tag ‘Heuschrecken’
Gefährliche Welterklärung: Personalisierender Antikapitalismus und seine Nähe zum Antisemitismus March 31, 2017 | 01:24 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 22. April 2017, 19.00 Uhr Mannheim                                                            Jugendkulturzentrum FORUM, Neckarpromenade 46, 68167 Mannheim

Ein Workshop im Rahmen der Anarchistischen Buchwoche Mannheim

(Beginn ist 19 Uhr und nicht 10 Uhr, wie es momentan noch im Programm der Buchwoche steht)

Je länger die weltweite ökonomische Krise dauert, desto beliebter sind einfache Erklärungen. Nicht nur unter Rechten, auch unter Linken, Gewerkschaftsmitgliedern und Leuten, die sich der „guten Mitte“ zurechnen. Die Empörung darüber, dass an Bildung, Gesundheit, Umwelt und Sozialem gespart wird, während gleichzeitig Billionen Euro in den Finanzmärkten zirkulieren, mischt sich oft mit der Vorstellung, „die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen“ seien an der Krise Schuld. Ein ebenso verbreiteter wie unreflektierter Bauch-Antikapitalismus verwechselt Gesellschaftskritik mit Wut auf „die da oben“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“. Die Sehnsucht nach einfachen Antworten macht anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres. Ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Die Nationalsozialisten setzten „die Gierigen“ mit „den Juden“ gleich. Doch auch wer das nicht tut, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein.
Der Vortrag beleuchtet oberflächlichen und personalisierenden Antikapitalismus anhand von Beispielen aus linkem und gewerkschaftlichen Kontext. Er wirft einen Blick auf den Antikapitalismus alter und neuer Nazis und untersucht dessen Anschlussfähigkeit an den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Und er behandelt Grundzüge einer reflektierten Kapitalismuskritik, die der Referent für dringend notwendig hält und die sich wesentlich von oberflächlichem und personalisierendem Antikapitalismus unterscheidet.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat im Klinikum Mannheim und im Klinikum Stuttgart. Heute schreibt er u.a. für Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

Audio: Von Heuschreckenkampagnen zu AfD-Hochburgen December 5, 2016 | 05:12 pm

Warum man nicht mit problematischen Bildern gegen soziale Zumutungen kämpfen sollte.

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 01. Dezember 2016 in Freiburg

Vor zehn Jahren engagierten sich viele Leute in Freiburg gegen den beabsichtigten Verkauf tausender städtischer Wohnungen an einen privaten Investor. Die Aussicht auf massive Mieterhöhungen und Kündigungen mündete in eine breite Protestbewegung, an deren Ende ein erfolgreicher Bürgerentscheid gegen den Verkauf stand. Bis heute blieben die Wohnungen städtisch. Ein schöner Erfolg. So weit, so gut? Leider nein.

Denn ein Gutteil der bundesweiten Aufmerksamkeit verdankte die Kampagne den Bildern mit den durchgestrichenen Heuschrecken, die monatelang ganze Straßenzüge und Stadtteile schmückten. Der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hatte kurz zuvor gegen „verantwortungslose Heuschreckenschwärme“ gewettert und es schien, als habe fast eine ganze Stadt nur auf dieses Stichwort gewartet. Von nun an wähnte man sich in einem verzweifelten Abwehrkampf gegen einen bedrohlichen Schwarm gieriger und bösartiger Ungeheuer, die über die beschauliche Stadt am Fuße des Schwarzwalds herfielen und sie mitsamt ihren ehrlichen und arbeitsamen BürgerInnen innerhalb kürzester Zeit kahl fressen wollten. Dass man diese üblen Schädlinge ausgestrichen und vernichtet sehen wollte, war weitgehend Konsens in der Stadt.

Dort, wo die Kampagne damals am stärksten präsent war, hat die AfD in Freiburg heute den höchsten Wähleranteil. Zwar wäre es verfehlt, der Heuschreckenkampagne unmittelbar die Schuld daran zu geben. Doch die Verwandtschaft beider Phänomene springt ins Auge. Wo man sich die Welt mit einfachen Bildern à la „Wir Guten da unten – Ihr Bösen da oben“ erklärt, waren menschenfeindliche Ideologien noch nie weit. Deren gefährliches Potential entfaltet sich besonders rasch in Krisenzeiten. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „Heuschrecken“, „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt und sich in gefährlicher Nähe zum Antisemitismus bewegt. Das macht anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres. Besonders wenig Gutes ist in dieser Lage von „Direkter Demokratie“ zu erwarten. Kein Wunder begegnet einem diese Forderung heute umso häufiger, je weiter man sich im politischen Spektrum nach rechts bewegt. Nicht nur ein Blick in die Schweiz macht klar, dass daraus immer mehr ein Kampfprogramm gegen Humanität und Menschenrechte wird.

Der Kampf gegen soziale Zumutungen ist gut, aber „Heuschrecken“ sind kein Argument, sondern Ressentiment. Und ein erfolgreicher Bürgerentscheid ist noch lange kein Grund, eine „Direkte Demokratie“ gut zu finden. Der Referent zeichnet stattdessen Grundzüge einer reflektierten Kapitalismuskritk nach, die er für dringend notwendig hält.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de.

Von Heuschreckenkampagnen zu AfD-Hochburgen November 7, 2016 | 06:49 pm

Warum man nicht mit problematischen Bildern gegen soziale Zumutungen kämpfen sollte.

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 01. Dezember 2016, 20.00 Uhr, Freiburg                                          Vorderhaus – Kultur in der Fabrik, Habsburgerstraße 9

Eine Veranstaltung der JPG-Fraktion im Gemeinderat der Stadt Freiburg

– Der Vortrag kann mittlerweile HIER nachgehört werden –

Vor zehn Jahren engagierten sich viele Leute in Freiburg gegen den beabsichtigten Verkauf tausender städtischer Wohnungen an einen privaten Investor. Die Aussicht auf massive Mieterhöhungen und Kündigungen mündete in eine breite Protestbewegung, an deren Ende ein erfolgreicher Bürgerentscheid gegen den Verkauf stand. Bis heute blieben die Wohnungen städtisch. Ein schöner Erfolg. So weit, so gut? Leider nein.

Denn ein Gutteil der bundesweiten Aufmerksamkeit verdankte die Kampagne den Bildern mit den durchgestrichenen Heuschrecken, die monatelang ganze Straßenzüge und Stadtteile schmückten. Der damalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hatte kurz zuvor gegen „verantwortungslose Heuschreckenschwärme“ gewettert und es schien, als habe fast eine ganze Stadt nur auf dieses Stichwort gewartet. Von nun an wähnte man sich in einem verzweifelten Abwehrkampf gegen einen bedrohlichen Schwarm gieriger und bösartiger Ungeheuer, die über die beschauliche Stadt am Fuße des Schwarzwalds herfielen und sie mitsamt ihren ehrlichen und arbeitsamen BürgerInnen innerhalb kürzester Zeit kahl fressen wollten. Dass man diese üblen Schädlinge ausgestrichen und vernichtet sehen wollte, war weitgehend Konsens in der Stadt.

Dort, wo die Kampagne damals am stärksten präsent war, hat die AfD in Freiburg heute den höchsten Wähleranteil. Zwar wäre es verfehlt, der Heuschreckenkampagne unmittelbar die Schuld daran zu geben. Doch die Verwandtschaft beider Phänomene springt ins Auge. Wo man sich die Welt mit einfachen Bildern à la „Wir Guten da unten – Ihr Bösen da oben“ erklärt, waren menschenfeindliche Ideologien noch nie weit. Deren gefährliches Potential entfaltet sich besonders rasch in Krisenzeiten. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „Heuschrecken“, „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt und sich in gefährlicher Nähe zum Antisemitismus bewegt. Das macht anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres. Besonders wenig Gutes ist in dieser Lage von „Direkter Demokratie“ zu erwarten. Kein Wunder begegnet einem diese Forderung heute umso häufiger, je weiter man sich im politischen Spektrum nach rechts bewegt. Nicht nur ein Blick in die Schweiz macht klar, dass daraus immer mehr ein Kampfprogramm gegen Humanität und Menschenrechte wird.

Der Kampf gegen soziale Zumutungen ist gut, aber „Heuschrecken“ sind kein Argument, sondern Ressentiment. Und ein erfolgreicher Bürgerentscheid ist noch lange kein Grund, eine „Direkte Demokratie“ gut zu finden. Der Referent zeichnet stattdessen Grundzüge einer reflektierten Kapitalismuskritk nach, die er für dringend notwendig hält.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de.

Israel und die deutsche Linke June 22, 2016 | 03:27 pm

Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 11. Juli 2016, 20 Uhr, Heidelberg
Hörsaal 1 der Neuen Uni Heidelberg

Eine Veranstaltung von Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Heidelberg in Kooperation mit dem Studierendenrat der Universität Heidelberg

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

 

 

Gefährliche Welterklärung: Personalisierender Antikapitalismus im gewerkschaftlichen Kontext und seine Nähe zum Antisemitismus June 6, 2016 | 12:19 pm

Seminar im Rahmen der Reihe „Bildungsbausteine gegen Antisemitismus“                      mit Matthias Ammer (Politikwissenschaftler, Jugendsekretär der IG Metall Nordhessen) und Lothar Galow-Bergemann (Publizist, ehemaliger Personalrat in zwei Großkliniken, ver.di)

Montag, 20. Juni 2016,14 bis 20 Uhr, Kassel
Sara Nussbaum Zentrum Kassel

Veranstalter: DGB Nordhessen und IG Metall Nordhessen

Je länger die weltweite ökonomische Krise dauert, desto beliebter sind einfache Erklärungen. Auch unter Gewerkschaftsmitgliedern. Die Empörung darüber, dass an Bildung, Gesundheit, Umwelt und Sozialem gespart wird, während gleichzeitig Billionen Euro in den Finanzmärkten zirkulieren, mischt sich oft mit der Vorstellung, »die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen« seien an der Krise Schuld. Die Nationalsozialisten setzten »die Gierigen« mit »den Juden« gleich. Doch auch wer das nicht tut, kann sich in einer gefährlichen Nähe zum Antisemitismus befinden, ohne sich darüber im Klaren zu sein.

Das Seminar beleuchtet oberflächlichen und personalisierenden Antikapitalismus anhand von Beispielen aus dem gewerkschaftlichen Kontext. Es wirft einen Blick auf den Antikapitalismus alter und neuer Nazis und untersucht dessen Anschlussfähigkeit an den aktuellen gesellschaftlichen Diskurs. Grundlegende Unterschiede zu einer reflektierten Kritik, die die systemischen Zwänge und Widersprüche des Kapitalismus untersucht, werden behandelt.

 

Bankenkollaps, Wirtschaftskrise, Staatsbankrott January 11, 2016 | 07:55 am

Ursachen und Erklärungen der Weltwirtschaftskrise seit 2008

Workshop mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 21. Januar 2016, 15.00 Uhr, Mosbach                                                ver.di Bildungszentrum, Am Wasserturm 1-4, 74821 Mosbach

im Rahmen des Seminars „Die neue Ordnung auf dem alten Kontinent – die Geschichte des neoliberalen Europas nach 1989″

Eine Veranstaltung von ver.di GewerkschaftsPolitische Bildung

Seminarbeschreibung: Der Zusammenbruch der europäischen Nachkriegsordnung und die Auflösung der Sowjetunion weckten bei vielen Europäern große Hoffnungen. Bald begann unter dem Einfluss westlicher Experten der Umbau der staatssozialistischen Ökonomien zu liberalen Marktwirtschaften. Die neoliberale Transformation brachte Gewinner und Verlierer hervor. Jugoslawien zerbrach an inneren Widersprüchen und äußerer Einflussnahme. Russland glitt in ein wirtschaftliches und politisches Chaos ab, auf dem Präsident Putin sein autoritäres Regime begründete. Länder wie Polen und Tschechien erholten sich von der Krise nach 1989 und sind heute Mitglieder der EU. Aber auch der Westen des Kontinents wurde auf eine neoliberale Ordnung getrimmt und dem Regime der Liberalisierung, Deregulierung und Privatisierung unterworfen. Das Seminar beschreibt die Grundlinien dieser Entwicklung und analysiert die Geschichte einzelner Länder als historische Fallbeispiele

 

Was ist regressiver Antikapitalismus? December 18, 2015 | 12:10 pm

Anmerkungen zum Unterschied zwischen Kapitalisten– und Kapitalismuskritik

english translation

lügenpack böse ich gut 2015 RZ

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Seit 2008 will die Krise nicht enden. Die Vorstellung von einer ewig prosperierenden Marktwirtschaft ist zu Grabe getragen und es wimmelt nur so von „Kapitalismuskritik“. Doch leider kursiert unter dieser Überschrift vor allem eines: das Ressentiment. Das gilt auch für eine Linke, die zwar – so viel muss man ihr lassen – wenigstens noch gegen die dumpfen Parolen von „den faulen Griechen, die uns auf der Tasche liegen“ mobil macht, in anderer Hinsicht aber selber mit am Stammtisch sitzt. Geht es nämlich gegen „Gierige, Bankster, Heuschrecken und Spekulanten“ bewegt sich „linke Kritik“ durchaus auf dem Niveau von Fernseher, Finanzminister und Frau Maier: „Die sind schuld!“

 

 

„Ihr Gierige – Wir Ehrliche“
Eines haben die Gierigen und die Faulen in der Vorstellungswelt der Ressentimentgeplagten gemeinsam: „Sie schmarotzen und sie betrügen uns, die ehrlich Arbeitenden.“ Protestbewegungen wie „Occupy“, gegen „Stuttgart 21“ u.a. leben großteils vom Bild, „die da oben“ würden „uns“ belügen und betrügen. Mal ist es einfach nur „der XY“, dann wieder sind es „die Politiker“, „die Heuschrecken“ oder überhaupt „die gierigen Bankster und Spekulanten“, die „schuld sind“. Der spontane Aufschrei gegen die Zustände, der Oberflächenphänomene für „die Wahrheit“ und seine eigene Empörung für „Kritik“ hält, sucht für  jedes Problem ein paar „Schuldige“ , die er dafür haftbar macht, während er sich selbstzufrieden dem großen und guten Kollektiv der „Ehrlichen und Betrogenen“ zurechnet. Er affirmiert die Grundlagen der herrschenden Zustände, denn er hält Ware, Geld, Staat, Kapital, Arbeiten-gehen-müssen-um-Geld-zu-verdienen-weil-wir-sonst-nicht-leben-können für „völlig natürlich“, während er sich gleichzeitig über die ein oder andere Folge dieser grundlegenden, die kapitalistische Gesellschaft prägenden Verhältnisse aufregt. Er denkt nicht über deren Tellerrand hinaus und ist deswegen nicht in der Lage, die Verhältnisse wirklich zu durchschauen. Sofern er sich überhaupt in einer Analyse versucht, verbleibt diese im Gedankenuniversum der Kapitallogik und ist deswegen unfähig zu wirklicher Kritik der Verhältnisse. Statt in dieser zu münden, bleibt seine Empörung im Ressentiment befangen. Er betreibt Kapitalismuskritik als schlechte Karikatur.
„Gute Arbeit – Schlechtes Kapital“
Wenn sich regressiver Antikapitalismus überhaupt auf das Feld der Theorie begibt, bleibt er weit unterhalb dessen, was eine wirkliche Kapital-ismus-kritik leisten muss. Gegenstand seines Interesses ist allein die Ausbeutung, sprich die Mehrwertproduktion und deren Aneignung durch die Kapitalisten. Doch so notwendig der Blick darauf auch ist, so bleibt er doch außerstande, das Wesen des Kapitals zu erfassen, die Krise zu verstehen und eine emanzipatorische Perspektive zu entwickeln. Entscheidend dafür ist die Erkenntnis, dass wir in einer warenproduzierenden Gesellschaft leben, deren Antrieb nicht die Produktion stofflichen Reichtums, sondern die selbstzweckhafte Verwertung des Werts ist. In einer Gesellschaft, in der der Wert regiert, wird alles, auch der Mensch, zur Ware. Der Wert vermittelt das gesellschaftliche Verhältnis der Menschen untereinander, die sich als vereinzelte Warenbesitzer gegenübertreten. Der Wert der Waren bemisst sich nach der zu ihrer Produktion bzw. Reproduktion erforderlichen gesellschaftlich notwendigen Arbeitszeit. Das Kapital ist sich selbst verwertender Wert. Sprich: Kapital ist letztlich nichts als angehäufte Arbeit. Doch regressiver Antikapitalismus affirmiert die warenproduzierende und wertschaffende Arbeit und setzt sie als positiven Gegenpol gegen das Kapital. So konstruiert er die Arbeiterklasse als vermeintliche Trägerin gesellschaftlicher Emanzipation.
Obwohl Karl Marx die Grundlagen einer reflektierten Kapitalismuskritik geschaffen hat (die von den meisten Marxistinnen [1] gerne übersehen werden), war er nicht immer frei von problematischen Verkürzungen. Leider nutzten Massenmörder wie Stalin, Mao u.a. sein unglückliches Diktum von einer „Diktatur des Proletariats“, um sich auf ihn zu berufen. Noch heute verachten vermeintlich besonders rrrrrrrevolutionäre Kämpfer*innen „für die Sache der Arbeiterklasse“ die Errungenschaften der bürgerlich-demokratischen Revolution und streben eine Parteidiktatur an.
Die Vorstellung aber, Ware, Wert und Arbeit seien so natürlich wie die Luft zum Atmen, ist keine Erfindung der Traditionslinken. Sie entspringt dem auch von ihr nie durchschauten Warenfetisch, der die bürgerliche Gesellschaft beherrscht (siehe MEW 23, 85ff.).
„Das Finanzkapital“ – Obsession statt Kritik
Solange es ihm als Mittel zum Austausch von Waren, also als etwas vermeintlich Konkretes erscheint, ist auch das Geld für den unreflektierten Insassen der warenproduzierenden Gesellschaft „vollkommen natürlich“. Ein gewisses Unbehagen regt sich in ihm aber schon angesichts des Kredits – obwohl doch die kapitalistische Produktionsweise ohne Banken gar nicht funktionieren könnte. [2] Beim Zins gar – ebenfalls notwendig, denn schließlich hat auch die Ware Geld ihren Preis – macht sich bereits deutliche Aversion gegen das Abstrakte bemerkbar, das die Gesellschaft beherrscht. Vollends in Hass schlägt dieses Gefühl um, sobald es sich am Feindbild der Spekulantin abarbeitet. Dabei ist Spekulation in der Warenproduktion, deren Zweck nicht das stoffliche Bedürfnis, sondern der anonyme Markt ist, schon rein logisch unumgänglich. Das Warensubjekt aber fantasiert von einem guten, weil vermeintlich „produktiven“ und einem schlechten, weil vermeintlich „unproduktiven“  Kapital.
Aus dem unverstandenen Charakter der Warenproduktion resultiert deswegen auch die Konstruktion eines besonders schlechten „Finanzkapitals“, das sich angeblich vom weniger schlechten „Kapital“ unterscheidet. Auf diesem Konstrukt beruht z.B. Lenins Imperialismustheorie, die diesem „Finanzkapital“ allerlei „Machenschaften“, „Schwindel“, „Bestechung“, „Parasitismus“ usw. vorwirft (siehe u.a. LW 22, 187ff.) und damit die Grundlage für die unter antiimperialistischen Linken verbreiteten Verschwörungsphantasien gelegt hat. Doch auch „reformistische“ Linke unterscheiden sich in dieser Hinsicht kaum von Leninist*innen – nicht zufällig hat Lenin viel von dem sozialdemokratischen Theoretiker Hilferding abgeschrieben. Wer sich nicht als „links“ versteht, verzichtet i.d.R. auf jede Kritik am Kapital und richtet seine ganzen Aversionen alleine gegen das „Finanzkapital“ und seine Repräsentant_innen. Das tun und taten übrigens auch die Nazis. So entsteht immer wieder ein breiter gesellschaftlicher Konsens von „ganz links“ bis „ganz rechts“ gegen vermeintlich „unproduktive Schmarotzer“, der seine Ursache im fehlenden Verständnis für die grundlegenden Zusammenhänge der warenproduzierenden Gesellschaft hat.
Gefährliche Nähe
Es hilft nicht, die Augen davor zu verschließen: diese Art von „Kapitalismuskritik“ ist nicht weit weg vom antisemitischen Ressentiment. Der Film „Jud Süß“ (1940) stellt den ehrlich arbeitenden und betrogenen „Menschen wie du und ich“ einen gierigen Finanzmanipulateur gegenüber, der an ihrem Unglück schuld ist und schlussendlich unter breiter Zustimmung des Volkes erhängt wird. Über 20 Millionen, so viele wie niemals zuvor, strömten in die Kinos und sahen mit tiefer Befriedigung das, was sie dachten, fühlten und wünschten. Kaum eineinhalb Jahre später beschloss die Wannseekonferenz die organisierte Vernichtung der Gierigen, die uns aussaugen… „Natürlich“ war der Gierige im NS-Film „der Jude“. Aber das Schema funktioniert auch heute: Wo geglaubt wird, dass die Gierigen an unserem Unglück schuld sind, ist der Vernichtungswunsch nicht weit.

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Die starke Hand möge das Ungeziefer vergasen – (Un)bewusster Vernichtungswunsch streikender Telekombeschäftigter, 2007
Billigrezepte aus dem Schnellkochtopf
Pseudo-Alternativen, die Zwillingsschwestern solcher „Analyse“, werden an jeder Straßenecke feilgeboten. Innerhalb einer Stunde präsentieren Sozialquacksalber einem Publikum, das nach einfachen Antworten lechzt, Bedienungsanleitungen für eine bessere Welt. „Gemeinwohlökonomie“ heißt so etwas dann z.B. und geht so: Da wir eh alle das Gute wollen, schreiben wir das jetzt auch ins Grundgesetz. Dann gründen wir ein Unding namens „demokratische Bank“ und schon wird alles gut. Als ob sich die Kapitalverwertung nach Mehrheitsbeschlüssen richten würde… Karriere macht auch die läppische Vorstellung, man müsse einfach die Zinsen abschaffen. Als ob in einer Gesellschaft, in der alles Ware ist, ausgerechnet die Königsware Geld keinen Preis haben könnte. Das Heil wird von „Negativzinsen“ erwartet. Ganz so als ob es die, krisenbedingt, nicht schon längst gäbe. So legen Investoren beim deutschen Staat Geld an, für das sie weniger zurückbekommen werden als sie eingezahlt haben (siehe z.B. stern, 09.01.2012). Antrieb ist die Hoffnung der Anleger, wenigstens etwas von ihrem Geld wieder zu sehen. Folgte man nun aber den „Zinskritikerinnen“, müsste die Krise jetzt ganz schnell verschwinden… Gute Chancen auf Verwirklichung hat auch ein anderes Zaubermittelchen, das insbesondere attac seit Jahren wie Sauerbier anpreist. Selbst Regierungschefs begeistern sich mittlerweile für eine Finanztransaktionssteuer auf grenzüberschreitende Geldtransfers. Doch deren Wirkung wäre – selbst wenn man mithilfe einer enormen Überwachungsbürokratie weltweit alle „Schlupflöcher“ schließen könnte – bestenfalls marginal. Erfahrungen in Schweden u.a. Ländern (Deutscher Bundestag, Drucksache 16/12571,03.04.2009) zeigen: Weder würde mehr in die so genannte „Realökonomie“ investiert, in der sich Kapital eh immer schlechter verwerten kann , noch würden die Staatseinnahmen wesentlich erhöht: Ist die Steuer „hoch genug“, verhindert also effektiv Finanztransaktionen, wird man sie eben deswegen auch nicht einnehmen können. Ist sie „zu niedrig“, wird sie bestenfalls zu geringfügig steigenden Staatseinnahmen führen, aber am Problem der sich weiter auftürmenden globalen Finanzkartenhäuser nicht das geringste ändern. Schränkte sie diese jedoch tatsächlich spürbar ein, würde sie die Krise erst recht anfeuern. Denn der globale Prozess der Kapitalverwertung ist heute nur noch auf der Grundlage des sich aufblähenden Fiktiven Kapitals möglich (siehe unten).
Falsche Hoffnungen in den Staat
Regressiver Antikapitalismus ist staatsgläubig. Wer seine Hoffnungen auf einen Herrschaftsapparat setzt, wird schon deshalb niemals eine freie Assoziation emanzipierter Individuen erreichen. Der so genannte „real existierende Sozialismus“ war die schlimmste Ausgeburt der Staatsvergötterung – ein fürchterlicher Irrweg auf dem Rücken von Millionen Toten, Unterdrückten und Ausgebeuteten. Was sich selbst als „historischer Fortschritt“ verstand, war sogar im Vergleich mit dem in bürgerlich-demokratischen Ländern herrschenden (und durch die Kapitallogik noch so eingeschränkten) Standard individueller Freiheiten und demokratischer Rechte ein großer Rückschritt. Anti-Individualismus, Kollektivismus und Parteidiktatur waren Voraussetzung wie Ergebnis einer Wirtschaftsordnung, die – entgegen aller Propaganda – den Kapital-ismus nicht überwand, sondern der Gesellschaft lediglich einen ineffektiven und bürokratisierten Staatskapitalismus überstülpte. Blind für diese bittere Erfahrung träumt eine Zombie-Linke auch heute noch von einem „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ und sucht – immer noch oder schon wieder – im blamabel gescheiterten Leninismus nach Antworten.
Doch auch „sanftere“ Formen der Staatsgläubigkeit orientieren sich an längst Gescheitertem. Zwar waren Keynes’sche Rezepte, die auf Staatsintervention und Nachfrageorientierung setzten, von Roosevelts „New Deal“ bis in die 60er Jahre erfolgreich, doch bereits in den 70ern büßten sie ihre Kraft ein. Nur noch der Neoliberalismus mit seinen brutalen sozialen Folgen konnte Inflationsgespenst und „Nullwachstum“ abwenden. Blind dafür wähnen sich kritisch dünkende Antikapitalist*innen „die Neoliberalen“ als Ursache allen Übels und glauben allen Ernstes an einen Trip zurück in die „soziale Marktwirtschaft“ der 60er Jahre.
Der Staat ist auch ökonomisch betrachtet nicht die Lösung, sondern Teil des Problems. Er muss alles für die Aufrechterhaltung der Kapitalverwertung tun. Je weniger diese funktioniert, umso mehr gerät auch seine Basis ins Wanken: Steuern fließen nur bei „florierender Wirtschaft“. Dass doch der Staat bitteschön all das schöne Geld, das er in die Bankenrettung steckt, für Bildung, Umwelt, Soziales und Gesundheit ausgeben möge – das ist ein nur allzu verständlicher Wunsch. Doch das wäre der Todesstoß für gelingende Kapitalverwertung. Denn die funktioniert heute nur noch mit Billionen Fiktiven Kapitals. Der Staat sitzt in der Falle: legt er Konjunkturprogramme auf, um die Krise abzufedern, gefährdet er seine Kreditwürdigkeit. Stärkt er diese und zieht Sparprogramme durch, macht er die Konjunktur kaputt. Nur wenige Länder, darunter Deutschland, konnten bisher die Folgen dieses Dilemmas auf die Bewohnerinnen anderer Länder wie Griechenland und Portugal abwälzen. Von den brutalen Folgen der Spardiktate für die Masse der Menschen einmal abgesehen: Kleine Länder sind in der Logik dieses Systems vielleicht noch „zu retten“. Doch wer „rettet“ die großen? Die Arbeitslosigkeit, die Deutschland in die Absatzgebiete seiner Waren exportiert, kehrt in Form der Eurokrise zurück. Auch in China (sinkende Wachstumsraten, steigende Inflation) und USA (ständiges Lavieren am Rande des Staatsbankrotts) steht der Staat mit dem Rücken zur Wand.
Andeutungen zu einer reflektierten Kapitalismuskritik
Nichts verhindert wirkliche Veränderung mehr als vorschnelle Antworten. Dass sich noch nirgends eine überzeugende Alternative zur Marktwirtschaft etabliert hat, ist kein Argument dafür, diese zu akzeptieren. Radikale, d.h. an die Wurzeln (lat. radices) der Dinge gehende Kritik stellt z.B. die Frage: Warum sollen wir eigentlich immer mehr und länger arbeiten, obwohl wir heute dank Mikroelektronik mit extrem wenig Arbeit so viel stofflichen Reichtum wie noch nie produzieren können? Rente mit 67 oder 75,weil nicht immer weniger Junge immer mehr Ältere finanzieren können? Was ein Schmarren! Dank explodierender Arbeitsproduktivität könnten wir schon lange nur noch fünf Stunden pro Woche arbeiten und mit 40 Jahren ganz damit aufhören. Doch die einen sollen sich totarbeiten und die andern werden „nicht gebraucht“. Aus endlich überflüssig werdender Arbeit werden in der Logik dieses Systems überflüssige Menschen.
Warum folgt aus so viel Gutem so viel Schlechtes? Weil in der warenproduzierenden Gesellschaft der ganze ungeheure stoffliche Reichtum durch den Flaschenhals von Ware, Wert und Geld gepresst wird. Und weil der sich selbst verwertende Wert (vulgo: das Kapital) zwanghaft am Ast sägt, auf dem er sitzt: einerseits kann er nur von der Vernutzung von Arbeit leben, andrerseits muss er Arbeit fortwährend überflüssig machen (Marx über „das Kapital … als prozessierender Widerspruch“, MEW 42, 601f.) Deswegen kann sich Kapital zunehmend nur noch als Fiktives Kapital verwerten – ein Marx’scher Begriff, der wesentlich mehr erklärt als Hilferdings und Lenins „Finanzkapital“. Und nicht zufällig explodieren zeitgleich mit der mikroelektronischen Produktivkraftrevolution seit Mitte der 70er Jahre auch die Finanzmärkte. Die erdrücken aber kein so genanntes „Realkapital“, sondern sind ganz im Gegenteil die unabdingbare Voraussetzung dafür, dass Kapitalverwertung heute überhaupt noch stattfindet. Wer also die Zumutungen der kapitalistischen Krise beseitigen will, sollte aufhören, von „regulierten Finanzmärkten“, verhafteten „Bankstern“ oder gelynchten „Gierigen“ zu träumen. Statt aus der Binsenweisheit, dass sich das Kapitalverhältnis – wie alle gesellschaftlichen Verhältnisse – immer im konkreten Handeln konkreter Akteurinnen durchsetzt, den Kurzschluss zu ziehen, diese oder jene Leute seien an den Verhältnissen schuld, sollte er den Systemcharakter des Problems erkennen: Das Kapitalverhältnis selbst ist zu überwinden.
Literatur:
Ernst Lohoff & Nobert Trenkle, Die große Entwertung, Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursache der Krise sind, 2012, ISBN 978-3-89771-495-3
Gruppe Krisis, Manifest gegen die Arbeit, 1999
Finanzkapital-AG beim ver.di-Bezirk Stuttgart, Mensch, denk weiter. Heuschrecken sind keine Erklärung.  Kritische Anmerkungen zur ver.di-Broschüre „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur!“, 2007

[1] Wir verwenden bewusst mehrere geschlechtliche Formen. Gemeint sind immer alle Geschlechter. Siehe dazu auch Gendern?

[2] Siehe dazu und zum Folgenden auch „Kredit und fiktives Kapital“ in Karl Marx, Das Kapital, 3. Band MEW 25, 413ff.

 

Siehe zum Thema auch die Flugschriften:

 

Was ist Antisemitismus? Anmerkungen zur Wahnwelt des vernichtungsorientierten Antikapitalismus
Was ist Antizionismus? Anmerkungen zum Hass auf den Juden unter den Staaten
Was ist Antiamerikanismus? Anmerkungen zur grassierenden Selbstgerechtigkeit
Was ist Antiimperialismus? Anmerkungen zum Niedergang der Linken
——-
Eine Flugschrift von Emanzipation und Frieden. Antikapitalismus 2.0
2. überarbeitete Auflage Dezember 2015
Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. ■ Postfach 50 11 24 ■ D-70341 Stuttgart ■ www.emanzipationundfrieden.de  Kontakt: info[at]emanzipationundfrieden.de    Volksbank Stuttgart eG
IBAN: DE40 6009 0100 0472 9120 03    BIC: VOBADESS                                                Ihre Spende ist steuerlich absetzbar
Lesen Sie die Flugschrift hier im Lay out: Was ist regressiver Antikapitalismus?

 

Audio: Wie die Nazis den Kapitalismus erklär(t)en und warum sie damit erneut in der Mitte der Gesellschaft landen könnten November 28, 2015 | 10:43 am

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 21. November 2015 in Stuttgart

(im Rahmen der Tagung „Schon lange nicht mehr marginal … Was tut sich rechts von der CDU?“  des verdi-Bezirks Stuttgart)

 

 

Schon einmal gelangten Nationalsozialisten vor dem Hintergrund einer anhaltenden Wirtschaftskrise an die Macht. Sie gewannen Masseneinfluss, weil sie an einem weit verbreiteten vordergründigen und personalisierenden Antikapitalismus in der Bevölkerung anknüpfen konnten. Diese problematischen Denkmuster sind auch heute wieder in der ganzen Gesellschaft verbreitet.

ReferentInnen und Ablauf der Tagung:

NSU, rechtsextreme Hooligans, NPD, Reichsbürger-Ideologen, AfD … Rechtsextreme Einstellungen nehmen zu. Auch jeder fünfte der organisierten Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer ist für rechte Parolen anfällig. Bei der Tagung wollen wir uns mit einigen aktuellen Aspekten des Rechtsextremismus und Rechtspopulismus auseinander setzen.

11:00 Uhr Begrüßung: Cuno Hägele, Geschäftsführer ver.di-Bezirk Stuttgart

11:15 Uhr Vortrag: Lothar Galow-Bergemann, war langjähriger freigestellter Personalrat im Klinikum Stuttgart – Wie die Nazis den Kapitalismus erklär (t) en und warum sie damit erneut in der Mitte der Gesellschaft landen könnten.

Schon einmal gelangten Nationalsozialisten vor dem Hintergrund einer anhaltenden Wirtschaftskrise an die Macht. Sie gewannen Masseneinfluss, weil sie an einem weit verbreiteten vordergründigen und personalisierenden Antikapitalismus in der Bevölkerung anknüpfen konnten. Diese problematischen Denkmuster sind auch heute wieder in der ganzen Gesellschaft verbreitet.

12:00 Uhr Pause

12:15 Uhr Vortrag: Dr. phil. Esther Lehnert, Erziehungswissenschaftlerin – Geschlechterrollen im modernen Rechtsextremismus.

Geschlechterrollen spielen nach wie vor eine entscheidende Rolle im modernen Rechtsextremismus. Antifeministische Kampagnen – gegen den „Genderismus“ oder gegen Gendermainstreaming – sowie das Wüten gegenüber sexueller Vielfalt und gleichgeschlechtlichen Lebensformen zeigen, dass nach wie vor die Konstruktionen „richtiger Kerle“ und „wahrer Frauen“ unablässlich für das  Innere der rechtsextremen „Volksgemeinschaft“ sind.

13:00 Uhr Mittagessen

13:45 Uhr Vortrag: Alexander Geisler, Mitherausgeber „Strategien der extremen Rechten“ – Zugpferd Rechtspopulismus? Strategische Optionen der AfD auf dem Weg in die gesellschaftliche Mitte.

Die Erfolge der AfD bei den Wahlen zum Europäischen Parlament und den Landtagen von Sachsen, Brandenburg und Thüringen 2014 werfen viele Fragen auf: Kann sich mit der Partei zum ersten Mal eine politische Kraft rechts der Union im deutschen Parteienspektrum etablieren? Um dies zu beantworten, muss insbesondere die Rolle rechtspopulistischer Strömungen innerhalb der AfD in den Blick genommen und das gesellschaftliche Potential der damit verbundenen Strategie ausgelotet werden. Beleuchtet werden auch die die marktradikalen Facetten der Partei, die prägend für ihre Positionierung gegenüber den Gewerkschaften und der sozialen Frage sind.

14:30 Uhr Pause

14:45 Uhr Argumentationstraining: Janka Kluge, VVN-BdA, und Alexander Schell, Stadtjugendring – Gegen rechte Stammtischparolen. Was tun, wenn wir mit diskriminierenden und rassistischen Äußerungen aus dem Kreis von Kolleginnen und Kollegen konfrontiert sind? Bei dem Workshop soll überlegt und trainiert werden, wie auf solche Äußerungen reagiert werden kann.

16:45 Uhr Ende

 

 

Unverstandener Nationalsozialismus – Unverstandener Antisemitismus November 9, 2015 | 03:15 pm

Warum in Deutschland auch nach 70 Jahren noch viel zu lernen ist

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 30. November 2015, 19.30 Uhr Konstanz                                         Volkshochschule, Katzgasse 7

Veranstalter: Deutsch-Israelische Gesellschaft Bodensee-Region, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Konstanz e.V., Jüdische Gemeinde Konstanz e.V., Volkshochschule Konstanz-Singen

Der Referent wirft einen Blick auf Nationalsozialismus und Antisemitismus jenseits des herrschenden Mainstreams und zieht unbequeme Schlüsse, die zur Diskussion einladen.                                                                                                                                    Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit will sich keiner von ihnen nennen lassen. Doch hinter dem verbreiteten „Man wird doch nochmal sagen dürfen“ verbirgt sich alter Antisemitismus in pflegeleichter Aufmachung: Niemand hat was gegen Juden, bewahre! Wir wollen doch alle nur Israel kritisieren.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World u. www.emafrie.de; er ist Vorstandmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar

Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung November 9, 2015 | 03:12 pm

Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 5. Dezember, 18.00 Uhr, Wurzen
D5 Wurzen, Domplatz 5, 04808 Wurzen

Im Rahmen des Aktionstages gegen Antisemitismus der Linksjugend ‚solid Westsachsen

Geht es gegen Banken und „die Finanzmärkte“, sind sich fast alle einig: Parteipolitiker, Gewerkschaften, Linke, Rechte, diverse Verschwörungsphantasten und wer sonst alles in Krisenzeiten das Wort ergreift. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die Verursacher der Krise. Auch manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn findet sich da in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier wieder. Wenn es gegen die „Zirkulationssphäre“ geht, entstehen sonderbar anmutende Schulterschlüsse.
Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch die Aufspaltung des kapitalistischen Prinzips in „produktives Kapital“ auf der einen und „das Finanzkapital“ auf der anderen Seite leistet einer Dämonisierung des Finanzsektors Vorschub, die mal mehr, mal weniger bewusst auf antisemitische Stereotype zurückgreift. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” schon einmal angerichtet hat, sehnen sich viele nach einfachen Antworten. Das macht sie anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres – ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de.

 

Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung October 17, 2015 | 06:52 pm

Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 31. Oktober, 15.00 Uhr, Ulm
Hörsaal 12 der Uni Ost, Ulm (Gebäudekreuz N24)

Im Rahmen des Landeskoordinierungstreffens der Juso-Hochschulgruppen Bayern und Baden-Württemberg. Gäste sind herzlich willkommen!

Geht es gegen Banken und „die Finanzmärkte“, sind sich fast alle einig: Parteipolitiker, Gewerkschaften, Linke, Rechte, diverse Verschwörungsphantasten und wer sonst alles in Krisenzeiten das Wort ergreift. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die Verursacher der Krise. Auch manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn findet sich da in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier wieder. Wenn es gegen die „Zirkulationssphäre“ geht, entstehen sonderbar anmutende Schulterschlüsse.
Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch die Aufspaltung des kapitalistischen Prinzips in „produktives Kapital“ auf der einen und „das Finanzkapital“ auf der anderen Seite leistet einer Dämonisierung des Finanzsektors Vorschub, die mal mehr, mal weniger bewusst auf antisemitische Stereotype zurückgreift. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” schon einmal angerichtet hat, sehnen sich viele nach einfachen Antworten. Das macht sie anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres – ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de.

 

Alte Klischees im Neuen Gewande June 14, 2015 | 05:30 pm

Zum Comeback des Antisemitismus in der Form personalisierender Kapitalismuskritik und des Ressentiments gegen den jüdischen Staat

von Lothar Galow-Bergemann

erschienen in „Mit dem Zeigefinger gegen Israel? Acht Einwände gegen deutsche Besserwisserei“, herausgegeben von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart und Mittlerer Neckar, Mai 2015

„Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“ Bereinigen wir das Zitat um die etwas altertümliche Sprache, lassen wir die dermaßen Beschimpften etwa nicht „faule Junker“ sondern „unnütze Schmarotzer“ sein, die nicht „Birnen braten“, sondern im Privatjet um den Globus jetten und „uns und unser erarbeitetes Gut“ nicht durch ihren „verfluchten Wucher“, sondern mithilfe ihrer „gierigen Finanzspekulationen“ bedrängen – im Handumdrehen sehen wir ein ziemlich aktuelles und weit verbreitetes Weltbild vor uns. Dass „die Gierigen da oben“ an „unserem Unglück“ schuld seien, gilt nämlich vielen ZeitgenossInnen als überzeugende Ursachenbeschreibung der seit Jahren anhaltenden weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise.

Die Frage, welchen Namen und welche Hausnummer „die da oben, die an allem schuld sind“ denn nun eigentlich ganz genau haben, wird unterschiedlich, manchmal gar nicht, mitunter auch mit seltsam unklar-klar raunender Rede beantwortet. Der Autor des einleitenden Zitats – es ist schon bald ein halbes Jahrtausend alt – gab jedenfalls eine glasklare Antwort: die Juden sind’s! Der das mit Bestimmtheit wusste, war niemand anderes als Martin Luther, jener „große Deutsche“, nach dem unzählige Plätze, Straßen und Schulen benannt sind und dessen Wirken mit Blick auf das herannahende Reformationsjubiläum 2017 landauf landab von kirchlicher wie staatlicher Seite wieder einmal in hellen Tönen gepriesen wird. Nachzulesen in seiner 1543 erschienen Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“. Der bei weitem nicht einzigen, aber übelsten judenfeindlichen Hetzschrift des Reformators, die er noch kurz vor seinem Tod verfasste. Und er lieferte darin auch gleich das Rezept mit, wie mit den Bösewichtern zu verfahren sei. So solle man u.a. ihre Synagogen und Schulen verbrennen, ihre Häuser zerstören, ihnen das freie Geleit entziehen und ihren Besitz konfiszieren.

Kein Wunder, dass Martin Luther im nationalsozialistischen Deutschland oft und gerne und zwar durchaus auch unverfälscht und ganz und gar nicht aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurde. Noch 1946 berief sich Julius Streicher, der Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess auf den Reformator. Würde der heute noch leben, so Streicher, stünde er an seiner Stelle vor den Schranken des Gerichts. Auch im Spielfilm „Jud Süss“, der 1940 in die Kinos kam und in kürzester Zeit zum bis dahin größten Kassenschlager aller Zeiten avancierte, berufen sich die Judenhasser auf Luther. Über 20 Millionen strömten in die Kinos und sahen das Machwerk mit Ergriffenheit und Begeisterung. Sie mussten keineswegs vom Blockwart in den Kinosaal getrieben werden, denn sie sahen und erlebten dort exakt das, was sie dachten, glaubten, fühlten, wünschten und hofften. Denn der Film bediente ihre Vorstellung von sich selbst als den guten und arbeitenden Ehrlichen, die von hinterhältigen und bösartigen Raffgierigen belogen und betrogen werden. Ein raffinierter und mit allen Wassern gewaschener Finanzexperte hilft dem Herzog von Württemberg immer wieder aus der Patsche und rettet ihn vor dem Staatsbankrott. Entsprechend verschafft er sich wachsenden Einfluss am Hofe. In moderner Sprache: der Einfluss des Finanzkapitals auf die Politik wächst. Er selbst und seine Kumpane – allesamt Juden – bereichern sich dabei schamlos. Selbstredend muss das Geld irgendwoher kommen. Nun, sie greifen eben dem ehrlich arbeitenden Volk immer tiefer in die Tasche. Der Film lebt vom halluzinierten Gegensatz zwischen der ehrlichen und betrogenen Arbeit und der verabscheuungswürdigen Raffgier, die ohne Arbeit zu Reichtum und einem guten Leben gelangen will. Am Ende wird der Jude zur tiefen Befriedigung des ganzen umstehenden Volkes erhängt. Genau das haben sich die Leute – genauso wie die Kinobesucher – schon immer gewünscht. Wenige Monate nach dem Kassenschlager beschließt die Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“. Natürlich hat der Film auch einen positiven Helden, der zum Kampf gegen die Juden mobilisiert. In der Schlüsselszene gewinnt er seine Mitstreiter mit dem Ausruf: „Wie die Heuschrecken fallen sie (die Juden) über uns her!“ Jetzt springt der Funke über, seine Mannen sind zum Kampf bereit.

Eine Broschüre der Gewerkschaft verdi „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur!“, die den so genannten Finanzkapitalismus erklären will, arbeitet extensiv mit der Heuschreckenmetapher. Schon auf dem Titelblatt kommt ein bedrohlicher und schier unendlicher Heuschreckenschwarm auf den Betrachter zu. Illustrationen, auf denen oft nicht mehr zwischen Mensch und Heuschrecke zu unterscheiden ist, vervollständigen das Bild. Sie bedrohen uns, quetschen und saugen alles aus, ob Mietshäuser, Fabriken oder Büros. Alles für ihre unersättliche Gier nach Profit. Doch nicht nur in Gewerkschaftspublikationen, auch im gutbürgerlichen Blätterwald und in vermeintlich radikal kapitalismuskritischen Publikationen findet man immer wieder das Bild von den Heuschrecken, die über das Land, die Wohnungen und die Fabriken herfallen. Selbstredend sind die AutorInnen keine Nazis, ihnen das zu unterstellen wäre nicht nur persönlich absolut unerträglich, es wäre auch sachlich vollkommen falsch. Doch ihre arglose Verwendung der Metapher verweist darauf, dass hochproblematische Bilder und Erklärungsmuster in der ganzen Gesellschaft verbreitet sind – ob rechts oder links oder auch in der vermeintlich so reflektierten Mitte.

Der oberflächliche und vereinfachende Blick auf die Funktionsweisen des globalisierten Kapitalismus gipfelt immer wieder in einer problematischen Frage, die sich selbst für die Ausgeburt von Kritik hält: „Geld regiert die Welt. Doch wer regiert das Geld?“ Sie erscheint auf Occupy-Demos genauso wie auf dem Cover des „Spiegel“ oder in kirchlichen Seminarankündigungen, die nach einem „besseren Geldsystem“ Ausschau halten. Die Frage, mal genau so, mal ein wenig anders formuliert, bewegt die meisten Menschen. Denn es fällt tatsächlich schwer, den Kapitalismus zu begreifen. Der ist nämlich ein menschheitsgeschichtliches Novum. Während alle vorhergehenden Gesellschaftssysteme auf personeller Herrschaft basierten, beruht er auf abstrakter, versachlichter Herrschaft. Kapitalismuskritik, die nicht bloß an der Oberfläche kratzt und personalisiert, muss sich deswegen den durchaus nicht einfach zu verstehenden immanenten Sachzwängen eines Systems stellen, dessen innere Logik nicht etwa auf stofflichen Reichtum und ein gutes Leben für alle Menschen hinausläuft, sondern auf den inhaltsleeren Zweck eines Hamsterrads aus „immer mehr und immer schneller“, das vom Zwang zur fortlaufenden Verwertung des Kapitals angetrieben wird. Eine solche Kritik würde beispielsweise fragen, warum wir eigentlich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt immer mehr und immer länger arbeiten sollen, wo wir dank Wissenschaft und Technik in der Lage sind, mit immer weniger Arbeit immer mehr stofflichen Reichtum zu produzieren. Doch solche Fragen lassen sich nicht mit Schuldzuweisungen an bösartige Menschen und „Lügenpack“ beantworten, sie erfordern systemische Kritik. Um wie viel naheliegender und verführerischer ist da doch ein Weltbild, das über so etwas erst gar nicht nachdenken mag und dafür Heuschrecken, gierige Manager, Bankster und Spekulanten zu den Verantwortlichen für die Krise erklärt. Und das zudem noch den enormen Vorteil bietet, dass man sich selbst besten Gewissens dem wohligen Gefühl hingeben kann, zu den Guten zu gehören.

Es war eine national-sozialistische deutsche Arbeiter-Partei, die jene Volksmeinung schon einmal verkörperte, zu politischer Macht brachte und konsequent umsetzte. Denn wo geglaubt wird, einige wenige undurchschaubar Mächtige, Gierige und Bösartige seien am Unglück der großen Masse schuld, drängt sich der Wunsch auf, die eingebildeten Schädlinge mögen beseitigt werden, damit es „uns“ wieder gut gehe. Deswegen stand „Arbeit macht frei“ über dem Tor von Auschwitz. Bis heute können sich das die wenigsten wirklich erklären. Schließlich gilt ihnen doch die Arbeit als eine gute Sache, mit der sie sich identifizieren. Doch in der Psyche derer, die sich der Gemeinschaft der „ehrlich Arbeitenden und Betrogenen“ zurechnen, schlummert seit jeher der Vernichtungswahn gegen die eingebildeten „schuldigen Gierigen“. In der Shoah hat er sich ausgelebt.
Dass den meisten Leuten heutzutage die gruselige Implikation ihres Denkens noch gar nicht zu Bewusstsein gekommen ist, vermag nicht zu beruhigen. Denn der bewusste Vernichtungswunsch steht nicht bereits am Beginn, sondern erst am Ende einer langen Kette von unreflektierter Empörung, Ressentiment und Pseudokritik.

Wo der unpersonale Herrschaftscharakter des Systems der Kapitalverwertung nicht verstanden ist und im Verborgenen wirkende Strippenzieher vermutet werden, lauert der Ausbruch der Barbarei. Zumal in Krisenzeiten wie den heutigen, die leider erwarten lassen, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen Grund haben werden, sich über die Verschlechterung ihrer sozialen Lage zu empören. Solche Zeiten, man könnte es spätestens seit 1929 wissen, sind immer günstige Zeiten für die rasche, ja explosive Verbreitung des Ressentiments. Nicht dass jeder, der heute die Übel der Welt von gierigen Spekulanten und durchtriebenen Zockern verursacht sieht, bereits ein voll entwickeltes antisemitisches Weltbild mit sich herumtrüge. Noch ist vielen – wenn auch längst nicht mehr allen – zu glauben, wenn sie sagen, sie hätten nichts gegen Juden. Doch der oberflächliche, personalisierende und eben nur pseudokritische Antikapitalismus mündete schon einmal in antisemitischen Vernichtungswahn. Wer „Tötet die Juden!“ ruft, ist nur einen verhängnisvollen Weg zu Ende gegangen, den er schon viel früher und mitunter auch sehr leise begonnen hat.

Noch gilt es als Ausweis von Anständigkeit, kein Antisemit zu sein. Doch die Hülle dieses Bekenntnisses wird immer rissiger. Als der „Spiegel“ im Januar 2013 in unschuldiger Man-wird-doch-nochmal-fragen-dürfen-Manier die Frage stellte „Ist Antisemit, wer sagt, die Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland?“ konnte er ich bereits der offenen Unterstützung eines Viertels der Deutschen sicher sein, die diese Meinung in Umfragen ungeniert zu Protokoll geben. Als die Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften (!) der Universität Osnabrück die Aussagen bewerten sollten „Es sollten weniger jüdische Einwanderer nach Deutschland gelassen werden“ und „Deutsche Frauen sollten keine Juden heiraten“ kreuzten lediglich 60 Prozent „stimmt gar nicht“ an. Und wenn „es dem Frieden dient“, lassen sich vermeintliche FriedensfreundInnen auf Ostermärschen auch mal „gerne als Antisemit beschimpfen“.

Apropos „Frieden“. Eine zentrale Rolle für das Comeback des Antisemitismus spielt die von den meisten Deutschen mit Hingabe betriebene „Israelkritik“. Sie bietet den unschätzbaren Vorteil, nichts gegen Juden haben zu müssen und „doch nur“ die israelische Politik zu kritisieren. Dabei verweist schon der Begriff „Israelkritik“ auf den obsessiven Charakter des Unterfangens. Eine Brasilienkritik, Dänemarkkritik oder Türkeikritik hat jedenfalls bisher noch niemand erfunden. Allein der jüdische Staat verleitet offenbar zur Kreation eines neuen Substantivs, das das Wort „Kritik“ enthält. Entsprechend sieht diese „Kritik“ dann auch aus. Zwei Drittel der Deutschen halten den jüdischen Staat für „die größte Gefahr für den Weltfrieden“. Befragt nach den Ursachen für den so genannten Nahostkonflikt fällt den meisten Medienschaffenden genauso wie den meisten „Leuten von der Straße“ spontan „die israelische Siedlungspolitik“ ein. Lässt man das einmal unkommentiert und fragt nach möglichen weiteren Gründen, werden die Antworten ganz schnell äußerst dünn. Dass der antisemitische Vernichtungswahn, von dem Israel umgeben ist und die Weigerung selbst der angeblich gemäßigten palästinensischen Kreise, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, irgendetwas mit der Situation zu tun haben könnten – auf so etwas Naheliegendes kommen die wenigsten. Dabei könnte, wer wollte, über vieles Bescheid wissen. Beispielsweise über die Charta der Hamas, in der es heißt, „die Juden kontrollierten mit ihrem Reichtum weltweit die Medien, lenkten Revolutionen, bildeten überall Geheimorganisationen, um Gesellschaftssysteme zu zerstören, stünden hinter beiden Weltkriegen und seien Drahtzieher jedes Krieges auf der Welt.“ Und „erst wenn alle Muslime die Juden bekämpften und töteten, werde das jüngste Gericht kommen. Dieses werde die Vernichtung aller Juden vollenden.“ Man könnte auch wissen, dass viele andere erklärte Feinde des jüdischen Staates, etwa die mächtigen Herrscher des iranischen Gottesstaates, ganz genauso denken. Und dass dies nichts, aber auch gar nichts mit „Kritik an israelischer Politik“ oder der Formulierung irgendeines „palästinensischen Nationalinteresses“ zu tun hat, sondern der blanke antisemitische Vernichtungswahn ist, den man in ganz ähnlichen Worten – auch das könnte man wissen – in Hitlers Politischem Testament nachlesen kann. Seine letzten Aufzeichnungen, einen Tag bevor er sich im Bunker die Kugel gab, waren diese: „Ich habe keinen Zweifel darüber gelassen, dass, wenn die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden, dann auch jenes Volk mit zur Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: Das Judentum!“ Man könnte wissen, wie sehr sich die Gedankenwelt fanatischer Judenhasser gleicht und man könnte daraus ableiten, in welcher Situation sich der jüdische Staat befindet. Dass er z.B. bei Strafe seines Untergangs seinen Gegnern militärisch überlegen bleiben muss. Doch all das interessiert nur wenige. Auch hier gilt: Einfache und oberflächliche Antworten sind ja so praktisch. Sie bedienen das eigene Ressentiment und lassen einen in dem angenehmen Gefühl zurück, zu den Guten zu gehören, die „Gottseidank nicht so sind“.

Ressentiment ist faktenresistent. Dass es nie einen palästinensischen Staat gegeben hat, dass seit 92 Jahren auf 78 Prozent des ehemaligen Mandatsgebiets Palästina ein arabischer Staat mit überwiegender palästinensischer Bevölkerungsmehrheit besteht, aus dem auf Geheiß der (britischen) Mandatsmacht sämtliche Juden zu verschwinden hatten (Transjordanien/Jordanien), dass Israel 2005 einen Herzenswunsch der Hamas und deutscher FriedensfreundInnen erfüllte und sämtliche Siedlungen im Gazastreifen auflöste, dass Gaza daraufhin nicht etwa zum blühenden Friedensland, sondern zur Raketenabschussrampe wurde – all das und noch viel mehr will man gar nicht wissen. In aller Regel reicht das Stichwort „Siedlungspolitik“ aus, um eine feste Meinung zum Thema zu haben. Wer das Wort fehlerfrei aufsagen kann, darf sich zur unüberschaubar großen Menge der eingebildeten Nahostexperten in Deutschland rechnen. „Siedlungspolitik“ ist zur Chiffre verkommen, mittels derer man sich gegenseitig permanent zu verstehen gibt, man wisse ja nur zu gut, wer der eigentlich Schuldige ist.

Dass Antizionismus, also die Ablehnung des jüdischen Staates, etwas völlig anderes sei als Antisemitismus, dass er doch nur die verständliche Reaktion auf die angeblich so schlimme Politik Israels sei, ist das Glaubensbekenntnis aller modernen AntisemitInnen. Doch bei genauerem Hinsehen erweist sich bereits die Vorstellung, den Hass auf jüdische Staatlichkeit habe es vor der Existenz des Zionismus oder Israels nicht gegeben, als falsch. Auch in diesem Punkt hat Martin Luther schlechte Vorarbeit geleistet. 1538 machte er sich in seiner Schrift „Wider die Sabather“ über diese jüdische Sekte wie folgt lustig: „So lasst sie doch hinfahren ins Land und gen Jerusalem, Tempel bauen, Priesterthum, Fürstenthum, und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs wiederumb Jüden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auf den ferssen nach sehen daher kommen und auch Jüden werden. Thun sie das nicht, so ists aus der massen lächerlich, das sie uns Heiden wollen bereden zu jrem verfallen gesetze, welches nu wohl Funffzehnhundert jar verfaulet und kein gesetze mehr gewesen ist.“ Sie sind doch gar nicht in der Lage, einen ordentlichen Staat zu errichten, die Juden, hören wir da heraus. Immanuel Kant sprach von den Juden als „einer ganzen Nation von lauter Kaufleuten … deren bei weitem größter Theil keine bürgerliche Ehre sucht“ und dessen „Gesetzgeber… nur ein politisches, nicht ein ethisches gemeines Wesen habe gründen wollen“. Die Juden und ein ethisches Gemeinwesen? Unmöglich! Ein weiterer „großer Deutscher“, Johann Gottlob Fichte, meinte: „Fast durch alle Länder Europas verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gestimmter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht… es ist das Judenthum.“ Die Juden, lesen wir durch die Jahrhunderte immer wieder, sind ja gar nicht in der Lage, einen „normalen“ Staat zu bilden, ihr Staat ist unmoralisch, unethisch und kriegerisch. Das alles „wussten“ die Antisemiten bereits ein paar Jährchen vor der Gründung des Staates Israel. Antizionismus war schon immer fester Bestandteil des Antisemitismus. Aber auch davon will man in Deutschland nichts wissen.

Nicht auszuschließen, dass es Jahrzehnte nach dem von den Alliierten gegen den Willen der Deutschen erzwungenen Ende des Holocausts in diesem Lande wieder salonfähig werden könnte, sich AntisemitIn zu nennen. Rückblickend würde sich dann der eine Zeitlang herrschende „anti-antisemitische“ Konsens lediglich als ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zurück zu deutscher Normalität erweisen. Selbstverständlich würden dann auch die „Israelkritik“ und der personalisierende Pseudo-Antikapitalismus ihr heimliches Liebschaftsverhältnis zugunsten einer ganz offen gelebten Ehe aufgeben. Die Süddeutsche Zeitung, die am 2. Juli 2013 ihrer linksliberalen Leserschaft die Zeichnung eines bösartigen und gierigen Monsters präsentierte, das sie mit dem jüdischen Staat gleichsetzte, den „wir Deutschen“ angeblich füttern müssen, könnte sich möglicherweise ans Revers heften, diesen letzten Dammbruch eingeleitet zu haben.
Lothar Galow-Bergemann ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart & Mittlerer Neckar und schreibt u.a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de