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beitrag von Reflexion

Die Werbefigur.

Die „Partei der Vernunft” (PDV), deren Vorsitzender Oliver Janich eng in das Milieu der „Truther” und „Infokrieger” eingebunden ist, ließ vor einiger Zeit einige Werbeclips produzieren, die die „Köpfe der Partei” zeigen sollen. Zu sehen sind einige einfache Partei-Mitglieder, die auf diese Weise Werbung für die kleine Gruppierung betreiben. Die Gruppierung tritt zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an und ist auch daher auf Werbung angewiesen. „Mitglieder stellen sich vor”, wirbt die Partei auf ihrer Internetseite. In der Partei-Gemeinschaft würden „Unternehmer, Gewerkschafter und Betriebsräte Hand in Hand mit Mangern arbeiten”, lautet die Vision der Partei. Im ersten Werbe-Video der Partei ist Marco Wüst zu sehen. Er lebt im niedersächsischen Stade und betreibt dort einen Laden namens „El Alkazar”. Im Werbevideo der Partei wird er als Kleinunternehmer inszeniert, der mit seinen Kund_innen über Politik und die Welt spricht. Außerdem fürchtet er sich vor einer angeblich drohenden Diktatur, den Vertrag von Lissabon beschreibt er im Werbe-Video als „Ermächtigungsgesetz”. Wüst verharmlost auf diese Weise das historische Ermächtigungsgesetz, mit dem die sich die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft” eine rechtliche Grundlage gab. Im PDV-Video schwadroniert Wüst außerdem von „linken und rechten Faschisten”, unterlegt ist das ganze mit krachenden Gitarren, denn Wüst ist oder war irgendwann einmal Punker und hat sich in einer Geste der vermeintliche Rebellion die Haare gefärbt.

„Die Partei der Vernunft” unternimmt hier den offensichtlichen Versuch, sich als Alternative zu den bürgerlichen Parteien zu inszenieren. Das Video wurde im Dezember 2011 ins Internet gestellt, bereits damals war offensichtlich, was für kruden Theorien der Piercer und Tätowierer ansonsten verfallen ist. Ein Blick in sein öffentlich-zugängliches Facebook-Profil verrät, dass sich Wüst für die Verschwörungsrapper der Band „Die Bandbreite” und für die „Bösen Onkelz” begeistert. Der Parteivorsitzende Oliver Janich ist wie viele weitere Partei-Kader ein Facebook-Freund der Werbefigur.

Weitere Themen, die das Interesse des Marco Wüst geweckt haben, sind unter anderem angebliche „Chemtrails” und „Impfungen”. Auf seiner Seite leugnete er er die Gefährlichkeit der Infektionskrankheit HIV und veröffentlichte hunderte Propaganda-Videos der Verschwörungsszene.„Ufos hingegen existieren sehr wohl”, glaubt Wüst. Er warnte dort im vergangenen Jahr eindringlich vor dem Gebrauch von Zahnpasta, vor Fernseher-Konsum und vor McDonalds. Marco Wüst glaubt außerdem, dass die Bundesrepublik kein realer Staat, sondern eine Firma sei. Mit derartigen Theorien dockt er an die Szene der selbsternannten „Reichsbürger” an. Diese oftmals esoterischen und antisemitischen „Reichsbürger” glauben, dass das „Deutsche Reich” noch existiert. Sie produzieren recht phantasievolle Pseudo–Pässe und kuriose Nummernschilder. Es gibt mehrere konkurierende Reichskanzler, die „kommissarische Reichsregierungen” geschaffen haben. Die Instituionen der Bundesrepublik werden nicht anerkannt, stattdessen berufen sich die „Reichsbürger” auf ihre jeweilige „Reichsregierung”, von denen gleich mehrere Dutzend existieren.

Was sich wie ein schlechter Witz anhört, ist durchaus ernst gemeint. Viele „Reichsbürger” setzen auch andere Traditionen des „Deutschen Reichs” fort. So auch Marco Wüst, der eben auch eine Werbefigur der „Partei der Vernunft” ist. Wüst ist einem rasenden Antisemitismus verfallen und leugnet den Holocaust. In einer von ihm veröffentlichten Notiz gibt er einen wüsten Einblick in sein krudes Weltbild. Dort propagiert der Tätowierer nicht mehr und nicht weniger als die nationalsozialistische „Rassenkunde”: „Nur die 3 % Mizrahi-Juden (…) sind demnach echte Juden”. Wüst schreibt außerdem von „Ashkenazi Juden, (…) zu denen neben den führenden global agierenden Banken-Mafia ‘Clans’  (…) auch viele internationale und deutsche Politiker gehören, die dies immer verschleiert haben (Hillary Clinton, Helmut Kohl, Albright, Holbrook etc)”. Diese seien — so Wüst im Wahn — die „Nachfahren von Turkvölkern und Kaukasiern , also wenn man es überspitzt formulieren würde, die Nachfahren der mongolischen Horden und ihrer pan-europäischen Vergewaltigungsopfer”. So hetzt ein Antisemit, der zugleich als Werbefigur der „Partei der Vernunft” dient. Marco Wüst leugnet in seiner Raserei auch den Holocaust. Wüst schreibt nicht nur dort vom „sog. Hollowco$t” und jammert darüber, dass Holocaust-Leugner mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben.

Die verschwörungsideologische Propaganda des Parteivorsitzenden Oliver Janich, der den 11. September umdeutet, hat den Verschwörungsfan aus Stade zumindest zeitweilig begeistert. Die „Partei der Vernunft” hat dieser Hetzer wie andere Partei-Kader wieder verlassen, nachdem der damalige Landesvorsitzende Michael König einen „autoritären und hierachischen Führungstil” des Bundesvorstands kritisiert hatte. Doch bereits als Parteimitglied füllte der Aktivist seine Pinnwand mit antisemitischer Propaganda über „die Rothschilds”, mit den Reden Ahmadinedschads und mit Bildern von angeblichen „Chemtrails”. Bis heute dient Wüst als Werbefigur der „Partei der Vernunft”. Er ist mit zahlreichen Partei-Kadern befreundet und bedauert die „diverenzen”, die zur Trennung führten. Nun macht Wüst für eine Gruppierung der „Reichsbürger” Politik. Für den ersten Mai 2012 ruft er zu einer Versammlung im örtlichen „Ratskeller” auf. Es ist der „Stammtisch” eines „Reichsbürgers”, für die die Werbefigur der „Partei der Vernunft” mobilisiert. Er lädt zum „Stammtisch Stade”, um über die „Rechtslage” der BRD zu schwadronieren.

Das Flugblatt, das Wüst auch über die örtliche Occupy-Seite bewirbt, die der umtriebige Antisemit augenscheinlich ebenfalls betreibt, verweist auf einen weiteren „Reichsbürger”, mit dem Wüst nun zusammenarbeitet. Es handelt sich um Mustafa Sürmeli, der ebenfalls in Stade lebt und seit Jahren in der Szene der „Reichsbürger” aktiv ist. Sürmeli fungiert unter anderem als „Präsident der Kommission für die Wirksamkeit der Behörden” und als „Hochkommissar der Menschenrechte”. Er glaubt ebenfalls, dass die Bundesrepublik im „Grunde eine Firma” sei und hat mehrere Pseudo-Institutionen, wie das „Deutsches Amt für Menschenrechte”, gegründet. Sürmeli bildet „Missionare” und „Kommissare” in speziellen Seminaren aus und hat Fantasie-Ausweise geschaffen, die die Mitglieder der Bewegung tragen. Eine fünftägige Ausbildung zum „Kommissar“ soll ganze 500 Euro kosten. Die Veranstaltung des Marco Wüst wird auf mehreren Internetseiten des „Reichsbürgers” Sürmeli erwähnt, auf einer seiner Internetseiten, die in schwarz-weiß-roten „Reichsfarben” unterlegt ist, wird die Veranstaltung in einem „Rundbrief” beworben und Wüst als Ansprechpartner benannt (PDF).

Während Marco Wüst auf der einen Seite bis heute als Werbeträger für die „Partei der Vernunft” dient, bewirbt er auf der anderen Seite den Alptraum des „Deutschen Reiches”. Die „Partei der Vernunft” leistet sich also einen Werbeträger, der nun den Holocaust leugnet, von der „BRD-GmbH” faselt und vom „Deutschen Reich” träumt. Vielleicht wird die Partei in Zukunft auf ihren Werbeträger verzichten, das Video ist aber bis heute im offiziellen Youtube-Kanal der Partei zu finden.