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beitrag von Gruppe Morgenthau

Hitler hat gewonnen.

An das Fritz Bauer-Institut und die Frankfurter Anti-Israel-Lobby

Dass die Überlebenden der Shoah und ihre Nachfahren alleine durch ihre Existenz an die Verbrechen der Deutschen und ihres Staates erinnern, nimmt man ihnen hierzulande übel. Zu  stark ist das Bedürfnis nach Identifikation gerade mit den gesellschaftlichen Institutionen, die den Einzelnen um die Möglichkeit seiner individuellen Entfaltung betrügen. Es stimmt: Die Deutschen werden den Juden Auschwitz niemals verzeihen – es sei denn, diese würden selbst zu Nazis; dann wäre man, sozusagen, quitt. Mehr noch: Es wäre, um mit Vladimir Jankélévitch zu reden, „die Erlaubnis und sogar das Recht, ja sogar die Pflicht, im Namen der Demokratie Antisemit zu sein! (…) Und wenn die Juden selbst Nazis wären? Das wäre wunderbar. Es wäre nicht länger nötig, sie zu bedauern; sie hätten ihr Los verdient.“ Aus diesem Grund spricht der durch die Schule der Halbbildung gegangene Antisemit von Israel, wenn es ihn zur Projektion drängt. Und aus demselben Grund mutiert der Bundesbürger zum Philosemiten sobald er mit einem antisemitischen Juden, einem antiisraelischen Israeli oder einem post-zionistischen Zionismuskritiker zusammentrifft. Solche Begegnungen sind wahre Glücksfälle. Sie tragen zur Rehabilitierung des Exkommunizierten bei wie die Substituierung zur Resozialisierung des Drogenabhängigen. Wie nichts anderes raffinieren sie den Antisemitismus nach Auschwitz – das haben der zitierte Jankélévitch aber auch Jean Améry sehr früh gewahrt – zum demokratischen, ehrbaren, koscheren.

Dass das neueste Derivat dieses zeitgenössischen Antizionismus’, Avraham Burgs Buch Hitler besiegen, nach Die Israel-Lobby im Programm des CampusVerlags erscheinen würde, der, angetreten als Verlag für kritische Sozialwissenschaften, neben den genannten Pamphleten mittlerweile Titel wie  simplify your life – Überlebenstipps für Technikmuffel publiziert, stand zu erwarten. Vergleichsweise überraschend dagegen ist, dass nun auch das Fritz Bauer-Institut als anerkanntes Kompetenzzentrum in Sachen Antisemitismustherapie in den Handel mit der legalen Ersatzdroge „Israelkritik“ eingestiegen zu sein scheint. Ein „Studien- und Dokumentationszentrum“, das damit wirbt, durch die Erforschung der „Geschichte und Wirkung der nationalsozialistischen Massenverbrechen, insbesondere des Holocaust“, zum „Bildungsträger“ und zur „Scharnierstelle zwischen wissenschaftlicher Theoriebildung und gegenwartsbezogener kultureller Praxis“ gereift zu sein, müsste doch, so sollte man jedenfalls glauben, eine Ahnung davon haben, dass die geistige Grundlage der „Massenverbrechen“ – der Antisemitismus – heutigentags anders funktioniert als zu Zeiten des nationalsozialistischen Volksstaats. Der antisemitische Paranoiker dieser Tage betritt die politische Bühne schließlich längst nicht mehr als Marktschreier der Herrenrasse. Vor allem dann nicht, wenn die trüben Instinkte mit dem Hang zu Bescheidwisserei und seriösem Auftreten korrelieren. Im postnazistischen Kampf um Anerkennung ist offener Antisemitismus vielmehr ein Ausschlussgrund. Wer in der deutschen Gedenkstätten-Republik vom antijüdischen Gerücht nicht lassen kann, agiert alsbald im politischen Abseits. Die in der Sentenz eines Dr. Motte unverstellt zum Ausdruck kommende Ranküne: „Dies ist ein Aufruf an alle Juden der Welt: Sie sollen mal eine andere Platte auflegen und nicht immer rumheulen“, muss fürs linksakademische Auditorium deshalb ein wenig sozialpsychologisch verklausuliert werden.

„Hitler besiegen – warum Israel sich vom Holocaust lösen muss.“

Mit dieser tendenziösen Offerte lockte das Frankfurter Fritz Bauer-Institut am 26.10.2009 gemeinsam mit Avraham Burg, der, weil er Jude ist, immer ein bisschen mehr sagen darf als das durchschnittsdeutsche Publikum, zur Supervision gegen Israel. Weil Burg alles mitbringt, was nötig ist, um als Jude für Deutschland in den Ring zu steigen, gilt sein Machwerk als „eines der wichtigsten Bücher dieser Jahre“ (Frankfurter Rundschau). Der Inhalt ist zigfach vor- und nachgebetet worden, was den Verkaufszahlen jedoch keinen Abbruch tun wird. Denn man will es immer wieder hören und sagen: in Israel herrsche nicht nur eine nachgerade pathologische Fixierung auf die Shoah und den Zionismus, sondern ein Zustand politischer, kultureller und religiöser Verrohung, ja eine Tendenz zur  Faschisierung, die Burg in seinem Buch zu absurden Vergleichen mit der späten Weimarer Republik zu berechtigen scheint. Seine Conclusio in Sachen Israel, die ebenso gut vom Menschenrechtsrat der Vereinten Nationen stammen könnte, versteht noch der hinterletzte FR-lesende Gewerkschaftstrottel. Sie besagt: Abkehr vom Zionismus, weitestgehender Verzicht auf staatliche Selbstverteidigung, Abschaffung der Nuklear-Waffen, und Anerkennung der Europäischen Union als höhere Form politischer Vernunft.

Die verblüffende Ignoranz gegenüber der schlichten Tatsache, dass Israel unter Mördern und Irren ums Überleben kämpft, kann wohl nur derjenige an den Tag legen, der, wie Burg, anscheinend nicht die leiseste Ahnung von der Theorie und Kritik des Antisemitismus hat und auch sonst nicht viel von dem begreift, was in der Welt vor sich geht. Sonst käme er nicht auf die Idee, die politische Verfasstheit Europas, die institutionelle Ausgestaltung des Aufklärungsverrats, als „biblische Utopie“ zu verklären. Zur Ahnungslosigkeit gesellt sich im Falle Burg kalkulierte Schamlosigkeit, wenn er in Interviews etwa folgenden Betroffenheitskitsch von sich gibt: „Den Berg von palästinensischen Toten sehe ich über jene Mauer wachsen, die wir errichteten, um sie nicht ansehen zu müssen.“ Von Micha Brumlik, der sich am besagten Abend aufs Podium und ins Einvernehmen mit Burg gesetzt hat, ist eine derart geschmacklose Erfindung nicht zu erwarten. Die Geschmacklosigkeit zu hofieren scheint jedoch zur Passion Brumliks avanciert, der es fertig bringt, in wünschenswerter Deutlichkeit den Iran als Bedrohung für Israel anzugreifen, sich gleichzeitig aber nicht zu schade ist, mit Antizionisten aller Couleur zu paktieren. Auch ihm ist zu verdanken, wenn niederste Anliegen als bildungsbürgerlich zubereitete Happen angereicht werden. Durch die sträfliche Naivität Brumliks, dem in seiner Rolle als Peter Lustig der Bilderbuch-Demokratie zunehmend der Verstand abhanden kommt, und durch die Mithilfe der arrivierten Holocaust-Pädagogik verlassen noch die pathologischsten Antizionisten ihre Randbezirke und beziehen die öffentlichen Räume. Dass ein Burg an der Goethe-Universität und nicht imClub Voltaire reüssiert, der als Szenekeller immerhin den Nutzen bringt, dass die dorthin Herabgestiegenen unter sich bleiben, ist das handfeste Resultat solcher Wegbereitungen.

Illusions retrouvées 

Die traurige Wahrheit des Burgschen Zweckoptimismus indessen besteht in der Ahnung, dass, jedenfalls solange Israel vom Westen im Stich gelassen wird, eine Politik der Stärke aufgrund des ungünstigen Kräfteverhältnisses in der Region auf lange Sicht wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt ist und zermürbende Konsequenzen zeitigen dürfte. Insbesondere in Anbetracht des demographischen Drucks steht zu befürchten, dass Israel diesen ihm aufgenötigten Krieg nicht gewinnen, lediglich Schlimmeres hinauszögern können wird. Die israelische Friedensbewegung verdankt ihren Zulauf wohl nicht zuletzt diesem Dilemma. Der Strohhalm, an den sich Burg und mit ihm viele andere klammern, besteht in der Hoffnung, man könne der reellen Bedrohung Herr werden, indem man sich einredet, man bilde sie sich ein. Burgs gesinnungsethisches Plädoyer für eine „spirituelle Renaissance“ des Judentums sowie für eine Vermenschlichung der israelischen Außenpolitik läuft auf eine Erziehung zur Realitätsverleugnung hinaus. „Erstmals in unserer Geschichte“, behauptet Burg allen Ernstes in einem Interview der Süddeutschen Zeitung, „gibt es keine ernsthaften Bedrohungen für uns, nicht einmal hier im Staat Israel, so gern wir uns auch unserer Paranoia hingeben“. Die Anleihe, die er bei der psychoanalytischen Theorie nimmt, um die irrationalen Folgen des jüdischen Traumas zu kurieren, wäre daher ganz entgegen seiner eigenen Auffassung als Abwehrmechanismus zu deuten, als eine Form der Abwehr mithin, die in –  zweifellos unbeabsichtigte – Nähe zum antisemitischen Stereotyp gerät: wir Juden sind selber schuld an unserem Unglück. Ein Glück für alle Antizionisten. Diese brauchen, wie die Mehrheit des Publikums am 26.10., lediglich zustimmend zu nicken und zu applaudieren. Bezeichnend für die gesamte Veranstaltung war deshalb die Wortmeldung eines älteren Herrn. Dieser reagierte, bevor eine andere Person, inspiriert von Burgs wiederholtem Bekenntnis, völlig traumafrei zu sein, feststellen durfte, dass doch die Deutschen wegen ihres Schuldgefühls die vom Holocaust eigentlich Traumatisierten seien, auf Burgs Ausführungen mit der rhetorischen Frage: „Ist also etwas dran an der psychologischen These, dass die Opfer zu Tätern werden, ja?“

Würde das, was Burg und seinesgleichen fordern, wirklich, dann gäbe es Israel nicht mehr. In dieser Vorstellung liegt der Kitzel für all diejenigen konformierenden Asozialen, für die das Fritz Bauer-Institut neuerdings Grabreden auf den Staat organisiert, der für seine jüdischen Bürger existentielle Sicherheit und für die Vernünftigen der Welt Notwendigkeit und Hoffnung inmitten des globalen Irrsinns bedeutet. Diese Erkenntnis, die in einem absolut anderen Sinne die Koinzidenz von „Hitler und Israel“, das heißt von Antisemitismus und verzweifelter Selbstverteidigung, einschließt, ist ganz woanders bewahrt – zum Beispiel in Claude Lanzmanns Film Warum Israel, dessen Aufführung in Hamburg einen Tag vor der Veranstaltung in Frankfurt durch genau jene autonomen Antinationalisten verhindert wurde, die sich von den theoretischen Schandtaten eines Avraham Burg inspirieren lassen.

Hätten die Verantwortlichen des Fritz Bauer-Instituts den Autor des Buches Hitler besiegen zu einem Gespräch ins universitätsnahe Café Laumer zu einem Stück Kuchen geladen, dann wären die Marotten Burgs dort geblieben, wo sie schlechterdings hingehören: ins Private. Weil dieses Mindestmaß an politischer Urteilskraft von keinem Mitarbeiter des Instituts durchgesetzt werden konnte oder wollte, das Frankfurter Anti-Israel-Gesindel vielmehr eine Plattform und Austauschbörse für gepflegten Antisemitismus samt jüdischer Kronzeugenschaft erhielt, sind sie allesamt am eigenen Anspruch gescheitert. Dies sei im Gedenken an den Initiator der Frankfurter Auschwitz-Prozesse, Fritz Bauer, bezeugt.