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beitrag von Psiram

IPPNW: Fukushima und die Geburten

Wir haben vor kurzem mit Interesse eine Gegenbehauptung einer Vereinigung namens IPPNW, “Internationale Ärzte für die Verhütung des Atomkrieges” zu Fukushima gelesen, die, kurz gesagt, der Einschätzung der WHO widerspricht.

Den gesamten 26-seitigen Bericht zu kommentieren ist unmöglich, daher wollen wir uns auf ein Thema konzentrieren, das auch in den Medien drastisch verkündet wurde.

Da heißt es, dass die Geburtenraten in Japan im Dezember um 4362 gesunken ist und dies wird in den Medien auch mit eindrucksvollen Worten von einem IPPNW Vertreter kommentiert:
„Es ist anzunehmen, dass viele Embryonen in sehr frühen Phasen strahlenbedingt abgestorben sind“, so IPPNW-Vertreter Winfrid Eisenberg.

Außerdem wird erklärt, dass 75 Säuglinge zusätzlich im ersten Lebensjahr (bzw. in den Monaten Mai und Dezember) verstorben seien. Die Formulierung ist dabei etwas unklar, man summiert da wohl dubiose Sterberaten in den ersten 2 Monaten “nach Fukushima” (also dann wohl 9 Monate danach?). Zum Beleg der Aussagen wird auf eine Arbeit des Physikers Alfred Körblein Bezug genommen, in diesem Fall allerdings nur eine Email. Die Zahl kommt in der Arbeit nicht vor, die Mitarbeiter der IPPNW haben offenbar nachgefragt.

Wir wollen uns im Folgenden auf die Quelle konzentrieren und nicht so sehr auf die Interpretation durch das IPPNW.

Herr Körblein hat eine statistische Auswertung zur Geburtenrate und Kindersterblichkeit in Japan durchgeführt. Die Zahlen hat er von der japanischen Gesundheitsbehörde, leider sind die Seiten japanisch. Dazu hat er noch die Daten von Tschernobyl genommen und seine Ergebnisse dann verglichen. Mit Tschernobyl hatte sich Herr Körblein bereits in den 1990ern ausgiebig beschäftigt.

Wir können leider nicht Japanisch und konnten daher die Originalzahlen, die im Text als Referenz angegeben sind, nicht sichten; die Arbeit sieht aber äußerst solide aus und wir gehen davon aus, dass sie statistisch und von den Daten her korrekt ist.

Herr Körblein hat berechnet, dass es im Mai und Dezember zu erhöhter Kindersterblichkeit in Japan gekommen ist. Er gibt auch an, dass die Geburtenrate (im Mai) und im Dezember 2011 statistisch signifikant zurückgegangen ist. Und zwar um 4,7% in Japan und 15,1% in der Präfektur Fukushima. Das schlägt sich in 4362 fehlenden Geburten gegenüber der errechneten Schätzung nieder.

Für Herrn Körblein eine interessante Beobachtung, da er diese Zahlen mit Bayern 1987 nach Tschernobyl vergleicht und dort Ähnliches festgestellt hat. In Bayern kam es ebenfalls 9 Monate nach Tschernobyl zu einem Geburtenrückgang um 8,7%. In Südbayern, das mit signifikant höherer Cäsiumbelastung zu kämpfen hatte: 11,5%; in Nordbayern: 5,0%. Und auch eine Erhöhung der Kindersterblichkeit hat er nach Tschernobyl beobachtet.

Er vermutet daher Strahlung als Ursache, dass die Embryonen kurz nach der Befruchtung abgestorben sind. Man beachte, dass er diese Vermutung für die Ereignisse nach Tschernobyl aufgestellt hat.

Es gibt zu Tschernobyl weitere Analysen und auch widersprechende Studien, die von Herrn Körblein in einem Dokument zusammengefasst wurden. Seine Conclusio zu Tschernobyl ist es, dass es einen Zusammenhang zwischen Cäsiumbelastung und einem Absinken der Geburtenrate bzw. Kindersterblichkeit gibt. Diese ist oberflächlich betrachtet zunächst einmal nachvollziehbar. Allerdings mahnt er auch selbst zur Vorsicht, da man eben Schlüsse nur auf Basis von aggregierten Daten zieht und es auch Gegenden wie England und Wales gibt, wo diese Korrelation sich nicht nachweisen lässt.

Für Japan muss man nun sagen, dass es unklar ist, inwieweit sich die Ergebnisse aus Bayern 1987 auf Japan übertragen lassen.

Auch wenn manche Schwierigkeiten haben, die Details auseinander zu halten: da war ein Erdbeben, gefolgt von einem Tsunami und dann erst ein schwerer Reaktorunfall. Der Tsunami überflutete eine Fläche von 470 Quadratkilometern, 15.880 Menschen kamen dabei um und weitere 2700 gelten noch immer als vermisst. 70.000 lebten in einem 20-Kilometerradius um Fukushima und wurden evakuiert, weitere 130.000 lebten im angrenzenden 30-km-Bereich und hatten sicher auch keine sorgenfreien Tage.

Man hat also eine Fülle an zusätzlichen Faktoren, die zu betrachten sind. Stress und Sorge, Tote und Verletzte und so einiges mehr. Gab es vielleicht irgendwelche Vorfälle im Mai/Dezember, die man betrachten müsste?

Die Korrelation ist gut; es gibt da eine Anomalie, das sollte weiter untersucht werden. Man müsste die Daten viel genauer auswerten; wenn eine Kausalität besteht, müsste sich der Effekt klar mit dem Maß der Verstrahlung decken und unabhängig von anderen Parametern wie dem durch den Tsunami verheerten Bereich sein.

Und sollte der Rückgang der Lebend-Geburten tatsächlich mit dem Reaktorunfall zusammenhängen, warum sieht man keinen Rückgang bereits 6-7 Monate nach dem Unfall? (Ungeborene sind insbesondere in den ersten 3 Monaten der Schwangerschaft besonders empfindlich für äußere Einflüsse.) Und warum endet die Anomalie praktisch schlagartig mit dem Dezember? Im Jänner liegt die Sterblichkeit unter dem Durchschnitt, allerdings nicht signifikant.

Während im Dokument von Körblein eine Anomalie gefunden und aufgezeigt wird (sowie für den Tschernobyl-Vorfall eine Hypothese für die Kausalität aufgestellt), erklärt die IPPNW ganz brutal, dass 4362 Embryos abgestorben sind! Diese Hypothese kann man natürlich aufstellen, aber nicht als Fakt mitteilen.

Wir möchten das Problem mit den aggregierten Daten auf höherer Ebene demonstrieren. Wir haben uns dazu die Daten aus dem CIA Worldbook geholt

Japan

Land 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 2012
Geburtsrate 9.47 9.37 8.1 7.87 7.64 7.41 7.31 8.39
Kindersterblichkeit 3.26 3.24 2.8 2.8 2.79 2.79 2.78 2.21
Todesrate 8.95 9.16 8.98 9.26 9.54 9.83 10.09 9.15

 

Die Geburtenrate ist entgegen obigem Ergebnis 2011 sogar weniger gesunken als in den vier Jahren zuvor, und 2012 stieg sie ganz untypisch an. Man kann also auch hier ablesen, dass es eine Ananomalie gibt. Daraus könnte man jetzt ebenfalls polemisch folgern, dass die Atomkatastrophe für einen Geburtenboom gesorgt hat.

Dann betrachte man noch die Kindersterblichkeit, die auch 2011 wieder gesunken ist. Und dann sogar 2012 ganz stark gefallen ist. Auch hier könnte man wieder Fukushima verantwortlich machen.

Und dann die Todesrate. Plötzlich, ein Jahr nach Fukushima, fällt sie ab. Zufall?

Das waren jetzt natürlich sehr polemisch formulierte Zeilen – aber man sieht die Anomalie. Die triviale Korrelation sieht auch jedermann. Aber man darf sich hier nicht zu übereilten Schlüssen hinreißen lassen, sondern muss der Quelle nachspüren und sie ermitteln. Wie man oben gesehen hat: wenn man ins Detail geht, verändert sich auch die Beobachtung.

Besonders interessant ist natürlich: Warum ist die Kindersterblichkeit gesunken? Was hat sich verändert? Sollten nicht vielleicht noch mehr Untersuchungen durchgeführt werden?

Dem IPPNW scheint es nach unserem Eindruck mehr um Publicity und laute Zahlen zu gehen, nicht um Erkenntnisgewinn und eine objektive Beobachtung.