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Antisemitismus in feministischen Kontexten April 2, 2017 | 01:52 pm

Vortrag und Diskussion mit Merle Stöver

Donnerstag, 27. April 2017, 19.30 Uhr, Stuttgart                                             AWO-Ost, Ostendstraße 83, 70188 Stuttgart

Feminismus stellt eine gesellschaftliche Notwendigkeit dar und muss immer Teil von Gesellschaftsanalyse und -kritik sein. Doch mit Blick auf gesellschaftliche Missstände sehen wir das Fortleben antisemitischer Ideologie, die weder vor linken Kontexten noch vor feministischen Gruppierungen und ihren Gesellschaftstheorien Halt macht. Daher gilt es zu untersuchen, ob es unter Feminist*innen bzw. im Feminismus Antisemitismus gibt und auf welche Art und Weise sich dieser äußert. Dafür soll ein historischer Abriss der deutschen Frauen*bewegungen bzw. der feministischen Debatten gegeben werden. Es wird der Blick auf aktuelle feministische „Ikonen“ und neue feministische Bündnisse und Theorien gelenkt, um anschließend die Frage zu besprechen, ob es Parallelen und strukturelle Gemeinsamkeiten zwischen antisemitischer Ideologie und feministischen Theorien gibt.
Gerade mit Hinblick auf die „Albertus-Magnus-Professur“ Judith Butlers ist es an der Zeit, Antisemitismus auch als solchen zu bezeichnen, ihn zu enttarnen und ihn nicht länger als „Pauschalangebot“ an die globale Linke hinzunehmen.

Merle Stöver ist Feministin, Bloggerin und Aktivistin. Sie äußert sich regelmäßig zu Debatten über Feminismus und Antisemitismus.

 

Audio: Trumpokalypse? December 17, 2016 | 12:55 pm

Vortrag von Jörn Schulz

gehalten am 14. Dezember 2016 in Stuttgart

 

Donald Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen, die republikanische Mehrheit im Kongress wird ihn nun unterstützen. Wie lange? Eine konsequente Verwirklichung der Wahlversprechen Trumps würde die USA in den ökonomischen Ruin und an den Rand eines Bürgerkriegs treiben. Können institutionelle Zwänge Trump bändigen oder werden die USA eine „illiberale Demokratie“? Die Proteste nach Trumps Wahlsieg zeigten, dass er mit Widerstand rechnen muss. Aber Linke und Linksliberale sind desorientiert. Nicht zuletzt weißen Arbeitern hat Trump seinen Sieg zu verdanken. Arbeitern, die einen Milliardär wählten, der die Unternehmenssteuern senken will. Tschüss, Klassenkampf? Wie kann der „culture war“ gegen die rassistische und misogyne Rechte erfolgreich geführt werden? Und was ist vom deutschen Diskurs zwischen Begeisterung bei der AfD und neuen Höhenflügen des Antiamerikanismus zu halten?

Jörn Schulz ist Redakteur der Wochenzeitung Jungle World

Eine gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Geissstraße 7 mit Emanzipation und Frieden

Audio: Frauenhirne – wie ideologischer Unsinn zur wissenschaftlichen Tatsache wird November 25, 2016 | 02:04 pm

Vortrag von Christine Zunke

gehalten am 14. November 2016 in Stuttgart 

Dass Frauen anders sind, ist allgemein bekannt. Und dass dies nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen habe und die soziale Verschiedenheit der Geschlechter eine Folge der biologischen Unterschiede sei, möchten viele gern glauben. Insbesondere in der Neurophysiologie werden bestimmte Verhaltensweisen durch geschlechtsspezifische Ursachen im Gehirn erklärt. So wird ein weibliches Gehirn konstatiert und vom männlichen unterschieden.
Wie kommen solche naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse überhaupt zustande? Und welche Konsequenzen haben sie für die gesellschaftliche Diskussion um die Gleichstellung der Geschlechter?

Im Vortrag von Dr. Christine Zunke von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg wird exemplarisch am Beispiel des Buches von S. Baron-Cohen „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ gezeigt, wie das vorgegebene Resultat der sozialen Geschlechtsdifferenz sich schon in den Prämissen der Forschung findet, wie Ursache und Wirkung des Wechselspiels von Handlung und gemessener Hirnaktivität sich verkehren und wie schließlich aufgrund nicht-geschlechtskonformen Verhaltens einzelner Proband_innen die Genderzugehörigkeit des Gehirns sich vom Sexus des Körpers trennen muss, um das Dogma des spezifisch weiblichen Verhaltens aufrecht erhalten zu können.

Christine Zunke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort lehrt sie praktische und theoretische Philosophie und ist Mitbegründerin der Forschungsstelle kritische Naturphilosophie (FkN)

Eine Veranstaltung in Kooperation der Friedrich-Ebert-Stiftung Baden-Württemberg, des Evangelischen Bildungswerks Hospitalhof Stuttgart und des Fördervereins Emanzipation und Frieden e.V.

Trumpokalypse? November 18, 2016 | 03:35 pm

Vortrag und Diskussion mit Jörn Schulz

Mittwoch, 14. Dezember 2016, 19.30 Uhr, Stuttgart

Stiftung Geißstr.7, Geißstr.7, 70173 Stuttgart

Der Vortrag ist mittlerweile HIER zu hören

Donald Trump hat die Präsidentschaftswahl gewonnen, die republikanische Mehrheit im Kongress wird ihn nun unterstützen. Wie lange? Eine konsequente Verwirklichung der Wahlversprechen Trumps würde die USA in den ökonomischen Ruin und an den Rand eines Bürgerkriegs treiben. Können institutionelle Zwänge Trump bändigen oder werden die USA eine „illiberale Demokratie“? Die Proteste nach Trumps Wahlsieg zeigten, dass er mit Widerstand rechnen muss. Aber Linke und Linksliberale sind desorientiert. Nicht zuletzt weißen Arbeitern hat Trump seinen Sieg zu verdanken. Arbeitern, die einen Milliardär wählten, der die Unternehmenssteuern senken will. Tschüss, Klassenkampf? Wie kann der „culture war“ gegen die rassistische und misogyne Rechte erfolgreich geführt werden? Und was ist vom deutschen Diskurs zwischen Begeisterung bei der AfD und neuen Höhenflügen des Antiamerikanismus zu halten?

Jörn Schulz ist Redakteur der Wochenzeitung Jungle World

Eine gemeinsame Veranstaltung der Stiftung Geissstraße 7 mit Emanzipation und Frieden

 

Frauenhirne – wie ideologischer Unsinn zur wissenschaftlichen Tatsache wird October 4, 2016 | 04:22 pm

Vortrag und Diskussion mit Christine Zunke

Montag, 14. November 2016, 19.00 Uhr, Stuttgart                                                     (Einlass 18.30 Uhr)
Hospitalhof,  Büchsenstraße 33, 70174 Stuttgart

Der Vortrag kann mittlerweile HIER nachgehört werden

Dass Frauen anders sind, ist allgemein bekannt. Und dass dies nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen habe und die soziale Verschiedenheit der Geschlechter eine Folge der biologischen Unterschiede sei, möchten viele gern glauben. Insbesondere in der Neurophysiologie werden bestimmte Verhaltensweisen durch geschlechtsspezifische Ursachen im Gehirn erklärt. So wird ein weibliches Gehirn konstatiert und vom männlichen unterschieden.
Wie kommen solche naturwissenschaftlichen Forschungsergebnisse überhaupt zustande? Und welche Konsequenzen haben sie für die gesellschaftliche Diskussion um die Gleichstellung der Geschlechter?

Im Vortrag von Dr. Christine Zunke von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg wird exemplarisch am Beispiel des Buches von S. Baron-Cohen „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ gezeigt, wie das vorgegebene Resultat der sozialen Geschlechtsdifferenz sich schon in den Prämissen der Forschung findet, wie Ursache und Wirkung des Wechselspiels von Handlung und gemessener Hirnaktivität sich verkehren und wie schließlich aufgrund nicht-geschlechtskonformen Verhaltens einzelner Proband_innen die Genderzugehörigkeit des Gehirns sich vom Sexus des Körpers trennen muss, um das Dogma des spezifisch weiblichen Verhaltens aufrecht erhalten zu können.

Im Anschluss wird Manuela Rukavina, Vorsitzende des Landesfrauenrat Baden-Württemberg die politischen Auswirkungen und Herausforderungen der Gleichstellungspolitik kommentieren.

In der anschließenden Plenumsdiskussion sind Sie herzlich eingeladen die Themen weiter zu diskutieren.

Moderation: Adrienne Braun, Journalistin, Autorin und Kolumnistin

Christine Zunke ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. Dort lehrt sie praktische und theoretische Philosophie und ist Mitbegründerin der Forschungsstelle kritische Naturphilosophie (FkN)

Eine Veranstaltung in Kooperation der Friedrich-Ebert-Stiftung Baden-Württemberg, des Evangelischen Bildungswerks Hospitalhof Stuttgart und des Fördervereins Emanzipation und Frieden e.V.

um verbindliche Voranmeldung unter www.fes.de/lnk/zunke wird gebeten

Frauenhirne – wie ideologischer Unsinn zur wissenschaftlichen Tatsache wird April 10, 2016 | 10:29 am

Vortrag und Diskussion mit Christine Zunke

ACHTUNG – Wegen Erkrankung der Referentin kann der Vortrag NICHT am 28. April 2016 stattfinden. Wir bemühen uns um einen neuen Termin. Mehr Infos demnächst.

 

Dass Frauen anders sind, ist allgemein bekannt. Und dass dies nicht gesellschaftliche, sondern natürliche Ursachen habe und die soziale Verschiedenheit der Geschlechter eine Folge der biologischen Unterschiede sei, möchten viele gern glauben. Die Naturwissenschaft hilft hierbei, indem sie bestimmte Verhaltensweisen durch entsprechende Ursachen im Hormonhaushalt und insbesondere im Gehirn zu erklären versucht. Am Beispiel des Buches von S. Baron-Cohen „Vom ersten Tag an anders. Das weibliche und das männliche Gehirn“ soll exemplarisch aufgezeigt werden, wie das vorgegebene Resultat der sozialen Geschlechtsdifferenz sich schon in den Prämissen der Forschung findet, wie Ursache und Wirkung des Wechselspiels von Handlung und gemessener Hirnaktivität sich verkehren und wie schließlich aufgrund nicht-geschlechtskonformen Verhaltens einzelner Proband_innen die Genderzugehörigkeit des Gehirns sich vom Sexus des Körpers trennen muss, um das Dogma des spezifisch weiblichen und männlichen Verhaltens aufrecht erhalten zu können.

Christine Zunke ist Mitbegründerin der Forschungsstelle kritische Naturphilosophie (FkN) an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, wo sie als Dozentin arbeitet. http://cdzunke.de

Eine Veranstaltung von Contain’t und Emanzipation und Frieden

siehe auch auf Facebook

 

Gendern? December 18, 2015 | 11:18 am

„Die Welt ist schlecht, weil alle Menschen Vorurteile haben
Deshalb plädiere ich stark für eine Abschaffung der Sprache
Allgemein – Denn Sprache ist abstrakt und schließt Vorurteile
Somit automatisch ein – automatisch ein“
(NMZS – Kommentarfeld)

Dieser Text soll unsere Diskussion zur Praxis des ‚Genderns‘, also der Veränderung von Sprech- und Schreibformen, die sich (auch) auf Geschlechter beziehen, dokumentieren. Dabei geht es uns nicht darum, erschöpfend alle Argumente für und gegen diese Praxis darzulegen, vielmehr wollen wir unseren internen Diskussionsprozess transparent machen. Im Folgenden führen wir vier wesentliche Argumente/Positionen auf.

a) Sprache ist wirkmächtig. Sprech- und Schreibweisen, die Frauen* ignorieren (wie das generische Maskulinum) hängen mit Denkweisen zusammen, die Frauen* grundsätzlich passive Positionen in der Gesellschaft zuschreiben. Hinzu kommt, dass Menschen, die sich nicht in das System von nur zwei Geschlechtern einordnen wollen, in den meisten Sprech- und Schreibweisen schlicht ignoriert werden.

b) Gegenderte Sprache birgt die Gefahr, die sexistische Realität zu verschleiern. Wenn ich beispielsweise aus vermeintlicher Sprachsensibilität ‚Reinigungskräfte‘ statt ‚Putzfrauen‘ schreibe, spreche ich einerseits exakter, weil ich die männlichen* Reinigungskräfte mit einbeziehe, unterschlage damit aber auch den Fakt, dass diese besonders unangenehme Lohnarbeit eben überwiegend von Frauen* durchgeführt wird. „Die Verwendung des Unterstrichs wäre unserer Einschätzung nach in diesem Kontext euphemistisch, da wir damit behaupteten, die Wahl zwischen vielen verschiedenen verlockenden Möglichkeiten geschlechtlicher Identität zu haben. Die sehen wir nicht.“ (Lent/Trumann 2015, S. 11) Andererseits können auch Wünsche oder Utopien in das Sprachhandeln einfließen. So kann gegenderte Sprache auch als Ausblick auf eine angenehmer organisierte Welt gelesen werden.

c) Die Grenze zwischen sensiblem Sprechen/Schreiben und Sprachpolizei-Gehabe ist nicht immer eindeutig. Wenn Regeln für sensible Sprache mit einer Haltung vertreten werden, die dazu führt, dass ‚Nicht-Eingeweihte‘ sich nicht mehr trauen, an Debatten teilzunehmen, ist dem kritischen Denken mehr geschadet als geholfen.

d) Rassismen und Sexismen lassen sich nicht einfach durch Sprachtechniken vermeiden. Sie strukturieren unsere Gesellschaft, sichern Herrschaftsverhältnisse und produzieren somit Ausschluss. Es ist utopisch zu glauben, dass sich heutige Gesellschaften, die komplett von Rassismus und Sexismus durchdrungen sind, vollständig von diesen Ideologien befreien können. Was uns als Instrument bleibt ist die Kritik an den herrschenden Ideologien. Wenn wir den Schritt wagen, ausgrenzende und herabwürdigenden Ideologien zu thematisieren und zu kritisieren, wäre es reichlich inkonsequent, die eigene Sprache von diesen Reflexionen unberührt zu lassen. Dennoch können eingeübte Sprechweisen als eine Art Szenekonsens auch darüber hinwegtäuschen, dass Reflexion eben kein Schritt ist, der, einmal gegangen, abgehakt
werden kann.

Da diese Sichtweisen nicht widerspruchsfrei zu vereinen sind, haben wir uns entschieden, unsere Texte nicht auf eine einheitliche Art und Weise zu gendern. Wir arbeiten stattdessen teils mit binären Geschlechterkonstruktionen, teils mit einem Gendersternchen (*) oder Unterstrichen (_). Das Sternchen bedeutet, dass mehrere Geschlechtsidentitäten jenseits der binären Geschlechterlogik (Frau und Mann) existieren können und dies freilich auch in der Geschichte der Fall war, es allerdings weniger thematisiert werden konnte. Der Unterstrich (auch Gendergap) symbolisiert eine Freistelle, in der sich Menschen finden können, die sich geschlechtlich nicht
traditionell verorten. Schreiben wir zwecks der Lesbarkeit beispielsweise „Jüdinnen und Juden“, meinen wir selbstredend nicht nur die beiden hegemonialen  Geschlechterkonstruktionen, sondern die ganze Bandbreite an Geschlechtsidentitäten, darüber hinaus auch jüdische Kinder und Jugendliche. Wir erachten es jedoch als schwierig, historische Gegebenheiten und Termini, wie z.B. „Judenfeindschaft“, durch komplexe sprachliche Neologismen, wie Jüd*innenfeindschaft zu ersetzen, da uns dies dem Zweck eines kritischen Textes nicht angemessen erscheint und eine
Anschlussfähigkeit des Textes erschweren würde. Wir bitten um das Verständnis unserer Lesenden. Mit unserer Gendering-Praxis versuchen wir unter anderem auch darauf aufmerksam zu machen, dass beispielsweise Antisemit*innen nicht ausschließlich Männer sind, sondern auch im weiblichen und in anderen Geschlechtsidentitäten zu finden sind.

* bzw. als solche wahrgenommene oder sich als solche wahrnehmende

Lent, Lilly / Trumann, Andrea (2015): Kritik des Staatsfeminismus. Kinder, Küche, Kapitalismus. Berlin: Bertz und Fischer

Emanzipation und Frieden, Dezember 2015

Der Maulwurf und die Nelken March 29, 2015 | 04:52 pm

Krise & Revolution in Portugal

A toupeira e os cravos – Crise e Revolucão em Portugal – O rizoma … 1974 – 2014 / The mole and the carnations – crisis and revolution in Portugal – the rhizome … 1974 – 2014

This article includes one lecture in english language – please have a look at the third capture.

Im letzten Jahr hat die Leipziger Translib eine Veranstaltungsreihe anlässlich der vierzigsten Jährung der portugiesischen Revolution von 1974/75 organisiert. Nach dem Putsch vom 25.04.1974 gegen das faschistische Regime Salazars explodierten in Portugal die Klassenkämpfe und das Proletariat begann sich in großen Teilen in Räten und Komitees selbst zu organisieren. Gegen diese Selbstorganisierungsansätze setzte sich in Portugal nach erheblichen Auseinandersetzungen schließlich die bürgerliche Demokratie durch – die radikalen Tendenzen der »letzten sozialistisch orientierten Revolutionsbewegung der Arbeiter_innen und der Landarmut im alten Europa« sind heute nahezu vergessen. Die Translib hat es sich im Zuge der Veranstaltungsreihe zur Aufgabe gemacht, diesem Vergessen entgegenzuwirken und zahlreiches Material zutage befördert. Dabei ging es nicht um eine rückblickende Glorifizierung dieser Bewegung, sondern um eine Aufarbeitung – so wurde etwa im Rahmen der Reihe immer wieder der Sexismus der Arbeiterbewegung Portugals jener Zeit problematisiert und die Rolle der Frauen herausgearbeitet. Wir dokumentieren im Folgenden die Mitschnitte der Veranstaltungsreihe. Wir hatten damals bereits schon ein Interview zur Veranstaltungsreihe dokumentiert, das gut zur Einführung und Einstimmung gehört werden kann.

Die Veranstaltungsreihe „Der Maulwurf & die Nelken“ / „Topeira e Cravos“ hat zum Gegenstand die revolutionäre communistische Tendenz in der bürgerlichen Gesellschaft, die in den Ereignissen um die „Nelkenrevolution“ in Portugal vor allem in den Jahren 1974 und 1975 als wirkender Faktor in Erscheinung trat. Dieser Teil der Geschichte, als eine von Klassenkämpfen, ist heute weitgehend vergessen oder überhaupt unbekannt, und an seiner Stelle steht das spektakuläre Bild der Aktionen von Militärs und Politikern. Dabei war der Putsch vom 25.4.1974 gegen das faschistische Regime der Anlass zu einer regelrechten Explosion der Klassenkämpfe, die sich schon durch die vielen Streiks und Demonstrationen der Arbeiter_innen Ende 1973 angekündigt hatte, zu einem Zeitpunkt, an dem sich die portugiesische Gesellschaft in einer tiefen Krise befand. Der proletarische Maulwurf wühlte eben schon, bevor die Nelken zu blühen begannen, die dann zum Symbol des friedlichen Umsturzes des faschistischen Salazar/Caetano-Regimes geworden sind. Diese Periode des Klassenkampfes, die in Portugal als „Processo Revolucionário Em Curso” (anhaltender revolutionärer Prozess; abgekürzt: PREC) bezeichnet wird, begann mit einer großen Welle von Streiks und Demonstrationen. Sofort strömten die Menschenmassen spontan auf die Straße, feierten das Ende des alten Regimes und nahmen den Kampf gegen die faschistischen Überreste in der Gesellschaft (zunächst die Geheimpolizei sowie Faschisten in der Leitung verschiedener Unternehmen) selbsttätig auf. Am 1.Mai 1974 war der Aufbruch von Millionen Menschen auf den Straßen der deutlichste Ausdruck des allgemeinen Willens zur Emanzipation von den alten Mächten. Am Vorabend, dem 30. April („Walpurgisnacht“!) hat sich die organisierte Frauenbewegung in Portugal gegründet – die MLM. Wie schwer sie es hatte, machte aber auch zugleich die fatale Rückständigkeit des proletarischen „Maulwurfs“, seine Blindheit deutlich ! Immerhin: überall gab es nun Streiks und Fabrikbesetzungen, und die Arbeiter_innen organisierten sich selbst, unabhängig von den gewerkschaftlichen Apparaten, um ihre Interessen durchzusetzen und teilweise sogar die Produktion in die eigenen Hände zu nehmen. Auch wurden schliesslich viele Ländereien besetzt, und die Landarbeiter_innen schlossen sich zu Kooperativbetrieben zusammen, begannen sich so aus der Armut und Ohnmacht zu befreien. Nachdem im März 1975 noch einmal ein rechter Putschversuch von Arbeiter_innen und Soldaten abgewehrt werden konnte, wurden zunehmend Fragen der Selbstbewaffnung und der Bildung revolutionärer Räte aufgeworfen. Dieser Macht-Klärungsprozess spitzte sich bis Ende 1975 immer weiter zu und konnte erst durch eine große polizeiliche Aktion der unter dem Schutz der „sozialistischen“ Militärdiktatur neuentstehenden bürgerlichen Demokratie unterbunden werden.

Im offiziellen Gedächtnis ist wenig Wahres von dieser abgebrochenen Revolution übrig geblieben. Die Rolle des Proletariats als Maulwurf und Unterminierer der alten feudalen, kolonialen und ebenso der modernen bürgerlichen Gesellschaft und seine Wühlarbeit als revolutionäre Subversion in den Klassenkämpfen wird kaum begriffen, ist aber darum noch lange nicht aus der Welt geschafft. Das Rhizom bleibt! Denn der gesellschaftliche Gegensatz von gesellschaftlicher Arbeit und privatem Klasseneigentum, der immer wieder zur Krise und zum Klassenkampf treibt, wie die Ereignisse der letzten 6 Jahre auf der ganzen Welt mal wieder gezeigt haben, besteht weiterhin und zwingt uns bei Strafe des Untergangs, ihn auf eine neue Weise aufzuheben. Um den schon begonnenen, aber bisher immer wieder gescheiterten Übergang zu einer communistischen Produktions- und Verteilungsweise erneut anzugehen, müssen wir die revolutionären Versuche der Vergangenheit genau studieren, um nicht dem geschichtlichen Wiederholungszwang zu verfallen, ihre alten Fehler erneut zu begehen. An der „portugiesischen Erfahrung“ können wir vor allem lernen, wie und um welchen Preis das Proletariat die politische Macht an das Militär oder an staatstragende Parteien – trotz ihrer vorübergehenden „sozialistischen“ Programme stets die Hüter der bürgerlichen Eigentumsordnung – abgeben kann und wie es passiert, dass wir im Schatten unserer Repräsentation alle unsere Möglichkeiten aufgeben können, endlich zur geschichtlichen Macht, zum selbstbewussten Subjekt zu werden, das heisst für unsere eigene Aufhebung als Proletariat, als Objekt der Lohnsklaverei. Die Zahlungsbilanz der sozialen Kämpfe an Europas Peripherie wirft nach 40 Jahren im Zentrum der neuen Krise unweigerlich, auf allen Ebenen die Frage der Abrechnung auf. [via]

1.) „Nelkenrevolution“ – 40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Die Veranstaltungsreihe wurde mit einer kommentierten Lesung eröffnet. Nach einer Einleitung zum Titel und zur Intention der Reihe begann die Lesung mit einem Auszug des Textes „Wer hat die Macht in Portugal?“ von Maren Sell aus dem Sommer 1974, worin die Vorgeschichte der Revolution und die Ereignisse und Stimmungen unmittelbar nach ihrem Ausbruch beschrieben werden. Im Text „Portugal vor der Entscheidung“ von Tony Cliff aus dem Herbst 1975 wird dann die Dynamik und Entfaltung der Klassenkämpfe beschrieben. Der Text „Der soziale Krieg in Portugal“ des Situationisten Jaime Semprun charakterisiert die Klassenauseinandersetzungen im Zuge der portugiesischen Revolution und bezieht sich dabei vor allem auf die Ereignisse des Jahres 1975. Der Text des Trotzkisten Peter Robinson, „Arbeiterräte in Portugal 1974/75″, aus dem Jahr 2010 enthält Beschreibungen der rätemäßigen Organisierung der Arbeiter, wobei er die Auseinandersetzung um die Selbstverwaltung mehrer Zeitungen fokussiert, und beschreibt das Auslaufen des revolutionären Prozesses. Der Text „Die portugiesische Erfahrung“ des Zeitzeugen Charles Reeve versucht eine Auswertung der gescheiterten Revolution und eine Bestimmung ihrer inneren Schranke, die er vor allem in der Fixierung auf das Militär sieht. Der zweite Teil widmet sich der Erfahrung von Frauen, die an der Revolution teilgenommen, sich in ihrem Zuge ebenfalls selbst organisiert haben und die dabei auf erheblichen Widerstand der Männer gestoßen sind. So werden Auszüge aus den „Neuen Portugiesischen Briefen“ von Maria Isabel Barreno, Maria Teresa Horta und Maria Velho da Costa verlesen. Außerdem wurden einige Stellungnahmen und Flugblätter der Movimente de Libertação das Mulheres (MLM, Bewegung zur Befreiung der Frauen) verlesen. Eine Literaturliste der verlesenen Texte gibt es hier (PDF). Ein Video von dem in der Lesung erwähnten Angriff auf eine feministische Demonstration in Lissabon kann hier gesehen werden, ein Flugblatt der MLM, das auf dieses Ereignis reagiert, gibt es hier.

“A Revolucâo dos Cravos“ – 40 anos de partida PRECária – „Nelkenrevolution“ –40 Jahre PRECärer Aufbruch in Portugal

Wir wollen diese „vergessene Revolution“ am Rande Europas ins Zentrum der Gegenwart, unserer Wahrnehmung bringen – in eine heute noch weiter verschärft krisenhafte Aktualität, deren Alltag ähnlich prekär ist für lohnabhängige Menschen überall, wie sie es bei dem Aufbruch in Portugal vor 40 Jahren war. Und diese – wie jede – Revolution war selbst äusserst brüchig, ja gebrochen, eben prekär: so in ihrer Klassenzusammensetzung, ihren widerspruchsvollen sozialen Interessen-Triebkräften, was in ihrem politischen Durchbruch, Aufbruch und Abbruch als Tumult und „Chaotisierung“, als „Ordnung“ und „Demokratisierung“ erschien. So im Geschlechterverhältnis, im Aufbruch der Frauen aus dem klerikal-faschistischen und unterentwickelt-kapitalistischen Muff patriarchalischer Ausbeutung … Und auch der feministische Emanzipationsanlauf brach sich zunächst noch während jener Revolution an dem Machismo und Sexismus, der in Portugal – natürlich nicht nur dort — bis heute fast ungebrochen dominant geblieben ist.

Aus Anlass der Gründung der portugiesischen Frauenselbstbefreiungsorganisation MLM (Movimento de Libertaçâo das Mulheres) am 30.April 1974 — wenige Tage nach dem Miltärputsch der antifaschistischen Offiziere & Hauptmänner und am Vorabend des 1.Mai, an dem „die Arbeiterklasse und das Volk“ in Portugals Zentren massenhaft als revolutionäres Subjekt, aber auch als bloße Repräsentation auf die Bildfläche trat – in dieser „Walpurgisnacht“ ist die translib ein Ort der Zugänge und des Zusammentreffens: von Bildern und Dokus, Analysen und Stimmen aus jenen Tagen sowie kritischen Blicken der Jetztzeit … Eine Fete ohne Folklore und Tanz in den Mai. Ein Büffet mit Portwein soll es aber geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 153 MB; 2:47:09 h)
    Hören bei Youtube: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3

2.) Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal

Am 20. Juni 2014 waren im Rahmen der Portugal-Reihe Charles Reeve und Ricardo Noronha zu Gast. Charles Reeve war selbst an der portugiesischen Revolution beteiligt und hat seit dem mehrere Texte über die revolutionären Prozesse aus linkskommunistischer Sicht veröffentlicht. Nach einer Einleitung durch die Translib referiert Reeve auf portugiesisch und wird von Cornelia Döll ins Deutsche übersetzt. Charles Reeve geht es in seinem Vortrag vor allem darum, mehrere Mythen zu zerstören: Ein demokratischer Teil der Armeeführung habe die Revolution gemacht und das faschistische Regime gestürzt; die Portugiesische Revolution sei eine Revolution gewesen, die das heutige bürgerlich-demokratische System erreichen wollte; die Portugiesische Revolution sei ein staatssozialistischer Putsch gewesen. Außerdem skizziert er die Schwierigkeiten der ökonomischen Organisierung des Landes im Zuge der revolutionären Prozesse und sucht nach Ursachen für das Scheitern der Revolution. Immer wieder setzt er sich dabei mit Äußerungen Guy Debords zur Portugiesischen Revolution auseinander.

Ajustar contas ainda abertas – 40 anos de luta de classes em Portugal. Debate acerca da “Revolução dos Cravos/PREC”, com um participante e um activista de Portugal (colaboradores da revista “Tranvía” e do Vol. 15 da “Biblioteca da Resistência”)

Die Abrechnung steht noch aus – 40 Jahre Klassenkämpfe in Portugal. Diskussionsveranstaltung zur „Nelkenrevolution / PREC“ mit Charles Reeve und Ricardo Noronha

Es gibt Orte und Jahreszahlen, die in linken Ohren sofort vertraut klingen und bei Vielen eine Flut von Assoziationen, Bildern und Namen hervorrufen. St. Petersburg 1917, Barcelona 1936 oder Paris 1968 sind längst zu mythischen Chiffren für die Siege und Niederlagen der sozialen Revolution geworden. „Lissabon 1974“ bringt dagegen nichts zum Klingen, ruft keine Namen, Bilder und Parolen hervor. Lissabon 1974 steht in keiner lebendigen Beziehung mehr zu uns, und das wofür die Chiffre einsteht, ist nahezu völlig aus dem historischen Bewusstsein einer sich revolutionär verstehenden Linken gelöscht. Und das obwohl – oder vielleicht: gerade weil – das, was am 25. April 1974 in Lissabon mit einem linken Militärputsch in Gang kam, sich rasant zu der radikalsten und umfassendsten sozialen Revolution ausweitete, die Westeuropa nach dem 2. Weltkrieg erschüttert hat. Denn auf die Absetzung eines faschistischen und kolonialistischen Regimes folgte in Portugal eine riesige Bewegung der Besetzungen, die sich innerhalb weniger Monate zehntausende Wohnhäuser, Betriebe und Landgüter aneignete und sie unter die räteförmige Selbstverwaltung der ausgebeuteten Klassen stellte. Seither gab es wohl keinen praktischen Angriff auf die bestehenden Eigentumsverhältnisse mehr, der den herrschenden Klassen so gefährlich geworden wäre!

Wir möchten an diesem Abend über jene Ereignisse diskutieren. Dafür konnten wir mit Charles Reeve und Ricardo Noronha zwei ganz besondere internationale Gäste gewinnen.

Charles Reeve (*1945) desertierte 1967 aus der portugiesischen Kolonialarmee und lebt seitdem im Pariser Exil. Er war in den Jahren 1974/75 aktiver Teilnehmer des revolutionären Prozesses in Portugal. Bereits im Frühjahr 1976 legte er eine kritische Analyse des Scheiterns der „Nelkenrevolution“ in seiner Broschüre Die portugiesische Erfahrung vor. Die hierin enthaltenen Einsichten sind bis heute maßgebend und wurden von Reeve in mehreren über die letzten 40 Jahre verfassten Artikeln und Essays zum Thema kontinuierlich vertieft, zuletzt in seinem neusten Text Das Unvorhersehbare – unser Territorium. Reeve schreibt unter anderem für die Zeitschrift Wildcat und berichtet seit den 1970ern aus verschiedenen Kontinenten über die Kämpfe und Lebensbedingungen eines in permanenter Umwälzung begriffenen Weltproletariats. Zuletzt erschien 2001 von ihm Die Hölle auf Erden. Bürokratie, Zwangsarbeit und Business in China in deutscher Übersetzung bei Edition Nautilus.

Ricardo Noronha arbeitet als Sozial- und Wirtschaftshistoriker am Institut für Zeitgeschichte der Universität Lissabon. Er forscht vor allem zur Einbindung des semi-peripheren Portugal in die europäische und weltkapitalistische Ökonomie und zur Nationalisierung des Bankwesens im Rahmen der „Nelkenrevolution“ (siehe seinen Aufsatz “Die Banken im Dienste des Volkes” in dem Buch “Portugal 25. April 1974 – Die Nelkenrevolution” vom Laika-Verlag). Unlängst veröffentlichte er unter dem Titel Never has a winter been so long ein Thesenpapier auf der Homepage der Gruppe Affect (New York), in dem er seine Einschätzung der komplizierten Konflikte und Alternativen 1974-75 prägnant verdichtet. In der Vergangenheit hat Noronha sich auch mit dem Spanischen Bürgerkrieg 1936-39, dem italienischen Operaismus und der Situationistischen Internationale auseinandergesetzt.

Gemeinsam wollen wir danach fragen, wie und warum die damals durch die Aktion der Ausgebeuteten kurzfristig eroberten ungeheuren Möglichkeiten zur Emanzipation wieder zerschlagen werden konnten? Welche Rolle spielten Staat und Kapital, aber auch die linken Organisationen, also Sozialdemokraten und Gewerkschaften, Parteikommunisten und linksradikale Grüppchen in dieser Auseinandersetzung? Worin bestanden die entscheidenden Schwächen der Bewegung, die eine teils gewaltsame, teils „samtene“ Konterrevolution möglich machten? Und nicht zuletzt: wo stehen Portugal und die portugiesische Bewegung heute, nach 40 Jahren bürgerlicher Konterrevolution und 5 Jahren Schuldenkrise? [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 66.1 MB; 1:12:09 h)
    Hören bei Youtube: Einleitung | Referat Charles Reeve

3.) Revenge is still outstanding – 40 years of class struggles in Portugal

After a progressive military coup against the fascist Salazar-regime in april 1974 the class struggles exploded in Portugal. What happened then is known as the PREC (permanent revolutionary process): the working class started to organize itself in councils and neighborhood-comittees, workers started to takeover factories and poor farmers began to collectivize the acres. The PREC was ended by a social-democratic counter-coup in november 1975. On 20.06.2014 the historian Ricardo Noronha (Lissabon) was guest of the Translib (a self-organized, far-left-communist library in Leipzig) and talked about the PREC. He held a well-informed lecture about the economic, political, military and psychological reasons of the revolution, described it’s course and how it was possible, that the proletariat first started to organize autonomous in a radical way but then the state was able to takeover the organization of the workers. In his opinion the revolution is still current and it is present in the mind of many people in Portugal. Also in the recording of the discussion you get many interesting informations about the PREC – in the discussion you can also hear Charles Reeve, a left-communist who participated in the PREC. Sorry for any mistakes in this english description.

Download: Lecture (mp3; 30.4 MB; 33:10 min) | Discussion (mp3; 62.3 MB; 1:07:59 h)

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Mariage pour tout le monde? Ehe für Alle? Zum Aufstand der französischen Reaktionären gegen die Ehe für Alle May 30, 2014 | 10:50 pm

Interview mit Tjark Kunstreich & Joel Naber
von David Kirsch

Foto: Christopher Glanzl

Die Publizisten Tjark Kunstreich und Joel Naber beschäftigten sich in den letzten Jahren intensiv mit der Bewegung gegen die Legalisierung von homosexuellen Ehen und Lebenspartnerschaften und veröffentlichten kürzlich eine Arbeit über gesellschaftliche und psychologische Formen des Homosexuellenhasses rund um die „mariage pour tous“.

Das gesamte Interview auf PROGRESS Online lesen


„Plötzlich verprügelte man Frauen“ March 8, 2014 | 09:43 pm

Interview mit Sogol Ayrom
von David Kirsch

Sogol Ayrom. Foto: Christopher Glanzl

Sogol Ayrom (*1970) ist eine iranisch-österreichische Aktivistin, die für Frauen- und Menschenrechte im Iran kämpft. Im Interview mit progress-online erklärt sie, wieso das iranische Regime frauenfeindlich ist, unter welchen Restriktionen die IranerInnen leiden müssen und warum sie trotz allem Hoffnung hat.

Kein Kavaliersdelikt January 17, 2014 | 12:22 pm

Die Ex-Magazin-Redaktion dokumentiert einen Vortrag der Gruppe Les Madeleines zur Kritik der Definitionsmacht, über die in Berlin wieder mal diskutiert wird – wahlweise herunterzuladen via Hightail oder via AArchiv. Material zur Kritik des Konzepts findet sich hier, Texte zur Begründung und Verteidigung der Definitionsmacht hier, hier und hier.

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Pierre-Joseph Proudhon – Vater des Anarchismus, Antifeminist und Antisemit July 22, 2013 | 08:32 pm

Einen kurzen Vortrag zur Kritik des kleinbürgerlichen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon hielt Jan Feldmann Anfang Mai 2013 im Rahmen des Offenen Antifa Treffens Dresden. Leider verfährt Feldmann in seiner Kritik wenig immanent. Statt bspw. genauer aufzuzeigen, wie Proudhons zirkulationsfixierte Gerechtigkeits- und Emanzipationsvorstellungen (»Mutualismus«) unreflektiert aus Warentausch und Vertragsform hervorgehen und in welche Widersprüche die Ablehnung des Geldes bei Beibehaltung der Warenproduktion führt, wird der falschen Kapitalismuskritik Proudhons eine richtige, offenbar wert-abspaltungskritisch inspirierte, entgegengehalten. Erfreulicherweise geht Feldmann nicht nur auf den Antisemitismus, sondern auch auf den vehementen Antifeminismus Proudhons ein. Die Diskussion habe ich als insgesamt wenig gehaltvoll empfunden.

Ankündigungstext:

Termin: Thursday, 2. May 2013, 20.00 Uhr || Ort: AZ Conni

Am 02.05. dürfen wir Jan Feldmann bei uns begrüßen, mit einem Vortrag über Pierre-Joseph Proudhon.

Pierre-Joseph Proundhon gilt als einer der ersten Vertreter des Anarchismus und beeinflusst verschiedene politische Strömungen bis heute. Durch seinen historischen Konflikt mit Karl Marx begründete er die antiautoritäre und antistaatliche Sozialismustradition, die 1871 zur Spaltung der Ersten Internationale in eine kommunistische und eine anarchistische Organisation führte. Gleichzeitig finden sich in seinen Werken antisemitische und antifeministische Ausfälle, die nicht nur hinter andere Frühsozialist_innen zurückfallen, sondern auch über den Common Sense seiner Zeit weit hinausgehen. Während diese von einigen anarchistischen Zusammenhängen als Ausrutscher betrachtet werden, die mit seinen eigentlichen Ideen nichts zu tun hätten, soll es in dem Vortrag darum gehen, beispielhaft am Proundhonismus die Gefahren falscher Kapitalismuskritik darzustellen, den inneren Zusammenhang zwischen dieser und seinem Antisemitismus aufzuzeigen und theoretische Konsequenzen zu ziehen.

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„Irgendwann können wir alle zusammen schwimmen!“ June 20, 2013 | 09:16 pm

Über den exil-iranischen Film Sharayet und das unterdrückte Lechzen nach Glück in Teheran

Geschrieben von David Kirsch
erschienen in UNIQUE 05/13

Vom unmöglich gemachten Glück zweier Frauen im Iran, die vom Tugendterror des iranischen Regimes drangsaliert werden, handelt der Film Sharayet (Originaltitel: Circumstance), den die in den USA lebende iranische Filmproduzentin Maryam Keshavarz 2011 produzierte. Er versucht nicht nur, eine soziologische Bestandsaufnahme der iranischen Gesellschaft und ihrer Widersprüchlichkeiten zu leisten, sondern ist auch eine Dokumentation der unterdrückten Schreie nach Freiheit der Teheraner Jugend.

Regisseurin Keshavarz verfolgt das Ziel einer möglichst exakten Abbildung der iranischen Verhältnisse; sie stellt die barbarischen Umtriebe der iranischen SittenwächterInnen und den Zwang zur Unfreiheit durch das islamische Gesetz gnadenlos dar und erzählt das Leben zweier sich zueinander hingezogen fühlender Mädchen.

Der Auftritt der ProtagonistInnen und NebendarstellerInnen besticht vor allem durch ein hohes Maß an Authentizität. Ursprünglich hatte die Regisseurin geplant, den Film im Iran zu drehen und in den Teheraner Schwarzmarkt zu schmuggeln, auf dem Kopien von ‚westlicher Musik‘ und Hollywood-Filmen eine gern angebotene Ware sind.

Gedreht wurde schlussendlich allerdings im Libanon, da die Regisseurin die Unmöglichkeit einsehen musste, einen solchen Film auf iranischem Boden zu produzieren – nicht zuletzt deshalb, weil die meisten DarstellerInnen Exil-IranerInnen sind und sich eine Einreise auf iranisches Staatsgebiet als höchst problematisch erweisen hätte können. Jedoch wusste man auch um die Gefahr Bescheid, die von dem im Libanon aktiven verlängerten Arm des iranischen Regimes ausgeht. Aus Angst vor möglichen Bedrohungen durch die Hisbollah entschloss man sich, das wahre Drehbuch nicht bekannt zu geben und den libanesischen Behörden ein falsches Skript zuzuschicken. In einem Interview mit der New York Times sprach Reza Sixo Safai, der die Rolle des religiös gewordenen Bruders spielt, davon, dass das bedrückende Gefühl ständiger Überwachung durch die libanesischen Behörden die Performance der DarstellerInnen gesteigert habe.1 Alle mussten außerdem von ‚Dialect Coaches‘ unterrichtet werden, um ihre Kenntnisse des Teheraner Jugendslangs aufzufrischen, da beinahe ausnahmslos alle DarstellerInnen bzw. ihre Familien vor der islamischen Revolution 1979 geflohen waren und das aktuelle Persisch der iranischen Jugendlichen den SchauspielerInnen nicht geläufig war.

Liebe und Lust in Teheran

Der Fokus des Filmes liegt auf Atafeh und Shirin, erstere Tochter eines ehemaligen in den USA arbeitenden iranischen Diplomaten, zweitere Adoptivkind ebendieser Familie. Sie finden abseits der ständigen Präsenz von TugendwächterInnen in einer irre gewordenen Öffentlichkeit Zuflucht in der Privatheit, die Fathiyeh Naghibzadeh „als reale Fluchtmöglichkeit unter den Bedingungen religiöser Despotie“ beschreibt. Die beiden Schülerinnen entdecken inmitten der islamisierten und streng überwachten Öffentlichkeit ihre Liebe zueinander und finden vorerst in der „in den eigenen vier Wänden eingekapselten Emanzipation“ Schutz.2

Vorstöße in den öffentlichen Raum wagen sie anfangs vor allem im Teheraner Untergrundleben, das als ‚Nähkurs‘ getarnte Technopartys in Privatwohnungen oder aber auch Ton- und Filmstudios zu bieten hat, in denen Raubkopien US-amerikanischer Hollywoodstreifen synchronisiert werden. Allerdings werden unbeschwerte Treffen von Jugendlichen immer öfter durch die Straßenmilizen im Dienste des ‚Velayat-e-faqih‘ (Herrschaft des Klerus) gewaltsam aufgelöst, was oftmals schreckliche, pönale Zwangsmaßnahmen wie Auspeitschung oder den auch durch das ägyptische Militär praktizierten ‚Jungfrauentest‘ 3 zur Folge haben kann und hat.

Shirin lebt in einer Mittelstandsfamilie, deren Innenleben sich nicht sonderlich von dem einer US-amerikanischen unterscheidet. Man trinkt Wein bei feierlichen Anlässen, und die öffentlich praktizierte Geschlechtertrennung wird belächelt bis verachtet. Sie lebt mit ihren Adoptiveltern und ihren Adoptivgeschwistern Atafeh und Mehrdad quasi abgekapselt vom streng islamischen Recht und beschützt von der Institution Familie, die „als einzige relativ staatsfreie Zone der iranischen Gesellschaft paradoxerweise zum Terrain relativer Freiheit“ 4 geworden ist. Jedoch wird die Schutzmauer durchbrochen, als Atafehs Bruder Mehrdad, ein drogenabhängiger Loser, zu Allah findet und beginnt, die moderne Lebensart der Familie durch Züchtigkeit und Unterwerfung zu infiltrieren und die beiden Töchter an die Sittenpolizei verrät.


Islamische Reformation und iranische Revolution

Ganz im Gegensatz zum Film Nader und Simin (Originaltitel: A Separation), der lediglich zensierte Aufnahmen über die Realität unter dem Banner Allahs bietet – und deswegen anders als Sharayet gleich sieben Auszeichnungen auf dem vom iranischen Regime finanzierten Fajr Film Festival abräumte –, bietet Keshavarz‘ Werk eine schonungslose Erzählung des Kampfes zweier sich liebender Frauen, die für die Liebe und das Leben leben und sich oftmals dabei erwischen, wie sie sich in eine andere Welt oder auch ein anderes Land träumen, in dem beide Frauen „endlich wieder zusammen schwimmen gehen können“. Aber gleichzeitig wissen, dass ihr Wunsch nach einer Abschaffung von Zwang und Repression auch nicht von einer neuen Regierung der jomhurriye eslami (islamische Republik) erfüllt werden wird. Sie wollen feiern, sie wollen sich entscheiden können, wen sie lieben – sie wollen nicht länger nur Teil einer auf Produktivität und Enthaltung ausgerichteten Maschinerie sein; es geht ihnen in erster Linie um ein legitimes persönliches Interesse am eigenen Leben.

Diese so wertvollen Darstellungen des Filmes hätten ihn bei den Oscars 2011 zum besten fremdsprachigen Film machen können – ausgezeichnet wurde allerdings eine iranische Produktion, die bloß eine moderate Version der Realität abgab, welche die jugendliche Sehnsucht nach Freiheit und das damit verbundene Streben nach Glück verschleiert und den Tugendterror der iranischen Rackets ausblendet. Hatte man 2011 also der iranischen Presse die Möglichkeit gegeben, sich damit zu schmücken, dass man mit A Separation einen wertvollen Beitrag zur Kulturindustrie und zum Multilateralismus geleistet habe, hätte man allein mit der Nominierung von Sharayet nicht die Apostel des Appeasements und der Kumpanei mit dem antisemitischen Mörderregime protegiert, sondern öffentlich einen regime change gefordert und eine Geste der Solidarität mit den unterdrückten Stimmen all jener geleistet, die von den Moussavis und Khatamis ebenso wenig halten wie von allen anderen rivalisierenden Gruppen der islamischen ‚Republik‘.



Anmerkungen:
1http://www.nytimes.com/2011/08/21/movies/circum­stance-a-film-of-underground-life-in-iran.html?pagewanted=all
2 Fathiyeh Naghibzadeh: Die göttliche Mission der Frau, S. 102–110. In: Stephan Grigat, Simone Dinah Hartmann (Hg.): Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer. Studienverlag 2008.
4 Naghibzadeh: Die göttliche Mission der Frau, S. 102–110.

„Irgendwann können wir alle zusammen schwimmen!“ June 20, 2013 | 09:16 pm

Über den exil-iranischen Film Sharayet und das unterdrückte Lechzen nach Glück in Teheran

Vom unmöglich gemachten Glück zweier Frauen im Iran, die vom Tugendterror des iranischen Regimes drangsaliert werden, handelt der Film Sharayet (Originaltitel: Circumstance), den die in den USA lebende iranische Filmproduzentin Maryam Keshavarz 2011 produzierte. Er versucht nicht nur, eine soziologische Bestandsaufnahme der iranischen Gesellschaft und ihrer Widersprüchlichkeiten zu leisten, sondern ist auch eine Dokumentation der unterdrückten Schreie nach Freiheit der Teheraner Jugend.
Regisseurin Keshavarz verfolgt das Ziel einer möglichst exakten Abbildung der iranischen Verhältnisse; sie stellt die barbarischen Umtriebe der iranischen SittenwächterInnen und den Zwang zur Unfreiheit durch das islamische Gesetz gnadenlos dar und erzählt das Leben zweier sich zueinander hingezogen fühlender Mädchen.
Der Auftritt der ProtagonistInnen und NebendarstellerInnen besticht vor allem durch ein hohes Maß an Authentizität. Ursprünglich hatte die Regisseurin geplant, den Film im Iran zu drehen und in den Teheraner Schwarzmarkt zu schmuggeln, auf dem Kopien von ‚westlicher Musik‘ und Hollywood-Filmen eine gern angebotene Ware sind.
Gedreht wurde schlussendlich allerdings im Libanon, da die Regisseurin die Unmöglichkeit einsehen musste, einen solchen Film auf iranischem Boden zu produzieren – nicht zuletzt deshalb, weil die meisten DarstellerInnen Exil-IranerInnen sind und sich eine Einreise auf iranisches Staatsgebiet als höchst problematisch erweisen hätte können. Jedoch wusste man auch um die Gefahr Bescheid, die von dem im Libanon aktiven verlängerten Arm des iranischen Regimes ausgeht. Aus Angst vor möglichen Bedrohungen durch die Hisbollah entschloss man sich, das wahre Drehbuch nicht bekannt zu geben und den libanesischen Behörden ein falsches Skript zuzuschicken. In einem Interview mit der New York Times sprach Reza Sixo Safai, der die Rolle des religiös gewordenen Bruders spielt, davon, dass das bedrückende Gefühl ständiger Überwachung durch die libanesischen Behörden die Performance der DarstellerInnen gesteigert habe.1 Alle mussten außerdem von ‚Dialect Coaches‘ unterrichtet werden, um ihre Kenntnisse des Teheraner Jugendslangs aufzufrischen, da beinahe ausnahmslos alle DarstellerInnen bzw. ihre Familien vor der islamischen Revolution 1979 geflohen waren und das aktuelle Persisch der iranischen Jugendlichen den SchauspielerInnen nicht geläufig war.

Liebe und Lust in Teheran

Der Fokus des Filmes liegt auf Atafeh und Shirin, erstere Tochter eines ehemaligen in den USA arbeitenden iranischen Diplomaten, zweitere Adoptivkind ebendieser Familie. Sie finden abseits der ständigen Präsenz von TugendwächterInnen in einer irre gewordenen Öffentlichkeit Zuflucht in der Privatheit, die Fathiyeh Naghibzadeh „als reale Fluchtmöglichkeit unter den Bedingungen religiöser Despotie“ beschreibt. Die beiden Schülerinnen entdecken inmitten der islamisierten und streng überwachten Öffentlichkeit ihre Liebe zueinander und finden vorerst in der „in den eigenen vier Wänden eingekapselten Emanzipation“ Schutz.2
Vorstöße in den öffentlichen Raum wagen sie anfangs vor allem im Teheraner Untergrundleben, das als ‚Nähkurs‘ getarnte Technopartys in Privatwohnungen oder aber auch Ton- und Filmstudios zu bieten hat, in denen Raubkopien US-amerikanischer Hollywoodstreifen synchronisiert werden. Allerdings werden unbeschwerte Treffen von Jugendlichen immer öfter durch die Straßenmilizen im Dienste des ‚Velayat-e-faqih‘ (Herrschaft des Klerus) gewaltsam aufgelöst, was oftmals schreckliche, pönale Zwangsmaßnahmen wie Auspeitschung oder den auch durch das ägyptische Militär praktizierten ‚Jungfrauentest‘ 3 zur Folge haben kann und hat.
Shirin lebt in einer Mittelstandsfamilie, deren Innenleben sich nicht sonderlich von dem einer US-amerikanischen unterscheidet. Man trinkt Wein bei feierlichen Anlässen, und die öffentlich praktizierte Geschlechtertrennung wird belächelt bis verachtet. Sie lebt mit ihren Adoptiveltern und ihren Adoptivgeschwistern Atafeh und Mehrdad quasi abgekapselt vom streng islamischen Recht und beschützt von der Institution Familie, die „als einzige relativ staatsfreie Zone der iranischen Gesellschaft paradoxerweise zum Terrain relativer Freiheit“ 4 geworden ist. Jedoch wird die Schutzmauer durchbrochen, als Atafehs Bruder Mehrdad, ein drogenabhängiger Loser, zu Allah findet und beginnt, die moderne Lebensart der Familie durch Züchtigkeit und Unterwerfung zu infiltrieren und die beiden Töchter an die Sittenpolizei verrät.

Islamische Reformation und iranische Revolution

Ganz im Gegensatz zum Film Nader und Simin (Originaltitel: A Separation), der lediglich zensierte Aufnahmen über die Realität unter dem Banner Allahs bietet – und deswegen anders als Sharayet gleich sieben Auszeichnungen auf dem vom iranischen Regime finanzierten Fajr Film Festival abräumte –, bietet Keshavarz‘ Werk eine schonungslose Erzählung des Kampfes zweier sich liebender Frauen, die für die Liebe und das Leben leben und sich oftmals dabei erwischen, wie sie sich in eine andere Welt oder auch ein anderes Land träumen, in dem beide Frauen „endlich wieder zusammen schwimmen gehen können“. Aber gleichzeitig wissen, dass ihr Wunsch nach einer Abschaffung von Zwang und Repression auch nicht von einer neuen Regierung der jomhurriye eslami (islamische Republik) erfüllt werden wird. Sie wollen feiern, sie wollen sich entscheiden können, wen sie lieben – sie wollen nicht länger nur Teil einer auf Produktivität und Enthaltung ausgerichteten Maschinerie sein; es geht ihnen in erster Linie um ein legitimes persönliches Interesse am eigenen Leben.
Diese so wertvollen Darstellungen des Filmes hätten ihn bei den Oscars 2011 zum besten fremdsprachigen Film machen können – ausgezeichnet wurde allerdings eine iranische Produktion, die bloß eine moderate Version der Realität abgab, welche die jugendliche Sehnsucht nach Freiheit und das damit verbundene Streben nach Glück verschleiert und den Tugendterror der iranischen Rackets ausblendet. Hatte man 2011 also der iranischen Presse die Möglichkeit gegeben, sich damit zu schmücken, dass man mit A Separation einen wertvollen Beitrag zur Kulturindustrie und zum Multilateralismus geleistet habe, hätte man allein mit der Nominierung von Sharayet nicht die Apostel des Appeasements und der Kumpanei mit dem antisemitischen Mörderregime protegiert, sondern öffentlich einen regime change gefordert und eine Geste der Solidarität mit den unterdrückten Stimmen all jener geleistet, die von den Moussavis und Khatamis ebenso wenig halten wie von allen anderen rivalisierenden Gruppen der islamischen ‚Republik‘.

Anmerkungen:
1    http://www.nytimes.com/2011/08/21/movies/circum­stance-a-film-of-underground-life-in-iran.html?pagewanted=all

2    Fathiyeh Naghibzadeh: Die göttliche Mission der Frau, S. 102–110. In: Stephan Grigat, Simone Dinah Hartmann (Hg.): Der Iran. Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer. Studienverlag 2008.

3    http://www.sueddeutsche.de/politik/jungfrauentests-in-aegypten-nicht-schuldig-im-sinne-der-anklage-1.1306902

4    Naghibzadeh: Die göttliche Mission der Frau, S. 102–110.


Geschrieben von David Kirsch
erschienen in UNIQUE 05/13
http://www.univie.ac.at/unique/uniquecms/?p=3606

links (15. Oktober 2012) October 15, 2012 | 05:22 pm

Wie man derzeit noch ruhig und ohne durchzudrehen durch die Straßen gehen kann grenzt an ein Wunder. Menschenverachtung hier, Rassismus dort, Sexismus & Misogynie überall. Und die EU bekommt den Friedensnobelpreis, passt ja in eine Reihe mit UN und Arafat. Aber der Reihe nach:

  • Nachdem Ende August in Berlin der Rabbiner Daniel Alter auf offener Straße verprügelt und seine Tochter mit Totschlag bedroht wurde, kommt es kurze Zeit später zu Beleidigungen wie  ”Judentussen” gegenüber 13 Schülerinnen einer jüdisch-orthodoxen Schule. Keinen Monat später und ausgerechnet an Yom Kippur wird Stephan Kramer, seines Zeichens Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, durch einen Passanten mit dem Satz “Du hast hier nichts zu suchen” bedroht. Die Polizei ermittelt nun wegen “wechselseitiger Bedrohung”. Das alles passiert während die Nation die rituelle Beschneidung “debattiert”. Ganz plötzlich interessiert sich Deutschland für das “Kindeswohl” (statt bspw. über den Schutz des Individuums und dessen Integrität nachzudenken) - dieses “Argument” wird hingegen nicht angeführt, wenn es um die Zwangsoperationen von intersexuellen Menschen geht; stattdessen schmeißt man mit Halbgarem um sich, wie Heinz-Jürgen Voss kritisiert. Alan Dershowitz hat das Perfide an der Sorge um das “Kindeswohl” in der Jüdischen Allgemeinen besprochen: “Heute sind neue Wörter an die Stelle der alten, diskreditierten Wörter getreten. Antizionismus statt Antisemitismus. Das Wohl des Kindes statt Verbot religiöser Rituale.” Unterdessen fordert die Grünen-Politikerin und Vorsitzende von Terre des Femmes, Irmingard Schewe-Gerigk, dass Judentum und Islam ihre Beschneidungsrituale beenden und vergleicht diese mit der “Witwenverbrennung”. Auch so Backpfeifen wie Michael Schmidt-Salomon - Mitbegründer der “Giordano-Bruno-Stiftung” - dürfen ihre 20cent und plumpen Szientismus in Sendungen wie dem Wutbürger_innen-Mitmachformat “zdf log_in” zum Besten geben. Weiß Gott warum… Das erinnert mich im Übrigen daran, dass die Grundstimmung bei der Solidaritätsveranstaltung für Rabbi Alter an einem Sonntagmittag in Berlin-Friedenau (nahe dem Tatort) vor allem davon geprägt war, dass Rabbi Alter ein guter und wertvoller Bürger im Kiez ist anstatt den Antisemitismus in jeglichen Formen zu verurteilen. Eine Bemerkung zum Al-Quds-Tag, der wenige Wochen zuvor in Berlin statt fand, kam nur aus einer Rede, die vom Publikum teils mit Schmach goutiert wurde - die Sorge um den eigenen Dreck vor der Kieztür wiegt halt schwerer. Etwaige Personen mit Israel-Flagge oder verwandten Symbolen wurden hingegen mit Scheinargumenten wie “es geht um etwas Höheres” belegt.

Z9020025

  • Unterdessen in Erfurt: Nicht nur ist es während des “Flüchtlingsprotestmarsch” zu den vorher von ihnen auf ihrer Website angekündigten Angriffsversuchen durch die NPD gekommen, auch ansonsten ist das Klima in der Landeshauptstadt weiterhin weiß, deutsch und also beschissen. Das zeigte sich auch in einer Nacht vor der gay-bar “Cosmopolar”, in welche ein junger Mann nicht eingelassen wurde, da sein Ausweis das Staatssymbol der Türkei enthält. Weitere Infos dazu gibt es in der Pressemitteilung des “AntiRa Campus Erfurt” (via wider die natur).
  • In anderen Gegenden (Ost)Deutschlands sieht es derzeit vor allem beim Thema Flüchtlinge und Asyl zunehmend gruselig aus: als ob die furchtbare Handhabung seitens des Staates nicht Qual genug ist, werden mehr und mehr Bürger_innen aktiv und gehen an ihren Jägerzaun dem der Frontex anzugleichen. In Güstrow-Dettmannsdorf bspw. wurde vor kurzem ein Flugblatt verteilt, welches mit vermeintlichen “Fakten” Stimmung gegen ein geplantes Asylbewerberheim macht. Nicht unweit von Güstrow wird ein Asylbewerberheim in Wolgast eröffnet, das einer Panorama-Reportage zufolge bei den Anwohner_innen nur mäßig ankommt; um nicht zu sagen ihre blanke rassistische Menschenverachtung darbieten lässt. Ein Reporter der taz hat sich dort auch mal umgeschaut. Apropos taz, Hilal Sezgin fordert eine zweite Entnazifizierung - eine ernstzunehmende Erste würde ich zwar auch begrüßen, aber da will ich mich mal nicht so kleinlich haben.
  • Im rhetorischen und menschenfeindlichen Fahrwasser des über die Grenzen Berlins hinaus bekannten Bürgermeister von Neukölln Heinz Buschkowsky und seinen in Buchform gepressten rassistischen Ergüssen, stehen auch einige Vorkommnisse in und um Berlin. Am 9. Oktober kam es zu einem Anschlag auf das Flüchtlingslager in Waßmannsdorf. Für den selben Tag hatte die CDU Rudow zu einer Bürgersammlung mit dem Titel “Asylbewerberheim in Rudow?” geladen. Waßmannsdorf und Rudow sind ca. 6 bis 7 Kilometer entfernt. Ingefähr 200 Rudower_innen kamen zur Versammlung - unter ihnen ein örtlicher NPD-Kader. In Thüringen unterdessen gewährt der CDU-Landrat Reinhard Krebs (Wartburgkreis) der hiesigen NPD Zutritt ins Flüchtlingslager Gerstungen. Und was geht eigentlich bei Hans-Peter Friedrich?
  • Abschließend noch ein Blick auf öffentlich-rechtliche Perlen der rape culture: Die Jungdeppen Joko & Klaas fanden es hammerwitzig in ihrer ZDF-Sendung “neoParadise” einer Frau ungefragt an Brust & Hintern zu fassen und sich anschließend einerseits wie kleine Jungs andererseits wie erwachsene Macker zu freuen mit Sätzen wie “Gott, aber der war das auch so unangenehm. Die stand da wirklich und hat sich richtig entwürdigt gefühlt. Die fährt jetzt gleich nach Hause und dann wird die erst einmal schön heulen unter der Dusche, die steht dann sechs Stunden unter der Dusche” (O-Ton dank SZ). Wenige Tage später bietet Günther Jauch dem Ehepaar Kachelmann die breite Sonntagabendbühne um sich als Oberopfer zu gerieren. Mehr dazu beim sehr empfehlenswerten Blog “Fernseher kaputt” (leider wird mir aber auch dort nicht erklärt, warum Lady Gaga bei Julian Assange zum Essen war). Oh, Joko ist am 20.10. in der “Villa am Paradies” in Jena zu Gast, falls jemand das Bedürfnis hat ein paar Schellen auszuteilen.
Zum Ende wenigstens etwas Schönes…

Anhörenswert: 

Termine:

  • 23.10. - Jena: Jutta Schwerin liest aus ihrem Buch “Ricardas Tochter. Ein Leben zwischen Deutschland und Israel” - Schillers Gartenhaus, 19Uhr.
  • 18.10. - Leipzig: Laurie Penny liest aus & diskutiert über ihr(em) Buch “Fleischmarkt. Weibliche Körper im Kapitalismus” in der Frauenbibliothek Monaliesa Leipzig.
  • 07.11. - Leipzig: Jonas Engelmann & Alexander Pehlemann stellen das Buch ”We are ugly but we have the music - Eine ungewöhnliche Spurensuche in Sachen jüdischer Erfahrung und Subkultur ” vor. 20Uhr, Kulturny Dom (Bornaische Str. 31). Organisiert von der Buchhandlung drift.

ich, der “schmerzensmann” January 26, 2012 | 04:44 pm

Arnstadt – 29. September 2011 September 27, 2011 | 08:25 am

Arnstadt - 29. September 2011:

jenaantifa:

via http://www.antifa-arnstadt.tk

Am 29. September 2011 hat sich die „freie Heimatzeitung“ „Arnstädter Stadtecho“ die Autorin und Journalistin Eva Herman zum „3. Arnstädter Stadtgespräch“ eingeladen. Herman wird dort über die von ihr so bezeichnete Hetzkampagne gegen ihre Person berichten,…

Richtige Stellung (5): Bahamas August 22, 2011 | 10:47 am

[Sommer & auf Arbeit: Zeit für eine Postingreihe mit liegengebliebenen Korrekturen & Bemerkungen – “richtig” heißt: so seh ich’s wirklich, “Stellung” heißt: Stellung im Produktionsprozeß und in den Auseinandersetzungen statt Unterstellung]

Vor knapp einem Monat versammelte die Bahamas unter der Überschrift “Mitmachen ist Ehrensache” sicher über 100 Leute, um ihnen ihr Leid, die jüngsten Veranstaltungsausladungen und Übergriffe, zu klagen und lud im Anschluß zum gemeinsamen Nachdenken über mögliche Problemlösungen ein.

Da es aber nicht nur um den “Terror von Verbot, Drohung und Nötigung gegen Kritiker” ging, dem es entschieden entgegenzutreten gilt und der zuletzt in Form eines Angriffs auf Justus Wertmüller in Bonn und im Kleinen sogar am Mittwoch selbst vor Veranstaltungsbeginn in Gestalt eines Dutzend pöbelnder und schwer halluzinierender Antiimp-Kiddies zu erleben war, sondern auch darum, daß “man sie lässt, d.h. z.B.: nicht öffentlich zurechtweist”, was explizit an Jungle World und Phase 2, implizit aber an die ganze antideutsche Szenerie gerichtet war, halte ich es für an der Zeit, meine Position zur Bahamas zu umreißen, eine Position, mit der ich meine, mich in guter Gesellschaft zu befinden, die aber aus verschiedenen Gründen bisher (zu) wenig artikuliert wurde.

Gäbe es die Bahamas nicht, würde also antideutsche Kritik nur so aussehen wie etwa die prodomo, wäre alles ganz einfach: dort sticht Distinktion stets Dialektik aus, zweitere muß für die aktuelle Ausgabe von Christoph Plutte angemahnt werden, und die Welt wird fast nur noch nach Bestätigungen fürs eigene Ressentiment bzw. für die Gleichsetzungsautomatik links = reaktionär abgesucht.

Nur war es mit der Bahamas nie so einfach und ist es auch nicht.

Sie ist der rollende Zankapfel, sie hat wiederholt linke, autonome, kommunistische Gewißheiten erschüttert, zum Teil sehr erfolgreich. Immer wieder hat sie die große Angriffsfläche der organisierten Linken und der sie umgebenden Szenen mit Kritik und Spott überzogen, was sich viele derer, um die es ging, redlich verdient hatten. (Noch in der aktuellen Ausgabe, in der es so Ärgerliches wie Niklaas Machunskys völlig freie Assoziationen über Tiqqun zu lesen gibt, wie auch in Justus’ Referat letzten Mittwoch steckten zahllose kluge und fiese Bemerkungen zu “Mitmach-Deutschland” und dem freiwilligen Zwang der quasi-verstaatlichten Arbeitskraft.) Gegen alle, die die Bahamas – ausgesprochen oder unausgesprochen – für diese oftmals höchst angezeigten Einsprüche hassen und zum Schweigen bringen wollen, war und ist sie jederzeit zu verteidigen; in Auseinandersetzung mit den oft schlicht irren Anwürfen, von denen sie getroffen wurde, gingen Differenzen verloren, und im Zweifelsfall stand ich lieber auf ihrer Seite als auf der jeweils anderen. (Jetzt würde ich sagen, daß ich es vorziehe, mich nicht mehr auf eine Seite zu schlagen, was aber klingt, als hätte ich auch weniger Problem mit den anderen – no way!)

Nur hat sie die Wirkung ihrer Kritik eigenhändig unterminiert, in gewisser Weise ganz grundsätzlich durchs Festfahren auf Positionen, was immer die Gefahr birgt, daß einem die Dialektik abhanden kommt, genauer aber durch das Vertreten von zwei ganz bestimmten Positionen, mit denen sie viele Sympathisierende verprellt und den heutigen Zustand passiver Entsolidarisierung erzeugt hat.

Die erste dieser Positionen datiert zurück auf die Vergewaltigungsdebatte von vor zehn Jahren plus. Dabei geht es mir keinesfalls um alles, was die Bahamas damals vorzubringen hatte; ihre Kritik am kollektiven Strafbedürfnis in der autonomen Szene z.B. finde ich in groben Zügen richtig und wichtig. Nein, es geht darum, daß sie von einem Vergewaltigungsfall, für den sie die Kriterien einer Vergewaltigung akzeptierte, dennoch kategorisch behauptete, er sei keine Vergewaltigung gewesen und im Zuge dessen eine ganze Reihe wohlbekannter Relativierungen und Verharmlosungen auftischte (Sex ist immer Grenzüberschreitung und Willensbruch, es war nur schlechter Sex, keine “richtige” Vergewaltigung, Überwältigung macht erst gesunden Sex usw.). Dies wurde nicht zur Diskussion gestellt, sondern dekretiert – wer es anders sah, galt als Lustfeind. Bis heute wurde nichts davon zurückgenommen, im Gegenteil, anläßlich der Ausladung von Justus Wertmüller aus dem Conne Island letzten Herbst bekräftigte Sören Pünjer diese “Wahrheit”, an der es festzuhalten gelte: “Der oben geschilderte Vorfall war mitnichten eine Vergewaltigung…”

Sie zitierten damals wie heute diese Stellungnahme der Frau, um die es ging: “Obwohl ich ihm mehrmals gesagt habe, dass ich nicht mit ihm schlafen will, hat er mich gefickt. Hinterher fragte er, ob ich das als Vergewaltigung ansehe, und dass es doch in Ordnung sei, mir trotz eines Neins Lust zu machen. Es ist eine Vergewaltigung Thomas! Es ist in keinster Weise o.k. einer Frau ‚Lust machen‘ zu wollen und erst recht nicht, wenn die Frau nein gesagt hat.” Und damals wie heute ist das, was ihnen an dieser Geschichte wichtig ist – ganz unabhängig vom Fall selbst -, der eine Teilsatz, in dem das Lustmachen ohne Nein steht; aus dem Lustmachen trotz eines Nein wird so das bloße Lustmachen. Und ohne das Nein geht es dann plötzlich nur noch um Lustfeindschaft und das Recht auf Annäherungsversuche.

Mit diesem bösartigen Quatsch wurden vielerorts mühsam aufgebaute Basisbanalitäten zerstört, und wenngleich es bei den Reaktionen der Interim-Fraktion zumeist um ganz andere Dinge ging, dürfte diese eine Positionierung fürs Abrücken zahlloser Sympathisierender verantwortlich sein. Es ließe sich auf die einfach Formel bringen: Solange der Eindruck bestand, die Bahamas treibe Kritik an bestimmten Formen des Antisexismus in antisexistischer Absicht, waren viele bereit, sie anzuhören und anzunehmen; dieser Eindruck war durch die Leugnung einer Vergewaltigung und die Begleitmusik dazu mindestens erschüttert, wenn nicht zerstört.

It's only better in the bahamas
Is it?

Die zweite Position hob ganz ähnlich mit einer Kritik an bestimmten Formen des Antirassismus in antirassistischer Absicht an, namentlich am Multikulturalismus, der selbst rassistisch funktioniert, indem er Menschen ihrer Kultur zuweist und sie so in deren angeblichem Wesen einsperrt. Die Kritik wie auch die Thematisierung von Islamfaschismus und den Gefahren von Essentialisierung und Formierung islamischer Communities sind seither nicht zuletzt der Bahamas wegen stark diskutiert worden und viele haben ihre Auffassungen deswegen geändert. (Insofern sind auch viele Anklagen seitens der Bahamas in ihrer Pauschalität absurd, da sie sich dadurch gar nicht nur an die ja existenten unbelehrbaren, abgeschotteten Strukturen richten, sondern auch an genau jene, die die Kritik der Bahamas ernstgenommen haben und jetzt nicht mehr ernstnehmen können oder für bitterernste Selbstauskunft der Bahamas halten müssen.)

Diese Kritik und Thematisierung kippte jedoch regelmäßig in Hetze um, zuletzt etwa, wenn Thomas Maul – unredlich oder dumm – Merkmale des Islam und seiner Anhänger aufführte und als einzigartig hinstellte, obwohl sie bei anderen religiösen oder ideologischen Kollektiven ebenso anzutreffen sind. Auch scheint sich die Auffassung durchgesetzt zu haben, Antirassismus wäre das größere Problem in Deutschland als Rassismus, und Clemens Nachtmann etwa wirft in seinem ansonsten sehr bedenkenswerten Text zum “Altern antideutscher Kritik” im aktuellen Heft staatliche Multikulti-Programme mit antirassistischen Initiativen zusammen und spricht dann summarisch von “Antirassismus als Mobilmachung”.

Zu diesen beiden Positionen mitsamt ihrer willkürlichen Ausweitung der Kritik und pauschalen Feinderklärung kommt noch das Klima hinzu, in dem das alles verhandelt wird: es ist dies eine klassische Snafu-Situation, eine Atmosphäre opportunistischer (Selbst-)Kritiklosigkeit.

Zugegeben, es hat oft gedauert, bis die Kritik der Bahamas wirksam wurde, und deshalb gab es vielleicht bei manchen auch dieses Zögern bezüglich der Verirrungen und der Hetze; es wurde sich gefragt, ob die tiefere Weisheit darin noch zum Vorschein kommen würde, was mit der Zeit bei vielen Themen der Gewißheit gewichen ist, diese tiefere Weisheit wohl doch nicht mehr zu entdecken. Wer die Entwicklung der Bahamas in den letzten Jahren so wie ich aufmerksam verfolgt hat, wird zudem die Hoffnung für unbegründet halten, daß sie von all dem gefährlichen Quatsch etwas zurücknehmen oder nochmals zur Diskussion stellen könnten. Das scheint aus Prinzip nicht zu passieren; auf Veranstaltungen wurde eher ein gewisser Stolz bekundet, nichts zurückzunehmen zu haben. Und das wiederum paßt leider sehr gut zum Gesamtbild der Preisgabe von Dialektik zugunsten von Positionierung und Einkapselung, die immer wieder auch dazu führt, daß ihnen nicht aufzufallen scheint, wann sie nur wie die bekannten “Tabubrecher” der Mehrheit klingen.

Die enorme Unfähigkeit zu Selbstzweifel und Selbstkritik ist abschreckend und wirkt gespenstisch, konterkariert das eigene Beharren auf schärfster Kritik – im Rückzug auf die Figur des “Kritikers” wurde dieser der Kritik entzogen und gleichzeitig gegen die “postmoderne” Infragestellung dieser Figur Stimmung gemacht. Ebenso gespenstisch ist diese quasi-paranoide Selbstgewißheit, die, auch wenn sich Hedonisten und Kommunisten von ihnen abwenden, das trotzdem als Ausdruck von Lustfeindschaft bzw. strukturellem (wenn nicht offenem) Antisemitismus gegen “den Kritiker” gewertet wird. Daß es zumindest in vielen Fällen auch an ihnen selbst und bestimmten unhaltbaren Positionen liegen könnte, die sie vertreten, daß hier also möglicherweise eine ganz rationale Differenz in Auffassungen besteht, scheint ihnen kaum noch in den Sinn zu kommen.

>>Wir erinnern uns noch gern daran als die Bösen noch böse warn
man brauchte nur auf die andere Seite zu gehen damit man zu den Guten kam
Jetzt sehn sie alle nur noch wie Idioten aus und hörn nicht auf sich zu blamiern
Mit dem Alter fängt man an sich für Countrymusik zu interessieren
<<

(Aeronauten, Countrymusik)

Bahamas-Gegner werden meinen Text wahrscheinlich als Beleg für ihre Überzeugung nehmen, es sei schon immer alles grundverkehrt gewesen damit; so mancher Bahamas-Anhänger wiederum wird darin wohl nur die Unterminierung lange verteidigter Positionen sehen und davon ausgehen, daß ich schwuppdiwupp bei “den anderen” landen muß. Genau das scheint mir ein Teil des Problems zu sein.

Mein Text ist keine anonyme Fatwa aus dem Internet – ihr kennt mich, ihr wißt, wer ich bin. Er ist auch kein Aufruf zur Entsolidarisierung, sondern ein Erklärungsversuch für längst erfolgte Abwendungen und eine Formulierung von m.E. erfüllbaren, wenn nicht selbstverständlichen Bedingungen für Solidaritätsfähigkeit.

Ich finde es tragisch, was aus der Bahamas geworden ist, weil weit und breit nichts in Sicht ist, was an ihre Stelle treten könnte. Die Kritik wird verwaltet und hört auf zu wirken; sie bestärkt vielmehr die sich nun gegenüberstehenden Lager, anstatt alle vor sich herzutreiben. Vor allem in Bezug auf Israel bleibt die Bahamas für mich eine der ganz wenigen korrekten Stimmen und es wäre ein großer Verlust, wenn diese Stimme dazu nicht mehr zu hören wäre, weil sie sich mit Rechthaberei und Apologie selbst übertönt.

Bei der Veranstaltung am 27. Juli, in der als zweiter Thomas Maul sprach und u.a Feminismus an einer wirklich bescheuerten Selbstdarstellung einer FrauenLesben-Gruppe zu blamieren suchte (das fehlt noch bei Derailing for Dummies), hat im Anschluß niemand die Frage gestellt, ob die mangelnde Unterstützung vielleicht auch Resultat eigener Worte und Taten sein könnte. Ich war bei der Diskussion nicht mehr anwesend, da ich anderswo die Vorpremiere einer großartigen bittersüßen Filmmontage mit Zitaten Kropotkins beiwohnte, die den Kommunismus auch in aller Aussichtslosigkeit so denkbar und wünschenswert macht, Titel: “Die kommende Revolution”. (Gibt’s bald auch hier zu sehen.)


Richtige Stellung 1: Laika Verlag & Weather Underground
Richtige Stellung 2: Ventil Verlag & Egotronic
Richtige Stellung 3: WikiLeaks & Wau Holland
Richtige Stellung 4: 9/11 & Verschwörungsideologie

In den Fußstapfen des Makss D. May 26, 2011 | 04:02 pm

Spätestens nachdem der anti-imperialistische Judenhasser Makss Damage zum nationalsozialistischen Judenhasser avancierte, hatten die anti-imperialistischen Verbände, die dem Rapper zuvor ein Podium geboten hatten, ein Problem: Wer sollte nun die Bühnen der Pfingst- und Sommercamps der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“ (SDAJ) beschallen? Wer sollte nun für Stimmung sorgen? Arbeiterlieder, mit denen der Wunsch nach Vernichtung des Bourgeois artikuliert wird, würden alleine nicht ausreichen und „Die Bandbreite“ hatte sich selbst, wenn auch nur in Teilen dieses Spektrums, durch ihre verschwörungsideologischen und nationalistischen Texte diskreditiert. Doch die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ fand einen weiteren Rapper, der sich durch anti-israelische Texte und die Glorifizierung von Selbstmordattentaten auszeichnet.
Die Rede ist nicht von Holger Burner, sondern von „Derbst One“, der sich reichlich Mühe gibt in die Fußstapfen des Makss Damage zu treten. „Derbst One“ macht Rap, den er als „derbe palästinasolidarische Kampfesmusik“ beschreibt. Er beruft sich auf Marx, Engels, Lenin, Stalin und verschiedene Rapper, wie zum Beispiel den sexistischen Vorzeigeproll Kool Savas.
„Diese Schweine sind noch immer in seinem Land stationiert“, rappt er in seinem Lied „Zaid“. In dem Song wird die Geschichte eines palästinensischen Selbstmordattentäters geschildert, der sich gezwungen sieht „endlich in den Kampf zu ziehen“. Vorher trägt er „voller Stolz den Turban wie Aladin“; dann macht er sich auf den Weg, um für „Palestine“ möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden: „Magazin voll, Kopf rot, Pali angelegt“, huldigt „Derbst One“ dem Selbstmordattentäter. „Heute ist ein besonderer Tag, er wird aus dieser Welt scheiden, doch er wird für immer ein Held bleiben“, lautet das Fazit des Rappers.
In einem anderen Lied, das keinen Titel besitzt, reimt „Derbst One“ in einer Art, die ebenfalls an Makss Damage erinnert: „Derbst One und Mojo, die beiden machen dich kaputt. Kuck wie ich dir dummen Bastard in die Fresse spuck“. Ein anderer Rapper wird in diesem martialischen Song als „Stricher“ und „lächerlicher kleiner Homo“ bezeichnet. Neben der antisemitischen Glorifizierung des Selbstmordattentäters finden sich also auch homophobe Zeilen, die ebenfalls an Makss Damage erinnern.
Vielleicht haben diese Zeilen die Aktivist_innen der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“ (SDAJ) derart nachhaltig beeindruckt, dass sie den jungen Rapper auf ihr Pfingstcamp eingeladen haben. In Kiel und Ahaus darf „Derbst One“ auf dem Pfingstcamp seinen anti-israelischen Text zum Besten geben. Der Jugendverband hat also einen passenden Nachfolger für „Makss Damage“ gefunden, der mit seinen antisemitischen Hassphantasien beispielsweise auf einem Sommercamp der SDAJ auftreten durfte.

Der Abgeordnete & die Verschwörungsrapper. April 29, 2011 | 11:04 am

Die Abgeordneten der Partei „Die Linke“ praktizieren ähnliche Rituale, wie die Abgeordneten der anderen Parteien. Hier gibt es jedes Jahr einen politischen Aschermittwoch, bei dem die Abgeordneten ihre witzige Seite zeigen sollen, was oftmals in peinlichen Zoten enden kann. Zum „peppigen politischen Aschermittwoch“ der Linkspartei in Duisburg, die gerade durch ein antisemitisches Flugblatt auf sich aufmerksam machte, sollte nicht nur der Bundestagsabgeordnete Niema Movassat, sondern auch eine Band für Stimmung sorgen.
Es handelt sich um die Verschwörungsrapper der Band „Die Bandbreite“, die kurz darauf auf dem „Kongress der Unabhängigen Medien“ – einer Veranstaltung der reaktionären „Infokrieger“ – auftraten. Während die Band auf der einen Seite mit dem linken Abgeordneten Niema Movassat den politischen Aschermittwoch der Partei in Duisburg beschallte, trat sie auf der anderen Seite – mit einem ähnlichen Programm – auf dem Kongress der „Infokrieger“ auf, die sich die Verklärung der Realität zur Aufgabe gemacht haben. Dort durfte Wilhelm Engdahl, Autor des reaktionären „Kopp“-Verlags, seine Theorien über soziale Revolten, die angeblich von Geheimdiensten initiiert werden, verbreiten. Im „Kopp“-Verlag publiziert auch die Anti-Feministin Eva Herman und andere rechte Koryphäen. Die Band „Die Bandbreite“ ist in der Vergangenheit allerdings auch auf anti-europäischen Veranstaltungen des selbsternannten „Linksnationalisten“ Jürgen Elsässer aufgetreten, um das Rahmenprogramm zu gestalten. Für die eigentlichen inhaltlichen Aussagen war hier unter anderem der englische Rechtspopulist Nigel Farage zuständig.
Doch zurück zu den Inhalten der „Bandbreite“, die auf der Seite des Bundestagsabgeordneten Movassat als harmlose „Polit-Pop“-Band dargestellt wird. In deren Texten findet sich ein plumper WM-Nationalismus, Verschwörungsideologie sowie ein kruder Sexismus: So heißt es in dem Lied „Eingelocht“, in dem zwei Männer eine Frau gegen ihren Willen penetrieren: „Ne, ne, es tut dir weh, doch wir war­ten nich, wo ich doch so sel­ten mal ’nen har­ten krich“. Im Video zum Lied „Ja, watt denn (Weltmeister)“ sah man die Band in schwarz-rot-goldene Utensilien gehüllt für die deutsche Nation singen. Im Lied „Unter falscher Flagge“ propagiert die Band einschlägige Verschwörungsideologie: Im Stil der „Truther“ und „Infokrieger“ wird eine revisionistische Traditionslinie – vom Reichtstagsbrand bis zum 11. September 2001 – gezogen.


Schwarz-rot-goldene Verschwörungsrapper.

Ein weiterer Auftritt der Band führte diese in die Schweiz: Dort beschallte die Band die „Anti-Zensur-Konferenz“ des Sekten-Gurus Ivo Sasek. Solche Auftritte und die inhaltlichen Thesen der Band haben verschiedene Linke, die sich ebenfalls für unwissenschaftliche Verschwörungstheorien begeistern, natürlich nicht davon abgehalten, ihre musikalischen Lieblinge auf die Bühne zu bitten. So beschallte die Band den „Linken Liedersommer“ oder das „Festival des politischen Liedes“. Der Band „Die Bandbreite“ gelingt der Spagat sowohl auf linken Veranstaltungen als auch auf anderen Veranstaltungen aufzutreten; ob nun bei „Truthern“ und „Infokriegern“ , beim Nationalisten Jürgen Elsässer oder auf Ballermann-Events.
So geschah es auch am Aschermittwoch der Partei „Die Linke“ in Duisburg. Dem Bundestagsabgeordneten Movassat scheint es gefallen zu haben: Die „Band ‚Die Bandbreite‘ war richtig Klasse“, twitterte der Bundestagsabgeordnete nach der Veranstaltung. Verschiedene Fotos zeigen ihn in trauter Eintracht mit der Band. Die ist zur Zeit schwer beschäftigt. So ist sie nicht nur bei der Partei „Die Linke“ ein gern gesehener Gast. Auch die Konkurrenz von der „Deutschen Kommunistischen Partei“ (DKP) und der „Marxistisch Leninistischen Partei Deutschland“ (MLPD) haben die Verschwörungsrapper eingeladen. In diesem Milieu gibt es anscheinend kaum Kritik am Verschwörungswahn und den anderen Auftritten der Band.


Die Verschwörungs-Band und ihr Abgeordneter Niema Movassat („Die Linke“).