Hommage an ein Multitalent April 20, 2015 | 09:54 pm

Das Cover der von Jean-Marie Pfaff aufgenommenen Platte »... jetzt bin ich ein Bayer«

Vor einigen Jahren sollte ich für ein Buchprojekt meine ganz eigene, persönliche Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern vielmehr eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da natürlich ein Kandidat gewesen, Oliver Kahn ebenfalls. Doch ich habe mich ohne zu zögern für Jean-Marie Pfaff entschieden, den belgischen Nationaltorhüter, der sechs Jahre lang, zwischen 1982 und 1988 nämlich, bei den Münchnern zwischen den Pfosten stand. Mit ihm lösten die Bayern 1987 den 1. FC Nürnberg als deutschen Rekordmeister ab.

Als Jugendlicher habe ich Jean-Marie Pfaff nachgerade bewundert, so sehr, dass ich mir von meinem Taschengeld sogar seine Schlagerschallplatte mit dem Titel »…jetzt bin ich ein Bayer« zugelegt habe. Zu Akkordeonklängen trällerte Pfaff da gemeinsam mit einem Chor unablässig diese vier immergleichen Zeilen:

Ich war ein Belgier und jetzt bin ich ein Bayer
Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eier
[sic!]
Und jeden Samstag steh ich froh in meinem Tor
und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor

Eine amüsante, wenn auch musikalisch sicherlich ausbaufähige Mischung aus, sagen wir: unbändiger Assimilationsbereitschaft und strahlendem Selbstbewusstsein war das. Die »Süddeutsche Zeitung« befand sogar, mit diesem Lied habe Pfaff »die Grenzen zwischen Popkultur und Fußball so konsequent zertrümmert« wie kein anderer singender Bundesligaspieler, und »die Rolle des Schlagersängers« habe »nie aufgesetzt« gewirkt. Letzteres darf man mit Fug und Recht grundsätzlich von diesem Mann behaupten: Was immer er öffentlich tat, stets war er auf eine sympathische Art unverstellt und authentisch.

Bei seinem allerersten Bundesligaspiel am 21. August 1982 stand Jean-Marie Pfaff allerdings noch gar nicht so froh in seinem Tor, genauer gesagt: Seine gute Laune hielt nur 44 Minuten lang an. Dann flog einer dieser seinerzeit gefürchteten weiten Einwürfe des Bremers Uwe Reinders direkt vor seinen Kasten. Pfaff sprang hoch, gemeinsam mit seinem Mitspieler Klaus Augenthaler und bedrängt von einem Werderaner, aber er verschätzte sich dermaßen, dass er den Ball nur mit den Fingerspitzen erreichte und ihn in sein eigenes Tor lenkte. Weitere Treffer fielen nicht. Ein unglücklicherer Einstand wäre wohl kaum denkbar gewesen, zumal die Bayern ja gehofft hatten, mit Pfaff endlich ihr Torwartproblem gelöst zu haben, das es seit Sepp Maiers durch einen Autounfall erzwungenes Karriereende drei Jahre zuvor gab. Für die stattliche Ablösesumme von einer Million Mark war der Keeper vom SK Beveren an die Isar gewechselt. Und jetzt das.


Held in der Nachspielzeit

Doch Jean-Marie Pfaff – damals immerhin schon 28 Jahre alt, Nationalspieler seit 1977, Belgiens Fußballer des Jahres 1978 und Vize-Europameister 1980 – ließ sich von diesem Fauxpas nicht unterkriegen. Am neunten Spieltag gastierte der Hamburger SV, in jenen Jahren der Hauptkonkurrent der Bayern im Kampf um die Meisterschaft, im ausverkauften Münchner Olympiastadion. Zur Pause führten die Norddeutschen bereits mit 2:0, aber der FC Bayern egalisierte diesen Vorsprung nach dem Seitenwechsel durch Tore von Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge. Als sich alle schon mit einem Remis abgefunden zu haben schienen, hatte Bayerns routinierter Verteidiger Udo Horsmann urplötzlich einen Blackout: Ohne jede Not hechtete er nach einer Flanke wie ein Torwart. Ob er den Ball tatsächlich mit der Hand berührte oder nicht, konnten die Fernsehbilder nicht zweifelsfrei klären. Schiedsrichter Walter Eschweiler jedenfalls war sich sicher: Er gab Elfmeter – in der 90. Minute.

Ich verfolgte das Spiel zu Hause vor dem Radio und rang um Fassung. Bereits in der vergangenen Spielzeit hatten die Bayern gegen den späteren Deutschen Meister eine Heimniederlage kassiert, weil es ihnen nicht gelungen war, einen 3:1-Vorsprung ins Ziel zu retten. Kurz vor dem Abpfiff erzielte Horst Hrubesch das 3:4, und ich heulte vor Enttäuschung und Wut. Sollte es nun schon wieder in buchstäblich allerletzter Minute eine Pleite gegen den HSV setzen?

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Elfmeter ausgeführt werden konnte. Auf den Rängen kam es zu Tumulten, auf dem Platz bedrängten einige Bayernspieler den Schiedsrichter, während andere versuchten, Manfred Kaltz, den stets so sicheren Hamburger Elfmeterschützen, aus dem Konzept zu bringen. Paul Breitner lief derweil in die Südkurve und versuchte, die wütenden Bayernfans zu beschwichtigen, von denen einige bereits drauf und dran waren, den Platz zu stürmen. Nach geschlagenen sechs Minuten gab Walter Eschweiler den Strafstoß schließlich frei.

Manfred Kaltz hatten das Tohuwabohu und die Verzögerung in der Zwischenzeit offenkundig verunsichert. Ohne die letzte Überzeugung schob den Ball in die Mitte – und Jean-Marie Pfaff hielt den unplatziert getretenen Elfmeter sicher. Während das Olympiastadion förmlich erbebte, heulte ich wieder – diesmal vor Glück und Erleichterung über den geretteten Punkt. Am Mikrofon des jungen Uli Köhler, der damals beim ZDF arbeitete, erzählte ein sicht- und hörbar aufgewühlter Jean-Marie Pfaff unmittelbar nach dem Spiel mit einem rot-weißen Schal um den Hals und in einem wunderbaren Mischmasch aus Flämisch und Deutsch, wie er den Strafstoß erlebt hatte: »Ich habe ruhig gebleeben« und schon vorher »mit Belgien viele Elefmeters gestoppt, dat maak ick hier ooch«.

Pfaff, das war für mich die reine Leidenschaft und der personifizierte FC Bayern; jedes Gegentor, das er kassiert hat, habe ich als persönliche Beleidigung empfunden. Eine Partie von ihm ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, eine, bei der ich selbst im Stadion war. Saison 1983/84, UEFA-Pokal, zweite Runde, Rückspiel gegen PAOK Saloniki. Der griechische Klub wurde seinerzeit von Pál Csernai trainiert, der nicht mal ein halbes Jahr zuvor noch bei den Bayern auf der Bank gesessen hatte, bevor er kurz vor dem Ende der Saison entlassen und durch seinen Assistenten Reinhard Saftig ersetzt wurde. Das Hinspiel war torlos geblieben, die Bayern hatten sich die Zähne an der PAOK-Defensive ausgebissen. Die (Herbst-)Ferien verbrachte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wie so oft am Ammersee, was mir die Möglichkeit bot, das Rückspiel live im Olympiastadion verfolgen zu können. Und obwohl ich erst vierzehn war, durfte ich nach tagelangem Drängeln und Quengeln alleine dorthin – für mich eine Premiere, und zwar eine, die vor allem meine Mutter noch bereuen sollte.


Das Drama gegen PAOK

Es war ein grauenvolles Spiel an einem kalten, nassen Novemberabend. Der FC Bayern, inzwischen wieder von Udo Lattek trainiert und klarer Favorit, fand erneut kein Mittel gegen Salonikis Betonabwehr; erschwerend kam hinzu, dass Karl-Heinz Rummenigge nach kaum mehr als einer halben Stunde mit einer Verletzung raus musste. Für ihn kam Calle Del’Haye, der später auch ein Tor erzielen sollte, das wegen eines Fouls am griechischen Torwart aber nicht zählte. Nach 90 Minuten stand es immer noch null zu null, also Verlängerung; eine halbe Stunde später das gleiche Bild, also Elfmeterschießen. Mein Tribünennachbar, ein älterer Mann, fragte mich angesichts der vorgerückten Stunde etwas verwundert, wo eigentlich meine Eltern seien. »Die warten am Ausgang auf mich«, log ich ihn an. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert, dafür aber umso mehr, dass meine Bayern gleich aus dem Wettbewerb fliegen könnten.

Der Schiedsrichter teilte diese Sorge offenbar, denn nachdem PAOK in Führung gegangen war, gestattete er Klaus Augenthaler, Bayerns erstem Schützen, gleich drei Versuche. Die ersten beiden Schüsse konnte Salonikis Torwart problemlos parieren, doch Referee Robinson aus England ließ jeweils wiederholen, weil sich der Keeper zu früh bewegt haben soll. Was regeltechnisch äußerst fragwürdig war und selbst Klaus Augenthaler nach dem dritten und erfolgreichen Anlauf zu einer tröstenden Geste gegenüber dem Schlussmann veranlasste, war mir nur recht. Den zweiten Elfmeter der Roten vergab Dieter Hoeneß kläglich, den dritten verwandelte Wolfgang Kraus mit viel Glück. Als nun endlich die Griechen einmal patzten, gewährte der Schiedsrichter auch ihnen – vermutlich aus Gründen der Konzession – einen erneuten Versuch, der schließlich saß. Norbert Nachtweih versenkte anschließend seinen Schuss, und als der fünfte Schütze für PAOK antrat, war klar: Trifft er, dann ist Bayern draußen.

Dass Jean-Marie Pfaff den Ball mit einer sensationellen Parade um den Pfosten drehte, schrieb ich in diesem Moment alleine meiner Anwesenheit im Stadion zu. Er wusste, dass da oben auf der Tribüne irgendwo ein Vierzehnjähriger sitzt, den man nicht mit einer Niederlage nächtens zurück an den Ammersee schicken konnte. Auch Sören Lerby – mein damaliger Lieblingsfeldspieler – wusste das und knallte die Kugel links oben rein. Nach jeweils fünf Schüssen stand es damit 4:4, und nun schien plötzlich niemand mehr Nerven zeigen zu wollen. Calle Del’Haye, Hans Pflügler, Bernd Dürnberger und Michael Rummenigge gaben sich so wenig eine Blöße wie ihre Kontrahenten auf der Gegenseite. Als die Anzeigetafel nach sage und schreibe 18 Versuchen ein 8:8 vermeldete, hielt Pfaff endlich seinen zweiten Elfmeter, und nach meiner Rechnung gab es nun nur noch einen Münchner Feldspieler, der noch nicht geschossen hatte, nämlich Bertram Beierlorzer. Ihm fiel jetzt die Aufgabe zu, seine Mannschaft eine Runde weiter zu bringen. Doch wohin ich auch blickte – es war kein Beierlorzer zu sehen. Wie sich herausstellen sollte, war er vor lauter Angst in die Kabine geflüchtet.

Damit musste Jean-Marie Pfaff zwangsläufig selbst ran. Ein Torwart, der einen Elfmeter schießt? Und dann auch noch einen (potenziell) entscheidenden? Anfang der achtziger Jahre war das eine noch größere Seltenheit als heute, und so war Pfaff in seiner gesamten Laufbahn bis dahin auch noch nie vom Punkt angetreten. Ich brauche die Aufzeichnung des Spiels nicht, um mich zu erinnern, wie er da kurz vor der Ausführung stand: den Kopf gesenkt, die Arme auf dem Rücken. Schon die Körpersprache verriet die ganze Dramatik des Augenblicks. Ein Pfiff, ein langer Anlauf, ein Schuss wie ein Abstoß – und im rechten Knick schlug es ein. Unten sank Pfaff auf die Knie, oben tat ich es ihm gleich, bevor ich meinem Tribünennachbarn, dem älteren Mann, den ich für diesen Moment zum Vaterersatz machte, in die Arme fiel. Die einstündige Rückfahrt mit der Bahn verbrachte ich wie in Trance, Pfaffs Elfmeter als Endlosschleife im Kopf.

Zu Hause erwartete mich – es war längst nach Mitternacht – meine in Tränen aufgelöste Mutter. Damals verstand ich ihr Problem nicht – wie konnte sie sich bloß Sorgen um mich machen, wo es doch um etwas viel Wesentlicheres ging, nämlich das Weiterkommen des FC Bayern? Wir begannen uns zu streiten, bis sie etwas sagte, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Diesem Pfaff schreib’ ich morgen einen Dankesbrief. Ohne den wären die immer noch dran. Und jetzt geh endlich ins Bett.«


Ans Aluminium geguckt

Wenn ich in den Schulferien am Ammersee war, fuhr ich aber nicht nur regelmäßig ins Olympiastadion, sondern auch zur Säbener Straße, um den Bayern beim Training zuzusehen und Autogramme zu sammeln. Die weitaus meisten Spieler kritzelten auf dem Weg von der Umkleidekabine zu ihren Autos eher leidenschaftslos und wortkarg ihren Namenszug auf hingehaltene Trikots, Bälle und Poster, aber Pfaff hatte für die Fans oft ein Lächeln, ein Schulterklopfen oder einen Scherz übrig. Er, der mit elf Geschwistern aufgewachsen war, schon in jungen Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste und bis zu seinem Wechsel an die Isar neben dem Fußball einem geregelten Beruf nachging, schien auch beim großen FC Bayern nicht vergessen zu haben, aus welchen Verhältnisse er stammte. Seine stets offene und freundliche Art kam an. Wohl vor allem deshalb ist er noch heute nicht nur bei vielen, die es mit dem Rekordmeister halten, so überaus beliebt.

Weil ich ihn so verehrte, erwog ich seinerzeit sogar, vom Feldspieler zum Torhüter umzusatteln. Ein paar Mal erschien ich mit Torwarthandschuhen zum Training des kleinen Vereins im Westerwald, bei dem ich mit mäßigem Erfolg kickte. Doch nach dem dritten oder vierten Versuch zwischen den Pfosten – mit zahllosen unterlaufenen Flanken, missglückten Abschlägen und schlechten Reflexen – nahm mich mein Trainer beiseite und raunte mir zu: »Wenn Jean-Marie Pfaff dich so sehen könnte, würde er vor Verzweiflung in Tränen ausbrechen.« Da verschwanden die Handschuhe auf Nimmerwiedersehen im Schrank. (Mein jüngerer und erheblich talentierterer Bruder dagegen, auch er ein Bayernfan, schaffte es als Keeper immerhin in die Kreisauswahl. Ich hätte kaum neidischer sein können.)

Mit dem FC Bayern wurde Jean-Marie Pfaff unter anderem dreimal Deutscher Meister, darunter war auch der Titelgewinn 1986, der für den Klub bis heute neben der Last-Minute-Meisterschaft 2001 vermutlich der emotionalste ist. Denn in jenem Jahr fingen die Münchner im letzten Spiel noch die Bremer ab, die fast während der gesamten Spielzeit auf Platz eins gestanden hatten. Dabei hatte Werder am vorletzten Spieltag die Riesenchance, bereits alles klar zu machen: Im Heimspiel gegen die Bayern bekamen sie beim Stand von 0:0 kurz vor Schluss einen fragwürdigen Handelfmeter zugesprochen, und ihr etatmäßiger Schütze Michael Kutzop hatte bis dahin in der Bundesliga noch nie einen Strafstoß verschossen.

Doch diesmal traf er lediglich den Pfosten, es blieb beim torlosen Remis, die Entscheidung über die Meisterschaft war vertagt. Und weil die Bremer ihre letzte Bundesligapartie in Stuttgart knapp verloren, während der FC Bayern sein Spiel gegen Borussia Mönchengladbach deutlich mit 6:0 gewann, ging die Schale schließlich doch noch nach München. Jean-Marie Pfaff hatte Kutzops Elfmeter zwar nur hinterherschauen können – aber was heißt »nur«? Ich bin mir bis heute ganz sicher, dass er ihn – knapp vier Jahre nach seinem Eigentor im selben Stadion – sozusagen »ans Aluminium geguckt« hatte. Pfaff und die Elfmeter, das war einfach eine ganz besondere Beziehung.


Rückkehr nach Belgien

Ein Jahr danach hatte der aus Flandern stammende Schlussmann sogar die Chance, den Europacup der Landesmeister zu gewinnen. Doch in europäischen Endspielen fehlte ihm das nötige Quäntchen Glück: So, wie er mit Belgien das EM-Finale 1980 gegen die DFB-Auswahl knapp mit 1:2 verloren hatte, so scheiterte er auch mit den Bayern im entscheidenden Spiel um Europas Krone. Gegen den FC Porto waren die Münchner als klarer Favorit in die Partie gegangen und sahen nach Kögls Kopfballtreffer auch lange Zeit wie der sichere Sieger aus. Doch Rabah Madjer mit seinem legendär gewordenen Hackentor und Juary drehten den Spieß binnen zwei Minuten um. Pfaff war bei beiden Gegentoren chancenlos, aber das war natürlich kein Trost.

Ein weiteres Jahr später verließ er den FC Bayern und kehrte zurück nach Belgien, wo er sich Lierse SK anschloss, bevor er beim türkischen Erstligisten Trabzonspor im Sommer 1990 seine Laufbahn beendete. Von der Bildfläche verschwand er jedoch nie – und das ist wörtlich zu nehmen: Ab 2003 strahlte ein belgischer Fernsehsender wöchentlich eine Doku-Soap mit dem Titel »De Pfaffs« aus, in der Jean-Marie Pfaff und seine Familie zu sehen waren. Die Serie war so beliebt, dass sie es auf satte 267 Folgen brachte. Dass er durchaus das Zeug zum Schauspieler besitzt, hatte Pfaff schon 1987 unter Beweis gestellt, als er im Film »Zärtliche Chaoten«, zu dessen Hauptdarstellern unter anderem Thomas Gottschalk, Helmut Fischer und Pierre Brice gehörten, eine Gastrolle spielte.

Für seinen Schlager »…jetzt bin ich ein Bayer« bekam er in Belgien übrigens sogar die »Goldene Schallplatte« überreicht. Er behielt sie jedoch nicht, sondern übergab sie, wie er in einem Interview des WDR erzählte, Papst Johannes Paul II. während einer Audienz, zu der er in Lederhosen erschienen war. Der Grund für diese Spende, so berichtete Pfaff, lag in einem nicht von ihm verschuldeten Autounfall, bei dem eine Nonne getötet worden war. Nein, ein gewöhnlicher Torwart und Mensch war und ist Jean-Marie Pfaff, den Pelé im Jahr 2004 für die FIFA aus Anlass von deren 100-jährigem Bestehen auf eine Liste der besten 125 noch lebenden Fußballer gesetzt hat, ganz gewiss nicht.


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Vorbereitungsveranstaltung (Halle) April 20, 2015 | 09:36 pm

Am Donnerstag, den 23.04., wird es um 19:30 Uhr in der Reilstraße 78 in Halle eine Vorbereitungsveranstaltung für die Demonstration “Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt - Tröglitz denen, die’s verdienen” geben. Neben Informationen über Tröglitz bzw. unsere Demonstration wird es die Möglichkeit geben, Karten für die Busfahrt von Halle zur Demonstration in Tröglitz zu kaufen. Diese kosten 10 Euro.

Feine Sahne Fischfilet: »Es muss manchmal einfach direkt und in die Fresse sein« April 20, 2015 | 03:07 pm

Sascha Lange unterhielt sich mit Christoph von Feine Sahne Fischfilet unter anderem über den Sound der neuen Platte und über die ostzonale Provinz.

Beatpunk Webzine (Sascha Lange): Mecklenburg-Vorpommern hat in den letzten Jahren drei mittlerweile bundesweit bekannt gewordene Künstler/Bands hervorgebracht: Marteria, Jennifer Rostock und euch. Eine zugegeben etwas klischeehafte Frage: Wie erklärt ihr euch euren Erfolg? Denn musikalisch beschreitet ihr keinesfalls neue oder gar ungewöhnliche Pfade, gleichwohl werdet ihr überall in den Musikmedien hochgejubelt, das Publikum strömt immer zahlreicher zu eueren Konzerten. Seid ihr das, was Quetschenpaua oder Chumbawamba in den 1990ern war: politische Musik mit komischen Instrumenten, quasi Exoten?
Feine Sahne Fischfilet (Christoph): Das 2012 erschienene Album »Scheitern & Verstehen« ist mit unserem Song »Komplett im Arsch« ziemlich nach vorn gegangen. Direkt in der Promophase für das Album hatte uns der Verfassungsschutz in Mecklenburg-Vorpommern in seinem Bericht erwähnt. Das war natürlich ein perfekter Zeitpunkt. Wir gingen damit an die Öffentlichkeit, nahmen die ganze Geschichte zusätzlich mit Humor und stellten die Notwendigkeit solch einer rechtskonservativen Behörde öffentlich in Frage. Durch das alles bekamen wir viel Aufmerksamkeit und konnten somit einer großen Zuhörerschaft unsere Musik präsentieren. Durch mitreißende Konzerte und viel politisches Engagement konnten wir Ausrufezeichen setzen. Da wir zusätzlich noch ein ziemlich verrückter und charismatischer Haufen sind, der gerne zusammen Musik macht, kreativ ist und ehrgeizig an sich arbeitet, ist das alles dann so gekommen wie es gerade ist.
Nun sind wir gerade mit unserem aktuellen Album »Bleiben oder Gehen« auf Tour und es könnte nicht besser laufen. Es ist eine sehr tolle Zeit gerade. Ich denke schon, dass wir eine wichtige linkspolitische Band geworden sind für viele Leute, aber ich würde uns nicht als Exoten bezeichnen. Vielleicht sind wir es für viele Menschen, weil wir doch ordentlich einen an der Klatsche haben, aber das bewegt sich alles im sympathischen und ehrlich aufrichtigem Rahmen.

Der Titelsong eueres neuen Albums »Bleiben oder Gehen« spricht vielen jungen subkulturell orientierten Menschen aus der Seele, die jenseits der großen Metropolen aufwachsen. Im Gegensatz zu den bereits genannten Marteria und Jennifer Rostock seid ihr nicht nach Berlin gezogen, um euere Bandkarriere voranzutreiben, sondern bleibt in der mecklenburgischen Provinz. Warum?
Um das mal gleich klar zu stellen: In Mecklenburg-Vorpommern gibt es kaum Perspektive für junge Menschen. Du hast hier oft keine rosigen Aussichten auf eine gute Zukunft. Jobs sind rar gesät und das kulturelle Angebot ist sogar in größeren Städten wie Rostock, Greifswald oder Stralsund begrenzt. Es ist vollkommen verständlich für mich, dass viele Leute weg gehen. Vielleicht mach ich das auch noch irgendwann, wenn mir mal die Decke hier auf den Kopf fällt. Das Leben braucht Veränderung und eine Entwicklung. Hauptsache ist doch, dass die Leute glücklich werden und ihr Leben bereichern. Das ist was sehr schönes und deswegen freue ich mich auch für Leute die wegziehen, um neue Wege zu gehen. Ich sehe daran gar kein Problem. Die können doch nichts dafür, dass die Gesellschaft und ihre Städte hier so trostlos sind.
Auf der anderen Seite hat es auch seinen Reiz hier zu bleiben. Du musst zwar vieles selber machen, aber wenn du etwas aufziehst, dann wirkt es auch effektiv. Hingegen in Großstädten viel auch untergehen kann. Hier gehst du auf jeden Fall nicht unter. Hier wirst du gesehen, wenn du was reißt. Gibt ja auch sonst nicht anderes. Zusätzlich gibt es aber auch hier alternatives Leben und linke Subkulturen in den Städten, die wir mit gestalten und erhalten wollen. Durch Universitäten in den Städten kommt auch immer wieder neuer Schwung rein und die Szene bleibt nie stehen. Wir leben schon echt gut hier. Natürlich stößt manchmal an seine Grenzen, aber es gibt hier auch viel Tolles zu erleben. Zudem gibt’s hier Strände und eine schöne Natur. Dieses bevölkerungsschwache Bundesland hat eine Weite die widerlich nervig sein kann, aber auch echt anziehend wirkt. Und ehy: Die Nazis und ihre Strukturen sind auch hier. Die gilt es zu bekämpfen. Langeweile haben wir hier definitiv nicht. Positiv und negativ betrachtet.

Die anstehende Tour 2015 zur neuen Platte ist eine reine Wochenendtour, mutmaßlich, weil ihr unter der Woche arbeiten gehen müsst, um euch den Freiraum/Luxus einer Band leisten zu können. Auf der anderen Seite macht ihr seit vielen Jahren zusammen Musik und das zunehmend erfolgreicher. Ein reines Hobby ist das doch eher nicht. Was sind die Gründe dafür, dass ihr von der Musik allein immer noch nicht leben könnt oder wollt?
Feine Sahne Fischfilet ist für jeden von uns natürlich mehr als ein Hobby. Wir lieben das was wir machen, aber es ist trotzdem auch harte Arbeit. Dennoch muss jeder von uns gucken wie er seine Miete bezahlt und sein Leben finanziert. Das kann die Band nicht voll tragen. Die Bandmitglieder gehen arbeiten und/oder studieren unter der Woche. Ganz normale Geschichte. Deswegen auch die Wochenendtour. Vollkommen richtig. Man hat so viele Ausgaben als Band. Es stehen immer wieder viele Produktionen an, die bezahlt werden müssen. Wir wollen halt immer produktiv bleiben und neue Ideen gut und smart umsetzen. Das kostet halt auch Geld. Zudem spenden wir immer wieder Gelder für politische Projekte, wie momentan z.B. für das kurdische Gebiet Rojava, welches verteidigt werden muss gegen den IS. Rojava ist zudem ein sehr wichtiges Gebiet im Nahen Osten, da es sich gemeinschaftlich, basisdemokratisch und antipatriarchal organisiert. Das ist Wahnsinn was dort gerade abgeht. Das finden wir immens wichtig und ist eine Selbstverständlichkeit bei uns. Außerdem ist dieser ganze Musikbusinesszirkus ein richtig widerlicher Haufen. Musik ist so eine tolle Sache, aber dieses finanzielle kapitalistische Haifischbecken um die ganzen fetten Plattenfirmen etc. machen das alles zu einer relativ hässlichen Angelegenheit. Es verdienen vor allem erst mal andere mit der Musik der Bands und Künstler. Mit Audiolith haben wir glücklicherweise ein Indie-Label bei uns, das alles noch etwas entspannter gestalten kann, als die krassen Major-Größen. Tja, der Kapitalismus ist halt allgegenwärtig und schafft es immer wieder die schönsten Dinge des Lebens so in den Dreck zu ziehen. Man muss leider genau gucken wo man bleibt. Wir sind dem alle ausgesetzt. Natürlich wäre es schön, wenn wir unsere Leidenschaft zum richtigen Beruf machen könnten, mit dem wir alles Private abdecken könnten, aber das ist momentan nicht der Fall. Manchmal wird das gerade zeitlich problematisch, aber wir sind da Lebenskünstler. Wir finden immer einen Weg, dass alle glücklich sind und alles unter einen Hut kriegen. Man muss halt Prioritäten so setzen, dass die Band unter keinen Umständen leidet. 


Eure Platte klingt vor allem durch die Trompeten stellenweise regelrecht fröhlich, auch wenn zeitgleich im Text Wut oder Schmerz behandelt werden. Der Sound auf dem Album ist durchgängig direkt und schnörkellos, oftmals geradezu trocken im Sinne von pur. Hörbare Effekte auf Drumset oder der Gitarre sucht man vergebens, vom fetten Verzerrer mal abgesehen. Warum diese Direktheit des Sounds?
Wir haben diesen Sound ganz bewusst gewählt. Wir haben uns mehrere Wochen mit unserem Produzenten Torsten Otto und unserem Engineerer Daniel Scheer ins Clouds Hill Studio in Hamburg eingeschlossen. Ich persönlich bin da auch kaum noch raus gegangen für die Wochen. Nur im Notfall. Das Studio ist ein Traum für jeden Musiker. Der Vintagehimmel schlechthin. Wir hatten in dem Studio alle Möglichkeiten der Welt, um ein richtig weichgespültes Profipopalbum abzuliefern. Aber genau das Gegenteil ermöglicht das Studio halt auch. Du kannst alles machen. Wir wollten einen ehrlichen, direkt aggressiven und muffigen Sound. Ich liebe diese Sounds. Das macht das Hörgefühl so lebendig. Deshalb haben wir das ganze Ding ja auch live eingespielt und grundlegende geile Sounds für jedes Lied gesucht, die im Nachhinein kaum verändert wurden. Nebengeräusche und Hintergrundgeräusche wurden oft bewusst bestehen gelassen. Der aufmerksame Hörer erkennt das bei vielen Liedern. Ich habe zum Beispiel eine Grundgitarre für fast alle Lieder mit einem Grundampsystem eingespielt. Einem Fender Bassman Silverface Amp an einer 2x12er Fender Super Sonic Box mit V30 Speakern. Parallel habe ich das über einen kleine Fender Silverface Vibro Champ geschickt. 1. ist es das Set, mit dem ich auch live spiele. 2. liebe ich die Kombination und den Sound. 3. will ich auf Platte genauso klingen wie auf der Bühne. Zusätzlich habe ich noch einen Spring Reverb vorgeschaltet und wahlweise den OCD Fulltone Overdrive oder einen alten amerikanischen Big Muff. So entstand der Grundsound. Bei den anderen aus der Band sieht das ähnlich aus. Bei den Gitarren habe ich etwas variiert, aber immer zwischen drei Modellen gewählt. Ich habe bei Overdubs dann auch mal zu anderen Amps wie dem Fender Showman, dem Laney Klipp und natürlich zum Fender Twin Reverb (Clean!) gegriffen. Logischerweise haben wir auch vieles anderes ausprobiert und einfließen lassen, aber das Grundgerüst sollte roh und direkt sein. Ich bin so froh über den Sound. Genau so wollte ich klingen und genau das ist momentan auch unser Sound. Natürlich kann es sein, dass wir bei der nächsten Platte komplett anders klingen. Wir setzen uns dahingehend keine Grenzen. Aber momentan ist es genau das, wie es klingt auf »Bleiben oder Gehen«.

Ihr hab seit jeher einen starken Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern und vor allem zur Ostsee, nicht nur in euerem Bandlogo, sondern auch in den Videos und Texten. Begriffe wie »Heimatverbundenheit« oder »Lokalpatriotismus« fallen im öffentlichen Bewusstsein im Zusammenhang mit Musik hingegen eher mit Künstlern wie Hansi Hinterseer oder Santiano. Auf der anderen Seite steht die weit verbreitete Parole »Links ist da wo keine Heimat ist« und in Schwerin sitzt die NPD mit im Landtag. Wie geht ihr als Band mit euerer Verbundenheit zu Mecklenburg um?
Ich hatte die Antwort schon mal ähnlich, in ein paar Fragen vorher, formuliert. Selbstverständlich scheiße ich auf diesen herkömmlichen Heimatbegriff, wie man ihn überall in der Gesellschaft findet. Den finde ich grauenvoll. Wenn man ihn so deutet, dann will ich auf jeden Fall heimatlos sein. Tradition und Patriotismus sind rückwärtsgewandte Dinge. Die machen das Leben zu einem alten miefenden Scheißhaufen. Für mich ist eher eine Verbundenheit und Geborgenheit, die daher rührt, dass man hier aufgewachsen ist, viele Erinnerung und Erfahrungen hier gesammelt hat und das die Familie hier lebt und man hier Freunde hat. Es ist halt eine vertraute Gegend, die ich mal sehr gern habe, aber oft auch verabscheue. Ich liebe es, mich hier mal zu verpissen und Ruhe zu haben von dieser Trostlosigkeit die man hier an vielen Orten spürt. Es gut, sein gemachtes Nest früher oder später zu verlassen. Ich will die Welt sehen und eine persönliche Weiterentwicklung nicht blockieren. Die braucht jeder Mensch. Sonst geht man irgendwann ein und bleibt stehen. Das wäre Horror. Aber an die schönen vertrauten Orte komme ich gerne wieder. Ich lebe hier gerne. Es gibt genug schöne Dinge für die es sich lohnt zu bleiben und zu kämpfen. Zudem ist es auch wichtig das Leute hier bleiben und sich den Nazis in den Weg stellen. Aber wenn Leute endgültig der Gegend ihren Rücken zukehren, dann ist das vollkommen verständlich und okay. Ewig bleibe ich hier auch nicht, aber ich werde immer wieder kommen.

In den letzten Jahren gab es nur sehr wenige bundesweit bekannte Bands aus dem Punkspektrum bzw. dem linken Popspektrum, die explizit politische Texte gebracht haben. Stellenweise hatte man den Eindruck, dass es vielen schon fast peinlich war, das Klischee einer politischen Band mit entsprechenden Texten zu bedienen. Auf der anderen Seite seht ihr euch als explizit antifaschistische Band. Gibt es wieder ein stärkeres Interesse an politischen Aussagen auch unter Musikkonsumenten?
Viele Bands verpacken politische Statements in ihren Songs. Oft sehr lyrisch und verdeckt, aber das macht ja auch den Reiz aus. Kunst ist kein Plakat. Aber Kunst ist immer politisch, deswegen eignen sich auch manchmal plakative Inhalte sehr auf Dinge aufmerksam zu machen. Das ist verdammt wichtig. Es muss manchmal einfach direkt und in die Fresse sein. Gerade seitdem diese PEGIDA-Scheiße hochgekommen ist, sind für viele Menschen antirassistische Aussagen in der Musik sehr wichtig. Für Musiker und für die Zuhörerschaft. Musik ist auch ein Sprachrohr, wodurch man viel bewegen kann und rechte Inhalte brechen kann. Politische Inhalte sind für eine Vielzahl von Menschen sehr wichtig, aber es gibt immer noch eine übergroße graue Masse die auf alles scheißt und zu Freiwild abrockt. Das ist halt Deutschland.

Ihr seit in den letzten Jahren viel getourt und habt v.a. 2014 auch auf großen Festivals gespielt. Wie gehen dort Publikum und andere Bands mit euch um, die ihr ein explizit politisches Statement von der Bühne verbreitet, anstatt einfach nur zu unterhalten?
Überwiegend positiv. Es gibt wirklich viele Menschen die das sehr gut finden. Auch unter den Bands läuft das ganz gut ab. Dennoch denke ich, dass es sehr wohl Besucher auf Festivals gibt die abkotzen über uns. Bestimmt auch ein paar Bands. Diese Veranstaltungen sind so groß, da kriegt man nicht alles mit. Zudem wollen wir halt auch anecken und Missstände anprangern. Natürlich fühlen sich da Leute ans Bein gepisst. Aber das ist auch gut so. In unseren Freiräumen bin ich gerne Hippie, aber in der Realität, zu denen auch große kommerzielle Festivals gehören, sollte man anders agieren. Dennoch ist es sehr schön, wie viele Leute mit uns zusammen feiern auf den großen Festivals. Das freut uns sehr. Wir sind sehr dankbar dafür. Wir stechen halt etwas raus aus dieser ganzen Famebandscheiße. Es mögen wahrscheinlich viele Leute, dass wir einfach so sind wie wir sind. Sympatisch hanseatisch…hahahaha. Kleiner Witz am Rande.

Neben euerem Label Audiolith aus Hamburg macht seit Jahren eine staatliche Institution aus Schwerin für euch massiv und sogar kostenlos Werbung: Der Verfassungsschutz Mecklenburg-Vorpommern. In seinem Bericht aus dem Jahr 2012 bezeichnet er euch als »politischen Zusammenhang«. Versteht ihr euch auch als solcher und schafft ihr es, in Bandfragen Konsensentscheidungen herbeizuführen?
Selbstverständlich verstehen wir uns als politischen Zusammenhang. Die politischen Inhalte sind sehr wichtig für uns. Viele von uns sind politisch aktiv und wir versuchen auch als Band politisch wirksam zu sein. Ohne das Politische wären wir nicht Feine Sahne Fischfilet.
Natürlich versuchen wir im Konsens Entscheidungen zu treffen. Bei sechs sehr eigenwilligen und selbstbewussten Menschen kann das manchmal aber auch schwierig werden. Wir geben uns immer viel Mühe, dass jeder mit den Entscheidungen leben kann und zufrieden ist. In einem Zusammenschluss sind halt auch immer Kompromisse wichtig. Wenn jeder die eingeht, dann klappt das auch alles. Aber selbstverständlich scheitern wir auch hin und wieder an unseren Idealen. Das macht es aber auch immer wieder so interessant.

Wie erklärt ihr euch, dass der Verfassungsschutz unter Federführung aus Brandenburg sich seit einiger Zeit um »linke Hassmusik« kümmert, zu der der VS ja auch bekanntermaßen euch zählt. Warum passiert das jetzt, während sich zu den Hochzeiten des Deutschpunk in den 1980er Jahren der VS in Westdeutschland wenig darum scherte, trotz noch eindeutigerer Aufrufe zur Gewalt in den Texten, z.B. von Slime oder Hass?
Der Verfassungsschutz steht seit seiner Gründung im Jahr 1950 in einer rechten und konservativen Tradition. Die stolzen deutschen Mitarbeiter des VS finden linke Bewegungen und außerparlamentarische Strömungen besonders scheiße. Ich dachte immer, dass auch Alben von Slime auf dem Index standen und das diese vom VS beobachtet und kriminalisiert wurden. Naja, wie auch immer. In den 1980er Jahren wurde das Vorgehen vielleicht nicht so bekannt, da die Medien davon nicht berichtet haben und es das Internet nicht gab. Zudem hatten sie vielleicht andere Anweisungen und mussten sich auch eher auf die große Vielzahl von militanten Aktivitäten und Bewegungen von damals konzentrieren. Die hatten, glaube ich, nicht so viel Zeit sich um die »linken Hassbands« zu kümmern. Über die Jahrzehnte wurde der Überwachungsapparat größer und Behörden wie der VS arbeiteten intensiver, moderner und professioneller. Nach und nach konnte durch die erfolgreiche harte Repression die Masse an militanten Bewegungen und Gruppen eingedämmt werden. Die linken Bewegungen wurden schwächer und kleiner. Der Überwachungsstaat wurde aber immer größer. Dennoch scheint es so, als wenn dort viel unfähige Leute beim VS arbeiten. Viele Antifagruppen können viel besser Auskunft über Nazistrukturen geben, als es der VS macht. Nur mal so am Rande.
Irgendwann hat sich irgendein VS-Depp wahrscheinlich gedacht, dass er sich auf linke Bands konzentrieren müsste, weil er sonst richtig Langeweile kriegt. Die ganzen antisemitischen Nazibands fand er wahrscheinlich eher harmlos. So könnte es angefangen haben. Jedenfalls interessieren sie sich ja seit ein paar Jahren brennend für unsere gute »linke Hassmusik«. Jetzt mal ganz ehrlich: Diese Behörde hat richtig Scheiße gebaut. Die haben Nazistrukturen mit aufgebaut und wussten von der Existenz des NSU. Dieser VS ist einfach nur widerlich und gefährlich.

Auf euerer aktuellen Tour spielt ihr in Leipzig in einer netten, kommerziellen aber auch gerade sehr »hippen« und vom Publikum und Betreibern her völlig unpolitischen Location, dem Täubchenthal und nicht im Conne Island, einem politischen Laden im Stadtteil Connewitz, der sich explizit als linkes, antifaschistisches Projekt versteht. In Berlin hingegen fiel die Wahl genau auf dieses Spektrum, nämlich dem SO36 in Kreuzberg. Wie wählt ihr euere Auftrittsorte aus bzw. wie wichtig sind euch die Läden, in denen ihr spielt?
Am liebsten spielen wir natürlich in unseren Freiräumen. In den AZ’s und alternativen Häusern und Projekten. Manchmal klappt das auch noch alles so. In Bern spielen wir z.B. im »Rössli«, der Kneipe des besetzten Hauses »Reitschule«. Das wird eng und dreckig. Richtig geil! Die Locations in denen wir spielen sind uns also sehr sehr wichtig. Selbstverständlich.
Seitdem aber so viele Leute auf unsere Konzerte kommen wollen und alles etwas größer wird, muss man in größere Läden gehen, damit alle was davon haben und man seine Show gut umsetzen kann. Wenn man in größere Läden geht, wird es oft auch kommerzieller. Da können wir leider nichts dran ändern. Wir achten aber darauf, dass die Läden an sich cool sind, nettes Personal und Türsteher haben und allgemein ein schönes und entspanntes Klima herrscht. Zudem spielen wir nur in Locations, die keine rechten Bands bei sich spielen lassen. Ein gewisser Anspruch ist uns also natürlich sehr wichtig und wir suchen uns schon die coolsten Läden raus, die ein Konzert ermöglichen. Mit dem SO36 haben wir natürlich da großes Glück. Das ist ein so toller Laden. Ein Freiraum. Wir lieben das SO! So etwas wie das SO36 gibt’s aber leider nicht in jeder Stadt.
In Leipzig war das eine belanglose persönliche Sache. Unser liebenswerter Booker macht seit Jahren Konzerte im Täubchenthal. Das ist sehr nett dort! Die Leute sind super und die Location ist top. Er wollte das Konzert gerne dort machen und wir fanden das super. Natürlich ist das leider nicht das Zoro, aber die Location an sich ist gut und die Umstände passen. Das letzte Mal als wir in Leipzig ein Clubkonzert spielten waren wir im Zoro. Das war ein klasse Abend, aber das Haus platzte aus allen Nähten und viele Leute kamen nicht mehr rein. Jetzt ist es auch wieder ausverkauft, aber es passen von Beginn an mehr Leute rein und die Umstände für ein Konzert sind für alle Menschen angenehmer und besser.

Mit der neuen Platte, die zu recht hochgelobt in aller Munde ist, plus Tour und anstehenden Festival-Konzerten wird 2015 definitiv euer Jahr werden, was euch auch nur zu wünschen ist. Wie wird es weitergehen mit dem Feine Sahne-Mix aus Musik, Politik und Party aus Mecklenburg?
Ja, das Jahr ist bis jetzt schon echt krass toll. Das hätten wir alle nicht so erwartet und wir freuen uns schon sehr auf die weitere Zeit des Jahres. Wir nehmen uns natürlich immer viel vor und haben auch jetzt schon ein paar Pläne für das Jahr 2016. Wir werden auf jeden Fall weiter touren, unsere Ideen versuchen zu verwirklichen und uns im Proberaum unsere neuen kreativen Ergüsse um die Ohren schleudern. Was man halt so macht als Band. Wir sind motiviert und haben riesig Spaß daran Musik zu machen. Das alles werden wir wahrscheinlich auch im Jahr 2016 durchziehen. Wir wissen das alles sehr zu schätzen.

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Die Teilnehmer der 13. Konferenz der Palästinenser in Europa April 20, 2015 | 12:27 am

Es dauerte ein wenig, aber nun veröffentlichte die in Berlin-Neukölln ansässige Palästinensische Gemeinschaft in Deutschland e.V. (Mitausrichter der Pro-Hamas-Tagung) eine Erklärung und präsentiert der geneigten Öffentlichkeit ihre diesjährigen Rednerinnen und Redner. “Berlin gegen Hamas” nimmt dies zum Anlass, ein wenig Licht in die Runde der “Verfechter des Völkerrechts und der Humanität” zu bringen und wird hier in den kommenden Tagen einige Hintergrundinformationen zu den selbsternannten Freunden Palästinas veröffentlichen.

Den heutigen Anfang macht Pater Manuel Musallem aus Gaza, ein wahrer Mann des Friedens, aber seht selbst:

PS: Richtig gesehen. Es handelt sich dabei um einen Youtube Kanal der islamistischen Terrororganisation Hamas.


BAK Shalom AG NRW: Marx is Muss, aber nicht so April 19, 2015 | 08:14 pm

Vom 14.-17. Mai wird in Berlin der „Marx is Muss Kongress“ der Organisation marx21 stattfinden. Aufmerksamen Beobachter*innen der Strömungen und Netzwerke innerhalb der Partei Die Linke und der Linksjugend mag sogleich einleuchten, warum wir uns überhaupt mit einem von dieser Organisation veranstalteten Kongress beschäftigen. Das trotzkistische Netzwerk Marx 21 ist nämlich neben der Stalinist*innen-Szene die weithin dominierende Gruppierung innerhalb der Linksjugend NRW. Mit Jules El-Khatib haben sie sogar ein Mitglied des Landesvorstand der Partei Die Linke in ihren Reihen, der zudem auch federführend das in traditionslinken Kreisen recht populäre Blog „Die Freiheitsliebe“ betreibt.

Beschluss auf dem Bundeskongress der Linksjugend [‘solid]: Gegen jeden Antisemitismus April 19, 2015 | 04:13 pm

Es ist die historische Erfahrung aus Auschwitz, dass die dem Antisemitismus immanenten Vernichtungsfantasien real sind und im Zweifelsfall kein Staat den Schutz der Jüd_innen vor Antisemitismus zu garantieren bereit war. Israel ist die unerlässliche Konsequenz der Erfahrung der Shoa. Für eine Linke, die für gesellschaftliche Emanzipation eintritt, sollte die Verteidigung des unbedingten Existenzrechts Israels, als dem Staat zum Schutz der Jüd_innen, ein wichtiger Ausgangspunkt politischen Handelns sein. Eine Kritik des Antisemitismus in der linksjugend ['solid] muss neben der Aufklärung über Antisemitismus auch die Verhinderung der Verbreitung antisemitischer Standpunkte bedeuten.

20-04-2015Schlichter Regress: Eine Kritik an Sarah Diehls… April 19, 2015 | 02:06 pm



20-04-2015

Schlichter Regress: Eine Kritik an Sarah Diehls “Die Uhr, die nicht tickt” + “Du bist deines eigenen Elends Schmied” Von wegen. Anmerkungen zum Boom der Esoterik

False tears April 19, 2015 | 11:08 am

Members of the UN Security Council cried after watching a video that shows doctors unsuccessfully trying to revive child victims of an apparent government chlorine gas attack in Syria last month.

One hopes they were tears of shame.

Samantha Power, America’s ambassador to the UN, pledged those responsible will be held to account.

Nobody believes her. Nobody should, anyway.

It was not even two years ago that evidence of poison gas attacks by Syrian dictator Bashar al-Assad’s forces inconveniently became too persuasive for America to ignore.

In August 2012, U.S. President Barack Obama had declared that the use or transfer of a “whole bunch” of chemical weapons would be a “red line” for the United States. This didn’t stop Assad from gassing Syrians to death on several occasions after that statement was made, but he did so in sufficiently small numbers that Obama must have felt safe hiding behind his “whole bunch” threshold and did nothing.

Then, in August 2013, regime forces slaughtered some 1,400 Syrians in a sarin gas attack, including more than 400 children, according to White House figures. That, finally but temporarily, pushed Obama toward action.

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Von Aufklärung und Barbarei in der Karibik April 19, 2015 | 07:23 am

Alejo Carpentiers Explosion in der Kathedrale (“El sieclo del Luz”) Über Explosion in der Kathedrale von Alejo Carpentier schreibt ein Amazonrezensent: „Der Text rechnet sehr scharf mit den utopischen Ideen des Sozialismus ab, eine Anspielung auf die Situation im Heimatland Kuba des Autors“. Das wäre an sich nicht weiter bemerkenswert, reihte es sich nicht in […]

Israel, die Palästinenser und das Wasser April 18, 2015 | 09:03 pm

Meerwasser-Entsalzungsanlage im israelischen Ashkelon (© Wikipedia)

»Ich habe vor zwei Tagen mit jungen Menschen in Ramallah gesprochen, die wie junge Menschen überall auf der Welt eine Ausbildung machen, studieren, reisen, eine Arbeit finden und eine Familie gründen wollen. Sie haben aber auch einen Traum, der für die meisten jungen Menschen selbstverständlicher Alltag ist: frei in ihrem eigenen Land zu leben, frei von Gewalt, ohne Beschränkung ihrer Bewegungsfreiheit. […] Einer der Fragen dieser jungen Menschen, die mich am meisten bewegt hat – wobei ich die genauen Zahlen nicht nachschlagen konnte –, war: Wie kann es sein, dass Israelis 70 Liter Wasser am Tag benutzen dürfen und Palästinenser nur 17?«

Diese Worte sprach der Präsident des Europäischen Parlaments, Martin Schulz, am 12. Februar 2014 vor dem israelischen Parlament, der Knesset. Der letzte Satz inklusive der zitierten Frage sorgte dabei für Unmut bei so manchem israelischen Parlamentarier. Denn er suggerierte, dass die Palästinenser gewissermaßen auf dem Trockenen sitzen, während den Israelis genügend Wasser zur Verfügung steht. Aber stimmt das auch?

 

Historischer Rückblick

Um sich der Antwort auf diese Frage zu nähern, ist ein Rückblick auf die Geschichte sinnvoll. Während der Zeit des britischen Mandats in Palästina (1917–1948) waren die alten Wasserleitungen und Bewässerungssysteme, die über viele hundert Jahre hinweg verlegt respektive eingebaut worden waren, immer noch weit verbreitet. Das Wasser wurde aus Quellen, den Bergen, Flüssen, Wadis und Regenwasser-Zisternen bezogen, vor allem in Dürrezeiten war es begreiflicherweise oft knapp. Zum Ende der Mandatszeit belief sich die maximale Wasserversorgung – in regenreichen Jahren – im heutigen Westjordanland auf rund 25 Millionen Kubikmeter pro Jahr.

Während der jordanischen Herrschaft über die Westbank blieb die Wasserversorgung lange Zeit unverändert, bis 1965 eine neue Bohrtechnik eingeführt wurde, mit deren Hilfe 350 neue Brunnen geschaffen wurden. Auch wenn diese nicht sonderlich tief waren und nur mit schwachen Motoren betrieben wurden, sorgten sie dennoch für eine Verbesserung der Wassersituation. In regenreichen Jahren standen nun maximal 66 Millionen Kubikmeter pro Jahr zur Verfügung, wovon der größte Anteil für die Landwirtschaft genutzt wurde. Während dieser Zeit wurden jedoch nur vier der 708 palästinensischen Städte und Dörfer an die moderne, kommunale Wasserversorgung angeschlossen und hatten damit fließendes Wasser.

Als Israel nach dem Sechstagekrieg im Juni 1967 die Kontrolle über das Westjordanland übernahm, ließ die Regierung tiefe, breite Brunnen neben den meisten der großen urbanen Zentren bohren und durch ein Netzwerk von Rohrleitungen verbinden. So erhöhte sich bis 1972 die Wasserversorgung der Palästinenser um 50 Prozent. Als immer mehr israelische Siedlungen gebaut und durch Pipelines verbunden wurden, schloss man die palästinensischen Städte und Dörfer entlang dieser Pipelines ebenfalls an fließendes Wasser an. Die Wassermenge stieg bis 1995, dem Jahr des zweiten Osloer Abkommens, schließlich auf rund 120 Millionen Kubikmeter pro Jahr, und die Zahl der Orte mit fließendem Wasser erhöhte sich von vier auf 309.

Das erste Osloer Abkommen 1994 sah dann vor, dass Israel die Kontrolle über die palästinensische Wasserversorgung in Gaza an die Palästinensische Autonomiebehörde (PA) abgibt, einschließlich der Zuständigkeit für die Grundwasserleitungen, die Brunnen sowie die Entwicklung, Verwaltung und Wartung der Wasser- und Abwassersysteme. Nur die Wassersysteme der jüdischen Siedlungen wurden ausgeschlossen (bis sie im Jahr 2005, nach dem israelischen Rückzug aus Gaza, ebenfalls an die PA übergingen). Zudem wurde vereinbart, dass Israel eine zusätzliche Wassermenge von fünf Millionen Kubikmeter pro Jahr nach Gaza liefert.

Im zweiten Osloer Abkommen, das 1995 unterzeichnet wurde, erkannte Israel die Wasserrechte der Palästinenser an. Beide Seiten einigten sich darauf, dass die Palästinenser künftig deutlich mehr Wasser benötigen werden als die bisherigen 118 Millionen Kubikmeter pro Jahr, nämlich weitere 70 bis 80 Millionen Kubikmeter. In der Übergangszeit bis zum Erreichen dieser Menge sollte der Wasserverbrauch um 28,6 Millionen Kubikmeter pro Jahr steigen. Zudem kam man überein, neue Wasserbezugsquellen zu erschließen – beispielsweise durch Abwasserrecycling und Meerwasserentsalzung –, das Management der Wasserressourcen zu koordinieren sowie Maßnahmen zur Prävention der Wasserkontamination und zur Verbesserung des Abwassermanagements zu ergreifen.

Zur Umsetzung dieser Vereinbarungen wurde ein Joint Water Committee (JWC) mit gemeinsamen israelisch-palästinensischen Teams ins Leben gerufen, und dieses JWC hat sich seitdem selbst in Zeiten von politischen Spannungen und Kriegen kontinuierlich getroffen. Das Ziel seiner Arbeit war und ist es also nicht zuletzt, die Wasserversorgung in den palästinensischen Gebieten zu verbessern. In der Praxis stieg die zusätzliche Wassermenge bis zum Jahr 2006 auf 60 Millionen Kubikmeter an, sodass eine Gesamtmenge von rund 178 Millionen Kubikmetern erreicht wurde. »Wenn man weiterhin die Produktion aus genehmigten Brunnen bedenkt«, so heißt es in einer Studie des an der Bar-Ilan University in Ramat Gan ansässigen Begin-Sadat Center for Strategic Studies, dann »hat Israel seine unterzeichneten Verpflichtungen erfüllt«.

Ebenfalls nicht unerwähnt bleiben sollte, dass die Zahl der Städte und Dörfer im Westjordanland, die an fließendes Wasser angeschlossen sind, weiter gestiegen ist. Waren es im Jahr 1995 noch 309 von 708, so waren zehn Jahre später nach Angaben der Palestinian Water Authority (PWA) nur noch zehn Prozent der palästinensischen Bewohner des Westjordanlandes nicht ans Wassernetz angeschlossen. Im März 2010 gab es in 641 von 708 Orten fließendes Wasser, inzwischen sind 16 weitere Dörfer hinzugekommen. Stand heute haben 98,5 Prozent der Palästinenser in der Westbank einen Wasseranschluss – das sind erheblich mehr, als es beispielsweise bei den Einwohnern in Syrien und Jordanien der Fall ist.

 

Wasserverbrauch: Differenz stark gesunken

Hinsichtlich des Wasserverbrauchs von Israelis und Palästinensern bestand 1967 noch ein erheblicher Unterschied. Damals verbrauchte ein Israeli pro Jahr im Schnitt 508 Kubikmeter an natürlichem Wasser – geklärtes Abwasser und entsalztes Meerwasser sind hier nicht einbezogen –, das waren fast 1.400 Liter am Tag. Ein Palästinenser im Westjordanland kam demgegenüber nur auf 86 Kubikmeter pro Jahr, das sind 236 Liter am Tag. Diese erhebliche Differenz hatte allerdings viel mit den altertümlichen Wasserleitungen in der Westbank zu tun – und damit, dass viele Palästinenser noch gar nicht ans Wassernetz angeschlossen waren.

40 Jahre später ergab sich ein deutlich anderes Bild: Der israelische Pro-Kopf-Verbrauch* war auf 153 Kubikmeter pro Jahr (oder knapp 420 Liter am Tag) gesunken, während der palästinensische auf 105 Kubikmeter pro Jahr (oder 288 Liter am Tag) gestiegen war. Inzwischen haben sich beide Seiten noch stärker angenähert: 150 Kubikmeter pro Kopf und Jahr sind es bei den Israelis, 140 bei den Palästinensern. »Die akute Abnahme des Pro-Kopf-Verbrauchs von natürlichem Wasser in Israel hat sowohl mit der Abnahme der verfügbaren natürlichen Wasserressourcen als auch mit der dramatischen Zunahme der Bevölkerung zu tun«, erläutert das Begin-Sadat Center for Strategic Studies. Die Bevölkerungszahl in Israel stieg zwischen 1967 und 2006 von knapp 2,8 Millionen auf 7,1 Millionen.

Oft wird eingewendet, die referierten Zahlen gäben zwar die Gesamtmenge der Nutzung von natürlichem Wasser wieder, seien aber trotzdem nur eingeschränkt aussagekräftig, weil nicht nur der private Verbrauch, sondern auch der landwirtschaftliche darin eingeschlossen sei. Zieht man nur den privaten Verbrauch heran, dann sinkt die Zahl für das Jahr 2007 auf israelischer Seite von 153 Kubikmetern pro Person und Jahr auf 84 und bei den Palästinensern von 105 auf 58. Das wären 230 Liter pro Tag hier und 159 Liter dort. 230 zu 159 Liter also – das markiert einen Unterschied im Lebensstandard, aber es sind nicht 70 zu 17 Liter, wie Martin Schulz glaubte, und es ist auch nicht so, dass ein Palästinenser weniger als die 100 Liter pro Person zur Verfügung hätte, die von der Weltgesundheits­organisation (WHO) als Mindestmenge genannt werden.

Um den Wasserstreit zwischen Israelis und Palästinensern zu verstehen, ist es notwendig zu wissen, dass es eine Wasserbezugsquelle gibt, die für beide Seiten von wesentlicher Bedeutung ist, weil aus ihr das weitaus meiste Wasser stammt. Gemeint ist damit der sogenannte Gebirgs-Aquifer, ein natürlicher Grundwasserträger bzw. Grundwasserleiter, der sich über die gesamte Westbank erstreckt und von Regenfällen gespeist wird. Das eingesickerte Wasser bahnt sich seinen Weg durch die Erde und fließt schließlich zu verschiedenen Quellen, die sich zu einem nicht geringen Teil im israelischen Kernland befinden und deren Wasser in großen Speichern aufgefangen wird.

Hierin liegt auch ein wesentlicher Teil des Konflikts begründet. Denn während die Palästinensische Autonomiebehörde darauf besteht, dass der über dem Westjordanland niedergehende und dort in den Boden sickernde Regen größtenteils den Palästinensern zusteht, argumentiert die israelische Wasserbehörde damit, dass sich die Quellen überwiegend in Gebieten befinden, die bereits vor 1967 zu Israel gehörten und schon damals genutzt wurden. Um zwischen diesen beiden Sichtweisen einen Kompromiss zu finden, regelten Oslo II und anschließend das Joint Water Committee die Verteilung dieser Wasservorräte.

 

Unzureichende Abwasserbehandlung

Das zweite Osloer Abkommen sah auch vor, dass die Palästinensische Autonomiebehörde eine funktionierende Abwasserentsorgung und Abwasseraufbereitung zu gewährleisten hat. Doch hier liegt nach wie vor sehr viel im Argen. Die Menge des Abwassers, das durch die Palästinenser im Westjordanland erzeugt wird, liegt heute bei etwa 52 Millionen Kubikmetern pro Jahr. Davon werden allerdings nur etwa vier Millionen Kubikmeter in palästinensischen Kläranlagen behandelt, weitere 14 Millionen Kubikmeter in israelischen Kläranlagen, und der Rest – also rund 34 Millionen Kubikmeter pro Jahr und damit zwei Drittel – fließt ungeklärt in vielen Wasserläufen ab und wird so zu einer massiven Belastung des Grundwassers, der Brunnen und der Umwelt – in den palästinensischen Gebieten wie auch in Israel.

Die Palästinenser verfügen über keine weitergehenden Abwasserreinigungsprojekte, obwohl mehrere Länder – darunter Deutschland, die USA und Japan – sowie die Weltbank ihre Bereitschaft erklärt haben, erhebliche Mittel für den Bau dieser wichtigen Anlagen bereitzustellen. Und dies trotz der Tatsache, dass vom Joint Water Committee genehmigte Programme bereits existieren, die die Abwasseraufbereitung in Nablus, Tulkarem, Jenin, Ramallah, Hebron, dem zentralen Gazastreifen und anderen Regionen umfassen.

Weil das Abwasser kaum geklärt wird, fehlt außerdem vielfach die Möglichkeit, es zur Bewässerung in der Landwirtschaft einzusetzen. Stattdessen wird Frischwasser verwendet, was dazu führt, dass den privaten Haushalten etliche Millionen Kubikmeter nicht zur Verfügung stehen. Israel dagegen recycelt etwa 75 Prozent seines Abwassers, in erster Linie für die landwirtschaftliche Nutzung. Nach Angaben der Europäischen Kommission nutzt der jüdische Staat pro Kopf mehr behandeltes Abwasser für landwirtschaftliche Zwecke als jedes andere Land der Welt.

Insgesamt ist die israelische Bilanz in Bezug auf die Wasserpolitik gegenüber den Palästinensern keineswegs so schlecht, wie es vielfach angenommen oder behauptet wird. Israel erfüllt seine Verpflichtungen aus den Wasserabkommen mit den Palästinensern und hat zudem dafür gesorgt, dass fast alle palästinensischen Städte und Dörfer an fließendes Wasser angeschlossen sind. Es gibt zwar weiterhin einen Unterschied im Lebensstandard von Israelis und Palästinensern, der sich auch im Wasser widerspiegelt. Aber die Differenzen sind längst nicht so groß, wie es oft angenommen wird.

 

* Die Bevölkerungszahl ist eine wesentliche Größe bei der Berechnung des Wasserverbrauchs. Schließlich ist es gerade bei der Kalkulation der Pro-Kopf-Menge erheblich, von wie vielen Bewohnern man eigentlich ausgeht. Das Palestinian Central Bureau of Statistics (PCBS) verzeichnet über 2,4 Millionen Palästinenser in der Westbank, während die American-Israel Demographic Research Group (AIDRG) nur auf 1,4 Millionen kommt. Diese große Differenz resultiert aus unterschiedlichen Definitionen der De-facto-Einwohner. Die Berechnung des PCBS umfasst beispielsweise auch die 250.000 Palästinenser in Ostjerusalem und die 150.000 Palästinenser, die durch Heirat und das Zusammenführungs-Programm für Familien nach Israel eingewandert sind. Die AIDRG zählt diese 400.000 Personen dagegen nicht mit, da sie an die israelische Wasserversorgung angeschlossen sind und damit als Teil der israelischen Bevölkerung gezählt werden. Darüber hinaus hat das PCBS die Zahl der palästinensischen Einwohner um weitere 400.000 erhöht, indem es diejenigen, die viele Jahre im Ausland gelebt haben, mit eingerechnet hat, während die AIDRG diese Gruppe nicht mit einschließt, da sie keinen Verbrauchsanteil an der palästinensischen Wasserversorgung hat. Die restliche Differenz von 200.000 Personen ergibt sich aus unterschiedlichen Berechnungen und Prognosen, was Geburt, Tod und Einwanderung betrifft.

 

Quellen und Literaturauswahl

Außenministerium des Staates Israel: Übersicht über die ökonomische Situation im Westjordanland und im Gazastreifen. Stand der israelischen Fördermaßnahmen in der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA), November 2013.

Botschaft des Staates Israel in Berlin: Erläuterungen zur Wasserfrage im Nahostkonflikt, 13. Februar 2014.

Burkart, Lauro: The Politicization of the Oslo Water Agreement, Dissertation, Genf 2012. (Mit zahlreichen weiterführenden Quellen.)

Gvirtzman, Haim: The Israeli-Palestinian Water Conflict: An Israeli Perspective. The Begin-Sadat Center for Strategic Studies, Bar-Ilan University, Mideast Security and Policy Studies No. 94. Deutsche Übersetzung: Der israelisch-palästinensische Wasserkonflikt: Eine israelische Perspektive. (Mit zahlreichen weiterführenden Quellen.)

Israel Ministry of Foreign Affairs: Israeli-Palestinian Interim Agreement on the West Bank and the Gaza Strip, 28. September 1995.

State of Israel, Water Authority: The Issue of Water between Israel and the Palestinians, März 2009.

 

Zuerst veröffentlicht auf Fisch + Fleisch.

Zum Foto: Meerwasser-Entsalzungsanlage im israelischen Ashkelon (© Wikipedia).


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Obama is always wrong on the Middle East April 17, 2015 | 11:26 pm

Obama has an incorrect view of the region, and this is something that has become increasingly clear since he took office. He is always wrong on our region, and has made the biggest mistakes here, and these mistakes have had major consequences.

Obama rushed to withdraw from Iraq, and now here we see him returning once again. He played down the Syrian revolution and Assad’s crimes. He talked about “red lines” but Assad has crossed each and every one of these, while Obama has done nothing. He played down the threat of the Islamic State of Iraq and Syria (ISIS) only to subsequently be forced to acknowledge the reality of the situation, although he still had enough time to blame his country’s intelligence services for failing to realize this earlier.

It is also interesting to note a recent Washington Post report that revealed the extent of ISIS’s connection with the former ruling Ba’athist regime in Iraq, and that many members of the group are ex-members of Saddam Hussein’s military. This is the same military that was controversially disbanded following the Iraq invasion. Washington has made many mistakes in Iraq, and Obama must bear some share of the responsibility for this.

Obama also gambled, for years, on political Islam being a successful model in the region. This failed, of course, and the Islamists failure has had a long-lasting effect on the entire region following the so-called Arab Spring.

Obama’s mistakes go beyond this, and we now see him making yet another one today. This misjudgment that will have serious, adverse consequences for the Middle East.

So, Obama thinks that the threat to the region is not Iran, but rather an absence of internal reform. This is simply wrong, and demonstrates worrying double standards.

In 2009, when Obama was already in office, the “Green Movement” broke out in Iran. The Iranian authorities violently suppressed the protests, including through the force of arms. Many protesters were killed, and many more arrested. All the while, Obama looked on and did nothing. Indeed, some leading members of this revolt remain behind bars until today. Since then, Iran has not carried out any significant internal reform. During the same period, Gulf states—and particularly Saudi Arabia—have moved forward with the internal reform process.

More than this, we can clearly see Iran’s threatening action in Iraq, Syria, Lebanon and Yemen. This is not to mention the terrorist sleeper cells with ties to Iran that have been uncovered in the Gulf.

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kundgebung gegen pro-hamas-tagung April 17, 2015 | 12:00 pm

Berlin: Protest gegen die Pro-Hamas-Tagung April 17, 2015 | 12:18 am

Nun ist es offiziell: Tausende Sympathisanten und Aktivisten der islamistischen Terrororganisation Hamas werden am 25.04. in der Arena im Berliner Bezirk Treptow-Köpenick zusammenkommen und gegen die einzige Demokratie im Nahen Osten hetzen: Israel. Organisiert wird die Großveranstaltung unter anderem vom Verein »Palästinensische Gemeinschaft in Deutschland« und dem britischen »Palestinian Return Centre«. Die Nähe beider Organisationen zur islamistischen, antisemitischen und in Deutschland als Terrororganisation verbotenen Hamas ist wohlbelegt. Hamas hat nach dem vollständigen israelischen Rückzug aus dem Gaza-Streifen ein islamistisches Terrorregime errichtet, schon Kinder werden systematisch islamistisch und antisemitisch verhetzt, Frauen unterdrückt, Homosexuelle verfolgt, unliebsame Medien geschlossen, Proteste zerschlagen. Zudem wurden tausende Raketen auf Israel abgefeuert.

Das von den Konferenz-Organisatoren als „unverhandelbar“ bezeichnete Recht auf „Rückkehr“ palästinensischer „Flüchtlinge“ ist nicht mehr als eine menschenrechtlich verbrämte Kampfparole gegen jede friedliche israelisch-palästinensische Verhandlungslösung. Die angeblichen Flüchtlinge sind heute Millionen von Palästinensern, die nach der Staatsgründung Israels geboren wurden, und denen von arabischer Seite in jordanischen und libanesischen Flüchtlingslagern grundlegende Rechte vorenthalten werden. Ihre „Rückkehr“ soll ein Ende des jüdischen Staates Israel bringen, ein Ziel, das den Organisatoren wichtiger ist als ein demokratischer palästinensischer Staat. Diese Haltung stellt auch in den palästinensischen Gebieten eine tödliche Bedrohung für alle kompromissbereiten Kräfte dar, die von palästinensischen Nationalisten und Islamisten als „Verräter“ verfolgt und ermordet werden.

Demnach ist das Beharren auf ein für Israel inakzeptables „Recht auf Rückkehr“ ein Programm zur Verewigung nicht nur des Konflikts sondern auch der oft elenden Situation der staatenlosen Palästinenser. Jede pragmatische Lösung, beispielsweise die Integration von Menschen palästinensischer Abstammung in den arabischen und auch europäischen Ländern, in denen sie oft schon in der dritten Generation leben, wird als „Gefahr“ bekämpft. Das Programm dieser„13. Konferenz der Palästinenser in Europa“ richtet sich damit zugleich gegen Israel als auch gegen alle kompromissbereiten palästinensischen Kräfte.

Daher laden wir Sie ein, mit uns gemeinsam für einen demokratischen und friedlichen Nahen Osten gegen Hass, Terror, Antisemitismus und Antizionismus zu demonstrieren.

Siehe auch: Kundgebung gegen die Pro-Hamas-Tagung


Irakisch-Kurdische Delegation besucht Diyarbakir, um über lokale Demokratie zu lernen April 16, 2015 | 09:58 pm

Um aus den positiven Erfahrungen der Nachbarn in der Region zu lernen, organisierten WADI und das kurdischen Institut für Wahlen (KIE) die Delegationsreise nach Amed als Pilotprojekt der Initiative für lokale Demokratie in Irakisch-Kurdistan. Während ihres Aufenthalts in Amed, führte die Delegation Gespräche mit vielen lokalen Entscheidungsträgern einschließlich des Co-Bürgermeisters Firat Anli, den Co-Bürgermeistern der Sur und Payas (Kayapinar) Gemeinden, hochrangigen Vertretern der Union der Südost-Gemeinden (GABB ), dem Kongress der Demokratischen Gesellschaft (DTK) und der Demokratischen Partei der Regionen (DBP), sowie Mitgliedern der Jugendbewegung des DTK und DBP. Die irakischen Aktivisten diskutierten mit den lokalen Politikern unter anderem über Selbstverwaltung, Gleichstellung der Geschlechter, Bildung und die Rolle der Jugend in der Gesellschaft. Die Delegation erfuhr, dass die gegenwärtige lokale Demokratie in Amed auf freien und demokratischen Wahlen für Vertreter vor Ort fußt, auf engen Beziehungen zwischen den Menschen und der lokalen Führung, einer gleichberechtigten Rolle von Frauen in Führungspositionen und der Beteiligung der Jugend in Entscheidungsprozesse.

Die Delegation besuchte außerdem das lokale Sozialzentrum Sumer Park, die lokale Frauenakademie und zwei Kulturzentren – das Dicle Firat Kultur- und Kunstzentrum, ein bekannter Treffpunkt für die Künstler aus Amed und das Cegerxwîn Kulturzentrum in der Payas Gemeinde, das als lokales Zentrum für Bildung und Aufklärung wirkt. Die Delegation besuchte auch die Rojava (Syrisch-Kurdistan) Hilfe und Solidarität Vereinigung und betonte dort die wichtige Bedeutung der Solidarität mit den kämpfenden Kurden und Kurdinnen in Kobani und Rojava. Im Anschluss an den Besuch der Delegation, drückte Co-Bürgermeister Anli seine Freude am Empfang der Delegation aus und sagte, er hoffe auf eine starke Beziehung für die Zukunft.

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Der Hauptfeind ist das eigene Land! April 16, 2015 | 06:07 pm

Antideutsche Demonstration in Torgau am 25. April

Es ist unfassbar: 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist Deutschland eine Weltmacht. Die versäumte Umsetzung des Morgenthau-Plans konfrontiert die internationale Weltgemeinschaft in den letzten beiden Jahrzehnten mit einem wiedererstarkten Deutschland, dass aus seinen historischen »Fehlern« gelernt hat. Die militärische Option wurde weitestgehend ad acta gelegt. Stattdessen setzten die deutschen Eliten, im Windschatten des militärischen Schutzes durch die westlichen Alliierten, langfristig auf das »deutsche Wirtschaftswunder«. Das Resultat ist, dass das eigentlich besiegte Land ökonomisch gesehen – ganz im Gegensatz zu Großbritannien oder Frankreich – erstarkt aus der militärischen Niederlage hervorgegangen ist.

Dieses Vorgehensweise, leicht modifiziert, funktioniert noch bis heute. Die neuste deutsche Militärtechnologie findet man eher in den Händen von mexikanischen Sicherheitsbehörden oder arabischen Armeen, als im Depot der deutschen Bundeswehr. Wenn es in der Welt brennt, winkt Berlin gelangweilt ab und schaut erwartungsvoll über den Atlantik, zumindest gen Westen. Ob in Syrien, Irak, Jemen oder Nigeria, gegen die islamistische Barbarei sollen sich bitte andere aktiv engagieren. »Niemals wieder« bedeutet hierzulande trotz und wegen Auschwitz keinen Finger für das verfolgte Individuum krumm zu machen. Selbst dann nicht, wenn es die Tortur in seinem Heimatland sowie die anstrengende Flucht überlebt und bis vor die Haustür der Deutschen geschafft hat.

Der Wiederaufbau und die damit verbundenen wirtschaftlichen Vorteile, dass so genannte »Nation Building«, sind dagegen Deutschlands absolutes Steckenpferd. Deswegen reüssiert das Land auf der Weltbühne. Im internationalen Kampf um Rohstoffe, Marktanteile und Handelswege will die deutsche Wirtschaft langfristig vorne mitspielen. Das Image als Friedensmacht ist dabei für die Geschäfte nicht unerheblich. In knallharter Konkurrenz zu den USA, verkauften deutschen Firmen Komponenten zur Herstellung von Giftgas an jegliche »Schurkenstaaten«. Etwas Werbung in eigener Sache kann da nicht schaden. So tanzt der sozialdemokratische Wirtschaftsminister bereitwillig nach der Pfeife arabischer Emire und nicht nur in China fällt die Frage nach den grundlegendsten Menschenrechte unter den Verhandlungstisch. Im Kampf um den Exportweltmeistertitel ist dem Subjekt Staatskapital fast jedes Mittel Recht. Auch ein fauler Kompromiss im »Atom-Streit« mit dem Iran.

#stickthefingertogermany

Weder die Reeducation, noch der verordnete Antifaschismus haben nachhaltig etwas in diesem Land bewirkt. Wie rudimentär das Demokratieverständnis der deutschen Bevölkerung ist, offenbart sich immer dann am deutlichsten, wenn in einem anderen Land eine Partei die demokratischen Wahlen gewinnt, dessen politisches Programm den nationalen Interessen, beziehungsweise deutschen Befindlichkeiten, widerstrebt. Das trifft derzeit auf die neue Regierung in Athen zu, ebenso wie jene in Jerusalem. Während im deutschen Blätterwald dann reklamiert, protestiert und randaliert wird, bekunden auf dem diplomatischen Parkett die Deutschen ihre große Besorgnis über die zukünftige Entwicklung. An klugen Ratschlägen und harten Bandagen mangelt es dabei nicht. Nichts desto trotz, sondern gerade weil man zwei Weltkriege angezettelt hat. Vom Holocaust ganz zu Schweigen.

Der Vergangenheitsbewältigungsweltmeister ist derart dreist, dass berechtigte Forderungen nach Entschädigungen und Reparationszahlungen jahrzehntelang negiert und zum Teil bis heute noch nicht geleistet wurden. Die derzeitige Bundesregierung behauptet allen Ernstes, weil bisher noch kein Friedensvertrag unterzeichnet sei, müsse man z.B. die finanziellen Verpflichtungen gegenüber Griechenland nicht leisten. Währenddessen ist Adolf Hitler ein weltweiter Exportschlager, als Marke mindestens genauso bekannt wie Coca-Cola, das Holocaust-Mahnmal in Berlin eine beliebte touristische Vergnügungsstätte und bald eines der beliebtesten Bücher dieses Landes, nein der Welt, wieder legal im Handel erhältlich: »Mein Kampf«.

Das ökonomische Erfolgsmodell Deutschland beruht auf einem autoritären Korporatismus, der u.a. für die notwendige Flexibilität der hierzulande angestellten Arbeitskraftbehälter sorgt. Nullrunden als gemeinschaftlicher Akt zur Rettung von Arbeitsplätzen, dank Überidentifizierung mit der eigenen Firma oder »freiwillige«, unentgeltliche Überstunden, wenn es mal nicht so gut im Betrieb läuft, sind für den deutschen Arbeiter selbstverständlich. Kleinere Gewerkschaften müssen hierzulande um ihre Existenz bangen, weil sie es gewagt hatten, ihr verbrieftes Recht auf einen legalen Arbeitskampf in Anspruch zu nehmen und den deutschen Volkszorn zu oft hervorriefen. Nicht zu vergessen, der rundum erneuerte Reichsarbeitsdienst, besser bekannt unter dem Namen »Ein-Euro-Job«.

Angela Merkel gefällt das.

Die neue Sehnsucht der deutschen Volksgemeinschaft nach den guten alten Zeiten findet ebenfalls in der modernen Form der nationalsozialistischen Familienpolitik, wonach Frauen an Heim und Herd gehören, sowie unzählige Kinder für die Volksgemeinschaft gebären sollen, wie dem »Müttergeld«, seinen Ausdruck. In Berlin-Mitte ist dieser »Backlash« daran zu erkennen, dass längst als ausgestorben geltende Vornamen auf einmal wieder in Mode kommen. Der dazugehörige Kinderwagen von Oma ist ein »must-have«, weil ohne Plastik, nicht aus Amerika und immer noch gut in Schuss. Gefüttert wird das Balg natürlich mit Lebensmittel ohne Gentechnik. Ein arischer Bub, braucht keine amerikanischen Bohnen. Die Ablehnung des Freihandelsabkommens TTIP bekommt man nicht nur in solchen Kiezen mit der Muttermilch indoktriniert.

Im Fernsehen bedauert die ganzen Nation die Opfer des zweiten Weltkrieges, wozu für sie zweifelsohne beinahe alle Deutschen gehören. Die Tatsache, dass eine rechtsterroristische Vereinigung, ungestört, zehn Jahre lang im Land morden konnte, ist den meisten Mitgliedern dieses erbarmungslosen Rackets dagegen völlig egal. Nationalsozialisten sind bzw. waren immer die Anderen. Grauenvolle Schmonzetten wie »Unsere Väter, unsere Mütter«, in denen „die keuschen, opferbereiten Arier, der Leutnant und die Krankenschwester, die Helden der Geschichte“ (New York Times – Chefkritiker B.O. Scott) sind, erreichen selbstverständlich hohe Einschaltquoten. Quacksalber wie Guido Knopp, gelten nicht nur im wissenschaftlichen Betrieb als ernstzunehmende Historiker. Und der Umstand, dass der ehemalige Wehrmachtssoldat Helmut Schmidt oder das ehemalige SS-Mitglied Günther Grass als große Intellektuelle dieses Landes gelten, erregt ebenso keinen öffentlichen Widerspruch.

Opposition in solchen Zeiten gleicht der Arbeit von Sysiphus. Die Lage ist verzweifelt, beinahe ausweglos. Allein die Erinnerung daran, dass Nazi-Deutschland letztendlich dennoch militärisch besiegt wurde, ist heute noch im deutschen Kollektivbewußtsein eine unvergessene Schmach. In diese Wunde wollen wir etwas Salz streuen. Also raus auf die Straße. Auf nach Torgau! Feiern wir am Elbe-Day, an dem Tag als die sowjetischen und amerikanischen Soldaten das erste Mal aufeinandertrafen, die Besetzung von Deutschland.

Im Gedenken an alle Opfer des Nationalsozialismus.
Deutschland in den Rücken fallen!

/////////// Achtet auf weitere Ankündigungen. ///////////

/// 70years.blogsport.eu /// twitter.com/ADAktionBerlin ///

Zur Demonstration rufen auf:

Antideutsche Aktion Berlin [ADAB]
Antifa Task Force [ATF] Jena
association [belle vie] Hannover
Association Progrés Eichsfeld
BAK Shalom der Linksjugend [’solid]
Contre la tristesse Rostock
Freundeskreis der Dialektik Rostock
Gesellschaftskritische Odyssee Halle
Linksjugend [’solid] Osnabrück

Israelfahne in KZ-Gedenkstätte Dachau unerwünscht April 16, 2015 | 10:19 am

Mitglieder eines zionistischen Jugendverbands wollten zum Chanukka-Fest Gedenkkerzen im ehemaligen Konzentrationslager Dachau anzünden. Doch eine musste draußen bleiben: die Israelfahne. Dafür sorgt eine neue Verordnung.

US-Fahne: 1945 von Insassen noch gerne gesehen – seit 2014 im KZ-Dachau ebenfalls verboten.

In der KZ-Gedenkstätte Dachau wimmelt es zeitweise von Nationalfahnen. Bei jeder größeren Kranzniederlegung sind Deutschlandfahnen am Start. Die Stadt München wirbt auf ihrer Website für einen Besuch in der Gedenkstätte Dachau mit einem ganzen Fahnenfächer. Längst sind die ehemaligen Konzentrationslager zu Erweckungs-Promenaden des Vergangenheitsbewältigungs-Weltmeisters geworden. Aber die Israelfahne soll dort nichts mehr verloren haben. So hieß es gegenüber einem zionistischen Jugendverband, der im Rahmen der jüdischen Chanukka-Feierlichkeiten in Dachau 2014 Gedenkkerzen anzünden wollte.

„Den Opfern eine Ehre erweisen“
Fahnen könnten die Gefühle anderer Besucher verletzen, erklärte das Personal angeblich den Verbandsvertretern. Auch eine längere Debatte habe nichts geholfen, beklagt das Verbandsmitglied Ruben Pflug*. „Die Person mit Israelfahne ist dem Gelände dann aus Protest ferngeblieben“, sagt er. Dabei handelt sich um den 25-jährigen Alexey Weissman*. Seit Jahren kommt er nach Dachau, um zu gedenken – seit Jahren trägt er dabei die Israelfahne. „Die Israelfahne ist weit mehr als nur ein Staatssymbol. Sie bringt auf den Punkt, dass unsere jüdische Identität die nazionalsozialistische Verfolgung und Vernichtung überlebt hat“, erklärt der langjährige Jugendleiter der zionistischen Organisation gegenüber Schlamassel Muc. „Ich möchte damit den Opfern eine Ehre erweisen, die aus dieser Hölle auf Erden nicht entkommen konnten.“ Der jüdische Staat sei mitunter auf der Grundlage der schrecklichen Begebenheiten der NS-Zeit errichtet worden, sagt er. „Es ist unfassbar, dass diese Fahne im ehemaligen KZ-Dachau jetzt verboten ist. Ich möchte mich in Deutschland nie wieder für meine Fahne entschuldigen oder schämen. “

Fahnenverbot sofort aufheben
Seit etwa September 2014 ist offenbar eine neue Verordnung in Kraft, die das Mitführen von Fahnen in der KZ-Gedenkstätte für Besucherinnen und Besucher nicht gestattet. „Das Verbot steht auf den selben Merkblättern wie das Verbot von Hunden und Tieren in der Gedenkstätte. So fühlte ich mich auch. Wie ein Hund, der leider draußen bleiben muss“, sagt Weissman. Er fordert eine sofortige Aufhebung des Verbots der Israelfahne. „Die Gedenkstättenleitung sollte sich zumindest einer Debatte darüber stellen.“

Bei den Gedenkfeierlichkeiten am 30. April 2015 zur 70-jährigen Befreiung des KZ-Dachau durch die US-Armee werden mit Sicherheit wieder zahlreiche Fahnen zu sehen sein. Die Gedenkstättenleitung hebt das Verbot häufig temporär auf. Sich beim Besuch eines zionistischen Jugendverbands nicht spontan verständnisvoll zu zeigen, ist borniertem Bürokratismus und der traurigen Absenz von Mündigkeit geschuldet. Wird das Erinnerungspersonal der KZ-Gedenkstätte in Zukunft mit der US-Fahne ebenso verfahren? Die Fahne der Befreier – die 1945 über dem Lager wehte – ausgesperrt? Da möchte man es fast auf einen Versuch ankommen lassen. Das Verbot muss insbesondere hinsichtlich der Israelfahne sowie der Fahnen der Befreier dringend überdacht werden.

*Name von der Redaktion geändert.

Nachtrag:
Laut Aussagen der Pressestelle heute sollte es für Besucher in Zukunft kein Problem mehr sein, eine Israelfahne mitzuführen. Die Regelung werde inzwischen anders praktiziert, heißt es. Laut der Besucherordnung auf der Website ist das Mitführen von Fahnen allerdings bislang noch generell untersagt. Nach wie vor wird es leider kritisch gesehen, wenn eine zionistische Gruppierung auf dem ehemaligen KZ-Gelände unangemeldet gedenken möchte.

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Bericht vom Bundestreffen in Bremen: Gegen den deutschen Erinnerungsnationalismus April 15, 2015 | 09:30 am

Am Wochenende vom 27. bis 29. März fand das Verbandswochenende der Linksjugend ['solid] statt. Dort trafen sich die verschiedenen Arbeitskreise des Jugendverbands, so auch der Bundesarbeitskreis (BAK) Shalom. Für den BAK Shalom war es das 25. bundesweite Treffen seit 2007. Neben der internen Arbeitsorganisation stand die Vorbereitung des kommenden Bundeskongresses der Linksjugend auf dem Plan. Weitere Schwerpunkte des Treffens waren die Kritik am deutschen Erinnerungsnationalismus sowie Antisemitismus im Fußball.

Vortrag mit Nina Rabuza am 21.04. in Berlin: „Ein Bruch eingewebt in die Textur unserer nationalen Identität“ – die deutsche Vereinnahmung der Erinnerung an Auschwitz April 14, 2015 | 10:44 am

70 Jahre nach dem militärischen Sieg über den Nationalsozialismus sind sich die Deutschen vom Bundespräsidenten zum Kreisvorsitzenden der LINKEN, vom CSU-Generalsekretär zum linksradikalen Politikaktivist, vom Polizeigruppenführer zum friedensbewegten Landpfarrer einig: man müsse alles tun, dass Auschwitz nie wieder geschehe. „Nie wieder“, die Forderung der Überlebenden der Konzentrationslager, die wie keine andere ihr Recht hat, wurde zu einer gedenkpolitischen Floskel.

Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt! April 13, 2015 | 06:44 pm

Tröglitz denen, die’s verdienen!


Demonstration am 1. Mai 2015 in Tröglitz

Der Ablauf der Ereignisse ist bekannt: Anfang März gab der Bürgermeister von Tröglitz im südlichen Sachsen-Anhalt, dem wohl unappetitlichsten Bundesland der Republik, seinen Rücktritt bekannt. Er hatte in den Wochen zuvor versucht, einen pragmatischen Umgang mit der Entscheidung des Landesverwaltungsamtes zu finden, 40 Asylbewerber in dem 2.800-Seelen-Kaff unterzubringen. Vor allem hatte der Bürgermeister – ein gelernter Pfarrer – an die Nächstenliebe der Tröglitzer appelliert. Seine Schäfchen wollten jedoch nicht viel davon wissen: Der Bürgermeister, seine Frau und seine Kinder wurden bedroht, die NPD marschierte regelmäßig durch den Ort und meldete auch eine Kundgebung vor seinem Haus an. Aus der Bevölkerung erhielt er nur wenig Beistand. Der Mann legte sein Amt nicht zuletzt deshalb nieder, weil er seine Familie schützen wollte und ihm auch das Landratsamt kaum Unterstützung zukommen ließ. Sein Rücktritt nützte ihm leider wenig: Er und seine Nächsten stehen seitdem rund um die Uhr unter Polizeischutz.

Schon nach diesen Vorfällen wurde bundesweit über Tröglitz berichtet. Anfang April wurde schließlich ein Brandanschlag auf das Haus verübt, in das die 40 Flüchtlinge im Mai ziehen sollten. Zwei Mietern, deren Wohnung sich ebenfalls in diesem Haus befindet, geschah glücklicherweise nichts. Sie konnten das Gebäude rechtzeitig verlassen. Nach dem Anschlag geriet Tröglitz endgültig ins Zentrum des überregionalen Interesses. Fast alle großen Zeitungen berichteten über das Nest im Burgenlandkreis, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und sein Mann fürs Grobe, Innenminister Holger Stahlknecht (CDU), gaben in Dauerschleife Kommentare zu Tröglitz ab. Politiker aller Parteien bemühten die Floskel, dass sie „betroffen“, „schockiert“ und „fassungslos“ seien, Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD), der sich für keinen Dialog am Trog zu schade ist, fuhr sogar selbst in den Burgenlandkreis.


Im Osten nichts Neues

Die Empörung über die Vorkommnisse von Tröglitz war ebenso gerechtfertigt wie verlogen. Selbstverständlich muss den örtlichen Gegnern der Asylbewerberunterkunft zu verstehen gegeben werden, was in Sachsen-Anhalt noch nicht so recht angekommen zu sein scheint: (1.) Man hat Menschen auch dann nicht zu bedrohen, wenn sie anderer Meinung sind. (2.) Man hat selbst dann keine Häuser anzuzünden, wenn einem die potentiellen Bewohner nicht passen. Darüber hinaus ist es mehr als richtig, die wenigen vernünftigen Menschen vor Ort zu unterstützen: Das ist viel zu wenig geschehen. Auch ist es nicht verkehrt, Tröglitz als das Nazikaff zu denunzieren, das es ist: „Lieber braun als vollkommen farblos“, ist das Motto zahlloser Städte und Dörfer im Osten.

Weil das aber nicht erst seit Tröglitz bekannt ist, muss niemand so tun, als wäre nicht damit zu rechnen gewesen, dass sich eine ausländerfeindliche Meute zusammentut, wenn Asylbewerber in einem x-beliebigen Drecksnest im Osten untergebracht werden sollen. Dorfgemeinschaften sind nirgends Horte der Aufklärung; diesseits der ehemaligen Zonengrenze ist es aber in der Regel noch etwas schlimmer als anderswo. Allein die Penetranz, mit der die sachsen-anhaltische Politprominenz und die professionelle Zivilgesellschaft vortragen, dass es sich beim Fall Tröglitz nicht um ein Ostphänomen handelt, signalisiert, dass sie es insgeheim besser wissen. Keine Frage, selbstverständlich gibt es auch in den alten Bundesländern Fremdenfeindlichkeit. Auch dort gibt es Proteste gegen Asylbewerberunterkünfte. Der Unterschied besteht jedoch sowohl in der Qualität als auch in der Quantität. Um das zu wissen, braucht man keine großen Rechenkünste. Umgerechnet auf die Bevölkerungszahl gibt es im Osten drei Mal so viele fremdenfeindliche Übergriffe wie im Westen. Der Ausländeranteil in den alten Bundesländern ist allerdings mindestens fünf Mal so hoch wie in den neuen. Das bedeutet, dass es für einen Ausländer in Sachsen-Anhalt fünfzehn Mal gefährlicher ist als z.B. in Hessen. Wenn Ministerpräsident Haseloff angesichts solcher Zustände behauptet, dass Fremdenfeindlichkeit ein „bundesweites Problem“ sei, will er somit vor allem Imagepflege für den gespenstischen Landstrich betreiben, dem er seit 2011 vorsteht. Die professionellen Antirassisten, die ihm beipflichten, wollen die eigene Arbeit hingegen bedeutungsvoller erscheinen lassen.


Der andere Skandal

Ein mindestens ebenso großer Skandal wie das Verhalten vieler Tröglitzer ist angesichts der Verhältnisse im Burgenlandkreis, wo sich die Nazis wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser bewegen können, darum der Beschluss, überhaupt Asylbewerber in einer so menschenfeindlichen Gegend unterzubringen. Die Gründe für diese Entscheidung liegen auf der Hand: Im Unterschied zu den Neunzigerjahren werden Ausländer von den Vertretern der etablierten Parteien zwar auch im Osten inzwischen als Bereicherung wahrgenommen – Gyros ist leckerer als Bockwurst, Salsa spannender als Disco-Fox. Außerdem hat man mittlerweile gelernt, dass die deutsche Wirtschaft und das einheimische Sozialsystem auf Zuwanderer angewiesen sind. Wenn sie massenhaft und als arme Schlucker auftreten, werden sie jedoch als Störfaktor empfunden. Aus diesem Grund werden sie mit Vorliebe dort einquartiert, wo es billig ist und wohin sich die politische Klasse und der sie stützende Mittelstand nur ungern verirrt: in den Hartz-IV-Regionen, die nicht nur aufgrund langer Traditionen besonders verroht sind, sondern auch, weil das zwangsweise Leben am Existenzminimum die Menschen nur selten umgänglicher macht.


Unterwegs in Sachen Staatsräson

Eine andere Entscheidung der Landesregierung steht dem Beschluss, Asylbewerber ausgerechnet in den Abbruchgebieten des Landes unterzubringen, in keiner Weise an Perfidie nach. So haben Tröglitz und seine Nazis durch ihre Kampagne gegen den Bürgermeister, Morddrohungen gegen den Landrat und den Brandanschlag auf die geplante Asylbewerberunterkunft mehr als glaubhaft zu verstehen gegeben, dass sie ihren neuen Nachbarn das Leben zur Hölle machen werden. Zwar mag die vor kurzem angekündigte Videoüberwachung des Hauses weitere Brandanschläge verhindern können. Kameras sind aber kaum dazu in der Lage, Flüchtlinge vor Anfeindungen und Bedrohungen auf dem Weg zur Schule oder in die örtliche Konsum-Verkaufsstelle zu schützen.

Dennoch deklamierte Ministerpräsident Haseloff kürzlich in Martin-Luther-Pose, sich nicht von dem Plan abbringen lassen zu wollen, Asylbewerber nach Tröglitz karren zu lassen: „Wir werden keinen Schritt zurückweichen.“ Durch diese „Jetzt-erst-recht“-Haltung versucht die Landesregierung, die antifaschistische und antirassistische Staatsräson der Berliner Republik auch in der ostdeutschen Provinz durchzusetzen. Damit ist im Grunde alles über diesen Antifaschismus gesagt: Seinen Vertretern geht es weniger um die Unversehrtheit der Asylbewerber als um „unsere Demokratie“, von der Haseloff kürzlich in markigen Worten rhabarberte. Die Flüchtlinge sind damit vor allem eins: Manövriermasse bei der Selbstpräsentation eines Bundeslandes, das endlich auch zum neuen Deutschland gehören möchte und sich darum nicht von Nazis erpressen lassen will. Auf Kosten der Asylbewerber soll mit aller Macht gezeigt werden, dass Deutschland insgesamt mit seiner Vergangenheit gebrochen hat.


Darum: Am 1. Mai mal was Vernünftiges tun!

Um sowohl den Einheimischen als auch der Landesregierung in die Parade zu fahren, werden wir Anfang Mai, zu dem Zeitpunkt, zu dem die Asylbewerber ursprünglich eintreffen sollten, in Tröglitz demonstrieren. Wir solidarisieren uns trotz der politischen Differenzen, die es sicher gibt, nachdrücklich mit dem ehemaligen Bürgermeister des Ortes. Zugleich verzichten wir darauf, dem Tröglitzer „Ausländer raus!“ die beliebte Wohlfühlparole „Refugees welcome!“ entgegenzusetzen. Flüchtlinge sind im Burgenlandkreis ganz offensichtlich nicht willkommen; wer es mithilfe dieser Parole trotzdem suggeriert, der handelt verantwortungslos.

Unsere Forderungen lauten stattdessen:

Keine Asylbewerber nach Tröglitz! Dezentrale Unterbringung in einem lebenswerten Viertel der Großstadt ihrer Wahl!


Wir wissen natürlich, dass der Irrsinn auch in den urbanen Mittelstandsregionen keine Seltenheit ist, sondern oft nur eine andere Ausprägung erhalten hat als auf dem platten Land. Aber zumindest in der Öffentlichkeit geht es in der Regel weniger handfest zu als im Burgenlandkreis. Und das ist bereits viel wert. Damit die Tröglitzer Nazis nicht vollkommen als Sieger aus der Sache hervorgehen, schlagen wir zusätzlich vor, dass der Ministerpräsident, dem der einzelne Asylbewerber nichts, die Staatsräson alles ist, für den Rest seiner Tage selbst ins südliche Sachsen-Anhalt zieht. Lebenslang Tröglitz & lebenslang Haseloff – das sollte für beide Seiten Strafe genug sein.


Antifaschistische Gruppen Halle, 4/2015


Demonstration „Raus aus der Scheiße, rein in die Stadt!* -
Tröglitz denen, die’s verdienen!“

1. MAI 2015, BEGINN 14:00 UHR

TRÖGLITZ, SACHSEN-ANHALT (BEI ZEITZ)

Informationen zu Mobilisierungsveranstaltungen, Anreise usw.: http://rausausderscheisse.tumblr.com/
https://www.facebook.com/raus.aus.der.scheisse


* Zeitz, Merseburg, Weißenfels, Bad Kösen, Querfurt, Naumburg usw. sind trotz ihres Stadtrechts natürlich nicht wirklich Städte – zumindest dann nicht, wenn man von der schönen alten Vorstellung „Stadtluft macht frei“ ausgeht.

der vollentwickelte Antisemit April 13, 2015 | 03:46 pm

Robert Musil:

Der vollentwickelte Antisemit ist eine vollkommen paranoide Geistesverfassung. Sieht in allem Bestätigung; ist nicht zu widerlegen… Man darf es nicht dahin kommen lassen! Die Wurzel des Antis[emiten] sind: Unkenntnis des Begriffs der Objektivität. Glaube, dass alles Höhere falsch oder verdorben sei (Respektlosigkeit des Unwissenden). Nichtbesitz der Kulturhemmung…

aus: Allerhand Fragliches. 1978. S. 69


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Günter Grass ist tot… April 13, 2015 | 12:07 pm

…und wenn man über einen Toten nichts Gutes zu sagen hat, heißt es, so solle man besser schweigen. Da allerdings die ersten lobhudelnden Nachruf bereits online gegangen sind sei hier als Kontrapunkt auf das leider lange nicht mehr aktualisierte Blog Junesixon verwiesen, wo in der Vergangenheit viel Kluges zum Autoren und seinem Werk geäußert wurde. […]

Die Besetzung der großen Städte April 12, 2015 | 09:40 am

Nach der Befreiung der Konzentrationslager richteten sich die Angriffe der vorrückenden Züge der US Army vorrangig auf die großen Städte Erfurt, Weimar, Jena und Gera. Für den 3. und 4. April 1945 hatte die Royal Air Force ein Flächenbombardement für Erfurt unter Einsatz von 2.740 Tonnen Bombenlast vorgesehen. Der Angriff wurde dann wegen des raschen Vormarsches der US-Bodentruppen abgesagt. Am 12. April 1945 besetzten Einheiten der 3. US-Armee unter Befehl von General George S. Patton Erfurt, nach Kämpfen in der Stadt und ihrer Umgebung.
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Panzereinheiten der US-Army nach der Besetzung Erfurts in der Johannesstraße.

 Am Abend des 11. April 1945 wurde ein von Oberst Costello unterzeichnetes Ultimatum in englischer Sprache an den Stadtkommandanten von Weimar in Auftrag gegeben. Sein Wortlaut: “Die Amerikanische Armee befindet sich weiter in siegreichem Vormarsch. Ihre Stadt ist umstellt und unhaltbar. Übergeben Sie die Stadt, so werden Sie nach den Bestimmungen der Genfer Konvention behandelt.”- Falls die Übergabe nicht bis 9 Uhr am 12. April erfolge, werde die Zerstörung der Stadt durch schweres Luftbombardement und Artilleriebeschuss angedroht. 
Am Donnerstag, den 12. April 1945 erreicht der Überbringer des Ultimatums morgens um 7 Uhr die Stadt Weimar auf dem Fahrrad. Weimars Oberbürgermeister Otto Koch, der die Stadt nach der Flucht der Gauleitung vertrat, kam der amerikanischen Forderung sofort nach. 
In den Mittagsstunden rollten die ersten amerikanischen Jeeps und Panzer der 3. US-Army – 26 Tage vor Kriegsende – kampflos in die Stadt Weimar ein. Am 15. April inspizierte Patton das befreite Konzentrationslager Buchenwald. Noch am  gleichen Abend befahl er, mindestens 1000 Einwohner Weimars zur Besichtigung auf den Ettersberg zu schicken, was am 16. April geschah.
Am 13. April 1945 rückten die amerikanischen Truppen in Jena ein, ohne dass es zu Kämpfen gekommen war. Sie demontierten viele Laboranlagen der großen Betriebe und schafften sie zusammen mit wichtigen Dokumenten und Patenten in ihre Besatzungszone oder in die USA. Direkten Widerstand gegen das NS-Regime hat es in Jena nicht gegeben. Die Universität, die noch heute den Namen aus der NS-Zeit trägt, galt als Vorzeige-Universität im Dritten Reich. Der NS-Studentenbund genoss schon vor der Machtübergabe große Unterstützung und gewann bei den Studentenschaftswahlen im Januar 1933 49,3% der Stimmen, was reichsweit das zweitbeste Ergebnis darstellt.  Unter dem Rektor Karl Astel wurde unter anderem ein Institut für menschliche Erbforschung und Rassenpolitik eingerichtet. Unter seinem Rektorat wurde Jena eine „nationalsozialistische Musteruniversität“. Neben der Erbforschung und Rassenkunde lag ein Forschungsschwerpunkt in den „Wehrwissenschaften“. 1941 resümierte Astel, dass die Universität unter seinem Rektorat zur „ersten rasse- und lebensgesetzlich ausgerichteten Hochschule Großdeutschlands“ geworden sei.
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Am 14. April wurde Gera von den Amerikanern besetzt, nachdem es am Vortag noch zu einem militärischen Gefecht an der westlichen Stadtgrenze gekommen war.
Am 16. April hatte die US-Army ganz Thüringen besetzt und rückte nun weiter richtung Passau vor.
Nachdem die Lager befreit und die Städte besetzt waren, kamen Einheiten der Psychological Warfare Divison nach Thüringen. Unter ihnen auch Saul K. Padover, der feststellen sollte, wie die psychische Situation in den noch von Deutschland beherrschten Gebieten war, und wie sich die Bevölkerung gegenüber den Alliierten verhalten würde. Seine ersten Eindrücke vom Konzentrationslager Buchenwald beschrieb er in seinem, erst 1999 ins deutsche übersetzte, Werk “Experiment in Germany” wie folgt:
Während ich die Karteikarten durchging, war mir, als berühre ich den Tod. Ich las die Namen von Männern und Frauen aller Nationen […]. Ihr einziges Verbrechen hatte darin bestanden, daß sie keine Deutschen waren. Die karten befanden sich in einer so tadellosen Ordnung, daß mir ei dem Gedanken an diese teuflische, kaltblütige Mordmaschinerie ein Schauder über den Rücke lief. Die deutschen Mörder waren solche Ordnungsfanatiker, daß sie diese Unterlagen nicht vernichteten, bevor sie die Flucht ergriffen. Deutsche denken sich nichts dabei, Menschen umzubringen, aber mit Dokumenten werden sie stets sorgsam und korrkt umgehen.

Buchenwald und die Gemütlichkeit April 11, 2015 | 05:50 pm

Über die Rezeption von Befreiung und Widerstand in der postnazistischen Gesellschaft

Der ehemalige Buchenwaldhäftling Jorge Semprun beschreibt in seinem Roman „Die große Reise“ folgende Begebenheit. Nach der Befreiung Buchenwalds laufen er, mittlerweile in Uniformen der US-Armee eingekleidet, und weitere Kameraden durch die bei Buchenwald gelegenen Dörfer. Sie kommen an einem „ziemlich stattlichen“ Haus vorbei. Semprun fällt sofort auf, dass von diesem Haus aus, das Lager im Blickfeld der Aussicht gelegen haben muss. Er beschließt, dieses Haus zu betreten und die Leute kennen zu lernen, die dort die Jahre lebten und diese Aussicht hatten. Seine beiden Kameraden lehnen das Ansinnen ab, aber Semprun selber klopft an. Nachdem schließlich keiner aufmacht wird er massiver, „aufmachen“ schreit er, „los aufmachen!“ Semprun erschrickt über seinen Ton, der ihn an den der SS-Leute im Lager erinnert. Es öffnet ihm eine ältere grauhaarige Frau. Semprun betritt das Haus, die Frau des Hauses folgt ihm auf Schritt und Tritt. Semprun sucht sofort das Stockwerk auf, von dem aus das Lager zu sehen sein muss. Schließlich betritt er ein Zimmer, dessen Fenster in Richtung des Lagers weisen. „Genau im Rahmen eines der Fenster zeichnet sich der viereckige Krematoriumsschornstein ab.“ Die Frau bemerkt, nachdem Semprun das Zimmer betreten hat, „ein gemütliches Zimmer, nicht wahr?“ und antwortet auf seine Frage, wie denn dieses Zimmer genutzt worden sei, „in diesem Zimmer sitzen wir gewöhnlich.“ Nachdem er dann fragt, ob sie denn nicht das rauchende Krematorium bemerkt hätten, schlägt die Stimmung um, die Frau bekommt es mit der Angst zu tun, dann sagt sie „meine beiden Söhne sind im Krieg gefallen.“ Semprun kann nicht viel mehr entgegnen, als „hoffentlich sind sie gefallen.“ Und verlässt konsterniert das „gemütliche Zimmer“.

Gedenkstätte Buchenwald, Mahnmal, Winter

Diese Szene steht symptomatisch für die bis heute währende Situation des, unterschiedliche Phasen durchlaufenden, Postnazismus. Die deutsche Bevölkerung richtete es sich im Nationalsozialismus gemütlich ein. Obwohl später durchweg bestritten, waren Millionen Deutsche nicht nur Zeugen der Massenvernichtung, des alltäglichen Terrors und der Verfolgung, sie waren Beteiligte und Profiteure. Und als sie dann im Laufe des Frühjahrs 1945 damit konfrontiert wurden, dass sie in dieser Rolle von den übrig gebliebenen Opfern und Vertretern der Siegermächte ertappt wurden, kehrten sie das eigene Leid hervor und erklärten sich zu Opfern derjenigen, denen sie kurz zuvor noch mit großer Begeisterung folgten oder die sie selber darstellten. In dem sie sich zudem als Opfer des Bombardements ihrer Städte, als heimatlos gewordene Flüchtlinge und Umgesiedelte aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, als trauernde Angehörige gefallener Soldaten und schließlich als Hungerleider im folgenden Winter definierten, konnten sie sich darüber hinaus als Opfer eines Krieges definieren, der über Europa und vor allem Deutschland hereingebrochen sei, wie die Pest anno dazumal.

Buchenwald wurde vor 70 Jahren befreit. Anders als es das Narrativ in der DDR behauptete, waren es die herannahenden US-Truppen, die die SS-Einheiten dazu veranlassten, das Lager zu verlassen, was es dem in Buchenwald agierenden Widerstandskomitee ermöglichte, die Kontrolle des Lagers nach der Flucht der SS zu übernehmen und das Lager den kurz danach eintreffenden US-Truppen zu übergeben.

Aufstände gab es in einigen Lagern. In Treblinka, Sobibor, Auschwitz und in Mauthausen. In allen diesen Lagern war es den Aufständischen bewusst, dass sie der Vernichtung zugeführt werden sollten. Die Option auszuhalten und im letzten Augenblick, beim Herannahen der Truppen der Alliierten loszuschlagen, um wie in Buchenwald einer drohenden Liquidation des Lagers zuvorzukommen, bot sich in Treblinka oder Sobibor nicht oder führte wie in Auschwitz oder in Mauthausen zu Konflikten zwischen den Akteuren der Widerstandsgruppen und denen, die den Aufstand riskieren wollten. Die in Auschwitz und in Mauthausen agierenden Widerstandsgruppen setzten wie in Buchenwald darauf, den Augenblick abzuwarten, zu dem die alliierten Truppen vor den Toren des Lagers gestanden hätten – eine Option die den für die „Sonderkommandos“ abgestellten Häftlingen in Auschwitz (Juden) und den Häftlingen des Todesblocks (gefangene Rotarmisten) in Mauthausen nicht blieb. Sie sollten unabhängig vom Frontverlauf, wie ihre Leidensgenossen vernichtet werden.

In Auschwitz, Treblinka und Sobibor fand die nationalsozialistische Ideologie zu ihrer Vollendung, indem dort vor allem Juden umgebracht wurden um die “jüdische Rasse” als halluziniertes Gegenprinzip zur deutschen Volksgemeinschaft zu vernichten. Lager wie Buchenwald und Dachau waren hingegen Instrumente des Terrors, der sich gegen tatsächliche und vermeintliche Gegner des Nationalsozialismus richtete, um sie einzuschüchtern und zu dezimieren. Ebenfalls sollten in diesen Lagern Unbotmäßige, “Arbeitsscheue”, “Asoziale” und Kriminelle zu “ordentlichen Volksgenossen umerzogen” werden. Während also die Inhaftierung von Juden in den Vernichtungslagern keinem anderen Zweck diente, als sie dort umzubringen, wurde in den übrigen Konzentrationslagern die politische Auseinandersetzung fortgeführt, die außerhalb der Lager (zunächst in Deutschland dann in den besetzten Gebieten) geführt wurde. Später dienten die Konzentrationslager auch wirtschaftlichen Gesichtspunkten. Dieser Unterschied setzte die o.g. unterschiedlichen Rahmenbedingungen für etwaigen Widerstand und dessen Aktionen.

Die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern bewegte sich zwischen 4.000 im Jahr 1935 und 60.000 Ende 1938, von denen die meisten Juden waren, die während der Reichspogromnacht festgenommen wurden. Viele von ihnen wurden aber kurz danach wieder entlassen um sie in die Emigration zu treiben oder drei Jahre später in die Vernichtungslager zu deportieren. Diese Zahlen verdeutlichen die politische und gesellschaftliche Bedeutung der Opposition gegen Hitler in Deutschland und den Stellenwert der antisemitischen Verfolgung.  Erst nach Kriegsbeginn wuchs die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf mehrere 100.000 Häftlinge. Die größte Anzahl wurde nun von Häftlingen gestellt, die als Gegner der deutschen Besatzung aus ganz Europa in die Lager verschleppt wurden, die deutschen Häftlinge stellten in den vierziger Jahren eine kleine Minderheit dar. Insgesamt schätzt man die Zahl der Häftlinge in den Konzentrationslagern auf 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen von denen ca. 450.000 umkamen.

Mehr als 3 Millionen Juden wurden in den Vernichtungslagern umgebracht, auch Sinti und Roma und sowjetische Kriegsgefangene. Die Tatsache, dass es Aufstände in den Vernichtungslagern gab, nicht jedoch in den Konzentrationslagern Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald usw., blieb in der DDR-Geschichtsschreibung unbenannt. Die Rolle der Vernichtungslager wie die der antisemitischen Ideologie und Praxis des Nationalsozialismus wurde in der DDR nur am Rande thematisiert. Im Vordergrund stand die Befassung mit der politischen Auseinandersetzung zwischen Widerstand und dem NS-Regime, wobei durch die Überhöhung der Bedeutung des antifaschistischen Widerstandes die deutsche Volksgemeinschaft im Ergebnis exkulpiert wurde wie auf ganz andere Art und Weise im Westen. Die Übernahme des KZs Buchenwald durch das Häftlingskommitee am 11. April 1945 kurz nachdem die SS geflohen war, wurde zum Aufstand des Antifaschismus in Deutschland uminterpretiert. Mangels eines Aufstandes des deutschen Proletariats oder der deutschen Bevölkerung gegen das NS-Regime wurde so der vermeintliche Aufstand in Buchenwald in der DDR zum zentralen Chiffre des antifaschistischen Widerstands. Dieses Ereignis diente der DDR, die sich von Beginn an positiv auf den antifaschistischen Widerstand bezog, als Bezugspunkt nationaler und politischer Identität, entsprechend bedeutsam waren sowohl Erzählungen über das Lager, das Lager als Initiationsstätte politischer Jugendorganisationen, als auch der jährlich stattfindende Erinnerungskult unter Einbindung des internationalen Buchenwaldkommitees.

Dass Buchenwald faktisch von den US-Truppen befreit wurde, heißt jedoch nicht, dass es dort keinen organisierten Widerstand gegeben hätte, dass Buchenwald kein Vernichtungslager war nicht, dass es dort keinen tausendfachen Mord an Häftlingen, keinen entgrenzten Terror gegen wehrlose Gefangene gegeben hat. In Buchenwald gelang es dem von Kommunisten dominierten Lagerwiderstand trotz widrigster Umstände, eine Untergrundorganisation aufzubauen, aus dem schließlich das internationale Buchenwaldkommitee erwuchs, dem es gelang, wichtige Positionen im Lager zu übernehmen, die die SS vorsah, um den riesigen Terrorkomplex verwalten zu können. Diese Taktik des Widerstandes war damit verbunden, mit der SS in bestimmten Fragen zu kooperieren. Dabei mussten Kompromisse eingegangen werden, aber es gelang so immer wieder einige bedrohte Personen zu schützen und zu helfen sowie eine im geheimen agierende Widerstandsorganisation aufzubauen, die sich sogar einige Waffen organisieren konnte. In den Lagern, in denen Kriminelle diese Positionen einnahmen, war dies so gut wie unmöglich. Dort waren die Häftlinge vollkommen schutzlos dem Terror der SS ausgeliefert, der von den kriminellen Funktionshäftligen schlicht fortgeführt wurde. Es ist Ausdruck eines hermetisch-perfektionierten Terrorsystems sowie der völligen Abschottung von jeglicher Unterstützung durch ein Außen, dass die Handlungsoptionen eines sich formierenden Widerstands, auch wenn er vor dem Hintergrund eines ihm wohlwollend gegenüber positionierten, aber machtlosen Kollektivs agiert, äußerst begrenzt sind und die Grenze zwischen den für die Betroffenen nützlichen Handlungen und faktischer Kollaboration fließend sind. Dieser Widerstand ist aber auch Ausdruck eines ungebrochenen Kampfeswillens und eines äußersten Mutes, das vor allem, weil er völlig auf sich gestellt war. Diesen mutigen Widerstand gab es auf reichsdeutschem Gebiet vor allem in den Konzentrationslagern Dachau und Buchenwald (und unter den Zwangsarbeitern).

Grundsätzlich davon verschieden ist die Situation in Deutschland außerhalb der Konzentrationslager während des Nationalsozialismus, der als Konsensdiktatur zu begreifen ist. Natürlich gab es den Widerstand der Kommunisten, Sozialdemokraten, Anarchisten, Christen und einigen anderen auch außerhalb der Lager. Aber so gesellschaftlich isoliert die Widerstandskämpfer im Lager waren, so waren es sie auch der außerhalb der Lager. Innerhalb der Lager gab es zwar auch Verrat und Ränkespiele, jedoch konnten die Widerstandskämpfer innerhalb des Lagers auf eine sie stützende Gemeinschaft bauen, wenn der Rückhalt der Häftlingsgemeinschaft auch häufig nur moralischer Natur war. Zwar gab es Deutschland auch während des Nationalsozialismus nonkonformistisches Verhalten, die Phänomene des sich Wegduckens und der inneren Immigration, der angesichts des absoluten Antihumanismus und Nihilismus gebotene Widerstand blieb in Deutschland jedoch ein isoliertes Randphänomen. Die Politik des Nationalsozialismus war mehrheitsfähig und Hitler ein populärer Politiker. Die deutschen Volksgenossen wähnten sich herrlichen Zeiten entgegen zu marschieren und viele – sofern sie nicht gerade an den Eroberungs-, Raub-, und Vernichtungszügen teil hatten – richteten sich darob gemütlich ein.

Im Gegensatz zur SBZ und dann in der DDR war der Bezug auf den Widerstand in Westdeutschland ein marginales, z. T. sogar hinsichtlich der kommunistischen Tradition weiterhin verfolgtes Randphänomen. Anders als in der DDR, in der sich der Volksgenosse einem propagierten Antifaschismus anschließen konnte und somit sein schlechtes Gewissen über sein Mitmachen als Hass auf den kapitalistischen Feind projizieren konnte, blieben dem bis 1945 vorherrschenden gesellschaftlichen/politischen Bewusstsein im Westen die von den Alliierten nicht sanktionierten Formen. Diese waren der ideologisch überformte in den unmittelbaren Nachkriegsjahren mit Eifer betriebene Wiederaufbau und die in den 50iger Jahren dominante Wir-sind-wieder-wer-Haltung des “Wirtschaftswunders”, sowie das Fortwesen des nationalsozialistisch geprägten Antikommunismus, der nun im aufkommenden Kalten Krieg Anschlussfähigkeit aufwies.

Die in der BRD sich dann in den sechziger und siebziger Jahren gegen vielfältigen Widerstand etablierende Erinnerungskultur stellte vor allem den Widerstand des 20. Juli, der Geschwister Scholl und den der bekennenden Kirche in den Vordergrund. Ohne die moralische Integrität vieler dieser an diesen Gruppen Beteiligten in Zweifel ziehen zu wollen, vielen aus diesen Kreisen war gemein, dass sie zunächst der NS-Diktatur gegenüber sich indifferent oder gar zustimmend verhielten, viele aus dem Kreis des 20. Juli sogar veritable Anhänger des NS-Regimes waren und erst, die Niederlage und die selbst zu verantwortende Barbarei vor Augen, durch einen Seitenwechsel, sich selbst und die Nation vor einem erwarteten Strafgericht versuchten zu retten. Obwohl also allen ein positiver Bezug zur deutschen Nation gemein war und sie gegen Hitler vor allem deswegen opponierten, weil er schuldhaft den Krieg zu verlieren drohte, diese Haltung also durchaus an einen zum Kriegsende zunehmenden Überdruss angesichts Hitlers Versagens als Kriegsherr anknüpfte, herrschte in der Nachkriegszeit eine weit verbreitete Haltung vor, diesen Verrat an der deutschen Sache vorzuwerfen.

Diese Haltung änderte sich erst im Laufe der sechziger Jahre als es angesichts des Braunbuches, des Auschwitzprozesses, beginnender wissenschaftlichen Aufarbeitung nationalsozialistischer Verbrechen und einer vor allem von studentischen Kreisen eingeforderten Befassung mit den Verbrechen der Elterngeneration opportun wurde, einen positiven Bezug zur Gegnerschaft des Nationalsozialismus einzunehmen. Der Antinazismus bewies zunehmend Gesellschaftsfähigkeit, ohne jedoch die Konsequenz daraus zu ziehen, die in einer gründlichen Abrechnung mit der damals noch häufig in Amt und Würden agierenden Tätergeneration, sowie in einer Bereitschaft zur Sühne und kostenpflichtigen Übernahme von Verantwortung für Schuld gegenüber den Opfern des Nationalsozialismus (vor allem denen im Ausland), einer konsequenten Bekämpfung nazistischer (Wieder-)Betätigung sowie des Antisemitismus, der sich auch in einer bedingungslosen Solidarität gegenüber Israel auszudrücken hat, bestanden hätte – was aber nicht stattfand.

Hinsichtlich letzterem formiert sich die deutsche Volksgemeinschaft dahingehend, dass die Freunde des deutschen Friedens in schlechter Tradition des Antifaschismus den Hauptaspekt des Nationalsozialismus, den Antisemitismus verdrängen und den Faschismus zur terroristischen Herrschaftsform des Kapitals über das deutsche Volk und den Krieg, mit dem Nazideutschland Europa überzog, zu Hauptaspekten des NS erklären. Der um wesentliche Momente verkürzte Buchenwaldschwur dient somit bis heute dieser Bagage als erhabene Parole, wenn es darum geht, vor allem das Land zu diffamieren und zu delegitimieren, dass sich gegen tätigen Antisemitismus zuverlässig und aktiv wehrt und denen dann in die Arme zu fallen, wenn sie mal die Richtigen aufs Korn nehmen. Die vielfach (zurecht) kritisierte Querfront des sog. Friedenswinter und der eher linksorientierten klassischen Friedensbewegung ist kein neuer Aspekt, sondern hat Tradition.

Die literarischen und cineastischen Befassungen mit dem Nationalsozialismus, in denen versucht wird, den Widerstand gegen den NS als Massenphänomen zu begreifen oder Opfer unter der deutschen Volksgemeinschaft zu suchen, zählen Legion. Unwillige, unwissende oder verführte Soldaten, Kinder unter den Bombenopfern, vergewaltigte Frauen, die ums Leben und ihre Gesundheit gebrachten Volksgenossen, derer sind Viele, das Murren, das Wegducken, eine defätistische Bemerkung, Lästereien über Hitler und seine Satrapen, aber auch das Zustecken eines Brots für einen hungernden Zwangsarbeiter, all dies wird zu Widerstandsaktionen geadelt, was es – obwohl es durchaus auch gefährlich sein konnte – nicht war.

So, wie die nach Deutschland eintreffenden Vernehmungsoffiziere der US-Armee, der britischen und der Roten Armee damit konfrontiert wurden, nur noch Opfer und Gegner des Nationalsozialismus anzutreffen, so stellt sich das nationale Narrativ bis heute dar. Die quasi offiziösen Exkulpationsschinken “UMUV”, “Die Flucht”, “Wolfskinder” usw. sind jüngste Beispiele hierfür, dass sich seit der Gruppe 47 und dem Film “Die Brücke” nicht viel geändert hat, nur dass zuerst genannte entgegen den zuletzt genannten hegemoniale Bestandteile der Erinnerungskultur geworden sind und platter Geschichtsrevisionismus à la Konsalik, Mansteinliteratur etc. heute nicht mehr en vogue ist.

Auf der politischen Ebene sieht es dann so aus, dass zwar regional und überregional zu allen möglichen Anlässen den Opfern des NS gedacht wird und man mittlerweile (seit Bitburg) auch darum bemüht ist, nicht die ums Leben gekommenen Volksgenossen im gleichen Atemzug in das Gedenken mit einzubeziehen. Doch das vielerorts stattfindende regionale Gedenken an die Zerstörung der deutschen Städte, den, auf ihren europaweiten Raubmordzügen, ums Leben gekommenen Soldaten und den, an der “Heimatfront” im Bombenhagel, ums Leben gekommenen Volksgenossen geltenden Trauer am Volkstrauertag, sowie das Bemühen, den “Vertriebenen” ein Denkmal in Berlin zu errichten, all das spiegelt bis heute genau das wieder, was Semprun 1945 bei Weimar mit dem Verweis auf die gefallenen Söhne widerfuhr. Vor dem Hintergrund einer allgemeinen der Exkulpation dienenden vor allem aufs symbolische abzielenden Erinnerungskultur und -politik in Verbindung mit dem Beharren am eigenen Status als Opfer ist dies das Fortwesen einer, die bundesdeutsche Gesellschaft wie eine Patina überziehende Haltung des Verdrängens und Vergessens.

Ganz andere Maßstäbe werden hingegen an den Widerstand in den KZs gelegt. Ein seit den Neunziger Jahren im Gestus der wissenschaftlichen Genauigkeit und in moralischer Überheblichkeit daherkommendes Beckmessertum wirft nunmehr den Widerstandsgruppen in Buchenwald vor, mit der SS zum eigenen Nutzen paktiert zu haben und sich in der Ergatterung der Funktionsstellen gemütlich eingerichtet zu haben. Diese Haltung steht spiegelbildlich zu jener, die vor einigen Jahrzehnten behauptete, man könne die Verhältnisse im NS nicht beurteilen und sei von unerträglicher Moralität besessen, wenn man die Tätergeneration damit konfrontierte, was sie getan und unterlassen habe und im gleichen Augenblick nachschob, man hätte von nichts gewusst.

Während unter der Tätergeneration mit akribischen Eifer nach Widerstandshandlungen gesucht wird, jeder Volksgenosse der einem Zwangsarbeiter ein Brot zusteckte, einem Juden zur Flucht verhalf oder gar versteckte, zum großen oder kleinen Helden der Nation erklärt wird und als Filmheld auf die Leinwand als Romanheld zwischen die Buchdeckel gebannt wird, werden diejenigen, die dem unmittelbaren Terror der SS ausgesetzt waren, unter mörderischen Bedingungen Widerstand leisteten und das Überleben zu organisieren versuchten, zu selbstsüchtigen Anhängern eines dem NS ähnelnden Totalitarismus erklärt.

Die grau gewordenen Söhne und Töchter, die Enkel und Enkelinnen der Täter können sich es beim Fernsehschauen der jüngsten Machwerke deutscher Fernsehanstalten in ihren Wohnstuben gemütlich machen. Befürchtungen, es könnte ein Überlebender der Konzentrationslager an die Tür klopfen um den Blick aus dem Fenster einzufordern, müssen sie nicht mehr haben.

Demo 70 Jahre Befreiung & Besetzung April 11, 2015 | 02:59 pm

Gestern, am 10. April, feierten wir 70 Jahre Besetzung Hannovers und die damit verbundene Befreiung vom deutschen Nationalsozialismus durch die Alliierten. Mit uns waren ca. 50 andere auf der Straße, um dem deutschen Gedenkkonsens eine Absage zu erteilen und den Befreiermächten zu danken. Wir gingen den Weg der US Army beim Einmarsch in Hannover vom Freizeitheim Linden über die Limmerstraße bis zum Lindener Marktplatz nach, wo die Truppen einen Stützpunkt errichteten.
Nie wieder Deutschland!

Hier ein paar Fotos:

Dämmo1

Wolkenatlas/Cloud Atlas – vom Quartett zum Film April 11, 2015 | 10:09 am

Als ich mich nach längerem Ringen dann doch dazu entschloss, mir einmal David Mitchels Der Wolkenatlas zu Gemüte zu führen, befürchtete ich schon halb eine ähnliche Enttäuschung wie im Falle von David Foster Wallaces Unendlicher Spaß. Ein heftig gehyptes Werk mit dezidiert als postmodern angepriesener Erzählweise, dazu noch ein Film mit durchwachsenem Ruf, ein hastig […]