disclaimer: es handelt sich um einen aggregierten/gespiegelten/archivierten beitrag einer externen website. für die inhalte sind die externen autorInnen verantwortlich.


beitrag von Nichtidentisches

Nun doch: Berufsverbot für Franz-Josef Degenhardt

Als Kind einer verrückten Avantgarde einer wahnsinnigen Zeit wuchs ich auf mit Platten von Degenhardt. Merkwürdig war dieses aspirierte Abhacken und Dehnen von Silben und selten malte jemand Bilder von solcher Präzision – allein mit einer grummelnden Gitarre und etwas speckiger Stimme. Keiner konnte so schön einen Vers auf „und“ verharren lassen und „Dollar“ so französisiert zu den merkwürdigsten Akkordfolgen singen. Als ich Punk schon wieder überwunden hatte, kehrte ich kurz zu Degenhardt zurück, sah ihn einmal in Heilbronn und er tat mir leid. Wie er da sang, seine Lieder, die immergleichen, vor den doch sehr wenigen Pilgerern, den betagten.

Degenhardt war autoritär genug, mit DDR und DKP zu fraternisieren – FJD vor der FDJ, ein sehr deutscher Sonntag. Bisweilen völkelte seine Musik explizit: Den Heimatbegriff und das deutsche Volkslied wollte er vor dem Nationalismus retten. Dieser Barde machte der Friedensbewegung noch den Schunkelwirt, als diese schon lang nicht mehr den Atomkrieg sondern Israel und die USA zur Abschaffung ausgeschrieben hatten. Man lachte immer noch gern über desertierende GI’s – Vietnam war schon lange sozialistische Diktatur. Der luzidere Teil des Altmeisters verwahrte indes eine Linke bequem aber gut gegen terroristische Ränder: „Bumser Paco“, das ist ein Meisterstück gegen den populären Machismus der Stadtguerrilleros. Gleichzeitig romantisierte er klandestine Praxis gegen die postnazistische Gesellschaft: Bankraub, Strommastsprengen, das geht ihm durch, über sowas schmunzelten Linke, solange sie nicht selbst hinter dem Schalter standen oder ihnen der Strom ausfiel. Anders als Biermann riskierte er nicht allzuviel gegen sein Publikum, das ihm gern die DDR verzieh wenn er nur „Ein schönes Lied“ anstimmte.  Die taz erklärt ihn in einem gar nicht schlechten Nekrolog gar zum Gewissen der Linken – dabei war er nur das gute Wohlfühl-Gewissen. Die Pointen wohlgezielt, selbstironisch ja, aber nie wirklich den eigenen, linken Kernbestand in Frage stellend. Nun ist der Herr Degenhardt tot. Und alle von Welt bis Zeit finden ihn, der nie in Radios spielbar war, plötzlich gut oder irgendwie indifferent unaufregend. Ich finde es sehr traurig. Beides.

Einsortiert unter:Make a wish, Verwaltete Welt