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Kunst, Spektakel & Revolution N°5 April 4, 2017 | 05:13 pm

Beiträge zur Kritik der Gewalt

Wir haben immer wieder die Vortragsmitschnitte aus der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution dokumentiert. Seit einiger Zeit haben im Rahmen dieses Formats keine Vorträge stattgefunden – trotzdem ist im letzten Jahr eine weitere Ausgabe des gleichnamigen Magazins erschienen, die sich schwerpunktmäßig um einen kritischen Begriff von Gewalt bemüht hat. Um diese Ausgabe herum sind einige Radiobeiträge entstanden, die wir im Folgenden dokumentieren.

1.) Nachrichten aus dem beschädigten Leben

Das Sendungsformat „Nachrichten aus dem beschädigten Leben“ bei Radio Corax hat die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorgestellt, wobei einer der Mitherausgeber zu Wort kommt. Es wird allgemein über das Thema Gewalt gesprochen.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:24 min; 21,4 MB)

2.) Dem Schmerz ein Menschenopfer

Im Rahmen einer Gemeinschaftssendung von FSK und Radio Corax hat die KSR-Autorin Susann Offenmüller ein Interview zu ihrem Text »Dem Schmerz ein Menschenopfer – Die Gewalt im Begriff der Postmoderne« gegeben. Sie geht dabei insbesondere mit einem psychoanalytischen Blick auf die Gewalt im Subjektivierungsprozess ein.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:30 min; 18,5 MB)

3.) Missverständnisse über Kulturindustrie

In der gleichen Radiosendung hat auch Jakob Hayner ein Interview gegeben. Er hat in der KSR N°5 über „Missverständnisse über Kulturindustrie“ gesprochen. Er kontextualisiert den Begriff der Kulturindustrie innerhalb der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer und grenzt ihn von anderen Begriffen ab, etwa von dem der Massenkultur.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:05 min; 17,9 MB)

4.) Wutpilger-Streifzüge: Zur Kritik der Gewalt

In einer Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge im Dezember 2016 wurde ein längeres Feature gesendet, das auf der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution basiert. Es kommen darin Roger Behrens, Jakob Hayner, Susann Offenmüller und Lukas Holfeld zu Wort. Unter anderem enthält es Auszüge aus einem Mitschnitt einer Heftvorstellung in Hamburg. Das zugrundeliegende Interview mit Jakob Hayner bezog sich auf eine weitere Publikation zu einem ähnlichen Thema: „Grenzsteine – Beiträge zur Kritik der Gewalt“ (Edition Text und Kritik). Es enthält außerdem Passagen aus der Ausgabe 63/2015 der wertkritischen Zeitschrift „Streifzüge“, die sich ebenfalls dem Thema Gewalt gewidmet hat.

    Download: via Mediafire (mp3; 1 h; 96,1 MB)

5.) Wutpilger-Streifzüge: Destruction of RSG-6

Die JanNovemberuar/2016-Ausgabe von Wutpilger-Streifzüge hat sich ebenfalls der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution gewidmet. Sie enthält einen Vortrag von Lukas Holfeld über die Ausstellung „Destruction of RSG-6″, die im Jahr 1963 von der Situationistischen Internationale in Odense (DK) organisiert wurde. Der Vortrag ist eine Einführung in die Theorie der Situationisten (mit einem Fokus auf deren Verhältnis zur Kunst), schildert Aspekte des kalten Krieges und beschreibt die genannte Ausstellung.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 1:30 h; 144 MB)

6.) KSR-Heftvorstellung in Berlin

Am 24.07.2016 wurde die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Berlin im Laidak vorgestellt. Im Vortrag sprechen Julian Kuppe und ein Redaktionsmitglied, das den im Heft enthaltenen Beitrag von Olga Montseny vorstellt. Julian Kuppe umkreist in seinem Vortrag, wie im Spätkapitalismus bzw. in der Postmoderne Identität und Subjektivität prekär werden und was dies für Gesellschaftskritik und Psychoanalyse für Folgen hat. Der andere Vortrag geht ausgehend von den Hamburger Gefahrengebieten darauf ein, wie der Ausnahmezustand zunehmend ein normaler Bestandteil von Ordnungspolitik wird.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 1:04:47 h; 88,9 MB)

Wer darüber hinaus weiter hören möchte – die Homepage von Kunst, Spektakel & Revolution enthält auch ein ausführliches Archiv mit Audiodateien, die im Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe und dem Magazin stehen.

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Der Maulwurf und die Nelken March 29, 2015 | 04:52 pm

Krise & Revolution in Portugal

A toupeira e os cravos – Crise e Revolucão em Portugal – O rizoma … 1974 – 2014 / The mole and the carnations – crisis and revolution in Portugal – the rhizome … 1974 – 2014

This article includes one lecture in english language – please have a look at the third capture.

Im letzten Jahr hat die Leipziger Translib eine Veranstaltungsreihe anlässlich der vierzigsten Jährung der portugiesischen Revolution von 1974/75 organisiert. Nach dem Putsch vom 25.04.1974 gegen das faschistische Regime Salazars explodierten in Portugal die Klassenkämpfe und das Proletariat begann sich in großen Teilen in Räten und Komitees selbst zu organisieren. Gegen diese Selbstorganisierungsansätze setzte sich in Portugal nach erheblichen Auseinandersetzungen schließlich die bürgerliche Demokratie durch – die radikalen Tendenzen der »letzten sozialistisch orientierten Revolutionsbewegung der Arbeiter_innen und der Landarmut im alten Europa« sind heute nahezu vergessen. Die Translib hat es sich im Zuge der Veranstaltungsreihe zur Aufgabe gemacht, diesem Vergessen entgegenzuwirken und zahlreiches Material zutage befördert. Dabei ging es nicht um eine rückblickende Glorifizierung dieser Bewegung, sondern um eine Aufarbeitung – so wurde etwa im Rahmen der Reihe immer wieder der Sexismus der Arbeiterbewegung Portugals jener Zeit problematisiert und die Rolle der Frauen herausgearbeitet. Wir dokumentieren im Folgenden die Mitschnitte der Veranstaltungsreihe. Wir hatten damals bereits schon ein Interview zur Veranstaltungsreihe dokumentiert, das gut zur Einführung und Einstimmung gehört werden kann.

Die Veranstaltungsreihe „Der Maulwurf & die Nelken“ / „Topeira e Cravos“ hat zum Gegenstand die revolutionäre communistische Tendenz in der bürgerlichen Gesellschaft, die in den Ereignissen um die „Nelkenrevolution“ in Portugal vor allem in den Jahren 1974 und 1975 als wirkender Faktor in Erscheinung trat. Dieser Teil der Geschichte, als eine von Klassenkämpfen, ist heute weitgehend vergessen oder überhaupt unbekannt, und an seiner Stelle steht das spektakuläre Bild der Aktionen von Militärs und Politikern. Dabei war der Putsch vom 25.4.1974 gegen das faschistische Regime der Anlass zu einer regelrechten Explosion der Klassenkämpfe, die sich schon durch die vielen Streiks und Demonstrationen der Arbeiter_innen Ende 1973 angekündigt hatte, zu einem Zeitpunkt, an dem sich die portugiesische Gesellschaft in einer tiefen Krise befand. Der proletarische Maulwurf wühlte eben schon, bevor die Nelken zu blühen begannen, die dann zum Symbol des friedlichen Umsturzes des faschistischen Salazar/Caetano-Regimes geworden sind. Diese Periode des Klassenkampfes, die in Portugal als „Processo Revolucionário Em Curso” (anhaltender revolutionärer Prozess; abgekürzt: PREC) bezeichnet wird, begann mit einer großen Welle von Streiks und Demonstrationen. Sofort strömten die Menschenmassen spontan auf die Straße, feierten das Ende des alten Regimes und nahmen den Kampf gegen die faschistischen Überreste in der Gesellschaft (zunächst die Geheimpolizei sowie Faschisten in der Leitung verschiedener Unternehmen) selbsttätig auf. Am 1.Mai 1974 war der Aufbruch von Millionen Menschen auf den Straßen der deutlichste Ausdruck des allgemeinen Willens zur Emanzipation von den alten Mächten. Am Vorabend, dem 30. April („Walpurgisnacht“!) hat sich die organisierte Frauenbewegung in Portugal gegründet – die MLM. Wie schwer sie es hatte, machte aber auch zugleich die fatale Rückständigkeit des proletarischen „Maulwurfs“, seine Blindheit deutlich ! Immerhin: überall gab es nun Streiks und Fabrikbesetzungen, und die Arbeiter_innen organisierten sich selbst, unabhängig von den gewerkschaftlichen Apparaten, um ihre Interessen durchzusetzen und teilweise sogar die Produktion in die eigenen Hände zu nehmen. Auch wurden schliesslich viele Ländereien besetzt, und die Landarbeiter_innen schlossen sich zu Kooperativbetrieben zusammen, begannen sich so aus der Armut und Ohnmacht zu befreien. Nachdem im März 1975 noch einmal ein rechter Putschversuch von Arbeiter_innen und Soldaten abgewehrt werden konnte, wurden zunehmend Fragen der Selbstbewaffnung und der Bildung revolutionärer Räte aufgeworfen. Dieser Macht-Klärungsprozess spitzte sich bis Ende 1975 immer weiter zu und konnte erst durch eine große polizeiliche Aktion der unter dem Schutz der „sozialistischen“ Militärdiktatur neuentstehenden bürgerlichen Demokratie unterbunden werden.

Im offiziellen Gedächtnis ist wenig Wahres von dieser abgebrochenen Revolution übrig geblieben. Die Rolle des Proletariats als Maulwurf und Unterminierer der alten feudalen, kolonialen und ebenso der modernen bürgerlichen Gesellschaft und seine Wühlarbeit als revolutionäre Subversion in den Klassenkämpfen wird kaum begriffen, ist aber darum noch lange nicht aus der Welt geschafft. Das Rhizom bleibt! Denn der gesellschaftliche Gegensatz von gesellschaftlicher Arbeit und privatem Klasseneigentum, der immer wieder zur Krise und zum Klassenkampf treibt, wie die Ereignisse der letzten 6 Jahre auf der ganzen Welt mal wieder gezeigt haben, besteht weiterhin und zwingt uns bei Strafe des Untergangs, ihn auf eine neue Weise aufzuheben. Um den schon begonnenen, aber bisher immer wieder gescheiterten Übergang zu einer communistischen Produktions- und Verteilungsweise erneut anzugehen, müssen wir die revolutionären Versuche der Vergangenheit genau studieren, um nicht dem geschichtlichen Wiederholungszwang zu verfallen, ihre alten Fehler erneut zu begehen. An der „portugiesischen Erfahrung“ können wir vor allem lernen, wie und um welchen Preis das Proletariat die politische Macht an das Militär oder an staatstragende Parteien – trotz ihrer vorübergehenden „sozialistischen“ Programme stets die Hüter der bürgerlichen Eigentumsordnung – abgeben kann und wie es passiert, dass wir im Schatten unserer Repräsentation alle unsere Möglichkeiten aufgeben können, endlich zur geschichtlichen Macht, zum selbstbewussten Subjekt zu werden, das heisst für unsere eigene Aufhebung als Proletariat, als Objekt der Lohnsklaverei. Die Zahlungsbilanz der sozialen Kämpfe an Europas Peripherie wirft nach 40 Jahren im Zentrum der neuen Krise unweigerlich, auf allen Ebenen die Frage der Abrechnung auf. [via]

1.) „Nelkenrevolution“ – 40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Die Veranstaltungsreihe wurde mit einer kommentierten Lesung eröffnet. Nach einer Einleitung zum Titel und zur Intention der Reihe begann die Lesung mit einem Auszug des Textes „Wer hat die Macht in Portugal?“ von Maren Sell aus dem Sommer 1974, worin die Vorgeschichte der Revolution und die Ereignisse und Stimmungen unmittelbar nach ihrem Ausbruch beschrieben werden. Im Text „Portugal vor der Entscheidung“ von Tony Cliff aus dem Herbst 1975 wird dann die Dynamik und Entfaltung der Klassenkämpfe beschrieben. Der Text „Der soziale Krieg in Portugal“ des Situationisten Jaime Semprun charakterisiert die Klassenauseinandersetzungen im Zuge der portugiesischen Revolution und bezieht sich dabei vor allem auf die Ereignisse des Jahres 1975. Der Text des Trotzkisten Peter Robinson, „Arbeiterräte in Portugal 1974/75″, aus dem Jahr 2010 enthält Beschreibungen der rätemäßigen Organisierung der Arbeiter, wobei er die Auseinandersetzung um die Selbstverwaltung mehrer Zeitungen fokussiert, und beschreibt das Auslaufen des revolutionären Prozesses. Der Text „Die portugiesische Erfahrung“ des Zeitzeugen Charles Reeve versucht eine Auswertung der gescheiterten Revolution und eine Bestimmung ihrer inneren Schranke, die er vor allem in der Fixierung auf das Militär sieht. Der zweite Teil widmet sich der Erfahrung von Frauen, die an der Revolution teilgenommen, sich in ihrem Zuge ebenfalls selbst organisiert haben und die dabei auf erheblichen Widerstand der Männer gestoßen sind. So werden Auszüge aus den „Neuen Portugiesischen Briefen“ von Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa verlesen. Außerdem wurden einige Stellungnahmen und Flugblätter der Movimente de Libertação das Mulheres (MLM, Bewegung zur Befreiung der Frauen) verlesen. Eine Literaturliste der verlesenen Texte gibt es hier (PDF). Ein Video von dem in der Lesung erwähnten Angriff auf eine feministische Demonstration in Lissabon kann hier gesehen werden, ein Flugblatt der MLM, das auf dieses Ereignis reagiert, gibt es hier.

“A Revolucâo dos Cravos“ – 40 anos de partida PRECária – „Nelkenrevolution“ –40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Wir wollen diese „vergessene Revolution“ am Rande Europas ins Zentrum der Gegenwart, unserer Wahrnehmung bringen – in eine heute noch weiter verschärft krisenhafte Aktualität, deren Alltag ähnlich prekär ist für lohnabhängige Menschen überall, wie sie es bei dem Aufbruch in Portugal vor 40 Jahren war. Und diese – wie jede – Revolution war selbst äusserst brüchig, ja gebrochen, eben prekär: so in ihrer Klassenzusammensetzung, ihren widerspruchsvollen sozialen Interessen-Triebkräften, was in ihrem politischen Durchbruch, Aufbruch und Abbruch als Tumult und „Chaotisierung“, als „Ordnung“ und „Demokratisierung“ erschien. So im Geschlechterverhältnis, im Aufbruch der Frauen aus dem klerikal-faschistischen und unterentwickelt-kapitalistischen Muff patriarchalischer Ausbeutung … Und auch der feministische Emanzipationsanlauf brach sich zunächst noch während jener Revolution an dem Machismo und Sexismus, der in Portugal – natürlich nicht nur dort — bis heute fast ungebrochen dominant geblieben ist.

Aus Anlass der Gründung der portugiesischen Frauenselbstbefreiungsorganisation MLM (Movimento de Libertaçâo das Mulheres) am 30.April 1974 — wenige Tage nach dem Miltärputsch der antifaschistischen Offiziere & Hauptmänner und am Vorabend des 1.Mai, an dem „die Arbeiterklasse und das Volk“ in Portugals Zentren massenhaft als revolutionäres Subjekt, aber auch als bloße Repräsentation auf die Bildfläche trat – in dieser „Walpurgisnacht“ ist die translib ein Ort der Zugänge und des Zusammentreffens: von Bildern und Dokus, Analysen und Stimmen aus jenen Tagen sowie kritischen Blicken der Jetztzeit … Eine Fete ohne Folklore und Tanz in den Mai. Ein Büffet mit Portwein soll es aber geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 153 MB; 2:47:09 h)
    Hören bei Youtube: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

2.) Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal

Am 20. Juni 2014 waren im Rahmen der Portugal-Reihe Charles Reeve und Ricardo Noronha zu Gast. Charles Reeve war selbst an der portugiesischen Revolution beteiligt und hat seit dem mehrere Texte über die revolutionären Prozesse aus linkskommunistischer Sicht veröffentlicht. Nach einer Einleitung durch die Translib referiert Reeve auf portugiesisch und wird von Cornelia Döll ins Deutsche übersetzt. Charles Reeve geht es in seinem Vortrag vor allem darum, mehrere Mythen zu zerstören: Ein demokratischer Teil der Armeeführung habe die Revolution gemacht und das faschistische Regime gestürzt; die Portugiesische Revolution sei eine Revolution gewesen, die das heutige bürgerlich-demokratische System erreichen wollte; die Portugiesische Revolution sei ein staatssozialistischer Putsch gewesen. Außerdem skizziert er die Schwierigkeiten der ökonomischen Organisierung des Landes im Zuge der revolutionären Prozesse und sucht nach Ursachen für das Scheitern der Revolution. Immer wieder setzt er sich dabei mit Äußerungen Guy Debords zur Portugiesischen Revolution auseinander.

Ajustar contas ainda abertas – 40 anos de luta de classes em Portugal. Debate acerca da “Revolução dos Cravos/PREC”, com um participante e um activista de Portugal (colaboradores da revista “Tranvía” e do Vol. 15 da “Biblioteca da Resistência”)

Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal. Diskussionsveranstaltung zur „Nelkenrevolution / PREC“ mit Charles Reeve und Ricardo Noronha

Es gibt Orte und Jahreszahlen, die in linken Ohren sofort vertraut klingen und bei Vielen eine Flut von Assoziationen, Bildern und Namen hervorrufen. St. Petersburg 1917, Barcelona 1936 oder Paris 1968 sind längst zu mythischen Chiffren für die Siege und Niederlagen der sozialen Revolution geworden. „Lissabon 1974“ bringt dagegen nichts zum Klingen, ruft keine Namen, Bilder und Parolen hervor. Lissabon 1974 steht in keiner lebendigen Beziehung mehr zu uns, und das wofür die Chiffre einsteht, ist nahezu völlig aus dem historischen Bewusstsein einer sich revolutionär verstehenden Linken gelöscht. Und das obwohl – oder vielleicht: gerade weil – das, was am 25. April 1974 in Lissabon mit einem linken Militärputsch in Gang kam, sich rasant zu der radikalsten und umfassendsten sozialen Revolution ausweitete, die Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg erschüttert hat. Denn auf die Absetzung eines faschistischen und kolonialistischen Regimes folgte in Portugal eine riesige Bewegung der Besetzungen, die sich innerhalb weniger Monate zehntausende Wohnhäuser, Betriebe und Landgüter aneignete und sie unter die räteförmige Selbstverwaltung der ausgebeuteten Klassen stellte. Seither gab es wohl keinen praktischen Angriff auf die bestehenden Eigentumsverhältnisse mehr, der den herrschenden Klassen so gefährlich geworden wäre!

Wir möchten an diesem Abend über jene Ereignisse diskutieren. Dafür konnten wir mit Charles Reeve und Ricardo Noronha zwei ganz besondere internationale Gäste gewinnen.

Charles Reeve (*1945) desertierte 1967 aus der portugiesischen Kolonialarmee und lebt seitdem im Pariser Exil. Er war in den Jahren 1974/75 aktiver Teilnehmer des revolutionären Prozesses in Portugal. Bereits im Frühjahr 1976 legte er eine kritische Analyse des Scheiterns der „Nelkenrevolution“ in seiner Broschüre Die portugiesische Erfahrung vor. Die hierin enthaltenen Einsichten sind bis heute maßgebend und wurden von Reeve in mehreren über die letzten 40 Jahre verfassten Artikeln und Essays zum Thema kontinuierlich vertieft, zuletzt in seinem neusten Text Das Unvorhersehbare – unser Territorium. Reeve schreibt unter anderem für die Zeitschrift Wildcat und berichtet seit den 1970ern aus verschiedenen Kontinenten über die Kämpfe und Lebensbedingungen eines in permanenter Umwälzung begriffenen Weltproletariats. Zuletzt erschien 2001 von ihm Die Hölle auf Erden. Bürokratie, Zwangsarbeit und Business in China in deutscher Übersetzung bei Edition Nautilus.

Ricardo Noronha arbeitet als Sozial- und Wirtschaftshistoriker am Institut für Zeitgeschichte der Universität Lissabon. Er forscht vor allem zur Einbindung des semi-peripheren Portugal in die europäische und weltkapitalistische Ökonomie und zur Nationalisierung des Bankwesens im Rahmen der „Nelkenrevolution“ (siehe seinen Aufsatz “Die Banken im Dienste des Volkes” in dem Buch “Portugal 25. April 1974 – Die Nelkenrevolution” vom Laika-Verlag). Unlängst veröffentlichte er unter dem Titel Never has a winter been so long ein Thesenpapier auf der Homepage der Gruppe Affect (New York), in dem er seine Einschätzung der komplizierten Konflikte und Alternativen 1974-75 prägnant verdichtet. In der Vergangenheit hat Noronha sich auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg 1936-39, dem italienischen Operaismus und der Situationistischen Internationale auseinandergesetzt.

Gemeinsam wollen wir danach fragen, wie und warum die damals durch die Aktion der Ausgebeuteten kurzfristig eroberten ungeheuren Möglichkeiten zur Emanzipation wieder zerschlagen werden konnten? Welche Rolle spielten Staat und Kapital, aber auch die linken Organisationen, also Sozialdemokraten und Gewerkschaften, Parteikommunisten und linksradikale Grüppchen in dieser Auseinandersetzung? Worin bestanden die entscheidenden Schwächen der Bewegung, die eine teils gewaltsame, teils „samtene“ Konterrevolution möglich machten? Und nicht zuletzt: wo stehen Portugal und die portugiesische Bewegung heute, nach 40 Jahren bürgerlicher Konterrevolution und 5 Jahren Schuldenkrise? [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 66.1 MB; 1:12:09 h)
    Hören bei Youtube: Einleitung | Referat Charles Reeve

3.) Revenge is still outstanding – 40 years of class struggles in Portugal

After a progressive military coup against the fascist Salazar-regime in april 1974 the class struggles exploded in Portugal. What happened then is known as the PREC (permanent revolutionary process): the working class started to organize itself in councils and neighborhood-comittees, workers started to takeover factories and poor farmers began to collectivize the acres. The PREC was ended by a social-democratic counter-coup in november 1975. On 20.06.2014 the historian Ricardo Noronha (Lissabon) was guest of the Translib (a self-organized, far-left-communist library in Leipzig) and talked about the PREC. He held a well-informed lecture about the economic, political, military and psychological reasons of the revolution, described it’s course and how it was possible, that the proletariat first started to organize autonomous in a radical way but then the state was able to takeover the organization of the workers. In his opinion the revolution is still current and it is present in the mind of many people in Portugal. Also in the recording of the discussion you get many interesting informations about the PREC – in the discussion you can also hear Charles Reeve, a left-communist who participated in the PREC. Sorry for any mistakes in this english description.

Download: Lecture (mp3; 30.4 MB; 33:10 min) | Discussion (mp3; 62.3 MB; 1:07:59 h)

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Kunst und Gesellschaftskritik in Zeiten der Kulturindustrie (I) March 9, 2013 | 03:07 pm

„[…] jede Ware eine Waffe, jeder Supermarkt ein Trainingscamp. Das erhellt die Notwendigkeit der Kunst als Mittel, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“ (Heiner Müller)

Bekanntlich sah Theodor W. Adorno in der Kunst einen Rückzugsraum für unverstümmelte Erkenntnis: In der ästhetischen Erfahrung kann das Subjekt eine Ahnung davon gewinnen, dass die instrumentelle Naturbeherrschung barbarisch ist. An der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung entscheidet sich, inwieweit die Menschen überhaupt noch ein Gespür für ihr Leid und einen Sinn für gesellschaftliche Alternativen haben. Auch heute noch stellt sich die Frage, ob Kunstwerke potentiell die Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse, ihrer Verwerfungen und Widersprüche ermöglicht, oder ob, zumal in Zeiten der alles in Warenform pressenden kapitalistischen Kulturindustrie, nicht einmal mehr die Kunst uns retten kann. Liegt womöglich die Stärke der Kunst in der Macht der Erkenntnis bei gleichzeitiger Ohnmacht in dem, was man Praxis nennt?
Diesen Fragen nähert sich derzeit die Veranstaltungsreihe der Kritischen Interventionen in Halle. Die ersten vier Vorträge – von Christoph Hesse, Marc Grimm, Baumeister & Negator und Lukas Holfeld – können wir hier dokumentieren.

Christoph Hesse: Dynamit der Zehntelsekunden. Die Kontroverse über den Film zwischen Walter Benjamin und Theodor W. Adorno

Während Adorno der autonomen Kunst zutraute, als Statthalter der nicht länger vom Tausch verunstalteten Dinge ein Bewusstsein von Freiheit zu vermitteln, das in sonst allen Bereichen der Gesellschaft verbaut werde, vertraute Walter Benjamin darauf, dass gerade von der sogenannten Massenkultur – für die Adorno dann den Begriff Kulturindustrie prägte – der Funken ausgehe, der die gesamte Gesellschaft aus ihrem barbarischen Zustand befreien sollte; mit dem Dynamit der Zehntelsekunden, das mit dem Film erfunden worden war, sollte diese ganze Kerkerwelt […] gesprengt werden. Christoph Hesse (Rote Ruhr Uni und FU Berlin) verdeutlicht im Bezug auf den Film die unterschiedlichen Positionen.

Kino ist gediegene Unterhaltung, ähnlich wie das aus dem bürgerlichen Zeitalter ererbte Theater. Die explosive Kraft, die man ihm einst zutraute in der Hoffnung, damit der Enge der eigenen bürgerlichen Existenz zu entkommen oder gar die gesellschaftliche Ordnung als ganze zu sprengen, scheint unwiederbringlich verpufft. Ob der Film die ihm zugeschriebene Kraft einem anderen, neueren Medium übertragen konnte, bleibt fraglich.
Im Vortrag soll es sich – auch anhand von Filmmaterial – vor allem um den politischen Film der 1920er und 30er Jahre drehen, so das frühe sowjetisches Kino oder den proletarischen Film in Deutschland, zudem um seine Beurteilung, bei der es nicht sowohl um Kunst, Wahrnehmung und Technik ging als um Gesellschaft und Revolution. Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, zwischen ihnen Bertolt Brecht, sollen als Zeugen aufgerufen werden in einem nunmehr historischen Prozeß, in dem das revolutionäre Medium Film, stellvertretend für die höchsten Hoffnungen einer Epoche, zu einem Medium der Kulturindustrie verurteilt wurde.

Referat

    Download: via AArchiv (mp3; 54 min; 87 MB)

Diskussion

Die erste Frage der Diskussion bezog sich auf den 2012 veröffentlichten Film Innocence of Muslims, der gewaltsame Proteste unter der Parole Tod Amerika, Tod Israel, Tod den Feinden des Islam auslöste.

Marc Grimm: Ästhetik und Kulturindustrie nach Adorno


Marc Grimm
analysiert das Verhältnis von Ästhetik und Kulturindustrie bei Adorno und verweist darauf, dass Adornos Kritik sich nicht undialektisch gegen die Warenförmigkeit der Kunst richtet: Weil der Künstler nach der Loslösung von Auftraggebern ab dem 18. Jahrhundert frei war vom Zwang für unmittelbares Interesse zu produzieren, wie dies für die Auftragskunst kennzeichnend war, wahrte die Kunst ein Moment von Freiheit: Die Freiheit, im Rahmen der warenproduzierenden Gesellschaft Kunst zu schaffen, die selbst nicht unmittelbar den Zwecken der Gesellschaft unterworfen ist und daher nicht ohne Rest in dieser aufgehen muss. Neben dem Zusammenhang des sich in der Kunst reproduzierenden Widerspruchs von Zwang und Freiheit, diskutiert Grimm den Wahrheitsgehalt von Kunstwerken und damit die Differenz von engagierter und emanzipatorischer Kunst. Grimm rekurriert in seinem Referat auf einen Text, den er 2009 im Band Probleme der Dialektik heute veröffentlichte.

Gerade dann, wenn man von Theodor W. Adorno nichts weiß, weiß man doch mit Sicherheit eines: dass er trotz revolutionären Gestus’ der Praxis sich verweigert hat. Insbesondere seine letzte Arbeit, die Ästhetische Theorie, die 1970 aus seinem Nachlass herausgegeben wurde, dient diesem Vorwurf als Grundlage. Denn dass Adorno postmoderner Wolf im materialistischen Schafspelz gewesen ist, von gesellschaftlicher Veränderung nichts mehr wissen wollte und als Apokalyptiker, Praxisflüchtling in Kunst, letztlich als prä-postmoderner Meister einer begriffsfeindlichen Empfindsamkeit endete, scheinen Titel wie Sache, die in diesem Spätwerk verhandelt werden, zu bestätigen. Übersehen wird dabei nicht nur, dass die Beschäftigung mit Kunst integraler Bestandteil von Adornos Leben und Wirken seit jungen Jahren war, sondern vor allem auch, dass sein Werk sich nicht in politische, für gesellschaftliche Praxis relevante Arbeiten und unpolitische, also der Kunst verpflichtete Arbeiten trennen lässt. Wie Adorno in den kunsttheoretischen, den philosophischen und soziologischen Schriften seine Kritik an den gesellschaftlichen Identitätszwängen und deren Vermittlung durchs Subjekt entfaltet, so in der Ästhetischen Theorie. Sie behandelt die Frage, wie Kunst der Emanzipation dient, ohne sich für diese einspannen zu lassen.

Referat

    Download: via AArchiv (mp3; 49 min; 78 MB)

Diskussion

Baumeister & Negator: Kunst, Avantgarde, Klassenkampf. Benjamin, Adorno und die Situationistische Internationale

Nicht nur Adornos, sondern auch die Überlegungen der Situationist_innen um Guy Debord zu den emanzipativen Möglichkeiten von Kunst, stehen im Zentrum der Untersuchung von Baumeister & Negator (Seltsamer Zusammenschluss). Während Adorno und Debord gewissermaßen spiegelbildlich zueinander stehen, nimmt der ebenfalls beachtete Walter Benjamin eine Zwischenstellung ein. Wie bereits oben erwähnt, kann Adorno zufolge Kunst als Statthalter des richtigen Lebens fungieren, aber nur dann, wenn sie die unerträglichen gesellschaftlichen Verhältnisse ausdrückt und darum in negativer Form auf ein besseres Leben verweist. Demgegenüber entdeckte Benjamin sprengende Momente in der Poesie der Montage, worin Adorno Jahre später die Verdinglichung der Kulturindustrie am Wirken sieht. Der S.I dagegen ging es darum, die künstlerischen Mittel im Klassenkampf den proletarischen Interventionen als revolutionäre Ausdrucksmittel anzuempfehlen, die damit zugleich eine neue Poesie ermöglichen sollten. Die Kunst würde dadurch als separierte gesellschaftliche Sphäre überwunden bzw. aufgehoben werden. Baumeister & Negator beginnen das Referat mit einführenden Worten zur Entstehungsgeschichte der Situationistischen Internationalen.

Einerseits sprach sich die Situationistische Internationale (1958–1972) um Guy Debord für „neue Aktionsformen gegen Politik und Kunst“ aus. Andererseits kritisierte sie die Surrealist_innen um André Breton dafür, dass diese „Poesie in den Dienst der Revolution“ stellen wollten – es komme vielmehr darauf an, „die Revolution in den Dienst der Poesie zu stellen“. Auf den ersten Blick scheint das situationistische Projekt den Überlegungen von Walter Benjamin zu widersprechen, wonach es für gesellschaftskritische, communistische Bestrebungen auf eine „Politisierung der Kunst“ ankomme, während der Faschismus eine „Ästhetisierung der Politik“ betreibe.
Was Karl Marx als „das ganze Atelier“ bezeichnet: die hochvergesellschaftete, wenn auch reell unters Kapital subsumierte „Kombination und Kooperation“ der weltweit zugleich erzwungenen und freien Assoziation der Arbeitenden, dieses „Atelier“ ist immer zugleich auch ein ästhetisches und stellt objektiv die materiellen Bedingungen dafür bereit, aus dem Stand in eine communistische Produktion und Verteilung auch der ästhetischen Vermögen der Menschen überzugehen. Die Eigentumsfrage angesichts des privaten Eigentums an den gesellschaftlichen Produktionsbedingungen wäre dafür allerdings ebenso aufzuwerfen, wie die kapitalistische Arbeitsteilung und bürgerliche Sphärentrennung als historisch-materiell längst überholte Form weltgesellschaftlicher Produktion und Lebensgestaltung transparent zu machen wäre.
Das situationistische Postulat der Aufhebung der Kunst setzte direkt wieder an der Marx’schen Feststellung an, wonach die „exklusive Konzentration des künstlerischen Talents in Einzelnen und seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen Masse“ die „Folge der Teilung der Arbeit“ sei: „Bei einer communistischen Organisation der Gesellschaft fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lokale und nationale Borniertheit, die rein aus der Teilung der Arbeit hervorgeht, und die Subsumtion des Individuums unter diese bestimmte Kunst, so dass es ausschließlich Maler, Bildhauer usw. ist und schon der Name die Borniertheit seiner geschäftlichen Entwicklung und seine Abhängigkeit von der Teilung der Arbeit hinlänglich ausdrückt. In einer communistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter anderem auch malen.“ (MEW 3, 378f.)
Nicht als Avantgarde im traditionellen kunstmodernistischen Verständnis sah die Situationistische Internationale ihre Rolle, sondern als die einer Art letzten Avantgarde, als Aufhebung der Avantgardebewegungen, als enfants perdus in der Gesellschaft des Spektakels, welche sie zu überwinden trachtete. Ihre Geschichte verweist exemplarisch auf das problematische Verhältnis von Kunst und Avantgarde in ihrem untergründigen Bezug zu den Klassenkämpfen der jeweiligen Gegenwart bzw. zu den Vorstellungen, die sich mit politischer Kunstintervention und proletarischen Revolutionsanläufen verbinden. Es stellen sich folgende Fragen: Welche Rolle nimmt die Kunst im Rahmen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ein bzw. welche Rolle kann die Kunst potentiell innehaben? Welche gesellschaftlichen Interventionsmöglichkeiten ergeben sich für eine politisch motivierte Kunst, und wie ist es diesbezüglich um Avantgardepositionen bestellt?
Die Krise der Arbeiterbewegung und der Niedergang der großen avantgardistischen Kunstbewegungen sowie die katastrophale Entwicklung, die in Auschwitz kulminierte, der Nationalsozialismus, stehen in einem bestimmten Zusammenhang, dem sich auch gegenwärtige Formen der Kunst nicht zu entziehen vermögen, selbst wenn ihnen das nicht explizit bewusst ist. Um diese geschichtlich wirkmächtigen Topoi kreisten stets auch die Überlegungen Benjamins, Adornos und der Situationistischen Internationale, allerdings mit jeweils unterschiedlichen Gewichtungen.

Referat

    Download: via AArchiv (mp3; 69 min; 110 MB)

Diskussion

Lukas Holfeld: Hölderlin und die Versteinerung der Revolutionäre

In die Tiefen des deutschen Idealismus (und auch wieder heraus) führt das Referat von Lukas Holfeld, der in den letzten Jahren als Initiator der Reihe Kunst, Spektakel, Revolution (Weimar) für Aufsehen und gleichsam für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik sorgte. Holfeld nähert sich einem Werk in der Hoffnung, dass dessen Interpretation vielleicht weitergehende Reflexionen entspringen können: dem Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ von Friedrich Hölderlin. Dass gerade Hölderlin, der sich auf den ersten Blick mit seiner häufig schwülstigen Sprache und dem Gedichtzyklus vaterländischer Gesänge nur bedingt empfiehlt, untersucht wird, erklärt sich durch den Handlungsbogen, den Hyperion schlägt: Vom Ausbleiben einer Revolution in Deutschland, aber auch von der Möglichkeit einer Verlängerung des Leidens durch das Missraten einer gewaltvollen Erhebung; davon handelt der Roman. Der Vortrag betrachtet einige Stellen genauer und stellt Interpretationsvorschläge zur Diskussion. Dabei wird das Sujet des Romans mit heutigen Versuchen, ein revolutionäres Vorhaben (oftmals nur in Gedanken) aufleben zu lassen, in Bezug gesetzt.

Bevor Hölderlin, Hegel und Schelling sehr unterschiedliche Wege beschritten, hatten sie 1794 – nachdem sie von den großen Erhebungen in Frankreich erfahren hatten – gemeinsam mit anderen Studenten des „Tübinger Stifts“ einen „Freiheitsbaum“ gepflanzt und einen Schwur auf die Revolution geleistet. Vom Ausbleiben einer Revolution in Deutschland, aber auch vom möglichen Missraten einer gewaltvollen Erhebung handelt Hölderlins Bildungsroman „Hyperion“. Der Vortrag beginnt mit einigen einführenden Bemerkungen zu Hölderlin, will dann eine Passage aus Hölderlins „Hyperion“ genauer betrachten und endet mit einigen fragmentarischen Überlegungen zur Entwicklung der modernen Dichtung als einer Tendenz des Verstummens und des Zerfalls.

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Das situationistische Ende der Kunst und sein Ausbleiben August 20, 2012 | 03:25 pm

Alles falsch — auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie

Anlässlich des kürzlichen Erscheinens des Buches »Alles falsch. Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie« hat Sebastian Dittmann am 3. Juli 2012 in Halle einen Vortrag gehalten, in dem er zunächst eine kurze Einführung in das Theorem der Kulturindustrie von Horkheimer & Adorno gibt und anschließend über die Spektakel-Kritik der Situationisten referiert. Konklusio des Vortrags ist die Gegenüberstellung der verschiedenen Ausgangsbedingungen Adornos und Horkheimers auf der einen und Debords und der Situationisten auf der anderen Seite und wie daraus unterschiedliche Positionen zum Umgang mit der Kunst entspringen.

Während es üblich geworden ist, innerhalb der Kulturwaren zu differenzieren, um so deren vermeintliche Freiheitspotentiale zu entdecken, haben es sich die Autoren eines vor kurzem im VerbrecherVerlag erschienenen Buches vorgenommen, die Kulturindustrie als das zu kritisieren, was sie ist: Produkt und zugleich Produzentin des falschen Ganzen, als welche sie Theodor W. Adorno zu seiner Zeit verurteilte. Konnte der noch damit rechnen, durch Übertreibung ihre Wahrheit zu treffen, hat die Kulturindustrie unterdessen ihren eigenen Superlativismus übertroffen. „Alles falsch – Auf verlorenem Posten gegen die Kulturindustrie“, heißt das betreffende Buch. Mitherausgeber Sebastian Dittmann stellt es nun vor. In den Mittelpunkt rückt Dittmann dabei die Situationisten um Guy Debord. Debord und Adorno versuchten Mitte des letztens Jahrhunderts das Voranschreiten der Entfremdung seit dem Erscheinen von Marx´ ›Kapital‹ zu fassen. Interessanterweise ist ihre Kritik von „Kulturindustrie“ bzw. „Spektakel“ sich dabei recht ähnlich, manchmal bis in die Wortwahl, aber ihre Schlußfolgerungen unterscheiden sich radikal: Bejahte Adorno die Kunst als letztes Medium von Kritik, verneinten die Situationisten sie, da in der von ihnen erwarteten Revolution die in der Kunst in eine eigene Sphäre ge- und verbannte ästhetische Qualität in die wirkliche Welt zurückgenommen, die Poesie mit dem Leben versöhnt werden sollte; in dieser Aufhebung der Kunst erblickten die Situationisten die „Nordwestpassage“ der proletarischen Revolution. Der Vortrag versucht, zuerst einige zentrale situationistische Begriffe darzustellen und davon ausgehend ihre Kritik der Kunst behandeln; abschließend wird es um die Frage gehen, warum die erwartete Aufhebung der Kunst ausblieb. [via]

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21.6.-24.6. EINLADUNG ZUM SPEKTAKELBUCHKURS IN DER TRANSLIB WAEHREND DER KUNSTTAGUNG IM IVI June 14, 2012 | 11:04 am

21. Juni 2012bis24. Juni 2012

Wir laden ein zur Spektakel-Kritik von Do., dem 21.06. bis So., dem 24.06., in die queercommunistische Bibliothek, 3. Stock, im „Institut für vergleichende Irrelevanz (IVI)“. Der Reader zum Kurs wird in den nächsten Tagen verteilt.

Die Lektüre des Achten Kapitels der „Gesellschaft des Spektakels“ (VIII: Die Negation und der Konsum in der Kultur) soll – durchaus auch in kritisch-aktualisierender Bezugnahme auf Debord – eine Auseinandersetzung mit jenen Themen ermöglichen, die wir in der parallel am selben Wochenende im IvI stattfindenden Kunst-Tagung dringend vermissen:

  • Kritik der Spezialisierung und Trennung in den Bereichen Kunst, Politik, Ökonomie
  • die Perspektive einer revolutionären Aufhebung der Kunst
  • Kritik der Trennungen des Geschlechts in der (Kultur-) Produktion, Reproduktion und Konsumtion
  • die Frage der Unmöglichkeit von Kultur und Kulturkritik nach Auschwitz
  • eine Kritik der Klassengesellschaft, des Staates und des akademischen Elends

Der Spektakelbuchkurs wird als kritische Ergänzung der genannten Tagung im Besonderen verstanden sowie als notwendige Kritik des linken Kultur-Elends überhaupt und setzt auf eine friedliche, aber streitbare Koexistenz. Auch Seiten-Einsteiger_innen in die Spektakel-Kritik sind willkommen – wir freuen uns auf zahlreiche Teilnehmer_innen.

Für Kritiker_innen, die auch an Veranstaltungen und dem Rahmenprogramm der Kunsttagung interessiert sind, wird eine Anmeldung erwünscht. Einfach eine E-Mail an: kunsterkenntnisproblem@ymail.com.

Einen Reader gibt es hier: http://theoriepraxislokal.org/rev+s/uo/SpektakelbuchkursNr3.rtf und aktuellere Informationen werden sich auf dem Blog der transLib oder auf der tpl-Site finden.

Translib/ Vorbereitungskreis zum Spektakelbuchkurs

Leben ohne tote Zeit May 15, 2012 | 11:14 pm

Antje Géra und Claus Baumann haben im Februar in Stuttgart über die theoretische Bestimmung gesellschaftlicher Raum-Zeit-Verhältnisse u.a. bei Marx, Benjamin und der Situationistischen Internationale referiert. Im ersten Teil konzentrieren sie sich dabei auf den Begriff der disponiblen Zeit bei Marx, das Problem der Freizeit und die Formbestimmtheit kapitalistischer Produktion. Der zweite Teil enthält eine sehr sympathische und materialreiche Einführung in die Geschichte und kritische Theorie der Situationisten.

Angesichts der Wiederaufnahme offensiverer kritischer Auseinandersetzungen mit den Bedingungen eines möglichen »richtigen Lebens im Falschen« könnte man konstatieren, dass damit auch die Kämpfe um die gesellschaftliche Raum-Zeit neu justiert und mit Vehemenz geführt werden. Nun scheint es jedoch so, als sei angesichts sinnlich wahrnehmbarer Phänomene wie Gentrifizierung, Kommerzialisierung, Branding von (städtischen) Räumen die Problematik vornehmlich eine des Raumes. Uns wird es in den Vorträgen darum gehen, darzustellen, inwiefern gerade die Problematik der Zeit hierbei nicht vernachlässigt werden darf, inwiefern die Problematik wahrhaft freier Zeit ein grundlegendes Moment einer kritischen Gesellschaftstheorie bilden muss. Der Kampf um die freie Zeit stellte gerade für die Situationisten den entscheidenden strategischen Ansatzpunkt zur Veränderung der Gesellschaft in Richtung einer emanzipativen Gesellschaft, da sie eine der Grundbedingungen für Muße. Diese Überlegungen werden wir einbetten und flankieren in kritisch-theoretische Entwürfe eines Begriffs von wahrhaft freier Zeit, wie er sich bei Marx, Benjamin, Adorno reflektiert findet. [via]

  1. Teil 1: Vortrag: via AArchiv (mp3; 41,9 MB; 1:31:23 h) | via Mediafire (62,8 MB) / Diskussion: via AArchiv (mp3; 17,7 MB; 38:38 min) | via Mediafire (26,5 MB)
  2.  

  3. Teil 2: Vortrag: via AArchiv (mp3; 36,6 MB; 1:19:43 h) | via Mediafire (54,7 MB) / Diskussion: via AArchiv (mp3; 21,7 MB; 47:17 min) | via Mediafire (32,5 MB)
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Einführendes zur Situationistischen Internationalen February 25, 2012 | 11:00 am

1. Der öffentliche Raum in der spektakulären Zeit – Im Rahmen des 27. Diskursfestivals des Instituts für angewandte Theaterwissenschaft in Gießen, hat Robert einen einführenden Vortrag über die Psychogeographie und deren wichtigstes Mittel, das dérive (siehe Definitionen) gehalten. Im Zentrum steht dabei die situationistische Entwicklung einer Kritik der Stadt, ausgehend von der Wirklichkeit und der Kritik von Proletarität.

Die moderne Kunst hatte zum kapitalistischen Alltagsleben bereits in den 20er Jahren alles gesagt: Dass es zu überwinden sei. Die damaligen Avantgarden sahen sich als Vorreiter einer umfassenden Revolution, in deren Dienst die Poesie zu stellen sei. Sie griffen die Kunst selbst an, deren „bürgerliche“ Schönheit und Erbaulichkeit sie nur zur Rechtfertigung des Bestehenden für tauglich hielten. Aber die erhoffte Revolution blieb aus und die avantgardistische Kunstkritik verlor ihre destruktive Bedeutung. Die dadaistischen und surrealistischen Werke wurden genießbar und selbst zu hoch gehandelten Kunstwaren.

In den 50er Jahren traten in Paris die Lettristen auf den Plan, von denen einige später die Situationistische Internationale gründeten. Sie erklärten die Versuche der alten Avantgarden für gescheitert und schrieben sich konsequent das Projekt der Aufhebung der Kunst und Verwirklichung der Poesie auf die Fahnen, d.h. die Freisprengung der ästhetischen Vermögen aus der Kunstsphäre als Voraussetzung einer neuen revolutionären Praxis im alltäglichen Leben.

Zu diesem Zweck entwickelten sie Methoden wie la Dérive (das Umherschweifen in Städten als Forschungsmethode), die Psycho-geographie (Wissenschaft von den Wirkungen des geo-graphischen Millieus auf das emotionale Verhalten der Individuen) und das Détournement (bewusste Entwendung vorgefundener kultureller Gegenstände), deren Bedeutung für eine revolutionäre Theorie und Praxis der Vortrag zu disku-tieren unternimmt. [via]

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 10,7 MB; 18:44 min) | Diskussion (mp3; 30,1 MB; 52:33 min)

2. Enfants Perdus: Über die Situationistische Internationale in ihrer Zeit – Im Rahmen der Bildungsreihe am Donnerstag [BaD] haben Philipp (Falken Erfurt) und Lukas (BiKo) am 16.02.12 einen einführenden Vortrag über die Situationistische Internationale gehalten. Im ersten Teil geben sie einen Überblick über die Geschichte der Situationisten, inklusive eines ausführlichen Teils über den Pariser Mai ’68, während sie im zweiten Teil einige Aspekte der kritischen Theorie der Situationisten vorstellen.

Die Situationistische Internationale gehörte von 1957 bis 1972 zu einer der radikalsten Gruppierungen derjenigen Bewegung, die es anstrebt, den jetzigen Zustand aufzuheben. Selbst hervorgegangen aus versprengten Resten der nach dem zweiten Weltkrieg verbliebenen Kunstavantgarde, richtete sich die S.I., ausgehend von Frankreich, gegen die Borniertheit der Künstler-Kreise und die Szene linker Polit-Spezialisten, um außerhalb des akademischen Wissenschaftsbetriebs eine umfassende Kritik der kapitalistischen Gesellschaft auf der Höhe der Zeit zu formulieren und ein Programm der Abschaffungen zu erarbeiten. Während die S.I. vor allem für einen gewissen Stil bekannt wurde, der sich etwa in der Herausgabe einer aufwendig gestalteten Zeitschrift oder in den bekannten Comic-Verfremdungen zeigte, war es jedoch eines ihrer vorrangigen Tätigkeiten, eine von Hegel ausgehende Theorietradition des Marxismus – jedoch nicht mehr als »ismus« – als Theorie der Praxis zu rekonstruieren und hiervon ausgehend eine Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« zu entwickeln. Deren Augenmerk ist besonders auf die Bildhaftigkeit kapitalistischer Warenproduktion und -konsumtion gerichtet, begreift das Alltagsleben als Hauptfeld der Auseinandersetzungen, richtet sich zentral gegen das Prinzip der Repräsentation, setzt sich intensiv mit Zeitstrukturen und Geschichtsschreibung in der Warengesellschaft auseinander und widmet sich der Ordnung des urbanen Raums als einem wichtigen Aspekt der Disziplinierung und Zurichtung rund um die Lohnarbeit und ihre Reproduktion. In ihrer Ablehnung des Staatssozialismus und mit ihrer gnadenlosen Kritik des Marxismus-Leninismus kann die S.I., neben Adorno/Horkheimer in Deutschland, Georg Lukács in Ungarn und den rätekommunistischen Zusammenhängen in den Niederlanden, zu einem der wichtigsten Stränge kritischer Theorie gezählt werden. Wir wollen einige wichtige Aspekte der situationistischen Kritik der Gesellschaft vorstellen und dabei auf das Wirken der S.I. in ihrer Zeit eingehen. [via | via]

    Download:

  1. Teil 1: via AArchiv (mp3; 42,1 MB; 1 h 13:37 min)
  2. Teil 2: via AArchiv (mp3; 33,3 MB; 58:06 min)

3. Einführung in die Situationistische Internationale – Im Rahmen der Reihe Die Untüchtigen in der Hamburger Kneipe Golem war am 12.02.12 Dr. Roberto Ohrt (u.a. Phantom Avantgarde) zu Gast. Im Gespräch erzählt er einiges darüber, wie es gewesen ist mit den Situationisten – dabei erfährt man einige interessante Fakten, er verbleibt darin m.E. aber auf einer Ebene des Anekdotischen und Kunsthistorischen.

»ne travaillez jamais« – Jeder kennt dieses Bild, oder zumindest diesen Ausspruch. Doch wer waren die Situationisten, die von 1957 – bis zu ihrer Auflösung im Jahre 1972 an der Schnittstelle zwischen Kunst und Politik operierten, deren maßgebliche Rolle in den Pariser Maiunruhen von 1968 sie für eine kurze Zeit berühmt machte? Auf dem revolutionären Programm der SI stand die Abschaffung jeder Form von Repräsentation, also die Untergrabung jeder Autorität, die Zerstörung aller Machtsymbole, die Abschaffung der Kunst, die Rückgewinnung der in der Konsum- und Warengesellschaft enteigneten Lebenswirklichkeit – kurzum der Kampf gegen die spätkapitalistischen Enteignung. Sie kämpften mit Trinkgelagen und Straßen-Aktionen, mit Anschlägen auf Kunstwerke und den Eiffelturm, mit Anti-Filmen und Mauer-Graffitis gegen die Gesellschaft. Ihre Ideen finden weiter Verbreitung, in der Kunst, Politik, Architektur und Pop, bis in die heutige Gegenwart hinein, ihre Methoden tauchen unter anderem in Fluxus, Punk, sowie bei den Aktionen der »Globalisierungsgegner« des 21. Jahrhunderts, auf, stehen geistig Pate für auch heute noch die Gemüter erhitzende Schriften wie »Der kommende Aufstand«. Die SI, deren Kritik am Spektakel, begegnet uns als Referenz an so vielen Orten, dennoch bleibt es durch seine Komplexität und Radikalität für die meisten unbegreifbar. Und dieses möchten wir mit dem Beginn einer Reihe auflösen. Es geht uns bei der ersten Veranstaltung um eine sehr grundlegende Annährung an die SI, sie aus der Ecke des Mythos herausholen, ihre Ursprünge, die Lettristische Bewegung und ihrem Vordenker, Guy Debord, zu umreißen. Was können wir für unsere heutige politische Praxis daraus lernen? [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 59,9 MB; 1 h 44:44 min) | anhören via Soundcloud
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links (15. Februar 2012) February 15, 2012 | 02:40 pm

  • Erfurt: Ein 24-jähriger wurde wiederholt beim Fahren in der Tram ohne Fahrkarte kontrolliert. Da er die Geldstrafe von 3200€ nicht bezahlt hatte, wurde er verhaftet und für sieben Monate ins Gefängnis gesteckt
  • Gera (“Ich spürte wie meine Zähne nach innen klappten”): Freiheitsstrafen wurden auch im neulich erwähnten Prozess verhängt, der am 10. Februar am Amtsgericht Gera beendet wurde. Kurze Zusammenfassung: Zwei Mitglieder der Gruppierung “Braune Teufel Vogtland” waren angeklagt, gemeinschaftlich schwere Körperverletzung in zwei Fällen begangen zu haben. Zu Himmelfahrt 2010 hatten sie aus einer Gruppe von 15 bis 20 Neonazis eine Gruppe von fünf Jugendlichen an einem Teich im Landkreis Greiz überfallen und zwei davon auf äußerst brutale Weise verletzt. Einer der Angeklagten ist bisher nicht weiter öffentlich aufgefallen, steckt derzeit aber noch in einem anderen Prozess ähnlicher Couleur und trug während der Verhandlung ein Shirt mit der Aufschrift “Masterrace”. Dass niemand im Gerichtssaal daran Anstoß genommen hat (im Gegensatz zu einem Shirt mit der Aufschrift “Fire & Flames”, welches eine Person im Publikum trug, welche es daraufhin mit Verweis auf die Verbindung zur “RAF” verdecken sollte) sowie das Ausklammern, der von keiner Seite bestrittenen rechtsorientierten Motivation der Täter im Urteil, spricht Bände über die Zustände am Geraer Justizzentrum. Eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und vier Monaten sind sein Strafmaß. Der zweite Angeklagte fiel bereits 2003 durch einen Brandanschlag auf ein Asylbewerberheim in Greiz sowie Aktivitäten in der NPD auf. Unter Einbeziehung seiner Vorstrafen wurde ihm eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren verhängt. Jeweils ohne Bewährung. Allerdings ist davon auszugehen, dass beide in Berufung gehen werden. (Bericht in der OTZ)
  • Dessau: Im Zuge des Verfahrens im Falle Oury Jallohs bzw. parallel dazu kam und kommt es in Dessau in letzter Zeit vermehrt zu beängstigenden Szenen. Bei waiting wurde dies hier und da kommentiert. Die Initiative “Aufklärung und Transparenz” hat Radio Corax ein Interview gegeben und die derzeitige Situation geschildert.
  • Würzburg: “Das große Thier” kommentiert die Reaktionen (insbesondere die der ‘Wohlmeinenden’) auf den Suizid eines Exiliraners in einer ‘Gemeinschaftsunterkunft’ in Würzburg und dabei insbesondere die Schwierigkeit, der sich Asylbewerber_innen (immer wieder) ausgesetzt sehen, wenn sie nicht nur als “Objekt der Fürsorge” im Rahmen des “Asylrechts”, sondern als handelnde Subjekte auf- bzw. diesen Zuständen gegenübertreten.
  • Andrè Anchuelo kommentiert die Aufsehenerrengenden 20 Prozent der Deutschen, die latent und manifest antisemitisch seien sowie grundlegende Fehler in der dazugehörigen Begriffsarbeit (bspw. die synonyme Verwendung der »Begriffe Stereotyp, Klischee, Vorurteil und Ressentiment«). Im Bundestag spiegele sich diese Verteilung übrigens nicht wider.
  • Ali Schirasi über die “doppelten Standards” der iranischen Mullahs in Bezug auf (nackte) Körper.

“Die gleiche Strategie der Verharmlosung ist für das postnazistische Deutschland in „Schuld und Abwehr“ dokumentiert: Die Faktizität der Ereignisse wird lächerlich gemacht und als „Hörensagen“ abgewehrt, wenn nicht gleich die Erstschuld der Verfolgten (hier: „angezettelt“) behauptet wird. (S. Adorno, s.o., 165) Das Einverständnis mit dem Mord hat sich schon hergestellt, wenn nur die Identität der Opfer vom Hörensagen erwiesen wird als menschenfeindliche, hier djihadistische. Gegen diese Tendenz ist noch jeder Islamist zu verteidigen. Auch er soll für den Sturz eines Folterfürsten demonstrieren dürfen, ohne von einer Panzergranate zerfetzt zu werden und ohne von einem Schrapnell den Unterkiefer herausgerissen zu bekommen.”

(via nichtidentisches)

Anhörenswert:

Termine:

15. Februar. Jena: ”Nationalsozialistischer Untergrund. Rechtsterror und die Rolle des Staates” - eine Veranstaltung von apabiz e.V. und Kokont. Die Wahl des Veranstaltungsorts zeugt von Bewusstsein, tauchte das  NSU-Trio und einige seiner Unterstützer_innen vor Jahren auch mal im Jugendzentrum Hugo (der Flachbau ca. 300m hinter der Tram-Haltestelle Winzerla) auf. 18Uhr.

15. Februar. Halle: Hannes Bode wird den letzten Vortrag der Reihe “Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis” unter dem Titel “Negation und Utopie - Realgeschichte der Aufklärung, Ideologie der Menschenrechte” halten. Veranstalterin: kritische Intervention. Melanchthonianum (Uniplatz). 18.30Uhr.

16. Februar. Gera (bad-Reihe): “Enfants Perdu - Über die Situationistische Internationale in ihrer Zeit”. Galerie Mahesi (Schülerstr. 40). 19.30Uhr.

17. Februar. Halle: “Time to say Goodbye. Die Bonjour Tristesse sagt au revoir.” - Vortrag mit anschließender Party. “Aus Anlass des Erscheinens der dreizehnten und letzten Ausgabe sollen fünf Jahre Bonjour Tristesse gefeiert werden. In einem Vortrag soll allen Freunden und Gegnern der Bonjour Tristesse erklärt werden, warum sie von nun an wieder selber denken müssen.” Abdanken mit Chinaböllern. Schade. Lustig: Antifa und Jungakademiker werden wieder zu Kampfbegriffen. Die Referentin “Julia Reiter” wird die Feindbildpflege am “Phase 2 Hoax” (sie veröffentlichte in der aktuellen Ausgabe einen Text zur Fernsehserie ALF, den ich bisher aufgrund von Desinteresse [ALF hat schließlich Katzen gefressen] nicht lesen wollte; an diesem scheint aber “etwas faul zu sein”) durchexerzieren. Ungern greife ich auf den sonst eher schnöden Blog “tee” zurück, aber ggf. hat er aus den falschen Gründen das Richtige formuliert: “Szeneopfer”. VL (Ludwigstraße 37). 20Uhr.

21. Februar. Jena: Peter Bierl is back in town - “In einem zweiten Vortrag am 21. Februar 2012 in Jena beschäftigt sich Peter Bierl mit der Tradition der Rassenhygiene, dem Beitrag den Wissenschaftler der Universität Jena, angefangen mit Ernst Haeckel, dazu geleistet haben, bis hin zur Soziobiologie als Ideologie der so genannte Neuen Rechten und den Thesen Thilo Sarrazins.” Veranstalterin: JAPS. Uni-Campus, SR 206 (Carl-Zeiss-Str. 3). 19Uhr.

21./22. Februar. Berlin: Update: Der Schokoladen bekommt neue VerträgeDer Schokoladen soll geräumt werden. Macht was ihr wollt, aber das zu verhindern wäre überaus begrüßenswert, da dieser Schuppen tatsächlich einer der wenigen sympathischen ist (nicht nur weil er sich nicht der bauchlinken (Lebensstil-)Ästhetik & Hygienehass manch anderer Munkelbuden hingegeben hat). Klar werden hier “Privatinteressen” gepflegt, allerdings bin ich eher skeptisch, dass das in Etablissements der “Szene” anders ist (vgl. die einsame Auflösung der Reitbahnstr. in Chemnitz).

22. Februar. Erfurt: Peter Bierl - “Tierrechte & Rassenhygiene - Peter Singer, die Giordano-Bruno-Stiftung und die Wiederkehr einer mörderischen Ideologie”. Radio FREI (Gotthardtstraße 21). 19Uhr.

23. Februar. Gera (bad-Reihe): “Wohnungslose in deutschen Großstädten. Eine Reflexionen über städtische Verdrängungsstrukturen, ihren Einfluss auf den Stadtraum und einen Rundgang in Bremen.” Kanitz‘sche Buchhandlung (Laasener Str. 8). 18.30Uhr.

24. Februar. Leipzig: Almut Klotz & Rev. Christian Dabeler (ggf. als Musikduo Klotz & Dabeler bekannt) lesen und spielen vor. Veranstalterin: drift Buchhandlung. Skorbut (Dreilindenstr. 1). 20Uhr.

29. Februar. Jena: 13 Kurze mit dem Kapitalismus. Zwei mir unbekannte und Stephan Lessenich “erklären bei 13 Schnäpsen, wie das mit dem Kapitalismus funktioniert”. Dreamteam: Alkohol & Kapitalismus. Zum Glück gibt’s Cola. Bestimmt für zynische Schweine (un)geeignet. Kassablanca. 20Uhr.

05. März. Chemnitz: Opferzirkus.

29. März. Berlin: Francesca Caligiuri - “Theodor W. Adorno: Eine Physiognomik des verdinglichten Lebens”. Ausland (Lychener Str. 60). 21Uhr.

Kunst, Spektakel, Revolution – zum Zweiten January 27, 2012 | 10:43 am

Vor einem Jahr wurde in Weimar eine erste Vortragsreihe unter dem Motto »Kunst, Spektakel, Revolution« ausgerichtet, der eine gleichnamige Broschüre nachfolgte. Wir führten seinerzeit ein längeres Interview mit den Veranstaltern. Die Reihe wurde fortgeführt. Dieser Tagen erschien nun die zweite Broschüre, welche die Vorträge dieses Durchgangs versammelt und zugänglich macht.

Da auch die Äußerlichkeiten zählen, Form und Inhalt miteinander vermittelt sind, hat sich das »Büro für Lösungen« Schröter und Berger nicht lumpen lassen und mit genauem Augenmaß und gestalterischer Fertigkeit den Vorträgen eine ansehnliche Verpackung geschneidert. Hinzu kommt beim zweiten Heft als Bonus eine Neuübersetzung des Textes »Gebrauchsanweisung des Détournements« von Guy Debord und Gil Wolman. Dies unterstreicht den Charakter der Veranstaltungsreihe wie sie im Reader dokumentiert ist: die Sprach‑ und Begriffslosigkeit der radikalen Linken hinsichtlich ‘der‘ Kunst in Bewegung zu bringen und aufzubrechen; sie gegenüber dem Unsinn der Szene-Traditionen neu zu bestimmen.

Dafür bedarf es nicht nur Wissen aus zweiter Hand der Referenten (u.a. Roger Behrens, Kerstin Stakemeier, Björn Oellers, Magnus Klaue, Tilman Reitz), sondern die Geistestätigkeit der Rezipienten – was das Wissen und die Erkenntnisse derjenigen, die Konstellationen von Kunst, Spektakel und Revolution aufgriffen, verdeutlichten und reflektierten, nicht schmälern soll. Vielmehr soll die Anregung der Reihe »Kunst, Spektakel, Revolution« aufgegriffen werden: ihr seien viele weitere Interessenten, Mitdiskutanten und Leser gewünscht.

Bezugsmöglichkeiten für die Broschüren, ein großes Audioarchiv, Hintergrundtexte und das jeweils aktuelle Programm findet sich online.

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Proletariat und Revolutionstheorie January 17, 2012 | 10:20 am

20. Januar 2012
18:00

Am Freitag, 20.1. ab 18:00 Uhr findet im IVI, Kettenhofweg 130 Frankfurt/Main eine Veranstaltung statt, die keine Person verpassen wird, die sich nicht vor der Geschichte blamieren will. Es werden 2 bahnbrechende Präsentationen gezeigt, die euch aus unerträglicher Lethargie erretten. Wir arbeiten seit einiger Zeit mit großem Ernst an der Kritik der gegenwärtigen und der historischen communistischen Bewegung und präsentieren einige Resultate unserer bisherigen Forschung.

18:00 Uhr – Proletarität und Revolutionstheorie – Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität

Das »Proletariat« hat als Chiffre eine lange, unrühmliche Karriere hinter sich. Im »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus« mit dem historischen Phänotypen des Proleten identifiziert, welcher qua seiner Stellung im Produktionsprozess und seiner moralisch verstandenen Knechtung revolutionäres Bewusstseins spontaneistisch im Klassenkampf entwickeln müsse, oder per se rebellisch jenseits der Fetischisierungen, Mystifizierungen und Naturalisierungen der kapitalistischen Verkehrsformen stünde, hat sich spiegelverkehrt dazu das Gros der Marxisten und Linken enttäuscht vom Proletariat verabschiedet, nachdem dieses nicht seinem »geschichtlichen Beruf« (Marx) nachgekommen ist, sondern sich stattdessen ganz im Gegenteil als das erwiesen hat, als was es im kapitalistischen Produktions und – Verwertungsprozess gesetzt ist: variabler Teil des Kapitals. Seit dem Untergang des sogenannten »Realsozialismus«, sowie der »prolet-arischen« (Franz Neumann) Konterrevolution des Nationalsozialismus und der Shoa schwankt die westliche Linke allgemein und die deutsche insbesondere zwischen einer abgeschmackten Neuauflage der positiven Revolutionstheorie des Traditionsmarxismus, der (wertkritischen) Soziologisierung des Proletariats, einer Ausweitung des »utopische Bilderverbot(s) auch auf die Frage nach dem revolutionären Subjekt« (Ingo Elbe) und dem postmodernistischen »Abschied vom (revolutionären) Subjekt«. Während sich die fortschreitende Akkumulation des Kapitals weiterhin über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung eines Großteils der Menschheit vollzieht, ist der Begriff von der »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) der Proletarität und den Möglichkeiten ihrer Aufhebung in der Dimension revolutionärer Theorie und Praxis verschüttet. Gegen die Arbeitertümelei des Proletkults einerseits und die ihr aufsitzende Abkehr vom Proletariat andererseits wäre Proletarität nicht als Antwort auf die Scheinfrage zu begreifen, ob das Proletariat bereits das revolutionäre Subjekt sei, sondern als eine Voraussetzung des dynamischen Prozesses seiner Subjekt- und Bewusstwerdung zu rekonstruieren, die eine kommunistische Revolution realistisch möglich und denkbar macht. Nur in einer nüchternen Bestimmung der Bedingungen, objektiven Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischer Vergesellschaftung lassen sich die Formen und der Inhalt revolutionärer Subjektivität als der »Klasse des Bewusstseins« (Lukács) konkretisieren, die sich auf der Höhe der modernen Vergesellschaftung wissenschaftlich über ihre Lebensverhältnisse klar wird und sie praktisch umwälzt. Der Zusammenhang des Proletariats mit einer kommunistischen Revolutionstheorie wäre also in dem konkreten Beantwortungsprozess der Frage zu erschließen, wie diese Revolution beschaffen, was ihre Voraussetzungen, Mittel und Ziele sein könnten.

19:30 Uhr – Der öffentliche Raum in der spektakulären Zeit

Die moderne Kunst hatte zum kapitalistischen Alltagsleben bereits in den 20er Jahren alles gesagt: Dass es zu überwinden sei. Die damaligen Avantgarden sahen sich Vorreiter einer umfassenden Revolution, in deren Dienst die Poesie zu stellen sei. Sie griffen die Kunst selbst an, deren „bürgerliche“ Schönheit und Erbaulichkeit sie nur zur Rechtfertigung des Bestehenden für tauglich hielten. Aber die erhoffte Revolution blieb aus und die avantgardistische Kunstkritik verlor ihre destruktive Bedeutung. Die dadaistischen und surrealistischen Werke wurden genießbar und selbst zu hoch gehandelten Kunstwaren.
In den 50er Jahren traten in Paris die Lettristen auf den Plan, von denen einige später die Situationistische Internationale gründeten. Sie erklärten die Versuche der alten Avantgarden für gescheitert und schrieben sich konsequent das Projekt der Aufhebung der Kunst und Verwirklichung der Poesie auf die Fahnen, d.h. die Freisprengung der ästhetischen Vermögen aus der Kunstsphäre als Voraussetzung einer neuen revolutionären Praxis im alltäglichen Leben. Zu diesem Zweck entwickelten sie Methoden wie la Dérive (das Umherschweifen in Städten als Forschungsmethode), die Psychogeographie (Wissenschaft von den Wirkungen des geographischen Millieus auf das emotionale Verhalten der Individuen) und das Détournement (bewusste Entwendung vorgefundener kultureller Gegenstände), deren Bedeutung für eine revolutionäre Theorie und Praxis der Vortrag zu diskutieren unternimmt.

Freitag, 20.1. ab 18:00 Uhr im IVI, Kettenhof 130, Frankfurt / Main (U-Bahn Station „Bockenheimer Warte“)

Facebook Link (ladet eure Freunde und Verwandten ein!)

Nach der Veranstaltung gibt es im IVI „irgendso ein Punkkonzert, oder eigentlich gar kein richtiges Konzert“. Da gehen wir dann auch hin.

Bild & Ideologie November 17, 2011 | 04:08 pm

Wär’ nicht das Auge sonnenhaft,
Wie könnten wir das Licht erblicken?
Lebt’ nicht in uns des Gottes eig’ne Kraft,
Wie könnt’ uns Göttliches entzücken?

Mit diesem Vers des alten Goethe beginnt Christopher Zwi seinen Vortrag über »Bildlichkeit und Sehen in der Gesellschaft des Spektakels«, den er am 27.10. in Weimar im Rahmen der Reihe »Kunst, Spektakel und Revolution« gehalten hat. In Kontrast zu diesem göttlichen Sehen der Aufklärung stellt Zwi dann die Erfahrungen des französichen Buchenwaldhäftlings Jaques Lusseyran, der blind gewesen ist und der Buchenwald dementsprechend mit den verbleibenden vier Sinnen erfuhr: »Das Licht kommt nicht von außen; es ist in uns, auch wenn wir keine Augen haben« [Jaques Lusseyran: Das wiedergefundene Licht, München 1966, dtv]. Anhand dieser Gegenüberstellung rekonstruiert er eine geschichtlich-gesellschaftliche Dialektik von Sehen und Blindheit. Das Theorem des Verhältnisses von Bild, Wirklichkeit, Widerspiegelung und Reflexion umkreist er mit Marxens Anthropologie der Sinne und der Dialektik der Auflärung von Adorno und Horkheimer (hier vor allem das letzte Fragment »Zur Genese der Dummheit«). Im Übergang von der kritischen Theorie Adornos zu jener der Situationisten thematisiert er zudem das Proletariat im Bezug zu den Fetischformen der bürgerlichen Gesellschaft. Entscheidend sind am Ende dann drei thematische Stränge: die Spektakeltheorie der Situationisten, die Reflexionsbestimmungen Hegels und die kritische Ontologie des späten Lukács und gibt damit schon einen kleinen Einblick in den demnächst im ça ira-Verlag erscheinenden Lukács-Band.

    Download:

  1. Teil 1: via AArchiv (mp3; 29,8 MB; 52:08 min)
  2. Teil 2: via AArchiv (mp3; 41,3 MB; 1h 12:12 min)

Die weiteren Vorträge der Reihe »Kunst, Spektakel und Revolution«, die zum größten Teil bereits hier dokumentiert sind, werden nach und nach direkt auf den AArchiv-Server hochgeladen.

Zum Ankündigungstext:

In der Mitte des finsteren 20.Jahrhunderts forschte die kritische Theorie Adornos und Horkheimers nach den Ursachen für den gesellschaftlichen Bann der Verblendung. Die »Dialektik der Aufklärung« schliesst in dem letzten philosophischen Fragment »Zur Genese der Dummheit« mit einem Bild für »alles Lebendige«: »Das Fühlhorn der Schnecke ›mit dem tastenden Gesicht‹« steht hier zugleich als Wahrzeichen der menschlichen Intelligenz und des ihr einmal zugefügten Schmerzes einer Verletzung der sinnlich-neugierigen Entdeckungslust. Die gewaltsam beendete Einheit von Tasten, Riechen und Sehen mittels dieses Organs wird zum Urbild des Wundmals, wo die Lust an der sinnlich-praktischen Tätigkeit und am theoretischen Sinn durch gesellschaftliche Eigentumsschranken, Klassenverhältnisse und Machtinteressen zerstört wird. Die zurückbleibende Narbe markiert zweierlei: zum einen den in der Gattungsgeschichte geborgenen Erfahrungsreichtum, zum anderen das Umschlagen von Geschichte in einen verdinglichten Prozess, der sich gegen die Möglichkeiten des gesellschaftlichen Individuums richtet. An diesem wunden Punkt schlagen Wissbegierde und Neugier in Dummheit, Idiosynkrasie, Bosheit und Fanatismus um – in die verheerenden, mörderischen Folgen der Verblendung.

Die Geschichte dieser Verheerung ist ein Prozess der Ausdifferenzierung und der Verarmung der Sinne zugleich: die anderen menschlichen Sinne werden vom Gesichtssinn getrennt, das Gesicht wird auf das Sehen eingeschränkt und der Sehsinn wird durch die gesellschaftlichen Verhältnisse selbst noch verblendet. So reproduziert sich diese Gesellschaft als Ganzes blind, sie verbietet es sich selbst, ihre Form vernünftig zu reflektieren und in der Undurchsichtigkeit aller Verhältnisse und Beziehungen fixiert sie ihre Mitglieder in der Haltung der bloßen, ohnmächtigen Kontemplation. Das scheinbare Schicksal dieser widersprüchlichen Gesellschaftsform der Trennungen wurde in dem Vierteljahrhundert nach Erscheinen der »Dialektik der Aufklärung« zum Leitthema der kritischen Theorie der Situationisten. Die Situationistische Internationale (1957-1972) entwickelte erstmals eine communistische Kritik der »Gesellschaft des Spektakels«: in ihr spiegelt sich die wirkliche Welt des materiellen Lebensprozesses als »der getreue Widerschein der Produktion der Dinge« und als Selbstzweck der Produktion von Waren-Bildern und Bilder-Waren. Das Spektakel als Ganzes ist »das Kapital, das einen derartigen Akkumulationsgrad erreicht hat, dass es Bild wird«. Das bloße Anblicken des Erlebten im ununterbrochenen Bilderlauf des Nichtlebens und der normierten herrschenden Modell-Bedürfnisse verdinglicht und entfremdet die Geschichte – gerade auch die der Entwicklung der menschlichen Sinne – den Produzierenden und Konsumierenden. Es enteignet sie ihrer Gesten und Gestaltungsmöglichkeiten, verblendet ihre Wahrnehmung der historisch-materiellen Realität und macht sie dumm und stumm. So, wie die sogenannte Kommunikationsgesellschaft »das Gegenteil des Dialogs« zwischen den gezwungenermaßen assoziierten und fremdbestimmt arbeitenden Menschen ist, so ist die Gesellschaft der Zuschauenden tendenziell die der Blinden.

»Das Spektakel als Tendenz, durch verschiedene spezialisierte Vermittlungen die nicht mehr unmittelbar greifbare Welt zur Schau zu stellen, findet normalerweise im Sehen den bevorzugten menschlichen Sinn, der zu anderen Zeiten der Tastsinn war; der abstrakteste und mystifizierbarste Sinn entspricht der verallgemeinerten Abstraktion der heutigen Gesellschaft.« Die kapitalistische »Realabstraktion« drückt sich in einer Ideologie und Praxis der Menschen aus, die »das konkrete Leben aller … zu einem spekulativen Universum degradiert hat«. Die situationistische Kritik versucht durch ihre Wendung zur Praxis die philosophische Kurzsichtigkeit der europäischen Dialektik zu überwinden, die »in einem von den Kategorien des Sehens beherrschten Begreifen der Tätigkeit bestand«. Das dialektische Denken soll jedoch das Erbe dieser isolierten Reflexionstätigkeit aufheben und nicht hinterschreiten – dieser Anspruch ist dem Begriff des Spektakels eingeschrieben: Nicht nur ist speculum das lateinische Wort für Spiegel, sondern auch die »gespenstische Gegenständlichkeit« und das »sinnlich Übersinnliche« – das die Wert- und Warenform kennzeichnet – wird mit »Spektakel« bewusst evoziert. Als den wesentlichen Vorgang des Warenfetischismus bezeichnet Marx die Tätigkeit des wider- bzw. zurück-Spiegelns.

Wir müssen deshalb bei einer erneuten Überprüfung der situationistischen Spektakeltheorie vor allem nach dem kritischen Gehalt dieser besonderen Form von »Bild« fragen – dem Spiegel-Bild. Wie verhält sich die sinnliche Wahrnehmung und Tätigkeit der Menschen in der modernen Gesellschaft zum Sehen ihres gegenständlichen Wesens und zu dessen Darstellen im Spiegeln, im mimetischen Bilden? »Die Bildung der 5 Sinne ist eine Arbeit der ganzen bisherigen Weltgeschichte.« (Marx) Doch in ihrem bisherigen Resultat hat sich »das Prinzip des Warenfetischismus … absolut im Spektakel vollendet, worin die sinnliche Welt durch eine über ihr schwebende Auswahl von Bildern ersetzt wird, die sich zugleich als das Sinnliche schlechthin hat anerkennen lassen.« Wie hängt die gesellschaftliche Privilegierung und Bornierung des Seh-Sinnes mit der Verfinsterung der Geschichte zusammen? Wie, warum und wodurch entsteht gesellschaftliche Verblendung, und wie kann auch aus der Blindheit heraus die sinnlich menschliche Tätigkeit praktisch und theoretisch re-organisiert werden? Mit der Begründung der Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« stellt sich materialistisch historisch die Aufgabe, Sehvermögen und Blindheit in ihrer Funktion bei der Bildung aller Sinne dialektisch auseinander zu erklären, um »die Gesellschaft des Bildes in ihrer ganzen Tiefe zu begreifen. Die Wahrheit dieser Gesellschaft ist nichts anderes als die Negation dieser Gesellschaft.« [via]

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IVI transLibLab Weekend 22.-25.9.2011: Spektakelbuchkurs Nr3 September 4, 2011 | 09:59 pm

22. September 2011
20:00
23. September 2011
12:00
24. September 2011
12:00
25. September 2011
12:00bis15:00

überregionales Weekend mit gemeinsamer Lektüre & Diskussion: Zeit & Geschichte, Die spektakuläre Zeit, Die Raumaufteilung des Territoriums. Mit Filmen. Reader ab Mi 7.9. im IVI (Dachgeschoss).
Beginn Donnerstag um 20 Uhr, Freitag bis Sonntag jeweils 12 Uhr, Abfahrt ab So. 15 Uhr. Keine Vorkenntnisse nötig, Neueinsteiger_innen in die Spektakelkritik: welcome.
[neu:] Zur Vorbereitung gibt es einen Reader →.

Zur Einleitung wird am Donnerstag die großartige 190 Minuten Dokumentation “68” von Gudie Lawaetz gezeigt (über die Bewegung der Besetzungen und den Mai 1968 in Frankreich). Siehe dazu auch das neu auf die Seite gestellte Buch von René Vienet: Enragés und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen (1968).

transLibLab ist die queercommunistische bibliothek im IVI, Kettenhofweg 130, Frankfurt Westend.

Spektakel-Film

Guy Debord: Die Gesellschaft des Spektakels.

Das Buch von 1967 gibt es z.B. hier → . Den Film von 1973 gibt es am einfachsten bei youtube oder bei ubuweb, aber in bedauernswertem Zustand. Für höhere Qualität muss man etwas suchen. Besser als die zirkulierenden z.T. sehr schlecht übersetzten englischen Untertitel sind die von uns erstellten deutschen: Untertitel ansehen / herunterladen).
Protokolle aus vorigen Lektürekursen und sonstige Materialien unter Revolution & Subjekt.

http://theoriepraxislokal.org/

Klassen, Kämpfe & Revolte: Der Mai ’68 in Frankreich May 13, 2011 | 04:49 pm

Die antikapitalistische Gruppe Revolta hat am 19. April in Jena zusammen mit der Jour Fix Initiative Berlin einen Vortrag über die Ereignisse des Mai/Juni 1968 in Frankreich organisiert. Elfriede Müller referiert über Hintergründe und Bedingungen mit denen es dort zu einer Massenstreikbewegung kommen konnte, welche die Wirtschaft des ganzen Landes für einige Wochen nahezu zum Erliegen brachte. Sie gibt einen Überblick über die Abläufe, die beteiligten Gruppierungen und die Gegenreaktionen und zieht dann Schlüsse, die aus einer revolutionären Perspektive aus diesen Ereignissen zu ziehen wären. Besonders betont sie den individualistischen Charakter der Revolte und setzt die Perspektive auf das Subjekt, die in diesen Kämpfen gewonnen wurde, in Beziehung zur Gegenwart. Neben dem zum Thema erschienenen Band der Jour Fix Initiative empfehle ich die Lektüre des Buches „Wütende und Situationisten in der Bewegung der Besetzungen“, in dem der Situationist René Viénet unmittelbar nach den Ereignissen im Mai ’68 auf das Scheitern dieses revolutionären Anlaufs reflektiert und insbesondere ein Licht auf die Rolle der Situationisten wirft, die Elfriede Müller nur am Rande erwähnt. Ebenfalls sei auf die zur Zeit laufende Veranstaltungsreihe der Jour Fix Initiative verwiesen, die einige vielversprechende Programmpunkte enthält.

Download: via AArchiv (mp3; 19 MB; 0:56 h)

Ankündigungstext:

Die Ereignisse im Mai und Juni 1968 in Frankreich waren Ausdruck der wichtigsten antikapitalistischen Revolte in der Nachkriegszeit. Sie haben deutlich gemacht, dass revolutionäre Aufstände und Erhebungen auch im modernen Spätkapitalismus noch möglich sind, aber dass sich die radikale Linke auch neuen theoretischen, organisatorischen und praktischen Anforderungen stellen muss. Den Mai ’68 heute zu denken heißt auch, alte Fetische nicht durch neue ersetzen zu wollen. Elfriede Müller wird in ihrem Vortrag den Verlauf der Ereignisse der ‘68er Revolte nachzeichnen und sich dabei besonders Fragen widmen, die für die radikale Linke und die sozialen Bewegungen noch heute interessant sind, wie beispielsweise:

· Welche Rolle spielten Klassen und Klassenkämpfe im Mai ‘68?
· Welche Formen von Selbstorganisation und Selbstverwaltungen gab es?
· Wie wichtig waren Organisierung und Spontaneität der Massen?

Elfriede Müller, von der jour fixe initiative berlin, ist Historikerin und Literaturwissenschaftlerin. Sie lebte einige Jahre in Paris und ist heute in Berlin als Beauftragte für Kunst im öffentlichen Raum und als Buchhändlerin tätig. 2006 hat sie zum Thema des Vortrages einen Aufsatz im von der jour fixe initiative herausgebenen Buch „Klassen und Kämpfe“ (Unrast Verlag, 2006) veröffentlicht. [via]

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Traditionalität und Aktualität. Zur Aufgabe kritischer Theorie May 12, 2011 | 03:54 pm

Heinz Maus, marxistischer Soziologe und Agitator der linken Studentenbewegung, gehörte in den 60er Jahren zusammen mit Wolfgang Abendroth und Werner Hofmann zum sogenannten „Marburger Dreigestirn“. Mit diesen Namen ist die Stadt Marburg als ein zweites Zentrum der Kritischen Theorie bekannt geworden. Heinz Maus‘ Wirken gilt im Rückblick als „bar jeglicher taktischer Opportunität“, „unbürokratisch bis zur Inkorrektheit“ und es umgab ihn „neben der politischen Komponente ein starkes Element persönlicher Intransigenz gegenüber jeder Ordnung, jedem Establishment“. (via) Seinen hundertsten Geburtstag nahm die AG Kritische Theorie der Uni Marburg zum Anlass, um eine Tagung mit dem Titel „Traditionalität und Aktualtität. Zur Aufgabe Kritischer Theorie“ zu organisieren (zum Programm). Die OrganisatorInnen der Tagung haben uns freundlicher Weise sämtliche Mitschnitte der dort gehaltenen Vorträge1 zukommen lassen (insbesondere Dank an David für’s Schneiden des Audiomaterials und den freundlichen Kontakt), die wir hier zur Verfügung stellen:

Im Folgenden sind relativ große Dateien (128 kBit/s) verlinkt. Kleinere Fassungen (48 kBit/s) sind sowohl via MF als auch auf unserem Server abgelegt und werden eventuell den einzelnen Vorträgen noch zugeordnet.

1. BegrüßungAG Kritische Theorie

Zur Einführung referieren Oliver Römer und Christian Spiegelberg von der AG Kritische Theorie über Ausgangsfragen und Intention der Konferenz, über den Hintergrund an der Marburger Uni, insbesondere am Institut für Soziologie, sowie über die Rolle des Soziologen Heinz Maus.

    Download: via AArchiv (mp3; 11 MB; 11:58 min)

2. Zur Soziologie von Heinz Maus – David Salomon

David Salomon (Universität Marburg) stellt zunächst einige Überlegungen über die Relevanz der Begriffe Traditionalität und Aktualität für kritische Theorie im Allgemeinen an, um dann über die intellektuelle Sozialisation von Heinz Maus zu referieren. Im Anschluss nimmt er das besondere Verhältnis von Philosophie und Marxismus (Karl Korsch, Georg Lukács) zum Ausgangspunkt und rekonstruiert auf welche Weise Heinz Maus dieses bearbeitet und präzisiert hat. Zentral sind dabei die Rolle der Soziologie für den modernen Marxismus (Positivismusstreit etc.) und das Problem der Historizität im marxistischen Denken (Karl Marx, Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche). Er endet mit einem Umweg über Bertolt Brecht mit einigen Überlegungen zu den Mausschen Ausführungen zum Verhältnis von Leid und Glück als materialistische Maßstäbe der Kritik und als Kategorien, denen nach wie vor eine dringende Aktualität für eine kritische Theorie der Gesellschaft als Ganzer zukommt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 45,2 MB; 49:19 min)

3. »Politisierung der Kunst« oder »die Kunst wegschaffen«?Zum Verhältnis von Politik und Kunst bei Walter Benjamin und bei der Situationistischen Internationale – Claus Baumann

Seinem Vortrag über den Vergleich der benjaminschen und situationistischen Perspektive auf das Verhältnis von Kunst und Politik stellt Claus Baumann (Universität Stuttgart, Duale Hochschule Stuttgart, Autorenkollektiv Biene Baumeister Zwi Negator) einige grundsätzliche Überlegungen zum nachträglichen, reflexiven Charakter dieser Kategorien voran (wie sie ähnlich in schriftlicher Form hier veröffentlicht wurden). Dann stellt er jeweils die ästhetischen Konzepte von Benjamin und den Situationisten vor, um sie u.a. anhand der Stellung zur surrealistischen Parole, dass die Poesie in den Dienst der Revolution zu stellen sei, aneinander abzuarbeiten.

Die Situationistische Internationale (1958–1972) um Guy Debord sprach sich einerseits für »neue Aktionsformen gegen Politik und Kunst« aus. Andererseits kritisierten sie die Surrealisten um André Breton dafür, dass diese »Poesie in den Dienst der Revolution« stellen wollten (la poésie au service de la révolution); es komme vielmehr darauf an, »die Revolution in den Dienst der Poesie zu stellen« (la révolution au service de la poésie). Prima facie scheint das situationistische Projekt den Überlegungen von Walter Benjamin zu widersprechen, der 1936 in seinem Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« die Auffassung vertreten hat, dass es für gesellschaftskritische, communistische Bestrebungen auf eine »Politisierung der Kunst« ankomme, während der Faschismus eine »Ästhetisierung der Politik« betreibe. Ziel des Vortrags ist es, die jeweiligen Spezifika der situationistischen sowie benjaminischen Überlegungen zum Verhältnis von Politik und Kunst darzulegen und daran anknüpfend der Frage nachzugehen, wie eine aktuelle und kritische Reflexion dieses Verhältnisses angesichts der derzeitigen Lage der bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse aussehen könnte.

Claus Baumann (*1967) promovierte im Fach Philosophie an der Universität Stuttgart. Er ist Lehrbeauftrager der Universität Stuttgart im Fachbereich Philosophie sowie an der Dualen Hochschule in Stuttgart im Fachbereich Sozialwesen. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind Dialektik, Kritik der politischen Ökonomie, Gesellschaftstheorie, politische Philosophie und Philosophie der Ästhetik.

    Download: Vortrag (mp3; 34,4 MB; 37:33 min), Diskussion (mp3; 22,8 MB; 24:54 min)

4. Gehirn und Geist. Über das Verhältnis von Material und Freiheit zum Gegensatz von empirischer Forschung und Reflexivität – Christine Zunke

Christine Zunke (Universität Oldenburg, siehe auch ihren Beitrag hier) eröffnet die Problemstellung ihres Vortrags mit einer einführenden Überlegung zur descartschen Unterscheidung von denkender und materieller Substanz, um hiervon zu aktuellen Problemen der Gehirnforschung überzugehen: inwiefern lässt sich das Denken aus den physikalischen Prozessen im Gehirn erklären, inwiefern geht es darüber hinaus? Diese Problemstellung führt notwendiger Weise zur Frage nach der Freiheit des Willens, bzw. grundlegender nach der Frage, ob es das Denken überhaupt gibt. Dass diese Frage mit Ja zu beantworten ist, ist für Zunke nur möglich, indem die Gegensätze von Geist|Körper, Materialität|Immaterialität, physikalischen Prozessen im Gehirn|Immaterialität des Denkens als Antinomien zu begreifen sind: weder als Dualität, noch als Identität verhalten sich die widerstreitenden Seiten wechselseitig konstitutiv zueinander, so die These des Vortrags.

Die modernen Neurowissenschaften scheitern trotz immenser Fortschritte beständig an der Frage nach der Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist. Diese Frage nach der Entstehung des (reflexiven und freien) Denkens aus dem physischen Material kann nirgendwo hinführen. Eine im naturwissenschaftlichen Sinne befriedigende Antwort hierauf kann es prinzipiell nicht geben, denn dann müsste das Material die kausale Ursache des Ideellen sein, was das Ideelle als physikalische Wirkung zu einem materiellen Gegenstand machen würde, welcher seiner Bestimmung nach kein Ideelles sein kann. Die konsequenteste Antwort der Neurophysiologie lautet darum, dass das Ideelle bloßer Schein sei, dem keine Wirklichkeit korrespondiere. Der Geist sei eben nicht reflexiv und frei, sondern eine bloß natürliche Funktion des Gehirns, die in der Innenwahrnehmung als Bewusstsein erscheine. Unser Geist sei nicht materiell und darum nicht wirklich. Wir denken ihn bloß. Dass das Denken Gedachtes ist, hat die Philosophie schon immer gewusst. Doch wenn diese Erkenntnis unter den Vorzeichen der empirischen Wissenschaften von der Geistes- und Gesellschaftswissenschaft aufgenommen wird, bekommt sie einen reaktionären Gehalt: Da Reflexionen als gegenstandslos erscheinen, wird Kritik methodisch unmöglich und es bleibt allein der Weg der Affirmation des Bestehenden offen.

Dr. Christine Zunke lehrt Philosophie an der Universität Oldenburg und hat mit ihrer 2008 im Akademie-Verlag erschienenen Dissertation „Kritik der Hirnforschung“ eine der ersten grundlegenden Kritiken der Neurophilosophie vorgelegt. Ihre Forschung fokussiert die moralischen und politischen Implikationen moderner Naturwissenschaften.

    Download: Vortrag (mp3; 42,9 MB; 46:53 min), Diskussion (mp3; 19,3 MB; 21:03 min)

5. Intellektuelle und die Genealogie der Kritischen Theorie – Alex Demirović

Alex Demirović (TU Berlin, „PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft“) greift die Auseinandersetzung mit Heinz Maus wieder auf, um ihn als eine besondere Figur der älteren Generation der Kritischen Theorie zu verorten und dessen Rolle für die kritische Soziologie in Deutschland und sein Verhältnis zum Institut für Sozialforschung in Frankfurt zu rekonsturieren. Hiervon ausgehend arbeitet sich Demirović an der bundesdeutschen Historisierung der Kritischen Theorie und ihrer Einordnung in (nach seiner eigenen ironischen Berechnung) mittlerweile 7 Generationen ab, um dafür zu plädieren, dass sich kritische Theorie zwar permanent selbst zu reflektieren habe, in ihrer kritischen Selbsthistorisierung aber nicht in der selbstreferentiellen und inhaltsentleerten Frage stecken bleiben darf, wer denn nun zur Kritischen Theorie gehört und wer nicht. Gegenüber dem akademischen Leerlauf beharrt Demirović darauf, dass die Begriffe wieder in Bezug auf die Gesellschaft und ihren Wandel entwickelt werden müssen und vor Allem nicht nach dem besseren Funktionieren der Gesellschaft, sondern nach ihrer praktischen Veränderung zu trachten haben. An diesem Vortrag fällt m.E. das Faktum der Trennung von institutionalisierter Kritischer Theorie in der Akademie und radikaler Linker auf, die bei Demirović ebenfalls überhaupt nicht vorkommt.

    Download: Vortrag (mp3; 36,1 MB; 39:23 min), Diskussion (mp3; 21,8 MB; 23:47 min)

6. Gewalt als Grenze des Anerkennens – Thomas Bedorf

Der Vortrag von Thomas Bedorf (Fernuniversität Hagen) sticht ein wenig aus dem Programm heraus, da dieser sich selbst nach eigener Angabe nicht in der „Großfamilie“ der Kritischen Theorie verortet, dafür aber gewissermaßen von außen eine Auseinandersetzung mit einem Theorem (bzw. Verfallsprodukt) der Kritischen Theorie sucht: die Theorie der Anerkennung von Axel Honneth. Er diskutiert dabei grundlegende Fragen: Ist Gewalt hermeneutisch in den Bereich des Verstehbaren hineinzuholen? Ist Anerkennung überhaupt ein geeigneter Schlüsselbegriff um Interaktion in ihrer Konflikthaftigkeit zu begreifen? Welchen Platz räumt eine Theoretisierung von Anerkennungsverhältnissen der Gewalt ein? Er arbeitet sich zu nächst an Honneths Theorie der Anerkennung ab, vergleicht diese dann mit anderen Auseinandersetzungen mit Anerkennung (Judith Butler, u.a.), um schließlich seine eigene Position zu begründen: Anerkennung implizert auch immer Verkennung, sie kann zwar ohne Gewalt, nicht aber ohne Macht gelingen.

Ob es um die Themen von Protestbewegungen geht, um die Belange ethnischer und sexueller Minderheiten oder um Nationen im Kampf um einen eigenen Staat – stets geht es um die Anerkennung von Anderen, die zum Gegenstand von Verhandlungen, aber auch politischem Widerstand und sozialen Konflikten wird. Der Vortrag wird die Gewalt, die das Ringen um Anerkennung auslösen kann im Horizont eines Modells „verkennender Anerkennung“ zum Thema haben. Anerkennungstheorien, die das Ideal gelingender Anerkennung unterstellen, schließen Gewalt prinzipiell aus. Sie betrachten Missachtungen lediglich als Signale für Ansprüche auf Anerkennung. Anerkennungstheorien, die die Subjektivierungsdispositive in den Vordergrund stellen, behaupten hingegen Gewalt als für die Subjektkonstitution unausweichlich. Ein Modell „verkennender Anerkennung“, das auf der Einsicht beruht, dass es vollkommene Anerkennung nicht geben kann, da moderne Identitäten nichts fixierbares, sondern ständig in Bewegung sind, droht zur Affirmation von Gewalt genötigt zu sein, da es ihm an normativen Kriterien fehlt, sie von vornherein auszuschließen. Als Lösungsvorschlag soll der Gedanke dienen, dass, wo Machtformen irreduzibel zum Anerkennen hinzugehören, Gewalt als Abbruch des Prozesses des Anerkennens dennoch ausgeschlossen werden kann.

Dr. Thomas Bedorf ist Privatdozent für Philosophie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fernuniversität Hagen. Im Wintersemester 2009/2010 war er Gastprofessor für Politische und Sozialphilosophie an der Universität Wien.

    Download: Vortrag (mp3; 40,9 MB; 44:40 min), Diskussion (mp3; 32,4 MB; 35:24 min)

7. Zweite Natur: Kritik und Affirmation – Christoph Menke Besonders hörenswert

Christoph Menke (Goethe Universität Frankfurt am Main) referiert in seinem Beitrag über den Begriff der 2. Natur, wie ihn Hegel entwickelt hat. Das Theorem der zweiten Natur versucht selbstauferlegten Zwang, selbstverschuldete Unmündigkeit zu erklären, indem es die soziale Struktur in den Blick nimmt – es soll der Umschlag des aus Freiheit selbst gemachten in ein selbstständig Seiendes, Unmittelbares erklärt werden. Menke erklärt die Ausführungen Hegels zu diesem Problem vor Allem am Begriff der Gewohnheit als unbewusstes bzw. unbewusst geleitetes Handeln und rekonstruiert hierbei zwei Seiten der Gewohnheit: einmal als Bildung zur Fähigkeit Zwecke zu setzen, auf der anderen Seite als selbst mechanischer Vollzug. An dieser Doppelseitigkeit macht Menke deutlich, dass Hegel nicht einfach abstrakt negierend vorgeht: es geht nicht um eine Gegenüberstellung vom Prozess des Setzens als etwas Gutem und der Verselbstständigung der Setzung gegenüber dem Setzenden als etwas Schlechtem – Kritik und Affirmation sind bei Hegel auf unlösbare Weise miteinander verquickt. Menke streift die Relevanz der Hegelschen Reflexion auf die zweite Natur für die Kritische Theorie (für Marx, Lukács, Adorno und Benjamin) nur am Rande, macht aber deutlich, dass Hegel die Grundlagen materialistischer Kritik gelegt hat. – Ein wirklich guter und hörenswerter Hegel-Vortrag!

    Download: Vortrag (mp3; 45,1 MB; 49:16 min), Diskussion (mp3; 13,5 MB; 14:44 min)

8. Negativität. Adorno und Hegel – Michael Städtler

Negativität fasst Michael Städtler in seinem Vortrag als Formbestimmung kritischer Theorie und setzt Adorno und Hegel unter diesem Aspekt in Bezug zueinander. Er zeigt warum Adorno Zweifel an einer Geistesgeschichte hegte, deren Triumph Hegel bloß zu rekonstruieren suchte – während Hegel die Verwirklichung der Vermittlung von Vernunft und Wirklichkeit am Ende der Philosophiegeschichte zu sehen glaubte, bestreitet Adorno die so definierte Verwirklichung der Philosophie. Städtler macht dabei deutlich, dass Adorno jedoch gegenüber Hegel nicht nur Skepsis hegt – gerade an Adornos Kritik des Positivismus wird deutlich, dass er mit dem Anspruch, dass das Denken über das bloß Gegebene hinauszuweisen habe, an Hegel festhält. Ziel Adornos ist es, Theorie und Praxis miteinander zu verwirklichen, ohne sie jedoch wechselseitig zueinander aufzuheben – hieran wird deutlich, dass Adorno zu Kant zurückkehrt, nicht jedoch ohne Hegels Kritik an Kant zu verwerfen. Vielmehr gilt es die Spannung von Widersprüchen aufrecht zu erhalten, die in Hegels Versuch der Aufhebung zu einer verkehrten Totalität eingeebnet zu werden drohen. Was dies bedeutet macht Städtler u.a. an der negativen Theologie deutlich, die versucht Gott aus der Summe dessen zu bestimmen, was Gott nicht ist – Adorno macht die Widersprüchlichkeit dieses Denkversuchs für materialistische Kritik fruchtbar, die Hegel im Versuch, aus dieser Negativität ein System absoluten Wissens zu machen, einebnet.

Das Verhältnis Adornos zu Hegel ist gespalten. Einerseits sei die Hegelsche Philosophie unübergehbare Voraussetzung jedes „theoretische[n] Gedankens von einiger Tragweite heute“ (Adorno, Aspekte), andererseits sei das System Ausdruck der Angst des Bürgertums vorm eigenen Untergang „[i]m Schatten der Unvollständigkeit der eigenen Emanzipation“. (Adorno, Negative Dialektik) Damit aber gilt diese Form von Philosophie der Kritik nicht einfach als eine falsche, sondern in der Kritik ihrer Fehler werden Einsichten über den Stand der Entwicklung von Selbstbewußtsein und Freiheit möglich, die sonst unsichtbar blieben. Die Kritik des bürgerlichen Bewußtseins setzt dessen selbstbewußt durchformulierten Begriff voraus. Noch strikter: Das Bewußtsein in der bürgerlichen Gesellschaft ist, wie diese selbst, realisierte Freiheit, aber in verkehrter Gestalt. Das Ziel radikaler Befreiung ist diesem Bewußtsein ebenso fremd, wie es selbst diesem Ziel vorausgesetzt ist. Mit diesem Gedanken begibt sich aber das Bewußtsein kritischer Theorie in Widerspruch zu sich selbst: Es verdankt seine wesentlichen Einsichten einer Geschichte, die abzulehnen, aber nicht mehr aufzuheben ist; ein durchaus unbefriedigender Zustand, der dazu führt, daß Adorno eine Dialektik entwirft, an deren Ende keine affirmativen Urteile mehr stehen. Die Kritik wird nicht konstruktiv gewendet, sondern sie bleibt kritisch. Dieser Gedanke ist offenkundig so frustrierend, daß nicht bloß die Schulphilosophie des 20. Jahrhunderts ihn nie wahrhaben wollte, sondern daß selbst diejenigen, die seit Adorno unter dem zum Label gewordenen Ausdruck ‚Kritische Theorie‘ firmieren, ihn aus ihrem Sortiment genommen haben. Was es dagegen heißt, bei der Kritik zu bleiben und wer eigentlich deren Subjekt sein kann, warum schließlich der auf Kritik beharrende Gedanke nicht nichts ist, soll in dem um die Bedeutung von Negativität zentrierten Vortrag über das Verhältnis Adornos zu Hegel überlegt werden.

PD Dr. Michael Städtler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Vorstand des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts Hannover.

    Download: Vortrag (mp3; 48,9 MB; 53:22 min), Diskussion (mp3; 12,1 MB; 13:10 min)

9. Glückliche Ehe oder liaison dangereuse? Fragen nach der Verbindung von Feministischer und Kritischer Theorie – Cornelia Klinger

Cornelia Klinger (Eberhard Karls Universität Tübingen) beginnt ihren Vortrag mit einigen Vorüberlegungen zur Entstehung und zu Schwierigkeiten feministischer Bewegung und Theorie, um dann Kritische Theorie und Feministische Theorie unter drei Aspekten in Beziehung zueinander zu setzen: 1. Kritik, 2. Negation und Negativität und 3. Utopie. Sie legt im ersten Teil sehr ausführlich dar, welche Bedeutung diese drei Aspekte für die Kritische Theorie haben und referiert in einem zweiten, kürzeren Teil, wie feministische Kritik diese drei Aspekte auf spezifische Weise bewusst oder unbewusst aufgreift und erweitert. Sie schließt mit der Formulierung eines Anspruchs, den sie an feministische Theorie heute heranträgt: dass diese wieder vermehrt an die Kritische Theorie Adornos/Horkheimers anknüpfen möge. Trotz der Genauigkeit ihrer Ausführungen zur Kritischen Theorie bleibt deren Verbindung zum Feminismus oberflächlich und müsste selbst noch konkret bestimmt werden. Sympathisch ist ihre Betonung der außer(!)akedemischen Dimension kritischer Theorie im Anspruch auf allgemeine Emanzipation.

Feminismus wurde nicht als Theorie geboren, sondern verdankt seine Entstehung einer gesellschaftlichen und politischen Bewegung, die erst im Verlauf ihrer Entwicklung – nicht zuletzt infolge der Widerstände, auf die sie gestoßen ist – begonnen hat, sich ein theoretisches Fundament zu erarbeiten. An verschiedene unterschiedliche Theoriegebäude (Liberalismus, Marxismus, Psychoanalyse u.a.) hat feministische Theorie mehr oder weniger erfolgreich Anschluss gesucht und gefunden. Vor diesem Hintergrund geht der Vortrag der Frage nach dem Verhältnis von Feminismus und kritischer Theorie nach. Ausgehend von der These, dass feministische Theorie per se kritische Theorie ist, das heißt mit der älteren kritischen Theorie der Frankfurter Schule im Ansatz mehr Gemeinsamkeiten aufweist als mit irgend einem anderen Theoriegebäude wird zu zeigen sein, dass feministische Theorie die ‚bessere‘, konsequentere und vollständigere Kritische Theorie sein bzw. werden könnte – unter der Voraussetzung, dass sie ausgerechnet einige besonders traditional erscheinende Elemente der kritischen Theorie aufzunehmen und zu aktualisieren vermöchte.

Cornelia Klinger ist außerplanmäßige Professorin an der Eberhard Karls Universität Tübingen und ständiges wissenschaftliches Mitglied am Institut für die Wissenschaften am Menschen in Wien. Sie hatte Lehraufträge und Gastprofessuren an den Universitäten Wien, Zürich, Bielefeld, Frankfurt, Klagenfurt, Innsbruck, Tübingen, München, Luzern und Berlin inne. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Politische Philosophie und Geschichte der Moderne, Feministische Theorie/gender studies und Ästhetische Theorie.

    Download: Vortrag (mp3; 40,5 MB; 44:13 min), Diskussion (mp3; 26,6 MB; 29:02 min)

10. Im Handgemenge des SprechensGibt es eine „verdrängte Sprachphilosophie“ der Kritischen Theorie? – Jan Müller

Jan Müller (TU Darmstadt) widerspricht in seinem Vortrag der sprachpragmatischen Deutung Adornos (u.a. Jürgen Habermas, Martin Seel), alles Denken und Sprechen sei per se verdinglicht, womit Sprache selbst in einer tragischen Auffassung von Geschichte aufgehen müsse und nur der Ausweg einer sprachlosen Offenbarung bliebe. Hierzu referiert er ausführlich Benjamins frühen Text „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“, um dann Benjamin und Adorno in Beziehung zueinander zu setzen. Ein sehr komplexer und kompakter sprachtheoretischer Vortrag.

Die Aneignung der ersten (oder Gründungs-)Phase der kritischen Theorie steht allgemein unter Metaphysikverdacht, eine Befürchtung, die insbesondere das Verständnis von Sprechen und Sprache betrifft. Theodor W. Adorno habe, darin inspiriert von Walther Benjamin, eine Fundamentalkritik der Sprache unter dem „eisigen Strahlen“ instrumenteller Vernunft verfolgt. Die Konsequenz dieser unterstellten Absicht ist ein Dilemma: Entweder – das sei der Ausweg Benjamins – sei Zuflucht zu einem theologischen Sprachmodell genommen, oder – so unterstellt man Adorno – eine Delegation der sonst dem Sprechen zugeschriebenen
Funktionen an eine (damit aber überlastete) „ästhetische Erfahrung“ unternommen worden. Würde die frühere kritische Theorie an einem romantisch überhöhten Bild der Sprache leiden, dann wäre seine Korrektur durch die Erfordernisse kommunikativer Rationalität eine wünschenswerte und sachlich unvermeidbare Konsequenz. Der Vortrag möchte dagegen die – allmählich vernehmbarere, aber noch immer randständige – Vermutung stark machen: (1) Die Kritik an den sprachphilosophischen Überlegungen Benjamins und Adornos gewinnt ihre Plausibilität vor allem aus der Übernahme von Grundunterscheidungen der analytischen Theorie des Sprachhandelns – sie artikuliert den Sachverhalt, dass Adorno und Benjamin Sprache anders thematisieren als die Tradition z.B. Searles. (2) Diese andere Thematisierungsform lässt sich nicht als bloß alternatives Modell von Sprechen und Sprache verstehen; Benjamin und Adorno liefern, in offener und verdeckter Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen sprachphilosophischen Diskussion, eine „Metakritik“ – sie fragen präsuppositionsanalytisch nach den Voraussetzungen und Angemessenheitskriterien vernünftigen Nachdenkens über Sprache. (3) Das Resultat dieser Auseinandersetzung ist eine Verortung der Funktion und Reichweite des Modells propositionaler Sprachreflexion. Sie zeigt (a) das Ungenügen einer am Kommunikationsparadigma orientierten Reflexionsform, die Funktion des Sprechens als Medium der Bildung und Reproduktion unserer Praxisform zu thematisieren, und provoziert (b) eine für die gegenwärtige Diskussion provozierende Blickumkehr, die Sprache nicht einfach Medium „des Politischen“ , sondern als politisches Medium begreifbar macht.

Dr. Jan Müller (*1979) studierte Philosophie und Deutsche Sprache und Literatur in Marburg. Promotion 2010 in Stuttgart, derzeit wiss. Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Er beschäftigt sich vor allem mit dialektischer Handlungs- und Tätigkeitstheorie, Sprachphilosophie und politischer Philosophie (und ihrem Verhältnis zueinander).

    Download: Vortrag (mp3; 42,3 MB; 46:08 min), Diskussion (mp3; 31,9 MB; 34:49 min)

11. Podiumsdiskussion: Zur Praxis kritischer Theorie. Formen der Gesellschafrkskritik heute

Moderiert von Christoph Demmerling (Philipps-Universität Marburg) diskutieren auf dem ersten Podium Alexander Garciá Düttman, Christoph Henning (Universität St. Gallen, u.a. „Philosophie nach Marx“), Philip Hogh (Goethe Universität Frankfurt a.M., u.a. Jungle World) und Cornelia Klinger über die Anforderungen einer tatsächlichen Weiterführung und Aktualisierung Kritischer Theorie. Für Düttman stellt sich eine solche Aktualisierung als eine kritische Selbstreflexion der AkademikerInnen dar: er verbindet die adornitischen Theoreme der sozialen Kälte und des universellen Verblendungszusammenhangs mit einer Kritik der neoliberalen Universität. Henning plediert dafür, einige Themen der Klassiker der Kritischen Theorie (insbeondere nennt er Honneth) liegen zu lassen und fordert gleichzeitig dazu auf, wieder an die ältere Generation der Kritischen Theorie anzuknüpfen und von ihr zu lernen – in seinem Statement geht er auf einige Vorträge ein, die auf der Konferenz gehalten wird und gibt Anstoß noch einmal über einzelne Aspekte zu diskutieren. Hogh schließt noch einmal an die sprachtheoretische Diskussion an, um unter diesem Aspekt Adorno und Habermas kritisch in Beziehung zueinander zu setzen. Klinger hält die Frage, ob es eine Praxis der Kritischen Theorie geben kann, für verkehrt – ihr Statement: die Praxis der Kritischen Theorie ist die Theorie. Eine revolutionäre Perspektive scheint in der Abschlussdiskussion nicht auf.

    Download: Statements (mp3; 65,1 MB; 1 h 11:08 min), Diskussion (mp3; 34,6 MB; 37:48 min)
  1. Dazu sei angemerkt, dass der Vortrag von Ingo Elbe aus gesundheitlichen Gründen leider ausfallen musste und der Mitschnitt des Vortrags von Frank Benseler aufgrund der zu geringen Lautstärke nicht verwendbar war. [zurück]
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Existentialism Revisited April 9, 2011 | 11:52 am

Die Beschäftigung mit Camus, Sartre, Heidegger oder de Beauvoir wirft ein neues Licht auf die theoretischen Fragen, die uns bis heute nicht loslassen, weil wir im Wesentlichen nicht über sie hinaus sind. Von den gewissermaßen ewigen philosophischen Fragen abgesehen, handelt es sich um ganz konkrete Probleme kritischer Theorie“ – so lautet der Ausgangspunkt einer Auseinandersetzung mit dem Existentialismus, die in Form einer Veranstaltungsreihe (Flyer als PDF) zur Zeit in der translib im Institut für vergleichende Irrelevanz in Frankfurt geführt wird. Drei der bisher gehaltenen Vorträge stellen wir hier zur Verfügung:

1. Andrea Trumann – Vortrag über Simone de Beauvoir

Nach einem kurzen Input-Referat der Veranstalter_innen über den kritischen Bezug Simone de Beauvoirs auf das Werk Jean-Paul Sartres, referiert Andrea Trumann (u.a. Autorin des theorie.org-Buches „Feministische Theorie. Frauenbewegung und weibliche Subjektbildung im Spätkapitalismus“) zunächst über ihre persönliche Rezeptionsgeschichte de Beauvoirs, um anschließend im Hauptteil des Vortrags einen kritischen Überblick über de Beauvoirs Vorstellung von Emanzipation zu geben. Hauptkritikpunkt ist dabei, dass de Beauvoir eine männlich-naturbeherrschende Form von Subjektivität auch für Frauen für erstrebenswert hält und damit kaum über kapitalistische Verhältnisse hinausstrebt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 56 min, 45 sec; 19,5 MB), Diskussion (mp3; 1h, 30 min; 31 MB)

2. Paul Stephan – Sartre und der Marxismus

Paul Stephan (Irrelevanzcluster für vergleichende Exzellenz, Translib) gibt hier eine sehr gelungene und hörenswerte Einführung in das Denken Jean-Paul Sartres und zeigt insbesondere anhand der Begriffe Situation und Freiheit, wie sich Sartre auf den Marxismus und ein revolutionäres Projekt bezieht. Der Vortrag ist unter Anderem deswegen sehr sympathisch, da er die Aktualität der Sartreschen Kategorien anhand aktueller Beispiele demonstriert; etwa an den jüngsten Unruhen im arabischen Raum oder der Illusion autonomer Subjektivität im flexiblen Kapitalismus.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 35 min 48 sec; 12,3 MB), Diskussion (mp3; 19 min, 26 sec; 6,7 MB)

3. Christoph Zwi – Existentialismus und Marxismus

Christoph Zwi (Biene Baumeister Zwi Negator) skizziert zunächst die historische Situation, in der sowohl die Situationisten als auch Georg Lukács, auf je unterschiedliche Weise eine an Marx und Hegel orientierte kritische Theorie zu entwickeln beginnen, um dann sehr ausführlich und mit vielen Verweisen darzustellen, wie beide eine Kritik am Existentialismus, insbesondere an Heidegger, formulieren. Zwi legt dabei einen besonderen Augenmerk darauf, dass sowohl Heidegger, als auch Lukács und die Situationisten auf sehr unterschiedliche Weise den Versuch angehen, eine Ontologie zu entwerfen.

    Download (via AArchiv): Teil 1 (mp3; 59 min, 58 sec; 20,6 MB), Teil 2 (mp3; 55 min, 54 sec; 19,2 MB), Diskussion (mp3; 17 min, 37 sec; 6 MB)

Es sei auf die weiterhin folgenden und sehr spannenden Vorträge im Rahmen der Reihe hingewiesen, die wir nach Beendigung der Reihe ebenfalls dokumentieren werden:

  • Do 14.4.2011, 19h im IVI-Saal: Vortrag “Der dritte Mann oder Albert Camus” (Andreas Trottnow).
  • Fr 6.5.2011, 19h im IVI-Saal: Vortrag “Sartres Aufhebung des Existenzialismus” (Fabian Schmidt).
  • Fr 13.5.2011, 19h im IVI-Saal: Vortrag “Simone de Beauvoir heute” (Roswitha Scholz).

Ankündigungstext der Reihe:

„Das Konkrete kann nur die synthetische Totalität sein, von der das Bewußtsein wie auch das Phänomen lediglich Momente bilden. Das Konkrete ist der Mensch in der Welt mit jener spezifischen Vereinigung des Menschen mit der Welt, die zum Beispiel Heidegger ‚In-der-Welt-Sein’ nennt.“ (Jean-Paul Sartre, Das Sein und das Nichts)

„Jedes Subjekt setzt sich durch Entwürfe konkret als Transzendenz. Es verwirklicht seine Freiheit nur durch deren Überschreitung auf andere Freiheiten hin. Es gibt keine andere Rechtfertigung der menschlichen Existenz als ihre Ausdehung in eine unendlich offene Zukunft. Jedesmal wenn die Transzendenz in Immanenz zurückfällt, findet eine Herabminderung der Existenz in ein ‚An-sich’ und der Freiheit in Faktizität statt. Dieses Zurückfallen ist, wenn das Subjekt es bejaht, eine moralische Verfehlung; wird es ihm auferlegt, führt es Frustration und Bedrückung; in beiden Fällen ist es ein absolutes Übel. Jedes Individuum, dem daran liegt, seine Existenz zu rechtfertigen, empfindet es als ein unendliches Bedürfnis, sich zu transzendieren. Was nun die Situation der Frau in einzigartiger Weise definiert, ist, daß sie sich – obwohl wie jeder Mensch eine autonome Freiheit – in einer Welt entdeckt und wählt, in der die Männer ihr vorschreiben, die Rolle des Anderen zu übernehmen; sie soll zum Objekt erstarren und zur Immanenz verurteilt sein, da ihre Transzendenz fortwährend von einem essentiellen, souveränen anderen Bewußtsein transzendiert wird. Das Drama der Frau besteht in diesem Konflikt zwischen dem fundamentalen Anspruch jedes Subjekts, das sich immer als das Wesentliche setzt, und den Anforderungen einer Situation, die sie als unwesentlich konstituiert.“ (Simone de Beauvoir, Das andere Geschlecht)

„Der Existentialismus erscheint also als ein aus dem Wissen herausgefallenes Systemfragment. Von dem Tage an, da der Marxismus die menschliche Dimension (d.h. den existentiellen Entwurf) zur Grundlage des anthropologischen Wissens nehmen wird, hat der Existentialismus keine Daseinsberechtigung mehr: aufgesogen und überschritten und aufbewahrt durch die totalisierende Bewegung der Philosophie, wird er aufhören, eine besondere Untersuchung zu sein, um die Grundlage aller Untersuchungen zu werden.“ (Sartre, Fragen der Methode)

Den existenzialistischen Theoretiker_innen ging es vielleicht – bis auf den Marxismus – zum letzten Mal in der Geistesgeschichte darum, aufbauend auf einem philosophischen Begriffssystem die Totalität der menschlichen Existenz verstehen zu können. Dieser kühne Versuch scheint gescheitert. In einer Zeit, in der das von Sartre so bezeichnete „analytische Denken“, das auf eine effektivere Steuerung von Natur und Mensch durch arbeitsteilige, isolierte Erfassung einzelner Teilbereiche abzielt, anstatt diese wirklich als Glieder einer „synthetischen Totalität“ verstehen zu wollen, triumphiert, muss ein solcher Anspruch Skepsis auf sich ziehen. Jedoch treibt auch das Scheitern Blüten, die es wert sind gepflückt zu werden. Die Reduktion des Denkens auf Manipulation bringt ein Unbehagen mit sich, das als „Irrationalismus“ abzufertigen voreilig wäre. Vielmehr handelt es sich um den Versuch, auf rationaler Basis über Dinge zu sprechen, die das analytische Denken vielleicht allzu leichtfertig dem Schweigen und damit der Willkür des individuellen Meinen und Glaubens überantwortet.

Als Kulminationspunkt philosophischer und allgemein humanwissenschaftlicher Diskurse zwischen Descartes und Freud, Marx und Heidegger, Nietzsche und Husserl wies der Existenzialismus bis weit in die Post-Moderne hinaus. Die Beschäftigung mit Camus, Sartre, Heidegger oder de Beauvoir wirft ein neues Licht auf die theoretischen Fragen, die uns bis heute nicht loslassen, weil wir im Wesentlichen nicht über sie hinaus sind. Von den gewissermaßen ewigen philosophischen Fragen abgesehen, handelt es sich um ganz konkrete Probleme kritischer Theorie:

* Wie ist das Verhältnis von gesellschaftlicher Struktur und individueller Entscheidung?

* Ist der Mensch primär als biologisches Wesen zu beschreiben?

* Lässt sich das Werk eines Philosophen von seinem Leben trennen?

* Was ist der Antisemitismus?

Diesen und anderen Fragen werden wir im Verlaufe dieser Veranstaltungsreihe nachgehen. (via)

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Die Situationisten und die Aufhebung der Kunst February 22, 2011 | 02:39 pm

Die Dokumentation des internationalen Symposiums Interventionen, das im Oktober 2010 in Paderborn stattfand, enthält den Mitschnitt eines Vortrags von Anselm Jappe (u.a. Autor der Zeitschrift Exit!) mit dem Titel „Die Situationisten und die Aufhebung der Kunst: was bleibt davon nach fünfzig Jahren?“. Jappe gibt dort einen Überblick über die Geschichte und Aspekte der kritischen Theorie der Situationistischen Internationalen, besonders mit einem Fokus auf den Gegenstand der Kunst. Besonders interessant werden die Ausführungen Jappes m.E. am Ende des Vortrags, wo er den Fortschrittsglauben der S.I. kritisiert und die Perspektive der S.I. auf die Aufhebung der Kunst mit ähnlichen und doch entscheidend anderen Ansätzen aus der Ästhetischen Theorie Adornos konfrontiert. Um diesen Aspekt dreht sich dann auch die Diskussion, die wegen des Mittagessens leider vorzeitig abgebrochen werden musste. Die anderen auf dem Symposium gehaltenen Vorträge sind hier dokumentiert. Ein Text von Anselm Jappe zum Vergleich von Adorno und Guy Debord gibt es hier.

Abstract:

Die Situationistische Internationale ist heute wesentlich bekannter als während ihrer Existenz (1957–1972). Sie gilt oft als der historisch letzte Versuch, avantgardistische Kunst mit avantgardistischer Politik zu verbinden. In Wirklichkeit ging es den Situationisten jedoch um die „Aufhebung der Kunst“ in der Revolution. Kann sich irgendeine heutige Kunst- oder Politikform zu Recht darauf berufen? Und war dieses Programm der Aufhebung nicht an einen Fortschrittsgedanken gebunden, der heute selber überholt wirkt, so dass nun eine Verteidigung der Kunst mit „situationistischen“ Argumenten möglich scheint? Und wenn ja, welcher Kunst?


Anselm Jappe (Bonn, 1962) lebt nach dem Philosophiestudium in Rom und Paris heute in Frankreich und Italien und unterrichtet dort an Kunsthochschulen. Er hat über die Situationisten veröffenlicht (Guy Debord, 1993; L’Avant-garde inacceptable, 2004) und an der Erarbeitung der „Wertkritik“ teilgenommen (Die Abenteuer der Ware, 2006, Artikel in Krisis und Exit!).

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Download: Spektakel – Kunst – Gesellschaft January 25, 2011 | 02:45 pm

Download: Spektakel - Kunst - Gesellschaft:

onlyaabutxxx:

Der inzwischen vergriffene und auch nicht neu wieder aufgelegte Sammelband “Spektakel - Kunst - Gesellschaft” versammelt Vorträge, die auf dem gleichnamigen Symposium im Januar 2005 in der Kunsthalle Exnergasse in Wien gehalten wurden und wird durch weitere Beiträge ergänzt.

“Guy Debord und die Situationistische Internationale erfahren in den letzten Jahren auch im deutschsprachigen Raum vermehrte Aufmerksamkeit. In der Regel ging diese verstärkte Rezeption mit einer Reduzierung der Anliegen Debords und anderer Situationisten auf kunst-, kultur- oder auch medientheoretische Fragestellungen einher. Je größer die Begeisterung und das Interesse für die kunst- und kulturkritischen Schriften Debords wurde, desto weniger Beachtung fand die Gesellschaftskritik, die Debords Kunst- und Kulturkritik zugrunde liegt. Heute geht es zum einen darum, Debord und die SI in ihrem revolutionären Anspruch ernst zu nehmen. Zum anderen geht es um die Kritik ihrer Vorstellungen vor dem Hintergrund der gesellschaftskritischen Diskussionen der letzten 20 Jahre.”

- Verbrecher Verlag

Das Geschlecht des Situationismus September 16, 2010 | 09:10 pm

Transcending gender by abolishing the spectacle?

Eine Veranstaltung von Outside The Box, der Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik

Quergelesen hat Aufzeichnungen der Referate (leider ohne Diskussion) von Tagediebin, Zwi und Negator (allesamt vom AutorInnenkollektiv BBZN) gesendet. Das soll Euch natürlich nicht vorenthalten werden.

Flyer via Outside

Download der Sendung mit Musik via MF (57 MB, ~1 h)

Im Vorfeld gab es auch ein Radiointerview mit Zwi.

    Update:Jetzt liegen mir dank K auch Rohmitschnitte der Referate sowie der Diskussion vor, die ich hier direkt bearbeitet zur Verfügung stelle.

    Download via MF: Vorträge (1 h, 20 MB), Diskussion (1:15 h, 26 MB)

Ankündigungstext:

Lässt sich die situationistische Revolutionstheorie aktualisieren? Wenn ja, wie sieht es dabei mit der Kritik der fundamentalsten Lebenssituation aus: der Aufhebung der Trennung(en) des Geschlechts? Sexes & gender waren für die Situationistische Internationale in ihrer Zeit ein blinder Fleck. Heute, da die Geschlechterverhältnisse nicht mehr zu verdrängen sind, sehen wir die wirkliche Bewegung auf diesem Feld der Kritik zwischen queerer Entwendung und realkapitalistischer Verstärkung des Bestehenden. BBZN stellen zuerst die Rolle der Situationistinnen (ca 1950 bis 70) und die sexistische Ambivalenz jenes „Verlorenen Haufens“ historisch-kritisch dar. In dem Versuch, die kritische Theorie der „Gesellschaft des Spektakels“ für die materialistische Kritik des allgegenwärtigen doing gender zu retten, muss es sodann um die Frage gehen, wie undoing gender als Theorie und Praxis für Communismus heute möglich ist.

links (15.august2010) August 15, 2010 | 08:26 pm

Heute also der erste Tag vom letzten großen Abschnitt in dieser Stadt, planmäßig und ganz offiziell (trotz fehlender Unterschrift meinerseits).

Die Links:

Anhören:

  • Noch heute abend, 22Uhr, Radio Lotte (livestream und/oder Mitschnitt später, hoffentlich), Wutpilger Streifzüge #8: In dieser Sendung werden, ausgehend von Walter Benjamins Baudelaire-Buch, die Figuren des Dandys und des Flaneurs als Sozialfiguren der frühen Großstädte vorgestellt werden – mit Ausschweifungen zu analogen Überlegungen von Georg Simmel, Sartre, Magnus Klaue u.a.
  • Eine auf freien-radios.net archivierte Sendung des FSK thematisiert die Problematik zwischen Antirassismus, Antizionismus und Antisemitismus, mit Fokus auf Israel und “sein Anderes” und darauf bezogenen Positionen. Dabei wird vor allem Udo Wolter zitiert respketive kommt er selbst zu Wort. Die Qualität ist leider teilweise sehr unangenehm; aber ein paar interessante Punkte machen das Ganze hörenswert.
  • Via Audioarchiv: “Die Erhöhung des Tiers und die Erniedrigung des Menschen. Zur Debatte um den (Anti-)Speziesismus”, “Axel Hon­neth über Fort­schritts­fä­hig­keit, die »Frank­fur­ter Schu­le« und ihre Ge­schich­te/Ge­ne­ra­tio­nen” (Down­load via WDR5) und “Is­la­mi­sche Fe­mi­nis­tin­nen kämp­fen für Re­for­men” (Down­load via SWR).
  • Sabotage Records (japanther, the yellow press, polite sleeper, team robespierre, the now denial, u.a.; free compilation hier) und Taken By Suprise Records haben sich auf dem Blog “Two Hearts Are Better Than One” zusammen getan und stellen ihre Musik zum freien Download zur Verfügung.

Veranstaltungen:

dr0fn0thing: blastactionhero: paulchen: We now have to undertake… August 9, 2010 | 09:41 pm



dr0fn0thing: blastactionhero: paulchen:

We now have to undertake an organized collective work aimed at a unitary use of all the means of revolutionizing everyday life. That is, we must first of all recognize the interdependence of these means in the perspective of increased freedom and an increased control of nature. We need to construct new ambiences that will be both the products and the instruments of new forms of behavior. To do this, we must from the beginning make practical use of the everyday processes and cultural forms that now exist, while refusing to acknowledge any inherent value they may claim to have. The very criterion of formal invention or innovation has lost its sense within the traditional framework of the arts — insufficient, fragmentary forms whose partial renovations are inevitably outdated and therefore impossible.

guy debord - rapport on the construction of situations