Flugschrift zu den islamistischen Massakern in Paris (Langfassung) January 13, 2015 | 05:57 pm


"When we've freed Kobane, we'll be off to Iran. It's their turn next."
Eine Brigadistin der YPG/YPJ in der BBC Reportage „Inside Kobane“

“For us women there is no difference between the Islamic Republic of Iran and Islamic State group IS. Both are nourished by animosity to women and a culture of violence. As an Iranian Kurdistan women’s defence force we will step up the struggle against this. We could set up a joint defence force with Iranian women, as Iranian women need a defence force like the HPJ. Our second goal is to bring Iranian women into our struggle ... For instance, when a woman in Iran had acid thrown in her face, she said: 'May the women of Kobanê come and defend us.'”
Axîn Maku von der Frauenselbstverteidigungsbrigade Iranisch-Kurdistans (Hêzên Parastina Jinê – HPJ)

“If the civilized world had confronted this ominous phenomenon when the ruling mullahs in Iran were promoting state terrorism and particularly when Khomeini issued the fatwa for killing Salman Rushdie in heart of Europe, the religious fundamentalism would not have expanded this much today in the Middle East.”
Eine Gruppe Oppositioneller aus der iranischen Folterhölle Gohardasht in einer Solidaritätsadresse an die Ermordeten und Hinterbliebenen des „Charlie Hebdo“-Massakers


Es bewahrheitet sich, was Sîpan Hemo, Oberkomandierender der Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans (Yekîneyên Parastina Gel – YPG, Yekîneyên Parastina Jin - YPJ), über das Verhältnis der Islamischen Republik Iran zum "Islamischen Staat" geäußert hat. Die Interessen der khomeinistischen Despotie Iran charakterisiert Sîpan Hemo als Strategie einer weiteren Eskalation des konfessionellen Konflikts. Sie verfolge mit ihr, sich als Souverän des schiitischen Halbmondes, der sich vom Iran über den Irak bis zum Südlibanon erstreckt, zu installieren. Da'ish, so das arabische Akronym für den „Islamischen Staat“, fungiere dem Iran hierbei als sunnitischer Komplementär. Inzwischen ist die multikonfessionelle Irakische Armee weitgehend ausgehöhlt durch iranhörige Todesschwadronen der Shiah. Wo diese - Asa’ib Ahl al-Haq, Kata’ib Hezbollah, Badr Brigade - herrschen, terrorisieren sie nicht nur die verbliebenen Sunniten wie anderswo Da'ish Anders- und Nichtgläubige. Mit äußerster Brutalität verfolgen sie alle, die als lebende „Beleidigung des Islam“ identifiziert werden: vermeintliche Homosexuelle, unverschleierte Frauen, junge Liebespärchen, êzîdîsche und christliche Spirituosenverkäufer. Der Irak - mit Ausnahme Südkurdistans - ist weitflächig aufgeteilt zwischen Da'ish und der khomeinistischen Despotie, zwischen den brutalsten Varianten der zwei großen islamischen Konfessionen ahl as-sunna („Volk der Tradition“) und Shiah („Partei Alis“). Für das von ihr gehaltene Assad-Regime rekrutiert die khomeinistische Despotie irakisches, libanesisches und afghanisches Frontvieh, während im Schatten des „Islamischen Staates“ Aleppo und Idlib unter Fassbomben eingegraben werden.

Das perfide Kalkül der khomeinistischen Despotie ist aufgegangen. Denn nicht nur, dass mit ihrer engen Einbindung in die „Internationale Allianz“ gegen Da'ish jene Despotie rehabilitiert wurde, die seit Anbeginn ihrer Existenz eine Variante des Islam nach innen konserviert und nach außen exportiert, die dem „Islamischen Staat“ am ähnlichsten ist: Saudi-Arabien. Nicht nur, dass noch jene Shariah Firma, welche von Libyen über Ägypten bis nach Syrien Islamisten finanziell beikommt, in die Koalition einbezogen ist: Katar. Wird nun darüber hinaus auch noch die schiitische Variante von Daʿesh, die Islamische Republik Iran, als wesentlicher Stabilitätsgarant des Mittleren Ostens beschworen. Jüngst traf Niels Annen (sozialdemokratisches MdB) im Iran Ali Akbar Velayati und sprach mit ihm über beidseitige Interessen in Syrien und dem Irak. Bei Mehrnews, eine Regimeagentur, heißt es dann so: „'This special cooperation could be in regard to combating terrorism, and the Islamic Republic has already exploited its full capacity and capabilities in this regard and will take all the necessary steps to fight terrorism,' said Velayati ... Annen also touched upon the threat of ISIL and said, 'Iran and Germany share common concerns especially over regional issues such as ISIL, Syria and Iraq. We are hoping to further consultations by exchanging ideas on these serious issues.'“ Velayati, so die makabre Szenerie, wurde von einem deutschen Gericht 1997 als einer der Initiatoren des Massakers im Restaurant „Mykonos“ in Berlin-Wilmersdorf am 17. September 1992 genannt, bei dem der Generalsekretär der Partiya Demokratîk a Kurdistana Îranê (PDK-I) Sadegh Sharafkandi sowie die Oppositionellen Fattah Abdoli, Homayoun Ardalan und Nouri Dehkordi ermordet worden sind. In der argentinischen Justiz wurde 2013 ein Haftbefehl gegen Velayati gefordert für seine Verstrickung in ein antisemitisches Massaker in Buenos Aires mit 85 Toten. Die Charaktermasken aus der deutschen Politik waren zunächst peinlichst bemüht, die Handschrift des khomeinistischen Regimes an der Hinrichtung der Exil-Oppositionellen in Berlin zu verwischen. Im Jahr eins nach den Morden wurde neben Velayati ein weiterer Mykonos-Verschwörer nach Bonn und Pullach eingeladen. Ali Fallahijan, der mit dem VEVAK jenem Ministerium vorsaß, in dem Spionage, Repression und straatsterroristische Aktionen (auch außerhalb des Irans) gebündelt sind, hoffte auf Informationen über geflüchtete Regimekritiker. Dass diese ihm auch ausgehändigt wurden, bestritten die Deutschen, die wenige Monate zuvor nach Teheran gekommen waren. Zumindest zu Beginn der 1980er war es noch deutsche Realität, dass zur Identifizierung kritischer Exil-Iraner, die bei Protesten inhaftiert wurden, die Schergen aus den diplomatischen Repräsentanzen der khomeinistischen Despotie herangezogen wurden. Die Namen der Regimekritiker wurden alsdann im Iran veröffentlicht, ihre Familienangehörigen bedroht.

Da die khomeinistische Despotie den repressiven und ideologischen Zugriff auf die zu hunderttausenden Exilierten nicht verlieren und auch sie nur überleben kann, wenn sie den Imperativen kapitalistischer Reproduktion gehorcht und zu diesem Zweck, gezwungen ist, politische wie ökonomische Kontakte zu pflegen, hält sie sich dort eine repräsentative Adresse, wo die deutsche Kollaboration mit der khomeinistischen Despotie ihren Nabel hat, dort wo Ayatollahs Staatsverträge schließen. Die erste deutsche Adresse der Islamischen Republik Iran ist nicht die der Ambassade zu Berlin, sie ist die des „Islamischen Zentrums Hamburg“ (im folgenden: IZH). Hier residiert Ayatollah Reza Ramezani, der offizielle Stellvertreter von Ali Khamenei. Und hier befindet sich auch eine Hawza im Geiste der Ayatollahs, die Islamische Akademie. Es ist Ali Khamenei höchstpersönlich, der jüngst das Studieren an dieser schiitischen Variante der Madrasa zur „kollektiven Pflicht“ erhob. Großayatollah Makarem Shirazi weicht nur dahingehend ab, dass er von „einer individuellen Pflicht“ spricht. Mit beiden Fatwas wirbt die Islamische Akademie für sich. Shirazi ist einer jener Kleriker, die im Jahr 2012 eine Todesfatwa gegen den exiliierten Musiker Shahin Najafi aussprachen. Er machte die „religiöse Verpflichtung“ der Muslime darin aus, jede Verächtlichmachung der „keuschen Imame“ sei als Apostasie zu ahnden, also mit dem Tod. Najafi hatte zuvor in einem Song über die okkultistische Ideologie um die Imame der Zwölfer-Shiah gespöttelt. Die Mordaufrufe kursierten auch in den deutschen Repräsentanzen der Islamischen Republik Iran, etwa im Münchener Konsulat, shia-online.ir dotierte das Kopfgeld auf 100.000 Dollar. Der inzwischen selbst verstorbene Großayatollah Mohammad Fazel Lankarani, bei dem der IZH-Vorsitzende Ramezani in Lehre ging, war verantwortlich für eine weitere Todesfatwa gegen den aserbaidschanischen Autor Rafiq Tağı, der am 23. November 2011 in Baku ermordet worden ist. Tağı, so der Kleriker, habe den „Propheten Mohammed” beleidigt. Im Moment droht Sohail Arabi, der auf Facebook Mohammed beleidigt habe, die Hinrichtung. Auch im Rächen verletzter religiöser Gefühle konkurriert die khomeinistische Despotie mindestens auf Augenhöhe mit ihrer sunnitischen Konkurrenz.

Dem IZH zufolge ist der Imam Khomeini, Gründervater der Islamischen Republik, eine „großartige Quelle der Nachahmung“. „Sein Denken und Wirken“ hatten „einen göttlichen Duft, und die Kraft und Beständigkeit seines Weges und seiner Gedanken entsprangen den gnostischen und spirituellen Dimensionen seines Charakters.“ Dieser „göttliche Duft“ liegt vor allem auch über den Folterhöllen der khomeinistischen Despotie, in Evin, Gohardasht, Kahrizak, er liegt über den Gräbern der in Massen Verscharrten. Im Jahr 1988 – während der letzten Zuckungen der Menschenschlacht mit dem Irak Saddam Husseins - erließ Khomeini eine Anordnung, in der er anbefahl, über diejenigen Inhaftierten, die „auf ihrer zwieträchtigen Meinung beharren“, als Abtrünnige zu richten. „Mitleid mit den Feinden des Islam ist Naivität“, so Khomeini in seinem Todesdekret, auf dem die Hinrichtungen tausender Dissidenten folgte. „Zögern“ hieße, „das reine, unbefleckte Blut der Märtyrer zu ignorieren.“ Allein in der elektronischen Datenbank Omid: a Memorial in Defense of Human Rights finden sich die Namen - sowie Ergänzungen zur politischen Identität - von 3.803 Menschen, die im Jahr 1988 hingerichtet worden sind. Andere sprechen von weiteren bis zu 12.000 Ermordeten. Das ist der authentische „göttliche Duft“ Khomeinis: der Duft der eitrigen Wunden der von Folter Geschundenen, der Duft der Exkremente in den zugestopften Todeszellen, der Duft des Schweißes der Hinrichtungskommandos.

Am vergangenen Wochenende lud das IZH zur 5. Einheitskonferenz wider der Islamkritik. Eröffnet wurde die Konferenz von Ayatollah Ramezani und Mustafa Yoldaş. Der eine in Vertretung von Imam Khamenei, der andere als Funktionär von Milli Görüş, jener antilaizistischen Erweckungsbewegung des politischen Islam in der Türkei, deren „Reformflügel“ das Regime des Kalifen Tayyip Recep Erdoğan ist. Aus dem Milieu von Milli Görüş sind auch die vielen türkischen NGOs, die den islamistischen Totengräber der syrischen Opposition - Ahrar ash-Sham, Jabhat al-Nusra, Da'ish - logistisch und propagandistisch beikommen. Yoldaş war bis zu ihrer gerichtlich erzwungenen Abwicklung Vorsitzender der deutschen Filiale der Yardım Vakfım alias İHH. Die türkische Mutterorganisation rekrutiert, etwa Özgür Politika zufolge, hunderte von jungen Männern für Syrien. Mindestens ein Kader der İHH ist für die Jabhat al-Nusra als Märtyrer gestorben. Beide, der Ayatollah und der Milli Görüş-Funktionär, müssten eigentlich Todfeinde sein, schließlich schwieg auch am 10. Januar der Tod an der syrischen und irakischen Front nicht. Doch ihre Funktionen liegen anderswo als darin, die Positionen der khomeinistischen Despotie (und somit die des Assad-Regimes) einerseits und die der türkischen Muslimbrüder andererseits in der syrischen Hölle einzuhalten. Die deutschen Filialen der khomeinistischen Despotie und der türkischen Muslimbrüder sind staatstragend im doppelten Sinne, sie fungieren weniger im mittelöstlich fokussierten geopolitischen Interesse ihrer Regime als viel mehr im konkreten Interesse der deutschen Kollaboration mit jenem organisierten Islam. Sie sind beiderseits zur Staatsloyalität angehalten - und darin liegt auch begründet, dass die khomeinistische Despotie seit 1993 der Hinrichtung exilierter Oppositioneller in Europa entsagt und den deutschen Apparaten dahingehend auch Garantien gegeben hat. Die penetrant vorgetragenen Distanzierungen der Islamischen Republik Iran, der Hezbollah und selbst der Hamas sind nicht den Toten und Hinterbliebenen des Massakers von Paris gewidmet. Mit ihnen versichern sie den europäischen Souveränen, sich an die stille Abmachung zu halten, nicht innerhalb Europas zu morden. Während Saudi-Arabien den Franzosen kondoliert, peitscht es am darauffolgenden Tag Raif Badawi aus, ein Libertärer, dessen Islamkritik mit 1000 Peitschenhieben und 10 gestundeten Lebensjahren gekontert wird. Während in der deutschen Dependance der khomeinistischen Despotie mehr „kultureller Dialog“ eingefordert wird, verhaftet das Regime im Iran die junge Karikaturistin Atena Faraghdani, die nun in Haft ausharrt, weil sie den Imam Khamenei beleidigt und Paramilitärs und Staatsorgane karikiert hätte. Einen Tag vor dem Massaker in Paris richtete es in Urmiye Sabir Moklid Moane, einen Oppositionellen aus Iranisch-Kurdistan, aufgrund von „Feindseligkeit gegen Gott“ (moharebeh) hin.

Khomeinisten und Milli Görüş treten hierzugegen zweckvereinigt als Schura (nach shūrā: „Beratung“) auf. Hinzu kommen einige andere Moscheen wie die der Hizbullahî Kurdî, einer Konterguerilla, die in den 1990ern tausende Oppositionelle ermordet hat. Seit den Attacken auf Kobanê tritt diese Partei Allahs wieder als Repressionsorgan des türkischen Staates auf. In Amed und Cizîr töteten sie Protestierende. Aussagen des oppositionellen Parlamentariers Demir Çelik zufolge hätten sich zudem 2000 Angehörige der Hizbullahî Kurdî in Syrien und dem Irak Daʿish angeschlossen. In der Hamburger Vahdet Moschee wurde jüngst Hüseyin Velioğlu, dem Gründer dieser Todesschwadrone, gedacht.

Mit Anbeginn des Importes von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil es als unumstößlich galt, dieses alsbald wieder abzuschieben, installierte sich der Islam als sozialer Repressionsapparat. In der Fabrik garantierte die deutsche Direktion den Salāt, das rituelle auf die Kniefallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. Es waren Graue und Grüne Wölfe aus dem Milieu der ultranationalistischen Milliyetçi Hareket Partisi und von Milli Görüş die jedes soziales Aufbegehren als „unislamisch“ und „jüdisch infiltriert“ denunzierten und verfolgten und sich auf das komplizenhafte Augenzwinkern des deutschen Souveräns verlassen konnten. Als am 5. Januar 1980 in Berlin-Kreuzberg der Kommunist Celalettin Kesim ermordet wurde, gestand das Gericht dem Mörder, einem Agitator aus der nahen Milli Görüş-Moschee in der Skalitzer Straße, zu, dass er „seiner ganzen Ideenwelt“ entsprechend geglaubt habe, das Richtige zu tun. Aus Mord wurde Landfriedensbruch. Die Milli Görüş-Moschee in der Skalitzer Straße existiert bis heute, sie ist organisiert in der Islamischen Föderation Berlin, die vom deutschen Souverän die Verantwortung für den Unterricht im Islam zugetragen bekam.

Es war zunächst vor allem diese antikommunistische Funktion, die der Islam so präzise einzunehmen vermochte wie nur wenige andere Ideologien. Doch noch 1979 war die Beschwichtigung gegenüber der faschistischen Kontrarevolution der Ayatollahs im Iran und die Kollaboration mit der feudalen Reaktion in Afghanistan nicht allein auf kühles Kalkül herunterzubrechen. An der Bande zwischen Ayatollah und Brüllvieh, an der Grobschlächtigkeit bärtiger Antikommunisten faszinierte der Kniefall des Knechtes aus Inbrunst, das Opfer für einen höheren „göttlichen“ Zweck, also die authentische Überführung der Totalität des Kapitals, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst widersinniger Zweck ist, in die Sphäre des religiös Absoluten. Während die Aggression Europas gegen die suspendierte Gattung innerhalb und außerhalb seiner Grenzen unzählige Geflüchtete in den Tod drängte und nach wie vor drängt, wurde der Islam in seiner ganzen Idiotie diesem Europa, das Geflüchtete zwingt, sich unter das Chassis eines LKWs zu klemmen, zum Sakrileg. Der einzige Antirassismus, der im Europa der Push backs und nächtlichen Abschiebekommandos zu haben ist, ist eben nicht die Garantie auf ein menschenfreundliches Exil, er ist die Einfühlung in die Ideologien und Apparate derer, die am perfidesten morden.

40 Prozent der rassistischen Angriffe trifft Juden, die aber unter den Franzosen nur ein Prozent ausmachen. Von der Ermordung Ilan Halimi im Februar 2006 über das Massaker an dem jüdisch-orthodoxen Collège in Toulouse im März 2012 und im Brüsseler Jüdischen Museum im Mai 2014 bis zu dem Pogrom im Pariser Banlieue Sarcelles im Juli 2014 und den Morden von Porte de Vincennes im Januar 2015 sind es Juden, die im frankophonen Europa wie Roma in Osteuropa um ihr Leben fürchten müssen. Viele der ersten oder zweiten Reaktionen auf das Massaker in Paris ähneln sich darin, dass der Islam zum eigentlichen Opfer erhoben wird - als hätten die Mörder nur zufällig religionskritische Karikaturisten und Juden aufgesucht. In Hamburg warb die Journaille mitleidsvoll für die Einheitskonferenz unter dem Antlitz Ayatollahs Khomeini. Es ginge um „Gegenstrategien“ gegen „die aktuellen Anfeindungen“. Die „taz“ bat dazu, Katajun Amirpur, Professorin für „Islamische Studien“, zum Gespräch. Sie bringt „die theologische Ressourcen“ - ja, welche: etwa die der Ayatollahs Shirazi und Lankarani - in Anschlag gegen salafistische Rowdys. Wenn sie sich in die Faschisierung jugendlicher Muslime einfühlt, die, so Amirpur, radikalisiert werden, weil in der Konkurrenz um die wenigen Funktionsstellen diskriminiert wird, wer „Yüksel heißt und nicht Müller“, muss es wie eine bösartige Verhöhnung für Zineb El Rhazoui, marokkanischstämmige Redakteurin von Charlie Hebdo und Überlebende des Massakers, und Mustapha Ourrad, ermordeter algerischstämmiger Korrektor der Karikaturisten, und alle anderen sein, die auf selbst erfahrende rassistische Aggression mit kosmopolitischer Solidarität kontern und nicht damit, sich an dem Leben anderer und allem, was noch irgendwie an die Möglichkeit von individuellem Glück erinnert, zu rächen.

Die Selbstverteidigungsbrigaden Syrisch-Kurdistans YPG/YPJ forderten monatelang konkrete Solidarität ein und erinnerten daran, dass sie die menschliche Gattung und nicht sich allein verteidigen. Einer der wenigen, der dies wusste, war der am 7. Januar in Paris ermordete Stéphane Charbonnier alias Charb. Er schrieb in einer seiner Kolumnen: „Les Kurdes nous défendent tous“, „die Kurden verteidigen uns alle“. "Je suis Charlie" kann nur konkret gemeint sein als Solidarität mit Menschen wie jenen, die den Feinden des Glückes entschlossen widerstehen. Menschen wie Atena Faraghdani und Saman Naseem, dem die Folterschergen der khomeinistischen Despotie zunächst Finger und Fußnägel herausrissen, bevor er eine Beteiligung an einer militanten Aktion gegen die Revolutionsgardisten des Regimes gestand. Ein islamisches Gericht in Mahabad befand ihn schuldig, "feindselig gegenüber Gott" zu sein. Ihm droht als nächstes die Hinrichtung.

"As the editor of Charlie Hebdo magazine, Stephane Charbonnier (Charb) had earlier mentioned in one of his writings, we the People’s Defense Units (YPG) are not only defending our land, rather we conduct an honorable resilience against a dark force which is trampling on human values ... Against the dark forces not only in word, but in practice and action a rigorous struggle must be conducted."
Das Generalkommando der YPG in Kobanê


Charlie et la republique January 11, 2015 | 05:25 pm

Es ist schon ein krasser postmoderner Ritt von Charlie Brown und Charlie Hebdo hin zu zwei djihadistischen Mordmassakern in einer Zeitungsredaktion und einem jüdischen Supermarkt. So eine Räuberpistole können sich nur Illuminaten oder islamistische Mordbrenner ausdenken. Auf das unten stehende Foto bin ich auf einer britischen Zeitungsseite gekommen. Immerhin werden die konkreten Anschlagsopfergruppen im Foto einbezogen (upps, 3 Flics). In den Strassen von  Paris scheint sich ja heute doch eher der französische Staat als Opfer zu empfinden. Nun ja, der iss ja ooch ein Subjekt.

je suis juif,je suis charlie,paris 2015

je sui juif,je suis charlie

Nun haben die Mordbuben des radikalen Islamismus wieder in Europa zugeschlagen – London und Madrid sind noch in schmerzlicher Erinnerung. Karikuratisten und Kunden eines jüdischen Geschäfts wurden letzte Woche exemplarisch von drei Djihadisten in Paris hingerichtet und drei Sicherheitskräfte mussten auch dran glauben. Deren Agenda wird aktuell in Syrien und Irak mit hoher Publizität vom IS durchgeschlachtet. Kurden,Christen und Schiiten haben dort dafür schon mit hohem Blutzoll bezahlen müssen.

Ich bin beeindruckt von der grossen Anzahl der Demonstranten in Paris, die sich hinter die Angehörigen der Mordopfer und die Republik stellen. In eine gesellschaftliche Spaltung a la Marie LePen mag sich dort keiner einreihen wollen. Wie sich Holland oder Merkel dort staatspolitisch an der Demospitze präsentieren,scheint Ausdruck des zeitgenössischen europäischen Gedankens zu sein. Es treten Netanjahu und Abbas in einer EU-Demo auf, Netanjahu muss sich hinter die vom grassierenden Antisemitismus gebeutelten Juden Frankreichs stellen; Abbas muss seinen Schulterschluss mit Hamas noch besser an die EU-Elite verkaufen. Daneben laufen ja monarchistische  Magnifizenzen auf, denen der republikanische Gedanke eher fremd sein dürfte. Das europäische Haus hat ein sehr weites Herz. Staatspolitiker wie Holland und Merkel  haben ein Interesse an staatstragender Gemeinschaft, die Spaltungsideen der Rechten und Islamisten stören den inneren funktionierenden Betrieb. Wie weit die Muslime in Frankreich die liberale Republik stützen, wird die weitere Praxis zeigen, die Zeichen von der Demo in Paris geben blasse Hoffnungsgründe.

In Deutschland scheint das Hauptinteresse der Muslimverbände die Anerkennung und pekuniäre Gleichstellung mit z.B. den christlichen Kirchen  zu sein. Das bedeutet konkret: Steuerzuwendungen, Einrichtung von Lehrstühlen an den Hochschulen und Islamuntericht an öffentlichen Schulen. Kurzum, die Basislegung für einen europäischen Islam soll vom Staat mit betrieben werden. Ich vertrete einen Gegenstandpunkt: Religion soll Privatsache werden und die Kircheneprevilegien müssen endlich fallen. Ich glaube auch nicht,dass der Djihadismus nichts mit dem Islam zu tun hat – er ist ein Teil des Islam und die Muslime müssen das Thema klären. Und ich möchte auch nicht auf fruchtlose theologische Debatten warten, die djihadistischen Netzwerken die Zeit verschaffen,um sich hier auch mit Staatsknete festzusetzen und ihr idelogisches Gift vom Kalifatstaat mit langem Atem in die Gesellschaft zu injizieren.

Mein Beileid gehört den Opfern und Angehörigen dieser Mordbrenner. Es muss doch einen Weg geben,die Religionsfreiheit zu erhalten ohne den Staat und die Gesellschaft weiter mit Religion aufzuladen. Und diesen Spannungsidelogen von AfD, Pegida und Djihadfans gehört auch endlich das Wasser abgegraben.

Interressante aktuelle Texte zum Thema:

Freiheit kann man erschießen

“Das hat nichts/etwas mit dem Islam zu tun”  Teil II

Ich bin nur ganz kurz Charlie Hebdo – Spaltung ist Freiheit

Jede Menge falsche Freunde

Linksammlung SonntagsGesellschaft

Nichts mit dem Islam zu tun

Cosmoproletarian Solidarity

– Nico Sarcozy war in Paris ganz vorne mit dabei,wo noch?


Filed under: Aussenpolitik, body count, im Irrenhaus

Von deutschem Elend January 11, 2015 | 05:10 pm

Je suis Charlie!

Fragmentarische Gedanken zu Abendländlern, Islamisten und Linken aus gegebenen Anlässen.


I.

Bonn, am 22. Dezember 2014, kurz vor Mitternacht. Ich sitze in einem Nahverkehrszug nach Köln. Kurz vor der Abfahrt betreten rund zwanzig junge Männer das Abteil, alle mit sehr kurzen Haaren oder gänzlich kahlgeschoren, manche tragen Jacken der in ultrarechten Kreisen beliebten Kleidermarke »Thor Steinar« oder T-Shirts der dort ebenfalls populären Band »Frei.Wild«. Ihren lauten Gesprächen ist zu entnehmen, dass sie zuvor an einer Demonstration des Bonner »Pegida«-Ablegers »Bogida« teilgenommen haben. Als die Bahn sich in Bewegung setzt, feiern die Männer die »Hooligans gegen Salafisten« und die rechtsradikale Band »Kategorie C«, außerdem grölen sie unablässig Parolen und Gesänge wie »Lügenpresse auf die Fresse«, »Antifa ins Gas«, »Dies ist keine Judenrepublik«, »Heute fährt die Reichsbahn bis nach Istanbul« und »Wir bauen eine U-Bahn bis nach Auschwitz«.

Außer mir und dieser Gruppe sind allem Anschein nach keine weiteren Fahrgäste im Abteil. Meine Anwesenheit bemerken die teilweise stark alkoholisierten Neonazis dennoch erst kurz vor dem gemeinsamen Ausstieg am Kölner Hauptbahnhof. Als sie daraufhin ihre Aufmerksamkeit auf mich richten – weil es sie nach einem beliebigen Opfer dürstet, nicht, weil sie mich identifiziert hätten –, zu pöbeln beginnen und hörbar in Erwägung ziehen, es nicht bei Worten zu belassen, scheint mir die Flucht ins Bahnhofsgebäude und schließlich ins Taxi die sinnvollste Option zu sein. Tatsächlich bin ich schneller als die »Bogida«-Aktivisten und entwische ihnen.

Fünf Monate zuvor habe ich schon einmal befürchten müssen, dem politisch motivierten Hass aufgeputschter Demonstranten nicht unbeschadet entkommen zu können. Am 18. Juli nehme ich an einer Kundgebung des Duisburger Bündnisses gegen Antisemitismus in der Nähe des Essener Hauptbahnhofs teil und halte dort auch einen kurzen Redebeitrag. Wenig später muss die Versammlung Knall auf Fall abgebrochen werden, weil mehrere hundert islamistische Teilnehmer einer – von der Jugendorganisation der Linkspartei organisierten – antiisraelischen Kundgebung versuchen, die proisraelische Veranstaltung zu stürmen. Die schlecht vorbereitete, personell unterbesetzte und einsatztaktisch konfuse Polizei kann einen gewaltsamen Übergriff gerade so verhindern, die mehrstündige Belagerung lässt sie jedoch zu. Ohne Unterlass brüllt ein aggressiver Mob antisemitische Parolen wie »Tod den Juden«, »Adolf Hitler« und »Kindermörder Israel«. Mehrmals fliegen Gegenstände und Böller in die Richtung der proisraelischen Demonstranten. Wie durch ein Wunder gibt es keine Verletzten.

Auswärtige haben letztlich nur zwei Möglichkeiten, sich in Sicherheit zu bringen: Entweder – auf eigenes Risiko – zu Fuß durch ein Kaufhaus und anschließend durch mehrere Seitenstraßen zum Bahnhof, in der bangen Hoffnung, keinem Islamisten vor die Fäuste zu laufen. Oder nach dem Abzug der judenfeindlichen Meute – also zu einem ungewissen Zeitpunkt – in einem von der Polizei bereitgestellten Bus, dessen Ziel ein Bahnhof außerhalb von Essen ist. Ich entscheide mich nach einigen Stunden des Ausharrens für die erstgenannte Option und habe damit Glück.


II.

Köln, am Abend des 5. Januar 2015. »Kögida«, die Kölner Ausgabe von »Pegida«, hat zu einer Demonstration aufgerufen, ein Bündnis aus fast 60 Organisationen zu einer Gegendemo mobilisiert. Anders als in Dresden bringen die eilfertigen Retter des Abendlandes hier nur einige hundert Teilnehmer auf die Beine – darunter Funktionäre der NPD und von »Pro Köln« –, ihre Gegner dafür mehrere tausend. Am Kölner Dom und in weiteren Gebäuden entlang der geplanten Demonstrationsroute von »Kögida« ist die Beleuchtung ausgeknipst worden, weil die rechten Demonstranten keine Kulisse für ihren Aufzug bekommen sollen. Mit ein paar Freunden stelle ich mich an eine Straße, über die »Kögida« später marschieren will. Viele andere warten ebenfalls dort. Die Stimmung ist trotz der Kälte gut und entschlossen, denn es ist abzusehen, dass die Rechten zahlenmäßig weit unterlegen sein werden.

Auf einer kleinen Fußgängerbrücke in meiner Nähe drängen sich zahlreiche Gegendemonstranten. Dieser Ort ist ein besonders guter, denn von ihm aus hat man einen hervorragenden Überblick und ist außerdem besonders nahe am Geschehen. Ein junger Mann richtet sich von der Brücke aus mit einem Megafon in regelmäßigen Abständen an die »Kögida«-Gegner in seiner Hörweite. Er fordert zur Geschlossenheit auf, äußert seine Einschätzungen zu »Kögida«, der Polizei und der deutschen Flüchtlingspolitik und beschließt seine Beiträge stets mit einem lauten »Nazis?«, was aus der Menge mit einem vielstimmigen »Raus!« beantwortet wird.

Man merkt, dass der Mann diese Tätigkeit nicht zum ersten Mal versieht, denn er wirkt geübt und selbstsicher. Außerdem ist rasch klar, dass er nicht für sich spricht, sondern politisch organisiert ist. Wie er selbst sagt, vertritt er die »Antikapitalistische Aktion Bonn« und die »Rote Aktion Köln« – zwei »antiimperialistische« Vereinigungen, die im vergangenen Sommer in Bonn und Köln an antisemitischen Kundgebungen gegen Israel beteiligt gewesen sind. Gut vorstellbar, dass der junge Mann auch damals mit einem Megafon den Einpeitscher gegeben hat. Dass er seinerzeit an Naziaufmärschen teilgenommen hat, würde er gewiss ähnlich vehement – und ähnlich grundlos – zurückweisen, wie es nun vermutlich die »Kögida«-Demonstranten auf Nachfrage täten. Hätte er sich mit diesen über den jüdischen Staat zu unterhalten, würden beide Seiten zweifellos große Übereinstimmungen feststellen.

Als die Nachricht die Runde macht, dass die »Kögida«-Demonstration abgeblasen worden ist, brandet Jubel auf. »Wir können in Köln stolz darauf sein, dass wir es in kürzester Zeit geschafft haben, so viele Menschen zu versammeln, um ein Zeichen zu setzen«, wird Oberbürgermeister Jürgen Roters später sagen. Und die SPD-Bundestagsabgeordnete Michaela Engelmeier wird ergänzen: »Ich finde es gut, dass so viele Menschen heute zeigen, dass für Rassisten und Antisemiten kein Platz in Köln ist.« Tags darauf wird Walter Herrmann vor dem Kölner Dom wieder seine Dauerausstellung aufbauen, mit der er seit Jahren ungestört gegen Israel hetzt. Der Einbruch der Dunkelheit stellt dabei kein Problem für ihn dar – die Beleuchtung des Doms sorgt schließlich für genügend Licht. Und für eine prächtige Kulisse.


III.

Für politische Angelegenheiten habe ich mich in einer Zeit zu interessieren begonnen, die von besonders üblen Folgen der deutschen »Wiedervereinigung« gekennzeichnet war. Für diese Folgen stehen die Orte, in denen sie sich in außerordentlichem Maße zeigten: Hoyerswerda, Rostock-Lichtenhagen, Mölln, Solingen, um nur einige zu nennen. Orte, in denen Häuser von Migranten in Brand gesetzt wurden, Orte, in denen sich ein zutiefst rassistischer Mob austobte, der beileibe nicht nur aus Neonazis bestand, sondern aus ganz normalen Deutschen. Die entsetzlichen Bilder von den tagelangen Pogromen in Lichtenhagen, die grotesk untätige Polizei, die widerwärtigen »Das Boot ist voll«-Kampagnen in den Medien und eine empörende Politik, die das Asylrecht abschaffte und damit die Flüchtlinge bekämpfte statt des Pogrompöbels – all das hat sich unauslöschlich in mein Gedächtnis eingegraben und war ein wesentlicher Auslöser für politische Aktivitäten.

Geprägt haben mich aber auch Henryk M. Broder, Eike Geisel und Wolfgang Pohrt mit ihren Schriften. Ihre kompromisslose Unversöhnlichkeit gegenüber der narzisstischen deutschen »Vergangenheitsbewältigung«, ihre scharfe Kritik des Antisemitismus, ihre Parteinahme für Israel und ihre schonungslosen Abrechnungen mit linken Selbstgerechtigkeiten und Gewissheiten waren (und sind) für mich Meilensteine. Irgendwann musste das Konsequenzen haben. Namentlich die linke Packelei mit den Feinden des jüdischen Staates, die Verständnisinnigkeit gegenüber den Mordtaten islamistischer Terrorbanden, die Popularisierung der »Israelkritik« – die häufig auch noch schamlos als »Lehre aus der deutschen Geschichte« angeboten wird – und die damit einhergehende Verharmlosung jedes Antisemitismus, der nicht von rechts kommt, haben mich schließlich aus linken Organisationen getrieben.

Wenn in diesen Tagen eine Vereinigung wie »Pegida« Tausende in Dresden auf die Straße bringt, fühle ich mich an den Beginn der Neunzigerjahre erinnert. Der Ungeist ist ein sehr ähnlicher. Gewiss, bislang werden keine Brandsätze geworfen, sondern nur formuliert, aber das eine ging dem anderen seinerzeit auch voraus. »Lügenpresse« und »Volksverräter«, diese niederträchtigen, bedrohlichen Termini aus dem NS-Vokabular rangieren im Wortschatz der Pegidisten ganz vorne, und die Rede von der »Islamisierung« und dem »Asylmissbrauch« ist nichts weiter als eine Chriffre für das, was in diesen Kreisen längst nicht nur hinter vorgehaltener Hand als »Überfremdung« firmiert. Kurz vor Weihnachten drängte es, wie die taz berichtete, 50 »Pegida«-Anhänger in Dresden dann auch zur Tat, als sie in einem Einkaufszentrum Jugendliche angriffen und dafür Beifall von Passanten bekamen. Bei einer weiteren Kundgebung Anfang Januar konnten 150 Teilnehmer nur mit Mühe davon abgehalten werden, auf Gegendemonstranten loszugehen.

Das sind gute Gründe, gegen »Pegida« und seine Ableger auf die Straße zu gehen. Nur: Wo waren die grundguten Antifaschisten, als es im Sommer landauf, landab wochenlang zu teilweise gewalttätigen antisemitischen Aufmärschen kam? Als »Hamas, Hamas, Juden ins Gas«, »Jude, Jude, feiges Schwein«, »Tod den Juden« und »Kindermörder Israel« gerufen wurde? Als es Anschläge auf Synagogen gab? Als Menschen, die israelische Flaggen zeigten, angegriffen wurden? Hier und da fanden Kundgebungen für Israel und gegen den antisemitischen Wahn statt, doch auf denen fand sich selten mehr als ein Häuflein Demonstranten ein – kein Vergleich also zu den Aktivitäten gegen »Pegida« & Co. Warum war das so? Weil die Antisemiten hier ganz überwiegend keine Rechten waren, sondern Muslime? Und weil sie gar nicht als Judenhasser angesehen wurden, sondern als »Israelkritiker«, die es lediglich ein bisschen übertreiben? Wenn nicht gar, wie in Essen, als Bündnispartner im Kampf gegen den jüdischen Staat?


IV.

In einem bemerkenswerten Beitrag für die taz hat Deniz Yücel nach dem Terroranschlag auf die französische Satirezeitschrift Charlie Hebdo ein paar kategorische Minimalbedingungen im Umgang mit den Themen »Pegida« und Islam formuliert. »Ihr habt kein Recht, euch der ermordeten Satiriker zu bemächtigen«, ruft er zunächst den Pegidisten zu, die die grausame Tat von Paris für ihre Zwecke instrumentalisieren. »Denn für euch hätten die Satiriker von Charlie Hebdo zur ›Lügenpresse‹ gehört. Ihr könntet ahnen, was die für euresgleichen übriggehabt hätten.« Anschließend wendet sich Yücel gegen jegliche Relativierung des tödlichen islamistischen Anschlags, gegen jegliches »Aber«, etwa in der Form, die Cartoonisten hätten ja auch provoziert oder Islamophobie befördert. Und er fährt fort:

Genauso unerträglich ist die Formel, die Morde von Paris hätten nichts mit dem Islam zu tun, die nun allenthalben bemüht wird, ob nun aus Furcht vor einem Aufflackern des Rassismus oder aus weniger ehrenhaften Gründen. Es ist Blödsinn. Denn »den« Islam gibt es nicht, der Islam ist die Summe dessen, was diejenigen, die sich auf ihn berufen, daraus machen. Und was ein nennenswerter Teil daraus macht, ist Barbarei. Ob die Fatwa gegen Salman Rushdie oder der Mord an Theo van Gogh – in der jüngeren Geschichte waren es fast immer Muslime, die mit Gewalt gegen die Freiheit der Kunst vorgingen. […] Das kollektive Dauerbeleidigtsein haben die Muslime ziemlich exklusiv; das Verständnis in einem Teil der linksliberalen Öffentlichkeit ist ihnen gewiss. Die Mörder sind eben nur ganz besonders Beleidigte.

»Charlie Hebdo« hat nicht allein muslimische Frömmler und Fundamentalisten verspottet, sondern auch christliche oder jüdische. Anschläge und am Ende der Mord kamen nur von einer Seite: von Muslimen. Darum haben auch die Muslime ein Problem. Sie schaden sich selbst, wenn sie sich das nicht eingestehen und sich hinter Phrasen wie »Der Terror hat keine Religion« verstecken. Sie schaden der Wahrheitsfindung. Und wer den Befund nicht kennt, wird keine Linderung finden. Es sind nicht alle Katzen grau. So wie Pegida eben kein gesamtdeutsches, sondern ein ostdeutsches Phänomen ist.

Aber, auch diese Differenzierung muss sein, rassistische Dumpfbacken sind nicht dasselbe wie kaltblütige Killer. Die Entsprechung der Mörder von Paris ist nicht Pegida, sondern Anders Behring Breivik. Doch faschistische Killer entstehen in einem geistig-politischen Umfeld, das Mord und Terror zwar ehrlich verurteilt, aber grundlegende Ansichten und Gefühlslagen mit den Mördern teilt.

Man könnte auch mit Michael Martens feststellen: Wenn der Islamismus nichts mit dem Islam zu tun hat, dann hatten die Kreuzzüge auch nichts mit dem Christentum zu tun. Und der Archipel Gulag nichts mit dem Stalinismus. Ganz einfach.


V.

Nicht wenige Linke, Linksliberale und Antirassisten nehmen gegenüber Muslimen eine Haltung ein, die als Ausweis edler Gesinnung daherkommt, in Wirklichkeit aber paternalistisch oder kulturrelativistisch und damit letztlich selbst rassistisch ist. Dort, wo sich islamisch grundierter respektive motivierter Hass äußert oder gar gewalttätig wird, werden allzu oft Erklärungen präsentiert, die beschwichtigen, verharmlosen, verdrehen. Selbst Brutalitäten bis hin zum Mord werden vielfach als zwar bedauerliche, aber irgendwo doch verständliche Reaktionen auf – angebliche oder tatsächliche – Ausgrenzungs- und Unterdrückungserfahrungen betrachtet. So, als könnten die betreffenden Muslime gar keine autonomen Subjekte sein, die Entscheidungen selbstbewusst treffen, als könnten (und müssten!) sie ihr Handeln nicht verantworten, sondern immer nur als Objekte reagieren – und zwar exakt so, wie sie es tun. Eine Entmündigung und Ontologisierung, ein Spiegelbild des Rassismus klassischen Zuschnitts: Rechte Rassisten wie linke Antirassisten können sich Muslime offenbar nur als Fanatiker vorstellen.

Hinzu kommt, dass dort, wo noch jede materielle, aufgeklärte Kritik an der gewalttätigen Praxis des Islamismus als »rassistisch« und »islamophob« denunziert wird, nicht nur eine fragwürdige Akzentverschiebung in der Debatte stattfindet oder zumindest beabsichtigt ist. Säkulare, islamkritische (Ex-)Muslime werden in ihrem Kampf gegen religiöse und religiös begründete Zumutungen auch schmählich im Stich gelassen. Dass die meisten Opfer des Islamismus unter den Muslimen zu finden sind, ist eine Wahrheit, der sich die meisten Antirassisten sehr ungern stellen. Weil sie nur auf den Rassismus konzentriert sind, haben sie tatenlos zugesehen, wie sich eine radikal freiheits- und frauenfeindliche, antisemitische und homophobe Ideologie ausgebreitet hat. Und sie haben es versäumt, dem rechten Schreckensszenarien vom drohenden Untergang des Abendlandes einen Kosmopolitismus und Universalismus entgegenzusetzen, der nicht nur xenophoben Zumutungen eine Absage erteilt, sondern eben auch denen des politischen Islam. (Wobei es rühmliche Ausnahmen wie die Aktion 3. Welt Saar gibt, die hier nicht unterschlagen werden sollen.)

Auch jetzt, nach dem Terror von Paris, steht in den öffentlichen Reaktionen und Debatten hierzulande auffällig oft die Warnung vor einer wachsenden Islamfeindlichkeit im Mittelpunkt. Der Islamismus dagegen ist – und daran ändern auch die zahlreichen Beteuerungen, ebenfalls »Charlie« zu sein, nichts – vielfach nur insoweit ein Thema, als man es sich verbittet, dass »Pegida« die Bluttaten in der französischen Hauptstadt instrumentalisiert. So, als sei die Gefahr, die vom politischen Islam als totalitärer Ideologie ausgeht, ansonsten zu vernachlässigen. Ebenfalls bezeichnend ist, wie wenig über die jüdischen Opfer gesprochen wird, die es in einem koscheren Supermarkt in Paris gab. Der Täter hatte sich dieses Geschäft ganz gezielt ausgesucht, wie er selbst sagte: »Ja. Die Juden. Wegen der Unterdrückung, vor allem des ›Islamischen Staats‹, aber überall. Es ist für alle Gegenden, wo Muslime unterdrückt werden. Palästina gehört dazu.«

Das hätte ein Anlass zu sein, eher vor Judenfeindlichkeit zu warnen als vor Islamfeindlichkeit, zumal nach den antisemitischen Aufmärschen des vergangenen Sommers. Doch »jüdische Tote scheinen Europa, ja die Welt bei weitem nicht so zu erschüttern wie Tote anderen Glaubens«, wie Bernhard Torsch auf seinem Blog schreibt. »Es ist fast so, als würde Terrorismus gegen Juden als Normalität wahrgenommen und, schlimmer noch, als Reaktion auf den Nahostkonflikt rationalisiert. Dass man den Skandal der Dauerbedrohung jüdischen Lebens in Europa hingenommen hat, ist aber eine der Wurzeln des Nachtschattengewächses Terrorismus. Kaum jemand schien zu verstehen, dass es nicht nur darum geht, jüdische Menschen und Einrichtungen mit Polizeistreifen zu beschützen, sondern dass die Notwendigkeit für diesen Schutz das eigentliche Problem ist. So wie das eigentliche Problem am islamischen Terrorismus nicht die Qualität der Abwehrmaßnahmen dagegen ist, sondern dass diese Maßnahmen nötig sind.«


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Über Verantwortung und Mord January 11, 2015 | 01:51 pm

Der zur Zeit vielfach geäußerte Spruch, die terroristischen Mordaktionen in Frankreich hätten dem Islam Schaden zugefügt, zeugt von ähnlicher Empathielosigkeit für die tatsächlichen Opfer wie die Statements deutscher Politiker nach Anschlägen auf Flüchtlingswohnheime, nach den Mordattentaten der Nazis (die sie im Bunde mit einer geheimen Organisation begingen), oder den antisemitischen Zusammenrottungen im Sommer letzten Jahres – so etwas würde dem Ansehen Deutschlands im Ausland schaden.

Diese Argumentationsmuster sind eine Projektion der Verantwortung für die Tat auf die Opfer, die doch in irgendeiner Weise mit der Tat in einem Zusammenhang zu stehen haben, mit der man eigentlich nichts zu tun habe und zur berühmten ja-aber-Phrase führt. Sie sind Ausdruck der politischen Kultur des Postnazismus.

Sie finden sich deswegen als grundlegendes Argumentationsmuster in der deutschen Debatte und kulturellen Beschäftigung über die Verantwortung der Deutschen für den Nationalsozialismus wieder. Sie finden sich in der reflexartigen Abwehr einer als Kollektivschuldthese verballhornten Zuweisung der Verantwortung an die deutsche Nation für das, für was sie sich mehrheitlich entschieden hatte und nur in kleinen und isolierten Teilen distanzierte, oder im Versuch, den NS als Tat einer metaphysischen Macht zu deuten, die im Namen Deutschlands Unheil über die Welt gebracht habe, und vor allem die deutsche Kulturnation beschmutzt habe.

Man findet dieses Muster aber auch dort, wo viele es nicht vermuten. Seit meiner frühen Jugend habe ich mich immer politisch links verortet und seit dieser Zeit habe ich mich immer wieder damit beschäftigt, wie es zu den mörderischen Abgründen stalinistischer Politik gekommen ist. Die, die mit dem Brustton der Überzeugung sagten, das habe alles nichts mit Marxismus, Kommunismus, Sozialismus usw. zu tun, bzw. ihre richtige Interpretationen der Ideen von Revolution, Gerechtigkeit, Solidarität usw. oder von Karl Marx, Friedrich Engels, Wladimir I. Lenin, Michael Bakunin usw. würden sich substantiell vom Stalinismus unterscheiden, haben mich nie überzeugt und waren mir genauso wie jene, die einfach die Seiten gewechselt hatten unsympathisch. Unsympathischer als die, die in der Tradition dieser Politik gestanden haben, die unmittelbar mit dem Stalinismus in Berührung gekommen sind und z.T. ihm auch zum Opfer fielen.

Die Verleugner des Zusammenhangs von Elementen linksradikaler Politik, die in die Abgründe von Kolyma und die Barbarei der Lubjanka führten, bauten sich einfache Brücken, die sie dahin führten, dem Komplex von Verantwortung und Entscheidung für eine politische Idee und/oder Tat aus dem Wege zu gehen, womit sich große Geister wie Manes Sperber, Jorge Semprún oder eher unbekannte wie Richard Krebs Zeit ihres Lebens beschäftigten.

Auch wenn es keine einfache und schon gar nicht eine notwendige Linie von Karl Marx zu Josef Stalin gibt, so gibt es aber einen Zusammenhang und eine Verantwortung, denen man sich stellen muß. Diese führen zu einer theoretischen Auseinandersetzung, die, wenn auch nicht vordergründig, ein wichtiges Motiv der Kritischen Theorie, aber auch von Autoren wie z.B. Maurice Merlau Ponty oder Albert Camus war (wenn sie auch zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen kamen).

Das Gleiche verlange ich heute von denen, die in einer modernen Welt der Auffassung sind, sich zur islamischen Religion bekennen zu müssen und für die der Ruf “Allahu Akbar”, resp. “Takbir” Bestandteil des täglichen Gebetes ist, aber gleichzeitig beanspruchen als gleichberechtigte Bürger, Teil einer demokratischen Nation sein zu wollen*. Es sind nicht viele, die das tun. Die, die wie z.B. Ayaan Hirsi Ali, aktuell Ahmad Mansour, aber auch Hamed Abdel-Samad, Boualem Sansal u.a. es tun, genießen in vielen Kreisen keinen guten Ruf, weil ihnen unterstellt wird, sie verallgemeinerten unzulässig, würden den Rechten und den Rassisten Munition liefern, sie wären Verräter an der Guten Sache usw. – altbekannte Vorwürfe an Abtrünnige.

Eine Auseinandersetzung darüber, worin der Zusammenhang von Djihad, Salafismus, Islamismus, Islam und dem Glaubensbekenntnis besteht ist überfällig, sie ist etwas anderes, als aus durchsichtigen Gründen in die Welt zu posaunen, der Islam gefährde das Abendland, sie ist aber auch mehr als der aktuell zu vernehmende Ruf “Nicht in meinem Namen!“, der ist zu billig und drückt sich vor der Verantwortung.

* man könnte hier hinzufügen, … Teil einer linken/emanzipatorischen Bewegung zu sein – aber diese Bewegungen haben sich durch ihre Paktiererei mit der Barbarei in den moralischen Abgrund befördert, so dass mittlerweile zusammengehört, was zusammengewachsen ist.

Kleine Linksammlung Charlie Hebdo January 11, 2015 | 08:37 am

Statt des eigentlich geplanten Artikels heute nur eine kleine Linkliste zum Attentat auf Redaktionsmitglieder des französischen Satiremagazins Charlie Hebdo, zu den Geiselnahmen und weiteren Morde in deren Folge. Der Blogger Felix Riedel  verleiht auf Nichtidentisches dem Unbehagen an der Solidaritätskampagne, das gestern auch hier geäußert wurde, noch einmal elaboriert Ausdruck: “Nun herrscht die übliche Stimmung: […]

Moshe Zuckermann und der „Nebeneffekt auf den jüdischen Koscherladen“ January 11, 2015 | 03:19 am

Bei seiner aktuellen Buchvorstellung am Samstag bezeichnete der Soziologe Moshe Zuckermann die Anschläge in Paris als eine „Kleinigkeit“ – gemessen an dem, was er bereits erlebt habe. Außerdem rief der Uni-Professor aus Tel Aviv die über 300 Gäste im Münchner Gewerkschaftshaus dazu auf: „Lasst euch nie einreden, dass ihr Antisemiten seid!“

„Zunächst nicht auf Juden ausgerichtet“ (Zuckermann)

Bereits zu Beginn präsentierte der Veranstalter, Eckhard Lenner, im Hinblick auf die grausame Ermordung von Mitgliedern der Satire-Redaktion „Charlie Bebdo“ und der Anwesenden in einem jüdischen Supermarkt in Paris die seiner Ansicht nach Schuldigen: Die „Wurzeln für diesen Aufstand oder die Fanatisierung der muslimischen Welt“ habe „der Palästina-Israel-Konflikt mit an erster Stelle“ gelegt, so der Vorstand der antizionistischen Vereins „Salam Shalom“ in einer pastoral gehaltenen Einleitung.

Zuckermann sah sich an diesem Abend ebenfalls genötigt, auf die islamistische Mordserie in Frankreich einzugehen. Wohl, weil er eine Grundthese seines neuen Buches „Israels Schicksal – wie der Zionismus seinen Untergang betreibt“ in Gefahr sah. Eine seiner Thesen ist, dass man als Jüdin oder Jude überall sicherer lebt als in Israel – das zionistische Versprechen also nicht eingelöst worden sei. Heute stünden die Israelis Schlange vor der deutschen oder polnischen Botschaft, um einen Pass zu bekommen, so Zuckermann. Da passen die Anschläge von Paris und die 7.000 aus Frankreich 2014 nach Israel ausgewanderten französischen Jüdinnen und Juden freilich nicht ins Bild. Allein 2014 haben sich 50.000 französische Jüdinnen und Juden über die Möglichkeiten einer Auswanderung erkundigt, 2015 werden 10.000 in Israel erwartet.

Ein Nebeneffekt im Koscherladen
„Ja, es gibt dann so etwas, wie es jetzt in Frankreich passiert ist, aber was in Frankreich passiert ist, war ja zunächst nicht auf Juden ausgerichtet“, sagt Zuckermann in seinem Vortrag bezüglich der aktuellen Anschläge. Dann räumt er zwar ein: „Obwohl es auch den Nebeneffekt auf den jüdischen Koscherladen geben hat.“ Um diesen „Nebeneffekt“ dann nicht nur euphemistisch sondern auch inhaltlich zu relativieren, ohne ihn freilich relativieren zu wollen: „Ich habe Zeiten erlebt, wo alle zwei Tage in Tel Aviv ein Bus in die Luft geflogen ist. Gemessen daran ist das, was in Paris passiert ist, eine Kleinigkeit. Aber es ist keine Kleinigkeit, es ist eine Barbarei.“

Vielmehr möchte der Soziologe und Historiker sein Augenmerk darauf richten, wie das Ereignis wohl in Israel „ausgeschlachtet“ werde. „Netanjahu konnte nichts besseres passieren, als was in Paris passiert ist.“ Eine weitere seiner Thesen des Abends ist nämlich, dass es Israel „immer wieder zupasskommt, wenn es Antisemitismus gibt“. Schon Staatsgründer Ben Gurion habe gesagt, „wenn es den Antisemitismus nicht gibt, müssen wir ihn etwas anfachen“, damit Jüdinnen und Juden nach Israel kommen, so Zuckermann in seinem Vortrag. Ähnlich verhielte es sich nach Zuckermann mit dem Holocaust. „Der Holocaust wurde zum Argument für den Zionismus, fast möchte man meinen, es musste erst der Holocaust kommen, damit der Zionismus endgültig seine Politik durchsetzt.“ Der Holocaust sei immer ein „Stück der israelischer Politik“ geblieben, so der Historiker und: „Alle israelischen Politiker betreiben eine Manipulation mit dem Begriff Antisemitismus“, lässt er das Publikum wissen.

Das „barbarische Okkupationsregime“ und der Antisemitismus

„Wenn ich ihnen etwas anraten kann, lassen sie sich nicht beirren. Sie tun Israel kein Gefallen, wenn sie Israel immer wieder solidarisch kommen. […] Wenn in Israel seit über 45 Jahren ein barbarisches Okkupationsregime betrieben wird, dann müssen wir – und das betrifft auch sie – dagegen vorgehen. Und lassen sie sich dabei nicht einreden, dass sie antisemitisch sind.“

Das ist der Stoff, weshalb Zuckermann nach München eingeladen wurde. Die ausgewählten deutschen Gäste wollen von ihm hören, dass ihr wahnhaftes Ressentiment gegenüber dem jüdischen Staat ganz sicher kein Antisemitismus sei. Zuckermann müsse die Menschen in Deutschland „heilen“, wird Veranstalter Lenner etwas später hinzufügen. „Statt Antisemitismus macht man heute in diesem Land Philosemitismus – und das war’s dann schon. Eine Frage der Denkfaulheit, eine Frage des Opportunismus, eine Frage des Mutes“, peitscht der Vorstand von „Salam Shalom“ ein.

Die letzten Aufrechten
In der Fragerunde legt das Publikum – dann schon sichtlich von Zuckermann geheilter – los: „Aus einer relativ sicheren Quelle habe ich erfahren, dass amerikanische Juden, amerikanische Politiker bestechen“, sagt eine Zuschauerin. Hier kann der Professor zumindest noch erkennen, dass es sich um „eine neue Version der Protokollen der Weisen von Zion“ handeln könnte. Ob „Deutschland seine Souveränität erlangt habe“, fragt ein anderer verunsichert. Auch hier versichert Zuckermann: „Deutschland ist souverän“. Meistens gibt er sich jedoch ausgesprochen verständnisvoll gegenüber dem eingeschworenen Publikum. „Es gab sehr viele moderate Köpfe bei der Hamas“, so ein Zuschauer. Ja, man müsse mit der Hamas sprechen, entgegnet Zuckermann. „In Gaza kann es nicht so weiter gehen, weil Gaza das größte Gefängnis dieser Welt ist.“

Inhaltlich lieferte Zuckermann einen allenfalls populärwissenschaftlichen Auftritt ab, der nicht einmal seiner steten Versicherung, dass er Marxist sei, gerecht wurde. Denn mit einer materialistischen Gesellschaftskritik hatten seine Thesen zumindest an diesem Abend nichts zu tun und auch seine Ausflüge in die Psychoanalyse blieben auf einer sehr vulgären Stufe stehen. Ein inhaltlicher Gegenstand, auf dem es sich abzuarbeiten lohnt, war nicht erkennbar. Israel steuere auf einen namentlich „faschistischen Apartheidsstaat“ zu – das war die Kernbotschaft.

Der antizionistische Verein „Salam Shalom“ richtete diese Veranstaltung in Kooperation mit der Gewerkschaft Erziehung Wissenschaft München in großer Dankbarkeit aus. Die Veranstaltungsmöglichkeiten in München werden tatsächlich knapper, in denen „Salam Shalom“ willkommen ist. Aus dem Pädagogischen Institut in München wurde der Verein bereits ausgeladen, ebenfalls aus dem Amerikahaus. Bislang haben sie noch keine Räumlichkeiten für eine Veranstaltung mit Jeff Halper im ersten Quartal dieses Jahres gefunden.

Weiterführendes:
Letzter Vortrag von Zuckermann in München: „Dann bin ich halt ein Antisemit

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12-01-15Das Gegenteil von Kritik. Mit Tobias Jaecker zum… January 10, 2015 | 02:02 pm



12-01-15
Das Gegenteil von Kritik. Mit Tobias Jaecker zum (wieder)erstarkten Antiamerikanismus

Being Charles Hebdovich January 10, 2015 | 10:51 am

Im Film “Being John Malkovich” gibt es eine Etage, in der sich alle bücken müssen, weil sie zu niedrig gebaut wurde. Der ehemalige Puppenspieler und frischbackene Bürokrat Craig entdeckt in seinem Büro eine Tür, durch die man in das Gehirn des berühmten Schauspielers John Malkovich rutscht. Der wird natürlich nach Kräften ausgebeutet, bis der Schauspieler der Kontrolle des Puppenspielers völlig unterworfen ist und nun die vorher unerreichbare Maxine heiratet, die diese Manipulation zum eigenen machtlüsternen Vergnügen orchestriert.

Der Anschlag auf Charles Hebdo ist eine solche Tür. Er erlaubt den kurzzeitigen Ausbruch aus dem gebückten Leben der Bürokraten und auf einmal sind diese sich sicher: “Je suis Charlie”. Die Tür geöffnet und schon ist man eine Berühmtheit. Selten wurde aus einem Mord schneller Geschäft und Werbung. Zeitungen, die gewiss nie eigenständig eine Mohammedkarikatur in Auftrag gegeben haben, dünken sich nun als Vorreiter der Freiheit.

Das allgemeine Problem von Avantgarde, Märtyrertum und Solidarität ist, dass es unendlich viel leichter ist, die Avantgarde gut zu finden als Avantgarde zu sein. Vor diesem Anschlag war es gefährlich, die Karikaturen zu veröffentlichen, die Charles Hebdo auf den Titel hievte. Das von den Überlebenden noch sinnhaft entworfene schwarze “Je suis Charlie”-Schild hingegen ist als Massenprodukt noch Zensur, schwarzer Balken über jenen Karikaturen, die zu den bösesten gehören und die zu veröffentlichen tatsächlich Mut bedurfte.

Da ist jene Karikatur, auf der ein Salafist einem Kugelhagel einen braunen Koran entgegenhält und übersetzt etwa spricht: “Der Koran ist ja voll scheiße. Der hält ja nicht mal Kugeln ab!” Das Bild war mehr als andere prophetisch.

Nun herrscht die übliche Stimmung: Menschen denken, sie wären durch diese Morde nach ihrer Meinung gefragt worden, schon am selben Tag wurde darüber debattiert, was Satire nun ist oder nicht, was sie darf oder nicht, als wäre das Massaker eine durch einen Souverän ausgerufene Volksabstimmung über Satire. Hinzu kommt das Missverständnis, man befinde sich in einer globalen Online-Demokratie, in der man nur seine Meinung (für oder gegen das Böse, den Krieg, das Gute, die Legalisierung von Cannabis, Hundesteuer, etc.) abgeben müsse um Gesellschaft mitzugestalten.

Im April vergangenen Jahres wurden 300 Schulmädchen durch die nigerianische Terrorgruppe Boko Haram entführt. Auf der ganzen Welt befleißigten sich Menschen, Schilder anzufertigen und sich damit online zu präsentieren. “Bring back our girls!” hieß der virtuelle Auftrag der desorganisierten, vereinzelten, atomisierten Individuen, die ahnen, dass es auf Solidarität ankäme, die aber längst nicht mehr wissen, wie solche zu organisieren wäre. Nur logisch erstarb die “Bring back our Girls!”-Kampagne (ironischerweise im Kugelhagel eines anderen islamistischen Massakers, dem an den Yeziden und Kurden) und die Mädchen wurden nie wirklich befreit, einige konnten fliehen, andere wurden verkauft in die Sklaverei. Dass die Charles-Hebdo-Solidarität nach ebendiesem Prinzip funktioniert, droht schon an, dass sie auf eine sehr ähnliche Weise scheitern und in Nebendebatten versanden wird. Diese Nebendebatten – etwa was Satire darf und kann – sind bereits auf einer Intensität angedreht, die Gradmesser der Wucht der Verdrängung ist. Nur konsequent steht Boko Haram nach “Bring back our Girls” besser da als je zuvor und hat just nach den Anschlägen in Frankreich ein Dutzend Siedlungen in Nordnigeria dem Erdboden gleichgemacht mit hunderten, wenn nicht tausenden Toten. Nach den antisemitischen Attacken in Frankreich, nach dem Karikaturenkrieg hat die französische Polizei offenbar nicht das Bedürfnis gesehen, Charles Hebdo angemessen zu schützen. Nach Boko Haram sah lediglich die USA die Notwendigkeit, ein paar Flugzeuge vorbeizuschicken, im Zweifelsfall sind “Militärausbilder” auch beliebt, aber den militärischen und ideologischen Flächenkrieg gegen den globalen Islamismus zu führen verweigert der Westen konsequent.

Die Parole von der Informationsgesellschaft suggerierte das Ende der Industriegesellschaften. Die erfolgreiche Auslagerung von industrieller Arbeit an Informationstechnologie in asiatische Tigerstaaten trug dazu bei, die Illusion dieser aus Informationen bestehenden Gesellschaft zu stärken, als würde nur noch Werbung gehandelt und keine industriell gefertigten Produkte mehr, die jene Kosten einfahren müssen, von denen sich Google und co. ernähren. Ebenso verhält es sich mit der Freiheit. Weite Teile der Öffentlichkeit hängen der Illusion an, man könne nunmehr Freiheit online produzieren, durch den Austausch von Informationen und auf bloße bürokratische Verwaltung der jeweilig zur Abstimmung gestellten Gegenstände: Liken oder abwählen, 2 oder 5 Sterne, Lol- oder Kotzsmiley. Dass Freiheit industriell produziert wird, durch Soldaten und Polizisten, durch Reporter und Journalisten, durch Vereinskader und Lobbyisten, dass diese Produktion intrinsisch vermittelt ist mit der Unfreiheit anderer, mit der Ausbeutung hinter den in der Datenflut eher einschrumpfenden Horizonten, das vermag die Ideologie der Informationsgesellschaft zu überdecken. Und diese Ideologie, falsche gesellschaftliche Praxis, diese Ideologie ist auch in “Bring back our Girls!” und “Je suis Charlie Hebdo!” enthalten.

Die Position, ein Schild mit einer Forderung hochzuhalten ist primär eine infantile. Sie richtet sich an einen imaginären Vater im Internet, von dem man etwas erledigt haben möchte. Sie ist das Versprechen, sich selbst nicht darum zu kümmern, Ausdruck der Erwartungshaltung, jemand anderes solle sich doch bitte darum kümmern. Sie ist nicht schlecht an sich sofern sie Solidarisierung ist und Botschaft an die Islamisten – sie ist schlecht, weil jeder Islamist weiß, dass es bei diesen Schildchen bleiben wird, dass diese Schildchen an der intellektuellen Aushöhlung des Westens nichts ändern werden, dass ihnen keine wirkliche Organisation nachfolgt und dass das schlimmste, was sie vom Westen befürchten müssen nunmehr Präzisionsraketen sind, die zugleich das beste sind, was hartgesottenen Islamisten passieren kann, weil sie das gemütliche Mobiliar ihrer Welt darstellen.

Ebenso infantil ist es, wenn ausgerechnet Vertreter der CDU/CSU sich gegen PEGIDA aussprechen, weil diese fremdenfeindlich sei. PEGIDA, die ideologische Kreuzung aus Ariosophie, Ufologie, Franz Josef Strauß, Thilo Sarrazin und Roland Koch hat soweit man weiß, noch keinen Menschen gelyncht, auch wenn das der Mentalität vieler beteiligter Neonazis entspräche. Die CDU/CSU und ihre Schwesterpartei SPD allerdings haben mithilfe ihrer Koalitionspartner kaltblütig, wissentlich und seit über 20 Jahren im Mittelmeer und Grenzflüssen mehr als 20.000 Menschen in den Tod getrieben, weil sie aus Angst vor ihrem PEGIDA gleichsehenden Wählerklientel eines gewiss nicht einführen werden: Das Recht auf Asyl und das bedeutet das Recht, dieses Recht wahrzunehmen ohne sein Leben aufs Spiel zu setzen: An den Botschaften.
Solange selbst die Politik des mächtigsten Landes Europas denkt, es gehe um Gut- oder Nichtgutfinden, solange die Praxis allen demokratischen Bekundungen völlig zuwiderläuft, solange man jenen, die Freiheit in Syrien und Irak wirklich verteidigen, den dort kämpfenden Bäckern, KFZ-Mechanikern, Wäscherinnen und Kindern nicht einmal ein paar Panzer und Luftabwehrraketen zur Verfügung stellt, weil man denkt, es genüge, gegen Islamismus und für Demokratie zu “sein” und nicht etwa selbst etwas zu tun, solange wird der Terror auch und gerade im Westen leichtes Spiel haben, Gefolgsleute zu rekrutieren, die an dieser gärenden Melange von praktischer Unfreiheit und Freiheitsversprechen irre wurden und sich mit aller Kraft für die zynischste Unfreiheit entscheiden, weil ihnen das immerhin ehrlicher dünkt.

Der Anschlag auf Charles Hebdo war ein Anschlag auf das, was tatsächlich eine der letzten wirkmächtigen Institutionen des Westens gegen den Islamismus ist: ein kleines Satiremagazin mit einer Auflage von 10.000 wurde Ziel, nicht die Mainstream-Zeitungen, die von sich behaupten, sie würden Wahrheit und Objektivität anhängen und das Rückgrat der Demokratie bilden. Die Botschaft ist deutlich: Von den Zeitungen, von der Politik, von Militärbasen, von allen anderen gesellschaftlichen Institutionen hatten Islamisten weniger zu befürchten als von diesem Magazin. Der Islamismus fürchtet die letzten Zellen von radikaler Religionskritik im Westen mehr als alles andere. Solche Religionskritik aber wird systematisch stillgestellt in Zeitungen, die auf einen atheistischen Kommentar noch fünf Pfarrer und einen Mattussek für “objektive” Gegendarstellungen anheuern. Sie wird stillgestellt, wo ein Staat Religionsgruppen die rituelle Genitalverstümmelung von Jungen erlaubt, die von Mädchen aber verbietet. Sie wird dort stillgestellt, wo man statt der bösesten Karikaturen des Charlie Hebdo ein “Je suis Charlie” druckt oder halbgare Bleistift-Karikaturen, in denen man andeutet, dass ja alle Journalisten gemeint seien.

Noch einmal: Es wurde nicht die Le monde oder die Zeit attackiert, sondern ein kleines Satiremagazin. Gemeint war nicht der Bleistift oder die Redefreiheit an sich, sondern der religionsfeindliche Geist, der dahinter steckte. Derselbe Geist vermochte nicht, eine andere als eine ästhetische Praxis gegen den Islamismus zu vollziehen. Dass diese ästhetische Praxis schon wirksam genug war, spricht immerhin Bände darüber, was mit einer bewussten politischen Praxis, einer Organisation gegen den Islamismus und die Zumutungen der Religion im Allgemeinen möglich wäre. Bislang verbleiben diese Organisationen von Atheisten allerdings auf dem Niveau von Positivisten, die wie die GWUP esoterische Thesen mit wissenschaftlichen Experimenten (und nicht wie Jahrtausende von Philosophie in der Logik) widerlegen wollen; und wo man mit Dawkins einen Vordenker einer atheistischen Philosophie sucht, zeugt man vom Wunsch, mit Marx und Freud zu brechen und endlich in Sachen Moralphilosophie ohne Gott hinter Nietzsche zurückfallen zu dürfen, der im Tod Gottes noch ein Problem sah, den Anfang aller Arbeit am Menschen und nicht das Ende. Bisweilen ist aber auch das langsame Verharren im Anfang das Ende: Die fortgesetzte Unreife der Menschen erhält eine andere Qualität als zu Zeiten Kants, sie wird faul, weil sie den Augenblick ihrer Verwirklichung versäumt hat. Das gleiche gilt für die Charles Hebdo-Solidarität.

Bin ich Charlie Hebdo? Seid ihr’s? January 9, 2015 | 08:42 am

Stück über Mut und Gratismut Dass der aller Wahrscheinlichkeit nach von Islamisten verübte mörderische Angriff auf die Redaktionsräumen der französischen Zeitschrift Charlie Hebdo ein barbarischer Akt gegen Meinungsfreiheit, Freiheit überhaupt, die Ideale der Aufklärung, vor allem aber auch, man vergisst das gern, gegen Menschen, die man allzuschnell unter heren Idealen begräbt – muss man darauf […]

Beileidsbekundungen sind untersagt January 8, 2015 | 08:55 pm

Die Welt trauert mit Frankreich. Sie trauert um brilliante, mutige Karikaturisten, die es vermochten mit einem Bleistift und scharfen Verstand auszusprechen, was viele nicht sehen wollen.

Offiziell hat auch die IRI am heutigen Tag ihren Beileid bekundet. Wieviel sie wert ist, erkennt man hieran: Als Redakteure verschiedener Zeitungen Irans gestern überlegten, wie sie ihre Trauer zeigen sollen – niemand weiß besser, wie es ist unter der Knechtschaft des Islams zu leben, wie sie – untersagte das Regime jede Geste.

Ich denke, nach 36 Jahren des Terrors der Islamischen Republik ist deutlich: Wer Frieden auf der Welt will, muss den Persern bei ihrem Kampf für eine wahrhafte, ehrliche Demokratie helfen. Das Krebsgeschwür Islamische Republik zeigt deutlicher denn je sein hässliches Gesicht. Wie wertvoll ist Wohlstand, wenn Sicherheit und Frieden nicht gewährleistet sind? Diese Frage muss die westliche Welt für sich entscheiden. Hoffen wir, dass sie sich für das Richtige entscheidet.


Karikaturisten und ihre Mörder January 8, 2015 | 07:00 pm

murderd bei terrorists

Weil mir die Worte fehlen, auch angesichts der nun aus dem Boden sprießenden Versuche, die mörderische Tat zu rationalisieren.

Hier ein paar Zitate, zur Ursache:

“Im Islamischen Staat erleben wir die absolute Entfesselung von Gewalt, die mit einer nicht minder absoluten Rechtfertigung durch das damit verfolgte “höhere Ziel” einhergeht. Die Entgrenzung des Terrors zerstört die Individualität und schaltet freies Handeln aus. All diese Elemente, die bei ISIS in Reinform auftreten, sind auch im Hamas-kontrollierten Gaza-Streifen und im Iran präsent. Der Islamismus ist offenkundig ein Phänomen, das zentrale Elemente des Totalitarismus in neuer Form zur Geltung bringt.”  …

“Einige sagen, der Koran habe mit der Praxis von ISIS wenig oder gar nichts zu tun. Auf der anderen Seite ist auffällig, wie viel Wert der Islamische Staat darauf legt, jeden seiner Schritte religiös zu legitimieren.”  …

he drew first

“Unabhängig von [der] Alibi-Funktion einzelner Koranverse weist der Koran aber auch in seiner Gänze Merkmale auf, die ihn für die Legitimation von Terror geeignet machen.”  …

“Der Koran trägt somit dazu bei, die Freunde am Leben durch die Freude am Sterben zu ersetzen und die Bereitschaft zum suicid bombing zu stärken. Es ist aber gerade die Pervertierung der Kriegsführung durch Selbstmordattentate, die die radikalen Islamisten in Syrien, Nigeria oder Afghanistan zu Siegern über moderate, dem Leben zugewandte Muslime macht.

Als Ergebnis ist festzuhalten, dass ISIS den Islam nicht missbraucht, sondern auf bestimmte Art und Weise interpretiert. Man macht sich etwas vor, wenn man vom “sogenannten Islamischen Staat” spricht oder wenn man so tut, als würden Muslime, die bestimmte Passagen des Korans wörtlich nehmen, ihn verleugnen. Es gibt keine Instanz, die darüber entscheidet, ob die Anordnung “Herunter mit dem Haupt” wörtlich oder historisch oder metaphorisch zu verstehen ist.”  …

Zitate aus: Matthias Küntzel, Islam, Totalitarismus und Kritik, auf: auf Perlentaucher, 22.12.2014

je suis charlie

Vive la liberté January 8, 2015 | 01:59 am

charlie hebdo 3

Massaker bei Charlie Hebdo January 7, 2015 | 12:49 pm

At least 10 people were killed in a shooting at the Paris offices of Charlie Hebdo, a satirical newspaper firebombed in the past after publishing cartoons in 2011 joking about Muslim leaders, French TV channel iTELE reported. News agencies reported that 11 were dead and 10 wounded, five of them critically.

 Satirical newspaper Charlie Hebdo has on several occasions depicted Islam’s prophet in an effort to defend free speech and defy the anger of Muslims who believe depicting Mohammad is sacrilegious.

“About a half an hour ago two black-hooded men entered the building with Kalashnikovs (guns),” Benoit Bringer told the station. “A few minutes later we heard lots of shots,” he said, adding that the men were then seen fleeing the building.

Quelle

Islam&Huysmans. Zwei Kritiken zum neuen Houellebecq January 7, 2015 | 08:31 am

Noch mit bisher jedem neuen Werk hat man Michel Houellebecq als Rechtsradikalen oder Faschisten verunglimpft. Immer wieder zeigte sich bei unaufgeregter Lektüre, dass es sich um vielschichtige Texte handelt, die sicher mit dem Skandal spielen, diesen aber auch literarisch sehr produktiv überschreiten. Entsprechend skeptisch stimmen mich vorerst die von der TAZ über den Autor angesichts seines […]

Psychoanalyse des Antisemitismus January 6, 2015 | 05:43 pm

Mit einem halben Jahr Verspätung ist es uns nun gelungen, den Audiomitschnitt der Veranstaltung mit Sebastian Winter vom 23.07.2014 hochzuladen. Die Veranstaltung fand im Rahmen der Schall&Wahn-Kampagne statt.

https://soundcloud.com/association-belle-vie/psychoanalyse

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Deutschland, du bist besonders January 5, 2015 | 10:35 pm

Dieser Text erschien in der Bündniszeitung gegen die Einheitsfeierlichkeiten am 3. Oktober 2014 in Hannover.

Zur Kritik deutscher Spezifika

In diesem Text soll es um Nationalismus gehen. Aber nicht um irgendeinen Nationalismus, sondern um den deutschen. Denn Nationalismen sind nicht alle gleich. Gemeinsamkeit ist, dass alle Nationalismen sich auf ein vorgestelltes Kollektiv beziehen, das irgendwie zusammengehöre. „Die Menschen gehören zusammen, weil sie nun mal Deutsche sind.“ Allerdings ist diese Gemeinschaft eine Zwangsgemeinschaft, weil ihre Mitglieder bei ihrer Geburt willkürlich dem Staat und der Nation zugeordnet werden. Die Zwänge und Pflichten, die das mit sich bringt und auch der konkrete Nationalstaat sind real. Sie existieren und wirken sich tagtäglich auf die Menschen aus, die das jeweilige Staatsgebiet bewohnen. Was jedoch nicht real ist, ist die Vorstellung der Nationalisten, alle Menschen in der Nation würden das Beste füreinander wollen. Die Nation ist eben keine „große Familie“, sondern der Zwangszusammenschluss der konkurrierenden Einzelpersonen. Das Gebilde der Nation soll über den Umstand der ständigen Konkurrenz hinwegtäuschen. Zur weiterführenden Kritik am Nationalismus sollten die anderen Artikel dieser Zeitung herangezogen werden.
Trotz der genannten Gemeinsamkeiten unterscheiden sich die verschiedenen nationalistischen Ideologien in ihren Begründungen, Eigenschaften und Folgen. Hier sollen deutsche Besonderheiten – Spezifika – kritisiert werden. Denn zum einen ist der deutsche Nationalismus derjenige, der die Leser_innen dieser Zeitung wahrscheinlich am ehesten betrifft und zum anderen ist damit der Zusammenhang zwischen Judenvernichtung (Shoah) und ihrer Folge, der heutigen Beschaffenheit des deutschen Nationalismus, zu erklären.
Die Geschichte des deutschen Nationalismus beginnt oder endet nicht mit der Shoah, doch sie ist bezeichnend für den Charakter desselben. Als Konsequenz aus dem Nationalsozialismus fand sie während des Zweiten Weltkriegs in den 1940er Jahren statt und erstreckte sich über das gesamte von den Deutschen besetzte Europa. Sie war die massenhafte industrielle Vernichtung von Millionen Juden. Trotz der kurzfristigen ökonomischen Vorteile durch Zwangsarbeit und Enteignung folgte sie letztendlich keiner ökonomischen Rationalität. Die Nachteile des immensen Aufwandes überwogen. Sie war damit ein selbstmörderisches Unternehmen, dessen einziges Ziel die Auslöschung aller Juden und Jüdinnen war. Hinter diesem Ziel standen in erster Linie keine ökonomischen oder machtpolitischen Interessen, sondern das Ideal einer judenfreien Welt. Die wahnhaften Ideologen des Antisemitismus hofften nach der Auslöschung der Juden auf eine bessere und gerechtere Ordnung. Denn die Juden stellen in ihrer Weltanschauung die Schuldigen für alles Übel dar. Der Wunsch nach einer gerechten Welt war für sie der Wunsch nach einem gerechten Rassenkampf, den die Deutschen aufgrund ihrer Überlegenheit gewinnen sollten.
Durch den von Goebbels 1943 ausgerufenen „totalen Krieg“1 zeigte sich die Beteiligung des ganzen deutschen Staatsvolks – mit Ausnahme der wenigen Widerständigen – das auch vorher bereits den Krieg und die Vernichtung mitgetragen hatte, besonders deutlich. Sie waren bewusst beteiligt, ob durch Duldung und Billigung des Zustandes oder durch die Ausführung der Morde.
Dass die Shoah in Deutschland geschah, ist weder dem Zufall noch einer bestimmten biologischen Beschaffenheit der Deutschen zuzuschreiben, sondern ergab sich aus verschiedenen geschichtlichen, polit-ökonomischen und gesellschaftlich besonders deutschen Verhältnissen. Außerdem spielten schlussendlich die persönlichen Entscheidungen der handelnden gleichgeschalteten Einzelpersonen, die in der Volksgemeinschaft aufgingen, eine große Rolle.
Entstehend im 19. Jahrhundert begründete sich der deutsche Nationalismus im Gegensatz zum französischen oder amerikanischen nicht auf die Nation als Kollektiv des „Volkssouveräns“. In dieser Vorstellung gehören die Leute zu einer Nation, weil sie denselben Wohnort haben, gemeinsame Interessen besitzen und sich auf gemeinsame Grundsätze beziehen (wie Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit). Aus diesem Grund würden sie sich in einem Staat organisieren, dessen ideologischer Überbau die Nation dann ist. Auch diese Art von Nation ist nicht zu begrüßen, denn es ist genau die Form, die die heutige Herrschaft institutionalisiert hat und die bürgerliche Ordnung herstellt, in der sich die gemeinsamen Werte wie die der Freiheit immer als kapitalistische Freiheit entpuppt. Diese ist eine doppelte Freiheit, in der man zum einen die Freiheit als Rechtsperson besitzt, aber auch die Freiheit von allen Mitteln der Produktion oder von allen Lebensmitteln.
Doch der deutsche Nationalismus begründete sich eben nicht auf dem „Volkssouverän“, sondern auf die völkische Definition der Nation. Wer „deutsch“ ist, hat deutsches Blut und deutsche Vorfahren. Diese Blut- und Boden-Ideologie ist deshalb besonders brutal, da die Teilnahme an der Nation zum naturgemäßen Zwang wird. Eine Flucht aus der Gemeinschaft oder eine Aufnahme in diese wird deutlich schwerer bis unmöglich.
Die deutsche Nationalstaatsbildung erfolgte auch nicht durch einen bürgerlichen Umsturz der feudalen Verhältnisse, der Grundlage der kapitalistischen Moderne, sondern war eine obrigkeitsgesteuerte Legitimation eines deutschen Großreichs unter preußischer Führung im weiterhin monarchischen System. Die Zusammenfassung der vormaligen starken Einzelinteressen der Kleinstaaten in ein nationales gelang nur durch die besonders aggressive Feindbildkonstruktion gegenüber einem Feind, der nach 1800 aufgrund historischer und geographischer Zusammenhänge Frankreich hieß. Im Laufe der Geschichte wird und wurde dieser Feind umgedeutet und wahlweise vor 1800 Rom zugeschrieben oder mit Beginn des 20. Jahrhunderts allmählich der USA.
Die obrigkeitsgesteuerte nationale Zusammenkunft der Einzelnen führte zu einem deutschen Sonderweg in der Entwicklung in die Moderne. Dabei wurden die als deutsch identifizierten Bewohner innerhalb der deutschen Grenzen zwar zu Bürgern, aber nur auf der wirtschaftlichen Ebene. Politisch waren sie immer noch Untertanen des Kaisers bzw. abhängig von ihrem Landesherren. Neben der stetigen wirtschaftlichen Fortentwicklung blieb der politische Modernisierungsprozess auf der Strecke.
Zu den deutschen Tugenden des Kaiserreichs gehörte neben Pünktlichkeit und Ordentlichkeit auch das besondere Verhältnis zur Arbeit. Sie wurde quasi zum Selbstzweck und zur Lebensaufgabe. Diese Arbeitsmoral ist aber nur die Ideologie, die von den tatsächlichen Vorgängen ablenkt. Der materielle Kern der Lohnarbeit ist derselbe wie in anderen Staaten auch. Nur wer arbeitet, ist nach diesem Denken moralisch in Ordnung. Wer dies nicht tut, verrät die Gemeinschaft und wird ausgeschlossen. Somit geht der Arbeitsbegriff über den wirtschaftlichen Aspekt der Schaffung von Mehrwert hinaus und erhält einen moralisch-autoritären Ausdruck.
In der komplexer und schneller werdenden kapitalistischen Gesellschaftsordnung, was sich in zahlreichen Umbrüchen in den Familien-, Arbeits- und Herrschaftsstrukturen zeigte, wurde der Jude zur Projektionsfläche für die abstrakten Vorgänge des Kapitalismus, wie beispielsweise der Finanzwelt. So wurden den Juden ein raffendes Verhalten im Gegensatz zur schaffenden Arbeit der deutschen Industrie unterstellt. Diese Interpretation ist schlichtweg falsch, da sie die Zusammenhänge von Real- und Finanzwirtschaft übersieht – die so nicht zu trennen sind – und dadurch die Komplexität der wirtschaftlichen Zusammenhänge im Kapitalismus stark vereinfacht und verfälscht. Denn beide Sektoren haben das Ziel besonders viel Profit zu machen. Weder die Herstellung von Zahnbürsten oder das Bereitstellen von Bankkonten, noch das Bauen von Wohnhäusern haben das Ziel irgendwelchen Menschen zu helfen und ihre Bedürfnisse zu stillen, sondern werden vollbracht um damit Geld zu verdienen.
Trennung und Zuschreibung stehen in der Tradition des religiösen Antijudaismus, fanden aber in der modern verwalteten kapitalistischen Welt erst ihre volle Entfaltung, nach der Losung: „Der Deutsche schafft, der Jude zerstört.“
So wird auch die Lösung aller Probleme nicht in der Überwindung des Gegensatzes zwischen Kapital und Arbeit gesehen, sondern in der Vernichtung der Juden und Jüdinnen sowie der gleichzeitigen Bildung einer deutschen Volksgemeinschaft, in der dieser Gegensatz durch einen Frieden zwischen Arbeitenden und Besitzenden scheinbar gelöst wird. Die Volksgemeinschaft lässt sich weiter als totale Unterwerfung des Individuums und seiner Eigeninteressen unter die des Kollektivs fassen. Die Gesellschaft soll nicht funktionieren, um den freien Menschen ein besseres Leben zu ermöglichen, sondern der Einzelne soll seine Möglichkeiten in die Interessen der Gemeinschaft stellen und somit ausschließlich für die Volksgemeinschaft existieren.
Die Konsequenz aus diesem Vorlauf ist die bereits oben geschilderte Shoah. Nur durch das alliierte Eingreifen konnte dem Morden ein Ende bereitet werden. Bis zum letzten Moment des Krieges versuchten die Deutschen, möglichst viele Juden umzubringen.
Der Antisemitismus war nach dem Ende des Krieges nicht einfach verschwunden, aber ein Tabu. Deswegen musste er sich wandeln. Offener, unverschlüsselter Antisemitismus war in der Mehrheitsgesellschaft nicht mehr tragbar. Wie im restlichen Europa zeigte er sich dann z.B. in Antizionismus oder Verschwörungstheorien, die als letzte Konsequenz Juden als Schuldige für die Weltmisere ausmachen. So ist der Antizionismus die geografische Ausformung des Antisemitismus, in der der Zionist2 die Rolle des Juden im Antisemitismus übernimmt.
Speziell in Deutschland ist jedoch der Umgang mit der Shoah. Einerseits kehrt sich der sekundäre Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz gegen die Juden. Das heißt: Die Deutschen verzeihen es den Juden nicht, dass sie sich von umbringen ließen und die Deutschen dafür die Schuld auf sich nehmen müssen. Das zeigt sich in Aussprüchen wie „die Juden instrumentalisieren den Holocaust für ihre Zwecke und verdienen damit auch noch Geld“ oder „Was die Juden in Palästina machen, ist genau so schlimm, wie das, was ihnen vor 70 Jahren passiert ist.“
Auf der anderen Seite wird die „Vergangenheitsbewältigung“, das Überwinden des „dunklen Kapitel in der deutschen Geschichte“ zum neuen nationalen Gründungsmythos, sozusagen als Lehrstück, aus dem das deutsche Volk gestärkt hervorgeht. Aus dem Nationalsozialismus wird also nicht abgeleitet, was die Gründe für denselben sind, sondern wie sich die Deutschen daran selbst optimieren können.
Diese „Vergangenheitsbewältigung“ wird weiter zur Berechtigung einer aggressiven verbalen, aber auch praktischen Außenpolitik: Deutschland müsse wegen seiner geschichtlichen Vergangenheit Israel auf die Finger hauen, den Balkan bombardieren oder mehr Verantwortung in der Weltpolitik übernehmen.
Durch den deutschen Nationalismus ziehen sich also Kontinuitäten:
Da wäre zum Einen das deutsche Staatsbürgerrecht, dass nur die Kinder dem deutschen Staat zuordnet, die auch deutsche Eltern haben, unabhängig davon, wie lange diese schon in Deutschland leben. Zum Andern zeigt sich die Kontinuität im deutschen Arbeitsverständnis, in dem Arbeit noch immer eine moralische Pflicht ist. Dieses spiegelt sich z.B. darin wider, dass Arbeitslose trotz Aussichtslosigkeit auf dem Arbeitsmarkt für 1 Euro die Stunde sinnlose Tätigkeiten verrichten, weil sie damit nach der deutschen Logik nicht dem moralischen Verfall preisgegeben werden. Und letztendlich ist das momentan deutsche ideologische Gerüst auch nicht auf einen Ort festgelegt, wie dem, der sich zurzeit Deutschland nennt, sondern kann sich überall ausbreiten.

  1. Der „totale Krieg“ bezeichnet die Einbindung der gesamten deutschen Zivilbevölkerung in die Kriegshandlung des 2. Weltkriegs. Unter großem Beifall wurde dieser durch Reichspropagandaminister Goebbels im Sportpalast ausgerufen. [zurück]
  2. Der Zionimus enstand als Reaktion auf den europäischen Antisemitismus und ist die Bewegung einen jüdischen Staat im nahen Osten zu gründen, der als Schutzraum für Juden und Jüdinnen fungiert. [zurück]

coming up @ radio corax January 5, 2015 | 06:33 pm

Geisterschiffe January 5, 2015 | 12:08 am

Ein Flüchtling, der seinen Namen nicht nennen möchte, hat eine Antwort: “Wenn du nichts mehr besitzt und das Einzige, was dir geblieben ist, die Hoffnung ist, ein neues Leben zu beginnen, dann bist du zu allem bereit.”

Er ist einer von insgesamt mehr als 1000 Flüchtlingen, die in den vergangenen Tagen vor Italien in Seenot gerieten – hilflos zurückgelassen von den Schleppern: Zuerst am Mittwoch und dann Freitagnacht strandeten an der süditalienischen Küste die abgewrackten Frachter “Blue Sky M” und “Ezadeen”, in Gallipoli und in Corigiliano Calabro. Beladen mit Bürgerkriegsflüchtlingen aus Syrien – unterkühlt, dehydriert und ausgehungert. “Blue Sky M” hatte 797, “Ezadeen” 450 Menschen an Bord.

In beiden Fällen gab es keine Spur von der Besatzung. Die Schleuser hatten die Frachter offenbar auf Autopilot gestellt und ihrem Schicksal überlassen. Seitdem ist von “Geisterschiffen” die Rede. Wenn die italienische Küstenwache und die Marine nicht eingegriffen hätten, dann wäre es zur Katastrophe gekommen. Die Schiffe wären auf die Felsen geprallt. Und hätten die Menschen in den Tod gerissen. (…)

Wer verstehen will, was die Menschen über das Meer treibt, muss nach Mersin. Eine türkische Hafenstadt. Nicht weit von der syrischen Grenze entfernt. 1,6 Millionen syrische Flüchtlinge leben in Feldlagern an der Demarkationslinie. Anwälte, Mediziner, Unternehmer. Sie sind den Grausamkeiten in ihrer Heimat entkommen. Und sie sind in der Perspektivlosigkeit gelandet. Die Männer selbst finden keine Arbeit, ihre Kinder bekommen keine Schulausbildung. Das Leben in den Camps ist auf Dauer unerträglich. Und ein Ende ist nicht absehbar. Der Bürgerkrieg in Syrien scheint noch viele Jahre zu dauern.

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Licht am Ende des Tunnels? January 4, 2015 | 09:55 pm

Tunesien: Vier Jahre nach der Flucht von Ben Ali

Eine Veranstaltung der Antideutschen Aktion Berlin
am Mittwoch den 14. Januar 2015 um 19:30 Uhr
in der Schankwirtschaft Laidak, Boddinstr. 42/43, Berlin

Am 14. Januar 2011 verließ Präsident Zine el-Abidine Ben Ali fluchtartig Tunesien. Zehn Tage zuvor erlag Mohamed Bouazizi in einem Krankenhaus in Tunis seinen Verletzungen. Der 26-jährige Händler hatte sich vor dem Gouvernementsgebäude in der Provinzhauptstadt Sidi Bouzid selbst in Brand gesetzt, um gegen die Konfiszierung seines Obst- und Gemüsestandes zu protestieren. Dieser verzweifelte Protest löste landesweite Solidaritätskundgebungen aus, die sich schnell zu regimekritischen Kundgebungen ausweiteten. Letztendlich lösten diese Ereignisse in Tunesien den so genannten „Arabischen Frühling“ aus.

Vier Jahre später gilt der Übergangsprozess mit dem Wahlsieg des 88-jährigen Beji Caid Essebsi als abgeschlossen. „Sehr froh über die Niederlage von Marzouki. Sehr traurig über den Sieg von Essebsi. Was für ein Land…“, kommentiert ein tunesischer Blogger den Wahlausgang. Eine Mehrheit hat zwar in der Stichwahl Essebsi seine Stimme gegeben, aber richtig glücklich war sie damit nicht. Der neue Präsident war in den vorangegangenen Jahrzehnten in verschiedenen Regierungsämtern, darunter als Innen-, Verteidigungs- und Außenminister aktiv. Unter Zine el-Abidine Ben Ali wurde er Präsident der Abgeordnetenkammer. Andererseits war er jahrelang ein prominentes Mitglied der Tunesischen Menschenrechtsliga und zog sich 2005 aus der Politik zurück, da er das Gefühl gehabt habe, keine großen Änderungen im politischen System bewirken zu können.

Seine Kritiker befürchten eine schleichende Annäherung an die alten Machtverhältnisse. Sie werfen Essebi vor, er strebe eine Rückkehr zum Autoritarismus an. Außerdem seien in seinem Umfeld viele ehemalige Günstlinge des alten System. Doch die größte Herausforderung stellt die von der rebellierenden Jugend geforderte Verbesserung der wirtschaftlichen Lage dar. Das Landesinnere und der Süden, wo der Aufstand vor vier Jahren begann, sind geprägt von einer hohen Arbeitslosigkeit und somit Perspektivlosigkeit.

Bernd Beier, Redakteur und Mitherausgeber der Wochenzeitung Jungle World, reist regelmäßig nach Tunesien und berichtet über die derzeitige Situation.

[Edit] Aus aktuellem Anlass wird der Referent auch die Tunesien-Connection der Charlie-Hebdo-Killer beleuchten.

Notizen zu Seeßlens Liberalismus (Taz) January 4, 2015 | 09:00 am

1 Der einschneidende innere Widerspruch des klassischen bürgerlichen Liberalismus lässt sich am besten an der Frage der Erbschaft nachvollziehen. Einige wenige aufrechte Liberale vertreten bis heute die These, die Erbschaft müsse ganz abgeschafft werden, denn ein Bekenntnis zur freiest möglichen Lebensgestaltung verlange, dass jeder Mensch mit den exakt gleichen Chancen ins Leben starte. Das lässt […]

No Friends but Iranians January 2, 2015 | 10:26 am



IN MEMORIAM REYHANEH JABBARI (†2014)

Wer vom Terror des iranischen Regimes nicht spricht,
soll vom Terror des Islamischen Staates schweigen.

"Unter dem iranischen Präsidenten Hassan Rohani werden mehr Leute hingerichtet als unter seinem Vorgänger Ahmadinedschad. Alle schauen auf ISIS und deren barbarische Taten. Der einzige Unterschied zum iranischen Regime: ISIS ist stolz auf die Morde, der Iran vollstreckt sie verborgen hinter Gefängnismauern und leugnet sie feige. Die Welt muss begreifen, dass mit diesem Mörder-Regime kein Dialog möglich ist. Es hilft nur Druck."
(Fariborz Jabbari, Onkel der im Oktober 2014
durch das iranische Regime hingerichteten Reyhaneh Jabbari)


Thesen zum syrischen Desaster
August - Dezember 2014
I      Die Rolle der IRI in Irak und Syrien
II     Assad und der Islamische Staat
III    Irans "boots on the ground"
Download


No Friends but Iranians,
Qassem Suleimani (3. v. links), Kommandeur der Qods-Einheit,
die Eliteeinheit der iranischen Revolutionsgarden (IRGC),
posiert mit einer Gruppe von Peshmergas in Irakisch-Kurdistan


Glimmer of Hope December 31, 2014 | 07:38 pm

Despite its shortcomings, the Southern Front coalition does provide a glimmer of hope amid Syria’s increasingly dismal political landscape. The international community should recognize the demonstration effect offered by the SF model in Daraa and more strongly support its local, indigenous governance structure — including by increasing military and humanitarian assistance to the armed groups leading the coalition. The Southern Front should be the focus of training and material support from the United States and its allies, allowing it to repel potential IS advances in the region.

Alas, Bashar al-Assad is well aware that the relative endurance of rebel rule in Daraa challenges his narrative that the West must choose between his regime and the terrorists. In the coming months, it is likely that the regime will try to retake Daraa to prevent just this sort of a secular, nationalist alternative from emerging. Therefore, any international efforts to “freeze” the conflict in areas such as Aleppo should take into account that the regime may use any freed-up forces and assets in order to turn its firepower southward. Freezes in fighting in the north should not come at the expense of those in the south, where rebel rule is providing one of the few blueprints for how Syria could emerge from this crisis.

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Die Schlafwandler von Hermann Broch December 31, 2014 | 10:07 am

Hörempfehlung zu Silvester/Neujahr Hermann Brochs mittlerweile beinahe vergessenen Roman, der die Zeit von der Jahrhundertwende bis Ende des Ersten Weltkriegs vielschichtig nachvollzieht, dabei ein gutes Gespür für jene Geisteshaltungen beweisend, die später den Nationalsozialismus möglich machen, gibt es passend zum Jahreswechsel zwischen den beiden großen „Gedenkjahren“ als kostenlose Hörspielbearbeitung im Pool des bayerischen Rundfunks. Der […]

29-12-2014Einen Vorgang moralisieren heißt, ihm seinen Inhalt… December 28, 2014 | 12:12 pm



29-12-2014
Einen Vorgang moralisieren heißt, ihm seinen Inhalt nehmen (Ronald Schernikau) - Zum Appell Brot statt Böller/Die Verwirklichung der Poesie- KSR #4 

Das beliebteste Stück Sozialistischer Realismus im Westen December 28, 2014 | 08:18 am

Zu Wassili Grossmans Leben und Schicksal Überraschend wenig finde ich zu den immerhin 1050 Seiten von Wassili Grossmans Leben und Schicksal zu sagen. Ein durchaus in Teilen erschütterndes, detailliertes Werk, mit leider zahlreichen Längen, das zu lesen lohnt, auch wenn es dem halbwegs Informierten wenig Neues über das politische System der Sowjetunion verrät. Die abschreckende […]