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Krise und Transformation December 7, 2014 | 03:27 pm

EXIT!-Seminar 2014

Das diesjährige EXIT!-Seminar (17.-19. Okt.) widmete sich gesellschaftsanalytisch und ideologiekritisch dem globalen Krisenverlauf und Fragen der gesellschaftlichen »Transformation«. Die Aufnahmen, die leider etwas unvollständig sind, liegen auch als Videos (allerdings ohne Nachbearbeitung der stellenweise schlecht zu verstehenden Audiospuren) sowie auf archive.org vor. Titel und Ankündigungstexte sind ziemlich selbsterklärend. Ich verzichte daher auf eigene Inhaltsangaben (d.h., ich bin zu faul).

Die Krise von 2008 hat in der Linken eine Transformationsdebatte ausgelöst. Staatsbankrotte und Strukturanpassungsprogramme mehren sich, nicht zuletzt auch in südeuropäischen Ländern, was zur Folge hat, dass es zu Legitimationsproblemen des kapitalistisch-demokratischen Systems und folglich zu sozialen Unruhen kommt. Bürgerkriegsszenarios, rechte Parteien, islamistische Fundamentalismen, der sogenannte Israel-Palästina-Konflikt und nicht zuletzt die Ukraine-Russland-Konfrontation stehen im Blickpunkt der Medien. Die Rede vom Verfall des Kapitalismus geht mittlerweile etlichen Linken leicht über die Lippen, selbst wenn in Merkel-Deutschland trügerische Ruhe herrscht. Es wird nach neuen Lösungen gesucht. Sieht man/frau indes genauer hin, zeigt es sich, dass die „Systemfrage“ mit altlinken Konzepten und Rezepten beantwortet wird: Wirtschaftsdemokratie, keynesianische Maßnahmen, solidarische Ökonomie, Commons u. ä. In der ersten Hälfte des Seminars werden zwei Aspekte der „Krise“ beleuchtet, in der zweiten widmen sich zwei Vorträge dem Thema „Transformation“.

1. Ernst Johannes Schnell, Bericht zum Moishe Postone-Seminar in Dresden (2.-4. Mai 2014)

Jenseits seiner unbestrittenen Verdienste um die Reaktualisierung einer marxistischen Wertkritik haben wir die Defizite Postones in seinem Buch „Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft“ diskutiert. Dabei standen zunächst die Themenkreise „Abstrakte Arbeit und Substanz des Wertes“, „Methodologischer Individualismus“ und „Das Verständnis von Zeit“ im Mittelpunkt der Vorträge und Diskussionen. In engem theoretischen Zusammenhang mit der kritischen Auseinandersetzung damit konnte dann herausgearbeitet werden, daß diese Defizite beinahe automatisch zur „Absenz einer Krisentheorie“ führen müssen.
Die Vorträge und die wichtigsten Diskussionsergebnisse sollen in diesem Referat zusammenfassend erläutert werden. Postones Versuch einer Neuinterpretation der Marxschen Politischen Ökonomie (geschrieben im Original bereits in den 1980er Jahren in den USA) weist insbesondere bei den obigen Themenkreisen Schwachstellen und Lücken auf. So gehen wir davon aus, daß er immer wieder einem methodologischen Individualismus anhängt, statt seine begrüßenswerten Ansätze einer dialektischen Herangehensweise konsequent durchzuhalten, daß er eine zu statische Auffassung von Zeit im Kapitalismus hat, daß sein Substanzbegriff des Wertes lediglich auf das gesellschaftliche Vermittlungsverhältnis rekurriert, ohne die Substanzbildung durch die abstrakten Arbeit zu erwähnen, daher also unvollständig ist, und daß er aus eben diesen Gründen keinerlei Krisentheorie entwickeln kann. Durch häufige Bezüge auf die Wert-Abspaltungskritik und insbesondere auf Texte von Robert Kurz wurden in den Vorträgen und Diskussionsbeiträgen unsere Kritikpunkte verdeutlicht. Bei den Diskussionen wurde als das größte Manko bei Postone die Absenz einer Krisentheorie betont. Seine Hinweise auf eine ökologische Krisensituation wurden übereinstimmend als ungenügend für eine Erklärung des heutigen Kapitalismus empfunden.

Postone, Moishe; Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft; Freiburg; 2003
ders.; „Marx neu denken“; in: Jaeggi, Rahel und Loick, Daniel (Hrsg.); Nach Marx; Berlin; 2013
ders.: „Die Deutschen inszenieren sich am liebsten als Opfer“, Interview mit Philipp Schmidt; in: Gremliza, Hermann L. (Hrsg.): No way out?; Hamburg; 2012

2. Tomasz Konicz, Die Ukraine und die Weltkrise des Kapitals

Das Referat wird die eskalierende geopolitische Auseinandersetzung um die Ukraine als Moment der tiefen strukturellen Krise des spätkapitalistischen Weltsystems diskutieren. Einerseits sollen die Frontverläufe bei dem neoimperialistischen „Great Game“ an der Südwestflanke der Russischen Föderation dargestellt und die Motivation der einzelnen Großmächte erhellt werden. Zugleich gilt es, diese geopolitische Akteure als Getriebene der sich verschärfenden innerkapitalistischen Widersprüche zu begreifen, die hierauf mit einer nach Außen gerichteten Expansionsbewegung reagieren. Den Hauptteil des Vortrags wird aber die innerukrainische Krisenentfaltung einnehmen, in deren Folge das pauperisierte osteuropäische Land seiner sozioökonomischen Reproduktionsbasis verlustig ging. Die Kernthese des Vortrags lautet somit, dass die Ukraine nur deswegen zum Objekt des geopolitischen Great Game zwischen Ost und West werden konnte, weil aufgrund eines drohenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs die ökonomische Grundlage der staatlichen Souveränität dieses postsowjetischen Landes erodierte – und die Staatsführung sich folglich zwischen einer Einbindung in das russische oder das europäische Bündnissystem entscheiden musste.

    Hören:

    Download: Teil 1 (0:57 h, 34 MB), Teil 2 (0:44 h, 26 MB)

3. Claus Peter Ortlieb, Krisenerklärungen und Transformationskonzepte ohne Subjekt- und Ideologiekritik: Wie sich der Kapitalismus nicht überwinden lässt

Die Erkenntnis, dass es sich bei gegenwärtige Krise nicht bloß um den Übergang in den nächsten Modus kapitalistischer Vergesellschaftung handelt, sondern vielmehr diese selber unhaltbar geworden ist, hat inzwischen das Umfeld sowohl der „Piratenpartei“ als auch das der Partei „Die Linke“ erreicht. Es finden sich dort Krisenerklärungen, die nicht auf das angeblich aus dem Ruder gelaufene Finanzkapital abheben, sondern die Ursachen in der Entwicklung der Produktivkräfte und dem mit ihr verbundenen Verschwinden der Arbeit aus der Produktion sehen. Sie sind damit an eine wertkritische Krisentheorie immerhin anschlussfähig. Es könnte sich daher als sinnvoll erweisen, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, was im Vortrag versucht werden soll:

Diese Krisenerklärungen gründen in einer objektivistisch verkürzten Kapitalismuskritik, so als seien die Subjekte von der Gesellschaft, der sie angehören, gar nicht affiziert. Für die einen wird die Technik zum eigentlichen Träger eines quasi automatischen Übergangs in die neue Gesellschaft, für die anderen scheint sich die Transformation auf die Organisation einer neuen „A-Klasse“ der mehr oder weniger prekär Beschäftigten innerhalb der bestehenden politischen Strukturen zu reduzieren. Dagegen dürfen die – offenbar transhistorisch gedachten – Waren- und Geldsubjekte bleiben wie sie sind. Dass diese auf die Krise mehrheitlich mit reaktionären Ideologien reagieren, wird dabei hoffnungsfroh übersehen.

Ludger Eversmann: Projekt Post-Kapitalismus: Blue Print für die nächste Gesellschaft, Telepolis-Ebook, Hannover 2014
Constanze Kurz / Frank Rieger: Arbeitsfrei: Eine Entdeckungsreise zu den Maschinen, die uns ersetzen, München 2013
Manfred Sohn: Vor dem Epochenbruch: Warum die gegenwärtige Krise keine »normale« ist und was das für die Linke heißt, Neues Deutschland 06.08.2013, http://www.neues-deutschland.de/artikel/829420.vor-dem-epochenbruch.html
Manfred Sohn: Am Epochenbruch: Varianten und Endlichkeit des Kapitalismus, Köln 2014

4. Roswitha Scholz, Zur Dialektik der Fetischkritik: Die Wandlungen der Fetischmuskritik im Zuge gesellschaftlicher Transformationsprozesse und die Aufgaben der Wert-Abspaltungskritik

War Fetischismus-Kritik einstmals bestimmt von Hinterzimmer-Existenzen, so gibt es sie heute in den verschiedensten Farben und Formen. Sie ist nicht bloß in den linken Diskurs eingesickert, sondern beschäftigt selbst bürgerliche Kreise. Dabei gerät sie immer mehr in die Gefahr, Bestandteil der Krisenverwaltung zu werden. Stattdessen ginge es darum, Distanz zur eigenen Theoriegeschichte zu gewinnen, auf einer Dialektik der Fetischkritik zu bestehen und kompromisslos in der Einsicht der Notwendigkeit eines „kategorialen Bruchs“ (Robert Kurz) „abgehoben“ zu intervenieren. Einfachen Lösungen im Sinne einer heruntergebrochen Wert-Abspaltungskritik sowohl im Kontext wissenschaftlicher Verarbeitung, als auch in Form von praktischen Pseudo-Konzepten, gilt es somit mit Misstrauen zu begegnen.

Christine Blättler / Falko Schmieder (Hrsg.): In Gegenwart des Fetischs, Wien 2014, http://www.turia.at/titel/fetisch.html
Luc Boltansky / Ève Chiapello: Der neue Geist des Kapitalismus, Konstanz 2003
Ulrich Bröckling: Das unternehmerische Selbst. Soziologie einer Subjektivierungsform, Frankfurt a. M. 2007

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Eine emanzipatorische Kritik der Aufklärung December 4, 2014 | 08:14 pm

Auf Einladung des Ökumenischen Netzes Rhein Mosel Saar hielt Daniel Späth (EXIT!) kürzlich in Koblenz einen Vortrag zur Kritik der Aufklärungsphilosophie am Beispiel Kants. Späth stellt Kant in den Kontext der bürgerlich-kapitalistischen Entwicklung des 18. Jahrhunderts und versucht nachzuweisen, dass Antisemitismus, Antiziganismus und Sexismus dessen Philosophie nicht äußerlich sind. Ausführlicher ist diese Kritik in einer Artikelserie in der EXIT! Nr. 8 bis 10 nachzulesen und bzgl. des Antisemitismus hier nachzuhören.

    Hören:

    Download: Vorrede der Veranstalter (0:11 h, 8 MB), Vortrag (inkl. Zwischendiskussion, 1:37 h, 70 MB) via AArchiv | via archive.org

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Gesellschaftliche Naturverhältnisse January 8, 2014 | 07:08 pm

Vom 26.-29. Oktober 2013 richtete die Gruppe »Exit!« ihr Jahresseminar unter dem etwas schlicht formulierten Thema »Gesellschaftliche Naturverhältnisse« aus. Im Folgenden werden alle vier Vorträge dokumentiert, die sich unter unterschiedlichen Gesichtspunkten (Ökonomie, Ökologie, Wissenschaft, Ideologie, Subjekt) mit einer Kritik der historischen wie gegenwärtigen Naturverhältnisse des warenproduzierenden Patriarchats befassten.
Die Mitschnitte sind, größtenteils auch in kleineren ogg-Versionen, ebenfalls auf archive.org zu finden (dort auch alles auf einmal als Zip-Archiv, knapp 400 MB). Bei den Vortragenden handelt es sich mit Ausnahme Karina Koreckys um Exit!-Redakteure. Die dokumentierten Diskussionen enthalten Beiträge u.a. von JustIn Monday und Roswitha Scholz.

Seminarankündigungstext von Roswitha Scholz:

Nach dem Zusammenbruch des Ostblocks erlebte der Kasinokapitalismus in den 1990er Jahren seinen Höhepunkt. In diesem Kontext stellten sich auch linke und feministische Theoriebildung auf kulturalistische und dekonstruktivistische Konzepte um. „Natur“ und eine wie auch immer verstandene „Materie“ waren als Beschäftigungsgegenstand weithin suspendiert, ja geradezu verpönt. Man/frau trug stets die Essentialismus-Keule bei sich. In den 2000er Jahren änderte sich dies, nicht zuletzt die Finanzkrise von 2008 machte deutlich, dass objektive und „materielle“ Problemlagen nicht mehr selbstverständlich zurückgewiesen werden können. Nun drängten auch liegen gelassene ökologische Fragen wieder in den Vordergrund, ausgehend von Skandalisierung der Klimaveränderung. Allerdings sind  postmoderne Schlacken in großen Teilen der Ökologie-Debatte noch deutlich sichtbar: So etwa im linksfeministischen Kontext: „Ziel der sozial-ökologischen Forschung ist es, Wissensinhalte in Bezug auf konkrete Problemlagen zu generieren, die es ermöglichen, praktisch verändernd in die Welt einzugreifen. Dementsprechend beansprucht das Konzept der gesellschaftlichen Naturverhältnisse keine universalisierende Welterklärung, sondern die Generierung kontextualisierten Gestaltungswissens. Gesellschaftliche Naturverhältnisse werden in ihrer Pluralität betrachtet und es wird zwischen  einer Vielzahl gesellschaftlicher Naturverhältnisse differenziert – es gibt nicht das singuläre gesellschaftliche Naturverhältnis.“ (Diana Hummel/Irmgard Schulz, Hervorheb.i.O.)
Wenn wir von gesellschaftlichen Naturverhältnissen sprechen, geht es um etwas anderes, nämlich um das Verhältnis von Natur und kapitalistischem Patriarchat, das sich nicht in postmoderne Pluralität auflösen lässt. Ökologische Probleme können unter kapitalistischen Bedingungen nicht gelöst werden; darüber hinaus weisen neue ökologische Bewegungen starke ideologische Momente auf, die bei fortschreitender Krise ihr Destruktionspotential erst voll entfalten könnten, wie anhand der Postwachstumsbewegung aufgezeigt wird. Außerdem werden Überlegungen zum Androzentrismus in der Geschichte der Naturwissenschaften und zur „Natur des Subjekts und des Staates“ angestellt.

1. Claus Peter Ortlieb: Kapitalistische Krise und Naturschranke

Claus Peter Ortlieb leitete das Seminar ein mit recht umfangreichen Ausführungen zu aktuellen Positionen, die den Zusammenhang von kapitalistischer Ökonomie, Wachstumszwang und den Grenzen der ökologischen Belastbarkeit der natürlichen Umwelt thematisieren – und meist verfehlen. Der Vortrag enthält einige Zwischen- und eine Abschlussdiskussion, die ebenfalls dokumentiert sind. Der eingangs erwähnte Konkret-Artikel zum selben Thema ist mittlerweile online verfügbar.

Anders als die ökonomische Krise, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit als vorübergehende Erscheinung gedeutet wird, wird die ökologische Krise dort durchaus als Grundproblem der modernen Lebensweise wahrgenommen. Allzu offensichtlich ist der Widerspruch zwischen den ökonomischen Wachstumsimperativen auf der einen und der Endlichkeit der stofflichen Ressourcen auf der anderen Seite. Solange allerdings die kapitalistische Produktionsweise für so natürlich gehalten wird wie die Luft zum Atmen, beruhen alle Problemlösungen auf Fiktionen: Während die einen die Naturschranke unter Hinweis auf den technischen Fortschritt als nicht existent vom Tisch wischen, vernachlässigen oder verniedlichen die anderen die systemischen Zwänge und halten allen Ernstes einen Kapitalismus ohne Wachstum für möglich. Dazwischen versucht eine Mehrheit, das Problem durch die Kreation logisch unverträglicher Begriffe wie den des „nachhaltigen Wachstums“ zu vernebeln und sich so die Vereinbarkeit des Unvereinbaren einzureden.

Zur Klärung der Frage, was da eigentlich so zwanghaft wächst, sollen im Referat die im Laufe der kapitalistischen Entwicklung dynamisch sich verändernden Beziehungen zwischen Mehrwertproduktion, stofflichem Output und Ressourcenverbrauch und die aus ihnen resultierenden Wachstumszwänge untersucht werden. Dabei zeigt sich, dass ökonomische und ökologische Krise einerseits dieselbe Ursache in dem immer weiteren Auseinandertreten von stofflichem und abstraktem Reichtum haben. Auf der anderen Seite geraten die innerkapitalistischen Lösungsversuche für beide Krisen miteinander zunehmend in Widerspruch: Während etwa im Rezessionsjahr 2009 die weltweite CO2-Emission tatsächlich leicht zurückging, laufen die vergeblichen Versuche zur Bewältigung der ökonomischen Krise darauf hinaus, noch die letzten natürlichen Schranken gewaltsam zu durchbrechen.

2. Johannes Bareuther: Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft

Die Naturwissenschaften, die das Wissen zur Naturbeherrschung liefern können, tauchen in den Debatten, die sich auf die Kritische Theorie beziehen, in den letzten Jahren nur selten auf. Dankenswerterweise erinnert daher Johannes Bareuther mit seinen Überlegungen zum Androzentrismus der naturbeherrschenden Vernunft an einige Texte und Diskussionen zur Kritik der Naturwissenschaften. Hervorgehoben wird etwa ein unvollendetes Meisterwerk (Fabian Kettner) aus dem Jahr 2004: Eske Bockelmanns Im Takt des Geldes, ein Buch, das anhand der Taktlehre aufzeigen konnte, wie Geld das Denken von seinen Grundlagen her bestimmt. Rhythmus nach betont/unbetont erscheint als etwas ganz Natürliches, ist aber erst seit dem 17. Jahrhundert Norm. Das Referat arbeitet die Grenzen der Untersuchung Bockelmanns sowie den Zusammenhang von Geschlecht und Wissenschaft heraus und nimmt Bezug auf einen älteren Aufsatz von Claus Peter Ortlieb.

Dass ein enger Zusammenhang zwischen der Entstehung der neuzeitlichen Naturwissenschaften und der kapitalistischen Vergesellschaftung besteht, aus dem sich auch deren destruktive Tendenzen erklären, diese Ahnung treibt schon länger TheoretikerInnen um. 2004 wies Eske Bockelmann in überzeugender Weise nach, dass sich die gesetzesförmige Naturerkenntnis der klassischen Mechanik einer an der Ware-Geld-Beziehung erlernten Abstraktionsleistung verdankt. Nicht in den Blick gerät in seiner Studie (wie in vielen anderen Wissenschaftskritiken) jedoch, welch konstitutive Rolle dem sich in derselben Zeit umwälzenden Geschlechterverhältnis hinsichtlich den naturwissenschaftlichen Denk- und Praxisformen zukam. Und dies, obwohl feministische Theoretikerinnen wie Elvira Scheich und Evelyn Fox Keller diesem Zusammenhang auf unterschiedlichen Ebenen bereits seit den 1980er Jahren nachgegangen sind. Keller untersuchte u. a. die geschlechtliche Metaphorik in den Schriften Francis Bacons, der von Bockelmann wie schon zuvor von Adorno/Horkheimer als Kronzeuge des modernen Programms wissenschaftlicher Naturbeherrschung herangezogen wird. Scheich wiederum knüpft in ihrem Buch Naturbeherrschung und Weiblichkeit (1993) an Sohn-Rethels Versuche an, die Entstehung der Naturwissenschaft aus der formalen Vergesellschaftung über das Geld zu erklären. Dabei erweitert sie Sohn-Rethels androzentrische Perspektive um die Dimension der abgespaltenen, unbewusst gemachten Gesellschaftlichkeit des Geschlechterverhältnisses und hebt die Bedeutung des Phantasmas der Weiblichkeit für das wissenschaftliche Naturverhältnis der Moderne hervor.

Der Vortrag möchte, an die feministische Wissenschaftskritik anknüpfend, einige Überlegungen vorstellen, wie eine wert-abspaltungs-theoretisch akzentuierte Kritik der Naturwissenschaft aussehen kann, wobei der Schwerpunkt auf der historischen Konstitutionsphase um das 17. Jahrhundert liegen wird.

Literatur:

Bockelmann, Eske (2004): Im Takt des Geldes: Zur Genese modernen Denkens. 1., Aufl. Springe: Zu Klampen.
Braun, Kathrin; Kremer, Elisabeth (1987): Asketischer Eros und die Rekonstruktion der Natur zur Maschine. Oldenburg: Bibliotheks- u. Informationssystem d. Univ. Oldenburg (Studien zur Soziologie und Politikwissenschaft).
Keller, Evelyn Fox (1986): Liebe, Macht und Erkenntnis. Männliche oder weibliche Wissenschaft. Carl Hanser.
Merchant, Carolyn (1987): Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft. C.H. Beck Verlag.
Ortlieb, Claus Peter (1998): „Bewusstlose Objektivität – Aspekte einer Kritik der mathematischen Naturwissenschaft“. In: Krisis. (21/22).
Scheich, Elvira (1993): Naturbeherrschung und Weiblichkeit: Denkformen und Phantasmen der modernen Naturwissenschaften. Pfaffenweiler: Centaurus (Feministische Theorie und Politik).
Scheich, Elvira (1990): „„Natur“ im 18. Jahrhundert und die Bestimmung der Geschlechterdifferenz“. In: Gerhard, Ute; Jansen, Mechtild; Andrea, Maihofer; u. a. (Hrsg.) Differenz und Gleichheit. Menschenrechte haben (k)ein Geschlecht. Frankfurt am Main: Ulrike Helmer Verlag.

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    Download via AArchiv: Vortrag (1:10 h mit Zwischendiskussion, 42 MB), Diskussion (0:18 h, 11 MB)

3. Karina Korecky: »Man nennt mich Natur und ich bin doch ganz Kunst«: Zur Natur des Subjekts und des Staates

Karina Korecky widmet sich der Geschichte des bürgerlichen Naturverhältnisses auf der Ebene der politischen Theorie. Die »innere Natur des Menschen«, die in den Vertragstheorien seit Hobbes als Voraussetzung des politischen Gemeinwesens, bürgerlicher Subjektivität und Rechtsgleichheit begriffen worden ist, verlor im Zuge der »Biopolitik« des »autoritären Staates« den Charakter einer positiven Berufungsinstanz und wurde folgerichtig im 20. Jh. zum Gegenstand rücksichtsloser »Dekonstruktion«. Wie angesichts dieser historischen Konstellation noch ein »Eingedenken der Natur im Subjekt« (Horkheimer/Adorno) möglich ist, ohne Natur zur Parole verkommen zu lassen, ist die letztlich unbeantwortbar bleibende Frage des Vortrags, der an vielen Stellen sympathisch-unsichere, fragende, aporetische Züge trägt.

Wer in kritischer Absicht von den Gründen für Unfreiheit, Unterdrückung und Diskriminierung spricht, verortet diese normalerweise in der Gesellschaft oder im Sozialen, keineswegs in der Natur. Alles, was gesellschaftlich, sozial, gemacht oder konstruiert ist, kann verändert werden, während „Natur“ Ungleichheit und Zwang verfestigt und legitimiert. Einst war das genau anders herum: Die Natur war gut und ihr zum Durchbruch zu verhelfen Programm der Aufklärung zur Durchsetzung von Freiheit und Gleichheit.

Die freundliche Natur der Aufklärung des ausgehenden 18. Jahrhunderts wurde zweihundert Jahre später zur Berufungsinstanz für Ungleichheit. Wer heute für gleiche Rechte kämpft, kritisiert „Naturalisierung“ und „Biologismus“. Am konsequentesten – sozusagen als Aufklärung mit umgekehrten Vorzeichen – geht dabei der linke Poststrukturalismus vor, der eine klare Feinderklärung an Natur abgibt und auf die Fähigkeiten des Geistes zur (De-)Konstruktion setzt. Demgegenüber steht in der linken Debatte ein eher hilfloser und vage bleibender Verweis auf Natur als das unverfügbare Moment, das sich sperrt, nicht aufgeht im beherrschenden Zugriff – manchmal verbunden mit der Hoffnung, da möge es ein Außen der gesellschaftlichen Totalität geben, vielleicht sogar einen Ausgangspunkt, an dem der revolutionäre Hebel angesetzt werden kann.

Der Vortrag handelt von der inneren Natur als Voraussetzung von Subjekt (Natur des Menschen) und Staat (Naturzustand) und ihrer Geschichte. Gezeigt werden soll, dass Materialismus nicht heißen kann, nach dem richtigen Naturbegriff zu suchen, sondern die Geschichte des Verhältnisses von Geist und Natur zu erzählen: von der Befreiung versprechenden Natur zur Biopolitik des autoritären Staates.

    Hören:

    Download via AArchiv: Vortrag (0:52 h, 31 MB)

4. Daniel Späth: Postwachstumsbewegung: Eine Variante (links)liberaler Krisenverdrängung

Daniel Späth sprach noch einmal (siehe Mitschnitt aus Halle) über die verschiedenen Varianten linker und liberaler »Wachstumskritik«, die er in einen Zusammenhang mit der Aufklärungsphilosophie stellt.

Es ist ein Wesensmerkmal des linken ideologiekritischen Reduktionismus, sich in den vielfältigen Polaritäten moderner Subjektivität einzurichten und damit Freiheit im Sinne Adornos, als kritische Verweigerung gegenüber den herrschenden Alternativen, der Partikularität zu überantworten. Ob nun der Idealismus zu einem Materialismus (Hegel vom Kopf auf die Füße gestellt) oder aber der Subjektivismus zu einem Objektivismus („Historischer Materialismus“) gewendet wird, das Resultat ist immer dasselbe: Als kritische Weiterentwicklung der bürgerlichen Vernunft apostrophiert, desavouiert sich der identitätslogische Anbau an der modernen Theoriearchitektur nicht etwa als transzendierende Kritik, sondern regelmäßig als ein immanenter Widerpart. Dieser Reduktionismus blamiert sich insbesondere in der Krise des warenproduzierenden Patriarchats. Der westliche Linksradikalismus, der statt der Fundamentalkrise überall „Chancen“ und „Aushandlungsoptionen“ wittert, hat die realgeschichtlichen Metamorphosen der Aufklärungsvernunft nicht überwunden, welche vielmehr zum unhinterfragbaren Selbstverständnis sedimentierte. Der weithin neoliberalisierten Linken scheinen sich quasi naturwüchsig neue Alternativen zu eröffnen: „Aufklärung“ versus „Gegenaufklärung“, „Vernunft“ versus „Unvernunft“, „Liberalismus“ versus „Volkstum“ etc., wobei, der identitätslogischen Versessenheit folgend, erstere gerne dem „rationalen Westen“ und letztere irgendwelchen „irrationalen Banden“ zugeordnet werden, wodurch der eigene männlich-westliche, weiße Standpunkt wieder mal fein raus ist.

Einer derart verkürzten „Ideologiekritik“ muss die „Postwachstumsbewegung“ als Wiederkehr eines ausgemacht völkischen Denkens gelten. Schließlich operieren ihre VertreterInnen nicht nur mit einem positiven Naturbegriff, darüber hinaus verweisen die diversen Begründungsmodi eines „falschen Wachstums“ auf eine strukturell antisemitische Ideologie, deren Ursachendiagnostik bezüglich der Krise sich ausschließlich auf das dämonisierte Finanzkapital und den inkriminierten Zins kapriziert. Für die assoziative Grundgesinnung des postmodernisierten Linksradikalismus bedürfte es hierbei keinerlei dialektischer Begründung mehr, zumindest dort, wo derartige Sachverhalte noch einem Anspruch der Kritik unterliegen: Naturversessenheit und struktureller Antisemitismus – na, wenn das kein völkisches Denken ist… Allerdings handelt es sich hierbei um einen Trugschluss. Denn dass struktureller Antisemitismus und ein problematischer Naturbegriff gleichwohl zu Bestandteilen liberaler Gesinnung gerinnen können, soll an ausgewählten Texten jener „Postwachstumsbewegung“ rekonstruiert werden. In diesem Sinne wird der erste Teil des Vortrags einen erkenntnis- und ideologiekritischen Durchgang durch zentrale Referenztheorien der Postwachstumsideologie (Immanuel Kant/ Silvio Gesell) versuchen, um den gemeinsamen epistemologischen Bezugsrahmen einer liberalen Zins- bzw. Geld„kritik“ offenzulegen, um sodann ihre zentrale Kategorie in den Fokus zu rücken: Die Natur. Auch weitere wichtige Aspekte der Postwachstumsbewegung (Regionalwährung, quasi subsistenzwirtschaftliche Arbeitsformen, neue Maßstäbe des Wachstums etc.) werden dabei einer Kritik unterzogen und in den Kontext der Fundamentalkrise gerückt, deren konstitutiver Bedingungszusammenhang für jene liberale „Kritik“ des Wachstums evident ist.

    Hören:

    Download via AArchiv: Teil 1 via AArchiv (0:40 h, 24 MB), Teil 2 (1:13 h, 44 MB)

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Feministische Theorie im Frühling October 15, 2013 | 05:46 pm

Im Frühling dieses Jahres fand in Jena eine interessante Veranstaltungsreihe statt, die vom StuRa und dem Gleichstellungsreferat der Uni Jena (beide Gremien sind inzwischen neu besetzt) organisiert wurde. Es wurden in dieser Reihe verschiedene Ansätze feministischer Gesellschaftskritik vorgestellt, die derzeit in der radikalen Linken diskutiert werden.

Es geht um Materialismus, queer theory und Feminismus. Queer Theory ermöglicht es, Heteronormativität und gesellschaftliche Normierungsprozesse zu benennen und zu kritisieren. Aber die Produktionsverhältnisse und materiellen Lebensbedingungen lassen sich nicht dekonstruieren. Wie kann der Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus aussehen – und was ist untragbar für eine emanzipatorische Gesellschaftskritik?

1. Roswitha Scholz: Die Wert-Abspaltungskritik – ein neuer Versuch marxo-feministischer Theoriebildung

Roswitha Scholz hat in ihrem Vortrag einführend einige Grundgedanken der Wert-Abspaltungskritik vorgestellt, wie sie vor allem in „Der Wert ist der Mann“ und „Das Geschlecht des Kapitalismus“ ausformuliert ist, wie sie aber auch aus vielen anderen Vorträgen bekannt sind. Gegen Ende stellt sie einige Überlegungen zur Verwilderung des Patriarchats und der Herausbildung zwangs-flexibilisierter Identitäten im Neoliberalismus an. Im Zusammenhang mit Scholz‘ Vortrag sei auf die jüngeren Ausgaben der Exit! verwiesen, in denen das Geschlechterverhältnis auf verschiebenen Ebenen erneut diskutiert wurde. Ebenfalls sei auf die Rezension von Justin Monday anlässlich der Neuauflage von „Das Geschlecht des Kapitalismus“ im letzten Jahr verwiesen.

Seit geraumer Zeit lässt sich eine Marx-Renaissance beobachten. Nach dem „cultural turn“ der letzten Jahrzehnte treten nun wieder „materielle“ Aspekte in den Vordergrund. Und so fordert Nancy Fraser auch im feministischen Kontext „Frauen, denkt ökonomisch“. Ansonsten sind jedoch marxo-feministische Konzepte rar, die jenseits traditioneller Marxismen nach dem Zusammenbruch des Ostblocksozialismus und den neuerlichen Krisenentwicklungen im Kapitalismus Neuland betreten. Im Vortrag wird thesenhaft die Wert-Abspaltungstheorie als „Big Theory“ vorgestellt, die einer neuen Qualität des warenproduzierenden Patriarchats Rechnung tragen und dabei gleichzeitig auch die kulturell-symbolische Ebene berücksichtigen will.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 46,2 MB; 50:25 min) | Diskussion (mp3; 48,2 MB; 52:37 min)

2. Hanna Meißner: Kritik der politischen Ökonomie queer/feministisch gelesen

Hanna Meißner (u.a. „Jenseits des autonomen Subjekts“) will in ihrem Vortrag die Grenzen der Marx’schen Analysen aufzeigen und wie an dieser Grenze poststrukturalistische bzw. queer-theoretische Analysen anknüpfen können. Dabei referiert sie einige Merkmale der Subjektivität des Warenbesitzers und weist darauf hin, dass dieser konstitutiv von Voraussetzungen abhängig ist, die nicht in seinem Wirkungsbereich liegen und die er selbst nicht einholen kann. Der Marx’schen Analyse müsse mit einer gewissen Notwendigkeit entgehen, wie genau an dieser Stelle das Geschlechterverhältnis wirkmächtig wird. Meißner verweist daher auf Subjektivitäts-Analysen von Butler, Foucault und Spivak.

Die Frage, was die Marx’’sche Kritik der politischen Ökonomie zur Analyse der Geschlechterverhältnisse beitragen kann wurde in Teilen der feministischen Debatten lange intensiv und kontrovers diskutiert. Sie ist allerdings in der jüngeren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten und schien durch einen poststrukturalistisch informierten Blick auf die wirklichkeitskonstituierenden Effekte der diskursiven Ordnung überlagert. Statt allerdings von einer Unvereinbarkeit von queer/feministischen Theorien und der Marx’’schen Kapitalismusanalyse auszugehen, lohnt sich eine erneute Re-Lektüre der Marx’’schen Texte. Marx bietet für (queer/feministische) Gesellschaftskritik ein wichtiges Instrumentarium, da er mit der kapitalistischen Produktionsweise einen historischen Strukturzusammenhang erkennbar macht, der unserem In-der-Welt-Sein (auch in seiner vergeschlechtlichten Dimension) bestimmte Formen und Dynamiken vorgibt und spezifische Hierarchisierungen sowie versachlichte Herrschaftsverhältnisse hervorbringt.

Interessant ist dabei nicht so sehr das, was Marx selber zum Verhältnis von Männern und Frauen und zur geschlechtlichen Arbeitsteilung geschrieben hat. In einer Lektüre von Marx nach Judith Butler (und Michel Foucault) lässt sich argumentieren, dass auf der analytischen Abstraktionsebene, auf der Marx die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise rekonstruiert, gar keine Aussagen über Geschlechterverhältnisse oder Heteronormativität möglich sind. Wird dies als (notwendige) Grenze der Marx’’schen Analyse gelesen, dann lassen sich Anschlüsse zu einer queer/feministischen Perspektive eröffnen.

    Download: via AArchiv (mp3; 42,3 MB; 46:14 min)

3. Andrea Truman: Bürgerschreck: der schwule Mann

Andrea Trumann (u.a. „Feministische Theorie“, „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ und Mitarbeit an der „Scherbentheorie“) hat in ihrem Vortrag zunächst an zwei Beispielen (eine Dokumentation über Homophobie im Fußball und eine Studie von Frank Lammerding) und dann mit Bezug auf Foucault und Freud einige Thesen zu den gesellschaftlichen Ursachen von Homophobie vorgestellt. Zentral ist dabei das Begriffspaar Aktivität/Passivität, wobei Aktivität männlich kodiert und mit Leistungsfähigkeit verbunden ist, während Passivität für Weiblichkeit bzw. Verweiblichung und Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung steht.

Homosexualität scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber unter dieser oberflächlichen Anerkennung, schwelt immer noch der Hass auf Schwule. In Kreuzberg werden Schwule nach Partys abgefangen und zusammengeschlagen; „schwul“ ist in Schulen neben „Jude“ eins der beliebtesten Schimpfwörter. Und auch die Toleranz im bürgerlichen Milieu endet in der Regel, wenn es um die eigene Kinder geht. Aber woher kommt dieser Hass auf Schwule, der sich unter der Oberfläche bürgerlicher Toleranz Bahn bricht? Dieser Hass ist nicht das Andere zur bürgerlichen Gesellschaft, sondern konstitutiv für diese. Gehasst wird an den Schwulen nicht, dass sie mit jemandem gleichgeschlechtlichen schlafen, sondern dass im schwulen Sex mindestens einer in die Rolle der Frau schlüpfen und sich „ficken“ lassen muss.

Die Angst vor dem Schwulsein ist gleichzeitig eine Angst vor der Verweiblichung. Eine Angst, die auch bei einem Großteil der schwulen Szene selbst nicht Halt macht, in der ein Männlichkeitskult gepflegt wird, der Tunten oftmals ausschließt. Der Hass auf die Schwulen wird geschürt durch die Angst vor der Passivität und dem Kontrollverlust, hinter der sich der Wunsch eben danach verbirgt. Denn dem Schwulen (gleichsam wie der Frau) wird die Macht zugesprochen, die Bürger von ihrem rechten Weg (vom Arbeitszwang und der Kleinfamilie) abzubringen, und dieser Wunsch nach Ruhe und Kontrollverlust muss bei Strafe des drohenden Untergangs, die innerhalb kapitalistischer Vergesellschaft der Preis wäre für das Auslebens dieses Bedürfnis abgewehrt werden und die vermeintlichen Verführer gehasst und im schlimmsten Fall ausgelöscht werden.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 52,7 MB; 57:35 min) | Diskussion (mp3; 34,4 MB; 37:31 min)

4. Lars Quadfasel: The Great Gender‘n'Trouble Swindle. Judith Butlers un_kritische Theorie

Lars Quadfasel rekonstruiert in seinem Vortrag kurz die feministischen Debatten und Widersprüche, aus denen heraus Judith Butlers Projekt entstand, will zeigen, dass Butler nicht so radikal ist, wie es von ihren Anhängern suggeriert wird und kritisiert einzelne Theoreme Butlers. Größeren Raum nimmt dabei das Verhältnis von Geist/Mensch/Kultur auf der einen und Körper/Natur auf der anderen Seite ein. Gegen Ende kritisiert er einige Aspekte von Butlers Moralphilosophie und zeigt auf, warum der Antizionismus mit einer gewissen Notwendigkeit aus deren Prämissen folgt. Die Diskussion, in der es u.a. um Butlers Begriff der Verletzbarkeit und noch einmal um das Verhältnis von erster und zweiter Natur geht, ist dann nochmal relativ interessant. Vgl. auch „Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012“.

Quadfasel will zeigen, dass Butlers Ansatz im Grunde eine Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus ist und entsprechend der kapitalistischen Logik nicht die Emanzipation von den geschlechtlichen Zwangscharakteren, sondern lediglich deren Flexibilisierung betreibt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 51,9 MB; 56:39 min) | Diskussion (mp3; 37,4 MB; 40:49)

5. Korinna Linkerhand: Leben wir (noch) im Patriarchat? Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus

Korinna Linkerhand (Meine Frauengruppe, u.a. Autorin in „Outside the Box“, z.B. „Der postmoderne Körper“: Vortrag, Text) nimmt in ihrem Vortrag eine grundlegende Bestimmung des Patriarchat-Begriffs vor und bestimmt Sexismus als ideologischen Niederschlag des Patriarchats. Einigen Raum nimmt in ihrem Vortrag die Bestimmung des Verhältnisses von Patriarchat und Kapitalismus ein, wobei sie den Kapitalismus in Bezug auf Roswitha Scholz als warenproduzierendes Patriarchat begreift, für das eine Abspaltung des Weiblichen konstitutiv ist. In diesem Zusammenhang entgegnet sie auch der Auffassung, im Kapitalismus seien patriarchale Verhältnisse bereits tendenziell überwunden. Zuletzt übt sie eine Kritik am „Postfeminismus“, dem sie einen materialistischen und universellen Feminismus entgegenstellt, der Gesellschaftskritik als Kritik eines historischen Vermittlungsverhältnisses von Mensch und Natur formuliert, anstatt Natur in Diskurse auflösen zu wollen.

Dass die Rede vom Patriarchat gegenstandslos geworden sei, ist eine gängige Diagnose von gesellschaftskritischer und auch genderbewegter Seite, die angesichts der mittlerweile umfassenden Gleichstellung der Frau in der westlichen Hemisphõre auf der Hand zu liegen scheint: Frauen seien berufstätig, selbstbestimmt und obendrein Kanzlerin, eine Vielfalt von Lebensentwürfen stünden ihnen zur Verfügung und vorm Kapital seien sowieso alle gleich. Doch nach wie vor ist Geschlecht ein nicht wegzudenkendes Strukturprinzip der Gesellschaft: Menschen werden wie eh und je in Männer und Frauen unterteilt und zu solchen sozialisiert. Das Patriarchat als Analysekategorie vor allem der Zweiten Frauenbewegung bezeichnet die Herrschaft von Männern bzw. – unter den Vorzeichen einer abstrakten Vergesellschaftung – eines männlichen Prinzips, wie sie innerster Bestandteil nicht nur der abendländischen Kultur ist. Sollte das Geschlechterverhõltnis nun plötzlich nicht mehr herrschaftlich verfasst sein? Fördert die Leugnung eines patriarchalen Gefälles in der Gesellschaft nicht letztlich das ungebrochene Fortwirken der sexistischen Ideologie – wirft es nicht vor allem Frauen mit ihrer Vielzahl an geschlechterspezifischen Problemen, die sie ihrer Sozialisation verdanken, in die Vereinzelung zurück, wenn wir aufhören, die Besonderheiten weiblicher Subjektbildung zu analysieren und zu kritisieren?

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6. Katharina Lux: Marx und der blinde Fleck des Feminismus

In ihrem Vortrag weist Katharina Lux auf einen grundlegenden Mangel in den gängigen feministischen Theoriemodellen hin — ihnen fehle ein Begriff gesellschaftlicher Totalität sowie grundlegende Bestimmungen des gesellschaftlichen Seins. So gibt sie eine allgemeine Skizze des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Arbeit und Vergegenständlichung, sowie – für eine feministische Gesellschaftskritik entscheidend – der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Hauptbezugspunkte für ihre Thesen sind dabei die Philosophisch-ökonomischen Manuskripte von Marx und „Die deutsche Ideologie“ von Marx und Engels sowie „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ des späten Georg Lukács. Insgesamt ist der Vortrag ein nützlicher Crashkurs durch den historischen Materialismus, der als Anregung für eine feministische Kritik verstanden werden will. In ihrem kürzlich in der vierten Ausgabe der Zeitschrift „Outside the Box“ erschienen Text mit dem Titel „Über die Repräsentation der Differenz und die Kritik Marx’scher Begriffe“ verfolgt sie eine ähnliche Stoßrichtung.

Was Georg Lukács schon in den 60er Jahren für die kommunistische Theoriebildung allgemein feststellte, gilt heute immer noch und ebenfalls für das Bewusstsein der feministischen Linken: Der Mangel der theoretischen Entwicklung grundlegender Kategorien des gesellschaftlichen Seins. Heute drückt sich dieser Mangel sowohl darin aus, dass keine Reflektion der implizit in den vertretenen feminstischen Theorien enthaltenen Vorstellungen von Natur, Gesellschaft und Menschsein geleistet wird, oder aber – wie zur Zeit überall in Mode – die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins als angeblich nicht notwendige oder sogar dogmatische zum Schein verworfen werden. Das Resultat ist – so ist zu befürchten – die Wiederholung der beklagten Fehler der zweiten Frauenbewegung. Die zweite Frauenbewegung war spätestens seit den 80er Jahren größtenteils rekuperiert, ihre Forderungen beschränkten sich auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Interessen der Frauen und ihre Teilhabe in der bestehenden Gesellschaft. Plötzlich passte sie hervorragend zu den neuen Anforderungen an die Subjekte in der kapitalistischen Gesellschaft. Nach dieser historischen Erfahrung stellt sich heute für die theoretische Arbeit des Feminismus die Aufgabe, das Verhältnis des Feminismus zur Totalität der Gesellschaft zu bestimmen, will er der Partikularisierung und Einhegung seines Begehrens auf ein für die kapitalistische Gesellschaft verträgliches Maß entgehen. Andernfalls wird der Feminismus zum zufälligen Produkt der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die er selbst nicht versteht oder verstehen will und der er so ausgeliefert bleibt.

Ein erster Schritt diesem selbstverschuldeten „Schicksal“ zu entgehen, wäre die Sichtung der grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie Menschsein, Natur, Arbeit und Gesellschaft, die im Werk von Karl Marx und Friedrich Engels vorliegen, das von FeministInnen oft verworfen wurde. Was die Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses angeht – so eine gängige Meinung bis heute – sei dieses Werk von „blinden Flecken“ durchzogen und ökonomistisch, weshalb dort nicht viel zu holen sei. Das ist ein unverzeihlicher Irrtum. Denn im Denken von Marx und Engels liegt der methodische Schlüssel, mit dem das Geschlechterverhältnis als gesellschaftlicher Komplex in seiner Eigendynamik und zugleich seiner Determiniertheit durch die kapitalistische Gesellschaft begriffen werden kann. Ebenso finden sich in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, der Deutschen Ideologie bis hin zur Kritik der Politischen Ökonomie die Grundlagen einer Subjekttheorie, die eine umfassende, nicht-partikulare Befreiung des Individuums von Herrschaft zu ihrem Ziel hat. Will die feministische Linke ihren „blinden Fleck“ überwinden, so muss sie sich dem Fundament, den grundlegenden Kategorien einer Subjekttheorie wie sie im historischen Materialismus entwickelt sind, zuwenden. Genau dieser Aufgabe ist der Vortrag gewidmet, in dem versucht werden soll, die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie sie von Marx, Engels und Lukács entwickelt wurden, darzulegen.

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Pierre-Joseph Proudhon – Vater des Anarchismus, Antifeminist und Antisemit July 22, 2013 | 08:32 pm

Einen kurzen Vortrag zur Kritik des kleinbürgerlichen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon hielt Jan Feldmann Anfang Mai 2013 im Rahmen des Offenen Antifa Treffens Dresden. Leider verfährt Feldmann in seiner Kritik wenig immanent. Statt bspw. genauer aufzuzeigen, wie Proudhons zirkulationsfixierte Gerechtigkeits- und Emanzipationsvorstellungen (»Mutualismus«) unreflektiert aus Warentausch und Vertragsform hervorgehen und in welche Widersprüche die Ablehnung des Geldes bei Beibehaltung der Warenproduktion führt, wird der falschen Kapitalismuskritik Proudhons eine richtige, offenbar wert-abspaltungskritisch inspirierte, entgegengehalten. Erfreulicherweise geht Feldmann nicht nur auf den Antisemitismus, sondern auch auf den vehementen Antifeminismus Proudhons ein. Die Diskussion habe ich als insgesamt wenig gehaltvoll empfunden.

Ankündigungstext:

Termin: Thursday, 2. May 2013, 20.00 Uhr || Ort: AZ Conni

Am 02.05. dürfen wir Jan Feldmann bei uns begrüßen, mit einem Vortrag über Pierre-Joseph Proudhon.

Pierre-Joseph Proundhon gilt als einer der ersten Vertreter des Anarchismus und beeinflusst verschiedene politische Strömungen bis heute. Durch seinen historischen Konflikt mit Karl Marx begründete er die antiautoritäre und antistaatliche Sozialismustradition, die 1871 zur Spaltung der Ersten Internationale in eine kommunistische und eine anarchistische Organisation führte. Gleichzeitig finden sich in seinen Werken antisemitische und antifeministische Ausfälle, die nicht nur hinter andere Frühsozialist_innen zurückfallen, sondern auch über den Common Sense seiner Zeit weit hinausgehen. Während diese von einigen anarchistischen Zusammenhängen als Ausrutscher betrachtet werden, die mit seinen eigentlichen Ideen nichts zu tun hätten, soll es in dem Vortrag darum gehen, beispielhaft am Proundhonismus die Gefahren falscher Kapitalismuskritik darzustellen, den inneren Zusammenhang zwischen dieser und seinem Antisemitismus aufzuzeigen und theoretische Konsequenzen zu ziehen.

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Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik (II) March 3, 2013 | 12:25 pm

Die Hamburger Intros-Reihe zur Einführung in die Gesellschaftskritik wird seit Jahresbeginn fortgesetzt mit Vorträgen, die nicht thematisch zentriert sind, sondern einzelne Theorieansätze vorstellen. Den Anfang dieser dritten Runde machte »EXIT!«-Redakteur Claus Peter Ortlieb am 3. Januar 2013 (vor einem vermutlich noch leicht verkaterten Publikum) mit einem Vortrag zur Wert- und Wert-Abspaltungs-Kritik. Er geht sowohl auf die wertkritische Deutung der marxschen Ökonomiekritik (Geldvermehrung als irrationaler Selbstzweck, subjektlose Herrschaft) als auch auf die abspaltungstheoretische Kritik des Geschlechterverhältnisses und die umstrittene Krisentheorie ein, wie sie maßgeblich von Robert Kurz entwickelt wurde. Vgl. auch die Beiträge Ortliebs zur Krisentheorie, Wissenschafts- und Subjektkritik, sowie die etwas anders geartete Einführung in die »WAK« von Daniel Späth.

Beschreibung der Reihe und Ankündigungstext des Vortrags:

Die Intros sind eine monatliche Reihe von gesellschaftskritischen Einführungsveranstaltungen, organisiert von den Gruppen a2 Hamburg, Kritikmaximierung sowie vom Freien Sender Kombinat.

Mit den Intro-Veranstaltungen wollen diese in Hamburg Raum für die Vermittlung linker Theorie bieten. Die Vorträge zielen darauf ab, sich zum ersten Mal und ohne große Vorkenntnisse mit gesellschaftskritischen Fragen auseinanderzusetzen. Mit der dritten Staffel wird nun der Versuch unternommen, gesellschaftskritische Perspektiven verständlich und einführend zu vermitteln. Statt sich auf einzelne Herrschaftsverhältnisse (zum Beispiel Rassismus oder Antisemitismus) zu konzentrieren, werden Theorieansätze vorsgetellt, die in der Linken seit Jahrzehnten diskutiert werden. Sind diese geeignet, die aktuellen Verhältnisse treffend zu analysieren und damit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Emanzipation zu leisten?

Im 11. Teil dieser Reihe referierte am 3. Januar 2013 Claus Peter Ortlieb in der Roten Flora zur Wert- und Wertabspaltungskritik.

Der von Marx in die Formel G-W-G’ gefasste Antrieb, durch Ausbeutung von Arbeit aus Geld mehr Geld zu machen, der die kapitalistische Produktionsweise als ihr alleiniges Prinzip am Laufen hält, ist von Marxisten lange Zeit allein unter dem Aspekt der damit verbundenen Aneignung des gesellschaftlichen Mehrprodukts (in der spezifischen Form des Mehrwerts) kritisiert worden. Dabei handelt es sich um eine Kapitalismuskritik, die das Kapitalverhältnis gar nicht in Frage stellt. Es geht ihr nur um die gerechtere Verteilung innerhalb dieser spezifischen gesellschaftlichen Form.

Warenform und Wertvergesellschaftung werden dagegen nicht kritisiert. „Wertkritik“ geht demgegenüber tiefer: Sie kritisiert die Warengesellschaft als ein Fetisch-System, dessen Mitglieder nicht durch bewusste Verständigung über den Einsatz ihrer gemeinsamen Ressourcen, sondern nur indirekt über die (abstrakte) Arbeit und den durch das Geld vermittelten Tausch miteinander in Verbindung stehen und sich damit einem abstrakten Prinzip ausliefern, das sich ihnen gegenüber verselbständigt hat. Zu dieser Gesellschaftsform gehört eine spezifische Form der in ihr handelnden und von ihr konstituierten Subjekte ebenso wie eine spezifische Form der Herabsetzung des Weiblichen („Wertabspaltung“), die ein Produkt der Warengesellschaft und Bedingung ihrer Möglichkeit zugleich ist. Eine Überwindung des Kapitalismus kann daher nicht nur die Abschaffung der Ausbeutung beinhalten, sondern muss darüber hinaus die kapitalistischen Realkategorien von Arbeit, Geld, Äquivalententausch und patriarchalem Geschlechterverhältnis überwinden.

Claus Peter Ortlieb aus Hamburg ist Mitglied der EXIT!-Redaktion

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Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III) November 25, 2012 | 06:18 pm

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt (EXIT!) hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Download (mp3): via AArchiv | via RS (0:45 h, 21 MB)

Download (mp3 oder ogg) via Archive.org.

Download (stereo-mp3) via MF (42 MB).

Hören:

    Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig: So steht sie in der Kritik, deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

    In dem Vortrag „Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischer Grundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann.

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Die Krise des Geldes und der Geldsubjektivität October 21, 2012 | 03:32 pm

Wir dokumentieren im Folgenden die Aufzeichnungen dreier Vorträge, die Anfang Oktober 2012 auf dem Jahresseminar der wert-abspaltungs-kritischen Theoriezeitschrift EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft gehalten worden sind.

Alle Aufnahmen sind auch auf Archive.org zu finden.

1. Georg Gangl: Geld und Zeichen. Eine kleine Ideologiegeschichte

Georg Gangl nimmt sich in seinem Vortrag linker Theorien an, die das Geld als bloßes Zeichen begreifen. Nach einem Abriss der Marxschen Geldtheorie gibt einen Überblick über die Geschichte moderner Sprach- und Zeichentheorien im Kontext subjektivistischer Ökonomie, angefangen bei Ferdinand de Saussure. Im Hauptteil steht dann Derridas Geldtheorie im Zentrum der Kritik. Die Diskussion (mit Beiträgen u.a. von JustIn Monday und Roswitha Scholz) kreist u.a. um das Verhältnis solcher Theorien zur Krisenentwicklung und zum Antisemitismus.

Anfang Juni hieß es in einem Kommentar in der „Taz“, dass Geld kein Apfel sei, sondern eine soziale Konstruktion, die sich schlussendlich auf Vertrauen gründe. Diese Gegenüberstellung ist in ihrem einfachen Gegensatz (Geld als Ding vs. Geld als soziale Konstruktion) leicht als kapitalistische Ideologie zu dechiffrieren. Und in der Tat gibt es im Kapitalismus die ideologische Tendenz, Kategorien von gesamtgesellschaftlicher Geltung zu subjektivieren und der gar nicht mehr so neue Schrei in diesem Arsenal ist die soziale Konstruktion, die sich, wenn es politisch wird, auf Vertrauen reduzieren lassen soll. Nun musste sich bereits Marx im ersten Band des Kapitals, bei der fundamentalen Bestimmung der Geldware, nicht nur mit Theoretikern herumschlagen, die meinten, Geld sei nichts Anderes als ein Apfel, sondern auch mit solchen, die Geld als reines „Zeichen“ – und somit als „soziale Konstruktion“ – begriffen. In der „beliebten Aufklärungsmanier des 18. Jahrhunderts“, so Marx, erkannten diese Theoretiker, dass die „Geldform des Dings (…) bloße Erscheinungsform dahinter versteckter menschlicher Verhältnisse“ sei, welche von ihnen aber sogleich „für willkürliches Reflektionsprodukt der Menschen“ erklärt würde.

Diese Kritik ist auch heute noch gegen die modernen ZeichentheoretikerInnen des Geldes hochzuhalten, auch wenn die Marxsche Kulanz gegenüber den ideologiekritisch-aufklärerischen Aspekten der Geldkritiken des 18. Jahrhunderts gegenwärtig nicht mehr angebracht scheint. Denn eine Betonung des Konstruktionscharakters des Geldes geht in der kapitalistischen Ideologiegeschichte nur allzu leicht einher mit dem Benennen von angeblichen Schuldigen, die mit ihren vorgeblichen Machinationen das so wichtige Vertrauen in „unsere“ Konstruktion namens Geld arglistig hintertreiben.

Im Vortrag soll es schwerpunktmäßig um moderne Formen der Zeichentheorie des Geldes gehen, die von einem linguistisch-semiotischen Standpunkt aus argumentieren. Ausgang nimmt diese Art der Geldtheorie von Ferdinand de Saussures Linguistik. Als solche hatte sie zu Marxens Zeiten noch keinen Bestand, aber seine Kritik an der Willkürlichkeit der Zeichentheorien seiner Zeit scheint auch in diesem Fall treffend zu sein. In dieser Hinsicht ist nicht nur De Saussures Verhältnis zu Vilfredo Pareto von Interesse, sondern auch die späteren Weiterentwicklungen dieses ideologischen Gepräges in den Theorien von Jean Baudrillard, Jacques Derrida und Micheal Hardt und Antonio Negri. Dabei sollte klar werden, dass diese „linke“ Form der Geldtheorie und -kritik mit ihrem rechten Gegenpart mehr gemein hat als ihr selbst lieb sein kann und dass sie, akzeptiert bis weit in den bürgerlichen Mainstream, zu nichts Anderem führt als der sozialdemokratischen Illusion einer „demokratischen Kontrolle der Währung“.

2. Peter Bierl: Einige gute Aktionen, neunundneunzig Prozent falsche Analysen. Eine Zwischenbilanz zur Occupy-Bewegung

Seinen Vortrag zur Kritik der Occupy-Bewegung und ihrer ideologischen Elaborate beginnt Peter Bierl mit einem Überblick über die unterschiedlichen Protestbewegungen in verschiedenen Ländern, welche diesem Label zugeordnet werden. Anschließend widmet er sich ideologiekritisch David Graebers Buch Schulden. Die ersten 5000 Jahre.

Die Demonstranten, die in Athen protestierten und im Frühjahr 2011 den Tahrir-Platz in Kairo besetzten, inspirierten Menschen in der ganzen Welt. Den Anfang machten Jugendliche in Spanien und Israel. Aus der Besetzung des Zuccotti-Parks nahe der Wallstreet in New York im September leitet sich der Name für eine neue Bewegung ab: Occupy. Sie verzichtet bislang auf Forderungskataloge im Unterschied zu Globalisierungskritikern und traditionellen Linken. Die Bewegung ist zumindest in den USA und Spanien anarchistisch beeinflusst.

Statt einer sozialdemokratischen Einhegung des Kapitalismus stehen der direkte Anspruch auf Gebrauchswerte und eine direkte Demokratie im Vordergrund. Anstelle des Gipfelhopping der Globalisierungskritiker engagieren sich spanische „Empörte“ ebenso wie Occupy in den USA in Alltagskämpfen: gegen den Abbau von Gesundheitszentren und Bildung, gegen Polizeiterror gegen illegale Einwanderer (Spanien), gegen Zwangsräumungen und Zwangsversteigerungen von Häusern, für Gewerkschaftsrechte (USA). Ihre Methoden sind die direkte Aktion und der zivile Ungehorsam. Das sind erfreuliche Aspekte. In Deutschland dagegen beschränkte sich Occupy aufs Zelten, obskure Gruppen wie die Zeitgeist-Bewegung und die marktradikalen Anhänger der Zinstheorien Silvio Gesells mischen mit.

Occupy pflegt wie viele Linke und Globalisierungskritiker einen regressiven Antikapitalismus. Dazu gehören falsche Vorstellungen von einem Gegensatz zwischen Finanzkapital und „Realwirtschaft“ und dass gierige Banker und Börsianer für alle Übel der Welt verantwortlich wären, was einem verbreiteten Unbehagen in der Bevölkerung entspricht und nach rechtsaußen anschlussfähig ist. Praktisch drückt sich das in Camps im Frankfurter Bankenviertel oder an der Wallstreet aus. Der Anthropologe David Graeber verstellt eine stringente Kritik des Kapitalismus schon im Ansatz, insofern er die Marxsche Werttheorie verwirft. Stattdessen entwickelt er konfuse Vorstellungen über Schulden und Schuldenerlass. Geben-und-Nehmen in Familie, Nachbarschaft, Dorf und Stadtviertel gilt ihm als Kommunismus und zusammen mit Warentausch und Hierarchien als Basis menschlichen Zusammenlebens. Solche Verklärungen schätzt das bürgerliche Feuilleton und feiert Graeber als Mastermind der Bewegung.

In dem Vortrag sollen die Occupy-Bewegung und ihre länderspezifischen Ausprägungen, Aktionen und Strukturen skizziert und die Diagnosen und Perspektiven der Bewegung, ihrer Vertreter und Bezugspersonen kritisch analysiert werden.

3. JustIn Monday: Money makes the mind go round. Spekulationen zur Frage, welche Form der Erkenntnis in der gegenwärtigen Krise zerfällt

JustIn Monday geht in seinem Beitrag u.a. der Frage nach, was passiert, wenn der Alltagsverstand in der Krise sein praktisches Wissen im Umgang mit Geld aufgibt zugunsten eines Erkenntnisinteresses, das sich auf Geld und Geldsystem selbst richtet.

Vom Geld wird in der bürgerlichen Nationalökonomie entweder so gesprochen, als sei es die natürlichste Sache der Welt, oder aber reine Künstlichkeit. Entweder nichts besonderes, oder aber vom Teufel. Erstere Linie geht vom Liberalismus aus und endet bei und mit Keynes. In Adam Smiths Kapitel „Vom Ursprung und der Verwendung des Geldes“ ist Geld schlichtweg die nützlichste Erfindung seit Adam und Eva, weil ansonsten alle Gesellschaftsmitglieder in unpraktisch verschiedenen Einheiten tauschen müssten. Im Hinblick auf diese Eigenart, durch die Wertform der Waren unmittelbar evident gegeben und gleichzeitig der Erkenntnis entzogen zu sein, entwickelte Marx seine Analyse vom Fetischcharakter der Waren. Erkenntnistheoretisch thematisiert wird darin die Grenze der Erkennbarkeit der Welt in der Wertform, wovon die naturwüchsige Entstehung des Geldes Zeugnis ablegt.

Im wesentlichen blieb es bis Keynes bei dieser Konstellation. Einerseits verlängerte dieser die liberale Linie, weil er in „Die wesentlichen Eigenschaften von Zins und Geld“, dem einschlägigen Kapitel in seinem epochemachenden Hauptwerk, Geld ebenfalls als naturwüchsig voraussetzt. Was verwundert, denn immerhin soll es sich dabei um die „Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes“ handeln. Gleichzeitig beendete er die liberale Linie aber auch, weil er diejenigen Eigenarten des Geldes herausarbeitete, die es von allen anderen Waren unterscheidet. Betont wurde nicht mehr seine Allgemeinheit, herausgestellt wurden vielmehr seine Spezifika. Dies lief auf nichts anderes hinaus als aufs bewusste Ende des laissez-faire. Darauf, die geldpolitische Kontrollierbarkeit der Gesetze der Wertform unmittelbar evident zu machen, nachdem die Weltwirtschaftskrise die Notwendigkeit, dies zu tun, auf die Tagesordnung gesetzt hatte.

Das allgemeine Äquivalent, das permanent gegen seinen eigenen Realismus verstoßen hatte, weil es in der Realität immer auch nationale Währung war, verwandelte sich so in nationale Währungen, die nur Bestand haben konnten, solange die nun wesentlich gewordene Geldpolitik es ihnen ermöglichte, als allgemeines Äquivalent erhalten zu bleiben. Das Geld als nationale Währung ist seitdem das Ebenbild jener gesellschaftlichen Konstruktion, als die das Erkenntnissubjekt in den Sozialwissenschaften von der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts an bis heute behandelt wird. Aus der „baren Münze des Apriori“ (Alfred Sohn-Rethel) wurde das Gehalt der Angestellten des Bretton-Woods-Systems, deren erkenntnistheoretischer Relativismus dem System der Wechselkurse entspricht, dass sie verwalten. Seit dem Zusammenbruch des Systems noch zwanghafter als zuvor. Sie scheitern an der Reflexion der herrschaftlichen Genesis dieser Konstruktionen mit der gleichen Notwendigkeit wie ehemals der Liberalismus an Wertform und Geld sowie die idealistische Erkenntniskritik an derjenigen des autonomen Subjekts.

Weil zudem die geldpolitische Kontrollierbarkeit der Gesetze der Wertform aber nicht gegeben ist, musste und muss das Geld im Übergang von nationaler Währung und allgemeinem Äquivalent (und zurück) ausgetrieben werden, als sei es vom Teufel. Die unmittelbare Variante hiervon ist die esoterische Geldkritik, die in den letzten Jahren deutlich an Verbreitung gewonnen hat. Ihre grausame Verallgemeinerung ist der Antisemitismus, in dem die tatsächliche Unkontrollierbarkeit der vermeintlichen Übermacht der Juden zugeschoben wird. Er entsteht auch heute wieder im Zerfall der Erkenntnisform des Subjekts in der Krise. Diesmal aber, in seiner antizionistischen Variante, als Symptom der Unhaltbarkeit der zivilen Institutionen des Weltkapitals.

Download via AArchiv: Vortrag (1:10 h, 32 MB), Diskussion (0:34 h, 16 MB)

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Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik August 6, 2012 | 01:04 pm

Auf Einladung interessierter Studierender der TU Darmstadt versuchte sich Daniel Späth (Redaktion »EXIT!«) an einer Einführung in die Wert- bzw. Wert-Abspaltungs-Kritik. Beginnend mit einer an Kant ansetzenden Kritik der Aufklärung, setzt er sich mit dem bürgerlichen und dem kritischen Marx sowie der Arbeiterbewegung auseinander, nimmt Bezug auf Foucaults Ordnung der Dinge und formuliert eine Kritik der Spaltung der deutschen Linken in »Antiimps« und »Antideutsche«. Abschließend geht er auf das geschlechtliche Abspaltungsverhältniss ein.

Download via AArchv: Vortrag (21 MB), Diskussion (unvollständig, 11 MB)

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Robert Kurz zum Gedächtnis July 28, 2012 | 06:25 pm

Am 18.7.2012 starb Robert Kurz im Alter von 68 Jahren. Mit ihm verliert die radikale Linke einen ihrer produktivsten wie innovativsten Theoretiker und Kritiker. Seine Analysen waren meist umstritten, aber stets von einer heute alles andere als selbstverständlichen Tiefe. War sein Tonfall zuweilen nicht frei von Polemik, so wurde sie ihm doch nie zum Selbstzweck. Schriften wie das Schwarzbuch Kapitalismus, deren Eindringlichkeit sich nicht zuletzt aus dem ungemilderten Hass aufs Bestehende und dessen Irrationalität speisten, brachten mich und sicher auch viele andere der Wert- und Abspaltungskritik näher und regten zum Weiterlesen, -fragen, -denken an. Robert Kurz und sein unbeirrbar kritischer Geist werden zweifellos fehlen in geistlosen Zuständen, die mehr denn je einer radikalen Kritik bedürfen. Ihm sind die folgenden Beiträge gewidmet.

1. Nachruf von Roger Behrens mit anschließendem Interview von 2006.

    Download via AArchiv (0:40 h, 14 MB) | via FRN (45 MB)

2. Collage von FSK Hamburg. Eine Stunde, gefüllt mit Erinnerungen, Würdigungen sowie teilweise kommentierten Zitaten des Verstorbenen. Mit Beiträgen u.a. von JustIn Monday, Günther Jacob, Daniel Späth.

    Download via AArchiv (1:02 h, 21 MB) | via FRN (57 MB)

3. »Proletarier aller Länder, macht Schluß!«

Das Manifest gegen die Arbeit der Gruppe Krisis stammt aus dem Jahre 1999 und ist im gleichen Zeitraum von der Redaktion 3 [FSK] eingelesen worden.

    Download: Teil 1 (19 MB), Teil 2 (20 MB) via AArchiv | via FRN (~2 h, 103 MB)

Zum Schluss noch der Hinweis darauf, dass das neue Buch von Robert Kurz im Erscheinen begriffen ist.

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Zur Ak­tua­li­tät Ador­nos für die fe­mi­nis­ti­sche Theo­rie March 8, 2012 | 06:56 pm

Kritische Theorie, Geschlechterverhältnis und Aufklärungskritik

Adornos Gesellschaftskritik ist im Zuge einer allgemeinen Marxrenaissance wieder in aller Munde. Kritische Theorie war allerdings vor dem „cultural turn“ schon einmal zentraler Ausgangspunkt feministischen Denkens. Vernachlässigt wurde dabei jedoch die Kritik der gesellschaftlichen Formbestimmung; den Bezug bildete vor allem die soziologisch-analytische Dimension. Demgegenüber gilt es heute, die grundlegende Kritik der Wert-Abspaltung, also des Zusammenhangs von allgemeiner Form und Geschlechterverhältnis, im Hinblick auf die Theorie Adornos zu thematisieren. Dabei werden auch Aspekte einer Aufklärungskritik berücksichtigt, die übrigens in der Vor-Gender-Phase des Feminismus ansatzweise bereits vorhanden war, im veränderten Kontext allerdings neu zu formulieren ist.

Zunächst zeichnet Roswitha Scholz (Exit!) in diesem im August 2011 aufgezeichneten Referat einige Ansätze feministischer Adorno/Horkheimer-Rezeption und -Kritik im deutschsprachigen Raum nach, um zu zeigen, dass in diesen sowohl die Aufklärungskritik als auch die Ebene der basalen gesellschaftlichen Formbestimmung zu kurz gekommen oder falsch gefasst worden ist. Im zweiten Teil knüpft sie an einschlägige Passagen aus der Dialektik der Aufklärung an; im dritten akzentuiert sie die Bedeutung einer Kritik der Aufklärung im Kontext der Wert-Abspaltungs-Kritik. Die Diskussion kreist um das Verhältnis und den jeweiligen Status von (aufklärerischer) Erkenntnistheorie, »Relationalität« und Dialektik. Die Diskussionsbeiträge stammen u.A. von JustIn Monday, Georg Gangl und Daniel Späth.

Die Aufnahmequalität ist leider nicht optimal, da es einige kurze Unterbrechungen durch Störgeräusche gibt. Als Ergänzung und zum Nachvollzug einiger zentraler Referenzen kann der online verfügbare Text »Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos « zu Rate gezogen werden.

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Zur Kritik des Antiimperialismus December 13, 2011 | 09:04 pm

1. Olaf Kistenmacher, Einführung in die Kritik des Antiimperialismus

Auf Einladung des BAK Shalom referierte Olaf Kistenmacher Anfang Dezember in Berlin über linken Antiimperialismus. Sein Vortrag gibt eine gute Einführung in dessen Kritik und arbeitet auch dessen impliziten Nationalismus und seine Nähe zum Antisemitismus heraus. Der Fokus liegt dabei weniger auf Rosa Luxemburg, deren akkumulationstheoretische Imperialismustheorie politisch wenig einflussreich war, als auf Lenin und dessen Denunziation des Finanzkapitals sowie auf der antizionistischen Propaganda der KPD der 1920er Jahre. Genaueres kann diesem Veranstaltungsbericht und dem Ankündigungstext entnommen werden:

Der Imperialismus wurde erst im frühen 20. Jahrhundert mit den Schriften Wladimir I. Lenins und Rosa Luxemburgs zum zentralen Thema marxistischer Theorie, auch wenn die Analysen bereits in Marx’ Kritik der politischen Ökonomie angelegt waren. Dabei unterscheiden sich Lenin und Luxemburg wesentlich: Luxemburg analysierte von ihrem antinationalen Standpunkt aus in Die Akkumulation des Kapitals 1913 den Imperialismus als strukturelles Phänomen der weltweiten Kapitalisierung. Lenin hingegen schuf in Der Imperialismus als höchstes Stadium des Kapitalismus 1916 die Grundlage, um fortan den Nationen ein „Finanzkapital“ gegenüberzustellen, das die Welt beherrsche. So standen sich global scheinbar zwei Klassen gegenüber: die „unterdrückten Nationen“ auf der einen Seite und dem „Parasitismus, der dem Imperialismus eigen ist“, auf der anderen. Seit Mitte der 1920er Jahre war es üblich, den berühmten Aufruf aus dem Kommunistischen Manifest um ein weiteres revolutionäres Subjekt zu erweitern: „Proletarier aller Länder und unterdrückte Völker der Welt, vereinigt euch!“

Der Vortrag beleuchtet diese Traditionslinien des linken Antiimperialismus und zeigt, inwiefern der positive Bezug auf die Nationen bis in die Gegenwart ein Problem darstellt. Am Beispiel des Begriffs „Finanzkapital“ wird die Anfälligkeit zu verschwörungstheoretischen Denkweisen deutlich, die ein wesentlicher Grund sind, warum Antiamerikanismus und Antisemitismus innerhalb der Linken nicht verschwinden werden.

Olaf Kistenmacher, Historiker aus Hamburg, Mitglied des Villigster Forschungsforums zu Nationalsozialismus, Rassismus und Antisemitismus e. V., veröffentlicht in Jungle World, Konkret und Phase 2.

Neuere Veröffentlichungen
• Klassenkämpfer wider Willen. Die KPD und der Antisemitismus in der Weimarer Republik, Jungle World 28, 14. Juli 2011.
• „Jüdischer Warenhausbesitzer finanziert Nazipropaganda“. Antifaschismus und antisemitische Stereotype in der Tageszeitung der Kommunistischen Partei Deutschlands, der Roten Fahne, am Ende der Weimarer Republik, 1928-1933, in: Gideon Botsch/Christoph Kopke/Lars Rensmann/Julius H. Schoeps (Hg.): Politik des Hasses. Antisemitismus und radikale Rechte in Europa, Hildesheim/New York/Zürich: Georg Olms 2010, S. 97-112.

06. Dezember 2011, 18 Uhr
Berlin, Karl-Liebknecht-Haus, Kleine Alexanderstraße 28, U-Bahn-Station Rosa-Luxemburg-Platz

Download: via AArchiv | via MF (1:07 h, 23 MB) | Original via Megaupload (65 MB)

2. Daniel Späth, Antiimperialismus und Ideologie: Zur Geschichte des Imperialismus, seinem Wandel im globalen Zeitalter und seiner anachronistischen Auffassung seitens der deutschen Linken

Ausgehend von der Unterscheidung des wertkritischen Marx vom aufklärerischen Modernisierungstheoretiker Marx unternimmt Daniel Späth (Redaktion EXIT!) in diesem recht umfangreichen Vortrag den Versuch einer historisch fundierten Kritik an noch heute in der (deutschen) Linken anzutreffenden antiimperialistischen Positionen. Dazu zeichnet er zunächst die Genese des Arbeiterbewegungsmarxismus der Sozialdemokratie (Lasalle) und der leninschen Imperialismustheorie nach, die beide gleichermaßen den kritischen Gehalt der (späten) Marxschen Theorie zugunsten eines personalisierenden Klassenkampfdenkens verfehlen, um anschließend der historischen wie gegenwärtigen Realität des Imperialismus vor dem Hintergrund einer wertkritischen Krisentheorie nachzuspüren und die Defizite der Antiimp- und ebenso der »antideutschen« Linken aufzuzeigen.
Der Vortrag kann aufgrund der ausführlichen Grundlagenreflexion (vor allem im ersten Teil) auch als Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik gelten, insbesondere hinsichtlich der Aufklärungskritik, ihrer erkenntniskritischen Deutung der Kritik der politischen Ökonomie (Kritik der Arbeit, objektive Gedankenformen) sowie ihrer politökonomischen Gegenwarts-, d.h. Krisenanalyse und Ideologiekritik.

Der Vortrag wurde im Juli 2011 im Rahmen der Tübinger Reihe »Linke Irrwege«1 gehalten.

Spätestens seit dem 11. September ereilte die deutsche Linke geradezu schicksalhaft eine Spaltung in zwei Lager: Während antiimperialistische Gruppierungen eine anti-westliche Rhetorik mit der Solidarisierung diverser nationaler „Befreiungsbewegungen“ verbinden und auf diese Weise zu den bizarresten Gruppierungen einen affirmativen Bezug aufzubauen sich bemüßigt fühlen – genannt sei hier als Spitze des Eisbergs die Hamas als das neue „revolutionäre Subjekt“ vieler Antiimperialisten –, hat das antideutsche Bewusstsein im Zuge der Krise des westlichen Kapitalismus die militante Apologetik des männlich-weißen westlichen Subjekts wiederentdeckt, wofür nicht zuletzt die Redaktion der Bahamas ein trauriges Zeugnis liefert.
Trotz aller Fehden und Befeindungen zwischen den beiden Lagern können man und frau nicht umhin festzustellen, dass diese scheinbar entgegengesetzten Pole der linken Auseinandersetzungen mit einem identischen Bezugssystem operieren und beide Strömungen gleichermaßen den globalen Imperialismus nicht kritisch auf den Begriff bringen können: Nämlich seine Zerfallserscheinungen als ebenso reflexhafte wie erfolglose Reaktion der westlichen Mächte auf die Krise des globalen Kapitalismus und die seinem Boden entsprungenen Barbarisierungsregimes. Um eine radikale Kritik des globalen Kapitalismus auf der Höhe der Zeit zu formulieren, wird der Vortrag im ersten Teil einen historischen Durchgang durch den Kolonialismus und seiner Legitimation (Kant), die Haltung der westlichen Arbeiterbewegung (Lassalle) sowie des Staatskapitalismus (Lenin) zum Imperialismus versuchen, wobei sich herauskristallisieren wird, dass weder der sozialdemokratische „Reformismus“ noch die „orthodoxen Marxisten“ des Ostens an die Tiefendimension der Marxschen Fetischkritik auch nur ansatzweise herankamen (Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel).
Vor dem Hintergund der durch die kritischen Analysen des Kantischen, Lassalleschen und Leninschen Verständnisses von Kapitalismus gewonnenen Einsichten wird der zweite Teil des Vortrags den globalen Imperialismus und seine „Weltordnungskriege“ (Robert Kurz) als ebenso destruktive wie unbegriffene Reaktionsformen der westlichen Welt auf die Krise des Kapitals explizieren und im Zuge dieser Erörterungen sich kritisch sowohl mit antiimperialistischen wie auch antideutschen Positionen zu dieser Frage auseinandersetzen.

Download via AArchiv: Teil 1 (1:25 h, 29 MB), Teil 2 (0:57 h, 20 MB)
Download via MF: Teil 1, Teil 2 (~)

  1. Der Vortrag stellt eine Intervention in die radikale Linke Tübingens dar, deren Vorgeschichte wie Folgen hier nicht gänzlich dargestellt werden kann. Ausgangspunkt der teilweise polemischen Auseinandersetzung war aber der Israel-Vortrag von Tilman Tarach und ein infolgedessen erschienener Text der Marxistischen Aktion Tübingen, welcher wiederum Daniel Späth zu einer Replik veranlasste und die Gründung des »AK Linke Irrwege« provozierte. [zurück]
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Weltgeist und Ideologie October 16, 2011 | 10:39 am

Die innere Schranke der Hegelschen Dialektik

Auf dem diesjährigen Sommerworkshop des Wert-Abspaltungskritischen Lesekreises Berlin hat Daniel Späth (EXIT!) einen Workshop gegeben, in dem er einen kritischen Zugang zu Hegels Dialektik vorgestellt hat. Ausgehend von Hegels Frühwerk und insbesondere dem »System der Sittlichkeit« und der »Phänomenologie des Geistes«, hat er anhand einiger Zitate einen Überblick über wichtige Gedankengänge Hegels gegeben. Inwiefern handelt es sich beim Dreischritt der Hegelschen Dialektik um eine Subsumtionslogik? Inwiefern werden hier Momente des Geschlechterverhältnisses reproduziert und festgeschrieben? Inwiefern findet hier eine Ontologisierung von Arbeit als Grundvoraussetzung für Individualität und Selbstbewusstsein statt? Diese und andere Fragen hat Daniel Späth zusammen mit den TeilnehmerInnen diskutiert. Es sind dabei unter anderem Diskussionsbeiträge von Justin Monday und Karina Korecky zu hören, deren Vorträge wir in Kürze ebenfalls dokumentieren werden.

    Download:

  1. Teil 1: via AArchiv (mp3; 37,6 MB; 1:05 h)
  2. Teil 2: via AArchiv (mp3; 29,5 MB; 29,5 MB; 51:31 min)
  3. Präsentationsfolien mit Zitaten via AArchiv (PDF, 100 KB)

Zum Ankündigungstext:

Da­ni­el Späth

Welt­geist und Ideo­lo­gie
Die in­ne­re Schran­ke der He­gel­schen Dia­lek­tik

Neben Marx präg­te wohl kein an­de­rer Phi­lo­soph kri­ti­sche Theo­rie­bil­dung so grund­sätz­lich wie Hegel. In den aus­führ­li­chen He­gel-​Re­zep­tio­nen von Theo­re­ti­kern wie Georg Lukács,V.I. Lenin oder Theo­dor W. Ador­no, um nur ei­ni­ge zu nen­nen, fir­miert der Idea­list nicht sel­ten als „Er­gän­zung“ zu Marx, oder doch zu­min­dest als der erste kri­ti­sche Ex­po­nent der bür­ger­li­chen Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phie, an dem kri­ti­sche Re­fle­xi­on zu schu­len wäre. Und in der Tat scheint im He­gel­schen Den­ken be­reits eine kri­ti­sche Tie­fen­di­men­si­on ma­ni­fest, deren In­halt le­dig­lich mit an­de­ren Vor­zei­chen zu ver­se­hen, das heißt „vom Kopf auf die Füße“ zu stel­len wäre: Denn nicht nur, dass mit Hegel das dia­lek­ti­sche Den­ken in sys­te­ma­ti­scher Form auf die his­to­ri­sche Bühne tritt, auch die Tat­sa­che, dass er auf einer We­sens-​Er­schei­nungs-​Dif­fe­ren­zie­rung in­sis­tiert und in der „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“ mit einem Sub­stanz­be­griff ope­riert, si­gna­li­siert un­mit­tel­bar die Nähe zur Marx­schen Theo­rie. Wenn man und frau sich dann noch ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass Hegel in sei­nen frü­hen Schrif­ten den Aus­druck der „abs­trak­ten Ar­beit“ präg­te, könn­te bei­na­he ge­meint wer­den, Hegel sei „der erste Mar­xist“ ge­we­sen.
Der erste Teil des Work­shops wird sich an­hand aus­ge­wähl­ter Text­pas­sa­gen aus dem He­gel­schen Früh­werk (ich meine hier­mit jene frühe Phase sei­nes Wer­kes, die mit der „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“ endet) mit dem Ur­sprung der He­gel­schen Dia­lek­tik aus­ein­an­der­set­zen, wobei diese ge­ne­ti­sche Re­kon­struk­ti­on sich vor allem den öko­no­mi­schen Schrif­ten He­gels („Sys­tem der Sitt­lich­keit“, „Je­na­er Re­al­phi­lo­so­phie“) zu­wen­den wird, die als Er­gän­zung zur Lek­tü­re der „Phä­no­me­no­lo­gie“ die­nen sol­len, um den kon­kre­ten ge­sell­schaft­li­chen Hin­ter­grund der dia­lek­ti­schen Be­we­gung des deut­schen Auf­klä­rers dar­zu­stel­len, wo­durch ein Maß­stab einer Kri­tik der He­gel­schen Dia­lek­tik ge­won­nen wer­den wird. Fol­gen­de, für eine kri­ti­sche Theo­rie zen­tra­le Fra­gen wer­den dabei auf­ge­wor­fen und hof­fent­lich auch be­ant­wor­tet wer­den:

  • Abs­trak­te Ar­beit“ bei Hegel: Der An­fang einer ma­te­ria­lis­ti­schen Fe­tisch­kri­tik oder die in­tel­lek­tu­el­le Selbst­ver­ge­wis­se­rung des Geis­tes über seine ge­dank­li­che Tä­tig­keit?
  • Der Sub­stanz­be­griff in der „Phä­no­me­no­lo­gie“: Kri­ti­scher To­ta­li­täts­be­griff oder Le­gi­ti­ma­ti­on des ewi­gen Geis­tes?
  • Die dia­lek­ti­sche Be­we­gung bei Hegel: An­satz­punkt für eine kri­ti­sche Theo­rie oder Mys­ti­fi­ka­ti­on der Dia­lek­tik als on­to­lo­gi­sche Me­tho­de?

Die im ers­ten Teil des Work­shops auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me, die im Rah­men einer Struk­tur­ana­ly­se der „Phä­no­me­no­lo­gie“ her­au­ge­ar­bei­tet wer­den, blei­ben als sol­che abs­trakt, da sie mit dem In­stru­men­ta­ri­um der Wert­kri­tik eine ent­schei­den­de Di­men­si­on des He­gel­schen Den­kens nicht ana­ly­sie­ren kön­nen. Des­halb wird sich der zwei­te Teil noch ein­mal den He­gel­schen Früh­schrif­ten zu­wen­den, um auf die eben­so ei­gen­ar­ti­ge wie be­zeich­nen­de Tat­sa­che hin­zu­wei­sen, dass im „Sys­tem der Sitt­lich­keit“ Dia­lek­tik in Ge­stalt einer wech­sel­sei­ti­gen Sub­sum­ti­ons­lo­gik auf­tritt, die He­gel­sche Dia­lek­tik also be­reits in ihren ba­sa­len Struk­tu­ren an­dro­zen­tri­sche Denk­be­we­gun­gen setzt. Die auf einer form­lo­gi­schen Ebene be­reits se­xis­tisch be­grün­de­te Dia­lek­tik He­gels hat ihr in­halt­li­ches Pen­dant in der Ne­ga­ti­on von weib­li­chem Den­ken und Han­deln: Nicht nur, dass der Welt­geist die Be­deu­tung von Frau­en in der Ge­schich­te auf vor­mo­der­nen, in­suf­fi­zi­en­ten Stu­fen fest­schreibt und da­durch dis­kri­mi­niert, viel­mehr be­treibt Hegel sys­te­ma­tisch die Til­gung jeg­li­cher Spur von Weib­lich­keit in der Ge­ne­se des uni­ver­sa­li­sie­ren­den Geis­tes: Weib­lich­keit wird in der an­dro­zen­trisch-​uni­ver­sa­li­sie­ren­den Be­we­gung des Geis­tes „auf­ge­ho­ben“ und ge­ra­de da­durch ne­giert und zum Ver­schwin­den ge­bracht. Um einen theo­re­ti­schen Hin­ter­grund für den He­gel­schen Se­xis­mus zu ge­win­nen, werde ich mich an Hei­de­ma­rie Ben­nent und ihre He­gel-​Kri­tik in „Ga­lan­te­rie und Ver­ach­tung“ und an El­vi­ra Scheich in ihrer Mo­no­gra­phie „Na­tur­be­herr­schung und Weib­lich­keit“ an­leh­nen.

Li­te­ra­tur­lis­te für In­ter­es­sen­tIn­nen:
G.W.F. Hegel, Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes, Frank­furt a.M., 1970
G.W.F. Hegel, Frühe po­li­ti­sche Sys­te­me, Frank­furt a.M., 1974.

Se­kun­där­li­te­ra­tur:
Chris­ti­ne Weck­werth, Me­ta­phy­sik als Phä­no­me­no­lo­gie. Eine Stu­die zur Ent­ste­hung und Struk­tur der He­gel­schen „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“, Würz­burg, 2000.
Hei­de­ma­rie Ben­nent, Ga­lan­te­rie und Ver­ach­tung, New York, 1985.
El­vi­ra Scheich, Na­tur­be­herr­schung und Weib­lich­keit, Pfaf­fen­wei­ler 1993.

Es wird in den nächs­ten Wo­chen ein Zi­ta­te-​Blatt er­stellt wer­den, das als Grund­la­ge für den Work­shop die­nen wird und zum Selbst­aus­dru­cken an die­ser be­reit ge­stellt wird. [via]

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Das Geschlecht des Kapitalismus June 14, 2011 | 04:42 pm

Die marxo-feministische Gesellschaftstheoretikerin Roswitha ScholzExit!«) war kürzlich (Juni 2011) bei den Linken Buchtagen in Berlin eingeladen, ihr Buch »Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Kapitals« vorzustellen, dass erstmals im Jahr 2000 bei Horlemann erschienen ist und nun in einer erweiterten Fassung neu aufgelegt wurde. Ihr zur Vorstellung des Buches gehaltener Vortrag eignet sich als Einführung in den abspaltungstheoretischen Ansatz.

Download: via AArchiv | via MF (1:01 h, 21 MB)

Buchkurzbeschreibung:

Der Feminismus ist seit einigen Wochen wieder in den Schlagzeilen. Bereits 1999 formulierte Roswitha Scholz einen neuen theoretischen Ansatz zur Analyse des Geschlechterverhältnisses, in dessen Zentrum das Theorem der „Wert-Abspaltung“ stand. Damit ist gemeint, dass die sozialhistorischen Zuschreibungen des „Weiblichen“ – von Hausarbeit, Kindererziehung bis zur emotionalen Zuwendung – einen von der kapitalistischen Verwertungslogik abgespaltenen Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion bilden, der gleichzeitig eine „stumme“ Bedingung und Voraussetzung der modernen Gesellschaften ist.
Auf dieser Grundlage setzt sich die Autorin auch kritisch mit den linksfeministischen Theorien der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum auseinander.

Unter dem Eindruck einschneidender sozialer und weltökonomischer Krisenprozesse ist das Verhältnis von Kapitalismus und hierarchischer Geschlechterstruktur erneut diskussionsfähig.
Aufgrund der anhaltenden Nachfrage erfolgt nun eine Neuauflage, erweitert um ein ausführliches Nachwort unter dem Titel „Towards a big theory“.

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Kapitalistische Vergesellschaftung und nationalistische Ideologie January 6, 2011 | 06:55 pm

Mitschnitt eines Vortrags, den Martin Dornis am 19.08.2010 in Jena, im Rahmen der Reihe »Schwarz.Rot.Gold. …sind nicht mal alles Farben« gehalten hat. Er skizziert die Geschichte des Staates im Kapitalismus, um anschließend Besonderheiten des deutschen Staates und der damit verbundenen nationalistischen Ideologie herauszuarbeiten. Ankündigungstext hier. Untenstehend findet ihr das Thesenpapier zum Vortrag und die verwendeten Zitate.

Download (29.19 MB): via keine Farben/Soundcloud, via Audioarchiv

Kapitalistische Vergesellschaftung und nationalistische Ideologie

Vortrag von Martin Dornis am 20.08.2010 in Jena

  • Die Rede ist im Folgenden nicht von »Kapitalismus« und »Nationalismus«, die man in ein »Verhältnis« setzen müsste, sondern von »kapitalistischer Vergesellschaftung und nationalistischer Ideologie«.
  • Es gibt zwar keine sich ewig gleiche kapitalistische Gesellschaft – sondern sie ist zeitlich wie örtlich verschieden – dennoch ist ihr allgemeiner Charakter hervorzuheben: versachlichte (d.i. fetischistisch gebrochene) Herrschaft von Menschen über Menschen und Ausbeutung von Menschen durch Menschen. Dieses Allgemeine stellt sich aber auf nationaler Ebene unterschiedlich dar. Die Besonderheit der jeweiligen nationalen Entwicklung ist zu erfassen.
  • Das »Deutsche« also ist der kapitalistischen Gesellschaft weder entgegengesetzt noch zur Seite gestellt. »Deutsch« ist das ungehemmte Wüten des kapitalistischen Prinzips. Zu fragen ist nicht, warum Auschwitz in Deutschland geschah, sondern warum nicht in Frankreich, England, den USA oder der Sowjetunion.
  • In der Krise ist unter deutschen Bedingungen weder auf den Staat noch auf den Markt zu setzen. Beide unterminieren hier die Freiheit des Individuums und sind ohnehin ununterscheidbar verquickt.
  • Ob Deutschland inzwischen so sehr „modernisiert“ ist, dass es als eine Nation unter vielen betrachtet werden kann oder ob es demgegenüber noch sehr viele Kontinuitäten zur „Vergangenheit“ gibt, ist die falsche Frage. Sie umgeht die entscheidende: Was deutsch überhaupt ist?
  • »Deutsch« ist eine Art zu denken und zu handeln und diese ist nicht auf Deutschland beschränkt sondern universalisierbar. »Deutsch« kann von anderen „gelernt“ werden und wird gelernt.
  • Die Solidarität mit dem Staat Israel ist die Quintessenz aller Kritik am Staat und an der Nation.
  • Zitate

    Es stünde heute äußerst übel um die Chancen der ‚Demokratie‘ und des ‚Individuums‘, wenn wir uns für ihre ‚Entwicklung‘ auf die ‚gesetzmäßige‘ Wirkung materieller Interessen verlassen sollten. Denn diese weisen so deutlich wie möglich den entgegengesetzten Weg (…) überall ist das Gehäuse für die neue Hörigkeit fertig (…). Möchten doch angesichts dessen diejenigen, welche in steter Angst davor leben, es könnte in Zukunft zu viel ‚Demokratie‘ und ‚Individualismus‘ geben und zuwenig ‚Autorität‘ (…) sich endlich beruhigen: es ist, nur allzusehr, dafür gesorgt, daß die Bäume des demokratischen Individualismus nicht in den Himmel wachsen (…): alle ökonomischen Wetterzeichen weisen nach der Richtung zunehmender Unfreiheit. Es ist höchst lächerlich, dem heutigen Hochkapitalismus (…) Wahlverwandschaft mit Demokratie oder gar Freiheit (in irgend einem Wortsinn) zuzuschreiben, während doch die Frage nur lauten kann: wie sind, unter seiner Herrschaft, alle diese Dinge überhaupt möglich. [Weber, Politische Schriften, S. 63f, Zur Lage der bürgerlichen Demokratie in Rußland]

    Positiv steht aber das gleiche Wahlrecht rein staatspolitisch in einer engen Beziehung zu jener Gleichheit gewisser Schicksale, die wiederum der moderne Staat als solcher schafft. ‚Gleich‘ sind die Menschen vor dem Tod. Annähernd gleich sind sie auch in den unentbehrlichsten Bedürfnissen des körperlichen Lebens. Eben dies Ordinärste und andererseits jene pathetisch Erhabenste aber umfassen auch diejenigen Gleichheiten, welche der moderne Staat allen seinen Bürgern wirklich dauernd und unzweifelbar bietet: die rein physische Sicherheit und das Existenzminimum zum Leben, und: das Schlachtfeld für den Tod. [Weber, Politische Schriften, S. 268, Wahlrecht und Demokratie in Deutschland]

    Während selbstverständlich das Individuum als biologische Einheit weiter existiert (…) ist es in eine gesellschaftliche Konstellation eingetreten, in der die Reproduktion seines Lebens nicht mehr im alten Sinne von einer ‚monadologischen‘ Beschaffenheit, also seiner selbständigen und antagonistischen Abhebung von der Umwelt geleistet werden kann. Das Indivduum scheint auf dem Wege, sich nur dann am Leben erhalten zu können, wenn es sich als Individuum aufgibt, die Grenzen zur Umwelt verwischt, der Selbständigkeit und Autonomie in weitem Umfang sich begibt. Innerhalb weiter Sektionen der Bevölkerung gibt es kein ‚Ich‘ im traditionellen Sinn mehr. [Adorno, Current of Music – Elements of a Radio Theorie, S. 652]

    Mit dem Mord an Millionen durch Verwaltung ist der Tod zu etwas geworden, was noch nie zu fürchten war. (…) Der Völkermord ist die absolute Integration, die überall sich vorbereitet, wo Menschen gleichgemacht werden, geschliffen, wie man beim Militär es nannte, bis man sie, Abweichungen vom Begriff ihrer vollkommenen Nichtigkeit, buchstäblich austilgt. Auschwitz bestätigt das Philosophem von der reinen Identiät als dem Tod. [Adorno, ND, S. 353]

    Was die Sadisten im Lager ihren Opfern ansagten: morgen wirst du als Rauch dich in den Himmel schlängeln, nennt die Gleichgültigkeit des Lebens jedes Einzelnen, auf welche Geschichte sich hinbewegt: schon in seiner formalen Freiheit ist er so fungibel und ersetzbar wie dann unter den Tritten seiner Liquidatoren. [Adorno, ND, S.353]

    Verdinglichtes Bewußtsein ist ein Moment in der Totalität der verdinglichten Welt (…). Befreites Bewußtsein (…); eines, das seiner mächtig wäre, wirklich so autonom, wie es immer nur sich aufspielte, müßte nicht immerzu fürchten, an ein Anderes (…) sich zu verlieren. Das Bedürfnis nach Halt (…) ist nicht derart substanziell, wie seine Selbstgerechtigkeit es möchte; vielmehr die Signatur der Schwäche des Ichs (…). Wer von außen und in sich nicht mehr unterdrückt wäre, suchte keinen Halt, vielleicht nicht einmal sich selbst (…). Müßten die Menschen nicht mehr den Dingen sich gleichmachen, so bedürften sie weder eines dinghaften Überbaus, noch müßten sie sich, nach dem Muster von Dinglichkeit, als invariant entwerfen. Die Invariantenlehre verewigt, wie wenig sich änderte, ihre Positivität ist das Schlechte. Insofern ist das ontologische Bedürfnis falsch. [ND, S. 102f]

    Naturhaft ist jenes Gesetz (der kapitalistischen Akkumulation) wegen des Charakters seiner Unvermeidlichkeit unter den herrschenden Verhältnissen der Produktion. Ideologie überlagert nicht das gesellschaftliche Sein als ablösbare Schicht, sondern wohnt ihm inne. Sie gründet in der Abstraktion, die zum Tauschvorgang wesentlich rechnet. Ohne Absehen von den lebendigen Menschen wäre nicht zu tauschen. Das impliziert im realen Lebensprozeß bis heute notwendig gesellschaftlichen Schein. Sein Kern ist der Wert als ‚Ding an sich‘, als Natur. [Adorno, Negative Dialektik, S. 348f]

Zum Abstraktionsverbot im Feminismus December 19, 2010 | 02:06 pm

Frauen, das Viele, die Differenzen, Intersektionalität und das »vergessene« warenproduzierende Patriarchat

Ausgehend von einem theoriegeschichtlichen Abriss, formuliert Roswitha Scholz, Redakteurin bei EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, eine Kritik am im (Post-)Feminismus vorherrschenden dekonstruktivistischen Ansatz: Mit der postmodernen Ablehnung großtheoretischer Entwürfe und der Selbstbeschränkung auf deskriptive und auf einer Mesoebene verbleibende Untersuchungen von Geschlechterdisparitäten zeigt sich die gegenwärtige feministische Theorie weitgehend außerstande, asymmetrische Geschlechterverhältnisse auf ein gesellschaftliches Basisprinzip kritisch zu beziehen und bestätigt auf diese Weise gewissermaßen noch die sexistische Vorstellung, dass Frauen zu höheren Abstraktions-/Verstandesleistungen gar nicht in der Lage seien. Sie stellt diesem »Abstraktionsverbot« ihre Wert-Abspaltungstheorie gegenüber und fordert, »Adornos Negative Dialektik feministisch zu reformulieren«.

Der Vortrag wurde auf den Kritischen Tagen zum herrschenden Geschlechterverhältnis in Hannover aufgezeichnet und freundlicherweise von Coloradio Dresden via FRN zur Verfügung gestellt.

In der gerade erschienen EXIT! 7 findet sich der Text »Ohne meinen Alltours sag ich nichts. Postmodern(-männliche) Identität zwischen Differenzierungswahn und vulgärmarxistischer Theorie-Versicherung«, in dem sich Roswitha Scholz mit einigen Kritiken an ihrem Ansatz auseinandersetzt.

Download

  • OGG via FRN (43 MB) oder
  • MP3 via MF (22 MB)

(0:55 h)

Ankündigungstext:

Nach den kulturalistischen 1990er Jahren wird auch im Feminismus wieder verstärkt die Parole „Frauen denkt ökonomisch!“ (Nancy Fraser) ausgegeben; es ist von einem „social re-turn“(Knapp/Klinger) die Rede, Debatten um Intersektionalität, um den Zusammenhang von „Rasse“, Geschlecht und Klasse haben Hochkonjunktur, in queerfeministischen Szenen wird wieder verstärkt auf das Verhältnis von Produktion und Reproduktion rekurriert und die Sinnhaftigkeit von Genderforschung wird zumindest zur Diskussion gestellt.

Dennoch ist immer noch viel von Differenzen, Widersprüchen, Ambivalenzen, Partikularitäten usw. die Rede. Der gegenwärtige Feminismus (ich weiß, dass es davon schon immer viele gibt) ist weit davon entfernt, das asymmetrische Geschlechterverhältnis als zentrales gesellschaftliches Grundprinzip auszumachen, das für das warenproduzierende Patriarchat wesentlich ist. Der offensichtlich androzentrische Charakter einer „neuen Marxlektüre“ bleibt auf diese Weise übrigens gänzlich unbehelligt. Es scheint, als sei der Feminismus in die Differenzen, das Kleinteilige und Partikulare geradezu vernarrt. Selbst die neuerlichen Analysen zur Intersektionalität tummeln sich reduktionistisch auf einer soziologisch-deskriptiven Meso-Ebene der gesellschaftlichen Strukturbestimmungen, bar jeder Reflexion eines gesellschaftlichen Basisprinzips.

Meine These vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungstheorie ist es somit, dass angesichts der noch immer gegebenen dekonstruktivistischen Dominanz nicht nur ein „Artikulationsverbot“ (Tove Soiland) der Geschlechter-(Miss)Verhältnisse besteht, sondern ebenso ein Abstraktionsverbot, das es unmöglich macht, das hierarchische Geschlechterverhältnis als GRUNDLEGENDE PHILOSOPHISCHE GRÖSSE zu behandeln und dann vor diesem Hintergrund sozialökonomische Disparitäten, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus etc. zu skandalieren und den Differenzen, dem Partikularen usw. statt zu geben.

Zum Abstraktionstabu im Feminismus December 19, 2010 | 02:06 pm

(Update: Der Titel, der übrigens nicht dem unspezifischen auf FRN folgt, wurde korrigiert und die fehlerhafte mp3-Fassung durch eine ersetzt, in der tatsächlich auch etwas zu hören ist…)

Frauen, das Viele, die Differenzen, Intersektionalität und das »vergessene« warenproduzierende Patriarchat

Ausgehend von einem theoriegeschichtlichen Abriss, formuliert Roswitha Scholz, Redakteurin bei EXIT! Krise und Kritik der Warengesellschaft, eine Kritik am im (Post-)Feminismus vorherrschenden dekonstruktivistischen Ansatz: Mit der postmodernen Ablehnung großtheoretischer Entwürfe und der Selbstbeschränkung auf deskriptive und auf einer Mesoebene verbleibende Untersuchungen von Geschlechterdisparitäten zeigt sich die gegenwärtige feministische Theorie weitgehend außerstande, asymmetrische Geschlechterverhältnisse auf ein gesellschaftliches Basisprinzip kritisch zu beziehen und bestätigt auf diese Weise gewissermaßen noch die sexistische Vorstellung, dass Frauen zu höheren Abstraktions-/Verstandesleistungen gar nicht in der Lage seien. Sie stellt diesem »Abstraktiontabu« ihre Wert-Abspaltungstheorie gegenüber und fordert, »Adornos Negative Dialektik feministisch zu reformulieren«.

Der Vortrag wurde auf den Kritischen Tagen zum herrschenden Geschlechterverhältnis in Hannover aufgezeichnet und freundlicherweise von Coloradio Dresden via FRN zur Verfügung gestellt.

In der gerade erschienen EXIT! 7 findet sich der Text »Ohne meinen Alltours sag ich nichts. Postmodern(-männliche) Identität zwischen Differenzierungswahn und vulgärmarxistischer Theorie-Versicherung«, in dem sich Roswitha Scholz mit einigen Kritiken an ihrem Ansatz auseinandersetzt.

Download

  • OGG via FRN (43 MB) oder
  • MP3 via MF (22 MB)

(0:55 h)

Ankündigungstext:

Nach den kulturalistischen 1990er Jahren wird auch im Feminismus wieder verstärkt die Parole „Frauen denkt ökonomisch!“ (Nancy Fraser) ausgegeben; es ist von einem „social re-turn“(Knapp/Klinger) die Rede, Debatten um Intersektionalität, um den Zusammenhang von „Rasse“, Geschlecht und Klasse haben Hochkonjunktur, in queerfeministischen Szenen wird wieder verstärkt auf das Verhältnis von Produktion und Reproduktion rekurriert und die Sinnhaftigkeit von Genderforschung wird zumindest zur Diskussion gestellt.

Dennoch ist immer noch viel von Differenzen, Widersprüchen, Ambivalenzen, Partikularitäten usw. die Rede. Der gegenwärtige Feminismus (ich weiß, dass es davon schon immer viele gibt) ist weit davon entfernt, das asymmetrische Geschlechterverhältnis als zentrales gesellschaftliches Grundprinzip auszumachen, das für das warenproduzierende Patriarchat wesentlich ist. Der offensichtlich androzentrische Charakter einer „neuen Marxlektüre“ bleibt auf diese Weise übrigens gänzlich unbehelligt. Es scheint, als sei der Feminismus in die Differenzen, das Kleinteilige und Partikulare geradezu vernarrt. Selbst die neuerlichen Analysen zur Intersektionalität tummeln sich reduktionistisch auf einer soziologisch-deskriptiven Meso-Ebene der gesellschaftlichen Strukturbestimmungen, bar jeder Reflexion eines gesellschaftlichen Basisprinzips.

Meine These vor dem Hintergrund der Wert-Abspaltungstheorie ist es somit, dass angesichts der noch immer gegebenen dekonstruktivistischen Dominanz nicht nur ein „Artikulationsverbot“ (Tove Soiland) der Geschlechter-(Miss)Verhältnisse besteht, sondern ebenso ein Abstraktionsverbot, das es unmöglich macht, das hierarchische Geschlechterverhältnis als GRUNDLEGENDE PHILOSOPHISCHE GRÖSSE zu behandeln und dann vor diesem Hintergrund sozialökonomische Disparitäten, Rassismus, Antisemitismus, Antiziganismus etc. zu skandalieren und den Differenzen, dem Partikularen usw. statt zu geben.

Israel und die Linke October 24, 2010 | 06:59 pm

Robert Kurz positionierte sich in seinem letzten großen Aufsatz in der Zeitschrift »EXIT!« (Ausgabe 6) wie auch schon zuvor in einem kurzen Artikel* proisraelisch. Seine im Zuge einer Analyse der Reaktionen auf die Militärschläge Israels gegen den Gazastreifen bekundete Israelsolidarität wurde in Teilen der deutschen Linken als Einschwenken auf »antideutschen« Bellizismus wahrgenommen und kritisiert. In einem Vortrag zu diesem Thema stellt Kurz seine Analyse vor und bekräftigt seine Haltung und seine Kritik an der Ideologisierung Israels.

VeranstalterInnen waren die Jüdische Kultusgemeinde Erlangen, die linksjugend solid, der shalom-Landesarbeitskreis Bayern und der »EXIT!«-Lesekreis Erlangen-Nürnberg.

Hinweis: Zu Beginn des Referats fehlt ein Stück.

Download: via audioarchivvia MF, via Archive.org (1:22 h, 33 MB)

Veranstaltungsberichte: BAK Shalom, haolam.de (im Wesentlichen kopiert vom BAK)

Differenzen & Gemeinsamkeiten in der Entwicklung der Kritischen Theorie zur Wert-Abspaltungskritik September 20, 2010 | 09:58 am

In seinem Vortrag warf Daniel Späth einen wert-abspaltungskritischen Blick auf die kritische Theorie Adornos. Sein Interesse galt dabei den Differenzen, die auf Seiten Adornos als Beschränkungen der Kritik moderner Fetischverhältnisse gedeutet werden. Seine Gliederung/Themen gehen aus seiner Zitatesammlung (PDF) hervor:

  1. Die kritische Geschichtstheorie Adornos und die wert-abspaltungskritische
    Theorie der Geschichte als „Geschichte von Fetischverhältnissen“
  2. Das bürgerliche Subjekt und der Status der Vernunft bei Adorno
  3. Die „Kritik der politischen Ökonomie“ und der historische Kontext Adornos
  4. „Natur“ und Wertabspaltung

Durch die Orientierung am Zitatematerial und die rege Beteiligung im Auditorium gewann der Vortrag einen starken Workshopcharakter.

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V. August 2010.

Download via MF (1:42 h, 41 MB)

Ankündigungstext:

Theoretische Gedanken, seien sie von gesellschaftlichen Gruppen oder einem einzelnen Autor, lassen sich nicht konservieren. Die Beschränkung einer Theorie durch den endlichen historischen Kontext, in dem sie sich entfaltet, bleibt ihr nicht äußerlich, sie sedimentiert sich vielmehr in der Theoriebildung selbst. Dadurch aber wird in ihr durch das Bestreben einerseits, mittels des Theorieprozesses über den historisch begrenzten Standpunkt hinauszugelangen, und der Notwendigkeit andererseits, gerade diesen zum Ausgangspunkt der Reflexion machen zu müssen, ein Spannungsfeld erzeugt. Dieses Spannungsfeld drückt sich in Kritischer Theorie als die Verschränkung von reflexiver Positivität, welche in der Beschränktheit der historischen Erscheinungsform des Kapitalismus verbleibt und reflexiver Negativität aus, wobei letztere tendenziell auf die Destruktion der Grundkategorien moderner Vergesellschaftung abzielt.

Insofern kann man das Werk Adornos, analog zu der Differenzierung des „esoterischen Marx“ vom „exoterischen Marx“, auf zwei Ebenen begreifen, nämlich entweder als radikalen Kritiker der kapitalistischen Gesellschaft oder als phasenweise aufklärungsaffinen Philosophen. Diese abstrakte Trennung bleibt an sich zweifelsohne kontrafaktisch – denn das Denken Adornos zeichnet sich meines Erachtens dadurch aus, dass er wie kaum ein anderer Theoretiker, den, oder kaum eine andere Theoretikerin, die ich kenne, in der konkreten Analyse immer auch gegen sich selbst, also auch gegen seine eigene Widersprüchlichkeit denken konnte –, dennoch markiert sie ebenso zwei Fäden seines Werkes, die sich zwar permanent miteinander verschlingend, trotzdem als solche identifiziert werden können.

Ich werde versuchen in dem Vortrag diese zwei Ebenen so gut es geht begrifflich zu fassen und voneinander abzugrenzen, um somit die Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Wertabspaltungskritik und der Kritischen Theorie Adornos anhand einiger Themenkomplexe offenzulegen. Der erste wird hierbei versuchen die Grundzüge der Geschichtstheorie Adornos herauszuarbeiten, wie sie vor allem in der „Dialektik der Aufklärung“ und den schriftlich fixierten Vorlesungen „Zur Lehre von der Geschichte und von der Freiheit“ ihre Begründung erfahren. Nach Adorno wird kritische Geschichtstheorie zwangsläufig mit einer paradoxen Situation konfrontiert: Die Konstruktion von Geschichte als Nachzeichnen eines kontinuierlichen Prozesses von Jahrhunderten oder Jahrtausenden muss in ihrem Vollzug immer auch, so Adorno, die diskontinuierlichen historischen Verschiebungen und Brüche, die einen qualitativen gesellschaftlichen Transformationsprozess markieren, mitdenken. Die von ihm aufgeworfene Frage des theoretischen Abstraktionsniveaus einer Theorie, die diese Dialektik von historischer Kontinuität und Diskontinuität adäquat erfassen kann, soll aufgegriffen und ihr aus heutiger Krisenperspektive nachgegangen werden: Aus wertabspaltungskritischer Sicht wird sie dabei in der Theorie einer „Geschichte von Fetischverhältnissen“ in modifizierter Form aufgenommen.

Das Eingedenken des Ursprungs und der Entwicklung der eigenen gesellschaftlichen Historizität führt bei Adorno auf die kritische Genese der bürgerlichen Subjektform; auf ihren Entstehungs-, sowie Verinnerlichungsprozess. Um seiner Kritik an der Subjektform gerecht zu werden, soll sie mit der Darstellung dieser Subjektivität durch die apologetische Garde verglichen werden: Die Aufklärungsphilosophie (ich werde mich hierbei auf Hegel und Kant beschränken). In der exoterischen, der Aufklärung verhaftet bleibenden Schicht des Denkens Adornos, so viel sei hier bereits gesagt, spielt dabei die Kategorie der Vernunft eine wesentliche Rolle. Sie ist, so könnte man sagen, das Scharnier, durch das die Positivität in sein Denken Einzug erhält und soll deshalb das Zentrum dieses Themenkomplexes bilden. Textgrundlage hierfür werden vor allem Adornos Vorlesungen über Kant („Kants Kritik der reinen Vernunft“, „Probleme der Moralphilosophie“) und seine „Drei Studien zu Hegel“ sein.

Im Zuge dieser Ausführungen wird sich im dritten Teil Adornos ambivalenter Status zur „Kritik der politischen Ökonomie“ herauskristallisieren. Zum einen verweisen die Differenzen in der Behandlung der Grundbegriffe der „Kritik der politischen Ökonomie“ zwischen Adorno und Marx auf den unterschiedlichen Kontext, in dem beide gelebt und gewirkt haben, weshalb es sinnvoll sein wird, ersteren in seinem Denken zu historisieren.

Im letzten Abschnitt werde ich versuchen die genannte Differenz in einer anderen Hinsicht fruchtbar zu machen, indem ich ihre Implikationen für eine Erweiterung des Begriffs einer gesellschaftlichen Totalität untersuchen werde. Dabei soll der Dialektik der Gesellschaft allerdings nicht nur, wie es Marx und Adorno noch für hinreichend angesehen hatten, in der Differenz von dem Wesen und seinen Erscheinungsformen auf die Schliche gekommen werden, sondern auch in der Vermitteltheit der Totalität als solcher, die als eine „gebrochene Totalität“ (Roswitha Scholz) sich darstellt.

Marktharmonie und Krisenverleugnung. Zur Kritik der herrschenden VWL September 9, 2010 | 03:36 pm

Claus Peter Ortlieb, Mathematiker und Redakteur der »EXIT!«, beschäftigt sich seit langem mit der mathematischen Modellbildung in der Wirtschafts»wissenschaft« und stellt fest: Nicht einmal an den zweifelhaften Ansprüchen des Positivismus gemessen, kann die neoklassische Volkswirtschaftslehre so etwas wie Wissenschaftlichkeit für sich reklamieren. Doch die von ihm keinesfalls als erstes geleistete (Methoden-)Kritik stößt innerhalb des sinnvergessen prozessierenden Wissenschaftsbetriebs auf gänzliche Ignoranz. Der Vortrag behandelt genau dies: Grundlagen und Fehler des neoklassischen Paradigmas. Zur Veranschaulichung steht auch die Folienpräsentation zur Verfügung.

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V. August 2010.

Download via MF: Vortrag samt Diskussion (2:13 h, 53 MB); Folien (PDF)

Ankündigungstext:

Das neoklassische Paradigma beherrscht nach wie vor den akademischen Bücher- und Stellenmarkt in den Wirtschaftswissenschaften. Es kennt keinen Krisenbegriff, sondern nur ein gegen jede Logik und Empirie aufrecht erhaltenes Gleichgewichts-Dogma, dem zufolge „Störungen“ allein aus außerökonomisch bedingtem „Fehlverhalten“ resultieren. Die dabei zum Einsatz kommende Mathematik hat allein die Funktion, dem geneigten Publikum (Studierenden, Wirtschaftsjournalisten, Öffentlichkeit) und womöglich auch sich selbst eine nicht vorhandene Wissenschaftlichkeit vorzugaukeln. Das soll an ausgewählten Beispielen belegt werden.

Krisen- und »Zusammenbruchstheorie«. Zur absoluten inneren Schranke der Verwertung September 7, 2010 | 12:41 pm

Robert KurzEXIT!«) stellt seine Theorie einer inneren Schranke der Kapitalakkumulation vor. Er bewegt sich dabei auf der kategorial-logischen Ebene des »Kapital im Allgemeinen«, nicht auf der Ebene der konkreten Krisenverläufe auf dem Weltmarkt. Am Rande gibt es einige Spitzen gegen die Neue Marxlektüre, besonders Michael Heinrich und Abgrenzungen zu früheren Krisentheorien (R. Luxemburg, H. Grossmann).

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V. August 2010.

Download via MF: Vortrag (1:04 h, 26 MB), Diskussion (49 min, 20 MB)

Ankündigungstext:

Der Begriff der „Zusammenbruchstheorie“ ist ein Reizwort in der Linken, befrachtet mit einem pejorativen ideologischen Verständnis. Dabei geht es zunächst um den Vorwurf des „Objektivismus“. Deshalb soll das Problem zuerst anhand der Subjekt-Objekt-Dialektik in der kapitalistischen Fetisch-Konstitution erläutert werden, nämlich als Verhältnis von „Krise und Kritik“, wie es die Linke schon immer umgetrieben hat. Wenn Krise und Kritik identisch gesetzt werden, resultiert daraus entweder ein objektivistisches oder ein subjektivistisches Verständnis. Deshalb sind die Begriffe von Krise und Kritik strikt auseinanderzuhalten.

Im zweiten Schritt soll die Geschichte der marxistischen Krisentheorie kurz skizziert werden. Marx hat keine kohärente, sondern eine fragmentarische Krisentheorie hinterlassen, was zu einer langen Auseinandersetzungsgeschichte herausgefordert hat. Der Status einer „Zusammenbruchstheorie“ wird dabei heute in der Regel historisch falsch bestimmt (so bei Michael Heinrich). Bei Marx findet sich der Begriff einer historischen „inneren Schranke“, der aber allmählich verloren ging. Das ist nicht nur ein inner-krisentheoretisches Problem, sondern hat etwas damit zu tun, dass der Arbeiterbewegungsmarxismus ebenso wie die postmoderne Linke die Frage der „kategorialen Kritik“ ausgeblendet haben und sich nur immanent auf dem Boden des kapitalistischen Formzusammenhangs bewegten. Die Frage der „inneren Schranke“ ist aber diejenige einer „kategorialen Krise“, die mit einer „kategorialen Kritik“ verbunden ist und zum Postulat eines „kategorialen Bruchs“ führt.

Als nächster Schritt soll der Unterschied zwischen einem zirkulationstheoretischen und einem produktionstheoretisch-gesamtsystemischen Begriff der Krise deutlich gemacht werden. Beide Momente finden sich bei Marx. Die Vorstellung einer bloßen „Reinigungskrise“, die zum Funktionieren des Kapitalismus gehöre, ist zirkulationstheoretisch verkürzt. Ein ganz anderes Bild ergibt sich, wenn die Marxschen Ansätze in den „Grundrissen“ und im 3. Band des „Kapital“ herangezogen werden. Entscheidend dabei ist der Begriff der Arbeitssubstanz. Nicht umsonst zeigt sich hier die entscheidende Differenz zum Postmodernismus und zur „neuen Marxlektüre“ (Substanzbegriff der abstrakten Arbeit als Verausgabung von „Nerv, Muskel, Hirn“, Warencharakter des Geldes, tendenzieller Fall der Profitrate). In der historischen Dynamik des Kapitalismus, bedingt durch die von der Konkurrenz erzwungene Produktivkraftentwicklung, entsteht ein Missverhältnis von totem Sachkapital und Arbeitskraft, das zunächst durch den relativen Mehrwert und die Expansion der Märkte kompensiert wird, schließlich aber in einem absoluten Abschmelzen der gültigen Arbeitssubstanz kulminiert. In diesen Prozess eingeschlossen ist die historische Expansion des Kreditsystems.

Schließlich soll die historisch-empirische Konkretisierung der „radikalen Krisentheorie“ anhand der Geschichte der dritten industriellen Revolution skizziert werden. Die absolute „innere Schranke“ der realen Mehrwertproduktion auf dem neuen Produktivitätsniveau mangels neuer Verwertungspotentiale impliziert eine Entwertung aller Kapitalbestandteile (Geldkapital, Sachkapital, Arbeitskraft, Warenkapital, Geldware als solcher). Dieser historische Entwertungsprozess wurde gebrochen und modifiziert durch eine beispiellose Finanzblasen-Ökonomie und davon genährte Defizitkonjunkturen bzw. globale Defizitkreisläufe. Nach deren Zusammenbruch wurde das Problem von den Finanzmärkten auf den Staatskredit bzw. die Notenbanken zurückverlagert. Abschließend soll das Verhältnis von Staat und Geld erörtert werden. Die staatskapitalistische Krisenverwaltung löst die Krise nicht, sondern bildet nur die letzte Verlaufsform, in der sich die „innere Schranke“ manifestiert.

Die Verwilderung des Patriarchats in der Postmoderne September 3, 2010 | 01:57 pm

(Überblicksblatt im Beitrag Frank Rentschlers ergänzt.)

Roswitha Scholz stellt in diesem Vortrag eine abspaltungstheoretische Deutung der Geschlechterverhältnisse in der Globalisierung dar und macht einige Ausführungen zur Kritik von Queer-Konzepten. Inhaltlich handelt es sich um dasselbe Referat wie das im Mai in Berlin aufgezeichnete. Allerdings ist dieses etwas länger und besonders hinsichtlich der Behandlung der Queer-Problematik umfangreicher (besonders in der Diskussion).

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V. August 2010.

Download via MF: Vortrag (1:08 h, 28 MB), Diskussion (35 min, 14 MB)

Ankündigungstext:

Wertkritik war lange Zeit androzentrisch verfasst und ist es zum Teil heute noch. Und Arbeiten etwa zur „neuen Marxlektüre“ scheren sich um die hierarchischen Geschlechterverhältnisse kaum. Dem stellt sich die Wert-Abspaltungskritik entgegen.Nach der Darstellung einiger grundsätzlicher Aspekte der Wert-Abspaltungstheorie, insbesondere im Verhältnis zu den Grundkategorien des Kapitals, sollen in dem Vortrag die nach wie vor asymmetrischen Geschlechterverhältnisse in der Globalisierungsära in Augenschein genommen werden.

In der Moderne bildeten sich neue Geschlechtervorstellungen aus. Dem „Mann“ wurden Eigenschaften wie Rationalität, Charakterstärke, Durchsetzungsvermögen etc. zugeschrieben; die „Frau“ wurde hingegen mit Emotionalität, Sinnlichkeit, Charakterschwäche usw. in Verbindung gebracht: Männer sollten für die Öffentlichkeit und das Erwerbsleben geschaffen sein, Frauen von „Natur“ aus für die Tätigkeiten in der Privatsphäre (Liebe, Hege, Pflege, „Hausarbeit“). Derartige Vorstellungen, die zunächst auf das Bürgertum beschränkt waren, breiteten sich mit fortschreitender Entwicklung auf alle Klassen und Schichten aus. Bestimmte Momente der Reproduktion, die nicht in der „abstrakten Arbeit“ aufgehen, wurden von der offiziellen Gesellschaftlichkeit abgespalten und an die Frauen delegiert. Bei der Integration von Frauen in Erwerbsarbeit und Öffentlichkeit blieb dieses Abspaltungsverhältnis erhalten und setzte sich auch in diesen Bereichen fort. Die Abspaltung ist kein aus dem Wertverhältnis abzuleitender „Sekundärbereich“, sondern durchzieht die gesellschaftliche Totalität und ist kategorial „gleichursprünglich“ und auf derselben Abstraktionsebene zu fassen. Daraus ergibt sich ein anderer, gebrochener Begriff „konkreter Totalität“ als im bisherigen androzentrisch-universalistischen Verständnis.

Seit den 1950er Jahren hat sich das Wert-Abspaltungsverhältnis mit fortschreitender Erwerbstätigkeit von Frauen modifiziert und zugespitzt. Dabei kommt es in der Postmoderne einer Aufweichung des traditionellen Geschlechterarrangements: Frauen haben mit den Männern bildungsmäßig gleichgezogen und werden „doppelt vergesellschaftet“ (Regina Becker-Schmidt), d.h. sie sind für Familie und Beruf gleichermaßen zuständig. Umgekehrt droht nun auch Männern eine „Hausfrauisierung“ im Zuge des Prekärwerdens der Beschäftigungsverhältnisse. Die Institutionen Familie und Erwerbsarbeit erodieren, ohne dass neue tragfähige Sozial- und Reproduktionsformen an ihre Stelle treten. Dem grundsätzlichen Verfall der Ökonomie entspricht eine Verwilderung des Patriarchats in der Globalisierungsära, so meine These.

In der Kollaps-Situation droht Frauen heute vor allem die Funktion von Krisenverwalterinnen zugewiesen zu werden. Sie kommen dann vermehrt an die „Macht“, wenn der Kapitalismus an die Wand fährt; bei gleichzeitiger Zuständigkeit für den Reproduktionsbereich und die abgespaltenen Momente überhaupt. Grundsätzlich betont werden muss schließlich noch einmal, dass sich die Wert-Abspaltungskritik keineswegs bloß auf die Geschlechterproblematik im engeren Sinne bezieht. Vielmehr bestimmt die Wert-Abspaltung als Grundprinzip die gesamte Gesellschaft wesentlich, was auch in der Krisenanalyse zum Ausdruck kommen muss.

Abstoßungs- und Anknüpfungspunkte von feministischer Theorie und Wert-Abspaltungskritik September 2, 2010 | 09:18 am

Ein weiterer eher theoriegeschichtlicher Vortrag zur Wert-Abspaltungskritik. Ebenfalls gehalten im August 2010 , diesmal von »EXIT!«-Redakteur Frank Rentschler. Er steckt den Hintergrund ab, auf dem die Abspaltungstheorie von Roswitha Scholz entstanden ist.

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V.

Download via MF: Vortrag (55 min, 22 MB), Diskussion (25 min, 10 MB); Gliederung und Literatur (PDF)

Ankündigungstext:

Der Vortrag bewegt sich entlang der Problemstellung, wie sie schon in Roswitha Scholz „Urtext“ der Wertabspaltungskritik (Der Wert ist der Mann, 1992) formuliert wurde. Dort wurde eine doppelte Abgrenzung vorgenommen. Zum einen zur feministischen Arbeitsontologie, wie sie sich insbesondere in der Hausarbeitsdebatte zeigt, der ein offenkundiges verkürztes und unkritisches Verständnis von „Wert“ zugrunde liegt. Zum anderen von der klassischen Wertkritik, die von der Geschlechtsneutralität des modernen Subjekts ausgeht, diesbezügliche feministische Einwände insbesondere aus dem Strang der Vernunftkritik konsequent ignoriert und das patriarchalische an der Wertvergesellschaftung dadurch auszublenden versucht, indem mit einem Patriarchatsbegriff operiert wird, über den die feministische Diskussion schon längst hinweg ist. Beide Probleme sollen anhand klassischer Texte illustriert und vertieft werden. Nachdem die Unfruchtbarkeit der feministischen Hausarbeitsdebatte (Wie lässt sich der Wert von Hausarbeit bestimmen) aufgezeigt, die Unzulänglichkeit der klassischen Wertkritik heraus gearbeitet worden ist, und die Verortung der Geschlechterfrage auf der engeren Wertebene durch eine Neuinterpretation des Gebrauchswerts (vorgenommen in dem Aufsatz „Geschlechterfetischismus“ von Robert Kurz 1992) dargelegt wurde, steige ich ein in feministische Vernunftkritik. Gezeigt werden soll, wie sich die symbolische Ordnung des Geschlechts in der Moderne darstellt, wie sie sich reproduziert und auch wandelt und was in diesem Zusammenhang das „gesellschaftlich Unbewusste“ heißt. Abschließend soll auf einen Text in der feministischen Debatte (Hildegard Heise: Flucht vor der Widersprüchlichkeit. Kapitalistische Produktionsweise und Geschlechterbeziehung. Frankfurt 1986) eingegangen werden, der – was die engere Wertbestimmung angeht – näher an der Wertabspaltungskritik dran ist als andere feministische Texte, jedoch durch Ausblendung des vorher skizzierten vernunftkritischen Strangs trotzdem ziemlich in die Irre führt. Insofern ist der Vortrag auch als Plädoyer zu verstehen, den patriarchalen Charakter der Wertvergesellschaftung auf mehreren Ebenen (engere Wertebene, symbolische Ordnung, gesellschaftlich Unbewusstes) zu verorten, wie es Roswitha Scholz in ihrem Buch „Das Geschlecht des Kapitalismus“ getan hat.

Robert Kurz zur Geschichte der Wertkritik August 31, 2010 | 04:04 pm

Zum historischen Bedingungszusammenhang der Wert- und Abspaltungskritik

Der im August 2010 gehaltene Vortrag thematisiert die Entstehung und den Anspruch der Wert-Abspaltungskritik. Robert Kurz (Redakteur bei »EXIT!«) geht es dabei nicht nur um theoriegeschichtliche Abläufe, sondern auch um die historische Selbstverortung von Theoriebildung (im allgemeinen) und um Kriterien für deren Kritik, u.a. erläutert an den Differenzen zur »neuen Marxlektüre«.

Veranstaltet und aufgezeichnet vom Wert-Abspaltungskritischen Lese- & Diskussionskreis Berlin in Zusammenarbeit mit dem Verein für kritische Gesellschaftswissenschaften e.V.

Download via MF: Vortrag (1:37 h, 39 MB), Diskussion (1:11 h, 29 MB)

Ankündigungstext:

Eine neue kritische Theorie wie die Wert-Abspaltungskritik entsteht immer aus der Auflösung von Widersprüchen der älteren kritischen Theorien im Zusammenhang mit der realen gesellschaftlich-historischen Entwicklung. Es handelt sich also nicht um geniale Einsichten des freischwebenden reinen Intellekts. Andererseits muss gerade deswegen jede neue kritische Theorie einen Anspruch auf historische (d.h. bedingte, begrenzte) Wahrheit erheben. Nicht weil ihre Träger und Protagonisten klüger sind als die früheren, sondern weil sie sich auf veränderte Bedingungen bezieht, in der sich der Kapitalismus zur fortgeschrittenen Kenntlichkeit entwickelt hat. Deshalb kann die neue kritische Theorie nicht einfach eine andere Interpretation des als unverändert unterstellten Kapitalismus liefern, sondern sie muss gleichzeitig das Terrain der veränderten Verhältnisse analysieren, ihren eigenen Ort im historischen Prozess reflektieren und sich selbst erklären können. Dieser Problem- und Bedingungszusammenhang soll in fünf Aspekten erläutert und dargestellt werden.

Erstens ist zunächst festzuhalten, dass das genannte Problem nur in der Subjekt-Objekt-Dialektik der dynamisierten modernen Fetischverhältnisse besteht. Dabei haben sich in der Konstitution des Kapitalismus die eigenen Handlungen, Hervorbringungen und Verhältnisse den Akteuren gegenüber blind objektiviert und verselbständigt. Erst daraus entsteht die Aufgabe der Kritik, diesen Zusammenhang zu erklären und zu überwinden, und erst daraus ergibt sich der Anspruch einer „objektiven Wahrheit“ in Bezug auf die so verfasste Gesellschaft. Mit der Überwindung der negativen Objektivität wird auch diese Art der Theoriebildung gegenstandslos, aber erst dann. Diese negative Objektivität ist aber keine statische, sondern eine dynamische. Deshalb dürfen die kapitalistischen Grundkategorien auch nicht als statische gedankliche Abstraktionen festgehalten werden, zu denen die empirische Geschichte nur in einem äußerlich-akzidentiellen Verhältnis steht (Kapitalismus als ewige Wiederkehr des Gleichen). Vielmehr sind diese Kategorien als reale auch real historisch-dynamische, die in ihrem inneren Entwicklungsprozess einer fortschreitenden kritischen Darstellung und Analyse bedürfen.

Diese Bestimmung soll zweitens in Grundzügen erläutert werden an der Differenz zwischen der Wert-Abspaltungstheorie und der sogenannten „neuen Marxlektüre“. Dabei geht es im Wesentlichen um den Unterschied zwischen einer historischen und einer philologischen Auffassung der Marxschen Theorie. Dieses epistemische Grundproblem lässt sich an der Theoriebildung einer „Rekonstruktion der Kritik der politischen Ökonomie“ in der neuen Linken seit den 1960er Jahren aufweisen. In der Folge hat dies zu einem völlig gegensätzlichen Verständnis des „doppelten Marx“ bei der Wert-Abspaltungskritik und bei der „neuen Marxlektüre“ (insbesondere Michael Heinrich) geführt.

Drittens geht es um die Geschichte der Wert-Abspaltungstheorie selbst in den letzten 25 Jahren. Diese neue kritische Theorie konnte sich zunächst gewissermaßen selbst nicht „wissen“. Es handelte sich, ausgehend vom Zustand der Linken in den 1980er Jahren und den damaligen gesellschaftlichen Bedingungen, um ein mühsames Herausarbeiten aus dem traditionellen Marxismus, das in seinen wichtigsten Stationen nachgezeichnet werden soll (Eigenständigkeit der Theorie gegenüber dem Praxisimperativ, Kritik des Positivismus, Kritik der Sowjetökonomie, Kritik der Wertform und der Arbeitsontologie, schließlich als entscheidende – meist nicht als solche wahrgenommene – Weiterentwicklung die Kritik des geschlechtlichen Abspaltungsverhältnisses und der androzentrisch-universalistischen Aufklärungsvernunft). Erst ab einem bestimmten Grad der Theoriebildung schälte sich diese als eigenständiges und umfassendes neues Paradigma einer „kategorialen Kritik“ heraus, das eine historische Einordnung der Theorie- und Bewegungsgeschichte vornehmen konnte; auch wenn dieser Zusammenhang bis jetzt noch nicht vollständig ausformuliert ist.

Viertens soll diese begrifflich-analytische Einordnung in Grundzügen vorgestellt werden. Dabei geht es zum einen um die gesellschaftliche Bestimmung des „Arbeiterbewegungsmarxismus“ in der historischen Bedingtheit seiner Auffassungen von Kapitalismus und Sozialismus/Kommunismus unter Einschluss des „doppelten Marx“. Diese Epoche fand ihr Ende mit der Niederlage gegen den NS und setzte sich in Ausläufern bis nach dem 2. Weltkrieg fort. Zum andern geht es um die gesellschaftliche Bestimmung des „Postmodernismus“ bzw. der postmodernen Linken (Poststrukturalismus, Postoperaismus) ebenfalls in der historischen Bedingtheit ihrer Auffassungen von Gesellschaftskritik. Dazu gehört die neoliberale Epoche einer Virtualisierung des Kapitals (Finanzblasen-Ökonomie) mit entsprechenden ideologischen Mustern ebenso wie der Übergang des „Linksseins“ in eine soziale Mittelschichtsorientierung. Die Wert-Abspaltungstheorie als „kategoriale Kritik“ setzt sich von Arbeiterbewegungsmarxismus und Postmodernismus nicht nur im Verständnis des Kapitalismus und seiner Krisendynamik auf der Höhe der erreichten Entwicklung ab, sondern sie erhebt auch den Anspruch, das Feld der theoretischen Auseinandersetzung in seiner historisch-gesellschaftlichen Verfasstheit mitzureflektieren und auf den Begriff zu bringen.

Fünftens schließlich ergibt sich daraus ein Problem für die Rezeption der Wert-Abspaltungstheorie, die ebenfalls von den gesellschaftlichen Bedingungen geprägt ist. Das neue Paradigma ist zwar in gewisser Weise in die linken Szenen und Bewegungszusammenhänge eingesickert, aber nur bruchstückhaft in der Isolierung einzelner Momente (etwa der Arbeitskritik) und „praxeologisch“ herunter gebrochen. In dieser Rezeptionsweise wird die „kategoriale Kritik“ nicht als umfassende neue Theorie mit historischem Wahrheitsanspruch wahrgenommen, sondern eklektisch mit traditionsmarxistischen und postmodernen Theoremen amalgamiert. Aus dem Eklektizismus ergibt sich aber keine übergeordnete Synthese, sondern nur eine Verwässerung und Aufweichung des ganzen Ansatzes bis zur Unkenntlichkeit. Wahrheitsmomente der älteren, immer noch den Mainstream der Linken dominierenden Theorien werden nicht kritisch integriert, sondern die Wert-Abspaltungstheorie bzw. „kategoriale Kritik“ selber wird eher desintegriert. Das hat etwas mit einem postmodern sozialisierten Bewusstsein zu tun, das sich auf einem „Markt der Meinungen“ oder an einer theoretischen Supermarkt-Theke wähnt, aus der es sich ein individuelles „Menü“ zusammenstellen kann. Jedes Kriterium für die objektive, historisch bedingte Wahrheit fehlt und damit auch jede Bestimmtheit in der Auseinandersetzung. Die Wert-Abspaltungstheorie ist nicht sakrosankt und immun gegen Kritik, aber wer sich damit eigenständig befassen will, muss sich auch auf die darin enthaltene Reflexion der historischen Entwicklung und Bedingtheit einlassen, weil nur so die Auseinandersetzung nicht in einem ahistorischen Raum schwebt, in dem alle Katzen der Theorie grau sind.

Die Verwilderung des Patriarchats in der Ära der Globalisierung May 10, 2010 | 10:01 pm

In diesem, im Mai 2010 in Berlin gehaltenen Vortrag stellt die etwas verschnupfte Roswitha ScholzEXIT!«) auf dem Hintergrund ihrer Wert-Abspaltungstheorie die Geschlechterverhältnisse im globalisierten Krisenkapitalismus dar und nimmt kritisch Bezug auf die Theorie und Praxis von »Queer«. 52 Minuten

Bitte beachten: Ein etwas umfangreicherer Mitschnitt des inhaltliche gleichen Referats inklusive Diskussion ist jetzt hier verfügbar.

Download & Streaming: via WKB oder via MF (beide 15 MB)

Ankündigungstext:

In der Moderne bildeten sich neue Geschlechtervorstellungen aus. Dem „Mann“ wurden Eigenschaften wie Rationalität, Charakterstärke, Durchsetzungsvermögen etc. zugeschrieben; die „Frau“ wurde hingegen mit Emotionalität, Sinnlichkeit, Charakterschwäche in Verbindung gebracht. Männer sollten für die Öffentlichkeit und das Erwerbsleben geschaffen sein, Frauen dagegen von „Natur“ aus für die Tätigkeiten in der Privatsphäre (Liebe, Hege, Pflege, Hausarbeit). Nach dem Zweiten Weltkrieg breiteten sich derartige Vorstellungen, die zunächst auf das Bürgertum beschränkt waren, auf alle Klassen und Schichten aus. Der Herausbildung der „abstrakten Arbeit“ im Kapitalismus entsprach die gleichzeitige Entstehung privater Reproduktionstätigkeiten, verbunden mit hierarchischen Geschlechterverhältnissen. In der Postmoderne kommt es nun zu einer Aufweichung des traditionellen Geschlechter-Arrangements: Frauen haben mit den Männern bildungsmäßig gleichgezogen und sind „doppelt vergesellschaftet“ (Regina Becker-Schmidt), d.h. für Familie und Beruf gleichermaßen zuständig. Umgekehrt droht nun auch Männern eine Art „Hausfrauisierung“ im Zuge der Ausdehnung von prekären Beschäftigungsverhältnissen. Die Institutionen Familie und Erwerbsarbeit erodieren, ohne dass neue tragfähige Reproduktionsformen an ihre Stelle treten. Dem Verfall der Ökonomie entspricht eine „Verwilderung“ des Patriarchats, so die These des Vortrags. In einer kollabierenden Gesellschaft droht Frauen heute die Funktion von Krisenverwalterinnen zugewiesen zu werden. Wenn der Kapitalismus an die Wand fährt, dürfen sie Machtpositionen einnehmen, bei gleichzeitiger Zuständigkeit für den Reproduktionsbereich. Die postmoderne Travestie-Show der „Queer“-Politik steht dieser Situation hilflos gegenüber und entspricht ihr sogar. Hintergrund des Vortrags ist die Theorie der Wert-Abspaltungskritik.