tag ‘Geschlechterverhältnisse’
Kein Kavaliersdelikt January 17, 2014 | 12:22 pm

Die Ex-Magazin-Redaktion dokumentiert einen Vortrag der Gruppe Les Madeleines zur Kritik der Definitionsmacht, über die in Berlin wieder mal diskutiert wird – wahlweise herunterzuladen via Hightail oder via AArchiv. Material zur Kritik des Konzepts findet sich hier, Texte zur Begründung und Verteidigung der Definitionsmacht hier, hier und hier.

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Hysterie November 20, 2013 | 09:27 pm

Der Wahnsinn des Weibes – oder: Sternstunden patriarchaler Wissenschaft

Das Krankheitsbild der Hysterie und seine Geschichte geben ein eindrückliches Beispiel von den sexistischen Gehalten männlich dominierter Wissenschaft, wurde der Hysterie und somit der Gebärmutter doch alles zugeschlagen, was am »Weib« vermeintlich unerklärlich und/oder krankhaft war. Die folgenden Beiträge aus dem Öffentlich-Rechtlichen zeichnen die Geschichte der Hysterie mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach.

1. Die wandernde Gebärmutter – Eine Kulturgeschichte der Hysterie (2012)

Diesmal führt die Reise von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, immer auf den Spuren eines medizinischen Irrglaubens – in die Welt gesetzt von Männern, zu Lasten der Frauen.

Download: via br.de (0:24 h, 21 MB)

2. Hysterie – Die Geschichte eines Krankheitsbildes (2012)

„Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt es lange Zeit unfruchtbar, so erzürnt es sich und erzeugt allerlei Krankheiten!“ So heißt es bei Platon. Vom griechischen Wort für Gebärmutter ist die Bezeichnung Hysterie abgeleitet. Die Hysterieforschung brachte Freuds Psychoanalyse hervor. Autorin: Ulrike Rückert

Download: br.de (0:11 h, 9 MB)

3. Theatrum Hystericum. Der Siegeszug/kurze Glanz eines Nervenleidens (2013) Hörenswert

Das SWR2-Feature von Christine Wunnicke legt den Schwerpunkt auf das fin de siècle, eine Zeit, in der die Hysterie eine Art kulturellen Hype erlebte und regelrecht zur Kunstform avancierte. Sehr schön gestaltet und hörenswert!

In den 1880er-Jahren öffnete die neurologische Abteilung des Hôpital de la Salpêtrière in Paris ihre Pforten für die Öffentlichkeit: Jeden Dienstag führten die hauseigenen Hysterikerinnen vor Publikum ihr ansehnliches Leiden vor. Professor Charcot erklärte; Dr. Tourette assistierte; Dr. Duchenne elektrisierte und nahm Lichtbilder auf. In hypnotischen Tableaus inszenierte man die Krankheit der Epoche. Sie konnte jeden ereilen; neuerdings auch Männer. Die Hysterie, eben noch mit rustikalen Theorien über wandernde Gebärmütter assoziiert, wurde plötzlich zur Befindlichkeit à la mode, zur Muse der Künste, zum Schatten der Belle Époque.

Download: via swr.de (0:54 h, 75 MB)

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Feministische Theorie im Frühling October 15, 2013 | 05:46 pm

Im Frühling dieses Jahres fand in Jena eine interessante Veranstaltungsreihe statt, die vom StuRa und dem Gleichstellungsreferat der Uni Jena (beide Gremien sind inzwischen neu besetzt) organisiert wurde. Es wurden in dieser Reihe verschiedene Ansätze feministischer Gesellschaftskritik vorgestellt, die derzeit in der radikalen Linken diskutiert werden.

Es geht um Materialismus, queer theory und Feminismus. Queer Theory ermöglicht es, Heteronormativität und gesellschaftliche Normierungsprozesse zu benennen und zu kritisieren. Aber die Produktionsverhältnisse und materiellen Lebensbedingungen lassen sich nicht dekonstruieren. Wie kann der Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus aussehen – und was ist untragbar für eine emanzipatorische Gesellschaftskritik?

1. Roswitha Scholz: Die Wert-Abspaltungskritik – ein neuer Versuch marxo-feministischer Theoriebildung

Roswitha Scholz hat in ihrem Vortrag einführend einige Grundgedanken der Wert-Abspaltungskritik vorgestellt, wie sie vor allem in „Der Wert ist der Mann“ und „Das Geschlecht des Kapitalismus“ ausformuliert ist, wie sie aber auch aus vielen anderen Vorträgen bekannt sind. Gegen Ende stellt sie einige Überlegungen zur Verwilderung des Patriarchats und der Herausbildung zwangs-flexibilisierter Identitäten im Neoliberalismus an. Im Zusammenhang mit Scholz‘ Vortrag sei auf die jüngeren Ausgaben der Exit! verwiesen, in denen das Geschlechterverhältnis auf verschiebenen Ebenen erneut diskutiert wurde. Ebenfalls sei auf die Rezension von Justin Monday anlässlich der Neuauflage von „Das Geschlecht des Kapitalismus“ im letzten Jahr verwiesen.

Seit geraumer Zeit lässt sich eine Marx-Renaissance beobachten. Nach dem „cultural turn“ der letzten Jahrzehnte treten nun wieder „materielle“ Aspekte in den Vordergrund. Und so fordert Nancy Fraser auch im feministischen Kontext „Frauen, denkt ökonomisch“. Ansonsten sind jedoch marxo-feministische Konzepte rar, die jenseits traditioneller Marxismen nach dem Zusammenbruch des Ostblocksozialismus und den neuerlichen Krisenentwicklungen im Kapitalismus Neuland betreten. Im Vortrag wird thesenhaft die Wert-Abspaltungstheorie als „Big Theory“ vorgestellt, die einer neuen Qualität des warenproduzierenden Patriarchats Rechnung tragen und dabei gleichzeitig auch die kulturell-symbolische Ebene berücksichtigen will.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 46,2 MB; 50:25 min) | Diskussion (mp3; 48,2 MB; 52:37 min)

2. Hanna Meißner: Kritik der politischen Ökonomie queer/feministisch gelesen

Hanna Meißner (u.a. „Jenseits des autonomen Subjekts“) will in ihrem Vortrag die Grenzen der Marx’schen Analysen aufzeigen und wie an dieser Grenze poststrukturalistische bzw. queer-theoretische Analysen anknüpfen können. Dabei referiert sie einige Merkmale der Subjektivität des Warenbesitzers und weist darauf hin, dass dieser konstitutiv von Voraussetzungen abhängig ist, die nicht in seinem Wirkungsbereich liegen und die er selbst nicht einholen kann. Der Marx’schen Analyse müsse mit einer gewissen Notwendigkeit entgehen, wie genau an dieser Stelle das Geschlechterverhältnis wirkmächtig wird. Meißner verweist daher auf Subjektivitäts-Analysen von Butler, Foucault und Spivak.

Die Frage, was die Marx’’sche Kritik der politischen Ökonomie zur Analyse der Geschlechterverhältnisse beitragen kann wurde in Teilen der feministischen Debatten lange intensiv und kontrovers diskutiert. Sie ist allerdings in der jüngeren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten und schien durch einen poststrukturalistisch informierten Blick auf die wirklichkeitskonstituierenden Effekte der diskursiven Ordnung überlagert. Statt allerdings von einer Unvereinbarkeit von queer/feministischen Theorien und der Marx’’schen Kapitalismusanalyse auszugehen, lohnt sich eine erneute Re-Lektüre der Marx’’schen Texte. Marx bietet für (queer/feministische) Gesellschaftskritik ein wichtiges Instrumentarium, da er mit der kapitalistischen Produktionsweise einen historischen Strukturzusammenhang erkennbar macht, der unserem In-der-Welt-Sein (auch in seiner vergeschlechtlichten Dimension) bestimmte Formen und Dynamiken vorgibt und spezifische Hierarchisierungen sowie versachlichte Herrschaftsverhältnisse hervorbringt.

Interessant ist dabei nicht so sehr das, was Marx selber zum Verhältnis von Männern und Frauen und zur geschlechtlichen Arbeitsteilung geschrieben hat. In einer Lektüre von Marx nach Judith Butler (und Michel Foucault) lässt sich argumentieren, dass auf der analytischen Abstraktionsebene, auf der Marx die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise rekonstruiert, gar keine Aussagen über Geschlechterverhältnisse oder Heteronormativität möglich sind. Wird dies als (notwendige) Grenze der Marx’’schen Analyse gelesen, dann lassen sich Anschlüsse zu einer queer/feministischen Perspektive eröffnen.

    Download: via AArchiv (mp3; 42,3 MB; 46:14 min)

3. Andrea Truman: Bürgerschreck: der schwule Mann

Andrea Trumann (u.a. „Feministische Theorie“, „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ und Mitarbeit an der „Scherbentheorie“) hat in ihrem Vortrag zunächst an zwei Beispielen (eine Dokumentation über Homophobie im Fußball und eine Studie von Frank Lammerding) und dann mit Bezug auf Foucault und Freud einige Thesen zu den gesellschaftlichen Ursachen von Homophobie vorgestellt. Zentral ist dabei das Begriffspaar Aktivität/Passivität, wobei Aktivität männlich kodiert und mit Leistungsfähigkeit verbunden ist, während Passivität für Weiblichkeit bzw. Verweiblichung und Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung steht.

Homosexualität scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber unter dieser oberflächlichen Anerkennung, schwelt immer noch der Hass auf Schwule. In Kreuzberg werden Schwule nach Partys abgefangen und zusammengeschlagen; „schwul“ ist in Schulen neben „Jude“ eins der beliebtesten Schimpfwörter. Und auch die Toleranz im bürgerlichen Milieu endet in der Regel, wenn es um die eigene Kinder geht. Aber woher kommt dieser Hass auf Schwule, der sich unter der Oberfläche bürgerlicher Toleranz Bahn bricht? Dieser Hass ist nicht das Andere zur bürgerlichen Gesellschaft, sondern konstitutiv für diese. Gehasst wird an den Schwulen nicht, dass sie mit jemandem gleichgeschlechtlichen schlafen, sondern dass im schwulen Sex mindestens einer in die Rolle der Frau schlüpfen und sich „ficken“ lassen muss.

Die Angst vor dem Schwulsein ist gleichzeitig eine Angst vor der Verweiblichung. Eine Angst, die auch bei einem Großteil der schwulen Szene selbst nicht Halt macht, in der ein Männlichkeitskult gepflegt wird, der Tunten oftmals ausschließt. Der Hass auf die Schwulen wird geschürt durch die Angst vor der Passivität und dem Kontrollverlust, hinter der sich der Wunsch eben danach verbirgt. Denn dem Schwulen (gleichsam wie der Frau) wird die Macht zugesprochen, die Bürger von ihrem rechten Weg (vom Arbeitszwang und der Kleinfamilie) abzubringen, und dieser Wunsch nach Ruhe und Kontrollverlust muss bei Strafe des drohenden Untergangs, die innerhalb kapitalistischer Vergesellschaft der Preis wäre für das Auslebens dieses Bedürfnis abgewehrt werden und die vermeintlichen Verführer gehasst und im schlimmsten Fall ausgelöscht werden.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 52,7 MB; 57:35 min) | Diskussion (mp3; 34,4 MB; 37:31 min)

4. Lars Quadfasel: The Great Gender‘n'Trouble Swindle. Judith Butlers un_kritische Theorie

Lars Quadfasel rekonstruiert in seinem Vortrag kurz die feministischen Debatten und Widersprüche, aus denen heraus Judith Butlers Projekt entstand, will zeigen, dass Butler nicht so radikal ist, wie es von ihren Anhängern suggeriert wird und kritisiert einzelne Theoreme Butlers. Größeren Raum nimmt dabei das Verhältnis von Geist/Mensch/Kultur auf der einen und Körper/Natur auf der anderen Seite ein. Gegen Ende kritisiert er einige Aspekte von Butlers Moralphilosophie und zeigt auf, warum der Antizionismus mit einer gewissen Notwendigkeit aus deren Prämissen folgt. Die Diskussion, in der es u.a. um Butlers Begriff der Verletzbarkeit und noch einmal um das Verhältnis von erster und zweiter Natur geht, ist dann nochmal relativ interessant. Vgl. auch „Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012“.

Quadfasel will zeigen, dass Butlers Ansatz im Grunde eine Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus ist und entsprechend der kapitalistischen Logik nicht die Emanzipation von den geschlechtlichen Zwangscharakteren, sondern lediglich deren Flexibilisierung betreibt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 51,9 MB; 56:39 min) | Diskussion (mp3; 37,4 MB; 40:49)

5. Korinna Linkerhand: Leben wir (noch) im Patriarchat? Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus

Korinna Linkerhand (Meine Frauengruppe, u.a. Autorin in „Outside the Box“, z.B. „Der postmoderne Körper“: Vortrag, Text) nimmt in ihrem Vortrag eine grundlegende Bestimmung des Patriarchat-Begriffs vor und bestimmt Sexismus als ideologischen Niederschlag des Patriarchats. Einigen Raum nimmt in ihrem Vortrag die Bestimmung des Verhältnisses von Patriarchat und Kapitalismus ein, wobei sie den Kapitalismus in Bezug auf Roswitha Scholz als warenproduzierendes Patriarchat begreift, für das eine Abspaltung des Weiblichen konstitutiv ist. In diesem Zusammenhang entgegnet sie auch der Auffassung, im Kapitalismus seien patriarchale Verhältnisse bereits tendenziell überwunden. Zuletzt übt sie eine Kritik am „Postfeminismus“, dem sie einen materialistischen und universellen Feminismus entgegenstellt, der Gesellschaftskritik als Kritik eines historischen Vermittlungsverhältnisses von Mensch und Natur formuliert, anstatt Natur in Diskurse auflösen zu wollen.

Dass die Rede vom Patriarchat gegenstandslos geworden sei, ist eine gängige Diagnose von gesellschaftskritischer und auch genderbewegter Seite, die angesichts der mittlerweile umfassenden Gleichstellung der Frau in der westlichen Hemisphõre auf der Hand zu liegen scheint: Frauen seien berufstätig, selbstbestimmt und obendrein Kanzlerin, eine Vielfalt von Lebensentwürfen stünden ihnen zur Verfügung und vorm Kapital seien sowieso alle gleich. Doch nach wie vor ist Geschlecht ein nicht wegzudenkendes Strukturprinzip der Gesellschaft: Menschen werden wie eh und je in Männer und Frauen unterteilt und zu solchen sozialisiert. Das Patriarchat als Analysekategorie vor allem der Zweiten Frauenbewegung bezeichnet die Herrschaft von Männern bzw. – unter den Vorzeichen einer abstrakten Vergesellschaftung – eines männlichen Prinzips, wie sie innerster Bestandteil nicht nur der abendländischen Kultur ist. Sollte das Geschlechterverhõltnis nun plötzlich nicht mehr herrschaftlich verfasst sein? Fördert die Leugnung eines patriarchalen Gefälles in der Gesellschaft nicht letztlich das ungebrochene Fortwirken der sexistischen Ideologie – wirft es nicht vor allem Frauen mit ihrer Vielzahl an geschlechterspezifischen Problemen, die sie ihrer Sozialisation verdanken, in die Vereinzelung zurück, wenn wir aufhören, die Besonderheiten weiblicher Subjektbildung zu analysieren und zu kritisieren?

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 47,5 MB; 51:52 min) | Diskussion (mp3; 33 MB; 36:01 min)

6. Katharina Lux: Marx und der blinde Fleck des Feminismus

In ihrem Vortrag weist Katharina Lux auf einen grundlegenden Mangel in den gängigen feministischen Theoriemodellen hin — ihnen fehle ein Begriff gesellschaftlicher Totalität sowie grundlegende Bestimmungen des gesellschaftlichen Seins. So gibt sie eine allgemeine Skizze des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Arbeit und Vergegenständlichung, sowie – für eine feministische Gesellschaftskritik entscheidend – der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Hauptbezugspunkte für ihre Thesen sind dabei die Philosophisch-ökonomischen Manuskripte von Marx und „Die deutsche Ideologie“ von Marx und Engels sowie „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ des späten Georg Lukács. Insgesamt ist der Vortrag ein nützlicher Crashkurs durch den historischen Materialismus, der als Anregung für eine feministische Kritik verstanden werden will. In ihrem kürzlich in der vierten Ausgabe der Zeitschrift „Outside the Box“ erschienen Text mit dem Titel „Über die Repräsentation der Differenz und die Kritik Marx’scher Begriffe“ verfolgt sie eine ähnliche Stoßrichtung.

Was Georg Lukács schon in den 60er Jahren für die kommunistische Theoriebildung allgemein feststellte, gilt heute immer noch und ebenfalls für das Bewusstsein der feministischen Linken: Der Mangel der theoretischen Entwicklung grundlegender Kategorien des gesellschaftlichen Seins. Heute drückt sich dieser Mangel sowohl darin aus, dass keine Reflektion der implizit in den vertretenen feminstischen Theorien enthaltenen Vorstellungen von Natur, Gesellschaft und Menschsein geleistet wird, oder aber – wie zur Zeit überall in Mode – die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins als angeblich nicht notwendige oder sogar dogmatische zum Schein verworfen werden. Das Resultat ist – so ist zu befürchten – die Wiederholung der beklagten Fehler der zweiten Frauenbewegung. Die zweite Frauenbewegung war spätestens seit den 80er Jahren größtenteils rekuperiert, ihre Forderungen beschränkten sich auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Interessen der Frauen und ihre Teilhabe in der bestehenden Gesellschaft. Plötzlich passte sie hervorragend zu den neuen Anforderungen an die Subjekte in der kapitalistischen Gesellschaft. Nach dieser historischen Erfahrung stellt sich heute für die theoretische Arbeit des Feminismus die Aufgabe, das Verhältnis des Feminismus zur Totalität der Gesellschaft zu bestimmen, will er der Partikularisierung und Einhegung seines Begehrens auf ein für die kapitalistische Gesellschaft verträgliches Maß entgehen. Andernfalls wird der Feminismus zum zufälligen Produkt der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die er selbst nicht versteht oder verstehen will und der er so ausgeliefert bleibt.

Ein erster Schritt diesem selbstverschuldeten „Schicksal“ zu entgehen, wäre die Sichtung der grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie Menschsein, Natur, Arbeit und Gesellschaft, die im Werk von Karl Marx und Friedrich Engels vorliegen, das von FeministInnen oft verworfen wurde. Was die Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses angeht – so eine gängige Meinung bis heute – sei dieses Werk von „blinden Flecken“ durchzogen und ökonomistisch, weshalb dort nicht viel zu holen sei. Das ist ein unverzeihlicher Irrtum. Denn im Denken von Marx und Engels liegt der methodische Schlüssel, mit dem das Geschlechterverhältnis als gesellschaftlicher Komplex in seiner Eigendynamik und zugleich seiner Determiniertheit durch die kapitalistische Gesellschaft begriffen werden kann. Ebenso finden sich in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, der Deutschen Ideologie bis hin zur Kritik der Politischen Ökonomie die Grundlagen einer Subjekttheorie, die eine umfassende, nicht-partikulare Befreiung des Individuums von Herrschaft zu ihrem Ziel hat. Will die feministische Linke ihren „blinden Fleck“ überwinden, so muss sie sich dem Fundament, den grundlegenden Kategorien einer Subjekttheorie wie sie im historischen Materialismus entwickelt sind, zuwenden. Genau dieser Aufgabe ist der Vortrag gewidmet, in dem versucht werden soll, die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie sie von Marx, Engels und Lukács entwickelt wurden, darzulegen.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 45,1 MB; 49:13 min) | Diskussion (mp3; 25,8 MB; 28:12 min)
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Über Jenny Marx October 14, 2013 | 07:39 pm

Jenny Marx führte das typische Leben einer bürgerlichen Frau des 19. Jahrhunderts. Jedes noch so beknackte Urteil ihres wankelmütigen Ehemannes teilend, machte sie das Beste aus widrigsten Verhältnissen – nicht für sich, sondern für ihn und die Familie. Dass sie ihr Glück darin sah, andere glücklich zu machen, wie Friedrich Engels es ihr in seiner Grabesrede hoch anrechnete, mag sein. Dass sie es gefunden hat, kann mitnichten angenommen werden. Unter dem Titel Mama Marx: Jenny — Karls Frau und Sekretärin erinnert Anja Koemstedt in der Reihe Bayern 2 radioZeitreise an die wenig beachtete Frau und Mitarbeiterin eines der bis heute einflussreichsten Denker überhaupt.

Selten wurde weiblicher Aufopferung für die hehren Ziele des Gatten so kärgliche Anerkennung zuteil wie in diesem Fall. Hören Sie die Geschichte einer großen Liebe, hoher Ideale und enttäuschter Hoffnungen. Sendung vom 04.08.2013

    Download: via br.de (0:24 h, 22 MB)

Eine wesentlich kürzere Sendung der Reihe Kalenderblatt erinnert ebenfalls an Jenny Marx.

Der Journalist Karl Marx war alles andere als der Traumschwiegersohn von Herrn von Westphalen, aber Tochter Jenny war schrecklich verliebt. Kurz nach der Hochzeit, am 18. März 1843, schrieb sie ihrem „Mohr“ einen Brief, der schon einige Ahnungen für die langjährige Ehe vorwegnahm. Autorin: Carola Zinner

    Download: via br.de (0:05 h)

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Sie nennen es Liebe – Wir nennen es unbezahlte Arbeit October 8, 2013 | 11:45 am

Care-Arbeit im Kapitalismus

Eine gute Sendung zur Notwendigkeit feministischer Gesellschafts- und Ökonomiekritik haben Julia Fritzsche und Sebastian Dörfler für die Reihe Zündfunk Generator (BR 2) gestaltet.

Frankfurt im Mai 2013. Bei den Blockupy-Protesten der Kapitalismuskritiker fliegen plötzlich nicht nur Farbbeutel, sondern auch Windeln. Daneben kippen Aktivistinnen Töpfe, Bügelbretter und Wäscheständer auf die Straße, bis sich dort ein kleiner Berg aus Haushaltsmüll türmt. Dazwischen Pappschilder mit Botschaften wie: „Jetzt kurz shoppen, noch schnell das Kind abholen und morgen gleich wieder früh raus… Who Cares?“

Während die Politik fehlende Kitaplätze und ein marodes Pflegesystem diskutiert, fragen Kongresse und Zeitschriften unter dem Motto „Take Care“ nach geschlechtergerechten Wirtschaften. Bücher fordern den „Aufstand aus der Küche“.

In der Krise reden alle von Finanzmärkten und Rettungspaketen, die Vertreter der Care-Revolution aber wollen wissen: Wer kümmert sich eigentlich um die Daseinsvorsorge der Menschen? Die Antwort: Nach wie vor Frauen. Sie kochen, putzen, ziehen die Kinder groß, pflegen die Alten und Schwachen.

Um diese „Reproduktionsarbeit“ sichtbar zu machen, forderten italienische Feministinnen in den 70ern deshalb „Lohn für Hausarbeit“. Doch statt Hausarbeit sichtbar zu machen, tummeln sich die Frauen heute auf dem Arbeitsmarkt. Sie werden schlechter bezahlt, arbeiten häufiger in Niedriglohnjobs und müssen sich daneben noch um Haushalt, Kinder und Pflegebedürftige kümmern.

Der Zündfunk-Generator spricht mit Gabriele Winker von der Technischen Universität Hamburg-Harburg sowie mit der Blockupy-Aktivistin Anja, liest sich durch Texte der heute wieder durch die Welt tourenden Feministin Silvia Federici und fragt: Wer macht hier eigentlich die ganze Arbeit? Und was haben Kochlöffel und Klobürste mit dem Kapitalismus zu tun?

Hören auf br.de.

Download: MQ via br.de (0:46 h, 44 MB) | HQ via br.de| HQ via RS.com (77 MB)

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Kinder, Küche, Kantine? June 10, 2013 | 09:31 pm

Arbeiterinnen in der Industrialisierung

Radio Z machte kürzlich ein Hörbuch des Nürnberger Forums Frauengeschichte verfügbar, in dem recht anschaulich die geschlechtliche Dimension der Industrialisierung und Proletarisierung dargestellt wird. Unterbrochen von etwa je zweiminütigen Musikschnipseln, schildert das Hörbuch teilweise historisch-allgemein, teilweise erzählend und ZeitzeugInnenberichte wiedergebend, die ungleiche Behandlung, die Arbeiterinnen durch Mehrfachbelastung, Fabrikgesetzgebung und selbst seitens der Genossen von der organisierten Arbeiterbewegung widerfuhr. Wenig theoretisch, aber sehr informativ.

Download: via Radio Z, via AArchiv, via RS.com (0:55 h, 50 MB)

Inhalt:

  1. Kein Drang nach rastlosem Schaffen: Die erste Generation der Fabrikarbeiterinnen
  2. Dreifachbelastung: Lohnarbeit, Hausarbeit, Mutterschaft
  3. „Stillprämien“: Säuglingssterblichkeit und Gegenmaßnahmen
  4. Rationalisierung und (mangelnde) Qualifikation
  5. „Das Evangelium der Arbeiterbewegung“: Sozialistische Frauenagitation und Streiks

Beschreibung:

Die erste Generation der Fabrikarbeiterinnen war noch keineswegs an feste Arbeitszeiten und strenge Fabrikdisziplin gewöhnt. Doch durch Fabriksirenen und -uhren, sowie Überwachungsmaßnahmen männlicher Aufseher wurde den Proletarierinnen der monotone Arbeitsrhythmus eingetrichtert. Viele dieser Frauen litten unter der Dreifachbelastung durch Lohnarbeit, Hausarbeit und Mutterschaft, wovon die Männer ihrer Klasse verschont blieben. Mit den Rationalisierungsmaßnahmen der 20er Jahre wurden Frauen zwar an Arbeitsplätzen eingesetzt, die bislang nur Männern vorbehalten waren, doch die monotone Arbeit erforderte auch keine berufliche Qualifikation mehr: Frauen blieben die am schlechtesten bezahlte Lohngruppe. Weil die Kollegen, die die Frauen tagsüber als „Schmutzkonkurrentinnen“ diffamierten, oft dieselben waren, die abends bei den Gewerkschaftsversammlungen die politische Organisation der Arbeiterschaft forderten, war die gewerkschaftliche Organisierung der Proletarierinnen eine schwierige Aufgabe. In Nürnberg stellte sich dieser Herausforderung erfolgreich die erste Arbeitersekretärin Helene Grünberg. Schon der Streik der Bürsten- und PinselmacherInnen 1913 hatte bewiesen, wie stark sich Frauen an den Protestaktionen beteiligten. Dabei machen die Interviewausschnitte mit der politisch engagierten Zeitzeugin Berta Backof, Jahrgang 1911, deutlich, welchen Gefahren sich eine aussetzte, wenn sie sich politisch für ihre Rechte einsetzte.

Text: Nadja Bennewitz

SprecherInnen: Michaela Baetz, Chris Bellaj, Nadja Bennewitz, Bernd Distler, Matthias Egersdörfer, Syl Glawion, Heike Herzog, Michael Liebler, Bernd Moser, Steffi Weigel

Musik: a.s.h.r

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»Stell dich nicht so an!« May 13, 2013 | 11:08 pm

Indizien für eine Rape Culture

Zündfunk Generator-Sendung von Laura Freisberg und Julia Fritzsche über die Allgegenwart sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungsmythen und Schuldumkehr.

Triggerwarnung: Sowohl im Einführungstext, als auch im Feature wird sexuelle Gewalt plastisch beschrieben.

Im Sommer 2012 haben zwei Fotoball-Stars eine bewusstlose 16-Jährige wie eine lebendige Puppe von Party zu Party geschleppt und sie mehrfach vergewaltigt. Die Stationen dieser Nacht sind festgehalten auf Fotos, Twitter-Meldungen und SMS. Etliche Zeugen unternahmen nichts. Der Football-Tainer deckte die beiden jugendlichen Täter im Nachhinein. Und die Medien beklagten das zerstörte Leben der beiden Footballstars.
„Rape Culture“ nennen das Beobachter – und meinen damit eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt duldet, verharmlost oder befördert und die Verantwortung auf die Opfer verschiebt. In Deutschland taucht der Begriff „Rape Culture“ in den letzten Jahren zunehmend in feministischen Blogs auf. Massive Kritik an der „Rape Culture“ übt seit 2011 die weltweite Slut-Walk-Bewegung, die gegen falsche Vorstellungen von sexueller Gewalt auf die Straße geht. Denn spätestens seit der deutschen Sexismusdebatte zu Beginn des Jahres 2013 wurde wieder klar: Schuldzuweisungen wie „Hättest Du doch die Bluse zugemacht!“ sind noch immer salonfähig.
Leben auch wir in einer „Rape Culture“? Was hat es mit dem Begriff auf sich? Ist es nur ein feministischer Kampfbegriff für den Wahnsinn, den Frauen täglich erleben? Oder ist es die treffende Bezeichnung für unsere Gesellschaft?
Der Zündfunk Generator spricht darüber mit Anne Wizorek und Julia Brilling, die im Netz anonym sexuelle Übergriffe sammeln, Birte Rohles von Terre des Femmes und Lorena Palasi vom Slut Walk München sowie der Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn und dem Historiker Hiram Kümper, der Vergewaltigungskulturen in der alteuropäischen Kulturgeschichte untersucht hat.

Download: via BR2 | via RS.com (1 h, 55 MB)

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Die Transformation des Privaten im Zeitalter von Harz IV und Elterngeld April 7, 2013 | 03:52 pm

Am 04.02.2013 hat Andrea Trumann einen sehr informativen Vortrag im Laidak gehalten. Sie gibt darin einen kurzen historischen Überblick darüber, welcher Platz in Privatleben und Lohnarbeit Frauen gesellschaftlich zugewiesen wurde und wie sich dies gegenwärtig darstellt. Ausführlich geht sie dabei auf rechtliche Bestimmungen ein, die Nachwuchs und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren sollen und was dies jeweils für Frauen und Männer bedeutet. Trotz der Förderung der Berufstätigkeit von Frauen, so die Feststellung Trumanns, sind die meisten Frauen prekär oder in Teilzeitjobs beschäftigt – die Abhängigkeit von Männern und vom Staat hat sich lediglich transformiert.

Die Kleinfamilie galt für die bürgerliche Gesellschaft jahrhundertelang als schützenswertes Gut. Hier im Privaten sollte der Mann sich von der Arbeit, die der öffentlichen Sphäre zugerechnet wurde, erholen und die Kinder im harmonischen Familienverband aufwachsen. Zuständig für diese Aufgaben war die Frau, die, wenn es dem Ideal entsprach, von der Berufsarbeit befreit und vom Mann abhängig war. Dieses Ideal, nie vollkommen durchgesetzt, mag immer noch präsent sein, hat aber in den letzten Jahrzehnten einigen Wandel erfahren. Aktuell scheint das Modell der Ehe, durch den Gesetzgeber vollkommen ausgehöhlt zu werden. Scheidungsgesetze, die den Unterhalt der Frau auf ein Minimum reduzieren, setzen eine staatliche Zwangsemanzipation der Frau in Gang, von der die Frauenbewegung kaum zu träumen wagte. Dies jedoch – zumal in Zeiten latenter oder manifester Wirtschaftskrisen – auf dem Rücken der Frauen, die dabei ihre Probleme oftmals, wie ehedem, nicht als politische, sondern als private erfahren.

Die Veranstaltung will darlegen, wie es sich mit dem Verhältnis von Privat und Öffentlich in der bürgerlichen Gesellschaft verhält und das sich hierdurch und nicht durch Biologie das Verhältnis der Geschlechter ausdrückt. An aktuellen Beispielen wie dem Scheidungsrecht, Hartz IV und dem Elterngeld soll dargestellt werden, wie sich dieses Verhältnis verändert hat und was dies für Auswirkungen auf Frauen und Männer hat. Diskutiert werden soll auch, ob es sich bei den genannten Maßnahmen um eine präventive Krisenlösungsstrategie handelte, die geholfen hat, Deutschland in der gegenwärtigen Weltrezession als Gewinner erscheinen zu lassen. [via]

Download: via AArchiv
Hören per Vimeo (inkl. Zitaten): magazinredaktion.tk

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Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III) November 25, 2012 | 06:18 pm

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt (EXIT!) hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Download (mp3): via AArchiv | via RS (0:45 h, 21 MB)

Download (mp3 oder ogg) via Archive.org.

Download (stereo-mp3) via MF (42 MB).

Hören:

    Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig: So steht sie in der Kritik, deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

    In dem Vortrag „Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischer Grundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann.

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Kritische Theorie zu Subjektkonstitution und Geschlecht November 9, 2012 | 01:31 pm

Die der­zeit äußerst umtrie­bige ASSOCIAZIONE DELLE TALPE aus Bre­men (in Bälde wer­den wir wei­tere Ver­an­stal­tun­gen der Maul­würfs­or­ga­ni­sa­tion doku­men­tie­ren kön­nen) bot Bar­bara Umrath die Mög­lich­keit über eine nur frag­men­ta­risch vor­lie­gende Kri­ti­sche Theo­rie des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses zu spre­chen. Aller­dings bedeu­tet die Tat­sa­che – dass das Geschlecht für die frühe kri­ti­sche Theo­rie keine zen­trale Ana­ly­se­ka­te­go­rie gewe­sen ist – nicht, dass es keine Hin­weise in den Wer­ken gibt. Umrath geht die­sen nach und inter­pre­tiert sie aus einer femi­nis­ti­schen Per­spek­tive.

Wenn man von der Kri­ti­schen Theo­rie spricht, kom­men auto­ri­tä­rer Cha­rak­ter, Dia­lek­tik der Auf­klä­rung und Kul­tur­in­dus­trie in den Sinn. Dass die Gesell­schafts­kri­tik der frü­hen Kri­ti­schen Theo­rie sich auch auf das Geschlech­ter­ver­hält­nis erstreckt, wurde dabei bis­her meist über­se­hen. Zuge­ge­ben: „Geschlecht“ war für Adorno, Hork­hei­mer und Co. keine zen­trale Ana­ly­se­ka­te­go­rie, son­dern fin­det eher bei­läu­fig und an ver­schie­de­nen Stel­len immer wie­der Erwäh­nung. Eine Kri­ti­sche Theo­rie des Geschlech­ter­ver­hält­nis­ses liegt daher allen­falls in Frag­men­ten vor.
Im Vor­trag sol­len einige die­ser Frag­mente vor­ge­stellt und ihr Zusam­men­hang rekon­stru­iert wer­den. Der Schwer­punkt wird dabei auf den Über­le­gun­gen der Kri­ti­schen Theo­rie zum bür­ger­li­chen Sub­jekt lie­gen. Es wird gezeigt, dass die Kri­ti­sche Theo­rie das Sub­jekt nicht als tran­szen­den­ta­les – und damit als ‚geschlecht­li­ches Neu­trum’ – ver­steht, son­dern Unter­schiede in der Kon­sti­tu­tion ‚männ­li­cher’ und ‚weib­li­cher’ Sub­jekte reflek­tiert. Gleich­zei­tig, so die These, beob­ach­tet die Kri­ti­sche Theo­rie Ver­än­de­run­gen der Sub­jekt­kon­sti­tu­tion im Zuge des ‚Spät­ka­pi­ta­lis­mus’, die für eine kri­ti­sche Ein­schät­zung gegen­wär­ti­ger Ent­wick­lun­gen im Geschlech­ter­ver­hält­nis frucht­bar gemacht wer­den kön­nen.
Bar­bara Umrath hat Erzie­hungs­wis­sen­schaf­ten, Psy­cho­lo­gie und Sozio­lo­gie an der Uni­ver­si­tät Augs­burg und der New School for Social Rese­arch, New York stu­diert. Sie war lange Jahre in femi­nis­ti­schen Pro­jek­ten in Deutsch­land und Mexiko aktiv. Aktu­ell lebt sie in Köln und arbei­tet an einer Pro­mo­tion zu Kri­ti­scher Theo­rie und Geschlecht.

    Down­load: via AAr­chiv (mp3; 51:34 min; 59 MB)

Zu femi­nis­ti­schen Bezug­nah­men auf die Kri­ti­sche Theo­rie siehe auch die Vor­träge von Regina Becker-Schmidt, Cor­ne­lia Klin­ger und Ros­wi­tha Scholz.

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Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus August 18, 2012 | 02:42 pm

1. Judith Butler und die uneigentliche Erfahrung. Zur Kritik des Poststrukturalismus — Im Rahmen der Tübinger Reihe »Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus« hat Korina Korecky einen hörenswerten Vortrag über Judith Butler gehalten. Sie skizziert dabei zunächst die Geschichte des bürgerlichen Subjekts und seines Verhältnisses zur Frau; insbesondere wie es seine Handlungsfähigkeit verliert, was schließlich Voraussetzung für die poststrukturalistische Theoriebildung ist. Im zweiten Teil gibt sie einen Überblick über die Probleme, die Butlers Texte aufwerfen.

Dass die Poststrukturalisten voraussetzen, was sie kritisieren oder verwerfen, nämlich Tradition, Identität, Geschichte, Sinn und Handlungsziele, haben schon so viele Schlaumeier geschrieben, dass es kaum der Wiederholung wert ist. Das poststrukturalistische Denkgebäude fällt trotz dieses grundlegenden – und zutreffenden – Einwands nicht in sich zusammen, was vermuten lässt, dass es (wie jede andere Theorie auch) seine Evidenz nicht aus sich heraus bezieht. Dem poststrukturalistischen Denkgebäude insofern Irrtümer und logische Fehlschlüsse, gar Nicht-Übereinstimmung mit dieser oder jener und der eigenenTheorie, nachzuweisen, ist eine einigermaßen sinnlose Übung. Zu fragen wäre vielmehr nach dem „Erfahrungsgehalt dieses Denkens“ (Peter Bürger), oder anders: danach, welchem gesellschaftlichen Bedürfnis es entspricht. Für den Feminismus besteht die Attraktivität des poststrukturalistischen Denkens genau in dessen Infragestellung von Wahrheit, Subjekt und Einheit. Die patriarchale Souveränität des strahlenden Subjekts als voraussetzungsreich auf Kosten der Frauen konstituiert anzugreifen, ist ein zentrales Moment feministischer Gesellschaftskritik und darin trifft sie sich, bei allen Differenzen, mit einem den Poststrukturalismus motivierenden Impuls. Dieses Zusammentreffen wahrzunehmen, verbietet eine Form der Kritik am poststrukturalistischen Denken, die in Reaktion darauf ihrerseits bloß auf Wahrheit, Subjekt und Einheit pocht. Aus feministischer Perspektive sollte deshalb dem Poststrukturalismus nicht sein Verzicht auf die Konstatierung von Wahrheit, sondern von gesellschaftlicher Unwahrheit vorgeworfen werden. Versucht wird das im Vortrag an Judith Butlers „Doing Gender“. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 53:04 min; 18,2 MB)

2. Subversion, wo steckst du? Eine Spurensuche an den Universitäten — Einen etwas anderen Blickwinkel wirft Tove Soiland auf poststrukturalistische Theoriebildung in einem Vortrag, den sie auf Einladung des Promotionskollegs »Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisation und Demokratie« in Marburg gehalten hat: Sie formuliert eine Kritik an den cultural studies und führt aus, warum der Fokus auf Identität reale gesellschaftliche Probleme des Geschlechterverhältnisses verdeckt. Sie plädiert dagegen dafür, gesellschaftliche Arbeitsteilung in den Fokus feministischer Kritik zu rücken und bezieht sich dabei auf Slavoj Žižek und die Ljubljana school of psychoanalysis, die vor allem Theoreme von Lacan weiterentwickelt.

    Download: via AArchiv (mp3; 52:59 min; 30,3 MB)

Weitere spannende Vorträge aus der Reihe des Marburger Gender-Kollegs gibt es hier: Bitlove.de.

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Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik August 6, 2012 | 01:04 pm

Auf Einladung interessierter Studierender der TU Darmstadt versuchte sich Daniel Späth (Redaktion »EXIT!«) an einer Einführung in die Wert- bzw. Wert-Abspaltungs-Kritik. Beginnend mit einer an Kant ansetzenden Kritik der Aufklärung, setzt er sich mit dem bürgerlichen und dem kritischen Marx sowie der Arbeiterbewegung auseinander, nimmt Bezug auf Foucaults Ordnung der Dinge und formuliert eine Kritik der Spaltung der deutschen Linken in »Antiimps« und »Antideutsche«. Abschließend geht er auf das geschlechtliche Abspaltungsverhältniss ein.

Download via AArchv: Vortrag (21 MB), Diskussion (unvollständig, 11 MB)

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Zur Ak­tua­li­tät Ador­nos für die fe­mi­nis­ti­sche Theo­rie March 8, 2012 | 06:56 pm

Kritische Theorie, Geschlechterverhältnis und Aufklärungskritik

Adornos Gesellschaftskritik ist im Zuge einer allgemeinen Marxrenaissance wieder in aller Munde. Kritische Theorie war allerdings vor dem „cultural turn“ schon einmal zentraler Ausgangspunkt feministischen Denkens. Vernachlässigt wurde dabei jedoch die Kritik der gesellschaftlichen Formbestimmung; den Bezug bildete vor allem die soziologisch-analytische Dimension. Demgegenüber gilt es heute, die grundlegende Kritik der Wert-Abspaltung, also des Zusammenhangs von allgemeiner Form und Geschlechterverhältnis, im Hinblick auf die Theorie Adornos zu thematisieren. Dabei werden auch Aspekte einer Aufklärungskritik berücksichtigt, die übrigens in der Vor-Gender-Phase des Feminismus ansatzweise bereits vorhanden war, im veränderten Kontext allerdings neu zu formulieren ist.

Zunächst zeichnet Roswitha Scholz (Exit!) in diesem im August 2011 aufgezeichneten Referat einige Ansätze feministischer Adorno/Horkheimer-Rezeption und -Kritik im deutschsprachigen Raum nach, um zu zeigen, dass in diesen sowohl die Aufklärungskritik als auch die Ebene der basalen gesellschaftlichen Formbestimmung zu kurz gekommen oder falsch gefasst worden ist. Im zweiten Teil knüpft sie an einschlägige Passagen aus der Dialektik der Aufklärung an; im dritten akzentuiert sie die Bedeutung einer Kritik der Aufklärung im Kontext der Wert-Abspaltungs-Kritik. Die Diskussion kreist um das Verhältnis und den jeweiligen Status von (aufklärerischer) Erkenntnistheorie, »Relationalität« und Dialektik. Die Diskussionsbeiträge stammen u.A. von JustIn Monday, Georg Gangl und Daniel Späth.

Die Aufnahmequalität ist leider nicht optimal, da es einige kurze Unterbrechungen durch Störgeräusche gibt. Als Ergänzung und zum Nachvollzug einiger zentraler Referenzen kann der online verfügbare Text »Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos « zu Rate gezogen werden.

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Lost Tapes #4 und #5 February 2, 2012 | 01:35 pm

Nachdem der Rausch des Weihnachtsfestes mich auf erholsame Weise vorerst funktions-untüchtig gemacht hat und ich daher auch im Januar kaum dazu kam, an das Audioarchiv zu denken, folgt nun ein zweiteiliger Beitrag zur Reihe »Lost Tapes«:

Seite A: Auf der ersten Seite hört ihr ein Radio-Essay von Hans-Jürgen Schulz über Erich Fromm, aus der Reihe »Portraits deutsch-jüdischer Geistesgeschichte«. Es enthält zahlreiche Informationen aus der Biographie Fromms, rekonstruiert seine spezifische Verbindung von Marxismus und Psychoanalyse in einer durch die jüdische Tradition geprägten Lesart; man erfährt aber auch einiges über Fromms Verirrungen, etwa seine Zuwendung zum Buddhismus. Weitere Stationen sind Fromms Beziehung zu Marcuse und dem Institut für Sozialforschung, die Debatten und Konflikte, die er mit MarxistInnen, TheologInnen und PsychoanalytikerInnen geführt hat und seine Rezeption in der ’68er-Bewegung und in der Neuen Linken. Man erfährt Wissenswertes über das Menschenbild Fromms, bzw. seinen Begriff von Menschheit im Verhältnis von Herrschaft und Utopie.Zuletzt gibt es einen ausführlichen Exkurs über Fromms Verhältnis zu Albert Schweizer, Albert Einstein und Bertrund Russell und die Auseinandersetzung dieser Intellektuellen mit der atomaren Aufrüstung. Das Essay ist dahingehend interessant, da der Autor Erich Fromm und einige seiner Zeitgenossen selbst gekannt hat und über persönliche Gespräche berichten kann. Am Anfang sind leider einige empfänger-bedingte Sendestörungen enthalten.

    Download: via Mediafire (mp3; 33,6 MB; 58:46 min)

Seite B / 1: Zu hören sind Marginalien von Werner Ross über das Verhältnis von heiligem Geist und schnödem Mammon. Dieses Verhältnis stellt Ross als einen Zweikampf zwischen Religion und Finanz dar, in dem die Religion oftmals unterliege. Die Predigt ist dahingehend aktuell, als dass sie von einer moralisch-religiösen Empörung über die Habgier der Finanziers und Geldverleiher gezeichnet ist und dabei auf altbekannte zinskritische Ressentiments zurückgreift. Nichtsdestotrotz erfährt man einige wissenswerte historische Zusammenhänge, für deren Rekonstruktion der Autor die Bibel und andere religiöse Dokumente nach einer darin enthaltenen Thematisierung des Geldes absucht. Die HörerInnen des Audioarchivs werden diesen Beitrag mit einem amüsierten Augenzwinkern zur Kenntnis nehmen.

    Download: via Mediafire (mp3; 10,4 MB; 18:13 min)

Seite B / 2: Ein sehr hörenswerter Essay aus dem Nachlass von Roman Karst (dem polnischen Herausgeber der Kafka-Werke) über das Verhältnis von Erotik und Tod im Werk Kafkas. Er interpretiert sehr ausführlich Passagen aus ›Das Schloss‹, ›Der Prozess‹, ›Die Strafkolonie‹, ›Die Verwandlung‹, u.a., untersucht diese auf die Darstellung von Weiblichkeit und nimmt dabei Bezug auf Foucault, Walter Benjamin, George Bataille, Kirkegaard, Sigmund Freud und Schopenhauer. Er rekonstruiert dabei, wie Kafka eine mystisch-mythische Gestalt der Frauen zeichnet, die bei ihm als begehrte aber nicht geliebte, erotische aber nicht schöne und in ihrem Wesen geheimnisvolle Figuren erscheinen. Auch wenn dabei einige Charakteristika des Geschlechterverhältnisses in der Darstellung Kafkas herausgearbeitet werden, geschieht dies nicht explizit aus einer Perspektive der Kritik von Geschlechterverhältnissen oder gar aus einer feministischen Perspektive heraus.

    Download: via Mediafire (mp3; 20,7 MB; 36:08 min)

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Seite A: Der Vortrag »Sinnlichkeit, Sprache, Unbewusstes – Die Hörwelt der Psychoanalyse« von Joachim Küchenhoff untersucht verschiedene Dimensionen, in denen das Hören eine zentrale Rolle in der psychoanalytischen Praxis spielt. Dabei geht es um Sprachlichkeit und Versprachlichung, Musikalität und Bildlichkeit, Signifikanz und Synthese, nachträgliche Verstehens- und Rekonstruktionsprozesse. Neben Freud nimmt Küchenhoff unter anderem Bezug auf Jaque Lacan, aber auch auf Beispiele aus Literatur und Neuer Musik. Der Beitrag erfordert (ebenso wie auf Seite B) etwas die Geduld der radiophilen HörerInnen, da die ersten Minuten aufgrund einer Beschädigung der Kasette leicht verzerrt sind – der Rest des Beitrags ist allerdings gut hörbar.

    Download: via Mediafire (mp3; 16,2 MB; 28:22)

Seite B: »Im Spiel versinken bis zum Rausch – Annäherungen an den Homo Ludens« – Das ziemlich spielerische Feature, das trotz seiner etwas naiven Herangehensweise auch Walter Benjamin zitiert, beschäftigt sich mit Idee und Kultur des Spiels. Es geht um den nutzlosen Charakter des Spiels, die Konstruktion regelgeleiteter Spielabläufe, Phantasie und Erfindung, sowie um Spaß und Glück. Zudem geht es um eine Untersuchung psychologischer Abläufe im Spiel und das Verhältnis des Spiels zu Kunst, Literatur, Arbeit, Religion, Kult/Kultur, Philosophie, Mythos, Rätsel, Spielsucht und Flow etc. …

    Download: via Mediafire (mp3; 11,9 MB; 20:45)

Wir sind im Übrigen sehr dankbar, wenn jemand Hinweise auf besser hörbare Versionen der in der Reihe Lost Tapes dokumentierten Beiträge hat oder diese zur Verfügung stellen kann.

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Schönheit ist die Wahrheit selbst December 6, 2011 | 12:25 pm

Geschlecherbilder in der Kunst des Nationalsozialismus

Müsli-Mann hat uns schon vor längerer Zeit darauf hingewiesen, dass der Asta der Uni Trier zahlreiche Audio-Vorträge zur Verfügung stellt. Passend zum Beitrag über die nationalsozialistische Kunstpolitik und zum letzten Posting, findet sich dort ein Vortrag von Elke Frietsch über Geschlechterbilder in der Kunst des Nationalsozialismus, den sie am 10.02.2010 in Trier im Rahmen einer Reihe über Kunst und Faschismus (Programm) gehalten hat. Sie diskutiert hier zwei Thesen: zum einen, dass die Kunst im Zentrum nationalsozialistischer Propaganda stand, zum anderen, dass Geschlechterbilder im NS sowohl im Alltag, als auch in der Propaganda und in der Kunst einen großen Stellenwert hatten. Sie stellt dann sehr ausführlich dar, welche Funktion die Kunst im NS hatte und wie sie in Verbindung mit Geschlechterbildern stand – hier ist für Frietsch vor allem der Vergleich von männlichen und weiblichen Körperdarstellungen zentral, die sie auch mit Körperdarstellungen in der sowietischen Kunst vergleicht. Zur Erklärung nationalsozialistischer Körperverhältnisse bezieht sie sich auf Michel Foucaults Thesen zu Körpertechniken und Biomacht. Als Beispiel wird u.a. der nationalsozialistische Skulptur-Künstler Arno Breker herangezogen. Bemerkenswert scheinen mir im Vortrag vor allem drei Aspekte zu sein, die nur scheinbar widersprüchlich sind und in der NS-Ideologie zusammen gehen: ein antifeministischer Kampf gegen »Frauenemanzipation«, die Funktion der Frau als reine Repräsentation und Reproduktion der Rasse und das Postulat der Gleichberechtigung der Frau am Arbeitsplatz und an der Front.
Zur besseren Hörbarkeit habe ich in der nachbearbeiteten Version die längere Einleitung, in der es vor allem um den Anlass und die Vorstellung der Reihe geht, herausgeschnitten. Wer daran interessiert ist (es geht u.a. über die Diskussion um Johannes Scherl), sollte auf die Version der Uni Trier zurückgreifen:

    Download: via Uni Trier (mp3; 58,6 MB; 1 h 3:57 min) oder kürzer via AArchiv (mp3; 26 MB; 45:28 min)

Zum Ankündigungstext der Reihe:

Kunst war unter nationalsozialistischer Herrschaft nicht mehr autonom, sondern wurde ausschließlich in den Dienst des Regimes und dessen Rassenideologie gestellt. Avantgardistische künstlerische Positionen wurden als „entartet“ diffarmiert. Diese Künstlerinnen und Künstler wurden verfolgt, mit einem Berufsverbot belegt oder mussten emigrieren. Als ästhetischer Maßstab wurde stattdessen in der Kunst der „nordische Mensch“ beschworen, der in der Propaganda der NS-Zeit die Schönheit, Reinheit und Anmut symbolisieren sollte. Dieses heroisierende Pathos wurde vor allem in der Monumentalplastik deutlich. Die Veranstaltungsreihe geht der Frage nach, welchen Einfluss diese Ästhetik auf die Normierung von Körperbildern hatte und inwiefern diese nach 1945 fortgeführt wurde. Auch in Trier lassen sich dafür Beispiele finden, wie etwa die Plastiken des Künstlers Johannes Scherl („Der Glückstreiber“ (Schweinehirt) und „Familie“). [via]

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Wo die Liebe zu den Ge­set­zen im Staa­te ruht December 5, 2011 | 02:00 pm

Über den Zu­sam­men­hang von Weib­lich­keit und Na­ti­on

Im Rückgang an die Anfänge der bürgerlichen Gesellschaft untersucht Karina Korecky in diesem Vortrag Wesen und Entstehung des Geschlechterverhältnisses und der Geschlechtscharaktere. Diese erweisen sich dabei als irrationale Zuschreibungen, die anders als andere Vorstellungen des Aufklärungsdenken – z. B. die Notwendigkeit des Staates – nicht einmal versuchsweise logisch begründet oder rational bestimmt worden sind. Weiblichkeit bzw. die Unterordnung und Unmündigkeit von Frauen bleiben im Medium der Philosophie ebenso unbegründet wie unbegründbar und können daher als »gefühlte Gewissheit« nur Thema von Kunst oder Poesie, nicht aber eines analytischen Denkens sein. Darin ist Weiblichkeit der ebenfalls nur mythisch »bestimmbaren« Nation ähnlich. Wie beide auch innerlich zusammenhängen, zeigt der Vortrag.

Das Referat wurde auf dem wertabspalungskritischen Sommerworkshop (EXIT!) am 23.08.2011 aufgezeichnet.

Ankündigungstext:

Die linke Kri­tik an Staat und Na­ti­on glaubt üb­li­cher­wei­se ohne jene des Ge­schlechts aus­zu­kom­men. Das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis spielt keine Rolle für die Kri­tik am Na­tio­nal­staat selbst, son­dern bleibt der Ab­satz »zum Thema Frau­en«, der in Flug­blät­tern auch noch ge­schrie­ben wer­den muss. Auf der Seite der fe­mi­nis­ti­schen Theo­rie ver­hält es sich nicht viel an­ders: wo der Staat über­haupt zum Thema wird, sind Weib­lich­keit und Na­ti­on so etwas wie »Struk­tur­ka­te­go­ri­en« oder auch »Dis­kur­se«, die qua ana­ly­ti­scher Tren­nung nur noch äu­ßer­lich auf­ein­an­der be­zo­gen wer­den kön­nen.

Statt­des­sen müss­te aber die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft als Ganze be­trach­tet wer­den. Die Ent­ste­hung der Ge­schlechts­cha­rak­te­re und jene der Na­ti­on gin­gen Hand in Hand, so viel ist of­fen­sicht­lich. Bei Rous­seau et al sind es die Frau­en, in deren Hän­den »die Liebe zu den Ge­set­zen im Staa­te« ruht. Die Ge­sell­schaft der Frei­en und Glei­chen brach­te und bringt in ihrem Wer­de­gang ihr Wi­der­spre­chen­des her­vor: die Frau­en als Dif­fe­ren­te, die Na­tio­nen als be­stimm­te. Sie sind nicht ein­mal in die Welt ge­kom­men und gut war, son­dern müs­sen sich per­ma­nent neu re­pro­du­zie­ren. Darin setzt sich ihre Ent­ste­hung in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung fort – Grund genug, den Blick auf die An­fän­ge bür­ger­li­cher Ge­sell­schaft zu rich­ten. Daran wird sich zei­gen, dass die Kri­tik der Na­ti­on fe­mi­nis­tisch sein soll­te und um­ge­kehrt jene von Ge­schlecht und Liebe nicht ohne Be­zug­nah­me auf den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hang, der sie her­vor­bringt, aus­kommt.

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Weltgeist und Ideologie October 16, 2011 | 10:39 am

Die innere Schranke der Hegelschen Dialektik

Auf dem diesjährigen Sommerworkshop des Wert-Abspaltungskritischen Lesekreises Berlin hat Daniel Späth (EXIT!) einen Workshop gegeben, in dem er einen kritischen Zugang zu Hegels Dialektik vorgestellt hat. Ausgehend von Hegels Frühwerk und insbesondere dem »System der Sittlichkeit« und der »Phänomenologie des Geistes«, hat er anhand einiger Zitate einen Überblick über wichtige Gedankengänge Hegels gegeben. Inwiefern handelt es sich beim Dreischritt der Hegelschen Dialektik um eine Subsumtionslogik? Inwiefern werden hier Momente des Geschlechterverhältnisses reproduziert und festgeschrieben? Inwiefern findet hier eine Ontologisierung von Arbeit als Grundvoraussetzung für Individualität und Selbstbewusstsein statt? Diese und andere Fragen hat Daniel Späth zusammen mit den TeilnehmerInnen diskutiert. Es sind dabei unter anderem Diskussionsbeiträge von Justin Monday und Karina Korecky zu hören, deren Vorträge wir in Kürze ebenfalls dokumentieren werden.

    Download:

  1. Teil 1: via AArchiv (mp3; 37,6 MB; 1:05 h)
  2. Teil 2: via AArchiv (mp3; 29,5 MB; 29,5 MB; 51:31 min)
  3. Präsentationsfolien mit Zitaten via AArchiv (PDF, 100 KB)

Zum Ankündigungstext:

Da­ni­el Späth

Welt­geist und Ideo­lo­gie
Die in­ne­re Schran­ke der He­gel­schen Dia­lek­tik

Neben Marx präg­te wohl kein an­de­rer Phi­lo­soph kri­ti­sche Theo­rie­bil­dung so grund­sätz­lich wie Hegel. In den aus­führ­li­chen He­gel-​Re­zep­tio­nen von Theo­re­ti­kern wie Georg Lukács,V.I. Lenin oder Theo­dor W. Ador­no, um nur ei­ni­ge zu nen­nen, fir­miert der Idea­list nicht sel­ten als „Er­gän­zung“ zu Marx, oder doch zu­min­dest als der erste kri­ti­sche Ex­po­nent der bür­ger­li­chen Auf­klä­rungs­phi­lo­so­phie, an dem kri­ti­sche Re­fle­xi­on zu schu­len wäre. Und in der Tat scheint im He­gel­schen Den­ken be­reits eine kri­ti­sche Tie­fen­di­men­si­on ma­ni­fest, deren In­halt le­dig­lich mit an­de­ren Vor­zei­chen zu ver­se­hen, das heißt „vom Kopf auf die Füße“ zu stel­len wäre: Denn nicht nur, dass mit Hegel das dia­lek­ti­sche Den­ken in sys­te­ma­ti­scher Form auf die his­to­ri­sche Bühne tritt, auch die Tat­sa­che, dass er auf einer We­sens-​Er­schei­nungs-​Dif­fe­ren­zie­rung in­sis­tiert und in der „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“ mit einem Sub­stanz­be­griff ope­riert, si­gna­li­siert un­mit­tel­bar die Nähe zur Marx­schen Theo­rie. Wenn man und frau sich dann noch ver­ge­gen­wär­ti­gen, dass Hegel in sei­nen frü­hen Schrif­ten den Aus­druck der „abs­trak­ten Ar­beit“ präg­te, könn­te bei­na­he ge­meint wer­den, Hegel sei „der erste Mar­xist“ ge­we­sen.
Der erste Teil des Work­shops wird sich an­hand aus­ge­wähl­ter Text­pas­sa­gen aus dem He­gel­schen Früh­werk (ich meine hier­mit jene frühe Phase sei­nes Wer­kes, die mit der „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“ endet) mit dem Ur­sprung der He­gel­schen Dia­lek­tik aus­ein­an­der­set­zen, wobei diese ge­ne­ti­sche Re­kon­struk­ti­on sich vor allem den öko­no­mi­schen Schrif­ten He­gels („Sys­tem der Sitt­lich­keit“, „Je­na­er Re­al­phi­lo­so­phie“) zu­wen­den wird, die als Er­gän­zung zur Lek­tü­re der „Phä­no­me­no­lo­gie“ die­nen sol­len, um den kon­kre­ten ge­sell­schaft­li­chen Hin­ter­grund der dia­lek­ti­schen Be­we­gung des deut­schen Auf­klä­rers dar­zu­stel­len, wo­durch ein Maß­stab einer Kri­tik der He­gel­schen Dia­lek­tik ge­won­nen wer­den wird. Fol­gen­de, für eine kri­ti­sche Theo­rie zen­tra­le Fra­gen wer­den dabei auf­ge­wor­fen und hof­fent­lich auch be­ant­wor­tet wer­den:

  • Abs­trak­te Ar­beit“ bei Hegel: Der An­fang einer ma­te­ria­lis­ti­schen Fe­tisch­kri­tik oder die in­tel­lek­tu­el­le Selbst­ver­ge­wis­se­rung des Geis­tes über seine ge­dank­li­che Tä­tig­keit?
  • Der Sub­stanz­be­griff in der „Phä­no­me­no­lo­gie“: Kri­ti­scher To­ta­li­täts­be­griff oder Le­gi­ti­ma­ti­on des ewi­gen Geis­tes?
  • Die dia­lek­ti­sche Be­we­gung bei Hegel: An­satz­punkt für eine kri­ti­sche Theo­rie oder Mys­ti­fi­ka­ti­on der Dia­lek­tik als on­to­lo­gi­sche Me­tho­de?

Die im ers­ten Teil des Work­shops auf­ge­wor­fe­nen Pro­ble­me, die im Rah­men einer Struk­tur­ana­ly­se der „Phä­no­me­no­lo­gie“ her­au­ge­ar­bei­tet wer­den, blei­ben als sol­che abs­trakt, da sie mit dem In­stru­men­ta­ri­um der Wert­kri­tik eine ent­schei­den­de Di­men­si­on des He­gel­schen Den­kens nicht ana­ly­sie­ren kön­nen. Des­halb wird sich der zwei­te Teil noch ein­mal den He­gel­schen Früh­schrif­ten zu­wen­den, um auf die eben­so ei­gen­ar­ti­ge wie be­zeich­nen­de Tat­sa­che hin­zu­wei­sen, dass im „Sys­tem der Sitt­lich­keit“ Dia­lek­tik in Ge­stalt einer wech­sel­sei­ti­gen Sub­sum­ti­ons­lo­gik auf­tritt, die He­gel­sche Dia­lek­tik also be­reits in ihren ba­sa­len Struk­tu­ren an­dro­zen­tri­sche Denk­be­we­gun­gen setzt. Die auf einer form­lo­gi­schen Ebene be­reits se­xis­tisch be­grün­de­te Dia­lek­tik He­gels hat ihr in­halt­li­ches Pen­dant in der Ne­ga­ti­on von weib­li­chem Den­ken und Han­deln: Nicht nur, dass der Welt­geist die Be­deu­tung von Frau­en in der Ge­schich­te auf vor­mo­der­nen, in­suf­fi­zi­en­ten Stu­fen fest­schreibt und da­durch dis­kri­mi­niert, viel­mehr be­treibt Hegel sys­te­ma­tisch die Til­gung jeg­li­cher Spur von Weib­lich­keit in der Ge­ne­se des uni­ver­sa­li­sie­ren­den Geis­tes: Weib­lich­keit wird in der an­dro­zen­trisch-​uni­ver­sa­li­sie­ren­den Be­we­gung des Geis­tes „auf­ge­ho­ben“ und ge­ra­de da­durch ne­giert und zum Ver­schwin­den ge­bracht. Um einen theo­re­ti­schen Hin­ter­grund für den He­gel­schen Se­xis­mus zu ge­win­nen, werde ich mich an Hei­de­ma­rie Ben­nent und ihre He­gel-​Kri­tik in „Ga­lan­te­rie und Ver­ach­tung“ und an El­vi­ra Scheich in ihrer Mo­no­gra­phie „Na­tur­be­herr­schung und Weib­lich­keit“ an­leh­nen.

Li­te­ra­tur­lis­te für In­ter­es­sen­tIn­nen:
G.W.F. Hegel, Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes, Frank­furt a.M., 1970
G.W.F. Hegel, Frühe po­li­ti­sche Sys­te­me, Frank­furt a.M., 1974.

Se­kun­där­li­te­ra­tur:
Chris­ti­ne Weck­werth, Me­ta­phy­sik als Phä­no­me­no­lo­gie. Eine Stu­die zur Ent­ste­hung und Struk­tur der He­gel­schen „Phä­no­me­no­lo­gie des Geis­tes“, Würz­burg, 2000.
Hei­de­ma­rie Ben­nent, Ga­lan­te­rie und Ver­ach­tung, New York, 1985.
El­vi­ra Scheich, Na­tur­be­herr­schung und Weib­lich­keit, Pfaf­fen­wei­ler 1993.

Es wird in den nächs­ten Wo­chen ein Zi­ta­te-​Blatt er­stellt wer­den, das als Grund­la­ge für den Work­shop die­nen wird und zum Selbst­aus­dru­cken an die­ser be­reit ge­stellt wird. [via]

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»Sex ist nur ein Konstrukt« August 25, 2011 | 11:00 am

Weiter mit dem Themenkomplex Postmoderne, Sexualität, Körper: Martin Dornis referiert in einem von der Gruppe Association Antiallemande Berlin am 28.07.2011 organisierten Vortrag »eine Kritik an der „Überwindung“ von Geschlecht, Subjekt und Geschichte in Poststrukturalismus und Gender Studies«. Der Vortrag will einen Überblick über das Werk von Michel Foucault geben (v.a. „Wahnsinn und Gesellschaft“, „Die Ordnung der Dinge“, „Sexualität und Wahrheit“), fasst die Geistesgeschichte in Deutschland bis zum zweiten Weltkrieg (Weber, Ditlhey, Heidegger), v.a. in dessen Suche nach dem Konkreten zusammen, referiert dann über Friedrich Nietzsche und dessen unterschiedliche Rezeption im Poststrukturalismus und der Kritischen Theorie, um sich schließlich dem Denken von Judith Butler zu widmen. Abgesehen davon, dass mir ein solches Vorhaben in diesem Umfang im Rahmen eines Abendvortrages überhaupt nicht möglich scheint, finde ich die Ausführungen insgesamt wenig konsistent und eher konfus. M.E. schafft es Dornis nicht, in das Denken von Foucault und Butler wirklich einzudringen, was sich letztlich in der Diskussion bestätigt, in der er wenig über das Verhältnis von Gesellschaft und Natur zu sagen hat. Die HörerInnen sollen selbst urteilen.

Download:
Vortrag (1:29 h, 31 MB), Diskussion (0:42 h, 15 MB) via AArchiv | Vortrag , Diskussion via MF

Ankündigungstext:

Am 28.07.2011 lädt die Association Antiallemande Berlin ein zu Vortrag und Diskussion mit Martin Dornis.

Sex ist nur ein Konstrukt
Eine Kritik an der „Überwindung“ von Geschlecht, Subjekt und Geschichte in Poststrukturalismus und Gender Studies

Dass Geschlecht und Sexualität „Konstrukte“ seien, die es aufzulösen gelte, ist Gruppierungen wie dem „Antisexismusbündnis Berlin“ und mit ihm weiten Teilen der radikalen Linken heute ein Gemeinplatz. Zusammen mit der Sexualität gelten derartigem „Antisexismus“ Geschichte, Subjekt und Metaphysik als zu überwindende Gewaltherrschaften über die „Vielfalt der Lüste und Körper“. Der Vortrag will den Grundlagen derartigen Denkens nachspüren und dabei auch ihren (negativen) Wahrheitsgehalt aufzeigen. Dazu stellt er sich die Frage, welche gesellschaftlichen Verhältnisse dafür sorgen, dass die Rede von der Dekonstruktion des Subjekts und des Geschlechts heute den Nerv nicht nur vieler Linker, sondern den vieler Subjekte unter spätkapitalistischen und postnazistischen Zuständen trifft. Welches Subjekt soll da dekonstruiert werden und wer oder was soll an seine Stelle treten? Es wird dabei um nicht weniger als um die Bedeutung des Geschlechts in der kapitalistischen Vergesellschaftungsform gehen.

Martin Dornis lebt in Leipzig, studierte Philosophie, Ökonomie und Erziehungswissenschaften. Er veröffentlichte Texte über Ideologiekritik, Antisemitismus, Krisentheorie und materialistische Gesellschaftskritik.
Zu letzt von ihm erschienen: Der Meister aus Deutschland. Zur Kritik der Ideologie des Todes, in: Alex Gruber/ Philipp Lenhard (Hg.): Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft, Freiburg 2011: ça ira.

Dieses und weitere Bücher werden an dem während der Veranstaltung anwesenden Ça ira-Büchertisch der HUmmel-Antifa erwerbbar sein.

28.07.2011 um 19:00 im „Max und Moritz“, Oranienstrasse 162 Berlin

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BDSM und Feminismus / BDSM and political correctness August 23, 2011 | 11:00 am

1. BDSM und Feminismus

Mit diesem Beitrag nehmen wir noch einmal den Themenkomplex Postmoderne, Sexualität, Körper wieder auf: Anna Kow (u.a. Zeitschrift „Die Krake“) referiert in ihrem Vortrag, den sie am 11.07.2011 im Rahmen der Polyphantasiatage der Gruppe Wider die Natur gehalten hat, über die Rolle von BDSM in den feministischen Diskursen, zwischen „sex-negativem-“ und Pro-Sex-Feminismus. Sie selbst verteidigt BDSM als lustvolle und subversive Praxis. Bei ihrem Vortrag stand ein BDSM-Glossar zur Verfügung, welches hier angesehen werden kann. Die im Vortrag gezeigten Musik-Videos können hier und hier angesehen werden. In ihrem zugrundeliegenden Text „Gefährliches Vergnügen: Sex und Feminismus. Ein Abriss“ aus der Outside The Box #1 bezieht sich Anna Kow u.a. auf das Kontrasexuelle Manifest von Beatriz Preciado, welches Magnus Klaue in seinem Vortrag kritisiert hatte. Ihr Text steht unten zur Verfügung. – Die weiteren im Rahmen der Polyfantasiatage gehaltenen Vorträge sind direkt im Archiv dokumentiert.

Feminismus und Sexualität verbindet eine eher sprunghafte Beziehung voller Missverständnisse. Der radikale Feminismus der 1970er hat Sexualität vor allem als patriarchales Machtinstrument kritisiert. 30 Jahre später diskutieren Aktivist_innen die Potentiale queerer Pornographie und fordern „Schwänze für Alle“. Anna Kow stellt das widersprüchliche Verhältnis dar und plädiert für einen sex-positiven Feminismus, der sich BDSM als subversive Praxis kritisch aneignet. Dass gleichwohl der sexistische Normalzustand anzuprangern ist – und demzufolge kein queerer Freifahrtschein für Heterosexismus zu erwarten ist – sollte klar sein. [via]

Download: Radiosendung via Mediafire (mp3; 54,9 MB; 60 min); unbearbeiteter Mitschnitt via AArchiv (mp3; 21,8 MB; 31:45 min)

2. BDSM and politcal correctness

Carl Smith talks about BDSM in a speech he held in March 26th in 2009 in Vienna, organized as a part of the series „Just Sex“ by Basisgruppe Politikwissenschaft. He talks about BDSM (as well as other forms of sexuality that diverge from the norm) and its history from the 19th century, then follows the appearance and reception of BDSM in popular culture throughout the 20th century along many examples in movies and music. He also mentions HIV and the ressentiments against homosexuals that were aroused through the disease. Sadly, the clips from movies (Lawrence From Arabia (1962), Morocco (1930)) and music videos that he shows can‘t be seen, as this is only an audio track. Among the persons he talks about are, besides of course Marquis de Sade, Leopold von Sacher-Masoch, Marlene Dietrich, Mishima Yukio, Larry Townsend and many more.

What is BDSM and what does it stand for and how does it challenge Political Correctness? How does a relationship between a Master and a Slave work? What could a BDSM-scene look like? This lecture will not only answer the above questions but will try to overcome some common stereotypes associated with BDSM. [via]

Download: via BaGru PoWi oder via AArchiv (mp3; 45,1 MB; 1:38 h)

Weiter zum Text von Anna Kow:

GEFÄHRLICHES VERGNÜGEN1: SEX UND FEMINISMUS. EIN ABRISS

Sex, als ein Konglomerat von Symbolik und Herrschaft, Begehren und Überforderung, Sehnsucht nach reiner Natur und Kämpfen gegen Naturalisierung, ist für den Feminismus nie einfach nur eine „schöne Nebensache“ gewesen: Als „Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen“2 wird Sexualität ab den 70er Jahren zu einem zentralen Aspekt im Kampf gegen das Patriarchat. Aus der Erkenntnis, dass männliche Herrschaft sich im Sex verkörpert – im Akt der Penetration als einem tradierten Verhältnis von Aktivität und Passivität, in der Allgegenwärtigkeit (pornographischer) Bilder von männlicher Dominanz und weiblicher Unterwerfung, in der Normalität sexualisierter Gewalt im privaten wie im öffentlichen Raum – ergeben sich zwei verschiedene Ansätze einer (weiblichen) sexuellen Emanzipation: Verweigerung oder Aneignung der kulturellen Muster.

Gemeinsam ist beiden Strömungen die Überzeugung, dass Sexualität als etwas kulturell Gewachsenenes in einer (unter anderem) auf dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen aufbauenden Gesellschaft nicht frei sein kann; und dass jeder Versuche einer Befreiung durch Sexualität die Kritik herrschender (Geschlechter-) Normen, Praktiken und Beziehungskonstellationen voraussetzen muss. Sex, der als privat und natürlich gilt, wird im Feminismus als ebenso künstlich/gesellschaftlich wie politisch entlarvt: Der heterosexuelle Akt (Mann fickt Frau) dient demnach nicht nur der Reproduktion der Menschheit, sondern vor allem der der Geschlechterverhältnisse, und die allgemeine Männerphantasie der sexuellen Verfügbarkeit von Frauen würde in Prostitution und Pornographie auf öffentlicher Ebene verwirklicht. Infolge dessen kann für die so genannten „Radikalen“ Feministinnen sexuelle Emanzipation nur in der Abkehr von einer männlichen Sexualität, vom Sex mit Männern überhaupt bestehen – „feminism is the theory, lesbianism is the practice“. Lesbisches Begehren – die Rückeroberung des weiblichen Körpers – wird sowohl als Antwort auf eine frauenverachtende Gesellschaft als auch als utopischer Raum zur Entwicklung oder Wiederentdeckung einer eigenen, womöglich sogar genuin weiblichen Sexualität gedacht. Wenn das männliche Verständnis von Sex schwanzfixiert, gewaltsam und funktional ist, dann muss eine emanzipatorische Sexualität dementsprechend ihren Schwerpunkt auf Zärtlichkeit und Empathie, Gleichheit und Emotionalität legen – weibliche Eigenschaften, gegen deren Zuschreibung sich Frauen auf öffenlich/politischer Ebene mit Recht zu Wehr gesetzt haben. Im Sex wird Biologie dann doch wieder zum Schicksal, „echte“ weibliche Sexualität hat weniger aggressiv, weniger an Pornos, Spielen und schnellem Sex interessiert zu sein als an Liebe und Treue. Die richtige und wichtige Erkenntnis, dass die Bedürfnisse, Wünsche und Probleme von Frauen aufgrund einer geschlechtsspezifischen Lebensrealität andere sind als die der hegemonialen Männlichkeit, läuft Gefahr, für biologistische Begründungen herzuhalten und eine neue sexuelle Norm der befreiten Weiblichkeit zu propagieren, die für alle Frauen gleichermaßen gelten soll.

Ausgehend von einer kollektiven Unterdrückungserfahrung aller Frauen, hinter der die sozialen, ökonomischen und kulturellen Unterschiede zurücktreten, produziert die differenzfeministische3 Vorstellung einer genuin weiblichen Sexualität neue Ausschlüsse. Ganz abgesehen von jenen Frauen, denen der klassische Heterosex weiterhin ganz gut gefällt, werden auch Lesben, die in Butch/Femme4 -Beziehungen leben, mit Dildos ficken oder SM praktizieren, als Verräterinnen diffamiert. Ihre Art der Sexualität kopiere einfach die Machtdynamiken des Patriarchats und bestätige indirekt die Minderwertigkeit einer anderen, nicht auf Penetration und weiblichen Masochismus5 aufbauenden, Sexualität. Besonders heftig wird der Streit zwischen den „radikalen“ und den liberalen bzw. sex-positiven Feministinnen (die ein Recht auf Lust und Vergnügen jenseits feministischer political correctness einfordern) in den „Sex Wars“ der 80er Jahre in den USA ausgetragen. Die „National Organization for Women“ verfasst eine Resolution gegen Pornographie und Sadomasochismus, Frauenbuchläden weigern sich, die erotische Literatur des „Sexradicals“ Patrick Califia (der zu diesem Zeitpunkt noch Pat Califia heißt und als Lesbe lebt) zu verkaufen. Eine Gruppe Feministinninen geht 1983 so weit, in London öffentlich ein Exemplar der lesbischen SM-Storysammlung „Coming to Power“ zu verbrennen.6 Ganz abgesehen davon, dass Bücherverbrennung ein indiskutables Mittel ist, scheint diese Art der politischen Aktion auf zweierlei Art problematisch. Zum Einen, weil der Kampf gegen die in den öffentlichen Raum hineinreichenden Auswüchse der Sexualität, also Pornographie und Prostitution, allzu oft zu Bündnissen mit dem Staat führt – statt zu einer Solidarisierung mit Sexarbeiter_innen, die in der Lesart dieses Feminismus nur als Opfer der Verhältnisse gelten können. Zum Anderen, weil die Sehnsucht nach Ausschluß von heteronormativen Sexualpraktiken und solchen, die von den Differenzfeministinnen als heteronormativ verstanden wurden (bspw. SM), die Überzeugung beinhaltet, dass Frauen vor dem Sex, vor einem Vergewaltigungsphantasien produzierenden „falschen Bewusstsein“, beschützt werden müssten – gerne auch gegen ihren Willen von den feministischen Schwestern.

Der sich im Zuge der „Sex Wars“ heraubildende Pro-Sex Feminismus (sex-postive feminism) leugnet nicht die Einlassung patriarchaler Macht in den Sex, leitet daraus jedoch andere Handlungsoptionen ab. Statt den Sex beschränken und bereinigen zu wollen und damit neue Normen einer vermeintlich richtigen, herrschaftsfreien Sexualität aufzustellen, liegt hier der Schwerpunkt auf der Aneignung bestehender Praktiken und Dynamiken, für die Möglichkeit des Vergnügens nicht außerhalb, sondern trotz existierender Gefahren. Gegen den von Porno-Gegnerinnen propagierten Slogan „Pornography is the theory, Rape is the practice“ stellen sex-positive feminists die Forderung nach anderen, nach besseren Pornos7 und bestehen auf der analytischen Trennung zwischen Phantasie und Wirklichkeit: Zwei Menschen, die sich Dildos umschnallen und im Spiel eine Vergewaltigung inszenieren, mögen sich kultureller Phantasmen und real existierender Machtdynamiken bedienen. Was ihr Vergnügen aber eindeutig von sexueller Gewalt unterscheidet, ist einerseits die Konsensualität, dass also das Spiel einvernehmlich und zu beidseitigem Lustgewinn stattfindet, und andererseits die Variabilität der Rollen – im Gegensatz zur Welt „da draußen“ ist nicht festgelegt, wer oben steht und wer unten. Macht und Ohnmacht werden verhandelbar: sie sind nicht länger an Körperlichkeit und sozialen Status gebunden, sondern können im Sex sowohl erotisiert als auch entnaturalisiert werden.

Auch Judith Butler verweist in Hinblick auf die sexuellen Kämpfe der Frauenbewegung auf die Unmöglichkeit einer Sexualität vor, außerhalb oder jenseits der Macht und fordert stattdessen, „die subversiven Möglichkeiten von Sexualität und Identität im Rahmen der Macht selbst neu zu überdenken.“8 Statt der Zurückweisung einer kulturell konstruierten Sexualität müsse versucht werden, innerhalb und mithilfe der zur Verfügung stehenden Bilder zu agieren, „das Gesetz zu wiederholen und es dabei nicht zu festigen, sondern zu verschieben.“9 Ein Weg, innerhalb einer existierenden heteronormativen und von patriarchaler Herrschaftssymbolik durchzogenen Sexualität eine Erweiterung der individuellen sexuellen Freiheiten zu erfahren, besteht somit in der Entnaturalisierung der Verhältnisse – darin, sie zwar als soziale Gegebenheiten anzunehmen, als der Rahmen, innerhalb dessen unser Handeln notgedrungen stattfindet, aber als etwas, das in seiner (abgeänderten) Reproduktion gleichermaßen gebrochen, parodiert und entdramatisiert werden kann. So gibt es laut Butler zwei Möglichkeiten, das Aufkommen des in den Sex Wars heiß umkämpften Dildos (bei Butler etwas theoretischer: der „Lesbische Phallus“) zu interpretieren: Die pessimistische Lesart wäre die einer fortwährenden im Imaginären verankerten Erniedrigung des Weiblichen, ein Beweis für die Unzulänglichkeit lesbischer10 Sexualität und die Unüberwindbarkeit heterosexueller Muster. Auf der anderen Seite kann der Dildo – wie es vor allem bei Beatriz Preciado ausgeführt und zelebriert wird – eben auch als Bruch mit einer als natürlich verstandenen, an (körperlich-geschlechtlich manifestierte) Männlichkeit und Weiblichkeit geknüpfte Heterosexualität verstanden werden. Butler beschreibt die lesbische Aneignung des Phallus als eine „kastrierende Inbesitznahme der zentralen männlichen Trope, angetrieben von der Art Aufsässigkeit, die gerade die Erniedrigung des Weiblichen beseitigen will“11. Der Penis wird entprivilegisiert und durch den Dildo ersetzt, der insofern Gleichberechtigung schafft, als dass er von jeder und jedem getragen und benutzt werden kann. Schluss mit der Ernsthaftigkeit des Phallus, „In Wirklichkeit“ ist er aus Kunststoff und muss gereinigt werden, kann in der Schublade liegen, dekorativ herumstehen oder, wie in Emilie Juvenets Porno „One-Night-Stand“, einem Mops als Spielzeug dienen. Der Unterschied zwischen Penis und Dildo schwindet, aber nicht im Sinne der vor Wiederholung heterosexistischer Herrschaftsverhältnisse warnenden Feministinnen, sondern auf die ironisch-triviale Erkenntnis, dass man einen Penis nicht kaufen kann.12 Der Dildo kann Sextoy bleiben oder Körperteil werden. Er erweitert den Körper, dessen angeborene Geschlechtlichkeit in diesem Moment radikal an Bedeutung verliert, als Materialisierung einer (vieler) Phantasie(en). Statt aus der Fähigkeit, jemanden ficken zu können, eine natürliche Überlegenheit abzuleiten, wird die Natürlichkeit der Sexualität selbst in Frage gestellt – am Radikalsten wohl in Beatriz Preciados Konzept der Kontrasexualität bzw. der „Dildonics“, einer Theorie egalitärer Köpertechnologien. In Abgrenzung zu den oben bereits skizzierten feministischen Versuchen, die natürlich weibliche Sexualität (wieder) zu entdecken, konstatiert Preciado: „Kontra-Sexualität handelt nicht von der Erschaffung einer neuen Natur, sondern vom Ende der Natur, die als Ordnung verstanden wird und die Unterwerfung von Körpern durch andere Körper rechtfertigt.“13 Zentral in Preciados Theorie, die sie wohl als Handlungsanweisung im Sinne eines politisch-sexuellen Manifests verstanden wissen will14, ist die Etablierung eines Kontrasexuellen Vertrages, der „den Sozial-Vertrag, den man Natur nennt“ ersetzen soll. Die Körper verstünden sich darin nicht länger als Männer oder Frauen, sondern als Subjekte, die in gleichem Maße Zugang zu Praktiken und Ausdrucksformen haben, „die im Lauf der Geschichte als maskulin, feminin oder pervers entwickelt worden sind“15. Dass Preciado an dieser Stelle einen so harmlosen Ausdruck wie „entwickeln“ verwendet, erscheint wie ein Vorgriff auf die egalitäre, grenzenlose Zukunft, verlief die bisherige „Entwicklung“ von sexuellen Identitäten und Praktiken doch eher entlang gewaltsamer Kategorisierungen und Ausschlüsse. Zu den Praktiken der Kontrasexualität zählt neben der Aneignung bzw. Umdeutung des Phallus durch den Dildo und der Erotisierung des Anus (als allen Menschen eigenes „Loch“, das das Penetriertwerdenkönnen vom weiblichen Körper ablöst) auch die Etablierung der vertraglichen Aushandlung von Sex, wie sie in BDSM16-Zusammenhängen bereits üblich ist. BDSM steht für spielerische Interaktionen und sexuelle Praktiken, die auf „Power Exchange“ – dem bewussten Spielen mit Macht und Ohnmacht – beruhen. Das Verhältnis zwischen den Beteiligten17 ist durch eine klare Hierarchie zwischen Top (dem dominanten Part) und Bottom (dem sich unterwerfenden Part) gekennzeichnet. Für die Dauer eines Plays überträgt der18 Bottom die Verfügungsgewalt über sich selbst an die Top, die dann innerhalb eines vorher ausgehandelten Rahmens über den Bottom verfügen und ihn beispielsweise fesseln, demütigen, zur eigenen sexuellen Befriedigung (oder auch zur Erledigung des Abwaschs) benutzen und/oder ihm Schmerzen zufügen darf. Es ist offensichtlich, dass BDSM auf der Basis real existierender Herrschafts- und Unterdrückungsmuster funktioniert und diese zuspitzt. Dennoch kann nicht einfach von einer Spiegelung der Realität gesprochen werden- draußen geht es meistens eben nicht safe, sane & consensual19-zu sondern eher von einem Ineinandergreifen von Realität und Imagination, in dem „eigentlich“ schmerzhafte oder an tatsächliche Gewalterfahrungen erinnernde Praktiken lust- und liebevoll erlebt und integriert werden können.20 Das Bild einer gefesselten Frau, die von einem Mann21 sexuell „benutzt“ wird, mag also auf den ersten Blick wenig emanzipatorisch wirken, wird doch scheinbar genau das reproduziert, was es zu bekämpfen gilt. Wenn aber anerkannt wird, dass sexuelles Begehren viel weniger mit unseren Wünschen in Bezug auf soziale Verhältnisse zu tun hat, als mit sozial geprägten Bedürfnissen, dann sind das Spielen mit sexistischen Stereotypen und sexistisch sein zwei unterschiedliche Dinge. Das eine führt im besten Fall zum Orgasmus22, das andere hoffentlich zu einem Tritt in die Eier. Gerade in queeren BDSM-Kontexten ist das Inszenieren von Geschlechterrollen ein fester Bestandteil des sexuellen Repertoires: „In contrast to everyday life, in BDSM spaces one can conciously choose and negotiate identities for play.“23 Innerhalb des „safe space“ der Szene eröffnet sich einerseits ein Experimentierfeld, in dem Geschlecht als variabel und performativ erlebt werden kann; und andererseits werden die noch immer existierenden sexistischen Stereotypen und damit verbundenen Machtdynamiken offen gelegt. Preciado schreibt dazu: „SM-Praktiken haben nicht nur vertragliche, die Rollen der Unterwerfung und der Beherrschung regelnde Pakte hervorgebracht, sondern auch die erotischen Machtstrukuren offenbar gemacht, die jenem Vertrag zugrunde liegen, der von der Heterosexualität als Natur erzwungen wird.“24 Statt die gewaltvollen Momente der Sexualität eliminieren zu wollen, ermöglicht der Vertrag eine Erotik der Differenz und der Machtunterschiede in einem sicheren Rahmen und entkoppelt beides zugleich von „natürlichen“ Faktoren wie Geschlecht, Alter oder Status. BDSM-Praktizierende betonen, dass die Verkörperung im Spiel zu einem besseren Verständnis von (anderen und eigenen Teil-) Identitäten und den damit verbundenen Machtdynamiken führen kann, letztlich zu einem geschärften Bewusstsein für soziale Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen.25 Trotzdem bleibt die für ein konsensuelles Spiel notwendige Einvernehmlichkeit zwischen Personen, zwischen denen im realen Leben ein strukturelles Machtgefälle herrscht, immer auch prekär – wir sind eben nicht gleich und wir kennen (bzw. artikulieren) auch unsere Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen nicht alle gleich gut. BDSM-Zusammenhänge scheinen aber dennoch einen Spielraum zu eröffnen, in dem eben diese Dynamiken der Macht offen gelegt und verhandelt werden können – wider die Selbstverständlichkeit verfestigter Verhältnisse. Sexualitäten, die sich heterosexistischer Muster bedienen, reproduzieren also nicht einfach die zu bekämpfende Realität, sondern können in der (reflektierten) Wiederholung zu deren Dekonstruktion beitragen, indem sie sie in ihrer Gewordenheit, ihrer Nicht-Natürlichkeit, entlarven.

„Schwänze für alle, und zwar umsonst?!“26

Eine sexuelle Befreiung auf feministischer Grundlage kann weder in der Suche nach der authentischen, nicht kulturell verformten Sexualität bestehen, noch im Ausschluss der als heterosexistisch definierten sexuellen Spielarten. Als die Feministinnen der 70er und 80er Jahre die Penetration als normative Sexualität kritisierten, hatten sie insofern recht, als dass es offensichtlich nicht üblich war (und noch immer nicht ist?) Frauen danach zu fragen, auf welche Art und Weise sie eigentlich Lust empfinden. Zu verdammen wäre dann allerdings weniger eine konkrete Praxis, sondern das versäumte Sprechen über Wünsche, Grenzen und Bedürfnisse und die Privatisierung sexualisierter Gewalt. Im Zuge der Verschiebung vom klassischen Feminismus hin zum queeren Verständnis von Dekonstruktion und Subversion kann Befreiung dann eher als Versuch einer experimentellen Praxis verstanden werden, die sich der Körper und Technologien, der Geschlechterrollen und ihrer scheinbaren Grenzen spielerisch bedient und dabei auf dem Prinzip der Konsensualität basiert. Egalitär ist das kontrasexuelle Utopia trotzdem nicht, weil diese Emanzipation sowohl den Zugang zu bestimmten subkulturellen Räumen und Informationen (Queer-/Sex-/Playparties, Magazine, Bücher, Toys, Internetforen, Mailinglisten, Workshops, Gender-/Queer-Studies, Pornos, Freiräume, Safer-Sex-Praktiken etc.) als auch einen bewussten Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, Grenzen und das Wissen über potentiellen Gefahren voraussetzt. Das Anliegen des Feminismus, der auf einer makropolitischen Ebene den sexistischen Normalzustand anprangert, bleibt aktuell. Wenn auch in bestimmten geschützten Räumen ein spielerischer Umgang mit Macht und Herrschaft zum persönlichen Wachstum und – in gewisser Hinsicht – zur sexuellen Befreiung Einzelner beitragen kann, so ist es dennoch nach wie vor nötig, die (sexistischen) Gewaltverhältnisse im Öffentlichen wie im Privaten aufzudecken und zu bekämpfen.

Anna Kow
ist Studentin der Philosophie an der Uni Leipzig und schreibt für das Zine „Die Krake. Künstliche Beziehungen für unnatürliche Frauen.“

  1. Der Begriff „Pleasure and Danger“ wurde in den 80er Jahren von Carol S. Vance eingeführt und soll das Spannungsfeld, indem sich weibliche Sexualität in einer patriarchalen Gesellschaft notwendigerweise bewegt, beschreiben. Vgl. dazu: Robin Bauer: SM, Gender Play und Body Modification als Techniken zur (Wieder-) Aneignung des eigenen Körpers, der eigenen Sexualitäten und Geschlechtsi- dentitäten. In: Timmermanns, Stefan et al. (Hrsg.): Sexualpädagogik weiter denken, Weinheim 2003. [zurück]
  2. Alice Schwarzer: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen, Frankfurt a.M. 1975, S. 7. [zurück]
  3. Der Differenzfeminismus geht von wesenhaften, nicht kulturell produzierten Unterschieden zwischen Männern und Frauen aus. Differenzfeministinnen wird oft vorgeworfen, biologistisch zu argumentieren und damit zum Einen die kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen Frauen nicht genügend zu beachten, zum Anderen Weiblichkeit (wieder) zum Schicksal zu erklären und so sexistische Kategorisierungen zu legitimieren. [zurück]
  4. Butch: maskuline Lesbe; Femme: betont weibliche Lesbe. [zurück]
  5. „Schon Freud – so heißt es – habe dargestellt, dass die Frauen typischerweise Phantasien entwickeln, in denen sie lustvoll erleiden, von Männern vergewaltigt zu werden. […] Freud meinte, dass Erziehung, Haltung der Gesellschaft und psychische Folgen ihres biologisch-anatomischen Schicksals eben der Frau gar nichts anderes übrig ließen, als die Aggression gegen sich selbst zu wenden und dabei masochistische Leidenslust zu entwickeln. Darüber hinaus sei ihr Masochismus die Vorbedingung dafür, dass sie den Geschlechtsverkehr überhaupt genießen könne.“ (Margarete Mitscherlich, EMMA September 1977, Quelle: http://www.emma.de/ sind_frauen_masochistisch_9_77.html) [zurück]
  6. Quelle: http://www.glbtq.com/social-sciences/lesbian_sex_wars.html [zurück]
  7. „Die Antwort auf schlechte Pornos sind nicht keine Pornos, sondern bessere Ponos!“ (Annie Sprinkle, Hardcore von Herzen, zitiert nach: Virginie Despentes, King Kong Theorie, Berlin 2007.) [zurück]
  8. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, S. 56 f. [zurück]
  9. ebd. [zurück]
  10. Hier gemeint als eine rein auf die weiblichen Körper bezogene, also nicht-technologische, nicht mit heterosexuellen Elementen spielende Sexualität: das oft abwertend gebrauchte Bild der Lesben, die sich „nur“ zärtlich streicheln und küssen (also keinen „richtigen“ Sex haben). [zurück]
  11. Judith Butler: Körper von Gewicht, Frankfurt a.M. 1997, S. 127. [zurück]
  12. Judith Halberstam, Female Masculinities, zitiert nach: Beatriz Preciado, Kontrasexuelles Manifest, S. 59. [zurück]
  13. Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003, S. 10. [zurück]
  14. Siehe Tim Stüttgens Interview mit Preciado in der Jungle World 49 und 50/2004. [zurück]
  15. Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003, S. 10. [zurück]
  16. Steht für „Bondage&Discipline, Dominance&Submission, Sadism&Masochism“ und ersetzt den Begriff SM (Sado-Maso, Sadomasochismus), der oftmals pathologisierend gebraucht wird und weniger Vielfalt vermittelt als BDSM. [zurück]
  17. Ich gehe hier von zweien aus, es können aber durchaus mehr sein. [zurück]
  18. Dass Bottom hier männlich und Top weiblich ist hat keine Bedeutung; alle Konstellationen sind denk- und spielbar. [zurück]
  19. „safe, sane and consensual“ ist eine Grundregel der BDSM-Szene. [zurück]
  20. vgl. hierzu den Text „Subtile Klatschkultur“ von der Gruppe „Hannah und Bernd“, in: A.G. Gender-Killer: Das gute Leben – Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag, Münster 2007. [zurück]
  21. „Frau“ und „Mann“ hier verstanden als Rollen in einem Spiel, die eben nicht zwangsläufig mit realen Geschlechterrollen überein- stimmen müssen. [zurück]
  22. … womit auf keinen Fall Orgasmen als alleiniges Ziel sexueller Aktivitäten festgelegt werden sollen … [zurück]
  23. Robin Bauer (2007): Playgrounds and New Territories – The Potential of BDSM Practices to Queer Genders, In: Langdridge, Dar- ren & Meg Barker (Hrsg.): Safe, Sane and Consensual: Contemporary Perspectives on Sadomasochism. Palgrave: 177-194. [zurück]
  24. Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003, S. 19. [zurück]
  25. vgl. Robin Bauer (2007): Playgrounds and New Territories – The Potential of BDSM Practices to Queer Genders, In: Langdridge, Darren & Meg Barker (Hrsg.): Safe, Sane and Consensual: Contemporary Perspectives on Sadomasochism. Palgrave: 177-194. [zurück]
  26. Kommentar meiner Mitbewohnerin Anne. [zurück]
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Psychoanalyse als Aufklärung July 3, 2011 | 02:07 pm

Zum Fortbestehen des autoritären Charakters

Sachzwang FM hat sich einmal mehr der Psychoanalyse und ihres kritischen Potentials angenommen. Verlesen werden zwei Texte:

  1. Ljiljana Radonic, Psychopathologie der Normalität. Die Bedeutung der Psychoanalyse für die Kritische Theorie, ça ira 2006
  2. René Wiegel, Die schlechte Aufhebung des bürgerlichen Subjektbegriffs (etwa die letzte halbe Stunde)

Ein Hauptanliegen beider Texte ist die Zurückweisung der humanistischen und postmodernen Revision der Psychoanalyse und ein Plädoyer für ihre Aktualisierung vor dem Hintergrund veränderter gesellschaftlicher Bedingungen (Individualisierung, Flexibilitätszwang, Subjektwerdung der Frau u.Ä.). Der Fokus liegt dabei auf Wandel und Fortbestehen des autoritären Charakters, wie er von der Kritischen Theorie diagnostiziert wurde.

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Der postmoderne Körper June 19, 2011 | 02:31 pm

1. Die Antiquiertheit des SexusZur Kritik der postmodernen Körpertechnologie: Im Rahmen der Reihe „Hab mich gerne, Postmoderne. Zur Kritik des Poststrukturalismus“ der Gruppe AG No Tears for Krauts referierte Magnus Klaue am 18. Mai 2011 über die Ersetzung des Leib-Begriffs durch den des Körpers in der postmodernen Körperpolitik. Er geht dabei zunächst auf das Konzept der Polyamorie ein, das er als einen rationalisierten, technisierten Umgang mit eigenen Gefühlen kritisiert. Während in der Polyamorie über Sexualität eigentlich gar nicht mehr gesprochen wird, ist die Austreibung der Sexualität auch für postmoderne Körperkonzepte kennzeichnend. Während im Begriff des Leibes auf etwas nicht Verfügbares verwiesen ist und zudem mit der Thematisierung des Alterns Geschichtlichkeit impliziert, ist hier der Körper als etwas bloß Erzeugtes nur noch ein Ensemble von Technologien, das keine Geschichte mehr hat. Die Aufnahmequalität ist leider nicht sonderlich gut.

Zur neuesten Tendenz postmoderner Genderpolitik gehört der Versuch, die geschlechtertheoretischen Prämissen der Arbeiten von Judith Butler et al. in einer Weise praktisch werden zu lassen, die die altlinke Formel vom Privaten, das politisch sei, in denkbar bedrohlichster Weise zu verwirklichen verspricht. Beatriz Preciados „Kontrasexuelles Manifest“, das den Hass auf Sexus und Trieb selbstbewusst im Titel führt, sowie die „gendertechnologischen“ Schriften Donna Haraways sind die Referenztexte einer gender- und queerlinken Bewegung, die jeden Einzelnen auffordert, die Abschaffung des Leibes zugunsten des „Körpers“ und den Rückbau des Ich zum bewusstlosen Knotenpunkt blinder „Konstitutionsprozesse“ mit Haut und Haaren an sich selbst zu exekutieren. Der anti-humanistische „neue Mensch“, der dabei entstehen soll und wahlweise als „Mensch-Maschine“ oder „Cyborg“ figuriert, hat kein Unbewusstes und kein Triebschicksal, keine Geschichte und kein Begehren mehr. Seine Symbolwelt steht Preciado gemäß nicht mehr im Banne des „Phallus“, sondern des „Dildos“, des puren Konstrukts, das die reale Erfahrung der Verschränkung von Sexualität und Herrschaft liquidiert, indem es Intersubjektivität und Herrschaft konvergieren lässt. In seiner Welt gibt es weder Intimität noch individuelle Liebe, die Impulse der kindlichen Sexualität sind ebenso getilgt wie die Erfahrung der Sterblichkeit des menschlichen Körpers. Sexualität, von jedem Einzelnen als angstbesetzt und rätselhaft empfunden, soll kommensurabel gemacht werden, indem sie zum puren Vollzug eines allgemeinen Gesetzes erniedrigt wird: lästig, aber nötig, frei von jedem Glücksversprechen und damit auch von der Angst vor Enttäuschung. In Anschluss an Günther Anders’ Theorem von der „Antiquiertheit des Menschen“ möchte der Vortrag zeigen, dass die Postmoderne damit endgültig zur praktischen Ethik individueller Selbstauslöschung wird, wie Anders sie in Heideggers Technikbegriff, den der deutsche Faschismus zu verwirklichen suchte, angelegt sah. Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt unter anderem für „Bahamas“ und „Jungle World“. [via]

2. Der (post-)moderne KörperOrt der gelebten Möglichkeiten?: In ihrem Vortrag über den postmodernen Körper im Rahmen der Reihe „Kunst, Spektakel und Revolution“ kritisieren Katja und Korinna (siehe ihren Artikel Fat is a feminist Issue hier oder zum anhören hier) aus einer dezidiert feministischen Perspektive ebenfalls das postmoderne Verhältnis zum Körper. Grundthese ist hier mit Marx und Adorno, dass das verdinglichte Gesellschafts-Naturverhältnis in der kapitalistischen Produktionsweise neben einer Beherrschung der äußeren Natur auch die des eigenen Leibes bedeutet. Die so beherrschte und verdrängte Natur kehrt im bürgerlichen Konzept der Weiblichkeit wieder – die verdrängte menschliche Leiblichkeit wird auf die Frau projiziert. Mit der Emanzipation der Frau zum bürgerlichen Subjekt verschärft sich das weibliche Verhältnis zum eigenen Körper jedoch: sie muss Natur zugleich repräsentieren und beherrschen. Was diese Veränderung für weibliche Körperlichkeit bedeutet, hat dabei etwas mit den Veränderungen im Produktionsprozess zu tun: während im industriellen Zeitalter der Körper ein Mittel der Produktion darstellt, wird er im post-industriellen Zeitalter aus dem Produktionsprozess ausgeschlossen und selbst zu einem Gegenstand der Produktion: er wird zu einem gestaltbaren, jederzeit verfügbaren Produkt. Was dies für viele Frauen bedeutet, ist Gegenstand des Vortrags. In Weimar haben Katja und Korinna ihrem Vortrag ein Musikvideo vorangestellt, welches hier angesehen werden kann.

Die Entwicklung des bürgerlichen Subjekts war notwendig verbunden mit der Spaltung des Menschen in Geist und Körper. Die Herrschaft des sich autonom dünkenden Geistes über den Körper bedeutete seitdem, immer einen Teil der körperlichen Bedürfnisse zu verleugnen. Unterdessen zeichnet sich der gegenwärtige Trend eher durch eine tiefe Sorge um den Körper aus. Er ist zu einem Ort der unendlichen Gestaltung avanciert, in dem sich Bilder von Ästhetik, Fitness und Selbstkompetenz vereinen sollen. Dies scheint jedoch zunächst weniger ein Zeichen von Autonomie zu sein als vielmehr der Gewalt gesellschaftlicher Zwänge geschuldet, von denen vor allem Frauen betroffen sind. Diese äußern sich nicht zuletzt darin, dass der Körper zum bevorzugten Austragungsort innerer Konflikte geworden ist. Spiegelt der destruktive Umgang mit dem Körper einerseits die leidvollen Konflikte des Subjekts mit der Gesellschaft wider, so bleibt ebenso zu fragen, welches emanzipatorische Potential sich im Körperkult ausdrückt. Steckt im Bedürfnis nach der Umgestaltung des eigenen Körpers womöglich ebenso die Anklage gegen das schlechte Bestehende wie der verborgene Wunsch der individuellen Emanzipation? Eine feministische, emanzipatorische Kritik am Körper hieße eine bewusste Reflexion auf dieses Verhältnis von Wünschen und Zwängen, dem versucht wird, nachzuspüren. Katja und Korinna leben in Leipzig. In der letzten Ausgabe der „Outside the Box Zeitschrift für feministische Gesellschaftskritik“ schrieben sie über die feministische Kritik des postmodernen Körperverhältnisses. [via]

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Das Geschlecht des Kapitalismus June 14, 2011 | 04:42 pm

Die marxo-feministische Gesellschaftstheoretikerin Roswitha ScholzExit!«) war kürzlich (Juni 2011) bei den Linken Buchtagen in Berlin eingeladen, ihr Buch »Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorien und die postmoderne Metamorphose des Kapitals« vorzustellen, dass erstmals im Jahr 2000 bei Horlemann erschienen ist und nun in einer erweiterten Fassung neu aufgelegt wurde. Ihr zur Vorstellung des Buches gehaltener Vortrag eignet sich als Einführung in den abspaltungstheoretischen Ansatz.

Download: via AArchiv | via MF (1:01 h, 21 MB)

Buchkurzbeschreibung:

Der Feminismus ist seit einigen Wochen wieder in den Schlagzeilen. Bereits 1999 formulierte Roswitha Scholz einen neuen theoretischen Ansatz zur Analyse des Geschlechterverhältnisses, in dessen Zentrum das Theorem der „Wert-Abspaltung“ stand. Damit ist gemeint, dass die sozialhistorischen Zuschreibungen des „Weiblichen“ – von Hausarbeit, Kindererziehung bis zur emotionalen Zuwendung – einen von der kapitalistischen Verwertungslogik abgespaltenen Bereich der gesellschaftlichen Reproduktion bilden, der gleichzeitig eine „stumme“ Bedingung und Voraussetzung der modernen Gesellschaften ist.
Auf dieser Grundlage setzt sich die Autorin auch kritisch mit den linksfeministischen Theorien der letzten Jahrzehnte im deutschsprachigen Raum auseinander.

Unter dem Eindruck einschneidender sozialer und weltökonomischer Krisenprozesse ist das Verhältnis von Kapitalismus und hierarchischer Geschlechterstruktur erneut diskussionsfähig.
Aufgrund der anhaltenden Nachfrage erfolgt nun eine Neuauflage, erweitert um ein ausführliches Nachwort unter dem Titel „Towards a big theory“.

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Sexualität und Behinderung June 1, 2011 | 02:07 pm

„Behinderung“ bedeutet in kapitalistischen Gesellschaften die körperlich oder geistig bedingte Unmöglichkeit gelungener Subjektivität. Vermittelt über die gesellschaftlichen Anforderungen an das Subjekt, ist es den unter diese Kategorie subsumierten Menschen nicht nur erschwert ein glückliches Verhältnis zu sich selbst und zum eigenen Körper zu finden, es sind zudem zahlreiche Ausschlüsse im gesellschaftlichen Leben damit verbunden. Zentral ist dabei u.a., dass behinderten Menschen abgesprochen wird, eine selbstbestimmte Sexualität zu haben. Nicht nur, dass etwa weibliche Behinderte in der ideologischen Vorstellung als geschlechtslose Wesen gelten – die gesellschaftlichen Bedingungen zeigen deutlich, dass Sexualität Behinderter nicht erwünscht ist. Im Februar 2011 wurde auf Radio LORA München eine Sendung ausgestrahlt, die sich mit Sexualität und Behinderung auseinandersetzte. Vier körperlich behinderte Frauen kommen in dieser Sendung zu Wort, sprechen über das gesellschaftliche Körperverhältnis, über ideologische Vorstellungen von der (A-)Sexualität Behinderter, gesellschaftliche Schranken, die Behinderten gesetzt werden, über den Kampf Behinderter um sexuelle Selbstbestimmung und berichten vor allem über eigene Erfahrungen.

Behindert ist nicht – behindert wird. Auch im Ausleben selbstbestimmter Beziehung und Sexualität müssen körperlich Behinderte gesellschaftliche, bürokratische und physische Hürden nehmen. Erschreckend ist die Zahl der sexuellen Gewalt, die behinderten Mädchen und Frauen wiederfährt und der Umgang der Rechtsprechung mit diesem Phänomen. Interviewpartnerinnen sind die Sozialpädagogin Ute Strittmater und die Mitarbeiterin Ute Schön von den Netzwerkfrauen-Bayern. Außerdem die Psychologinnen Inge Plangger und Renate Geifrig. Alle vier Frauen bewegen sich im Rollstuhl. [via]

Download: via FRN (mp3; 47,5 MB; 51:50 min)

»Ich unterstütze Sie doch nicht dabei, einen weiteren Sozialfall zu produzieren« – dies wird oftmals körperlich beeinträchtigten Frauen entgegengehalten, wenn sie sich bei Kinderwunsch über eine mögliche Schwangerschaft beraten lassen wollen. Das Stichwort des ›Sozialfalls‹ verweist dabei darauf, dass die Diskriminierung Behinderter, soziale Ungleichheit und Biopolitik eng miteinander verwoben sind. Eine weitere Sendung auf Radio LORA klärt darüber auf, wie Behinderung und deren angebliche Vererbbarkeit tatsächlich in Beziehung zueinander stehen, welche Möglichkeiten behinderte Frauen mit Kinderwunsch haben und welche Schwierigkeiten ihnen dabei durch die Gesellschaft und die körperliche Einschränkung gesetzt sind. Es kommen in der Sendung betroffene Frauen, eine Gynäkologin und eine Dokumentarfilmerin zu Wort, die über Hilfsmaßnahmen, pränatale Diagnostik (das damit verbundene Thema der Eugenik ist Gegenstand dieses Artikels in der Phase 2) und eigene Erfahrungen berichten und formulieren dabei die klare Botschaft, dass der Kinderwunsch behinderter Frauen erfüllbar ist. Im zweiten Teil der Sendung spricht die Moderatorin zudem mit einer Sexualpädagogin über gesellschaftlich bedingte Probleme bei der Sexualität geistig beeinträchtigter Menschen.

„Niemand darf wegen seiner Behinderung benachteiligt werden“, steht im Artikel 3 des Grundgesetzes. Die gesellschaftlichen Tabuthemen: ‚mentale und körperliche Beeinträchtigungen und Sexualität und Kinderwunsch‘ finden allerdings reichlich zögerlich Raum in der öffentlichen Wahrnehmung. Wer will sich schon gedanklich damit befassen, womit Menschen mit Lernschwierigkeiten und deren Angehörige konfrontiert sind, wenn mit der Pubertät die Sexualität in ihr Leben tritt? Wer will sich damit auseinandersetzen, welche Probleme auftauchen, wenn beispielsweise Frauen mit Lähmungen oder Spastiken, im Rollstuhl sitzend, Kinder bekommen wollen? Es sind wahrscheinlich auch deshalb Tabuthemen, weil wenig Wissen über Erblichkeiten, über die tatsächlichen Probleme, über Hilfsmaßnahmen und Finanzierungsbedarf vorhanden ist. Wir versuchen heute ein wenig Aufklärungsarbeit zu leisten und lassen zu Wort kommen: Die Betroffenen Esther Hoffmann und Christine Gasafy, die Gynäkologin Prof. Dr. Gerlinde Debus, die Dokumentarfilmerin Ute Wagner-Oswald, die Betroffene Petra Gross und die Diplompsychologin und Sexualpädagogin Lucyna Wronska. [via]

Download: via FRN (mp3; 50 MB; 54:38 min)

Leider ist das Thema der Behinderung, die damit verbundenen gesellschaftlichen Körperverhältnisse und das hierdurch produzierte Leid viel zu selten Teil linksradikaler Theoriebildung und Forderungen. Daher sei zusätzlich auf ein sehr hörenswertes Interview mit Philipp von den Falken Erfurt verwiesen [via], das im Vorfeld der Veranstaltung „Hauptsache gesund!? Behinderung und Krankheit als Super-GAU des bürgerlichen Subjekts“, in der Sendung „Reibungspunkt“ auf Radio FREI gesendet wurde. Unbedingt lesenswert ist außerdem der gleichnamige Text der Jungen Linken gegen Kapital und Nation. Im FRN stehen in der Kategorie Behinderung neu denken weitere Sendungen zum Thema zum Nachhören zur Verfügung.

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Identität und Geschlecht May 27, 2011 | 12:23 pm

Die AG Queer Weimar hat anlässlich des Internationalen Tags gegen Homophobie eine Veranstaltungsreihe organisiert, in deren Rahmen zwei Vorträge gehalten wurden, die wir hier dokumentieren:

1. Identitätspolitik und Anti-Identitätspolitik

Michel von der Gruppe Wider die Natur und vom Bildungskollektiv Erfurt demonstriert in seinem Vortrag zunächst anhand der deutschen Identität, wie Identitäten entstehen und was sie auszeichnet. Anhand schwuler Identitätspolitik zeigt er, dass diese durchaus emanzipative Fortschritte erringen kann und geht dann darauf ein, wieso mit diesen Errungenschaften dennoch neue Ausschlüsse entstehen. Er hält dann nach Perspektiven von Anti-Identitätspolitk Ausschau und plädiert dafür, ein Spannungsverhältnis von Identitätspolitik und Anti-Identitätspolitik aufrecht zu erhalten.

Identitäten organisieren die Subjektivität in der modernen Welt. Fahnen, Pässe und „Du bist Deutschland“ stärken die nationale Identität, „Ich bin halt so“ erklärt Verhalten mit der persönlichen Identität. Identität ist aber auch Mittel emanzipatorischer Kämpfe: Die Frauenbewegung ist oft nur deswegen so stark, weil sie auf weibliche Identität pocht, ähnliches gilt für die Schwulenbewegung und manchmal – ungewollt – sogar für queeres Aufbegehren. Die Veranstaltung schärft das Verständnis für Identität und den politischen Umgang damit. Die zugrundeliegende These ist: Bei politischen Kämpfen ist ein Identitätsbewusstsein vonnöten, um nicht in die Identitätsfalle zu stolpern. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 25,9 MB; 45:20 min)


2. Queer und Kapitalismuskritik

Heinz-Jürgen Voß (siehe auch das zahlreiche Audiomaterial auf seiner Homepage und im FRN, sowie das Interview hier) arbeitet im ersten Teil seines Vortrags fragmentarisch heraus, warum Ökonomiekritik und eine queere Kritik der Geschlechterverhältnisse notwendig zusammengehören. Im zweiten Teil begründet er warum Körperlichkeit und Wahrnehmung immer schon gesellschaftlich sind. Einen besonderen Augenmerk legt er dabei auf biologistische Begründungszusammenhänge.

Unterschiede zwischen Menschen – so geschlechtliche – sind nicht vorgegeben, sondern resultieren aus Ungleichbehandlungen. Anstatt noch immer über die Berechtigung der 1949 gewagten These von Beauvoir „Kein biologisches […] Schicksal bestimmt die Gestalt, die das weibliche Menschenwesen […] annimmt“ zu diskutieren, gilt es, radikal weiterzudenken. Die Kategorie „Geschlecht“ soll einer genauen Analyse unterzogen und Ableitungen für Veränderung erarbeitet werden, die ein gutes Leben für alle Menschen ermöglichen. Kapitalismuskritik braucht queere Perspektiven, genau wie zu Queer unbedingt Kapitalismuskritik gehört.
Dr. Heinz-Jürgen Voß forscht und lehrt zu Geschlecht, Biologie und Queer. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 66,8 MB; 1 h 56:45 min)
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Traditionalität und Aktualität. Zur Aufgabe kritischer Theorie May 12, 2011 | 03:54 pm

Heinz Maus, marxistischer Soziologe und Agitator der linken Studentenbewegung, gehörte in den 60er Jahren zusammen mit Wolfgang Abendroth und Werner Hofmann zum sogenannten „Marburger Dreigestirn“. Mit diesen Namen ist die Stadt Marburg als ein zweites Zentrum der Kritischen Theorie bekannt geworden. Heinz Maus‘ Wirken gilt im Rückblick als „bar jeglicher taktischer Opportunität“, „unbürokratisch bis zur Inkorrektheit“ und es umgab ihn „neben der politischen Komponente ein starkes Element persönlicher Intransigenz gegenüber jeder Ordnung, jedem Establishment“. (via) Seinen hundertsten Geburtstag nahm die AG Kritische Theorie der Uni Marburg zum Anlass, um eine Tagung mit dem Titel „Traditionalität und Aktualtität. Zur Aufgabe Kritischer Theorie“ zu organisieren (zum Programm). Die OrganisatorInnen der Tagung haben uns freundlicher Weise sämtliche Mitschnitte der dort gehaltenen Vorträge1 zukommen lassen (insbesondere Dank an David für’s Schneiden des Audiomaterials und den freundlichen Kontakt), die wir hier zur Verfügung stellen:

Im Folgenden sind relativ große Dateien (128 kBit/s) verlinkt. Kleinere Fassungen (48 kBit/s) sind sowohl via MF als auch auf unserem Server abgelegt und werden eventuell den einzelnen Vorträgen noch zugeordnet.

1. BegrüßungAG Kritische Theorie

Zur Einführung referieren Oliver Römer und Christian Spiegelberg von der AG Kritische Theorie über Ausgangsfragen und Intention der Konferenz, über den Hintergrund an der Marburger Uni, insbesondere am Institut für Soziologie, sowie über die Rolle des Soziologen Heinz Maus.

    Download: via AArchiv (mp3; 11 MB; 11:58 min)

2. Zur Soziologie von Heinz Maus – David Salomon

David Salomon (Universität Marburg) stellt zunächst einige Überlegungen über die Relevanz der Begriffe Traditionalität und Aktualität für kritische Theorie im Allgemeinen an, um dann über die intellektuelle Sozialisation von Heinz Maus zu referieren. Im Anschluss nimmt er das besondere Verhältnis von Philosophie und Marxismus (Karl Korsch, Georg Lukács) zum Ausgangspunkt und rekonstruiert auf welche Weise Heinz Maus dieses bearbeitet und präzisiert hat. Zentral sind dabei die Rolle der Soziologie für den modernen Marxismus (Positivismusstreit etc.) und das Problem der Historizität im marxistischen Denken (Karl Marx, Walter Benjamin, Friedrich Nietzsche). Er endet mit einem Umweg über Bertolt Brecht mit einigen Überlegungen zu den Mausschen Ausführungen zum Verhältnis von Leid und Glück als materialistische Maßstäbe der Kritik und als Kategorien, denen nach wie vor eine dringende Aktualität für eine kritische Theorie der Gesellschaft als Ganzer zukommt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 45,2 MB; 49:19 min)

3. »Politisierung der Kunst« oder »die Kunst wegschaffen«?Zum Verhältnis von Politik und Kunst bei Walter Benjamin und bei der Situationistischen Internationale – Claus Baumann

Seinem Vortrag über den Vergleich der benjaminschen und situationistischen Perspektive auf das Verhältnis von Kunst und Politik stellt Claus Baumann (Universität Stuttgart, Duale Hochschule Stuttgart, Autorenkollektiv Biene Baumeister Zwi Negator) einige grundsätzliche Überlegungen zum nachträglichen, reflexiven Charakter dieser Kategorien voran (wie sie ähnlich in schriftlicher Form hier veröffentlicht wurden). Dann stellt er jeweils die ästhetischen Konzepte von Benjamin und den Situationisten vor, um sie u.a. anhand der Stellung zur surrealistischen Parole, dass die Poesie in den Dienst der Revolution zu stellen sei, aneinander abzuarbeiten.

Die Situationistische Internationale (1958–1972) um Guy Debord sprach sich einerseits für »neue Aktionsformen gegen Politik und Kunst« aus. Andererseits kritisierten sie die Surrealisten um André Breton dafür, dass diese »Poesie in den Dienst der Revolution« stellen wollten (la poésie au service de la révolution); es komme vielmehr darauf an, »die Revolution in den Dienst der Poesie zu stellen« (la révolution au service de la poésie). Prima facie scheint das situationistische Projekt den Überlegungen von Walter Benjamin zu widersprechen, der 1936 in seinem Aufsatz »Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit« die Auffassung vertreten hat, dass es für gesellschaftskritische, communistische Bestrebungen auf eine »Politisierung der Kunst« ankomme, während der Faschismus eine »Ästhetisierung der Politik« betreibe. Ziel des Vortrags ist es, die jeweiligen Spezifika der situationistischen sowie benjaminischen Überlegungen zum Verhältnis von Politik und Kunst darzulegen und daran anknüpfend der Frage nachzugehen, wie eine aktuelle und kritische Reflexion dieses Verhältnisses angesichts der derzeitigen Lage der bürgerlich-kapitalistischen Verhältnisse aussehen könnte.

Claus Baumann (*1967) promovierte im Fach Philosophie an der Universität Stuttgart. Er ist Lehrbeauftrager der Universität Stuttgart im Fachbereich Philosophie sowie an der Dualen Hochschule in Stuttgart im Fachbereich Sozialwesen. Seine derzeitigen Forschungsschwerpunkte sind Dialektik, Kritik der politischen Ökonomie, Gesellschaftstheorie, politische Philosophie und Philosophie der Ästhetik.

    Download: Vortrag (mp3; 34,4 MB; 37:33 min), Diskussion (mp3; 22,8 MB; 24:54 min)

4. Gehirn und Geist. Über das Verhältnis von Material und Freiheit zum Gegensatz von empirischer Forschung und Reflexivität – Christine Zunke

Christine Zunke (Universität Oldenburg, siehe auch ihren Beitrag hier) eröffnet die Problemstellung ihres Vortrags mit einer einführenden Überlegung zur descartschen Unterscheidung von denkender und materieller Substanz, um hiervon zu aktuellen Problemen der Gehirnforschung überzugehen: inwiefern lässt sich das Denken aus den physikalischen Prozessen im Gehirn erklären, inwiefern geht es darüber hinaus? Diese Problemstellung führt notwendiger Weise zur Frage nach der Freiheit des Willens, bzw. grundlegender nach der Frage, ob es das Denken überhaupt gibt. Dass diese Frage mit Ja zu beantworten ist, ist für Zunke nur möglich, indem die Gegensätze von Geist|Körper, Materialität|Immaterialität, physikalischen Prozessen im Gehirn|Immaterialität des Denkens als Antinomien zu begreifen sind: weder als Dualität, noch als Identität verhalten sich die widerstreitenden Seiten wechselseitig konstitutiv zueinander, so die These des Vortrags.

Die modernen Neurowissenschaften scheitern trotz immenser Fortschritte beständig an der Frage nach der Schnittstelle zwischen Gehirn und Geist. Diese Frage nach der Entstehung des (reflexiven und freien) Denkens aus dem physischen Material kann nirgendwo hinführen. Eine im naturwissenschaftlichen Sinne befriedigende Antwort hierauf kann es prinzipiell nicht geben, denn dann müsste das Material die kausale Ursache des Ideellen sein, was das Ideelle als physikalische Wirkung zu einem materiellen Gegenstand machen würde, welcher seiner Bestimmung nach kein Ideelles sein kann. Die konsequenteste Antwort der Neurophysiologie lautet darum, dass das Ideelle bloßer Schein sei, dem keine Wirklichkeit korrespondiere. Der Geist sei eben nicht reflexiv und frei, sondern eine bloß natürliche Funktion des Gehirns, die in der Innenwahrnehmung als Bewusstsein erscheine. Unser Geist sei nicht materiell und darum nicht wirklich. Wir denken ihn bloß. Dass das Denken Gedachtes ist, hat die Philosophie schon immer gewusst. Doch wenn diese Erkenntnis unter den Vorzeichen der empirischen Wissenschaften von der Geistes- und Gesellschaftswissenschaft aufgenommen wird, bekommt sie einen reaktionären Gehalt: Da Reflexionen als gegenstandslos erscheinen, wird Kritik methodisch unmöglich und es bleibt allein der Weg der Affirmation des Bestehenden offen.

Dr. Christine Zunke lehrt Philosophie an der Universität Oldenburg und hat mit ihrer 2008 im Akademie-Verlag erschienenen Dissertation „Kritik der Hirnforschung“ eine der ersten grundlegenden Kritiken der Neurophilosophie vorgelegt. Ihre Forschung fokussiert die moralischen und politischen Implikationen moderner Naturwissenschaften.

    Download: Vortrag (mp3; 42,9 MB; 46:53 min), Diskussion (mp3; 19,3 MB; 21:03 min)

5. Intellektuelle und die Genealogie der Kritischen Theorie – Alex Demirović

Alex Demirović (TU Berlin, „PROKLA. Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft“) greift die Auseinandersetzung mit Heinz Maus wieder auf, um ihn als eine besondere Figur der älteren Generation der Kritischen Theorie zu verorten und dessen Rolle für die kritische Soziologie in Deutschland und sein Verhältnis zum Institut für Sozialforschung in Frankfurt zu rekonsturieren. Hiervon ausgehend arbeitet sich Demirović an der bundesdeutschen Historisierung der Kritischen Theorie und ihrer Einordnung in (nach seiner eigenen ironischen Berechnung) mittlerweile 7 Generationen ab, um dafür zu plädieren, dass sich kritische Theorie zwar permanent selbst zu reflektieren habe, in ihrer kritischen Selbsthistorisierung aber nicht in der selbstreferentiellen und inhaltsentleerten Frage stecken bleiben darf, wer denn nun zur Kritischen Theorie gehört und wer nicht. Gegenüber dem akademischen Leerlauf beharrt Demirović darauf, dass die Begriffe wieder in Bezug auf die Gesellschaft und ihren Wandel entwickelt werden müssen und vor Allem nicht nach dem besseren Funktionieren der Gesellschaft, sondern nach ihrer praktischen Veränderung zu trachten haben. An diesem Vortrag fällt m.E. das Faktum der Trennung von institutionalisierter Kritischer Theorie in der Akademie und radikaler Linker auf, die bei Demirović ebenfalls überhaupt nicht vorkommt.

    Download: Vortrag (mp3; 36,1 MB; 39:23 min), Diskussion (mp3; 21,8 MB; 23:47 min)

6. Gewalt als Grenze des Anerkennens – Thomas Bedorf

Der Vortrag von Thomas Bedorf (Fernuniversität Hagen) sticht ein wenig aus dem Programm heraus, da dieser sich selbst nach eigener Angabe nicht in der „Großfamilie“ der Kritischen Theorie verortet, dafür aber gewissermaßen von außen eine Auseinandersetzung mit einem Theorem (bzw. Verfallsprodukt) der Kritischen Theorie sucht: die Theorie der Anerkennung von Axel Honneth. Er diskutiert dabei grundlegende Fragen: Ist Gewalt hermeneutisch in den Bereich des Verstehbaren hineinzuholen? Ist Anerkennung überhaupt ein geeigneter Schlüsselbegriff um Interaktion in ihrer Konflikthaftigkeit zu begreifen? Welchen Platz räumt eine Theoretisierung von Anerkennungsverhältnissen der Gewalt ein? Er arbeitet sich zu nächst an Honneths Theorie der Anerkennung ab, vergleicht diese dann mit anderen Auseinandersetzungen mit Anerkennung (Judith Butler, u.a.), um schließlich seine eigene Position zu begründen: Anerkennung implizert auch immer Verkennung, sie kann zwar ohne Gewalt, nicht aber ohne Macht gelingen.

Ob es um die Themen von Protestbewegungen geht, um die Belange ethnischer und sexueller Minderheiten oder um Nationen im Kampf um einen eigenen Staat – stets geht es um die Anerkennung von Anderen, die zum Gegenstand von Verhandlungen, aber auch politischem Widerstand und sozialen Konflikten wird. Der Vortrag wird die Gewalt, die das Ringen um Anerkennung auslösen kann im Horizont eines Modells „verkennender Anerkennung“ zum Thema haben. Anerkennungstheorien, die das Ideal gelingender Anerkennung unterstellen, schließen Gewalt prinzipiell aus. Sie betrachten Missachtungen lediglich als Signale für Ansprüche auf Anerkennung. Anerkennungstheorien, die die Subjektivierungsdispositive in den Vordergrund stellen, behaupten hingegen Gewalt als für die Subjektkonstitution unausweichlich. Ein Modell „verkennender Anerkennung“, das auf der Einsicht beruht, dass es vollkommene Anerkennung nicht geben kann, da moderne Identitäten nichts fixierbares, sondern ständig in Bewegung sind, droht zur Affirmation von Gewalt genötigt zu sein, da es ihm an normativen Kriterien fehlt, sie von vornherein auszuschließen. Als Lösungsvorschlag soll der Gedanke dienen, dass, wo Machtformen irreduzibel zum Anerkennen hinzugehören, Gewalt als Abbruch des Prozesses des Anerkennens dennoch ausgeschlossen werden kann.

Dr. Thomas Bedorf ist Privatdozent für Philosophie und wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fernuniversität Hagen. Im Wintersemester 2009/2010 war er Gastprofessor für Politische und Sozialphilosophie an der Universität Wien.

    Download: Vortrag (mp3; 40,9 MB; 44:40 min), Diskussion (mp3; 32,4 MB; 35:24 min)

7. Zweite Natur: Kritik und Affirmation – Christoph Menke Besonders hörenswert

Christoph Menke (Goethe Universität Frankfurt am Main) referiert in seinem Beitrag über den Begriff der 2. Natur, wie ihn Hegel entwickelt hat. Das Theorem der zweiten Natur versucht selbstauferlegten Zwang, selbstverschuldete Unmündigkeit zu erklären, indem es die soziale Struktur in den Blick nimmt – es soll der Umschlag des aus Freiheit selbst gemachten in ein selbstständig Seiendes, Unmittelbares erklärt werden. Menke erklärt die Ausführungen Hegels zu diesem Problem vor Allem am Begriff der Gewohnheit als unbewusstes bzw. unbewusst geleitetes Handeln und rekonstruiert hierbei zwei Seiten der Gewohnheit: einmal als Bildung zur Fähigkeit Zwecke zu setzen, auf der anderen Seite als selbst mechanischer Vollzug. An dieser Doppelseitigkeit macht Menke deutlich, dass Hegel nicht einfach abstrakt negierend vorgeht: es geht nicht um eine Gegenüberstellung vom Prozess des Setzens als etwas Gutem und der Verselbstständigung der Setzung gegenüber dem Setzenden als etwas Schlechtem – Kritik und Affirmation sind bei Hegel auf unlösbare Weise miteinander verquickt. Menke streift die Relevanz der Hegelschen Reflexion auf die zweite Natur für die Kritische Theorie (für Marx, Lukács, Adorno und Benjamin) nur am Rande, macht aber deutlich, dass Hegel die Grundlagen materialistischer Kritik gelegt hat. – Ein wirklich guter und hörenswerter Hegel-Vortrag!

    Download: Vortrag (mp3; 45,1 MB; 49:16 min), Diskussion (mp3; 13,5 MB; 14:44 min)

8. Negativität. Adorno und Hegel – Michael Städtler

Negativität fasst Michael Städtler in seinem Vortrag als Formbestimmung kritischer Theorie und setzt Adorno und Hegel unter diesem Aspekt in Bezug zueinander. Er zeigt warum Adorno Zweifel an einer Geistesgeschichte hegte, deren Triumph Hegel bloß zu rekonstruieren suchte – während Hegel die Verwirklichung der Vermittlung von Vernunft und Wirklichkeit am Ende der Philosophiegeschichte zu sehen glaubte, bestreitet Adorno die so definierte Verwirklichung der Philosophie. Städtler macht dabei deutlich, dass Adorno jedoch gegenüber Hegel nicht nur Skepsis hegt – gerade an Adornos Kritik des Positivismus wird deutlich, dass er mit dem Anspruch, dass das Denken über das bloß Gegebene hinauszuweisen habe, an Hegel festhält. Ziel Adornos ist es, Theorie und Praxis miteinander zu verwirklichen, ohne sie jedoch wechselseitig zueinander aufzuheben – hieran wird deutlich, dass Adorno zu Kant zurückkehrt, nicht jedoch ohne Hegels Kritik an Kant zu verwerfen. Vielmehr gilt es die Spannung von Widersprüchen aufrecht zu erhalten, die in Hegels Versuch der Aufhebung zu einer verkehrten Totalität eingeebnet zu werden drohen. Was dies bedeutet macht Städtler u.a. an der negativen Theologie deutlich, die versucht Gott aus der Summe dessen zu bestimmen, was Gott nicht ist – Adorno macht die Widersprüchlichkeit dieses Denkversuchs für materialistische Kritik fruchtbar, die Hegel im Versuch, aus dieser Negativität ein System absoluten Wissens zu machen, einebnet.

Das Verhältnis Adornos zu Hegel ist gespalten. Einerseits sei die Hegelsche Philosophie unübergehbare Voraussetzung jedes „theoretische[n] Gedankens von einiger Tragweite heute“ (Adorno, Aspekte), andererseits sei das System Ausdruck der Angst des Bürgertums vorm eigenen Untergang „[i]m Schatten der Unvollständigkeit der eigenen Emanzipation“. (Adorno, Negative Dialektik) Damit aber gilt diese Form von Philosophie der Kritik nicht einfach als eine falsche, sondern in der Kritik ihrer Fehler werden Einsichten über den Stand der Entwicklung von Selbstbewußtsein und Freiheit möglich, die sonst unsichtbar blieben. Die Kritik des bürgerlichen Bewußtseins setzt dessen selbstbewußt durchformulierten Begriff voraus. Noch strikter: Das Bewußtsein in der bürgerlichen Gesellschaft ist, wie diese selbst, realisierte Freiheit, aber in verkehrter Gestalt. Das Ziel radikaler Befreiung ist diesem Bewußtsein ebenso fremd, wie es selbst diesem Ziel vorausgesetzt ist. Mit diesem Gedanken begibt sich aber das Bewußtsein kritischer Theorie in Widerspruch zu sich selbst: Es verdankt seine wesentlichen Einsichten einer Geschichte, die abzulehnen, aber nicht mehr aufzuheben ist; ein durchaus unbefriedigender Zustand, der dazu führt, daß Adorno eine Dialektik entwirft, an deren Ende keine affirmativen Urteile mehr stehen. Die Kritik wird nicht konstruktiv gewendet, sondern sie bleibt kritisch. Dieser Gedanke ist offenkundig so frustrierend, daß nicht bloß die Schulphilosophie des 20. Jahrhunderts ihn nie wahrhaben wollte, sondern daß selbst diejenigen, die seit Adorno unter dem zum Label gewordenen Ausdruck ‚Kritische Theorie‘ firmieren, ihn aus ihrem Sortiment genommen haben. Was es dagegen heißt, bei der Kritik zu bleiben und wer eigentlich deren Subjekt sein kann, warum schließlich der auf Kritik beharrende Gedanke nicht nichts ist, soll in dem um die Bedeutung von Negativität zentrierten Vortrag über das Verhältnis Adornos zu Hegel überlegt werden.

PD Dr. Michael Städtler, Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Exzellenzcluster „Religion und Politik“ an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster und Vorstand des Gesellschaftswissenschaftlichen Instituts Hannover.

    Download: Vortrag (mp3; 48,9 MB; 53:22 min), Diskussion (mp3; 12,1 MB; 13:10 min)

9. Glückliche Ehe oder liaison dangereuse? Fragen nach der Verbindung von Feministischer und Kritischer Theorie – Cornelia Klinger

Cornelia Klinger (Eberhard Karls Universität Tübingen) beginnt ihren Vortrag mit einigen Vorüberlegungen zur Entstehung und zu Schwierigkeiten feministischer Bewegung und Theorie, um dann Kritische Theorie und Feministische Theorie unter drei Aspekten in Beziehung zueinander zu setzen: 1. Kritik, 2. Negation und Negativität und 3. Utopie. Sie legt im ersten Teil sehr ausführlich dar, welche Bedeutung diese drei Aspekte für die Kritische Theorie haben und referiert in einem zweiten, kürzeren Teil, wie feministische Kritik diese drei Aspekte auf spezifische Weise bewusst oder unbewusst aufgreift und erweitert. Sie schließt mit der Formulierung eines Anspruchs, den sie an feministische Theorie heute heranträgt: dass diese wieder vermehrt an die Kritische Theorie Adornos/Horkheimers anknüpfen möge. Trotz der Genauigkeit ihrer Ausführungen zur Kritischen Theorie bleibt deren Verbindung zum Feminismus oberflächlich und müsste selbst noch konkret bestimmt werden. Sympathisch ist ihre Betonung der außer(!)akedemischen Dimension kritischer Theorie im Anspruch auf allgemeine Emanzipation.

Feminismus wurde nicht als Theorie geboren, sondern verdankt seine Entstehung einer gesellschaftlichen und politischen Bewegung, die erst im Verlauf ihrer Entwicklung – nicht zuletzt infolge der Widerstände, auf die sie gestoßen ist – begonnen hat, sich ein theoretisches Fundament zu erarbeiten. An verschiedene unterschiedliche Theoriegebäude (Liberalismus, Marxismus, Psychoanalyse u.a.) hat feministische Theorie mehr oder weniger erfolgreich Anschluss gesucht und gefunden. Vor diesem Hintergrund geht der Vortrag der Frage nach dem Verhältnis von Feminismus und kritischer Theorie nach. Ausgehend von der These, dass feministische Theorie per se kritische Theorie ist, das heißt mit der älteren kritischen Theorie der Frankfurter Schule im Ansatz mehr Gemeinsamkeiten aufweist als mit irgend einem anderen Theoriegebäude wird zu zeigen sein, dass feministische Theorie die ‚bessere‘, konsequentere und vollständigere Kritische Theorie sein bzw. werden könnte – unter der Voraussetzung, dass sie ausgerechnet einige besonders traditional erscheinende Elemente der kritischen Theorie aufzunehmen und zu aktualisieren vermöchte.

Cornelia Klinger ist außerplanmäßige Professorin an der Eberhard Karls Universität Tübingen und ständiges wissenschaftliches Mitglied am Institut für die Wissenschaften am Menschen in Wien. Sie hatte Lehraufträge und Gastprofessuren an den Universitäten Wien, Zürich, Bielefeld, Frankfurt, Klagenfurt, Innsbruck, Tübingen, München, Luzern und Berlin inne. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in den Bereichen Politische Philosophie und Geschichte der Moderne, Feministische Theorie/gender studies und Ästhetische Theorie.

    Download: Vortrag (mp3; 40,5 MB; 44:13 min), Diskussion (mp3; 26,6 MB; 29:02 min)

10. Im Handgemenge des SprechensGibt es eine „verdrängte Sprachphilosophie“ der Kritischen Theorie? – Jan Müller

Jan Müller (TU Darmstadt) widerspricht in seinem Vortrag der sprachpragmatischen Deutung Adornos (u.a. Jürgen Habermas, Martin Seel), alles Denken und Sprechen sei per se verdinglicht, womit Sprache selbst in einer tragischen Auffassung von Geschichte aufgehen müsse und nur der Ausweg einer sprachlosen Offenbarung bliebe. Hierzu referiert er ausführlich Benjamins frühen Text „Über Sprache überhaupt und über die Sprache des Menschen“, um dann Benjamin und Adorno in Beziehung zueinander zu setzen. Ein sehr komplexer und kompakter sprachtheoretischer Vortrag.

Die Aneignung der ersten (oder Gründungs-)Phase der kritischen Theorie steht allgemein unter Metaphysikverdacht, eine Befürchtung, die insbesondere das Verständnis von Sprechen und Sprache betrifft. Theodor W. Adorno habe, darin inspiriert von Walther Benjamin, eine Fundamentalkritik der Sprache unter dem „eisigen Strahlen“ instrumenteller Vernunft verfolgt. Die Konsequenz dieser unterstellten Absicht ist ein Dilemma: Entweder – das sei der Ausweg Benjamins – sei Zuflucht zu einem theologischen Sprachmodell genommen, oder – so unterstellt man Adorno – eine Delegation der sonst dem Sprechen zugeschriebenen
Funktionen an eine (damit aber überlastete) „ästhetische Erfahrung“ unternommen worden. Würde die frühere kritische Theorie an einem romantisch überhöhten Bild der Sprache leiden, dann wäre seine Korrektur durch die Erfordernisse kommunikativer Rationalität eine wünschenswerte und sachlich unvermeidbare Konsequenz. Der Vortrag möchte dagegen die – allmählich vernehmbarere, aber noch immer randständige – Vermutung stark machen: (1) Die Kritik an den sprachphilosophischen Überlegungen Benjamins und Adornos gewinnt ihre Plausibilität vor allem aus der Übernahme von Grundunterscheidungen der analytischen Theorie des Sprachhandelns – sie artikuliert den Sachverhalt, dass Adorno und Benjamin Sprache anders thematisieren als die Tradition z.B. Searles. (2) Diese andere Thematisierungsform lässt sich nicht als bloß alternatives Modell von Sprechen und Sprache verstehen; Benjamin und Adorno liefern, in offener und verdeckter Auseinandersetzung mit der zeitgenössischen sprachphilosophischen Diskussion, eine „Metakritik“ – sie fragen präsuppositionsanalytisch nach den Voraussetzungen und Angemessenheitskriterien vernünftigen Nachdenkens über Sprache. (3) Das Resultat dieser Auseinandersetzung ist eine Verortung der Funktion und Reichweite des Modells propositionaler Sprachreflexion. Sie zeigt (a) das Ungenügen einer am Kommunikationsparadigma orientierten Reflexionsform, die Funktion des Sprechens als Medium der Bildung und Reproduktion unserer Praxisform zu thematisieren, und provoziert (b) eine für die gegenwärtige Diskussion provozierende Blickumkehr, die Sprache nicht einfach Medium „des Politischen“ , sondern als politisches Medium begreifbar macht.

Dr. Jan Müller (*1979) studierte Philosophie und Deutsche Sprache und Literatur in Marburg. Promotion 2010 in Stuttgart, derzeit wiss. Mitarbeiter am Institut für Philosophie der TU Darmstadt. Er beschäftigt sich vor allem mit dialektischer Handlungs- und Tätigkeitstheorie, Sprachphilosophie und politischer Philosophie (und ihrem Verhältnis zueinander).

    Download: Vortrag (mp3; 42,3 MB; 46:08 min), Diskussion (mp3; 31,9 MB; 34:49 min)

11. Podiumsdiskussion: Zur Praxis kritischer Theorie. Formen der Gesellschafrkskritik heute

Moderiert von Christoph Demmerling (Philipps-Universität Marburg) diskutieren auf dem ersten Podium Alexander Garciá Düttman, Christoph Henning (Universität St. Gallen, u.a. „Philosophie nach Marx“), Philip Hogh (Goethe Universität Frankfurt a.M., u.a. Jungle World) und Cornelia Klinger über die Anforderungen einer tatsächlichen Weiterführung und Aktualisierung Kritischer Theorie. Für Düttman stellt sich eine solche Aktualisierung als eine kritische Selbstreflexion der AkademikerInnen dar: er verbindet die adornitischen Theoreme der sozialen Kälte und des universellen Verblendungszusammenhangs mit einer Kritik der neoliberalen Universität. Henning plediert dafür, einige Themen der Klassiker der Kritischen Theorie (insbeondere nennt er Honneth) liegen zu lassen und fordert gleichzeitig dazu auf, wieder an die ältere Generation der Kritischen Theorie anzuknüpfen und von ihr zu lernen – in seinem Statement geht er auf einige Vorträge ein, die auf der Konferenz gehalten wird und gibt Anstoß noch einmal über einzelne Aspekte zu diskutieren. Hogh schließt noch einmal an die sprachtheoretische Diskussion an, um unter diesem Aspekt Adorno und Habermas kritisch in Beziehung zueinander zu setzen. Klinger hält die Frage, ob es eine Praxis der Kritischen Theorie geben kann, für verkehrt – ihr Statement: die Praxis der Kritischen Theorie ist die Theorie. Eine revolutionäre Perspektive scheint in der Abschlussdiskussion nicht auf.

    Download: Statements (mp3; 65,1 MB; 1 h 11:08 min), Diskussion (mp3; 34,6 MB; 37:48 min)
  1. Dazu sei angemerkt, dass der Vortrag von Ingo Elbe aus gesundheitlichen Gründen leider ausfallen musste und der Mitschnitt des Vortrags von Frank Benseler aufgrund der zu geringen Lautstärke nicht verwendbar war. [zurück]
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