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beitrag von classless Kulla

Richtige Stellung (5): Bahamas

[Sommer & auf Arbeit: Zeit für eine Postingreihe mit liegengebliebenen Korrekturen & Bemerkungen – “richtig” heißt: so seh ich’s wirklich, “Stellung” heißt: Stellung im Produktionsprozeß und in den Auseinandersetzungen statt Unterstellung]

Vor knapp einem Monat versammelte die Bahamas unter der Überschrift “Mitmachen ist Ehrensache” sicher über 100 Leute, um ihnen ihr Leid, die jüngsten Veranstaltungsausladungen und Übergriffe, zu klagen und lud im Anschluß zum gemeinsamen Nachdenken über mögliche Problemlösungen ein.

Da es aber nicht nur um den “Terror von Verbot, Drohung und Nötigung gegen Kritiker” ging, dem es entschieden entgegenzutreten gilt und der zuletzt in Form eines Angriffs auf Justus Wertmüller in Bonn und im Kleinen sogar am Mittwoch selbst vor Veranstaltungsbeginn in Gestalt eines Dutzend pöbelnder und schwer halluzinierender Antiimp-Kiddies zu erleben war, sondern auch darum, daß “man sie lässt, d.h. z.B.: nicht öffentlich zurechtweist”, was explizit an Jungle World und Phase 2, implizit aber an die ganze antideutsche Szenerie gerichtet war, halte ich es für an der Zeit, meine Position zur Bahamas zu umreißen, eine Position, mit der ich meine, mich in guter Gesellschaft zu befinden, die aber aus verschiedenen Gründen bisher (zu) wenig artikuliert wurde.

Gäbe es die Bahamas nicht, würde also antideutsche Kritik nur so aussehen wie etwa die prodomo, wäre alles ganz einfach: dort sticht Distinktion stets Dialektik aus, zweitere muß für die aktuelle Ausgabe von Christoph Plutte angemahnt werden, und die Welt wird fast nur noch nach Bestätigungen fürs eigene Ressentiment bzw. für die Gleichsetzungsautomatik links = reaktionär abgesucht.

Nur war es mit der Bahamas nie so einfach und ist es auch nicht.

Sie ist der rollende Zankapfel, sie hat wiederholt linke, autonome, kommunistische Gewißheiten erschüttert, zum Teil sehr erfolgreich. Immer wieder hat sie die große Angriffsfläche der organisierten Linken und der sie umgebenden Szenen mit Kritik und Spott überzogen, was sich viele derer, um die es ging, redlich verdient hatten. (Noch in der aktuellen Ausgabe, in der es so Ärgerliches wie Niklaas Machunskys völlig freie Assoziationen über Tiqqun zu lesen gibt, wie auch in Justus’ Referat letzten Mittwoch steckten zahllose kluge und fiese Bemerkungen zu “Mitmach-Deutschland” und dem freiwilligen Zwang der quasi-verstaatlichten Arbeitskraft.) Gegen alle, die die Bahamas – ausgesprochen oder unausgesprochen – für diese oftmals höchst angezeigten Einsprüche hassen und zum Schweigen bringen wollen, war und ist sie jederzeit zu verteidigen; in Auseinandersetzung mit den oft schlicht irren Anwürfen, von denen sie getroffen wurde, gingen Differenzen verloren, und im Zweifelsfall stand ich lieber auf ihrer Seite als auf der jeweils anderen. (Jetzt würde ich sagen, daß ich es vorziehe, mich nicht mehr auf eine Seite zu schlagen, was aber klingt, als hätte ich auch weniger Problem mit den anderen – no way!)

Nur hat sie die Wirkung ihrer Kritik eigenhändig unterminiert, in gewisser Weise ganz grundsätzlich durchs Festfahren auf Positionen, was immer die Gefahr birgt, daß einem die Dialektik abhanden kommt, genauer aber durch das Vertreten von zwei ganz bestimmten Positionen, mit denen sie viele Sympathisierende verprellt und den heutigen Zustand passiver Entsolidarisierung erzeugt hat.

Die erste dieser Positionen datiert zurück auf die Vergewaltigungsdebatte von vor zehn Jahren plus. Dabei geht es mir keinesfalls um alles, was die Bahamas damals vorzubringen hatte; ihre Kritik am kollektiven Strafbedürfnis in der autonomen Szene z.B. finde ich in groben Zügen richtig und wichtig. Nein, es geht darum, daß sie von einem Vergewaltigungsfall, für den sie die Kriterien einer Vergewaltigung akzeptierte, dennoch kategorisch behauptete, er sei keine Vergewaltigung gewesen und im Zuge dessen eine ganze Reihe wohlbekannter Relativierungen und Verharmlosungen auftischte (Sex ist immer Grenzüberschreitung und Willensbruch, es war nur schlechter Sex, keine “richtige” Vergewaltigung, Überwältigung macht erst gesunden Sex usw.). Dies wurde nicht zur Diskussion gestellt, sondern dekretiert – wer es anders sah, galt als Lustfeind. Bis heute wurde nichts davon zurückgenommen, im Gegenteil, anläßlich der Ausladung von Justus Wertmüller aus dem Conne Island letzten Herbst bekräftigte Sören Pünjer diese “Wahrheit”, an der es festzuhalten gelte: “Der oben geschilderte Vorfall war mitnichten eine Vergewaltigung…”

Sie zitierten damals wie heute diese Stellungnahme der Frau, um die es ging: “Obwohl ich ihm mehrmals gesagt habe, dass ich nicht mit ihm schlafen will, hat er mich gefickt. Hinterher fragte er, ob ich das als Vergewaltigung ansehe, und dass es doch in Ordnung sei, mir trotz eines Neins Lust zu machen. Es ist eine Vergewaltigung Thomas! Es ist in keinster Weise o.k. einer Frau ‚Lust machen‘ zu wollen und erst recht nicht, wenn die Frau nein gesagt hat.” Und damals wie heute ist das, was ihnen an dieser Geschichte wichtig ist – ganz unabhängig vom Fall selbst -, der eine Teilsatz, in dem das Lustmachen ohne Nein steht; aus dem Lustmachen trotz eines Nein wird so das bloße Lustmachen. Und ohne das Nein geht es dann plötzlich nur noch um Lustfeindschaft und das Recht auf Annäherungsversuche.

Mit diesem bösartigen Quatsch wurden vielerorts mühsam aufgebaute Basisbanalitäten zerstört, und wenngleich es bei den Reaktionen der Interim-Fraktion zumeist um ganz andere Dinge ging, dürfte diese eine Positionierung fürs Abrücken zahlloser Sympathisierender verantwortlich sein. Es ließe sich auf die einfach Formel bringen: Solange der Eindruck bestand, die Bahamas treibe Kritik an bestimmten Formen des Antisexismus in antisexistischer Absicht, waren viele bereit, sie anzuhören und anzunehmen; dieser Eindruck war durch die Leugnung einer Vergewaltigung und die Begleitmusik dazu mindestens erschüttert, wenn nicht zerstört.

It's only better in the bahamas
Is it?

Die zweite Position hob ganz ähnlich mit einer Kritik an bestimmten Formen des Antirassismus in antirassistischer Absicht an, namentlich am Multikulturalismus, der selbst rassistisch funktioniert, indem er Menschen ihrer Kultur zuweist und sie so in deren angeblichem Wesen einsperrt. Die Kritik wie auch die Thematisierung von Islamfaschismus und den Gefahren von Essentialisierung und Formierung islamischer Communities sind seither nicht zuletzt der Bahamas wegen stark diskutiert worden und viele haben ihre Auffassungen deswegen geändert. (Insofern sind auch viele Anklagen seitens der Bahamas in ihrer Pauschalität absurd, da sie sich dadurch gar nicht nur an die ja existenten unbelehrbaren, abgeschotteten Strukturen richten, sondern auch an genau jene, die die Kritik der Bahamas ernstgenommen haben und jetzt nicht mehr ernstnehmen können oder für bitterernste Selbstauskunft der Bahamas halten müssen.)

Diese Kritik und Thematisierung kippte jedoch regelmäßig in Hetze um, zuletzt etwa, wenn Thomas Maul – unredlich oder dumm – Merkmale des Islam und seiner Anhänger aufführte und als einzigartig hinstellte, obwohl sie bei anderen religiösen oder ideologischen Kollektiven ebenso anzutreffen sind. Auch scheint sich die Auffassung durchgesetzt zu haben, Antirassismus wäre das größere Problem in Deutschland als Rassismus, und Clemens Nachtmann etwa wirft in seinem ansonsten sehr bedenkenswerten Text zum “Altern antideutscher Kritik” im aktuellen Heft staatliche Multikulti-Programme mit antirassistischen Initiativen zusammen und spricht dann summarisch von “Antirassismus als Mobilmachung”.

Zu diesen beiden Positionen mitsamt ihrer willkürlichen Ausweitung der Kritik und pauschalen Feinderklärung kommt noch das Klima hinzu, in dem das alles verhandelt wird: es ist dies eine klassische Snafu-Situation, eine Atmosphäre opportunistischer (Selbst-)Kritiklosigkeit.

Zugegeben, es hat oft gedauert, bis die Kritik der Bahamas wirksam wurde, und deshalb gab es vielleicht bei manchen auch dieses Zögern bezüglich der Verirrungen und der Hetze; es wurde sich gefragt, ob die tiefere Weisheit darin noch zum Vorschein kommen würde, was mit der Zeit bei vielen Themen der Gewißheit gewichen ist, diese tiefere Weisheit wohl doch nicht mehr zu entdecken. Wer die Entwicklung der Bahamas in den letzten Jahren so wie ich aufmerksam verfolgt hat, wird zudem die Hoffnung für unbegründet halten, daß sie von all dem gefährlichen Quatsch etwas zurücknehmen oder nochmals zur Diskussion stellen könnten. Das scheint aus Prinzip nicht zu passieren; auf Veranstaltungen wurde eher ein gewisser Stolz bekundet, nichts zurückzunehmen zu haben. Und das wiederum paßt leider sehr gut zum Gesamtbild der Preisgabe von Dialektik zugunsten von Positionierung und Einkapselung, die immer wieder auch dazu führt, daß ihnen nicht aufzufallen scheint, wann sie nur wie die bekannten “Tabubrecher” der Mehrheit klingen.

Die enorme Unfähigkeit zu Selbstzweifel und Selbstkritik ist abschreckend und wirkt gespenstisch, konterkariert das eigene Beharren auf schärfster Kritik – im Rückzug auf die Figur des “Kritikers” wurde dieser der Kritik entzogen und gleichzeitig gegen die “postmoderne” Infragestellung dieser Figur Stimmung gemacht. Ebenso gespenstisch ist diese quasi-paranoide Selbstgewißheit, die, auch wenn sich Hedonisten und Kommunisten von ihnen abwenden, das trotzdem als Ausdruck von Lustfeindschaft bzw. strukturellem (wenn nicht offenem) Antisemitismus gegen “den Kritiker” gewertet wird. Daß es zumindest in vielen Fällen auch an ihnen selbst und bestimmten unhaltbaren Positionen liegen könnte, die sie vertreten, daß hier also möglicherweise eine ganz rationale Differenz in Auffassungen besteht, scheint ihnen kaum noch in den Sinn zu kommen.

>>Wir erinnern uns noch gern daran als die Bösen noch böse warn
man brauchte nur auf die andere Seite zu gehen damit man zu den Guten kam
Jetzt sehn sie alle nur noch wie Idioten aus und hörn nicht auf sich zu blamiern
Mit dem Alter fängt man an sich für Countrymusik zu interessieren
<<

(Aeronauten, Countrymusik)

Bahamas-Gegner werden meinen Text wahrscheinlich als Beleg für ihre Überzeugung nehmen, es sei schon immer alles grundverkehrt gewesen damit; so mancher Bahamas-Anhänger wiederum wird darin wohl nur die Unterminierung lange verteidigter Positionen sehen und davon ausgehen, daß ich schwuppdiwupp bei “den anderen” landen muß. Genau das scheint mir ein Teil des Problems zu sein.

Mein Text ist keine anonyme Fatwa aus dem Internet – ihr kennt mich, ihr wißt, wer ich bin. Er ist auch kein Aufruf zur Entsolidarisierung, sondern ein Erklärungsversuch für längst erfolgte Abwendungen und eine Formulierung von m.E. erfüllbaren, wenn nicht selbstverständlichen Bedingungen für Solidaritätsfähigkeit.

Ich finde es tragisch, was aus der Bahamas geworden ist, weil weit und breit nichts in Sicht ist, was an ihre Stelle treten könnte. Die Kritik wird verwaltet und hört auf zu wirken; sie bestärkt vielmehr die sich nun gegenüberstehenden Lager, anstatt alle vor sich herzutreiben. Vor allem in Bezug auf Israel bleibt die Bahamas für mich eine der ganz wenigen korrekten Stimmen und es wäre ein großer Verlust, wenn diese Stimme dazu nicht mehr zu hören wäre, weil sie sich mit Rechthaberei und Apologie selbst übertönt.

Bei der Veranstaltung am 27. Juli, in der als zweiter Thomas Maul sprach und u.a Feminismus an einer wirklich bescheuerten Selbstdarstellung einer FrauenLesben-Gruppe zu blamieren suchte (das fehlt noch bei Derailing for Dummies), hat im Anschluß niemand die Frage gestellt, ob die mangelnde Unterstützung vielleicht auch Resultat eigener Worte und Taten sein könnte. Ich war bei der Diskussion nicht mehr anwesend, da ich anderswo die Vorpremiere einer großartigen bittersüßen Filmmontage mit Zitaten Kropotkins beiwohnte, die den Kommunismus auch in aller Aussichtslosigkeit so denkbar und wünschenswert macht, Titel: “Die kommende Revolution”. (Gibt’s bald auch hier zu sehen.)


Richtige Stellung 1: Laika Verlag & Weather Underground
Richtige Stellung 2: Ventil Verlag & Egotronic
Richtige Stellung 3: WikiLeaks & Wau Holland
Richtige Stellung 4: 9/11 & Verschwörungsideologie