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Masernepidemie in Wales, Wakefield gibt Impfstoff die Schuld May 2, 2013 | 08:56 pm

Als Andrew Wakefield vor 15 Jahren mit seiner betrügerischen Arbeit an die Öffentlichkeit trat, säte er eine fruchtbare Saat der Angst, für die wieder einmal die Ernte eingefahren wird.

Wakefield hatte damals einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Masernimpfstoff behauptet, der sich aber in zahlreichen Studien nicht nur nicht bestätigen lies: im Nachhinein wurde auch festgestellt, dass Wakefield vor der Veröffentlichung 55.000 £ von Anwälten erhalten hatte, die Eltern autistischer Kinder bei einer Klage gegen Impfstoffhersteller vertraten.

Doch im ersten Moment veröffentlichte die renommierte Zeitschrift Lancet sein Papier, die Medien sprangen an und in Folge dessen gingen die Impfraten zurück. Auch wenn Andrew Wakefield heute restlos diskreditiert und seine “Forschung” im Mülleimer der Geschichte gelandet ist, wird er noch immer von diversen Impfgegnern als Held gefeiert. Denn natürlich war nicht er der Bestechliche, nein: alle anderen sind korrupt und unterdrücken seine Forschungsergebnisse.

mmr_graph In der Folge sanken die Impfraten und fielen schließlich bis 2004 auf 80%. Das mag nicht so wenig scheinen, aber es bedeutet, dass 2004 100.000 Kinder nicht geimpft wurden und das mit dieser niedrigen Impfrate die wichtige Herdenimmunität nicht gewährleistet ist – heißt, die Krankheit sich recht gut verbreiten kann.

Und wo gesät wird, dort wird geerntet.

Mit dem Rückgang der Impfraten kehrten auch die Masern wieder zurück. Oh, Großbritannien hatte immer einige wenige Fälle, aber 2012 wurde mit 2.016 Fällen der bei weitem höchste Wert seit 18 Jahren erzielt. Und wie es aussieht, wird dieser zweifelhafte Rekord dieses Jahr noch einmal überboten.

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In der Region Swansea in Wales sind in den letzten Monaten bereits mehr als 1.000 Fälle von Masern diagnostiziert worden und ein 25-jähriges Todesopfer ist wahrscheinlich schon zu beklagen. “Wahrscheinlich” deshalb, weil der Mann auch unter schwerem Asthma litt und bis dato kein endgültiges Autopsie-Ergebnis veröffentlicht wurde. Die Masern sind keine harmlose Krankheit, wie viele meinen, auch heute noch gibt es immer wieder Todesfälle zu beklagen.

Jedenfalls klettern die Fallzahlen bei jedem neuen Bericht in den englischen Medien und die Geschichte findet auch schon international Resonanz. Auf Youtube liegt ein schöner Bericht des australischen Senders ABC vor, mit dem Titel “Wakefield MMR fraud comes home to roost in Wales”

Menschen erzählen, dass sie durch die Wakefield-Behauptungen verunsichert wurden und im Nachhinein ist die Reue groß.

Väter und Mütter berichten, dass sie sich wünschten, ihre Kinder geimpft zu haben. Ein Vater, dessen drei Kinder nun an den Masern erkrankt sind, fordert Eltern auf, ihre Kinder impfen zu lassen.

Eine Autorin beim Guardian schreibt, dass sie sich einerseits schämt, ihre Tochter 2011 nicht geimpft zu haben (erst als sie später an Keuchhusten erkrankte, bereute sie die Entscheidung), aber sie schreibt auch, dass die Unsicherheit trotz aller rationalen Gedanken noch immer da sei, eine schlechte Vorahnung gegenüber der Impfung.

Solange die Krankheit nur eine ferne Erinnerung war, musste man über die Entscheidung von damals nicht mehr nachdenken, hatte sie vielleicht vergessen. Jetzt, wenn ihre Kinder krank werden, vermeidbar krank, ärgern sich die Leute, dass sie nicht impfen ließen. Es ist keine rationale Entscheidung nicht zu impfen, es ist meist eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Großbritannien unternimmt jetzt alle Anstrengungen und startet erneut eine Impfkampagne, um des Problems Herr zu werden. Die Impfkampagne von 2008 hatte leider nur mäßigen Erfolg, aber vielleicht sind die Menschen jetzt wieder etwas wachgerüttelt.

Der größte Hohn in der aktuellen Situation kommt aber von Andrew Wakefield selbst, der seinen eigenen Kommentar ins Internet gestellt hat. In aller Kürze zusammengefasst:

Er findet es völlig unpassend, dass man ihm die Schuld gibt. Er ist nicht schuld. Die Regierung ist schuld, denn er hat eine viel einleuchtendere Erklärung, wie es zur Epidemie kam.

Der Impfstoff hat versagt. Denn würde der Impfstoff wirken, gäbe es nicht so viele Fälle. Er hat zwar keine Beweise, aber glaubt, dass es so sein könnte. Die Regierung ist schuld, weil sie nur auf den MMR-Impfstoff gesetzt hat. Und der ist natürlich nicht nur gefährlich, sondern könnte ja sogar versagen. Sie hätten lieber den von ihm empfohlenen Einzelimpfstoff zulassen sollen, der seiner Meinung nach viel besser war. Außerdem hätte er gerne eine Fernsehdebatte darüber, warum alle so gemein zu ihm sind.

Chuzpe oder Wahnvorstellungen, fragt man sich da. Wakefield empfohl damals statt dem bösen MMR einen Einzelimpfstoff einzusetzen, “völlig überraschend” stellte sich später bei Nachforschungen heraus, dass er Patente dazu angemeldet hatte und ganz zufällig ein Vermögen verdient hätte, wäre MMR diskreditiert worden. Was natürlich nichts damit zu tun hatte, dass er MMR später mit Autismus in Verbindung brachte. Purer Zufall.

Böse Zungen, wie der Scienceblogger Orac, der bei Wakefields Gewäsch ein Würgegefühl kaum unterdrücken kann sowie der Autor Michael Fitzpatrick (Defeating Autism: A Damaging Delusion, MMR and Autism: What Parents Need to Know) nehmen auch die Forderung nach einer Fernsehdebatte nicht sehr ernst. Seit 2003 hat sich Wakefield keinem kritischen Publikum mehr gestellt und sich nur mehr auf Impfgegnerveranstaltungen beweihräuchern lassen.

Impfgegner und Autisten November 22, 2012 | 08:02 am

“Impfgegner und Autismus” ist ein leidiges Thema, das in unserem Blog schon detailliert besprochen wurde. Dass ein möglicher Zusammenhang intensivst untersucht wurde, interessiert die Vertreter dieser Behauptung wenig.

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht nur ignoriert: sie sind auch völlig unerwünscht, da sie dem zentralen Dogma des eigenen Glaubens widersprechen. Und was nicht sein darf, das kann nicht sein. Ob an dieser Stelle der Grundstein für eine grundsätzliche Wissenschafts-/Medizinfeindlichkeit gelegt wird oder diese schon vorher bestand (z.B. beim Übergang vom Homöopathen zum Impfgegner), ist dabei egal. Man misstraut der Wissenschaft und vertraut implizit jedem, der sich gegen sie äußert.

Einen großen Beitrag zu diesem Misstrauen hat Andrew Wakefield geliefert, der einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus postulierte, worauf die Impfrate in England massiv zurückging. Man hat ihn zwar der Fälschung überführt, aber Kinder sind unnötig gestorben und das Gerücht ist seither nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Wakefield wird, obwohl er erwiesenermaßen Geld genommen hat, weiterhin zitiert. Er wird als einzelner Held einfach unterdrückt und dem Rest der Forschung wird im Gegenzug angedichtet, dass alle von der Pharmamafia bestochen seien.

Mit der Behauptung, dass Impfungen Autismus verursachen, hört es aber auch nicht auf. Wird ein Kind als autistisch diagnostiziert (hier wird oft das breite Spektrum autistischer Krankheiten gemeint), wird nicht nur sofort geschrien: “Impfschaden, Impfschaden”, nein, es wird auch oft gleich Heilung oder Linderung angeboten.

Entsprechende Gruppen wenden sich dabei “hilfsbereit” an Eltern von autistischen Kindern, um ihnen beliebige Quacksalbereien anzudrehen. Man gibt den Eltern des Kindes einen Grund (Die Impfungen sind schuld), spendet ihnen Trost und bekommt im Gegenzug vielleicht Spenden und treue Kunden.

Oh, wir wollen nicht behaupten, dass diese Organisationen bzw. die Mitglieder nur kommerziell motiviert agieren; sicherlich sind einige vom festen Glauben beseelt, den Menschen zu helfen. Aber der monetäre Aspekt schwimmt doch immer irgendwo rum. Man muss ja irgendwie sein Geld verdienen.

Generation Rescue, eine gemeingefährliche “gemeinnützige” Organisation, die vor allem durch ihre Frontfrau Jenny McCarthy bekannt wurde, ist zum Beispiel gerade eine Partnerschaft mit der Firma “Health Partner Sauna” eingegangen. Man macht dabei – bestimmt ganz uneigennützig – Werbung für die Produkte des Saunaherstellers.

Generell kann man ja nichts gegen die Sauna sagen, ist eine wunderbare Sache mit gesundheitlichen Vorteilen (aber auch Gefahren!), aber bei Autismus gibt es keinerlei Evidenz. Eine Autorin des Forbes Magazine hat recherchiert und die Werbeaussagen der Firma ziemlich verrissen.

“Health Partner Sauna” wirbt auch mit Entschlackung (Detox) und hält es zum Beispiel auch für notwendig darauf hinzuweisen, dass ihre Kabinen kaum elektromagnetische Strahlung aussenden.

Natürlich ist das nichts Neues, Generation Rescue wirbt schon seit Jahren für diverse pseudomedizinische Verfahren wie die Chelattherapie oder Behandlung mit Lupron. Lupron ist ein starkes Medikament, das die Östrogen/Testosteron-Produktion unterbricht. Bei Kindern angewendet, kann das Medikament unter anderem den permanenten Verlust der sexuellen Funktionalität verursachen.

Oder ebenfalls sehr ekelhaft: bei der letzten “Autismus One/Generation Rescue” Konferenz wurde – wie wir schon berichteten – eine Kerri Rivera als Sprecherin eingeladen, die mit großem Vergnügen erklärt, wie man autistische Kinder mit MMS-Einläufen foltert (MMS ist ein industrielles Bleichmittel).

Man könnte noch diverse Beispiele wie die CEASE-Therapie anführen, bei der Impfgegner mit autistischen Kindern Geld verdienen, aber es genügt wohl. Es ist und bleibt ein schmutziges Gewerbe. Mag eine Sauna ja noch recht harmlos sein – MMS-Einläufe und chemische Kastration sind es sicher nicht.