Volker Radke

Klimaextremismus der Mitte in der Jungle World

Einen problematischen Artikel zum aktuellen Klimawandel-Diskurs (insbesondere Fritz Vahrenholts Buch “Die kalte Sonne”) hat Jörg Huber in der aktuellen Jungle World veröffentlicht – einige Anmerkungen:

Fritz Vahrenholt wird als “SPD-Politiker, ehemalige[r] Hamburger Umweltsenator und Manager” vorgestellt. Dass er bei RWE beschäftigt ist, erwähnt Huber nicht. Über RWE findet man auf Wikipedia:

Kritiker werfen RWE vor, an den konventionellen Energien, insbesondere der Kohle, festzuhalten und die Erneuerbaren Energien nicht ausreichend zu fördern. RWE sei der größte CO2-Produzent Europas, der Anteil Erneuerbarer Energien am Strommix sei im Vergleich zu anderen Stromversorgern unterdurchschnittlich (nach eigenen Angaben von RWE nur 2 % 2007 und 2,4 % 2008.

Im Zusammenhang mit dem geringen Anteil Erneuerbarer Energien wird RWE Greenwashing vorgeworfen. RWE täusche in der Werbung und in Image-Kampagnen falsche Tatsachen vor und wolle den falschen Eindruck erwecken, besonders bei den regenerativen Energien und im Klimaschutz engagiert zu sein. Kritisiert wird beispielsweise ein Werbespot, der 2009, parallel zur UN-Klimakonferenz in Kopenhagen, im deutschen Fernsehen und Kino gezeigt wurde und in dem ein Energieriese zu sehen war, der unter anderem Windkraftanlagen und Gezeitenkraftwerke errichtet. Von den im Werbespot gezeigten Gezeitenkraftwerken sei bei RWE noch keines im Regelbetrieb.

[…]

Im Dezember 2010 ist RWE mit dem Worst Lobbying Award 2010 für unlautere Lobbyarbeit ausgezeichnet worden. Die Jury aus Mitgliedern nichtstaatlicher Organisationen kritisierte vor allem die Kampagnen des Konzerns zur Klimapolitik.

Nach einer Kritik an Vahrenholts Thesen zum Einfluss der Sonne vergleicht Huber dessen “Fehler” mit Problemen in der Klimaforschung:

Denn der Streit ist eine Glaubensfrage, theoretische Schwierigkeiten treten auch bei den Klimamodellen des Mainstreams auf.

Dass Klimaforschung kein abgeschlossener Prozess ist und mit vielen Unsicherheiten, theoretischen wie messtechnischen Problemen behaftet ist – geschenkt. Vahrenholt ist an diesem Prozess jedoch noch nicht einmal beteiligt – er ist ein Außenstehender, der ein Buch geschrieben hat, das völlig zufällig der Firmenpolitik seines Arbeitgebers ziemlich gut in den Kram passt. Sein Buch unterlag keiner Peer Review, warum also diese Gleichsetzung?

Als Belege für frühere Fehlprognosen nennt Huber Vorhersagen des Club of Rome zur Bevölkerungsexplosion und die Entwicklung des Waldsterbens:

  • Zwar sinkt die Wachstumsrate der Weltbevölkung seit etwa 1990 deutlich, jedoch sinkt sie seit einigen Jahren langsamer, und in absoluten Zahlen beschleunigt sich das Wachstum seit etwa 8 Jahren wieder. (Quelle)

Zum Abschluss baut Huber wieder einige Scheinalternativen auf, wie man sie schon von Bjørn Lomborg kennt: Sind andere, durchaus lösbare Probleme nicht dringlicher (hallo Realpolitik)? Wollen Industrieländer nicht ihre lästige Konkurrenz aus den aufstrebenden Nationen mittels Klimapolitik ausbremsen (den Trick scheinen die USA nicht zu verstehen, weil sie seit Jahren die Klimapolitik sabotieren)?

Statt einer Pointe: Die Probleme von ärmeren Ländern werden durch den voranschreitenden Klimawandel massiv verstärkt, auch und gerade solche, die mit Ernährung und Trinkwasser zusammenhängen. Wie Lomborg andere Prioritätensetzungen zu fordern und zu schreiben:

Und leiden an vergessenen Orten der Erde nicht schon jetzt Menschen an Mängeln, zu deren Bekämpfung die technischen Voraussetzungen längst vorhanden wären? Hier sei an die wissenschaftlich gut erforschte und sogar für Laien leicht verständliche Kausalkette Nahrungsmangel – Hunger erinnert.

wirkt deshalb nur auf den ersten Blick wie Anteilnahme.