disclaimer: es handelt sich um einen aggregierten/gespiegelten/archivierten beitrag einer externen website. für die inhalte sind die externen autorInnen verantwortlich.


beitrag von Reflexion

Die Liste.

Nachdem das Simon-Wiesenthal-Zentrum zu Beginn des Jahres eine neue Liste veröffentlichte, auf der sie verschiedene antisemitische Akteure benannte, empören sich deutsche Journalisten und Wutbürger gemeinsam über das Zentrum und einen Kritiker, den das Zentrum zitiert. Schließlich findet sich auch ein deutscher Journalist auf der Liste, der nun mit aller Vehemenz verteidigt wird. Es handelt sich um den Freitag-Herausgeber und Spiegel-Online Autoren Jakob Augstein, der auf Platz Neun der Liste zu finden ist.


Der Fall Augstein scheint, von der TAZ über den Spiegel bis der FAZ, einen Großteil der deutschen Medien zu vereinen, die sich gemeinsam über die Liste empören. Zugleich wird dieser Autor, der sich durch ganz besonders abstruse anti-israelische und verschwörungsideologische Ausfälle auszeichnet, geadelt. In der TAZ wurde Augstein zum „scharfen, rationalen Kritiker“ gemacht. Zugleich wurde vor einer geheimnisvollen „Israel-Lobby“ gewarnt, die „zunehmend hysterisch klingen“ würde.


Ganz ähnliches wusste der Deutschlandfunk zu vermelden: „Er ist ein kritischer Denker“, hieß es in einem Beitrag, mit dem der Autor die Behauptung aufstellte, dass es
lächerlich“ sei, „diesen kritischen Journalisten an den Pranger zu stellen“. Im Spiegel geiferte derweil der Antikommunist Jan Fleischhauer in seiner Kolumne „Der schwarze Kanal” über das Zentrum und die Liste. Dem Wiesenthal-Zentrum unterstellte Fleischhauer, dass es einerAufmerksamkeitsökonomie“ folgen würde, um „Spenden“ zu generieren. Im Stern war wiederum von Diffamierung eines Journalisten die Rede. In der FAZ schrieb man ebenfalls von Diffamierung und munkelte mit Augstein außerdem von der „Rolle der jüdischen Interessenverbände“ in den USA. Von Diffamierung schrieb auch die Zeit. Man folgte der Erklärung des Betroffenen, der sich auf seiner Facebook-Seite zu der hanebüchenen Verlautbarung herabließ, dass der „Kampf gegen den Antisemitismus” geschwächt werden würde, „wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird”. In der nationalbolschewistischen Tageszeitung Junge Welt empörte sich Werner Pirker in seiner Kolumne „Der Schwarze Kanal” derweil über das von „Zionisten und ihren Claqueuren angestimmte Antisemitismusgeschrei“. Das klingt alles durchaus ähnlich. Die Causa Augstein eint die Medien, die den Fall benutzen, um das ein oder andere Vorurteil zu verbreiten.


Es sind jedoch nicht nur deutsche Journalisten, sondern auch Politikerinnen und Politiker, die sich auf die Seite des Jakob Augstein schlagen. Von der Linken bis zur CDU sind hier ebenfalls alle einer Meinung: Gregor Gysi unterstellte dem Zentrum sogar, dass es „den schleichenden Antisemitismus“ unterstützen würde. So machte er die Kritiker des Antisemitismus für den Antisemitismus verantwortlich.. Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner verteidigte Jakob Augstein ebenso wie ihre Partei-Kamerad Ruprecht Polenz, der von einer Antisemitismus-Keule schwadronierte, die gegen Augstein geschwungen werden würde. Es ist das archaische Bildnis vom Keulenschwinger, das auf diese Weise bedient wird. Voller Inbrunst empörte man sich gemeinsam über das Wiesenthal-Zentrum. Man will sich eben nicht von einer jüdisch-amerikanischen Institution vorschreiben lassen, was Antisemitismus ist. Wenn Augstein ein Antisemit wäre, würde das auch auf den Großteil seiner Verteidiger zutreffen, die nun von Keulen und Lobbys raunen und ähnliche Inhalte verbreiten, für die Augstein auf der Liste landete.


Die antisemitischen Ausfälle des Jakob Augstein sind eben keine Meinung eines vereinzelten Sonderlings. Er formuliert das, was in Deutschland mehrheitsfähig ist. Jakob Augstein munkelte in der Vergangenheit von mächtigen „jüdischen Lobbygruppen“ in den USA, die die Wahl des Präsidenten maßgeblich beeinflussen würden. In einem anderen Text bediente er verschwörungsideologische Konstruktionen und behauptete, dass der Mohammed-Film den „US-Republikanern und der israelischen Regierung“ genutzt hätte. Augstein spricht von einem Besatzungsmacht und meint Israel. Er schreibt von einem „Lager“ und meint Gaza. Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele finden, mit denen Augstein das antisemitische Ressentiment und die geschichtsrevisionistischen Gefühle seiner Landsleute bedient.


Von ähnlichen Gefühlen und Ressentiments scheinen seine schreibenden Kameraden ergriffen zu sein, die ihren Augstein und seine Inhalte nun mit Inbrunst verteidigen. Die Ausfälle des Jakob Augstein könnten wohl auch von einem seiner zahlreichen Verteidiger stammen, die nun von einer „Israel-Lobby“ und von „Diffamierung“ schwafeln. Vielleicht erklärt das die wütenden Reaktionen: Wenn sie Augstein verteidigen, verteidigen sie sich selbst.


Daher sind nun fast alle einer Meinung. Gerade das wurde in den letzten Tagen deutlich. Der stellvertretende Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums sagte unterdessen, dass die Institution aufzeigen wolle, „wo und wie Antisemitismus massenkompatibel wird“. Ein Blick in die empörten Pamphlete der Augstein-Verteidiger macht deutlich, dass dieser Zustand schon lange erreicht ist. Deutschland ist ein einig Augstein-Land.

Mehr zum Thema gibt es anderswo:
Lizas WeltClemens HeniPublikative Verbrochenes Bündnis gegen Antisemitismus Kassel