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beitrag von dissonanz.net

Die luftleeren Räume der Philosophie

Zum Verrat der Zeitschrift Hohe Luft

An philosophischen Instituten deutschsprachiger Universitäten kann es einem dieser Tage passieren, eine von einem „Hohe Luft-Botschafter“ ausgelegte Ausgabe der gleichnamigen „Philosophie-Zeitschrift“ zu finden. Auf der Titelseite heißt es, die Zeitschrift richte sich an „alle, die Lust am Denken haben“.
Im Editorial dann erfährt der neugierige Leser sogleich, wie das Denken aussieht, auf das man in der Redaktion der Hohen Luft (alle Zitate aus Ausgabe 4/2013) so große Lust hat: „In Zeiten des Geschlechterdiskurses möchten wir darauf hinweisen, dass der Autor des Textes (zur Frage „Was ist guter Sex?“) ein heterosexueller Mann ist.“ Man „möchte“ auf etwas unbedingt hinweisen, aber nur, da man sich „in Zeiten des Geschlechterdiskurses“ befindet. Thomas Vašek, Chefredakteur der Zeitschrift und ansonsten bekannt durch Publikationen wie „Denkstücke – Lockerungsübungen für den philosophischen Verstand“ möchte den Leser also gleich wissen lassen, dass es bei dem Denken, auf das man hier Lust haben soll, hauptsächlich darum geht, so zu denken, wie man es „in Zeiten des“ jeweiligen „Diskurses“ zu wollen hat.
Einige „Miniaturen“ später folgt endlich – so denkt man zunächst – der angekündigte Text über „guten Sex“. So viel sich über Sex denken, sagen und schreiben ließe und so wichtig eine Kritik an der leibfeindlichen philosophischen Tradition wäre, so schnell merkt der Leser, dass von all dem hier nichts zu finden sein wird. Man lernt vielmehr, dass „viele Philosophen“, wer auch immer damit gemeint sein soll, „Sex heute – in der Tradition von Michel Foucault – als soziales Konstrukt“ sehen. Veranschaulicht wird diese bahnbrechende Erkenntnis, dann noch durch ein Beispiel so simpel, dass jeder die Flachheit des Gedankens nachzuvollziehen vermag: „Küssen etwa halten viele jüngere Menschen heute gar nicht mehr für Sex.“
Anschließend teilt uns der Chefredakteur, der den Artikel verfasst hat, noch schnell seine Sex-Definition „für den Hausgebrauch“ mit – als benötigte man für den sexuellen „Hausgebrauch“ eine von Thomas Vašek erdachte Definition des Begriffs. Sex sei, so seine Definition, „vielleicht zu bestimmen als intimer zwischenmenschlicher Körperkontakt, der eine lustvolle Komponente hat.“ Man sieht, als Leser der Hohen Luft hat man nach der Lektüre etwas in der Hand, das man mit nach Hause nehmen kann – „für den Hausgebrauch“ eben.
Damit auch wirklich jeder Leser etwas mit nach Hause nimmt, ist vielen Artikeln – diese sind in der Regel selber nicht länger als zwei Seiten – ein farbiges Kästchen zugeordnet. Dort wird entweder „die These“ noch einmal auf den Punkt gebracht, damit sie dann online mit der Redaktion diskutiert werden kann, oder der Leser findet Lektüretipps, Kurzbiographien der wiedergekäuten Philosophen oder Hinweise zu verwendeten Begriffen.
An keiner Stelle scheut die Redaktion Mühen, dafür zu sorgen, dass der Leser nach der Lektüre der Zeitschrift möglichst wenig Anlass zu eigenem Denken findet. Wenn Musils „Mann ohne Eigenschaften“ zitiert wird, um dem Begriff des Möglichen Inhalt zu geben, wird der Roman schleunigst als „Riesenroman“ bezeichnet, um auch ja sicherzustellen, dass sich keiner der Leser noch traut, das Werk selber zu lesen.
Und so muss wohl auch das Motto der Zeitschrift „für alle, die Lust am Denken haben“ verstanden werden. Um nichts anderes muss es der Redaktion gehen, als darum, denen, die vor der Lektüre noch Lust am Denken hatten, diese endgültig auszutreiben und sie mit nichts als heißer Luft abzuspeisen. Nicht nur der Verteilungsort lässt darauf schließen, dass sich die Zeitschrift hauptsächlich an Schüler und Studenten der ersten Semester richtet. Nun könnte dies als Begründung für das gar nicht so hohe Niveau der Texte dienen, wenn man denn annähme, die Redaktion verfolge einen pädagogischen Gedanken. Doch wer möchte allen Ernstes behaupten, junge Menschen bräuchten inhaltsleere Artikel, um mit dem Denken beginnen zu können? Was hier stattfindet ist keine „Heranführung“ an die Philosophie, wie Verteidiger der Zeitschrift vorbringen könnten, sondern Verrat am Interesse der Leser.
Wer sich angesichts der Zumutungen der Realität und der Erfahrungen, die er mit ihr machte, zum Denken gedrängt sieht, wem das Denken als Möglichkeit dient, sich gegen diese Zumutungen zur Wehr zu setzen, mit denen er alltäglich konfrontiert wird, an dem übt die Hohe Luft Verrat, weil sie ihm „Denken“ verspricht und ihn mit Luftlöchern abspeist. Die Funktion der Zeitschrift ist somit keine andere, als die kulturindustrieller Wissenssendungen und –magazine, die den Wunsch der Zuschauer und Leser nach Bildung mit belanglosen Fakten abspeisen, anstatt eine Ahnung dessen zu vermitteln, was Bildung bedeuten würde.

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