Nichtidentisches

Zu Shlomo Sands Brief an Macron

Emmanuel Macron hatte an Gedenkfeiern zu den Vel d’Hiv-Deportationen am 16/17 Juli 1942 teilgenommen und den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu eingeladen. Mehr noch, Macron verurteilte den Antizionismus als „Neuauflage des Antisemitismus“.

 Gegen dieses in Europa leider immer noch revolutionäre Bekenntnis wendet sich der an der Universität Tel Aviv lehrende israelische „Historiker“ Shlomo Sand in einem offenen Brief. Bemerkenswert ist seine Professur an der Universität Tel Aviv insbesondere deshalb, weil ein „Task-Force-Bericht“ der „American Association of Anthropologists“ (AAA) behauptet, regierungskritische Positionen würden an den israelischen Universitäten unterdrückt. Sand war Mitglied der Matzpen-Partei, die 1962 gegründet und 1970 und 1972 in PLO-nahe Gruppen zerfiel.

Sein Schluss aus Macrons Rede:

Yes, we must continue to fight all forms of racism. I saw these positions as standing in continuity with the courageous statement you made in Algeria, saying that colonialism constitutes a crime against humanity.

Im nächsten Satz kommt diese Gleichsetzung auf ihren Grund, die Täter-Opfer-Umkehr:

But to be wholly frank, I was rather annoyed by the fact that you invited Benjamin Netanyahu. He should without doubt be ranked in the category of oppressors, and so he cannot parade himself as a representative of the victims of yesteryear.

Benjamin Netanyahu ist Zielscheibe von tausenden antisemitischen Karikaturen. Sein Bruder Yonatan Netanyahu wurde im Einsatz gegen eine antisemitische Geiselnahme in Uganda getötet. Er ist als Vertreter des jüdischen Staates nicht nur legitimer Repräsentant der Opfer des Nationalsozialismus, er ist selbst Opfer des Antisemitismus. Sands Versuch der Historisierung als „yesteryear“ ist in sich eine Abwehr der Kontinuität des Antisemitismus und für sich eine Entwertung des Gedenkaktes und der Opfer. Sand fährt fort:

I stopped being able to understand you when, in the course of your speech, you stated that “Anti-Zionism . . . is the reinvented form of antisemitism.”

Was this statement intended to please your guest […]?

Hier suggeriert Sand eine umgekehrte Hierarchie: Frankreichs Präsident würde Netanyahu „schmeicheln“ oder „zufriedenstellen“ wollen und nicht aus innerer Überzeugung,  sondern aus politischem Kalkül handeln.
Sand beruft sich auf eine Reihe von Juden, die er als „antizionistisch“ versteht und die demnach keine Antisemiten sein könnten. Nicht zufällig arbeitet er seinem Publikum die Information zu, dass Marcon für eine Rothschild-Bank gearbeitet habe und führt dann ein Zitat Nathan Rothschilds an, in dem dieser Herzls Plan Skepsis entgegenbringt.

Nonetheless, I suppose that you do not particularly appreciate people on the Left, or, perhaps, the Palestinians. But knowing that you worked at Rothschild Bank, I will here provide a quote from Nathan Rothschild. […] A Jewish state “would be small and petty, Orthodox and illiberal, and keep out non-Jews and the Christians.”

Sands nächster Schritt ist die Gleichsetzung von antizionistischem Antisemitismus und einem vermeintlichen zionistischen Antisemitismus:

Of course, there have been, and there are, some anti-Zionists who are also antisemites, but I am also certain that we could find antisemites among the sycophants of Zionism. I can also assure you that a number of Zionists are racists whose mental structure does not differ from that of utter Judeophobes: they relentlessly search for a Jewish DNA (even at the university that I teach at).

Selbst wenn es eine solche Forschung gäbe (gemeint ist vermutlich die medizinisch sinnvolle Genom-Forschung an tatsächlich in bestimmten jüdischen Gruppen entstandene Neigung zu bestimmten Krankheiten), ist diese Gleichsetzung ein völlig aus den Fugen geratene Verhältnis. Den antizionistischen Antisemitismus kann Sand offenbar weder in seiner Genozidalität erkennen noch kritisieren. Das macht das Chiastische der gleichzeitigen Verharmlosung des Antisemitismus und Dämonisierung Israels so typisch.

Sands historische Analyse läuft auf die Aussage hinaus, dass Juden auch in die USA hätten emigrieren können:

Up until that point, the mass of the Yiddish-speaking people who wanted to flee the pogroms of the Russian Empire preferred to migrate to the American continent. Indeed, two million made it there, thus escaping Nazi persecution (and the persecution under the Vichy regime).

Die zwei Millionen flohen vor dem Zarismus. Diese Fluchtbewegung in den Nationalsozialismus auszudehnen ist schlicht und einfach eine Lüge. Die USA verweigerten jüdischen Flüchtlingen systematisch Obdach und Fluchtmöglichkeiten. Lediglich 200.000 schafften es, bis 1941 zu fliehen, ab dem Zeitpunkt war es praktisch unmöglich, in die USA zu gelangen. 1938 war außer Haiti keine Nation mehr bereit, auch nur mehr als zehntausend jüdische Flüchtlinge aus Europa aufzunehmen. War der russische Antisemitismus bereits Auslöser und Grund genug für die Schaffung eines jüdischen Staates, so belegte spätestens der Holocaust den Sachverstand Theodor Herzls und der Zionisten. Sands aggressiver Verharmlosung der Situation jüdischer Flüchtlinge folgt sein Hauptziel, die Gleichsetzung von Zionismus mit dem Nationalsozialismus:

A child born as the result of a rape does indeed have the right to live. But what happens if this child follows in the footsteps of his father? And then came 1967.

Der hier offensichtliche Bruch mit jeder noch so marginalen Restvernunft, der vollständige Aufklärungsverrat, führt eher in die Frage,  was für ein absurd liberaler Staat Israel ist, dass er diese aggressive Inkompetenz Sands mit einer Professur honoriert hat.

Der Beitrag Zu Shlomo Sands Brief an Macron erschien zuerst auf Nichtidentisches.