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Der Maulwurf und die Nelken March 29, 2015 | 04:52 pm

Krise & Revolution in Portugal

A toupeira e os cravos – Crise e Revolucão em Portugal – O rizoma … 1974 – 2014 / The mole and the carnations – crisis and revolution in Portugal – the rhizome … 1974 – 2014

This article includes one lecture in english language – please have a look at the third capture.

Im letzten Jahr hat die Leipziger Translib eine Veranstaltungsreihe anlässlich der vierzigsten Jährung der portugiesischen Revolution von 1974/75 organisiert. Nach dem Putsch vom 25.04.1974 gegen das faschistische Regime Salazars explodierten in Portugal die Klassenkämpfe und das Proletariat begann sich in großen Teilen in Räten und Komitees selbst zu organisieren. Gegen diese Selbstorganisierungsansätze setzte sich in Portugal nach erheblichen Auseinandersetzungen schließlich die bürgerliche Demokratie durch – die radikalen Tendenzen der »letzten sozialistisch orientierten Revolutionsbewegung der Arbeiter_innen und der Landarmut im alten Europa« sind heute nahezu vergessen. Die Translib hat es sich im Zuge der Veranstaltungsreihe zur Aufgabe gemacht, diesem Vergessen entgegenzuwirken und zahlreiches Material zutage befördert. Dabei ging es nicht um eine rückblickende Glorifizierung dieser Bewegung, sondern um eine Aufarbeitung – so wurde etwa im Rahmen der Reihe immer wieder der Sexismus der Arbeiterbewegung Portugals jener Zeit problematisiert und die Rolle der Frauen herausgearbeitet. Wir dokumentieren im Folgenden die Mitschnitte der Veranstaltungsreihe. Wir hatten damals bereits schon ein Interview zur Veranstaltungsreihe dokumentiert, das gut zur Einführung und Einstimmung gehört werden kann.

Die Veranstaltungsreihe „Der Maulwurf & die Nelken“ / „Topeira e Cravos“ hat zum Gegenstand die revolutionäre communistische Tendenz in der bürgerlichen Gesellschaft, die in den Ereignissen um die „Nelkenrevolution“ in Portugal vor allem in den Jahren 1974 und 1975 als wirkender Faktor in Erscheinung trat. Dieser Teil der Geschichte, als eine von Klassenkämpfen, ist heute weitgehend vergessen oder überhaupt unbekannt, und an seiner Stelle steht das spektakuläre Bild der Aktionen von Militärs und Politikern. Dabei war der Putsch vom 25.4.1974 gegen das faschistische Regime der Anlass zu einer regelrechten Explosion der Klassenkämpfe, die sich schon durch die vielen Streiks und Demonstrationen der Arbeiter_innen Ende 1973 angekündigt hatte, zu einem Zeitpunkt, an dem sich die portugiesische Gesellschaft in einer tiefen Krise befand. Der proletarische Maulwurf wühlte eben schon, bevor die Nelken zu blühen begannen, die dann zum Symbol des friedlichen Umsturzes des faschistischen Salazar/Caetano-Regimes geworden sind. Diese Periode des Klassenkampfes, die in Portugal als „Processo Revolucionário Em Curso” (anhaltender revolutionärer Prozess; abgekürzt: PREC) bezeichnet wird, begann mit einer großen Welle von Streiks und Demonstrationen. Sofort strömten die Menschenmassen spontan auf die Straße, feierten das Ende des alten Regimes und nahmen den Kampf gegen die faschistischen Überreste in der Gesellschaft (zunächst die Geheimpolizei sowie Faschisten in der Leitung verschiedener Unternehmen) selbsttätig auf. Am 1.Mai 1974 war der Aufbruch von Millionen Menschen auf den Straßen der deutlichste Ausdruck des allgemeinen Willens zur Emanzipation von den alten Mächten. Am Vorabend, dem 30. April („Walpurgisnacht“!) hat sich die organisierte Frauenbewegung in Portugal gegründet – die MLM. Wie schwer sie es hatte, machte aber auch zugleich die fatale Rückständigkeit des proletarischen „Maulwurfs“, seine Blindheit deutlich ! Immerhin: überall gab es nun Streiks und Fabrikbesetzungen, und die Arbeiter_innen organisierten sich selbst, unabhängig von den gewerkschaftlichen Apparaten, um ihre Interessen durchzusetzen und teilweise sogar die Produktion in die eigenen Hände zu nehmen. Auch wurden schliesslich viele Ländereien besetzt, und die Landarbeiter_innen schlossen sich zu Kooperativbetrieben zusammen, begannen sich so aus der Armut und Ohnmacht zu befreien. Nachdem im März 1975 noch einmal ein rechter Putschversuch von Arbeiter_innen und Soldaten abgewehrt werden konnte, wurden zunehmend Fragen der Selbstbewaffnung und der Bildung revolutionärer Räte aufgeworfen. Dieser Macht-Klärungsprozess spitzte sich bis Ende 1975 immer weiter zu und konnte erst durch eine große polizeiliche Aktion der unter dem Schutz der „sozialistischen“ Militärdiktatur neuentstehenden bürgerlichen Demokratie unterbunden werden.

Im offiziellen Gedächtnis ist wenig Wahres von dieser abgebrochenen Revolution übrig geblieben. Die Rolle des Proletariats als Maulwurf und Unterminierer der alten feudalen, kolonialen und ebenso der modernen bürgerlichen Gesellschaft und seine Wühlarbeit als revolutionäre Subversion in den Klassenkämpfen wird kaum begriffen, ist aber darum noch lange nicht aus der Welt geschafft. Das Rhizom bleibt! Denn der gesellschaftliche Gegensatz von gesellschaftlicher Arbeit und privatem Klasseneigentum, der immer wieder zur Krise und zum Klassenkampf treibt, wie die Ereignisse der letzten 6 Jahre auf der ganzen Welt mal wieder gezeigt haben, besteht weiterhin und zwingt uns bei Strafe des Untergangs, ihn auf eine neue Weise aufzuheben. Um den schon begonnenen, aber bisher immer wieder gescheiterten Übergang zu einer communistischen Produktions- und Verteilungsweise erneut anzugehen, müssen wir die revolutionären Versuche der Vergangenheit genau studieren, um nicht dem geschichtlichen Wiederholungszwang zu verfallen, ihre alten Fehler erneut zu begehen. An der „portugiesischen Erfahrung“ können wir vor allem lernen, wie und um welchen Preis das Proletariat die politische Macht an das Militär oder an staatstragende Parteien – trotz ihrer vorübergehenden „sozialistischen“ Programme stets die Hüter der bürgerlichen Eigentumsordnung – abgeben kann und wie es passiert, dass wir im Schatten unserer Repräsentation alle unsere Möglichkeiten aufgeben können, endlich zur geschichtlichen Macht, zum selbstbewussten Subjekt zu werden, das heisst für unsere eigene Aufhebung als Proletariat, als Objekt der Lohnsklaverei. Die Zahlungsbilanz der sozialen Kämpfe an Europas Peripherie wirft nach 40 Jahren im Zentrum der neuen Krise unweigerlich, auf allen Ebenen die Frage der Abrechnung auf. [via]

1.) „Nelkenrevolution“ – 40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Die Veranstaltungsreihe wurde mit einer kommentierten Lesung eröffnet. Nach einer Einleitung zum Titel und zur Intention der Reihe begann die Lesung mit einem Auszug des Textes „Wer hat die Macht in Portugal?“ von Maren Sell aus dem Sommer 1974, worin die Vorgeschichte der Revolution und die Ereignisse und Stimmungen unmittelbar nach ihrem Ausbruch beschrieben werden. Im Text „Portugal vor der Entscheidung“ von Tony Cliff aus dem Herbst 1975 wird dann die Dynamik und Entfaltung der Klassenkämpfe beschrieben. Der Text „Der soziale Krieg in Portugal“ des Situationisten Jaime Semprun charakterisiert die Klassenauseinandersetzungen im Zuge der portugiesischen Revolution und bezieht sich dabei vor allem auf die Ereignisse des Jahres 1975. Der Text des Trotzkisten Peter Robinson, „Arbeiterräte in Portugal 1974/75″, aus dem Jahr 2010 enthält Beschreibungen der rätemäßigen Organisierung der Arbeiter, wobei er die Auseinandersetzung um die Selbstverwaltung mehrer Zeitungen fokussiert, und beschreibt das Auslaufen des revolutionären Prozesses. Der Text „Die portugiesische Erfahrung“ des Zeitzeugen Charles Reeve versucht eine Auswertung der gescheiterten Revolution und eine Bestimmung ihrer inneren Schranke, die er vor allem in der Fixierung auf das Militär sieht. Der zweite Teil widmet sich der Erfahrung von Frauen, die an der Revolution teilgenommen, sich in ihrem Zuge ebenfalls selbst organisiert haben und die dabei auf erheblichen Widerstand der Männer gestoßen sind. So werden Auszüge aus den „Neuen Portugiesischen Briefen“ von Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa verlesen. Außerdem wurden einige Stellungnahmen und Flugblätter der Movimente de Libertação das Mulheres (MLM, Bewegung zur Befreiung der Frauen) verlesen. Eine Literaturliste der verlesenen Texte gibt es hier (PDF). Ein Video von dem in der Lesung erwähnten Angriff auf eine feministische Demonstration in Lissabon kann hier gesehen werden, ein Flugblatt der MLM, das auf dieses Ereignis reagiert, gibt es hier.

“A Revolucâo dos Cravos“ – 40 anos de partida PRECária – „Nelkenrevolution“ –40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Wir wollen diese „vergessene Revolution“ am Rande Europas ins Zentrum der Gegenwart, unserer Wahrnehmung bringen – in eine heute noch weiter verschärft krisenhafte Aktualität, deren Alltag ähnlich prekär ist für lohnabhängige Menschen überall, wie sie es bei dem Aufbruch in Portugal vor 40 Jahren war. Und diese – wie jede – Revolution war selbst äusserst brüchig, ja gebrochen, eben prekär: so in ihrer Klassenzusammensetzung, ihren widerspruchsvollen sozialen Interessen-Triebkräften, was in ihrem politischen Durchbruch, Aufbruch und Abbruch als Tumult und „Chaotisierung“, als „Ordnung“ und „Demokratisierung“ erschien. So im Geschlechterverhältnis, im Aufbruch der Frauen aus dem klerikal-faschistischen und unterentwickelt-kapitalistischen Muff patriarchalischer Ausbeutung … Und auch der feministische Emanzipationsanlauf brach sich zunächst noch während jener Revolution an dem Machismo und Sexismus, der in Portugal – natürlich nicht nur dort — bis heute fast ungebrochen dominant geblieben ist.

Aus Anlass der Gründung der portugiesischen Frauenselbstbefreiungsorganisation MLM (Movimento de Libertaçâo das Mulheres) am 30.April 1974 — wenige Tage nach dem Miltärputsch der antifaschistischen Offiziere & Hauptmänner und am Vorabend des 1.Mai, an dem „die Arbeiterklasse und das Volk“ in Portugals Zentren massenhaft als revolutionäres Subjekt, aber auch als bloße Repräsentation auf die Bildfläche trat – in dieser „Walpurgisnacht“ ist die translib ein Ort der Zugänge und des Zusammentreffens: von Bildern und Dokus, Analysen und Stimmen aus jenen Tagen sowie kritischen Blicken der Jetztzeit … Eine Fete ohne Folklore und Tanz in den Mai. Ein Büffet mit Portwein soll es aber geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 153 MB; 2:47:09 h)
    Hören bei Youtube: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

2.) Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal

Am 20. Juni 2014 waren im Rahmen der Portugal-Reihe Charles Reeve und Ricardo Noronha zu Gast. Charles Reeve war selbst an der portugiesischen Revolution beteiligt und hat seit dem mehrere Texte über die revolutionären Prozesse aus linkskommunistischer Sicht veröffentlicht. Nach einer Einleitung durch die Translib referiert Reeve auf portugiesisch und wird von Cornelia Döll ins Deutsche übersetzt. Charles Reeve geht es in seinem Vortrag vor allem darum, mehrere Mythen zu zerstören: Ein demokratischer Teil der Armeeführung habe die Revolution gemacht und das faschistische Regime gestürzt; die Portugiesische Revolution sei eine Revolution gewesen, die das heutige bürgerlich-demokratische System erreichen wollte; die Portugiesische Revolution sei ein staatssozialistischer Putsch gewesen. Außerdem skizziert er die Schwierigkeiten der ökonomischen Organisierung des Landes im Zuge der revolutionären Prozesse und sucht nach Ursachen für das Scheitern der Revolution. Immer wieder setzt er sich dabei mit Äußerungen Guy Debords zur Portugiesischen Revolution auseinander.

Ajustar contas ainda abertas – 40 anos de luta de classes em Portugal. Debate acerca da “Revolução dos Cravos/PREC”, com um participante e um activista de Portugal (colaboradores da revista “Tranvía” e do Vol. 15 da “Biblioteca da Resistência”)

Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal. Diskussionsveranstaltung zur „Nelkenrevolution / PREC“ mit Charles Reeve und Ricardo Noronha

Es gibt Orte und Jahreszahlen, die in linken Ohren sofort vertraut klingen und bei Vielen eine Flut von Assoziationen, Bildern und Namen hervorrufen. St. Petersburg 1917, Barcelona 1936 oder Paris 1968 sind längst zu mythischen Chiffren für die Siege und Niederlagen der sozialen Revolution geworden. „Lissabon 1974“ bringt dagegen nichts zum Klingen, ruft keine Namen, Bilder und Parolen hervor. Lissabon 1974 steht in keiner lebendigen Beziehung mehr zu uns, und das wofür die Chiffre einsteht, ist nahezu völlig aus dem historischen Bewusstsein einer sich revolutionär verstehenden Linken gelöscht. Und das obwohl – oder vielleicht: gerade weil – das, was am 25. April 1974 in Lissabon mit einem linken Militärputsch in Gang kam, sich rasant zu der radikalsten und umfassendsten sozialen Revolution ausweitete, die Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg erschüttert hat. Denn auf die Absetzung eines faschistischen und kolonialistischen Regimes folgte in Portugal eine riesige Bewegung der Besetzungen, die sich innerhalb weniger Monate zehntausende Wohnhäuser, Betriebe und Landgüter aneignete und sie unter die räteförmige Selbstverwaltung der ausgebeuteten Klassen stellte. Seither gab es wohl keinen praktischen Angriff auf die bestehenden Eigentumsverhältnisse mehr, der den herrschenden Klassen so gefährlich geworden wäre!

Wir möchten an diesem Abend über jene Ereignisse diskutieren. Dafür konnten wir mit Charles Reeve und Ricardo Noronha zwei ganz besondere internationale Gäste gewinnen.

Charles Reeve (*1945) desertierte 1967 aus der portugiesischen Kolonialarmee und lebt seitdem im Pariser Exil. Er war in den Jahren 1974/75 aktiver Teilnehmer des revolutionären Prozesses in Portugal. Bereits im Frühjahr 1976 legte er eine kritische Analyse des Scheiterns der „Nelkenrevolution“ in seiner Broschüre Die portugiesische Erfahrung vor. Die hierin enthaltenen Einsichten sind bis heute maßgebend und wurden von Reeve in mehreren über die letzten 40 Jahre verfassten Artikeln und Essays zum Thema kontinuierlich vertieft, zuletzt in seinem neusten Text Das Unvorhersehbare – unser Territorium. Reeve schreibt unter anderem für die Zeitschrift Wildcat und berichtet seit den 1970ern aus verschiedenen Kontinenten über die Kämpfe und Lebensbedingungen eines in permanenter Umwälzung begriffenen Weltproletariats. Zuletzt erschien 2001 von ihm Die Hölle auf Erden. Bürokratie, Zwangsarbeit und Business in China in deutscher Übersetzung bei Edition Nautilus.

Ricardo Noronha arbeitet als Sozial- und Wirtschaftshistoriker am Institut für Zeitgeschichte der Universität Lissabon. Er forscht vor allem zur Einbindung des semi-peripheren Portugal in die europäische und weltkapitalistische Ökonomie und zur Nationalisierung des Bankwesens im Rahmen der „Nelkenrevolution“ (siehe seinen Aufsatz “Die Banken im Dienste des Volkes” in dem Buch “Portugal 25. April 1974 – Die Nelkenrevolution” vom Laika-Verlag). Unlängst veröffentlichte er unter dem Titel Never has a winter been so long ein Thesenpapier auf der Homepage der Gruppe Affect (New York), in dem er seine Einschätzung der komplizierten Konflikte und Alternativen 1974-75 prägnant verdichtet. In der Vergangenheit hat Noronha sich auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg 1936-39, dem italienischen Operaismus und der Situationistischen Internationale auseinandergesetzt.

Gemeinsam wollen wir danach fragen, wie und warum die damals durch die Aktion der Ausgebeuteten kurzfristig eroberten ungeheuren Möglichkeiten zur Emanzipation wieder zerschlagen werden konnten? Welche Rolle spielten Staat und Kapital, aber auch die linken Organisationen, also Sozialdemokraten und Gewerkschaften, Parteikommunisten und linksradikale Grüppchen in dieser Auseinandersetzung? Worin bestanden die entscheidenden Schwächen der Bewegung, die eine teils gewaltsame, teils „samtene“ Konterrevolution möglich machten? Und nicht zuletzt: wo stehen Portugal und die portugiesische Bewegung heute, nach 40 Jahren bürgerlicher Konterrevolution und 5 Jahren Schuldenkrise? [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 66.1 MB; 1:12:09 h)
    Hören bei Youtube: Einleitung | Referat Charles Reeve

3.) Revenge is still outstanding – 40 years of class struggles in Portugal

After a progressive military coup against the fascist Salazar-regime in april 1974 the class struggles exploded in Portugal. What happened then is known as the PREC (permanent revolutionary process): the working class started to organize itself in councils and neighborhood-comittees, workers started to takeover factories and poor farmers began to collectivize the acres. The PREC was ended by a social-democratic counter-coup in november 1975. On 20.06.2014 the historian Ricardo Noronha (Lissabon) was guest of the Translib (a self-organized, far-left-communist library in Leipzig) and talked about the PREC. He held a well-informed lecture about the economic, political, military and psychological reasons of the revolution, described it’s course and how it was possible, that the proletariat first started to organize autonomous in a radical way but then the state was able to takeover the organization of the workers. In his opinion the revolution is still current and it is present in the mind of many people in Portugal. Also in the recording of the discussion you get many interesting informations about the PREC – in the discussion you can also hear Charles Reeve, a left-communist who participated in the PREC. Sorry for any mistakes in this english description.

Download: Lecture (mp3; 30.4 MB; 33:10 min) | Discussion (mp3; 62.3 MB; 1:07:59 h)

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Familienverhältnisse March 18, 2015 | 04:05 pm

1.) Liebe, Autonomie und Arbeitsteilung – Zur politischen Ökonomie der Paarbeziehung

Am 04. März 2015 hat Sarah Speck (u.a. Hg. von Kitchen Politics) in der Translib Leipzig einen Vortrag über geschlechtliche Arbeitsteilung in heterosexuellen Paarbeziehungen gehalten. Grundlage ihres Vortrags war eine Studie, die sie gemeinsam mit Cornelia Koppetsch und Alice Jockel an der TU Darmstadt durchgeführt hat. In dieser Studie wurden Paare befragt, in denen der Mann einer atypischen Beschäftigung nachgeht oder erwerbslos ist und die Frau das Haupteinkommen bezieht. In der Befragung wurde dann ein Fokus auf die gemeinsame Ökonomie und auf Fragen der Reproduktion gelegt. Im Vortrag stellt sie drei Fallbeispiele aus drei verschiedenen Milieus vor: dem klassischen Arbeitermilieu, dem wertkonservativen Milieu und dem akademisch/urbanenen Kreativ-Milieu. Dabei wird deutlich, dass individualisierte Paare aus dem „großstädtischen Selbstverwirklichungsmilieu“ den ökonomischen Charakter gemeinsamen Haushaltens wesentlich mehr verschleiern und dadurch klassische Rollenverteilungen reproduzieren, als dies bspw. im wertkonservativen Milieu der Fall ist. Diese Verschleierung findet paradoxer Weise mit Hilfe einer Vorstellung von Geschlechtergleichheit statt.

Möchte man die Stabilität der Geschlechterverhältnisse verstehen, so genügt es nicht, auf Ehegattensplitting und Gender Pay Gap zu fokussieren. Ein detaillierter Blick ins ‚Private‘ und den Alltag heterosexueller Paare offenbart, dass zentrale Gründe für die Aufrechterhaltung der Geschlechterordnung woanders liegen – in latenten Männlichkeits- und Weiblichkeitsnormen, aber auch in gegenwärtigen Idealen, etwa der Vorstellung von Geschlechteregalität selbst und in der Reproduktion von Klassenverhältnissen. Der Vortrag möchte den Zusammenhang von Ökonomie und Geschlecht, der derzeit vielerorts erneut diskutiert wird, durch eine spezifische Perspektive auf die Ökonomien und Aushandlungsprozesse des Alltags lenken und stellt die altbekannte Frage neu: Was ist aus feministischer Perspektive zu tun? [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 43.2 MB; 47:14 min)
    Hören: bei Youtube

2.) Über Familie, Kinder und die radikale Linke

Im Rahmen der Reihe „Die Untüchtigen“ haben Feline Nowak und Doris Liebscher (Phase 2) am 12.10.2014 im Hamburger Golem einen Vortrag über historische, rechtliche und geschlechterspezifische Aspekte der Familie gehalten. Zu Beginn hat Doris Liebscher eine historische Bestimmung der Familie als Norm gegeben, wobei sie einen Fokus auf rechtliche Bestimmungen und damit verbundene Probleme gelegt hat. Ausgehend von der Feststellung, dass die Familie als Norm gegenwärtig bröckelt, ist Feline Nowak dann der Frage nachgegangen, wieso dennoch eine Rekonstituierung der traditionelen Familiennorm festgestellt werden kann. Insbesondere legt sie einen Fokus auf das Kinderkriegen, das die Beziehung der Eltern zum Staat in der Regel intensiviert, und problematisiert den Umgang mit Elternschaft und damit verbundenen Rollenmustern innerhalb linker Zusammenhänge. Liebscher geht dann auf Familienmodelle ein, die nicht der Norm entsprechen und zeigt auf, welche rechtlichen Probleme solche Familien haben. Zum Schluss ziehen sie ein Fazit und stellen einige Forderungen auf, die m.E. recht reformistisch bleiben. Dies ist dann auch Gegenstand der Diskussion: in mehreren Redebeiträgen wird die Fixierung auf rechtliche Regelungen kritisiert.

Familie gilt als der kleinste Zusammenschluss, in dem sich Gesellschaft reproduziert und die jeden und jede nachhaltig formt. Diese Einheit hat sich historisch enorm verändert. Bürgerliche Familienstrukturen haben die letzte Generation womöglich mehr geprägt, als die gegenwärtige. Doch die vorsichtige Liberalisierung des Konzeptes Familie kann nur schwer darüber hinwegtäuschen, dass es nach wie vor zutiefst ideologisch durchtränkt ist.

Die Familie, im Sinne einer auf Blutsverwandtschaft beruhenden Verbindung mehrerer Generationen, ist in der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert durch zwei Momente charakterisiert: Als Mini-Enklave stellt sie einerseits einen Raum dar, in dem zwischenmenschliche Beziehungen anders realisiert sind, als die übrigen, durch kapitalistische Denkweisen geordneten Verbindungen. Als solche kann sie den Einzelnen als Schutzraum dienen, in dem – zumindest dem Ideal nach – Beziehungen mehr als irgendwo sonst von Liebe und Verbindlichkeit geprägt sind. Andererseits war die Familie immer auch eine, wenn nicht autoritär, so zumindest hierarchisch strukturierte Gemeinschaft im Kleinen, die die Voraussetzungen dafür schuf, eben das zu reproduzieren, wovor sie zu schützen vorgab. Es ist eine zentrale Aufgabe der Familie, die Reproduktion der Individuen nach den Erfordernissen gesellschaftlicher Bedingungen zu garantieren. Aus dieser Perspektive erfüllt die traditionell verstandene Familie eine zutiefst ambivalente Funktion.

Wer die traditionelle geschlechtliche Ordnung, die die Familie vorzugeben vermag, nicht annehmen möchte, wer als Eltern Betreuung und Fürsorge eines Kindes wie auch individuelle Freiheit zu gleichen Teilen wahrnehmen oder auch nur sein Kind jenseits von geschlechtlichen Stereotypen großziehen möchte, der/die wird sich unangenehm mit dem Einbruch der gesellschaftlichen Realität in der ehemals als von dieser relativ unabhängig betrachteten Privatsphäre konfrontiert sehen.

In einem ersten Teil der Veranstaltung wird Feline Nowak darstellen, warum mit der Geburt das private Leben noch offensichtlicher zum Feld politischer Auseinandersetzungen wird und sich politische Prämissen wie die Gleichheit zwischen den Geschlechtern und die Selbstbestimmungsfreiheit des Individuums nun noch schwerer umsetzen lassen. Das heißt aber auch, dass neben aller notwendigen Gesellschaftskritik eine Beschäftigung mit Familie gleichfalls eine individuelle Perspektive und die dort vorhandenen Handlungsspielräume erfassen sollte. Im zweiten Teil der Veranstaltung wird Doris Liebscher sich mit dem Familienkonzept im bürgerlichen Recht auseinandersetzen und aufzeigen, wie vor allem Mehrelternschaft, Transelternschaft und soziale Wahlverwandtschaft sowohl das traditionelle Familienverständnis wie auch das Recht gleichermaßen herausfordern. In Bezug auf die Übernahme von Sorgeverantwortung, die Weitergabe von Kapital oder die Inanspruchnahme staatlicher Unterstützung sind die Familienpolitik und Familienrechtssprechung weiterhin am traditionellen Familienkonzept orientiert, denn das deutsche Familienrecht stellt unmissverständlich die Abstammung über alles andere. Um die sozialen, politischen und rechtlichen Einschränkungen, die mit dem aktuellen Familienmodell einhergehen, zu überwinden, werden an diesem Abend von den Referentinnen auch emanzipative Familienmodelle wie die Freundschaftsfamilien und soziale Elternschaften diskutiert. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 104.9 MB; 1:54:14 h)
    Hören: bei Soundcloud

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Sex als Lohnarbeit February 24, 2015 | 04:32 pm

Kaum eine Debatte ist so moralisch aufgeladen wie die um Prostitution. Die Frage, ob Prostitution per se als Unterdrückung von Frauen verurteilt werden soll oder ob nicht vielmehr die Selbstorganisierung von SexarbeiterInnen ein sinnvoller Ansatz ist, zieht einen Graben auch durch feministische Zusammenhänge. Wir dokumentieren im Folgenden mehrere Beiträge, die für letztere Position argumentieren und die eine Kritik an der moralischen Verurteilung von Prostitution formulieren.

1.) 17 Grad – Prostitution ist …

In einer Themensendung von 17 Grad wurde im letzten Jahr die Prostitution behandelt. Vor allem werden Argumente von Prostitutionsgegnern unter die Lupe genommen und kritisiert. Davon ausgehend wird eine ökonomische und klassen-analytische Betrachtung der Sexarbeit entwickelt. Immer wieder wird dabei auf den Text „Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats“ von Friedrich Engels zurückgegriffen. Die Sendung basiert auf Texten von Nichtidentisches und von Helen Ward.

„Prostitution ist nur ein besonderer Ausdruck der allgemeinen Prostitution des Arbeiters”. Dieses Zitat von Marx könnte suggerieren, dass Prostitution für unsere Hörerinnen und Hörer eine recht klare Sache ist. Stattdessen hat sie sich als wahre Herausforderung erwiesen – und die Positionen Linker erstrecken sich von der Befürwortung von Repression und Abschaffung auf der einen Seite zur Entkriminalisierung und gewerkschaftlichen Organisierung auf der anderen Seite. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 92.3 MB; 59:59 min)

2.) Melissa Grant – Hure spielen

Im Rahmen der Reihe „Die Untüchtigen“ war im letzten Jahr die Autorin Melissa Grant im Hamburger Golem zu Gast. Im Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin Mithu M. Sanyal hat sie ihr Buch „Hure Spielen“ vorgestellt, das im letzten Jahr bei Edition Nautilus erschienen ist. Es geht Melissa Grant in diesem Buch darum, die Perspektive umzudrehen: nicht über SexarbeiterInnen und deren Schicksal zu reden, sondern über jene, die sich anmaßen, für Prostituierte zu sprechen. So lässt sich herausfinden, dass es in diesen Debatten meist nicht in erster Linie um die SexarbeiterInnen selbst geht, sondern um eine moralische Legitimation einer Reihe von Berufen: Polizei, Journalismus, Sozialarbeit, etc. – von Melissa Grant zusammengefasst als „Mitleidsindustrie“. Auf der Veranstaltung wurde zunächst Melissa Grant vorgestellt und ein Auszug aus ihrem Buch vorgelesen. Dann beantwortet sie einige Fragen, wobei es viel um einen Vergleich der amerikanischen und europäischen Verhältnisse geht.

Buchvorstellung, Gespräch »HURE SPIELEN – DIE ARBEIT DER SEXARBEIT« mit: Melissa Grant & Mithu M. Sanyal

Während die Bundesregierung an Änderungen zum Prostitutionsgesetz arbeitet, die bis Jahresende vorgenommen werden sollen, ist es in der öffentlichen Debatte zur Prostitution stiller geworden. Doch nun meldet sich in Deutschland eine junge amerikanische Stimme zu Wort: Melissa Gira Grant – ehemals Sexarbeiterin, heute Journalistin – stellt mit ihrem Buch »Hure spielen. Die Arbeit der Sexarbeit« die Debatte vom Kopf auf die Füße und attackiert all jene, die Prostitution zum Wohle der Frauen verbieten wollen. Sie lässt Sexarbeiterinnen (und Sexarbeiter) selbst zu Wort kommen und zeigt auf, dass nicht die Arbeit der Sexarbeit eine Zumutung ist, sondern deren Kriminalisierung: entwürdigende Polizeieinsätze, Illegalität, gewalttätige Übergriffe und Ausgrenzung aus der Gesellschaft. Außerdem stellt Grant eine Verknüpfung her zwischen dem Umgang mit dem Thema Sexarbeit zu einer Reproduktion klassischer Geschlechterrollen und entlarvt die Position von Alice Schwarzer & Co. als paternalistischen Willen zur Kontrolle. Grants kluge Analyse liefert eine sachliche und differenzierte Auseinandersetzung mit einem hochaufgeladenen Thema. Im Gespräch mit der Kulturwissenschaftlerin und Journalistin Mithu M. Sanyal stellt Grant ihr Buch vor und diskutiert über die Situation von Sexarbeitern in Deutschland. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 229.3 MB; 1:40:08 h)

Ein Interview mit Melissa Grant im Spiegel findet sich hier.

3.) Carolin Küppers – Diskurs über Sexarbeit und Menschenhandel während der WM in Südafrika

Interessanterweise gibt es immer wieder dann Wellen von moral panic über Prostitution, wenn internationale Sport-Events stattfinden – oft werden dabei Sexarbeit und Menschenhandel unzulässigerweise miteinander vermengt und nicht selten wird dabei rassistisch argumentiert. Im Rückblick auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika hat die Wüste Welle Tübingen ein Interview mit der Soziologin Carolin Küppers geführt, die über den Diskurs über Prostitution und Menschenhandel geforscht und dabei auch mit südafrikanischen SexarbeiterInnen gesprochen hat. Im Interview geht es dabei auch sehr grundlegend um den Charakter und die gesellschaftliche Bewertung von Sexarbeit sowie um unterschiedliche feministische Positionen zu diesem Thema. [Teil 1 | Teil 2]

Teil 1

    Download: via FRN (mp3; ; 15:27 min)

Teil 2

    Download: via FRN (mp3; 10 MB; 13:29 min)

Radio Dreieckland hat anlässlich ähnlicher Debatten im Vorfeld der WM in Brasilien ein hörenswertes Interview mit Friedrike Strack geführt, die lange Zeit bei Davida, einer brasilianischen Prosituiertenorganisation, gearbeitet hat. Dieses Interview kann hier gehört werden.

4.) Welche Prostitution wollen wir? Prostitutionsverbot – Problemlöser oder Populismus?

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Die Welt am Donnerstag“ (ein Projekt der WOZ und der Autonomen Schule Zürich) fand am 05.02.2015 eine Gesprächsrunde mit Rebecca Angelini (Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration) und Brigitte Obrist (ehemalige Prostituierte und ehemalige Projektleiterin bei der Aidshilfe Schweiz) statt. Anlass der Diskussion sind zunehmende rechtliche Reglementierungen für SexarbeiterInnen in der Schweiz und zunehmende Stimmen, die eine Bestrafung von Freiern fordern. Beide berichten aus den Erfahrungen von SexarbeiterInnen, plädieren für eine klare Trennung zwischen Sexarbeit und Menschenhandel, fordern eine Verbesserung der Arbeitsverhältnisse von SexarbeiterInnen und kritisieren jegliche Verbotsforderungen und z.B. das Schwedische Modell. Rebecca Angelini macht in der Diskussion eine Sache klar, die m.E. sehr wichtig ist: Wer es für problematisch hält, dass Frauen mehr oder weniger unfreiwillig im Bereich der Sexarbeit ihr Geld verdienen, der sollte anstatt ein Verbot der Sexarbeit zu fordern, vor allem die Ursachen dafür bekämpfen, dass zahlreiche Frauen eine äußerst beschränkte Berufswahl haben – nämlich die europäische Flüchtlingspolitik.

WELCHE PROSTITUTION WOLLEN WIR? Prostitutionsverbot – Problemlöser oder Populismus?

Die Frage, ob Prostitution verboten oder legalisiert werden soll, entzweit Europas Feminist_innen. Wenn es nach Alice Schwarzer geht, ist der Fall klar: Prostitution fördert den Menschenhandel und gehört verboten, die Freier müssen bestraft werden. In der Schweiz kommt ein Expertenbericht des Bundesrats zu einem anderen Befund: Prostituierte sollen rechtlich gestärkt werden. Politische Vorstösse von links bis rechts, die von Besserstellung bis zum Verbot des Gewerbes reichen sowie der vorliegende Expertenbericht: 2015 wird das Jahr sein, in dem in der Schweiz politisch die Weichen gestellt werden, welcher Weg eingeschlagen wird. [via]

    Download: via FRN (mp3; 54 MB; 59:28 min)

Nicht nur in der Schweiz, auch in Deutschland werden Debatten darüber geführt, Sexarbeit zu reglementieren und wichtige Errungenschaften zurückzunehmen. Hierüber hat im letzten Jahr Sonja Dolinsek ein Interview bei Radio Corax gegeben, welches hier nachgehört werden kann.

Das Ex-Magazin hat im letzten Jahr einen offenen Antwortbrief von Sascha Bergthal an Tanja Rahm veröffentlicht, die zuvor in der Welt ihrerseits einen Offenen Brief geschrieben hatte. Beiträge zum Thema im Audioarchiv findet ihr hier: Leib ohne Trieb – Von der Prostitution zur Sexarbeit | Femen und der Feminismus.

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Immer wieder immer noch October 12, 2014 | 02:59 pm

Im Sprechen über das Geschlechterverhältnis kommt es zum Schwanken zwischen der Beschwörung eines gesellschaftlichen Fortschritts, der das Patriarchat mindestens in Recht und Ökonomie längst überwunden habe, und der weitere Gleichstellungsbemühungen einfordernden Aufzählung von Missständen, von denen Frauen nach wie vor betroffen sind, sei es die Alltäglichkeit von sexualisierter Gewalt, die »gläserne Decke« oder die schlechtere Bezahlung gegenüber Männern. Ausgehend von der Erfahrung, dass feministisches politisches Handeln allzu oft lediglich weibliche Handlungsfähigkeit überhaupt demonstrieren oder herstellen soll, plädiert Karina Korecky dafür, Fortschrittserzählungen gegenüber skeptisch zu sein und den gesellschaftlich bedingten Wiederholungszwang ernstzunehmen, der feministische Selbstermächtigungsversuche in diese – theoretisch wie praktisch – stets von vorn beginnende Position nötigt. Diesen Gedanken entwickelt sie im Gespräch mit einer Redakteurin der Sendung Studio F vom FSK Hamburg, dessen Thema feministische Geschichtsschreibung ist und den ich im Folgenden dokumentieren möchte. Er findet sich ebenfalls formuliert in weiteren von Koreckys Vorträgen sowie einem Text in der aktuellen Printausgabe der Konkret (10/2014).

Hören:

Download: mp3 via AArchiv | mp3, ogg via archive.org (0:36 h, 22 MB)

Vielen Dank an die Redakteurin für die Bereitstellung der Sendung!

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Kein Kavaliersdelikt January 17, 2014 | 12:22 pm

Die Ex-Magazin-Redaktion dokumentiert einen Vortrag der Gruppe Les Madeleines zur Kritik der Definitionsmacht, über die in Berlin wieder mal diskutiert wird – wahlweise herunterzuladen via Hightail oder via AArchiv. Material zur Kritik des Konzepts findet sich hier, Texte zur Begründung und Verteidigung der Definitionsmacht hier, hier und hier.

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Hysterie November 20, 2013 | 09:27 pm

Der Wahnsinn des Weibes – oder: Sternstunden patriarchaler Wissenschaft

Das Krankheitsbild der Hysterie und seine Geschichte geben ein eindrückliches Beispiel von den sexistischen Gehalten männlich dominierter Wissenschaft, wurde der Hysterie und somit der Gebärmutter doch alles zugeschlagen, was am »Weib« vermeintlich unerklärlich und/oder krankhaft war. Die folgenden Beiträge aus dem Öffentlich-Rechtlichen zeichnen die Geschichte der Hysterie mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach.

1. Die wandernde Gebärmutter – Eine Kulturgeschichte der Hysterie (2012)

Diesmal führt die Reise von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, immer auf den Spuren eines medizinischen Irrglaubens – in die Welt gesetzt von Männern, zu Lasten der Frauen.

Download: via br.de (0:24 h, 21 MB)

2. Hysterie – Die Geschichte eines Krankheitsbildes (2012)

„Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt es lange Zeit unfruchtbar, so erzürnt es sich und erzeugt allerlei Krankheiten!“ So heißt es bei Platon. Vom griechischen Wort für Gebärmutter ist die Bezeichnung Hysterie abgeleitet. Die Hysterieforschung brachte Freuds Psychoanalyse hervor. Autorin: Ulrike Rückert

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3. Theatrum Hystericum. Der Siegeszug/kurze Glanz eines Nervenleidens (2013) Hörenswert

Das SWR2-Feature von Christine Wunnicke legt den Schwerpunkt auf das fin de siècle, eine Zeit, in der die Hysterie eine Art kulturellen Hype erlebte und regelrecht zur Kunstform avancierte. Sehr schön gestaltet und hörenswert!

In den 1880er-Jahren öffnete die neurologische Abteilung des Hôpital de la Salpêtrière in Paris ihre Pforten für die Öffentlichkeit: Jeden Dienstag führten die hauseigenen Hysterikerinnen vor Publikum ihr ansehnliches Leiden vor. Professor Charcot erklärte; Dr. Tourette assistierte; Dr. Duchenne elektrisierte und nahm Lichtbilder auf. In hypnotischen Tableaus inszenierte man die Krankheit der Epoche. Sie konnte jeden ereilen; neuerdings auch Männer. Die Hysterie, eben noch mit rustikalen Theorien über wandernde Gebärmütter assoziiert, wurde plötzlich zur Befindlichkeit à la mode, zur Muse der Künste, zum Schatten der Belle Époque.

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Feministische Theorie im Frühling October 15, 2013 | 05:46 pm

Im Frühling dieses Jahres fand in Jena eine interessante Veranstaltungsreihe statt, die vom StuRa und dem Gleichstellungsreferat der Uni Jena (beide Gremien sind inzwischen neu besetzt) organisiert wurde. Es wurden in dieser Reihe verschiedene Ansätze feministischer Gesellschaftskritik vorgestellt, die derzeit in der radikalen Linken diskutiert werden.

Es geht um Materialismus, queer theory und Feminismus. Queer Theory ermöglicht es, Heteronormativität und gesellschaftliche Normierungsprozesse zu benennen und zu kritisieren. Aber die Produktionsverhältnisse und materiellen Lebensbedingungen lassen sich nicht dekonstruieren. Wie kann der Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus aussehen – und was ist untragbar für eine emanzipatorische Gesellschaftskritik?

1. Roswitha Scholz: Die Wert-Abspaltungskritik – ein neuer Versuch marxo-feministischer Theoriebildung

Roswitha Scholz hat in ihrem Vortrag einführend einige Grundgedanken der Wert-Abspaltungskritik vorgestellt, wie sie vor allem in „Der Wert ist der Mann“ und „Das Geschlecht des Kapitalismus“ ausformuliert ist, wie sie aber auch aus vielen anderen Vorträgen bekannt sind. Gegen Ende stellt sie einige Überlegungen zur Verwilderung des Patriarchats und der Herausbildung zwangs-flexibilisierter Identitäten im Neoliberalismus an. Im Zusammenhang mit Scholz‘ Vortrag sei auf die jüngeren Ausgaben der Exit! verwiesen, in denen das Geschlechterverhältnis auf verschiebenen Ebenen erneut diskutiert wurde. Ebenfalls sei auf die Rezension von Justin Monday anlässlich der Neuauflage von „Das Geschlecht des Kapitalismus“ im letzten Jahr verwiesen.

Seit geraumer Zeit lässt sich eine Marx-Renaissance beobachten. Nach dem „cultural turn“ der letzten Jahrzehnte treten nun wieder „materielle“ Aspekte in den Vordergrund. Und so fordert Nancy Fraser auch im feministischen Kontext „Frauen, denkt ökonomisch“. Ansonsten sind jedoch marxo-feministische Konzepte rar, die jenseits traditioneller Marxismen nach dem Zusammenbruch des Ostblocksozialismus und den neuerlichen Krisenentwicklungen im Kapitalismus Neuland betreten. Im Vortrag wird thesenhaft die Wert-Abspaltungstheorie als „Big Theory“ vorgestellt, die einer neuen Qualität des warenproduzierenden Patriarchats Rechnung tragen und dabei gleichzeitig auch die kulturell-symbolische Ebene berücksichtigen will.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 46,2 MB; 50:25 min) | Diskussion (mp3; 48,2 MB; 52:37 min)

2. Hanna Meißner: Kritik der politischen Ökonomie queer/feministisch gelesen

Hanna Meißner (u.a. „Jenseits des autonomen Subjekts“) will in ihrem Vortrag die Grenzen der Marx’schen Analysen aufzeigen und wie an dieser Grenze poststrukturalistische bzw. queer-theoretische Analysen anknüpfen können. Dabei referiert sie einige Merkmale der Subjektivität des Warenbesitzers und weist darauf hin, dass dieser konstitutiv von Voraussetzungen abhängig ist, die nicht in seinem Wirkungsbereich liegen und die er selbst nicht einholen kann. Der Marx’schen Analyse müsse mit einer gewissen Notwendigkeit entgehen, wie genau an dieser Stelle das Geschlechterverhältnis wirkmächtig wird. Meißner verweist daher auf Subjektivitäts-Analysen von Butler, Foucault und Spivak.

Die Frage, was die Marx’’sche Kritik der politischen Ökonomie zur Analyse der Geschlechterverhältnisse beitragen kann wurde in Teilen der feministischen Debatten lange intensiv und kontrovers diskutiert. Sie ist allerdings in der jüngeren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten und schien durch einen poststrukturalistisch informierten Blick auf die wirklichkeitskonstituierenden Effekte der diskursiven Ordnung überlagert. Statt allerdings von einer Unvereinbarkeit von queer/feministischen Theorien und der Marx’’schen Kapitalismusanalyse auszugehen, lohnt sich eine erneute Re-Lektüre der Marx’’schen Texte. Marx bietet für (queer/feministische) Gesellschaftskritik ein wichtiges Instrumentarium, da er mit der kapitalistischen Produktionsweise einen historischen Strukturzusammenhang erkennbar macht, der unserem In-der-Welt-Sein (auch in seiner vergeschlechtlichten Dimension) bestimmte Formen und Dynamiken vorgibt und spezifische Hierarchisierungen sowie versachlichte Herrschaftsverhältnisse hervorbringt.

Interessant ist dabei nicht so sehr das, was Marx selber zum Verhältnis von Männern und Frauen und zur geschlechtlichen Arbeitsteilung geschrieben hat. In einer Lektüre von Marx nach Judith Butler (und Michel Foucault) lässt sich argumentieren, dass auf der analytischen Abstraktionsebene, auf der Marx die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise rekonstruiert, gar keine Aussagen über Geschlechterverhältnisse oder Heteronormativität möglich sind. Wird dies als (notwendige) Grenze der Marx’’schen Analyse gelesen, dann lassen sich Anschlüsse zu einer queer/feministischen Perspektive eröffnen.

    Download: via AArchiv (mp3; 42,3 MB; 46:14 min)

3. Andrea Truman: Bürgerschreck: der schwule Mann

Andrea Trumann (u.a. „Feministische Theorie“, „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ und Mitarbeit an der „Scherbentheorie“) hat in ihrem Vortrag zunächst an zwei Beispielen (eine Dokumentation über Homophobie im Fußball und eine Studie von Frank Lammerding) und dann mit Bezug auf Foucault und Freud einige Thesen zu den gesellschaftlichen Ursachen von Homophobie vorgestellt. Zentral ist dabei das Begriffspaar Aktivität/Passivität, wobei Aktivität männlich kodiert und mit Leistungsfähigkeit verbunden ist, während Passivität für Weiblichkeit bzw. Verweiblichung und Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung steht.

Homosexualität scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber unter dieser oberflächlichen Anerkennung, schwelt immer noch der Hass auf Schwule. In Kreuzberg werden Schwule nach Partys abgefangen und zusammengeschlagen; „schwul“ ist in Schulen neben „Jude“ eins der beliebtesten Schimpfwörter. Und auch die Toleranz im bürgerlichen Milieu endet in der Regel, wenn es um die eigene Kinder geht. Aber woher kommt dieser Hass auf Schwule, der sich unter der Oberfläche bürgerlicher Toleranz Bahn bricht? Dieser Hass ist nicht das Andere zur bürgerlichen Gesellschaft, sondern konstitutiv für diese. Gehasst wird an den Schwulen nicht, dass sie mit jemandem gleichgeschlechtlichen schlafen, sondern dass im schwulen Sex mindestens einer in die Rolle der Frau schlüpfen und sich „ficken“ lassen muss.

Die Angst vor dem Schwulsein ist gleichzeitig eine Angst vor der Verweiblichung. Eine Angst, die auch bei einem Großteil der schwulen Szene selbst nicht Halt macht, in der ein Männlichkeitskult gepflegt wird, der Tunten oftmals ausschließt. Der Hass auf die Schwulen wird geschürt durch die Angst vor der Passivität und dem Kontrollverlust, hinter der sich der Wunsch eben danach verbirgt. Denn dem Schwulen (gleichsam wie der Frau) wird die Macht zugesprochen, die Bürger von ihrem rechten Weg (vom Arbeitszwang und der Kleinfamilie) abzubringen, und dieser Wunsch nach Ruhe und Kontrollverlust muss bei Strafe des drohenden Untergangs, die innerhalb kapitalistischer Vergesellschaft der Preis wäre für das Auslebens dieses Bedürfnis abgewehrt werden und die vermeintlichen Verführer gehasst und im schlimmsten Fall ausgelöscht werden.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 52,7 MB; 57:35 min) | Diskussion (mp3; 34,4 MB; 37:31 min)

4. Lars Quadfasel: The Great Gender‘n'Trouble Swindle. Judith Butlers un_kritische Theorie

Lars Quadfasel rekonstruiert in seinem Vortrag kurz die feministischen Debatten und Widersprüche, aus denen heraus Judith Butlers Projekt entstand, will zeigen, dass Butler nicht so radikal ist, wie es von ihren Anhängern suggeriert wird und kritisiert einzelne Theoreme Butlers. Größeren Raum nimmt dabei das Verhältnis von Geist/Mensch/Kultur auf der einen und Körper/Natur auf der anderen Seite ein. Gegen Ende kritisiert er einige Aspekte von Butlers Moralphilosophie und zeigt auf, warum der Antizionismus mit einer gewissen Notwendigkeit aus deren Prämissen folgt. Die Diskussion, in der es u.a. um Butlers Begriff der Verletzbarkeit und noch einmal um das Verhältnis von erster und zweiter Natur geht, ist dann nochmal relativ interessant. Vgl. auch „Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012“.

Quadfasel will zeigen, dass Butlers Ansatz im Grunde eine Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus ist und entsprechend der kapitalistischen Logik nicht die Emanzipation von den geschlechtlichen Zwangscharakteren, sondern lediglich deren Flexibilisierung betreibt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 51,9 MB; 56:39 min) | Diskussion (mp3; 37,4 MB; 40:49)

5. Korinna Linkerhand: Leben wir (noch) im Patriarchat? Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus

Korinna Linkerhand (Meine Frauengruppe, u.a. Autorin in „Outside the Box“, z.B. „Der postmoderne Körper“: Vortrag, Text) nimmt in ihrem Vortrag eine grundlegende Bestimmung des Patriarchat-Begriffs vor und bestimmt Sexismus als ideologischen Niederschlag des Patriarchats. Einigen Raum nimmt in ihrem Vortrag die Bestimmung des Verhältnisses von Patriarchat und Kapitalismus ein, wobei sie den Kapitalismus in Bezug auf Roswitha Scholz als warenproduzierendes Patriarchat begreift, für das eine Abspaltung des Weiblichen konstitutiv ist. In diesem Zusammenhang entgegnet sie auch der Auffassung, im Kapitalismus seien patriarchale Verhältnisse bereits tendenziell überwunden. Zuletzt übt sie eine Kritik am „Postfeminismus“, dem sie einen materialistischen und universellen Feminismus entgegenstellt, der Gesellschaftskritik als Kritik eines historischen Vermittlungsverhältnisses von Mensch und Natur formuliert, anstatt Natur in Diskurse auflösen zu wollen.

Dass die Rede vom Patriarchat gegenstandslos geworden sei, ist eine gängige Diagnose von gesellschaftskritischer und auch genderbewegter Seite, die angesichts der mittlerweile umfassenden Gleichstellung der Frau in der westlichen Hemisphõre auf der Hand zu liegen scheint: Frauen seien berufstätig, selbstbestimmt und obendrein Kanzlerin, eine Vielfalt von Lebensentwürfen stünden ihnen zur Verfügung und vorm Kapital seien sowieso alle gleich. Doch nach wie vor ist Geschlecht ein nicht wegzudenkendes Strukturprinzip der Gesellschaft: Menschen werden wie eh und je in Männer und Frauen unterteilt und zu solchen sozialisiert. Das Patriarchat als Analysekategorie vor allem der Zweiten Frauenbewegung bezeichnet die Herrschaft von Männern bzw. – unter den Vorzeichen einer abstrakten Vergesellschaftung – eines männlichen Prinzips, wie sie innerster Bestandteil nicht nur der abendländischen Kultur ist. Sollte das Geschlechterverhõltnis nun plötzlich nicht mehr herrschaftlich verfasst sein? Fördert die Leugnung eines patriarchalen Gefälles in der Gesellschaft nicht letztlich das ungebrochene Fortwirken der sexistischen Ideologie – wirft es nicht vor allem Frauen mit ihrer Vielzahl an geschlechterspezifischen Problemen, die sie ihrer Sozialisation verdanken, in die Vereinzelung zurück, wenn wir aufhören, die Besonderheiten weiblicher Subjektbildung zu analysieren und zu kritisieren?

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 47,5 MB; 51:52 min) | Diskussion (mp3; 33 MB; 36:01 min)

6. Katharina Lux: Marx und der blinde Fleck des Feminismus

In ihrem Vortrag weist Katharina Lux auf einen grundlegenden Mangel in den gängigen feministischen Theoriemodellen hin — ihnen fehle ein Begriff gesellschaftlicher Totalität sowie grundlegende Bestimmungen des gesellschaftlichen Seins. So gibt sie eine allgemeine Skizze des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Arbeit und Vergegenständlichung, sowie – für eine feministische Gesellschaftskritik entscheidend – der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Hauptbezugspunkte für ihre Thesen sind dabei die Philosophisch-ökonomischen Manuskripte von Marx und „Die deutsche Ideologie“ von Marx und Engels sowie „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ des späten Georg Lukács. Insgesamt ist der Vortrag ein nützlicher Crashkurs durch den historischen Materialismus, der als Anregung für eine feministische Kritik verstanden werden will. In ihrem kürzlich in der vierten Ausgabe der Zeitschrift „Outside the Box“ erschienen Text mit dem Titel „Über die Repräsentation der Differenz und die Kritik Marx’scher Begriffe“ verfolgt sie eine ähnliche Stoßrichtung.

Was Georg Lukács schon in den 60er Jahren für die kommunistische Theoriebildung allgemein feststellte, gilt heute immer noch und ebenfalls für das Bewusstsein der feministischen Linken: Der Mangel der theoretischen Entwicklung grundlegender Kategorien des gesellschaftlichen Seins. Heute drückt sich dieser Mangel sowohl darin aus, dass keine Reflektion der implizit in den vertretenen feminstischen Theorien enthaltenen Vorstellungen von Natur, Gesellschaft und Menschsein geleistet wird, oder aber – wie zur Zeit überall in Mode – die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins als angeblich nicht notwendige oder sogar dogmatische zum Schein verworfen werden. Das Resultat ist – so ist zu befürchten – die Wiederholung der beklagten Fehler der zweiten Frauenbewegung. Die zweite Frauenbewegung war spätestens seit den 80er Jahren größtenteils rekuperiert, ihre Forderungen beschränkten sich auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Interessen der Frauen und ihre Teilhabe in der bestehenden Gesellschaft. Plötzlich passte sie hervorragend zu den neuen Anforderungen an die Subjekte in der kapitalistischen Gesellschaft. Nach dieser historischen Erfahrung stellt sich heute für die theoretische Arbeit des Feminismus die Aufgabe, das Verhältnis des Feminismus zur Totalität der Gesellschaft zu bestimmen, will er der Partikularisierung und Einhegung seines Begehrens auf ein für die kapitalistische Gesellschaft verträgliches Maß entgehen. Andernfalls wird der Feminismus zum zufälligen Produkt der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die er selbst nicht versteht oder verstehen will und der er so ausgeliefert bleibt.

Ein erster Schritt diesem selbstverschuldeten „Schicksal“ zu entgehen, wäre die Sichtung der grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie Menschsein, Natur, Arbeit und Gesellschaft, die im Werk von Karl Marx und Friedrich Engels vorliegen, das von FeministInnen oft verworfen wurde. Was die Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses angeht – so eine gängige Meinung bis heute – sei dieses Werk von „blinden Flecken“ durchzogen und ökonomistisch, weshalb dort nicht viel zu holen sei. Das ist ein unverzeihlicher Irrtum. Denn im Denken von Marx und Engels liegt der methodische Schlüssel, mit dem das Geschlechterverhältnis als gesellschaftlicher Komplex in seiner Eigendynamik und zugleich seiner Determiniertheit durch die kapitalistische Gesellschaft begriffen werden kann. Ebenso finden sich in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, der Deutschen Ideologie bis hin zur Kritik der Politischen Ökonomie die Grundlagen einer Subjekttheorie, die eine umfassende, nicht-partikulare Befreiung des Individuums von Herrschaft zu ihrem Ziel hat. Will die feministische Linke ihren „blinden Fleck“ überwinden, so muss sie sich dem Fundament, den grundlegenden Kategorien einer Subjekttheorie wie sie im historischen Materialismus entwickelt sind, zuwenden. Genau dieser Aufgabe ist der Vortrag gewidmet, in dem versucht werden soll, die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie sie von Marx, Engels und Lukács entwickelt wurden, darzulegen.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 45,1 MB; 49:13 min) | Diskussion (mp3; 25,8 MB; 28:12 min)
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Über Jenny Marx October 14, 2013 | 07:39 pm

Jenny Marx führte das typische Leben einer bürgerlichen Frau des 19. Jahrhunderts. Jedes noch so beknackte Urteil ihres wankelmütigen Ehemannes teilend, machte sie das Beste aus widrigsten Verhältnissen – nicht für sich, sondern für ihn und die Familie. Dass sie ihr Glück darin sah, andere glücklich zu machen, wie Friedrich Engels es ihr in seiner Grabesrede hoch anrechnete, mag sein. Dass sie es gefunden hat, kann mitnichten angenommen werden. Unter dem Titel Mama Marx: Jenny — Karls Frau und Sekretärin erinnert Anja Koemstedt in der Reihe Bayern 2 radioZeitreise an die wenig beachtete Frau und Mitarbeiterin eines der bis heute einflussreichsten Denker überhaupt.

Selten wurde weiblicher Aufopferung für die hehren Ziele des Gatten so kärgliche Anerkennung zuteil wie in diesem Fall. Hören Sie die Geschichte einer großen Liebe, hoher Ideale und enttäuschter Hoffnungen. Sendung vom 04.08.2013

    Download: via br.de (0:24 h, 22 MB)

Eine wesentlich kürzere Sendung der Reihe Kalenderblatt erinnert ebenfalls an Jenny Marx.

Der Journalist Karl Marx war alles andere als der Traumschwiegersohn von Herrn von Westphalen, aber Tochter Jenny war schrecklich verliebt. Kurz nach der Hochzeit, am 18. März 1843, schrieb sie ihrem „Mohr“ einen Brief, der schon einige Ahnungen für die langjährige Ehe vorwegnahm. Autorin: Carola Zinner

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Sie nennen es Liebe – Wir nennen es unbezahlte Arbeit October 8, 2013 | 11:45 am

Care-Arbeit im Kapitalismus

Eine gute Sendung zur Notwendigkeit feministischer Gesellschafts- und Ökonomiekritik haben Julia Fritzsche und Sebastian Dörfler für die Reihe Zündfunk Generator (BR 2) gestaltet.

Frankfurt im Mai 2013. Bei den Blockupy-Protesten der Kapitalismuskritiker fliegen plötzlich nicht nur Farbbeutel, sondern auch Windeln. Daneben kippen Aktivistinnen Töpfe, Bügelbretter und Wäscheständer auf die Straße, bis sich dort ein kleiner Berg aus Haushaltsmüll türmt. Dazwischen Pappschilder mit Botschaften wie: „Jetzt kurz shoppen, noch schnell das Kind abholen und morgen gleich wieder früh raus… Who Cares?“

Während die Politik fehlende Kitaplätze und ein marodes Pflegesystem diskutiert, fragen Kongresse und Zeitschriften unter dem Motto „Take Care“ nach geschlechtergerechten Wirtschaften. Bücher fordern den „Aufstand aus der Küche“.

In der Krise reden alle von Finanzmärkten und Rettungspaketen, die Vertreter der Care-Revolution aber wollen wissen: Wer kümmert sich eigentlich um die Daseinsvorsorge der Menschen? Die Antwort: Nach wie vor Frauen. Sie kochen, putzen, ziehen die Kinder groß, pflegen die Alten und Schwachen.

Um diese „Reproduktionsarbeit“ sichtbar zu machen, forderten italienische Feministinnen in den 70ern deshalb „Lohn für Hausarbeit“. Doch statt Hausarbeit sichtbar zu machen, tummeln sich die Frauen heute auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden schlechter bezahlt, arbeiten häufiger in Niedriglohnjobs und müssen sich daneben noch um Haushalt, Kinder und Pflegebedürftige kümmern.

Der Zündfunk-Generator spricht mit Gabriele Winker von der Technischen Universität Hamburg-Harburg sowie mit der Blockupy-Aktivistin Anja, liest sich durch Texte der heute wieder durch die Welt tourenden Feministin Silvia Federici und fragt: Wer macht hier eigentlich die ganze Arbeit? Und was haben Kochlöffel und Klobürste mit dem Kapitalismus zu tun?

Hören auf br.de.

Download: MQ via br.de (0:46 h, 44 MB) | HQ via br.de| HQ via RS.com (77 MB)

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Kinder, Küche, Kantine? June 10, 2013 | 09:31 pm

Arbeiterinnen in der Industrialisierung

Radio Z machte kürzlich ein Hörbuch des Nürnberger Forums Frauengeschichte verfügbar, in dem recht anschaulich die geschlechtliche Dimension der Industrialisierung und Proletarisierung dargestellt wird. Unterbrochen von etwa je zweiminütigen Musikschnipseln, schildert das Hörbuch teilweise historisch-allgemein, teilweise erzählend und ZeitzeugInnenberichte wiedergebend, die ungleiche Behandlung, die Arbeiterinnen durch Mehrfachbelastung, Fabrikgesetzgebung und selbst seitens der Genossen von der organisierten Arbeiterbewegung widerfuhr. Wenig theoretisch, aber sehr informativ.

Download: via Radio Z, via AArchiv, via RS.com (0:55 h, 50 MB)

Inhalt:

  1. Kein Drang nach rastlosem Schaffen: Die erste Generation der Fabrikarbeiterinnen
  2. Dreifachbelastung: Lohnarbeit, Hausarbeit, Mutterschaft
  3. „Stillprämien“: Säuglingssterblichkeit und Gegenmaßnahmen
  4. Rationalisierung und (mangelnde) Qualifikation
  5. „Das Evangelium der Arbeiterbewegung“: Sozialistische Frauenagitation und Streiks

Beschreibung:

Die erste Generation der Fabrikarbeiterinnen war noch keineswegs an feste Arbeitszeiten und strenge Fabrikdisziplin gewöhnt. Doch durch Fabriksirenen und -uhren, sowie Überwachungsmaßnahmen männlicher Aufseher wurde den Proletarierinnen der monotone Arbeitsrhythmus eingetrichtert. Viele dieser Frauen litten unter der Dreifachbelastung durch Lohnarbeit, Hausarbeit und Mutterschaft, wovon die Männer ihrer Klasse verschont blieben. Mit den Rationalisierungsmaßnahmen der 20er Jahre wurden Frauen zwar an Arbeitsplätzen eingesetzt, die bislang nur Männern vorbehalten waren, doch die monotone Arbeit erforderte auch keine berufliche Qualifikation mehr: Frauen blieben die am schlechtesten bezahlte Lohngruppe. Weil die Kollegen, die die Frauen tagsüber als „Schmutzkonkurrentinnen“ diffamierten, oft dieselben waren, die abends bei den Gewerkschaftsversammlungen die politische Organisation der Arbeiterschaft forderten, war die gewerkschaftliche Organisierung der Proletarierinnen eine schwierige Aufgabe. In Nürnberg stellte sich dieser Herausforderung erfolgreich die erste Arbeitersekretärin Helene Grünberg. Schon der Streik der Bürsten- und PinselmacherInnen 1913 hatte bewiesen, wie stark sich Frauen an den Protestaktionen beteiligten. Dabei machen die Interviewausschnitte mit der politisch engagierten Zeitzeugin Berta Backof, Jahrgang 1911, deutlich, welchen Gefahren sich eine aussetzte, wenn sie sich politisch für ihre Rechte einsetzte.

Text: Nadja Bennewitz

SprecherInnen: Michaela Baetz, Chris Bellaj, Nadja Bennewitz, Bernd Distler, Matthias Egersdörfer, Syl Glawion, Heike Herzog, Michael Liebler, Bernd Moser, Steffi Weigel

Musik: a.s.h.r

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»Stell dich nicht so an!« May 13, 2013 | 11:08 pm

Indizien für eine Rape Culture

Zündfunk Generator-Sendung von Laura Freisberg und Julia Fritzsche über die Allgegenwart sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungsmythen und Schuldumkehr.

Triggerwarnung: Sowohl im Einführungstext, als auch im Feature wird sexuelle Gewalt plastisch beschrieben.

Im Sommer 2012 haben zwei Fotoball-Stars eine bewusstlose 16-Jährige wie eine lebendige Puppe von Party zu Party geschleppt und sie mehrfach vergewaltigt. Die Stationen dieser Nacht sind festgehalten auf Fotos, Twitter-Meldungen und SMS. Etliche Zeugen unternahmen nichts. Der Football-Tainer deckte die beiden jugendlichen Täter im Nachhinein. Und die Medien beklagten das zerstörte Leben der beiden Footballstars.
„Rape Culture“ nennen das Beobachter – und meinen damit eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt duldet, verharmlost oder befördert und die Verantwortung auf die Opfer verschiebt. In Deutschland taucht der Begriff „Rape Culture“ in den letzten Jahren zunehmend in feministischen Blogs auf. Massive Kritik an der „Rape Culture“ übt seit 2011 die weltweite Slut-Walk-Bewegung, die gegen falsche Vorstellungen von sexueller Gewalt auf die Straße geht. Denn spätestens seit der deutschen Sexismusdebatte zu Beginn des Jahres 2013 wurde wieder klar: Schuldzuweisungen wie „Hättest Du doch die Bluse zugemacht!“ sind noch immer salonfähig.
Leben auch wir in einer „Rape Culture“? Was hat es mit dem Begriff auf sich? Ist es nur ein feministischer Kampfbegriff für den Wahnsinn, den Frauen täglich erleben? Oder ist es die treffende Bezeichnung für unsere Gesellschaft?
Der Zündfunk Generator spricht darüber mit Anne Wizorek und Julia Brilling, die im Netz anonym sexuelle Übergriffe sammeln, Birte Rohles von Terre des Femmes und Lorena Palasi vom Slut Walk München sowie der Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn und dem Historiker Hiram Kümper, der Vergewaltigungskulturen in der alteuropäischen Kulturgeschichte untersucht hat.

Download: via BR2 | via RS.com (1 h, 55 MB)

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Die Transformation des Privaten im Zeitalter von Harz IV und Elterngeld April 7, 2013 | 03:52 pm

Am 04.02.2013 hat Andrea Trumann einen sehr informativen Vortrag im Laidak gehalten. Sie gibt darin einen kurzen historischen Überblick darüber, welcher Platz in Privatleben und Lohnarbeit Frauen gesellschaftlich zugewiesen wurde und wie sich dies gegenwärtig darstellt. Ausführlich geht sie dabei auf rechtliche Bestimmungen ein, die Nachwuchs und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren sollen und was dies jeweils für Frauen und Männer bedeutet. Trotz der Förderung der Berufstätigkeit von Frauen, so die Feststellung Trumanns, sind die meisten Frauen prekär oder in Teilzeitjobs beschäftigt – die Abhängigkeit von Männern und vom Staat hat sich lediglich transformiert.

Die Kleinfamilie galt für die bürgerliche Gesellschaft jahrhundertelang als schützenswertes Gut. Hier im Privaten sollte der Mann sich von der Arbeit, die der öffentlichen Sphäre zugerechnet wurde, erholen und die Kinder im harmonischen Familienverband aufwachsen. Zuständig für diese Aufgaben war die Frau, die, wenn es dem Ideal entsprach, von der Berufsarbeit befreit und vom Mann abhängig war. Dieses Ideal, nie vollkommen durchgesetzt, mag immer noch präsent sein, hat aber in den letzten Jahrzehnten einigen Wandel erfahren. Aktuell scheint das Modell der Ehe, durch den Gesetzgeber vollkommen ausgehöhlt zu werden. Scheidungsgesetze, die den Unterhalt der Frau auf ein Minimum reduzieren, setzen eine staatliche Zwangsemanzipation der Frau in Gang, von der die Frauenbewegung kaum zu träumen wagte. Dies jedoch – zumal in Zeiten latenter oder manifester Wirtschaftskrisen – auf dem Rücken der Frauen, die dabei ihre Probleme oftmals, wie ehedem, nicht als politische, sondern als private erfahren.

Die Veranstaltung will darlegen, wie es sich mit dem Verhältnis von Privat und Öffentlich in der bürgerlichen Gesellschaft verhält und das sich hierdurch und nicht durch Biologie das Verhältnis der Geschlechter ausdrückt. An aktuellen Beispielen wie dem Scheidungsrecht, Hartz IV und dem Elterngeld soll dargestellt werden, wie sich dieses Verhältnis verändert hat und was dies für Auswirkungen auf Frauen und Männer hat. Diskutiert werden soll auch, ob es sich bei den genannten Maßnahmen um eine präventive Krisenlösungsstrategie handelte, die geholfen hat, Deutschland in der gegenwärtigen Weltrezession als Gewinner erscheinen zu lassen. [via]

Download: via AArchiv
Hören per Vimeo (inkl. Zitaten): magazinredaktion.tk

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Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III) November 25, 2012 | 06:18 pm

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt (EXIT!) hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Download (mp3): via AArchiv | via RS (0:45 h, 21 MB)

Download (mp3 oder ogg) via Archive.org.

Download (stereo-mp3) via MF (42 MB).

Hören:

    Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig: So steht sie in der Kritik, deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

    In dem Vortrag „Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischer Grundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann.

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Kritische Theorie zu Subjektkonstitution und Geschlecht November 9, 2012 | 01:31 pm

Die der­zeit äußerst umtrie­bige ASSOCIAZIONE DELLE TALPE aus Bre­men (in Bälde wer­den wir wei­tere Ver­an­stal­tun­gen der Maul­würfs­or­ga­ni­sa­tion doku­men­tie­ren kön­nen) bot Bar­bara Umrath die Mög­lich­keit über eine nur frag­men­ta­risch vor­lie­gende Kri­ti­sche Theo­rie des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses zu spre­chen. Aller­dings bedeu­tet die Tat­sa­che – dass das Geschlecht für die frühe kri­ti­sche Theo­rie keine zen­trale Ana­ly­se­ka­te­go­rie gewe­sen ist – nicht, dass es keine Hin­weise in den Wer­ken gibt. Umrath geht die­sen nach und inter­pre­tiert sie aus einer femi­nis­ti­schen Per­spek­tive.

Wenn man von der Kri­ti­schen Theo­rie spricht, kom­men auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter, Dia­lek­tik der Auf­klä­rung und Kul­tur­in­dus­trie in den Sinn. Dass die Gesell­schafts­kri­tik der frü­hen Kri­ti­schen Theo­rie sich auch auf das Geschlech­ter­ver­hält­nis erstreckt, wurde dabei bis­her meist über­se­hen. Zuge­ge­ben: „Geschlecht“ war für Adorno, Hork­hei­mer und Co. keine zen­trale Ana­ly­se­ka­te­go­rie, son­dern fin­det eher bei­läu­fig und an ver­schie­de­nen Stel­len immer wie­der Erwäh­nung. Eine Kri­ti­sche Theo­rie des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses liegt daher allen­falls in Frag­men­ten vor.
Im Vor­trag sol­len einige die­ser Frag­mente vor­ge­stellt und ihr Zusam­men­hang rekon­stru­iert wer­den. Der Schwer­punkt wird dabei auf den Über­le­gun­gen der Kri­ti­schen Theo­rie zum bür­ger­li­chen Sub­jekt lie­gen. Es wird gezeigt, dass die Kri­ti­sche Theo­rie das Sub­jekt nicht als tran­szen­den­ta­les – und damit als ‚geschlecht­li­ches Neu­trum’ – ver­steht, son­dern Unter­schiede in der Kon­sti­tu­tion ‚männ­li­cher’ und ‚weib­li­cher’ Sub­jekte reflek­tiert. Gleich­zei­tig, so die These, beob­ach­tet die Kri­ti­sche Theo­rie Ver­än­de­run­gen der Sub­jekt­kon­sti­tu­tion im Zuge des ‚Spät­ka­pi­ta­lis­mus’, die für eine kri­ti­sche Ein­schät­zung gegen­wär­ti­ger Ent­wick­lun­gen im Geschlech­ter­ver­hält­nis frucht­bar gemacht wer­den kön­nen.
Bar­bara Umrath hat Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten, Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Augs­burg und der New School for Social Rese­arch, New York stu­diert. Sie war lange Jahre in femi­nis­ti­schen Pro­jek­ten in Deutsch­land und Mexiko aktiv. Aktu­ell lebt sie in Köln und arbei­tet an einer Pro­mo­tion zu Kri­ti­scher Theo­rie und Geschlecht.

    Down­load: via AAr­chiv (mp3; 51:34 min; 59 MB)

Zu femi­nis­ti­schen Bezug­nah­men auf die Kri­ti­sche Theo­rie siehe auch die Vor­träge von Regina Becker-Schmidt, Cor­ne­lia Klin­ger und Ros­wi­tha Scholz.

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Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus August 18, 2012 | 02:42 pm

1. Judith Butler und die uneigentliche Erfahrung. Zur Kritik des Poststrukturalismus — Im Rahmen der Tübinger Reihe »Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus« hat Korina Korecky einen hörenswerten Vortrag über Judith Butler gehalten. Sie skizziert dabei zunächst die Geschichte des bürgerlichen Subjekts und seines Verhältnisses zur Frau; insbesondere wie es seine Handlungsfähigkeit verliert, was schließlich Voraussetzung für die poststrukturalistische Theoriebildung ist. Im zweiten Teil gibt sie einen Überblick über die Probleme, die Butlers Texte aufwerfen.

Dass die Poststrukturalisten voraussetzen, was sie kritisieren oder verwerfen, nämlich Tradition, Identität, Geschichte, Sinn und Handlungsziele, haben schon so viele Schlaumeier geschrieben, dass es kaum der Wiederholung wert ist. Das poststrukturalistische Denkgebäude fällt trotz dieses grundlegenden – und zutreffenden – Einwands nicht in sich zusammen, was vermuten lässt, dass es (wie jede andere Theorie auch) seine Evidenz nicht aus sich heraus bezieht. Dem poststrukturalistischen Denkgebäude insofern Irrtümer und logische Fehlschlüsse, gar Nicht-Übereinstimmung mit dieser oder jener und der eigenenTheorie, nachzuweisen, ist eine einigermaßen sinnlose Übung. Zu fragen wäre vielmehr nach dem „Erfahrungsgehalt dieses Denkens“ (Peter Bürger), oder anders: danach, welchem gesellschaftlichen Bedürfnis es entspricht. Für den Feminismus besteht die Attraktivität des poststrukturalistischen Denkens genau in dessen Infragestellung von Wahrheit, Subjekt und Einheit. Die patriarchale Souveränität des strahlenden Subjekts als voraussetzungsreich auf Kosten der Frauen konstituiert anzugreifen, ist ein zentrales Moment feministischer Gesellschaftskritik und darin trifft sie sich, bei allen Differenzen, mit einem den Poststrukturalismus motivierenden Impuls. Dieses Zusammentreffen wahrzunehmen, verbietet eine Form der Kritik am poststrukturalistischen Denken, die in Reaktion darauf ihrerseits bloß auf Wahrheit, Subjekt und Einheit pocht. Aus feministischer Perspektive sollte deshalb dem Poststrukturalismus nicht sein Verzicht auf die Konstatierung von Wahrheit, sondern von gesellschaftlicher Unwahrheit vorgeworfen werden. Versucht wird das im Vortrag an Judith Butlers „Doing Gender“. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 53:04 min; 18,2 MB)

2. Subversion, wo steckst du? Eine Spurensuche an den Universitäten — Einen etwas anderen Blickwinkel wirft Tove Soiland auf poststrukturalistische Theoriebildung in einem Vortrag, den sie auf Einladung des Promotionskollegs »Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisation und Demokratie« in Marburg gehalten hat: Sie formuliert eine Kritik an den cultural studies und führt aus, warum der Fokus auf Identität reale gesellschaftliche Probleme des Geschlechterverhältnisses verdeckt. Sie plädiert dagegen dafür, gesellschaftliche Arbeitsteilung in den Fokus feministischer Kritik zu rücken und bezieht sich dabei auf Slavoj Žižek und die Ljubljana school of psychoanalysis, die vor allem Theoreme von Lacan weiterentwickelt.

    Download: via AArchiv (mp3; 52:59 min; 30,3 MB)

Weitere spannende Vorträge aus der Reihe des Marburger Gender-Kollegs gibt es hier: Bitlove.de.

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Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik August 6, 2012 | 01:04 pm

Auf Einladung interessierter Studierender der TU Darmstadt versuchte sich Daniel Späth (Redaktion »EXIT!«) an einer Einführung in die Wert- bzw. Wert-Abspaltungs-Kritik. Beginnend mit einer an Kant ansetzenden Kritik der Aufklärung, setzt er sich mit dem bürgerlichen und dem kritischen Marx sowie der Arbeiterbewegung auseinander, nimmt Bezug auf Foucaults Ordnung der Dinge und formuliert eine Kritik der Spaltung der deutschen Linken in »Antiimps« und »Antideutsche«. Abschließend geht er auf das geschlechtliche Abspaltungsverhältniss ein.

Download via AArchv: Vortrag (21 MB), Diskussion (unvollständig, 11 MB)

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Zur Ak­tua­li­tät Ador­nos für die fe­mi­nis­ti­sche Theo­rie March 8, 2012 | 06:56 pm

Kritische Theorie, Geschlechterverhältnis und Aufklärungskritik

Adornos Gesellschaftskritik ist im Zuge einer allgemeinen Marxrenaissance wieder in aller Munde. Kritische Theorie war allerdings vor dem „cultural turn“ schon einmal zentraler Ausgangspunkt feministischen Denkens. Vernachlässigt wurde dabei jedoch die Kritik der gesellschaftlichen Formbestimmung; den Bezug bildete vor allem die soziologisch-analytische Dimension. Demgegenüber gilt es heute, die grundlegende Kritik der Wert-Abspaltung, also des Zusammenhangs von allgemeiner Form und Geschlechterverhältnis, im Hinblick auf die Theorie Adornos zu thematisieren. Dabei werden auch Aspekte einer Aufklärungskritik berücksichtigt, die übrigens in der Vor-Gender-Phase des Feminismus ansatzweise bereits vorhanden war, im veränderten Kontext allerdings neu zu formulieren ist.

Zunächst zeichnet Roswitha Scholz (Exit!) in diesem im August 2011 aufgezeichneten Referat einige Ansätze feministischer Adorno/Horkheimer-Rezeption und -Kritik im deutschsprachigen Raum nach, um zu zeigen, dass in diesen sowohl die Aufklärungskritik als auch die Ebene der basalen gesellschaftlichen Formbestimmung zu kurz gekommen oder falsch gefasst worden ist. Im zweiten Teil knüpft sie an einschlägige Passagen aus der Dialektik der Aufklärung an; im dritten akzentuiert sie die Bedeutung einer Kritik der Aufklärung im Kontext der Wert-Abspaltungs-Kritik. Die Diskussion kreist um das Verhältnis und den jeweiligen Status von (aufklärerischer) Erkenntnistheorie, »Relationalität« und Dialektik. Die Diskussionsbeiträge stammen u.A. von JustIn Monday, Georg Gangl und Daniel Späth.

Die Aufnahmequalität ist leider nicht optimal, da es einige kurze Unterbrechungen durch Störgeräusche gibt. Als Ergänzung und zum Nachvollzug einiger zentraler Referenzen kann der online verfügbare Text »Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos « zu Rate gezogen werden.

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Lost Tapes #4 und #5 February 2, 2012 | 01:35 pm

Nachdem der Rausch des Weihnachtsfestes mich auf erholsame Weise vorerst funktions-untüchtig gemacht hat und ich daher auch im Januar kaum dazu kam, an das Audioarchiv zu denken, folgt nun ein zweiteiliger Beitrag zur Reihe »Lost Tapes«:

Seite A: Auf der ersten Seite hört ihr ein Radio-Essay von Hans-Jürgen Schulz über Erich Fromm, aus der Reihe »Portraits deutsch-jüdischer Geistesgeschichte«. Es enthält zahlreiche Informationen aus der Biographie Fromms, rekonstruiert seine spezifische Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse in einer durch die jüdische Tradition geprägten Lesart; man erfährt aber auch einiges über Fromms Verirrungen, etwa seine Zuwendung zum Buddhismus. Weitere Stationen sind Fromms Beziehung zu Marcuse und dem Institut für Sozialforschung, die Debatten und Konflikte, die er mit MarxistInnen, TheologInnen und PsychoanalytikerInnen geführt hat und seine Rezeption in der ’68er-Bewegung und in der Neuen Linken. Man erfährt Wissenswertes über das Menschenbild Fromms, bzw. seinen Begriff von Menschheit im Verhältnis von Herrschaft und Utopie.Zuletzt gibt es einen ausführlichen Exkurs über Fromms Verhältnis zu Albert Schweizer, Albert Einstein und Bertrund Russell und die Auseinandersetzung dieser Intellektuellen mit der atomaren Aufrüstung. Das Essay ist dahingehend interessant, da der Autor Erich Fromm und einige seiner Zeitgenossen selbst gekannt hat und über persönliche Gespräche berichten kann. Am Anfang sind leider einige empfänger-bedingte Sendestörungen enthalten.

    Download: via Mediafire (mp3; 33,6 MB; 58:46 min)

Seite B / 1: Zu hören sind Marginalien von Werner Ross über das Verhältnis von heiligem Geist und schnödem Mammon. Dieses Verhältnis stellt Ross als einen Zweikampf zwischen Religion und Finanz dar, in dem die Religion oftmals unterliege. Die Predigt ist dahingehend aktuell, als dass sie von einer moralisch-religiösen Empörung über die Habgier der Finanziers und Geldverleiher gezeichnet ist und dabei auf altbekannte zinskritische Ressentiments zurückgreift. Nichtsdestotrotz erfährt man einige wissenswerte historische Zusammenhänge, für deren Rekonstruktion der Autor die Bibel und andere religiöse Dokumente nach einer darin enthaltenen Thematisierung des Geldes absucht. Die HörerInnen des Audioarchivs werden diesen Beitrag mit einem amüsierten Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen.

    Download: via Mediafire (mp3; 10,4 MB; 18:13 min)

Seite B / 2: Ein sehr hörenswerter Essay aus dem Nachlass von Roman Karst (dem polnischen Herausgeber der Kafka-Werke) über das Verhältnis von Erotik und Tod im Werk Kafkas. Er interpretiert sehr ausführlich Passagen aus ›Das Schloss‹, ›Der Prozess‹, ›Die Strafkolonie‹, ›Die Verwandlung‹, u.a., untersucht diese auf die Darstellung von Weiblichkeit und nimmt dabei Bezug auf Foucault, Walter Benjamin, George Bataille, Kirkegaard, Sigmund Freud und Schopenhauer. Er rekonstruiert dabei, wie Kafka eine mystisch-mythische Gestalt der Frauen zeichnet, die bei ihm als begehrte aber nicht geliebte, erotische aber nicht schöne und in ihrem Wesen geheimnisvolle Figuren erscheinen. Auch wenn dabei einige Charakteristika des Geschlechterverhältnisses in der Darstellung Kafkas herausgearbeitet werden, geschieht dies nicht explizit aus einer Perspektive der Kritik von Geschlechterverhältnissen oder gar aus einer feministischen Perspektive heraus.

    Download: via Mediafire (mp3; 20,7 MB; 36:08 min)

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Seite A: Der Vortrag »Sinnlichkeit, Sprache, Unbewusstes – Die Hörwelt der Psychoanalyse« von Joachim Küchenhoff untersucht verschiedene Dimensionen, in denen das Hören eine zentrale Rolle in der psychoanalytischen Praxis spielt. Dabei geht es um Sprachlichkeit und Versprachlichung, Musikalität und Bildlichkeit, Signifikanz und Synthese, nachträgliche Verstehens- und Rekonstruktionsprozesse. Neben Freud nimmt Küchenhoff unter anderem Bezug auf Jaque Lacan, aber auch auf Beispiele aus Literatur und Neuer Musik. Der Beitrag erfordert (ebenso wie auf Seite B) etwas die Geduld der radiophilen HörerInnen, da die ersten Minuten aufgrund einer Beschädigung der Kasette leicht verzerrt sind – der Rest des Beitrags ist allerdings gut hörbar.

    Download: via Mediafire (mp3; 16,2 MB; 28:22)

Seite B: »Im Spiel versinken bis zum Rausch – Annäherungen an den Homo Ludens« – Das ziemlich spielerische Feature, das trotz seiner etwas naiven Herangehensweise auch Walter Benjamin zitiert, beschäftigt sich mit Idee und Kultur des Spiels. Es geht um den nutzlosen Charakter des Spiels, die Konstruktion regelgeleiteter Spielabläufe, Phantasie und Erfindung, sowie um Spaß und Glück. Zudem geht es um eine Untersuchung psychologischer Abläufe im Spiel und das Verhältnis des Spiels zu Kunst, Literatur, Arbeit, Religion, Kult/Kultur, Philosophie, Mythos, Rätsel, Spielsucht und Flow etc. …

    Download: via Mediafire (mp3; 11,9 MB; 20:45)

Wir sind im Übrigen sehr dankbar, wenn jemand Hinweise auf besser hörbare Versionen der in der Reihe Lost Tapes dokumentierten Beiträge hat oder diese zur Verfügung stellen kann.

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Schönheit ist die Wahrheit selbst December 6, 2011 | 12:25 pm

Geschlecherbilder in der Kunst des Nationalsozialismus

Müsli-Mann hat uns schon vor längerer Zeit darauf hingewiesen, dass der Asta der Uni Trier zahlreiche Audio-Vorträge zur Verfügung stellt. Passend zum Beitrag über die nationalsozialistische Kunstpolitik und zum letzten Posting, findet sich dort ein Vortrag von Elke Frietsch über Geschlechterbilder in der Kunst des Nationalsozialismus, den sie am 10.02.2010 in Trier im Rahmen einer Reihe über Kunst und Faschismus (Programm) gehalten hat. Sie diskutiert hier zwei Thesen: zum einen, dass die Kunst im Zentrum nationalsozialistischer Propaganda stand, zum anderen, dass Geschlechterbilder im NS sowohl im Alltag, als auch in der Propaganda und in der Kunst einen großen Stellenwert hatten. Sie stellt dann sehr ausführlich dar, welche Funktion die Kunst im NS hatte und wie sie in Verbindung mit Geschlechterbildern stand – hier ist für Frietsch vor allem der Vergleich von männlichen und weiblichen Körperdarstellungen zentral, die sie auch mit Körperdarstellungen in der sowietischen Kunst vergleicht. Zur Erklärung nationalsozialistischer Körperverhältnisse bezieht sie sich auf Michel Foucaults Thesen zu Körpertechniken und Biomacht. Als Beispiel wird u.a. der nationalsozialistische Skulptur-Künstler Arno Breker herangezogen. Bemerkenswert scheinen mir im Vortrag vor allem drei Aspekte zu sein, die nur scheinbar widersprüchlich sind und in der NS-Ideologie zusammen gehen: ein antifeministischer Kampf gegen »Frauenemanzipation«, die Funktion der Frau als reine Repräsentation und Reproduktion der Rasse und das Postulat der Gleichberechtigung der Frau am Arbeitsplatz und an der Front.
Zur besseren Hörbarkeit habe ich in der nachbearbeiteten Version die längere Einleitung, in der es vor allem um den Anlass und die Vorstellung der Reihe geht, herausgeschnitten. Wer daran interessiert ist (es geht u.a. über die Diskussion um Johannes Scherl), sollte auf die Version der Uni Trier zurückgreifen:

    Download: via Uni Trier (mp3; 58,6 MB; 1 h 3:57 min) oder kürzer via AArchiv (mp3; 26 MB; 45:28 min)

Zum Ankündigungstext der Reihe:

Kunst war unter nationalsozialistischer Herrschaft nicht mehr autonom, sondern wurde ausschließlich in den Dienst des Regimes und dessen Rassenideologie gestellt. Avantgardistische künstlerische Positionen wurden als „entartet“ diffarmiert. Diese Künstlerinnen und Künstler wurden verfolgt, mit einem Berufsverbot belegt oder mussten emigrieren. Als ästhetischer Maßstab wurde stattdessen in der Kunst der „nordische Mensch“ beschworen, der in der Propaganda der NS-Zeit die Schönheit, Reinheit und Anmut symbolisieren sollte. Dieses heroisierende Pathos wurde vor allem in der Monumentalplastik deutlich. Die Veranstaltungsreihe geht der Frage nach, welchen Einfluss diese Ästhetik auf die Normierung von Körperbildern hatte und inwiefern diese nach 1945 fortgeführt wurde. Auch in Trier lassen sich dafür Beispiele finden, wie etwa die Plastiken des Künstlers Johannes Scherl („Der Glückstreiber“ (Schweinehirt) und „Familie“). [via]

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Wo die Liebe zu den Ge­set­zen im Staa­te ruht December 5, 2011 | 02:00 pm

Über den Zu­sam­men­hang von Weib­lich­keit und Na­ti­on

Im Rückgang an die Anfänge der bürgerlichen Gesellschaft untersucht Karina Korecky in diesem Vortrag Wesen und Entstehung des Geschlechterverhältnisses und der Geschlechtscharaktere. Diese erweisen sich dabei als irrationale Zuschreibungen, die anders als andere Vorstellungen des Aufklärungsdenken – z. B. die Notwendigkeit des Staates – nicht einmal versuchsweise logisch begründet oder rational bestimmt worden sind. Weiblichkeit bzw. die Unterordnung und Unmündigkeit von Frauen bleiben im Medium der Philosophie ebenso unbegründet wie unbegründbar und können daher als »gefühlte Gewissheit« nur Thema von Kunst oder Poesie, nicht aber eines analytischen Denkens sein. Darin ist Weiblichkeit der ebenfalls nur mythisch »bestimmbaren« Nation ähnlich. Wie beide auch innerlich zusammenhängen, zeigt der Vortrag.

Das Referat wurde auf dem wertabspalungskritischen Sommerworkshop (EXIT!) am 23.08.2011 aufgezeichnet.

Ankündigungstext:

Die linke Kri­tik an Staat und Na­ti­on glaubt üb­li­cher­wei­se ohne jene des Ge­schlechts aus­zu­kom­men. Das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis spielt keine Rolle für die Kri­tik am Na­tio­nal­staat selbst, son­dern bleibt der Ab­satz »zum Thema Frau­en«, der in Flug­blät­tern auch noch ge­schrie­ben wer­den muss. Auf der Seite der fe­mi­nis­ti­schen Theo­rie ver­hält es sich nicht viel an­ders: wo der Staat über­haupt zum Thema wird, sind Weib­lich­keit und Na­ti­on so etwas wie »Struk­tur­ka­te­go­ri­en« oder auch »Dis­kur­se«, die qua ana­ly­ti­scher Tren­nung nur noch äu­ßer­lich auf­ein­an­der be­zo­gen wer­den kön­nen.

Statt­des­sen müss­te aber die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft als Ganze be­trach­tet wer­den. Die Ent­ste­hung der Ge­schlechts­cha­rak­te­re und jene der Na­ti­on gin­gen Hand in Hand, so viel ist of­fen­sicht­lich. Bei Rous­seau et al sind es die Frau­en, in deren Hän­den »die Liebe zu den Ge­set­zen im Staa­te« ruht. Die Ge­sell­schaft der Frei­en und Glei­chen brach­te und bringt in ihrem Wer­de­gang ihr Wi­der­spre­chen­des her­vor: die Frau­en als Dif­fe­ren­te, die Na­tio­nen als be­stimm­te. Sie sind nicht ein­mal in die Welt ge­kom­men und gut war, son­dern müs­sen sich per­ma­nent neu re­pro­du­zie­ren. Darin setzt sich ihre Ent­ste­hung in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung fort – Grund genug, den Blick auf die An­fän­ge bür­ger­li­cher Ge­sell­schaft zu rich­ten. Daran wird sich zei­gen, dass die Kri­tik der Na­ti­on fe­mi­nis­tisch sein soll­te und um­ge­kehrt jene von Ge­schlecht und Liebe nicht ohne Be­zug­nah­me auf den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hang, der sie her­vor­bringt, aus­kommt.

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