disclaimer: es handelt sich um einen aggregierten/gespiegelten/archivierten beitrag einer externen website. für die inhalte sind die externen autorInnen verantwortlich.


beitrag von BEATPUNK WEBZINE

Neues von der Wahrheitsfront

»Für die Opfer und die Wahrheit« – wer kann dagegen etwas einwenden? Etwa 400 Menschen folgen am 10. September 2011 in Karlsruhe einem Aufruf des »Stammtischs Alles Schall und Rauch/Infokrieg«, um zehn Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington der »Opfer zu gedenken« und eine neue Untersuchung der Ereignisse zu fordern. Als terroristische Anschläge, geplant und begangen von islamistischen Attentätern, würden die wenigsten Anwesenden die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon bezeichnen – vielmehr ist auf Flugblättern und Transparenten von einem »inside job« die Rede. Mehr als eine Marionettenfunktion in einer Intrige westlicher Geheimdienste traut die »Wahrheitsbewegung«, die sich an diesem sommerlichen Samstagnachmittag zusammenfindet, Al-Quaida und Osama bin Laden nicht zu. Entsprechend pragmatisch wird der erste Teil des Aufrufs abgehandelt: Nach einer kurzen Trauerminute ist das Gedenken abgeschlossen und macht Platz für kreative Gedankenspiele über die Bösartigkeit der USA. Gewidmet wird die Trauerminute übrigens sowohl den Opfern von 9/11 als auch den Toten der Kriege im Irak und in Afghanistan. 3.000 tote Amerikaner, die zudem auf das Konto der eigenen Regierung gehen, machen hier niemanden betroffen.

Es ist ein erstaunlich breites Gesellschaftspanorama, das sich am Treffpunkt der Kundgebung entfaltet: jugendliche Hacker mit Anti‑Überwachungs-Outfit, altgediente Gegner des Imperialismus, die zielsicher die Rolle zionistischer Agententätigkeiten im Zuge von 9/11 benennen können; spirituelle Kritiker des westlichen Lebensstils, zum Islam konvertierte Wahrheitssucher und Hobby-Architekten, die anhand von Berechnungen der Fallgeschwindigkeit der Türme des WTC das Lügengebäude der US-Regierung zum Einsturz bringen. »Hier gibt es Leute, die haben früher mal die CDU, die SPD, die FDP, die Grünen, die Linken oder die Rechten gewählt«, erläutert Andreas Schenk, der Pressesprecher der Organisatoren. Etablierte und Marginalisierte, Kleinbürger und die letzten Aufrechten von der antiimperialistischen Front – sie eint die Überzeugung, dass wir alle einem großen Betrug aufsitzen, den »die Herrschenden« zum Zwecke allgemeiner Verdummung und eigener Bereicherung veranstalten.

Dennoch wäre es falsch, die »Wahrheitsbewegung« als einheitliches Phänomen zu begreifen. Die inhomogenen politischen und sozialen Herkünfte der Wahrheitsbewegten sorgen für eine kuriose Vielzahl von Themen, die in einschlägigen Blogs und auf den verteilten Flugblättern mitverhandelt werden: Während es den einen vor allem um das Leid deutscher Soldaten geht, die in Afghanistan für die »Lüge von den Teppichmesserterroristen« den Kopf hinhalten müssen, sorgen sich die anderen um RFID-Chips, die angeblich zur Vorbereitung eines Genozids jedem Menschen implantiert werden sollen; einige Aktivisten arbeiten an der Entlarvung der »Klimalüge«, und wieder andere kämpfen für die »Wiederherstellung des Bankgeheimnisses«. Zum geteilten Glauben an eine Verschwörung mächtiger Kreise kommt ein handfester Antiamerikanismus: »US-Terror weltweit« thront als Transparent auf dem Demowagen an der Spitze – der auf Hochglanz polierte Ford-Pick-Up dürfte übrigens an diesem Tag das einzige, unfreiwillig pro-amerikanische Statement gewesen sein.

Das zweite Anliegen des Tages – die Wahrheit – ist im Aufruf zur Demonstration als Forderung nach einer »unabhängigen Untersuchung« von 9/11 formuliert. Von dieser Wortwahl inspiriert, liefern lokale und regionale Medien, etwa der öffentlich-rechtliche SWR, wohlwollende Berichte zu der Veranstaltung. Die mehr als eindeutig im Raum stehende Unterstellung, die US-Regierung habe Tausende ihrer eigenen Bürger geopfert, um die Kriege in Afghanistan und im Irak vom Zaun brechen zu können, wird geflissentlich ausgeblendet. Das Motto lautet offensichtlich: Man wird ja wohl mal fragen dürfen – nach angeblichen Sprengstoffresten in den Trümmern etwa oder nach zu geringen Schäden am Pentagon. Warum verzog Bush keine Miene, als er informiert wurde – wussten er und seine Leute vielleicht doch schon vorher Bescheid?

Dass die vermeintlichen Aufklärer ihre Wahrheit samt Verantwortlichen längst kennen, geht allerdings den wenigsten Berichterstattern auf. Dabei bleibt von der Zurückhaltung des Aufruftexts auf der Demonstration nicht viel übrig – bereits das Fronttransparent verrät: »9/11 was an inside job«. Auch eine Teilnehmerin mit Palästina-Fahne macht zumindest aus ihrem Herzen keine Mördergrube: »Die Profiteure der neuen Weltordnung« seien die Drahtzieher hinter den Anschlägen, also »die Zionisten«, die der Öffentlichkeit seit Jahren »die Araber« als Feindbild verkauften. Dass Manifestationen des Antiamerikanismus und kruder Verschwörungsthesen als Trauer‑ und Aufklärungsveranstaltungen durchgehen, verrät viel über die Reichweite solcher Ideologien. Ungewollt komisch ist einzig, dass auf einem Flugblatt Charlie Sheen als »prominenter Skeptiker« zur eigenen Erbauung herangezogen wird – eine durchaus treffende Wahl, ist der aufgrund seiner Drogeneskapaden beim Boulevard gefeierte US-Schauspieler doch in seinen besten Moment ähnlich zurechnungsfähig.

Als Stimme der Vernunft in diesem trüben Szenario agiert kurzzeitig lediglich ein aufgebrachter Passant, der einem Redner ins Wort fällt und vorschlägt, sich stattdessen darüber zu freuen, dass »noch jemand was gegen die Gangster von Al-Quaida« unternimmt. Doch er enttäuscht die Hoffnung auf tatkräftige Kritik: Er beschimpft die Demonstranten nicht nur als »Verrückte« und »Idioten«, sondern auch als »Kommunisten«, für die er sie offenbar hält. Man kann den Teilnehmern an diesem Aufzug vieles vorwerfen, doch mit der Idee einer solidarischen, vernünftig eingerichteten Weltgesellschaft haben sie nun wirklich nichts am Hut. Was nicht heißen soll, dass sie sich über politische und ökonomische Fragen keine Gedanken machten.

Grundkonsens der Bewegung sei die Wahrnehmung, so Pressesprecher Schenk, dass die Demokratie »nicht mehr für das Volk, sondern für die etablierten Parteien gemacht wird«. Als Ausweg schwebt den Teilnehmern eine Schwundform direkter Demokratie vor, die kaum verhehlen kann, mit Blick auf das eigene Konto entstanden zu sein. Denn in zahlreichen Flugblättern wird neben den Verschwörungstheorien über 9/11 wie selbstverständlich die aktuelle Euro-Krise diskutiert. Hier kommen die Sparer und Kleinbürger der Wahrheitsbewegung, die um ihre Einlagen bei der Sparkasse fürchten, zu sich selbst: Keinen Cent sollen die faulen Griechen von ihren Steuern bekommen – wegen der Demokratie, versteht sich, denn bevor irgendeine Regierung so etwas entscheidet, wollen sie erst mal demokratisch selbst befragt werden.

Zum zehnten Jahrestag von 9/11 haben die Veranstalter einige Prominenz mit Verschwörungsexpertise in die badische Provinz gebracht: Hauptredner Christoph Hörstel, ehemaliger ARD-Korrespondent und früheres Beiratsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, breitet seine Sicht der Dinge aus: Der elfte September sei ein »Massenmord« gewesen, »verübt durch amerikanische Dienststellen mit willigen Leuten von außerhalb«. Überhaupt lügen die Amis, wo es nur geht – das haben auch Hörstels »Freunde von Rechts« bereits durchschaut. Zuletzt, so Hörstel, als sie sich von der NATO einen »Freibrief zum Massenmord in Libyen« hätten ausstellen lassen, weil der mittlerweile gestürzte Diktator Gaddafi sich vom US-Dollar habe lösen wollen. Und auch Deutschland sei ein Opfer amerikanischer Fremdbestimmung: »Es wird im Reichstag nur abgestimmt, was Washington genehmigt.« Gewiefte Verschwörungstheoretiker sind keine Freunde kleiner Thesen.

Die HipHop-Combo »Die Bandbreite« hat bereits im Vorfeld die Demonstration beworben und unterhält nun die versammelte Wahrheitsgemeinde auf der Abschlusskundgebung. In ihren musikalischen Beiträgen figurieren die US-Amerikaner ebenfalls als notorische Lügner, die schon in Pearl Harbor ihre »eigenen Leute geopfert« hätten, um endlich in den Zweiten Weltkrieg eingreifen zu können. Zu den Ereignissen vom elften September überlegen die HipHopper in ihrem bekanntesten Song: »Habt ihr das vielleicht selbst gemacht? Den Terror selber in die Welt gebracht?« Man wird ja wohl mal fragen dürfen. So sehen das vermutlich auch die Vertreter von Gewerkschaften und globalisierungskritischen NGOs, auf deren Veranstaltungen »Die Bandbreite« regelmäßig auftritt.

Hörstel und »Die Bandbreite« verbindet neben ihrem gemeinsamen Einsatz für die Wahrheit die Nähe zu einem weiteren verdienstvollen Vertreter des Verschwörungswesens, nämlich dem Gründer der »Volksinitiative gegen das internationale Finanzkapital«, Jürgen Elsässer. Was macht der eigentlich an so einem Tag? Er befindet sich auf einem Podium in Leipzig, um die wahren Drahtzieher und Mitwisser von 9/11 zu entlarven. Die von ihm initiierte »Fachkonferenz Inside 9/11« bietet allerdings wenig Neues auf dem Gebiet verschwörungstheoretischer Erkenntnisse rund um die Anschläge auf das WTC. Dabei hatte die Ankündigung »neues Insiderwissen« versprochen; man wolle sogar »auf eigene Faust« und »ohne staatliche Unterstützung« weiterermitteln, wie es in einem Nachgang zur Konferenz auf der »Truther«-Seite »infokrieg.tv« zu lesen ist. Wer sich derart von staatlicher Alimentierung abgrenzen muss, um nicht Gefahr zu laufen, als ein von der Regierung bezahlter Büttel angesehen zu werden, muss auf andere Weise an sein Geld kommen. Vielleicht sind deswegen die Preise für Tickets an der Tageskasse (60 Euro regulär, 40 Euro ermäßigt) so hoch – aber es geht ja schließlich um die Wahrheit, da wird der Wahrheitsbewegte doch nicht an der falschen Stelle sparen wollen.

Das hochkarätig besetzte Podium weiß das Publikum – Klischee-Nerds, friedensbewegte Altlinke, ein paar wenige Migranten und Ottonormalverbraucher – auf seiner Seite. Beiderseits der Referententische zieht man längst bekannte verschwörungstheoretische Gedankengebilde und abgestandene Argumentationsmuster dem angekündigten »Insiderwissen« vor. Elsässers Eröffnungsreferat gibt den Ton vor: 9/11 sei die »Mutter aller Lügen« gewesen, und deren Vater sei – nein, nicht George W. Bush, sondern dessen ehemaliger Vize, Dick Cheney. Er und eine Gruppe bekannter Neocons wie Paul Wolfowitz gehörten zum Kopf einer Verschwörung, mit der Bush und die unwissenden Teile der Regierung unter Druck gesetzt werden sollten, um die Interessen dieser kleinen Elite und deren »Idee des Globalismus« durchzusetzen: Regime Change im gesamten Nahen Osten, imperialistische Machtpolitik zur Unterdrückung und Ausbeutung der arabischen Völker und Nutzung des dadurch entstehenden Machtspielraums – natürlich alles in Zusammenarbeit mit den Israelis, die an der Ausarbeitung dieser Machenschaften beteiligt gewesen seien.

Neben dem gastgebenden Jürgen Elsässer sprechen unter anderem der Ex‑»Focus Money«-Journalist Oliver Janich über die fünf Minuten, »die die wahren Attentäter entlarven«, Jan Gaspard, der klären will, warum das dritte WTC-Gebäude eigentlich gar nicht hätte einstürzen dürfen, und Paul Schreyer, Hansdampf in allen verschwörungstheoretischen Sackgassen zu 9/11. Auch Alexander Benesch, ein selbsternannter »Investigativjournalist« mit Affinität für die absurdesten Spinnereien, der auf seiner Website »infokrieg.tv« auch gerne gegen Linke, Pädophile und Juden »berichterstattet«, darf sich ausbreiten – zwar weniger über 9/11, dafür aber über das Utøya-Massaker und »den Plan Breiviks und der angloamerikanischen Oligarchie, die Konservativen Europas auf einen selbstzerstörerischen Kriegskurs zu bringen«. Fehlt eigentlich nur noch Charlie Sheen.

Dieser Unsinn bildet den Tenor einer Konferenz, deren Macher anscheinend sehr genau um den Stellenwert ihres »Enthüllungsjournalismus« innerhalb des gesellschaftlichen Zeitgeistes wissen. Wer jedenfalls bewusst die unheimliche Fülle an »kritischen« Dokumentationen und »skeptischen« Nachfragen am zehnten Jahrestag der islamistischen Anschläge unter die Lupe nimmt, kann sehen, dass derlei Wahnvorstellungen mittlerweile tatsächlich im Mainstream angekommen sind. Das bemüht seriöse und sachliche Auftreten der meisten Redner der Leipziger 9/11-Konferenz legt Zeugnis darüber ab, dass man – wohl zu Recht – nicht nur paranoide Antiimperialisten, Hacker und notorische Feinde Amerikas unter den eigenen Adressaten vermutet, sondern auch gemeine Konsumenten der »Tagesschau« und besorgte Steuerzahler, die keine Bundeswehreinsätze für Dick Cheneys vermeintliche Interessen finanzieren wollen.

Wer sich nun aus welchem Grund wogegen verschworen hat, kann zwar auch das hoch dotierte Leipziger Podium nicht abschließend klären, doch darum geht es wohl auch nicht. Wichtiger ist, dass man das ganze Elend – das global agierende Finanzkapital, den »Globalismus« oder die »oligarchische Machtergreifung« – jemandem anlasten kann. Hinter den Kulissen jedenfalls vollzieht sich eine Verschwörung, die man – auch auf dieser Konferenz – nicht explizit als jüdisch definieren muss, um genau so verstanden zu werden.

Die Ideologie des »schnöden Mammons« gelte es zu bekämpfen, so Elsässer in seinem Abschlussstatement – am besten mit vereinten Kräften: »Es gibt den linken Widerstand, es gibt den rechten Widerstand, und es gibt den religiösen Widerstand gegen die Globalisierung. […] Diese drei Widerstandsströmungen zusammen könnten die Globalisierung stoppen. Aber im Augenblick ist es nicht so. Weil die Linken mögen die Rechten nicht. Und die Rechten mögen die Linken nicht. Die Linken mögen die Katholiken nicht, und die Rechten mögen die Muslime nicht. Das muss aufhören, wenn wir dem Globalismus tatsächlich etwas entgegensetzen wollen.« Elsässer formuliert damit den Querfrontgedanken auf der Höhe der Zeit und am passenden Ort; er ist auf seiner Reise nach ganz Rechts am Ziel angekommen.

flattr this!