Lizas Welt

Die Kaltherzigkeit der Ertappten

Rolf Verleger, Gemma Pörzgen und Sandra Maischberger in der Talksendung »Maischberger«, 21. Juni 2017 (Screenshot)

Der WDR und Arte haben den derzeit besten und wichtigsten Film zum Antisemitismus in Europa nach langer Weigerung schließlich ausgestrahlt – und sich dabei massiv und auf bizarre Weise von ihm distanziert. Anders, als die Sender behaupten, hatte das jedoch weder journalistische noch handwerkliche Gründe, sondern handfeste politische. Zur Rekapitulation und Einordnung eines veritablen Skandals.

Am Ende wurde sie dann doch noch im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gezeigt, die Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« von Joachim Schroeder und Sophie Hafner. Danach hatte es lange Zeit nicht ausgesehen, nachdem der deutsch-französische Sender Arte, für den der Film ursprünglich produziert worden war, eine Ausstrahlung kategorisch abgelehnt hatte – trotz der Abnahme durch die zuständige, zum Westdeutschen Rundfunk gehörende Redakteurin Sabine Rollberg. Für die Weigerung hatte Arte zunächst offiziell formale Gründe geltend gemacht: Die Dokumentation, so hieß es, entspreche »in wesentlichen Punkten« nicht dem vereinbarten Projekt – zu wenig Europa, zu viel Naher Osten. Außerdem habe der arabisch-israelische Autor und Psychologe Ahmad Mansour, der die »Ausgewogenheit« und »Ergebnisoffenheit« garantieren sollte – eine höchst merkwürdige Vorgabe beim Thema Antisemitismus –, nicht wie ausgemacht mitgewirkt.

Dass diese Argumente nur vorgeschoben waren und es in Wahrheit um die politische Stoßrichtung des Films ging, ließ sich schon früh mehr als nur vermuten, zumal die Autoren glaubwürdig berichtet hatten, dass die Verantwortlichen des Senders ihr Werk für eine »antimuslimische, antiprotestantische und proisraelische Provokation« hielten, mit der »Öl ins Feuer« gegossen werde. Beim Vertragspartner WDR sah man gleichwohl – respektive genau deshalb – keinen Handlungsbedarf und stellte sich hinter Arte. In der Folge gerieten die Sender allmählich unter Druck: Zum einen häuften sich in den Medien die Beiträge von Journalisten und Redakteuren, die den Film zu sehen bekommen hatten und die Ablehnung der Ausstrahlung kritisierten, so etwa René Martens in der taz und Jan Grossarth in der FAZ. Zum anderen erhob sich auch in den Social Media einige Empörung über die störrische Haltung von Arte und WDR. Doch die beiden Anstalten blieben bei ihrem Entschluss, die Dokumentation dem Publikum vorzuenthalten.

Das änderte sich erst, als die Bild-Zeitung sich der Sache annahm, ganzseitig über den Film berichtete und ihn schließlich sogar einfach für 24 Stunden auf ihrer Website online stellte. Ein Akt der digitalen Piraterie, der für den Springer-Konzern ein überschaubares Risiko darstellte. Schließlich konnte er davon ausgehen, dass Arte und der WDR schon aus Imagegründen an einem Rechtsstreit kein Interesse haben würden. Nun war die Dokumentation im Netz und damit der Kontrolle der beiden TV-Sender entzogen. Der bewusste Leak heizte die Debatte erst richtig an. Zwar sprangen manche Journalisten jetzt Arte zur Seite: Der Film sei einseitig und fehlerhaft, hieß es verschiedentlich, deshalb sei es richtig oder zumindest verständlich, dass seine Ausstrahlung abgelehnt wurde. Doch es gab auch viel Anerkennung für den Schritt des Boulevardblatts, die Dokumentation zu zeigen, und viel Unverständnis für die Bockbeinigkeit der Fernsehanstalten.

Kein »Faktencheck«, sondern Gesinnung

Beim Versuch, die Diskurshoheit zurückzugewinnen, ergriff die ARD schließlich die Flucht nach vorne und nahm den Film kurzfristig doch noch ins Programm, gewiss nicht zuletzt deshalb, weil es sie störte, dass die Bild-Zeitung sich als Hüterin der Presse- und Meinungsfreiheit präsentierte, während Arte und der WDR sich mit dem – berechtigten – Vorwurf der Zensur herumschlagen mussten. Die Ausstrahlung am 21. Juni sollte jedoch nicht ohne Auflagen und Einschränkungen erfolgen, ganz im Gegenteil. Zum einen wurde eine Maischberger-Talkshow im Anschluss an den Film anberaumt, deren mehrheitliche Besetzung mit »Israelkritikern« erwarten ließ, dass der Dokumentation und seinen Machern der mediale Todesstoß verpasst werden sollte. Zum anderen wurden Schroeder und Hafner vom WDR unter Druck gesetzt: Sie sollten innerhalb kurzer Zeit einen umfangreichen Katalog mit Fragen zu ihren Quellen und Belegen beantworten, außerdem erhielten sie zwei Tage vor dem Sendetermin per E-Mail eine Aufforderung des Senders, den Film noch einmal an mehreren Stellen zu überarbeiten. Ansonsten sei es »nicht gut möglich«, ihn »in dieser Fassung auszustrahlen«.

Nachdem die Dokumentation seit Monaten in einer von einer WDR-Redakteurin abgesegneten Fassung vorlag und die Autoren dennoch immer wieder – erfolglos – ihre Bereitschaft signalisiert hatten, verbliebene Differenzen auf dem Gesprächsweg zu klären, hatte es der WDR also plötzlich eilig. Schroeder und Hafner beantworteten die Fragen trotzdem und nahmen auch die geforderten, rechtlich angeblich notwendigen Bearbeitungen vor. Allein, es half nichts: Die ARD zeigte den Film mit zahlreichen Einblendungen und redaktionellen Hinweisen, die eine vehemente Distanzierung von der Dokumentation darstellten. Parallel dazu veröffentlichte der WDR im Internet einen »Faktencheck« mit Anmerkungen zu nicht weniger als 29 Stellen im Film. »Betreutes Fernsehen« nannten sowohl Thomas Eppinger als auch Gideon Böss diese Art von Kommentierung, die man sonst nur rechtsradikalen Werken wie Hitlers »Mein Kampf« angedeihen lässt. Man tritt dem WDR vermutlich nicht zu nahe, wenn man davon ausgeht, dass diese Art der Präsentation bereits vor den Antworten und Änderungen der Filmemacher feststand.

Wie wenig der »Faktencheck« seine Bezeichnung verdient und was er eigentlich bezweckt, ließ der WDR höchstselbst auf seinem Twitter-Account deutlich werden. Dort hieß es unumwunden: »Der Faktencheck soll zur Meinungsbildung berechtigte Gegenthesen anbieten.« Es geht ihm also um Gesinnung, nicht um Tatsachen, womit er nichts anderes als eine Mogelpackung ist. Entsprechend sieht er aus: Statt Fakten enthält er allerlei politische Wertungen, die den Einschätzungen der Filmemacher widersprechen, und der WDR mag nicht einmal dort Antisemitismus erkennen, wo er offensichtlicher kaum sein könnte. Etwa bei Mahmud Abbas‘ Rede vor dem Europaparlament, bei Richard Wagner oder bei der im Film zu hörenden Behauptung der Linken-Abgeordneten Annette Groth, die Israelis vergifteten das Mittelmeer mit Tausenden Tonnen toxischer Chemikalien.

Oder beim Anschlag auf das Pariser Bataclan im November 2015. Es gebe, schreibt der WDR, »keinerlei Belege dafür«, dass dieser Angriff des IS »antisemitisch motiviert war«. Er könne deshalb »nicht in eine Aufzählung antisemitischer Attentate aufgenommen werden«. Dass das Etablissement Juden gehörte und wegen proisraelischer Veranstaltungen immer wieder bedroht wurde; dass eine salafistische Terrorgruppe, die sich später dem IS anschloss, schon Jahre zuvor kundgetan hatte, einen Anschlag auf das Bataclan zu planen, »weil die Eigentümer Juden sind«; dass der IS generell genauso wenig einen Hehl aus seiner antijüdischen Gesinnung macht wie andere islamistische Organisationen – all das genügt dem Westdeutschen Rundfunk nicht, um in dem Angriff auf die Lokalität und ihre Besucher eine antisemitische Tat zu sehen. Ob das ein Ausdruck politischer Blindheit ist oder eine ideologische Überzeugung widerspiegelt, ist dabei fast schon nebensächlich.

Sandra Maischberger und die »Israelkritiker«

An anderen Stellen gibt der »Faktencheck« schriftliche Einlassungen der im Film kritisierten NGOs und Nahost-Initiativen wieder, die – wenig überraschend und noch weniger überzeugend, weil argumentativ äußerst dürftig – den Vorwurf zurückweisen, zum Antisemitismus beizutragen. Wenn man diese Stellungnahmen mit den Antworten von Schroeder und Hafner auf den Fragenkatalog der WDR abgleicht, zeigt sich noch einmal, dass die beiden Autoren gute Gründe dafür hatten, die Arbeit von Organisationen wie Brot für die Welt, B’Tselem und EAPPI in Israel und den palästinensischen Gebieten in einer Dokumentation über Antisemitismus einer Kritik zu unterziehen. Umgekehrt hat es der WDR bisweilen selbst nicht so genau mit den eigenen hohen Ansprüchen genommen, etwa in seinen Ausführungen zur israelischen Organisation NGO Monitor, die den Sender in einem Schreiben deshalb auch deutlich auf seine Fehler und Versäumnisse hingewiesen hat.

Auch der Historiker Michael Wolffsohn wies bei Maischberger überzeugend nach, dass der WDR mit zweierlei Maß misst. Ein Film aus dem Jahr 2012 über Goldman Sachs mit dem verschwörungstheoretischen Titel »Eine Bank lenkt die Welt« und eine unlängst ausgestrahlte Dokumentation über Geert Wilders, die jeweils mit antisemitischen Stereotypen hantierten, seien schließlich auch nicht mit einem »Faktencheck« gesendet worden, sagte er in der Talkshow zum WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn. Im Falle des Wilders-Films hatte der Sender den Kritikern nach der Ausstrahlung zunächst sogar entgegnet, es gebe nichts zu beanstanden, sondern lediglich einige »Missverständnisse«, bevor er die Produktion schließlich doch noch widerwillig für seine Mediathek überarbeitete. Diese Doppelstandards unterstreichen noch einmal, dass politische Motive für den skandalösen Umgang des WDR und von Arte mit der Dokumentation von Joachim Schroeder und Sophie Hafner ausschlaggebend waren. Weil Schönenborn aber partout die Sprachregelung von den formalen und handwerklichen Gründen für die Ablehnung aufrechterhalten wollte, ging er gegen Wolffsohn verdientermaßen unter.

Die Filmautoren hatte man nicht in die Diskussionssendung eingeladen – mit der bizarren Begründung, sie würden dann schließlich über ihren Film reden wollen und nicht über dessen Gegenstand. Dafür redeten dann andere nicht über den Antisemitismus in Europa: Der peinliche Norbert Blüm etwa, der sich von der »Antisemitismuskeule« bedroht fühlt, der Dokumentation eine »Logik der Rache« unterstellt und aus dem Nationalsozialismus nicht etwa die Konsequenz zieht, Israel gegen Angriffe zu verteidigen und sich gegen den Hass auf Juden zu positionieren, sondern vielmehr, den jüdischen Staat zu attackieren. Oder Rolf Verleger, der immer dann zum Gespräch gebeten wird, wenn es einen jüdischen Kronzeugen der Anklage gegen Israel braucht. Auch Gemma Pörzgen saß in der Runde, eine Journalistin, die vor einem Jahrzehnt mal zwei Jahre lang Nahostkorrespondentin für ein paar deutsche Zeitungen war und sich nun durch einen Facebook-Eintrag, in dem sie Schroeders und Hafners Film »propagandistisch« fand, für Maischberger qualifiziert hatte. Was die drei von sich gaben, böte genügend Stoff für eine Fortsetzung der Dokumentation von Schroeder und Hafner.

Kaltherzig und ohne Empathie

Die Moderatorin selbst wiederum, Sandra Maischberger, fragte Jörg Schönenborn, ob ein Film über Antisemitismus eigentlich »projüdisch« sein müsse. Und der Fernsehdirektor antwortete ganz im Ernst, er müsse »promenschlich« sein, was für ihn offenbar etwas anderes ist. Es sind nicht zuletzt diese Empathielosigkeit und diese Kaltherzigkeit, die nicht nur im öffentlich-rechtlichen Umgang mit der Dokumentation zu finden sind, sondern die Juden in Deutschland und Europa generell entgegenschlagen und dem jüdischen Staat im Besonderen. Der WDR und Arte – der deutsch-französische Sender zeigte den Film am selben Abend zeitversetzt in einer identischen Fassung – haben zwei Autoren öffentlich desavouiert (und überdies eine verdiente Redakteurin veranlasst, in den Vorruhestand zu gehen), die mit ihrer Arbeit dieser omnipräsenten Empathielosigkeit und Kaltherzigkeit etwas entgegensetzen wollten und dabei völlig zu Recht nicht nur das rechte und neonazistische Spektrum in den Blick genommen haben, sondern auch andere Milieus, in denen der Antisemitismus vor allem in seiner »israelkritischen« Variante wächst, blüht und gedeiht: die Islamisten, die Linken und Linksliberalen, die Nahost-NGOs, die Rapper.

Mag der Film auch die eine oder andere journalistische Schwäche haben – darum geht es letztlich nicht, dieses Problem hätte sich ohne großen Aufwand rechtzeitig beheben lassen, dazu waren Schroeder und Hafner nachweislich jederzeit bereit. Was Arte und den WDR vielmehr gestört hat, war, dass auch sie mit der Dokumentation gemeint waren. Deshalb die permanenten Warnhinweise und Laufbänder im Film, die es sonst nie gibt, deshalb der unterirdische »Faktencheck« – den die Direktorin der Berliner Dependance des American Jewish Committee (AJC), Deidre Berger, sehr zu Recht eine »Verharmlosung von Antisemitismus« genannt hat –, deshalb die Einladung von Blüm, Verleger, Pörzgen und Schönenborn zu Maischberger. Dass diese vier gegen Wolffsohn und Ahmad Mansour – die einzigen Diskutanten, die beim Thema Antisemitismus tatsächlich einen Expertenstatus beanspruchen können – argumentativ und intellektuell klar unterlegen waren, ist zwar tröstlich. Aber es macht den ideologischen Unsinn, den dieses Quartett in der Sendung von sich gab, nicht wett, und es ändert auch nichts an den Skandal, den der WDR produziert hat.

Es ist bezeichnend, dass es eine Boulevardzeitung war, die den derzeit besten und wichtigsten Film zum Antisemitismus in ihrer ursprünglich abgenommenen Fassung gezeigt hat, während das öffentlich-rechtliche, also quasi-staatliche Fernsehen nach langer Weigerung, sie überhaupt ins Programm zu nehmen, lediglich bereit war, sie in einer Fassung und auf eine Weise zu präsentieren, die eine Diskreditierung der Autoren und ihrer Arbeit bedeutete – und in Abrede stellte, dass Hass gegen Juden außerhalb der rechten Szene überhaupt existiert. Im jüngsten Antisemitismusbericht des Deutschen Bundestages wird die Zustimmung zur »israelkritischen« Variante des Antisemitismus in Deutschland auf 40 Prozent beziffert. Schon an dieser – vermutlich immer noch viel zu niedrigen – Zahl wird deutlich, dass das Problem nicht bloß bei Neonazis existiert. Wenn dann aber Ross und Reiter genannt werden, wie es »Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa« tut, setzt bei jenen, die angesprochen sind oder sich ertappt fühlen dürfen, die große Abwehrreaktion ein, wird der Antisemitismus von ihnen wegdefiniert und geleugnet. Und das sagt über diese ganz erheblich mehr aus als über die Kritiker des Antisemitismus.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch.

Zum Foto: Rolf Verleger, Gemma Pörzgen und Sandra Maischberger in der Talksendung Maischberger, 21. Juni 2017 (Screenshot).


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Ferne Welten

Alternative für mürbe Mehrheiten

„Besser als ein Rock-Konzert”, behauptet die Partei im Nachhinein.  Beifall brandet auf, als der 1956 geborene Parteiführer Christoph R. Hörstel zum Abschluss des zweiten Bundesparteitags der Deutschen Mitte (DM) an sein Mikrofon tritt. Frenetischer Jubel im Saal, nachdem der Vorsitzende seine Ausführungen beendet. Rund 200 Parteimitglieder zelebrieren durch “tosenden Beifall” die Verbundenheit mit ihrem Vordenker, der sich als Gründer und Visionär inszeniert. Der Verschwörungsideologe offenbart in einem Bio-Hotel in Berlin-Köpenick seine Vorstellungen. Zunächst habe Hörstel eine “Bewegung” geschaffen, die “die 3.000er Marke überschreitet”. Parteimitglieder sollen nun die erschreckenden Pläne realisieren, die die rigide Führung konzipiert.  

Massenabschiebung als Kernforderung: Traum einer Kleinpartei

Ihre Ziele definiert die Deutsche Mitte in einer Satzung, zu der sich die Mitglieder bekennen müssen. Für den Parteivorsitzenden die Lehre aus dem Scheitern seines vorherigen Formierungsversuches, den Hörstel 2009 als Neue Mitte ins Leben rief. Schon damals organisierte der ehemalige Fernsehredakteur und Politikberater die Anhänger der sogenannten “Wahrheitsbewegung”, um gegen “Kriege und Bankster-Herrschaft” vorzugehen. Geschichte ist ihm bis heute Verschwörungsmystik. Indem Hörstel historische Ereignisse umdeutet und aneinanderreiht, kreiert er ein Jahrhundert der Weltverschwörung, das durch Krisen und Kriege gekennzeichnet ist. Der Verschwörungsideologe ist sicher, dass “seit 1898 (…) gelogen” wird. Es folgten “hundert (…) Jahre lügen”, die der Vorsitzende aus Potsdam endlich beenden will.

„Politik geht anders“: Wahlwerbung einer deutschen Kleinpartei

Im Jahr 2013 verließ Hörstel, der in einem früheren Leben für die ARD tätig war, fluchtartig seine erste Partei, weil er Verstrickungen zu “Reichsbürgern” um den ehemaligen NPD-Kader Rüdiger Hoffmann fürchtete. Wenig später gründete der Parteivorsitzende, dem auf Facebook derzeit rund 90.000 Profile folgen, eine Nachfolgetruppe, die er Deutsche Mitte nannte. Verschwörungsgläubige begeistern sich heute für die Gruppierung, die bei den kommenden Bundestagswahlen einen überwältigenden Wahlsieg anstrebt. “Im Augenblick (…) ist die Deutsche Mitte (…) die einzige Partei, die für mich wählbar ist”, urteilt Marcel Wojnarowicz, der als Sänger der Band “Die Bandbreite” reaktionäre Montagsmahnwachen und Aufmärsche der Occupy-Bewegung beschallte. Den Künstler überzeugte das Parteiprogramm: “Da ist im Prinzip wirklich alles drin, was jemals in der ‘Wahrheitsbewegung’ (…) gefordert worden ist”, schwärmt der Musikant.

Der zweite Bundesparteitag im Bio-Hotel diente der Konsolidierung der Kleinpartei. Beim Treffen sprachen Mitglieder auch über die angestrebte “Rückführung von 2 Millionen Migranten”, die die Partei ihrer deutschen Zielgruppe verspricht. Verschwörungsideologische Motive dienen der Einordnung einer angeblichen “Flüchtlingskrise”, die Teil der perfiden Pläne “globaler Eliten” sei. Die “Migrationswaffe”, die die Partei wie andere rechtspopulistische Strukturen verwendet, diene der “Spaltung der Gesellschaft”. Baldiger “Bürgerkrieg” sei die Folge, warnt die “Bewegung”, die als “Rückführung” bezeichnete Massendeportationen zur Lösung macht. Den “großen Wanderungsbewegungen” von “Schachfiguren”, so die verschwörungsideologische Chiffre für Menschen aus Kriegsgebieten, möchte die Gruppierung mit Massenabschiebungen und Grenzschließungen begegnen.

“Wir werden (…) die Zuwanderung auf Null stoppen, mindestens 1,5 Millionen (…) zurückbringen, stattdessen unsere Familien (…) unterstützen und die Geburtenrate wieder deutlich heben”, träumt die kleine Partei, deren Vorsitzender eine Kooperation mit Strukturen wie PEGIDA befürwortete. Bereits 2012 erfand er “zwei Beamte” in München, “die nichts anderes tun, als kriminellen Ausländern mit besonderer Schnelligkeit deutsche Pässe zu beschaffen”. Heute verbreitet seine Gruppierung ähnliche “Tatsachen, die von keiner anderen Partei in Deutschland vertreten und durchgekämpft werden”. Dabei reproduziert Hörstel mit seinem Anhang allerlei Verschwörungsmystik, die in ähnlicher Form auch durch ideologische Konkurrenten wie Jürgen Elsässer oder Lutz Bachmann vertreten wird.

„Wir beenden die Welle der Zuwanderung“: Fantasie einer Kleinpartei

Verschwörungsideologie in Chiffren: Codes der Welterklärung

Nach Massenmorden, die bürgerliche Gesellschaften erschütterten, behauptete der Parteivorsitzende, dass die Welt durch eine “westliche Verbrecherbande” bedroht sei. Die Vereinigten Staaten, so die anti-amerikanische Konkretisierung seiner “Bewegung”, würden “die Welt in Unruhe halten, in Kriege stürzen – und permanent am Abgrund der organisierten Welt- und Selbstvernichtung entlangtaumeln” lassen. Attacken von Islamfaschisten deutet der Vorsitzende um: Für die Morde des 11. Septembers oder die Angriffe auf dem Breitscheidplatz macht Hörstel gewisse Geheimdienste verantwortlich. Solche Mutmaßungen sind sicherlich ein Grund, warum das russische Staatsfernsehen von RT den Verschwörungsideologen wiederholt zum Gespräch bat. Dem deutschen Programm des iranischen Auslandssenders IRIB, der ein Organ des Mullah-Regimes ist, stand der Vorsitzende seit 2009 gerne für Interviews und Kommentare zur Verfügung.

„US-Besatzung“ als Thema: Hörstel als Gast bei RT-Deutsch

Weltpolitische Entwicklungen erklärt sich Hörstel, der regelmäßig vor die Kameras der Verschwörungsindustrie tritt, unterdessen durch das Wirken einer pro-israelischen “Lobby”, der eine gewisse Allmacht unterstellt wird. Währenddessen drohen den Deutschen “‘Chemtrail’ und HAARP-Einsätze”, die angeblich der Wetter- und Bevölkerungskontrolle dienen. Der Parteivorsitzende kooperierte mit Werner Altnickel, der an einen durch Wetterwaffen geführten Weltkrieg glaubt. Der deutsche Vordenker des Wetterwahns, der trotz Rassenlehre Mitglied der Grünen ist, raunt von “Ur-Logen oder Super-Logen”, die für Krieg, Krise und Krankheiten verantwortlich seien. Ähnliche Bilder reproduziert Hörstel. Angst vor unverstandenen Realitäten dient der Mobilisierung der Fans: “Finanzcrash”, “Kriegsgefahr” und sogenannte “Migrationskrise” sind Dauerthemen der Deutschen Mitte.

Klassische Chiffren und Codes, die Hörstel und seine Fans auch auf Parteitagen nutzen, dienen der mystischen Deutung von Verhältnissen: Für Entwicklungen im Nahen Osten macht die Partei die “Familie Rothschild” verantwortlich, die für das Erstarken einer “Gruppe der Zionisten” in Haftung genommen wird. Die Entstehung von antisemitischen Gruppierungen wie der Muslimbruderschaft deutet die Partei als “Reaktion auf das Vordringen der Zionisten in Palästina”, was dem klassischen Mustern von Schuldumkehr entspricht. Viele Vorwürfe erinnern an Vorstellungen des historischen Antisemitismus, der Jüdinnen und Juden als manipulierende Konspirateure imaginierte. In einer Erklärung der Gruppierung findet sich beispielsweise die Behauptung, dass “zionistische Kräfte” durch “Desinformation, Unterwandern und Fehlleiten” arbeiten.

Wiederholt knüpft die Deutsche Mitte an Legenden an, die die völkische Bewegung prägten. So behauptet die Partei, dass die europäischen Monarchien vergangener Jahrhunderte sich “fast sämtlich in den Händen der Rothschilds” befunden hätten. Immer wieder verwendet Hörstel diesen jüdischen Familiennamen, den bereits die Nationalsozialisten in cineastischen Kassenschlagern missbrauchten, um vermeintliche Verantwortliche zu benennen. Als wiederkehrender Redner des Al-Quds-Tages begeistert der Vorsitzende, 2017 an die “Kraft des Glaubens” appellierend und von einer jahrhundertealten Verschwörung raunend, Jahr für Jahr die Teilnehmer_innen in Berlin. Außerdem tritt der Parteiführer auf Stammtischen seiner Gruppierung in Erscheinung. Beifall scheint Hörstel gewiss, wenn er “Rothschilds und Zionisten” attackiert, die als natürlicher Antagonismus seiner deutschen “Bewegung” dienen, denen „ihre Inseln irgendwann nicht mehr helfen werden“. Kritiker_innen droht die Partei unterdessen mit “Gegendarstellungen, Abmahnungen und Strafanzeigen”.

Auflösung und Deportation: Verschwörungsgläubige gegen Israel

Die als Gegner identifizierte Personen, von denen auch auf den Parteitagen geraunt wird, würden “heute wie zur Nazizeit (…) darauf achten, ihre multikriminelle Herrschaft in Palästina zu festigen”, behauptet der Vorsitzende in einem Pamphlet. Die Partei müsse daher “ganz neue Gesamtregelungen für eine Region” finden, glaubte die Gruppierung zur Gründungszeit. In den folgenden Jahren mobilisierte die Vereinigung der Verschwörungsgläubigen immer wieder gegen Israel. Ein Höhepunkt war erreicht, als die deutsche “Bewegung” ein Ultimatum an den Judenstaat veröffentlichte: “Grundsätzlich ist bis 2015 eine Frist für die Erreichung der so genannten ‘Zwei-Staaten-Lösung” zu gewähren”, verlautete die Partei von Christoph Hörstel: “Danach wird sich die Deutsche Mitte für eine (…) Ein-Staaten-Lösung einsetzen”, drohte die Struktur.

Mittlerweile hat die Partei ihre angekündigte Radikalisierung vollzogen. Eine Abschaffung des israelischen Staates scheint Ziel der deutschen Gruppierung, die von einer “Ein-Staaten-Lösung unter demokratischer palästinensischer Vorherrschaft” schwärmt. Die Auflösung des Schutzraumes, den Jüdinnen und Juden gegen den erklärten Willen der internationalen Konterrevolution schufen, ist erklärtes Ziel von Mitgliedern der deutschen Partei. Dass diese Struktur das “Rückkehrrecht aller Palästinenser” nun “als erstrebenswert” bezeichnet, weil “die Regierung palästinensisch geprägt” wäre, sollte nicht verwundern. Solidarität erfahren dagegen Akteure der Hamas, die mit Mitteln des Mordes gegen die “Judaisierung” kämpfen. Deren Führung unterstützt Hörstel, der mit der Parole “Kindermörder Israel” agitiert, bereits seit Jahren.

Der internationale BDS-Verband, der gegen israelischen Waren- und Kapitalverkehr sowie gegen jüdische Kunst eine rege Tätigkeit entfaltet, ist wie die Partei auch in Deutschland aktiv. Die umtriebige Gruppe, deren Mitglieder gerade die 82-jährige Holocaust-Überlebenden Deborah Weinstein an der Humboldt-Uni mit “Unflätigkeiten und Parolen” angingen, erhält Unterstützung durch die verschwörungsideologische Partei. Die Gruppierung, die die Auflösung Israels erträumt, solidarisiert sich mit dem Verband, der den Boykott der israelischen Gesellschaft organisiert: “Die Deutsche Mitte unterstützt voll das BDS-Programm (…) gegen Israel“, erklärt die Parteiführung. Dass beide Gruppierungen in der “Tradition von Konfliktlösern stehen, die in noch bewegteren Zeiten die Parole ‘Deutsche! Wehrt euch! Kauft nicht bei Juden!’ auf die Schaufenster jüdischer Geschäfte schmierten”, sorgt für ideologische Übereinstimmungen.

Die Partei entwarf vorab einen ergänzenden Plan, der Deportationen beinhaltet. Tatsächlich strebt die Vereinigung die Umsiedlung von Jüdinnen und Juden an, denen nicht nur ihr Staat genommen werden soll. In einem Pamphlet der Partei heißt es, “dass etwa bis zu zwei Millionen Juden aus Palästina, die in das Blutvergießen dort nicht als Täter verwickelt sind oder waren” den Nahen Osten innerhalb sieben Jahren gen Deutschland verlassen dürfen. Was den verbleibenden Menschen droht, bleibt der Fantasie der Parteimitglieder überlassen. Die Truppe, die sich in blumigen Erklärungen gegen “antijüdischen Rassismus” ausspricht, dürfte einer der wenigen Gruppierungen in Deutschland sein, die die Beseitigung des israelischen Staates und die Deportation vieler Einwohner_innen propagiert. In ihrer Monstrosität erinnert die angekündigte Umsiedlungsaktion an Pläne, die Nationalsozialisten konzipierten, bevor sie den industriellen Massenmord in der Volksgemeinschaft orchestrierten.

Hoffnungen für Revisionisten: Andeutungen zur Zeitgeschichte

Inhalte der Partei, die sich gegen ein “Finanz- und Geldsystem, mit Zins und Zinseszins sowie privater Geldschöpfung” wendet, bestehen aus ökonomischen Irrlehren, die auch durch nationalsozialistische Ideologen wie Gottfried Feder inspiriert scheinen. Manchmal beruft sich Hörstel auf Vorstellungen von Kumpanen des verschwörungsideologischen Think-Tanks “Wissensmanufaktur”, die sich offen auf den antisemitischen Zinskritiker beziehen. Weitere Forderungen der Partei erinnern an Positionen des deutschen Nationalismus: Die “Deutsche Mitte” imaginiert ihre Nation als besetztes Land, sodass die Partei die “volle Souveränität Deutschlands” fordert. Bei einer Demonstration für den Despoten Assad grölte der Vordenker folglich “Germany for the Germans” ins Megaphon. “Wir sind Patrioten, Menschen, die ihr Land schätzen und ihm dienen”, betont seine Partei.      

Zur Zielgruppe gehören sogar Personen, die an Phantasmen der sogenannten “Reichsbürger” glauben. Mitglieder der Parteiführung, die in einer eindeutigen ideologiegeschichtlichen Tradition stehen, benennen den angeblichen Status der Bundesrepublik, die Hörstel zu einer “Staatssimulation” macht. In Parteikreisen ist der sogenannte “Gelbe Schein” beliebt, den auch der Parteivorsitzende den Gläubigen empfiehlt. Völkische Gläubige begeistern sich für dieses staatliche Dokument, weil es letztlich auf dem Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz, kurz RuStAG, von 1913 basiert. “Reichsbürgern” rät die Partei unterdessen zur taktischen Geduld. Nach ihrer Machtübernahme werde die Deutsche Mitte alle “Fragen eingehend, uneingeschränkt und glaubwürdig wissenschaftlich untersuchen lassen”, heißt es in Richtung der Reichsgläubigen. 

Infostand einer deutschen Kleinpartei

In baldiger Zukunft möchte die Partei “eine 12-köpfige Kommission” installieren, die Vorschläge von “unabhängigen Experten” und “Interessengruppen” berücksichtigen soll. Daraus resultierende Pläne für eine neue Verfassung mag die Truppe durch Volksbefragungen legitimieren. Innerhalb einer Legislaturperiode soll die zukünftige DM-Regierung ihre Vorstellungen durchsetzen, die hinter die seit 1945 oktroyierten Errungenschaften des bürgerlichen Parlamentarismus zurückfallen dürften. Ausgewählte „Ministeriensprecher“ inszeniert der Bundesvorstand, dem derzeit nur wenige Frauen als Beisitzerinnen angehören, derweil als Mitglieder einer zukünftigen DM-Regierung. “Experten”, die aus dem verschwörungsideologischen Milieu stammen, treten als Sprecher für Finanzen, Gesundheit oder Agrarfragen auf.

Hörstel und seinen Getreuen gelang es in den vergangenen Monaten, zugkräftige Vordenker der verschwörungsideologischen Szene zu gewinnen. Darunter befindet sich Franz Hörmann, der als Sprecher für Finanzpolitik auftritt. Den Zinskritiker suspendierte die Wirtschaftsuniversität Wien 2012 wegen “zweifelhafter Aussagen über den Holocaust“ zeitweilig vom Dienst. Während Vordenker wie Hörmann als Aushängeschilder des Vorsitzenden dienen, scheinen Debatten für andere Mitglieder nur in eingeschränktem Rahmen möglich. Stattdessen empfiehlt die Satzung “biologische Ernährung und Sport” zur körperlichen Ertüchtigung der Mitgliedschaft. 

Verschwörungsideologische Vordenker: Hörmann (v.l.) und Hörstel (ganz rechts)

Zank zwischen Verschwörungsgläubigen: Machtkämpfe deutscher Rackets

Mitglieder, die vorsichtige Kritik am Gebaren des Vorsitzenden formulierten, wurden laut Hörstel umgehend “hinaus befördert”. Die Partei soll dem Vorsitzenden folgen, der sich manchmal als “Nummer 1” bezeichnet: “Diskussionen gibt es hauptsächlich über Anpassungen”, betont die Gruppe mit dem “Führer-Darsteller”. In Auseinandersetzungen gilt ein Schweigegelübde für Parteimitglieder: “Die öffentliche Debatte führen nach dem exklusiv-Prinzip starke Fachleute oder gewählte Vertreter”, definiert die „Bewegung“, der eine “sehr weitgehend klare Ordnung” am Herzen liegt. In seinen Ausführungen verlangt der Parteivorsitzende des öfteren die strikte Unterordnung seiner Mitgliedschaft, die offensichtlich als Verfügungsmasse dient.

Ehemalige Mitglieder werfen der Führungsfigur indes autoritäre Maßnahmen vor. Zwei Landesvorstände zerfielen in den vergangenen Monaten, nachdem der Parteivorstand die Satzung anwendete. Sie ermöglicht den raschen Ausschluss von ideologischen Konkurrent_innen, die sich nicht unterordnen. Der Bundesvorstand darf Mitglieder “von der Ausübung seiner Rechte bis zur rechtskräftigen Entscheidung der zuständigen Schiedsgerichte ausschließen”, heißt es dort. Vor dem Parteitag schloss die Gruppierung alle Mitglieder des Landesvorstandes Hessen aus, denen “Unterwanderung” vorgeworfen wurde. Auseinandersetzungen in Thüringen führten zu weiteren Rückzügen und Ausschlüssen. Kai Orak, verschwörungsideologischer Aktivist aus Hannover, spricht von einer entstehenden “Führerpartei”.

Maskenmensch und Parteivorsitzender beim Verschwörungstreffen

Auf dem dritten Bundesparteitag, der wenige Monate nach der zweite Zusammenkunft erforderlich wurde, sind die Reihen gelichtet. Zum Parteitreffen, das die “Erfordernisse des Bundeswahlleiters” erfüllen sollte, erscheinen weitaus weniger Delegierte als zu der vorherigen Zusammenkunft. Der wiedergewählte Parteivorsitzende, der sich als “oberster Streitschlichter der Gesamtpartei” titulieren lässt, motivierte dort alte und neue Mitglieder, indem er auf Gelder verwies, die die Deutsche Mitte einnehmen würde: “Die Unterstützung wächst auch. In der nächsten Woche werden zehntausende Euro eingesammelt. Das macht Spaß”, jubiliert Hörstel Anfang Juni in der lasierten Aula des Anthroposophischen Zentrums zu Kassel. Magisches Denken an einem Ort, an dem sich ansonsten angehende Waldorflehrer_innen versammeln.

Viel Zustimmung erhält Peter Oberhofer, der für den Posten des Gesamt-Generalsekretärs kandidiert. Zuvor verfasste der selbständige Softwareentwickler ein Bewerbungsschreiben, das sein Interesse für den “wahren Teil der deutschen Geschichte” bekundete. Verschwörungsideologische Vorstellungen prägen das Weltbild. Der Kader glaubt, dass “die Gesellschaft (…) schon seit über 100 Jahren von” einer “Elite” manipuliert wird. Währenddessen schottet die Partei sich gegen eine kritische Öffentlichkeit ab: “Achtung: Journalisten”, warnt ein Ratgeber für “Stammtisch-Chefs”: “Medienvertreter haben keinen Zugang”, definiert derweil die Satzung, der sich zehn Landesverbände verpflichtet fühlen, die in den vergangenen beiden Jahren entstanden. “Antifa-Autoren” droht die Partei sogar mit Klagen.

Die Partei verspricht: „Deutschland sicher“ und „Bienen freuen sich“

Eine Partei marschiert: Deutsche Mitte im Wahlkampf

Immer wieder munkelt Christoph Hörstel von einem gewaltigen Geheimnis, das er in naher Zukunft offenbaren möchte: “Ich werde mich melden”, verspricht der Parteiführer in Kassel. Wenig später veröffentlicht seine Gruppierung zwei YouTube-Clips, in denen die Führungsfigur nicht nur Merchandising der Bewegung aufträgt, sondern um weitere Spenden der Mitglieder bittet. Dann würden geheimnisvolle Mäzene “ihre Konten für uns anzapfen”, sodass die Deutsche Mitte sich schon “fast im Bundestag” befindet, suggeriert der Vordenker. Die kommende Bundestagswahl soll der Gruppierung den ersehnten Durchbruch bringen. “Viele schauen auf uns”, meint der Parteivorsitzende. Im Fall einer Niederlage orientiert Hörstel auf die folgende Landtagswahl in Niedersachsen, die ebenfalls der Generalmobilmachung der Gesamtpartei dient.

Trotz Unstimmigkeiten und Ausschlüssen, die den Aufbau seiner “Bewegung” begleiten, seien mittlerweile 3.210 Mitglieder organisiert, behauptet Hörstel, während der Sprecher des Stammtischs in Bad Liebenwerda von 3.500 Personen spricht. Basis und Parteiführung glauben an allmächtige Verschwörungen, während sie die systematische Unterwanderung ihrer Gruppierung befürchten. “Sabotage”, lautet der Vorwurf, den die “Nummer 1” vielfach erhebt. “Systemmedien und Systemkräfte wie Gewerkschaften” seien für Angriffe auf die Partei verantwortlich. In den vergangenen Jahren sei aber immerhin “eine standfeste (….) Organisation” entstanden, “die (…) marschiert”, beurteilt der Vorsitzende den Zustand seines verschwörungsideologischen Projektes.

Wahlkampf einer verschwörungsideologischen Kleinpartei

Tatsächlich ist seine Gruppierung ein relevantes Produkt kapitalistischer Vergesellschaftung, die die “Bedingungen für die Paranoia der Massen” hervorbringt. Die Deutsche Mitte scheint ein prototypisches Beispiel für Formierungsversuche, die sich der “unerschöpflichen Vorräte an Finsternis” bedienen, welche alle Poren der deutschen Gesellschaft durchdringt. Der Vorsitzende und seine Gruppierung profitieren dabei von äußerst reaktionären Bewusstseinsformen in der postnazistischen Gemeinschaft, die zur “Bildung von Bünden” führen. Mitglieder, die sich durch weiße Uniformierung kennzeichnen, eint die verschwörungsideologische Paranoia vor potentiellen Ereignissen, die sie fürchten.

Sie „haben Angst davor, ihren Wahnsinn alleine zu glauben”. So versammeln sie sich auf Parteitagen, auf Aufmärschen, bei Stammtischen und an Infoständen. “Projizierend sehen sie überall Verschwörung”, schrieben Adorno und Horkheimer über solche “Scharlatane der Politik”, die ihre Vorstellungen der “ohnehin schon Mürbe gemachten Mehrheit der Verwalteten” aufdrängen wollen. Dass solche Absichten auf Dauer gelingen könnten, erklärt sich durch deutsche Verhältnisse, in der Verschwörungsphantasien der Deutung von Entwicklungen dienen. Dort, wo der verschwörungsideologische Wahn letztendlich in praktische Raserei umschlagen kann, gibt es nur eine Alternative: “Widerstand gegen Führer und Kollektiv”, das in diesem Fall den Namen Deutsche Mitte trägt.

Treffpunkte für Verschwörungsgläubige: Stammtische der Deutschen Mitte
Friedensdemo-Watch

Der Faktencheck im Faktencheck

Ja, die Doku „Auserwählt und Ausgerenzt“ hatte handwerkliche Mängel. Aber was der WDR als „Faktencheck“ präsentiert ist keineswegs besser. Stefan Winterbauer meint bei Meedia:

Wann gab es das schon einmal, dass ein Sender eine Dokumentation mit derartig vielen Warnhinweisen und Richtigstellungen versieht? Die Ausstrahlung begann mit einer Art Warntafel vor dem Film. Während der Doku gab es immer wieder Einblendungen, dass Betroffene hier nicht gefragt worden seien. Erst der WDR habe den Beschuldigten Gelegenheit zur Stellungnahme gegeben. Und – so eine Überraschung – die nachträglich Befragten gaben alle sinngemäß zu Protokoll, dass sie ja gar nix gegen Juden haben. Entschuldigung für den Sarkasmus im vorangegangenen Satz, aber bei dieser Sache fällt es schwer, nicht sarkastisch zu werden.

[…] der nachträglich zusammengeschusterte Faktencheck [erweckt] nun selbst den Eindruck starker Voreingenommenheit. Er geht über das Korrigieren von Fakten weit hinaus. Das Ziel, den Film komplett zu diskreditieren, wird überdeutlich.“

Sechs Beispiele:

1. Der WDR behauptet dass es nicht antisemitisch gewesen sei als Abbas behauptete Rabbiner würden dazu aufrufen das Wasser der Palästinenser zu vergiften. Abbas vor dem Europaparlament:

„Darüber hinaus möchte ich noch sagen, dass vor nur einer Woche einige Rabbiner in Israel ihre Regierung aufgefordert haben, unser Wasser zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Ist das nicht eine klare Anstiftung zum Massenmord am palästinensischen Volk?“

Der Film brachte die mit der antisemitischen Legende von den Brunnenvergiftern in Verbindung. Auch z.B. auf Wikipedia wird die Aussage von Abbas als modernes Beispiel dieser Legende aufgeführt. Laut WDR muss man jedoch zwischen Wasservergiftung und Brunnenvergiftung unterschieden werden (ernsthaft!):

„Der Kommentartext fügt dem Zitat von Abbas weitere Inhalte hinzu: ‚Rabbiner planen palästinensische Brunnen zu vergiften.‘
Von ‚Brunnen‘ spricht Abbas hier jedoch nicht, auch nicht von ‚Plänen‘ der Rabbiner, das Wasser zu vergiften.“

2. Laut WDR gebe es keinerlei Belege die Anschläge auf das Bataclan hätten ein antisemitisches Motiv gehabt. Auf Wikipedia werden einige der antisemitischen Drohungen aufgelistet, die dem Anschlag vorausgingen.

http://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/doku-faktencheck/doku-faktencheck-148.html

Welch bittere Ironie, dass in der Doku auch gefragt wurde, warum es so schwer falle antisemitische Anschläge als antisemitisch zu bezeichnen.

3. Der WDR moniert:

„Die eingeblendeten Schlagzeilen vermitteln das Bild, dass die deutsche Medienlandschaft hauptsächlich israelkritisch berichte.
Tatsächlich wird dieses Bild durch die Forschung nicht bestätigt: ‚Vergleichende Untersuchungen zeigen, dass sich beispielsweise die Berichterstattung zur Zweiten Intifada und den Gaza-Kriegen 2009 und 2012 in Qualitätszeitungen, aber auch dem deutschen Fernsehen kaum substantiell voneinander unterschieden hat und vorrangig versucht wurde, ausgewogen über die Konfliktparteien zu berichten.'“

„Die Forschung?“. Andere Forscher kamen zu anderen Ergebnissen, so z.B. die Antisemitismusforscherin Monika Schwarz-Friesel​:

„Wir haben die Berichterstattung über den Nahen Osten mit Artikeln über die Lage der Menschenrechte und Konflikte in anderen Ländern verglichen, wie Russland, China, Saudi-Arabien und Nordkorea. Kaum eines der Länder schnitt so schlecht ab. In den Artikeln finden sich ungewöhnlich viele NS-Vergleiche, es gibt ein sehr negatives Bild des Landes.

[…] In der Schlagzeile ist Israel fast immer Aggressor, im Text selbst steht dann, dass Israel nur reagiert hat. Ein Beispiel: Vor einer Woche einigten sich die Parteien im Gaza-Krieg auf eine Feuerpause, die Hamas schoss nach einigen Stunden trotzdem Raketen ab. 80 Prozent der Schlagzeilen auf Nachrichtenseiten lauteten aber: Israel bricht Waffenruhe.“

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch der Linguist Anatol Stefanowitsch​, der 2014 die sprachliche Struktur von 170 Schlagzeilen untersuchte.

4. In Bezug auf das Interview mit Monika Schwarz-Friesel behauptet der WDR, dass die Aussagen der Expertin in einen falschen Kontext gebracht wurden sein. Auf der Übersichtsseite zum Faktencheck heißt es:

„Der Film stellt damit Statements von Interviewpartnern in einen antisemitischen Kontext.“

Im entsprechenden Abschnitt wird dann angeblich klargestellt:

„Die Linguistin Prof. Dr. Monika Schwarz-Friesel wird zu ihrer Studie zur ‚Sprache der Judenfeindschaft im 21. Jahrhundert‘ interviewt. Diese Studie hat sie gemeinsam mit Jehuda Reinharz 2012 publiziert.

Darin untersuchten die Wissenschaftler über 14.000 Zuschriften an den Zentralrat der Juden in Deutschland und an die Israelische Botschaft in Deutschland. Die Studie befasste sich folglich mit dezidiert antisemitischen Schriftstücken.“

Nein, lieber WDR. Dass das Geschwurbel z.B. „von Bankern von der Ostküste“ oder von einer übermächtigen „Israel-Lobby“ ist nicht nur dann antisemitisch wenn es in Texten steht, die selbst WDR-Faktenchecker als „dezidiert antisemitische Schriftstücke“ erkennen können. In einem bei der bpb veröffentlichten Text, in dem Schwarz-Friesel fast wortgleich schrieb was sie in dem Interview sagte, schrieb sie auch:

„Es zeigt sich, dass trotz aller Aufklärungsarbeit nach dem Holocaust immer noch seit Jahrhunderten tradierte judeophobe Sprach- und Argumentationsmuster reproduziert werden – und zwar gesamtgesellschaftlich in allen sozialen Schichten und politischen Gruppierungen der Bevölkerung.“

Auch in einer Vorlesung machte Schwarz-Friesel deutlich:

„Keineswegs ist Judenfeindschaft vergangen oder nur ein Randphänomen von einigen Extremisten, sondern ein höchst aktuelles Problem in der Mitte unserer Gesellschaft. Der moderne Antisemitismus, heute primär artikuliert als Anti-Zionismus und Anti-Israelismus, fußt ungebrochen auf der klassischen Judenfeindschaft, die stets und von Anfang an von den Gebildeten kam.[…] Als Verbal-Antisemitismus gelten alle sprachlichen Äußerungen, mittels derer Juden als Juden entwertet und diskriminiert werden, intentional oder nicht-intentional, explizit oder implizit.“

Übrigens: Während der WDR so tut als müsste er die Aussagen Schwarz-Friesel vor den Produzenten des Films schützen, meint die Antisemitismusexpertin über den Film:

„Aus Sicht der empirischen Antisemitismusforschung spiegeln die in diesem Film präsentierten Fakten zur aktuellen Judenfeindschaft sehr genau die Lage wider.“

Die Übersichtsseite des WDR-Faktencheck unter http://www1.wdr.de/unternehmen/der-wdr/unternehmen/doku-faktencheck/index.html

 

5. Mercedes Nabert​ bei den ruhrbaronen:

„In einer Liste von NGOs, denen der Film nicht die Gelegenheit zu einer Stellungnahme gab, erwähnt der WDR World Vision, mit dem Kommentar, dass sie seit 2016 nicht mehr in Gaza aktiv sei. Verschwiegen wird dabei der Hintergrund. Nach längeren Ermittlungen und der Verhaftungen eines Mitarbeiters durch Israel, aufgrund der Weitergabe größerer Summen an die Hamas, haben Regierungen wie die deutsche und die australische die Unterstützung von World Vision Gaza komplett eingestellt. Unter diesen Umständen weiter zu arbeiten — oder was auch immer die NGO dort getan hat – dürfte kein leichtes sein.“

6. Die FAZ kommentiert den Faktencheck so:

„Bei den Unruhen im Pariser Vorort Sarcelles zum Beispiel, bei denen Synagogen angegriffen wurden, wird vom WDR behauptet, es hätten nicht dreitausend Jugendliche randaliert, wie es im Film heißt, sondern nur wenige hundert. Und es sei in französischen Presseberichten auch erwähnt worden, dass die verbotene Gruppierung ‚Jewish Defence League‘ eine Rolle gespielt habe. Hier ist es schwer, sich aufgrund der Quellenlage ein Bild zu machen. Das trägt zu einem Gesamtergebnis bei, bei dem man nur in einem hundertprozentig sicher sein kann: Der WDR hat alles getan, um zu zeigen, warum der Film so nicht gezeigt werden sollte.“

 

anti-capitalism revisited

Audio: Religionskritik, Diskriminierung und Emanzipation. Anmerkungen zur Islamdebatte.

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 12. Mai 2017 in Bremen

Wie der weltweit anschwellende Autoritarismus und das wachsende Gewicht von Religionen miteinander korrespondieren. Warum Menschen vor Diskriminierung zu schützen sind, aber die Kritik einer Religion keine Diskriminierung von Menschen ist. Wie Gläubige ihre Heiligen Schriften nach Gusto auslegen, aber warum das kein Sprechverbot über den Islam rechtfertigt. Warum viele Linke über „Köln“ nicht reden konnten und wie das mit ihrer entsorgten Religionskritik zusammenhängt. Wie eng verwandt der präfaschistische Rechtspopulismus und der Islamismus miteinander sind und warum es reaktionär ist, wahlweise den einen oder den anderen zu verharmlosen. Warum djihadistischer Terror mit dem Islam zu tun hat – und mit der kapitalistischen Moderne. Und warum Religionskritik und Kritik der politischen Ökonomie zusammenkommen müssen, um jeder Barbarei entgegenzutreten zu können.

(Der Vortrag am 12. Mai 2017 in Bremen fand unter dem Titel „Kritik des Islamismus – Schwierigkeiten linker Auseinandersetzungen“ statt)

anti-capitalism revisited

Zinsen, Zocker, Zionisten

Zum reaktionären Weltbild des regressiven Antikapitalismus

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 12. Juli 18 Uhr, Landau in der Pfalz
Universität Koblenz-Landau, CIV 165 (Seminarraum)

Eine Veranstaltung des Instituts für angewandten Hedonismus

Geht es gegen “Banken und Finanzmärkte”, findet sich manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die
Verursacher der Krise. Wer das kapitalistische Prinzip in “produktives Kapital” und “Finanzkapital” aufspaltet, landet zwangsläufig bei der Dämonisierung von Zirkulationssphäre und Finanzsektor. Eine alte Krankheit der Linken. Schon Lenins Imperialismustheorie und Dimitroffs Faschismusdefinition waren davon infiziert. Während Marx, für den Proletarier kein Vaterland hatten, von der freien Assoziation der Individuen träumte, feiern in der Linken “Völker” fröhliche Auferstehung – als eingebildete revolutionäre Antipoden des Finanzkapitals. Als ob es Auschwitz nicht gegeben habe, lebten und leben Teile einer vermeintlich radikalen Linken weiterhin im ideologischen Korsett der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” angerichtet hat, kämpfen sie gegen “Bankster und Spekulanten” und üben sich im Schulterschluss mit den reaktionärsten und menschenfeindlichsten Ideologien und Regimen der Welt.

Der Referent zeigt Grundzüge einer nicht-regressiven, reflektierten Kapitalismuskritik als Bedingung gelingender Emanzipation auf. Warum sind die Banken „systemrelevant“ und nicht die Menschen? Warum wird der Finanzsektor immer größer? Warum führt Produktivitätsfortschritt nicht zu einem besseren Leben für alle? Warum müssen wir dem Fetisch Wachstum dienen? Den Kapitalismus versteht nur, wer etwas von dem versteht, was ihm seinen Namen gibt – vom Kapital.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Konkret, Jungle World und emafrie.de

 

anti-capitalism revisited

Demokratie oder Volksherrschaft?

Warum die Verhältnisse nicht besser werden, wenn das Ressentiment mehrheitsfähig ist.

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Dienstag, 11. Juli 2017, 20.30 Uhr, Mannheim                                                               JUZ, Käthe-Kollwitz-Str. 2-4

Eine Veranstaltung  des AK Antifa Mannheim

Versteht man „Demokratie“ lediglich im Wortsinne, nämlich als „die Herrschaft des Volkes“, so muss einem davor grausen. Schließlich hätte dann der Nationalsozialismus, der das Fühlen, Denken und Wollen einer großen Mehrheit der Deutschen repräsentierte, das Prädikat demokratisch verdient. Der leidlich funktionierende demokratische Staat aber zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er unveräußerliche Rechte von Einzelnen und Minderheiten garantiert.
Gegen die Krise der Demokratie wird mehr „direkte Demokratie“ gefordert. Doch ob „Ausländer“ rausgeworfen, Minarettbauten verboten oder Schulreformen verhindert werden sollen – bessere Verhältnisse schafft die „Stimme des Volkes“ kaum. Solange die selbstgerechte Gemeinschaft der „ehrlich Arbeitenden und Betrogenen“ ihr Mütchen an vermeintlich „Faulen“ oder „Gierigen“ kühlen mag und Ressentiment landauf landab mit Kritik verwechselt wird, ist „dem Volk“ grundsätzlich zu misstrauen. Was geht in Menschen vor, die zwar gegen einen Bahnhofsneubau Sturm laufen, nicht aber gegen die Rente mit 67 – obwohl sie unter dieser vermutlich wesentlich mehr zu leiden haben werden als unter jenem? Und ist es ein Zufall, dass einem die Forderung nach Volksabstimmungen umso häufiger begegnet, je weiter man sich im politischen Spektrum nach rechts bewegt?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de.

siehe auch auf Facebook

Leipziger Bündnis gegen die Irandelegation

Leipzig goes No Al-Quds: Infoveranstaltung und Busanreise

Save the date!

Infoveranstaltung »Leipzig goes No Al-Quds«: 14.06.2017 | 19 Uhr | Conne Island

Busanreise »Leipzig goes No Al-Quds«: 23.06.2017 | 10 Uhr | Selneckerstraße / Connewitz

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Am Freitag, den 23. Juni 2017 wollen im 21. Jahr in Folge hunderte Antisemit*innen am Al Quds-Tag in Berlin für die Eroberung Jerusalems und die Vernichtung Israels aufmarschieren. Wir werden dies auch in diesem Jahr nicht unwidersprochen hinnehmen und unsere Kritik an religiösen Fundamentalist*innen und Antisemit*innen aller Couleur am 23. Juni auf die Straße tragen. 

Aus Leipzig wird es dazu eine gemeinsame Busanreise geben. Tickets gibt es für 10-15 Euro in der B12 und auf unserer Infoveranstaltung »Leipzig goes No Al-Quds« am 14.06.2017 im Conne Island. Bei der werden wir nicht nur Organisatorisches für die gemeinsame Anreise zu den Protesten gegen den Al-Quds-Marsch klären, sondern auch nochmals der Frage nachgehen: Was ist der Al-Quds-Marsch und welche Rolle spielt der Iran diesbezüglich?

Kommt mit uns nach Berlin! Nieder mit dem antisemitischen Al-Quds Tag!

Für eine progressive Perspektive!


Cosmoproletarian Solidarity

Von Molenbeek nach Rakka – eine weitere Unternehmung, die Katastrophen in Syrien, der Türkei und Europa in Konstellation zu bringen


„Sie haben Wind gesät und einen Sturm geerntet“, verhöhnt die türkische Gazette Yeni Akit die Toten von Manchester, deren einzige Schuld es war, von ihren Mördern damit identifiziert zu werden, was sie auszurotten drohen: die Liebe zum Leben. Der Schuldspruch, den Yeni Akit und andere Einpeitscher Erdoğans über die Toten sprechen, beschwört ein feindseliges Europa, das die Feinde der großen Türkei nährt. Dieselbe Gazette von Hasspredigern im Staatsauftrag schrieb beim Massaker in der Diskothek „Pulse“ im US-amerikanischen Orlando nicht ohne Freude vom Tod „perverser“ Homosexueller.

Dass es ganz anders ist, dass nämlich das Europa der Kumpanei noch jede türkische Provokation geduldig erträgt, erzählten die Tage nach dem erzwungenen „Ja“ zum Ermächtigungsgesetz Erdoğans. „Hırsız - Yandaş – YSK“ (Räuber - Gleichgeschalteter - YSK), dröhnte es in derselben Intonation wie die Hymne für den Führer „Recep - Tayyip – Erdoğan“ tagelang durch die Straßen von Beşiktaş und anderswo in Istanbul und Ankara. Die YSK ist laut türkischer Verfassung die höchste Institution der Wahlaufsicht, sie besteht aus einigen jener opportunen Juristen, die bei den systematischen Amtsenthebungen der vergangenen Jahre im Justizapparat übergeblieben sind. Am Abend des 16. April entschied ihr Vorsitzender willkürlich, mit bis zu 2,5 Millionen ungestempelten Wahlzettelumschlägen aus einem „Nein“ für das Ermächtigungsgesetz noch ein knappes „Ja“ zu machen. Tagelang hielten die Proteste gegen die erzwungene Perpetuierung der Präsidialdiktatur auf formaljuristischem Pfade an. Verhaftungen von inkriminierten „Rädelsführern“ und die konkrete Drohung des Repressionsapparates, die Proteste als Nachbeben des 15. Juli verstehen zu wollen, zermürbten schließlich auch die Mutigsten. Die Europäer, allen voran die Deutschen, saßen die Vertrauenskrise in den Führer geduldig aus. Genauso wie sie die Vorgänge nach dem niedergeschlagenen Militärcoup am 15. Juli des vergangenen Jahres aussaßen, von dem man inzwischen weiß, dass er unter der Kontrolle des Regimes ablief. Ende April schließlich erklärte Federica Mogherini im Namen aller Anderen, die Europäische Union respektiere das manipulierte „Evet“.

Die Proteste waren noch nicht ganz verstummt, da attackierten in der Nacht vom 24. auf den 25. April türkische F-16 die irakische Ruine Sinjar sowie das syrische Derik. Sie zerstörten unter anderen die Radiostationen „Dengê Rojava“ und „ÇIRA-FM“. Verstreut im Sinjar harren bis heute viele Überlebende des Genozids an den Eziden als Binnengeflüchtete aus. Die Nacht zum 25. April rief bei vielen von ihnen die Erinnerung an den 3. August 2014 hervor, als die Menschenjäger mit dem Siegel des Propheten über sie herfielen. Einzig das entschlossene Auftreten des US-amerikanischen Militärs zwang die Türkei ihre Aggression abzuschwächen, Europa dagegen schwieg sich aus. Was man Erdoğan schwerlich absprechen kann, ist ein Gefühl für historische Symbolik, denn der 24. April 1915 markiert den Beginn des Genozids an den anatolischen Armeniern. An diesem Tag wurden in Istanbul hunderte armenische Intellektuelle verhaftet, deportiert und schlussendlich ermordet.

In Wirklichkeit waren die türkischen Todesgrüße Teil der Rache, die Erdoğan an jenen nimmt, die sich der großen Türkei nicht als neo-osmanische Vasallen hergeben, an jenen also, die Erdoğans einziges Versprechen an Syrien, in der Damaszener Umayyaden-Moschee als Vorbeter aufzutreten, als die narzisstische Drohung verstehen, die sie unmissverständlich ist. Durch die Türkei fließt bis heute die logistische und materielle Versorgung militanter Muslimbrüder und ihrer ideologischen Derivate bis hin zur al-Qaida. Flankiert vom türkischen Souverän hat eine Parallelstruktur außerparlamentarischer Muslimbrüder, wie die berüchtigte İHH, einen militärisch-“humanistischen“ Komplex begründet, inklusive Benefizabenden, auf denen die Traditionslinie von Osama Bin Ladens Mentor Abdullah Azzam über das spirituelle Haupt der Hamas Ahmed Yasin bis hin zum kaukasischen Emir Dokka Umarov gezogen wird.

Die syrischen Taliban der Ahrar al-Sham haben noch vor Jürgen Todenhöfer, Vladimir Putin und Donald Trump der Türkei Erdoğans zum „Ja“ zur Präsidialdiktatur gratuliert. Ahrar al-Sham preist die Schlächter der afghanischen Taliban dafür, dass sie gelehrt haben, „wie das Emirat in die Herzen des Volkes gepflanzt wird, bevor es Wirklichkeit auf dem Boden wird“. Auch wenn Erdoğan noch nicht das Emirat in die Herzen der Türken gepflanzt hat, so hat er doch den Hass auf jene genährt, die die Kurden vom Islam zu entfremden drohen. Der Erdoğan hörige türkische Boulevard titelt von „Zoroastriern“ und „Feueranbetern“, wenn er die Staatsfeinde meint. Die notorische Yeni Akit beschuldigt die oppositionelle Halkların Demokratik Partisi (HDP), die Avesta, die heilige Schriftsammlung der Zoroastrier, gegen den Islam in Anschlag zu bringen. Nichts anderes als den organisierten Abfall vom Islam, so Yeni Akit mit ihren "Enthüllungen", verfolge auch die Guerilla.

Auf die militärische Unterwerfung des abtrünnigen Südostens folgte das aggressive Niederdrücken der kriminalisierten HDP: systematische Inhaftierungen kommunaler Amtsträger, die Zerschlagung der Gemeinderäte sowie Zwangsverwaltung ihrer Kommunen und schließlich die Inhaftnahmen der Parteivorsitzenden sowie mehrerer Abgeordneter. Dieser gelungene Militärcoup im Südosten ermöglichte es dem Regime, das Referendum über die Verfassungsänderung, die ganz konkret die formal-juristische Ermächtigung Erdoğans zur Präsidialdiktatur ist, systematisch zu manipulieren. Vor allem im Südosten kursierten die bis zu 2,5 Millionen ungestempelte Wahlzettelumschläge, die entgegen der eigenen Verfassung als gültig entschieden worden sind.

Das, was die faschistische Staatsfront aus Grünen und Grauen Wölfen an der HDP verfolgt, sind nicht allein verloren gegangene Prozente. Bei aller Kritik etwa an dem demokratischen Irrsinn, seine Parteigänger als Volk, halk, anzusprechen, bricht die kriminalisierte Partei in Vielem mit den nationalen Mechanismen, in denen die falsche Einheit reproduziert wird. Wider eine Staatsfront aus Leugnern gedenkt sie der Ermordeten von 1915 und nennt die genozidale Annihilation der anatolischen Armenier bei Namen: soykırım. Sie versteht sich ausdrücklich auch als Partei der von tugendterroristischer Verfolgung Betroffenen wie Homo- und Transsexueller – auch gegen die alten Herren in der Partei, die sich eine konservative Volkspartei der Kurden wünschen – und solidarisiert sich mit den Toten und Überlebenden des Massakers in der Diskothek „Pulse“ in Orlando, wo dieselbe „faschistische Mentalität“ zugeschlagen habe, die jede Nicht-Identität auszurotten drohe.

Genau das ist es auch, was der Staat der Muslimbrüder an einem föderalen Nordsyrien so fürchtet. Konträr zum antilaizistischen Rollback anderswo, ist die nationale Disziplinierung mit islamofaschistischem Antlitz hier heute gefürchteter, ja: verhasster als irgendwo anders. Ein Gemeinwesen, was mit der Gewalt der Zwangshomogenisierung zu brechen verspricht, kann in Ankara nur als Drohung an ihr wahres Unwesen verstanden werden. In Nordsyrien hat man sich, zunächst klandestin organisiert und mit düsteren Aussichten, in Absehung der Konfession sich gegen die genozidale Bedrohung gestemmt. Der „Islamische Staat“ ist keine Verschwörung, es ist die Kontinuation genozidaler Homogenisierung: von der organisierten Ausrottung der „Ungläubigen“ in Anatolien im Jahr 1915, dem Gründungsverbrechen türkischer Staatlichkeit, bis zur „al-Anfal“-Militärkampagne Saddam Husseins. Dass die heutige Geografie des Todes der Geografie der Vergangenheit gleicht, mag mehr als eine bösartige Ironie der Historie zu sein. Nach Mosul, Aleppo sowie entlang des Khabur Ufers führten die Todesmärsche der anatolischen Armenier. Die vergessenen Vergessenen Verfolgten des Genozids von 1915, die Eziden, flüchteten zu Hunderten zu ihren Glaubensgeschwistern ins bergige Sinjar. Ihre ehemaligen Dörfer im türkischen Südosten sind heute verwaist oder islamisiert. Im Jahr 2014 dann flüchteten die Eziden zu Hunderttausenden aus dem Sinjar sowie die letzten verbliebenen Christen aus Mosul vor der genozidalen Bestie, die auch das Khabur Ufer, wo hundert Jahre zuvor für nur zu viele die Todesmärsche endeten, nach Beute abstreifte.

Die bürokratisch verfolgte Ausplünderung der anatolischen Christen einschließlich der Konfiszierung des „verwaisten“ Besitzes der Ermordeten initialisierte die ursprüngliche Akkumulation eines türkifizierten Kapitals. Die Genozideure trieben in der vorgetäuschten „Umsiedlung“ und schließlich im Mord zur Perfektion, was sie den Armeniern projektiv anlasteten: Hinterlist und Gier. Die Raubökonomie des „Islamischen Staates“ verfolgt keine initiale Akkumulation mehr, sie gilt einzig noch der finanziellen Absicherung ihrer selbstmörderischen Endschlacht gegen die Ungläubigen, etwa durch die Versklavung junger Frauen. Das Morden, die Demütigung der Ungläubigen, ist den Genozideuren zum reinen Selbstzweck geworden. Es ist einzig noch eine Akkumulation des Todes, deren genozidalen Züge auch einen Vorsprung in der Konkurrenz mit al-Qaida um die Anwerbung von Kombattanten verheißen.

„Wir können nicht zulassen, dass Sinjar zu einem neuen Qandil wird“, droht Erdoğan nunmehr seit Längerem. Dass die einzige militante Versicherung, die den auch von sunnitischen Kurden verfolgten Eziden bleibt, sich weigert, das Sinjar-Gebirge zu verlassen, ist der Türkei eine einzige Provokation. Nahezu fatalistisch dagegen ertrug die Türkei jahrelang die apokalyptische Existenz des „Islamischen Staates“ entlang ihrer Grenze zu Syrien, deren Emire noch in der anatolischen Provinz Schläfer positionierten. Selbst das suizidale Massaker in Ankara, der Kapitale der Republik, brachte den türkischen Souverän nicht dazu, die Nadelöhre der Schläfer zu verplomben, ihre Logistik konsequent auszuheben und die Mörder auch über Grenzen zu verfolgen – ein strategisches Kalkül und damit ein Kalkül des Todes. Es ist viel mehr das drohende Ende des „Islamischen Staates“ selbst, das an Erdoğans Nerven zerrt. Während die Türkei den Genozid an den Eziden seelenruhig zuließ und ihre Grenze als logistische Korridor für die islamistischen Menschenjäger offenhielt, brachen aus dem irakischen Qandil-Gebirge Guerillas der Hêzên Parastina Gel (HPG) und aus dem nahen Nordostsyrien militante Kurden der Yekîneyên Parastina Gel (YPG) nach Sinjar auf. Viele der dem Genozid entkommenen Eziden, unter ihnen unzählige junge Frauen, werden von ihnen in militanter Selbstverteidigung trainiert. Christliche Assyrer halfen dabei, den Fluchtkorridor von Sinjar ins syrische Cizirê zu sichern. In den Syrian Democratic Forces (SDF) haben sich Christen und Kurden mit Arabern und Turkmenen zur militärischen Zerschlagung des „Islamischen Staates“ vereint.

Einen knappen Monat nach dem Massaker an den französischen Satirikern von Charlie Hebdo reisteeine Delegation aus Syrisch-Kurdistan - unter ihnen die Kommandeurin der Yekîneyên Parastina Jin (YPJ – die Frauenarmee innerhalb der YPG) in Kobanê, Nesrin Abdullah, sowie die Co-Vorsitzende der Partiya Yekitîya Demokrat (PYD), Asya Abdullah – nach Paris. Eingehakt mit den Überlebenden von Charlie Hebdo traten sie auf die Straße, wo am 7. Januar 2015 die Freunde des Kalifats gnadenlos zugeschlagen hatten und schworen, die Toten des Massakers zu rächen. Die Delegation gedachte auch vor dem jüdischen Kaschrus-Markt Hyper Cacher den Ermordeten. Mit begrenztem Erfolg hatten die Angereisten zuvor selbst konkrete Solidarität eingefordert und daran erinnert, dass sie die universalen Werte der in sich gespaltenen Gattung Mensch und nicht allein sich, das heißt „ihr Volk“, gegen die Genozideure verteidigen. Als am 16. Juni 2015 die YPG und ihre arabischen und turkmenischen Alliierten das Grenzstädtchen Tel Abyad vom „Islamischen Staat“ befreiten, kursierten als erstes die Bilder von Frauen, die ihren Gesichtsschleier verbrannten, einige rissen sich auch jeglichen Schleier vom Haupt. Die Türkei drohte indessen mit Artillerie. In Manbij wiederholten sich die Bilder – und die türkischen Drohungen. Solidarität mit den gegen das Kalifat Kämpfenden heißt nicht, aus dem Gröbsten eine Heilsideologie zu machen und dabei im blinden Enthusiasmus zu ignorieren, dass auch dieser Organisation die Tendenz, dass ein Abstraktes – das Nationale – zum Selbstzweck werden kann, nicht völlig fremd ist. Wer sich jedoch darauf beschränkt, diejenigen der Kritik zu überführen, die aus der militant organisierten Selbstverteidigung ein quasi-religiöses Heilsversprechen machen, verhält sich nur spiegelbildlich zur internationalistischen Tristesse – kosmopolitische Solidarität sieht anders aus. Sie wäre die Verteidigung einer Hoffnung, die etwa darin ganz konkret revolutionären Ausdruck findet, wie Befreiung gefeiert wird.

Der Kampf gegen das Kalifat wird ausdrücklich als einer gegen den islamistischen Feminizid geführt. „Frau – Leben – Freiheit“, ist der außerprotokollarische Eid, den die weiblichen Rekrutinnen der YPJ sich schwören. „Wir als kurdische Kämpferinnen der YPJ begehen darauf, Rakka zu befreien“, so Cihan Ehmed, die Armeesprecherin für die Militäroperation „Zorn des Euphrats“. Wer ihre militärische Organisation als ein Instrument von anderen oder als einen Dolchstoß wider die syrische Opposition denunziert, wie es unter Freunden der „syrischen Revolution“ gängig ist, verhöhnt diese jungen Frauen, die wissen, was ihnen vor allen anderen unter dem Kalifat droht. In Wirklichkeit bringen sie gegenüber der syrischen Katastrophe als einzige noch das Gröbste an Humanität und Freiheitsdurst in Anschlag. Die militärische Logik der Brigaden und Bataillone militanter Sunniten entspricht nicht anders als die des Regimes von Bashar al-Assad, des klerikalfaschistischen Irans sowie seiner Hezbollah den fatalen Mechanismen einer Ökonomie der Warlordisierung und Konfessionalisierung. Das Rekrutierungsbecken der sunnitischen Militanten ist die ländliche Peripherie der Großstädte. Ihre ökonomische Nichtigkeit unter einem Regime konfessioneller Cliquen und die brutale Repression traf hier auf landläufige Frömmigkeit, die Agitation durch Moscheen und salafistische Wanderprediger und schließlich auf die Generosität türkischer Muslimbrüder und saudischer Missionare.

Man kann kein Freund eines Führerkultes sein, wie er allen Organisationen in Berufung auf Abdullah Öcalan eigen ist, und es fiele noch einiges anderes ein, was der Revolution in Rojava nicht zu Ehren reicht. Was ihr aber zu Ehren reicht, ist ausreichend, sie in aller Entschiedenheit zu verteidigen: ihre entschlossene Front gegen die militante Konterrevolution, als Frauen gegen den Femizid, als „Abtrünnige“ und „Feuerbändiger“ gegen die genozidale Homogenisierung unter dem Siegel des Propheten. Dass sie wider das Kalifat eine Idee von Sozietät propagiert, die Religion aus der Politik verbannt, die Selbstbefreiung der Frauen als wechselseitige Bedingung der Befreiung von der syrischen Diktatur behauptet, ist ihr Verdienst, das den Hass der Freunde des Todes auf sich zieht. Die Freunde eines föderalen Syriens sind nicht zufällig in die militärische Konfrontation mit dem „Islamischen Staat“ hineingerutscht, sie sind ihr natürlicher Erzfeind. Anderswo drohen weitere Konfrontationen. Die irakischen Hashd al-Sha’bi verweigerten jüngst ezidischen Militanten den Zutritt in das zuvor noch in Kooperation befreite Siba Sheikh Khidir, südlich von Sinjar, mit einer Begründung, die nicht überraschen sollte: dass auch Frauen unter den Militanten sind, verstieße gegen Gottes Gesetz. Die Hashd al-Sha’bi sind eine Allianz vor allem schiitischer Milizionäre, offiziell unter der Kontrolle von Baghdad sind sie der verlängerte Arm der iranischen Qods-Pasdaran. Die mächtigsten Milizen unter ihnen – Badr Corps, Asa'ib Ahl al-Haq, Kata'ib al-Imam Ali – kämpfen auch in Syrien.

Iran und Hezbollah, Bashar al-Assad und Vladimir Putin kalkulieren wie die Türkei darauf, dass die Befreiung von Rakka durch die Syrian Democratic Forces und US-Amerikaner scheitern wird. Der Iran propagiert in diesen Tagen den Marsch auf al-Tanf, wo die oppositionelle „Freie Syrische Armee“ kürzlich den „Islamischen Staat“ verdrängt hat. Ihr Kampf gegen den „Großen Satan“, die US-Amerikaner, an der südlichsten syrisch-irakischen Grenze soll dem Regime Bashar al-Assads und der Hezbollah den militärischen Nachschub, Menschen und Material, aus dem Irak und Iran sichern. Im Irak dagegen genießen die iranhörigen Shiah-Milizen eine US-amerikanische Flanke über Mosul.

„Sie haben Wind gesät und einen Sturm geerntet“, heißt es bei Yeni Akit und ganz ähnlich bei Michael Lüders. Aus der expliziten Drohung von Seiten der Hassprediger Erdoğans spricht die Verachtung für jene, die das Leben mehr lieben als den Tod und auf die das Trällern einer jungen emanzipierten Frau mehr Wirkung hat als das agitatorische Gekeife des Reis. Bei dem deutschesten unter den deutschen Orientexperten, Michael Lüders. ist es der moralische Ellenbogen gegenüber den US-Amerikanern und die Einfühlung in die orientalische Despotie, ganz im Interesse des deutschen Exports. In Wirklichkeit haben beide, Europäer und US-Amerikaner, die Saat des Hasses, den der politische Islam zum Lehrauftrag macht, hingebungsvoll gegossen. Während die Militärdiktaturen in Ägypten und Syrien die Muslimbrüder an manchen Tagen brutalst verfolgten, weil diese erstere als unislamisch denunzierten und revolutionär zu zerschlagen drohten, würdigte man in Europa die Exilanten für ihre antikommunistische Überzeugung und calvinistische Strenge im Gebet wie im Geschäft. Es war zunächst vor allem die antikommunistische Funktion, die der politische Islam so präzise einzunehmen vermochte wie nur wenige andere Ideologien.

Von der Moschee im idyllischen München-Fröttmaning aus spannten die ägyptischen und syrischen Muslimbrüder ihre Intrige gegen die Freiheit über halb Europa. Im Centre islamique de Genève und anderswo lehren sie bis heute die präventive Konterrevolution, die als erstes und am unnachgiebigsten die Mündigwerdung der Muslime abzuwenden droht. In Genève traf auch ein gewisser Albert Friedrich Armand Huber auf die Muslimbrüder, er konvertierte schließlich 1962 zum Islam und rief sich nunmehr Ahmed Abdallah al-Swissri. Ahmed Huber, der in Ägypten auch auf den berüchtigten NS-Kollaborateur Mohammed Amin al-Husseini sowie den zum Islam konvertierten NS-Propagandisten Johann von Leers traf, steht für die Kontinuität der beiderseitigen Faszination von faschistischen Ideologien europäischem Ursprungs und politischem Islam sowie panarabistischer Erweckung. Was sie eint, ist der Hass auf die Juden und alles, was diese zu personifizieren haben: kommunistischen Klassenhass, die Verweichlichung des Mannes, die bedrohliche Moderne, das abstrakte Moment des Kapitals.

Doch Komplizen haben die Agitatoren Allahs bis heute nicht nur unter europäischen Faschisten. In Bruxelles-Molenbeek und anderswo händigt ein tödlicher saudisch-belgischer Pakt die maghrebinische Diaspora an die Imame des Henkerreiches aus. In Großbritannien ist es unrühmliche Tradition einer schlanken Sozialpolitik, Immigranten – wenn sie sich nicht selbst daraus freikaufen können – mit ihrem rassistisch gesetzten „Ursprungsmilieu“ aus Imam und familiärer Idiotie allein zu lassen. Im Jahr 1981 etwa initiierte die Stadt Bradford einen Council of Mosques, der nunmehr als informeller Unter-Souverän in der islamisierten Community auftrat. Am 14. Januar 1989 verbrannten seine Moscheegänger auf Bradfords Straßen symbolisch die „Satanischen Verse“ von Salman Rushdie. Der Ratsvorsitzende der Moscheen von Bradford forderte den Tod des abtrünnigen Literaten. „Ich würde mein Leben und das meiner Kinder opfern, um die Wünsche des Ayatollahs (Khomeini) wahr zu machen“, so der vom Staat zur kommunalen Autorität erhobene Hassprediger. Säkulare Immigrantenvereinigung, wie das Asian Youth Movement, wurden in jenen Jahren von beiden Seiten zermürbt. Die Mordkampagne gegen Salman Rushdie fungierte dem schiitischen Iran der Ayatollahs als ideologische Einfallsschleuse in die vor allem sunnitischen Immigrantenmilieus Großbritanniens. Und nicht zu vergessen, dass die autochthone britische Sozialdemokratie seit Jahren von ähnlichen Antisemiten beherrscht wird wie die Islamische Republik Iran.

Mit Anbeginn des Imports von Menschenmaterial aus Anatolien, das hemmungsloser als das autochthone aufgerieben wurde, weil als garantiert galt, dieses alsbald wieder abzuschieben zu können, fungierte nördlich wie südlich der Alpen allen voran der türkisierte Islam als Wächter über die Segregation. Womit die vor allem anatolischen Immigranten tagtäglich konfrontiert waren, war natürlich ihre rassistische Verächtlichmachung. In ihrer Wirkung war diese aber nicht „antimuslimisch“. Vielmehr gewährte in der Fabrik die deutsche Direktion das rituelle auf die Knie fallen, solange dieses davon abhielt, sich gegen die Despotie der Fabrik zu erheben. 1978, im Jahr antialevistischer Pogrome in Kahramanmaraş und anderswo in der anatolischen Provinz, war es dem Rudelführer der Grauen Wölfe Alparslan Türkeş überlassen, auf einer stationären Großdemonstration in der Westfalenhalle den Tod der kommunistischen Feinde der Türkei anzudrohen. Zuvor verhalfen ihm christsoziale Antikommunisten, allen voran der spätere bayrische Ministerpräsident Strauß, in der hessischen Provinz zur Gründung der Türk Federasyon, der zentralen Aktionsplattform der Grauen Wölfe.

Während der Pogrome an Aleviten – identifiziert mit sexueller Freizügigkeit und kommunistischer Subversion – kam es zu spontanen Verbrüderungen der rivalisierenden Banden aus Grauen Wölfen und Parteigängern der Milli Görüş, der Ursprungsbewegung der türkischen Muslimbrüder, der auch der junge Recep Tayyip Erdoğan entkroch. Auch in der türkischen Diaspora bestand ihre Einigkeit einzig im Tod jener, die die nationale Nicht-Identität verkörperten. Aus ihren Moscheen kamen die Mörder von Celalettin Kesim, eines Berliner Kommunisten, den eine Rotte aus Grünen und Grauen Wölfen an einem Januartag im Jahr 1980 ermordet hat. Und aus ihren Moscheen kommen bis heute die Dialogpartner der deutschen Politik. Die Mörder von Celalettin Kesim wurden mit kulturrelativistischer Einfühlung bedacht, der Ermordete mit Ignoranz und rassistischer Verächtlichmachung.

Unter der Totalität des Kapitals, in der die autistische Selbstverwertung des Wertes sich selbst widersinniger Zweck ist, bleibt kaum eine menschliche Regung von ihr unerfasst und droht jede Freiheit, die nicht ihresgleichen ist, unter dem stummen Zwang erdrückt zu werden. Der politische Islam steht noch in seiner aggressivsten Variante nicht außerhalb dieser Totalität. Doch ist es nicht der Seufzer der verächtlich gemachten Kreatur, den er religiös chiffriert. Viel mehr überführt er die Totalität des Kapitals in die Sphäre des religiös Absoluten und fordert das Opfer für einen höheren „göttlichen“ Zweck.

Die Angst und Paranoia gründen aus der tagtäglich ins Bewusstsein vorstoßenden Gewissheit darüber, als Exemplar der kapitalisierten Gattung zugleich für diese absolut fungibel zu sein. Die Selbsterhöhung des Frömmlers, der im Gebet und mit allerhand sich selbst auferlegten Zwängen der Selbstoptimierung zu Gefallen der herrschenden moralischen Instanz hinterherhetzt, mag für einen Moment über diese narzisstische Kränkung täuschen. Längerfristig ist es aber nicht die Innerlichkeit, die die Kränkung heilt. Die Selbsterhöhung des Gläubigen ist die der Rotte, die Einheit vor allem negativ realisiert: im Neid auf jene, die die aufgezwungenen wie selbst gewählten Entbehrungen nicht teilen; im Hass auf jene, die noch irgendwie an die Möglichkeit von individuellem Glück erinnern; in der vernichtenden Rache an jenen, denen die Liebe zum Leben noch nicht genommen ist. Es ist nicht der Seufzer der gequälten Kreatur, es ist ihr Todesschrei, der zuallererst dem Tod aller anderen gilt, wobei der eigene Tod als Märtyrer mit einkalkuliert wird.

Den ideologischen Apparat, der die religiöse Selbsterhöhung zum eliminatorischen Hass eskaliert, haben muslimische Immigranten nicht im Handgepäck nach Europa eingeschleppt. Die ideologische Zurichtung erfolgt auch nicht nach dem Do it yourself-Prinzip, wie etwa das Anrühren von Chemikalien. Sie hat einen logisch-historischen Ursprung, der eben nicht in eins fällt mit dem Ausritt Mohammeds und seines Gefolges in die Wüste. Das brutale Scheitern nachholender Modernisierung von Ägypten bis nach Afghanistan, zu dessen Vorwegnahme sich die Muslimbrüder bereits im Jahr 1928 gründeten, provozierte jene narzisstische Kränkung, die bei der Kollision der ruinösen Wirklichkeit mit dem eigenen Selbstbild permanent angereizt wird. Bei allen Regimes der Region, von der Islamischen Republik Iran über das pseudo-säkulare Syrien „arabischer Erweckung“ bis zum informellen Suppenküchenstaat der Muslimbrüder in Ägypten unter Sadat und Mubarak, installierte sich ein Erziehungsapparat, der den Reflex der ihnen Unterworfenen reizt, jede empirische Uneinigkeit als eine perfide Intrige von anderswoher zu exorzieren. Allem voran wird die Existenz Israels schamlos funktionalisiert, das falsche Alibi dafür zu sein, die Modernisierung von Ökonomie und Staat nicht zu bewältigen. Wahrlich hatten die Freunde einer wirklichen Modernisierung, die viel mehr die religiösen Ketten zu sprengen hatten, auch unter US-Amerikanern und Europäern wie Charles Wilson und Jürgen Todenhöfer weniger Freunde als bärtige Antikommunisten. Und auch die Massenhysterie um den Ayatollah Khomeini faszinierte deutsche und französische Antiimperialisten mehr als die von nahezu allen allein gelassenen Frauen, die am 8. März 1979 noch gegen die Zwangsverschleierung anschrien.

Die Erziehungsdiktatur zur Unmündigkeit blieb nie auf die Unterworfenen, die im eigenen Staat verblieben, beschränkt. Die schleppende Modernisierung der Ökonomie in der Türkischen Republik etwa, deren Staatsgründungsmythos ein antiimperialistischer und zugleich antiarmenischer und antigriechischer ist, stand ab den 1960er Jahren in Abhängigkeit von der türkischen Diaspora. Mit dem Aderlass der Migration aus dem vor allem ländlichen Anatolien nach Europa sicherte sich die Türkei Deviseneinnahmen in Milliardenhöhe von Deutsch-Mark. Diese ökonomische Abhängigkeit der krisengeschüttelten Türkei von jenen zuvor Überschüssigen erforderte einen ideologischen Apparat, der über die Loyalität der Ausgereisten zum Vaterland eifersüchtig wachte. Vorherrschend waren in diesem staatstragenden Apparat jene Grünen und Grauen Wölfe, die in Türkei selbst an anderen Tagen noch von den Traditionslaizisten in Bürokratie und Militär unsanft ausgebremst worden waren. Von jenen Funktionären des „Volksislams“ türkischer oder pakistanischer Provenienz wird jene Saat der Unmündigkeit und der Opfermythen gepflanzt, aus dem auch der eliminatorische Hass der Mörder von Manchester keimt.

Von einem Europa der Kollaboration wird nichts anderes zu erwarten sein, als dass es sich in die Ideologien und Apparate derer einfühlt, die herrschen. Nachdem am 31. Mai durch ein suicide bombing mit über 150 Toten im afghanischen Kabul auch die deutsche Repräsentanz schwer beschädigt worden ist, erklärte eine Charakterfratze in Ministerwürden, dass die deutschen Beamten in Kabul vollends damit ausgelastet wären, den Schaden an der deutschen Repräsentanz in einen Bericht aufzunehmen, und so die Abschiebung eines jungen afghanischen Schülers aus dem fränkischen Nürnberg in die suizidale Hölle verschoben werden müsste. Wenige Stunden zuvor war der junge Mann von Polizisten über den Rasen geschleift worden, nachdem Mitschüler und er selbst sich der Zwangsausreise nicht demütigt gebeugt hatten. Einige Tage danach erklärte eine andere pausbackige Charaktermaske in deutschen Ministerwürden, man müsse auch Friedensgespräche mit den Taliban führen. Das alles ganz im Sinne deutscher Diplomatie: Denn das Recht auf Abschiebung lässt man sich auch von Terroristen nicht nehmen. Oder anders ausgedrückt: Man beharrt auf Abschiebungen nach Afghanistan ganz so als wäre es noch die einzige Standhaftigkeit, die die Deutschen dem politischen Islam entgegenzubringen vermögen.

Wenn überhaupt über ihre Lippen Worte der Pietät kommen, gelten sie deutschen Diplomaten, nicht aber jenen Afghanen, die tagtäglich um ihr Leben fürchten müssen in einem Kabul, in dem einst der revolutionäre Auftrag darin bestand, die Frauen vom feudal-religiösen Joch zu befreien. Hinterbliebene der Toten vom 31. Mai, sowie andere Afghanen drückten wenige Stunden später nach dem suicide bombing – vermutlich angerichtet durch die mit den Taliban alliierte Haqqani Guerilla – ihre Verachtung für die Taliban und andere islamistische Gangs auf der Straße aus. Als Ende April Gulbuddin Hekmatyar, einer der blutrünstigen Warlords Afghanistans, nach einer Amnestie nach Kabul heimgekehrt ist, beschmierten junge Afghanen mit dem Namen „Feiheitsliebende Jugend“ die riesigen Banner, die in Kabul einen Versöhnungsauftritt Hekmatyars ankündigten, mit blutroter Farbe. Hekmatyars islamistische Bikergang war dafür berüchtigt, dass sie Ende der 1970er Jahre junge unverschleierte Studentinnen mit Säure verätzte. Später trug Hekmatyar den Beinamen der „Schlächter von Kabul“. Das christsoziale Parteiblatt „Bayernkurier“ dagegen präsentierteim Jahr 1981 ihn und seine „Partei des Islams“ als „Freiheitskämpfer“, die „in den Bergen des Hindukusch auch unsere, der Völker Europas Freiheit verteidigen“. Jürgen Todenhöfer traf Hekmatyar persönlich wie auch Abdul Rasul Sayyaf, der später eine philippinische Organisation des Todes zu ihrem Namen inspirierte.

Am vorgestrigen Tag erklärte das Generalkommando der Syrian Democratic Forces, dass die Militäroperation zur endgültigen Befreiung von Rakka, der syrischen Kapitale des Kalifats, nun beginne. Der türkische Ministerpräsident Binali Yıldırım drohte sogleich mit Vergeltung, falls die „Sicherheit der Türkei“ tangiert werde. In der ersten Reihe der SDF kämpfen hunderte von jungen Frauen. Hoffen wir, dass jede einzelne von ihnen sobald wie möglich ihr Leben genießen kann und dass Rakka bald befreit ist. Lassen wir sie nicht allein.


   In Izmir während des Ramadans noch möglich, anderswo nicht mehr: Pride Parade, 4. Juni (Foto: Gözde Demirbilek/Kaos GL)

Wie desinteressiert und borniert gegenüber dem, was in der Türkei und anderswo geschieht, die Deutschen sind, verrät etwa, dass sich kein einziger deutschsprachiger Bericht über ein veritables Pogrom an einem Tag im diesjährigen Fastenmonat Ramadan findet. Circa hundert junge Männer attackierten unter dem Gebrüll „Allahu Ekber“ mit Wurfgeschossen eine Cafeteria auf dem Cebeci Campus der Universität Ankara, in der tagsüber junge Menschen aßen und tranken. Die Bedrängten halfensich mit Barrikaden, um zu verunmöglichen, dass die Männer, unter denen einige mit dem Wolfsgruß drohten, in die Cafeteria einfallen. Der Slogan der Bedrängten, den sie den Aggressoren verzweifelt entgegenbrüllten: „Cebeci wird das Grab des Faschismus sein“ (Cebeci faşizme mezar olacak), verhallte schließlich in Polizeihaft für die Verfolgten. Lassen wir auch sie nicht allein.

SonntagsGesellschaft

Rilke I – Rilke & George

„Beyond Left and Right: The Poetic Reception of Stefan George and Rainer Maria Rilke, 1933-1945“ (Mark Elliott): Wenn Literaturwissenschaft kein eigenes ästhetisch-kritisches Bewusstsein entwickelt, kann man viel Richtiges schreiben und doch an der Wahrhheit meilenweit vorbeischießen. Ja, man mag sogar am Verschleiern und Verklären teilhaben. Die Rezeption Rilkes und Georges im NS wird von Elliot […]
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Der 2. Juni 1967 und die Folgen

Vor wenigen Tagen jährte sich der Todestag von Benno Ohnesorg zum 50. mal. In den Erzählungen über die Ursachen jener Bewegung, die später mit der Chiffre 1968 bezeichnet wurde, spielt der 2. Juni 1967 eine zentrale Rolle. Am 2. Juni 2017 wurde viel über dieses Datum gesprochen – wir dokumentieren hier einige Beiträge, die unseres Erachtens über eine unpolitische Jahrestagserinnerung hinausgehen.

1.) Benno Ohnesorg – Chronik einer Hinrichtung

Kürzlich hat Margot Overath (die u.a. ein sehr hörenswertes Feature über den Mord an Oury Jalloh produziert hat) ein Feature über die Ermordung von Benno Ohnesorg veröffentlicht. Dafür sprach sie mit Zeitzeugen und am Einsatz beteiligten Polizeibeamten über die Tat, den Tag und die Folgen bis heute. Ergänzend dazu siehe dieses Interview mit Uwe Soukup, der ebenfalls im Feature von Overath zu Wort kommt.

    Download: via SWR2 | via MF (mp3; 74.8; 54:30 min)

2.) Die studentische Linke, der Tod Benno Ohnesorgs und der 6-Tage-Krieg Israels

Ein Feature von Peter Leusch rekonstruiert die Ereignisse jener Jahre unter einem anderen Blickwinkel: Die Ermordung Benno Ohnesorgs geschah kurz vor dem 6-Tagekrieg, in dessen Folge sich die Beziehung der westdeutschen Linken zu Israel grundlegend veränderte. Leusch rekonstruiert diese Diskursverschiebung und geht dabei u.a. auf den Faschismusbegriff der Neuen Linken und ihr Verhältnis zur kritischen Theorie ein.

    Download: via ARD | via MF (mp3; 13.6 MB; 14:54 min)

3.) Das proletatrische 1968

Im Tagesaktuellen Programm von Radio Corax war der 2. Juni ein Anlass, um über 1968 zu sprechen. Ein oft ausgeblendeter Umstand ist, dass 1968 auch mit erheblichen ökonomischen Verschiebungen und mit Klassenauseinandersetzungen verbunden war. Bernd Gehrke und Gerd-Rainer Horn haben hierzu ein Buch mit dem Titel „1968 und die Arbeiter : Studien zum ‚proletarischen Mai‘ in Europa“ veröffentlicht. Radio Corax sprach mit Bernd Gehrke über dieses Buch. (Zum Thema außerdem interessant und materialreich: „Das proletarische 1968″ von Nelke.)

    Download: via FRN (mp3; 32 MB; 27:42 min)

4.) Rekonstruktion einer Niederlage

Der 2. Juni 1967 und der bewaffnete Kampf sind unweigerlich miteinander verbunden – die Bewegung 2. Juni hat das Ereignis zu ihrem Namen gemacht. Der 2. Juni 1967 war eines von mehreren Ereignissen, das zu einer Entwicklung führte, in der die bewaffnete Auseinandersetzung zwischen dem Staat und linken Gruppen unausweichlich schien. Darüber sprach Radio Corax mit Karl-Heinz Dellwo. Der ist ehemaliges Mitglied der RAF und heute Mitbetreiber des Laika-Verlags. (Das Gespräch enthält in der ersten Hälfte zahlreiche Störgeräusche – das ändert sich ab der zweiten Hälfte.)

    Download: via FRN (mp3; 40 MB; 35:04 min)

5.) Anmerkungen zum Jahr 1968

In den Nachrichten aus dem beschädigten Leben vom 25. Januar 2016 kam Jan Gerber über 1968 zu Wort. Er rekonstruiert 1968 als Teil einer Modernisierungsbewegung des Kapitalismus – die 1968er haben dem Kapital zu einer Neuausrichtung verholfen:

    Download: via FRN (mp3; 13 MB; 7:50 min)

Dieser Kommentar wurde wiederum kritisch von einem Moderatoren von Radio Corax kommentiert:

    Download: via FRN (mp3; 0.7 MB; 4:16 min)

Auf dem Blog der interventionistischen Linken wurde übrigens ein lesenswertes Interview mit einem ehemaligen Mitglied der Bewegung 2. Juni veröffentlicht – die Interventionistische Linke ruft angesichts einiger Jahrestage zu einer Debatte über Geschichtspolitik auf. Zum Thema sei außerdem empfohlen: Johannes Agnoli – 1968 und die Folgen (da dieses Buch über den ça ira Verlag leider nicht mehr lieferbar ist, muss man im Internet findig sein).

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Theater — Realität — Realismus

Im letzten Jahr fand in Berlin unter dem Titel Theater — Realität — Realismus eine Tagung statt, auf der eine Kritik des Gegenwartstheaters diskutiert wurde. Bezugspunkt der Diskussion waren dabei Dramatiker wie Bertolt Brecht, Peter Hacks und Heiner Müller. Mittlerweile liegt die Dokumentation dieser Tagung als sechste Ausgabe der Zeitschrift Kunst, Spektakel & Revolution vor. Aus diesem Anlass dokumentieren wir hier die Audioaufnahmen von der Tagung und Radiosendungen und Interviews im selben Zusammenhang.

A.) Wutpilger-Streiftzüge: Theater — Realität — Realismus

In der Mai-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge (Radio Corax) wurde ein umfangreiches Feature gesendet, in dem bestimmte Diskussionsstränge der Berliner Tagung eingefangen wurden. Zu Wort kommen dabei Tina Turnheim (u.a. EGfKA), Sebastian Tränkle (u.a. Phase 2) und Jakob Hayner (u.a. KSR & Theater der Zeit).

    Download: via Mediafire (mp3; 96.1 MB; 1 h)

B.) Interview mit Jakob Hayner zur Tagung

Im Nachgang der Tagung wurde Jakob Hayner für Radio Corax interviewt. Es geht dabei um eine Bestandsaufnahme des Gegenwartstheaters, den Begriff des Realismus, die Linie Brecht-Hacks-Müller und das Theater in der DDR. Das Interview kann in Textform hier nachgelesen werden. Das Interview wurde auszugsweise auch im obigen Feature verwendet – die ursprüngliche Version ist jedoch noch umfassender.

    Download: via FRN (mp3; 53 MB; 23:13 min)

C.) Interview mit Jakob Hayner zu KSR N°6

Im Vorfeld der Release-Veranstaltung zu KSR N°6 an der Oper in Halle hat Radio Corax erneut ein Interview mit Jakob Hayner geführt. Dabei ging es um das Verhältnis von Avantgarde und Realismus – aber auch um eigene Theatererfahrungen und Debatten um die Oper in Halle.

    Download: via FRN (mp3; 24 MB; 17:46 min)

Im Folgenden nun die Dokumentation der Tagung:

1.) Einleitung zur Tagung

In der Einleitung hat Jakob Hayner noch einmal begründet, warum der Begriff des Realismus sich besonders für eine politische Diskussion über das Theater eignet. Er stellt die Themen der Tagung vor und integriert die einzelnen Vorträge in einen Gesamtzusammenhang.

    Download: via AArchiv (mp3; 32 MB; 23:22 min)

2.) Realismus als ästhetischer Kampfbegriff in Exil- und DDR-Literaturdebatten

Bernadette Grubner (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie, FU Berlin) verortet den Begriff des Realismus historisch und analysiert den Charakter der um diesen Begriff geführten Debatten.

    Download: via AArchiv (mp3; 65 MB; 47:23 min)

3.) Die Explosion der Utopie. Heiner Müller und die Frage der Gewalt

Frank M. Raddatz (Publizist, Dramaturg und Theaterregisseur) zeichnet eine Entwicklung innerhalb des Werks von Heiner Müller nach: Dessen Beschreibung und Bezugnahme auf (revolutionäre, gegenrevolutionäre) Gewalt.

    Download: via AArchiv (mp3; 104 MB; 1:15:54 h)

4.) The world is a stage, but the play is badly cast.

Sebastian Tränkle hat in seinem Vortrag Thesen über Theater und Wirklichkeit vorgetragen. Dabei beschreibt er Tendenzen des Gegenwartstheaters und formuliert eine Kritik dieser Tendenzen, wobei er diese mit Tendenzen der gesellschaftlichen Wirklichkeit abgleicht. Der Vortrag bricht leider ungefähr nach der Hälfte des Vortrags ab – die Batterie des Aufnahmegeräts war erschöpft. Ausführlicher ist Sebastian Tränkle dafür in oben verlinktem Feature zu hören.

    Download: via AArchiv (mp3; 27 MB; 19:44 min)

5.) Against facts?

Der Vortrag von Tina Turnheim trug den Untertitel: Brechts »Realismus der Möglichkeit« als Waffe gegen vermeintliche Sachzwänge, Fatalismus und mangelnde Vorstellungskraft im »kapitalistischen Realismus«. Sie stellt dabei Bertolt Brecht als einen Realisten dar, der Kältestrom und Wärmestrom (Bloch) gleichermaßen integrieren konnte. In ihrem Textbeitrag in KSR N°6 formuliert sie auch eine Kritik an Bernd Stegemann (s.u.). In der Ausgabe 626 der ak hat Tina Turnheim einen Artikel über die Notwendigkeit einer antifaschistischen Offensive am Theater geschrieben. Jakob Hayner hat in der ak 627 darauf geantwortet.

    Download: via AArchiv (mp3; 84,8 MB; 1:01:45 h)

6.) Brechts »eingreifendes Denken« und die Chancen eines Linkspopulismus

Am Abend des ersten Konferenztages referierte Bernd Stegemann (Dramaturg, Autor und Professor für Theatergeschichte an der Ernst-Busch-Schauspielschule), der in Theaterkreisen durch seine Bücher „Kritik des Theaters“ und „Lob des Realismus“ aufmerksam auf sich gemacht hat. In seinem Vortrag geht er jedoch eher weniger auf die Theater-Debatten ein – er spricht über den Begriff des Populismus, auch die Möglichkeit eines Linkspopulismus und zieht hierfür u.a. Bertolt Brecht heran. Der Vortrag war eine Vorarbeit zu seinem inzwischen erschienenen Buch „Das Gespenst des Populismus“. Der Vortrag ist auf der Konferenz kontrovers diskutiert worden.

    Download: via AArchiv (mp3; 117 MB; 1:25:28 h)

7. Das poetische Element ist natürlich nichts Unrealistisches!

Am nächsten Tag referierte zuerst Doris Neumann-Rieser (Mitarbeiterin am Institut für Germanistik der Uni Wien) über Realität und Realismus im Verständnis des Dramatikers Brecht. Dabei ordnet sie mehrere Phasen der Werkentwicklung von Brecht und geht auf einige Stücke ein.

    Download: via AArchiv (mp3; 65.7 MB; 47:52 min)

8.) Drama und Theater

Jens Mehrle (Regisseur und Miterhausgeber der Berlinischen Dramaturgie) referierte zu einem Aspekt des Realismus in Peter Hacks‘ »Berlinischer Dramaturgie«. In seinem Vortrag verteidigt er das Drama gegenüber dem nichtdramatischen Diskurstheater.

    Download: via AArchiv (mp3; 106 MB; 1:17:20 h)

9.) Adorno: Realismus in der verwalteten Welt

Anja Nowak (Researcherin an der University of British Columbia) referierte über Adornos Position zum Realismus. Dabei hat Adorno selbst keine ausgearbeitete Theorie oder Kritik des Realismus vorgelegt, sich aber immer wieder im Zusammenhang von Realismus-Debatten geäußert.

    Download: via AArchiv (mp3; 59.6 MB; 43:27 h)

10.) Realismus und Dramenform

Kai Köhler (Literaturwissenschaftler, u.a. Autor von Literaturkritik). Er beschreibt Realismus und Dramenform als notwendig aufeinander bezogen und zieht hierfür ebenfalls vor allem Peter Hacks heran.

    Download: via AArchiv (mp3; 55.5 MB; 40:29 min)

11.) Neuer Realismus? – Abschließende Podiumsdiskussion

Auf dem Abschlusspodium waren mehrere der Mitorganisatoren vertreten: Thomas Zimmermann, Max Köhler und Jakob HaynerLukas Holfeld moderierte das Podium. Aspekte der Diskussion waren: Grundlegende Tendenzen der Realität, von der wir sprechen / Zusammenhang von Realismus und Krise / Philosophie und Realismus / Avantgarde und Realismus.

    Download: via AArchiv (mp3; 155 MB; 1:53:21 h)
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Ferne Welten

Keine Zeit zum Denken

Die Produktion esoterischer Ratgeberliteratur beschreibt der „Lebenscoach“ Elias Fischer, mit deutlichen Worten. In seinem Werk „Mein Leben 2014“, in dem ansonsten über ein „Wechseln der Matrix“ und „inneren Frieden“ aufgeklärt wird, heißt es: „Ich habe dieses Buch in einem halben Jahr runter getippt. Es geht ziemlich flott, da ich keine Zeit mit Nachdenken und Korrigieren verbringe. Es flutscht einfach.“ Der Autor dieser Zeilen wurde beim Lesen dieses Machwerks nicht nur mit den Produktionsbedingungen der Esoterik konfrontiert, sondern stieß auf Vor-, Feind- und Rollenbilder, mit denen sich Fischer „im Namen der Liebe“ auseinandersetzt. Er nutzt das Mittel der Reproduktion, um uralte Mythen zu beleben – und ausführliche Anleitungen zu vermitteln, die seiner Vorstellung von „göttlichem Sex“ entsprechen.

Von Rudolf Steiner bis Forrest Gump

Warum sollte der selbsternannte „Lehrer für Selbstverwirklichung“ denken? Schließlich lassen sich doch Texte tippen, bis ein Tagebuch vorhanden ist, das im Eigenverlag erscheint. Dort beruft sich der Referent, der verzweifelten Menschen „Persönlichkeitsentwicklung, Heilung und Spiritualität“ verspricht, auf eine andere Größe der dauerhaften Denkverweigerung. Die Ideen Rudolf Steiners haben es dem jungen Coach angetan. Das Idol der Waldorfschulen habe „in seiner Lehre gute Ansätze gebracht, die mir auch gefallen“. Tatsächlich bezieht sich Fischer, der in Berlin lebt, in seinem Buch nicht nur auf den völkischen Pädagogen. Er berichtet außerdem von einem Vortrag, den er an einer anthroposophischen Institution in Stuttgart hielt, die sich ebenfalls auf Steiner beruft.

Tagebuch eines deutschen Esoterikers

Die Inhalte seiner Vorträge, die in Form eines Tagebuches vorliegen, dürfte anthroposophischen Gläubigen gefallen. So möchte Fischer „nicht ausschließen, dass es karmische Hintergründe für die Lebenssituation von armen Menschen gibt“. Ähnliche Vorstellungen, die Hunger, Leid und Tod zum kosmischen Plan bagatellisieren, existieren in anthroposophischen Milieus. Für Fischer scheinen konstruiert-karmische Zusammenhänge für das Elend der Menschen verantwortlich, was an Vorstellungen anthroposophischer Vordenker erinnert. Auf Facebook teilt der Vordenker passende Worte von Osho, Zitate von Goethe oder Aphorismen von Forrest Gump. Weiteres Vorbild scheint Rüdiger Dahlke, der vor „Chemtrails“ warnt und sich für die „Neue Germanische Medizin“ erwärmt. Der Coach begeistert sich derweil für die esoterische „Blume des Lebens“, die in der Fantasie vom „Tempelraum“ eine zentrale Rolle einnimmt. 

Erste Erfahrungen mit diesem Symbol sammelte Fischer auf einer der Esoterik-Messen, bei denen Scharlatane mit ihren Produkten hausieren gehen: „Ich setzte mich auf den Stuhl und die Frau hielt das Symbol aus Metall über mich. Ich spürte einen Strom an Energie, der durch meinen Scheitel floss. Das war für mich Beweis genug, dass das Ding funktioniert. Also habe ich mir gleich eines gekauft.“ Als „Medium für Informationen“, vertritt Fischer nun bezeichnende Positionen. Dieses „Wissen“ erlangt er aus Quellen wie „Webseiten, Blogs, Filmen, Tieren“. Bei einem „Lupinienkaffee“, „zwei Cappucinos“ oder einer „Maracuja-Schorle“ stellt Fischer jede Reflexion ein: Danach „komme ich gerade so richtig in Flow und höre auch auf zu denken„, freut sich der Autor in einer von zahlreichen Selbstbeschreibungen.

Ansprachen eines esoterischen „Alpha-Männchens“

Fischers Gesellschaftsvorstellungen gehen mit eindeutigen Klischees einher. Der „Außenseiter“ klagt nicht nur von „jungen Rowdies“, die des Nachts Alkohol konsumieren, sondern betreibt eine Selbstinszenierung als „Öko“, die durch Abgrenzung gegen Innovationen der kapitalistischen Moderne entsteht. Aus diesem Grund fürchtet der esoterische Autor Smartphones, die die „perfektesten Mechanismen“ zur Ablenkung der Menschen seien. Landschaft erscheint ihm derweil als „kraftvoll, göttlich, märchenhaft“. Die „Stadtmenschen“, bedauert Fischer, „entfernen sich von der Natur, vom Natürlichen, von ihrer Quelle (…) und dem großen Ganzen – Mutter Erde“.

Fischer überzeugen derweil meditierende Esoteriker, denen er zugute hält, dass sie „nicht so vollprogrammiert mit Gedanken“ seien, „die einen ständig vom Sein abhalten“. Er ängstigt sich dafür vor Kliniken, die ihn nicht überzeugen, weil Patienten „ein paar Pillen“ und eine Fixierung erhalten. Statt Pillen zu schmeißen, müssten Menschen „die spirituelle Ebene in unserem Leben zulassen“, fordert der esoterische Texter. Viele Phrasen, die mit konkreten Vorstellungen einhergehen. So konstruiert Fischer eine geschlechtliche Unterdrückung, von der mittlerweile Männer (!) betroffen seien. Frauen sollten daher zu ihrer „weiblichen Urkraft“ zurückfinden. Vorbild sind „Hexen, die eine wunderbare Anbindung an die Natur und das Heilwissen haben“, während andere Frauen den Zorn des Autors erregen.

Grundsätzlich scheint Fischer viele Personen zu fürchten, die weiblich sind. Er schreibt über Erlebnisse in WG-Küchen, die ihn belasten: „Ein weiterer Grund, warum ich aus der Küche raus wollte, ist das Feld der Frauen“, urteilt der Autor. „Ich bin der einzige Mann da drin und bekomme permanent die Energie von 5 Mädels ab“, klagt der Coach. Der Esoteriker befürchtet „weibliche Energie“ aufzunehmen, wenn er sich „zu lange“ unter Frauen aufhalten würde. Durch Gedichte offenbart Fischer unterdessen einen Blick auf Frauen, denen er „wankende Entscheidungen“, „weiblichen Mechanismen“ und „unbewussten Tests“ vorwirft. Warnungen vor dem angeblichen Wesen der Frauen sind wichtiger Teil der Inhalte, die der deutsche Esoteriker vertritt.

Angst vor Frauen, denen er bestimmte Eigenschaften andichtet, geht bei Fischer mit einem äußerst positiven Blick auf Männer einher, die er – wie ein ordinärer PickUp-Artist – als Eroberer inszeniert: „Das Männliche ist das Extrovertierte, was wir ja schon am Geschlecht erkennen können“, doziert der Coach in seinem Tagebuch: „Das Männliche will nach vorne stoßen, erobern und Ziele erreichen“. Es ist der angebliche „Alpha-Mann“, dem sich Fischer verpflichtet fühlt. Dieser sähe Frauen „nur als weitere, schöne Zutat“, lobt der Esoteriker. Elias Fischer verweist auf vermeintliche Fakten, durch die er seine Vorstellungen vom Geschlecht belegen will.

Tatsächlich behandelt der esoterische Texter typische Mythen, die in patriarchalen Gesellschaften kursieren: „Frauen haben einen ganz anderen Blick als Männer. Männer mussten früher jagen, somit ist ihr Auge darauf trainiert, ein Ziel in der Ferne zu erkennen. Frauen waren viel in der Höhle und haben Beeren gesammelt, deshalb haben sie einen Rundumblick.“ Archaische Vorstellungen über uralte Gesellschaften und über seine „männliche ‚Kriegerenergie'“ scheinen Grundlage, um eine gewisse Strategie zu verfolgen, die in der Gegenwart gültig ist. Für ihn sei es durchaus in Ordnung, schreibt Fischer, Frauen am Fahrradschloss anzusprechen, um den Moment der Ablenkung zu nutzen: „Während sie dann ewig an ihrem Fahrradschloss rumbasteln, ist das im Prinzip nur eine Einladung für dich, in Kontakt zu gehen. Auch wenn sie dich währenddessen nicht angucken.“

Weibliche Personen, die sich Wissen aneignen, sind für den Esoteriker lediglich Gegenstand von plumpen Einordnungen. In seinem Tagebuch berichtet Fischer nicht nur über seine Erlebnisse mit minderjährigen Mädchen, die er esoterische Turnübungen vollziehen lässt, sondern auch über eine Begegnung mit einer volljährigen Studentin, die mathematische Formeln lernt. Der überaus bezeichnende Kommentar des Esoterikers verdeutlicht, dass er die Aneignung von Wissen durch Frauen ablehnt. In Fischers Welt haben solche Menschen eine andere Aufgabe, die mit seinen Vorstellungen von „Weiblichkeit“ zusammenhängt: „Mensch, Mädel. schmeiß den Dreck weg und versau Dir nicht deine Weiblichkeit“, appelliert der esoterische „Alpha-Mann“.

Feind- und Vorbilder eines Esoterikers

Auf den mehr als 350 Seiten, die ein Tagebuch ergeben, outet sich Fischer nicht nur als esoterischer Guru, der gewisse Rollenbilder propagiert. Er konstruiert Feindbilder, die diesem Weltbild entsprechen. So sind es „Medien“ und „das ganze Zeug der Pharmaindustrie“, die der Schreiber des Tagebuches kritisiert. Diese seien für „Verstopfungen in Körper und Geist“ verantwortlich, behauptet Fischer. Er bezieht sich dabei auf den esoterischen Bestsellerautor Eckhart Tolle, der mit seinem „Leitfaden zum spirituellen Erwachen“ eine zeitgenössische Ausformung deutscher Esoterik produzierte, die überaus populär ist. Eine weitere Quelle ist der industrielle Antisemit Henry Ford, den Fischer ebenfalls zitiert.

Es ist die Moderne, die den Zorn des esoterischen Texters erregen: Medien und pharmazeutische Medizin der „Elite“ sorgen für „Verstopfungen“. Solche Einordnungen untermalt Fischer mit Beschreibungen, die einiges über dessen Einordnungen der Welt verraten. Die Erde sei lediglich ein „Versuchsplanet“ von „Dualitäten“. Die menschliche Existenz nur ein „Spiel“. Deutschland besäße wiederum sogenannte „Eier“, die die Vereinigten Staaten von Amerika vor einiger Zeit in Besitz nahmen. Die Entwicklung beschreibt Fischer mit allerlei anti-amerikanischen Bildnissen. Der Tagebuchautor hält fest:

„Dein Haus darf nicht rot gestrichen werden, weil das die Autofahrer zu sehr ablenkt, nur mit Sondergenehmigung der Bundeskanzlerin. Aber die muss dabei auch erst nach USA telefonieren und erfragen, ob sie das den deutschen Bürger gestatten darf. Ja, ja, die USA haben Deutschland so sehr an den Eiern, dass Deutschland eigentlich nur ein Lakai ist.“ 

Leser_innen mögen die deutsch-esoterischen Position erkennen, die die Vereinigten Staaten von Amerika zum Feind hat. Solche Inhalte ergänzt der Vordenker durch Rezepte für Rohkostburger, Gedanken über Mitfahrgelegenheiten sowie unkritische Verweise auf Praktiken der Psycho-Sekte Tamara. Auf diese „Lebensgemeinschaft“ bezog sich schon die esoterische Gestalt Otto Mühl, dessen Fans sich durch Latzhose und Kurzhaarschnitt uniformierten. Eine Uniform wird durch Fischer, dessen Einordnung von Frauen an den österreichischen Guru erinnert, zumindest in seinem Tagebuch nicht empfohlen.

Weltbilder der Esoterik

Statt Uniformen zu entwerfen, tippte der deutsche Blogger andere Sätze, die eine uralte Feindbildpflege fortführen. Er reproduzierte verschwörungsideologische Vorstellungen, die an Mythen des Antisemitismus erinnern. Fischer raunt über „Mächte, die scheinbar die Welt regieren und steuern“. Dem verschwörungsideologische Übel, das Fischer durch eine Chiffre benennt, setzt der esoterische Texter einen „Weltfrieden“ und „Liebe“ entgegen: „Auch ein Rothschild braucht Liebe“, schreibt der Esoteriker an seine Zielgruppe. Welche Person konkret gemeint ist, bleibt unklar. Eine Einordnung erfolgt durch einen weiteren Satz: „Liebe den ‚Teufel‘ und die Welt wird zum Paradies.“ 

Rothschild als Teufel: Vorstellungen eines deutschen Esoterikers

Die Rothschild-Chiffre findet sich in den vielen Mythen des Antisemitismus. An solche Vorstellungen scheint Fischer anzuknüpfen, wenn er auch andere Antworten findet: „Liebe“, „Weltfrieden“ und „göttlicher Sex“ sind Phrasen dieses deutschen Esoterikers, der eine gewisse Popularität besitzt. Die Vorstellungen des Texters erstrecken sich diesmal auf 355 Seiten: Reaktionäre Zuschreibungen und Ablehnung der Moderne kombiniert Fischer mit Rezepten für Rohkostburger und Tipps für sexuelle Rituale. Ergebnis ist eine Melange, die aus irrationalen Elementen deutscher Ideologie besteht. So entsteht dioe Unterfütterung für die Praxis, die der Texter ansonsten entfaltet.

Über den von Fischer betriebene „LebeBlog“ bietet der Autor den Lesern seine Dienste an. Zwischen 100 und 500 Euro kosten die Seminare, in denen „Praktiken aus Kommunikation, Körperarbeit und Spiritualität“ vermittelt werden. Dass sich sein Geschäft lohnt, scheinen Stellenanzeigen zu beweisen, die Fischer schaltet. Dort sucht der Autor unter anderem einen persönlichen Assistenten, um seine „company to the next level“ zu bringen. Fischer verspricht ein existenzsicherendes Gehalt. Vielleicht ist das Teil der „finanziellen Leichtigkeit“, die der Autor in anderen Machwerken empfiehlt. Von der Lektüre seines Tagebuches kann indes nur abgeraten werden. Wer einen Menschen quälen möchte, kann allerdings gut aus dem Buch vorlesen, das Fischer für 14 Euro im eigenen Onlineshop vertreibt. 

Alle Zitate stammen aus: Elias Fischer: Mein Leben 2014. Erschienen im Selbstverlag. Gedruckt in Ungarn (2015).

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