classless Kulla

Occupy Yourself

Für Amerikaner, denen die Tea Party zu peinlich ist, gibt’s mit Occupy Wall Street ein angenehmes Gegenprogramm. Und wie es derzeit eben üblich ist, hängen sich alle, die ihre Demokratie wieder oder endlich oder noch mehr zu einer wahrhaften, true & real, machen wollen, besinnungslos mit dran und rufen für den 15.10. zur Besetzung anderer Börsen, vermeintlich wichtiger öffentlicher Plätze oder auch gleich des ganzen Planeten auf. Und geben jede Menge kaum noch entwirrbare Begründungen dafür ab, warum der Kapitalismus so unglaublich perfide und schlimm ist, die Lösung aber nicht in seiner Überwindung sondern in noch mehr Demokratie, Transparenz, Einigkeit und Sparsamkeit besteht. Besonders häufig ist die Rede vom Ende merkwürdiger kognitiver Dissonanzen (daß die eigene Stimme wieder zu hören sein soll) und vom Ende der Kränkung, als Untertan nicht ernstgenommen zu werden (diejenigen, die einem die ganze Scheiße eingebrockt haben, sollen einem wenigstens endlich mal zuhören).

Und das heißt dann eben auch: noch mehr Sozialdemokraten, noch mehr Rumgeheule, noch mehr ideologische Klamottenkiste (99% gegen 1% war ja schon die Parole der bürgerlich-demokratischen Revolution gegen den parasitären Adel), mehr oder weniger offener Antisemitismus, mehr oder weniger offen religiöser Moralismus und insgesamt der gute alte Versuch, die Übel der kapitalistischen Verwertung einem Prozent der Bevölkerung anzulasten und dieses irgendwie loszuwerden oder “zu vertreiben”, wohin auch immer.

occupywallst.org:

>>We Are The 99% that will no longer tolerate the greed and corruption of the 1%. We are using the revolutionary Arab Spring tactic to achieve our ends…<<

Im Originalaufruf bei “Adbusters” (die mit Antisemitismus, nun ja, locker umgehen) aus dem Juli steht auch, gegen wen oder was diese Vorgehensweise gerichtet sein soll – gegen den Sündenpfuhl, an dem Gottes Rache leider noch nicht vollstreckt wurde:

>>The time has come to deploy this emerging stratagem against the greatest corrupter of our democracy: Wall Street, the financial Gomorrah of America.<<

Nicht nur ist dieses fetischistische Geklebe an der Zirkulationssphäre ein Hinweis, wie wenig aus der Geschichte so gelernt wurde bzw. wie wenig diese Lektion irgendwen zu interessieren scheint, es sorgt auch recht effektiv dafür, daß kaum jemand auf die Idee verfällt, vielleicht doch lieber was zu besetzen, wo im Unterschied zur Börse auch wirklich anzueignende Gebrauchswertproduktion stattfindet. Bei Twitter schrieb ich:

if you want to #occupy: there are lots of factories, laboratories, warehouses & other useful buildings of all sorts that can actually be appropriated

Stattdessen rhabarbert Žižek vor Ort ganz im Sinne des Aufrufs herum:

>>We are awakening from a dream which is turning into a nightmare. (…) They are telling you we are not Americans here. But the conservative fundamentalists who claim they are really American have to be reminded of something. What is Christianity? It’s the Holy Spirit. What’s the Holy Spirit? It’s an egalitarian community of believers who are linked by love for each other. And who only have their own freedom and responsibility to do it. In this sense the Holy Spirit is here now. And down there on Wall Street there are pagans who are worshipping blasphemous idols.<<

Es scheint, als würde hier eine längst völlig hohle Form umso inbrünstiger mit allem gerade greifbaren Inhalt vollgestopft, weil die Beteiligten so gern auch mal was gemacht haben wollen, mal was bewegt und mit so vielen anderen sich einig gefühlt. Ebenso scheint es beinahe, als würden Staat und Kapital es gerade wie Mr. Garrison in “Death Camp of Tolerance” eigentlich drauf anlegen, gefeuert zu werden, aber genau die, von denen angenommen werden könnte, daß sie das tun, versuchen stattdessen den verdammten Laden mit Eifer und Geschrei zu retten.

Also sei noch mal auf das verwiesen, was zu tun wäre, wenn es einem wirklich ernst damit sein sollte, den Kapitalismus aus der Welt zu schaffen: um selbstgesetzte Zwecke Kommunen bilden und die bedürfnis- und wunschorientierte kollektive Produktion & Konsumtion für alle organisieren.


Hat jetzt auch englische Untertitel (auf “cc” klicken) und kann somit an Okkupanten anderer Länder weitergeleitet werden