht auf gesellschaftliche Teilhabe, aber wenn sie in Israel in vollem Umfang teilhaben – wie es sich gehört –, würde sich die demographische Entwicklung der Gesellschaft in Israel sehr schnell zu Ungunsten der knapp sechs Millionen Jüdinnen und Juden verändern. Was wird dann aus dem Judenstaat?

Ein nächstes Problem: Angenommen jeder Mensch, der zuvor erfolgreich Wüsten und Länder überwunden hat und an die israelische Grenze kommt, kann dort Zuflucht suchen, arbeiten, leben. Wie ist das den Millionen Menschen zu erklären, die sich Palästinenser nennen, die direkt hinter der Grenze wohnen und nicht in Israel leben dürfen? Das wollen vielleicht zwar nicht alle – aber viele schon auch.

Und noch was: In Israel herrscht tatsächlich Terrorgefahr. Es gibt Tausende islamistische Antisemiten auf der Welt, die dazu bereit sind, sich in Tel Aviv in einem Bus in die Luft zu sprengen und dabei möglichst viele Menschen mit in den Tod zu nehmen. Das kündigen sie massenweise im Internet an und das machen diese Leute auch, sobald sie die Gelegenheit haben. Während Terror in Deutschland ein Phantomschmerz ist, ist er in Israel bittere Realität.

Israel ist tatsächlich umringt von vielen feindlichen Staaten, die Israelis hassen, den Israelis kategorisch den Zutritt in diese Staaten verweigern – Israelis dürfen dort nicht einmal Urlaub machen oder Verwandte besuchen. Ist es nicht verständlich, dass israelische Politiker ihrerseits skeptisch sind, wenn Menschen aus feindich gesinnten Ländern ausgerechnet nach Israel kommen?

Israel befindet sich im Kriegszustand und keinem Ankömmling ist an der Nasenspitze anzusehen, ob er es nun gut mit Israel meint. Jedenfalls hätte die Autorin bei aller nötiger Kritik den folgenden Abschnitt etwas differenzierter behandeln müssen.

Anfang 2012 wurde von der Knesset das sogenannte Infiltration Law (Prevention of Infiltration Law – also ein Anti-Immigrations-Gesetz) gebilligt, dass diesen Juni in Kraft trat. Das Gesetz sieht vor, dass Menschen, die „illegal“ nach Israel eingereist sind, für drei Jahre oder mehr in detention centers inhaftiert werden dürfen. Einer Gerichtsverhandlung bedarf es hierfür nicht.

Der Abschnitt suggeriert außerdem, dass das „Prevention of Infiltration Law“ erstmals 2012 gebilligt worden sei und es damit im Rahmen der aktuellen Ereignisse einen Höhepunkt darstellen würde. Dabei wurde das Gesetz schon 1954 von der Arbeiterpartei eingeführt und immer wieder unterschiedlich gehandhabt und verändert.

2012 fand eine weitere Änderung statt, die man auch scharf kritisieren kann und die in Israel auch kritisiert wird. Die Ihnen soeben zitierten Punkte standen aber schon im alten Gesetz. Die Darstellung ist stark verkürzt, denn das Gesetz hat tatsächlich einen Sinn, wird aber aktuell überreizt. Der Unterschied zwischen Sinn und Unsinn wäre herauszuarbeiten gewesen. Aber das passte vermutlich nicht in die Hauptlinie, die am Schluss des Artikels kulminieren soll.

Auch liegt die Autorin nicht richtig mit der Behauptung, die Politik in Fragen der Migration explizit an den rechten Parteien festzumachen. In Israel entschied die Arbeiterpartei zwar oft anders als rechte Parteien das gerne gehabt hätten, aber in Fragen der Sicherheit – und der Erhalt des jüdischen Mehrheitsanteils ist eine Frage der Sicherheit – konnten es die Linken schon auch hart angehen lassen.

Am Ende des qualitativ bis dahin schon wenig hochwertigen Artikels läuft es dann leider darauf hinaus, worauf es viel zu oft hinaus läuft: einen Nazivergleich.

Aber die Entwicklung [in Israel] seit 2010 gibt Anlass zu großer Besorgnis und zeigt, wie massiv Flüchtlingsrechte mit Füßen getreten werden können, wenn rechte bis rechtsextreme Parteien an der Regierung zusammen mit nationalistischen und chauvinistischen Gruppen auf der Straße agieren. Flüchtlingsaktivistinnen und -aktivisten in Europa sollten die Entwicklungen in Israel sehr genau verfolgen und die Diskussion mit den israelischen Gruppen suchen. Trotz der Unterschiede im europäischen und israelischen Migrationsregime gibt es große Gemeinsamkeiten. Auch in Griechenland wird deutlich, wie rasant das Zusammenspiel der im Parlament vertretenen rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte…

Die griechische Organisation Chrysi Avgi (Goldene Morgenröte) ist bekanntlich eine astreine Nazipartei mit abgewandeltem Hakenkreuz im Logo. In diesem Zusammenhang von „großen Gemeinsamkeiten“ mit der israelischen Regierung zu sprechen, zeigt vielmehr das allzu deutsche Bedürfnis an, den Judenstaat als Wiedergänger des Nationalsozialismus darzustellen, als die Realität. Dass sich die Leserinnen und Leser eines deutschen Magazins darüber hinaus noch dazu aufgerufen fühlen dürfen, aktiv gegen die neuen jüdischen Nazis einzuschreiten und die israelische Flüchtlingsunterstützer-Szene zu belehren, setzt dem ganzen noch die Krone auf.

Die Autorin wäre gut beraten gewesen, ausschließlich über die üblen Flüchtlingsruten, die Ausschreitungen in Tel Aviv, rassistische Äußerungen und die Ursache, die europäische Abschottungspolitik zu berichten, als den Artikel mit ihren monokausalen Interpretationen und Folgerungen zu belasten.

Sehr geehrte Einrichtung, liebe Wand,

Ich hoffe es ist mir gelungen, etwas näher an Sie herankommen zu lassen, dass die Sache is not that simple. Einen guten Artikel über Möglichkeiten und Verfehlungen der israelischen Einwanderungspolitik würde ich gerne einmal lesen, aber das war der Autorin von „Durch die Wüste“ leider nicht in die Wiege gelegt. Die Fragestellung lautet: Wie kann den Wünschen von Flüchtlingen und Reisenden voll entsprochen werden und zugleich der jüdische Charakter des Staates langfristig gesichert bleiben? Welche Angebote wären denkbar, wenn nur ein bestimmtes Kontingent an Flüchtlingen in Israel aufgenommen werden kann? Welche alternativen Angebote können Flüchtlinge nicht abschlagen, weil sie gut sind! Solche Überlegungen vor dem Hintergrund der Komplexität machen einen lesenswerten Artikel zum Thema aus.

Im Beitrag „Durch die Wüste“ wird die Schablone der europäischen No-Border-Bewegung über Israel gelegt, was zu einem unbrauchbaren Ergebnis führt. In Israel gibt es Rassismus und es ist nicht verkehrt, darüber zu sprechen. Es ist auch richtig, über die Ausschreitungen in Tel Aviv zu sprechen. Aber direkt vergleichen lässt sich Israel und Europa in dieser Frage nicht ganz. Das habe ich, so gut es mir möglich ist, nun dargelegt.

Erlauben Sie mir jetzt bitte, ins Bett zu gehen. Ich räume morgen auf. Gute Nacht.

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An den Grenzen des Geistes (I) November 21, 2012 | 10:09 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Am 17. November veranstaltete der Arbeitsbereich Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen der FU Berlin eine kleine, aber gut besuchte Konferenz über Jean Améry. Unterstützt durch die VeranstalterInnen sowie die Tontechniker vor Ort und mit freundlicher Einwilligung der ReferentInnen habe ich einige der Vorträge aufgezeichnet. Hier erfolgt nun zunächst die Dokumentation des Eröffnungspodiums. Es stand unter dem Titel: »…daß das Wort nicht verstumme«: Was bedeutet »Moralisierung der Geschichte«?

Sich durch dieses und andere Podien ziehende Fragen bezogen sich auf Amérys Erfahrungen als Opfer von Folter und als Shoahüberlebender, sowie auf sein Verhältnis zu Sartre, Adorno, Hannah Arendt und zum Zionismus.

Die Beiträge sind auch auf Archive.org hinterlegt. Der zweite Teil der Dokumentation liegt mittlerweile auch vor.

Hermann Haarmann und Birte Hewera: Begrüßung und Einführung


    Download: via AArchiv, via RS (0:10 h, 4 MB)

Birte Hewera: Die »Wahrheit der Untat« – Jean Amérys Ressentiments


    Download: via AArchiv, via RS (0:27 h, 13 MB)

Miriam Mettler: Unversöhnlichkeit und Utopie – der Begriff der Heimat bei Adorno und Améry


    Download: via AArchiv, via RS (0:21 h, 10 MB)

Christoph Hesse: »Einen ewigen Namen will ich ihnen geben…« Claude Lanzmanns Film Shoah


    Download: via AArchiv, via RS (0:18 h, 8 MB)

An den Grenzen des Geistes.
Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry
17. November 2012, 10.00 bis 18.30 Uhr, Eintritt frei
Akademie der Künste, Clubräume, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Jean Améry

Hans Mayer alias Jean Améry, der sich in den neunzehnhundertsechziger Jahren als Essayist, Publizist und Schriftsteller einen Namen machen konnte, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach Belgien fliehen. Dort schloss er sich einer Widerstandsgruppe an. 1943 wurde er von der Gestapo als politischer Gegner verhaftet und anschließend im belgischen Auffanglager Breendonk von SS-Männern gefoltert. Es folgte seine Deportation nach Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau und schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im April 1945 von den Engländern befreit wurde. Die Erfahrungen von Folter und KZ blieben für immer der unhintergehbare Ausgangspunkt für sein Denken.
Über die Tagung

Das Berliner Symposion nimmt Jean Amérys 100. Geburtstag zum Anlass, die Diskussion um Person und Werk Jean Amérys weiter voranzutreiben und diesem Kommentator und Kritiker der Zeitgeschichte das ihm gebührende wissenschaftliche und politische Interesse zuteil werden zu lassen. Die Tagung möchte den moralischen, politischen, philosophischen und ästhetischen Aspekten im Werk Amérys nachspüren. In einem interdisziplinären Zugriff auf seine literarischen, philosophischen und publizistischen Arbeiten soll erörtert werden, inwieweit sie sich als kritische Interventionen in einer breiteren politischen Öffentlichkeit heute noch bewähren können.

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Solidaritätskundgebung: We stand with Israel! November 19, 2012 | 09:39 pm

Wir dokumentieren den Aufruf des Solidaritätsbündnisses für Israel zur Kundgebung am Sonntag, dem 25. November, um 18.00 Uhr am Jakobsplatz in München:


„Solidarität, die keiner Erläuterung und Rechtfertigung bedarf und die nicht verhandelbar ist“

We stand with Israel!

Ein Bündnis von annähernd 200 israelsolidarischen Gruppierungen, Gemeinden, Städtepartnerschaften und Organisationen aus allen gesellschaftlichen Kreisen verurteilt den Raketenbeschuss auf Israel aus dem Gazastreifen. Der Auslöser für die derzeitige Eskalation zwingt Israel zu Verteidigungsmaßnahmen, das haben auch die deutsche Bundeskanzlerin und der deutsche Außenminister deutlich zum Ausdruck gebracht. Es gibt keine Rechtfertigung für die Gewalt, die die Hamas und andere brutale Terrorgruppen des Iran seit Monaten und Jahren gegen die Menschen in Israel ausüben.

Der ständige Raketenbeschuss durch Terroristen aus dem von der Hamas regierten Gazastreifen auf Israel muss endlich ein Ende haben! Selbstverständlich hat Israel, wie jeder Staat der Welt, die Pflicht zur Selbstverteidigung. Wir unterstützen Israel darin, die israelische Zivilbevölkerung gegen die brutalen, menschenverachtenden und ständigen Angriffe dieser Terroristen zu schützen. Die Hamas missbraucht Kinder und andere Zivilisten als menschliche Schutzschilde, um ihre Waffenarsenale zu sichern. Bisher wurde dieser tägliche Terror von der Weltöffentlichkeit und von den Medien hierzulande ignoriert bzw. stillschweigend hingenommen. Ursache und Wirkung dieser Eskalation werden immer wieder verkehrt – „Aktion und Reaktion“.

Auslöser der heutigen Situation waren die über 700 Raketen, die allein 2012 auf Israel abgefeuert wurden. Wir wünschen uns daher mehr Verständnis für diese Situation und eine faire Berichterstattung. Weder ist Israel Aggressor, noch war es Initiator der jüngsten Eskalation. Wir fordern, die monatlichen EU-Hilfsgelder für Gehälter von verurteilten palästinensischen Terroristen sofort zu stoppen. Genauso unterstützen wir den Aufruf an die Parteiführung der SPD, die intensivierte Zusammenarbeit von SPD und Fatah auf der Grundlage „gemeinsamer Werte‘‘ zu überdenken.

Wir hoffen, dass dieser Albtraum aus Gewalt und Terror bald ein Ende hat. Alle Menschen in der Region haben ein Recht auf ein Leben in Frieden, Freiheit und in Sicherheit. Wir erklären unsere tiefe Verbundenheit und Solidarität mit Israel, der Heimstätte für Jüdinnen und Juden und der einzigen rechtsstaatlichen Demokratie im Nahen Osten. Wir rufen alle Unterstützer von Frieden und Demokratie dazu auf, in diesen Zeiten an Israels Seite zu stehen.

Solidaritätsbündnis für Israel

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Es geht wieder los November 18, 2012 | 04:09 pm

Im Zuge der aktuellen Entwicklung in Israel fanden auch am Samstag wieder Menschen am Münchner Stachus zusammen, um ihre Schilder hochzuhalten. Sie forderten ein Ende der Angriffe auf Gaza. Mit den Raketen auf Israel soll es aber so weitergehen.

Zwei Kinder hüpfen geschäftig vor der Gruppe herum, die sich am Samstag zur „Pro Gaza Demo“ am Münchner Stachus versammelt hat. Der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ hatte kurzfristig dazu aufgerufen, die Organisation Amnesty International schloss sich an. Der eine Bub schwingt eine palästinensische Fahne und er sieht auch ein bisschen aus wie eine, seine Kleidung ist in den gleichen Farben gehalten. Stolz trägt der andere ein großes Schild um den Hals, das bis zum Boden reicht: „Israel tötet illegal“, steht darauf. Es reiht sich nahtlos ein in die anderen Schilder: „Stoppt Israels Staatsterror!“ oder „Free Palestine“. Von Frieden ist hier nicht die Rede und um Frieden geht es der Versammlung auch nicht.

Mit keinem Wort fordern sie ein Ende der Raketenangriffe auf Israel, womit man dem Frieden zumindest einen Schritt näher käme. Weder am Samstag, geschweige denn die Wochen zuvor störten sie sich am Raketenhagel, als die Menschen im Süden Israels nur auf ihr Glück hoffen konnten und die israelische Regierung ausharrte. Die Verzweiflung dieser Menschen hat die Teilnehmer der Demonstration zu keiner kritischen Äußerung bewegt, wenn sie diese nicht sogar mit Genugtuung aufgenommen haben.

Was ihre Gefühle in Wallung bringt, sind die Konsequenzen aus dem Dauerbeschuss: Israels Selbstverteidigung. Ein junger Mann zeigt ein Schild mit der Aufschrift „IsraHell“, das beliebteste Wortspiel mit Israel noch vor „USrael“. Teilweise gleichgültig, teilweise zustimmend, nehmen Passantinnen und Passanten die Demonstration zur Kenntnis. Niemand erweckt den Eindruck, sich daran zu stören. Die Verächtlichmachung des Judenstaats in der deutschen Öffentlichkeit ist längst Normalität geworden.

In den nächsten Wochen ist in München mit zahlreichen, noch deutlich größeren Demonstrationen zu rechnen, die den ohnehin üppig gefüllten antiisraelischen Veranstaltungskalender um aktionistische Darstellungsformen bereichern werden. Ein kalter Herbst wird das, noch kälter als erwartet.

Gewohnt hintersinniger „Humor“: Antiisraelisches Plakat, gezeigt am 17. November 2012, Stachus

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Veranstaltungshinweis: Chaim Noll in München October 12, 2012 | 07:15 am

Am Dienstag, dem 16. Oktober, liest der deutsch-israelische Schriftsteller Chaim Noll im Jüdischen Gemeindezentrum München. Mit seinem jüngsten Werk „Kolja“ portraitiert Noll die heutige israelische Gesellschaft und erzählt dabei „mitreißend und in schöner Sprache kleine Begebenheiten und große Lebensgeschichten“.

Chaim Noll. Foto: Alexander Janetzko
Foto: Alexander Janetzko

Was bedeutet es für den aus Italien eingewanderten Alessandro, dass sich die jüdische Abstammung seiner Mutter nicht klären lässt? Warum ändert der Krieg Michaels Verhältnis zu Henry James grundlegend? Und warum ist in der Wüste mitten im Sommer Weihnachten? Und Kolja? Der stammt eigentlich aus Russland und fällt im Kampf für seine neue Heimat. Was passiert jetzt mit seinem Leichnam?

„Anna wusste fast nichts über Juden oder Israel. Dem Wort Jude haftete etwas eher Unangenehmes an, etwas Düsteres, Mahnendes. Die Juden, die sie von den Fotos in ihren Schulbüchern kannte, waren abgemagerte Leute in gestreiften Anzügen hinter Stacheldrahtzäunen. Oder sie waren tot. Oder sie lebten in Israel, dann wurden sie in das allgemeine Mitgefühl nicht mehr eingeschlossen.“

„Wann wurde je der deutsche Vergangenheitskult, der die Ignoranz gegenüber dem heutigen Israel mit einschließt, prägnanter dechiffriert?“, beurteilt Marko Martin die obige Passage aus „Kolja“ in seiner Rezension für Deutschlandradio Kultur. „Die Eltern der jungen Frau sind übrigens derart entsetzt, dass sie sogleich deren Bruder hinterher schicken – welcher sich dann in selbigem Tel Aviv bald in eine der inheimischen verliebt und ebenfalls im Lande bleibt. Kitsch? Jeder, der Israel nicht nur vom ablehnenden Hörensagen kennt, wird mit ähnlichen Geschichten aufwarten können“, schreibt Martin weiter. „Chaim Noll aber hat sie aufgeschrieben, in einem Chronik-Stil, dessen unprätentiöser Charakter Stringenz und Glaubwürdigkeit sichert.“

Wir sind gespannt.

Die Lesung beginnt um 19:30 und findet in deutscher Sprache statt.

Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 3 Euro

Anmeldung erbeten unter Telefonnummer (089) 20 24 00-491 oder per Email karten@ikg-m.de .
Karten auch an der Abendkasse erhältlich.

Einige Texte Nolls können auf seiner Homepage heruntergeladen werden.

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Die Idee eines jüdischen Staates September 9, 2012 | 12:53 pm

Der Zionismus von den Anfängen bis zur Gegenwart

In einer fünfteiligen Reihe hat Deutschlandfunk kürzlich ein Gespräch zur Geschichte des Zionismus gesendet. Antisemitismus, Theodor Herzl und der Zionismus, die Kibbuz-Bewegung sowie die Gründung des Staates Israel und der Stellenwert der Religion – diese Themen haben Rüdiger Achenbach und Günther Bernd Ginzel in der Sendung »Tag für Tag« dabei aufgegriffen.

    Download: (das ganze Gespräch) – via Mediafire | via RS |via Uploadilcloud (mp3; 30,8 MB; 53;44 min)
    Stream: (die einzelnen Teile) – per dRadio
    Gespräch in Textform: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3 | Teil 4 | Teil 5 | oder untenstehend:

Rüdiger Achenbach: Herr Ginzel, der Zionismus ist eine Bewegung, die im 19. Jahrhundert beginnt. Der Begriff „Zion“ hat zunächst eine lange Tradition in der jüdischen Religion, denn mit dem „Zion“ sind bestimmte heilsgeschichtliche Erwartungen verbunden.

Günther Bernd Ginzel: „Zion“, das steht sozusagen meist für ein Stückchen mehr – wenigstens dann hinterher in der späteren prophetischen und rabbinischen Literatur – als Jerusalem. Das irdische Jerusalem – das himmlische Zion, das ist natürlich nie so deutlich getrennt. Aber mit Zion, der Stadt Davids, mit Zion, sozusagen dem Sitz des zukünftigen Messias, Zion, von dem aus der Ruf geht an die Völker der Welt und die Einladung zur Wallfahrt nach Jerusalem, weil die Endzeit, die messianische Zeit angebrochen ist. Zion ist sozusagen die große Vision des Mündungspunktes jüdischer Geschichte und jüdischer Existenz, nämlich in die messianische Zeit.

Achenbach: Das heißt, es handelt sich aus religiöser Sicht eigentlich um eine passive Grundeinstellung: Man muss warten, bis Gott den Messias schickt.

Ginzel: Man muss warten, denn natürlich: Gott, der allein weiß, wann und warum – oder warum nicht. Aber: Der Jude ist eben nicht passiv. Das darf man nie vergessen. Man wird jüdische Diskussionen, ob politisch oder religiös, nie verstehen, wenn man dieses Grundelement außer Acht lässt: Der Einzelne ist zum Tun aufgerufen. Und das geht so weit, wie es dann in der nachbiblischen Zeit ausdrücklich hieß: wir sind es, die die messianische Zeit aufhalten. Wir sind nicht so gerecht, wir sind nicht so voller Nächstenliebe.

Achenbach: Man verzögert durch eine nicht richtige oder angemessene Lebenshaltung auch die Zionserwartung.

Ginzel: Man verzögert oder man beschleunigt, und das zeigt einmal mehr dieses Ineinandergreifen von individuellem und kollektivem Glauben. Das heißt, der Einzelne durch sein Tun – an dir ist es – du kannst die Welt retten, indem du ein Menschenleben rettest – du kannst die Welt vernichten, indem du einen Menschen ermordest. Das heißt, der Einzelne mit seinem Tun ist stets eingebettet in das Schicksal des Kollektivs.

Achenbach: Der Zionismus, wie er dann im 19. Jahrhundert entsteht, löst sich dann ja größtenteils von der rein religiösen Interpretation.

Ginzel: Er löst sich auf das Weitestgehende, was ja auch zur Folge hatte, dass im Grunde alles, was wirklich nennenswert religiös war, strikt antizionistisch war. Sie sahen darin ein gotteslästerliches Tun. Das bedeutet, dass das Schicksal der Galut, des Exils, der Diaspora, wie es später hieß, selbst verschuldet war durch unsere Vorfahren. Sie haben durch ihr falsches Tun dafür Sorge getragen, so war die religiöse Interpretation über anderthalb Jahrtausende ungebrochen und nicht infrage gestellt, sodass also die Rabbinen auf den politisch motivierten Zionismus im 19. Jahrhundert deswegen so allergisch reagierten, weil sie gesagt haben: Es ist nicht am Menschen, zur Rückkehr nach Zion aufzurufen, sondern ausschließlich am Messianismus, wie in den pseudo-messianischen Bewegungen Jahrhunderte zuvor ja auch immer geschehen.

Achenbach: Der Erste, der dann im 19. Jahrhundert den Gedanken der Heimkehr der Juden ins Land der Väter generell durchdachte, war ja dann Moses Hess.

Ginzel: Ja, doch das ist wieder ganz bezeichnend: Die Geschichte des Zionismus erinnert uns natürlich an eine untergegangene Welt, insofern nämlich an ein europäisches Judentum deutscher Sprache. Die Sprache des Zionismus war, was die großen Deklarationen anbelangt, vor allen Dingen Deutsch. Das konnte in Budapest sein, das konnte ein Leon Pinsker in Odessa sein, das konnten später die Zionistenkongresse sein, wo Deutsch offizielle Sprache neben Jiddisch war. Und es war natürlich – es waren die Vordenker, wie Moses Hess.

Moses Hess, in Bonn geboren, einer, der eben aus einem frommen Haus kam, aus dem er herausgewachsen ist, was jetzt die Frömmigkeit anbelangte, der aber die Ideale des Judentums umsetzte, wie zahllose Bürgersöhnchen überhaupt, in ein Bestreben um soziale Gerechtigkeit. Das heißt, aus der Situation der Minderheit, aus der Situation der Diskriminierung kommend, hatten diese jungen Juden jetzt ein äußerst geschärftes Bild auf die Missstände der Gesellschaft insgesamt, und darauf, dass nicht nur Juden unterdrückt waren, zum Teil noch sind, sondern unendlich viele, vor allem das, was man dann „die Arbeiterschaft“ nannte, „die Handwerkerschaft“, die Handwerkerburschen. So, und deswegen waren sie Sozialisten. Moses Hess – auf seinem Grabstein in Köln, da steht darauf: „Vater der deutschen Arbeiterbewegung“!

Das Erkennen, die Hoffnung, dass in dieser neuen sozialen Aufbruchsstimmung, in Aufklärung, in Gleichheit und Gleichberechtigung und natürlich in der Arbeiterbewegung, im Sozialismus, wo man natürlich immer hoffte: Dieses überwindet den Antisemitismus, dieses schafft die Gleichheit für Juden, aber auch für alle anderen. Man sah sich in diesem Geflecht des Weges in die Freiheit und erkannte plötzlich, dass überall ihnen Grenzen durch den Antisemitismus gesetzt wurden. Da gab es das Lästern. Marx und Engels haben in ihren Briefen über den „Kommunisten-Rabbi Moses Hess“ gelästert. Es gab eine ausgeprägte marxistische Judenfeindschaft bei den frühen Sozialisten, die jetzt das Judentum in der gleichen arroganten Verkürzung, wie das die konservativen Gegenparts auf der anderen Seite machten, indem sie dort die Juden für den Kapitalismus, da für den Sozialismus verantwortlich machten. Das hat viele irritiert.

Und dann kommt ein ganz entscheidendes Ereignis: 1840 – Ritualmordfall, wie es hieß, in Damaskus. Mitten in diese Aufbruchstimmung, in diese Neuzeit, in diese wissenschaftsorientierte Zeit, wo alles anders, alles besser werden sollte, brach der alte Judenhass mittelalterlicher Prägung und religiöser Prägung wieder zu, und das sogar drüben in fernem, islamischem Lande, nämlich die Beschuldigung, Juden würden nichtjüdische Kinder schlachten und deren Blut trinken. Das hat Moses Hess unglaublich erschüttert, auch, wie viele reaktionäre Kreise das in Europa aufgegriffen haben zu antijüdischer Polemik. Und somit schreibt er seinen Klassiker der zionistischen frühen Literatur „Rom und Jerusalem“. Es ist ein Aufschrei, es ist eine Vision: Wir bauen die sozial gerechte Welt in Zion. Es beschreibt sozusagen die Trotzreaktion vieler, die dann zum Zionismus bei einzelnen und hinterher bei ganz vielen führte.

Achenbach: Und man kann schon sagen: Er war der Vordenker des Sozialismus.

Ginzel: Er war der Vordenker in einer ganz entscheidenden Bewegung. Man hatte das Gefühl: dort, wo man so dachte, – ‘ mit „man“ bedeutet nicht „die Juden“, sondern die kleine Minderheit, die sich jetzt in Richtung Zionismus bewegte – innerjüdisch! – ‘ :Wenn die Völker Europas, viele von ihnen lange unterdrückt, wie zum Beispiel das Volk der Polen, wenn die um Unabhängigkeit ringen, Unabhängigkeit gewinnen, sind wir als Juden, die wir überall, wo immer wir uns um Einbürgerung, um Teilhabe bemühen, aber zurückgedrängt werden, vielleicht sind wir doch ein Volk, vielleicht müssen wir, ähnlich wie andere Völker, jetzt nicht im religiösem Sinne, uns als Volk definieren, nicht als Gottes Volk, sondern im Nationalen, – ‘ bedeutet es, dass wir eine Kulturnation sind, die einen Anspruch hat, sich auch in einer eigenen Nation zu manifestieren?

Zweitens: Neben diesen allgemeinen, nationalistischen Ideen, die in der Zeit waren, griff man natürlich vor allem den Gedanken auf: wenn es eine jüdische Gesellschaft geben sollte, dann soll sie eine gerechte sein. Auch die säkularen Juden haben stets, bis in die Gründungsgeschichte – später! – Israels hinein daran festgehalten: als Volk der Bibel, was ist für uns Bibel, Zedaka, Gerechtigkeit? Soziale Gerechtigkeit? Stichwort: Kibbuz-Bewegung.

Achenbach: Das heißt also: Anlässlich des zunehmenden Antisemitismus im 19. Jahrhundert gab es dann die ersten Zweifel, ob eine Assimilation der Juden in der europäischen Gesellschaft überhaupt möglich ist. Die ersten Gedanken kommen bei Moses Hess, und dann wird es noch viel deutlicher in der Analyse bei Leon Pinsker, dem russischen Arzt, ein aufgeklärter Mann, der sich ja intensiv damit beschäftigt hat und dann auch ein bekanntes Buch herausbringt mit dem Titel „Autoemanzipation“ Und Pinsker hat ja dann auch den Begriff der „Geister-Nation“. Er sagt: Solange wir eine Geister-Nation in den anderen Nationen sind, werden wir immer wieder Ängste hervorrufen. Von daher wird es nicht funktionieren, dass wir uns assimilieren, sondern unser Hauptproblem ist die Heimatlosigkeit des jüdischen Volkes. Daran müssen wir arbeiten.

Ginzel: Genau! Das ist die Grundthese. Wir müssen sehen: Wenn wir von Auswanderung sprechen, wenn wir von dem Ruf sprechen. Wandert aus nach Zion!, haben sich selten die westeuropäischen Zionisten angesprochen gefühlt, sondern die haben immer gedacht: für die armen Geschwister im Osten. Die haben im Grunde genommen auch nur eine Überlebenschance, wenn sie das tun. Im Grunde genommen, Herr Achenbach, am Anfang, was die Organisation anbelangt, steht das bürgerliche Judentum, das die Zionistenkongresse – Stichwort: Theodor Herzl – ‘ hervorgebracht hat. Das war notwendig für die Organisation, das war notwendig für die Reputation in der Welt, das war notwendig, um weltweite Kontakte anzuknüpfen. Die Stoßrichtung aber, wenn es hieß: Auswandern, besiedeln, Kolonien gründen, das waren die proletarischen, die armen Massen aus den Gettos. An die dachte man.

Achenbach: Man schaute nach Osten.

Ginzel: Man schaute nach Osten, und im Osten schaute man natürlich auch dann vor allen Dingen nach unten. Aber das alles spielt in diese Bewegung rein, und von daher ist Zionismus von Anfang an auch ein „Fleckerlteppich“.

Achenbach: Ein besonderer Impuls – wir haben den Namen schon angesprochen – für die Bewegung des Zionismus ging dann zweifellos von Theodor Herzl aus. Obwohl er aus einer völlig assimilierten Umgebung kam, wie Sie sie ja auch beschrieben haben, aus der die meisten jüdischen Intellektuellen in dieser Zeit kamen, wird er sozusagen zum organisatorischen Motor.

Ginzel: Auch er ist natürlich in unserm Kontext ungeheuer typisch. Wo wird er geboren? In Budapest. Was spricht man? Deutsch! Was ist man? Österreichisch! Sie sehen: dieser Kosmopolitismus, der ja einmal in Europa auch weitgehend zu Hause war. Allein durch die so großen Reiche, etwa der Habsburger und so weiter, und bei Herzl war es dann auch der Antisemitismus in seiner eigenen schlagenden Verbindung, und vor allen Dingen: das Leben im Mutterland der europäischen Freiheitsbewegung in Frankreich, im Mutterland der Emanzipation, wo sozusagen die europäische Kultur-Elite versammelt war, in diesem Frankreich kommt es zum sogenannten Dreyfus-Skandal. Es wird von dem dortigen Militär ein jüdischer Hauptmann beschuldigt, und zwar verlogen – gefälschte Dokumente vorgelegt – eine klassische antisemitische Intrige – er habe eben Frankreich an Preußen verraten.

Achenbach: Er wird angeklagt des Spionageverdachts, und man sieht dahinter eine große jüdische Verschwörung.

Ginzel: Eine jüdische Verschwörung! Und er ist dabei. Theodor Herzl steht auf dem Appellplatz. Er sieht die Degradierung nach der Verurteilung von Dreifuss, er sieht die Verzweiflung dieses jüdischen französischen Patrioten, der als letztes ruft: „Es lebe Frankreich! Ich bin unschuldig!“ Herzl wird krank, Herzl wird krank in dieser Situation. Er hat nur ein Gefühl, der assimilierte Jude: Ich muss was tun für die Juden! In diesem ganzen Pathos, was daraus klingt: So ist es! Er taucht ab, er beschäftigt sich, er schreibt Bücher, er schreibt Theaterstücke, ungeheuer pathetisch, wo dann im Endeffekt Juden sich sozusagen selbst aus dem Ghetto befreien, und er mündet in diese Bewegung, die damals eben in der Tat schon durchaus aus den Anfängen herausgewachsen war, wenn auch nicht organisatorisch strukturiert, mit dem Ruf: Wir müssen eine Basis schaffen für eine neue, kollektive Ehre, die wir nur in Zion aufbauen können.

Achenbach: Er verfasst ja dann 1895 sein berühmtes Buch „Der Judenstaat“, das sozusagen zum Manifest für die jüdische Selbstbestimmung in einer eigenen Nation werden sollte. Herzl entwirft hier ein Programm, in dem er nun einen Staat für Juden, aber keinen jüdischen Staat haben will. Das heißt also, für ihn steht allein die nationale Frage im Vordergrund, vor allen anderen Fragen.

Ginzel: Ja, es steht vor allen Fragen im Vordergrund, die, wie es immer wieder als Schlagwort hieß, – ‘ die Judennot. Pogrome in Russland, Pogrome in Polen. Das war auch das Bestimmende. Man hatte das Gefühl, dass man nicht mehr viel Zeit hat. Deswegen auch das Entscheidende: wenn wir uns mit den Rabbinen sozusagen einigen müssten, das haut ja nie hin! Da gehen wir den Weg, den andere Völker auch gegangen sind. Nicht das Christentum ist Nation geworden, sondern die Polen, die Deutschen, die Franzosen. Also müssen die Juden das ähnlich machen. Und er hätte jedes Land, wie er später sagen sollte, genommen, um die Judennot zu lösen. Das zeigt auch ein Stückchen, dass auch die Frage des Pragmatismus hier eine Rolle spielte. Und er ist jetzt derjenige, der der zionistischen Idee weltweit Anerkennung verschaffen konnte, und zwar nicht nur im Innerjüdischen, da vielleicht gar nicht so stark, sondern vor allem im Außerjüdischen.

Achenbach: Herzl ist dann ja auch maßgeblich daran beteiligt, die zionistische Bewegung international zu organisieren, das haben Sie gerade angedeutet, und es kommt dann, 1897, in Basel zum ersten zionistischen Weltkongress, unter seiner Leitung.

Ginzel: Das war schon einmal einfach eine enorme Leistung. Und es ist ihm gelungen, ein sehr kluges Manifest durchzusetzen, nämlich das von der „jüdischen Heimstatt“. Das heißt: gefordert wird nicht ein unabhängiger Nationalstaat – ‘ es ist auch die Frage, ob das jemals damals hätte durchgesetzt werden können – sondern „eine jüdische Heimstatt im Land der Bibel“. Und das war dann für alle Beteiligten, die da versammelt waren, mehrheitsfähig, und das war auch die Basis für seine ganz außergewöhnlichen diplomatischen Aktivitäten, die er nun entwickelte. Denn wem gehörte das heilige Land? Es gehörte ja nicht den Arabern, sondern es gehörte zum Osmanischen Reich, es gehörte den Türken. Deswegen -wenn so viele sagen: ja, warum hat man nicht die Araber gesehen, man hätte ja die arabische Nation sehen müssen! Die gab es ja nicht! Das ist ja alles eine später rückprojizierte Polemik. Damals gab es nicht die Araber als einen ernst zu nehmenden Verhandlungspartner, nicht weil man europäisch arrogant war, – ‘ das war man vielleicht auch? – ‘ zumindest waren die Araber für die Europäer keine erkennbaren Verhandlungspartner, wohl aber diejenigen, denen das Land gehörte, und zwar seit 400 Jahren Das war die Hohe Pforte, das war das osmanische Reich, und so kam es, dass Herzl, dass er mit dem Sultan verhandelte, dass er versuchte, ihm schmackhaft zu machen : in seinem Bereich, Provinz Nordsyrien, Region Palästina, doch zuzustimmen, dass die Juden sich ansiedeln dürften, um eine kulturelle Autonomie zu leben.

Und er hat das gleiche mit den großen Königshäusern in Europa getan; er hat versucht, die Zustimmung der imperialen Mächte zu gewinnen und nicht zuletzt die des Vatikans. Die Gegnerschaft im Vatikan war die entschiedenste. Weil der gesagt hat: Unsere These bedeutet: warum gibt es den jüdischen Staat nicht mehr? Warum leben die Juden in der Verbannung, im Exil? Weil sie gesündigt haben! Weil sie verworfen sind, weil sie verstockt den Ruf Jesu, ihn anzuerkennen als Gottessohn und wahren Messias geleugnet hatten, weil sie’s immer noch leugnen. Was also, so der Papst zu Herzl – er schreibt das sehr bewegend in seinen Tagebüchern – wenn die Juden plötzlich wieder einen Staat im Lande Israel bilden? Was ist dann mit unserer Lehre? Haben wir uns dann getäuscht? Kann es denn sein, dass sozusagen die, die aus Strafe verbannt wurden, so die christliche Interpretation, rehabilitiert werden? Und aus diesen Gründen gab’s also denn auch sowohl eine christliche Sympathie, vor allem in protestantischen Landen, und eine gewisse Opposition vor allem in katholischen Landen.

Achenbach: Auf der diplomatischen Ebene kommt dann ja ein Vorschlag aus Großbritannien, den Herzl, sozusagen als Übergangslösung, eigentlich ganz gerne angenommen hätte: der sogenannte Uganda-Vorschlag.

Ginzel: Ja, da kamen sie also auf die Idee und haben gesagt: na ja, uns fallen ein bisschen die Zionisten auf den Wecker, die wollen hier die Unterstützung unseres Königshauses haben, Mensch, bieten wir denen doch mal Uganda an. Aber: Nun kommt es zu einem entscheidenden Wendepunkt in der zionistischen Geschichte. Theodor Herzl war – ich muss es einfach noch einmal sagen – tief, tief bestürzt, dass vor der Haustür, in seinem geliebten Europa, nur wenige Hundert Kilometer von Wien entfernt es zu den fürchterlichsten Massakern an Juden kam, sodass er gesagt hat, ähnlich wie vorher schon: Die Judennot ist so groß. Wir nehmen alles. Ich akzeptiere Uganda! Und er bringt diesen Plan in die zionistische Weltorganisation ein und schlägt vor: Lassen wir doch die Siedlungen und unseren Nationalstaat in Uganda verwirklichen!

Achenbach: Auch wenn es nur eine Zwischenlösung ist.

Ginzel: Ja, das mit der Zwischenlösung oder Nicht-Zwischenlösung – es war einfach Pragmatismus, das weiß man gar nicht so genau, ob es wirklich … Denn wenn man einen Nationalstaat in Uganda hat, ist es ziemlich unwahrscheinlich, dass die irgendwann geschlossen ihre Koffer packen und in eine andere Region ziehen.

Nun kommt es zu etwas, was manche Beobachter glauben, dass es Theodor Herzl letztendlich das Leben gekostet hat. Theodor Herzl bringt also diesen Vorschlag ein und er erlebt mit seinem Uganda-Plan die Katastrophe seines Lebens. Denn ausgerechnet diejenigen, für die er sich das auch als Kompromiss- das war ihm schon klar, dass es ein Kompromiss ist, – ‘ das ausgedacht hat, weil er sich gesagt hat: Mensch, deren Not, deren Verzweiflung ist so groß. Da muss sofort etwas geschehen, und wenn wir nach Zion nicht kommen, dann greifen wir nach diesem Strohhalm! Nehmen wir Uganda! Schaffen wir die Leute dahin, die jetzt vor den Pogromen sich retten können, und retten sie!

Und es kam zum Aufstand ausgerechnet dieser Armen der Ärmsten in den Gettos, diejenigen, die überhaupt Zionisten waren. Wir müssen auch immer daran denken: Nicht das ganze osteuropäische Judentum war zionistisch, sondern lediglich diejenigen, die sich von der Vormachtstellung der Rabbiner emanzipiert hatten. Die Rabbiner waren ja strikt antizionistisch! Denn für die war Theodor Herzl ein Gotteslästerer. Aber da gab es eben doch noch Tausende und Tausende anderer und deren Delegierte, die sprachen plötzlich von Verrat.

Theodor Herzl, den, den sie so bewundert hatten, der ist derjenige, der uns in die Freiheit des heiligen Landes führt, und nun kommt der und sagt, wir sollen nach Afrika – nach Uganda gehen! Und die Aufregung, allein über die Tatsache, dass dieser Plan eingebracht wurde, war so groß – Theodor Herzl verzweifelte, Theodor Herzl ist sehr bald gestorben.

Achenbach: … im Alter von 44 Jahren!

Ginzel: … im Alter von 44 Jahren. Andererseits gab es nun eine weitere Bewegung: die Territorialisten. Das heißt, eine Gruppierung, die nicht unbedeutend war, wenn auch nicht so groß wie jetzt die Zionistische Weltorganisation, die da gerade entstanden war, und die sagten: Stopp! Also, jetzt lassen wir mal dieses ganze romantisierende Theater mit „Zion“ und „Jerusalem“ und „Land der Bibel“. Was ist für uns das Entscheidende? Der Theodor Herzl hat im Prinzip ganz recht. Wir brauchen ein Land, egal welches, ob Argentinien oder Australien, und von denen stammt das Wort: „Wir suchen für ein Volk ohne Land ein Land ohne Volk!“ Das ist die Parole der Territorialisten und nie der Zionisten gewesen.

Achenbach: Herr Ginzel, im Ersten Weltkrieg ändert sich dann die Situation. 1917 zerfällt das Osmanische Reich, zu dem bis dahin Palästina gehört hatte, und Großbritannien erhält vom Völkerbund Palästina als Mandatsgebiet.

Ginzel: Man hat mit den Führern des arabischen Nationalismus, nämlich der Familie, die im heutigen Saudi-Arabien, das es zu dem Zeitpunkt noch nicht gab, – einen Vertrag geschlossen, dass, wenn die Araber die Briten im Kampf gegen die Türken unterstützen, würde Großbritannien der Gründung eines groß-syrischen Reiches, eines unabhängigen Reiches zustimmen. Unabhängig davon, ohne dass die Beteiligten es wussten, haben sie mit den Zionisten verhandelt und haben den Zionisten zugebilligt, für den Fall, dass Gros Britannien obsiegen wird, werden sie die Idee einer jüdischen Heimstatt in Palästina befürworten und unterstützen. Gleichzeitig hat dann noch Großbritannien, um das einfach vollzumachen – das muss man wissen, weil es ja grundlegend ist für den Streit heute – mit Frankreich ein Abkommen geschlossen, indem sie sich völlig vorbei an dem, was sie mit den Zionisten und mit den Arabern ausgehandelt hatten, haben sie jetzt mit den Franzosen einen Vertrag geschlossen, haben sie gesagt: Wenn wir den Krieg gewinnen, teilen wir uns den Nahen Osten untereinander auf. So, und nun kommt das, was Sie jetzt eben sagten: Der Erste Weltkrieg ist zu Ende, und alle stehen mit großen Augen und warten jetzt auf die Erfüllung der ihnen zugesagten Versprechen, und das konnte nicht funktionieren.

Achenbach: Das heißt: Auf jüdischer Seite war man ja nun darauf eingestellt, in diesem Mandatsgebiet – die Briten erhielten dann ja vom Völkerbund Palästina als Mandatsgebiet – eine Heimstatt, …

Ginzel: Ja – das war …

Achenbach: … wie es damals genannt wurde, einzurichten, und man hatte ja mit den ersten Siedlungen auch schon begonnen.

Ginzel: Das Siedlungswesen war bis zu diesem Zeitpunkt bereits weitest gehend ausgeprägt. Es war im Grunde genommen alles, was zu einem Staat gehört, vorhanden.

Achenbach: Es gab ja sogar schon eine jüdische Stadt, Tel Aviv.

Ginzel: Es gab eine jüdische Stadt, Tel Aviv. Es gab die Gewerkschaftsbewegung, es gab die Kibbuz-Bewegung, es gab eine Untergrundarmee, die Hagana. Das alles aber bedeutete nicht, dass das Ziel der zionistischen Organisation die Errichtung eines unabhängigen jüdischen Nationalstaates war. Man hielt an diesem „nationalen Heimstatt“ fest. Das war sozusagen etwas unterhalb, das hat etwas zu tun mit kultureller und nationaler Autonomie, aber es bedeutete noch nicht: ein Staat wie jeder andere …

Achenbach: … kein souveräner Staat…

Ginzel: … kein souveräner. Aber das haben die Araber ihnen natürlich nicht geben können. Und gleichzeitig standen jetzt aber die Araber da und sagten: Moment! Wir haben einen Vertrag. Hallo, Leute, was ist hier los? Stattdessen wird in Ägypten ein britisches Kolonialreich errichtet. Man besetzte den Irak, man besetzte Palästina und Jordanien. Die Franzosen besetzen Libanon und Syrien. Was ist jetzt? Das hat zu einem enormen Aufwall des arabischen Nationalismus geführt. Und zum einen sehen nun die arabischen Intellektuellen im Zionismus nicht eine Bewegung, die von den europäischen Kolonialmächten hereingelegt worden ist, sondern sie betrachten sie als Speerspitze dieses verhassten europäischen Kolonialismus. Das heißt: Sie sehen sozusagen die Zionisten als diejenigen, die ihnen das Land wegnehmen, die sozusagen einen europäischen Vorposten im arabischen Land bilden. Gleichzeitig verstehen die Zionisten die Araber nicht, und die Engländer hatten ein schlechtes Gewissen: was tun? Gleichzeitig begannen sich Zionisten und Araber – es gab noch keine Palästinenser zu diesem Zeitpunkt im heutigen Sinne – um das Land mehr oder weniger zu streiten. Sie gehen hin und nehmen den größten Teil ihres Mandatsgebiet Palästina, trennen völkerrechtswidrig Anfang der zwanziger Jahre Transjordanien ab, also alles, was jenseits des Jordans [sic!] liegt …

Achenbach: Also den östlichen Teil des Landes.

Ginzel: Den östlichen Teil, zwei Drittel des Landes mit den größten Wasservorkommen und errichten das Königreich, das Haschemitische Königreich Jordanien, eine Kolonialmacht-Bildung. Das ist sozusagen die Grundlage eines nunmehr entstehenden, verbitterten Kampfes, der nun jetzt alle Züge von anti-britisch, anti-kolonial, in gewisser Weise auch dann später anti-europäisch-christlich annimmt und auf der anderen Seite eben sich gegen Zionisten und Juden richtet und zunehmend radikaler wird.

Achenbach: Das heißt: Innerhalb des Zionismus kommt es jetzt auch durch diese Herausforderung von allen Seiten in Palästina zu einer Spaltung.

Ginzel: Ja, es spaltet sich, in Osteuropa gegründet durch Jabotinsky, eine Bewegung ab, die sich Revisionisten nennt. Das hat natürlich schon sehr viel Grund. Bislang war die Mehrheit in der zionistischen Weltbewegung idealistisch, utopistisch, humanistisch …

Achenbach: … sozialistisch…

Ginzel: … sozialistisch. Man sah also im Zionismus die jüdische Möglichkeit zur Verbesserung der Welt insgesamt. Die linken Teile des Zionismus hatten tiefe Sympathie für die arabischen Unabhängigkeitsbestrebungen. Die waren mitnichten ein Gegner, sondern die fanden das natürlich, dass Syrien und Ägypten und all diese Länder absolut unabhängig sein sollten. Gleichzeitig versuchten sie eben eine Welt aufzubauen, indem man den utopischen Sozialismus sozusagen als jüdischen Realismus verstand. Man nahm das biblische Gebot der Zedaka, der Gerechtigkeit, der sozialen Gerechtigkeit und sagte: Was immer wir machen, es muss eine Modell-Gesellschaft werden, in dem wir zum ersten Mal in der modernen Welt überhaupt die Chance haben, jüdisch-ideales Leben zu verwirklichen, und das war nicht das religiöse Leben. – Zionisten waren in ihrer überwältigenden Mehrheit areligiös oder anti-religiös. Aber sie waren biblisch beeinflusst: politisch! Die Bibel war für sie sozusagen das Urbuch des Sozialismus. Und somit die Kibbuz-Bewegung, die Gleichheit von Mann und Frau, das Abschaffen des Kapitalismus, der Versuch, dass die Arbeiter Eigentümer der Produktionsmittel würden. Das heißt: Die Gewerkschaftsbewegung, die jetzt entstand, wurde gleichzeitig der größte Arbeitgeber. Bis vor zwanzig Jahren gehörten den Gewerkschaften die meisten Industriebetriebe in Israel. Und dagegen trat jetzt der vor allen Dingen in Polen, im kleinbürgerlich-jüdischen Polen starke Revisionismus auf mit einer dramatisch anti-sozialistischen, anti-kommunistischen Komponente gegen diese Utopisten, für ein Judentum der Faust, für einen Zionismus, der mitnichten bereit war, wie die Mehrheit der Zionisten, die Gründung Jordaniens zu akzeptieren. Sondern sie kämpften dafür: Palästina bzw. Eretz Israel, das Land Israel auf beiden Seiten des Jordans. Das war ihr Kampf, und sie sahen in den übrigen Zionisten Verräter.

Achenbach: Das heißt also, man hat sich gerade vonseiten der Revisionisten sozusagen dann auf einen Machtkampf eingestellt, mit Großbritannien und auch mit den Arabern, während man auf der anderen Seite von den sozialistischen Zionisten her eher Verhandlungen gesucht hat.

Ginzel: Man war pragmatischer. Man war weniger dogmatisch und sagte: Okay, wir müssen uns ja irgendwie arrangieren. Also nehmen wir das, was wir bekommen können und machen das Beste daraus. Das ist sowieso eine gewisse zionistische Maxime gewesen. Dagegen polemisierten jetzt die Revisionisten, die vorher auch diese ganzen Utopien von dem allgemeinen, kollektiven Eigentum radikal ablehnten. Das war eine kleinbürgerliche, kapitalistisch orientierte Ideologie für das freie Unternehmertum, für den freien Geist, der eben Kapital und damit Grund und Boden schuf. Sie müssen ja sehen: Was hat den Zionismus in Palästina so stark gemacht? Nämlich genau diese linke Utopie: Das Land gehört sozusagen dem Volk – Volk ist aber etwas ganz Anonymes -mit anderen Worten: der Gesellschaft. Das heißt: der eigentliche Großgrundbesitzer war nicht der Kapitalist XY, der Großkaufmann Z so und so, sondern es war die Gemeinschaft, es waren die großen Kulturwerke, es waren die zionistischen Werke. Sie kauften das Land auf, und wenn sie es bestimmten Kibbuzim und dergleichen zum Beispiel übereigneten, bekamen sie es nicht zum Eigentum Sie bekamen es zur Bewirtschaftung. Aber es blieb in kollektivem Eigentum, und das war ja der große Vorteil: Jetzt verhandelten sie mit den arabischen Großgrundbesitzern, und sie haben auf legale Art und Weise einen beträchtlichen Teil des Grund und Bodens im britischen Mandatsgebiet Palästina gekauft, um dort die jüdischen Siedlungen zu errichten. Das alles passte nun jetzt dem Revisionismus nicht. Und das Interessante ist, dass eine Spaltung entstand zwischen bürgerlichem, rechtsbürgerlichem und links-utopistischem Zionismus, mal jetzt grob vereinfacht, die bis heute fortdauert, – die in der Arbeiterpartei oder in den Arbeiterparteien Israels auf der einen Seite und in Cherut und dem Likud auf der anderen Seite bis heute die israelische Politik bestimmt.

Achenbach: Wobei man natürlich im Auge behalten muss, dass der Einfluss – zahlenmäßig – der Arbeiterpartei und dieser sozialistischen Zionisten in dieser Zeit wahrscheinlich viel größer war als der der Revisionisten.

Ginzel: Sie waren dramatisch viel größer. Sie hatten lediglich in Polen eine Mehrheit. Einer der Führer der Jugendorganisation der Revisionisten, des sogenannten Betar, war in Polen Menachem Begin. Menachem Begin hatte bereits 100.000 junge Juden unter diese Fahne des Revisionismus vereinigen können. Und Sie sehen: Hier bahnt sich nun ein weiterer Konflikt an, nämlich der klassische innerjüdische Konflikt Ost – West bezogen auf Europa. Im Westen hatten sie die Utopisten, im Westen hatten sie den bürgerlichen Zionismus, die Bürgersöhne, die aber aus der Emanzipation und aus der Aufklärung heraus die Utopien des Sozialismus für sich mit vereinnahmten. Und auf der anderen Seite hatten sie zwar relativ viele Kommunisten und Sozialisten und eine Gewerkschaftsbewegung und eine zionistische linke Arbeiterbewegung, aber gleichzeitig auch das Bollwerk eines vor allen Dingen in Osteuropa starken innerjüdischen Revisionismus.

Achenbach: Es gab ja eine verhältnismäßig unruhige Situation in diesen dreißiger Jahren in Palästina eben auch durch Proteste und Angriffe von Seiten der Araber auf jüdische Siedler. Man hat versucht, dem entgegen zu wirken, zum Beispiel durch Untergrundorganisationen, wie die Hagana, also Hilfstruppen, die man aufgebaut hat, um sich zu schützen, um die Siedler zu schützen. Man wird in dieser Zeit auch feststellen können – und das geht ja noch bis in den Nationalsozialismus hinein -dass nun die Mehrzahl der Leute, die in den 30er-Jahren auswandern aus Deutschland, aus dem Nazi-Deutschland, nicht nach Palästina auswandern, sondern in die USA und nach Südamerika.

Ginzel: Ja, das ist richtig. Man muss jetzt sehen: durch den Siegeszug des Dritten Reiches beginnt sich nun die zionistische Welt grundlegend zu wandeln. Eine solche Herausforderung hatte man nicht erwartet. Das heißt, man hat den Nationalsozialismus völlig unterschätzt in seiner Dimension des Vernichtungswillens und hat dementsprechend mitnichten adäquat in den ersten Jahren darauf reagiert. Umgekehrt, in Deutschland begann nun eine sehr starke Sammlungsbewegung. Und wie es dem deutschen Zionismus und dem deutschen Judentum entsprach, hat man das Ganze vorbereitet. Das entsprach aber auch der deutsch-jüdischen assimilierten Tradition. Man wollte ähnlich wie der Zionismus weg von dieser erzwungenen Sozialstruktur.

Das heißt, es gab ein großes Ideal – ‘ das war das Ideal des Zionismus schlechthin – ‘ nicht der Kaufmann, sondern der Handwerker, nicht irgendwer, ein Intellektueller, sondern der Bauer, und dementsprechend wurden hier zionistische Aufbauwerke aufgezogen, interessanter Weise übrigens auf der anderen Seite auch vom Reichsbund jüdischer Frontsoldaten, das heißt: Mustergüter, Bauerngüter, in denen nun jetzt junge Juden systematisch auf ihre Zeit als Pioniere, als Haluzim, wie es hieß, auf ihre Zeit in Palästina vorbereitet wurden, ideologisch, religiös, vor allem aber ganz besonders auch praktisch. Das heißt: Diejenige Auswanderung, die nun nach Palästina kam aus Deutschland, war nicht nur eine hoch motivierte, sondern vor allem auch eine hoch qualifizierte, bezogen auf die Bedürfnisse des Landes, und zwar ausnahmslos in Bezug auf die Kibbuzim.

Der größte Teil ist in die Kibbuz-Bewegung gegangen. Daneben gab es natürlich eine Kapitalisten-Auswanderung und natürlich auch von Intellektuellen. Aber entscheidend war diese Jugend-Auswanderung, die für Israel, für das spätere Israel dann von großer Bedeutung wurde.

Achenbach: Der Pioniergeist, der dadurch eigentlich auch aufkommt…

Ginzel: … der Pioniergeist! Gleichzeitig das Begreifen: der Antisemitismus scheint unüberwindlich. Das heißt, der Zionismus erschien und erscheint vielen noch heute wie die naturgegebene Antwort auf den Antisemitismus. Und für viele war klar: es hat alles so keinen Sinn. Man sah die Politik der geschlossenen Tore in der freien Welt. Und nun radikalisiert sich die zionistische Bewegung. Die Briten versuchten mit allen Mitteln die Zuwanderung von jungen, flüchtenden Juden aus Europa zu verhindern mit Rücksicht auf die Araber.

Die Araber sahen in jedem der Flüchtlinge, die da ankamen, eine Verstärkung des Zionismus und des europäischen Kolonialismus. Das brach dann unmittelbar nach dem Ende des zweiten Weltkrieges aus. Jetzt wird die Hagana zur Untergrundarmee gegen die britische Armee, gegen den britischen Kolonialismus. Das heißt: der Jischuw, die jüdische Bevölkerung in Israel, begreift sich nunmehr als eine eingewachsene Bevölkerung, die sich selbst stolz als Palästinenser bezeichnet. Sie sind jetzt während des Zweiten Weltkriegs und unmittelbar danach nach Israel gekommen, das es so noch nicht gab – sondern es gab eben Palästina. Und sie sind die ersten, die für sich stolz, im politisch-nationalen Sinne reklamierten: Wir greifen zur Waffe. Und wenn uns die Araber angreifen, dann schlagen wir zurück. Und wenn uns die Großen, wenn uns die Engländer als Kolonialmacht unterdrücken, dann werden wir sie vertreiben und – ‘ wir haben den Revisionismus erwähnt – ‘ aus dem Revisionismus sind jetzt, wie zu erwarten, die besonders radikalen Bewegungen hervorgegangen, die ganz bewusst auch das Mittel des Terrors einsetzen.

Wir alle kennen ja die Sprengung des „King-Davids“ und anderes. Mit anderen Worten: Haben die Araber einen Bus bei Jaffa in die Luft gesprengt, sind anschließend die Revisionisten, sprich Lechi, sprich Irgun, rüber nach Jaffa und haben Vergeltung geübt. Das waren jetzt diese radikalen Bewegungen, und der Zionismus hat immer das Gefühl gehabt…

Achenbach: … die sich als Befreiungskämpfer verstanden…

Ginzel: So ist es! Und sie haben das Gefühl: wir haben Palästina von der Kolonialmacht befreit. Wir sind die wahren Befreier, wir haben die Briten gezwungen, diesen Kampf aufzugeben, es der UNO zu übertragen und zu sagen: „Leute, wir sind gescheitert.“ Und die UNO gründet nun im Rest-Palästina, nämlich vom Jordan bis zum Mittelmeer, – ‘ ruft die UNO nun zur Gründung von zwei unabhängigen Staaten, einem arabisch-palästinensischen Staat und einem jüdisch-zionistischen Staat auf. Und so wurde 1948/49 der Staat Israel gegründet, sozusagen als die Erfüllung der zionistischen Träume.

Achenbach: Nun war ja in diesem Moment die Möglichkeit gegeben, dass, wie wir heute sagen, die Palästinenser dort ihren eigenen Staat hätten aufbauen können, was verpasst wurde.

Ginzel: Ja.

Achenbach: Die Palästinenser waren zu dieser Zeit noch nicht organisiert, sondern sie wurden vertreten durch die arabische Liga, die ganz auf Opposition ging zu diesem Beschluss der UNO und es abgelehnt hat, kategorisch abgelehnt hat, einen eigenen Standort.

Ginzel: Es ist sicherlich – wirklich die wichtigste Chance, die jemals für eine friedliche Lösung verpasst worden ist. Denn wie hätte die Geschichte ausgesehen, wenn tatsächlich die Palästinenser in ihrem eigenen Gebiet, völkerrechtlich ihnen ja zugesprochen, ihren Staat hätten gründen können. Stattdessen annektiert Jordanien, – ‘ Jordanien marschiert also jetzt über den Jordan in die Westbank, besetzt die Westbank, besetzt Jerusalem, vertreibt, wo immer sie hinkommen, sämtliche jüdischen Siedler, löst alle Kibbuzim auf. Selbst aus Jerusalem, aus der jüdischen Altstadt werden alle Juden regelrecht rausgetrieben. Und Ägypten besetzt den Gazastreifen. Beide Länder machen die Palästinenser zu Bürgern zweiter Klasse in – jetzt sozusagen ihrem eigenen Staat. Sie bleiben Flüchtlinge. Im Kontext des Unabhängigkeitskrieges hat es mindestens ein halbe Million palästinensischer Flüchtlinge gegeben. Kein einziges arabisches Land ist bereit, sie zu integrieren. Man benutzt sie als Faustpfand zur Vernichtung Israels, des zionistischen Gebildes, wie es heißt. Und das sind natürlich Entwicklungen, vor denen man heute mit großer Fassungslosigkeit steht. Die durchaus vorhandenen friedgesinnten Möglichkeiten zwischen Zionisten und Palästinensischen Nationalistischen, die es gab, zum Beispiel um Martin Buber herum, die sehr weit gingen, hatten in dieser aufgehetzten Atmosphäre auf beiden Seiten keine Chance. Und der Zionismus beschränkte sich jetzt darauf, das, was ihm geblieben ist, aufzubauen. Es herrschte große Not. Zwanzig Jahre lang lebten ein beträchtlicher Teil derer, die nach Israel geflüchtet sind, in Auffanglagern. Aber sie wurden sukzessive aufgelöst. Das Ideal war eben, – ‘ und nur so kann man sozusagen sich den Siegeszug Israels vorstellen – ‘ als Antwort auf die Shoah: Wir sind ein Kollektiv. Um die Zukunft zu sichern: macht die Wüste fruchtbar, legt die Sümpfe trocken! Das heißt: hier wird sozusagen das Wunder „Israel“, was das Landwirtschaftliche anbelangt, gelegt.

Gleichzeitig gibt es ein Zweites. Denn der Zionismus hatte nicht nur das große Ideal: Zurück zu Handarbeit, zurück zur Feldarbeit, sondern eben auch, das geistige Zentrum zu sein! Universitäten zu gründen! Die wichtigste Gründung, noch lange in der vorstaatlichen Zeit, die „Hebräische Universität von Jerusalem“, wo bald die größten Geister unterrichteten, nicht weil sie besonders viel verdienten, sondern weil sie den Traum hatten, an einem solchen Experiment beteiligt zu sein.

Und in dieser Kombination „Haluziot“, das heißt also Pioniertum, gleichzeitig Wehrhaftigkeit und geistiges Lernen, die alte jüdische Tradition von „Tora we Avoda“, von Lehre und Arbeit, wurde hier in säkularem Sinne umgesetzt. Und erst sehr viel später wurde auch der religiöse Zionismus, – ‘ das, was wir heute in Israel durchaus als wichtigen Faktor erkennen, dann lebendig.

Achenbach: Aber man hat doch von Anfang an auch schon kleine, religiöse Parteien, die auch bei der Staatsgründung schon Einwirkung haben auf das, was dort geschieht, zum Beispiel, dass man sich darauf verständigt, was normalerweise von den sozialistischen Zionisten und von den liberalen Zionisten nicht vorgesehen war, eine religiöse Gerichtsbarkeit im Land von Anfang an zu etablieren.

Ginzel: Ja, also es gab aber natürlich seit den zwanziger Jahren religiös-zionistische Parteien. Die waren eine kleine Minderheit, aber sie gab es. Daneben gab es die Hassiden, die anti-zionistisch waren und für die die Gründung des Staates Israel ein Sündenfall war. Man hat dem Messias in die Hand gepfuscht. Sie lehnen also den Staat Israel als Teufelswerk ab. Aber das sind jetzt natürlich sektiererische Minderheiten.

Der Arbeiter-Zionismus war nicht religiös, sondern, wie wir eben schon einmal gesagt haben, biblisch-sozialistisch orientiert. Aber gleichzeitig hat man gesagt: wenn wir jetzt im Land der Bibel sind, und letztendlich gibt uns ja nur die Bibel ein Recht, hier zu sein, – ‘ unsere säkularen sozialistischen Ideen geben uns nicht das Recht auf dieses Land, sondern die uralte Kontinuität jüdischer Zionsehnsucht. Also muss dieses Land irgendwie auch eine jüdische Verfassung haben, muss es irgendwie auch nach jüdischen Regeln mit geleitet, inspiriert werden. Und so haben es die Arbeiter-Zionisten, als sie an der Macht waren, als sie den Staat hatten, – ‘ haben sie die religiösen Institutionen geschaffen, von denen Sie gerade sprachen. Das Oberrabbinat ist eine Schaffung des Staates. Es ist das einzige staatliche Oberrabbinat in der Welt. Bis heute sind die Oberrabbiner israelische Beamte. Und sie wurden eingerichtet nach dem Motto: irgendeiner muss uns ja hier sagen, was eigentlich auch jüdisch-religiös richtig ist.

Achenbach: Während Herzl gerade kein heiliges Land wollte, während er versuchte, von Anfang an sich für einen modernen Staat einzusetzen, in dem es keine Vermischung mit der Religion gab, bedeutete es jetzt aber doch schon im jungen Staat Israel, dass die Religion doch einen besonderen Stellenwert bekommt.

Ginzel: Ja. Sie bekommt einen besonderen Stellenwert, wobei man wissen muss, dass die ersten Oberrabbiner sehr klug waren. Sie haben einfach sozusagen die Brücke zu der Masse der Säkularen geschlagen. Sie haben gesagt: die größte Mizwa, die größte Erfüllung eines Gebotes ist es, im Lande Israel zu leben. Egal wie du lebst, dass du als Jude im jüdischen Land lebst, das ist sozusagen schon fast so etwas, wie ein Heiligenschein. Und damit konnte man sich natürlich sehr gut arrangieren Und es hat lange gedauert, nach dem Sechs-Tage-Krieg, nach der Okkupation der Westbank und des Gazastreifens, dass sozusagen das religiöse Element stärker und stärker wird und im Grunde genommen damit auch nationaler und nationalistischer.

Achenbach: Es hängt natürlich dann auch damit zusammen, dass immer mehr Juden aus arabischen Ländern nach Israel kommen. Das heißt: das sind Leute, die die Ideale des europäisch-geprägten Zionismus überhaupt nicht kennen, sondern für die Judentum eindeutig religiös geprägt ist.

Ginzel: Ja!

Achenbach: Das verändert auch Israel.

Ginzel: Das verändert Israel, und es bringt eine bittere Kluft, die bis heute nicht überwunden ist. Denn es zeigte sich, dass diese großen sozialistischen Utopisten, die so viel von Bibel und Gerechtigkeit redeten, natürlich auch die Arroganz der Europäer mit sich gebracht haben, sozusagen der Angehörigen der höheren Kultur. Das hat sich weniger gegenüber den Arabern geäußert, die man so sehr nicht zur Kenntnis nahm, aber gegenüber dieser Masse an orientalischen Juden, ganz besonders etwa den jeminitischen Juden, die buchstäblich, wie es damals hieß, aus der Steinzeit in die Moderne kamen, die noch versuchten, im Flugzeug ein offenes Feuer anzuzünden, die wirklich das Gefühl hatten: nach dem alten, biblischen Wort: „Auf Adlersflügeln kommen sie ins heilige Land“. Die waren viel messianischer gestimmt, viel religiöser, viel orthodoxer. Für sie war es die Erfüllung eines religiösen Traums, und das europäisch geprägte Israel hat gar nicht gesehen, dass in den zurückliegenden Tausenden, anderthalb Jahrtausenden in der orientalischen Diaspora ein Judentum sich etablierte, nicht weniger selbstbewusst als das europäische, das aber partiell andere Wege gegangen ist.

Von daher hat sich hier eine soziale Kluft aufgetan, die bis heute noch nicht überwunden ist. Und dementsprechend verband sich jetzt mit der religiös-zionistischen Prägung des orientalischen Judentums, des sephardischen Judentums, auch eine Widerstandsbewegung gegen die Vormachtsherrschaft, wie es hieß, des polnischen Judentums. Das ist so ein, so ein Schlagwort gewesen. Und gegen diese Sozialisten, die man als Heuchler empfand, und Kampf um soziale Gleichberechtigung.

Diese sozialen Werke, die nun aufstanden, waren sephardische, religiöse, orthodoxe, Bewegungen mit eigenem Schulsystem, sehr vergleichbar mit dem, was dann später auf der palästinensischen Seite im Umfeld von Hamas entstand.

Achenbach: Was kann Zionismus von den Idealen, die wir eben beschrieben haben, und von seiner Entwicklung her heute für den Staat Israel bedeuten?

Ginzel: Es gibt eine große Diskussion in Israel, inwieweit es überhaupt noch sinnvoll ist, von Zionismus zu sprechen. Israel ist heute eine moderne, säkulare Gesellschaft mit einer starken religiösen Minderheit und Gesetzen, die im Grunde genommen Israel fast manchmal in die Nähe eines Gottesstaates bringen. Das wird eben gebrochen, eben durch dieses starke säkulare Element. Aber was kann Zionismus noch erreichen?

Es gibt von daher einen tief inner-israelischen Streit um die Frage der Legitimation des Zionismus und man hat fast den Eindruck, als wenn die einen sagen: Wir sind heute ein Staat wie jeder andere. Das ist das Ziel. Wir sind nicht besser und nicht schlechter als alle anderen Nationen. Die andern finden das natürlich völlig abscheulich und im Grund genommen hat sich der zionistischen Ideale die Siedlerbewegung bemächtigt, und für viele ist das eine Pervertierung des Zionismus. Die Siedler-Bewegung sagt nun: Erstens: der Jom-Kippur-Krieg war das Zweite Wunder Gottes.

Das erste Wunder war die Schoah – das Judentum zur Vernichtung preisgegeben, beinahe wäre es vernichtet, aber Gott hat eingegriffen. Und der Rest Israels ist gemäß der biblischen Weissagungen nach Israel zurückgekehrt, nach Zion zurückgekehrt. Zumindest hätte er das Potenzial, hätte er die Möglichkeit. „Liebe Gott“ hat sozusagen zugelassen, dass als Antwort auf Auschwitz der jüdische Staat gegründet wird.

Und nunmehr kommt es zu einem breiten Wechsel der Perspektiven. Ein Großteil der israelischen Jugend wird unter dem Eindruck dieser enormen Opfer, unter dem Eindruck dieses verzweifelten Überlebenskampfes, und, Herr Achenbach, damals im Jom-Kippur-Krieg schrien die Kinder Israel wie in biblischen Zeiten buchstäblich zu Gott. Ich habe das in den Synagogen in Deutschland auch erlebt. Die haben geweint, geheult und zu Gott gerufen: „Rette Israel!“ Man war davon überzeugt: wir bekommen Nachrichten aus Israel und so weiter, wir stehen vor der Vernichtung. „Betet!“ Plötzlich war das Gebet das ganz entscheidende: „Betet für Israel!“ Das sind Bilder, die sich eingeprägt haben. Und damit bekommt Religion einen neuen Stellenwert. Jetzt ist eine Religion bezogen auf die Funktion Israel, es gibt jetzt das biblische Erbe, das es zu verteidigen gilt. Nunmehr wird die Siedlerbewegung raus aus der Idee „Wir sind Grenz-Kibbuzim“ – „wir schützen im Vorfeld die israelischen Massengesellschaften, und im Falle eines Friedens bauen wir hier alles wieder ab, geben das den Arabern, und dann haben wir Frieden. Jetzt auf einmal heißt es: „Stopp!“. Wo ist denn das wahre Israel? Es ist in Judäa und Samaria. Das ist die Westbank. Nun auf einmal beginnt eine rechts-nationalistische Entwicklung, die in der Siedlerbewegung kulminiert…

Achenbach: Äußerst problematisch!

Ginzel: Hoch problematisch!

Achenbach: Aus dem einfachen Grund: Wenn religiös Politik begründet wird, wie in diesem Falle, dann lässt sich leicht absehen, dass es natürlich sehr schwierig ist, sich mit anderen zu verständigen.

Ginzel: Genau das ist das Problem. Umso mehr, als das Ganze jetzt sozusagen – es nimmt im radikalen Teil – auch die Siedlerbewegung ist selbstverständlich differenziert zu betrachten – aber im radikalen Teil, der immerhin eine Minderheit von mindestens zwei-, dreihunderttausend Leuten umfasst, und dazu eben auch noch politische Gesinnungsgenossen. Für sie ist jetzt Israel zu betrachten im Vorfeld der Möglichkeit des Beginns der messianischen Zeit. So vorsichtig muss man es ausdrücken. Aber so wird es auch gesehen. Und nunmehr ist es die Frage: haben wir Frieden oder haben wir nicht Frieden?

Gibt es Frieden mit den Palästinensern? Kann man mit den Palästinensern zu einem Kompromiss kommen und im völkerrechtlich ihnen gehörenden Teil von Eretz Israel? Alle Juden, alle Zionisten sehen natürlich das Ganze als Eretz Jisrael. Die Frage aber, die sich stellt, ist: muss deswegen überall auch der jüdische Staat sein? Kann nicht um des Friedens willen in einem Teil des Landes Israel, in einem Teil des Landes der Bibel dieser Palästinenser-Staat gegründet werden? Da sagt die Mehrheit der Zionisten, die Mehrheit der Juden: Ja. Die Minderheit der Siedler und die sie umgebenden politischen Organisationen sagen: Nein! Denn das wäre Verrat am Willen Gottes.

Achenbach: Aber beide berufen sich heute auf den Zionismus. Die eine Seite sagt: eine Zwei-Staaten-Lösung ist möglich. Und: eine Beherrschung einer nicht-jüdischen Bevölkerung steht gegen die Ideale des Zionismus. Während auf der anderen Seite eben Israel in den Grenzen dieses Großreiches angestrebt wird, auch zionistischen Argumenten.

Ginzel: Richtig! Genauso ist es.

Achenbach: Das steht sich gegenüber.

Ginzel: Das steht sich gegenüber. Wobei, noch mal: die Zahlenverhältnisse sind klar. Die Siedlerbewegung hätte im Falle eines wirklichen, ehrlichen Friedensschlusses mit den Palästinensern – hat die Siedlerbewegung politisch keine Chance. Deswegen ist sie so radikal und kann sich mit Teilen der amerikanisch-protestantischen Bewegung – dort hat man durchaus messianische Visionen – verbündet, die nämlich überhaupt es als wiederum gotteslästerlich ansehen, dass die Araber im heiligen Land sind. Dieses gehört den Juden. Die jüdischen Sozialisten sind auch dort Gotteslästerer quasi, denn es geht natürlich darum, das Land der Bibel vorzubereiten für die Rückkehr Christi. Beide streben sie die messianische Endzeit an.

Achenbach: Bloß wenn man alle diese religiösen Ideen konfrontiert mit dem, was man von arabisch-islamischer Seite in diesem Raum an religiösen Ideen hat, dann kann man sich schlecht vorstellen, wie man da zusammenkommen wird in Zukunft. Deswegen, meine abschließende Frage: Kann Zionismus Utopie sein? Heute für Israel?

Ginzel: Zionismus kann Utopie sein, indem man zurückkehrt zu den zionistischen Idealen des Pioniertums, weg von der Ellbogengesellschaft, weg von der amerikanisierten Gesellschaft Israels, weg von der – wie soll ich es sagen‘ – von der alles beherrschenden Vision eines wirtschaftlichen Erfolges. Zurück eben. Vielleicht ist es wirklich eine Utopie. Aber Utopien haben eben gerade dort, – und der Zionismus ist ein Beispiel dafür – eine enorme Wirkungsmächtigkeit. Die israelische Gesellschaft wird auf nur kapitalistischer Ebene, auf nur der Ebene der freien Marktwirtschaft nicht überleben. Wir haben jetzt schon eine hohe Arbeitslosigkeit. Sondern Israel wird zurückehren müssen im Falle eines Friedens zu seiner Vision einer jüdisch-gerechten Gesellschaft im Land der Bibel, und zwar in modernem Gewand. Dann wird Israel sicherlich auch das sein, was es ursprünglich sein sollte, nämlich ein Licht für die Welt.

Achenbach: Ein freiheitlich-moderner Staat, wie ihn Theodor Herzl wollte.

Ginzel: So ist es.

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Reise-Empfehlung 2013: Fußball-EM in Israel September 4, 2012 | 12:03 am

Die Aufrufe zum Boykott von Produkten aus dem Judenstaat werden immer lauter. Die Friedensbewegung übt sich im Nachplappern iranischer Machtinteressen. Austräger der U21-EM 2013 wird Israel sein. Also nichts wie hin!


London, Juni 2012: Antisemiten demonstrieren gegen die U21-EM in Israel

Sportlerinnen und Sportler aus Israel werden diskriminiert, weil sie für den jüdischen Staat antreten. Schon zur Arbeiterolympiade in Wien 1931 reisten die jüdischen Athleten weither an, aber nahmen aus bislang ungeklärten Gründen nicht an den Turnieren teil (bis auf die Fußballer). Oft lassen die internationalen Sport-Institutionen gegenüber Antisemitismus Milde walten. Die Verantwortlichen der Olympiade errichteten in London 2012 eigens eine Trennwand, weil sich libanesische Judoka weigerten, neben Israelis zu trainieren. Verachtung in diesem Ausmaß erfahren Sportive aus anderen Ländern bei weitem nicht. Der FC Bayern leistete sich ein verfehltes Entgegenkommen im Jahre 2004, als er eine Verletzung vorgab, damit der iranische Stürmer Hashemian von einem Championleage-Spiel in Tel Aviv entbunden war.

Die kommende U21-EM 2013 könnte interessant werden. Im Januar 2011 bestimmte das UEFA-Exektivkomitee Israel als Ausrichter. Der UEFA-Präsident, Michael Platini, bestätigte: „Obwohl ein gewisser Druck auf uns ausgeübt wird, wird die europäische U21-Meisterschaft 2013 in der Tat in Israel stattfinden.“ Prompt trat ein ehemaliger „palästinensischer Nationalspieler“ in den Hungerstreik. Noch dreißig Kilo wiege er, berichtete alarmiert die internationale Profifußballer-Gewerkschaft (FIFPro) – von der man ansonsten wenig hört. In England sprießen bereits die „Mahnwachen“ aus dem Boden. Bald wird die Münchner Friedensbewegung das Thema für sich entdecken.

München wehrt sich – gegen Iran-Sanktionen
In München ist man derzeit noch mit vereinten Kräften bemüht, die Sanktionen gegen die Iran zu unterwandern. Die Hypo-Vereinsbank hat der FAZ zufolge „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gegen Sanktionsregeln verstoßen und eine Exportfinanzierung in den Iran geleistet. Ein Münchner Gericht legitimierte dieses Jahr den iranischen Propganda-Sender „Press TV“. Auch im weiteren Verfahren sieht es bislang gut für den Sender aus. Die verherrlichende Ausstellung „Ein Blick Iran – betrachten, lauschen, fühlen, Iran erleben“ im katholischen Pfarramt St. Maximilian endete vor zirka drei Wochen. Ausgesprochen wohlwollend berichtete die Süddeutsche Zeitung darüber. Die Friedensbewegung hat ihren militärisch anklingenden „Münchner Appell“ nun umbenannt in „Münchner Aufruf“. Die dazugehörige Internetseite, „Kein Krieg gegen Iran“, deren Breite an Unterstützenden von Linkspartei bis zum antizionistischen Verein „Salam Shalom“ reicht, soll von „Hackern“ zeitweise stillgelegt worden sein, beklagten die Macher.

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Veranstaltungshinweis: Sommer, Sonne, Israel August 2, 2012 | 05:46 pm

Entspannt am Nektar-Beach auf der Praterinsel abhängen, dazu israelische Schmankerl, und der Lebemann Abi Ofarim dudelt dazu live! Die sandige „Summer Israel Party“ kommenden Montag leitet die „Israel Woche“ ein.

Ein „Stückchen Tel Aviv“ mitten in München soll es werden, wünscht sich der Verband Jüdischer Studenten Bayern laut Einladung zur „Summer Israel Party“ am Nektar-Beach. Das lockere Stranderlebnis auf der Praterinsel wird die „Israel Woche“ einleiten; Konzerte und Ausstellungen in Zusammenarbeit mit dem israelischen Konsulat in München sollen folgen. Zur Sause am Montagabend wird der 74-jährige Musiker Abi Ofarim erwartet. Der israelische Lebemann aus München hat ein rundum bewegtes Leben, 59 goldene Schallplatten, eine Beziehung mit Iris Berben sowie zirka einen Monat die Justizvollzugsanstalt Stadelheim ausgestanden. Für israelische Musik sorgt im Anschluss DJ Lino. Auch für das leibliche Wohl wird gesorgt.

Montag, 06. August, 20:30 Uhr | Nektar-Beach, Praterinsel | Eintritt: 5 Euro

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Tumult im Gasteig: Jüdische Studierende lassen sich den Mund nicht verbieten July 13, 2012 | 08:02 pm

Beim Auftritt der arabischen Knesset-Abgeordneten Haneen Zoabi im Münchner Gasteig kam es am Freitag zu tumultartigen Szenen. Der „Verband Jüdischer Studenten in Bayern“ hatte zuvor Proteste angekündigt. Ein parteiisches Protokoll des Abends:

„Wieso darf ich hier nicht fotografieren? Haben sie etwas zu verbergen?“, beschwert sich ein Fotograf, als er kurz vor Beginn der Veranstaltung Hausverbot erteilt bekommt. Das kenne er ansonsten nur von der NPD, kommentiert er seinen Rauswurf aus dem städtischen Kulturzentrum. Der große Saal im Münchner Gasteig ist ausverkauft, eine Journalistin des Bayerischen Rundfunks schneidet mit. Der „Verband Jüdischer Studenten in Bayern“ hatte im Vorfeld eine Pressemitteilung verfasst und Proteste gegen Zoabi angekündigt. Tatsächlich sind junge Menschen im Publikum, was für Veranstaltungen im Rahmen der „Palästina Tage“ ungewöhnlich ist. Fuad Hamdan vom „Palästina Komitee“ eröffnet den Abend mit Danksagungen an die Petra Kelly Stiftung und an das Münchner Kulturreferat für deren freundliche Unterstützung. Lange Zeit habe die andere (Anm.: jüdische) Seite in Deutschland ein „ziemliches Monopol auf Meinung“ gehabt, das ändere sich aber allmählich, so Hamdan einleitend.

Wie der Staat zum Heimatland kam und was er sodann sprach
Zoabi hält einen zirka einstündigen Vortrag, der sich um den Zustand der Demokratie in Israel rankt. Laut Zoabi geht ein jüdischer Staat und ein demokratischer Staat nicht zusammen, da eine jüdische Bevölkerungsmehrheit nur mit undemokratischen Mitteln durchgesetzt werden könne. Die arabischen Israelis seien die besten Indikatoren, an denen die Demokratie in Israel gemessen werden muss. Der jüdische Staat kenne aber nur zwei Gesetzmäßigkeiten: „Maximal Land mit minimal Palästinensern“. Die „Vertreibung der Palästinenser“ wird von Zoabi einerseits als ein kontinuierlicher Prozess beschrieben, der von 1948 bis heute andauere, andererseits versuche Israel, die israelischen Araberinnen und Araber vom „Palästinensischen Volk“ zu separieren, indem der Staat ihnen ihre „Identität als Palästinenser“ nehme. Sie schließt ihren Vortrag mit: „Israel ist ein rassistischer Staat per Definition, mit dem wir uns nicht versöhnen können. Es ist ein Staat, der zu meinem Heimatland kam und gesagt hat, das ist das Land der Juden.“ Das Publikum goutiert den Vortrag mit lautem Beifall.

Der „politische Terrorismus“ der jüdischen Studierenden
Die zirka ebenfalls einstündige Debatte ist vorerst geprägt von Fragen der jüdischen Studierenden im Publikum, die einer vorsichtigen Schätzung nach in etwa zu zwanzigst erschienen sind. Schon ihre ersten Fragen an die Referentin kommentiert das Publikum mit Gelächter und Zwischenrufen. Zoabi weigert sich, manche Fragen zu beantworten. Auf die Frage beispielsweise, wie sie über das gleichberechtigende Vorhaben denke, dass in Zukunft alle Israelis – also auch alle arabischen Israelis – Militärdienst leisten sollen, gibt die Referentin keine Antwort. Das Ignorieren der Fragen erregt den Unmut der Studierenden. Gleichsam steigert sich Zoabi, die mittlerweile Teile ihres Kostüms von sich geworfen hat, immer stärker in die Verbalradikalität: „Schritt für Schritt wird Israel weniger demokratisch, Schritt für Schritt wird Israel immer faschistischer!“ ruft sie und reagiert auf den folgenden kritischen Zwischenruf einer Studentin harsch mit: „Du bist auch eine faschistische Person!“ Die strafrechtlich relevante öffentliche Beleidigung führt nicht zu einer Zurechtweisung Zoabis. Es folgen Forderungen aus dem Publikum, die Studentin solle unverzüglich den Raum verlassen. „Das ist ein Indikator für politischen Terrorismus! Was sie hier machen, ist ein tägliches Beispiel in der Knesset“, wirft Zoabi den Studierenden an den Kopf.

Vom Haupt- und Nebenterrorismus
Der laute Applaus des Publikums treibt die Knesset-Abgeordnete weiter an: „Es ist so hässlich, Gaza zu bombardieren […] und zu behaupten, die Hamas sei eine terroristische Vereinigung. Der Hauptterrorismus in der Region ist die israelische Politik und die Besatzung“, sagt sie. Ihre Stimme hat sich mittlerweile schrill gefärbt, auf dem Stuhl hält es Zoabi schon länger nicht mehr. Den Zwischenrufen der Studierenden, die diese und ähnliche Aussagen nicht unkommentiert im Raum stehen lassen wollen, wird seitens des Publikums mit „Seien Sie ruhig da oben!“, „Halt die Klappe!“, „Ruhe!“, „Keiner will sie hören!“, „Raus!“ oder krachledern mit „Hoit amoi dei Mei!“ begegnet. Doch die Studierenden sind nicht still.

Zur deutschen demokratischen Pflicht
Zoabi weicht vielen der Fragen aus und berichtet stattdessen von einem Vorhaben. Israel möchte 800.000 Beduinen aus der Negev-Wüste „konfiszieren“, um sie zu „konzentrieren – erinnern sie sich – zu konzentrieren! In einem speziellen Gebiet.“ Nach der deutlichen Anspielung auf die nationalsozialistischen Konzentrationslager wirf ein Besucher ein, Zoabi solle doch gleich aussprechen, dass sie die Israelis für die neuen Nazis halte. Zoabi: „Israel betreibt eine rassistische und faschistische Politik, das ist die richtige Beschreibung.“ Dann gibt sie dem Publikum noch einen Rat in Sachen Antisemitismus mit auf den Weg:

„Eure Pflicht als Europäer, als Deutsche, ist, nicht auf die politische Erpressung einzugehen. Wann immer ihr die Unterdrückung oder Besatzung der Israelis kritisiert, dann nennen sie euch antisemitisch. Genauso machen sie es in Israel auch. Das Wichtigste ist, nicht darauf einzugehen. Seid nicht empfindlich! Das ist eure Pflicht gegenüber der Demokratie!“

Der seltsame Apartheidstaat
Ein jüdischer Student steht auf, hält ein Plakat mit einer Abbildung von Salim Joubran hoch und sagt: „Ich nehme mir jetzt das Recht raus, hier zu sprechen. Sie bezeichnen Israel als rassistischen Staat? Das ist Salim Joubran. Er ist Richter am obersten Gericht in Israel!“ Eine weitere Studentin steht auf und zeigt ebenfalls ein Plakat: „Ich frage sie, kennen sie Nawaf Massalha? Er war stellvertretender Außenminister in Israel!“ Es folgen zirka acht weitere Plakate mit prominenten arabischen Persönlichkeiten aus israelischer Politik und Kultur. Es kommt zu tumultartigen Szenen. Das Publikum versucht, die Jüdinnen und Juden niederzubrüllen, einige springen auf und gestikulieren wild. Eine Frau singt immer wieder „Free, free Palestine!“ Zoabi filmt die Szene demonstrativ mit ihrem Smartphone ab. Die Protestierenden verlassen den Saal. Fuad Hamdan schickt ihnen hinterher: „Sie geben ein gutes Bild von ihrer Demokratie!“

Ein Resümee, das muss gesagt werden
Die Veranstaltung „Haneen Zoabi – eine Palästinenserin in der Knesset“ gab vor allem ein gutes Bild über den Zustand des Münchner Kulturreferats ab. Zur Münchner Kultur gehörte viele Jahrhunderte lang, nicht mit sondern über Jüdinnen und Juden zu sprechen und jede Dämonisierung jüdischer Gesellschaften gelten zu lassen. Die Förderung der „Palästina Tage“ durch die Stadt kann als Ausdruck eben dieser münchnerischen Kontinuität angesehen werden, die sich in den letzten Jahren wieder verstärkt Bahn bricht.

Weiterführendes:
Nachricht auf Ynetnews

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Aber danke für die Datteln April 17, 2012 | 02:14 am

Der groß angekündigte „Globale Marsch nach Jerusalem“ war ein Flop. Ein kleiner Mob zündete Molotow-Cocktails am Checkpoint vor Bethlehem; im Gaza-Streifen randalierten die Üblichen. Auch die Solidaritätskundgebung in München am „Tag des Bodens“ fiel eher familiär aus. Ein ergänzter Bericht von David Zeller.


„Heut‘ treff ich Bischoff Tutu, und drück ihm seine Schnut zu“ („Die Kassierer“ – Punkrocker und Tutu-Kritiker)

Viele Organisationen, auch die Islamische Republik Iran, hatten zum „Globalen Marsch nach Jerusalem“ mobilisiert. Auf dem Münchner Radiosender Lora warb Evelyn Hecht-Galinski für die Teilnahme. Sie behauptete in der Sendung, Jerusalem „verkommt immer mehr zur jüdischen Stadt.“ In Deutschland fanden letztendlich aber nur überschaubar besuchte Solidaritätsveranstaltungen statt. In Stuttgart wurde eine Kundgebung am Platz der Opfer des Nationalsozialismus organisiert, in Göttingen trafen sich die Protestierenden geradewegs vor der örtlichen Synagoge, um gegen die „Judaisierung Jerusalems“ vorzugehen. Im Vorjahr hatten in München u.a. schon das „Nationale BDS-Komitee“ (Boykott, Desinvestition und Sanktionen), der antizionistische Verein „Salam Shalom“ und die Palästinensische Gemeinde München zur Mahnwache am „Tag des Bodens“ (30. März) aufgerufen. „Solidarität mit dem palästinensischen Volk und seinem Recht auf Selbstbestimmung über das Land seiner Vorfahren“, lautete die Forderung im Aufruf zur Kampagne letztes Jahr.

„Das palästinensische Volk braucht Deine Solitarität!“


Einstudierte Rührseligkeit am Infostand 2012

Dieses Jahr kündigte die Palästinensische Gemeinde München die Solidaritätskundgebungen am „Tag des Bodens“ ohne viel Vorlauf an. Auf Facebook erschien erst am 29. März ein kurzer aber wortgewaltiger Aufruf, um dem Tag zu gedenken, an dem sich die „Palästinenserinnen und Palästinenser im Kernland des historischen Palästinas gegen die Beraubung und Enteignung ihrers Landes durch Israel erhoben haben.“ Insbesondere um die „heilige Stadt“ gehe es ihnen, heißt es, und: „Das palästinensische Volk braucht auch Deine Solitarität!“ Die Israelitsche Kultusgemeinde München warb hingegen auf ihrer Website dafür, gerade an diesem Tag des organisierten antisemitischen Furors Solidarität mit Israel zu üben, was von Münchnerinnen und Münchnern sowie lokalen Medien allerdings nicht bemerkt werden wollte.

Zwei Stunden Spuk

Am 31. März 2012, einen Tag nach dem „Marsch“ versammelten sich also zirka vierzig Friedensfreunde und jene, denen ein kritisches Wort zur Hamas nicht passiert, am Sendlinger Tor, um gegen eine „ethnische Säuberung“ Jersualems und „den israelischen Kolonialismus“ zu protestieren. Es vereinigten sich unter der Palästinafahne auch Mitglieder des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“, der Deutschen Kommunistischen Partei und der Linkspartei. Kinder säumten wohlplatziert – mit Intifadaschals, Buttons und Palästinafahnen bestückt – das Schauspiel; die aufgestellten Schilder mit Bildern von weinenden Kindern und zerstörten Häusern sollten nahelegen, dass an diesem Ort und Tag Widerspruch bereits unmenschlich ist. Wie im Vorjahr schon wurden Flyer verteilt, die zum Boykott israelischer Produkte aufriefen. Die lauthals vorgetragene Forderung eines Fanatikers, israelische Produkte generell zu boykottieren und alle Firmen anzuzeigen, die aus jüdischen Siedlungen auf vermeintlich palästinensischem Boden importieren, wäre ohne eine Tüte süßer Datteln aus Galiläa kaum auszuhalten gewesen. Zwei Stunden dauerte das grimmige Mienenspiel und der Spuk nahm ein Ende.

Weiterführendes:
Film zur Mahnwache

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Kommentar zu Günter Grass April 11, 2012 | 06:36 pm

Acht Minuten Ideologiekritik von Sachzwang FM gegen Günter Grass. Download via FRN | via AArchiv (5 MB)

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Antizionismus auf Rezept April 8, 2012 | 02:54 pm

Die westliche „Israelkritik“ ist zunehmend gekennzeichnet von einer pathologisierenden Sprache. Jonathan Yudelman, Dozent für Philosophie an der Hebräischen Universität in Jersualem, kommentierte diese Entwicklung in der Jerusalem Post vom 1. April 2012 – am Beispiel der britischen Wochenzeitschrift The Economist. Seine Kritik ließe sich aber ebenso gegen die Süddeutsche Zeitung wenden. Eine hoprige und leicht gekürzte Übersetzung aus dem Englischen von Schlamassel Muc


Freud hätte die Polizei gerufen: Graffito am Strand zwischen Jaffa und Tel Aviv

Der Hass auf den jüdischen Staat floriert so unendlich facettenreich, dass es die meisten Zionistinnen und Zionisten schon lange aufgegeben haben, nachzuvollziehen, was ihre Gegnerschaft wirklich antreibt. Wenngleich bei zeitgenössischen Antizionistinnen und Antizionisten eine Gemeinsamkeit auszumachen ist, die Annahme nämlich, Israel sei krank, hochgradig krank, nachgerade im Delirium, mit nur einer hauchdünnen Chance auf Genesung. Hinlänglich bekannt sind inzwischen die beharrlichen Auslassungen des iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der Israel ein „Krebsgeschwür“ nannte, das von der Landkarte zu streichen sei. Die geistreichen Analysen der westlichen Antizionistinnen und Antizionisten sowie von ihren israelischen Gesinnungsgenossen aber bedienen sich nicht weniger einem Jargon aus der Pathologie.

In einer Lobeshymne auf David Grossman’s Novelle aus dem Jahre 2010 bemerkt das Magazin The Economist zustimmend, dass „Fieber nicht nur ein Symptom von physischer Erkrankung ist. Fieber ist die Beschreibung des bestehenden Staates Israel.“ Diese Auffassung teilt auch die kanadische Autorin Margaret Atwood, die nach einem Kurzbesuch in Israel befinden mochte, das Land lebe unter einem „Schatten“ der selbst verursachten Paranoia. „Umso schlechter die Palästinenserinnen und Palästinenser im Namen dieser Ängste behandelt werden, umso größer wächst der Schatten an, und die Ängste wachsen mit ihnen; und die Rechtfertigung für ihre Behandlung multipliziert sich“, diagnostizierte Atwood.

„Auschwitz-Komplex“
In zahlreichen Artikeln und Blogs über Israel war beim Economist in den letzten Jahren hauptsächlich von pathologischen Befunden die Rede – oftmals begründet mit psychoanalytischen Methoden. In einem Blogeintrag mit dem tatsächlichen Titel „Auschwitz-Komplex“ präsentierte ein Psychoanalytiker letzten Monat seine neueste Diagnose: „Nachdem sie sich in einen Todeskampf mit der palästinensischen Bevölkerung verstrickt haben – dessen sie sich nicht bewusst sind bzw. nicht daraus befreien können – projizieren die Israelis nun die Ursache ihrer Angst auf ein weiter entfernteres Ziel: den Iran.“ Den Verfassenden zufolge sei Benjamin Netanyahu und seiner Iran-Politik eine manifeste „Ghetto Mentalität“ anzumerken.

Während persische Doktoren harte Maßnahmen in Erwägung ziehen, pflegen ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen eine eher therapeutische Sprache. Die westlichen Doktorinnen und Doktoren geben vor, ihren Patienten retten zu wollen. Aber wenn das so ist, muss etwas furchtbar falsch gelaufen sein. Denn ihr Verhalten gegenüber ihrem Patienten deutet eher auf eine offene Feindschaft hin.

Diasporistischer Antizionismus
Im Jahre 2006 stellten persische Doktoren fest, dass das „zionistische Regime bald von der Bildfläche getilgt … und die Menschheit damit befreit sein wird.“ Dieser Idealismus – so bizarr und wahnsinnig er auch sein mag – sagt einiges über die Motivation des iranischen Antizionismus. Aber was treibt ihre westlichen Kolleginnen und Kollegen an? Die Psychoanalyse ist offenbar nicht das Einzige, was westliche Antizionistinnen und Antizionisten aus jüdischen Quellen übernommen haben. Vor allem hängen sie am „Diasporismus“ – einem Ideal, das in religiöser und säkularer Form daher kommt. Es beinhaltet, dass das jüdische Volk einer ethischen Mission Folge zu leisten habe, die nur zu erfüllen sei, wenn es auf allerhand Nationen verteilt ist.

Und wenn es um die jüdische Diaspora geht, kann sich The Economist keinen Lobgesang verkneifen: Von einer „glanzvollen kosmopolitischen Welt der europäischen Vorkiegsjuden“ ist da die Rede, „jenen Schreibern, Denkern und Künstlern, die noch das heutige Europa prägen.“ Der Kontrast zwischen Israel und der Diaspora könnte nicht größer sein. „Es war der jüdischen Politik immer etwas innerlich… eine angsterfüllte Xenophobie und Bigotterie, aber das ist keine Eigenart, die bei den meisten Jüdinnen und Juden in der Diaspora auszumachen ist.“

Verharmlosung von Antisemitismus
Eine der Raisons d‘être des Zionismus ist es, verfolgten Jüdinnen und Juden eine Heimat zu bieten. Deshalb leugnen Autorinnen und Autoren vom Economist angestrengt, dass es wieder gefährlich werden könnte. Ein Blockeintrag trägt beispielsweise den lehrmeisterhaften Titel „Es gibt nur einen Holocaust.“ Ein anderer verharmlost einen etwas langatmigen Artikel vom Magazin Der Spiegel über den wiedererstarkenden Antisemitismus in Ungarn. Diasporistische Antizionistinnen und Antizionisten können sich nicht überwinden, Antisemitismus anzuprangern, weniger weil sie antisemitisch sind, sondern weil sie einfach nicht anders können. Und was nicht länger bestritten werden kann, wird dem Zionismus selbst angelastet: „viele Muslime hassen Israel, und seitdem Israel der jüdische Staats ist, weitet sich ihr Hass auf alle Jüdinnen und Juden aus.“

Diasporismus nimmt Israel notwendig als eine Fehlentwicklung an. In historischer Reinform behauptet dieser, dass die göttliche Mission der Jüdinnen und Juden nicht mit Eigenstaatlichkeit kompatibel sei. Es erscheint eigenartig, dass gerade viele westliche Intellektuelle von diesem Ideal so stark beseelt sind, wenngleich sie nicht einmal jüdisch sind. Es ist nicht auszuschließen, dass jüdische Diasporisten beim Economist und anderswo von Menschen benutzt werden, die eigentlich eine andere Agenda verfolgen.

Der eigentliche Therapiebedarf
Höchstwahrscheinlich ist es aber die unverwüstliche Überzeugung westlicher Liberaler, dass die Konfrontation mit islamistischen Kräften vermieden werden kann, wenn sie am Diasporismus festhalten. Dem Zionismus die weltweite Aggression von muslimischen Kräften anlastend, sind sie weiterhin der Überzeugung, dass das islamistische Kriegsgeschrei sie nie bedrohen wird. Ihr gesamtes Weltbild ist gefangen in derlei Verdrängung und Projektion. Die westlichen Antizionistinnen und Antizionisten hätten demnach einen Therapieplatz viel nötiger als Zionistinnen und Zionisten. Aber sie sollten von ihnen nicht die Art Hilfe erwarten, die sie selbst so freizügig anbieten. Anders als westliche Intellektuelle, interessieren sich Zionistinnen und Zionisten nicht so furchtbar viel für Psychoanalyse. Sie ziehen leben und leben lassen vor. Und wenn sich das als unmöglich herausstellen sollte, lehrte ihnen die Geschichte, sich für den Kampf zu rüsten.

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Shalom Tel Aviv March 27, 2012 | 06:53 pm

Münchens Partyzone gegen „Endzeit-Rabbis“ February 28, 2012 | 12:46 am

Die Punkrock-Urgesteine Joe Masi und Murena werden kommenden Mittwoch nicht im Bunker „Herr Hotter“ auftreten. Die regelmäßige Veranstaltung „DorianGrey im Hotter“ entpuppte sich nämlich als ein Projekt des Münchner Verschwörungstheoretikers Wolfgang Eggert. Und das war nicht einmal ein gut gehütetes Geheimnis.


Eggert bei der Vorstellung des Portals DorianGrey

Der Club „Herr Hotter“ im Zentrum Münchens zog nach seiner Eröffnung schnell die Aufmerksamkeit der Münchner Party-Avantgarde auf sich. Im Hochbunker aus dem Jahre 1942 mischt sich der Charme des Improvisierten mit morbider Betonromantik; zudem ist die verwinkelte Immobilie bis zu ihrem Verkauf nur kurze Zeit bespielbar – die Veranstaltungen tragen Namen wie „Schutzraum-Übung“ oder „Bunker-Alarm“ – die perfekten Zutaten also, um den Röhrenjeans-Mainstream neben dem Röhrenjeans-Mainstream zu begeistern. Seit kurzem gastiert dort Mittwochs auch die regelmäßige Veranstaltung „DorianGrey im Hotter“. Was viele Gäste bislang offenbar nicht wussten: Hinter der Veranstaltung „DorianGrey“ verbirgt sich wenig überraschend das gleichnamige Online-Portal von Wolfgang Eggert und Felix Vogl. Die neue Internetadresse richtet sich an ein junges Publikum, kommt laut Macher „Tabulos – Unangepasst – Spannend – Jung“ daher, das Logo „DG“ erinnert zudem stark an die Modemarke „Dolce und Gabbana“.

Tatsächlich lassen sich auf dem Portal DorianGrey zahlreiche Beiträge von einschlägigen Blogs der verschwörungstheoretisch beseelten „Truther“ finden, wie zum Beispiel von „Alles Schall und Rauch“ oder „The Thruthseeker“ – gemischt unter Meldungen klassischer Nachrichtenagenturen. „Das fehlte unheimlich in der Trutherszene“, gab Chefredakteur Eggert vor zirka einem Monat dem verschwörungstheoretischen Portal „Infokrieg“ bekannt, „gemischte Nachrichten“. Sein Plan sei demnach: den Blogs eine Öffentlichkeit verschaffen und langfristig aus den Werbeeinnahmen von DorianGrey finanzieren, erklärte Eggert Infokrieg seinen Masterplan im eineinhalbstündigen Interview.

Was [die Deutschen] ausmacht, wo sie herkommen
Vor wenigen Wochen stellten Eggert und sein Kompagnon Vogl die Plattform erstmals vor – u.a. auch auf den Münchner Medientagen, wo offenbar jede Gruppierung ausstellen kann, die zahlt. Die Onlinezeitung soll „Lust beim Lesen“ machen und neben dem, was in den Medien nur „unzureichend gespiegelt“ würde – weil „die Lobbies Einfluss nehmen“ – sind auch „hübsche Jungs und hübsche Mädchen“ im Angebot. „Die einfachen Menschen in Europa brennen nicht mehr“, das soll sich ändern, beschrieb Eggert die Zielsetzung des Portals bei der Vorstellung. Vogl nannte seine Hauptmotivation :

„Ich bin eines morgens zur Arbeit gefahren und musste eine Litfasssäule von Bushido sehen und dachte mir, das kann doch nicht unsere Kultur sein. Ich will die Leute wieder zu dem bringen, was sie ausmacht, wo sie herkommen. Man sollte nach Paris fahren können, man sollte da keinen McDonalds antreffen, keinen HM, sollte ein Baguette essen können, man sollte einen Franzosen sehen. Ich habe Angst, dass irgendwann alles gleich ist, dass man überall nur das Selbe sieht.“

„Endzeitliche Kräfte“
Zwischen Vogls dumpfer Hoffnung auf eine vermeintliche Reinheit der Kulturen und dem gängigen ethnopluralistischen Rassismus der sogenannten Neuen Rechten passt kaum ein Blatt. Noch deutlicher wird Eggert. Der laut EsoWatch bereits durch zahlreiche antisemitische Veröffentlichungen bekannte Autor vermutet chronisch die jüdischen Chassidim hinter einer angeblichen „Weltordnung“. Im Interview für Infokrieg bewarb er vor nur wenigen Wochen sein Werk „Israels Geheimvatikan“. Eggert aktualisierte dabei die bei „Truthern“ momentan sehr beliebte Armageddon-Theorie, wie sie auch der Kabarettist Georg Schramm vertritt. Die Theorie besagt, dass diverse religiöse Gruppen, vor allem aber die jüdischen Chassidim, auf einen dritten Weltkrieg hinsteuern wollen. Der Showdown soll der Theorie nach in Jerusalem stattfinden. Im Gegensatz zum Kabarettisten Schramm weiß Eggert aber schon, wer als Sieger hervorgehen wird: „Am Ende gewinnen die Chassidim und es verlieren die Völker.“ Jüdische Verbände forschten derzeit nämlich an Massenvernichtungswaffen, die „alle vernichten, außer die, die ein jüdisches Gen haben.“ (Minute 56) Auch der israelische Ministerpräsident Netanjahu lasse sich von den „Endzeit-Rabbis beraten“, behauptet Eggert bei Infokrieg. Die für das Weltgeschehen kaum bedeutende religiöse Gruppierung der Chassidim habe laut Eggert aber nicht nur die heutige „Weltordnung“ und morgen den 3. Weltkrieg zu verantworten, sondern leitete darüber hinaus auch gestern identitätsstiftende Anschläge ein, orakelte er in Minute 40 des Interviews:

„In dem Moment, wenn Israel in Frieden ist, wird Israel auf kurz oder lang liberalisiert und säkularisiert, die Menschen werden zu normalen(!) Menschen. Nur Druck, Außendruck, schweißt ein Volk zum Äußersten zusammen, das war schon immer so gewesen – was das Judentum anbelangt hat. Es ist interessant zu beobachten, wenn man anschaut, als das Judentum, die Israeliten Palästina unter den Römern verlassen haben. Immer dann, wenn es zu Vermischungsprozessen (!) gekommen ist, wenn sich die Masse der Israeliten, die auf der Wanderschaft waren, begonnen hat, sich mit den Umgebungsvölkern zu verbrüdern und in die Umgebungsstrukturen und Gesellschaften aufgenommen zu werden, immer dann kam ein furchtbarer Anschlag, immer dann kamen die größte Pression. Und diese Pressionen wirkten wie Schäferhunde, die die Herde zusammenhalten.“

Münchens verschlafene Avantgarde


Eggert im Interview mit „Infokrieg“: „Aids entstand in einem Genwaffenprojekt“

Dass Eggert und Vogl Zugang zur vermeintlich subversiven Partyszene in München erhielten (die so subversiv ist, dass sogar der konservative Münchner Merkur begeistert davon berichtet), überrascht deshalb, weil die beiden Chefredakteure daraus nicht einmal ein Geheimnis machten. Die Facebook-Site zur Party „DorianGrey im Hotter“ verweist ohne Schnörkel auf das übersichtliche Blog „DorianGrey im Hotter“, das im Impressum die Verantwortlichen Vogl, Eggert und DorjanGrey listet. Ein Klick offenbart auf den ersten Blick die wahnhafte Weltanschauung der Redaktion.

Die Bands Joe Masi und Murena, die am kommenden Mittwoch bei „DorianGrey im Hotter“ die Hintergrundmusik leisten sollten, haben bereits von einem Auftritt Abstand genommen. Es bleibt zu hoffen, dass den Verschwörungstheoretikern der Sprung aus ihren verrauchten Hinterzimmern in Münchens Partylandschaft nicht weiterhin gelingen wird.

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Bei Rechts und Links beliebt: Christoph Hörstel February 14, 2012 | 01:24 am

Der ehemalige ARD-Redakteur Christoph Hörstel referiert vielerorts, auf dem iranischen Kanal IRIB oder auf Radio Lora, beim deutsch-nationalen „Münchner Stammtisch“ oder auf der „Internationalen Münchner Friedenskonferenz“. Über das Erfolgsrezept eines gefährlichen Demagogen.


Hörstel (links im Bild) ruft zum Marsch aufs Kanzleramt

Wenn der Sender des iranischen Regimes IRIB World Service – Das Deutsche Programm eine deutsche Meinung benötigt, greifen seine Macher regelmäßig auf einen gebürtigen Bremer zurück. Christoph Hörstel liefert dem regimtreuen Organ dann zuverlässig Sendetaugliches, wie beispielsweise letzte Woche in einem Interview zur Münchner Sicherheitskonferenz:

“Deutschland hat seit 2007 durch Frau Merkel – aufgrund amerikanischer Interessen – Israels Sicherheit zur Staatsräson Deutschlands erklärt. Das kann man nur als eine Politik des Hochverrats bezeichnen. So sieht es eine ziemliche große Anzahl Deutscher. Wir haben überhaupt keine Verantwortung für die Sicherheit Israels, auch nicht für das Existenzrecht Israels. So ein kompletter politischer Unsinn.“

„Hochverrat“, „kompletter politischer Unsinn“, das sind markige Worte, doch der Schonwaschgang des ehemaligen Schwergewichts der ARD. Anderenorts kündigte Hörstel bereits an, dass er die „Palästina-Politik der Bundesregierung zertrümmern“ helfen werde, bis sie „in kleinen Stücken am Boden liegt.“ Bei einer Großdemonstration von Verschwörungsfans am 10. September 2011 hielt er eine erschöpfende Brandrede, die heute auf Youtube mit dem Titel: „Deutschlands Helden der Wahrheit (Christoph Hörstel)“ gefeiert wird. In dieser Rede hetzte er eindringlich gegen eine angeblich „verdammt kleine Clique“, der er massenhaft „Verbrechen“ – unter anderem eine Impfstoff- und Lebensmittelverschwörung – zur Last legt.

Tacheles beim „Münchner Stammtisch“
Im Frühjahr 2010 referierte Hörstel beim sogenannten „Münchner Stammtisch“, einem deutlich rechtslastigen Treffen der Münchner Verschwörungsfans, dem bereits einschlägig bekannte Redner wie Michael Friedrich Vogt, Andreas Clauss und Jürgen Elsässer beiwohnten. Vor wenig Vertrauen erweckenden Glatzköpfen gewährte Hörstel dabei Einblicke in seinen „Aktionsplan“: Vom wohlwollenden Beifall ermutigt, kündigte er einen Marsch aufs „Kanzleramt“ an, bei dem man „im entscheidenden Moment“ die Polizei nicht „um Erlaubnis fragen“ werde. Den Vorgesetzten des Verfassungsschutzes drohte er darüber hinaus vorsorglich an, sie „dienstrechtlich“ näher anzusehen, „wenn die Verhältnisse sich ändern“ sowie er der aktuellen Bundesregierung in Aussicht stellte, ihr den „Prozess“ zu machen – was „seinetwegen“ auch in Nürnberg stattfinden könne. Hörstel erklärte den Anwesenden in München auch, dass ein angeblich „sozial unverkraftbarer Ausländeranteil“ in Deutschland ebenfalls von den Verschwörern eingeleitet worden sei.


Größte Sorge: „Kein Krieg gegen den Iran“ (Siko-Proteste 2012)

Der perfekte Mann für die Münchner Friedensbewegung
Wer Hass auf Israel schiebt und der Bundesregierung einen Prozess nach Nürnberger Vorbild – also den Strick – androht, der kann kein schlechter Mensch sein, dachten sich wohl die Verantwortlichen der „Internationalen Münchner Friedenskonferenz“, die regelmäßig parallel zur „Münchner Sicherheitskonferenz“ stattfindet und luden Hörstel 2010 ein, um zur Lage in Afghanistan und Pakistan eine Expertise abzugeben. Diese Veranstaltung konnte im übrigen damit auch die extrem rechte Zeitschrift Blaue Narzisse reinen Gewissens empfehlen. Hörstels Referat bei der sogenannten „Münchner Friedenskonferenz“ ist heute ziemlich genau zwei Jahre her, doch seine Beliebtheit in Kreisen der Friedensbewegung hält an. Vor nur wenigen Wochen, am vorweihnachtlichen 20.12.2011, ging auf dem 68er-Sender Radio Lora wieder ein Interview mit Hörstel über den Äther. Ein Auszug aus dem Ankündigungstext:

In vierzehn Jahren als Nachrichtenredakteur und Moderator hat er einen genauen Einblick erhalten in die Arbeit und hinter die Kulissen der Fernsehanstalten. Heute, als selbstständiger Journalist keinem Sender mehr verpflichtet, kann er hingegen auspacken – und tut dies. Im Interview plaudert er 50 Minuten lang aus dem Nähkästchen und erlaubt Einblicke in eine Welt, die viel mit Manipulation, jedoch wenig mit Journalismus zu tun hat.

Hörstel ist gefährlich, weil er weiß, das Publikum charismatisch, trotz anscheinender ideologischer Differenzen – von iranischen Islamisten über Rechtsradikale bis hin zur Friedensbewegung – auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner zu bringen: den Hass auf den jüdischen Staat und seine angeblich die Welt beherrschenden Marionetten. Solchen Figuren in die Parade zu fahren, wäre nötig. Doch davon sind nicht nur die Münchnerinnen und Münchner weit entfernt.

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Der lange Arm der Hamas January 26, 2012 | 01:57 am

Die Resonanz der Medien auf die Propagandaveranstaltung „Zum Gedenken an ‚OPERATION GEGOSSENES BLEI‘“ in München fiel erfreulich leise aus – ohne den üblichen Beifall von Süddeutsche und Co. Der „Freigänger aus Gaza“ (Zitat: Salam Shalom) hatte nur die bereits Überzeugten zu überzeugen.

Dass Simon Siam die Welt nach streng religiösen Vorstellungen zugerichtet sehen möchte, ist ihm nicht anzusehen. Der Fotograph wirkt eher so, als wäre er gerade von seinem Surfboard gestiegen, pflegt eine jugendliche Sprache, die dem Hip Hop entlehnt ist. Ein wenig gedrungen aber im Grunde lässig schlurft er durch die neu eröffnete „Galerieflash“ in der Blumenstraße, die seine Bilder „Zum Gedenken an ‚OPERATION GEGOSSENES BLEI‚“ zeigt. Über 1.400 Menschen sind bei der Operation gestorben, „ein Grund zu gedenken, finden Sie nicht?“, fragt die Mutter der absenten Galeristin stellvertretend. Den ausgestellten Bildern ist die Radikalität ihres Schöpfers nicht anzusehen, sie zeigen Ausschnitte des alltäglichen Lebens in Gaza; u.a. eine Tankstelle, Kinder am Straßenrand, ein schrottiges Auto. Auf die Darstellung von „Zerstörung und Einschüssen“ habe er bewusst verzichtet, erklärt Siam sein Konzept, mit vieldeutigem Augenaufschlag. Beim Blick weg von den Bildern hin zu seinen Internetaktivitäten wird jedoch eine kritikwürdige Weltanschauung deutlich. Dass Siam die Facebook-Umfrage, wer in der alten und modernen (!) Geschichte die bedeutendste Persönlichkeit ist, mit „Mohammed, der Gesandte Gottes“ beantwortet, kann noch als Zeichen für religiöse Überidentifikation gewertet werden. Er hält es aber gleichwohl für eine „Sehr gute Entscheidung“, Szenen mit Umarmungen und Küssen in ägyptischen Filmen zu zensieren,¹ womit schon ein erstes Moment begründeter Skepsis nahe liegt.

Was die „Palästinenser“ zu tun haben
Die Skepsis bestätigt sich zunehmend Eingedenk von drei Facebook-Seiten, die der sogenannte „Freigänger aus Gaza“ jeweils als Administrator befüttert. Neben einer vergleichsweise wertneutralen Seite, die der Promotion seiner eigenen Bildwerke dient und einer weiteren, die er „Abbas“ nennt, ist er als alleiniger Administrator der Facebook-Seite „Target Productions“ gelistet. Dort verlinkt er fast ausschließlich Artikel des gleichnamigen Portals (http://target.ps). Dabei handelt es sich offenbar um eine Propaganda-Plattform, die seit kurzem nicht mehr erreichbar, über den Google-Cache aber weiterhin nachvollziehbar bleibt. „Kristallnacht in Palestine“ titelt eine Überschrift, eine andere: „Zionism: The Real Enemy of the Jews.“ Der Beitrag „How to free Palestine“ ist eine gesonderte Erwähnung wert. Um „Palästina zu befreien“ habe das „Palästinensische Volk“ nämlich die „Palästinensische Autonomiebehörde“ (PA) der Fatah aufzulösen, heißt es darin, da diese ein „verlängerter Arm“ der Zionisten sei. Weiter müsse den „jüdischen Siedlern … mit allen Mitteln“ entgegengetreten werden. Die Länder Jordanien, Ägypten, Syrien und Libanon seien darüber hinaus „notfalls mit Gewalt“ vom „zionistischen Arm“ zu „befreien“, da auch deren Regierungen nur„Marionetten“ Israels seien.


Israel von der Landkarte blättern: aktuelles Bild der Facebook-Site der Palästinensischen Gemeinde München

Zurück in München: Weichspülprogramm
Mitinitiiert hat die Veranstaltung mit Siam in der „Galerieflash“ die Palästinensische Gemeinde München und Amnesty International, sowie rührte der antizionistische Verein Salam Shalom über E-Mail-Verteiler und Website die Werbetrommel. Von Aufrufen zur Gewalt gegen den jüdischen Staat oder gar gegen Jüdinnen und Juden ist auf der Ausstellung nichts zu bemerken. Doch die Bilder über Gaza folgen einer bestimmten Logik. Der Fotograph führt die Besuchenden deshalb selbst durch die Galerie und erklärt den tieferen Sinn der Anordnung. Ein Bild zu einer Brot backenden Frau kommentiert er beispielsweise mit einer Geschichte über die von Israel und Ägypten angeblich stundenweise gesperrte Gasversorgung, ein an sich wenig aussagekräftiges Bild von einer Tankstelle folgt die Erläuterung der durch die Blockade des Gaza-Streifens bedingten höheren Benzinpreise. Die Bilder sind im Grunde nach Begehrlichkeiten sortiert, am Ende der Runde steht die Spendenbox. „Wer ist das?“ frage ich, mit dem Finger auf das Konterfei von Ahmad Yasin zeigend, das im Hintergrund eines Bildes zu sehen ist. Das ist „The wise guy of Hamas“, erklärt Siam. Braver Junge, die Funktionäre Zuhause werden stolz auf dich sein.

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Ein Plädoyer für die Liebe October 19, 2011 | 05:24 pm

Diese Aufnahme entstand letzte Woche an der Sea Road in Alexandria (Ägypten). Das ursprüngliche Graffito blieb seit mindestens Juni dieses Jahres stehen. Künftige Gäste des Mercure Hotels – das sich ganz in der Nähe befindet – müssen aber bis auf weiteres hiermit vorlieb nehmen. Dank an die beiden bayerischen Weltreisenden für die ermunternde Zusendung.

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Die Genossen vom rechten Rand October 13, 2011 | 09:16 pm

Ende Oktober 2011 soll auf dem Parteitag der Linkspartei ein neues Parteiprogramm beschlossen werden. Die eingereichten Änderungsanträge der Mitglieder stapeln sich bisweilen in der Parteizentrale. Der linke Ortsverband Marsberg hätte das Programm gerne etwas deutsch-nationaler.


Zur Einstimmung spricht der Nationalbolschewist Paetel, 1933: „Wir bekennen uns zum Volk als der artgemäßen Kulturgemeinschaft im Gegensatz zur volkszersetzenden westlerischen Zivilisation“

Die Marsberger bewältigten eine schwierige Aufgabe. Sie hoben sich von einem üppigen Fundus stumpfsinniger Anträge zum großen Parteitag der Linkspartei noch deutlich negativ ab. Wie aus der Veröffentlichung aller eingereichter Anträge hervorgeht, fordert der Ortsverband, frei nach der NPD-Parole „Deutsche Arbeit zuerst für Deutsche“, den Passus „Keine Aufnahme von Arbeitskräften aus dem Ausland solange Millionen eigener Staatsbürger keine Arbeit haben“ ins neue Parteiprogramm aufzunehmen. Auch ihre Ergänzung zum Kapitel demographischer Wandel wollen die eigentümlichen Genossen schriftlich fixiert wissen. Der „Kapitalismus schafft deutsche ab“ [sic], heißt es in Anlehnung an das umstrittene Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab“. Die Linken aus dem Sauerland votieren entschlossen gegen Zuwanderung: „Jede Zuwanderung schafft Integrationsprobleme und soziale Probleme in den Ländern, aus denen abgewandert wird“, heißt es in ihrem Antrag. Warum es überhaupt zu Emigration nach Deutschland kommt? Der Marsberger Ortsverband der Linkspartei hält mit seiner Theorie dazu nicht hinter dem Berg:

Ist es vielleicht auch kapitalistische Absicht, Zuwanderung zu fördern, um die Gesellschaft zu entsolidarisieren? Dann sind künftig Faschismus und ethnische Säuberungen nicht ausgeschlossen!

An diese stramm rechten Positionen reihen sie weitere, die im rechtsradikalen Lager für Jubel sorgen könnten und die nationabolschewistisch zu schimpfen noch schmeichelhaft wäre. Anmerkungen zur Reinhaltung der deutschen Sprache gehen einher mit dem Verlangen nach einer „Wertegesellschaft statt Wegwerfgesellschaft“ und dem reaktionären Ansinnen, Schwangerschaftsabbruch unter Strafe zu stellen (Hier nachzulesen, ab PDF-Seite 25 der Änderungsanträge).

Umkämpft: Anträge zum Thema Israel
Auch das Thema Israel beschäftigt die Parteimitglieder landesweit weiterhin. Vielen Orts- und Kreisverbänden kommt der kleine Landstrich im Parteiprogramm nämlich noch zu gut weg. Der Kreisverband Frankfurt am Main und die Linke Hessen fordern deswegen das Programm um den Satz „Die Demütigung und Vertreibung des palästinensischen Volkes muss beendet werden“ zu erweitern. Der Kreisverband Breisgau-Hochschwarzwald möchte das „Widerstandsrecht der Palästinenser“ festgehalten sehen. Darüber hinaus fordert der Verband die „sofortige Beendigung der Gaza-Blockade“ sowie – im Gegenzug, möchte man fast sagen – einen Stopp der Waffenlieferungen an Israel. Allein fehlt der Vorschlag, die Israelis lieferten ihre Waffen gleich direkt bei der Hamas ab. Die Linken aus Darmstadt wünschen ein „Rückkehrrecht“ für „Palästinenser“, die „außerhalb Palästinas“ leben. Als Beispiele für „außerhalb“ werden Randgebiete im Libanon und Jordanien beschrieben. Dass das schon formal nicht richtig ist, da die besagten Gebiete ebenfalls zum historischen Palästina gehörten, ficht die Darmstädter nicht an. Ein weiterer Antrag zum Thema kam aus München, von Klaus Ried. Dem Kapitel zum Existenzrecht Israels sei hinzuzufügen, dass dieses Existenzrecht nur Israel „in den Grenzen vom 04. Juni 1967“ zu meinen habe. Was Ried offenbar nicht weiß: Die besagten „Grenzen vom 04. Juni 1967“ waren objetiv keine Grenzen, sondern Waffenstillstandslinien, aber an Formalitäten soll diese Diskussion wohl nicht scheitern.

Liebesgrüße aus Dachau
Der Kreisverband Dachau, dem auch das umstrittene Mitglied Chris Sedlmair angehört, möchte erst gar nichts ergänzen. Der einzige Änderungswunsch des Verbands am Parteiprogramm ist, den Abschnitt zum Existenzrecht Israels und zur Zwei-Staaten-Lösung zu streichen, weil sich damit u.a. der „konstruktive Dialog mit arabischen und jüdisch-antizionistischen Gruppen“ verschließe. Es kann in Summe als ein glücklicher Umstand angesehen werden, dass die Existenzsicherung Israels nicht vom Parteiprogramm der deutschen Linkspartei abhängt. Ein wirklich erholsamer Beitrag im Rahmen des Antragsfächers bleibt die lesenswerte Begründung eines Einzelnen, Daniel Dockerill, der einer sogenannten „Proletarischen Plattform“ nahe steht. (Seite 210 und 211 | PDF Seite 208 und 209)

Weiterführendes:
Antragsheft Teil 3 (Marsberg ab Seite 25)
Antragsheft Teil 4

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„Ein Appartement kann schnell zur Siedlung werden“ September 22, 2011 | 11:07 pm

Nach einem Israelbesuch von Angela Merkel im Jahre 2008 erregte Meir Margalit mit einem offenen Brief an die Bundeskanzlerin in Deutschland Aufsehen. Das Mitglied des Stadtrats von Jerusalem kritisierte damals den vermeintlich „zionistischen Pathos“ ihrer Knesset-Rede. Auf eine Einladung der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ trat der Israeli vor einigen Tagen in München auf.

Das Publikum sammelte sich am Freitag den 16. September in Räumlichkeiten der Initiativgruppe. Die zirka vierzig Anwesenden mussten sich gegenseitig nicht mehr vorstellen, man kannte sich schon von zahlreiche friedensbewegten Mitfühlgelegenheiten. Am Donnerstag hatte Margalit bereits ein Referat in Markt Schwaben gehalten, mit dem Titel „Die ethnische Säuberung in Ost-Jerusalem“. Gleiches Referat wurde am Freitag in München als Beitrag zur „Verdrängung der palästinensischen Bevölkerung aus Ost-Jerusalem“ angekündigt. Den Veranstaltern schwante vielleicht, dass es sich schon um eine seltsame „ethnische Säuberung“ handeln muss, wenn der Anteil der „Gesäuberten“ – um beim Wort zu bleiben – vor Ort steigt und nicht sinkt.

Margalit kam einst mit einer rechten zionistischen Organisation aus Argentinien nach Israel. Mit den Jahren änderte der Einwanderer seine Haltung, trat der sozialistischen Partei Meretz bei und sitzt heute als einer von drei Meretz-Vertretern im Jerusalemer Stadtrat, seit mehr als zwanzig Jahren. Der weitgereiste Referent stellte an diesem Abend den Münchnerinnen und Münchnern Diskriminierung anhand von Fotografien dar, wie etwa zweisprachige Jerusalemer Straßenschilder, deren arabischer Schriftzug von Vandalen unkenntlich gemacht wurde. Oder offizielle Wegweiser der Stadt, die auf das jüdische Viertel zwar verwiesen, aber andere Viertel nicht anzeigten. Margalilt scheint im Stadtrat gute Arbeit zu leisten.

Umso länger der Vortrag aber andauerte, umso seltsamer wurde die Beweisführung. Er versuchte anhand von Mustern in einem markierten Jerusalemer Stadtplan eine angebliche israelische Besiedlings-Strategie darzustellen. Die jüdischen Siedlungen waren auf seiner Karte mit Davidsternen gekennzeichnet. „Dies hier kann auch eine kleine Siedlung sein“ erläuterte Margalit, mit Fingerzeig auf einen der angebrachten Davidsterne. „Wenn ich sage ‚kleine Siedlung‘, kann das auch ein einzelnes Appartement sein“, führte er weiter aus, „denn auch ein Appartement kann schnell zur Siedlung werden.“ Und anhand der Muster mit u.a. Appartements mochte er die angebliche israelische Strategie beweisen, Jerusalem vom Westjordanland abzuscheiden.

Found in Translation
Margalit sprach Englisch. Jeder Abschnitt wurde dem Publikum von einer Übersetzerin ins Deutsche ausbuchstabiert. Manchmal schaltete sich das Publikum per Zuruf ein, wenn die Übersetzerin nach Worten rang. Dabei konnte schon mal der Abschnitt „keine Baugenehmigung bekommen“ mit dem Wort „verjagen“ verkürzt werden. Unstimmigkeiten gab es häufig, wenn Margalit etwas sagte, das nicht zu 100 Prozent in das Bild des Publikums passen wollte. Als er anklagte, dass von den jährlich 1.000 arabischen Neubauten in Ost-Jerusalem etwa 100 wegen fehlender Baugenehmigung wieder abgerissen wurden, kam die Übersetzerin nicht nach. Entscheident ist hierbei nicht die Anklage, sondern der Subtext. In Summe bedeutet das nämlich einen Zuwachs von 900 Häusern jährlich. Den Abriss von Häusern ohne Baugenehmigung kann man schlecht finden, aber eine „Verdrängung“ sieht eben anders aus als 900 neue Häuser jährlich, eine „ethnische Säuberung“ allemal. Das mochten die Anwesenden nicht gerne hören.

Der deutlichste Fall der tendenziösen Übersetzung an diesem Abend: „… es ist richtig, dass es viele viele Palästinenser in Jerusalem vorziehen, unter israelischer Besetzung zu leben und nicht Teil eines palästinensischen Staates sein wollen, […] weil sie haben Angst, ihre Kinder nicht mehr versorgen zu können, die medizinische Versorgung und Sozialleistungen zu verlieren“, sagte Margalit. Übersetzt wurde letzterer Abschnitt mit: „Das sind die Gründe, warum manche Palästinenser in Ost-Jerusalem es vorziehen, unterdrückt und gedemütigt zu werden: Wir haben sonst vielleicht mehr Essen für unsere Kinder [sagen sie].“ Margalit ist ein Hardliner. Er scheut sich nicht zu behaupten: „Entweder ein jüdischer oder ein demokratischer Staat!“ Den anwesenden Münchnerinnen und Münchnern war er an vielen Stellen nicht radikal genug, um ihn wörtlich nehmen zu können.

„Genug ist Genug“
An einem der letzten Sätze Margalits hatte das Publikum der Reaktion nach nichts zu beanstanden: „Ich bedauere, dass Deutschland nicht aufsteht und sagt: Genug ist genug!“ Es folgte Applaus. Mir persönlich wäre es hingegen lieber, diese Deutschen im Raum würden aufstehen, gehen und ihre Freitagabende anders verbringen lernen.

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