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Joseph, Herr des Überblicks

Zur Trennung geistiger und körperlicher Arbeit in Thomas Manns Josephs-Roman

„Historischer Materialismus ist Anamnesis der Genese.“[1]

– Theodor W. Adorno

Wer einmal dazu gezwungen war, sich mit dem zu beschäftigen, was die akademische Thomas-Mann-Forschung zur Josephs-Tetralogie verfasst hat, muss schnell feststellen, dass diese sich nicht so sehr mit dem Werk selber, stattdessen aber ausgiebig mit seinem Autor befasst. In jenen wenigen Arbeiten, in denen das Geschichtsbild, das der Roman doch ausführlich entwirft, überhaupt thematisiert wird, behandelt man an der Universität nicht das Geschichtsbild, das sich im Roman selber zeigt, sondern das des Autors. Die einzige akademische Arbeit, die sich überhaupt ausführlich mit der historischen Darstellung, die im Josephs-Roman selber erfolgt, beschäftigt, ist eine in den 70er-Jahren verfasste Dissertation unter dem Titel „Thomas Manns Roman-Tetralogie ‚Joseph und seine Brüder‘ als Geschichtsdichtung“[2]. Von dieser Ausnahme abgesehen, die dann auch eher bemüht ist, den Roman mit der tatsächlichen historischen Realität der biblischen Welt oder des alten Ägyptens zu vergleichen und die umfangreichen historischen Recherchen Manns zu betonen, spielt Gesellschaftliches bei der Frage nach dem Bild, das der Roman von der Geschichte zeichne, keine Rolle mehr. Für die Thomas-Mann-Forschung und ihre Zumutungen repräsentative Arbeiten wie die von Klaus Bock zum „Geschichtsbegriff und Geschichtsbild bei Thomas Mann“[3] behaupten gar, die Psychologie sei das Triebmoment der Geschichte im Josephs-Roman und verwechseln dabei eindeutig den Roman mit seinem Autor.

Denn es spricht vieles dafür, dass die Darstellung im Roman – an der Intention des Autors vorbei – ein weitaus differenzierteres Bild vom Fortgang der Geschichte zeichnet, als es die Thomas-Mann-Forscher erkennen können. Eine genauere Betrachtung der Darstellung von Gesellschaft und Geschichte, die letztlich die Handlung motiviert, zeigt nämlich, dass der Roman, anders als weitgehend behauptet, ein Geschichtsbild vertritt, dass dem Alfred Sohn-Rethels näher ist als dem, das die Forschung Thomas Mann zuschreibt. Sohn-Rethel betonte nämlich, was sich auch in der Josephs-Tetralogie zeigt:„Die sogenannte Kulturgeschichte der Menschheit fällt […] de facto und mit Grund zusammen mit der Geschichte der menschlichen Ausbeutungsverhältnisse.“[4]

Der Stamm Jaakobs

Der biblische Text, auf den sich Manns Roman stützt, gibt über die Lebenssituation des jungen Joseph folgende Auskunft: „Jofsef, siebzehnjährig, war mit seinen Brüdern beim Weiden der Schafe.“ (Gen 37,2, Buber/Rosenzweig) In anderen Übersetzungen ist davon die Rede, Joseph sei Hirte gewesen.

In Manns Roman aber wird zu Beginn des zweiten Buches, das die Geschehnisse rund um den „jungen Joseph“ darstellt, etwas Bedeutendes unternommen: Der Erzähler lässt den Leser wissen, dass er eine „Erläuterung“ des biblischen Textes vornehmen wird, den er „nach der einen Seite ergänzt, nach der anderen einschränkt“ (289[5]). Es schließt sich eine genaue Beschreibung der ökonomischen Verhältnisse an, die den Stamm Jaakobs bestimmen und Josephs Lebensalltag formen.

Der Erzähler vermittelt anschließend das Bild eines Stammes, der sich im Zwischenraum zwischen nomadischer und sesshafter Lebensweise befindet und dessen ökonomische Basis die Primärproduktion – hauptsächlich die Viehzucht – bildet. Zentral ist dabei vor allem, dass die Produktion des Stammes grundsätzlich kollektiv organisiert ist. Die Söhne Jaakobs leisten alle Arbeit sowohl auf dem Feld als auch bei der Beaufsichtigung der Herden. Jaakob, als Oberhaupt des Stammes, ist von der Arbeit zwar befreit, es handelt sich hierbei allerdings nicht um ein lebenslanges Privileg. Als Stammesoberhaupt kommt ihm also nun zwar das Privileg zur intellektuellen Beschäftigung zu, er war aber nicht etwa Zeit seines Lebens von der körperlichen Arbeit befreit. Im Stamm Jaakobs existiert also keine Trennung geistiger und körperlicher Arbeit. Der Zusammenhalt des Stammes wird durch die gemeinschaftlich verteilte Arbeit gewährleistet. Weil die Mitglieder des Stammes die Arbeit kollektiv verrichten, kann sie als synthetisierendes Moment des Stammes wirken und die Stammesgemeinschaft zusammenhalten. Eine Unterscheidung zwischen Produzierenden und von ihnen getrennten Konsumierenden, die sich lediglich das von den anderen produzierte Produkt aneignen, existiert nicht. Es handelt sich beim Stamme Jaakobs also um ein Gemeinwesen, dessen Struktur nicht auf Ausbeutung basiert.

Zusätzlich zu der kurz skizzierten Erläuterung des Erzählers zu den ökonomischen Verhältnissen des Stammes wird auch die Bezeichnung Josephs als Hirte, der mit seinen Brüdern die Schafe hüte, näher betrachtet. Eigentlich nämlich hütet der Joseph des Romans nicht – oder nur selten – die Schafe mit seinen Brüdern.

„Die Arbeit nun aber, die Joseph mit den Brüdern auf Feld und Weide leistet, tat er nicht alle Tage, – man darf sie nicht allzu ernst nehmen“, (291) klärt der Erzähler den Leser auf. Stattdessen, so beschreibt der Erzähler im Folgenden die tatsächliche Arbeit Josephs, wird er vom Knecht Eliezer in den „Wissenschaften“ (291) unterrichtet. Joseph schult bei diesem Unterricht durch Eliezer seinen Scharfsinn und sein Gedächtnis, hört von den alten Mythen und Geschichten (vgl. 292), wird von Eliezer in Astrologie, Geologie, Mathematik, kaufmännischen Berechnungen, Medizin und Völkerkunde unterrichtet und lernt nicht zuletzt Lesen und Schreiben (vgl. 293ff). Im Gegensatz zu seinen Brüdern erhält er also eine Bildung, die ihn, wie Eliezer betont, ohne Weiteres dazu befähigt, „der Mazkir […] eines Fürsten und eines großen Königs Erinnerer“ (298) sein zu können.

Joseph also ist – vollkommen entgegengesetzt zur oben betonten Sozialstruktur des Stammes – von der körperlichen Arbeit befreit und erhält die Möglichkeit zur „Kopfarbeit mit Eliezer“ (361), wie der Erzähler betont. Er gerät allerdings genau dadurch in eine Isolation von seinen Brüdern, die die Stammesstruktur verteidigen, nicht zuletzt, weil sein Privileg ihre Position gefährdet. Die körperlich arbeitenden Brüder wenden sich vom geistig arbeitenden Joseph ab und bezeichnen ihn als „Träumer von Träumen“, als „Erzgescheiten“ und als „Leser von Steinen“ (301). Besonders deutlich wird die Isolation Josephs und die tiefe Zwietracht, die Josephs Privileg zur geistigen Arbeit zwischen ihm und den Brüdern schafft, wenn er sie während der Arbeit begleitet und mit ihnen auf dem Feld oder der Weide arbeitet. Kommt Joseph einmal mit den Brüdern zur Arbeit, erweisen sie sich als sehr feinfühlig, was den Charakter der Arbeitsteilung angeht und reagieren äußerst misstrauisch: Sie sind unsicher, ob Joseph nun als ihr Gehilfe kommt oder als „Vertreter und Sendling“ (291) Jaakobs erscheint und sie lediglich kontrollieren will.

Letztlich wird also, um den Stamm als nicht auf Ausbeutung basierendes Gemeinwesen zu erhalten, die Absonderung Josephs notwendig. Die Angst vor der Zersetzung, die dem Stamm durch Josephs Privilegierung von innen droht, ist groß. Aus dieser Angst vor Zersetzung motiviert sich auch die starke Abgrenzung des Stammes sowohl gegenüber den nahe gelegenen Städten als auch gegenüber dem „ägyptischen Diensthaus“ (1092), in dem „Fronfuchtel“ und „staatliche Dienstbarkeit“ (302) herrschten. Diese Abneigung vertritt vor allem Jaakob, der ausgerechnet durch die Privilegierung Josephs als Rahelskind jetzt die Möglichkeiten der von ihm an Ägypten kritisierten Ausbeutung im eigenen Stamm schafft. Der Stamm Jaakobs, vor allem vertreten durch Josephs Brüder, erweist sich aber als äußerst bemüht, sein ausbeutungsfreies Gemeinwesen beizubehalten und sich gegen die drohende Zersetzung zu wehren.

Vor dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung erst wird die Aussonderung Josephs, sein Verkauf nach Ägypten, plausibel. Ja er erscheint gar im Sinne des Erhalts der Stammesstruktur als Notwendigkeit. Die durch Josephs Privileg zur geistigen Arbeit drohende Einführung der Trennung der geistiger und körperlicher Arbeit und die damit einhergehende Einführung der Ausbeutung als gesellschaftliches Organisationsprinzip machen die Aussonderung Josephs für den Stamm zur Notwendigkeit, will er seine bestehende Struktur erhalten und nicht werden, wie das „ägyptische Diensthaus“.

Diese Lektüre des zweiten Buches der Tetralogie zeigt deutlich, wie die Handlung des Romans plausibilisiert wird. Während es im biblischen Text die göttliche Fügung ist, die die Handlung vorantreibt und Joseph seinen Weg beschreiten lässt, erscheint die Handlung des Romans vor dem gesellschaftlichen Hintergrund als plausibel. Es zeigt sich also die Bedeutung der Trennung geistiger und körperlicher Arbeit und somit die der Geschichte der Ausbeutung für den Fortgang der Handlung.

Joseph in Ägypten

Bevor die Handlung in Ägypten im dritten Buch beginnt wird wieder eine Einführung des Lesers in die ökonomischen und politischen Verhältnisse Ägyptens vorgenommen. Ausgehend von den ablehnenden Äußerungen, die der Leser schon von Jaakob über Ägypten gehört hat, wird nun ein Bild Ägyptens entworfen, dass dem vom Stamme Jaakobs gegensätzlich ist.

In Ägypten existiert eine ausgebildete Trennung geistiger und körperlicher Arbeit. Die Gesellschaft ist stark arbeitsteilig organisiert und läuft auf den Pharao als höchsten Herrscher zu, dem prinzipiell alles gehört. Dem Pharao untersteht sämtliche Arbeit und ihm gehört sämtlicher Boden.

Bei der Begegnung mit dem Bäckermeister Bata in Menfe, zeigt sich das Ausmaß der Trennung geistiger und körperlicher Arbeit.

„Er selbst war Bäcker, wie er erklärte, das hieß: er buk nicht mit eigenen Händen und steckte den Kopf nicht in den Ofen. Er beschäftige ein halbes Dutzend Gesellen und Austräger, die seine sehr guten Kipfel und Kringel in Körben auf ihren Köpfen durch die Stadt trugen“. (551)

Der „Bäckermeister“ Bata ist also noch weniger Bäcker, als Joseph Hirte ist.

Zudem betont der Roman die Bedeutung der Schrift. Über alles wird Buch geführt, alles wird von zahlreichen, extra ausgebildeten Schreibern notiert und an die nächst höhere Stelle weitergeleitet. Dies verweist auf die Position, die die geistige Arbeit im „ägyptischen Diensthaus“ einnimmt.

Der „Amtmann über das Gefängnis“ (961), Mai-Sachme, bemerkt über seinen Plan mit Joseph: „Was er aber mitbringt an Hochstand, werden wir unerbittlich ausnutzen, wie wir die Leibeskräfte ausnutzen der Tiefstehenden.“ (ebd.) Mai-Sachme betont damit sowohl die bereits oben deutlich gewordene Trennung zwischen Hand- und Kopfarbeit, die sich in der ägyptischen Gesellschaft fest etabliert hat, macht aber zum Anderen deutlich, dass die Fähigkeit zur Kopfarbeit nicht zugleich bedeutet, selber tatsächlich Ausbeuter zu sein. Zwar stehen die geistig Arbeitenden insofern klar auf der Seite der Ausbeutenden, als dass sie die Ausbeutung der körperlich Arbeitenden für diese verwalten und kontrollieren, ihre Arbeitskraft, die geistige, wird dabei aber auch ausgebeutet. Diese Herrschenden geben sich selber nicht einmal mehr mit Kopfarbeit von der Art, wie Joseph sie zu leisten hat, ab. Sie sind gänzlich geistige, der körperlichen Welt entzogene Gestalten, gehen der „Muße“ (960) nach oder versenken sich in theologische Überlegungen. Um dazu in der Lage zu sein, benötigen sie ein Heer von Schreibern und Verwaltern, das die ägyptische Gesellschaft zu einem großen Teil prägt.

Der Josephs-Roman spielt sich also genau am Übergang zwischen ausbeutungsfreier Gemeinschaft und auf Ausbeutung basierender Gesellschaftsorganisation ab. Die Geschichte der Ausbeutung bildet somit ein für den Roman zentrales Moment, da Joseph in seinem Weg von Jaakobs Stamm nach Ägypten, in der Form der Ware – als Sklave –, genau diese Stufe durchschreitet.

Joseph steigt im Roman über drei Stufen zum Großwesir des Pharaos auf, wie es auch in der biblischen Erzählung geschieht. Sein Aufstieg wird nun, wie bereits angedeutet, erneut durch die Trennung geistiger und körperlicher Arbeit und die ökonomischen Bedingungen plausibilisiert. Alle drei Herren, denen Joseph im Laufe seiner Karriere in Ägypten unterstellt ist, sind realitätsabgewandt, untätig und vollkommen abstrakt denkend. Von der ökonomischen Basis – im Roman taucht sie als „das Untere“ oder „das Dunkle“ auf – sind sie vollkommen isoliert. Sie sind nicht in der Lage eine Verbindung zwischen ihrer abstrakten geistigen Beschäftigung und der körperlichen Arbeit der anderen, die ihnen eine solch abstrakte Beschäftigung überhaupt ermöglicht, herzustellen. Genau dafür benötigen sie Joseph.

Er ist im Hause Pothipars, in das er als Sklave kam, schnell kein Sklave mehr, sondern der „schlaue Unterkopf“ eines „schlauen Oberkopfes“ und übernimmt später selbstständig die Verwaltung des Vermögens Potiphars. Und auch im Gefängnis, in das er aus dem Hause Potiphars gelangt, steigt Joseph zum Verwalter des Steinbruches auf. Auch hier muss er nicht, wie die anderen Gefangenen körperliche Arbeit im Steinbruch leisten, sondern ist als geistiger Arbeiter dafür zuständig, die körperliche Arbeit anderer zu verwalten und zu organisieren.

Auch beim Aufstieg zum Gehilfen des Pharaos wiederholt sich der Ablauf der beiden vorherigen Aufstiege. Zum Pharao gerufen, um dessen Traum zu deuten, beweist Joseph, indem er die Fähigkeiten seines Geistes (vgl. 1042) in Konkurrenz zu den Weisen des Hofes unter Beweis stellen kann, seine hervorragende Bildung und gewinnt das Ansehen des Pharaos. Dieser bezeichnet ihn als „einsichtige[n], hochbegabte[n] Jünglingsmann“ (1034), der sogar ihn selber in Einigem überträfe.

Und auch an der Figur des Pharaos findet sich das Motiv wieder, das sich in unterschiedlicher Form bereits bei Potiphar und Mai-Sachme beobachten ließ. Auch er geht den „niederen“ Geschäften nicht ausreichend nach. Der Pharao wird als ein Herrscher beschrieben, der „kein Verhältnis zur unteren Schwärze“ – zur Ökonomie also – hat, sondern „einzig das obere Licht“ (1007) liebe. Der Pharao Echnaton, der während seiner frühen Amtszeit aufgrund seines noch geringen Alters von den politischen Geschäften entbunden war, ist auch als erwachsener Herrscher unfähig, sich „den irdischen Geschäften“ (1004) zuzuwenden, und vertieft sich lieber in theologische Überlegungen zu dem von ihm erdachten und propagierten Gott Aton. (vgl. 1063ff)

Auch, wenn Joseph ihm seinen Traum von den sieben fetten und den sieben dürren Jahren deutet, ist er nicht in der Lage, die politischen und ökonomischen Implikationen zu erkennen und entsprechende Schritte zu ergreifen:

„Da uns aber zuvor sieben Jahre der Fettigkeit vergönnt sind im Reich der Schwärze, während derer die Liebe des Volks zu Pharaos Muttertum wachsen wird wie ein Baum, unter dem er sitzen kann und seines Vaters Lehre verkünden, so sehe ich nicht weshalb wir am ersten Tage gleich…“ (1047),

argumentiert er und ignoriert die Notwendigkeit einer organisierten Vorsorge für die sieben schlechten Jahre, wie sie ein „Volkswirt“ wie Joseph sofort erkennen würde. Joseph muss ihn daraufhin auf die notwendigen Schritte erst hinweisen und empfiehlt sich dadurch auch gleich als derjenige, der für ihre Durchführung benötigt wird. Denn „Pharao führt nicht aus, was er beschließt“ (1049), wie die Mutter des Pharaos die von der Realität, der „Schwärze“, losgelöste Stellung des Pharaos betont und zugleich die Trennung von Hand- und Kopfarbeit thematisiert.

In dieser Funktion kann man Joseph – seine bisherigen Mittelstellungen zwischen den Herren Potiphar und Mai-Sachme und den körperlich Arbeitenden klingen hier wieder an, tauchen gewissermaßen auf höherer Stufenleiter erneut auf – als den „Mittler zwischen oben und unten“ (1057) begreifen, als den der Pharao ihn bezeichnet. Er vermittelt zwischen dem in die Theologie zurückgezogenen Idealisten, Echnaton, und dem Unteren der Ökonomie, wie seine gesellschaftliche Position und Funktion in Ägypten die ganze Zeit über eine der Vermittlung war zwischen Ausbeutern und Produzenten, wobei er doch sehr deutlich auf der Seite der Ausbeutung zu verorten ist. Dieser geistige Arbeiter, der den höher Stehenden ihren Rückzug in die reinere Geistigkeit ermöglichte, indem er den Kontakt zum Unteren, zur Produktion, hielt, betreut nun für den Pharao „das Reich der Schwärze“ (1318).

In dieser vermittelnden Position führt Joseph seine vorsorgenden Reformen durch, auf die der Roman ebenfalls ein genaues Licht wirft. Die während der sieben fetten Jahre angehäuften Güter lässt Joseph in einem „zusammengesetzte[n] System von Ausnutzung der Geschäftslage und Mildtätigkeit, von Staatswucher und fiskalischer Fürsorge“ (1150) an die Bedürftigen verschenken, und an die Zahlungsfähigen zu hohem Preis verkaufen. Um die Kornkammern füllen zu können, führt Joseph während der sieben guten Jahre ein Steuergesetz ein, nach dem „die Abgaben an Feldfrucht allgemeingültig und ohne Ansehung der Person oder des Ernte-Ausfalls auf den Fünften“ (1091) festgelegt wurden. Unterstützt wird er bei seiner Arbeit „von zehntausend Schreibern und Unter-Schreibern“ (1151).

Es bleibt also letztlich keine Frage, wem Josephs Reformen nutzen und in wessen Interesse sie durchgeführt werden. Sowohl das Steuergesetz als auch der Verkauf der Nahrungsmittel zu verteuerten Preisen, die sich aus der Marktlage ergeben, haben letztlich die Vermehrung des Besitzes des Pharaos zum Ziel. Vor allem das Vorgehen gegen die „Gaufürsten, Erbgüter, die wie Inseln eines überalterten Feudalismus“ (1090) erscheinen, ist eindeutig im Interesse des Pharaos und stellt letztlich eine eindeutige Stärkung seiner Macht und eine Effektivierung der durch ihn erfolgenden Ausbeutung dar. Der Roman erwähnt an diesem Punkt aber auch, dass diese Verhältnisse, die Enteignung der Großgrundbesitzer und die Inbesitznahme allen Bodens durch den Pharao, keine Neuerung Josephs darstellen: „In Wirklichkeit vollendet er nur eine ohnehin weit fortgeschrittene Entwicklung, indem er Verhältnisse, die schon vor ihm bestanden hatten, befestigte, rechtlich klärte und zum vollen Bewußtsein brachte“ (1091).

Indem Joseph die von ihm Getreide Kaufenden enteignet, indem er ihnen alles Vieh und alles Land abkauft und letztlich sogar ihre Arbeitskraft direkt dem Pharao unterstellt, festigt er die ökonomische Herrschaft des Pharaos über ganz Ägypten, indem er tatsächlich den gesamten Reichtum Ägyptens, einschließlich der Arbeitskraft der Einzelnen, in den Besitz Pharaos bringt und somit das durchsetzt, was bisher nur der Form nach bestanden hatte: die vollkommene Abhängigkeit aller vom durch den Pharao verkörperten Staat und dessen Fähigkeit zur Ausbeutung; eine Aneignungsgesellschaft in Form der asiatischen Produktionsweise.

Josephs Aufstieg also ist einerseits vor allem dadurch plausibel, weil er die Differenzierung der ägyptischen Gesellschaft ausnutzt und seiner früheren Ausbildung entsprechend seine Position in dieser Gesellschaft findet. Zum anderen sorgt Josephs Aufstieg aber auch selber dafür, die ägyptische Gesellschaftsstruktur weiter zu festigen und die staatliche Macht in größerem Maße durchzusetzen. Einerseits also ist Josephs Aufstieg bedingt durch diese Struktur, andererseits festigt er diese am Ende eben jenes Aufstiegs.

Formgesetz und Bewegungsgesetz

Josephs Werdegang, vom bevorzugten Sohn Jaakobs zum „Herrn des Überblicks“ in Ägypten, der für den Pharao die weltlichen Geschäfte leitet, wird so als ein Übergang von einer ausbeutungsfreien Produktionsgesellschaft in eine auf Ausbeutung basierende Aneignungsgesellschaft der asiatischen Produktionsweise lesbar. Zentral für das Verständnis dieses Übergangs ist die unterschiedliche Form der Arbeitsteilung der beiden Gesellschaften: Während die ausbeutungsfreie Produktionsgesellschaft, als die der Roman den Stamm Jaakobs zeichnet, keine gesellschaftliche Trennung geistiger und körperlicher Arbeit kennt, ist diese in Ägypten in sehr ausgebildeter Form und verbunden mit einer starken Differenzierung der Gesellschaft vorhanden. Das für den Roman sehr wichtige Motiv des Übergangs lässt sich also nun als ein Übergang von kollektiver Organisation der Arbeit zur Ausbeutung lesen. Der Roman betont dadurch, dass seine Handlung nur vor dem Hintergrund der ökonomischen Verhältnisse plausibel erscheint, die Bedeutung der Ausbeutung.

Deutlich wird aber auch, dass der Erzähler des Romans an seine Grenzen stößt, wenn er beispielsweise Joseph vom Vorwurf der ausbeuterischen Herrschaft freizusprechen versucht. Mit dem Verweis darauf, die Maßnahmen, die Joseph als „Herr des Überblicks“ durchführt, führten nicht zur Versklavung der Ägypter und durch den durchaus richtigen Hinweis auf das Fehlen von Geld als allgemeinem Äquivalent im alten Ägypten, versucht der Erzähler zu bestreiten, es handele sich bei Josephs Politik um eine der Ausbeutung. Dabei ist von großer Bedeutung, dass der Erzähler hier, sobald er den Begriff der Ausbeutung bemüht, hinter die Einsicht zurückfällt, die der Roman nichts desto trotz enthält. Dass der Erzähler begrifflich nicht das zu leisten vermag, was der Roman durch die Verfolgung seiner inneren Logik so deutlich darstellt, betont die Möglichkeit, die Kunst jenseits des begrifflichen Denkens hat, da sie in ihrer Darstellung eine über die begrifflich-theoretische Einsicht hinausgehende Erkenntnis zu liefern vermag.

Die Tatsache, dass sich die treffende Darstellung, die der Roman von der Ausbeutung liefert, nicht aus politisch-engagierter Motivation heraus ergibt, sondern aus der inneren Logik des Romans selbst – es ist das ästhetische Formgesetz, das die Darstellung des gesellschaftlichen Bewegungsgesetzes notwendig und damit möglich macht –, ist es wohl, die sie zu einer solch treffenden erst macht. So lässt sich der Roman schließlich auch nicht dazu verleiten, die Vorstellung einer naiv-utopischen Versöhnung zwischen Hand- und Kopfarbeit zu äußern. Zwar ist Joseph durchaus als ein Vermittler zwischen den das geistige hypostasierenden Ausbeutern und der Produktion zu verstehen, er nimmt diese Position aber nur zum Vorteil der Ausbeutung ein und wird nicht zum rettenden Versöhner und Erlöser stilisiert. Der Roman liefert gerade dadurch eine realistische Darstellung der Entwicklung der Ausbeutung und trägt auf diese Weise tatsächlich zur „Anamnesis der Genese“ bei, als die Theodor W. Adorno den historischen Materialismus bezeichnete.

An Manns Roman zeigt sich also nichts anderes als die Möglichkeit der Kunst, gesellschaftliche Entwicklungsprozesse offen zu legen, ohne dass der Künstler sie durchschaut haben müsste. Das ästhetische Formgesetz erzwingt im Fall von Manns Roman die Plausibilisierung und somit die adäquate Darstellung der gesellschaftlichen Bewegungsgesetze. Diesen Zusammenhang zu entfalten ist die Aufgabe von Kunstkritik und Ästhetik, die dadurch jene Erkenntnisse betonen, die sich gegen den Willen der Künstler in den Werken Platz schaffen. Nichts anderes ist die kritische Entfaltung der Werke.

[1] Notizen von einem Gespräch zwischen Th. W. Adorno und A. Sohn-Rethel am 16.4.1965, in: Alfred Sohn-Rethel: Geistige und körperliche Arbeit, Weinheim 1989, S. 223.

[2] Vgl. Sigrid Mannesmann, Thomas Manns Roman-Tetralogie ‚Joseph und seine Brüder‘ als Geschichtsdichtung, Göppingen 1971.

[3] Vgl. Klaus Bock, Geschichtsbegriff und Geschichtsbild bei Thomas Mann, Kiel 1959

[4] Alfred Sohn-Rethel, Geistige und Körperliche Arbeit, Weinheim 1989, S. 138.

[5] Alle Seitenangaben nach Thomas Mann, Joseph und seine Brüder, Frankfurt am Main, 2007

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