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Audio: Akademischer Antisemitismus im Westen – Faktoren für den Erfolg der BDS-Bewegung February 28, 2017 | 01:02 pm

Vortrag von Felix Riedel

gehalten am 2. Februar 2017 in Stuttgart 

 

Antisemitismus lässt sich nicht als der „Sozialismus der dummen Kerls“ (Bebel) fassen. Die Bücherverbrennungen, die Wiederbelebung und Radikalisierung des „wissenschaftlichen Rassismus“ waren Produkt einer nationalsozialistischen Studentenbewegung und ihrer Denker. Nach dem Nationalsozialismus lässt sich ein Formenwandel des klassischen Antisemitismus zum Antizionismus beobachten. Dieser Formenwandel bedurfte intensiver intellektueller Zuarbeit,um Medienfälschungen und Ideologeme entsprechend zu tarnen und im akademischen Betrieb zu verankern. Mit der BDS-Bewegung ist dieser akademische Antisemitismus ausgereift. Er vermag vor allem im linksintellektuellen Umfeld und dort in bestimmten Fächern Mehrheiten zu finden. Die Ursachen sind weniger Unbildung oder Halbbildung als vielmehr ein durch Aufklärung vermittelter globaler Aktionsdruck, der sich dann am schwächsten globalen Objekt abreagiert. Angesichts der übermächtigen Verhältnisse sucht sich der politisierte Anspruch, die Welt zu verändern, ein Opfer, an dem Selbstwirksamkeit kollektivbildend erfahren werden kann. An Beispielen der American Association of Anthropology (AAA), der amerikanischen „National Womens Studies Association“, an deutschen palästinensischen Studierendengruppen und etablierten Instituten werden Strategien und Bedingungen des akademischen Antisemitismus heute dargestellt. BDS stellt sich dabei nur als eine aktuell verdichtete Avantgarde eines breiten intellektualisierten Antisemitismus heraus, die nicht nur auf Israel sondern auf das freie Denken überhaupt zielt.

Eine Veranstaltung von Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart und  Emanzipation und Frieden

Zwei Quellen und Bestandteile des modernen Antisemitismus February 28, 2017 | 10:23 am

Workshop mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 4. März 2017, 14.00 Uhr, Kassel
Campus Center der Universität Kassel, Moritzstraße 18

im Rahmen der 57. Mitgliederversammlung des fzs – freier zusammenschluss von studentInnenschaften

Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Auch hinter der beliebten „Israelkritik“ verbirgt sich meist alter Antisemitismus im neuen Gewand. Der Referent wirft einen Blick auf den Antisemitismus jenseits herrschender Gewissheiten und zieht unbequeme Schlüsse, die zur Diskussion einladen.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und bei Emanzipation und Frieden

 

Kritik und Hetze – Israelbezogener Antisemitismus January 30, 2017 | 09:45 am

Gespräch mit Laura-Luise Hammel und Volker Beck MdB

Dienstag, 31. Januar 2017, 18.00 Uhr, Mainz                                                                   HS 20, Campus Uni Mainz (Alte Chemie, Kreuzung Johann-Joachim-Becher-Weg und Colonel-Kleinmann-Weg)

Eine Veranstaltung von CampusGrün Mainz

Vor dem Hintergrund der historischen deutschen Verbrechen an den Juden wird offener Antisemitismus hierzulande sanktioniert. Dagegen wird Antisemitismus häufig nicht erkannt, wenn er als „Kritik an Israel“ formuliert wird.

Volker Beck ist seit 1994 Mitglied des Bundestages. Er ist religionspolitischer und migrationspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe.

Laura-Luise Hammel hat Politikwissenschaft, Geschichte und Kulturanthropologie in Mainz studiert. In ihrer Magisterarbeit untersuchte sie das Sagbarkeitsfeld der Bewegung der Mahnwachen auf verschwörungsmythologische Muster und Anknüpfungspunkte zu bekannten antisemitischen und antiamerikanischen Ressentiments.

CampusGrün Mainz lädt ein zum Gespräch mit Volker Beck und Laura-Luise Hammel

Akademischer Antisemitismus im Westen – Faktoren für den Erfolg der BDS-Bewegung January 13, 2017 | 05:38 pm

Vortrag und Diskussion mit Felix Riedel

Donnerstag, 2. Februar 2017, 19.00 Uhr, Stuttgart                                                 Bischof-Moser-Haus, Wagnerstr. 45 (Nähe Breuninger-Parkhaus)

Antisemitismus lässt sich nicht als der „Sozialismus der dummen Kerls“ (Bebel) fassen. Die Bücherverbrennungen, die Wiederbelebung und Radikalisierung des „wissenschaftlichen Rassismus“ waren Produkt einer nationalsozialistischen Studentenbewegung und ihrer Denker. Nach dem Nationalsozialismus lässt sich ein Formenwandel des klassischen Antisemitismus zum Antizionismus beobachten. Dieser Formenwandel bedurfte intensiver intellektueller Zuarbeit,um Medienfälschungen und Ideologeme entsprechend zu tarnen und im akademischen Betrieb zu verankern. Mit der BDS-Bewegung ist dieser akademische Antisemitismus ausgereift. Er vermag vor allem im linksintellektuellen Umfeld und dort in bestimmten Fächern Mehrheiten zu finden. Die Ursachen sind weniger Unbildung oder Halbbildung als vielmehr ein durch Aufklärung vermittelter globaler Aktionsdruck, der sich dann am schwächsten globalen Objekt abreagiert. Angesichts der übermächtigen Verhältnisse sucht sich der politisierte Anspruch, die Welt zu verändern, ein Opfer, an dem Selbstwirksamkeit kollektivbildend erfahren werden kann. An Beispielen der American Association of Anthropology (AAA), der amerikanischen „National Womens Studies Association“, an deutschen palästinensischen Studierendengruppen und etablierten Instituten werden Strategien und Bedingungen des akademischen Antisemitismus heute dargestellt. BDS stellt sich dabei nur als eine aktuell verdichtete Avantgarde eines breiten intellektualisierten Antisemitismus heraus, die nicht nur auf Israel sondern auf das freie Denken überhaupt zielt.

Eine Veranstaltung von Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart und  Emanzipation und Frieden

Trugschlüsse des unverstandenen Antisemitismus January 7, 2017 | 04:54 pm

 Warum es in Deutschland eine Zusammenarbeit mit den Feinden Israels gibt

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 16. Januar 2017, 19.00 Uhr, Leipzig                                                                HTWK Leipzig, Lipsiusbau Li110

Eine Veranstaltung von Korrektiv Negativ

Der Vortrag findet aus Anlass der Kooperation der HTWK – Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig mit palästinensischen Universitäten statt. Näheres zum Hintergrund siehe Veranstaltungsankündigung auf Facebook.

Warum man in Deutschland die antisemitisch motivierte Vernichtungsdrohung gegen den jüdischen Staat so wenig zur Kenntnis nimmt und stattdessen lieber glaubt, man tue „etwas für den Frieden“, wenn man mit geschworenen Feinden Israels zusammenarbeitet – darum soll es in dem Vortrags- und Diskussionsabend gehen, zu dem die Hochschulgruppe Korrektiv Negativ einlädt. Wir möchten zum Thema Antisemitismus im Nahen Osten und in Deutschland informieren, sensibilisieren und diskutieren.

Was hat man in Deutschland aus der nationalsozialistischen Geschichte gelernt und was nicht? Ist, wer „nichts gegen Juden hat“, deswegen schon frei von antisemitischen Denkmustern? Was ist das überhaupt, der Antisemitismus? Welche Rolle spielt er in einer krisengeschüttelten Welt? Wie äußert er sich im Nahen Osten? Und haben Antizionismus und „Israelkritik“ wirklich nichts mit Antisemitismus zu tun?

Der Referent, Lothar Galow-Bergemann, schreibt u.a. für konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

Audio: Das Israelbild in deutschen Schulbüchern: Pädagogik des Ressentiments December 9, 2016 | 12:44 pm

Vortrag von Klaus Thörner

gehalten am 15. November 2016 in Stuttgart auf einer Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar

 

„Schulbücher definieren nicht nur legitimes Wissen und wünschenswerte Kompetenzen, sondern vermitteln auch staatlich bzw. gesellschaftlich präferierte Identitätsangebote“, heißt es ganz richtig auf der Website des Georg-Eckert-Instituts, Leibnitz-Institut für internationale Schulbuchforschung, der in Deutschland führenden Schulbuchforschungseinrichtung. Doch welche Identitätsangebote vermitteln deutsche Schulbücher bei der Darstellung des Staates Israel?

Im Jahr 1985 hatte das Institut diese Frage untersucht. Damals wurde die Einseitigkeit kritisiert, mit der Israel als Aggressor im israelisch-arabischen Konflikt dargestellt wurde. Nun, dreißig Jahre später, ist das Institut mit Unterstützung des Auswärtigen Amtes dieser Frage erneut nachgegangen und hatte, um es allgemein auszudrücken, unverändert hohen Handlungsbedarf festgestellt. Dies veranlasste den Verein Scholars for Peace in Middle East, Germany e. V.in Kooperation mit den DIG-Arbeitsgemeinschaften Bremen, Hannover, Ostfriesland und Oldenburg zu einer Initiative, das Fachpublikum und die interessierte Öffentlichkeit zu sensibilisieren und mit Politik und Schulbuchverlagen ins Gespräch zu kommen. Neben Veranstaltungen und Hintergrundgesprächen wurde eine Broschüre erstellt, die sich der Thematik aus unterschiedlichen Blickwinkeln nähert.

Klaus Thörner stellt in seinem Vortrag anhand von Beispielen dar, welches Israelbild den Jugendlichen heute vermittelt wird und umreißt die wichtigsten Handlungsfelder. Der Sozialpädagoge und Sozialwissenschaftler Klaus Thörner ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft, Arbeitsgemeinschaft Oldenburg und Vorstandsmitglied der Scholars for Peace in the Middle East – Germany e. V.

– Veröffentlichung des Vortrags durch Emanzipation und Frieden mit freundlicher Genehmigung des Autors –

Youth Against Antisemitism – Vortrag, Bands, DJs November 16, 2016 | 06:35 pm

yaa-2016

Samstag, 3. Dezember 19:30 Uhr bis Sonntag, 4. Dezember 01:30 Uhr

KOMMA Kultur Esslingen
Maillestraße 5-9, 73728 Esslingen

Mit dabei: Tilman Tarach, Krime, Amen 81, Goldstar גולדסטאר, Sputnik Booster & The Future Posers, DJs Summerisle Lord + Marc Erhardt

Im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus 2016 der Amadeu Antonio Stiftung gibt es israelisches Essen und Bier, einen Vortrag mit Lesung zum Thema Antisemitismus, untermalt von Bands und DJs.

Bisher bestätigte Programmpunkte:

  • Ab ca. 20 Uhr liest Tilman Tarach aus seinem Buch Der ewige Sündenbock, in dem er sich mit altem und neuem Antisemitismus befasst: „Über keinen Staat gibt es so viele Gerüchte wie über Israel. Tilman Tarach unterzieht sie einer kritischen Prüfung und zeichnet dabei die entscheidenden Aspekte des Nahostkonflikts nach. Die dargelegten historischen, ideologischen und psychologischen Zusammenhänge überraschen und zwingen dazu, das traditionell negative und verzerrte Bild von Israel aufzugeben, auch wenn die Apologeten einer wohlfeilen ‚Israelkritik‘ dies nicht wahrhaben wollen.“
  • Ab ca. 22 Uhr starten Bands und DJs:
  • Sputnik Booster, eine Chiptune Band aus Bayern.
  • Für die Bühnenshow sind The Future Posers zuständig, ein Zusammenschluss von Freunden, die sich als Roboter verkleidet unter die Zuschauer mischen.
  • Krime, sympathisch-rumpeliger Orgelpunk aus Tübingen/Stuttgart
  • Amen 81, Hardcore/Crustcore-Band aus Nürnberg. Zu Beginn hieß sie noch „Corpus Christi“. Diesen Namen ersetzten sie jedoch bald durch „Amen 81“ nachdem sie ein Auto mit dem Nummernschild AM – EN 81 gesehen haben.
  • An den Turntables werden Summerisle Lord + Marc Erhardt zu finden sein.

Hintergrund der Veranstaltung:

Wie im letzten Jahr ist das „Youth against antisemitism“ eine Veranstaltung, die politische Bildung und Subkultur miteinander verbindet. Wir erachten es als sehr wichtig, vor allem in der Region Stuttgart, eine Veranstaltung zu organisieren, die einen Schwerpunkt auf aktuelle Erscheinungsformen des Antisemitismus legt. Antisemitismus ist eine gesamtgesellschaftliche Problematik, unabhängig von politischen Orientierungen wie links, konservativ oder rechts, die es zu bekämpfen gilt, mit Aufklärung und Anregung zum Nachdenken. Das Komma fungiert seit jeher als Veranstaltungsort für Veranstaltungen unter anderem gegen Antisemitismus, Rassismus und Rechtsextremismus, weshalb wir das Youth against antisemitism, auch dieses Jahr wieder bei uns durchführen wollen, um junge Menschen zur Befassung mit dem Thema Antisemitismus zu leiten. Unterstützt werden wir dabei von der Amadeu Antonio Stiftung, welche auch dieses Jahr wieder den Rahmen vieler Veranstaltungen gegen Antisemitismu schafft, die Aktionswochen gegen Antisemitismus. Wir lassen uns von den Antisemiten_innen jedoch den Spaß nicht nehmen, und feiern nach dem Vortrag wie jedes Jahr ohne jene, dafür aber mit interessanten Bands und DJs.

Eine Veranstaltung von Komma Kultur Esslingen, Amadeu Antonio Stiftung, Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft und Emanzipation und Frieden 

Siehe auch auf Facebook

Israel und die deutsche Linke – Warum es kein Rufmord ist, über (linken) Antisemitismus zu sprechen October 4, 2016 | 03:29 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 2. November 2016, 18 Uhr, Bielefeld
H2 der Universität Bielefeld

Eine Veranstaltung des Jungen Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Bielefeld  im Rahmen der Linken Ersti-Wochen an der Uni Bielefeld

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

(Der Vortrag ist der erste Vortrag im Rahmen der Linke Ersti-Wochen an der Uni Bielefeld)

Unverstandener Nationalsozialismus – Unverstandener Antisemitismus September 2, 2016 | 07:02 am

Was Deutschland zusammenhält
Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 26. September 2016, 20.30 Uhr, Stuttgart                                                Theater Rampe, Filderstraße 47

Eine Veranstaltung der Montage-Gruppe

In Deutschland pflegt man ein merkwürdiges Selbstbewusstsein, dem die von ihm verursachten Katastrophen erstaunlich wenig anhaben können. War es in der Nachkriegszeit die Überzeugung, das „Wirtschaftswunder“ sei „unserem Fleiß“ geschuldet, der „uns“ wohltuend von anderen abhebe, so nährt sich deutsche Selbstgewissheit in jüngster Zeit vor allem aus dem Stolz auf „unser Lernen aus der Geschichte“. Stolpersteine werden verlegt, „Nie wieder“-Schwüre sind zum festen Ritual geworden, ein Holocaust-Mahnmal wurde errichtet. Doch im Gewande der Demut kommt alte Überheblichkeit daher. Andere Völker würden uns um dieses Mahnmal beneiden, sprach ein führender Historiker und konnte sich des rauschenden Beifalls der wohlanständigen Mitte dieser Gesellschaft sicher sein.
Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich jedoch nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit will sich keiner von ihnen nennen lassen. Doch hinter dem verbreiteten „Man wird doch nochmal sagen dürfen“ verbirgt sich alter Antisemitismus in pflegeleichter Aufmachung: Niemand hat was gegen Juden, bewahre! Wir wollen doch alle nur Israel kritisieren.
Der Referent wirft einen Blick auf Nationalsozialismus und Antisemitismus jenseits des herrschenden Mainstreams und zieht unbequeme Schlüsse, die zur Diskussion einladen

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

Was ist Antisemitismus? January 16, 2016 | 07:48 am

Anmerkungen zur Wahnwelt des vernichtungsorientierten Antikapitalismus

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Dass Antisemitismus etwas „irgendwie Schlechtes“ sei, hat man in Deutschland mittlerweile gelernt. Und auch, dass man die Rede vom Antisemitismus stets empört zurückweisen soll und darf, wenn sie im Zusammenhang mit etwas geschieht, das man selbst für lieb und teuer, für richtig und moralisch hält. Doch verliert der Begriff des Antisemitismus streckenweise im Gemenge der Phrasen seine Bedeutung. In der Absicht, das Bild der eigenen Person, Partei und Nation reinzuwaschen, wird er in gebetsmühlenartig vorgetragenen Mantren bis zur Inhaltsleere entstellt. Beispielweise von der Frauendeck-Piratin und HamasUnterstützerin Annette Groth von der Linkspartei mit der Lehrsatz-Behauptung „Was links heißt, kann nicht antisemitisch sein“. Manche tönen gar von der „Antisemitismuskeule”, die gegen sie geschwungen würde.Diese Flugschrift soll dazu beitragen, dass es diese Entwicklung etwas schwerer hat.

Ein Stereotyp wie jedes andere?

Die Reduktion von Antisemitismus auf ein „Stereotyp wie jedes andere“ greift aus verschiedenen Gründen zu kurz. Erstens können Stereotype (also die pauschalisierende Zuschreibung von Eigenschaften aufgrund einer zumindest subjektiv wahrgenommenen Zugehörigkeit zu einer Kategorie von Menschen) positiv sein, und als solche relativ harmlos für die stereotypisierten Personen. Auch negative Stereotype können vollkommen konsequenzlos sein, weil sie sich eben lediglich darauf erstrecken, wie jemand jemand anderen sieht und wahrnimmt, aber nicht notwendig bestimmte Handlungen gegen diese Person nahelegt. Auch solche konsequenzlose Stereotype sind natürlich kritisierbar und würdig, bergen aber nicht an und für sich die Tendenz zur Auslöschung der Stereotypisierten.
Antisemitismus jedoch bleibt in aller Regel nicht konsequenzlos, sondern führt geradewegs zu Plänen und Intentionen, den Jüdinnen [1] Schaden zuzufügen, ihnen etwas wegzunehmen, sie zu bestrafen, und – im intensivsten Stadium – sie zu vernichten; bzw. zum Wunsch und zur heimlichen oder lautstarken Unterstützung dafür, dass jemand anderes dies tue.
Zweitens basieren Stereotype auf der Wahrnehmung, dass Menschen mit bestimmten Kategorieneigenschaften mit höherer Wahrscheinlichkeit irgendwelche anderen Merkmale aufweisen als solche mit anderen Kategorieneigenschaften. Daher kann sogar argumentiert werden, dass Stereotype auf bestimmten Auflösungsniveaus eine gewisse Realität abbilden. (Dass die allermeisten – auch der widerlichsten und gefährlichsten – antisemitischen Stereotype schlicht hanebüchene Lüge sind, bleibt von dieser generellen analytischen Beobachtung über Stereotype unberührt. Die Kritik, dass Stereotype eben nicht notwendig unwahr sind, gilt hier dem allgemeinen Stereotypbegriff und nicht der Tatsache, dass Stereotype sehr wohl schlicht falsch sein können.) Debatten darum, ob antisemitische Stereotype „stimmen“ oder nicht, geraten deshalb regelmäßig aus dem Ruder und tragen nichts dazu bei, Antisemitismus begrifflich unter Kontrolle zu bringen.
Wer je versucht hat, eine Antisemitin durch Aufklärung über „richtige Fakten“ zur Vernunft zu bringen, weiß, wie aussichtsarm (und überaus unerfreulich) dies Unterfangen ist. Das Problem am Stereotypbegriff, der Stereotype als Fehlinformiertheit auffasst, ist eben, dass diejenige, die das Stereotyp hegt, ja nicht unsicher über seine Sicht der Dinge ist oder an ihr zweifelt, sondern überzeugt ist davon, die Welt adäquat wahrzunehmen und nur die richtigen Schlussfolgerungen aus „Fakten“ zu ziehen. Eine Kritik am Antisemitismus, die ihm lediglich vorhält, eine durch fehlerhafte Fakten getrübte Wahrnehmung zu sein, verpufft deswegen in den meisten Fällen und verharmlost ihn darüber hinaus.
Die Gleichsetzung des Antisemitismus mit dem „Stereotyp über Juden“ verschleiert eine wichtige Frage, die zu einem klareren Begriff des Antisemitismus sowie zu seiner tatsächlichen Kritik führt. Was wäre denn, wenn einige der Stereotype über Juden stimmten? Was wäre, wenn tatsächlich deutlich mehr Juden Anwält*nnen, Ärzte, Wissenschaftlerinnen wären als Maurer, Schreiner_innen oder Angestellte? Was wäre, wenn tatsächlich Juden überdurchschnittlich erfolgreich wären in Finanzberufen, Kunst und Kultur (und im Kunst-und Kulturgeschäft, siehe „jüdisches Hollywood“), in wichtigen politischen Ämtern? Was wäre, wenn es stimmte, dass Jüdinnen sich im Zweifel nicht scheren um Schicksalsgemeinschaften, nationale Kollektive und lokale Vorstellungen dessen, was sich qua Tradition gehört und moralisch akzeptabel ist (ein Szenario, dass im negativen Ton als Tendenz zur „Zersetzung“, als „Illoyalität“ und „rücksichtsloser Individualismus“ beschrieben würde)? Wer den Antisemitismus lediglich als Phänomen der Un-oder Falschinformiertheit versteht, drückt sich um diese Frage. Er drückt sich darum, zum Kern des Antisemitismus Stellung zu nehmen, nämlich der Frage danach, ob Menschen, die in der modernen Warengesellschaft genau das tun, was ihnen ein besseres und schöneres Leben verspricht (und womöglich streckenwesie tatsächlich bringt) das „dürfen sollen“, oder ob man ihnen dafür den Garaus machen dürfe, solle und müsse.
Die Jüdinnen und Juden müssen dem Antisemitismus für alles herhalten, selbst für irgendwas und sein Gegenteil (Kapitalismus und Sozialismus, Armut und Reichtum, Solidarität und Illoyalität, Tradition und Moderne…). Ein solches Abladen von widersprüchlichen Ressentiments gegen „die Juden“ durch Gabe korrekter Information verhindern zu wollen (wie es bei einem Stereotyp sein müsste), ist offenkundig zum Scheitern verurteilt. Beim Antisemitismus handelt es sich nämlich im Kern gar nicht um eine tatsächlich inkorrekte, aber konsistente empirisch falsche Wahrnehmung „der Juden“, sondern um eine notwendig falsche Projektion.

Nicht Rassismus, sondern falscher Antikapitalismus

Der Antisemitismus ist nicht einfach eine unter vielen anderen Abneigungen gegen etwas, was rassistischen Spinner*innen als „Rasse“ und ihre „Eigenschaften“ gilt. Antisemitismus wendet sich als Ressentiment gegen Ideen, Prinzipien und Vorstellungen, die er in den Jüdinnen verkörpert sieht, und versucht diese Ideen auszulöschen, in dem er die Jüdinnen auslöscht. Der moderne Antisemitismus, der sich aufbauend auf einem jahrhundertealten christlich geprägten Judenhass nicht zufällig im 19. Jahrhundert, also demjenigen der rasanten Industrialisierung Europas, entwickelt hat, trägt viele Züge eines falschen, weil oberflächlichen und ressentimentinduzierten Antikapitalismus. Er personalisiert sich die unpersonale Herrschaft der warenproduzierenden Gesellschaft im Verlangen zurecht, die Bösewichter zu entdecken, die ihm „an allem Schuld“ sind; er phantasiert vom heimtückischen Kampf der verschlagenen Raffgier gegen das Kollektiv der ehrlich Arbeitenden; er wähnt sich zutiefst kritisch, weil er sich eine falsche Frage zurechtgelegt hat, die von seinem völligen Unverständnis des kapitalistischen Prinzips kündet – diejenige nämlich, „wer denn eigentlich das Geld beherrsche“ – und antwortet darauf mit der Gleichsetzung des Juden mit dem Geld. Schlussendlich halluziniert er im Juden den wurzellosen Übermenschen, der mittels seiner Macht über das Geld die Welt beherrscht, „uns alle“ aussaugt und eben deswegen „unser Unglück“ ist. Moderner Antisemitismus ist das voll entfaltete regressiv-antikapitalistische Ressentiment, das die Herrschaft von Markt und Kapital als persönliche Herrschaft bösartiger Menschen phantasiert. Er beginnt mit der Einbildung vom Gegensatz zwischen „Schaffenden und Raffenden“ (auch wenn er andere Worte dafür verwenden mag) und wird er nicht daran gehindert, so tobt er sich früher oder später im Vernichtungswahn gegen die vermeintlich „Schuldigen“ aus , die er mit „den Juden“ identifiziert.

„Ich habe doch gar nicht ‚Jude‘ gesagt.“

Vor allem in Deutschland kommt es nur selten vor, dass jemand wie Kevin Barth, der Vorsitzende der Piratenpartei in Heidenheim, der nach nur wenigen Tagen im Amt zurücktreten musste, öffentlich sagt, dass er „den Juden an sich unsympathisch finde[t]“ (Der Tagesspiegel, 08.02.2012). Abgesehen von ein paar besonders Resistenten hat man natürlich gelernt, dass man so was „nicht sagen darf“, im Zweifel wird eine solche Aussage ja im NS-Nachfolgestaat sogar strafrechtlich relevant. Man weiß sogar, dass das Wort „Antisemitismus“ etwas Negatives ist, mit dem in Verbindung gebracht zu werden als ehrenrührig zu betrachten ist. Zeugnis dessen ist die inzwischen sehr beliebte und monoton heruntergeleierte Behauptung, dass „Antisemitismus“ eine Kampfvokabel sei, die unliebsamen (sich aber selbst als unheimlich rebellisch und aufklärerisch wähnenden) Zeitgenossen gleich einer Keule angedroht oder auch tatsächlich übergezogen werde (gerne wird hier als verdächtig der Zentralrat der Juden genannt, q. e. d.). Da wird behauptet, „Antisemitismus“ werde in politischen Diskursen verwendet als Synonym für „Ich finde eine Person doof und fordere, dass sie von anderen auch doof gefunden werden solle.“ Als Beweis erscheint dann regelmäßig der altkluge Verweis darauf, dass diejenige, deren Reden, Raunen und Ressentimieren als antisemitisch kritisiert wird, doch gar nicht „Jude“ gesagt habe. Weder habe sie gesagt „Ich finde, alle Juden sollen umgebracht werden“, noch habe sie Hitler zu einem guten Mann erklärt. Letztgenanntes, also die Shoa und der Deutschen liebste Projektionsfläche, das „Monster“ Hitler für gut zu erklären, ist den modernen Deutschen „Antisemitismus“.
Es ist vollkommen egal, ob eine Antisemitin „Jude“ sagt oder „Auschwitz“. Ihr Beharren darauf, dass sie selbst gefälligst zu entscheiden habe, ob sie für antisemitische Ressentiments kritisiert werden dürfe, und darauf, dass „Antisemitismus“ nur dann behauptet werden dürfe, wenn in letzter Konsequenz und in großem Stil Jüdinnen vernichtet worden seien, ändert daran nichts. Antisemitisch ist nicht nur die Abneigung gegen Jüdinnen, weil sie Jüdinnen sind. Sondern auch die Abneigung gegen das, was die Antisemitin in den Jüdinnen verkörpert zu sehen glaubt und was ihr als jüdisch und hassenswert gilt. Es bleibt auch Antisemitismus, wenn sie es vermeidet, das Wort „Jude“ auszusprechen.

Sekundärer Antisemitismus

Wer versucht, sich gegen Kritik seines antisemitischen Geraunes immun zu machen, indem er darauf beharrt, er habe weder das Wort „Jude“ gesagt, noch zur Vernichtung aller Juden aufgerufen, ist häufig ebenso empört über den Begriff des sekundären Antisemitismus. Schon alleine das Attribut „sekundär“ sage doch bereits aus, dass es nicht „wirklich“ Antisemitismus sei. Ohnehin sei die Rede vom sekundären Antisemitismus nur eine weitere Spielart der „Antisemitismuskeule“, mit der „unliebsame Stimmen“ zum Verstummen gebracht werden sollten. Es habe doch aber beim besten Willen mit Judenfeindschaft nichts zu tun, wenn man glaube, „die Juden“ schlügen aus dem Holocaust Gewinn. Doch „den Juden“ anzudichten, sie profitierten von ihrer eigenen Vernichtung, also die Abneigung gegenüber Juden und Jüdinnen nicht trotz, sondern gerade wegen Auschwitz, ist Antisemitismus. Als sekundär bezeichnet wird er deshalb, weil er sich eben nicht ‚aus dem Stand‘ gegen Juden richtet. Als solche Judenfeindlichkeit ‚aus dem Stand‘ muss sekundären Antisemiten die Shoa erscheinen: Sie finden ja „schlimm“, was im „Zweiten Weltkrieg“ „geschehen“ ist, aber ohne Begriff vom Antisemitismus muss ihnen die Abneigung gegen Juden, die die Shoa vorbereitete, irgendwie unverständlich und „ungebildet“ vorkommen.
Dem sekundären Antisemitismus jedoch sind die Juden nicht „einfach so“ unsympathisch, sondern er glaubt ja nun etwas „Handfestes“ gefunden zu haben, was man den Juden „tatsächlich“ vorwerfen könne – nämlich im Grunde, dass sie da sind, dass sie die Deutschen an die Taten erinnern, die deren Väter, Großmütter und Urgroßonkel im guten Glauben an eine „gute Sache für die Gemeinschaft“ begangen haben. Dass die Juden den Deutschen „nicht endlich ihre Ruhe lassen“. Und natürlich: dass es einen Staat gibt, der seit 1948 den Juden das Maximum an Schutz bietet, das ein Staat bieten kann. Das alles und noch viel mehr missfällt dem sekundären Antisemitismus und deshalb ist er „den Juden“ abgeneigt. Im Glauben daran, im eingebildeten Unterschied zu seinen Vorgängergenerationen, wissensund kenntnisreich nun „wirklich“ etwas erkannt zu haben, was die Abneigung gegen „die Juden“ „rechtfertige“. Er sieht aber nach wie vor in „den Juden“ sein Unglück, und deshalb ist er selbstverständlich Antisemitismus.

Ein Ressentiment gegen die Freiheit des Individuums

Der Antisemitismus ist ein Ressentiment, eine tiefsitzende Abneigung gegen „die Juden“ und das, was in ihnen identifiziert gesehen wird. Das sind einerseits allerhand Unwahrheit, darunter üble Lügen, wie z. B. hetzerische Schauergeschichten von Ritualmorden, und auch in sich widersprüchlicher hanebüchener Quatsch. Andererseits sieht der Antisemitismus in den Jüdinnen allerdings auch etwas, was historisch durchaus real ist. Die Opposition des Antisemitismus gegen die empirisch mit dem Judentum verknüpften Momente muss ernst genommen und in ihrer Gefährlichkeit deutlich benannt werden. Antisemitismus wendet sich letztlich gegen die Idee individueller Freiheit, gegen das Versprechen der Aufklärung, dass eine jede nach ihrem Gusto ein gutes Leben führen solle und ihren Mitmenschen gleichberechtigt gegenübertreten könne. Ohne Furcht, von Zwangsgemeinschaften, Heimatwahn und anderem Aberglauben vereinnahmt und unterjocht zu werden. In dem Maß, in dem Jüdinnen bedroht sind, ihnen Ressentiment entgegen schlägt und sie um ihr Leben fürchten müssen, ist auch die individuelle Freiheit in der bürgerlichen Gesellschaft insgesamt bedroht.
Der Traum von der freien Gesellschaft ist brüchig und kann trügerisch sein. Das antisemitische Ressentiment ist alles andere als harmlos. Es kann rücksichtslos bis zum Äußersten gehen und diejenigen, in denen es das sieht, was ihm missfällt, wortwörtlich vernichten und auslöschen. Das ist keine Vermutung oder unangemessene Dramatisierung, sondern eine Gewissheit. Sie braucht keine Rücksicht zu nehmen gegen diejenigen, die sich zwar ihr Mütchen an den Jüdinnen und am jüdischen Staat kühlen wollen, aber sich verbitten, als das bezeichnet zu werden, was sie sind: Antisemit_innen.

[1] Wir verwenden bewusst mehrere geschlechtliche Formen. Gemeint sind immer alle Geschlechter. Siehe dazu auch Gendern?

Literatur und Links:

Henryk M. Broder: Der ewige Antisemit. Über Sinn und Funktion eines beständigen Gefühls. Fischer Taschenbuch Verlag, München, 1986, ISBN 3596238064.
Henryk M. Broder: Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der IsraelFrage. Albrecht Knaus Verlag, München, 2012, ISBN 9783813504521.
Moishe Postone: Antisemitismus und Nationalsozialismus. In M. Postone, Deutschland, die Linke und der Holocaust. Politische Interventionen (S. 165 194). Ça ira Verlag, Freiburg, 2005, ISBN 392462733X.
Shulamith Volkov. Antisemitismus als kultureller Code. C.H.Beck, München, 2000, ISBN 9783406421495.
Arbeitskreis Kritik des deutschen Antisemitismus (Hrsg.): Antisemitismus – die deutsche Normalität. Geschichte und Wirkungsweise des Vernichtungswahns. Ça ira Verlag, Freiburg, 2001, ISBN 392462769X.
Initiative Sozialistisches Forum. Furchtbare Antisemiten, ehrbare Antizionisten. Über Israel und die linksdeutsche Ideologie . Ça ira Verlag, Freiburg, 2002, ISBN 3924627088. Lothar Galow-Bergemann, Audio: Unverstandener Nationalsozialismus – Unverstandener Antisemitismus

 

Siehe zum Thema auch die Flugschriften:

Was ist regressiver Antikapitalismus? Anmerkungen zum Unterschied zwischen Kapitalisten – und Kapitalismuskritik

Was ist Antiimperialismus? Anmerkungen zum Niedergang der Linken

Was ist Antizionismus? Anmerkungen zum Hass auf den Juden unter den Staaten

Was ist Antiamerikanismus? Anmerkungen zur grassierenden Selbstgerechtigkeit

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Eine Flugschrift von Emanzipation und Frieden. Antikapitalismus 2.0
2., überarbeitete Auflage Dezember 2015

Förderverein Emanzipation und Frieden e.V. ■ Postfach 50 11 24 ■ D-70341 Stuttgart ■ www.emanzipationundfrieden.de Kontakt: info@emanzipationundfrieden.de
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Lesen Sie die Flugschrift hier im Lay out: Was ist Antisemitismus?

 

Youth Against Antisemitism December 7, 2015 | 03:00 pm

Freitag, 18. Dezember 2015, 19.30 Uhr, Esslingen

KOMMA, Maille 5-9, 73728 Esslingen

YAA

„Politische Bildung trifft Subkultur“: Vortrag, Konzert, DJs, Essen

Referent: Dr. Sebastian Bartoschek (Journalist und Psychologe)

Live: Björn Peng (Electro/TechnoPunk, Freiburg), PRSLM (Techno-Rap, Berlin)

+ DJs

Eintritt: gegen Spende

Den jungen Veranstalter_innen ist es ein wichtiges Anliegen, Antisemitismus im Zusammenhang mit sekundärem Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien zu thematisieren, darauf liegt der Schwerpunkt des  Vortrags von Dr. Sebastian Bartoschek. Nach dem Vortrag laden die Veranstalter zum Konzert, zum Tanzen und zu israelischen Essen ein. Zu Gast sind zudem der Freiburger Technopunk Björn Peng sowie PRSLM (sprich: Perousalem), ein Berliner TechnoRap-Kollektiv, bestehend aus MC, Beatproducer und DJ. An den Plattentellern stehen u.a. die DJs Fabian Zeh, Benjamin Schröter & Fabian Brüssow.
Die Veranstaltung findet ebenfalls im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung statt.
Eine Veranstaltung im Komma Esslingen mit Unterstützung von Emafrie, Komma Esslingen, Amadeu Antonio Stiftung, Junges Forum DIG Stuttgart und mittlerer Neckar, FOBI aktiv und LAK Schalom in der Linksjugend.
www.sebastian-bartoschek.de
www.prslm.bandcamp.com
www.p3ng.de

 

 

Audio: Israel und die deutsche Linke November 9, 2015 | 05:13 pm

Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 4.November 2015 in Marburg

 

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen
Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Über den Referenten:
Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de; er ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar und seit 1968 in linken Zusammenhängen und sozialen Bewegungen aktiv. Lange Jahre war er Personalrat in zwei Großkliniken und ist Mitglied der Gewerkschaft ver.di.

Veranstalterin:                                                                                                                    Bündnis gegen Antisemitismus Marburg

Mit Unterstützung von:
Aktive Fachschaft Soziologie an der Uni Marburg
Linksjugend ‚solid Marburg
Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hochschulgruppe
Marburg in Gründung

 

Antisemitische und antiamerikanische Verschwörungstheorien October 17, 2015 | 07:26 pm

Eine Diskursanalyse im Umfeld der „Mahnwachen für den Frieden“ im Frühjahr 2014

von Laura-Luise Hammel

[Ein Vortrag der Autorin zum Thema ist HIER zu hören]

Im Frühjahr 2014 ist mit den „Mahnwachen für den Frieden“ eine neue Protestbewegung entstanden, auf denen Menschen in zahlreichen Städten für Frieden, Freiheit und Gerechtigkeit demonstrierten. Schwerpunktthemen der Bewegung waren eine angeblich drohende „Kriegsgefahr in der Ukraine“, eine „Kritik“ am derzeitigen Finanzsystem, der Wunsch nach „mehr Demokratie“ und einer „freien Presse“.

Anders als viele weitere Protestphänomene und Soziale Bewegungen des letzten Jahrzehntes, wurde die Friedensbewegung 2014 in der öffentlichen Berichterstattung und auch innerhalb der politischen Landschaft mehrheitlich negativ wahrgenommen. Die Kritik, die an der Bewegung geübt wurde, bezog sich einerseits auf die Führungspersonen der neuen Protestbewegung,  andererseits wurde ihr vorgeworfen, sie sei offen für rechtsextreme Gruppierungen und greife in ihrer Deutung des Weltgeschehens auf Verschwörungstheorien mit antisemitischen und antiamerikanischen Inhalten zurück.

Die vorliegende Magisterarbeit ordnet die Friedensbewegung als Soziale Bewegung in der Bundesrepublik politikwissenschaftlich ein, setzt sich mit den o.g. Schwerpunktthemen auseinander, analysiert kritisch was sich die Akteure darunter vorstellen und wie entsprechende Forderungen artikuliert werden. Das zentrale Anliegen der Arbeit ist es, am Beispiel der neuen Protestbewegung der „Mahnwachen für den Frieden“ das aktuelle verschwörungstheoretische Sagbarkeitsfeld zum Thema „Einfluss der Federal Reserve Bank auf das Weltgeschehen“, das nach Ansicht der Verfasserin das Kernthema der Bewegung darstellt, im Rahmen einer Diskursanalyse zu analysieren und vertieft auf Anknüpfungspunkte zu gesellschaftlich verankerten antisemitischen Stereotypen einzugehen. Die Magisterarbeit bedient sich zu diesem Zweck der Methodik der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger.

Die Arbeit ist HIER komplett zu lesen Bitte anklicken und runterscrollen

 

 

Israel und die deutsche Linke October 17, 2015 | 06:49 pm

Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 4.November 2015, 19:00 Uhr, Marburg
DGB/Käte-Dinnebier-Saal, Bahnhofstr. 6

Der Vortrag ist mittlerweile HIER zu hören

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen
Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten BauchAntikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Über den Referenten:
Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de; er ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar und seit 1968 in linken Zusammenhängen und sozialen Bewegungen aktiv. Lange Jahre war er Personalrat in zwei Großkliniken und ist Mitglied der Gewerkschaft ver.di.

Veranstalterin:                                                                                                                    Bündnis gegen Antisemitismus Marburg

Mit Unterstützung von:
Aktive Fachschaft Soziologie an der Uni Marburg
Linksjugend ‚solid Marburg
Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hochschulgruppe
Marburg in Gründung

Israel und die deutsche Linke – Warum es kein Rufmord ist, über (linken) Antisemitismus zu sprechen September 9, 2015 | 02:01 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 30. September 2015, 19 Uhr, Würzburg
topo rojo, Umsonstladen, Bahnhofsplatz 2

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres
stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

Unverstandener Nationalsozialismus – unverstandener Antisemitismus August 23, 2015 | 06:15 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 17. September 2015, 19 Uhr, München                                                  Jüdisches Museum, St.-Jakobs-Platz 16                                                                           Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München und des Jüdischen Museums München im Rahmen der Reihe „Fast ziemlich beste Freunde. 50 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Deutschland und Israel.“

In Deutschland pflegt man ein merkwürdiges Selbstbewusstsein, dem die von ihm verursachten Katastrophen erstaunlich wenig anhaben können. War es in der Nachkriegszeit die Überzeugung, das „Wirtschaftswunder“ sei „unserem Fleiß“ geschuldet, der „uns“ wohltuend von anderen abhebe, so nährt sich deutsche Selbstgewissheit in jüngster Zeit vor allem aus dem Stolz auf „unser Lernen aus der Geschichte“. Stolpersteine werden verlegt, „Nie wieder“-Schwüre sind zum festen Ritual geworden, ein Holocaust-Mahnmal wurde errichtet. Doch im Gewande der Demut kommt alte Überheblichkeit daher. Andere Völker würden uns um dieses Mahnmal beneiden, sprach ein führender Historiker und konnte sich des rauschenden Beifalls der wohlanständigen Mitte dieser Gesellschaft sicher sein.
Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich jedoch nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit will sich keiner von ihnen nennen lassen. Doch hinter dem verbreiteten „Man wird doch nochmal sagen dürfen“ verbirgt sich alter Antisemitismus in pflegeleichter Aufmachung: Niemand hat was gegen Juden, bewahre! Wir wollen doch alle nur Israel kritisieren.
Der Referent wirft einen Blick auf Nationalsozialismus und Antisemitismus jenseits des herrschenden Mainstreams und zieht unbequeme Schlüsse, die zur Diskussion einladen.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de; er ist Vorstandmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar

 

Der unverstandene Nationalsozialismus – oder: Was Deutschland zusammenhält August 21, 2015 | 04:15 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Samstag, 12. September 2015, 14.30 Uhr, Schwarzenberg/Erzgebirge

Naturbühne, im Rahmen von Stains in the Sun 3

Schon seit mindestens zwei Jahrhunderten sind die Deutschen davon überzeugt, sie seien besonders gut. Derzeitiger Favorit in der Begründung dieses – nennen wir es mal: erstaunlichen Selbstbewusstseins – ist „unser Lernen aus der Geschichte“. Stolpersteine werden verlegt, „Nie wieder“ – Schwüre sind zum festen Ritual geworden, ein Holocaust-Mahnmal wurde errichtet. Doch im Gewande der Demut kommt alte Überheblichkeit daher. Andere Völker würden uns um dieses Mahnmal beneiden, sprach ein führender Historiker und konnte sich des rauschenden Beifalls der wohlanständigen Mitte dieser Gesellschaft sicher sein.

Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein regressiver Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit ist selbstverständlich keiner von ihnen.

Nur wenig vom Mainstream unterscheidet sich eine Linke, die sich besonders kritisch dünkt, weil sie erst gar nicht vom Nationalsozialismus, sondern lediglich vom „Faschismus“ redet. Dass diese nur vermeintlich an den Wurzeln der Verhältnisse bohrende Linke weiter im ideologischen Korsett der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebt, zeigt sich ebenfalls am auffälligsten am unbegriffenen Antisemitismus, den sie bestenfalls für eine Spielart des Rassismus hält. Wer es auch 70 Jahre nach der Shoah immer noch nicht schafft, sein bequemes Weltbild von den bösen Herrschenden und dem guten Volk abzulegen, klammert sich auf der Suche nach rettenden Strohhalmen gerne an die berühmte Dimitroffsche „Faschismus-Definition“ von 1935. Wiewohl diese von Anfang an falsch war, so ist ihren Urhebern wenigstens noch zugute zu halten, dass sie nicht in die Zukunft blicken konnten. Die Zombielinke von heute aber vermag noch nicht einmal die Vergangenheit zu verstehen. Ihr „Nie wieder“ ist deswegen ebenso Makulatur wie dasjenige der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Lothar Galow-Bergemann lebt in Stuttgart und schreibt unter anderem für konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

Israel und die deutsche Linke – Warum es kein Rufmord ist, über (linken) Antisemitismus zu sprechen June 28, 2015 | 08:37 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 3. Juli 2015, 19 Uhr, Ludwigsburg
Hotel und Restaurant Kronenstuben
Kronenstrasse 2, 71634 Ludwigsburg

Eine Veranstaltung des fds – Forum Demokratischer Sozialismus
Baden-Württemberg

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres
stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

Audio: „Israel ist an allem schuld“ Warum der Judenstaat so gehasst wird June 27, 2015 | 10:36 am

Mitschnitt eines Vortrags von Olaf Kistenmacher

gehalten am 23. Juni 2015 in Esslingen/Neckar

gekürzte Fassung [57min]

Ungekürzte Fassung [71min]


 

Laut einer EU-Umfrage sahen 2010 65 Prozent der Deutschen in Israel eine »Gefahr für den Weltfrieden«. Zwei Jahre später schrieb Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung, die »Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, und bekam dafür Beifall von ganz links bis rechtsextrem. Der Hass auf Israel wird gern mit der Politik der jeweiligen Regierung des jüdischen Staats erklärt. Doch warum richtet sich die Feindschaft aktuell nicht gegen das Nachbarland Syrien und gegen den „Islamischen Staat“ oder gegen die EU, an deren Außengrenzen so viele Menschen sterben? Der Vortrag wird die verschiedenen Wurzeln der Israel-Feindschaft in Deutschland ausloten: als Folge unbewusster Schuldgefühle wegen der Shoah
und als Konsequenz von seit über hundert Jahren bestehenden judenfeindlichen Vorstellungen. Im Zentrum des Vortrags steht die Israel-Feindschaft in der politischen Linken, in der man Antisemitismus eigentlich nicht erwarten sollte.

Olaf Kistenmacher, Hamburg, ist Historiker. Er schreibt für die Jungle World und Konkret. Mit Hans-Joachim Hahn hat er Anfang des Jahres den Sammelband
Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der
Antisemitismusforschung vor 1944 herausgegeben.

Eine Veranstaltung des Komma Esslingen, des LAK Shalom der Linksjugend [‚solid] Baden-Württemberg und des Jungen Forums der DIG Stuttgart&Mittlerer Neckar

Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame April 13, 2015 | 08:36 pm

Zur Analyse einer Protestbewegung, die sämtliche Kategorien der Unfreiheit affirmiert

von Jonas Bayer

Endgame, dem Begriff nach einerseits englisch für „Endphase“, andrerseits Kurzform für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“, entstand im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada, ausgeschrieben „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlands“. Diese Bezeichnung diente dem Versuch, einerseits an die Erfolge der in den Medien damals stark vertretenen Pegida-Bewegung anzuknüpfen, zugleich aber den Fokus weg von der dort proklamierten Islamisierung hin zu einer vermeintlichen Amerikanisierung Europas zu verschieben. 

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
2. Hauptteil: Analyse und Kritik der politischen Positionen Endgames
2.1.Informationen zum Forschungsgegenstand
2.2.Theorie des antiamerikanischen Antisemitismus
2.3. Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame: Analyse und Versuch der Dekonstruktion
2.3.1. Analyse
2.3.1.1. Aufklärung und gesundes Volksempfinden
2.3.1.2 Volk und Parasiten
2.3.1.3 Volk und Zersetzung
2.3.1.4. Deutschland und die Westalliierten
2.3.1.5. Deutschland und der Schatten der Vergangenheit
2.3.2. Versuch der Dekonstruktion: Dem Ressentiment entgegentreten
2.3.2.1. Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus: Warum weder Zinsen noch parasitäre Finanzspekulanten unser Unglück sind
2.3.2.2. Zur Kritik des autoritären Kollektivismus: Warum das biologistisch verstandene Volk eine menschenverachtende Kategorie ist
3. Fazit

 
1. Einleitung

Die politische Bewegung Endgame gründete sich im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada. Mit ihr beschäftigt sich diese Arbeit. Zur Analyse wird, basierend der im selben Jahr von Heiko Beyer verfassten Soziologie des Antiamerikanismus, davon ausgegangen, dass Antiamerikanismus und Antisemitismus konkrete Ausformungen einer ressentimenthaft antimodernistischen Ideologie sind, die beiden zu Grunde liegt. Dadurch wird es möglich, unabhängig von den jeweiligen, beliebig austauschbaren Projektionsobjekten die Struktur der Argumentation selbst in den Blick zu nehmen. Die leitende Fragestellung lautet also: Wie konkret äußert sich der ressentimenthafte Antimodernismus auf den verschiedenen Politikfeldern im Diskurs Endgames und was kann jenem argumentativ entgegengesetzt werden? In Ermanglung einer geeigneteren Begrifflichkeit wird dabei das analysierte und kritisierte Weltbild als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet. Es zeigt sich, dass – entsprechend der dichotomen Struktur des antiamerikanischen Antisemitismus – das Weltgeschehen bei Endgame in verschiedene Gegensatzpaare zerfällt. Die Analyse muss hier notwendigerweise unvollständig bleiben, fünf dieser Gegensatzpaare werden herausgegriffen und auf ihre Funktionsweise hin untersucht. Die beiden theoretisch wie praktisch zentralsten dieser Gegensatzpaare werden dann kritisiert, wobei gezeigt werden soll, dass die Gegnerschaft Endgames zum Kapitalismus auf einem falschen Begriff desselben basiert, und die zur Globalisierung einen Volksbegriff mobilisiert, der sich repressiv gegen das Individuum richtet.

Ebenfalls von Beyer wird in dieser Arbeit die Methode der stochastischen Genuswahl übernommen, d.h. das grammatikalische Geschlecht wird bei Personengruppen nach dem Zufallsprinzip verwendet. Beyer selbst gibt als Quelle hierfür die Autoren Nothbaum und Steins (2010) an.

2. Hauptteil: Analyse und Kritik der politischen Positionen Endgames

Für diese Arbeit werden zunächst kurz einige Hintergrundinformationen zum Forschungsgegenstand zusammengetragen, dann wird die diese Arbeit begleitende Theorie vorgestellt, anschließend wird versucht, den Diskurs der Endgame-Bewegung zu analysieren und zu dekonstruieren, d.h. dem Ressentiment, wo es auftaucht, Argumente entgegenzusetzen, und abschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit noch einmal zusammengefasst.

2.1. Informationen zum Forschungsgegenstand

Endgame, dem Begriff nach einerseits englisch für „Endphase“, andrerseits Kurzform für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“, entstand im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada (vgl. Pegada 2014a), ausgeschrieben „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlands“. Diese Bezeichnung diente dem Versuch, einerseits an die Erfolge der in den Medien damals stark vertretenen Pegida-Bewegung anzuknüpfen, zugleich aber den Fokus weg von der dort proklamierten Islamisierung hin zu einer vermeintlichen Amerikanisierung Europas zu verschieben. Seit dem Abklingen Pegidas verzichtet Endgame auf Pegada als Selbstbezeichnung (vgl. Pegada 2015a). Hintergrund Endgames ist die Friedensbewegung 2014, deren – teils ehemalige – Protagonisten positiv rezipiert werden (vgl. Endgame 2015a). Entsprechend ähneln sich auch die Argumentationsmuster. Als konkreter politischer Akteur organisiert Endgame regelmäßige Demonstrationen, bisher in Halle (vgl. Afane 2015) und Erfurt (vgl. DIE WELT 2015). Dem Selbstverständnis seiner Anhänger nach handelt es sich um eine Bewegung, die politisch weder rechts noch links steht (vgl. Pegada 2014b; Afane 2015; Schmidt 2015). Die Diskursanalyse allerdings zeigt, dass es sich hierbei um ein Täuschungsmanöver handelt, da die Argumentationsmuster in der Tat vielfach dem Diskurs der neuen und alten Rechten entlehnt sind.

2.2. Theorie des antiamerikanischen Antisemitismus

Theoretisch stützt sich diese Arbeit vor allem auf Heiko Beyers (2014) Soziologie des Antiamerikanismus. Dort fasst Beyer den ressentimenthaften Antiamerikanismus als Reaktion auf die im 19. Jahrhundert krisenhaft hereinbrechende Moderne: Das durch den beschleunigten sozialen Wandel verunsicherte Individuum sei, so Beyer, bestrebt, jenen zu erklären und dadurch wieder beherrschbar zu machen. Eine Möglichkeit, die Moderne und den mit ihr einhergehenden beschleunigten sozialen Wandel zu rationalisieren, d.h. scheinbar zu erklären, besteht nach Beyer darin, deren Ursache in den Vereinigten Staaten von Amerika auszumachen. Zugleich würden hedonistische Selbstanteile, die das antiamerikanische Individuum an sich selbst verachtet und fürchtet, auf die USA projiziert.

Indem sowohl die Moderne samt ihrer vermeintlichen Lasterhaftigkeit als auch eigene hedonistische Persönlichkeitsanteile, die als Ausdruck eben jener Lasterhaftigkeit erscheinen, mit den USA verknüpft werden, entsteht ein negativer Bezugspunkt, über den das antiamerikanische Individuum sich selbst und die Gruppe, der es sich zugehörig fühlt, per Abgrenzung positiv definiert. (vgl. Hansen 2007: S. 34-37) Die konstruierte Antithese zwischen dem, was im Diskurs als amerikanisch erscheint, und dem, was diesem positiv gegenübergestellt wird, verselbstständigt sich, wie im Diskurs Endgames deutlich wird, im Extremfall zu einem Welterklärungsmuster, das sämtliche Entwicklungen – freilich nur innerhalb des antiamerikanischen Weltbilds – sinnvoll interpretierbar macht. Dieses Welterklärungsmuster allerdings liegt eine Ebene tiefer, seiner Struktur nach ist es nicht nur antiamerikanisch, sondern auch antisemitisch:

„Aus Sicht der Kognitionspsychologie handelt es sich bei antiamerikanischen und antisemitischen Einstellungen um Elemente eines gemeinsamen Kognitionsclusters. Die einzelnen Elemente werden durch Kognitionen, die eine Verbindung von Juden und Amerika begründet, getragen und in allgemeinere, beide Aspekte synthetisierende Welterklärungen eingepasst. Je nachdem, in welchem sozialen Kontext sich das Individuum befindet, manifestiert sich dann eher das antisemitische oder das antiamerikanische Element in der Kommunikation (vgl. Beyer/Liebe 2010). Gleichzeitig verweisen die analogen Inhalte der Ressentiments auf eine affektive Äquivalenz: Beide Objekte werden mit ähnlichen Vorstellungen besetzt, die dem Assoziationsfeld des Hedonismus zuzuordnen sind. Diese Objektverwandschaft ermöglicht die Verschiebung des Projektionsobjekts, so dass im Fall wahrgenommener sozialer Tabuisierung – hier vor allem des Antisemitismus – das jeweils andere Objekt gewählt wird.“ (Beyer 2014: S. 114)

Für den praktischen Teil der Arbeit wird also nicht nur der Antiamerikanismus relevant sein, sondern insbesondere das ihm zu Grunde liegende Welterklärungsmuster, das sich ebenso als Antisemitismus manifestieren kann und manifestiert (vgl. Strohm 2014). Da sich das Ressentiment im Diskurs Endgames trotz aller Tabuisierung immer wieder als ungeschönte Judenfeindschaft zeigt, scheint diese der bedeutendere der beiden Aspekte zu sein. Die bei Endgame zu analysierende und zu kritisierende Ideologie wird deshalb in dieser Arbeit als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet.

2.3. Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame: Analyse und Versuch der Dekonstruktion

Die im Folgenden vorgenommene Diskursanalyse basiert vor allem auf drei Primärquellen: Einem seitens Endgame positiv rezipierten und beworbenen (vgl. Pegada 2015b) Beitrag Andreas Popps, einem ebenfalls durch Endgame gefeierten und verbreiteten (vgl. Pegada 2015c) Beitrag Holger Strohms, und einer auf einer Endgame-Demonstration gehaltenen Rede Donatus Schmidts. Die Auswahl kann als repräsentativ gelten: Zum einen fanden und finden sowohl die Friedensbewegung 2014 als auch Endgame primär online statt – die „Gefällt mir“ – Angaben der entsprechenden Seiten in den sozialen Netzwerken übertreffen die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen und Mahnwachen um ein Vielfaches, wie auch generell die Aktivitäten im Internet die auf der Straße weit übertreffen. Es ist daher legitim, zwei auf Youtube veröffentlichte Beiträge, aber nur eine tatsächlich auf einer Demonstration gehaltenen Rede zu analysieren. Die Wahl fiel dabei nicht zufällig auf Beiträge Popps und Strohms: Vor allem Ersterer ist einer der wichtigsten Stichwortgeber der verschwörungsideologischen Rechten in Deutschland. Seine Videos erreichen teilweise sechsstellige Aufrufe (vgl. Popp 2012; Popp 2013), und mit Wortschöpfungen wie beispielsweise der Titulierung der Kritikerinnen als „Nazitheoretiker“ (Popp 2014) gibt er seinen Anhängerinnen wirkungsmächtige Waffen für die politische Auseinandersetzung an die Hand. Auch Strohm fungiert als Ideologe (vgl. Strohm 2015), obgleich etwas weniger erfolgreich als Popp. Die durchwegs positiven Reaktionen auf alle drei Primärquellen lassen den Schluss zu, dass in ihnen Positionen vertreten werden, die von der Mehrheit der Endgame-Anhängerinnen geteilt werden.

2.3.1. Analyse

Als Prämisse wird jeweils zu Beginn eine geheime, die Geschicke der Welt lenkende Macht behauptet. So erklärt Popp (2015), dass „nahezu alle vermeintlich hoheitlichen Strukturen beziehungsweise Staaten […] der Macht des Finanzsystems [unterliegen]“, Strohm (2014) weiß von „satanische[n] Logen wie d[en] Bilderberger[n], die die Kontrolle über die ganze Welt haben“, zu berichten, und auch Schmidt (2015) beklagt ein „Wirtschaftssystem, in dem die Superreichen […] die Macht über die Geschicke der Welt haben“. Diese geheime Elite kann nun – entsprechend der Ambivalenz des Ressentiments – mit den USA oder mit Juden verknüpft werden: So erklärt Strohm (ebd.) „Rothschild“, jüdischer Bankier und Hassobjekt aller Antisemitinnen (vgl. Waschneck 1940), zur „Nummer [Eins] bei den Bilderbergern“, während Schmidt (ebd.) behauptet, die geheime Elite kontrolliere „die Regierung in den Vereinigten Staaten“ über die „Federal Reserve Bank“ und den „amerikanischen Dollar“. Wie und ob sich das Ressentiment manifestiert, ist für die Argumentation allerdings unerheblich, entscheidend ist, dass dem übermächtig erscheinenden sozialen Wandel ein übermächtiger Akteur zugeordnet wird. Der Kampf gegen die globale Verschwörung wird damit zum Kampf gegen den sozialen Wandel selbst, und der Kampf zwischen dem Verschwörungsideologen und der von ihm phantasierten Verschwörung wiederum reproduziert sich im antiamerikanischen Antisemitismus in Form verschiedener Gegensatzpaare, die ihn als Ideologie konstituieren.

2.3.1.1. Aufklärung und gesundes Volksempfinden

Der Diskurs Endgames richtet sich – wie zu erwarten – gegen die Aufklärung und die sie tragenden Institutionen. Die medizinische Forschung, so Strohm (ebd.), sei „von der Lobby“ gesteuert, es ginge lediglich ums Geschäft. Auf der Website Pegadas (2014c) findet sich zudem die Forderung nach „Aufklärung in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Impfen und kreiierte [sic!] Krankheiten!“ Und Popp (ebd.) behauptet, dass ein „akademisches Studium“ für das Erkennen der sozialen Realität „eher hinder[lich]“ sei. Als positive Antithese nennt er den „gesunde[n] Menschenverstand“. Auch die Presse erfährt ausschließlich Ablehnung: Für Popp (ebd.) sind Medien „Propagandamaschinen“, die ausschließlich im Sinne der „Finanzmacht“ berichteten, und Strohm (ebd.) erklärt:

„Es herrscht […] Zensur. […] Keiner der Journalisten wagt es, die Wahrheit zu sagen. […] Journalisten [betreiben] ständig Kriegshetze. […] Überall, wo Aufstände sind, sind die ersten Ziele die Journalisten, weil sie als Teil des Krieges betrachtet werden.“

Strohm unterstellt also zunächst, dass Medien Teil der Verschwörung seien und absichtlich desinformierten, um dann dem Volk – der Begriff ist, wie sich zeigen wird, zentral für den Diskurs Endgames – zu attestieren, dass es, sofern es sich im Bestreben, sich gegen das „Machtsystem“ (Popp ebd.) zu erheben, gegen Journalistinnen wendet, damit durchaus die Richtigen trifft. Sowohl bei Popp als auch bei Strohm ist der Instinkt des Volks der eigentliche Quell der Erkenntnis, Wissenschaft und Journalismus erscheinen bestenfalls als nutzlos, tendenziell eher als propagandistisch und schädlich. Vor dem theoretischen Hintergrund vermag das kaum zu überraschen, sind doch eine freie Presse, die Schulmedizin und generell die moderne Wissenschaft sämtlich Ausdrücke des durch die Moderne stark beschleunigten sozialen Wandels.

2.3.1.2 Volk und Parasiten

Das Weltbild, aus dem der antiamerikanische Antisemitismus schöpft, betrachtet auf der ökonomischen Ebene den Zins als Wurzel allen Übels:

„Dieses Wirtschaftssystem mit Zins und Zinseszins führt uns immer tiefer in die Katastrophe. Die Probleme weltweit nehmen immer mehr zu, auf Grund eines kranken und kaputten Wirtschaftssystems, welches exponentielles Wachstum braucht, um zu überleben.“ (Schmidt, ebd.)

Entsprechend konstatieren antiamerikanische Antisemitinnen im Kapitalismus, den sie auf seine abstrakte Seite reduzieren, eine „Umverteilung von fleißig nach reich“ (Popp ebd.). Das vermeintlich betrogenen Kollektiv der ehrlich Arbeitenden, zu dem auch Industrielle gezählt werden, erscheint im Diskurs wiederum als Volk, wobei der Begriff hier durchaus nicht ethnisch verstanden wird. Diesem Volk wird eine kleine Minderheit gegenübergestellt, welche die hart arbeitende Mehrheit – eben das Volk – durch die Wirkungsweise des Zinses auspresse:

„Fast alle amerikanischen Präsidenten haben von der Verschwörung des Großkapitals, der Rothschilds, Rockefellers und Morgens gesprochen. Und dass das amerikanische Volk von ihnen geplündert werde.“ (Strohm, ebd.)

„Wir haben erkannt, dass auch das israelische Volk letztlich Opfer dieser Machenschaften ist. Es geht um die Drahtzieher, die diese Machenschaften aushecken.“ (Schmidt, ebd.)

Dieser völkische Antikapitalismus zielt auf Vernichtung, weil er die sozialen und ökologischen Verwerfungen, die der Kapitalismus produziert, an einer kleinen Personengruppe und deren Charaktereigenschaften festmacht und damit die Utopie einer von ökonomischer Ausbeutung befreiten Gesellschaft an die Vernichtung dieser Personengruppe bindet. Den ersten Schritt hin zur Vernichtung – nämlich die Entmenschlichung der zu Vernichtenden – macht Endgame im Diskurs selbst:

„Es geht um die Drahtzieher, die diese Machenschaften aushecken, die sich erdreisten, über uns Menschen zu herrschen, und denen es völlig egal ist, was mit uns Menschen ist, die unser Blut einfach vergießen, nur für ihre wirtschaftlichen Interessen, nur für ihre perversen Machtgelüste!“ (Schmidt ebd.)

Der diskursiv erzeugte Gegensatz zwischen den „Drahtzieher[n]“ und „uns Menschen“ lässt nur einen Schluss zu: Für Endgame-Redner Donatus Schmidt sind jene, die er für unser Unglück hält, keine Menschen. Auch Andreas Popp (ebd.), der sich positiv auf „alle Menschen“ bezieht, zugleich aber gegen „unproduktive Spekulanten“ agitiert, entmenschlicht in der Konsequenz letztere.

Zur theoretischen Rückversicherung muss geklärt werden, wie Zins, „Drahtzieher“ beziehungsweise „unproduktive Spekulanten“ und sozialer Wandel zusammenhängen. Auskunft hierzu gibt Samuel Salzborn (2010) in Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Dort zeigt er, dass „in der antisemitischen Phantasie Juden zum Symbol für das Abstrakte als solches [werden].“ (ebd. S. 321) Das Abstrakte aber ist Erscheinung der Moderne, da Finanzmärkte und Börsen selbst, deren Handlungen im Diskurs die Antithese zur konkret-stofflichen Herstellung von Dingen bilden, Erscheinungen der Moderne sind und der antiamerikanischen Antisemitin damit als Auswüchse des als übermächtig und bedrohlich wahrgenommenen sozialen Wandels gelten.

2.3.1.3 Volk und Zersetzung

Kommt der antiamerikanische Antisemitismus für seine Analyse des Kapitalismus noch ohne rassistischen Volksbegriff aus, ändert sich dieses zügig, sobald er sich gegen die ebenso verhasste Globalisierung wendet. Hier reproduziert sich das Ressentiment als konstruierter Widerspruch zwischen „heimatgebundene[n], stolze[n] Völker[n] mit innerem Zusammenhalt“ (Popp ebd.) und Einflüssen, die diese zu zersetzen drohen: Konkret nennt Popp (ebd.) „McDonalds“, „Burger King“, „Hollywoodfilme, Fernsehserien und Popmusik“. Dass es überhaupt verschiedene Völker im rassistischen Sinne gebe, wird bei Endgame mit größter Selbstverständlichkeit proklamiert:

„Wir sind dagegen, dass sich ein Volk über andere Völker stellt, beziehungsweise eine Rasse sich über andere Rassen stellt!“ (Schmidt ebd.)

Wie alles, was der antiamerikanischen Antisemitin schlecht erscheint, werden auch besagte zersetzende Einflüsse als Böswilligkeit einer halluzinierten geheimen Elite gedeutet: „Das Machtsystem“ verfolge nämlich „die politische Strategie, alle Völker der Welt zu destabilisieren“. (Popp ebd.) Zu diesem Zweck würden die verschiedenen Völker absichtsvoll durchmischt und dadurch aufgelöst:

„Vermischt man […] die drei Malfarben rot, gelb und blau, ist das Ergebnis immer braun – und diese Farbe prägte lang genug einen Teil unserer Geschichte. Das Ziel ist offensichtlich: Auf allen Seiten werden ethnische Wurzeln verletzt, aus denen ein Widerstand gegen das tatsächlich menschenverachtende Machtsystem hervorgehen könnte. Heimatgebundene, stolze Völker mit innerem Zusammenhalt waren erfahrungsgemäß stärker bei der Verteidigung ihrer Lebensführung und Tradition, als es bei ethnisch zusammengewürfelten Menschen in heimatfremden Ländern der Fall ist.“ (Popp ebd.)

„Man möchte eine Regierung, ein Volk, eine Rasse, also im Grunde das, was Hitler schon wollte.“ (Strohm ebd.)

Indem gerade das, wogegen sich das Ressentiment richtet, in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wird, vollzieht sich die Verdrehung, die, wie sich zeigen wird, für die Geschichtsauffassung des antiamerikanischen Antisemitismus recht typisch ist. Zugleich verraten die dergestalt Verdrehenden, dass ihnen bewusst ist, dass sie mit ihrer Aversion gegen das „Multi-Kulti-Dogma“ und den „zentralistisch gesteuerten Globalisierungswahn“ (Popp ebd.) bei gleichzeitigem positiven Bezug auf „Tradition“, „Heimat“ (Popp ebd.), „Völker“ und „Rassen“ (Schmidt ebd.) selbst Gedankengut vertreten, dass der politischen – auch extremen – Rechten keineswegs fremd ist.

Dass auch hier die Verunsicherung durch die Moderne und den sozialen Wandel die tiefere Ursache ist, verrät Popp (ebd.), wenn er bei Pegida Überfremdungsängste und Volkstodphantasien auf folgende Weise einerseits konstatiert, aber auch rechtfertigt und offenbar auch teilt:

„Stellt man sich einmal irgendwo in einen öffentlichen Park, auf einen Spielplatz oder in eine belebte Einkaufsstraße, und realisiert bewusst den Anteil der ausländischen Mitbürger, dann ergibt ein Vergleich der gewonnen Eindrücke mit Erinnerungen von zum Beispiel vor 20 Jahren eine starke Reduktion des deutschen Anteils. Mit einer Überschlagsprognose für die nächsten 20 Jahre kann man recht einfach die Befürchtung vieler Deutscher nachvollziehen, als das Volk in die Geschichte einzugehen, dessen Regierungen sinkende Geburtenraten durch zunehmende Einwanderung auszugleichen versuchten.“

Der „deutsche Anteil“ sinkt also mit der Zeit, damit ist das als Bedrohung wahrgenommene Absinken desselben Teil des sozialen Wandels. Und da die Mobilität seit dem 19. Jahrhundert extrem zugenommen hat, ist auch die „zunehmende Einwanderung“ und damit die im Diskurs Endgames beschworene Vermischung der Völker im Weltbild des antiamerikanischen Antisemitismus an die Moderne gebunden.

2.3.1.4. Deutschland und die Westalliierten

Grundsätzlich versucht Endgame, an den Diskurs des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus anzuknüpfen, der das Geschehen auf der Welt als Kampf zwischen dem US-Imperialismus und unterdrückten, um ihre Freiheit ringenden Völkern interpretiert (vgl. Haury 1998). Anders als in der traditionellen Linken allerdings rücken bei Endgame nicht nur Palästinenser und Iraner, sondern insbesondere die Deutschen als unterdrücktes Volk in den Mittelpunkt des Interesses:

„Freiheit für Palästina und für alle Völker! […] Freiheit für die Ukraine und für den Donbass! Freiheit für Russland! Freiheit für China und Uganda! Freiheit für Afghanistan, für den Irak! Für Palästina selbstverständlich. Und selbstverständlich für Deutschland, dass man endlich wieder vernünftig und normal seine Meinung äußern kann, ohne in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden!“ (Afane ebd.)

Diese Neuinterpretation des Antiimperialismus ermöglicht einen revisionistischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus, auf die seiner Entstehung, und auch auf die nach 1945. So behauptet die Bandbreite (2014), eine sich in ihrer Selbstwahrnehmung als antifaschistisch definierende Politband (vgl. Geppert 2015), die für Endgame mobilisiert (vgl. Die Bandbreite 2015a) und auf den entsprechenden Demonstrationen auftritt (vgl. Die Bandbreite 2015b), dass es „ohne Großbritannien“, d.h. ohne britische Einflussnahme „keine Nazis“ in Deutschland gegeben hätte. Ferner hätte Hollywood, das heute fortwährend „den deutschen Schuldkomplex“ aufrecht erhalte, die Shoa in den 40er Jahren absichtlich ignoriert. Auch amerikanische Einflüsse hätten „das Monster [gefüttert]“, amerikanische Bomber entsprechend die Vernichtungslager geschont. Fazit, im Che Guevara Shirt vorgetragen:

„Weil seit jeher die Sieger die Geschichte schreiben, übersieht man schon mal gern bedeutungsvolle Kleinigkeiten. (…) Jetzt sollen wir dankbar sein, den Doktor Frankensteins, die dieses Monster schufen, um uns dann davon zu befreien.“ (Die Bandbreite 2014)

Der Nationalsozialismus erscheint also als diabolischer Plan, geschmiedet, um anschließend das deutsche Volk unterdrücken zu können – einerseits durch eine imaginierte moralische Gängelung, aber eben auch ganz konkret als Besatzungsmacht. Strohm (ebd.) behauptet in diesem Zusammenhang: „Wir sind nicht befreit worden, sondern wir sind versklavt worden.“ Und Schmidt (ebd.) bekennt:

„Wir sind für eine Befreiung Deutschlands, wir sind für ein souveränes Deutschland, damit wir endlich frei unsere Entscheidungen als Volk treffen können, und zwar Entscheidungen, die für uns gut sind, für unser Volk gut sind. Was wir augenblicklich erleben, ist eine sogenannte Bundesregierung, welche ja lediglich eine Verwaltungsorganisation der Besatzungsmächte ist. Wir erleben, wie unsere Besatzungsmacht vorschreibt, Entscheidungen zu treffen, die nicht gut sind für unser Volk, die schädlich für unser Volk sind.“

Diese Aversion gegen die politische Elite, die in der Logik des antiamerikanischen Antisemitismus das deutsche Volk dem schädlichen und zersetzenden Einfluss der Globalisierung, des Kapitalismus und anderer vermeintlicher Auswüchse der Moderne aussetzt, manifestiert sich bei Strohm (ebd.) als ungeschminkte Judenfeindschaft:

„Angela Merkel, die ja selber Jüdin ist, wie zuvor ganz viele Politiker, Helmut Kohl, oder aber Joschka Fischer, oder wir können jetzt durchmarschieren, ich könnte hier für eine halbe Stunde… Alle die, die wirklich Macht haben in Deutschland. Nun könnte man sagen: ‘Das spielt doch keine Rolle.’ Ja doch, schon, weil die Juden uns Deutsche als Feinde sehen.“

Im Diskurs Endgames gilt die Ablehnung also nicht der deutschen Regierung als deutsche Regierung, sondern gilt derselben gerade als undeutsche, gar antideutsche, zugespitzt: jüdische Regierung. Sie erscheint als Teil des übermächtigen Akteurs, gegen den die Verschwörungsideologin ihrem Selbstverständnis nach ankämpft, und in der antiimperialistischen Logik als Statthalterin Amerikas. Sie repräsentiere nicht das deutsche Volk, sondern sei vielmehr zentral an seiner Unterdrückung beteiligt. Entsprechend erklärt Endgame-Redner Konstantin Stößel (2015):

„Es wird langsam Zeit, dass dieses Land hier aufwacht!“

Die Deutschen, die als unterdrückt und gegängelt, als die eigentlichen Opfer erscheinen, werden also letztlich dazu aufgerufen, das durch den Engame-Diskurs selbst konstruierte Joch abzuschütteln. Dass bei einem solchen „Aufst[a]nd“ (Strohm ebd.) Gewalt gegen vermeintliche Vertreterinnen des „Machtsystems“ (Popp ebd.), beispielsweise Journalisten, durchaus denkbar scheint, wurde bereits bei der Analyse des Verhältnisses Endgames zur Aufklärung und bei der des vernichtungsorientierten Antikapitalismus gezeigt.

2.3.1.5. Deutschland und der Schatten der Vergangenheit

Der Diskurs, den Endgame um Israel führt, kann als Lehrstück des sekundären (vgl. Gessler 2006), israelbezogenen Antisemitismus gelten. Der jüdische Staat wird fortwährend mit Vokabeln belegt, die ihn nicht nur dämonisieren und delegitimieren, sondern die im öffentlichen Diskurs der BRD auch notwendigerweise mit der Shoa verknüpft sind: Afane (ebd.), der von einem „Genozid an [seinem] Volk […] in Gaza“ zu berichten weiß, gilt Zionismus als „Faschismus“, Schmidt (ebd.) will „in Israel“ einen „Völkermord“ ausgemacht haben, und Strohm (ebd.) sieht bei „harten Zionisten“ Ambitionen, „Groß-Israel“ zu errichten. Ferner zitiert er zustimmend den „vorherige[n] Papst“, der angeblich den Gaza-Streifen als „Warschauer Ghetto“ bezeichnet hätte. Von hier leitet er dann mit folgender Bemerkung zur oben zitierten, offen judenfeindlichen Passage über:

„Und die Tragik ist darin, dass das Unrecht, was man den Juden angetan hat […], das tun nun die Israelis den Arabern an.“ (Strohm ebd.)

Damit aber wird die – ansonsten auch nicht unbedingt glaubwürdige – strikte Trennung zwischen Judentum und Zionismus, zwischen Juden und Israelis (vgl. Afane ebd.) im Endgame-Diskurs selbst aufgehoben. Indem nun die Opfer von einst im Diskurs als Täter von heute erscheinen, wird das Kollektiv, dem sich die große Mehrheit der Endgame-Anhänger selbst zurechnet, nämlich das – in einem biologischen Sinn interpretierte – deutsche Volk, entlastet. Entsprechend erklärt Popp (2013):

„Wir werden zum Beispiel in bestimmten Sendern immer wieder an unsere dunkle Vergangenheit erinnert, und das permanent, und das gebetsmühlenartig, und ich glaube, die Meisten können es einfach kaum noch ertragen. […] Wenn die Leute zum Beispiel zu mir sagen: ‘Willst du die Deutschen reinwaschen?’, dann sage ich: ‘Nein, aber ich will den Dreck ein bisschen gleichmäßiger verteilen.’“

Weitere Entlastung bringen unpassende Holocaust-Gleichsetzungen, die in der Konsequenz stets auf eine Verharmlosung der tatsächlichen Shoa hinauslaufen:

„DAMIT MUSS SCHLUSS SEIN! KEINE TIER KZs MEHR!“ (Pegada 2015d)

Grundsätzlich gilt, dass Bezüge zum NS-Faschismus bei Endgame ausschließlich in Zusammenhang mit jenen „ähnlichen Vorstellungen“ (Beyer ebd.) auftauchen, gegen die sich der antiamerikanische Antisemitismus als Ressentiment richtet und die ihn konstituieren, d.h. in Zusammenhang mit den angelsächsischen Nationen, insbesondere den USA, mit Israel und dem Zionismus, mit der Globalisierung, und – im letzten Fall – mit Konsum und Streben nach menschlichem Glück, die Popp (2015) wiederum als Zeichen modernistischen Verfalls gelten:

„Erkennt man neben der gezeichneten Gefahr eines zunehmenden Islamismus nicht die gewaltige Zunahme der Geldmacht, des Egoismus und des Materialismus?“

Bezeichnender Weise nennt er hier von drei Items, von deren Ablehnung Beyer (vgl. ebd.: S. 109) auf verdrängte hedonistische Selbstanteile schließt, immerhin zwei – Egoismus und Materialismus – wörtlich.

Die Konsequenz, mit der nationalsozialistisches Gedankengut – ohne ernsthafte Begründung – den Siegern und Opfern von einst zugeschrieben wird, während das – biologisch verstandene – deutsche Volk fortwährend entlastet wird, zielt eindeutig auf Revision der Geschichte. Das dritte Reich muss verleugnet werden, damit ein viertes möglich wird.

2.3.2. Versuch der Dekonstruktion: Dem Ressentiment entgegentreten

Vor dem theoretischen Hintergrund erscheinen die unter 2.3.1.1., 2.3.1.2. und 2..3.1.3. behandelten Aspekte als Elemente des dem antiamerikanischen Antisemitismus zu Grunde liegenden Weltbilds, die sich jeder Zeit als Judenfeindschaft oder Feindschaft gegen die USA manifestieren können, aber nicht notwendigerweise in jeder Situation müssen, während es sich bei den unter 2.3.1.4. und 2.3.1.5. abgehandelten Punkten bereits um konkrete Ausformungen des Ressentiments handelt. Für die Dekonstruktion sind also vor allem die oben genannten drei Abschnitte entscheidend – um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird dabei der Punkt Aufklärung und gesundes Volksempfinden außer Acht gelassen.

2.3.2.1. Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus: Warum weder Zinsen noch parasitäre Finanzspekulanten unser Unglück sind

Wie oben gezeigt, richtet sich der Antikapitalismus Endgames gegen den Zins und seine vermeintlichen Nutznießer. Als Gegenmodell bieten Rico Albrecht und Andreas Popp (2011) in ihrem Plan B, auf den sich auch Schmidt (vgl. ebd.) positiv bezieht, „fließendes Geld“ (S. 7) an. Dieses würde – anders als heute – nicht mehr verliehen, weil die Verleihende den Zins erhält, sondern weil gehortetes, „der Realökonomie“ (S. 8) vorenthaltenes Geld mit einer Strafgebühr belegt wäre. Mit der Abschaffung des Zinses wäre dann der „Kapitalismus“ (Popp 2015) selbst abgeschafft, das „Machtsystem“ (Popp ebd.) gestürzt und die „Umverteilung von fleißig nach reich“ (Popp ebd.) gestoppt, während „innovative Unternehmer“ gemeinsam mit dem „Staat (also [uns] alle[n]!)“ (Albrecht/Popp 2011: S. 9) für blühende Landschaften sorgen würden.

Gegen diese Art der „Vulgärökonomie“ (S. 405) hat ein gewisser Karl Marx (1983) schon im vorletzten Jahrhundert Stellung bezogen. Für ihn war der Zins unter kapitalistischen Bedingungen ebenso notwendig wie selbstverständlich, und die schon seinerzeit allgegenwärtige Aversion gegen denselben Ausdruck eines notwendig falschen Bewusstseins:

„Wie bei der Arbeitskraft wird der Gebrauchswert des Geldes hier der, Wert zu schaffen, größren Wert, als der in ihm selbst enthalten ist. Das Geld als solches ist bereits potentiell sich verwertender Wert und wird als solcher verliehen, was die Form des Verkaufens für diese eigentümliche Ware ist. Es wird ganz so Eigenschaft des Geldes, Wert zu schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums, Birnen zu tragen. Und als solches zinstragendes Ding verkauft der Geldverleiher sein Geld. Damit nicht genug. Das wirklich fungierende Kapital, wie gesehn, stellt sich selbst so dar, daß es den Zins nicht als fungierendes Kapital, sondern als Kapital an sich, als Geldkapital abwirft.“ (Marx ebd.: S. 405)

Dieses Trugbild, das das zinstragende Kapital, welches ja Gegenstand der Aversion im Diskurs Endgames ist, nicht als fungierendes Kapital und damit als Teil der im Plan B lobend erwähnten „Realökonomie“ (Albrech/Popp ebd.: S. 8) erscheinen lässt, sondern eben als Kapital an sich, verschleiere, so Marx (ebd.: S. 405) die tatsächliche Quelle des Zinses:

„Während der Zins nur ein Teil des Profits ist, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist dem Arbeiter auspreßt, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche, und der Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als bloßes im Reproduktionsprozeß hinzukommendes Accessorium und Zutat.“

Die Ideologen im Umfeld Endgames betreiben also in der Tat „Kapitalmystifikation in der grellsten Form“ (Marx ebd.: S. 405) – nicht nur, um mit der „Macht des Finanzsystems“ (Popp ebd.) ein opportunes, mit ihren sonstigen Ressentiments nicht gerade inkompatibles Hassobjekt (vgl. Kurz 1995) zu erhalten , sondern auch, um die als natürlich, konkret, vernünftig und wohl irgendwie auch deutsch halluzinierten Aspekte der warenproduzierenden Gesellschaft – eben die bereits erwähnte „Realökonomie“ samt „innovative[r] Unternehmer“ (Albrecht/Popp ebd.: S. 8) – aus der Kritik auszuklammern, unter anderem dadurch, dass der durchwachsen konnotierte Begriff Kapitalismus bei ihnen der verhassten Zirkulationssphäre vorbehalten bleibt. Eine solche Position aber kann sich nicht antikapitalistisch rühmen, noch kann sie irgendeinen Beitrag zu einer befreiten oder wenigstens freieren Gesellschaft leisten. Denn selbst, wenn sich „[d]ie schwache Utopie des Geldes, das kein Geld mehr sein soll“ (Kurz ebd.) in einer ansonsten weiterhin kapitalistischen Gesellschaft verwirklichen ließe, änderte das rein gar nichts daran, dass

„wir in einer Gesellschaft leben, in der nicht die Bedürfnisse von Menschen den Grund zur Produktion liefern, sondern […] das Streben nach der Verwertung von Kapital. Nicht, weil Menschen Schutz vor der Natur brauchen, werden Wohnungen gebaut, sondern schlicht und einfach weil sich damit Geld verdienen lässt. Nicht, weil Menschen Hunger haben, wird Essen hergestellt, sondern weil die Produktion von Lebensmitteln profitabel ist.“ (Grigat 2013)

Auch das Prinzip kapitalistischer Konkurrenz, das, indem es sämtliche Marktteilnehmer anhält, ohne Rücksicht auf Mensch oder Natur die Verwertung des Werts voranzutreiben, für eine andauernde soziale und ökologische Misere verantwortlich ist (vgl. Kurz ebd.), soll unangetastet bleiben. Es zeigt sich also, dass der Antikapitalismus Endgames umgekehrt gerade die größtmögliche Affirmation eben dieses Kapitalismus darstellt, dabei gegen den Popanz finsterer Mächte und würgender Zinsschlingen ficht, wodurch das Wesen des Kapitalismus vollkommen unkenntlich wird, und es obendrein fertig bekommt, gesellschaftspolitisch noch hinter diesen zurückzufallen. Denn wie alle Aspekte des Weltbilds, aus dem der antiamerikanische Antisemitismus schöpft, ist auch das Ressentiment gegen den Zins letztlich ein Ressentiment gegen die Moderne und damit – im klassischen Sinne – reaktionär. Entsprechend urteilt Kurz (ebd.) über den Plan B und andere, „auf Silvio Gesells Ideen basierende“ (vgl. Albrech/Popp ebd.: S. 9) Ökonomieentwürfe, wenngleich nicht unbedingt sachlich, so doch zumindest zutreffend:

„Wenn diese Absurdität überhaupt einen sozialökonomischen Sinn macht, dann ist es der einer ebenso peinlichen wie offenkundigen »kleinbürgerlichen« Ideologie im klassischen Sinne. In der Tat kann man sich hinter der gesellianischen Geldutopie bestenfalls einen idealtypischen Kleinproduzenten vorstellen, dem die Mächte der kapitalistischen Verwissenschaftlichung fremd bzw. eher unheimlich sind und der sich an der »ehrlichen Arbeit« in seiner jämmerlichen Klitsche für einen »ehrlichen Markt« und für ein »gutes Geld« festklammert, um von den Widersprüchen, Krisen und Katastrophen einer hochrationalisierten und globalisierten Warenproduktion verschont zu bleiben. Dieser bornierte ökonomische Idiot, der natürlich nichts anderes verdient, als von der Marktwirtschaft (seiner angebeteten Idealbraut) in ihrer scheußlichen Realgestalt aufgefressen zu werden, ist eigentlich schon ein Anachronismus.“

2.3.2.2. Zur Kritik des autoritären Kollektivismus: Warum das biologistisch verstandene Volk eine menschenverachtende Kategorie ist

Zunächst bleibt festzuhalten, dass es sich beim biologistischen Volksbegriff im besten Sinn des Wortes um ein Konstrukt handelt: Das – zum Beispiel deutsche – Volk existiert wirklich, sofern die Konstruktion desselben in der Bevölkerung wirkmächtig ist, es zerfällt in Individuen, sobald dies nicht mehr der Fall ist. Dass seine Apologeten ihn seit jeher als etwas Natürliches anpreisen, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der irrationale Zusammenhang zwischen den Mitgliedern eines solchen Volks in der Tat künstlich geschaffen wurde: Nämlich durch die eigene, rassistische Propaganda eben jener Apologeten.

Repressiv ist diese Propaganda im Diskurs Endgames in gleich zweifachem Sinn: Einerseits gegen jene Migranten, die dazu gehören wollten, die aber, so sehr Popp (ebd.) beteuert, mit ihnen „freundschaftlich verbunden“ zu sein, letztlich als Fremdkörper wahrgenommen werden, als Agenten des „Machtsystems“, deren geheime Mission in der „Reduzierung des deutschen Anteils“ und damit in der Zersetzung des deutschen Volks besteht. So wenig Migranten für die vermeintliche Überfremdung der BRD verantwortlich gemacht werden, so wenig können sie aus dieser Perspektive jemals vorbehaltlos freundlich empfangen und als Bereicherung wahrgenommen werden. Zum anderen richtet sich der autoritäre Kollektivismus Endgames gegen jene Deutschen, die gar keine sind, weil sie sich mit den verschiedenen Vorstellungen dessen, was deutsch sei, nicht identifizieren, „Heimat“ und „Tradition“ (Popp ebd.) als Werte nicht anerkennen und auch von „innerem Zusammenhalt“ (Popp ebd.), der ja unter anderem auch Zusammenhalt mit den Protagonistinnen von Endgame bedeutete, nichts wissen wollen. Ob sie im Diskurs nun als Deutsche dem Volk zwangsweise einverleibt werden (vgl. Geppert ebd.) oder – wie die Bundeskanzlerin (vgl. Strohm ebd.) – als undeutsches Element die Antithese zu eben jener völkischen Gemeinschaft der Deutschen bilden (vgl. Endgame 2015b): Eines ist bei Endgame für das Individuum jedenfalls nicht vorgesehen, nämlich radikal anders zu denken und trotzdem Teil dieser Gesellschaft zu sein, weil die simple Dichotomie von „Volk“ und „Machtsystem“ (Popp ebd.) keine Zwischentöne zulässt. Während Afane (ebd.) also „Freiheit“ für „alle Völker […] [u]nd selbstverständlich [auch] für Deutschland“ fordert, besiegelt Popp (ebd.) die Unfreiheit des Individuums unter Zuhilfenahme einer religiösen Formel:

„Unser Ziel muss es sein, auf der gesamten Erde menschen- und naturwürdige Grundlagen vorzufinden, damit jeder in der eigenen Heimat ein angemessenes Leben planen und umsetzen kann. Der zentralistisch gesteuerte Globalisierungswahn aber verursacht exakt das Gegenteil. Wie heißt es im fünften Buch Moses […]? ‘Du sollst deines Nächsten Grenze nicht zurücktreiben, die die Vorfahren gesetzt haben in deinen Erbteil, dass du erbtest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gegeben hat, einzunehmen.’“

Letztlich ist die Frage, ob das Individuum im Mittelpunkt steht oder doch eines der es versklavenden Kollektive, eine Wertentscheidung, nichts, was mit logischen und sachlichen Argumenten noch geklärt werden könnte. Es gibt viele Stimmen für eine individualistische und humanistische Sichtweise, deren Werturteile dem Endgames an dieser Stelle entgegengehalten werden könnten. Eines davon hat Kurt Tucholskys (1930) formuliert, drei Jahre vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler:

„Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind–: dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein. Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, dass der Staat lebe – es kommt darauf an, dass der Mensch lebe. Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre –!« […] Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. […] Und das wird dann so gehen, bis eines Tages…“

3. Fazit

Bei Endgame handelt es sich um eine – wie der Name vermuten lassen würde – antiamerikanische Bewegung. Es handelt sich aber ebenso auch um eine antisemitische Bewegung, nicht nur, weil sie Israel, also den jüdischen Staat, dämonisiert und delegitimiert, nicht nur, weil sie die Geschichte des Nationalsozialismus revidiert, noch nicht einmal primär deshalb, weil sie in mindesten einem Fall offene Judenfeindschaft positiv rezipiert und weiterverbreitet hat, sondern vor allem, weil die gesamte, bei Endgame vorherrschende Weltanschauung ressentimenthaft gegen die Moderne gerichtet ist und somit die handfeste Manifestation als Feindschaft gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, Israel oder Juden bereits im Kern in sich trägt. Ob, wann und wie diese Manifestation stattfindet, reduziert sich auf eine bloße Frage politischer Taktik, insofern muss man Holger Strohm für seine Offenheit beinahe – aber nur beinahe – dankbar sein. Diese ressentimenthaft antimoderne Weltanschauung, die in dieser Arbeit im Zusammenhang mit Endgame als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet wird, konstituiert sich durch verschiedene Gegensatzpaare, deren Analyse in einer Arbeit diesen Umfangs notwendigerweise unzulänglich bleiben muss: Positive Bezüge sind, wie gezeigt wurde, das Volk, sowohl in seiner biologistisch-rassistischen Bedeutung, die gegen die Globalisierung mobilisiert wird, als auch – gegen den Kapitalismus gerichtet – als Kollektiv der ehrlich Arbeitenden, die Nation im Generellen als Antithese zum wurzellosen Internationalismus und Deutschland im Besonderen als positiver Bezugspunkt gegenüber den verhassten „heimatfremden Ländern“ (Popp ebd.) Israel und USA, und der Instinkt, der gegen Journalismus und Wissenschaft, ergo gegen die Aufklärung in Anschlag gebracht wird. Weitere konstruierte Antithesen, die teilweise schon anklangen und in weiteren Analysen herauszuarbeiten wären, verlaufen zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen, zwischen moralischer Enthaltsamkeit und egoistischem Streben nach Glück und Selbsterfüllung, zwischen dem Gesunden und dem Kranken, und, insbesondere im Bereich des Ökonomischen, zwischen Konkretum und Abstraktum. Auf den letzten Punkt wurde bei der Dekonstruktion des Kapitalismusbegriffs Endgames bereits teilweise eingegangen. Unter anderem dabei zeigte sich, dass Endgame sämtliche Kategorien der Unfreiheit affirmiert: Von der kapitalistischen Tretmühle über die Zwangskollektive Volk und Nation bis hin zu Kants selbstverschuldeter Unmündigkeit, wobei sich die Unmündigen noch mit einigem Stolz selbst als „erwacht“ (Immhof 2015) ausweisen. Während diese Arbeit von vorne herein nicht neutral angelegt war, was in der Auseinandersetzung mit einem politischen Akteur, in dessen Dunstkreis offen gegen „die Juden“ (Strohm ebd.) agitiert wird, auch nicht angemessen wäre, zeigt sich in der Konfrontation mit den oben genannten, normativen Grundpositionen ein Grundproblem wissenschaftlichen Arbeitens: Es gibt keine wissenschaftliche Methode, mit der gezeigt werden könnte, dass das biologisch aufgefasste Volk als Vorstellung abzulehnen sei. Formallogisch gesehen sind völkischer Nationalismus und Humanismus als normative Behauptungen gleichwertig. Es ergibt sich also das Dilemma, menschenverachtende Grundpositionen und Wertentscheidungen entweder unwidersprochen zu lassen, was gesellschaftlich verantwortungslos wäre, oder aber gegen diese eigene Grundpositionen und Wertentscheidungen vorzubringen, was notwendigerweise die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit negativ beeinträchtigt. Aufgrund der Aktualität des Themas wurde in dieser Arbeit letzteres in Kauf genommen.

 

 

Quellenverzeichnis:

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