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Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten und die eigene auch nicht. March 3, 2017 | 09:40 am

Autorenlesung und Diskussion mit Sama Maani

Dienstag, 28. März 2017, 19.30 Uhr, Stuttgart                                                 Laboratorium, Wagenburgstraße 147, 70186 Stuttgart

Sama Maani liest aus seinem Buch „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten und die eigene auch nicht.“ Anschließend Diskussion.

Heute scheint auch der Weltoffene, wenn es um Fremde geht, nicht ohne ausdrückliche Betonung von deren Zugehörigkeit zu einer ‚anderen Kultur‘ auszukommen. Mehr noch: Als Mensch mit Migrationshintergrund wird der Fremde seine Zugehörigkeit zu einer ‚fremden Kultur‘ auch in den Folgegenerationen nicht los. Welches Konzept von Gesellschaft steckt hinter der Inflation des Begriffs ‚Kultur‘ in der aktuellen Debatte (‚fremde Kultur‘, ‚unsere Kultur‘, ‚Leitkultur‘, ‚Multikulturalität‘ etc.)? Welche Art Unterschiede sollen ‚kulturelle‘ Unterschiede denn sein? Gelten für Angehörige ‚anderer Kulturen‘ andere Maßstäbe hinsichtlich Demokratie, Freiheit und Recht? Der Referent plädiert eindrücklich dafür, derartigen ‚Kultur’zuschreibungen den Respekt zu verweigern. Sama Maan ist mit mit (psycho-)analytisch geschultem Blick und treffenden Formulierungen um klärende Zuspitzung bemüht.

Sama Maani ist Schriftsteller und Psychoanalytiker. Er wurde in Graz geboren und wuchs in Österreich, Deutschland und im Iran auf.

Veranstalterinnen: Laboratorium, Contain’t und Emanzipation und Frieden

Audio: Israel – die multikulturelle Einwanderergesellschaft January 15, 2017 | 05:01 pm

Vortrag von Oliver Vrankovic

 

gehalten am 19. Dezember 2016 in Stuttgart

 

veröffentlicht bei Emanzipation und Frieden mit freundlicher Genehmigung des Referenten

 

In Israel treffen auf engstem Raum westliche und orientalische Denk- und Verhaltensweisen, unterschiedliche Religionen, Einstellungen und Meinungen aufeinander. Die Identitätsfrage beschäftigt das Land mehr als jede andere Frage und ist in jeden Konflikt verwoben.

Die multikulturelle und multiethnische Vielfalt macht es unmöglich DEN Israeli zu bestimmen. Welten trennen den Kibbuz von der Entwicklungsstadt, das Leben im Zentrum vom Leben in der Peripherie, die säkularen von den ultraorthodoxen Stadtteilen im jüdischen Teil von Jerusalem und den jüdischen vom arabischen Teil.

Mit seiner pluralen Gesellschaft – einer Mischung aus West- und Osteuropäern, Amerikanern und Russen, Äthiopiern und Türken, Kurden, Iranern und Arabern (die im israelischen Parlament vertreten sind) – ist Israel das Gegenteil jeder Projektion einer homogenen Gesellschaft (wie sie vor allem von Gegnern aber auch von unreflektierten Sympathisanten behauptet wird).

Der Vortrag gibt Einblick in die Alltagserfahrungen aus den jüdisch-arabischen Städten Haifa und Yafo und den Erfahrungen aus einem Krankenhaus am Stadtrand von Tel Aviv, einem Mikrokosmos des multikulturellen und multiethnischen Israel. Verknüpft mit dem Einblick in das Leben der Einwanderergruppen aus der ehemaligen Sowjetunion und aus Äthiopien. Verbunden mit den Alltagserfahrungen einer jungen Familie aus einem sozial schwachen Stadtteil von Ramat Gan, der vor allem von orientalischen Einwanderern geprägt ist. Außerdem aufgehängt an den Erfahrungen aus einem Altenheim, in dem deutschstämmige Juden, die in den 30er Jahren aus Europa geflüchtet sind, und Überlebende des Holocaust ihren Lebensabend verbringen. Dazu die Präsentation von Recherchen in Kollektivsiedlungen und Genossenschaftsdörfern, jüdischen Siedlungen jenseits der „Grenzen von 67“ sowie beduinischen, drusischen und tscherkessischen Dörfern. Außerdem die Erfahrung von zwei Jahren im Süden von Tel Aviv, wo eine große Anzahl von afrikanischen Bürgerkriegsflüchtlingen lebt.

Der Vortrag verbindet die Erfahrungen des Referenten, die er an Orten gesammelt hat, an denen kein Israel-Korrespondent zu finden ist, mit der Geschichte des Einwandererstaates.

 

 

 

Vielfalt und Einfalt November 4, 2016 | 02:44 pm

von Redaktion Sachzwang FM

(zuerst veröffentlicht in Querfunk-Programmheft Sept.-Dez.2016)

Wer – erwartungsvoll und mit Mythen von weltbürgerlicher Intelligentsia angefüllt – als junger Mensch in die große weite Welt, z.B. an die Universität kommt, hat sich vielleicht schon gewundert, daß dort nicht alle durcheinander arbeiten, forschen und essen. Das Bild, das mir vorschwebte, war eines, wie es z.B. die sowjetische Kunst, US-amerikanische Fernsehserien oder die Zeugen Jehovas in ihren Prospekten lanciert haben: Lächelnde Menschen, schwarze, weiße, gelbe, farbige, Männlein und Weiblein, die alle selbstbewußt und entspannt zusammenarbeiten. Das Bild, das sich mir bot, war allerdings ein ganz anderes. Immer habe ich mich – ernüchtert und auch enttäuscht – gefragt, warum schon in der Mensa die Spanierinnen alle beisammen an ihrem Spaniertisch sitzen und essen, während die afrikanischen Studentinnen und Studenten woanders zusammen speisen, ebenso die osteuropäischen, arabischen oder chinesischen Studentinnen. Wieso und woher diese offenbar freiwillige Segregation? Wahrscheinlich, weil die Deutschen ebenso unter sich zu bleiben pflegen, sind sie doch seit jeher international nicht gerade für überbordende Gastfreundschaft bekannt. Entweder ist das eine provinzielle Borniertheit hier im Badischen oder eine deutsche, oder eine europäische, oder sogar eine weltweite. Derart ist es um die allseits gelobte „Vielfalt“ bestellt; recht eigentlich läuft sie auf ein bloßes Nebeneinander, auf beschauliche Zoologisierung hinaus und besteht – und perpetuiert sich – in einer tradierten Abschottung, die das schöne Wort Vielfalt vergessen machen soll. Das Wort macht überhaupt nur Sinn, wenn etwas bereits als das Andere abgesondert worden ist.
Natürlich ist ein Pluralismus an „Meinungen“ oder „Lebensformen“ allemal einer repressiven Uniformierung der Öffentlichkeit vorzuziehen, aber das allzu explizite Lob der „Vielfalt“ als solcher macht hellhörig. Genau in der Manier, in der sich Abtreibungsgegner „Lebensschützer“ nennen, um ihre Kontrahenten als lebensfeindlich zu diffamieren, dient der heitere Klang des Wortes „Vielfalt“ dazu, jede Kritik als engstirnig, repressiv und borniert, eben als Einfalt, zurückzuweisen („bunt statt grau“). Derselben impliziten „Argumentations“-strategie folgen hierzulande oft Plädoyers für „die Familien“ oder „den Mittelstand“, wo dann niemand mehr dagegen argumentieren mag, weil ein klebriger aber harter gesellschaftlicher Konsens getroffen wurde, der aber noch immer der der Volksgemeinschaft ist.

Keine Frage: Der Diskriminierungen – sie mögen subtiler geworden sein als noch vor Jahrzehnten – etlicher gesellschaftlicher Gruppen sind es noch immer zu viele. Längst gehört es, zumindest in der Öffentlichkeit, nicht mehr zum guten Ton, etwa Schwule, Ausländer oder alleinerziehende Frauen als solche bloßzustellen, vielmehr gefällt sich der politische Mainstream darin, die reaktionäre Gesellschaftspolitik der anderen („der Despot Putin“, „dieser Trump“ oder „der Erdogan“) mit erhobenem Zeigefinger zu maßregeln, wenn die sich gebärden wie – der hiesige Mainstream vor 50 Jahren. Heutzutage feiert sich die deutsche Zivilgesellschaft, oder vielmehr ihre staatlich-kommunalen Exponenten, nur daß nicht mehr (wie in der DDR) „Vorwärts zum Sozialismus!“ auf den Bannern in den Fabriken und auf den Paraden prangt, sondern „Wir schaffen das!“ oder „Für Vielfalt!“ in Broschüren, auf Ansprachen oder auch wieder auf Paraden propagiert wird. Stimmen vermeintliche Gesellschaftskritiker in diesen administrativen Chor ein, so kommt oft genug etwas dabei heraus, das anmutet, als lese man die Presseerklärung einer Referentin für Stadtmarketing.

Das Lob der „Vielfalt“, der wohl-inszenierte Pluralismus an sich, gehört zu den unverbrüchlichen Kernideologemen der bürgerlichen Gesellschaft. Schon das Wort „Vielfalt“ kommt recht naiv und einfältig daher, so platt positiv prätendiert es seinen Inhalt. Als politische Kategorie will sich die „Vielfalt“ nicht so recht einpassen in ernstzunehmende Kontroversen; man führt ja heuer – aus gutem Grund – auch keine Auseinandersetzungen über „Tugend“ oder „Gerechtigkeit“, „Ehre“ oder „Würde“ mehr. Erstens sind das völlig dehnbare Begriffe, viel zu abstrakt, die jeder subjektiv mit seinen bäuerlichen Einlassungen füllen kann; zweitens sind sie insofern unwissenschaftlich, als sie bereits normativ wirken, nämlich eine Wertung verbürgen und freilich das Gute nur für sich reklamieren und darob angeblich keiner Argumente mehr bedürfen. In diesem Jargon kommt der bürgerliche Wertediskurs zu sich. Drittens aber gehören solche Kampfbegriffe einem intellektuellen Milieu und bildungs- und aufklärungsfernen politischen Kulturen an, in denen sie als Namen von Parteien dumpfe Erfolge feiern. Da gibt es im Land X die „Partei der Würde“ oder eine „Sammlungsbewegung für Anstand“, im Land Y die „Liga für Ehre und Treue“ oder in der Provinz Z die „Volksbewegung für Vielfalt“. Fortschrittlich sind die alle nicht, sondern versuchen in einschlägigen Milieus die geistige Lufthoheit für sich zu gewinnen; mit vorpolitischen Begriffen, die eigentlich nur der Propaganda in konformistischen Gesellschaften dienen, wo die Aufklärung dem kontroversen Diskurs noch keine intellektuelle Bresche geschlagen hat.

Das Eintreten für „Vielfalt“ an sich hat in einem gewissen Kontext auch klar völkische Konnotationen: Nicht erst neue Rechte fordern seit langem eine „Vielfalt“ der Völker (im Sinne von „rassischer“ Artenvielfalt, sie nennen das „Ethnopluralismus“), warnen vor „Vermischung“ und ziehen gegen eine „gleichmacherische“ Moderne zu Felde, der neben dem Kommunismus auch die ihnen verhaßte „westliche one world“ angehören soll … Einer solchen identitären Sicht ist natürlich der „Schmelztiegel USA“ genauso verwerflich wie das „Völkergefängnis UdSSR“. Obwohl doch beides der landsmannschaftlich-bornierten alten Welt vorzuziehen ist, auch wenn der Kosmopolitismus es in Krisenzeiten wie diesen besonders schwer hat in den traditionsverhafteten Hirnen.

Vor zwei Jahren war an dieser Stelle, als Editorial, ein Plädoyer namens „Radio der Vielfalt“ zu lesen. Der Beitrag beschäftigte sich vor allem mit der Auseinandersetzung über die Bildungsplanreform der damaligen grün-roten Landesregierung und nahm Partei für die Liberalisierungsbestrebungen hinsichtlich sexueller Lebensentwürfe und gegen die reaktionär anmutenden Verteidiger einer „Leitkultur“, die sich schon damals unter dem grotesken, ja irreführenden Motto einer „Demo für alle“ in Stuttgart zusammenrotteten. Die Volksmobilisierung der Häuslebauer und Normalverbraucher agierte und agitierte ausdrücklich gegen die Akzeptanz alternativer, sexuell devianter Lebensformen. Insofern ist der Name „Demo für alle“ eine Farce sondergleichen.
Ganz offensichtlich kann eine Kritik an der Ideologie der Vielfalt vernünftigerweise nicht unter dem konformistischen Etikett des „Normalen“ geführt werden. Ein Plädoyer wie dieses möchte also nicht in einem Kreuzzug gegen die Vielfalt einer Uniformität das Wort reden. Ich möchte auch nicht jeden Tag dasselbe essen müssen, gegen kulinarische oder libidinöse Vielfalt ist bei Leibe nichts einzuwenden. Vielfalt gefällt, von außen gesehen, allermeistens schon: Was wäre langweiliger als immer dieselbe Kleidung, überall dieselbe Botanik, ständig dieselbe Musik, immer dasselbe Essen oder überall dieselbe Architektur? Spätestens dann, wenn aber imzuge der Vergötzung einer „Vielfalt an Lebensformen“ auch das (zumeist unfreiwillige) Wohnen unter Brücken, in Wohncontainern oder ein Leben unter Vollverschleierung als origineller, abenteuerlicher oder gar romantischer Beitrag zum gesellschaftlichen Pluralismus gefeiert wird, ist das zynische Propaganda, hat man es doch hier mit einer Kulturalisierung des Sozialen zu tun.

Immer noch und viel zu lange schon gibt es ja Sachen, die doof, gefährlich oder ausgesprochen häßlich sind. Sie zur famosen „Vielfalt“ beitragen zu lassen (anstatt scharfe Kritik zu üben, wo nötig), quasi als Selbstzweck, überführt das Lob der Vielfalt schnell der Ideologie. Solange die „Vielfalt der Kulturen“ und Lebensweisen nicht freiwillig besteht, sondern durch staatliche und Milieu-Grenzen und Bornierungen allerseits gesichert wird oder gar durch ökonomische Ungleichheit bedingt ist, wird das Lob der „Vielfalt“ seinen propagandistischen Ruch nicht los. Jedenfalls bezeichnet das schöne Wort eine ästhetische Kategorie, keine politische. Und das sollte, solange man bei Trost ist, nicht verwechselt werden, um nicht einer „Ästhetisierung der Politik [vorzuarbeiten], die der Faschismus betreibt“ (Walter Benjamin, 1936).

 

„Heimat“ ist auch keine Alternative August 4, 2016 | 09:52 am

Nachbetrachtungen zu einer Demonstration gegen den „Tag der Heimattreue“

von Ruth Birkle, Bündnis90/Die Grünen Bruchsal

Im Jahr 2015 war Bruchsal dazu auserkoren, das Landesfest im Südwesten, die „Heimattage Baden-Württemberg“ auszurichten. Während nun das ganze Jahr über in zahlreichen Veranstaltungen, Reden und Kommentaren mit staatsoffiziellem Segen die „Heimat“ abgefeiert wurde, nutzte die Partei Die Rechte die Gunst der Stunde und kündigte an, einen „Tag der Heimattreue“ ins Leben zu rufen, der „als überparteilicher Zusammenschluss volkstreuer Kräfte … die Grenzen der Parteien und anderer Organisationsstrukturen verwischen“ solle. Gemeinsam wolle man „gegen die Zerstörung unseres Volkes auf die Straße gehen und die Missstände offen anprangern, die unser Volk derzeit an den Rand seiner Existenz drängen.“

Wie angekündigt fand dieser Tag am 19. März 2016 auch tatsächlich statt. Aufgerufen wurde allerdings von Parteien und Organisationen, bei denen Grenzen zu verwischen kaum nötig war: Die Rechte, NPD, Der III. Weg und die (inzwischen aufgelösten) Freien Nationalisten Kraichgau. Die Rechte hatte kurz davor im Landtagswahlkampf noch gedroht: „Wir hängen nicht nur Plakate!“

Zwar mobilisierte erfreulicherweise schon im Vorjahr ein breites „Bündnis für Menschlichkeit“ dagegen. Und auch während der offiziellen „Heimattage“ wurden immerhin unterschiedlichste Konzepte zum Thema Heimat diskutiert, so dass am Ende wenigstens unklar blieb, was denn nun „Heimat“ eigentlich sein könnte. Aber klar ist auch: Mit „Heimat“ wurden schon immer identitäre Bedürfnisse bedient – und das bei weitem nicht nur rechtsaußen. Wenn der Boden in Psyche und Gesellschaft wackelt, wenn das Leben nicht das bietet, was die Menschen sich eigentlich wünschen, wenn Ausbeutung, Lohndumping, soziale Missstände, Zukunftsängste und Ressentiments das Leben bestimmen, dann wird vielen das Stückchen Erde, auf dem sie leben, zu Halt und Ersatz: Sie verklären es und reden es schön. Doch „Heimat“ wird nicht nur zum falschen Heilsversprechen für diejenigen, „die dazugehören“. Sie wird vor allem zu einem sehr unangenehmen Ort für alle, die „nicht dazugehören“ sollen. Sie wird zu einem Ort, den es – koste es, was es wolle – mit Mord und Gewalt gegen „die anderen“ zu verteidigen gilt.

Spätestens in Krisen, wie wir sie jetzt haben und wie sie zwangsweise in unserer Wirtschaftsform immer wieder kommen müssen, sehnen sich viele nach einem einfachen Ausweg, nach einer Lösung und einer Identität, die Halt und Schutz verspricht. Auf der Suche nach den Ursachen der Misere werden dementsprechend weder die inhumane Logik der Kapitalverwertung noch ein autoritäres Krisenregime oder eine unmenschliche Austeritätspolitik thematisiert. Es wird stattdessen ganz banal nach Sündenböcken gesucht. Aktuell sind das in besonderem Maße die Flüchtlinge, die angeblich Heimat, Tradition und Kultur zerstören.

So einfach und simpel wie die „Analyse“ ist dann auch die vorgeschlagene „Lösung“: Von der Politik wird gefordert, den geflohenen Menschen „das eigene Volk“, „die eigene Nation“ vorzuziehen, Grenzen zu schließen und Mauern hochzuziehen. Der Ruf danach wird in Deutschland, in ganz Europa und überall auf der Welt immer lauter. Nationalismus, Faschismus und religiöser Fanatismus bieten sich in unterschiedlichsten Facetten als Alternative an gegen Austeritätspolitik, kapitalistische Zumutungen, Verelendung und Ausbeutung, gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Die Rettung wird in vermeintlichen Wohlfühlgemeinschaften wie Familie, Patriachat, Volk, Religion und Heimat, in Umma und Gottesherrschaft gesucht. Das beruht überall auf der Welt auf einem reaktionären Ressentiment gegen Aufklärung und Moderne, das sich über die Folgen des Kapitalismus empört, ohne ihn verstanden zu haben und das am Ende zur konsequenten Zerstörung auch der eigenen Welt führen muss – egal was die Versprechen jetzt auch sein mögen.

Doch die Zustände, an denen viele verzweifeln, fallen nicht vom Himmel, sondern sind Ergebnisse unserer eigenen kapitalistischen Vergesellschaftung, von Menschen gemacht. Das kapitalistische System aber hat zwar einen unglaublichen Reichtum hervorgebracht, der an vielen Punkten das Leben erleichtert und überhaupt erst ermöglicht. Aber es hat auch zwei hochproblematische Seiten: Erstens hat es Ausbeutung und Zerstörung zwingend im Schlepptau und das weltweit, sowohl in den Zentren als auch in der Peripherie. Und zweitens handelt es sich um ein komplexes System, dessen innere Logik nicht einfach zu durchschauen ist und das deswegen immer wieder die wahnhafte Vorstellung von einigen bösen Menschen hervorbringt, die angeblich „an allem Schuld“ sind und den Wunsch nach simplen Lösungen geradezu magisch befördert.

Nicht Schönreden einer „Heimat“ ist hier angesagt, sondern wie bei allen anderen Themen: Wichtig sind Analyse, Kritik und Position. Ohne Kritik an den bestehenden Verhältnissen, ohne Kritik an Patriarchat und Religion, an Tradition und Kultur, an Volk und Gemeinschaft und ohne Positionierung kann den stärker werdenden Kräften, die auf Faschismus und Nationalismus setzen, nichts entgegen gesetzt werden. Es reicht nicht, selbst zu wissen, dass Nationalismus und Faschismus/Islamismus keine Alternativen sind. Wir müssen auch wissen, dass der Traum von Umma und Gemeinschaft auch vom Versprechen von Aufgehobensein und von der Suche nach Glück lebt. Wir können uns nicht darum herumdrücken, Wege aus dem Elend zu suchen. Globale Solidarität mit denen, die heute weltweit gegen faschistische und islamistische Banden kämpfen, gehört dazu.

Es wird auch nichts nützen, einem Stückchen Land die Treue zu schwören. Glück nur an einem Ort für wenige ist ständig bedroht, unvollständig und zerbrechlich, damit auch für die vermeintlich Glücklichen permanent anstrengend und zutiefst traurig. Glück gibt es wie alles, was dazu gehört, uneingeschränkt nur für alle: Frieden und Freiheit, Gleichheit und Demokratie sind unteilbar.

Die Debatte ist eröffnet: Mit welcher Analyse und Kritik machen wir weiter? Wie werden wir den nächsten Aufmärschen von Nationalist*innen begegnen? Und wie den anderen – den religiösen – Identitären, die „Heimat“ im jenseitigen Paradies suchen und wo wir genau wissen: Eine autokratische, religiöse Diktatur ist auch keine Lösung?

 

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Antifaschismus in Zeiten von AfD und Djihadismus. May 12, 2016 | 08:29 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 1. Juni 2016, 20.00 Uhr, Nürnberg                                                    Künstlerhaus im KunstKulturQuartier – Zentralcafé, Königstr.93                                   Eine Veranstaltung in Kooperation mit Das Schweigen durchbrechen

Donnerstag, 2. Juni 2016, 19.00 Uhr, Regensburg                                                    Antifa Cafe, LiZe, Dahlienweg 2a

Freitag, 3. Juni 2016, 20.00 Uhr, Passau                                                                     Eine Veranstaltung von Antifaschistischer Infoticker für Passau & Umgebung         frei*raum, Innstraße 18-20

Seit zwei Jahren explodieren Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei. Im Sommer 14 skandierten Massenaufmärsche „Tod den Juden!“. Organisiert wurden sie von Islamisten, Nazis und Linksreaktionären, deren antisemitischer Hass gegen Israel sie zusehends zusammenführt. Weltweit und in Europa häufen sich djihadistische Terroranschläge auf Juden und jüdische Einrichtungen, auf Symbole von Religionskritik, Meinungs- und Redefreiheit und auf Menschen, die einfach nur ihr Leben genießen oder feiern wollen. Die Reaktion darauf ist oft grotesk und macht wechselweise entweder „den Islam“ oder „den Westen“ für den Djihadimus verantwortlich. Viele verweigern sich ideologiekritischer Analyse, weil sie andernfalls ihr eigenes Ressentiment hinterfragen müssten. Auch in Deutschland erzielen Rechtsreaktionäre erschreckende Wahlerfolge. Ein rassistischer und gewalttätiger Mob agiert gegen MuslimInnen und Flüchtlinge und erfreut sich klammheimlicher bis offener Zustimmung der „Mitte der Gesellschaft“. Der Wahnsinn marschiert.

Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis wie auch den Rest der AfD-Wählerschaft verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist die so genannte „Islamdebatte“? Können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ die Problemlage erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe? Welches Entwicklungspotential hat die AfD? Wie ist ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Wie kann er praktisch werden?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Jungle World, konkret und auf www.emafrie.de

 

[neu erschienen]: Eine Debatte über Rassismus, Ressentiment und Islamkritik May 2, 2016 | 03:35 pm

Kritik ja! Aber woran?                                                                                                     Eine Debatte über Rassismus, Ressentiment und Islamkritik                                

mit Birgit Rommelspacher Professorin (em.) für Psychologie mit dem Schwerpunkt Interkulturalität und Geschlechterstudien an der Alice Salomon Hochschule Berlin, Lothar Galow-Bergemann & Markus Mersault, beide aktiv bei Emanzipation und Frieden und Ismail Küpeli, Politikwissenschaftler und Aktivist (Bundeskongress Internationalismus, Informationsstelle Militarisierung)                                                        erschienen in iz3w – informationszentrum 3.welt Nr. 323 März/April 2011                    jetzt neu erschienen in Pastinaken Raus! – Ein Handbuch, Herausgeber Matthias Weinzierl, Till Schmidt, Bayerischer Flüchtlingsrat, www.hinterland-magazin.de, München 2016, Seite 158 – 171 

„Damit Kritik nicht hilflos ihrem Gegenstand gegenübersteht, bedarf es der Arbeit an und mit Begriffen, die jenem Gegenstand gerecht werden und seine wesentlichen Elemente auch tatsächlich benennen. Wir sprechen daher vom antimuslimischen Ressentiment statt von Rassismus, weil wir glauben dass spezifische Ressentiments gegen Menschen existieren, die als Muslime identifiziert werden. Wer sich die antimuslimische Internetplattform „Politically Incorrect“ oder den Verein „Bürgerbewegung Pax Europa“ anschaut, wird dem zustimmen müssen. Es lassen sich auch traditionell rassistische Elemente ausmachen, etwa die imaginierte Minderwertigkeit von Moslems, die sich auf ein vormaliges oder gegenwärtiges Produktivitätsgefälle beruft. Aber zugleich weisen antimuslimische Ressentiments über rassistische Elemente hinaus, wenn sie – um nur zwei Spezifika zu nennen – in verschwörungsphantasierendem Duktus sich vor der „Gebärmutter als Waffe des Islam“ fürchten und die westliche Gesellschaft vor islamischer Überflutung und Unterjochung retten wollen. Zwar gibt es in der islamischen Welt tatsächlich weltherrschaftliche Ansprüche und Morde an Ungläubigen, doch längst nicht jede islamische Strömung sympathisiert mit ihnen oder agiert gar in ihrem Sinn. Zum anderen manifestiert sich im antimuslimischen Ressentiment, wie es in Deutschland kursiert, die gescheiterte Vergangenheitsbewältigung. Es bietet Entlastung, indem es Deutschen eine moralische Sanierung ermöglicht: Die Benennung des auch in der islamischen Welt virulenten Antisemitismus dient dem Zweck, das absolut Böse woanders auszumachen und so die deutsche Identität zu rehabilitieren. Auch erscheinen die Deutschen nunmehr als moderne Opfer an der Seite der wahren Opfer, nämlich der Juden. Beide Elemente finden sich im Rassismus typischerweise nicht. Der Begriff des antimuslimischen „Rassismus“ erzeugt aber gerade durch seine inflationäre Verwendung das Bild eines raumzeitidentischen Phänomens, das der Dynamik gesellschaftlicher Prozesse nicht gerecht wird.“ Zum vollständigen Text 

 

 

AntiBa – Der Barbarei entgegentreten! January 16, 2016 | 07:05 am

Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 27. Januar 2016, 18.30 Uhr, Celle
Neustadt 52, 29225 Celle

Eine Veranstaltung der Linksjugend ‚solid Celle

Seit zwei Jahren explodieren Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei. Im Sommer 14 skandierten Massenaufmärsche „Tod den Juden!“. Organisiert wurden sie von Islamisten, Nazis und Linksreaktionären, deren antisemitischer Hass gegen Israel sie zusehends zusammenführt. Weltweit und in Europa häufen sich djihadistische Terroranschläge auf Juden und jüdische Einrichtungen, auf Symbole von Religionskritik, Meinungs- und Redefreiheit und auf Menschen, die einfach nur ihr Leben genießen oder feiern wollen. Die Reaktion darauf ist oft grotesk und macht wechselweise entweder „den Islam“ oder „den Westen“ für den Djihadimus verantwortlich. Viele verweigern sich ideologiekritischer Analyse, weil sie andernfalls ihr eigenes Ressentiment hinterfragen müssten. Auch in Deutschland erzielen Rechtsreaktionäre erschreckende Wahlerfolge. Ein rassistischer und gewalttätiger Mob agiert gegen MuslimInnen und Flüchtlinge und erfreut sich klammheimlicher bis offener Zustimmung der „Mitte der Gesellschaft“. Der Wahnsinn marschiert.

Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist die so genannte „Islamdebatte“? Können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ die Problemlage erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe? Wie ist ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Wie kann er praktisch werden?

Lothar Galow-Bergmann schreibt u.a. in Jungle World, Konkret und auf www.emafrie.de

 

Islamismus? Islamophobie? Islamkritik? September 9, 2015 | 02:03 pm

Schwierigkeiten einer emotionsgeladenen Debatte zwischen Kritik und Vorurteil

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 1. Oktober 2015, 20.00 Uhr, Landshut                                                Infoladen, Alte Bergstraße 146, 84028 Landshut

Eine Veranstaltung der VVN – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten Kreisvereinigung Landshut

Das Vorurteil, „die Ausländer“ würden „uns Deutschen“ die Arbeitsplätze wegnehmen und die Sozialkassen plündern, ist weit verbreitet. Gegenüber Kolleginnen und Kollegen mit muslimischem Hintergrund tritt diese Fremdenfeindlichkeit oft besonders unverblümt auf. Häufig verbindet sie sich mit der Herabwürdigung einer angeblich „ganz anderen“ Kultur, die „nicht zu uns passt“. Auch am Arbeitsplatz müssen wir uns immer wieder mit diesem Ressentiment auseinandersetzen. Doch Musliminnen und Muslime sehen sich nicht nur vielen Vorurteilen und Anfeindungen der Mehrheitsgesellschaft ausgesetzt. Nicht wenige von ihnen leiden auch unter einer besonders patriarchalen und emanzipationsfeindlichen Ideologie, die „aus den eigenen Reihen“ kommt – insbesondere Musliminnen.
Wie ist mit dieser verwickelten Sachlage umzugehen? Sollte man, um Vorurteil und Ressentiment nicht weiter zu befördern, besser zu islamistischer Unterdrückung und Gewalt schweigen? Sollte man aus Solidarität gegen patriarchale Gewalt ein Auge gegenüber dem grassierenden Vorurteil zudrücken? Oder gibt es einen Weg, humanistischen und emanzipatorischen Ansprüchen auch in einer schwierigen und emotionsgeladenen Auseinandersetzung gerecht zu werden? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“, „Islamkritik“ usw. dabei helfen, die Problematik besser zu erfassen?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida. June 28, 2015 | 08:36 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 6. Juli 2015, 20 Uhr, Bielefeld

Extra-Blues-Bar, Siekerstr. 25, 33602 Bielefeld

Dienstag, 7. Juli 2015, 19 Uhr, Osnabrück

SubstAnZ, Frankenstr. 25a, 49082 Osnabrück

Eine Kooperation von: Assoziation gegen Antisemitismus, Jugendantifa Kreis Osnabrück und der Hochschulinitiative Antifaschismus

[Der Vortrag in Bielefeld ist mittlerweile als Audio und als Video zu hören]

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und  Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe? Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergmann schreibt u.a. in Jungle World, Konkret und auf www.emafrie.de

Islam und Dschihadismus June 9, 2015 | 01:42 pm

von Tim (whiteplastic.net)

Es ist nicht abzustreiten, dass der radikale Islamismus in seiner gewalttätigen Form derzeit die größte direkte Bedrohung für Leib und Leben der meisten Menschen auf der Welt darstellt. Bei keinem Thema tut man sich aber so schwer, wie bei der entschiedenen Opposition zu diesem Phänomen. Warum?

Dschihadismus als antimoderne Ideologie
Eins vorweg: die Interpretationen dazu, was für „Anstrengungen und Bemühungen“ mit dem Wort Dschihad gemeint sind, sind vielfältig. Sie reichen von korrektem Verhalten seinen Mitmenschen gegenüber über die Selbstdisziplinierung zur Einhaltung religiöser Gebote bis hin zum brutalen Krieg gegen die Ungläubigen mit dem Ziel der Weltherrschaft ist alles vertreten. „Dschihadismus“ soll hier als besonders gewalttätige Form des Islamismus verstanden werden.

In seiner zeitgenössischen Form gibt es den Dschihadismus seit dem 19. Jahrhundert mit dem Beginn des Wahhabismus, nahm aber Ende des 20. Jahrhunderts mit der Muslimbruderschaft erst richtig Fahrt auf. Das hat auch nicht aufgehört: die stärksten dschihadistische Banden regieren heute den Iran und Saudi-Arabien, andere breiten sich im nahen Osten aus und kontrollieren Teile Afrikas. Erst in der Moderne wurde er also relevant, weswegen ich ihn als Reaktion auf die (kapitalistische) Moderne verstehe. Was macht diese Moderne aus?

Im Gegensatz zu feudalen Gesellschaften, die in Ständen und direkten Herrschaftsverhältnissen organisiert waren, gab es eine Durchsetzung von individueller Freiheit und abstrakter Gleichheit. Individuell freie Warenbesitzer und freie Produzenten von Gütern sorgen aber auch für ein Wirtschaftssystem, dem die Krisenhaftigkeit mit in die Wiege gelegt wurde.
Der Verlust direkter, persönlicher Herrschaftsverhältnisse, die einer unpersönlichen Herrschaft durch Markt und Gesetz weichen mussten, geht einher mit dem Gefühl der Entwurzelung und dem Verlust unvermittelter Beziehungen zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft. Es hat sich gezeigt, dass das Versprechen auf individuelles Glück, das bürgerliche Gesellschaften gemacht haben, nur für sehr wenige einzuhalten war, während für viele andere Anspruch und Wirklichkeit weit auseinander gehen.

Die Strukturen persönlicher Herrschaft gerieten damit stark ins Wanken. Die alte, scheinbar intakte Welt wird mit der kapitalistischen Moderne konfrontiert. Das sorgt für Konflikte in den grundlegendsten Bereichen des Zusammenlebens, die verarbeitet werden müssen, denn immerhin werden dadurch auch grundlegende menschliche Bedürfniss angegriffen. Diese Konfliktbewältigung ist zweischneidig: sie erfüllt das Bedürfnis nach einer Identität, also nach einem sicheren Platz in der Gesellschaft, sorgt aber auch für den Aufbau von Ressentiments gegen die aufkommende Moderne. Die hauptsächlichen Phänomene der Moderne:

  • die „Zersetzung der Moral“,
  • der „Materialismus“, bei dem es nur noch um Geld geht und nicht um Werte,
  • die Emanzipation der Frau, die sexuelle Befreiung und die offen ausgelebte Homosexualität
  • die Säkularisierung, durch die Religion zur Privatsache wurde, die Freiheit zur „Blasphemie“ und den Atheismus
  • die Auflösung von Gruppenzugehörigkeiten und die daraus folgende Individualität, die die „Gemeinschaft“ zerstört

Menschen, die personelle Herrschaft gewohnt sind, suchen auch in unpersonale Herrschaftsverhältnissen persönlich Verantwortliche. Historisch waren diese Schuldigen für alles „Schlechte“ an der Moderne die Juden, egal ob in Europa oder im Nahen Osten. Das antimoderne Ressentiment mündete schon immer in Faschismus, Nationalsozialismus und eben auch Dschihadismus. Es tritt aber in unterschiedlich starken Ausprägungen auf: der konservativ-orthodoxe Islam ist etwas anderes als dschihadistisch motivierter Massenmord, die konservativ-patriarchale Gesellschaft der Weimarer Republik war vielleicht ein fruchtbarer Nährboden für den Nationalsozialismus, aber nicht mit ihm gleichzusetzen. Antimodernes Ressentiment ist also nicht gleich Faschismus, sondern stellt eine „schiefe Ebene“ dar, deren Ende die offene, faschistische Barbarei steht.

Auch der Dschihadismus trägt diese Merkmale faschistischer Bewegungen. Er verachtet das Individuum und verlangt von ihm eine Aufopferung für die Gemeinschaft, es gibt einen Kult um Ehre und Männlichkeit bei offensiver Homophobie, Frauenfeindlichkeit, einen Hass auf alles Intellektuelle, einen rudimentären Antikapitalismus und er beinhaltet zahlreiche Verschwörungstheorien.

Religion ist in weiten Teilen eine Sache der subjektiven Auslegung. In jeder Religion gibt es konservative und reaktionäre Auslegungen genau wie liberale und fortschrittliche Auslegungen – auch im Islam! Warum schlägt der konservativ ausgelegte Islam seit Anbeginn der Moderne so häufig in Dschihadismus um? Einerseits lässt sich das nicht allein durch wirtschaftliche Armut erklären, weil der Islamismus weder in Brasilien noch in Vietnam ausbricht, andererseits aber auch nicht allein durch den Islam als religiöse Basis erklären. Armut und Chancenlosigkeit erleichtert den Zugang zu extremistischen Ideologien, aber diese Ideologien müssen als Angebot auch erstmal bestehen. Der dritte Faktor ist, dass die meisten führenden Islamisten mit der Moderne in Berührung kamen, noch bevor sie sich radikalisierten. Warum funktioniert die westliche Gesellschaft nicht als Schutz gegen antimoderne Ideologien? Es kann da sehr aufschlussreich sein, die andere Perspektive einzunehmen. Widmen wir uns also dem, was hierzulande immerhin noch möglich ist, nämlich der…

„Islamdebatte“
Man kann nicht zwischen Islam und Islamismus trennen. Diese Behauptung ist in dieser Debatte immer wieder zu lesen. Einerseits besagt er, dass der Islam etwas mit dem Islamismus zu tun hat, was für sich genommen eine banale Erkenntnis ist. Er ist aber auch so interpretierbar, dass Islam und Islamismus gleichzusetzen seien. Diese Sichtweise wiederum ist häufig bei selbsternannten „Islamkritikern“ anzutreffen. Nun ist Islamkritik an sich keine schlechte Sache, denn jede Religion ist natürlich zu kritisieren, aber es braucht schon mehr zu einer Kritik als ein bloßes „doof-finden“ des Islam und eine Gleichsetzung von Islam und Islamismus. In einigen Sichtweisen ähneln sich nämlich antimuslimische Rassisten und Dschihadisten: beide behaupten, dass es keinen gemäßigten, liberalen Islam geben kann. Zweitens gibt es die Auffassung, der zunehmende Antisemitismus und Islamismus sei „importiert“ und werde von weniger zivilisierten Gegenden nur in Europa fortgesetzt, was auch nicht zuletzt die Schuld der israelischen Verteidigungspolitik sei. Auch Dschihadisten, die Gewalttaten in Europa verüben, antisemitische Parolen durch Polizeilautsprecher brüllen und öffentlich zum Mord an Juden aufrufen, behaupten, sie würden ja nur auf den „Nahostkonflikt“ aufmerksam machen – eine Auffassung, die eine Richterin nach einem Brandanschlag auf eine Synagoge auch juristisch bestätigte. So gesehen scheint der Islamismus wohl doch nicht im totalen Konflikt zu den Werten Mehrheitsgesellschaft zu stehen, es geht nur um Macht und die Verteidigung der Vorherrschaft über Minderheiten.

Auch in der Linken gibt es derzeit einige Probleme beim Thema Islam. Da gibt es zunächst die Poststrukturalisten à la Christina von Braun und Bettina Mathes, die gar keine Religionskritik mehr betreiben, weil sie diese als „westlichen Werteimperialismus“ oder gar als Rassismus auffassen. So gelangen die Autoren dieser Richtung regelmäßig zu der Auffassung, die Burka sei eine „Übung in Stolz und Bescheidenheit“, hinter der sich „weibliche Handlungsfähigkeit“ aufbauen kann. Wie handlungsfähig Frauen sind, die sich dem Verschleierungszwang oder dem patriarchalen Tugendterror konservativer islamischer Communities widersetzen, sieht man regelmäßig an Ehrenmorden, Säureattentaten und Steinigungen. Auch vor einer Relativierung der Genitalverstümmelung junger Mädchen wird bei diesen Autorinnen nicht zurückgeschreckt, solange man es irgendwie so hinbiegen kann, als sei die Orgasmusfähigeit und das uneingeschränkte weibliche Lustempfinden ein„„eurozentristisch“ geprägter Bewertungsmaßstab und damit eine „rassistische Einmischung“ in andere Kulturen. Der Begriff „Islamophobie“, der noch immer völlig unhinterfragt durch die Islamdebatte geistert, trägt ebenfalls sehr zur Verwirrung bei. Dass die Kritik an einer Religion eine krankhafte Angst sei, wollten schon die Regierenden im Iran den Frauen weissmachen, die gegen den Kopftuchzwang protestierten. Es gibt antimuslimisches Ressentiment und Rassismus, die Kritik einer Religion ist jedoch keine Krankheit. Religionen sind nicht vor Kritik zu schützen, sondern Menschen vor Diskriminierung.

Ebenfalls wenig zielführend sind übrigens die Positionen von Thomas Maul, eines mittlerweile ins Reaktionäre abgedrifteten Ex-Ideologiekritikers, dessen Einlassungen nicht selten in undifferenziertes Islambashing, eine Dichotomie von „Orient“ und „Okzident“ und eine Glorifizierung der katholischen Kirche und der christlichen Heilslehre münden. Er vergisst dabei, dass es nicht unterschiedlich aufgeklärte und säkulare Religionen gibt, sondern unterschiedliche Strömungen und Interpretationen dieser Religion. Die Aufstände gegen das islamistische Regime im Iran wurden auch nicht von Atheisten getragen, sondern von Vertretern eines gemäßigten, unpolitischen Islam. Man sieht: auch Leute, die es besser wissen sollten, tragen nicht selten zu einer Verschärfung der Konflikte bei.

Zusammenfassend muss man wohl sagen, dass der „Westen“ sich bei der Opposition zum Islamismus selbst im Weg steht, weil er ihn nicht versteht. Er kann ihn aufgrund weit reichender, mühevoll unterdrückter Gemeinsamkeiten nicht verstehen, weil das mit der Einsicht verbunden wäre, dass weite Teile der Mehrheitsgesellschaft im Grunde genau so funktionieren. Der Islamismus lässt sich aber nur als eine extreme Spielart des antimodernen, antiwestlichen und antisemitischen Ressentiments bekämpfen, die er eigentlich darstellt.
Dieser Text stützt sich inhaltlich stellenweise auf einen Vortrag von Lothar Galow-Bergemann.

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida May 21, 2015 | 01:46 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 12. Juni 2015, 20.00 Uhr, Frankfurt/Main
Café Kurzschlusz, Campus der Frankfurt University of Applied Sciences, Kleiststr. 5

Veranstaltet vom Café Kurzschlusz – Unterstützt durch das Ref Pol-Bil des JWG-Uni-ASTA

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf www.emmaundfritz.de

 

 

Antiba – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida April 29, 2015 | 12:42 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 18. Mai 2015, 18 Uhr, Freiburg

Universität Freiburg, KG 1, HS 1023

Eine Veranstaltung des Referats gegen Faschismus im StuRa der Uni Freiburg

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um  Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf www.emmaundfritz.de