Ferne Welten

Von der RAF in die Szenekneipen

Derzeit bereist Lutz Taufer linksdeutsche Zentren und Buchhandlungen, um seine Biographie vorzustellen. Als Kader der RAF beteiligte er sich an der Geiselnahme in der deutschen Botschaft, in deren Verlauf zwei Mitarbeiter ermordet wurden, bevor die Gruppe ihren Sprengstoff einsetzte. Heute fungiert Taufer als geläutertes Aushängeschild einer anderen Truppe, die Teil der anti-israelischen NGO-Szene ist. Phrasen, die den einseitigen Krieg der antisemitischen Internationale als banalen Konflikt verkennen, zeichnen Einordnungen des ehemaligen RAF-Mitglieds aus. Mit aktuelleren Einlassungen knüpft Taufer an alte Feindbilder an. Sein neuer Verband, der mit PFLP-Kadern kooperiert, wendet sich schließlich gegen Israel, wobei manche Akteure sogar den Boykott des Judenstaates anstreben.

„Feinde des Volkes“ bekämpfte die vormalige Gruppe des Lutz Taufer mit mörderischer Effizienz. Sie wähnten sich im Einklang mit der postnazistischen Bevölkerung, die „Auschwitz, Dresden und Hamburg nicht vergessen“ hätte. Die erste Generation attackierte das Springerhochaus, wobei sie 17 Arbeiter_innen durch Sprengstoff verletzte. Als Legitimation diente die angebliche „Unterstützung für den Zionismus“. Wenig später griff die Struktur das US-Hauptquartier per Autobombenanschlag an, wobei der Körper von Captain Clyde R. Bonner zerrissen und der Schädel von Specialist Charles Peck zertrümmert wurde. Ronald A. Woodward starb auf dem Weg ins Krankenhaus. Die Gruppe erklärte diese Morde in einem Bekennerschreiben, das die Shoa durch Gleichsetzung relativierte: Es „ist Auschwitz“, urteilte die RAF über Vietnam.

Anti-Amerikanismus und Antisemitismus der deutschen Rackets, die an gängige Erklärungsmuster linksreaktionärer Milieus anknüpften, führten zur gemeinsamen Praxis mit den Feinden des israelischen Staates: „Die RAF bildete, auch dies eine Tatsache, eine strategische Front mit der palästinensischen Guerilla gegen die Überlebenden der deutschen Vernichtungspolitik in Israel“. Dem ging eine Pogromrhetorik einher, die Israel und jüdische Politiker als Wiedergänger der Nazis kennzeichnete. Zugleich verharmloste die Gruppierung das nationalsozialistische Vernichtungsprojekt, das sie als „politische und militärische Vorwegnahme des imperialistischen Systems der multinationalen Konzerne“ bezeichnete. In dieser Gruppierung organisierte sich Taufer, der als Teil der zweiten Generation die „Very Big Raushole“ plante, um Personen wie Andreas Baader die Freiheit zu bringen.

Am 24. April 1975 stürmten sechs RAF-Mitglieder, unter ihnen Lutz Taufer, die Botschaft der Bundesrepublik in Stockholm. Dort nahmen die Kader zwölf Geiseln, bevor sie sich im oberen Stockwerk verbarrikadierten. Als „Kommando Holger Meins“, der einige Monate zuvor während eines Hungerstreiks verstarb, exekutierten die Akteure zwei Mitarbeiter der Botschaft. Einer Person wurde, aus direkter Nähe und von hinten, mit fünf Schüssen in Kopf, Rücken, Becken und Beine niedergeschossen, bevor ihn die RAF-Kader zum Sterben eine Treppe herunterwarfen. Dem anderen Opfer schoss ein Mitglied von hinten in den Kopf. Danach legten diese Akteure ihr TNT, das im Anschluss zur Explosion kam, wobei zwei RAF-Mitglieder ums Leben kamen. Zuvor hatte der damalige Bundeskanzler, der ehemalige Wehrmachts-Offizier Helmut Schmidt, alle Forderungen abgelehnt.

Lutz Taufer, der in der postnazistischen Gesellschaft mit „Werten“ wie „Fleiß, Ordnung, Sauberkeit“ aufwuchs, verarbeitet diese „Ereignisse“ in einem Buch, das er nun in linksdeutschen Zentren vorstellt. Zur Abkehr brachten ihn nicht die Morde an den GIs oder die Bomben gegen Arbeiter_innen, sondern Aktionen der „Offensive ’77“, in deren Rahmen PFLP-Kader des antisemitischen Terropaten Wadi Hadad eine Maschine der Lufthansa kaperten. Es seien „ganz normale Menschen, wie meine Kolleginnen und Kollegen beim Weltfriedensdienst“ gewesen, sagt Taufer im Rückblick. Er distanziert sich mittlerweile, weil diese Tat „eine Aktion gegen das Volk“ gewesen sei. Die Morde von Stockholm bezeichnet er als „ein Verbrechen“. Vom Antisemitismus und Anti-Amerikanismus seiner Gruppierung schweigt Taufer zumindest in Interviews, durch die er sein Buch bewirbt. Dafür glorifiziert der ehemalige Stadtguerillero die RAF als  „verspätete Résistance“.

Derzeit kündet das ehemalige RAF-Mitglied von anderen Taten. Nach seiner Haft ging Taufer für eine NGO in brasilianische Favelas. Bis heute engagiert er sich im „Weltfriedensdienst“, den das Bundesministerium für Entwicklung mitfinanziert. Taufer sitzt im Vorstand dieser Vereinigung, die auch in „Palästina“ tätig ist: „Unter seiner Mitwirkung wurden Multiplikatoren ausgebildet, Theaterprojekte aus der Taufe gehoben, Werkstätten eingerichtet und Formen solidarischer Ökonomie aufgebaut“, loben die verschwörungsideologischen „Nachdenkseiten“. Er setze sich dafür ein, „dass Frieden und Gerechtigkeit zueinander finden und sich die Strategie des Glücks ausbreite“, heißt es dort.

„In Palästina fördern wir die Theaterarbeit von Jugendlichen, mit denen sie sich sowohl gegen das Siedlerregime als auch gegen ihre konservative Comunity emanzipieren können“, erzählt Taufer, der mit solchen Einordnungen deutliche Positionen bezieht. Seine Gruppierung benennt derweil den üblichen Schuldigen, den schon die RAF als Feind identifizierte: „Die palästinensische Bevölkerung leidet seit Jahren unter der israelischen Besatzung. Durch den anhaltenden Konflikt und den instabilen Friedensprozess wird der Aufbau eines souveränen und wirtschaftlich stabilen palästinensischen Staates verhindert“, klagt die Truppe, die nach eigenen Angaben einen „Ansatz verfolgt“, der die „Interessen beider Völker in Israel/Palästina (…) berücksichtigt“.

Einladung im Szene-Blog, der „neue Perspektiven“ verspricht

Der anarchistische Verlag, der die Biographie des geläuterten Taufer verlegt, schreibt von politischen, moralischen und kulturellen „Grenzüberschreitungen“, für die der Friedensaktivist heute stehe. In seiner Biographie klagt ihr Autor über das „besetzte Palästina“, während er eine antisemitischen Erklärung der RAF, die sich gegen „israelische Ausrottungspolitik“ richtete, als „fragwürdige Schrift“ verharmlost. Sein neuer Verband veröffentlicht Berichte, die Israel dämonisieren. Hier erzählen Aktivisten das alte Märchen von „Stein, Staub und Stacheldraht“, während die Tätigkeit in „Palästina“ als „fester Bestandteil der Arbeit des Weltfriedensdienstes“ definiert wird.

Briefe dieses Vereins, für den Taufer arbeitet, gelangen an Charaktermasken wie die Bundeskanzlerin, die den israelischen Staat laut „Weltfriedensdienst“ belehren soll. Währenddessen treiben Partnerorganisationen wie „Al-Haq“ die Verunglimpfung des israelischen Staates voran, indem sie Zionismus als Rassismus definieren. Die Gruppierung, mit der Taufers Friedensdienst eng kooperiert, rief als BDS-Unterstützung wiederholt zum „Boykott israelischer Produkte“ auf. Taufers neue Struktur organisiert ebenfalls „öffentliche Proteste“ gegen Israel, die mit „Einladungen der palästinensischen Partner nach Deutschland“ einhergehen, „um sich und ihre Arbeit selbst vorzustellen“. Auf die Einladung des „Al-Haq“-Vorsitzenden muss Taufers „Weltfriedensdienst“ bislang verzichten. Es ist Shawan Jabarin, einer der „führenden Aktivisten der Terrororganisation ‚Volksfront für die Befreiung Palästinas‘ (PFLP)“.

Die antisemitischen Einordnungen, die die RAF betrieb, dämonisierten Israel. Eine ähnliche Ablehnung dieses Staates manifestiert sich auch in den Erklärungen, die der „Weltfriedensdienst“ publiziert. Taufers Biographie verbindet beide Gruppen, die auf den ersten Blick nur wenige Schnittmengen besitzen. In der Ablehnung Israels scheint die postnazistische RAF aber mit der pazifistischen Truppe geeint. Das zeugt die Unterschrift eines Ehrenmitglieds, der im Aufsichtsrat der deutschen Pazifist_innen agiert. Helge Löw, Ehrenvorstandsmitglied im „Weltfriedensdienst“, unterstützte 2013 einen Boykott-Aufruf, der sich gegen die „Judaisierung des Bodens“ wandte.

Ähnliche Phrasen verwendet Taufer, der mit bestimmten Positionen niemals brach. In einem Interview raunt das ehemalige RAF-Mitglied von „fanatischen israelischen Siedlern und Soldaten“. Dabei spricht er von einer „fünfzig Jahre dauernden israelischen Besatzung und Annexion des palästinensischen Gebiets“. Im Aufruf zur Veranstaltung in Oldenburg, die in einem autonomen Szenetreff stattfindet, fehlen derartige Einordnungen. Stattdessen möchten die örtlichen Veranstalter_innen debattieren, „worin der emanzipatorische Charakter der Bewegung lag und an welchen Stellen er verloren ging“. Dass er nie existierte, ist dort auch 2017 noch nicht angekommen.