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Audio: Die AfD und der Antisemitismus – eine neue Herausforderung? March 16, 2017 | 12:56 pm

Vortrag von Bodo Kahmann

gehalten am 23. Februar 2017 in Stuttgart  

 

 

Der politische Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ (AfD) könnte den Sonderstatus des bundesdeutschen Parteiensystems in Europa, in dem es bisher keine erfolgreiche rechte Partei gegeben hat, beenden. Große Aufmerksamkeit erregten in den letzten Jahren die Annäherungs- und Vereinnahmungsversuche anderer Rechtsparteien Europas gegenüber Israel und jüdischen Organisationen; zugleich ließ sich an ihren Mobilisierungskampagnen und Wahlkämpfen beobachten, dass der Antisemitismus hinter den Themen Islam, Einwanderung und nationale Identität zurückgetreten ist. Die Gründung und Radikalisierung der AfD fallen somit in eine Zeit, in der ein Wandel im Verhältnis des europäischen Rechtsradikalismus zum Antisemitismus konstatiert werden kann. Der Vortrag analysiert das Verhältnis der AfD zum Antisemitismus vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen und legt dar, wieso das Erstarken der AfD die Abwehr- und Präventionsarbeit gegen Antisemitismus vor neue Herausforderungen stellt.

Dr. Bodo Kahmann studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Augsburg, Mainz und Warschau und ist Lehrbeauftragter an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung. Er ist Koautor des von Stephan Grigat herausgegebenen Bandes „AfD & FPÖ: Antisemitismus, Nationalismus und Geschlechterbilder“, der Ende April im Nomos-Verlag erscheint.

Eine Veranstaltung von Emanzipation & Frieden und Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Region Stuttgart 

 

Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten und die eigene auch nicht. March 3, 2017 | 09:40 am

Autorenlesung und Diskussion mit Sama Maani

Dienstag, 28. März 2017, 19.30 Uhr, Stuttgart                                                 Laboratorium, Wagenburgstraße 147, 70186 Stuttgart

Sama Maani liest aus seinem Buch „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten und die eigene auch nicht.“ Anschließend Diskussion.

Heute scheint auch der Weltoffene, wenn es um Fremde geht, nicht ohne ausdrückliche Betonung von deren Zugehörigkeit zu einer ‚anderen Kultur‘ auszukommen. Mehr noch: Als Mensch mit Migrationshintergrund wird der Fremde seine Zugehörigkeit zu einer ‚fremden Kultur‘ auch in den Folgegenerationen nicht los. Welches Konzept von Gesellschaft steckt hinter der Inflation des Begriffs ‚Kultur‘ in der aktuellen Debatte (‚fremde Kultur‘, ‚unsere Kultur‘, ‚Leitkultur‘, ‚Multikulturalität‘ etc.)? Welche Art Unterschiede sollen ‚kulturelle‘ Unterschiede denn sein? Gelten für Angehörige ‚anderer Kulturen‘ andere Maßstäbe hinsichtlich Demokratie, Freiheit und Recht? Der Referent plädiert eindrücklich dafür, derartigen ‚Kultur’zuschreibungen den Respekt zu verweigern. Sama Maan ist mit mit (psycho-)analytisch geschultem Blick und treffenden Formulierungen um klärende Zuspitzung bemüht.

Sama Maani ist Schriftsteller und Psychoanalytiker. Er wurde in Graz geboren und wuchs in Österreich, Deutschland und im Iran auf.

Veranstalterinnen: Laboratorium, Contain’t und Emanzipation und Frieden

Audio: Eine Welt voller Untertanen February 23, 2017 | 02:52 pm

Ein Überblick über die Theorie des autoritären Charakters

Vortrag von Jens Benicke

gehalten am 19. Januar 2017 in Stuttgart 

Weltweit befinden sich autoritäre Bewegungen auf dem Vormarsch; ob Islamismus, autokratische Staatsmänner oder sog. „rechtspopulistische“ Parteien. Liberale, Linke und Wissenschaft stehen diesem Ansturm hilflos gegenüber und fragen sich, wie sich diese erschreckenden Entwicklungen erklären lassen. Ihre altgedienten Gegenstrategien, wie Aufklärung, Skandalisierung oder Bildung laufen angesichts von Faktenresistenz und Verschwörungswahn ins Leere. Hier könnte ein Rückblick auf die Theorie der Autoritären Charakterstruktur, wie sie in erster Linie von der Kritischen Theorie erarbeitet wurde, hilfreich sein. Von Wissenschaft und Medien als „längst widerlegt und veraltet“ ad acta gelegt, bietet dieser Ansatz die Möglichkeit den grassierenden Wahnsinn auf (massen-)psychologischer und materialistischer Grundlage zu verstehen. Der Vortrag will einen kurzen Überblick über das Konzept der autoritären Persönlichkeiten bieten und eine Diskussion über deren Aktualität anstoßen.

Von Jens Benicke erschien 2016 die 2. überarbeitete Auflage von „Autorität und Charakter“  . Er promovierte 2009 mit „Von Adorno zu Mao. Die Rezeption der Kritischen Theorie und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit von der antiautoritären Fraktion der Studentenbewegung zu den K-Gruppen“

 

„We’ve got a bigger problem now“ February 19, 2017 | 11:12 am

Der Kleingeist und die Großmacht

von Redaktion Sachzwang FM

1979 erschien die Single „California über alles“, die erste Veröffentlichung der Dead Kennedys, dieser – seinerzeit neuartig – nicht nur musikalisch, sondern auch politisch äußerst angriffslustigen und scharfsinnigen Punkband. Gouverneur im Bundesstaat Kalifornien (vergleichbar mit einem Ministerpräsidenten hierzulande) war damals der linksliberale Jerry Brown. In satirischer Manier konstatiert die Band in dem Song, der längst ein Genre-Klassiker ist, eine hippieeske Formierung der Gesellschaft, macht sich über die aufdringliche Freundlichkeit von Browns Wählermilieu und penetranten Ökologismus lustig, über Meditations-, Lächel- und Entspannungszwang, über „Zen-Faschisten“ und eine in Jeans gekleidete Geheimpolizei. Der „big brother“ erlange nun in Gestalt von Blumenkindern die Macht, mit „Jogging für die Herrenrasse“; und vergast werde fortan mit „natürlich-biologischem Giftgas“ („organic poison gas“, „don’t you worry/it’s only a shower“). Die Ambitionen Browns auf die US-Präsidentschaft kommentieren die Dead Kennedys ebenso rüde: „I will be führer one day“. Daß die Anspielungen auf den NS natürlich maßlos überzogen und relativierend sind, – geschenkt. Punk war damals eben noch kein volkspädagogisches Bürgerbildungsprogramm mit Hüpfburg. Die Dead Kennedys formulierten vielmehr eine genuin linke Kritik an dem, was ein Jahrzehnt später political correctness heißen sollte.
Von 1967 bis 1975 war Browns Vorgänger als Gouverneur von Kalifornien, wo man seither ein Faible für schlechte Schauspieler als politisches Führungspersonal zu haben scheint, ein gewisser Ronald Reagan. Der hatte bekanntlich nicht nur Präsidentschaftsambitionen, sondern trat 1981 auch das höchste Amt der Vereinigten Staaten an. Aufgeweckten Beobachtern wie den Dead Kennedys schrillten die Alarmglocken. Und so wurde das Lied „California über alles“ – drei Jahre später – noch einmal aufgenommen, mit neuem Text und neuem, überaus treffenden Titel: „Jetzt haben wir ein größeres Problem“. War schon „California über alles“ ein morbider Flamenco mit dem fiebrig-kranken Muezzingesang Jello Biafras, so bricht mit „We’ve got a bigger problem now“ eine einzige musikalische Raserei los. „I am emperor Ronald Reagan/Born again with fascist cravings/Still, you made me president […] Vietnam won’t come back you say/Join the army or you will pay […] Welcome to 1984/Are you ready for the third world war?“. Gegen diese neue Qualität des Übels nimmt sich eben das Gefrotzel gegen die Hippies wie ein Gebalge im Sandkasten aus: We’ve got a bigger problem now.

Heute, Anfang 2017, wähnt man sich in einer Zeitreise: Der rechtskonservative Reagan eskalierte v.a. bis Mitte der 1980er Jahre sowohl innen- wie auch außenpolitisch die gesellschaftlichen Konflikte nach Kräften. Die von ihm betriebene aggressive Rüstungspolitik beschwor die Wiederkehr des Kalten Krieges der fünfziger Jahre herauf, bis ab 1985 dann ein gewisser Michail Gorbatschow auf internationaler Ebene zur Deeskalation antrat.

Nun ist Trump nicht Reagan, und die – heute kaum mehr vorstellbare, ans Apokalyptische gemahnende – nuklear waffenstrotzende Systemkonfrontation der frühen 80er Jahre bleibt mangels ideologischem Hauptfeind aus. Trump ist nicht Reagan, Trump ist (wenn seine Etikette Indikator genug ist) schlimmer.
Der Kleingeist an den Schalthebeln einer Großmacht, der das Ende der Diplomatie verkörpert, ist wirklich etwas qualitativ neues; bisher dachte man aus Erfahrung, daß nur Länder, die in der internationalen Konkurrenz unterliegen und darob im Staatsvolk einen schweren Minderwertigkeitskomplex entwickeln, zu äußerster politischer Aggressivität, sprich einer Faschisierung, imstande sind und eine Flucht nach vorne (denn nichts anderes ist der Isolationismus) antreten … Die historischen Beispiele wie Deutschland, Japan usw. sind bekannt.

Wer als ein Leben lang bornierter Unternehmer/Entrepreneur/Kapitalist die marktwirtschaftliche Konkurrenz heiligt, kann offenbar die eigenen nationalen Probleme nicht als systembedingt erkennen, das Reüssieren neuer Weltmacht-Kandidaten nüchtern zur Kenntnis nehmen und rational anerkennen, daß, wie immer schon, günstigere Produkte heimischen Produkten vorzuziehen sind. Nein: „China – they’re raping our economy!“, poltert Trump. Er hat wirklich den ökonomischen Sachverstand eines deutschen Milchbauern, der angesichts verfallender Preise noch mehr produziert, woraufhin, weil das alle tun, die Preise noch weiter sinken und – nach bäuerlicher Logik – in der Politik oder sonstwo ein Schuldiger gefunden werden muß („der Jude“ scheidet hier nur aus Gründen von Geschmack, Opportunität und Zeitgemäßheit aus).

Die Internationale der Wutbürger aller Länder scheint sich längst zusammenzurotten, wir schreiben das Jahr 10 nach der großen Krise. Dabei ist es bemerkenswert, wie paradox solche Allianzen eigentlich sind, denn rechten Standpunkten ist in ihrer regional oder national bornierten Partikularität notwendig eine gewisse Schizophrenie eingeschrieben: Einerseits ist da offenkundige Sympathie für einen wie Trump („so einen brauchen wir hier auch“), andererseits bleibt er doch – als Ausländer – Rivale und Konkurrent, dem man, als Deutscher, als Europäer oder sonstwie, „Paroli bieten“ müsse. Die rechtsdrehenden Ideologen bekommen diese Widersprüche aber subjektiv allemal unter einen Hut, ähnlich wie der paranoide Killer Anders Breivik, so anti-muslimisch er sich auch gebärdete, sämtliche Klischees eines eifernden Gotteskriegers und kulturalistischen Chauvinisten, bis hin zur herrischen Barttracht, erfüllt (Gerhard Scheit nannte dies treffend „Islamneid“).

Die Liberalen und Linken, vor allem die Deutschen, aber unken: Putin! Orban! Erdogan! Le Pen! Brexit! und jetzt noch Trump! Wobei sie notorisch übersehen, daß nicht das endlose Naserümpfen und Repetieren der Populisten-Namen das Problem benennt, geschweige denn löst. Das gebetsmühlenartige Aufzählen unappetitlicher Führergestalten, die eine „Polarisierung“ der Gesellschaft betrieben, das sind gleich zwei Verharmlosungen. Die Menschen, die solchen „Verführern“ „auf den Leim“ gingen (so die dritte Verharmlosung), tatsächlich aber der Humus sind, auf dem rechte Politik gedeiht, sie sind das Problem. Sie haben offensichtlich eine Disposition zu reaktionärer oder gar faschistischer Ideologie. Aber das wäre ja: Wählerschelte, dieselbe Kardinalsünde, die der dogmatische Sozialist Massenverachtung schimpft.
Putin! Orban! Erdogan! Le Pen! Brexit! und jetzt noch Trump! Deutschland unter Merkel aber sei einer der letzten humanistischen Felsen in der Brandung international anschwellenden Populismus‘, Deutsch-Europa eine Trutzburg der Zivilisation, umgeben von geschichtsvergessenen Völkern von Wählern, die aus „der Vergangenheit“ ja „nichts gelernt“ hätten – „wir“ aber schon. Wenn auch nicht ganz freiwillig, wie man wissen könnte.

Leider hängt die bisherige (relative) politische Stabilität hierzulande eher mit dem Status Deutschlands als Euro-Krisengewinnler zusammen, denn auch hier hat man nichts wesentliches gelernt, sonst wäre man nicht so selbstgefällig. Außerdem hat man offenbar vergessen, daß aufgeblasene Blender auch im ach so zivilisierten Deutschland die Massen faszinieren; nur die rechtzeitige Selbstdemontage des Barons Guttenberg konnte seinerzeit Schlimmeres verhindern. Trumps Triumph ist nun, das fällt nicht schwer zu prognostizieren, Wasser auf die Mühlen des Antiamerikanismus. Antiamerikanismus derer, die – als kulturbeflissene Europäer – immer schon gewußt haben wollen, daß „die Amis“ nicht ganz richtig ticken. Ihr Gedächtnis reicht zumeist nicht weiter als bis 1945 zurück, und das aus gutem Grund.

Den Leuten in Presse, Rundfunk- und Fernsehsendungen erklären, daß Trump bekloppt oder gefährlich ist (offenkundig ist er beides), hieße Eulen nach Athen tragen; das weiß eh jeder. Und die, die ihn nicht für beschränkt halten, ihn vielleicht sogar bewundern, – die erreicht man in aller Regel nicht mit einem öffentlich-demokratischen Medium („Lügenpresse! Systemmedien!“). Was also tun?

Katalogisierende Etiketten wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Populismus (so die linke Litanei) verlieren mit jeder anklebenden Benutzung des jeweiligen Verdikts ein bißchen ihrer Überzeugungs- und Klebekraft. Sie dienen in der Regel der Selbstvergewisserung dessen, der sie klebt, und bieten darüberhinaus keinen Erkenntnisgewinn. Kritik muß sich vielmehr solchem Ticketdenken verweigern, sich jedesmal neu um Erklärung, gedankliche Durchdringung und nicht bloß Benennung der kritikwürdigen Anschauungen bemühen. Das beständige Kleben ist auch journalistisch-handwerklich nicht praktikabel, geht es doch üblicherweise mit automatisiert-autistischer und langweiliger Kampagnenhuberei einher, die sich in aller Regel in einem preaching to the converted erschöpft und das noch nicht einmal bemerkt. „Stetes Wasser höhlt den Stein“, damit pflegen die ermüdeten (und ermüdenden) Protagonisten ihr unerbauliches Tun sinnstiftend zu adeln. Weil man offenbar die immergleichen Lamentos nur oft genug wiederholen muß, um ihrer fragwürdigen Überzeugungskraft irgendwann selbst zu erliegen.

Und obwohl die Rede von der (diesmal politischen) „Krise als Chance“, die manische Propaganda, daß man „die Not zur Tugend machen“ müsse, nichts als erfahrungsresistenter Motivationstrainer-Sprech ist, läßt sich nicht ausschließen, daß ein dermaßen krasser Stilbruch, wie ihn der aufgeblasene Kasper Trump personifiziert, Menschen zur Raison bringen kann. Ein Stilbruch im Führungspersonal einer Weltmacht, der ja auch, und mehr noch, ein inhaltlicher ist, zu befürchten ist nun schließlich eine weltpolitische Zäsur.
Vielleicht entstehen neue, diesmal ernstzunehmende Subkulturen, eine politisierte Jugendbewegung (die keine Farce ist), eine nennenswerte gesellschaftliche Opposition; irgendetwas, das die unheilvolle gesellschaftliche Totalität aufknacken kann. Vielleicht. Wahrscheinlich ist das nach den Erfahrungen der letzten dreißig Jahre nicht.

„Wo ist die Oppostitionspartei, die nicht von ihren regierenden Gegnern als“ fünfte Kolonne Moskaus oder Washingtons, Pekings oder Tel Avivs „verschrien worden wäre“? Finanzierung oder Beeinflussung der „heimischen“ Politik „aus dem Ausland“ lautete früher – und auch heute noch in vielen Ländern – der regelmäßige Vorwurf, um kritische Stimmen zum Schweigen zu bringen („Geh doch nach drüben!“) oder fortschrittliche und universalistische Bewegungen als fremd- und ferngesteuert zu diskreditieren. Der konformistisch-patriotische Vorwurf schlug regelmäßig der Linken entgegen, vorgetragen von Krypto-Antisemiten, um die besonders Einfältigen mit diskursivem Handstreich für die dumpfe Sache zu mobilisieren. Heute soll der Vorwurf, AfD, Le Pen oder Trump seien durch „Rußland“ bzw. „Putin“ unterstützt worden, „russische Hacker“ hätten gar die US-amerikanische Wahl manipuliert, auf einmal einer linksliberalen Öffentlichkeit als legitimes Argument taugen? Nun ja, die Internationale ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Nicht Linke und Liberale schließen sich in finsteren Zeiten wie diesen transnational zusammen (und brechen nach Spanien auf, um der versammelten Reaktion die Stirn zu bieten) – sondern Nationalisten, Rechtskonservative und andere Partikularisten üben den länderübergreifenden Schulterschluß (und Djihad-Internationalisten pilgern nach Syrien, um die gemeinsame Sache romantisch-apokalyptisch mit der Waffe in der Hand voranzutreiben).
Nicht die Dead Kennedys, sondern eine andere Band, durchaus in deren Tradition, sah 2006 – zwei Jahre vor der großen Krise und zehn Jahre vor der Ära Trump – finstere Zeiten heraufziehen: „Darker Days Ahead“.

 

Die AfD und der Antisemitismus – eine neue Herausforderung? January 25, 2017 | 01:36 pm

Vortrag und Diskussion mit Bodo Kahmann

Donnerstag, 23. Februar 2017, 19.30 Uhr, Stuttgart                                                Hotel Wartburg, Lange Straße 49

Der politische Aufstieg der „Alternative für Deutschland“ (AfD) könnte den Sonderstatus des bundesdeutschen Parteiensystems in Europa, in dem es bisher keine erfolgreiche rechte Partei gegeben hat, beenden. Große Aufmerksamkeit erregten in den letzten Jahren die Annäherungs- und Vereinnahmungsversuche anderer Rechtsparteien Europas gegenüber Israel und jüdischen Organisationen; zugleich ließ sich an ihren Mobilisierungskampagnen und Wahlkämpfen beobachten, dass der Antisemitismus hinter den Themen Islam, Einwanderung und nationale Identität zurückgetreten ist. Die Gründung und Radikalisierung der AfD fallen somit in eine Zeit, in der ein Wandel im Verhältnis des europäischen Rechtsradikalismus zum Antisemitismus konstatiert werden kann. Der Vortrag analysiert das Verhältnis der AfD zum Antisemitismus vor dem Hintergrund dieser Entwicklungen und legt dar, wieso das Erstarken der AfD die Abwehr- und Präventionsarbeit gegen Antisemitismus vor neue Herausforderungen stellt.

Dr. Bodo Kahmann studierte Politikwissenschaft und Soziologie in Augsburg, Mainz und Warschau und ist Lehrbeauftragter an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen u.a. in der Antisemitismus- und Rechtsextremismusforschung. Er ist Koautor des von Stephan Grigat herausgegebenen Bandes „AfD & FPÖ: Antisemitismus, Nationalismus und Geschlechterbilder“, der Ende April im Nomos-Verlag erscheint.

Eine Veranstaltung von Emanzipation & Frieden und Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Region Stuttgart 

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Audio: Trumpokalypse? December 17, 2016 | 12:55 pm

Vortrag von Jörn Schulz

gehalten am 14. Dezember 2016 in Stuttgart

 

Donald Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen, die republikanische Mehrheit im Kongress wird ihn nun unterstützen. Wie lange? Eine konsequente Verwirklichung der Wahlversprechen Trumps würde die USA in den ökonomischen Ruin und an den Rand eines Bürgerkriegs treiben. Können institutionelle Zwänge Trump bändigen oder werden die USA eine „illiberale Demokratie“? Die Proteste nach Trumps Wahlsieg zeigten, dass er mit Widerstand rechnen muss. Aber Linke und Linksliberale sind desorientiert. Nicht zuletzt weißen Arbeitern hat Trump seinen Sieg zu verdanken. Arbeitern, die einen Milliardär wählten, der die Unternehmenssteuern senken will. Tschüss, Klassenkampf? Wie kann der „culture war“ gegen die rassistische und misogyne Rechte erfolgreich geführt werden? Und was ist vom deutschen Diskurs zwischen Begeisterung bei der AfD und neuen Höhenflügen des Antiamerikanismus zu halten?

Jörn Schulz ist Redakteur der Wochenzeitung Jungle World

Eine gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Geissstraße 7 mit Emanzipation und Frieden

Eine Welt voller Untertanen November 30, 2016 | 04:19 pm

Ein Überblick über die Theorie des autoritären Charakters

Vortrag und Diskussion mit Jens Benicke

Donnerstag, 19. Januar 2017, 19.30 Uhr, Stuttgart                                                 Geißstr.7, Stiftungssaal, 1. Stock

Weltweit befinden sich autoritäre Bewegungen auf dem Vormarsch; ob Islamismus, autokratische Staatsmänner oder sog. „rechtspopulistische“ Parteien. Liberale, Linke und Wissenschaft stehen diesem Ansturm hilflos gegenüber und fragen sich, wie sich diese erschreckenden Entwicklungen erklären lassen. Ihre altgedienten Gegenstrategien, wie Aufklärung, Skandalisierung oder Bildung laufen angesichts von Faktenresistenz und Verschwörungswahn ins Leere. Hier könnte ein Rückblick auf die Theorie der Autoritären Charakterstruktur, wie sie in erster Linie von der Kritischen Theorie erarbeitet wurde, hilfreich sein. Von Wissenschaft und Medien als „längst widerlegt und veraltet“ ad acta gelegt, bietet dieser Ansatz die Möglichkeit den grassierenden Wahnsinn auf (massen-)psychologischer und materialistischer Grundlage zu verstehen. Der Vortrag will einen kurzen Überblick über das Konzept der autoritären Persönlichkeiten bieten und eine Diskussion über deren Aktualität anstoßen.

Von Jens Benicke erschien 2016 die 2. überarbeitete Auflage von „Autorität und Charakter“  . Er promovierte 2009 mit „Von Adorno zu Mao. Die Rezeption der Kritischen Theorie und die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen deutschen Vergangenheit von der antiautoritären Fraktion der Studentenbewegung zu den K-Gruppen“

Eine Veranstaltung in Kooperation von Stiftung Geißstr.7 und Emanzipation und Frieden

Audio: Frauenhirne – wie ideologischer Unsinn zur wissenschaftlichen Tatsache wird November 25, 2016 | 02:04 pm

Vortrag von Christine Zunke

gehalten am 14. November 2016 in Stuttgart 

Dass Frauen anders sind, ist allgemein bekannt. Und dass dies nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen habe und die soziale Verschiedenheit der Geschlechter eine Folge der biologischen Unterschiede sei, möchten viele gern glauben. Insbesondere in der Neurophysiologie werden bestimmte Verhaltensweisen durch geschlechtsspezifische Ursachen im Gehirn erklärt. So wird ein weibliches Gehirn konstatiert und vom männlichen unterschieden.
Wie kommen solche naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse überhaupt zustande? Und welche Konsequenzen haben sie für die gesellschaftliche Diskussion um die Gleichstellung der Geschlechter?

Im Vortrag von Dr. Christine Zunke von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg wird exemplarisch am Beispiel des Buches von S. Baron-Cohen „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ gezeigt, wie das vorgegebene Resultat der sozialen Geschlechtsdifferenz sich schon in den Prämissen der Forschung findet, wie Ursache und Wirkung des Wechselspiels von Handlung und gemessener Hirnaktivität sich verkehren und wie schließlich aufgrund nicht-geschlechtskonformen Verhaltens einzelner Proband_innen die Genderzugehörigkeit des Gehirns sich vom Sexus des Körpers trennen muss, um das Dogma des spezifisch weiblichen Verhaltens aufrecht erhalten zu können.

Christine Zunke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort lehrt sie praktische und theoretische Philosophie und ist Mitbegründerin der Forschungsstelle kritische Naturphilosophie (FkN)

Eine Veranstaltung in Kooperation der Friedrich-Ebert-Stiftung Baden-Württemberg, des Evangelischen Bildungswerks Hospitalhof Stuttgart und des Fördervereins Emanzipation und Frieden e.V.

Trumpokalypse? November 18, 2016 | 03:35 pm

Vortrag und Diskussion mit Jörn Schulz

Mittwoch, 14. Dezember 2016, 19.30 Uhr, Stuttgart

Stiftung Geißstr.7, Geißstr.7, 70173 Stuttgart

Der Vortrag ist mittlerweile HIER zu hören

Donald Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen, die republikanische Mehrheit im Kongress wird ihn nun unterstützen. Wie lange? Eine konsequente Verwirklichung der Wahlversprechen Trumps würde die USA in den ökonomischen Ruin und an den Rand eines Bürgerkriegs treiben. Können institutionelle Zwänge Trump bändigen oder werden die USA eine „illiberale Demokratie“? Die Proteste nach Trumps Wahlsieg zeigten, dass er mit Widerstand rechnen muss. Aber Linke und Linksliberale sind desorientiert. Nicht zuletzt weißen Arbeitern hat Trump seinen Sieg zu verdanken. Arbeitern, die einen Milliardär wählten, der die Unternehmenssteuern senken will. Tschüss, Klassenkampf? Wie kann der „culture war“ gegen die rassistische und misogyne Rechte erfolgreich geführt werden? Und was ist vom deutschen Diskurs zwischen Begeisterung bei der AfD und neuen Höhenflügen des Antiamerikanismus zu halten?

Jörn Schulz ist Redakteur der Wochenzeitung Jungle World

Eine gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Geissstraße 7 mit Emanzipation und Frieden

 

Vielfalt und Einfalt November 4, 2016 | 02:44 pm

von Redaktion Sachzwang FM

(zuerst veröffentlicht in Querfunk-Programmheft Sept.-Dez.2016)

Wer – erwartungsvoll und mit Mythen von weltbürgerlicher Intelligentsia angefüllt – als junger Mensch in die große weite Welt, z.B. an die Universität kommt, hat sich vielleicht schon gewundert, daß dort nicht alle durcheinander arbeiten, forschen und essen. Das Bild, das mir vorschwebte, war eines, wie es z.B. die sowjetische Kunst, US-amerikanische Fernsehserien oder die Zeugen Jehovas in ihren Prospekten lanciert haben: Lächelnde Menschen, schwarze, weiße, gelbe, farbige, Männlein und Weiblein, die alle selbstbewußt und entspannt zusammenarbeiten. Das Bild, das sich mir bot, war allerdings ein ganz anderes. Immer habe ich mich – ernüchtert und auch enttäuscht – gefragt, warum schon in der Mensa die Spanierinnen alle beisammen an ihrem Spaniertisch sitzen und essen, während die afrikanischen Studentinnen und Studenten woanders zusammen speisen, ebenso die osteuropäischen, arabischen oder chinesischen Studentinnen. Wieso und woher diese offenbar freiwillige Segregation? Wahrscheinlich, weil die Deutschen ebenso unter sich zu bleiben pflegen, sind sie doch seit jeher international nicht gerade für überbordende Gastfreundschaft bekannt. Entweder ist das eine provinzielle Borniertheit hier im Badischen oder eine deutsche, oder eine europäische, oder sogar eine weltweite. Derart ist es um die allseits gelobte „Vielfalt“ bestellt; recht eigentlich läuft sie auf ein bloßes Nebeneinander, auf beschauliche Zoologisierung hinaus und besteht – und perpetuiert sich – in einer tradierten Abschottung, die das schöne Wort Vielfalt vergessen machen soll. Das Wort macht überhaupt nur Sinn, wenn etwas bereits als das Andere abgesondert worden ist.
Natürlich ist ein Pluralismus an „Meinungen“ oder „Lebensformen“ allemal einer repressiven Uniformierung der Öffentlichkeit vorzuziehen, aber das allzu explizite Lob der „Vielfalt“ als solcher macht hellhörig. Genau in der Manier, in der sich Abtreibungsgegner „Lebensschützer“ nennen, um ihre Kontrahenten als lebensfeindlich zu diffamieren, dient der heitere Klang des Wortes „Vielfalt“ dazu, jede Kritik als engstirnig, repressiv und borniert, eben als Einfalt, zurückzuweisen („bunt statt grau“). Derselben impliziten „Argumentations“-strategie folgen hierzulande oft Plädoyers für „die Familien“ oder „den Mittelstand“, wo dann niemand mehr dagegen argumentieren mag, weil ein klebriger aber harter gesellschaftlicher Konsens getroffen wurde, der aber noch immer der der Volksgemeinschaft ist.

Keine Frage: Der Diskriminierungen – sie mögen subtiler geworden sein als noch vor Jahrzehnten – etlicher gesellschaftlicher Gruppen sind es noch immer zu viele. Längst gehört es, zumindest in der Öffentlichkeit, nicht mehr zum guten Ton, etwa Schwule, Ausländer oder alleinerziehende Frauen als solche bloßzustellen, vielmehr gefällt sich der politische Mainstream darin, die reaktionäre Gesellschaftspolitik der anderen („der Despot Putin“, „dieser Trump“ oder „der Erdogan“) mit erhobenem Zeigefinger zu maßregeln, wenn die sich gebärden wie – der hiesige Mainstream vor 50 Jahren. Heutzutage feiert sich die deutsche Zivilgesellschaft, oder vielmehr ihre staatlich-kommunalen Exponenten, nur daß nicht mehr (wie in der DDR) „Vorwärts zum Sozialismus!“ auf den Bannern in den Fabriken und auf den Paraden prangt, sondern „Wir schaffen das!“ oder „Für Vielfalt!“ in Broschüren, auf Ansprachen oder auch wieder auf Paraden propagiert wird. Stimmen vermeintliche Gesellschaftskritiker in diesen administrativen Chor ein, so kommt oft genug etwas dabei heraus, das anmutet, als lese man die Presseerklärung einer Referentin für Stadtmarketing.

Das Lob der „Vielfalt“, der wohl-inszenierte Pluralismus an sich, gehört zu den unverbrüchlichen Kernideologemen der bürgerlichen Gesellschaft. Schon das Wort „Vielfalt“ kommt recht naiv und einfältig daher, so platt positiv prätendiert es seinen Inhalt. Als politische Kategorie will sich die „Vielfalt“ nicht so recht einpassen in ernstzunehmende Kontroversen; man führt ja heuer – aus gutem Grund – auch keine Auseinandersetzungen über „Tugend“ oder „Gerechtigkeit“, „Ehre“ oder „Würde“ mehr. Erstens sind das völlig dehnbare Begriffe, viel zu abstrakt, die jeder subjektiv mit seinen bäuerlichen Einlassungen füllen kann; zweitens sind sie insofern unwissenschaftlich, als sie bereits normativ wirken, nämlich eine Wertung verbürgen und freilich das Gute nur für sich reklamieren und darob angeblich keiner Argumente mehr bedürfen. In diesem Jargon kommt der bürgerliche Wertediskurs zu sich. Drittens aber gehören solche Kampfbegriffe einem intellektuellen Milieu und bildungs- und aufklärungsfernen politischen Kulturen an, in denen sie als Namen von Parteien dumpfe Erfolge feiern. Da gibt es im Land X die „Partei der Würde“ oder eine „Sammlungsbewegung für Anstand“, im Land Y die „Liga für Ehre und Treue“ oder in der Provinz Z die „Volksbewegung für Vielfalt“. Fortschrittlich sind die alle nicht, sondern versuchen in einschlägigen Milieus die geistige Lufthoheit für sich zu gewinnen; mit vorpolitischen Begriffen, die eigentlich nur der Propaganda in konformistischen Gesellschaften dienen, wo die Aufklärung dem kontroversen Diskurs noch keine intellektuelle Bresche geschlagen hat.

Das Eintreten für „Vielfalt“ an sich hat in einem gewissen Kontext auch klar völkische Konnotationen: Nicht erst neue Rechte fordern seit langem eine „Vielfalt“ der Völker (im Sinne von „rassischer“ Artenvielfalt, sie nennen das „Ethnopluralismus“), warnen vor „Vermischung“ und ziehen gegen eine „gleichmacherische“ Moderne zu Felde, der neben dem Kommunismus auch die ihnen verhaßte „westliche one world“ angehören soll … Einer solchen identitären Sicht ist natürlich der „Schmelztiegel USA“ genauso verwerflich wie das „Völkergefängnis UdSSR“. Obwohl doch beides der landsmannschaftlich-bornierten alten Welt vorzuziehen ist, auch wenn der Kosmopolitismus es in Krisenzeiten wie diesen besonders schwer hat in den traditionsverhafteten Hirnen.

Vor zwei Jahren war an dieser Stelle, als Editorial, ein Plädoyer namens „Radio der Vielfalt“ zu lesen. Der Beitrag beschäftigte sich vor allem mit der Auseinandersetzung über die Bildungsplanreform der damaligen grün-roten Landesregierung und nahm Partei für die Liberalisierungsbestrebungen hinsichtlich sexueller Lebensentwürfe und gegen die reaktionär anmutenden Verteidiger einer „Leitkultur“, die sich schon damals unter dem grotesken, ja irreführenden Motto einer „Demo für alle“ in Stuttgart zusammenrotteten. Die Volksmobilisierung der Häuslebauer und Normalverbraucher agierte und agitierte ausdrücklich gegen die Akzeptanz alternativer, sexuell devianter Lebensformen. Insofern ist der Name „Demo für alle“ eine Farce sondergleichen.
Ganz offensichtlich kann eine Kritik an der Ideologie der Vielfalt vernünftigerweise nicht unter dem konformistischen Etikett des „Normalen“ geführt werden. Ein Plädoyer wie dieses möchte also nicht in einem Kreuzzug gegen die Vielfalt einer Uniformität das Wort reden. Ich möchte auch nicht jeden Tag dasselbe essen müssen, gegen kulinarische oder libidinöse Vielfalt ist bei Leibe nichts einzuwenden. Vielfalt gefällt, von außen gesehen, allermeistens schon: Was wäre langweiliger als immer dieselbe Kleidung, überall dieselbe Botanik, ständig dieselbe Musik, immer dasselbe Essen oder überall dieselbe Architektur? Spätestens dann, wenn aber imzuge der Vergötzung einer „Vielfalt an Lebensformen“ auch das (zumeist unfreiwillige) Wohnen unter Brücken, in Wohncontainern oder ein Leben unter Vollverschleierung als origineller, abenteuerlicher oder gar romantischer Beitrag zum gesellschaftlichen Pluralismus gefeiert wird, ist das zynische Propaganda, hat man es doch hier mit einer Kulturalisierung des Sozialen zu tun.

Immer noch und viel zu lange schon gibt es ja Sachen, die doof, gefährlich oder ausgesprochen häßlich sind. Sie zur famosen „Vielfalt“ beitragen zu lassen (anstatt scharfe Kritik zu üben, wo nötig), quasi als Selbstzweck, überführt das Lob der Vielfalt schnell der Ideologie. Solange die „Vielfalt der Kulturen“ und Lebensweisen nicht freiwillig besteht, sondern durch staatliche und Milieu-Grenzen und Bornierungen allerseits gesichert wird oder gar durch ökonomische Ungleichheit bedingt ist, wird das Lob der „Vielfalt“ seinen propagandistischen Ruch nicht los. Jedenfalls bezeichnet das schöne Wort eine ästhetische Kategorie, keine politische. Und das sollte, solange man bei Trost ist, nicht verwechselt werden, um nicht einer „Ästhetisierung der Politik [vorzuarbeiten], die der Faschismus betreibt“ (Walter Benjamin, 1936).

 

Audio: Rechte, linke und andere Verschwörungsphantasien und ihre antisemitischen Implikationen November 1, 2016 | 04:19 pm

Was macht sie für viele Menschen so attraktiv?

Leicht gekürzter Vortrag von Samuel Salzborn

gehalten am 24. Oktober 2016 in Stuttgart

 

Es gehört mittlerweile fast zur Normalität politischer Ereignisse, dass Verschwörungsmythen fast so schnell produziert werden, wie die Ereignisse stattfinden – was mit der Logik der Verschwörung zu tun hat: Sie bedarf keiner Fakten, keiner Realität, keiner Wirklichkeit außer ihrer selbst, um zu funktionieren. Es bedarf
stets nur eines Anlasses, nicht einer Ursache, damit Verschwörungsphantasien formuliert werden –- denn ihre jeweils eigene hermetische Wahnwelt funktioniert in
ihrer Struktur ganz unabhängig von der Wirklichkeit, da sie in keiner Weise an empirische oder historische Fakten gebunden ist, sondern lediglich mit einem Phantasieweltbild korrespondiert, das jederzeit reformulierbar, jederzeit reproduzierbar und damit auch jederzeit in Variationen abrufbar ist. Die Verschwörungsphantasie ist damit nicht nur eine mythische Konstruktion, sondern in ihrer Verdinglichung auch
Ausdruck der Ambivalenz moderner Vergesellschaftung, die zunehmend Zuspruch in unterschiedlichen politischen Spektren findet. Die unterschiedlichen Varianten von Verschwörungsphantasien und ihre antisemitischen Implikationen werden Thema der Veranstaltung sein.

Prof. Dr. Samuel Salzborn ist Professor für Grundlagen der Sozialwissenschaften an der Uni Göttingen, zuletzt erschienen von ihm die Bücher „Kampf der Ideen. Die Geschichte politischer Theorien im Kontext“ und „Rechtsextremismus. Erscheinungsformen und Erklärungsansätze“.

Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar in Kooperation mit dem Institut für Sozialwissenschaften, Abteilung für Internationale Beziehungen und Europäische Integration, Prof. Dr. Cathleen Kantner, Universität Stuttgart.

– mit freundlicher Genehmigung des Autors bei Emanzipation und Frieden veröffentlicht –

Audio: Free Tibet? Kritische Betrachtung eines deutschen Konsenses October 23, 2016 | 02:05 pm

Vortrag von Alexander Will, gehalten am 20. Oktober 2016 in Stuttgart

Wenn sich nahezu die gesamte Bundesrepublik in einem einig ist, dann in der Sympathie für die Sache des tibetischen Kampfes um staatliche Autonomie. Kaum jemand ist nicht der Meinung, dass mit der Forderung „free Tibet!“ das Gute, Wahre und Schöne unterstützt wird. Hier sind sich sogar sowohl (Neo)Nazis als auch der Teil der radikalen Linken, der nach dem Ausbleiben der proletarischen Weltrevolution verzweifelt ein neues revolutionäres Subjekt sucht, einig.
Diese Eintracht über alle politischen oder wie auch immer gearteten Lager hinweg hatt vor allem zwei Gründe:
Zum einen gibt es kaum kritische Stimmen zu Tibet, die ein größeres Publikum erreichen. Die wenigen – wie der in diesem Kontext ausdrücklich empfohlene Colin Goldner –, die sich kritisch zur tibetischen „Befreiungsbewegung“ äußern, werden bestenfalls als „unwissenschaftlich“ geschmäht und gelten schlimmstenfalls als bezahlte Agenten des chinesischen Regimes.
Zum anderen gelingt es der Gallionsfigur jener Bewegung, dem 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso, sich selbst und seine Religion permanent und äußerst erfolgreich als radikal friedlich, gewaltlos und reich an mystischer Weisheit darzustellen. Und bekanntlich sind radikaler Pazifismus bis in den eigenen Tod – zumindest bei anderen – und Esoterik Dinge, die die Deutschen seit jeher faszinieren und bei ihnen als besonders schützenswert gelten.
Ziel der Veranstaltung soll es daher sein, die tibetische „Freiheitsbewegung“ radikal zu kritisieren und dabei insbesondere dem Bild des vermeintlich friedlichen und menschenfreundlichen tibetischen Buddhismus eine Aufklärung über die tatsächlichen Inhalte jener Religion entgegenzusetzen.

Alexander Will, Hamburg, ist Historiker und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte des Antisemitismus und mit Genozid- und Gewaltgeschichte.

Eine Veranstaltung von Contain’t, Emanzipation und Frieden, for your interest – fyi und Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg

 

Audio: Gegen.Mob.ilisieren – Antifaschismus in Zeiten globaler Krise und Regression October 14, 2016 | 03:47 pm

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 8. Oktober 2016 in Nürnberg im Rahmen des Antifa Kongress Bayern

Unter dem Titel „Was ist die AfD und was kann man gegen sie tun?“ wurde am 28.10.2016 eine Kurzfassung im Freien Radio für Stuttgart gesendet

Fast schlagartig manifestieren sich weltweit massenhaft verbreitete menschenfeindliche Denk- und Verhaltensweisen. Erschreckend viele lassen sich von autoritären, nationalistischen, rassistischen, antisemitischen und sexistischen Gefühlen leiten. Je mehr Zulauf die AfD hat, um so weiter rückt sie nach rechts und je sagbarer sie faschistisches Gedankengut macht, um so mehr Zulauf erhält sie. Nicht zufällig spielt sich das vor dem Hintergrund einer globalen Krise der Kapitalverwertung ab, die seit 2008 nicht endet.

Doch AntifaschistInnen müssen nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Sie haben sogar neue Chancen. Aber nur, wenn sie die neuen Herausforderungen verstehen. Warum man die AfD-WählerInnen rechts liegen lassen und sich stattdessen auf die Mobilisierung eines menschenfreundlichen Gegenpols konzentrieren sollte. Warum man alte Rezepte hinterfragen und sich auf das Entstehen einer national-sozialen Massenpartei einstellen sollte. Warum linksnationalistische Politik und Querfront keine Friedenspolitik, sondern das Gegenteil davon sind und Antifaschismus ohne Überwindung der linksreaktionären Ideologie nicht erfolgreich sein kann. Und warum es emanzipatorischer Intervention in erster Linie um die Verbreitung von Ideologiekritik unter denjenigen gehen muss, die sich über den Erfolg der AfD aufregen und etwas dagegen tun wollen.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de

 

Frauenhirne – wie ideologischer Unsinn zur wissenschaftlichen Tatsache wird October 4, 2016 | 04:22 pm

Vortrag und Diskussion mit Christine Zunke

Montag, 14. November 2016, 19.00 Uhr, Stuttgart                                                     (Einlass 18.30 Uhr)
Hospitalhof,  Büchsenstraße 33, 70174 Stuttgart

Der Vortrag kann mittlerweile HIER nachgehört werden

Dass Frauen anders sind, ist allgemein bekannt. Und dass dies nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen habe und die soziale Verschiedenheit der Geschlechter eine Folge der biologischen Unterschiede sei, möchten viele gern glauben. Insbesondere in der Neurophysiologie werden bestimmte Verhaltensweisen durch geschlechtsspezifische Ursachen im Gehirn erklärt. So wird ein weibliches Gehirn konstatiert und vom männlichen unterschieden.
Wie kommen solche naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse überhaupt zustande? Und welche Konsequenzen haben sie für die gesellschaftliche Diskussion um die Gleichstellung der Geschlechter?

Im Vortrag von Dr. Christine Zunke von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg wird exemplarisch am Beispiel des Buches von S. Baron-Cohen „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ gezeigt, wie das vorgegebene Resultat der sozialen Geschlechtsdifferenz sich schon in den Prämissen der Forschung findet, wie Ursache und Wirkung des Wechselspiels von Handlung und gemessener Hirnaktivität sich verkehren und wie schließlich aufgrund nicht-geschlechtskonformen Verhaltens einzelner Proband_innen die Genderzugehörigkeit des Gehirns sich vom Sexus des Körpers trennen muss, um das Dogma des spezifisch weiblichen Verhaltens aufrecht erhalten zu können.

Im Anschluss wird Manuela Rukavina, Vorsitzende des Landesfrauenrat Baden-Württemberg die politischen Auswirkungen und Herausforderungen der Gleichstellungspolitik kommentieren.

In der anschließenden Plenumsdiskussion sind Sie herzlich eingeladen die Themen weiter zu diskutieren.

Moderation: Adrienne Braun, Journalistin, Autorin und Kolumnistin

Christine Zunke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort lehrt sie praktische und theoretische Philosophie und ist Mitbegründerin der Forschungsstelle kritische Naturphilosophie (FkN)

Eine Veranstaltung in Kooperation der Friedrich-Ebert-Stiftung Baden-Württemberg, des Evangelischen Bildungswerks Hospitalhof Stuttgart und des Fördervereins Emanzipation und Frieden e.V.

um verbindliche Voranmeldung unter www.fes.de/lnk/zunke wird gebeten

Demokratie oder Volksherrschaft? October 4, 2016 | 03:15 pm

Warum die Verhältnisse nicht besser werden, wenn das Ressentiment mehrheitsfähig ist

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 28. Oktober 2016, 19.00 Uhr, Kassel                                                                 Mühlengasse 1, 34125 Kassel

Ein Vortrag im Rahmen der Bildungswerkstatt 2016

Versteht man „Demokratie“ lediglich im Wortsinne, nämlich als „die Herrschaft des Volkes“, so muss einem davor grausen. Schließlich hätte dann der Nationalsozialismus, der das Fühlen, Denken und Wollen einer großen Mehrheit der Deutschen repräsentierte, das Prädikat demokratisch verdient. Der leidlich funktionierende demokratische Staat aber zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er unveräußerliche Rechte von Einzelnen und Minderheiten garantiert.

Gegen die Krise der Demokratie wird mehr „direkte Demokratie“ gefordert. Doch ob „Ausländer“ rausgeworfen, Minarettbauten verboten oder Schulreformen verhindert werden sollen – bessere Verhältnisse schafft die „Stimme des Volkes“ kaum. Solange die selbstgerechte Gemeinschaft der „ehrlich Arbeitenden und Betrogenen“ ihr Mütchen an vermeintlich „Faulen“ oder „Gierigen“ kühlen mag und Ressentiment landauf landab mit Kritik verwechselt wird, ist „dem Volk“ grundsätzlich zu misstrauen. Was geht in Menschen vor, die zwar gegen einen Bahnhofsneubau Sturm laufen, nicht aber gegen die Rente mit 67 – obwohl sie unter dieser vermutlich wesentlich mehr zu leiden haben werden als unter jenem? Und ist es ein Zufall, dass einem die Forderung nach Volksabstimmungen umso häufiger begegnet, je weiter man sich im politischen Spektrum nach rechts bewegt?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de.

Free Tibet? Kritische Betrachtung eines deutschen Konsenses September 23, 2016 | 11:50 am

Vortrag und Diskussion mit Alexander Will

Donnerstag, 20. Oktober 2016, 19.30 Uhr, Stuttgart                                                       Basis, Hauptstätter Str. 41

Wenn sich nahezu die gesamte Bundesrepublik in einem einig ist, dann in der Sympathie für die Sache des tibetischen Kampfes um staatliche Autonomie. Kaum jemand ist nicht der Meinung, dass mit der Forderung „free Tibet!“ das Gute, Wahre und Schöne unterstützt wird. Hier sind sich sogar sowohl (Neo)Nazis als auch der Teil der radikalen Linken, der nach dem Ausbleiben der proletarischen Weltrevolution verzweifelt ein neues revolutionäres Subjekt sucht, einig.
Diese Eintracht über alle politischen oder wie auch immer gearteten Lager hinweg hatt vor allem zwei Gründe:
Zum einen gibt es kaum kritische Stimmen zu Tibet, die ein größeres Publikum erreichen. Die wenigen – wie der in diesem Kontext ausdrücklich empfohlene Colin Goldner –, die sich kritisch zur tibetischen „Befreiungsbewegung“ äußern, werden bestenfalls als „unwissenschaftlich“ geschmäht und gelten schlimmstenfalls als bezahlte Agenten des chinesischen Regimes.
Zum anderen gelingt es der Gallionsfigur jener Bewegung, dem 14. Dalai Lama Tenzin Gyatso, sich selbst und seine Religion permanent und äußerst erfolgreich als radikal friedlich, gewaltlos und reich an mystischer Weisheit darzustellen. Und bekanntlich sind radikaler Pazifismus bis in den eigenen Tod – zumindest bei anderen – und Esoterik Dinge, die die Deutschen seit jeher faszinieren und bei ihnen als besonders schützenswert gelten.
Ziel der Veranstaltung soll es daher sein, die tibetische „Freiheitsbewegung“ radikal zu kritisieren und dabei insbesondere dem Bild des vermeintlich friedlichen und menschenfreundlichen tibetischen Buddhismus eine Aufklärung über die tatsächlichen Inhalte jener Religion entgegenzusetzen.

Alexander Will, Hamburg, ist Historiker und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Geschichte des Antisemitismus und mit Genozid- und Gewaltgeschichte.

Eine Veranstaltung von Contain’t, Emanzipation und Frieden, for your interest – fyi und Rosa-Luxemburg-Stiftung Baden-Württemberg

Gegen.Mob.ilisieren September 15, 2016 | 02:17 pm

Antifaschismus in Zeiten globaler Krise und Regression

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

im Rahmen des Antifa Kongress Bayern

Samstag, 8. Oktober 2016, 17 Uhr, Nürnberg                                                   K4/Künstlerhaus, Königsstraße 93

der Vortrag ist mittlerweile HIER zu hören

Wladimir Putin, Recep Tayyip Erdoğan, Viktor Orbán, Rodrigo Duterte, Donald Trump, Marine Le Pen, Geert Wilders, Norbert Hofer, Frauke Petry, Jörg Meuthen, Alexander Gauland – schön, wenn einem diese Leute alle miteinander egal sein könnten. Doch -zig Millionen Menschen haben sie zu ihren geliebten FührerInnen erkoren. Fast schlagartig manifestieren sich weltweit massenhaft verbreitete menschenfeindliche Denk- und Verhaltensweisen. Erschreckend viele lassen sich von autoritären, nationalistischen, rassistischen, antisemitischen und sexistischen Gefühlen leiten. Zwar halten sich die Fans von Mauern, Stacheldrähten und Schießbefehlen für entschiedene Gegner von Islamisten und Djihadisten, doch sie stehen ihnen näher als sie glauben. Ressentiment gegen die Moderne und Sehnsucht nach homogener Gemeinschaft markieren ihre tiefe Seelenverwandtschaft.

Nicht zufällig spielt sich das vor dem Hintergrund einer globalen Krise des kapitalistischen Verwertungszusammenhangs ab, die seit 2008 nicht enden will. Doch die Linken, deren Thema das eigentlich sein müsste, verwechseln entweder Kapitalismus- mit Kapitalistenkritik und bewegen sich in der Nähe des Antisemitismus. Oder sie entsorgen die Kritik der politischen Ökonomie gleich ganz und deuten die Welt anhand einer Schablone aus „Deutschland“ und „Islam“. Kaum überraschend gleichen manche Thesen aus unterschiedlichsten linken Ecken denen der AfD.

Schwierige Zustände. Doch auch in Zeiten globaler Krise und Regression müssen AntifaschistInnen nicht wie das Kaninchen auf die Schlange starren. Bei realistischer Lageeinschätzung können sich sogar neue Chancen auftun. Wie attraktiv ist „national-sozial“? Was will der Ruf nach direkter Demokratie? Wie hilfreich ist die „Islamdebatte“? Wie äußert sich Antisemitismus heute? Was ist linksreaktionäre Ideologie? Wie ist mit Antizionismus und Instrumentalisierung Israels umzugehen? Welche Hausaufgaben hat Antifa inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis, Islamisten und Djihadisten? Was heißt emanzipatorische Intervention heute?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in konkret, Jungle World und auf emafrie.de

 

Die Identitären – die Modernisierung extrem rechter Jugendkultur September 10, 2016 | 05:01 pm

Vortrag und Diskussion mit Finn Blumberg

Mittwoch, 28. September 2016, 19.30 Uhr, Stuttgart Palermo Galerie, Olgastr. 82

Veranstaltung wird verschoben – leider musste der Referent kurzfristig absagen – wir bemühen uns um einen neuen Termin

Die Identitären sind ein aktuelles Phänomen innerhalb der extremen Rechten und entstanden durch Modernisierungsprozesse innerhalb dieser politischen Erlebniswelten. Mit popkulturellen Bezügen und vielfältigen Aktionsformen versuchen sie Jugendliche und junge Erwachsene für ihre Positionen zu gewinnen.
Ihr Ziel ist ein rassistisches, völkisches und antidemokratisches Europa zu erschaffen. Dazu setzen sie auf Provokationen, Vernetzung und Theoriearbeit. Durch die Demonstrationen von Pegida und den Erfolgen der AfD sehen sie sich bestätigt und suchen verstärkt die Öffentlichkeit, um ihren Einfluss innerhalb der Gesellschaft auszubauen.

Eine Veranstaltung von Emanzipation & Frieden, For your interest – fyi, Contain’t und der Palermo Galerie

 

„Heimat“ ist auch keine Alternative August 4, 2016 | 09:52 am

Nachbetrachtungen zu einer Demonstration gegen den „Tag der Heimattreue“

von Ruth Birkle, Bündnis90/Die Grünen Bruchsal

Im Jahr 2015 war Bruchsal dazu auserkoren, das Landesfest im Südwesten, die „Heimattage Baden-Württemberg“ auszurichten. Während nun das ganze Jahr über in zahlreichen Veranstaltungen, Reden und Kommentaren mit staatsoffiziellem Segen die „Heimat“ abgefeiert wurde, nutzte die Partei Die Rechte die Gunst der Stunde und kündigte an, einen „Tag der Heimattreue“ ins Leben zu rufen, der „als überparteilicher Zusammenschluss volkstreuer Kräfte … die Grenzen der Parteien und anderer Organisationsstrukturen verwischen“ solle. Gemeinsam wolle man „gegen die Zerstörung unseres Volkes auf die Straße gehen und die Missstände offen anprangern, die unser Volk derzeit an den Rand seiner Existenz drängen.“

Wie angekündigt fand dieser Tag am 19. März 2016 auch tatsächlich statt. Aufgerufen wurde allerdings von Parteien und Organisationen, bei denen Grenzen zu verwischen kaum nötig war: Die Rechte, NPD, Der III. Weg und die (inzwischen aufgelösten) Freien Nationalisten Kraichgau. Die Rechte hatte kurz davor im Landtagswahlkampf noch gedroht: „Wir hängen nicht nur Plakate!“

Zwar mobilisierte erfreulicherweise schon im Vorjahr ein breites „Bündnis für Menschlichkeit“ dagegen. Und auch während der offiziellen „Heimattage“ wurden immerhin unterschiedlichste Konzepte zum Thema Heimat diskutiert, so dass am Ende wenigstens unklar blieb, was denn nun „Heimat“ eigentlich sein könnte. Aber klar ist auch: Mit „Heimat“ wurden schon immer identitäre Bedürfnisse bedient – und das bei weitem nicht nur rechtsaußen. Wenn der Boden in Psyche und Gesellschaft wackelt, wenn das Leben nicht das bietet, was die Menschen sich eigentlich wünschen, wenn Ausbeutung, Lohndumping, soziale Missstände, Zukunftsängste und Ressentiments das Leben bestimmen, dann wird vielen das Stückchen Erde, auf dem sie leben, zu Halt und Ersatz: Sie verklären es und reden es schön. Doch „Heimat“ wird nicht nur zum falschen Heilsversprechen für diejenigen, „die dazugehören“. Sie wird vor allem zu einem sehr unangenehmen Ort für alle, die „nicht dazugehören“ sollen. Sie wird zu einem Ort, den es – koste es, was es wolle – mit Mord und Gewalt gegen „die anderen“ zu verteidigen gilt.

Spätestens in Krisen, wie wir sie jetzt haben und wie sie zwangsweise in unserer Wirtschaftsform immer wieder kommen müssen, sehnen sich viele nach einem einfachen Ausweg, nach einer Lösung und einer Identität, die Halt und Schutz verspricht. Auf der Suche nach den Ursachen der Misere werden dementsprechend weder die inhumane Logik der Kapitalverwertung noch ein autoritäres Krisenregime oder eine unmenschliche Austeritätspolitik thematisiert. Es wird stattdessen ganz banal nach Sündenböcken gesucht. Aktuell sind das in besonderem Maße die Flüchtlinge, die angeblich Heimat, Tradition und Kultur zerstören.

So einfach und simpel wie die „Analyse“ ist dann auch die vorgeschlagene „Lösung“: Von der Politik wird gefordert, den geflohenen Menschen „das eigene Volk“, „die eigene Nation“ vorzuziehen, Grenzen zu schließen und Mauern hochzuziehen. Der Ruf danach wird in Deutschland, in ganz Europa und überall auf der Welt immer lauter. Nationalismus, Faschismus und religiöser Fanatismus bieten sich in unterschiedlichsten Facetten als Alternative an gegen Austeritätspolitik, kapitalistische Zumutungen, Verelendung und Ausbeutung, gegen die Konkurrenz auf dem Weltmarkt. Die Rettung wird in vermeintlichen Wohlfühlgemeinschaften wie Familie, Patriachat, Volk, Religion und Heimat, in Umma und Gottesherrschaft gesucht. Das beruht überall auf der Welt auf einem reaktionären Ressentiment gegen Aufklärung und Moderne, das sich über die Folgen des Kapitalismus empört, ohne ihn verstanden zu haben und das am Ende zur konsequenten Zerstörung auch der eigenen Welt führen muss – egal was die Versprechen jetzt auch sein mögen.

Doch die Zustände, an denen viele verzweifeln, fallen nicht vom Himmel, sondern sind Ergebnisse unserer eigenen kapitalistischen Vergesellschaftung, von Menschen gemacht. Das kapitalistische System aber hat zwar einen unglaublichen Reichtum hervorgebracht, der an vielen Punkten das Leben erleichtert und überhaupt erst ermöglicht. Aber es hat auch zwei hochproblematische Seiten: Erstens hat es Ausbeutung und Zerstörung zwingend im Schlepptau und das weltweit, sowohl in den Zentren als auch in der Peripherie. Und zweitens handelt es sich um ein komplexes System, dessen innere Logik nicht einfach zu durchschauen ist und das deswegen immer wieder die wahnhafte Vorstellung von einigen bösen Menschen hervorbringt, die angeblich „an allem Schuld“ sind und den Wunsch nach simplen Lösungen geradezu magisch befördert.

Nicht Schönreden einer „Heimat“ ist hier angesagt, sondern wie bei allen anderen Themen: Wichtig sind Analyse, Kritik und Position. Ohne Kritik an den bestehenden Verhältnissen, ohne Kritik an Patriarchat und Religion, an Tradition und Kultur, an Volk und Gemeinschaft und ohne Positionierung kann den stärker werdenden Kräften, die auf Faschismus und Nationalismus setzen, nichts entgegen gesetzt werden. Es reicht nicht, selbst zu wissen, dass Nationalismus und Faschismus/Islamismus keine Alternativen sind. Wir müssen auch wissen, dass der Traum von Umma und Gemeinschaft auch vom Versprechen von Aufgehobensein und von der Suche nach Glück lebt. Wir können uns nicht darum herumdrücken, Wege aus dem Elend zu suchen. Globale Solidarität mit denen, die heute weltweit gegen faschistische und islamistische Banden kämpfen, gehört dazu.

Es wird auch nichts nützen, einem Stückchen Land die Treue zu schwören. Glück nur an einem Ort für wenige ist ständig bedroht, unvollständig und zerbrechlich, damit auch für die vermeintlich Glücklichen permanent anstrengend und zutiefst traurig. Glück gibt es wie alles, was dazu gehört, uneingeschränkt nur für alle: Frieden und Freiheit, Gleichheit und Demokratie sind unteilbar.

Die Debatte ist eröffnet: Mit welcher Analyse und Kritik machen wir weiter? Wie werden wir den nächsten Aufmärschen von Nationalist*innen begegnen? Und wie den anderen – den religiösen – Identitären, die „Heimat“ im jenseitigen Paradies suchen und wo wir genau wissen: Eine autokratische, religiöse Diktatur ist auch keine Lösung?

 

Audio: Verquere Welt – Die Querfront als weltpolitisches Phänomen July 20, 2016 | 11:24 am

Vortrag von Ivo Bozic

gehalten am 14. Juli 2016 in Stuttgart

 

gesendet am 22. Juli 2016 im Freien Radio für Stuttgart

War das Statement jetzt eigentlich von Sahra Wagenknecht oder doch von Alexander Gauland? Wurde das Transparent beim Ostermarsch oder bei Pegida gesehen? Hat das jemand von den Reichsbürgern gesagt oder stand das in der „Jungen Welt“? Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Doch die ist nicht nur ein deutsches Phänomen. In der neuen, zunehmend von China und Russland dominierten Weltordnung spielen Rechts und Links längst keine Rolle mehr. Auch der Jihadismus entzieht sich klassischen ideologischen Schubladen aus Zeiten des „Kalten Krieges“. Postpolitische Politikansätze wie hierzulande die „Piraten“-Partei führen nur zur weiteren Entpolitisierung und können den neuen Querfrontstrategen nichts entgegensetzen. Ist es also sinnvoll an den klassischen Zuschreibungen Links und Rechts festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den „Islamischen Staat“, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida?

Ivo Bozic, Mitbegründer und Mitherausgeber der Wochenzeitung Jungle World. Er beschäftigt sich als Autor seit vielen Jahren kritisch mit Querfront-Phänomenen und dem alten und neuen Antiimperialismus.

Eine Veranstaltung der Stiftung Geißstraße 7, der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg und des Fördervereins Emanzipation und Frieden e.V.