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BINGO! – בינגו April 10, 2014 | 09:23 pm


Israel-Bullshit-Bingo in etwas höherer Auflösung

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Herzensangelegenheit: Tag des (Blut und) Bodens in München March 20, 2014 | 01:47 am

In München soll dieses Jahr wieder der „Tag des Bodens“ begangen werden. Der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ kündigte dazu eine „Mahnwache“ am 29. März auf dem Stachus sowie einen Begleitfilm an. Darüber hinaus hat sich angeblich ein „Palästina Koordinierungskreis“ gegründet, um die Aktivitäten in München zu bündeln.


Is­ra­el von der Land­kar­te blät­tern: Bild der Face­book-​Si­te der „Pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­mein­de Mün­chen“ (2012)

„In Gedenken an den Tag des Bodens als Symbol des Widerstands der Palästinenser gegen den Raub des Landes“ – so der aktuelle Aufruf zur diesjährigen Mahnwache am Münchner Stachus – „folgen wir dem Ruf Palästinas mit einigen Aktionen“. Unter anderem soll im Anschluss der Propaganda-Streifen „30. März“ im Begegnungszentrum Eine-Welt-Haus gezeigt werden. Der Regisseur des Films, Nidal Badarny, wird ebenfalls erwartet. Einen Tag zuvor ist Badarny, der seine Karriere als Komiker begonnen hat, voraussichtlich in Stuttgart, danach in Wien und Duisburg zu sprechen.

Gäbe es die Waren-Exporte aus jüdischen Siedlungen nicht, gehörte wohl der „Tag des Bodens“ neben dem „Tag des Zorns“, dem „Tag der Märtyrer“ und dem „Nakba Gedenktag“ zu den größten Exportschlagern des Westjordanlands. Inhaltlich ist der „Tag des Bodens“ Ausdruck eines von Blut- und Bodenmetaphern durchtriebenen und religiös aufgeladenen Volkstumskampfes. Tausende intonieren dazu am 30. März in Ramallah Parolen wie „Nieder mit Israel“ oder „Tod den Juden“ – danach ziehen die antisemitischen Massen wütend durch die Straßen.

Tränendrüse statt Dschihad
Organisiert werden die Aktionen rund um den „Tag des Bodens“ sowie des „Tag des Zorns“ und des „Nakba Gedenktages“ in München regelmäßig vom Verein „Palästinensische Gemeinde München“. Die Parolen fallen bei dessen Kundgebungen weniger deutlich aus als in Ramallah. Anstelle klingt eine Mischung aus Tränendrüsen- und Warenboykott-Attacke an; Kinder säumen dazu wohlplatziert mit Intifada-Schals und Palästinafahnen bestückt das Schauspiel.

Der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ bietet über das Jahr ansonsten Stick-, Koch- und Gymnastikkuse exklusiv für Frauen an sowie gemischtgeschlechtliche Dabkeh-Folklore-Abende. Derzeit weitet der Verein seine politischen Aktivitäten aus. Laut dem Vereinsorgan „Monatliches Infoblatt“ ist es am 15. Februar 2014 angeblich gelungen, zusammen mit „pro-palästinensischen Organisationen und Aktivisten“ einen „Palästina-Koordinierungskreis in München und Umgebung“ zu gründen.

„Während wir den Zionisten gegenüber standen…“
Der Verein hat seinen Sitz im städtisch finanzierten Eine-Welt-Haus in der Schwanthalerstraße. Anlässlich einer Kundgebung verschiedener Verbände gegen Antizionismus 2013 rief die selbsternannte „Palästinensische Gemeinde München“ auf ihrer Facebook-Seite am 13. Mai 2013 dazu auf, vor Ort Stellung zu beziehen. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Zionisten ihr Unfug auch in München treiben“, hieß es. Im Anschluss wurde an gleicher Stelle verkündet: „Während wir den Zionisten gegenüber standen, haben wir die Zeit dazu genutzt, die anwesenden Polizeibeamten über die Thematik aufzuklären. Es ist erfreulich, wie viel Verständnis und Unterstützung für Palästina und für die Rechte des palästinensischen Volks vorhanden ist. Wir müssen bloß anklopfen.“

Die Polit-Folklore-Truppe sucht laut ihrem „Monatlichen Infoblatt“ ab September 2014 einen neuen Vereinssitz. Interessierte Vermieterinnen und Vermieter machen sich am Besten am Stachus, dem 29. März, selbst ein Bild, wer da anklopft.

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Kennen Sie eigentlich die berühmten Juden des FC Bayern? March 4, 2014 | 02:10 am

Nein? Das könnte daran liegen, weil die Juden 1933 aus dem gesamten deutschen Fußball vertrieben wurden – und danach vergessen. Eine Erinnerung an jüdische Fußballpioniere des FC Bayern:

Otto Alber Beer (* 03. Juni 1891 in Graben, Kreis Karlsruhe – + 25. November 1941 im Ghetto Kaunas
Als einer der ersten Vereine in Deutschland förderte der FC Bayern München konsequent den Nachwuchs fußball. In der Saison 1927/28 gab es 535 Nachwuchsspieler in 36 Mannschaften, kein anderer Verein in Deutschland hatte eine so große Jugendabteilung. Das Konzept trug 1932 Früchte, als die Bayern zum ersten Mal Deutscher Meister wurden. Einer der entscheidenden Männer hinter diesem Erfolg war der gelernte Textilkaufmann Otto Albert Beer, seit den 1920er-Jahren stellvertretender Leiter der Nachwuchsabteilung. Nach der NS-Machtübernahme musste Beer den Klub verlassen und wirkte einige Jahre im jüdischen ITUS München. Nachdem 1938 seine Firma auf Druck der Nazis liquidiert wurde, arbeitete er als Automechaniker, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1941 wurden Beer, seine Frau und ihre beiden Kindern ins Ghetto Kaunas nach Litauen deportiert und dort er mordet.

Alfred Bernstein (* 26. Mai 1897 – + 17. Januar 1972)
Der Torwart Alfred Bernstein begann seine Karriere bei Wacker München, wechselte 1924 aber zum Lokalrivalen FC Bayern. Er war Stammtorwart der Bayern-Mannschaft, die 1926 und 1928 die süddeutsche Meisterschaft gewann. Als Sohn eines aus Wien stammenden jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter galt Bernstein den NS-Rassegesetzen zufolge als »Halbjude«. Nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten blieb er so von Deportation und Ermordung verschont, dennoch hatte er wiederholt Probleme mit der Gestapo.

Richard (Dombi) Kohn (* 27. September 1888 Wien – + 16. Juni 1963 Rotterdam)
Richard, genannt »Little«, Dombi war einer der ungewöhnlichsten Trainer in der Geschichte des FC Bayern München. Er revolutionierte in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren das Fußballtraining, indem er die individuelle Betreuung der Spieler in den Mittelpunkt stellte; außerdem war er noch Manager und Physiotherapeut des Teams. In einer Chronik des FC Bayern heißt es: »Wohl kein Trainer war mit seiner gesamten Zeit so für den Club tätig, als es Dombi war. Er war Trainer, Fitmaker, Masseur, Geschäftsführer und Organisator in einer Person.« Im Juni 1932 erreichte der FC Bayern mit ihm erstmals das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Dank Dombis hervorragender Vorbereitung, der seine Elf bis zum Spieltag von der Öffentlichkeit abschirmte, gelang ein überlegener 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt. Dombi wurde am 27. September 1888 in Wien als Richard Kohn geboren. Den Namen Dombi nahm er während seiner Spielerkarriere beim damals weltbekannten MTK Budapest an. Der Begriff war eine Ableitungdes ungarischen Wortes »Domb« und stand für kleine Hoheit oder Eminenz.

Zwischen 1908 und 1912 wurde Dombi sechs Mal in das österreichische Nationalteam berufen. Seine Trainerlaufbahn begann er Anfang der 1920er-Jahre in Deutschland bei Hertha BSC in Berlin. Dort legte er den Grundstein für die bis heute erfolgreichste Ära in der Vereinsgeschichte, als Herthazwischen 1926 und 1931 sechs Mal in Folge das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreichte. Dombiwar zu diesem Zeitpunkt aber bereits weiter nach Zagreb und ein Jahr später nach Wien gezogen, bevor er in der Saison 1926/27 vom FC Barcelona abgeworben wurde. 1928 kehrte er nach Deutschland zurück und rettete die Sportfreunde Stuttgart vor dem Abstieg. Die folgenden Stationen waren der TSV 1860 München (1928/29) sowie der VfR Mannheim (1929/30).

Ab 1930 arbeitete er für den damals aufstrebenden FC Bayern, aber schon wenige Monate nach dem Gewinn der Meisterschaft war dort kein Platz mehr für ihn. Im September 1933 musste Dombi Nazideutschland verlassen. Er ging zunächst zum FC Barcelona und wenige Monate später zum FC Basel. Von 1935-1939 trainierte er Feyenoord Rotterdam und gewann mit dem Verein 1936 und 1938 die niederländische Meisterschaft. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen überlebte Dombi wahrscheinlich durch Heirat und Konvertierung zum christlichen Glauben. Nach Ende des Weltkriegs übernahm er noch zwei weitere Male das Traineramt in Rotterdam. In einer Feyenoord-Chronik heißt es: »Vom Himmel gesandt wurde uns der größte Trainer, der jemals in den Niederlanden tätig war. Er war es, der Feyenoord eigentlich erst gelehrt hat, Fußball zu spielen.« Richard Dombi verstarb nach langer Krankheit am 16. Juni 1963 in seiner neuen Heimat, den Niederlanden.

Benno Elkan (*2. Dezember 1877 Dortmund – + 10 Januar 1966 London)
Einer der Gründungsväter des FC Bayern München kam ursprünglich aus Dortmund. Der Kaufmannssohn Benno Elkan zog 1897 nach München, um an der renommierten Kunstakademie ein Studium aufzunehmen, wo in diesen Jahren auch Wassily Kandinsky und Paul Klee studierten. Im liberalen und weltoffenen Schwabing, in dem der junge Kunststudent lebte, entstand im Februar 1900 der FC Bayern. Elkan war einer von 17 Unterzeichnern der Gründungsurkunde des Klubs und dabei neben Joseph Pollack eines von mindestens zwei jüdischen Gründungsmitgliedern. Bereits 1901 verließ Elkan München wieder und setzte sein Studium in Karlsruhe fort. In den 1920er-Jahren wurde er zu einem deutschlandweit anerkannten Bildhauer, bis ihm die Nazis ein Berufsverbot auferlegten. Elkan flüchtete 1934 nach London, wo er seine künstlerische Arbeit fortsetzen konnte. Sein bekanntestes Werk ist eine große Skulptur, die 1956 vor dem Eingang des israelischen Parlamentes, der Knesset, aufgestellt wurde.

Kurt Horwitz (* 22. Dezember 1897 Neuruppin – + 14. Februar 1974 München)
Der bekannte Schauspieler war bis 1933 ein begeistertes Mitglied des FC Bayern und Spieler in der Theaterelf der Münchner Kammerspiele, die dem FC Bayern angeschlossen war. 1933 musste Horwitz aus Deutschland in die Schweiz flüchten, wo er u.a. als Direktor des Stadttheaters Basel arbeitete. Anfang der 1950er-Jahre kehrte Horwitz nach München zurück und wurde Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels und schloss sich auch wieder dem FC Bayern an.

Kálmán Konrád (*23. Mai 1896 Palánka, Serbien – + 10. Mai 1989 Stockholm)
Der Bruder von Jenö, Kálmán Konrád, zählte bis 1933 zu den bekanntesten Spieler- und Trainerpersönlichkeiten Europas. Kálmán begann seine Karriere 1914 beim MTK Budapest, bevor er 1919 gemeinsam mit seinem Bruder zu den Wiener Amateuren (heute Austria Wien) wechselte. In den 1920er-Jahren warder dribbelstarke Innenstürmer einer der bekanntesten Torjäger Europas. Legendär waren vor allem seine vier Tore beim 5:0-Derbysieg gegen Rapid Wien im Mai 1926. Die Wiener Sportpresse feierte daraufhin die »sieben Sinne und zwanzig Beine« des Wunderstürmers. Nach einem kurzzeitigem Intermezzo in der US-Profiliga bei den Brooklyn Wanderers ließ Kálmán seine Karriere 1927 beim MTK Budapest ausklingen. Von 1928 bis 1930 war er Trainer des FC Bayern München. Nach Hitlers Machtübernahme flüchtete Kálmán aus Deutschland und übernahm in den folgenden Jahren Trainerposten in der Schweiz, in Tschechien und in Rumänien. Mit Slavia Prag wurde er zweimal tschechischer Meister. 1939 flüchtete er nach Schweden, wo er den Holocaust überlebte. Als Trainer von Malmö FF feierte er 1949 und 1950 den schwedischen Meistertitel.

Berhold Koppel (* 19. Juli 1895 Beilstein/Mosel – + 1942 im Ghetto Pialski/Polen)
Der jüdische Textilunternehmer unterstützte den FC Bayern bis 1933 großzügig. Nach der NS-Macht übernahme musste er sein Unternehmen schließen und wurde 1942 mit Ehefrau und Tochter in das Ghetto Pialski in Polen deportiert, wo sie ermordet wurden.

Kurt Landauer (* 28. Juli 1884 in Planegg, + 21. Dezember 1961 in München)
»Der FC Bayern war sein Leben – nichts und niemand konnte das ändern.« Mit diesem Spruchband feierten die Fans des FC Bayern München im September 2009 ihren langjährigen Vereinspräsidenten Kurt Landauer, der mit Unterbrechungen über vier Jahrzehnte die Geschicke des FC Bayern gelenkt und ihn Anfang der 1930er-Jahre erstmals an die Spitze des deutschen Fußball geführte hatte. Landauer stammte aus einer bürgerlich assimilierten Familie, in der die jüdische Religion nur eine unter geordnete Rolle spielte. Seine Eltern Otto und Hulda betrieben ein gutgehendes Modegeschäft an der Kaufinger Straße, in einer begehrten Lage der Münchner Innenstadt. Die Landauers – Kurt hatte insgesamt fünf Geschwister – galten als Beispiel dafür, dass sich jüdische Herkunft und bayrische Lebensart im Alltaggut verbinden ließen.

Landauer schloss sich 1901, ein Jahr nach Gründung des Klubs, als damals 17-Jähriger dem FC Bayern an. Er war zunächst Spieler, übernahm im Laufe der Zeit aber immer mehr administrative Funktionen und wurde 1913 erstmals zum Präsidenten gewählt. Wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus und Landauer zog wie viele zehntausend Juden für Deutschland in den Krieg. Ein militärisches Gutachten bescheinigte ihm, dass er »nach seinen bürgerlichen und sonstigen Verhältnissen« für die Beförderung zum Offizier geeignet sei. Wenige Monate nach Kriegsende übernahm Landauer 1919 ein zweites Mal die Führung des FC Bayern. Die folgenden gut zehn Jahre wurden zur ersten Blütezeit in der Geschichte des heutigen Rekordmeisters.

Laut FCB-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling zeigte sich Landauer dabei als einer »der großen Visionäre und treibenden Kräfte im deutschen Klubfußball«. Anders als viele Klubs, die in diesen Jahren jeglichen ausländischen Einfluss und Profibestrebungen strikt ablehnten, verpflichtete Landauer international renommierte und professionell arbeitende Spitzentrainer wie William Townley oder den aus Ungarn stammenden Kálmán Konrad. Seinen größten Coup landete er jedoch 1930 mit der Verpflichtung von Richard Dombi. Drei Jahre später, am 12. Juni 1932, gewann der FC Bayern erstmals die Deutsche Meisterschaft. Der 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt wurde zum Höhepunkt in der sportlichen Karriere von Kurt Landauer: Nach ihrer Rückkehr nach München wurden die Mannschaft und er von mehreren zehntausend Anhängern in der Münchner Innenstadt begeistert gefeiert. Unter gewöhnlichen Umständen wäre dieser Sieg lediglich der Anfang einer langen Blütezeit dieses jungen und aufstrebenden Vereins gewesen. Die NS-Machtübernahme jedoch veränderte auch das Gesicht des FC Bayern radikal. Am 22. März 1933, keine acht Wochen nach der Machtübernahme Hitlers, musste Kurt Landauer seinen Rücktritt als Bayern-Präsident erklären.

Im Zuge der »Selbstgleichschaltung« wurde immerhin kein strammer NS-Parteigenosse zum Nachfolger bestimmt, sondern Landauers langjähriger Freund und Weggefährte Siggi Herrmann. Auf diese Weise konnte er noch einige Jahre aus dem Hintergrund einen gewissen Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen. Auch abseits des Fußballplatzes spürte Landauer schon nach wenigen Monaten die Folgen der NS-Politik: Seit 1930 als Anzeigenleiter der »Münchner Neuesten Nachrichten« beschäftigt, wurde ihm am 30. April 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft fristlos gekündigt. Zu Helfern in der Not wurden die Brüder Klauber, alte Weggefährten vom FC Bayern: Sie boten ihm eine Stelle in ihrer Textilfirma an, in der er jedoch nur die Hälfte seines früheren Lohnes verdiente. Im November 1938 begann die schwerste Zeit im Leben von Landauer: Einen Tag nach den Pogromen wurde er ins KZ Dachau deportiert, wo er den Demütigungen seiner Aufseher ausgesetzt war. Als ehemaliger Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs gelang es ihm immerhin, dieser Hölle vergleichsweise schnell zu entkommen. Nach 33 Tagen wurde Landauer entlassen und floh in die Schweiz – ein alles andere als sicherer Zufluchtsort.

Da seine Aufenthaltsgenehmigung immer wieder nur für drei Monate verlängert wurde, musste der alleinlebende Landauer ständig eine Abschiebung nach Nazi-Deutschland und damit in densicheren Tod fürchten. In dieser Lage schenkte ihm der Fußball einen der wenigen schönen Momente. Als er FC Bayern im November 1943 zu einem Freundschaftsspiel in Zürich antrat, war Landauer unter den Zuschauern. Mitgereiste Gestapo-Männer überwachten die Bayern-Spieler und verboten jeglichen Kontakt mit Landauer. Dennoch lief die FCB-Elf nach Abpfiff in Richtung Tribüne und winkte demonstrativ ihrem ehemaligen Präsidenten zu. Für Kurt Landauer war dies ein wichtiges Zeichen, dass er trotz Flucht und Verfolgung in seiner Heimat noch nicht vergessen war.

1947 kehrte er nach München zurück und wurde nur wenige Wochen später als inzwischen 63-Jähriger zum Präsidenten des FC Bayern gewählt. In den folgenden Jahren etablierte er den Verein in der damals erstklassigen Oberliga und verschaffte ihm gegen große Widerstände sein heutiges Vereinsgelände an der Säbener Straße. Seine letzte Amtszeit endete im April 1951. Kurt Landauer, eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des FC Bayern, verstarb im Dezember 1961 im Alter von 77 Jahren in München.

Leopold Moskowitz (* 18. Juli 1886 – + 1962 USA)
Leopold Moskowitz war Inhaber eines Textilgeschäftes auf der Schwanthalerhöhe in München. Bis zur NS-Machtübernahme war er Mitglied und Förderer des FC Bayern. Im August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, gelang ihm die Flucht in die USA.

Hermann Schülein (* 24. Januar 1884 München – + 15. Dezember 1970 New York)
Der Generaldirektor der Löwenbräu-Brauerei in München war bis zu seiner Flucht in die USA 1936 Mitglied des FC Bayern. Nach Kriegsende kehrte er zurück, wurde wieder Bayern-Mitglied und unterstützte den Verein 1954 auch beim Bau eines neuen Sportplatzes.

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Ermöglicht wurde die Recherche durch die DFB-Kulturstiftung, eine Anzeige des Verlags »Die Werkstatt« sowie ein Preisgeld der Stiftung »Gegen Vergessen. Für Demokratie«, von der 11 FREUNDE für »die vorbildliche redaktionelle Arbeit« in Bezug auf Vergangenheitsaufarbeitung und Engagement gegen rechte Tendenzen im Fußball ausgezeichnet worden ist.

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Der deutsche Schicksalskomponist. Beiträge gegen (200 Jahre) Richard Wagner March 3, 2014 | 12:21 pm

Mit vier Beiträgen über einen Begründer des modernen Antisemitismus - Richard Wagner – meldet sich das Audioarchiv zurück.

1.) Lars Quadfasel – Pathische Projektion, auskomponiert. Richard Wagners antisemitisches Gesamtkunstwerk

Lars Quadfasel zeigte in Dresden, wie ideologisch gerade im Falle Wagners die so beliebte Trennung von Werk und Weltanschauung ist und diagnostiziert in Wagners Kompositionen einen Schulfall der Dialektik der Aufklärung. Quadfasel hatte bereits in der „Versorgerin“ über Wagner geschrieben.

Dass Richard Wagner zu den Begründern des modernen Antisemitismus zählt, mögen heute, zweihundert Jahre nach seiner Geburt, nicht einmal die überzeugtesten Wagnerianer mehr leugnen. Stattdessen verlegt man sich auf die Formel ›Genie und Wahn‹: Politisch, so stand anlässlich des Jubeljahres in nahezu jedem Feuilleton zu lesen, mag Wagner ja ›strittig‹ gewesen seien, aber als Komponist war er darum nur um so grandioser.
Zu zeigen wird demgegenüber sein, wie ideologisch gerade im Falle Wagners die so beliebte Trennung von Werk und Weltanschauung ist. In dessen Opern geht das Ressentiment konstitutiv ein. Das beschränkt sich nicht allein auf die »Judenkarikaturen« (Adorno), die im Ring und in den Meistersingern ihr Unwesen treiben. Vielmehr ist es die Konzeption des Musikdramas selbst, in der die Abgrenzung gegen alles ›Undeutsche‹, gegen welschen Tand und Flitter sich verwirklicht. Wagners Kompositionen sind ein Schulfall der Dialektik der Aufklärung: Gerade ihre modernste musikalische Innovationen – der Verzicht auf überkommene Formen, die Aufweichung der Tonalität, die Emanzipation der Klangfarbe – stehen immer schon zugleich im Dienste der Regression, der Mythologie aus zweiter Hand. Indem jedoch Wagners Musik die pathische Projektion, die Verschränkung von Antisemitismus, Misogynie und Kulturindustrie auskomponiert, macht sie sie zugleich auch analysierbar; und genau das soll, auch anhand von ausgewählten Musikbeispiele, in Referat und Diskussion geleistet werden.

Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Seine Texte zu Wagner sind in konkret 5/2013 und der Versorgerin Nr. 99 erschienen. [via]

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2.) A.C. Faschon – Wagner – kein bloßer Betriebsunfall

Die These, dass der Antisemitismus Wagners nach wie vor nicht mit der notwendigen Offenheit behandelt wird, vertrat „A.C. Faschon“ in Leipzig. Wie auch Quadfasel zeigt Faschon mit Hilfe von Musikbeispielen Wagners schwärmerische Visionen eines völkischen Antikapitalismus.

Der Antisemitismus Richard Wagners wird nach wie vor nicht mit der notwendigen Offenheit behandelt. Während das Gros der bürgerlichen Wagner-Apologie auf einer strikten Trennung von Künstler und Kunstwerk insistiert, gibt es im härtesten Kern der Wagnerianer sogar Bestrebungen, den Komponisten überhaupt von sämtlichen Vorwürfen freizusprechen, so als wären Wagners zahlreiche privaten antisemitischen und rassistischen Äußerungen misszuverstehen. Das Gerücht von der „Erlösung der Juden“ ist dabei nur ein besonders makaberer von vielen Versuchen, den aggressiven Antisemitismus Wagners bewusst fehlzudeuten.
Auch wo sich Stimmen gegen den Wagner-Kult erheben, wie in der jüngsten Buchpublikation des Wagner-Urenkels Gottfried Wagner, greift die Kritik doch zu kurz: In Widerstand gegen die unsäglichen Rechtfertigungs- und Reinwaschungsbemühungen stilisiert jener den Komponisten zu einem Anti-Heros par excellence , zu einer Verkörperung des Bösen überhaupt. Vielmehr aber sind die rassistischen und antisemitischen Ressentiments wie auch der politische Opportunismus nicht in Wagners individueller psychologischer Konstitution zu suchen, sondern in den objektiven gesellschaftlichen Verhältnissen, denen solche Tendenzen immanent sind.
Die Symbolik in Richard Wagners Werk, allem voran dem monströsen „Ring des Nibelungen“, ist unmissverständlich und doch nicht explizit formuliert. Es ist der einzige mögliche Schlupfwinkel für die Wagner-Verfechter, zu sagen, all das sei ja nur Fiktion, zusammengeklaubt aus den verschiedensten Mythenwelten, bar jeden Anspruchs, Realität zu sein.
Doch was Wagner mit seinen Traumwelten eigentlich geschaffen hat, das sind schwärmerische Visionen eines völkischen Antikapitalismus, dessen Utopie der nationale Sozialismus ist, und letztendlich ist sein Werk nicht nur äußerlich der Kulturpolitik des Dritten Reichs adäquat. [via]

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3.) Hannes Heer – Von Richard Wagner zu Adolf Hitler. Antisemitische Ideologie und Praxis bei den Bayreuther Festspielen

Leider nicht in bester Aufnahmequalität ist ein Mitschnitt aus dem Hamburger Golem. Dort sprach der Historiker Hannes Heer über die antisemitische Ideologie und Praxis bei den Bayreuther Festspielen von 1876 bis 1944.

„Das Kunstwerk der Zukunft“, dem Richard Wagner in seinen Musik-Dramen im abgelegenen Bayreuth eine spektakuläre Bühne erschuf, wollte eine neue Ästhetik und war zugleich eine Kriegserklärung an die durch die politische und industrielle Revolution im 18. und 19. Jahrhundert entstandene Welt der Moderne. Als deren Verkörperung galt Wagner „der Jude“, den er als den „geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen in ihr“ ansah. Diese angeblich vom „Juden“ geschaffene Welt der Politik, der Unfähigkeit zur Liebe, der Kulturlosigkeit, der Tücke, des Geldes, des Nihilismus ließ er in Figuren wie Beckmesser, Mime, Alberich, Hagen, Kundry und Klingsor Bühnenwirklichkeit werden – alles „Judenkarikaturen“ (Theodor W. Adorno), denen die „deutschen“ Helden Sachs, Siegfried, Brünnhilde und Parsifal entgegengestellt wurden. In seinen antisemitischen Pamphleten attackierte er das Judentum als „den Dämon des Verfalls der Menschheit“ und propagierte dessen „gewaltsame Auswerfung“, das heißt – die „Ausweisung“.
Nach dem Tod des „Meisters“ erbte Cosima Wagner mit den Festspielen auch dessen antagonistische Bühnenwelt. Sie machte aus dem Erbe kein Mausoleum, sondern ein politisches Instrument: Die Inszenierung der Meistersinger 1888 war die erste geplante „judenfreie“ Aufführung in der deutschen Theatergeschichte. In der Folge wurden „jüdische“ Künstler nur eingeladen, wenn keine „deutschen“ zur Verfügung standen und dann nur für die kleinen Rollen oder für die „Judenkarikaturen“.
Ihr Sohn und Nachfolger Siegfried Wagner hat diese antisemitische Besetzungspolitik ab 1908 übernommen. Und er hat unter Anleitung seines Schwagers Houston Stewart Chamberlain, dem Begründer des modernen Rassenantisemitismus, das Feld der antisemitisch-deutschnationalen Tagespolitik betreten: 1916 wurden er und Chamberlain Mitglieder des „Alldeutschen Verbandes“, der rechtsextremen Denkfabrik des Kaiserreichs. 1917 wurde die ganze Familie Mitglied der für den Endsieg eintretenden „Vaterlandspartei“. Und 1923 traten die Angehörigen des Wagner-Clans, nach dem ersten Besuch Hitlers in Wahnfried, in die NSDAP ein. Siegfried duzte von da an den „Führer“ und Winifred verliebte sich in ihn. Dass die Festspiele ab 1933 endgültig zu „Hitlers Hoftheater“ (Thomas Mann) wurden, war also kein Zufall.

Hannes Heer:
Geboren 1941. 1980 bis 1985 Dramaturg und Regisseur am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. 1993 bis 2000 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Hamburger Institut für Sozialforschung und Leiter des Ausstellungsprojektes „Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941 bis 1944“. Zahlreiche Publikationen zur Geschichte von Nationalsozialismus, Krieg und Nachkriegserinnerung. Lebt als Historiker, Publizist und Ausstellungsmacher in Hamburg. [via]

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4.) Gerhard Scheit – “Staatsmusikant” und Staatskritiker, Wagner und Marx

Gerhard Scheit, derzeit als Mitherausgeber der Zeitschrift sans phrase aktiv, fragte in Freiburg, ob der Staatsmusikant Wagner Staatskritiker wider Willen sei. Scheit hatte bereits in der Jungle World über Wagner geschrieben.

Marx beginnt mit dem Gegensatz. Die Elementarform des Reichtums, die Ware, ist nur in der Entgegensetzung von Tauschwert und Gebrauchswert zu begreifen. Jeder Versuch, sie zu leugnen, endet in Regression. Und der Staat ist letztlich der Begriff dafür, dass die Einheit nicht nur durch Recht und Ordnung existiert, sondern in der Krise, wenn alle ihre Teilprozesse auseinanderfliegen, mit einer von aller Fessel befreiten Gewalt wiederhergestellt wird. Die Marxsche Kritik im Kapital aber kann dieser Gewalt wie jener Regression nur widersprechen, indem sie in jeder Konstellation moderner Herrschaft auf dem Gegensatz beharrt und nur durch ihn hindurch deren Einheit bestimmt. – Wagner beginnt mit der Einheit. Der Es-Dur-Akkord, der im berühmten Vorspiel des Ring auf die Natur projiziert wird, fungiert als Ausdruck vollständiger widerspruchsloser Identität, ist tönende Regression. Alle Bewegung darin, die es doch gibt, damit der Klang zum Tragen kommt, soll erscheinen, als wären Gegensätze immer nur die bloße Expression ursprünglicher Einheit. Diese “Phantasmagorie” (Adorno) braucht aber dann als pathische Projektion einerseits den totalen Feind, um loszuwerden, was immer sich in ihrem Reich doch als Nichtidentisches hervorwagt, andererseits wirkt gerade durch diese Projektion hindurch eine Art List der Komposition, die etwas der Kritik fast Vergleichbares leistet. Ist der Staatsmusikant also Staatskritiker wider Willen? Die Antwort soll durch Hörbeispiele erleichtert werden. – Es spricht Gerhard Scheit (Wien), Autor u.a. von Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus und Mitherausgeber der Zeitschrift für Ideologiekritik sans phrase. [via]

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German cartoon of Facebook CEO Zuckerberg sparks anti-Semitism row February 25, 2014 | 03:01 am

Wir dokumentieren den Artikel aus der Jerusalem Post vom 24. Februar 2014 zur kürzlich publizierten antisemitischen Karikatur „Krake Zuckerberg“ der Süddeutschen Zeitung:

BERLIN – A cartoon published by Munich-based Süddeutsche Zeitung (SZ) last week depicting Facebook founder Mark Zuckerberg as an octopus controlling the world with his company brought to mind a cartoon from 1938 Nazi Germany, the Simon Wiesenthal Center said Monday.

The SZ cartoon depicting the Facebook founder with a long nose, triggered sharp criticism from the Wiesenthal Center’s chief Nazi hunter Efraim Zuroff who told The Jerusalem Post that it “is starkly reminiscent of a 1938 Nazi cartoon depicting Winston Churchill as a Jewish octopus encircling the globe. And if anyone has any doubts about the anti-Semitic dimension of the cartoon, we can point to Mark Zuckerberg’s very prominent nose, which is not the case in real life. Absolutely disgusting!” In an email to the Post on Monday, the SZ’s cartoonist Burkhard Mohr wrote: “Anti-Semitism and racism are ideologies which are totally foreign to me.”

Mohr said he was “shocked” that his cartoon appears in this light.

He said that those who know him and his drawings know that “it is the last thing I would do, to defame people because of their nationality, religious view or origin.”

Mohr flatly rejected that his cartoon could be viewed as “anti-Jewish agitation.” He said his cartoon shows the WhatsApp purchase from Facebook and “is a combination of an octopus from the film the Pirates of Caribbean.”

Bohr said what he “meant was a cartoon depiction of the company Facebook beyond a specific person.”

He wrote his cartoon “did not deal with Mr. Zuckerberg, [but] rather Facebook. I am sorry that it led to this misunderstanding and hurt the feelings of some readers.”

Sacha Stawski, the head of the media watchdog organization Honestly Concerned in Germany, told the Post: “Every citizen has the right to be concerned about the invasion of his or her privacy, whether it be in regards to Google, Facebook or whatever multi-level organization it may be… And one may even compare such a multifold invasion into all areas of our privacy to the creeping arms of an octopus. So far so good.”

But, he continued, “The problem begins, however, when one replaces the face of this world-controlling octopus with that of a human, who shows traits, particularly the hooked nose, which the Nazis attributed particularly to Jews, thus transforming an otherwise perfectly acceptable caricature of the company Facebook into an anti-Semitic, Stürmer-like caricature against the Jew Mark Zuckerberg; the octopus, just like snakes, and spiders being frequent ways in which the Stürmer portrayed Jews.”

It is unclear why Mohr’s cartoon appears in two different variations. One showed Zuckerberg with a long nose and a second without a hook-style nose.

Stawski, whose organization works to combat anti-Semitism in the German media said, “interestingly, some people within the SZ must have realized that there was something highly problematic with their caricature, resulting in the unbelievable fact that different versions of the same caricature were published in different parts of the country on the same day.”

Last year, the SZ published a cartoon showing Israel as a demonic monster. The cartoon was widely criticized for depicting Israel in classic anti-Semitic terms.

Weiterführendes:
Vergangene SZ-Karikaturen vom gleichen Schlag
Alan Posener dazu: „Wenn der wütende Spießer den Diskurs bestimmt.“
Publikative.org: SZ macht Facebook zu Jewbook
The Scroll: German Paper Depicts Zuckerberg as Hook-Nosed Octopus
Frankfurter Rundschau: Keine Antisemiten, nirgends!

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Münchner Piraten verstärken Bündnisarbeit gegen Antizionismus February 13, 2014 | 05:00 pm

Auf dem Kreisparteitag letzten Sonntag beschlossen die Münchner Piraten, verstärkt gegen Antizionismus in München vorzugehen. Die Bündnisarbeit mit Organisationen wie AmEchad, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München, der Grünen Jugend München und der Linksjugend Solid solle laut Beschluss verstärkt angestrebt werden.

(Noch) kein offizielles Parteilogo!

„Leider finden auch in München nach wie vor antisemitische und antizionistische Veranstaltungen statt“, hielt die Piratenpartei München auf ihrem Kreisparteitag letzten Sonntag in Milbertshofen fest. Deshalb strebe sie die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen an, heißt es im verabschiedeten Beschluss mit dem Titel „Gemeinsam gegen Antisemitismus und Antizionismus“. Damit ist die Piratenpartei München die einzige Partei in München, die sich zur Bedrohung Israels programmatisch eindeutig verhält. Die Zusammenarbeit mit den genannten Organisationen sei aber auf das Thema beschränkt, wird versichert. Der Beschluss erleichtere vor allem die Teilnahme an derartigen Bündnissen, da dazu kein Vorstandsbeschluss mehr eingeholt werden müsse, erklärte der Antragsteller gegenüber Schlamassel Muc.

Die Piratenpartei Bayern ist in dieser Frage ohnehin ziemlich klar aufgestellt – im Gegensatz zum ein oder anderen Landesverband. Bereits auf dem Landesparteitag im April 2013 in Gmünden hatten die Mitglieder eine für Bayern eigenständige Positionierung durchgewinkt. Darin heißt es, „einseitige, pauschal israelfeindliche und gegen das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels gerichtete Positionen“ seien als antisemitisch anzusehen. Auch bedienten sich Vorstellungen von „Strippenziehern“, die Wirtschaft und Politik heimlich steuerten, oftmals antisemitischer Klischees, steht im Beschluss.

Letztes Jahr hatte sich die Münchner Piratenpartei bereits an einem gemeinsamen Brief an das Eine-Welt-Haus beteiligt, in welchem bis heute in regelmäßiger Häufigkeit israelfeindliche Veranstaltungen stattfinden. Außerdem unterstützen sie die „Initiative Stolpersteine für München“.

Weiterführendes:
Wahlempfehlungen für die Kommunalwahl 2014 in München

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Forgotten Tomb: Rechtsradikale Blackmetalband soll im Backstage aufspielen February 8, 2014 | 11:20 pm

Die rechtsradikale Blackmetalband „Forgotten Tomb“ soll im Backstage auftreten – am 20. April, wenn Neonazis in ganz Deutschland das 125-jährige Jubiläum des „Führergeburtstags“ feiern. Das passt zusammen.


Backstage-Chef Stocker inszeniert sich gerne als großer Nazi-Jäger – doch selbst im eignen Laden geht es nicht immer koscher zu

Am Ostersonntag 2014 wird laut Plan im Backstage das „Dark Easter Metal Meeting“ stattfinden, mit zahlreichen Metalbands aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Frappant: Angekündigt ist unter anderem auch die 1999 gegründete Blackmetalband „Forgotten Tomb“, die damit das erste Mal in der bayerischen Landeshauptstadt anklingen würde. Die italienische Formation wird von Beobachtern der „National Sozialist Blackmetal“-Szene (NSBM) zum rechtsradikalen Spektrum gezählt.

Das erste „Forgotten Tomb“-Album produzierte der Bandleader „Morbid“ im Jahr 2000 mit seinem Label „Treblinka Productions“, eine Anspielung auf das Vernichtungslager Treblinka. Den Namen seines Labels begründete „Morbid“ im Jahr 2004 auf der Online-Seite von „Forgotten Tomb“ auch unmissverständlich: „Ich habe begonnen, manchen Abschaum zu hassen – wie kriminelle Immigranten, drogensüchtige Fotzen, Huren, Drogenhändler, Vergewaltiger und Scheiße wie diese. Sie verdienen es wirklich nicht, zu leben. So habe ich mit Treblinka Productions begonnen, um eine intolerante Art des Denkens zu verbreiten. Ich habe Propaganda gemacht, um die Schlachtfelder wieder zu eröffnen und um diese Idioten in den Ofen zu schicken.“

„E-Gay ein verdammtes, jüdisches Geschäft”
“Morbid” legte sich für ein NSBM-Seitenprojekt mit dem ebenfalls zynischen Namen “The true Gaszimmer“ ins Zeug. Über den Online-Shop Ebay sagte „Morbid“ angeblich, dass dieses „E-Gay ein verdammtes, jüdisches Geschäft” sei. An der menschenverachtenden und antisemitischen Haltung des Bandleaders dürfte sich wenig geändert haben. 2007 sagte er in einem Interview, er habe nichts gegen NSBM, er habe nur etwas gegen „Well-Thinking-Attitude“. Noch im November 2013 wurde „Forgotten Tomb“ zum „Fireblade Force Festival“ angekündigt, das als Highlight der Nazi-Metalszene gilt – allerdings 2013 doch nicht wie geplant im brandenburgischen Barnim stattfinden konnte.

Mit „Forgotten Tomb“ leistet sich das Münchner Backstage wieder einmal eine extrem fragwürdige Band, und das am 20. April, an dem Tag, an dem Neonazis den Geburtstag Adolf Hitlers feiern. 2011 trat beispielsweise – wie auch schon 2010 und 2009 – die Band „Frei.Wild“ im Backstag auf, am sogenannten Volkstrauertag. Im selben Jahr bot das Backstage der umstrittenen Deathmetalband „Minas Morgul“ und der Paganmetalband „Varg“ eine Bühne. Diese Liste ließe sich noch um einiges verlängern. Die Band „Forgotten Tomb“ dürfte allerdings nicht einfach zu verharmlosen sein, auch wenn die Backstage-Leitung darin inzwischen viel Übung hat.

Nachtrag: Am 10. Februar wird die Band aus dem Lineup entfernt. Am 11. Februar berichtet die „Süddeutsche Zeitung“, laut Geschäftsführer Georg Stocker seien „Forgotten Tomb“ nie offiziell bestätigt gewesen. Der „Fehler“ sei beim Co-Veranstalter passiert. Nach Recherchen bei der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus habe Stocker Forgotten Tomb sofort aus dem Programm genommen. Das Backstage kündigt an, am Ostersonntag, 20. April (Hitlers Geburtstag), alle offen rechtsradikal auftretenden Konzertbesucher des Geländes zu verweisen.

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Empfehlungen zur Kommunalwahl 2014 February 7, 2014 | 07:12 pm

Am 16. März wird in München ein neuer Stadtrat gewählt. Wer bei dieser Veranstaltung unbedingt mitmachen möchte, kann ein paar Kreuze gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit setzen. Die Schlamassel-Muc-Wahlempfehlungen 2014:


Eingang zur Galerie des großen Sitzungssaals im Münchner Rathaus

Bei der Stadtratswahl 2014 ist es möglich, die Liste einer Partei anzukreuzen. Wer eine Parteiliste wählt, muss diese aber nicht wie aufgeführt unterstützen. Es ist möglich, Kandidatinnen oder Kandidaten aus der ausgewählten Liste zu streichen. Zusätzlich aber können bis zu achzig Stimmen auf einzelne Kandidatinnen und Kandidaten verschiedenster Parteien verteilt werden (panaschieren). Maximal sind drei Stimmen pro Kandidatin oder Kandidat möglich (kumulieren).

Marian Offman – eine starke Stimme im Rathaus
Der vielleicht wichtigeste Vertreter gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit ist Marian Offman (CSU, Listenplatz 5). Niemand hat sich in den letzten Jahren im Stadtrat exponierter gegen Ausfälle der Stadtverwaltung in Stellung gebracht, wie bespielsweise gegen die vom Kulturreferat geförderten „Palästina Tage“. Offman dazu: „So viel Hass habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt wie bei den Palästina Tagen.“ Drei Stimmen beim Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern dürfen nicht fehlen.

Zwei Grüne für den Stadtrat
Auf der Liste der Grünen ist erstmalig Dominik Krause (Grüne, Listenplatz acht) zu finden, der bis vor Kurzem Sprecher der Grünen Jugend München war. Insbesondere im letzten Jahr trat die Grüne Jugend häufig als Kritikerin antizionistischer Zustände in Erscheinung, unter anderem kritisierte sie die „Nakba“-Ausstellung an der Montessori-Fachhochschule und Veranstaltungen im Eine-Welt-Haus. Es sei „be­sorg­nis­er­re­gend und ab­so­lut in­ak­zep­ta­bel“, dass das Ei­ne-​Welt-​Haus dem „Hass gegen Jü­din­nen und Juden oder der Hetze gegen den Staat der Shoa-​Über­le­ben­den dien­lich ist“, sagte Dominik Krause dazu. Ebenfalls auf der grünen Liste ist Jerzy Montag (Grüne, Listenplatz 75). Montag wurde 2005 zum Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe gewählt. Montag sagt: „Israel hat ein Recht, seine Bürger zu schützen. Und das tut es.“

Licht und Schatten der linken Liste
Von einer allgemeinen Bestätigung der Linkspartei-Liste muss dringend abgeraten werden, lassen sich doch in dieser Reihe viele finden, die in der Vergangenheit gegen Israel gehetzt haben. Wer die Linke trotzdem wählt, sollte mindestens aus der Liste streichen: Jürgen Lohmüller (Linke, Listenplatz 6), Kerem Schamberger (DKP/SDAJ, Listenplatz 14), Walter Listl (DKP, Listenplatz 16), Claus Schreer (DKP, Listenplatz 18), Elfi Padovan (Linke, Listenplatz 23), Henning Hintze (Linke, Listenplatz 56) und Bernhard Michl (Listenplatz 76).

Positiv sind hingegen Brigitte Wolf (Linke, Listenplatz 1) und Jan Tepperies (Linke, Listenplatz acht) hervorzuheben. Beide unterstützten die Linkspartei-Aktivitäten gegen den Sprudlerhersteller Soda-Club im Stadtrat nicht. Soda-Club verteidigt hatte damals übrigens der heutige Bürgermeisterkandidat der SPD, Dieter Reiter. Sowohl Wolf als auch Tepperies sprachen sich auch gegen die Teilnahme von Elfi Padovan bei der sogenannten „Gaza Flottille“ aus. Die Flottille verschärfe den Konflikt allenfalls, warnte Wolf. Zwar engagierte sich die Jugendorganisation Solid München im letzten Jahr ebenfalls vermehrt gegen Antizionismus, aus der Linksjugend hat es aber offenbar niemand auf die Liste geschafft.

Piraten und SPD
Die Piratenpartei München unterstützte einen offenen Brief an das Eine-Welt-Haus 2013. Darin wurde der Vorstand aufgefordert, gegen Israelfeindlichkeit im Hause vorzugehen. Auch wenn von einer allgemeinen Wahlempfehlung abgesehen werden muss, ist festzuhalten, dass sich die Piratenpartei München auf ihrem letzten Kreisparteitag mit einem klaren Beschluss gegen Antizionismus aussprach. Drei Stimmen hat auf jeden Fall Florian Deissenrieder (Piraten, Listenplatz 9) verdient, der sich innerhalb der Partei und in München immer wieder gegen Antizionismus stark machte. SPD-Stadtrat Christian Müller (Listenplatz 15) ist als langjähriger Freund der Israel gewogenen Europäischen Janusz Korczak Akademie bekannt.

Allzu viel versprechen sollte man sich aber auch von dieser Wahl nicht.

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Karawane München zur antiisraelischen Bundeskarawane January 31, 2014 | 08:53 pm

Die Karawane München, die sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzt, distanziert sich entschieden vom antiisraelischen Statement der bundesweiten Karawane, das als Solidaritätserklärung mit Flüchtlingsprotesten in Israel daherkam. Darin wurde unter anderem über eine angebliche „rassistische und kolonialistische Denkart des zionistischen Projekts“ hergezogen. Die Erklärung der Karawane München im Wortlaut:

Wir halten es für notwendig, angesichts der offen zu Tage tretenden, antisemitischen Denkmuster zu intervenieren. Notwendig, weil es keine Option ist, wegzusehen oder es stillschweigend hinzunehmen, dass sich Gruppen, die sich als antirassistisch verstehen und in antirassistischen Zusammenhängen aktiv sind, antisemitische Argumentationsmuster und Motive propagieren und diesen Vorschub leisten.

Mit dem Statement wird der Staat Israel, gegründet als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden nach der Shoah, als “rassistisch und kolonialistisch” diffamiert und sein Existenzrecht negiert. Israel wird konsequent als “zionistisches Projekt” oder “besetztes Palästina” bezeichnet und habe “seine Hand in mehreren bewaffneten Konflikten […]“. Diese Formulierungen bedienen und verbreiten antisemitische Ressentiments und Verschwörungstheorien und machen den vergangenen wie gegenwärtigen Antisemitismus und die Shoah unsichtbar. Hier werden antisemitische Denkfiguren mit einer antirassistischen und flüchtlingssolidarischen Rhetorik lediglich verschleiert.

Es ist kein Zufall, dass es in den letzten Jahren zu einer Zuspitzung der Situation von Flüchtlingen in Israel gekommen ist. Denn mit dem fortschreitenden Verschärfung der Grenzpolitik der EU, vor allem im Mittelmeer, wie auch der zunehmenden Kooperation von nordafrikanischen Staaten wie Libyen und Ägypten erscheint Israel als nächstes, naheliegendes Ziel von Fluchtmigration vor allem aus Ostafrika. Während wir die derzeitige Regierungspolitik gegenüber Flüchtlingen auch in Israel kritisch sehen und uns mit der Protestbewegung der Flüchtlinge dort solidarisch erklären, so halten wir dennoch fest: Der anhaltende Trend zu aufgerüsteten Grenzen, Konstruktion neuer Flüchtlingsgefängnisse und Entrechtung von MigrantInnen ist global.

Die Situation in Israel kann nur vor dem Hintergrund dieser Konstellation betrachtet werden. Wenn sich die Kritik solcher Zustände aber eines Antisemitismus bedient, hat das mit Antirassismus nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil.

30. Januar 2014
Karawane München. Für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen!

Direkt zum Statement

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Tabu-Brecher-Marathon 2014 January 22, 2014 | 01:39 am

Kommende Veranstaltungen zum Land, über das angeblich niemand sprechen, das man nur hinter vorgehaltener Hand kritisieren, für das man sich allenfalls die letzte Tinte aufsparen darf. Die mutigsten Tabu-Brecher der nächsten Wochen im Überblick:


Foto: Blues Sofa, Creative Commons

24. Januar | „Mahnwache ‚Für gerechten Frieden im Nahen Osten‘“ | der „Frauen in Schwarz“ | in der Fußgängerzone Neuhauserstraße 8

29. Januar
| „Die neuen Richtlinien der EU“ | Vortrag von Shir Hever in den Räumlichkeiten der Initiativgruppe | eine Veranstaltung der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“

29. Januar | „Israel, ein zerrissenes Land – zwischen Demokratie und Theokratie“ | Vortrag von Peter Barth im Gasteig

31. Januar | „Frieden für den Nahen und Mittleren Osten?“ | Vortrag von Mohssen Massarrat | auf der Internationalen Münchner Friedenskonferenz 2014 im Literaturhaus

1. Februar | Großdemonstration gegen die sogenannte Sicherheitskonferenz | zusammen mit Salam Shalom, SDAJ München, Freidenkerverband, ALM und anderen antizionistischen Organisationen | Abschlusskundgebung am Marienplatz

07. Februar | „Palästinensische Gebiete: Psychisch gestärkt und für den Notfall ausgebildet“ | eine Veranstaltung des Ärzte der Welt e.V. im EineWeltHaus

10. Febuar | Reuven Moskovitz-Jerusalem im Gespräch mit Fuad Hamdan | EineWeltHaus

26. Februar
| „Kinder im Gazastreifen“ | Karin Nebauer in Kooperation Münchner Friedensbündnis im EineWeltHaus

19. Mai
| „Pilger- und Solidaritätsreisen nach Israel+Palästina“ | veranstaltet vom Karmeliterorden Straubing

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Fundraising für Märtyrer: Montessori-Schule macht trotzdem weiter January 12, 2014 | 04:49 pm

Der Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“ finanziert Märtyrer-Ausbildungen im Libanon. Das hindert die Münchner Montessori-Fachoberschule offenbar nicht, die sogenannte „Nakba“-Ausstellung des Vereins weiterhin zu zeigen. Eltern sollten sich ernsthaft überlegen, ob ihr Nachwuchs auf dieser Schule noch gut aufgehoben ist.


Kinderprogramm von Beit Atfal Assumoud (NISCVT) am „Tag der Märtyrer“ (01.07.2014)

Die libanesische Organisation Beit Atfal Assumoud (NISCVT) fördert nach eigenen Angaben das Gedenken an antiisraelische Märtyrer und das „Märtyrertum“ überhaupt, insbesondere bei Kindern. Tausende Kinder im Libanon sind der Propaganda dieser Organisation ausgesetzt. Ihre dazugehörige Facebook-Seite befüllte Beit Atfal Assumoud ab der zweiten Januarwoche beispielsweise mit Fotos von vermummten Kindern in Tarnanzügen und mit Waffen-Attrappen, die den sogenannten „Tag der Märtyrer“ (07.01.2014) im Libanon zu begehen hatten. Die Kinder waren auch auf Fotos zu sehen, wie sie – ebenfalls in Tarnanzügen – eine tänzerische Wehrsportübung vortragen mussten. Ebenfalls Aufschluss über die Ziele des Vereins gibt die deutlich gemäßigte englischsprachige Website der Organisation. Sie zeigt eine Karte des Nahen Ostens ohne Israel – selbst jüdische Städtegründungen wie Tel Aviv fehlen. Das deutsche Fundraising-Glied von Beit Atfal Assumoud (NISCVT) ist der Verein „Flüchtlingskinder im Libanon“ aus dem süddeutschen Pfullingen. Dieser Verein sammelt in Deutschland Spendengelder und finanziert somit neben Sing- und Bastelkursen den Dschihad gegen Israel vor Ort.

Aktuell ist eine Propaganda-Show des Vereins „Flüchtlingskinder im Libanon“ an der Münchner Montessori-Fachoberschule zu sehen. Die Ausstellung mit dem Titel „Die Nakba – Flucht und Vertreibung der Palästinenser 1948“ ist damit erstmals an einer bayerischen Schule angekommen. Zahlreiche Münchner Organisationen – von der Grünen Jugend München bis zur Israelitischen Kultusgemeinde München – haben die Montessori-Schule schon vor Beginn der Ausstellung dafür scharf kritisiert. Die Schule signalisierte jedoch wenig Verständnis für die kritische Anteilnahme und möchte die geschichtsrevisionistischen Exponate noch bis Mitte Februar im Hause behalten.

Charlotte Knobloch, Vorsitzende der Israelitischen Kultusgemeinde von München und Oberbayern, zeigt sich darüber wenig erfreut: “Vereinigungen wie ‘Flüchtlingskinder im Libanon’ und die ‘National Institution of Social Care and Vocational Training’ behindern mit ihrem fanatischen Hass, der immer wieder zu Terror führt, den Frieden im Nahen Osten.” Die Tätigkeit des Vereins Flüchtlingskinder im Libanon sei auch eine Verletzung elementarer Kinderrechte, fügt Oren Osterer, Sprecher der Europäischen Janusz Korczak Akademie, hinzu.

Mirwald’s merkwürdiges Rahmenprogramm
Es werde aber „viel Begleitprogramm“ geben, das der Einseitigkeit der Ausstellung etwas entgegenhalte, versprach hingegen Schulleiter Carl Mirwald den Münchner Zeitungen in zahlreichen Interviews. Doch von einer differenzierten Sichtweise ist an der Montessori-Schule im Münchner Norden noch heute nicht viel zu bemerken. Die riesigen Aufsteller von „Flüchtlingskinder im Libanon“ dominieren die Säle der Schule, daneben wurden weitere Propaganda-Plakate angebracht, wie beispielsweise ein Bild von Josef und Maria, die vom israelischen Schutzzaun aufgehalten werden oder die antiisraelischen Gedichte von Erich Fried. Auf einer großen Tafel wurden grüne Briefe gesammelt, deren Autorinnen und Autoren sich für die Ausstellung an der Schule aussprachen. Das antizionistische „Palästina Portal“ hatte zu dieser Briefaktion aufgerufen. Bedrohlich, rot und randständig wurden hingegen die ausstellungskritischen Briefe an der Wand platziert.

Keine Zweifel ausräumen konnte auch die am 09. Januar an der Schule anberaumte Podiumsdiskussion. Im Vorfeld ignorierte die Schule bereits mehrmals die Vorschläge der Liberalen Jüdischen Gemeinde München, von ihr vorgeschlagene Diskutanten mit auf das Podium einzuladen. „Die angeblich neutrale Diskussionsveranstaltung ist eine Farce, wenn die Vorschläge zur Besetzung des Podiums der Kritikerinnen und Kritiker einfach ignoriert werden”, kommentierte Jamila Schäfer, Sprecherin der Grünen Jugend München, das Verfahren der Schule. Am Donnerstagabend fanden sich dann neben zahlreichen Schülerinnen und Schülern das Who-Is-Who der Münchner Antizionismus-Szene sowie einige kritische Stimmen im Publikum ein. Auf der Bühne dozierte zuerst Judith Bernstein von der sogenannten „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“, als zweites ihre belesene Hälfte, Reiner Bernstein. Die Veranstaltung stellte somit weder einen Bruch noch eine kritische Ergänzung der Ausstellung dar, sondern vielmehr verteidigte das Podium den Great Nakba-Swindle. Zumindest aber gab selbst Reiner Bernstein an diesem Abend zu, dass einige Aussagen der Ausstellung zu korrigieren seien.

Torsten Weber von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München erhebt indes schwere Vorwürfe gegen Stadt und Land: “Es ist für die Stadt München und für den Freistaat Bayern mehr als beschämend, dass ein derartiger Verein seine anti-israelische Propaganda in einem schulischen Zusammenhang ausbreiten kann.“ Weber appelliert an die Verantwortlichen, diese Form der „politischen Hetze“ zu stoppen. Die Linksjugend fordert ebenfalls, die Ausstellung „sofort zu beenden und eine wirklich differenzierte Auseinandersetzung mit der Geschichte des Nahen Ostens einzuleiten“, so Felix Siegel, Sprecher der Linksjugend München.

Seifenoper der Wespenopfer
Die Schulleitung will immer noch nicht einsehen, dass es – wenn schon keine Boshaftigkeit – doch wenigstens ein Fehler war, sich eine Fundraising-Organisation für Märtyrer ins Haus zu holen. Die Geschichtslehrerin beteuert hingegen, die Ausstellung sei nicht als öffentliche Veranstaltung geplant gewesen, als ob heimliche Propaganda an Schulen besser sei als öffentliche. Schulleiter Mirwald äußerte im Rahmen der Podiumsdiskussion, man habe sich „mehr oder weniger aus Versehen in eine Wespennest“ gesetzt. Dass Mirwald in diesem Zusammenhang nicht zu den Opfern gehören, sondern in der Tradition der Täter stehen könnte, weil er eine ohne Frage antijüdische Ausstellung an seine Schule geholt hat, fällt dem Schulleiter nicht ein. Eltern sollten sich ernsthaft überlegen, ob ihr Nachwuchs auf dieser Schule gut aufgehoben sein kann.

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Gesellschaftliche Naturverhältnisse January 8, 2014 | 07:08 pm

Vom 26.-29. Oktober 2013 richtete die Gruppe »Exit!« ihr Jahresseminar unter dem etwas schlicht formulierten Thema »Gesellschaftliche Naturverhältnisse« aus. Im Folgenden werden alle vier Vorträge dokumentiert, die sich unter unterschiedlichen Gesichtspunkten (Ökonomie, Ökologie, Wissenschaft, Ideologie, Subjekt) mit einer Kritik der historischen wie gegenwärtigen Naturverhältnisse des warenproduzierenden Patriarchats befassten.
Die Mitschnitte sind, größtenteils auch in kleineren ogg-Versionen, ebenfalls auf archive.org zu finden (dort auch alles auf einmal als Zip-Archiv, knapp 400 MB). Bei den Vortragenden handelt es sich mit Ausnahme Karina Koreckys um Exit!-Redakteure. Die dokumentierten Diskussionen enthalten Beiträge u.a. von JustIn Monday und Roswitha Scholz.

Seminarankündigungstext von Roswitha Scholz:

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebte der Kasinokapitalismus in den 1990er Jahren seinen Höhepunkt. In diesem Kontext stellten sich auch linke und feministische Theoriebildung auf kulturalistische und dekonstruktivistische Konzepte um. „Natur“ und eine wie auch immer verstandene „Materie“ waren als Beschäftigungsgegenstand weithin suspendiert, ja geradezu verpönt. Man/frau trug stets die Essentialismus-Keule bei sich. In den 2000er Jahren änderte sich dies, nicht zuletzt die Finanzkrise von 2008 machte deutlich, dass objektive und „materielle“ Problemlagen nicht mehr selbstverständlich zurückgewiesen werden können. Nun drängten auch liegen gelassene ökologische Fragen wieder in den Vordergrund, ausgehend von Skandalisierung der Klimaveränderung. Allerdings sind  postmoderne Schlacken in großen Teilen der Ökologie-Debatte noch deutlich sichtbar: So etwa im linksfeministischen Kontext: „Ziel der sozial-ökologischen Forschung ist es, Wissensinhalte in Bezug auf konkrete Problemlagen zu generieren, die es ermöglichen, praktisch verändernd in die Welt einzugreifen. Dementsprechend beansprucht das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse keine universalisierende Welterklärung, sondern die Generierung kontextualisierten Gestaltungswissens. Gesellschaftliche Naturverhältnisse werden in ihrer Pluralität betrachtet und es wird zwischen  einer Vielzahl gesellschaftlicher Naturverhältnisse differenziert – es gibt nicht das singuläre gesellschaftliche Naturverhältnis.“ (Diana Hummel/Irmgard Schulz, Hervorheb.i.O.)
Wenn wir von gesellschaftlichen Naturverhältnissen sprechen, geht es um etwas anderes, nämlich um das Verhältnis von Natur und kapitalistischem Patriarchat, das sich nicht in postmoderne Pluralität auflösen lässt. Ökologische Probleme können unter kapitalistischen Bedingungen nicht gelöst werden; darüber hinaus weisen neue ökologische Bewegungen starke ideologische Momente auf, die bei fortschreitender Krise ihr Destruktionspotential erst voll entfalten könnten, wie anhand der Postwachstumsbewegung aufgezeigt wird. Außerdem werden Überlegungen zum Androzentrismus in der Geschichte der Naturwissenschaften und zur „Natur des Subjekts und des Staates“ angestellt.

1. Claus Peter Ortlieb: Kapitalistische Krise und Naturschranke

Claus Peter Ortlieb leitete das Seminar ein mit recht umfangreichen Ausführungen zu aktuellen Positionen, die den Zusammenhang von kapitalistischer Ökonomie, Wachstumszwang und den Grenzen der ökologischen Belastbarkeit der natürlichen Umwelt thematisieren – und meist verfehlen. Der Vortrag enthält einige Zwischen- und eine Abschlussdiskussion, die ebenfalls dokumentiert sind. Der eingangs erwähnte Konkret-Artikel zum selben Thema ist mittlerweile online verfügbar.

Anders als die ökonomische Krise, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit als vorübergehende Erscheinung gedeutet wird, wird die ökologische Krise dort durchaus als Grundproblem der modernen Lebensweise wahrgenommen. Allzu offensichtlich ist der Widerspruch zwischen den ökonomischen Wachstumsimperativen auf der einen und der Endlichkeit der stofflichen Ressourcen auf der anderen Seite. Solange allerdings die kapitalistische Produktionsweise für so natürlich gehalten wird wie die Luft zum Atmen, beruhen alle Problemlösungen auf Fiktionen: Während die einen die Naturschranke unter Hinweis auf den technischen Fortschritt als nicht existent vom Tisch wischen, vernachlässigen oder verniedlichen die anderen die systemischen Zwänge und halten allen Ernstes einen Kapitalismus ohne Wachstum für möglich. Dazwischen versucht eine Mehrheit, das Problem durch die Kreation logisch unverträglicher Begriffe wie den des „nachhaltigen Wachstums“ zu vernebeln und sich so die Vereinbarkeit des Unvereinbaren einzureden.

Zur Klärung der Frage, was da eigentlich so zwanghaft wächst, sollen im Referat die im Laufe der kapitalistischen Entwicklung dynamisch sich verändernden Beziehungen zwischen Mehrwertproduktion, stofflichem Output und Ressourcenverbrauch und die aus ihnen resultierenden Wachstumszwänge untersucht werden. Dabei zeigt sich, dass ökonomische und ökologische Krise einerseits dieselbe Ursache in dem immer weiteren Auseinandertreten von stofflichem und abstraktem Reichtum haben. Auf der anderen Seite geraten die innerkapitalistischen Lösungsversuche für beide Krisen miteinander zunehmend in Widerspruch: Während etwa im Rezessionsjahr 2009 die weltweite CO2-Emission tatsächlich leicht zurückging, laufen die vergeblichen Versuche zur Bewältigung der ökonomischen Krise darauf hinaus, noch die letzten natürlichen Schranken gewaltsam zu durchbrechen.

2. Johannes Bareuther: Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft

Die Naturwissenschaften, die das Wissen zur Naturbeherrschung liefern können, tauchen in den Debatten, die sich auf die Kritische Theorie beziehen, in den letzten Jahren nur selten auf. Dankenswerterweise erinnert daher Johannes Bareuther mit seinen Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft an einige Texte und Diskussionen zur Kritik der Naturwissenschaften. Hervorgehoben wird etwa ein unvollendetes Meisterwerk (Fabian Kettner) aus dem Jahr 2004: Eske Bockelmanns Im Takt des Geldes, ein Buch, das anhand der Taktlehre aufzeigen konnte, wie Geld das Denken von seinen Grundlagen her bestimmt. Rhythmus nach betont/unbetont erscheint als etwas ganz Natürliches, ist aber erst seit dem 17. Jahrhundert Norm. Das Referat arbeitet die Grenzen der Untersuchung Bockelmanns sowie den Zusammenhang von Geschlecht und Wissenschaft heraus und nimmt Bezug auf einen älteren Aufsatz von Claus Peter Ortlieb.

Dass ein enger Zusammenhang zwischen der Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften und der kapitalistischen Vergesellschaftung besteht, aus dem sich auch deren destruktive Tendenzen erklären, diese Ahnung treibt schon länger TheoretikerInnen um. 2004 wies Eske Bockelmann in überzeugender Weise nach, dass sich die gesetzesförmige Naturerkenntnis der klassischen Mechanik einer an der Ware-Geld-Beziehung erlernten Abstraktionsleistung verdankt. Nicht in den Blick gerät in seiner Studie (wie in vielen anderen Wissenschaftskritiken) jedoch, welch konstitutive Rolle dem sich in derselben Zeit umwälzenden Geschlechterverhältnis hinsichtlich den naturwissenschaftlichen Denk- und Praxisformen zukam. Und dies, obwohl feministische Theoretikerinnen wie Elvira Scheich und Evelyn Fox Keller diesem Zusammenhang auf unterschiedlichen Ebenen bereits seit den 1980er Jahren nachgegangen sind. Keller untersuchte u. a. die geschlechtliche Metaphorik in den Schriften Francis Bacons, der von Bockelmann wie schon zuvor von Adorno/Horkheimer als Kronzeuge des modernen Programms wissenschaftlicher Naturbeherrschung herangezogen wird. Scheich wiederum knüpft in ihrem Buch Naturbeherrschung und Weiblichkeit (1993) an Sohn-Rethels Versuche an, die Entstehung der Naturwissenschaft aus der formalen Vergesellschaftung über das Geld zu erklären. Dabei erweitert sie Sohn-Rethels androzentrische Perspektive um die Dimension der abgespaltenen, unbewusst gemachten Gesellschaftlichkeit des Geschlechterverhältnisses und hebt die Bedeutung des Phantasmas der Weiblichkeit für das wissenschaftliche Naturverhältnis der Moderne hervor.

Der Vortrag möchte, an die feministische Wissenschaftskritik anknüpfend, einige Überlegungen vorstellen, wie eine wert-abspaltungs-theoretisch akzentuierte Kritik der Naturwissenschaft aussehen kann, wobei der Schwerpunkt auf der historischen Konstitutionsphase um das 17. Jahrhundert liegen wird.

Literatur:

Bockelmann, Eske (2004): Im Takt des Geldes: Zur Genese modernen Denkens. 1., Aufl. Springe: Zu Klampen.
Braun, Kathrin; Kremer, Elisabeth (1987): Asketischer Eros und die Rekonstruktion der Natur zur Maschine. Oldenburg: Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg (Studien zur Soziologie und Politikwissenschaft).
Keller, Evelyn Fox (1986): Liebe, Macht und Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft. Carl Hanser.
Merchant, Carolyn (1987): Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft. C.H. Beck Verlag.
Ortlieb, Claus Peter (1998): „Bewusstlose Objektivität – Aspekte einer Kritik der mathematischen Naturwissenschaft“. In: Krisis. (21/22).
Scheich, Elvira (1993): Naturbeherrschung und Weiblichkeit: Denkformen und Phantasmen der modernen Naturwissenschaften. Pfaffenweiler: Centaurus (Feministische Theorie und Politik).
Scheich, Elvira (1990): „„Natur“ im 18. Jahrhundert und die Bestimmung der Geschlechterdifferenz“. In: Gerhard, Ute; Jansen, Mechtild; Andrea, Maihofer; u. a. (Hrsg.) Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt am Main: Ulrike Helmer Verlag.

    Hören:

    Download via AArchiv: Vortrag (1:10 h mit Zwischendiskussion, 42 MB), Diskussion (0:18 h, 11 MB)

3. Karina Korecky: »Man nennt mich Natur und ich bin doch ganz Kunst«: Zur Natur des Subjekts und des Staates

Karina Korecky widmet sich der Geschichte des bürgerlichen Naturverhältnisses auf der Ebene der politischen Theorie. Die »innere Natur des Menschen«, die in den Vertragstheorien seit Hobbes als Voraussetzung des politischen Gemeinwesens, bürgerlicher Subjektivität und Rechtsgleichheit begriffen worden ist, verlor im Zuge der »Biopolitik« des »autoritären Staates« den Charakter einer positiven Berufungsinstanz und wurde folgerichtig im 20. Jh. zum Gegenstand rücksichtsloser »Dekonstruktion«. Wie angesichts dieser historischen Konstellation noch ein »Eingedenken der Natur im Subjekt« (Horkheimer/Adorno) möglich ist, ohne Natur zur Parole verkommen zu lassen, ist die letztlich unbeantwortbar bleibende Frage des Vortrags, der an vielen Stellen sympathisch-unsichere, fragende, aporetische Züge trägt.

Wer in kritischer Absicht von den Gründen für Unfreiheit, Unterdrückung und Diskriminierung spricht, verortet diese normalerweise in der Gesellschaft oder im Sozialen, keineswegs in der Natur. Alles, was gesellschaftlich, sozial, gemacht oder konstruiert ist, kann verändert werden, während „Natur“ Ungleichheit und Zwang verfestigt und legitimiert. Einst war das genau anders herum: Die Natur war gut und ihr zum Durchbruch zu verhelfen Programm der Aufklärung zur Durchsetzung von Freiheit und Gleichheit.

Die freundliche Natur der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde zweihundert Jahre später zur Berufungsinstanz für Ungleichheit. Wer heute für gleiche Rechte kämpft, kritisiert „Naturalisierung“ und „Biologismus“. Am konsequentesten – sozusagen als Aufklärung mit umgekehrten Vorzeichen – geht dabei der linke Poststrukturalismus vor, der eine klare Feinderklärung an Natur abgibt und auf die Fähigkeiten des Geistes zur (De-)Konstruktion setzt. Demgegenüber steht in der linken Debatte ein eher hilfloser und vage bleibender Verweis auf Natur als das unverfügbare Moment, das sich sperrt, nicht aufgeht im beherrschenden Zugriff – manchmal verbunden mit der Hoffnung, da möge es ein Außen der gesellschaftlichen Totalität geben, vielleicht sogar einen Ausgangspunkt, an dem der revolutionäre Hebel angesetzt werden kann.

Der Vortrag handelt von der inneren Natur als Voraussetzung von Subjekt (Natur des Menschen) und Staat (Naturzustand) und ihrer Geschichte. Gezeigt werden soll, dass Materialismus nicht heißen kann, nach dem richtigen Naturbegriff zu suchen, sondern die Geschichte des Verhältnisses von Geist und Natur zu erzählen: von der Befreiung versprechenden Natur zur Biopolitik des autoritären Staates.

    Hören:

    Download via AArchiv: Vortrag (0:52 h, 31 MB)

4. Daniel Späth: Postwachstumsbewegung: Eine Variante (links)liberaler Krisenverdrängung

Daniel Späth sprach noch einmal (siehe Mitschnitt aus Halle) über die verschiedenen Varianten linker und liberaler »Wachstumskritik«, die er in einen Zusammenhang mit der Aufklärungsphilosophie stellt.

Es ist ein Wesensmerkmal des linken ideologiekritischen Reduktionismus, sich in den vielfältigen Polaritäten moderner Subjektivität einzurichten und damit Freiheit im Sinne Adornos, als kritische Verweigerung gegenüber den herrschenden Alternativen, der Partikularität zu überantworten. Ob nun der Idealismus zu einem Materialismus (Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt) oder aber der Subjektivismus zu einem Objektivismus („Historischer Materialismus“) gewendet wird, das Resultat ist immer dasselbe: Als kritische Weiterentwicklung der bürgerlichen Vernunft apostrophiert, desavouiert sich der identitätslogische Anbau an der modernen Theoriearchitektur nicht etwa als transzendierende Kritik, sondern regelmäßig als ein immanenter Widerpart. Dieser Reduktionismus blamiert sich insbesondere in der Krise des warenproduzierenden Patriarchats. Der westliche Linksradikalismus, der statt der Fundamentalkrise überall „Chancen“ und „Aushandlungsoptionen“ wittert, hat die realgeschichtlichen Metamorphosen der Aufklärungsvernunft nicht überwunden, welche vielmehr zum unhinterfragbaren Selbstverständnis sedimentierte. Der weithin neoliberalisierten Linken scheinen sich quasi naturwüchsig neue Alternativen zu eröffnen: „Aufklärung“ versus „Gegenaufklärung“, „Vernunft“ versus „Unvernunft“, „Liberalismus“ versus „Volkstum“ etc., wobei, der identitätslogischen Versessenheit folgend, erstere gerne dem „rationalen Westen“ und letztere irgendwelchen „irrationalen Banden“ zugeordnet werden, wodurch der eigene männlich-westliche, weiße Standpunkt wieder mal fein raus ist.

Einer derart verkürzten „Ideologiekritik“ muss die „Postwachstumsbewegung“ als Wiederkehr eines ausgemacht völkischen Denkens gelten. Schließlich operieren ihre VertreterInnen nicht nur mit einem positiven Naturbegriff, darüber hinaus verweisen die diversen Begründungsmodi eines „falschen Wachstums“ auf eine strukturell antisemitische Ideologie, deren Ursachendiagnostik bezüglich der Krise sich ausschließlich auf das dämonisierte Finanzkapital und den inkriminierten Zins kapriziert. Für die assoziative Grundgesinnung des postmodernisierten Linksradikalismus bedürfte es hierbei keinerlei dialektischer Begründung mehr, zumindest dort, wo derartige Sachverhalte noch einem Anspruch der Kritik unterliegen: Naturversessenheit und struktureller Antisemitismus – na, wenn das kein völkisches Denken ist… Allerdings handelt es sich hierbei um einen Trugschluss. Denn dass struktureller Antisemitismus und ein problematischer Naturbegriff gleichwohl zu Bestandteilen liberaler Gesinnung gerinnen können, soll an ausgewählten Texten jener „Postwachstumsbewegung“ rekonstruiert werden. In diesem Sinne wird der erste Teil des Vortrags einen erkenntnis- und ideologiekritischen Durchgang durch zentrale Referenztheorien der Postwachstumsideologie (Immanuel Kant/ Silvio Gesell) versuchen, um den gemeinsamen epistemologischen Bezugsrahmen einer liberalen Zins- bzw. Geld„kritik“ offenzulegen, um sodann ihre zentrale Kategorie in den Fokus zu rücken: Die Natur. Auch weitere wichtige Aspekte der Postwachstumsbewegung (Regionalwährung, quasi subsistenzwirtschaftliche Arbeitsformen, neue Maßstäbe des Wachstums etc.) werden dabei einer Kritik unterzogen und in den Kontext der Fundamentalkrise gerückt, deren konstitutiver Bedingungszusammenhang für jene liberale „Kritik“ des Wachstums evident ist.

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    Download via AArchiv: Teil 1 via AArchiv (0:40 h, 24 MB), Teil 2 (1:13 h, 44 MB)

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Der Antisemitismus und die Linke – Antisemitism and the Left January 6, 2014 | 09:00 am

This post includes two presentations in english language – english descriptions you find further down (point 3 and 4). Please forgive, if there are some mistakes in the english descriptions. | Zu Antizionismus und sekundärem Antisemitismus vgl. auch diesen Beitrag.

1.) Die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung

Peter Nowak hat am 19.09.2013 in Erfurt einen Vortrag (organisiert vom BiKo und der Offenen Arbeit) über die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung im deutschsprachigen Raum gehalten, der auf seinem Buch „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der in der deutschen Linken“ basierte, das kürzlich bei Edition Assemblage erschienen ist. Der Vortrag ist eher in einem chronologisch-erzählendem Stil gehalten, die theoretischen Diskussionen über die ideologische Struktur und den Stellenwert des Antisemitismus sind hingegen kaum entfaltet. Der Vortrag ist dennoch interessant – vor allem für solche, die sich zunächst einen Überblick über die Gemengelage verschaffen wollen. Stationen des Vortrags sind u.a. die Texte „Gerd Albartus ist tot“ und „Das Ende der Politik“ der Revolutionären Zellen / Rote Zora (interessant: die Textsammlung „Früchte des Zorns“), der Zerfall des Kommunistischen Bundes und die Spaltung des „Arbeiterkampfes“, die Diskussionen um eine Hamburger Wandbemalung, die Nie-Wieder-Deutschland-Kampagne und später die Diskussionen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001. Unverständlich bleibt mir, was ein „progressiver Antizionismus“ sein soll, den Nowak vom „regressiven Antizionismus“ unterschieden wissen will.

Über den Antisemitismus in der linken Bewegung ist in den letzten 20 Jahren viel geschrieben worden. Doch warum hat gerade dieses Thema eine solche Sprengkraft entwickelt, dass langjährige politische Zusammenhänge, alte politische Freundschaften und viele Wohngemeinschaften daran in die Brüche gegangen sind? Oft sind die politischen Zusammenhänge nicht mehr bekannt, die dafür sorgten, dass diese Debatte in Deutschland einen solchen Stellenwert bekommen hat. Der Journalist Peter Nowak hat in der edition assemblage die „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte“ herausgegeben, in der an einige bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Anderem von Wolfgang Pohrt und Moishe Postone verfasste Grundlagentexte zur Antisemitismusdebatte erinnert wird, die erst nach 1989 in den Teilen einer Linken rezipiert wurde, die sich kritisch mit Staat und Nation auseinanderzusetzen begannen. Auf der Veranstaltung soll auch an konkreten Beispielen aufgezeigt werden, wie sich der Fokus der Antisemitismusdebatte von der Politik in Deutschland auf den Nahen Osten verlagerte und welche politischen Implikationen damit verbunden waren. Besonders die Auswirkungen, die die islamistischen Anschläge vom 11.09.2001 auf die Antisemitismusdebatte hatten, soll genauer dargestellt werden. Schließlich soll ein Vorschlag zur Versachlichung zur Diskussion gestellt werden, der an Diskussionen anknüpft, wie sie in der letzten Zeit in linken Zusammenhängen geführt wurde, die weder ein Interesse daran haben, dass sich die Antisemitismusdebatte ständig nur wiederholt, die aber auch nicht bereit sind, bestimmte in der Auseinandersetzung mit regressiven Antizionismus und verkürzter Kapitalismuskritik gewonnene Grundlagen aufzugeben.

Peter Nowak lebt in Berlin und arbeitet als Journalist unter Anderem für die Jungle World und das Onlinemagazin Telepolis.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Offenen Arbeit Erfurt mit dem Bildungskollektiv Biko und gefördert vom Lokalen Aktionsplan der Stadt Erfurt.
mehr: http://peter-nowak-journalist.de/ [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 63,7 MB; 1:09:34 h)

2.) Wie hältst du es mit Israel? Zündfunkgenerator über linken Antisemitismus

Mit dem Verhältnis der Linken zu Israel hat sich Anfang des vergangenen Jahres ein Feature der Sendereihe „Zündfunk-Generator“ auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ist die kurzzeitige Aufregung, die Anfang des Jahres 2010 innerhalb und außerhalb der Partei „Die Linke“ entstand, nachdem bei einem Besuch des israelischen Staatspräsidenten im Bundestag Sarah Wagenknecht und drei weitere Linke-Abgeordnete demonstrativ sitzen geblieben waren. Zu Wort kommen u.a. Henryk M. Broder, Peter Ullrich, Stefanie Schüler-Springorum und Bodo Ramelow. Zu Beginn des Features gibt es einen kurzen Blick in die Geschichte des linken Antisemitismus von der Arbeiterbewegung bis zur Neuen Linken, später verliert sich das Feature m.E. (u.a. anhand der Augstein-Debatte) in der unvermeidlichen Frage, was man in der Debatte um Israel darf und was nicht, es geht um Fallstricke und Sicherheitskriterien. Das Feature ist um Ausgewogenheit und die Vermeidung von „extremen Positionen“ bemüht – was nicht selten zum Nachteil für Israel gerät, dem man freilich ein Existenzrecht zuspricht. In diesem Fall wird Jakob Augstein kurz vor Ende vom Antisemitismusverdacht freigesprochen.

    Download: via Rapidshare (mp3; 47,8 MB; 52:09 min)
    Hören: auf BR2

3.) Antisemitism and the Left: A German-U.S. Comparison

Am 29.11.2011 hat Zeena Arnold in New York für die Gruppe „The Platypus Affilated Society“ (eine Gruppierung, die Moishe Postone nahesteht) einen Vortrag über Antisemitismus und die Linke gehalten, der u.a. auf antisemitische Manifestationen in der us-amerikanischen Occupy-Bewegung (z.B. hier) reagiert. Skizzenartig stellt sie einige Grundmerkmale des Antisemitismus vor, wobei sie auch auf den sekundären und strukturellen Antisemitismus eingeht und darlegt inwiefern Antikapitalismus und Antisemitismus zusammengehen können. In ihrer kurzen historischen Darstellung geht sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den deutschen und amerikanischen Verhältnissen ein. In ihren Ausführungen bezieht sie sich u.a. auf Adorno und Horkheimer sowie auf Moishe Postone (Antisemitismus und Nationalsozialismus).

On 29.11.2011 Zeena Arnold held a lecture about Antisemitism and the Left at the university in New York, that was organised by the group „The Platypus Affilated Society“. In a way the lecture was a reaction on some antisemitic manifestations within the Occupy movement (one example). Roughly sketched she talked about general characteristics of antisemitism, as secondary and structural antisemitism and shew how anticapapitalism and antisemitism (not necessarily) can go together. In her historical portrayal she compared antisemitism in Germany/Europe and in the USA. In her explanations she quoted Adorno and Horkheimer („Dialectic of Enlightment“, specially the chapter „Elements of Antisemitism“), as Moishe Postone („History and Helplessness“, „Antisemitism and National Socialism“).

From accusations directed towards Occupy Wall Street to arson attacks in Brooklyn, antisemitism has reemerged as a concern of the left in recent months. This talk will look at the relationship between the left and antisemitism, giving an overview of different historical forms, analyzing divergent theoretical explanations, and comparing the U.S. and German cases. Special attention will be given to examining the particular relationship of antisemitism to political economy and critiques of capitalism, the political implications of viewing antisemitism as a form of prejudice versus an ideology, and left debates around antisemitism and Israel post-9/11. This event continues the transatlantic dialogue series initiated by the Platypus Affiliated Society which aims to rebuild an emancipatory internationalism. Zeena Arnold is an activist and scholar from Germany researching perspectives on antisemitism within the U.S. left. [via]

    Download: via Archive.org (mp3; 87,6 MB; 1:16:32 h) | via AArchiv: Lecture (40 MB; 43:39 min) / Discussion (30,1 MB; 32:52 min)

4.) Israel, the Left, and the Crisis of the Late 1960s

Unter diesem Titel liegt uns ein Vortrag von Moishe Postone vor, den er an der Universität Wisconsin-Madison gehalten hat. Wenn ich es richtig verstanden habe (die etwas verhallte Aufnahme macht es etwas schwierig, das Englisch zu verstehen), versucht er einen Zusammenhang zwischen dem linken Antisemitismus und Antizionismus und der Ende der 60′er, Anfang der 70′er Jahre nach einer Periode der Prosperität erstmals wieder einbrechenden Krise zu rekonstruieren. Dabei greift er auf Aspekte seiner Antisemitismus-Theorie zurück, die er in Antisemitismus und Nationalsozialismus entwickelt hat. [Falls jemand eine genauere Inhaltsangabe schreiben kann/will – her damit!]

We present a lecture, Moishe Postone held at the University of Wisconsin-Madison. If I unterstood correctly (the quality is not the best, what makes it difficult for me to understand the english language), he tries to reconstruct a dependence between the leftist antisemitism and antizionism and the crisis in the late 60’s / early 70’s, that hit after a period of prosperity. For this he quotes aspects of his theory of antisemitism, he has expounded in his text „Antisemitism and National Socialism“. [If somebody wants to give a more exactly summary – you‘re welcome!]

    Download: via AArchiv (45,5 MB; 49:41 min) | via Soundcloud

5.) Zeiten des Zorns – Zur Geschichte und Politik der Revolutionären Zellen

Back to Germany: Die letzten Statements der Revolutionären Zellen sind dahingehend mit der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken verbunden, als dass in ihnen — mehr als 10 Jahre nach der Entebbe-Entführung, bei denen Mitglieder der RZ Juden und Nicht-Juden voneinander selektiert hatten — erstmals aus der antiimperialistischen Bewegung heraus Zweifel am linken Antizionismus formuliert wurde, der fest in der Theorie und Praxis der bewaffneten Gruppen verankert war. In ihrer Bewertung der Geschichte der RZ spielen Antisemitismus und Antizionismus zwar keine Rolle (bzw. werden kurz als unwesentlich abgetan), der Vortrag von Klaus Viehmann (ehemals Bewegung 2. Juni) und Stefan Wisniewski (Ex-RAF-Mitglied), den beide am 22.03.2001 im Berliner SO36 gehalten haben, ist dennoch interessant, da er einen ausführlichen Überblick über die Aktivitäten, Aktionsformen und Debatten der RZ von ihren ersten Aktionen bis zu ihrer Auflösung gibt. Zwischendurch sind Ausschnitte aus einem Interview mit Enno Schwall (RZ) von 1986 einmontiert, das damals nicht veröffentlicht wurde. Schwall gibt darin Statements zu einer (damals) neuen Perspektive auf den bewaffneten Kampf, wie sie den RZ vorschwebte.

Durch eine Reihe von Verhaftungen wurden Revolutinäre Zellen und Rote Zora wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt. Aber hinter den Fragen der Solidarität mit den Angeklagten, der Prozessstraegie oder der Auswirkungen von Verrat ist die Politik dieser Gruppen aus der linken Diskussion fast verschwunden. In der Veranstaltung soll die langjährige Geschichte der RZ vorgestellt und diskutiert werden. Wieso entstanden die RZ Anfang der 70er Jahre? Mit welcher Konzeption traten sie an? Welche Sozialrevolutionären und antiimperialistischen Ansätze versuchten sie zu verwirklichen? Wie kam es zur Aktion gegen die OPEC- Konferenz 1995 und zur Entführen eines Verkehrsflugzeuges nach Entebbe 1976? Wie veränderten sich die RZ in den 80er Jahren? Warum wurde die „Flüchtlingskampagne“ gestartet? Und wieso haben die RZ ihre Aktionen seit einigen Jahren eingestellt? Ausschnitte aus dem Film der Veranstaltung am 22. März 2001 im SO 36 in Berlin u.a. mit Klaus Viehmann (Bewegung 2. Juni und zu 15 Jahre Haft verurteilt. Von 1978 bis 1993 im Knast) und Stefan Wisniewski (RAF und zu zweimal lebenslänglich verurteilt, 1978 – 1999 in Haft.)

    Download (Audio): via AArchiv (75,9 MB; 1:22:53 h)
    Video: youtube oder

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Antizionismus ohne Israel December 22, 2013 | 09:00 pm

Es mag zunächst absurd erscheinen, in Bezug auf eine Zeit vor der Staatsgründung Israels, ja gar vor dem Aufkommen eines zionistischen Staatsgründungsvorhabens, von »Antizionismus« zu sprechen. Es gibt jedoch mehr als bloß Indizien dafür, dass der gemeine Antisemitismus schon immer auch eine politische Ausdrucksform hatte, die sich gegen die Möglichkeit eines staatlichen, jüdischen Gemeinwesens richtete. Zwei Vorträge beleuchten diesen Zusammenhang und widmen sich dabei auch der Problematik des »sekundären Antisemitismus« als Erklärungsansatz von (insbesondere linker) Israel-Feinschaft im 20. Jahrhundert und heute.

1. Antizionismus ohne Israel. Der Haß auf den jüdischen Staat im deutschen Idealismus um die Wende zum 19. Jahrhundert

Daniel Späth (Redaktion Exit!) wurde – überraschend genug – nach Freiburg eingeladen, um im Jour Fixe-Programm der ISF Thesen zum Antizionismus bei Kant und Hegel vorzustellen. Seine Ausführungen beschränkten sich aus Gründen des Umfangs auf Immanuel Kant und dessen Antisemitismus. Die recht voraussetzungvolle Argumentation ist nachzulesen in der Exit! #10; ein (Teil-)Aufsatz zu Hegel in der Ausgabe #11.

Download: Teil 1 (0:36 h, 21 MB), Teil 2 (0:45 h, 27 MB)

Es ist ein gängiger Topos der linken Antisemitismuskritik, daß der “sekundäre Antisemitismus” nach Auschwitz zu einer Verschiebung in der judenfeindlicher Agitation geführt habe, sodaß die “klassischen” Stereotype des Judenhasses nun randständig seien. Nicht der “Wucher-Jude” mit der langen Nase werde heute als Verkörperung der Weltverschwörung identifiziert, sondern Israel, wobei der Judenhaß in Form von Staatskritik ein scheinbar unverfängliches Objekt hat: Man wird ja wohl noch Staaten kritisieren dürfen… Aber so unverzichtbar daran die kritische Einsicht ist, daß Auschwitz ins kollektive Unbewußte sedimentierte und daher ein deutscher Schuldkomplex entstand, der die Wiederkehr des Verdrängten an neuen Symboliken zu bekämpfen sich anstrengt, so verkürzt muß eine Antizionismuskritik bleiben, die von der bloßen Verschiebung des Antisemitismus zum Antizionismus ausgeht, d.h. von einer bloß sekundären Wirksamkeit des israelfeindlichen Ressentiments. Denn damit wird die fetischistische Selbstständigkeit antisemitischer Ideologiebildung ausgeblendet, die sich unabhängig vom realen Verhalten von Juden artikuliert. Wie der Antisemitismus auch ohne Juden und Jüdinnen seinem Wahn frönt, so existieren schon lange vor der Staatsgründung Israels eindeutig antizionistische Motive. Vor allem der deutsche Idealismus in seiner durchweg affirmativen Installation bürgerlicher Vernunft generierte bereits Ende des 18. Jahrhundert das Phantasma einer dezidierten “Unmöglichkeit” jüdischer Staatlichkeit, lange bevor dies auf der politischen Tagesordnung stand. Es verwundert nicht, daß die antideutsche Theoriebildung auf diesem Auge bis heute blind ist. Schließlich gilt ihr die bürgerliche Vernunft als letzter Restposten, als immanenter Rückzugsort gegenüber einem scheinbaren “Aufklärungsverrat”, wie er vor allem in der islamistischen Barbarei und im völkischen Antiimperialismus ausgemacht wird. Dabei übersieht die antideutsche Theorie, daß es die bürgerliche Vernunft selbst ist, die aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus antisemitische und antizionistische Denkformen setzt und nicht etwa die Irrationalität einer wie auch immer gearteten “Gegenaufklärung”. – Es spricht Daniel Späth (Tübingen), der für “Exit! Kritik der Warengesellschaft” schreibt (etwa Das Elend der Aufklärung: Antisemitismus/ Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant in N° 10, Horlemann-Verlag, Berlin 2012, sowie Form- und Ideologiekritik der frühen Hegelschen Systeme I, in N° 11/2013), dazu auf http://linkeirrwege.blogsport.de/ publiziert.

2. Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Olaf Kistenmacher widmete sich bereits 2011, in einem in Ludwigsburg gehaltenen Vortrag, der Frage, warum im sekundären Antisemitismus nicht die Ursache für den Hass auf Israel innerhalb der deutschen Linken seit 1967 zu sehen ist. Anhand von auf den Nahen Osten bezogenen Äußerungen und Einschätzungen der KPD der 1920er Jahre beleuchtete er die Vorgeschichte des linken Antizionismus.

Download: Ohne Jingle via AArchiv (0:58 h, 20 MB) | Mit Jingle via FRN (1 h, 56 MB)

Die Sendung enthält eine kurze Moderation bzw. Einleitung von Lothar Galow-Bergemann (Emanzipation und Frieden) und einen Eröffnungsjingle, den ich weggeschnitten habe.

Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet die Kritische Theorie eine Judenfeindschaft, die erst nach 1945 entstanden ist. Dieser Erklärungsansatz wird oft für den Antisemitismus in der politischen Linken herangezogen, denn er benennt die besonderen Motive, die gerade nach 1945 für eine antifaschistische Linke zentral sind: Um Schuldgefühle abzuwehren, setzten radikale Linke die Politik des Staates Israel mit der Shoah gleich.
Doch dieser Ansatz kann nicht die Vorgeschichte des linken Antizionismus erklären: Bereits Ende der 1920er Jahre setzte die KPD den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, während sie andere Nationalbewegungen unterstützte. Ihre Tageszeitung „Die Rote Fahne“ befürwortete 1929 ein Pogrom in Palästina, das über zwei Wochen andauerte und bei dem über hundert Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zur gleichen Zeit stellten andere Artikel „Juden“ als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse und als Unterstützer der NSDAP dar. Überschriften in der „Roten Fahne“ lauteten in den Jahren „Das Dritte Reich schützt die jüdischen Warenhäuser“ (1930), „Hitler proklamiert Rettung der reichen Juden“ (1931) oder „Nazis für jüdisches Kapital“ (1932). Dieser Antisemitismus war mit der gleichzeitigen Ablehnung von Judenfeindschaft insofern vereinbar, als die kommunistische Bewegung Judenhass als „Sozialismus der dummen Kerls“ deutete. Diese Deutung implizierte aber, an der Vorstellung festzuhalten, „Juden“ stünden tatsächlich auf der Seite des Kapitals – und der Zionismus wäre der „Kettenhund des Imperialismus“ im Nahen Osten, wie die „Rote Fahne“ 1925 verlautbarte.

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The Great Nakba-Swindle Meets Munich December 12, 2013 | 01:38 pm


Zeremonie zur Vorbereitung des „Nakba“-Tages in Beirut (gefunden in einem des Zionismus unverdächtigen Blog)

Der Begriff „Nakba“ bedeutet auf arabisch Katastrophe und wurde von radikalen palästinensischen Gruppen in Anlehnung an den hebräischen Begriff „Shoah“ – der ebenfalls große Katastrophe bedeutet – in den letzten Jahrzehnten zum politischen Kampfbegriff geformt. Während „Shoah“ die systematische Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden meint, soll der Begriff „Nakba“ dem eine arabische Katastrophe entgegenhalten: 700.000 Araberinnen und Araber sind im Jahr 1948 aus Israel geflohen oder wurden vertrieben. Währenddessen sah sich Israel dem Angriff von fünf arabischen Staaten ausgesetzt. In etwa zur gleichen Zeit flüchtete ein ähnlich großes Kontingent jüdischer Einwohner aus arabischen Regionen nach Israel. Es war ein unfreiwilliger Bevölkerungsaustausch in einem Kriegsgebiet, wie er weltweit im letzten Jahrhundert schon unzählige Male und in wesentlich größerem Umfang stattgefunden hat. In nahezu allen Fällen verstehen sich die Nachkommen heute nicht mehr als Flüchtlinge. Nicht so einige Palästinenser.

Deutsche Opfer, jüdische Täter
Im Zuge der palästinensischen Strategieänderung nach der letzten Intifada – weniger Sprengstoff-Attentate, mehr internationale Öffentlichkeitsarbeit – wurde der Begriff „Nakba“ immer wichtiger im propagandistischen Waffenarsenal Ramallahs. Obwohl man sich in Deutschland für Flüchtlinge leider wenig interessiert, gelingt es der „Nakba“-Propaganda vermehrt, Fuß zu fassen. Denn zwei Flüchtlingsgeschichten lassen sich in Deutschland gut verkaufen: Das Erinnern an die deutschen Heimatvertriebenen aus Osteuropa erfüllt die Funktion, die ehemaligen deutschen Täter als arme Opfer osteuropäischer Aggression darzustellen. Die arabischen Flüchtlinge von 1948 machen die jüdischen Überlebenden deutscher Aggression als vermeintliche Täter kenntlich. Deutsche Opfer, jüdische Täter: Auf den Punkt brachte das vor kurzem die NPD-Kronach mit ihrem Plakat: „Gestern Dresden, heute Gaza!

Kein geringerer als der „Evangelische Entwicklungsdienst“ finanzierte die seit 2008 umtriebige „Nakba“-Ausstellung mit, die bislang in circa 100 Städten zu sehen war, ausgehend von Baden-Württemberg. Nach Protesten jüdischer Gemeinden und Gruppen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wurde sie in Frankfurt am Main und Düsseldorf verhindert. Am 15. Dezember soll die Ausstellung nun nach Bayern kommen. Die Montessori-Fachoberschule München hat sich dafür hergegeben. In ihrem „Info-Brief“ bewarb sie die Ausstellung schon Anfang des Jahres mit den schwülstigen Worten, auch Jesus sei ein Flüchtling gewesen.

Offene Briefe von AmEchad und Grünen sorgen für Wirbel
Diese Woche sind von der Grünen Jugend München und dem Verein AmEchad zwei offene Brief an die Schulleitung erschienen. Die Ausstellung des „Vereins Flüchtlingskinder im Libanon“ sei keine objektive Betrachtung des „hochkomplexen Konflikts zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten“, zitiert das Portal Israelnetz aus dem Brief von AmEchad. Deren Sprecher, Michael Lang, fand deutlichere Worte: „Die Schulleitung will die Jugendlichen der Montessori-Schule einer wochenlangen, bildgewaltigen Propaganda-Show aussetzen. Das können wir nicht hinnehmen. Israelhass ist immer falsch und hat insbesondere an Schulen nichts zu suchen.“

In ihrem offenen Brief rief die Grünen Jugend München die Schule auf, „diese tendenziöse und antizionistische Ausstellung“ absagen. „Bieten sie Geschichtsrevisionismus keine Bühne!“ Der Vorstand der Grünen Jugend begründete das damit: „Die Gründung Israels war keine ‚Katastrophe‘, sondern nach der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus zwingend notwendig, um einen sicheren Schutzraum für die Opfer von Antisemitismus zu schaffen.“ Die Janusz-Korczak-Akademie mit Sitz in München äußerte gegenüber der Münchner Abendszeitung, es sei „völlig unverständlich“, wie eine Schule, die das freie Denken und den offenen Dialog zum Ziel habe, sich eine solch einseitig und propagandistische Ausstellung ins Haus holen“ könne.

Süddeutsche erklärt Kritik für beendet
Während die Münchner Abendzeitung neutral über die Stellungnahmen berichtete, versuchte sich die Süddeutsche Zeitung erwartungsgemäß darin, den pädagogischen Ausfall der Schule herunterzuspielen. Um die kleine „Palästinenser-Schau“ sei ein „großer Wirbel“ entstanden, aber die Schulleitung wolle „nach der Aufregung zusätzliche Informationen präsentieren“, beschwichtigte das Blatt. Obwohl zu diesem Zeitpunkt keinesfalls klar war, ob die „Aufregung“ schon ihr Ende gefunden hatte. Dem Vernehmen nach erhält die Schule aktuell zahlreiche Protestbriefe.

Begonnen hat die Welle der Kritik mit Äußerungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München. Torsten Weber, Vorsitzender der DIG, kritisierte den „Heimatvertriebenenkult“ der geplanten Ausstellung in München. Das sei „keine Hilfe für modern denkende Palästinenser“, so Weber. Wer die jüdische Minderheit im Nahen Osten als „Verbrecherbande“ darstelle, präsentiere kein pädagogisches Konzept, sondern lege „den Grundstein für antisemitische Worte und Taten“.

Die Ausstellung sah sich auch in anderen Bundesländern seit jeher harter Kritik ausgesetzt. Tilman Tarach kritisierte beispielsweise im April dieses Jahres in der Jüdischen Allgemeinen die Ausstellung. Sie idealisiere nationalsozialistisch unterstützte Judenpogrome, verfälsche Quellen und verschweige die Ziele und Interessen der Konfliktparteien im Nahen Osten, so Tarach.

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Manege Frei (Wild) November 23, 2013 | 01:27 am

Die völkisch orientierte Band „Frei.Wild“ soll am 06. Dezember in München aufspielen. Sie will ihr soeben erschienenes Album „Still“ vorstellen. Brisant: Im früheren Agitationszentrum der NSDAP, dem wiedererrichten Bau des „Circus Krone“. Das Konzert ist bereits seit Wochen ausverkauft.

„Aufarbeitung der Vergangenheit“ direkt nach den Novemberpogromen 1938 im „Circus Krone“

Vor zwölf Jahren sang Philipp Burger noch in der Glatzkopf-Band „Kaiserjäger“ über „N-Wort und Jugos“, die in Südtirol nichts zu suchen hätten. Inzwischen hat er seine Strategie modifiziert. Sehr erfolgreich, denn während sich für die Band „Kaiserjäger“ kaum jemand interessierte, landen die Alben von „Frei.Wild“ regelmäßig in der deutschen Charts. In den Texten von „Frei.Wild“ beklagt Burger heute: „Sprache, Brauchtum und Glaube sind Werte der Heimat, ohne sie gehen wir unter, stirbt unser kleines Volk.“ Wie in der neurechten „Identitären“-Bewegung üblich werden Begrifflichkeiten wie „Rasse“ und „Nation“ in „Frei.Wild“-Texten konsequent mit „Kultur“ und „Heimat“ ersetzt. Das ist das ganze Geheimnis des Erfolgs. Und die Band präsentiert sich zudem nicht als Jäger einer Minderheit, sondern als Opfer im Kreuzfeuer einer halluzinierten antideutschen Mehrheit – von Charterfolgen unberührt.

Die Selbstviktimisierung kennt offenbar keine Grenzen. Im Lied „Wir reiten in den Untergang“ legt die Band sogar nahe, dass Patrioten wie sie heute – ähnlich wie gestern Juden – verfolgt würden, nur „Stempel und Stern“ fehlten noch. Das Wort Jude wird dabei nicht ausgesprochen, aber durch die Phrase „Stempel und Stern“ lässt sich das im Text Angedachte leicht entschlüsseln. Einfach zu erraten ist auch, wer gemeint ist, wenn Burger singt: „Sie richten über Menschen, ganze Völker sollen sich hassen, nur um Geschichte, die noch Kohle bringt, ja nicht ruhen zu lassen.“ Norman Finkelstein würde die Textstelle vormutlich begrüßen, was ein Ruhmesblatt nicht ist.

„Frei.Wild“ schaffen es mit ihren identitären Texten („Wir sind einfach gleich wie ihr, von hier“) immer wieder in die deutschen Charts. Andererseits wird die Band auch ausgeladen. Mediale Aufmerksamkeit erlangte die Ausladung bei der Echo-Preisverleihung 2013. Erst diese Woche cancelte der „Media Markt“ einen Auftritt der Band in Jena.

Wirkungsstätte der nationalsozialistischen Bewegung


Der Auftritt im Münchner Kronebau hätte genug Potenzial, um sich zum Politikum auszuwachsen. Das wiedererrichtete Gebäude des „Circus Krone“ an der Marsstraße diente der NSDAP als zentraler Propaganda-Standort – den Hitler in seinem Buch „Mein Kampf“ ausgesprochen lobend herausstellte. Dass Hitler dort schon am 30. Oktober 1923 zum Putsch aufrief, zählt zu den vergleichsweise unwichtigen Begebenheiten. Allein 1923 polterte er dort nämlich 16 seiner Reden. Es waren vor allem die antisemitischen Großveranstaltungen, die in die Manage am Marsfeld gelegt wurden. Zum Beispiel die Grundsatzrede Hitlers im Jahr 1920: „Politik und Rasse. Warum sind wir Antisemiten“. Diese Rede Hitlers endete ähnlich ums Volkswohl besorgt, wie es Burger zu sein scheint: „Wir wollen vermeiden, dass auch unser Deutschland den Kreuztod erleidet.“ (Hitler)

Auch die „Massenkundgebung“ am 19. März 1933 unter dem Motto „Hinaus mit den Juden aus sämtlichen öffentlichen Ämtern und aus der Anwaltschaft“ wurde im „Circus Krone“ abgehalten. Dieser Abend sollte „ein gewaltiger Auftakt für die deutsche Sache werden“ – versprach die Einladung und dieses Versprechen hielten die Nationalsozialisten auch. Bei der maßgeblichen NSDAP-Veranstaltung am Vorabend der Novemberpogrome von 1938 rief Gauleiter Adolf Wagner im „Circus Krone“ die Parteimitglieder dazu auf, eine „größere Aktivität in der Judenfrage“ zu entwickeln. Man müsse „dem Juden“, „klar und eindeutig erklären, dass wir ihn nicht mehr haben wollen“ und die „Kenntlichmachung der jüdischen Geschäfte“ durchführen, so Wagner. Und auch zur Nachbereitung der Novemberpogrome traf sich die antisemitische Bewegung selbstverständlich im Kronebau (siehe erstes Bild).

Der „Circus Krone“ spielte schon zur Kolonialzeit eine wichtig Rolle, als dort beispielsweise die „[N-Wort]-Truppe“ aufzutreten hatte oder man sich neben 20 Elefanten kurzerhand „Indianer“ oder „Chinesen“ nach München bestellte. Noch 1938 präsentierte der Zirkus in Deutschland eine „Kolonialschau“ mit Schwarzen aus Kamerun und dem Sudan, die in Fortführung des osmanischen Kolonialismus von Arabern gemaßregelt wurden, und dem deutschen Publikum die angeblichen „Originalsitten“ von Schwarzen im „Krone-Zoo“ vorführen sollten.

„Circus Krone“ – ein ewiger Pionier


Ob Kolonialismus oder Nationalsozialismus – der „Circus Krone“ war in Sachen menschenfeindlicher Barbarei unfraglich in exponierter Stellung. Insbesondere zwischen 1920 und 1933 rahmte der Zirkus in seinem Gebäude am Marsfeld den Aufstieg der NSDAP. Und am 06. Dezember 2013 soll im wiedererrichten Gebäude am Marsfeld die Band „Frei.Wild“ spielen, die eine ebenfalls wiedererrichtete Form der völkischen Bewegung wiederspiegelt. Das passt zusammen. Das Konzert am 06. Dezember ist damit ohne Zweifel ein Highlight für die rechtsidentitäre Szene im Jahre 2013 und es ist kein Wunder, dass es seit Monaten ausverkauft ist.

Das bestätigt den Verdacht, dass sich der Zirkus nie wirklich mit seiner menschenverachtenden Vergangenheit auseinandergesetzt hat. Wichtiger als die Thematisierung des „Frei.Wild“-Auftritts wäre aber eigentlich genau das. Der Auftritt böte eine gute Gelegenheit, auf die Tradition dieser Manege hinzuweisen. Denn Bands wie „Frei.Wild“ kommen und gehen, der „Circus Krone“ wird voraussichtlich auch diese Gemeinheit präsentieren und dann geht es mit ihm weiter.

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Austreten, Genossen! October 16, 2013 | 12:23 am

Was die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ umtreibt, wird kaum mehr bemerkt – außer der Nischen-Blogger der Bayerischen Staatsregierung nimmt sich ihrer auf seiner Seite „Bayern gegen Linksextremismus“ an. Genug der dämlichen „Dollschewiken-Tänze“, genug „Pogo in Zellsee“, genug „Palästina-Solidarität“! Es wird Zeit, auszutreten, Genosse! Deine Partei ist am Ende!

Die außerparlamentarische Opposition war in München schon achtundsechzig weniger reizend als vielfach angenommen. Auch die sogenannte „Betriebsagitation“ scheiterte. Studierende lungerten vor den Werkstoren mit anbiedernden Flugblättern herum, und weder sie noch die Arbeiter hatten das Rüstzeug, etwas im positiven Sinne zu beeinflussen. Schlussendlich erbroch sich auf dieser Grundlage die „Deutsche Kommunistische Partei“ (DKP) – entstanden aus Versatzstücken der Sozialdemokratie und leninistischen Brocken, aufgefüllt mit israelfeindlichem Müll.

Der „Ostermarsch“ lag der DKP demnach sehr am Herzen, obwohl schon 1969 einige Münchner „APO-Basisgruppen“ den notorischen Auflauf als veraltet oder nicht wirkungsvoll ansahen. In der „Apo Press“ hieß es 1969: „Der Ostermarsch hat schon längst den Zenit seiner Fortschrittlichkeit überschritten, um sich nun im rasenden Lauf dem nächtlichen Horizont eines biederen Bürokratismus zuzuneigen und hinter ihm zu verschwinden.“ Doch verschwunden ist der „Ostermarsch“ leider nicht. Ein letztes Aufgebot und greise DKP-Mitglieder führen die Tradition bis heute fort – und die Parolen unterbieten sich Jahr für Jahr. 2012 wurde in München ein Transparent gezeigt mit der Aufschrift: „Nicht trotz sondern wegen Auschwitz: Ich bin für Günter Grass“.

Als größte Geschmacksirrung im roten Gewand kann aber die Jugendorganisation der DKP betrachtet werden – die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ (SDAJ). Ein Beispiel: Die SDAJ-München tat 1971 eine Anschaffung, eine Carrera-Bahn. Aber die Bahn hat sie sich nicht besorgt, um sich einen eintönigen Zeitvertreib zu leisten. Sie hatte die Bahn nach eigener Aussage, um ihre Freizeit „antimonopolistisch“ zu gestalten. Derzeit hing man in sozialistischen Kreisen nämlich der „Stamokap-Theorie“ an, wonach der Kapitalismus notwendig zu wenigen Monopolen führe, weshalb man sich als guter Sozialist zu jeder Gelegenheit „antimonopolitisch“ herauszuputzen hatte. Der damalige Chef der SDAJ München, Matthis Oberhof, erklärte laut dem „Roten Widerdruck“ darüber hinaus, dass man „auch beim Carrera-Bahn-Fahren die Klassenfrage“ zu stellen habe. Bei so viel Wahnsinn kann sich jeder Mensch glücklich schätzen, der nicht bei der SDAJ-Veranstaltung „Nach dieser TV-Serie fragen Millionen: Holocaust! Wie konnte das geschehen?“ (1979) anwesend war.

Ein Mülleimer bis heute
2012 hatten die Überreste der Münchner SDAJ einen Vertreter der nationalsozialistischen „Palästinensischen Volkspartei“ nach München eingeladen, die – freilich ohne dabei nur aus Scham braun anzulaufen – ankündigt, „alle Klassen“ gegen Israel vereinigen zu wollen. Beim Erscheinen von Amin Juai­di wäre tatsächlich ein guter Moment gewesen, die „Klassenfrage“ passend anzubringen. Doch erschien der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“ diese offenbar beim Anblick einer Carrera-Bahn noch wesentlich aufdringlicher, als beim Stelldichein mit einem antijüdischen Nationalisten. Die Münchner SDAJ vergisst heute überdies bei kaum einer Gelegenheit, ihre „Solidarität mit Palästina“ zu betonen, obwohl das von ihr „Palästina“ Genannte von einer lebenswerten Gesellschaftsform – und auch vom Sozialismus – heute weiter entfernt ist als je zuvor. Aus einem solchen Jugendverband lässt es sich guten Gewissens nur austreten, damit die Partei sich endlich im „rasenden Lauf dem nächtlichen Horizont“ übergebe.

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Letzte Bildungschancen 2013! October 8, 2013 | 12:18 pm

Eine Unvollendete.

15.10.2013 | Homophobie und Sexismus im Reggae | Patrick Helber, SOOKEE | Feierwerk
16.10.2013 | Ulrich Sahm live – Näheres folgt hier
24.10.2013 | Back in Black – Die Rolle der Orthodoxen in der israelischen Gesellschaft | Dr. Noam Zadoff | Jüdisches Museum
18.11.2013 | Der andere deutsche Blick – Die Beziehungen der DDR zu Israel | Oren Osterer | Gasteig
21.11.2013 | Misere, Protest, Aufstand – Ursachen und Verlauf der sozialen Protestbewegung in Israel | Grisha Alroi-Arloser | Jüdisches Museum
09.01.2014 | Fußball und Fankultur in Israel | Alex Feuerherdt | Jüdisches Museum

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Arbeiter-Olympiade in Wien: Was war mit den zionistischen Arbeitersportlern los? September 22, 2013 | 08:40 am

Bei der Arbeiter-Olympiade 1931 wurden auch mindestens 100 Arbeitersportlerinnen und -sportler aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina erwartet. Diese kamen auch – teilweise auf dem Motorrad direkt aus Haifa – nach Wien. Aber nur wenige traten tatsächlich bei den Wettbewerben an. Warum, bleibt im Dunkeln. Eine Spurensuche.

Auf dem 17. Zionistischen Weltkongress flogen am 13. Juli 1931 buchstäblich die Fetzen. Nach einem Handgemenge mit den Delegierten der Arbeiterparteien rissen die Revisionisten die zionistische Fahne von der Galerie. Die Revisionisten wollten in Basel eine Debatte darüber führen, was das endgültige Ziel des Zionismus sei – ihrer Meinung nach ein Judenstaat, westlich und östlich des Jordans gelegen. Die Sozialisten hingegen, die im damaligen Palästina eine deutliche Mehrheit hatten, trieben viel konkretere Fragen um. Ben Gurion machte seinem Ärger gegenüber der Jüdischen Rundschau Luft: „Statt eine Überwindung der Stagnation in Einwanderung und Siedlung zu erzwingen, befasste sich der Kongress tagelang mit der Debatte um Formeln, die dem Zionismus schweren Schaden zufügen muss.“

Verbunden mit dem anschließenden Kongress der Arbeiter-Internationale in Wien – auf dem sich die sozialistischen Zionisten Chaim Arlosoroff und Berl Locker weiter plagen mussten – fand die 2. Arbeiter-Olympiade (18. bis 26. Juli) in Wien statt. Sie gilt mit 25.000 Teilnehmenden und einem Vielfachen an Publikum als das monumentalste Massenfestspiel der Sozialdemokratie in den Zwischenkriegsjahren. Als Highlight galt auch die Teilnahme des noch jungen Arbeitersportverbandes „Hapoel“ (Der Arbeiter). Es wurden über 100 jüdische Sportlerinnen und Sportler aus dem Mandatsgebiet bei der Olympiade erwartet, unter ihnen eine Fußball- und eine Tauziehmannschaft.

Laut „Wettkämpfer-Verzeichnis“ waren es unter den Radfahrern insgesamt elf Arbeitersportler aus Palästina, die sich zum Straßenfahren „rund um Wien“ und zu anderen Rad-Disziplinen angemeldet haben. Weitere acht Teilnehmer wurden namentlich bei den Motorrad-Wettbewerben gelistet. Vier Arbeitersportlerinnen trugen sich für die 4×100-Meter-Stafette ein, Brachah Goldin und Hasaj Kohn standen u.a. beim Schleuderballwerfen, Hochsprung und Weitsprung im Programm. Darüber hinaus haben sich acht Männer für die Leichtathletik-Wettbewerbe registrieren lassen.

Die Anreise über Basel und das große Hallo
Achtzig Turnerinnen und Turner aus dem Mandatsgebiet reisten über Marseille ein, aber machten einem Bericht zufolge am letzten Kongresstag der Jewish Agency (17. Juli) zuvor in Basel halt. Dort brachten sie sich vor dem Messegelände in Form und wurden von Arlosoroff begrüßt. Der derzeit einflussreiche Politiker kündigte an, die Arbeiterolympiade in den nächsten Tagen ebenfalls zu besuchen. Auch die Radfahrergruppe „Hapoel“ begab sich nach der Überfahrt zuvor nach Basel. Sie wurde zum Begrüßungsabend des Basler Makkabi am Rande des 17. Zionistenkongresses eingeladen. Meschulam Schor bedankte sich herzlich für die Einladung. Er wollte beim Straßenfahren „Rund um Wien“ teilnehmen. Auch die Motorradfahrer-Gruppe näherte sich indes. Sie war mit ihren Maschinen von Haifa aus gestartet.

Nachdem die meisten jüdischen Sportlerinnen und Sportler den Schabbat am 18. Juli 1931 noch in Basel verbrachten, reisten sie in der Nacht zum 19. Juli nach Wien ab. Sie wurden am nächsten Tag laut Die Stimme vom jüdischen Nationalrat Julius Deutsch und einer „vieltausendköpfigen Menge“ begeistert am Wiener Westbahnhof empfangen. „Als die großen Überlandautos mit den Palästinensern – eine blau-weiße Fahne in der Mitte – durch die Straßen Wiens fuhren, wurden sie vom Publikum überall herzlich begrüßt.“ Bei den Eröffnungsfeierlichkeiten im Apollo-Theater am selben Tag wurde jede der 22 teilnehmenden Nationen mit einer kurzen Ansprache gewürdigt: „Das rote Wien grüßt die Genossen aus Palästina, die jüdische Arbeiter aus Haifa, Tel Aviv und den Kolonien, die eine Heimstätte der Zukunft ihr Volk bauen“, waren laut der Jüdischen Rundschau die an die Sportlerinnen und Sportler gerichteten Worte.

„Bravo Palästinenser“
Es folgten in den nächsten Tagen eine Reihe großspurige Umzüge, die die vermeintliche Stärke der Sozialdemokratie auf den Straßen Wiens demonstrieren sollten. Vielerorts war Berichten zufolge die – in eine rote Standarte eingenähte – blau-weiße Fahne mit Davidstern zu sehen. Beim Fackelzug am Samstag, dem 26. Juli, marschierte die Delegation aus dem Mandatsgebiet Palästina vorneweg, beim Festzug am Sonntag über die Ringstraße hinten nach. Bei letzterer Veranstaltung sollen Zuschauer laut einem etwas überschwänglich verfassten Artikel in Die Stimme begeistert „Schalom“ und „Bravo Palästinenser“ gerufen haben.

Gut dokumentiert ist das Fußballspiel gegen Ungarn im neu erbauten Wiener Praterstadion am Donnerstag, 23. Juli – vor 60 000 Zuschauerinnen und Zuschauern. In der Halbzeitpause (1:1) herrschte laut Die Stimme „allgemein die Meinung, dass nach der Pause die Palästinenser zweifellos den Sieg erringen würden“. Am Ende gewann Ungarn aber mit 3:1. Der Leiter der Arbeitersportler, Herr Schochat (möglicherweise diese coole Socke), erklärte gegenüber Die Stimme das enttäuschende Endergebnis mit der Müdigkeit der Mannschaft aufgrund der langen Reise. Außerdem seien die Plätze im Mandatsgebiet Palästina kleiner „und auch sonst anders“. In einem Artikel der antimarxistischen Die Neue Welt heißt es dazu, die Mannschaft spiele viel besser auf Sand als auf Rasen. Gegen Dänemark konnte sich das Team am Freitag dann mit 3:2 durchsetzen, verlor aber das Samstagsspiel 4:0 gegen Norwegen. Im Anschluss setzte die Mannschaft ihre Tournee Richtung Deutschland und Polen fort. Sie trat beispielsweise am 29. Juli gegen das oberschlesische Sportkartell in Hindenburg an.


Hapoel Tel Aviv (1930)

Weshalb trat die weit überwiegende Mehrheit nicht an?
Aber was war mit den anderen Sportlerinnen und Sportlern aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina los? Von den 80 angereisten Turnerinnen und Turnern nahmen offenbar nur 36 am gemeinsamen Turnen teil. Noch verwunderlicher ist, dass laut technischem Bericht weder die Radfahrer von „Hapoel“ noch die Motorradfahrer an den Wettkämpfen teilnahmen, zu denen sie sich zuvor eingetragen hatten. Über die Leichtathletik-Gruppe zeigte man sich im technischen Bericht der Arbeiter-Olympiade verwundert: „Palästina hatte zwar acht Sportler und vier Sportlerinnen gemeldet, sie waren auch anwesend, sind aber nicht angetreten. Warum, bleibt der Wettkampfleitung noch heute ein Rätsel.“ Im technischen Bericht sind ausschließlich die 18 Fußballspieler aus dem Mandatsgebiet Palästina gelistet – in keinem anderen dort dokumentierten Wettkampf traten die, je nach Bericht, zwischen 100 und 150 Sportlerinnen und Sportler aus Palästina an.

Es ist mit Sicherheit kein Zufall, dass sie den Wettkämpfen den Rücken kehrten, obwohl sie – bis auf Heinrich Lange (USA) – den weitesten Weg zurückgelegt hatten. Über die Gründe lässt sich nur spekulieren. Hat die parallele Auseinandersetzung auf dem Kongress der Sozialistischen Arbeiter-Internationale in Wien etwa für Verstimmung gesorgt? Dort wurde der Zionismus teilweise als „objektiv-reaktionär“ dargestellt. Die britische Independent Labor Party (ILP) beantragte gar, Solidarität mit den nationalistischen arabischen Bewegungen zu üben. Hiergegen nahm Berl Locker in einer bemerkenswerten Rede Stellung. Er erinnerte daran, dass es „auch im Orient Klassengegensätze“ gäbe, weshalb „jede sozialistische Partei sehr vorsichtig sein müsste, bevor sie sich mit irgend jemanden dort verbindet“. Darüber hinaus berichteten sozialistische Zionisten aus der Sowjetrussland über die Verfolgung von Zionisten vor Ort und forderten vom Kongress eine „machtvolle Protestbewegung“ – die allerdings ausblieb. Ist hier der Grund für das Fernbleiben der Sportlerinnen und Sportler zu suchen?

Oder war offener Antisemitismus vielleicht auch in der sozialdemokratischen Arbeitersport-Bewegung verbreiteter, als die Wettkampfleitung das wissen wollte? Zahlreiche bürgerliche Sportverbände in Österreich hatten jedenfalls ein offenes antisemitisches Programm, wie beispielsweise der Alpenverein oder der Kraftsportverband. Konnte die österreichische Arbeitersportbewegung in einem solchen Klima da wirklich ein Hort der Seeligen bleiben? Oder war den Arbeitersportlerinnen und -Sportlern aus Palästina die Massendressur, die sich bei der Arbeiterolympiade Bahn brach, einfach zu dumm?

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Internetprovider tatenlos: Israel-vergast-Kinder-Website weiterhin online August 13, 2013 | 11:07 pm

Eine Woche ist es her, als im bürgerlichen Münchner Lehel Visitenkarten auftauchten, die auf eine extrem antisemitische Seite verwiesen. „Israel vergast Kinder und Deutschland zahlt die Gasrechnung“ ist auf dieser Seite eine der noch weniger deutlichen Parolen. 1&1 weigert sich bislang, die Webpage vom Netz zu nehmen, obwohl sich der Provider anfangs selbst „schockiert“ zeigte.

Dass die Internetseite „Israel-vergast-Kinder“ extrem antisemitisch ist, darüber kann es keine Zweifel geben. „In Mausschwitz gab es kein KZ“, schreibt der Autor und lässt sich im Folgenden über Jüdinnen und Juden aus. „Es ist Zeit, Freunde – wer soll euch noch wählen gehen – wenn der Altjud Kinder vergast – lacht ihr und habt Spaß “, reimt er. Richter und Staatsanwälte seien nicht unabhängig, wird im Text behauptet, weil sie „Menschenvergaser und Ausländerkiller Altjuden unterstützen“, angeblich aus „machtgeilen, selbstherrlichen, hinterfotzigen, peversen“ Motiven. So wird dann munter weitergehetzt über „israelische Politiker – Militärs – die amerikanischen, gierigen Geyerjuden – die mitleiderregenden Holokostenausnützer (sic!)“ und andere. Der rechtlich hochbedenkliche Text endet mit: „Nie ist man sich so nah, wie beim Abschied ‚Sieg Heil‘“ und einem Aufruf.

Solche Seiten gibt es Tausende im Netz, allerdings werden sie in der Regel im Ausland gehostet. Angemeldet hat die deutsche 1&1-Webseite „Israel-vergast-Kinder.de“ laut DENIC ein Mann aus Wörthsee bei München. Als sie nach dem Fund der Visitenkarten vor einer Woche bekannt wurde, erstatteten zahlreiche Personen Anzeige. Beispielsweise über die Plattform Hagalil, die Onlineanzeigen anbietet, über das Portal „Internetwache Berlin“ und privat in Köln. Auch die Deutsch-Israelische Gesellschaft München schaltete sich ein. Der Provider 1&1 zeigte sich am 08. August auf Nachfragen noch „schockiert“, die Rechtsabteilung kündigte an, gegebenenfalls selbst Anzeige zu erstatten. Man könne sich nicht erklären, wie diese Domain durchgerutscht sei. Am darauf folgenden Tag äußerte man sich schon verhaltener. Erst solle dem Seiteninhaber die Chance eingeräumt werden, die Seite noch zu verändern, sagte der 1&1-Kundendienst. Am 10. August wurde die Seite laut Insiderinformation angeblich an den Staatsschutz weitergereicht. Heute – am 13. August – ist die antisemitische Seite immer noch online.

Der Autor scheint so unbelesen nicht. Er empfiehlt drei Bücher und einen Film. Das Buch „Holocaust Industrie“ von Norman G. Finkelstein, das Buch „Breaking the Silence“, übersetzt von Barbara Kurz, „Staatsräson? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet“ von Werner Sonne und den Film „Massaker“ von Monika Borgmann und Lokman Slim. Diese Kulturschaffenden müssen sich die ernste Frage gefallen lassen, wie sich ihr Werk so nahtlos in die wirren Gedanken eines Antisemiten einfügen lässt, weil in ihrem Werk offenbar so garnichts ist, das ihn von einer Empfehlung abrücken ließ – und womit er seine Hetzschrift sogar begründet.

Nachtrag: Indes erreichte uns am Nachmittag des 14.08 eine Nachricht von 1&1:

1&1 lehnt jede Form rechtswidriger Inhalte auf Webseiten unserer Kunden ab. Dies ist über die AGB Grundlage jeder Vertragsbeziehung, ob mit unseren direkten Kunden oder mit Resellern. Die erwähnte Seite ist mittlerweile offline. In Einzelfällen kann es vorkommen, dass wir Seiten mit strafrechtlich relevanten Inhalten nicht direkt offline nehmen können, um die Arbeit der Ermittlungsbehörden nicht zu behindern.

Mit freundlichen Grüßen
Alexander T., 1&1

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Antisemitismus – hauptsächlich eine rechte Disziplin August 3, 2013 | 02:22 am

Es gibt ihn freilich, den Antisemitismus von links. Das ist gefährlich, denn die Linke kaut damit der Mitte zunehmend erfolgreich die Argumente zur Begründung des Ressentiments vor. Dennoch belegen die Zahlen: Die antisemitischen Brutalos kommen hauptsächlich von rechts.

Dass Neonazis ausgesprochene Antisemiten sind, muss nicht belegt werden. Antisemitismus ist eines ihrer Kernanliegen. Sowie es Hitler beim Schreiben der Hetzschrift „Mein Kampf“ angeblich wie „Schuppen von den Augen“ fiel, dass der Kampf gegen die Juden das Wichtigste sei – und die Deutschen im Zweiten Weltkrieg vor allem die Vernichtung der Juden in Europa anstrebten – so ist das gleiche Ziel noch heute für Neonazis verbindlich. Das drückt sich einerseits in ihrer sogenannten Solidarität mit Palästina aus, aber auch in Zahlen.

Diese Zahlen, des der linken Umtriebe unverdächtigen Innenministeriums („Antisemitismus in Deutschland“), zeigen sehr deutlich, dass sich die Hauptfeinde der Jüdinnen und Juden in Deutschland als rechtsstehend verstehen – wenngleich in der Statistik die sogenannte Mitte offenbar ausgespart zu sein scheint.

Die angebliche Solidarität mit Israel von neurechten Organisationen wie „Pro Deutschland“ oder „Die Freiheit“ ist darüber hinaus sehr brüchig. Diese Organisationen schätzen Israel ausschließlich deshalb, weil sie Israel für einen westlichen Rammbock gegen den Islam halten. Dass für Menschen muslimischen Glaubens in Israel viel mehr religiöse Gestaltungsräume als in Deutschland selbstverständlich sind, ignorieren sie dabei. In München agitieren diese Organisationen gegen den Neubau einer einzigen Moschee – solche stehen in Israel an jeder Ecke.

Die Aggressionen der Neurechten können ebenso schnell in Aggression gegen Judinnen und Juden umschlagen, wenn diese ihrem Bild vom moslemfressenden Juden nicht entsprechen. Das muss der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, Marian Offman, in Stoßzeiten regelmäßig zur Kenntnis nehmen, wie dieses Interview in der Münchner Abendzeitung zeigt:

Wie oft bekommen Sie Hass- und Schmähmails?
Immer dann, wenn über mich und mein Engagement in einem rechtspopulistischen Internetforum oder der Presse berichtet wird, trudeln diese Mails über zwei bis drei Tage ein. Pro Tag sind es bis zu fünf. Danach ebbt es wieder ab.

Was steht da drin?
Einer hat geschrieben, dass er mir in die Fresse schlagen will, wenn es so weit kommt, dass seine Kinder einen muslimischen Religionsunterricht besuchen müssen. Andere nennen mich einen Verräter, benutzen NS-Terminologie und verdrehen meine Argumente. Gerade habe ich auch ein Paket zugeschickt bekommen, in dem Pralinen waren – und Hassbeiträge über den Islam und Koran.

Zum vollständigen Interview mit Marian Offman in der Münchner Abendzeitung.

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„Totschlag-Argument Antisemitismus“ – Reaktionen auf den Offenen Brief an das EWH July 29, 2013 | 03:24 pm

Mit einem Offenen Brief riefen Münchner Organisationen vor wenigen Wochen das Eine-Welt-Haus (EWH) auf, den antizionistischen Normalzustand dort zu beenden. Bislang kam keine Antwort, doch der EWH-Vorstand musste sich in der Tagespresse dazu äußern. Auch die Gruppe Kir Royal machte Anmerkungen, die in sich durchaus richtig, aber an sich falsch sind.

Anfangs versuchte man sich im Eine-Welt-Haus (EWH) noch gänzlich herauszureden: Die vielen Veranstaltungen zu Israel im Juni seien nur eine zufällige Häufung, sagte Anna Regina Mackoviak der Jüdischen Allgemeinen. Dem Münchner Merkur gegenüber wurde das Vorstandsmitglied dann schon deutlicher. „Es ist wichtig, dass es eine öffentliche Auseinandersetzung zum israelisch-palästinensischen Konflikt gibt.“ Und dabei sei es „eine Aufgabe des EWH, diesen Gruppen Räume zur Verfügung zu stellen“. Mit Antisemitismus habe das nichts zu tun, ergänzte Fuad Hamdan, Leiter mehrerer dieser Gruppen. Es sei eine „alte Masche“, wenn „Kritik an der Politik des Staates Israel allzu schnell mit Antisemitismus gleichgesetzt“ werde, so Hamdan. Doch diese Behauptung wird nicht umso richtiger, desto öfter man sie wiederholt. Im EWH ist hinsichtlich Israel nur selten Kritik zu hören. Es sind vielmehr stark emotionalisierte Hetzveranstaltungen, flankiert von antiisraelischen Boykottaufrufen, die da stattfinden.

Stimmungsmache gegen das EWH
Der Journalist des Münchner Merkurs sprach auch mit Eckhard Lenner vom antizionistischen Verein „Salam Shalom“. Schon nach der Ausladung des Propagandisten Ilan Pappe 2010 griff der Lokalredakteur auf Lenner als Experten für Antisemitismus-Fragen zurück. Jetzt sagte Lenner dem Münchner Merkur zum Offenen Brief, das „Totschlag-Argument Antisemitismus“ mache die Debatte fruchtlos. Wenig später winkte das konservative Blatt noch zwei Leserbriefe durch. Bernd Michl, Ex-Vorstandsmitglied des EWH und attac-Koordinator in München, bezeugte , es habe im EWH noch nie Veranstaltungen gegeben, die Israel das Existenzrecht absprechen. Der Offenen Brief müsse demnach als Versuch gewertet werden, so Michl, „Stimmung gegen das EWH zu machen“.

Karin Nebauer, ständige Leserbriefschreiberin in Israelfragen, schrieb im Münchner Merkur unter der Überschrift „Kritik ist kein Antisemitismus“: „Der Vorwurf an das EWH, in Veranstaltungen dort werde Israel zunehmend delegitimiert und dämonisiert bzw. gebe es Antisemitismus und werde Israel direkt und/oder indirekt das Existenzrecht abgesprochen, ist genauso wenig haltbar wie der Inhalt eines Transparents, das die Grüne Jugend anlässlich der Palästina Tage vor dem Gasteig zeigte: ‚Gasteig hasst Israel‘“ (Orthographie wie im Original). Richtig ist: Ein solches Plakat hat es nie gegeben. Die Grüne Jugend München war an der Demonstration vor dem Gasteig am 20. Juni nicht einmal beteiligt. Das stellte der Verein AmEchad zwei Tage später in einem weiteren Leserbrief an den Münchner Merkur richtig.

Zunehmender Druck auf die Grüne Jugend
Die grüne Stadträtin und EWH-Beiträtin Gülseren Demirel ließ es sich ebenfalls nicht nehmen, sich öffentlich gegen den Offenen Brief auszusprechen. „Ich hätte es besser gefunden“, lässt sie dem grünen Parteinachwuchs über den Münchner Merkur ausrichten, wenn man sich die Veranstaltungen angesehen und dann „nach Faktenlage“ über die Beteiligung am Offenen Brief entschieden hätte. Ein paar Tage später war Demirel im Übrigen erneut in der Presse und fiel – diesmal nicht ihrer Jugendorganisation – sondern den hungerstreikenden Flüchtlingen vom Rindermarkt in den Rücken. Die grüne Stadträtin zeigte sich in einer Stadtratssitzung „überrascht von der Radikalität des trockenen Hungerstreiks“. Die Süddeutsche Zeitung berichtete, Demirel akzeptiere die Räumung des Rindermarkts: „Die Grenze ist erreicht, wenn Ärzten der Zutritt verwehrt wird“, so Demirel dazu.

Lob bekam die Grüne Jugend hingegen vom Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München, Marian Offman. Er habe sich sehr darüber gefreut, dass der Antisemitismusvorwurf von der Grünen Jugend kam, sagte er der Jüdischen Allgemeinen: „Ich habe mich sofort bei ihnen bedankt.“ Ebenfalls erfreut zeigte sich Michael Lang, Sprecher des Vereins AmEchad, über die Teilnahme der Jugendorganisationen am Offenen Brief, den neben der Grünen Jugend auch die Linksjugend und der Verband Jüdischer Studenten in Bayern unterzeichneten.

Zum Erfindergeist der Gruppe Kir Royal
Aber was für Jüdinnen, Juden oder Israel am besten ist, weiß in München bekanntlich immer noch die Politgruppe Kir Royal. In ihren „Anmerkungen zum Protest gegen das EWH“ wirft die Gruppe den unterzeichnenden Organisationen unter anderem vor, „nicht etwa gegen das EWH direkt demonstriert zu haben“. Das ist frei erfunden. Die Proteste vom 14. Mai 2013 richteten sich klar gegen das EWH, mit deutlichen Worten. Auf einem Plakat stand beispielsweise: „Das Hass-Haus – Danke Stadt München!“

Weiter belehrt Kir Royal ihre Leserschaft ausschweifend darüber, dass Antizionismus nicht nur im EWH Furore macht, sondern in Deutschland überhaupt ein „Volkssport“ ist, so als ob das die meisten der am Offenen Brief beteiligten Gruppen nicht ebenfalls wüssten – und im Leben noch keine Fundamentalkritik geleistet hätten. Insbesondere Schlamassel Muc und die „hochnotpeinliche Deutsch-Israelische Gesellschaft“, heißt es weiter, würden leider anmahnen, dass es in Punkto Israel keine „Einseitigkeit“ geben dürfe. Doch was im Text der Gruppe Kir Royal in Anführungszeichen gesetzt steht – und demnach wie ein Zitat wirkt –, ist ebenfalls frei erfunden. Das Wort „Einseitigkeit“ kommt weder in den aktuell 214 Blogeinträgen von Schlamassel Muc, noch auf der Website der DIG-München vor. Weder konkret, noch sinngemäß wird dort „Einseitigkeit“ kritisiert.

So erfinderisch die Gruppe Kir Royal bei ihrer Bestandsaufnahme ist, so einfallslos ist inzwischen auch der Jargon geworden. Die auf Schlamassel Muc bezogene Formulierung, „ein in München weltbekannter Blogger“, verwendete Henryk M. Broder 2012 etwa, um auf einen Blogeintrag von Schlamassel Muc hinzuweisen. Allerdings zielte die ohne Zweifel lustige Redewendung Broders damals nicht auf den Schlamassel-Blog, sondern auf Jürgen Jung vom antizionistischen Verein „Salam Shalom“ und seine Kollegin. Nach Abzug falscher Behauptungen, der darauf aufbauenden Argumentation sowie längst Bekanntem und nie Bestrittenem, bleibt von der sogenannten Kritik dann nicht viel übrig. Sie ist zwar in sich richtig, aber an sich falsch.

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Pierre-Joseph Proudhon – Vater des Anarchismus, Antifeminist und Antisemit July 22, 2013 | 08:32 pm

Einen kurzen Vortrag zur Kritik des kleinbürgerlichen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon hielt Jan Feldmann Anfang Mai 2013 im Rahmen des Offenen Antifa Treffens Dresden. Leider verfährt Feldmann in seiner Kritik wenig immanent. Statt bspw. genauer aufzuzeigen, wie Proudhons zirkulationsfixierte Gerechtigkeits- und Emanzipationsvorstellungen (»Mutualismus«) unreflektiert aus Warentausch und Vertragsform hervorgehen und in welche Widersprüche die Ablehnung des Geldes bei Beibehaltung der Warenproduktion führt, wird der falschen Kapitalismuskritik Proudhons eine richtige, offenbar wert-abspaltungskritisch inspirierte, entgegengehalten. Erfreulicherweise geht Feldmann nicht nur auf den Antisemitismus, sondern auch auf den vehementen Antifeminismus Proudhons ein. Die Diskussion habe ich als insgesamt wenig gehaltvoll empfunden.

Ankündigungstext:

Termin: Thursday, 2. May 2013, 20.00 Uhr || Ort: AZ Conni

Am 02.05. dürfen wir Jan Feldmann bei uns begrüßen, mit einem Vortrag über Pierre-Joseph Proudhon.

Pierre-Joseph Proundhon gilt als einer der ersten Vertreter des Anarchismus und beeinflusst verschiedene politische Strömungen bis heute. Durch seinen historischen Konflikt mit Karl Marx begründete er die antiautoritäre und antistaatliche Sozialismustradition, die 1871 zur Spaltung der Ersten Internationale in eine kommunistische und eine anarchistische Organisation führte. Gleichzeitig finden sich in seinen Werken antisemitische und antifeministische Ausfälle, die nicht nur hinter andere Frühsozialist_innen zurückfallen, sondern auch über den Common Sense seiner Zeit weit hinausgehen. Während diese von einigen anarchistischen Zusammenhängen als Ausrutscher betrachtet werden, die mit seinen eigentlichen Ideen nichts zu tun hätten, soll es in dem Vortrag darum gehen, beispielhaft am Proundhonismus die Gefahren falscher Kapitalismuskritik darzustellen, den inneren Zusammenhang zwischen dieser und seinem Antisemitismus aufzuzeigen und theoretische Konsequenzen zu ziehen.

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Keine Hotnews July 3, 2013 | 12:42 am

Frappant ist die aktuelle, antisemitische Karikatur vom „Stürmer von 1949“ (SZ) schon – und das Simon-Wiesenthal-Center kritisiert sie ganz zurecht. Aber wirklich neu sind diese Darstellungen nicht. Man muss nicht erst die „Münchner Neusten Nachrichten“ aufschlagen, den Vorläufer der SZ, um auf unrühmliche Bilddarstellungen zurückblicken zu können.


SZ-Zeichnung: ein hakennasiger Ariel Sharon, der unter dem Mandat des Davidsterns den ehrbaren UNO-Beobachtern entgegen bellt: „Haut ab, ihr Unogaffer – hier ist Krieg…“ – um von Leichenbergen abzulenken, die den Bildern aus den Vernichtungslagern der Nazis zum verwechseln ähnlich sehen.

SZ, Ausgabe vom 21.07.2004: „Thema der Karikatur waren die Antisemitismus-Vorwürfe des israelischen Ministerpräsidenten und die Reaktion des französischen Staatspräsidenten. Eine antisemitische Tendenz war nicht beabsichtigt. Wir bedauern es sehr, wenn dieser Eindruck entstanden ist. Mit freundlichen Grüßen, Dr. Gernot Sittner, Chefredaktion, Süddeutsche Zeitung“

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Eine-Welt-(ohne Israel)-Haus: „Die bezahlten Typen von Knobloch“ kritisieren den antizionistischen Normalzustand July 1, 2013 | 02:47 pm

Mit einem Offenen Brief haben sich die Grüne Jugend München, der Verband Jüdischer Studenten in Bayern, die Linksjugend Solid München, die Piratenpartei München und andere an die Münchner Begegnungsstätte Eine-Welt-Haus gewandt. Sie fordern den Programmvorstand auf, der Dämonisierung und Delegitimierung Israels endlich Einhalt zu gebieten.

In den vergangenen zehn Jahren sind im Eine-Welt-Haus über 170 Veranstaltungen zu besuchen gewesen, die Israel mit Vorwürfen belasteten. So heißt es in einem Offenen Brief an das Eine-Welt-Haus, der Sonntagnacht auf dem jüdischen Online-Portal Hagalil veröffentlicht wurde. Veranstalter hätten im Eine-Welt-Haus mehrmals zum Boykott israelischer Produkte aufgerufen und Israel als „Apartheidsregime“ bezeichnet. Das habe mit „Staatskritik oder der Suche nach Frieden“ nichts zu tun, heißt es weiter. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft München hat den Brief ebenfalls unterzeichnet. „Den jüdischen Staat fortwährend zu dämonisieren, zu delegitimieren und ihn mit anderen Maßstäben zu messen als alle übrigen Staaten, ist nichts anderes als Antisemitismus in pseudo-engagiertem Gewand“, kritisierte Torsten Weber, Vorstandsvorsitzende der DIG München, heute in München.

Verband Jüdischer Studenten: „eine deutlich israelfeindliche Grundstimmung“
Tatsächlich findet im Eine-Welt-Haus seit Jahren eine groß angelegte Kampagne gegen Israel statt. Diese ist auch mit gezielten Provokationen in Richtung Jüdische Gemeinde verbunden. Dazu gehört beispielsweise die Veranstaltung „Die Erfindung des jüdischen Volkes“ (2010). Oder die Veranstaltung mit dem Titel „Von der Last der Deutschen mit dem Staate Israel“ (2002) im Rahmen der sogenannten „Palästina Tage“ 2002, welche über den 9. November hinweg stattfanden, den Jahrestag der Novemberpogrome der Nazis von 1938. Viele Juden oder Israelis würden sich im Eine-Welt-Haus nicht willkommen und mitunter sogar richtiggehend bedroht fühlen, kritisiert German Rubinstein, Vorstand des Verbands der Jüdischen Studenten (VJSB) in Bayern. Auf Veranstaltungen im Eine-Welt-Haus sei eine „deutlich israelfeindliche Grundstimmung“ zu spüren, so Rubinstein. Der VJSB meldet sich selten zu Wort – umso höher ist die Beteiligung des Verbands am Offenen Brief an das Eine-Welt-Haus zu werten.

Linksjugend Solid: „differenzierte Sichtweise wäre wünschenswert“
Eine Verantwortliche des Eine-Welt-Hauses habe bei einer Kundgebung gegen Antisemitismus (2013) vor dem Eine-Welt-Hauses gesagt, die Teilnehmer der Kundgebung seinen doch „die bezahlten Typen“ von Charlotte Knobloch – ist im Offenen Brief ebenfalls zu lesen. Nach persönlichen Briefen und E-Mails an das Eine-Welt-Haus seien bislang entweder keine oder nur unzureichende Antworten erfolgt. Man fühle man sich mit der bisher angebrachten Kritik nicht ernst genommen, kritisieren die Verfassenden des Briefes. Auch der Linksjugend Solid, der Jugendorganisation der Linkspartei in München, ist es entschieden zu einfarbig. Zwar betont die Linksjugend München, dass das Eine-Welt-Haus „grundsätzlich eine sehr wichtige und schützenswerte Einrichtung“ sei. Aber eine „differenzierte Sichtweise“ auf Israel sei dennoch „sehr wünschenswert“, da es sich schließlich nicht um ein „Eine-Welt-(ohne Israel)-Haus“ handle, sagte Leo Schild heute, Sprecher des Jugendverbands in München.

Grüne Jugend: „antizionistischen Normalzustand beenden“
Die unterzeichnenden Organisationen fordern das Eine-Welt-Haus im Offenen Brief auf, „Veranstaltungen in Zukunft abzulehnen, die Israel direkt oder indirekt das Existenzrecht absprechen oder sich konkret gegen Jüdinnen und Juden wenden“. Israel sei „ein legitimier Teil der einen Welt“ und das solle „ein Haus, das sich Eine-Welt-Haus nennt“ auch ausstrahlen, heißt es im Offenen Brief. Die Grüne Jugend München wird noch deutlicher. Jamila Schäfer, Sprecherin der Grünen Jugend München, erklärt: „Wir schätzen das Eine-Welt-Haus als Kulturzentrum und Anlaufstelle für migrantische Selbstorganisation. Als linker Jugendverband kritisieren auch wir die Politik der israelischen Regierung in vielen Punkten. Diese Kritik sollte aber solidarisch bleiben und keinen Antisemitismus beinhalten.“ Das sei im Eine-Welt-Haus nicht immer der Fall, so Schäfer. Die Grüne Jugend München fordere das Eine-Welt-Haus auf, „sich kritisch mit israelbezogenem Antisemitismus zu beschäftigen und den antizionistischen Normalzustand zu beenden.“ Ähnlich äußert sich Florian Deissenrieder, Vorsitzender der Piratenpartei München. Man sei zunehmend besorgt, dass in „einer von uns hoch geschätzter Einrichtung, eine Bühne für unsachliche, einseitige Israelkritik geboten“ werde, sagt Deissenrieder.

AmEchad: „In München grundsätzlich keine Veranstaltungen fördern, die antisemitisch sind“
Indes zeigt sich Michael Lang, Sprecher des Münchner Vereins AmEchad, erfreut über die Teilnahme der Jugendorganisationen am Offenen Brief: „Dass sich immer mehr junge Menschen gegen Israelfeindlichkeit stark machen, stimmt uns zunehmend optimistisch. Falls der Programmvorstand nicht einlenkt, ist auf eine Debatte innerhalb der im Stadtrat vertretenen Parteien zu hoffen.“ Es sollten laut Lang in München grundsätzlich keine Veranstaltungen mit öffentlichen Mittel gefördert werden, die laut Arbeitsdefinition der EU-Agentur für Grundrechte antisemitisch sind.

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