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»Stell dich nicht so an!« May 13, 2013 | 11:08 pm

Indizien für eine Rape Culture

Zündfunk Generator-Sendung von Laura Freisberg und Julia Fritzsche über die Allgegenwart sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungsmythen und Schuldumkehr.

Triggerwarnung: Sowohl im Einführungstext, als auch im Feature wird sexuelle Gewalt plastisch beschrieben.

Im Sommer 2012 haben zwei Fotoball-Stars eine bewusstlose 16-Jährige wie eine lebendige Puppe von Party zu Party geschleppt und sie mehrfach vergewaltigt. Die Stationen dieser Nacht sind festgehalten auf Fotos, Twitter-Meldungen und SMS. Etliche Zeugen unternahmen nichts. Der Football-Tainer deckte die beiden jugendlichen Täter im Nachhinein. Und die Medien beklagten das zerstörte Leben der beiden Footballstars.
„Rape Culture“ nennen das Beobachter – und meinen damit eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt duldet, verharmlost oder befördert und die Verantwortung auf die Opfer verschiebt. In Deutschland taucht der Begriff „Rape Culture“ in den letzten Jahren zunehmend in feministischen Blogs auf. Massive Kritik an der „Rape Culture“ übt seit 2011 die weltweite Slut-Walk-Bewegung, die gegen falsche Vorstellungen von sexueller Gewalt auf die Straße geht. Denn spätestens seit der deutschen Sexismusdebatte zu Beginn des Jahres 2013 wurde wieder klar: Schuldzuweisungen wie „Hättest Du doch die Bluse zugemacht!“ sind noch immer salonfähig.
Leben auch wir in einer „Rape Culture“? Was hat es mit dem Begriff auf sich? Ist es nur ein feministischer Kampfbegriff für den Wahnsinn, den Frauen täglich erleben? Oder ist es die treffende Bezeichnung für unsere Gesellschaft?
Der Zündfunk Generator spricht darüber mit Anne Wizorek und Julia Brilling, die im Netz anonym sexuelle Übergriffe sammeln, Birte Rohles von Terre des Femmes und Lorena Palasi vom Slut Walk München sowie der Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn und dem Historiker Hiram Kümper, der Vergewaltigungskulturen in der alteuropäischen Kulturgeschichte untersucht hat.

Download: via BR2 | via RS.com (1 h, 55 MB)

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Die Transformation des Privaten im Zeitalter von Harz IV und Elterngeld April 7, 2013 | 03:52 pm

Am 04.02.2013 hat Andrea Trumann einen sehr informativen Vortrag im Laidak gehalten. Sie gibt darin einen kurzen historischen Überblick darüber, welcher Platz in Privatleben und Lohnarbeit Frauen gesellschaftlich zugewiesen wurde und wie sich dies gegenwärtig darstellt. Ausführlich geht sie dabei auf rechtliche Bestimmungen ein, die Nachwuchs und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren sollen und was dies jeweils für Frauen und Männer bedeutet. Trotz der Förderung der Berufstätigkeit von Frauen, so die Feststellung Trumanns, sind die meisten Frauen prekär oder in Teilzeitjobs beschäftigt – die Abhängigkeit von Männern und vom Staat hat sich lediglich transformiert.

Die Kleinfamilie galt für die bürgerliche Gesellschaft jahrhundertelang als schützenswertes Gut. Hier im Privaten sollte der Mann sich von der Arbeit, die der öffentlichen Sphäre zugerechnet wurde, erholen und die Kinder im harmonischen Familienverband aufwachsen. Zuständig für diese Aufgaben war die Frau, die, wenn es dem Ideal entsprach, von der Berufsarbeit befreit und vom Mann abhängig war. Dieses Ideal, nie vollkommen durchgesetzt, mag immer noch präsent sein, hat aber in den letzten Jahrzehnten einigen Wandel erfahren. Aktuell scheint das Modell der Ehe, durch den Gesetzgeber vollkommen ausgehöhlt zu werden. Scheidungsgesetze, die den Unterhalt der Frau auf ein Minimum reduzieren, setzen eine staatliche Zwangsemanzipation der Frau in Gang, von der die Frauenbewegung kaum zu träumen wagte. Dies jedoch – zumal in Zeiten latenter oder manifester Wirtschaftskrisen – auf dem Rücken der Frauen, die dabei ihre Probleme oftmals, wie ehedem, nicht als politische, sondern als private erfahren.

Die Veranstaltung will darlegen, wie es sich mit dem Verhältnis von Privat und Öffentlich in der bürgerlichen Gesellschaft verhält und das sich hierdurch und nicht durch Biologie das Verhältnis der Geschlechter ausdrückt. An aktuellen Beispielen wie dem Scheidungsrecht, Hartz IV und dem Elterngeld soll dargestellt werden, wie sich dieses Verhältnis verändert hat und was dies für Auswirkungen auf Frauen und Männer hat. Diskutiert werden soll auch, ob es sich bei den genannten Maßnahmen um eine präventive Krisenlösungsstrategie handelte, die geholfen hat, Deutschland in der gegenwärtigen Weltrezession als Gewinner erscheinen zu lassen. [via]

Download: via AArchiv
Hören per Vimeo (inkl. Zitaten): magazinredaktion.tk

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Gender Metaphors in Science and the dubious “gene Talk” April 2, 2013 | 07:36 pm

Evelyn Fox Keller is one of the pioneers of feminist science studies. 2009 the Canadian radio series How to think about science dedicated an episode to her work. Listen to the feature including a talk about her experiences as a female scientist, the gender metaphors shaping science and the history of genetics. Though not giving a (explicitly) feminist perspective, the second half of the podcast concerning the public discourse on genes and the very different way contemporary biology conceptualizes inheritance is very interesting, too. On Youtube there is a speech by Evelyn Fox Keller on the same issue.

Science, according to its first practitioners, was a masculine pursuit. Francis Bacon writing in the early 17th century invited „the sons of knowledge“ to pass through „the outer courts of nature“ and on into „her inner chambers.“ Science was male, nature female. And, according to Evelyn Fox Keller, this was no mere figure of speech – it had a shaping influence through the centuries on how science was imagined and how it was done. Evelyn Fox is emeritus professor of the philosophy and history of science at MIT, and a keen observer of the ways in which models and metaphors condition our understandings. In recent years she has been particular critical of the ways in which simplistic models of the all-powerful gene mislead public understanding of genetics and developmental biology. And her proposal with regard to what she calls „gene talk“ is the same one she made in her pioneering Reflections on Gender and Science in the 1980’s: „change the terms of the discussion.“ Evelyn Fox Keller shares some of her story and some of her thoughts on how gender, language, model and metaphor have coloured the practice of science.

Listen:

Download: via RS.com (0:54 h, 25 MB)

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Queerfeminismus trifft Kapitalismuskritik March 17, 2013 | 04:46 pm

Altes und Neues zum Thema Ökonomiekritik und Geschlecht

Das Anliegen einer feministischen Ökonomie- bzw. Kapitalismuskritik erwuchs aus dem Unbehagen am Androzentrismus marxistischer Theorie und Praxis, in deren Rahmen Kritik etwa an geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und patriarchalen (Privat-) Verhältnissen nicht selten als »Nebenwiderspruch« abgefertigt und dem Kampf gegen den kapitalistischen Klassengegensatz untergeordnet worden ist. Dies zeichnen die beiden Referentinnen vom Antifaschistischen Frauenblock Leipzig (offenbar Inka Sauter und Sonja Engel – siehe ihren Text zum Thema) im ersten Teil ihres Vortrags im historischen Rekurs auf die Neue Linke in der BRD sowie die zweite Frauenbewegung nach. Im zweiten Teil setzen sie sich mit zwei Ansätzen queertheoretisch inspirierter Ökonomiekritik auseinander und kommen zu recht kritischen Einschätzungen. Es handelt sich zum einen um das Buch The End of Capitalism (as We Knew It): A Feminist Critique of Political Economy (1996) vom Autorinnenkollektiv Gibson-Graham, zum anderen um Sexuell arbeiten, herausgegeben von Renate Lorenz und Brigitta Kuster. Im Zentrum beider Teile steht u.a. die Theoretisierung des Verhältnisses von Arbeit (im marxschen Sinne) und Reproduktionstätigkeiten (»Hausarbeit«, generative Reproduktion, Erziehung).

Der Vortrag wurde am 17. Mai 2011 in Leipzig aufgezeichnet und gehörte zur Reihe »The Future is unwritten – Für eine Perspektive jenseits von Arbeitswahn und Staatsfetisch«.

Download: Vortrag (0:52 h, 48 MB), Diskussion (0:35 h, 32 MB) via AArchiv, Vortrag | Diskussion via unwritten-future.org.

Hören:

Ankündigungstext:

Wenn die Begriffe Geschlecht und Kapitalismus fallen, mag man an Lohnunterschiede, Frauenquote und ‚gläserne Decke’ denken, vielleicht auch an ‚Sphärentrennung’, d.h. die stereotype Zuweisung von Haus- und Erziehungsarbeit an Frauen und außerhäusliche Erwerbsarbeit an Männer. Dass die Kategorie Geschlecht ein wichtiges Element der ökonomischen Ordnung darstellt, ist wohl allgemein anerkannt – soll es spezifischer werden, und ist mehr als die Auflistung statistischer Daten gewünscht, begibt man sich immernoch und immerwieder auf unsicheres Terrain. Dabei haben Feminist_innen in den letzten Jahrzehnten ein breites Spektrum an Ansatzpunkten entwickelt, die die Verflechtungen von kapitalistischer Verfasstheit und Geschlechterordnung zu erfassen sucht. Neben der abstrakt-theoretischen wurde immer auch die empirisch-konkrete Analyse der Gegenwart unternommen, durch die queerfeministische Perspektive werden noch ganz neue Aspekte hinzugefügt. Wir möchten in der Veranstaltung diesen Bereich der Ökonomiekritik kritisch vorstellen und diskutieren.

Eine Veranstaltung mit Vertreterinnen des AFBL (Antifaschistischer Frauenblock Leipzig)

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Was fehlt dem Feminismus? Ganz klar eine proletarische Kulturrevolution! [B5] March 6, 2013 | 06:04 pm

Behauptet zumindest das Rote Frauenkomitee Hamburg:

Keine Befreiung im Imperialismus!
Die Erfahrungen der bisherigen weltweiten Frauenkämpfe zeigen, dass die größten Fortschritte im Prozess des Aufbaus des Sozialismus gemacht wurden. Diese Fortschritte galten als Beispiele für die Frauenkämpfe in der ganzen Welt. Sowohl ökonomisch als auch sozial wurden in der Sowjetunion und in China während der frühen Phase des entstehenden Sozialismus innerhalb weniger Jahre riesige Fortschritte gemacht. Zum Beispiel wurde das Problem der Reproduktionsarbeit im Kollektiv gelöst. So war die Sowjetunion das erste Land, das in den 20er Jahren Kinderkrippen etablierte. Auch in China wurde seit 1949, vor allem in der proletarischen Kulturrevolution (1966 – 1976) großer Wert auf die Vergesellschaftung der Haushaltsarbeit und Kindererziehung als Schritt zur Befreiung der Frau gelegt. Es entstanden u.a. Kinderbetreuungsstellen und Restaurants in den Fabriken und Wohnvierteln, diese konnten von allen rund um die Uhr genutzt werden. Dadurch wurde den Frauen nicht nur die Möglichkeit geschaffen sich an der gemeinschaftlichen Produktion zu beteiligen, sondern sie hatten zusätzlich Zeit sich politisch zu bilden und am öffentlichen und kulturellen Leben teilzunehmen. Die Frauen haben ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen und haben diese Rechte selber erkämpft. (Rotes Frauenkomitee Hamburg)

Der neuste Spaß aus dem Hause Brigittenstraße 5!

In diesem Sinne:

“Proletarier aller Länder vereinigt Euch!” (Rotes Frauenkomitee Hamburg)

Die Proletarierinnen lassen grüßen…

Pic: Kent Wang. Commons.

Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III) November 25, 2012 | 06:18 pm

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt (EXIT!) hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Download (mp3): via AArchiv | via RS (0:45 h, 21 MB)

Download (mp3 oder ogg) via Archive.org.

Download (stereo-mp3) via MF (42 MB).

Hören:

    Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig: So steht sie in der Kritik, deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

    In dem Vortrag „Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischer Grundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann.

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“Dabei machen es die Fashion Freaks besser als all die angepassten Modehasen. Zum Beispiel… August 30, 2012 | 08:57 am

“Dabei machen es die Fashion Freaks besser als all die angepassten Modehasen. Zum Beispiel gibt es solche, die sich trotz Speckröllchen in heiße Bikinis werfen.” (Missy Magazine 03/12)

Danke Missy, dass ihr mich für etwas für mich aufwendig Angeeignetes, nunmehr Selbstverständliches zum Freak, gar besserem Fashion Freak, und andere zu “angepassten Modehasen” erklärt… genau das braucht ein feministisches Magazin, die Verhinderung von feministischer Solidarität und solidarischer Kritik unter Frauen.

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Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus August 18, 2012 | 02:42 pm

1. Judith Butler und die uneigentliche Erfahrung. Zur Kritik des Poststrukturalismus — Im Rahmen der Tübinger Reihe »Zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus« hat Korina Korecky einen hörenswerten Vortrag über Judith Butler gehalten. Sie skizziert dabei zunächst die Geschichte des bürgerlichen Subjekts und seines Verhältnisses zur Frau; insbesondere wie es seine Handlungsfähigkeit verliert, was schließlich Voraussetzung für die poststrukturalistische Theoriebildung ist. Im zweiten Teil gibt sie einen Überblick über die Probleme, die Butlers Texte aufwerfen.

Dass die Poststrukturalisten voraussetzen, was sie kritisieren oder verwerfen, nämlich Tradition, Identität, Geschichte, Sinn und Handlungsziele, haben schon so viele Schlaumeier geschrieben, dass es kaum der Wiederholung wert ist. Das poststrukturalistische Denkgebäude fällt trotz dieses grundlegenden – und zutreffenden – Einwands nicht in sich zusammen, was vermuten lässt, dass es (wie jede andere Theorie auch) seine Evidenz nicht aus sich heraus bezieht. Dem poststrukturalistischen Denkgebäude insofern Irrtümer und logische Fehlschlüsse, gar Nicht-Übereinstimmung mit dieser oder jener und der eigenenTheorie, nachzuweisen, ist eine einigermaßen sinnlose Übung. Zu fragen wäre vielmehr nach dem „Erfahrungsgehalt dieses Denkens“ (Peter Bürger), oder anders: danach, welchem gesellschaftlichen Bedürfnis es entspricht. Für den Feminismus besteht die Attraktivität des poststrukturalistischen Denkens genau in dessen Infragestellung von Wahrheit, Subjekt und Einheit. Die patriarchale Souveränität des strahlenden Subjekts als voraussetzungsreich auf Kosten der Frauen konstituiert anzugreifen, ist ein zentrales Moment feministischer Gesellschaftskritik und darin trifft sie sich, bei allen Differenzen, mit einem den Poststrukturalismus motivierenden Impuls. Dieses Zusammentreffen wahrzunehmen, verbietet eine Form der Kritik am poststrukturalistischen Denken, die in Reaktion darauf ihrerseits bloß auf Wahrheit, Subjekt und Einheit pocht. Aus feministischer Perspektive sollte deshalb dem Poststrukturalismus nicht sein Verzicht auf die Konstatierung von Wahrheit, sondern von gesellschaftlicher Unwahrheit vorgeworfen werden. Versucht wird das im Vortrag an Judith Butlers „Doing Gender“. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 53:04 min; 18,2 MB)

2. Subversion, wo steckst du? Eine Spurensuche an den Universitäten — Einen etwas anderen Blickwinkel wirft Tove Soiland auf poststrukturalistische Theoriebildung in einem Vortrag, den sie auf Einladung des Promotionskollegs »Geschlechterverhältnisse im Spannungsfeld von Arbeit, Organisation und Demokratie« in Marburg gehalten hat: Sie formuliert eine Kritik an den cultural studies und führt aus, warum der Fokus auf Identität reale gesellschaftliche Probleme des Geschlechterverhältnisses verdeckt. Sie plädiert dagegen dafür, gesellschaftliche Arbeitsteilung in den Fokus feministischer Kritik zu rücken und bezieht sich dabei auf Slavoj Žižek und die Ljubljana school of psychoanalysis, die vor allem Theoreme von Lacan weiterentwickelt.

    Download: via AArchiv (mp3; 52:59 min; 30,3 MB)

Weitere spannende Vorträge aus der Reihe des Marburger Gender-Kollegs gibt es hier: Bitlove.de.

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Denkstoffe July 3, 2012 | 12:42 pm

Beim Schweizer Radio DRS gab es in der Sendung Reflexe eine interessante Reihe zu KlassikerInnen der Kulturwissenschaften im 20. Jh. In je etwa halbstündigen Gesprächen mit KennerInnen des besprochenen Werkes geht u. a. um Horkheimer/Adorno, H. Arendt, M. Foucault, J. Butler, J. Derrida und N. Luhmann. (Backup via MF)

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Von spirituellen Blutbildern, der Verehrung menschlicher Überreste und einer Art Hexensabbat June 4, 2012 | 09:48 pm

Mit Menstruationsblut besudelte TrommelDen meisten Frauen im gebärfähigen Alter ist ihre Menstruation samt deren Begleiterscheinungen und Beschwerden eher lästig. Doch eine bewährte Strategie vor allem in der Esoterikszene, etwas Unangenehmes schmackhaft zu machen, ist dessen spirituelle Überhöhung zu einem bedeutenden Ereignis, auch wenn es nur die körperliche Folge nicht im biologischen Sinne erfolgreichen (oder auch vielleicht gerade keines) Geschlechtsverkehrs ist.

Our moon blood is sacred substance. It starts as life-giving tissue that lines up our wombs monthly, in preparation for new life.

Unser Menstruationsblut ist eine geheiligte Substanz. Es fängt an als monatliches lebensspendendes Gewebe in unseren Schößen, um auf neues Leben vorzubereiten.


Um den täglichen Stuhlgang wird meist weniger Tamtam gemacht, obwohl er entsteht durch die lebensspendende Verdauung. Aber den kann man auch nicht so schön mit dem Mond verbinden, dem Urdingsda des Weiblichen.

Schmuck mit Plazentaresten.So kann die überbelichtete erleuchtete Künstlerin von Welt periodisch tiefschürfende Kunstwerke erschaffen, welche uns alle feinstofflich weiterbringen, wie zum Beispiel eine blutbesudelte handbemalte Trommel. Leider hat sie ihr Monatsblutungsblog irgendwann eingestellt. Es war eine Bereicherung!

Dass spiritusdurchflutete Menschen dazu neigen, mit menschlichen Überbleibseln Seltsames zu veranstalten, war ja bereits mehrmals Thema, wie zum Beispiel die Verehrung und Verzehrung der Hl. Plazenta. Wogegen der hier abgebildete Schmuck geradezu harmlos erscheint.

Der geballte pseudo-natürliche Wahnsinn versammelt sich allerdings auf einer Art Hexensabbat, von den Eso-Frauen als Frauenkongress betitelt. Keine Angst, für die Männchen gibt es ein Pendant! Aber das würde schlicht den Rahmen sprengen.

Jetzt ist die Zeit…
…uns mit den Quellen weiblicher Kraft wieder zu verbinden
…Liebe und Mitgefühl in unseren Herzen zu öffnen
…Schoßkraft zu erwecken und zu ehren
…unsere Kreativität zum Wohle aller einzusetzen
…weiblich intuitivem Wissen zu vertrauen
…Hingabe an das Göttlich Weibliche zu leben
…die Balance zwischen Männlichem und Weiblichem wieder herzustellen
…das Leben zu feiern
…uns mit Schwestern zu vernetzen und die Verantwortung für uns
und die nachfolgenden Generationen zu übernehmen.

Was auch immer diese Schoßkraft sein mag. Ein Schelm, wer Schweinkram dabei denkt.

Neben dem üblichen Meditations- und Yogazeug verwursten die Damen ebenfalls die Indianer und bieten auch einen “Mondplatz” an:

Traditionell ist dies der Platz, an denen Frauen nach indianischer Tradition ihre Mondzeit gemeinsam verbringen, um zu lachen, zu singen, ihre weibliche Kraft und Verbundenheit zu spüren, auf das Göttliche lauschen und Visionen zu empfangen.

Wir möchten mit Euch diese Tradition neu beleben und heissen sowohl blutende Frauen willkommen sich hier mit ihrer Kraft und der Erde zu verbinden (auch ihr Blut der Erde zurückzugeben) als auch Frauen, die sich nach Rückzug und Besinnung im Trubel, nach Stille im Auge des Wirbelsturms sehnen.

Auf Euch warten die Elemente, Gemütlichkeit, die schützende Gebärmutterhöhle der Mondhütte, Bücher, Stille und Genuss des ganz mit sich Seins!!

(Aha? Alles klar?) (Da haben wir auch wieder das Blut!) Ansonsten gibt es Workshops zur Zeitenwende, zum gemeinschaftlichen Masturbieren und natürlich auch zum Menstruieren (“Kraft und Magie der Menstruation”). Was man sich nun unter der “Weisheit der Gebärmutter”  vorstellen soll oder gar unter “ekstatischem Gebären”  (nein, lieber nicht, wirklich nicht!)?

 

Zur Ak­tua­li­tät Ador­nos für die fe­mi­nis­ti­sche Theo­rie March 8, 2012 | 06:56 pm

Kritische Theorie, Geschlechterverhältnis und Aufklärungskritik

Adornos Gesellschaftskritik ist im Zuge einer allgemeinen Marxrenaissance wieder in aller Munde. Kritische Theorie war allerdings vor dem „cultural turn“ schon einmal zentraler Ausgangspunkt feministischen Denkens. Vernachlässigt wurde dabei jedoch die Kritik der gesellschaftlichen Formbestimmung; den Bezug bildete vor allem die soziologisch-analytische Dimension. Demgegenüber gilt es heute, die grundlegende Kritik der Wert-Abspaltung, also des Zusammenhangs von allgemeiner Form und Geschlechterverhältnis, im Hinblick auf die Theorie Adornos zu thematisieren. Dabei werden auch Aspekte einer Aufklärungskritik berücksichtigt, die übrigens in der Vor-Gender-Phase des Feminismus ansatzweise bereits vorhanden war, im veränderten Kontext allerdings neu zu formulieren ist.

Zunächst zeichnet Roswitha Scholz (Exit!) in diesem im August 2011 aufgezeichneten Referat einige Ansätze feministischer Adorno/Horkheimer-Rezeption und -Kritik im deutschsprachigen Raum nach, um zu zeigen, dass in diesen sowohl die Aufklärungskritik als auch die Ebene der basalen gesellschaftlichen Formbestimmung zu kurz gekommen oder falsch gefasst worden ist. Im zweiten Teil knüpft sie an einschlägige Passagen aus der Dialektik der Aufklärung an; im dritten akzentuiert sie die Bedeutung einer Kritik der Aufklärung im Kontext der Wert-Abspaltungs-Kritik. Die Diskussion kreist um das Verhältnis und den jeweiligen Status von (aufklärerischer) Erkenntnistheorie, »Relationalität« und Dialektik. Die Diskussionsbeiträge stammen u.A. von JustIn Monday, Georg Gangl und Daniel Späth.

Die Aufnahmequalität ist leider nicht optimal, da es einige kurze Unterbrechungen durch Störgeräusche gibt. Als Ergänzung und zum Nachvollzug einiger zentraler Referenzen kann der online verfügbare Text »Die Theorie der geschlechtlichen Abspaltung und die Kritische Theorie Adornos « zu Rate gezogen werden.

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Freiheit für Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alyokhin March 8, 2012 | 06:04 pm

Mit der Religion ist das so eine Sache: mühseelig adressiert man in Gebeten seine Wünsche an die überirdischen Instanzen. Gehen die Gebete zufällig in Erfüllung wäre der Gottesbeweis erbracht. Bleibt die Einlösung aus, dann hat man nur nicht aufopferungsvoll genug gebetet, sich nicht diszipliniert oder unterwürfig genug dem Herrn im Himmel präsentiert. Religion ist eben eine widerspruchsfreie Veranstaltung.

Die feministische Moskauer Punk Band Pussy Riot dürfte aber weder an den Herrn im Himmel, noch an die Einlösung von Gebeten glauben. Nicht mal der eigenen. Nichts desto trotz formulierten die Künstlerinnen bei einer Performance vor einigen Wochen in einer Moskauer Kirche die Bitte an Gott, Russland doch endlich von Putin zu befreien. Dass all der religiöse Eifer umsonst war, wird wissen, wer in den letzten Tagen die Zeitung aufgeschlagen hat. Wladimir Putin sitzt nach einer lupenreinen Ämter-Rocharde erneut und zwar für die nächsten sechs Jahre als russischer Präsident im Sattel.

Gegen das abgefuckte und gänzlich undemokratische Putin-Medwedew-Regime spielt Pussy Riot schon seit längerem an. Zum Beispiel mit einem nicht-genehmigten Konzert auf dem Roten Platz, bei dem in einem Stück auch die schöne Punchline »Revolt in Russia! Charisma of protest!/Revolt in Russia! Putin pissed himself!/Revolt in Russia! We exist!/Revolt in Russia! Riot! Riot!« aufgeführt wurde.

Mit dem Stoßgebet gegen Putin hat es die Band nach Ansicht der russischen Behörden nun aber zu weit getrieben. Nadezhda Tolokonnikova und Maria Alyokhin sitzen seit dem 03. März 2012 wegen der Performance in Haft und befinden sich momentan im Hungerstreik. Ihnen wird die Beteiligung an Aktionen von Pussy Riot vorgeworfen. Weitere Infos auf Spiegel Online oder im Guardian. Auch wenn der zivilgesellschaftliche und sogar der klerikale Protest gegen die Inhaftierung der beiden Frauen in Russland langsam Fahrt aufnimmt, bleibt es dennoch wichtig, international für die Beiden Druck zu machen. Auf einer Facebook-Seite findet ihr deshalb den dringenden Aufruf zum Protest! Up with the Punks!

flattr this!

My first Candy Cigarette March 8, 2012 | 05:03 pm

Ninja Tune stellt zum Internationalen Frauentag einen Gratis-Sampler online. Zeitstrafe macht das (vielleicht terminlich unbeabsichtigt) auch

Nun schon zum wiederholten Mal stellt Ninja Tune anlässlich des internationalen Frauentages eine kleine Download-Compilation ins Netz. Sechs Songs an der Zahl, die mit Ausnahme von Speech Dabelle aber auch nicht so der große Wurf sind.

Eher im Fahrwasser unserer musikalischen Präferenzen segelt der MP3-Sampler, den das Hamburger Plattenlabel Zeitstrafe ebenfalls heute zum Download online gestellt hat. »My first Candy Cigarette« enthält 25 Songs aus dem Zeitstrafe-Backkatalog, mit Liedern unter anderem von Antitainment, Nein Nein Nein, Grand Griffon, Trip Fontain und Escapado. Das gezeichnete Cover stammt von Nagel (Muff Potter, Wasted Paper, heute Literaturbetrieb), der bei uns ja auch schon mal zu Wort kam.

Das ist alles sehr schön, aber macht doch etwas nachdenklich: es genügt schon ein Blick auf die Band-Zusammenstellung von »My first Candy Cigarette« um eine Ahnung davon zu bekommen, wie ungebrochen männerdominiert die ganze Subkultur-Szenerie immer noch ist, in der wir uns bewegen.

flattr this!

Seit ich ihn gesehn… Iggy Pop und die Emanzipation February 3, 2012 | 12:25 pm

Die Inszenierung präsentiert Iggy Pop in einem einteiligen, edlen Kleid. Seine gekonnten Posen ahmen den dynamischen Tanz einer Frau nach, die sich aus irgendeinem, von der Archetypen-Psychologie der Werbeagenturen erdachten Grund stets in Bewegung befinden muss. Das Zitat: “I’m not ashamed to dress ‘like a woman’ because I don’t think it’s shameful to be a woman.”

Adorno hat seinen tiefen Skeptizismus gegenüber der Verherrlichung des weiblichen Charakters wie kaum ein anderes Thema für die “Minima Moralia” reserviert. Sein emanzipatorischer, Nietzsche aufhebender Befund gipfelt in dem Satz: ‎”Die Glorifizierung des weiblichen Charakters schließt die Demütigung aller ein, die ihn tragen.” Exaltierte Männlichkeit, das “tough baby“-Syndrom, ist ihm so suspekt wie die damit kommunizierende Weiblichkeit.

Iggy Pop subvertiert dieses dialektische Verhältnis nicht, er invertiert. Im Westen ist die Abkehr von der klassischen Misogynie heute billig zu haben und auf sie bezogenes avantgardistisches Brimborium lässt wirkt verspätet, naiv und altbacken. Die normative Botschaft des Pop-Künstlers liegt eher in der Propaganda für die Kleidung der Frau, die artifizielle, überelastische Haltung ihres Körpers und letztlich für ihre Unterwerfung. Die kunstfasergehärtete Seidenrüstung wird mit der Existenz, der biologischen Geschlechtlichkeit assoziiert als wäre sie von Natur entstanden.

Die Angleichung der Männer an die Frauenbilder, die sie selbst sich einst in Angst vor der Aggression der Frau zurichteten, zeugt davon, was sie mit sich selbst vorhaben. Es ist zum geringeren Teil Beweis für die Befreiung von Homophobie, der Pazifismus befreit auch nicht von Gewalt. Vielmehr spricht hier die fortschreitende, auch die Männer erfassende Unterwerfung. Die ist nicht mehr durch Vaterfiguren verkörpert, denen man in Kraft und Intellekt mindestens gleich werden kann und muss, sondern durch ein übermächtiges, anonymes, namenloses Prinzip, vor dem nur Inversion und Vermeidung ratsam sind. Ausbrüche gewährt dann allein die fortschreitende Apotheose des aufgeblähten Heros, der überkontrollierte, unverwundbaren Mann, wie ihn auch der von Drogen und Exzessen gestählte Iggy Pop, vor allem aber James Bond und der Dark Knight (1, 2) repräsentieren – anders als die Proletarier Jackie Chan oder John Rambo riskieren sie nichts, reagieren nicht, haben nicht nur bloß unfassbares Glück: Die sterilisierten bourgeoisen Action-Helden sind keine Menschen sondern Götter, die dumm ihrem Schicksal in einer durchgeplanten Folge von wahnsinnigen, unmöglichen Aktionen folgen und dabei gewiss keine Geldsorgen haben. Das Gegengift zum Heros, die zu solidarischen Bindungen auch jenseits des sexuellen Interesses fähige Assoziation von verwundbaren Individuen bleibt mit gutem Grund selten in der Filmlandschaft – am Ende läuft heute noch fast jeder erfolgreiche Film auf den eisenharten Kerl heraus, der seine Kleinfamilie rettet während tausende andere sterben. Wenn es einen Fortschritt in der Bildersprache Hollywoods gegeben hat, dann nicht den Umschlag dieser Figuren in den verweiblichten Mann, der noch immer auf tolerierte homosexuelle oder pubertäre Rollen sich zurückziehen muss und in der Konkurrenz um Frauen allenfalls gegen den prügelnden Blödian Erfolg hat. Die Emanzipation der Frau muss die Emanzipation der Frauen sein. Die Gönnerei jener Männer, die aus der einst zwanghaften Travestie einen gesellschaftlich honorierten Faschingsball machen, verspricht ihnen keine Freiheiten sondern schreibt ihren Status fest. Die Aktivität der Frauen als körperlicher und intellektueller Widerstand gegen die gesellschaftlichen Zumutungen ist allemal wünschenswerter als der Regress der Männer auf die anal strukturierte Manipulation, die passive Aggressivität, die der euphemistisch zur Schönheit geschundenen körperlichen Schwäche zum Habitus wird.

Nicht zufällig ist das konforme Accessoire Iggy Pops die Handtasche, jenes Lacan’sche Schächtelchen, in dem männlicherseits wunder was Geheimnisse und Waffen vermutet werden, in dem sich aber zumeist nichts befindet, was wert gewesen wäre, es vom Körper abzuspalten und dann dennoch bei sich zu tragen. In dieser Handtasche wie auch im Ausgezehrten der doch sehr vogue gewordenen hohlwangigen anorektischen Männermodels, artikulieren sich sado-masochistische Wartestände auf Ruinen einstiger Wünsche. Androgynität ist erlaubt, solange sie dieses Zeichen der Schwäche und Entsagung von Lust, die Magerkeit, trägt. Ungleich verpöhnter als die modischen metrosexuellen Männer sind Frauen, die sich Bodybuilding jenseits von sanktionierten Ästhetisierungen erlauben. Androgynität, die als vereinzelte in das Zelebrieren von Schwäche mündet, das durch Beherrschbarkeit des eigenen schwächlichen Beutekörpers lockt, ist keine Fortschrittliche. Unter der gesellschaftlichen Kastrationsdrohung ist sie Regression hinter das ödipale Stadium. Vom Widerstand abgelöste Geschlechtlichkeit wirbt nur Ästhetisierungen ein. Wünschenswert wäre ein Zustand, der der Stärke nicht mehr bedürfte und körperliche wie intellektuelle Schwäche erlaubte. In der gewaltförmigen bürgerlichen Gesellschaft bedeutet dieselbe Projektion eine Idealisierung, ein Ausweichen vor dem Konflikt. Der richtet sich gegen die Subjekte selbst, die aus der freien Wahl ihrer Kleider schon ihre eigene Freiheit, und insbesondere jene zur Wahl der Wahl selbst, ableiten wollen.

“Die Gegensätze des starken Mannes und des folgsamen Jünglings verflieβen in einer Ordnung, die das männliche Prinzip der Herrschaft rein durchsetzt. Indem es alle ohne Ausnahme, auch die vermeintlichen Subjekte, zu seinen Objekten macht, schlägt es in die totale Passivität, virtuell ins Weibliche um.” (Adorno, Minima Moralia, “Tough Baby”)

Vielleicht hat Iggy Pops Zitat aber auch recht. Scham empfindet das Opfer für das, was ihm angetan wird, weil die Trennung zu jenem misslingt, was man sich antun lässt. Wenn Iggy Pop mit dem Spott auf diese weibliche Scham über das, was aus der Frau gemacht wurde, kokettierte und diese Frauen als Ziel der Kritik einer ungleich feinsinnigeren Travestie hätte, so wäre er weitaus fortschrittlicher als er von den Fans des Bildes verstanden wird und sehr wahrscheinlich doch werden will.

Fragment Ende.


Einsortiert unter:Kulturindustrie und Industriekultur, Misogynie

This Moment Will Last: Letter From Sol LeWitt to Eva Hesse January 20, 2012 | 11:48 pm

This Moment Will Last: Letter From Sol LeWitt to Eva Hesse:

Dear Eva,

It will be almost a month since you wrote to me and you have possibly forgotten your state of mind (I doubt it though). You seem the same as always, and being you, hate every minute of it. Don’t! Learn to say “Fuck You” to the world once in a while. You have every right to. Just stop thinking, worrying, looking over your shoulder wondering, doubting, fearing, hurting, hoping for some easy way out, struggling, grasping, confusing, itchin, scratching, mumbling, bumbling, grumbling, humbling, stumbling, numbling, rumbling, gambling, tumbling, scumbling, scrambling, hitching, hatching, bitching, moaning, groaning, honing, boning, horse-shitting, hair-splitting, nit-picking, piss-trickling, nose sticking, ass-gouging, eyeball-poking, finger-pointing, alleyway-sneaking, long waiting, small stepping, evil-eyeing, back-scratching, searching, perching, besmirching, grinding, grinding, grinding away at yourself. Stop it and just DO!
 
From your description, and from what I know of your previous work and you [sic] ability; the work you are doing sounds very good “Drawing-clean-clear but crazy like machines, larger and bolder… real nonsense.” That sounds fine, wonderful – real nonsense. Do more. More nonsensical, more crazy, more machines, more breasts, penises, cunts, whatever – make them abound with nonsense. Try and tickle something inside you, your “weird humor.” You belong in the most secret part of you. Don’t worry about cool, make your own uncool. Make your own, your own world. If you fear, make it work for you – draw & paint your fear and anxiety. And stop worrying about big, deep things such as “to decide on a purpose and way of life, a consistant [sic] approach to even some impossible end or even an imagined end” You must practice being stupid, dumb, unthinking, empty. Then you will be able to DO!

I have much confidence in you and even though you are tormenting yourself, the work you do is very good. Try to do some BAD work – the worst you can think of and see what happens but mainly relax and let everything go to hell – you are not responsible for the world – you are only responsible for your work – so DO IT. And don’t think that your work has to conform to any preconceived form, idea or flavor. It can be anything you want it to be. But if life would be easier for you if you stopped working – then stop. Don’t punish yourself. However, I think that it is so deeply engrained in you that it would be easier to DO!

It seems I do understand your attitude somewhat, anyway, because I go through a similar process every so often. I have an “Agonizing Reappraisal” of my work and change everything as much as possible = and hate everything I’ve done, and try to do something entirely different and better. Maybe that kind of process is necessary to me, pushing me on and on. The feeling that I can do better than that shit I just did. Maybe you need your agony to accomplish what you do. And maybe it goads you on to do better. But it is very painful I know. It would be better if you had the confidence just to do the stuff and not even think about it. Can’t you leave the “world” and “ART” alone and also quit fondling your ego. I know that you (or anyone) can only work so much and the rest of the time you are left with your thoughts. But when you work or before your work you have to empty you [sic] mind and concentrate on what you are doing. After you do something it is done and that’s that. After a while you can see some are better than others but also you can see what direction you are going. I’m sure you know all that. You also must know that you don’t have to justify your work – not even to yourself. Well, you know I admire your work greatly and can’t understand why you are so bothered by it. But you can see the next ones and I can’t. You also must believe in your ability. I think you do. So try the most outrageous things you can – shock yourself. You have at your power the ability to do anything.

I would like to see your work and will have to be content to wait until Aug or Sept. I have seen photos of some of Tom’s new things at Lucy’s. They are impressive – especially the ones with the more rigorous form: the simpler ones. I guess he’ll send some more later on. Let me know how the shows are going and that kind of stuff.

My work had changed since you left and it is much better. I will be having a show May 4 -9 at the Daniels Gallery 17 E 64yh St (where Emmerich was), I wish you could be there. Much love to you both.

Sol

Ein Appell an das Selbstbild einer Frau, einer Frau in der Kunst, einer Tochter in Zerrüttung, einem jüdischen Kind, das vor den Nazis/Deutschen geflohen ist, deren Familie ermordet wurde, deren Mutter die Zustände nicht aushält und Hand an sich legt.

Das Hörspiel “Alles, aber anders” von Ulrike Haage nach Aufzeichnungen von Eva Hesse kann hier gefunden werden.

Roswitha Scholz »Das Geschlecht des Kapitalismus« January 15, 2012 | 06:20 pm

Als »Das Geschlecht des Kapitalismus« von Roswitha Scholz im Jahr 2000 zum erstmals erschien, war es auf eine eigenartige Weise anachronistisch. Knapp 10 Jahre nach dem Erscheinen von Judith Butlers »Das Unbehagen der Geschlechter« traf es auf eine feministische Debatte, deren Protagonistinnen fast schon vergessen zu haben schienen, dass feministische Kritik sich nicht schon immer um die Frage der Existenzweise geschlechtsspezifischer Körper gedreht hat. »Zum Problem der Kulturalisierung des Sozialen seit den 80er Jahren« lautet dementsprechend der Untertitel der Einleitung, in der Scholz eine Patriarchatskritik im Bewußtsein gesellschaftlicher Totalität im marxistischen Sinn ankündigte.

Dass sie damit keinen Erfolg auf ganzer Linie landen konnte, überrascht im Rückblick nicht. Die Frage nach dem Zusammenhang von Geschlecht und Kapitalismus war out, wie die Einleitung ebenfalls vermerkt. Auch in linksradikalen Kreisen sah es nicht viel anders aus. Es lässt sich wohl sagen, dass sich die nun erweitert wieder aufgelegte Arbeit breiter Nicht-Rezeption erfreut hat. Will heißen: In allen im weitesten Sinne interessierten Kreisen war sie bekannt, aber eingearbeitet in die eigenen theoretischen Grundlagen wurde sie kaum. Grund hierfür dürfte weniger die Ablehnung der darin vorzufindenden wertkritischen Grundlagen sein. Die »Wertkritik« war in den 90er-Jahren ein allseits anerkannter Zweig der Debatten der Restlinken und insofern kein Rezeptionshindernis.

Grund dürften vielmehr die Bezugspunkte innerhalb der feministischen Theorie sein, die Scholz gewählt hat, um ganz klassisch durch Übernahme und gleichzeitig kritische theoretische Umarbeitung zur von ihr selbst »Wert-Abspaltungskritik« genannten Position zu gelangen. Die Theoretikerinnen, mit denen sie sich auseinander setzt, gehörten zu jenen Strömungen des Feminismus der 1970er‑ und 80er-Jahre, die durch die Übernahme diskurstheoretischer Argumentationsmuster obsolet erschienen waren. Die Kritik an ihnen schien nichts mehr zu versprechen weil die Ansicht herrschte, dass sie schon umfänglich geleistet worden sei. Es handelt sich bei »Geschlecht des Kapitalismus« auf dieser Ebene um gesellschaftskritische Statements zu den ehemals breit diskutierten Fragen nach »weiblichen Arbeitsvermögen«, dem Verhältnis von Lohn‑ und Hausarbeit, der Zeitlogik weiblicher Lebensrealität und dem Theorem der »doppelten Vergesellschaftung« von Frauen. Alles Fragen also, die das im Zuge der Butler-Rezeption »verabschiedete« »Subjekt Frau« voraus setzen, um dann vornehmlich zu fragen, in welche gesellschaftliche Dynamik das einmal irgendwie konstituierte Subjekt verwickelt wird.

Das hierbei die Frage nach der Konstitution der Subjekte zu kurz kam, ist kein großes Wunder und schon von vielen Seiten aus festgestellt worden. Scholz macht dies ebenfalls, pointiert die Konstitutions‑ und Formproblematik aber gegenläufig zu ihrem postmodernen Widerpart. Der Mangel der von ihr bearbeiteten Theorien resultiert für sie daraus, dass diese Anleihen nehmen bei Theorien, die es gar nicht erlauben, die mit feministische Motivation erarbeiteten Beobachtungen gesellschaftstheoretisch adäquat zu artikulieren. Als Beispiel hierfür ihr Urteil über Frigga Haugs Schriften: »Grundsätzlich fragwürdig ist somit auch die unvermeidliche Konsequenz, daß Haug […] die Geschlechterverhältnisse zum Bezugspunkt ’Klasse’ statt zum Bezugspunkt ’Wert’ (Warenform) ins Benehmen setzt, um zu einer Theorie des gesellschaftlichen Gesamtverhältnisses im kapitalistischen Patriarchat zu kommen.« (S. 95) Haug habe »eine Formanalyse der ’Hausarbeit’ im Vergleich mit der Lohnarbeit« (S. 97) geleistet – was durchaus in Scholz’ Sinn ist und von ihr auch übernommen wird – dann aber die arbeiterbewegt-marxistische Arbeitsontologie auf die Hausarbeit übertragen, womit sie die Hausarbeit wieder zu einer formgleichen Sparte der gesellschaftlichen Arbeitsteilung gemacht hat. Scholz hingegen beharrt darauf, dass Hausarbeit zwar als geteilte Arbeit erscheint, diese aber nicht nur geteilt ist »wie innerhalb der betriebswirtschaftlichen Produktion«, sondern »logisch und strukturell abgetrennt« (ebd.). Die Hartnäckigkeit kann sie sich erlauben, weil sie auf wertkritischer Grundlage nicht jede menschliche Tätigkeit zu »Arbeit« erklären muss. So ist sie auch nicht gezwungen, zwischen antifeministischer Ontologisierung der Weiblichkeit und metaphysischer Ontologie der Arbeit zu wählen.

Von diesem Ausgangsgangspunkt aus kontert Scholz die postmoderne Anti-Ontologie zumeist treffend. Die postmoderne Kulturtheorie beinhaltet die Gewissheit, dass ein so allgemeines Problem wie die Konstitution von Subjektivität sich durch den Verweis auf vielfältige lokale Differenzen und Praxen erledigt habe. Sie sei halt »konstruiert«, viel mehr an Erkenntnis hat die Theorie nicht zu leisten. Der Rest des Problems wurde schrittweise zur Sache queerer Praxis erklärt. Eine nur schlecht kaschierte Anlehnung an die vulgärmarxistische Rede von den »Kräfteverhältnissen« im Klassenkampf, die noch den theoretischen Ausgangspunkt Butlers, das Problem der Identität des Subjekts, missachtend liegen ließ.

Scholz hingegen sieht sich gezwungen, mit der Wertabspaltung einen gesellschaftstheoretischen Großbegriff einzuführen, die auf die objektive Nötigung der Individuen zu einer in Geschlechter gespaltenen Subjektivität verweist. Immer wieder verweist sie im Buch und auch in späteren Arbeiten drauf, dass die Wertabspaltungskritik nicht von einem isolierbaren bzw. isolierten Bereich handelt, etwa dem Privaten, sondern sich durch alle Sphären der Gesellschaft zieht. Das Abgespaltene erscheint damit den Subjekten mit dem gleichen Grad an Zwangsläufigkeit wie die gesellschaftlichen Objektivität selbst. Im Gegensatz zur diskurstheoretischen bloßen Beteuerung, dass es kein Außen des Diskurses gebe, macht diese Denkbewegung deutlich plausibler, warum sich Geschlechterdifferenz und Weiblichkeit trotz allem gesellschaftlichem Wandel immer wieder hartnäckig halten. (Während die Männlichkeit als allgemein individuierende Form der Subjektivität ohnehin nie in Frage stand. Analog zur Beurteilung des Nationalismus als übersteigertem Nationalgefühl gingen die Forderungen gerade mal so weit, dass die Herren der Schöpfung sich ihr Überlegenheitsgefühl abgewöhnen sollten. Eine zwangsläufige Konsequenz daraus, dass die gesellschaftlich wirkmächtigen Emanzipationsideen immer auf gleiche Anerkennung in der Rechtsform zielte.)

Diese gegenläufige Erarbeitung der diskurstheoretischen Kritikpunkte an den vorangegangenen Theorien wurde offensichtlich auch nicht dadurch aufgefangen, dass mit »Das Geschlecht des Kapitalismus« eine Theorie vom Zusammenhang von Kapital‑ und Geschlechterverhältnis versprochen wurde. Während das übliche Bedürfnis danach, das Geschlechterverhältnis und den Kapitalismus »zusammenzudenken«, in den 90er-Jahren auf eine Kapitaltheorie zielte, die erklärt, warum ein Geschlechterverhältnis so entsteht, wie es in der Diskurstheorie vorgestellt wurde, zielt Scholz auch darauf zu erklären, warum zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt das diskurstheoretische Bild entsteht. Hierin dürfte das Rezeptionshindernis bestanden haben.

An einigen Punkten endet dieses vielversprechende Unterfangen allerdings reichlich widersprüchlich, ohne dass diese Widersprüche wiederum in die allgemeine dialektische Bewegung einbezogen würden. Zugespitzt findet sich dieses Problem in dem Kapitel, in dem Scholz Christel Dormagens These vom Ende der Heterosexualität zurückweist (S. 157ff). Hier redet sie explizit davon, dass mit der Queer-Politik »die Installierung eines postmodernen ’Ein-Geschlecht-Modells« einher gehe. Dieses stelle »heute das dominierende Geschlechterkonzept [dar], unter grundsätzlicher Beibehaltung eines asymmetrischen Geschlechterverhältnisses und einer prinzipiell heterosexuellen Basis.« (S. 160) Wie ein Ein-Geschlecht-Modell auf einer prinzipiell heterosexuellen Basis dominieren können soll, entzieht sich meiner Vorstellungsfähigkeit. Der wiederum auch nicht auf die Sprünge geholfen wird dadurch, dass Scholz im selben Kapitel einmal bemängelt, dass »die Transi-Show in den 90er Jahren […] tragischerweise ihre eigenen Intentionen [’verkaspert’], nämlich das latente homoerotische Potential (in psychischen Tiefenschichten) beim Mainstream anzusprechen« (S. 161), andererseits aber wenige Sätze später zuvor behauptet, dass »in der Postmoderne […] die alte Geschlechterdichotomie nicht mehr in Frage gestellt werden müsse, weil es sie schlichtweg nicht mehr gibt« (S. 160).

Es ist eine Sache, Queer-Theorie nicht als Radikalisierung sondern als scheinradikalen Rückzug von feministischer Gesellschaftkritik zu deuten, und als defensiven Versuch zu sehen, einen einmal erreichten, ungenügenden Stand der Emanzipation defensiv zu verteidigen. Eine andere Sache ist es aber zu diagnostizieren, dass eine Bewegung, die »ihre eigene Intention verkaspert«, gleichzeitig ein Ziel erreichen möchte, dass bereits verwirklicht ist. Wenn die Bewegung tatsächlich einerseits zu zaghaft bzw. nicht grundsätzlich genug vorgeht, das andere mal aber zu spät kommt weil sich alles bereits erledigt zu haben scheint, entsteht zwangsläufig die Frage, welche Verlaufsformen die Abschaffung der Geschlechterdichotomie denn dann genommen hat. Die zweite Frauenbewegung kann es nach Scholz eigener Kritik nicht gewesen sein, denn von der kann sie ja zeigen, dass es auch ihren (im deutschsprachigen Umfeld) avanciertesten Theoretikerinnen unmöglich war, die gesellschaftlichen Formen der Geschlechterdichotomie zu thematisieren. Die Frage stellt sich unter geschichtsphilosophischen Aspekten – wenn der Wandel nicht so unhistorisch überraschend kommen soll, wie die Vorstellung der Diskursverschiebung es besagt – um so dringender. Scholz bietet als Antwort die »neuen Globalisierungsverhältnisse eines zunehmend krisengeschüttelten warenproduzierenden Patriarchats« (ebd.), aber das kann höchstens ein angemessener theoretischer Begriff dieses Verlaufs sein, nicht der Verlauf selbst.

Zu vermuten ist, dass das die unbehandelten Widersprüche und damit die historische Unklarheit daher rühren, dass Scholz den Queer-Feminismus nicht auf die gleiche Weise immanent zerpflückt wie ihre Bezugspunkte, sondern diesen von Außen betrachtet, im Vergleich mit ihrem eigenen Abspaltungstheorem. Aus dieser Perspektive erscheint das diskurstheoretische Bild zurecht als ärgerlicher Rückschritt, weil sie selbst ja gezeigt hat, wie über die Unzulänglichkeiten der vorherigen Theorie auch erkenntnisreicher und kritischer hinaus gegangen werden kann. Täte sie es aber trotzdem, ließe sich sicher gewinnbringender verhandeln, was die affirmativen Aspekte des postmodernen Geschlechts‑ und Körperbildes sind. Denn diese Aspekte müssten, gerade weil sie affirmativ sind, als weiterer Ausgangspunkt für die eigene Theoriebildung interessant sein, denn in ihnen drückt sich der Wandel der geschlechtlichen Abspaltung im Krisenprozess angemessenen aus. Scholz redet statt dessen von einer »Verwilderung warenproduzierenden Patriarchats in der Postmoderne«, und verschiebt damit einen Teil der nicht geleisteten Analyse in die Undurchdringlichkeit des Gegenstandes.

So aber bleibt im Bezug auf die postmoderne Theorie nur, dass sie die Gemeinsamkeiten des vor-butlerschen Feminismus und dem der 90er-Jahre eindrücklich und nicht ohne Polemik darstellt. Zu nennen ist hier insbesondere die Beobachtung, dass feministische Theorie den Hang zum endlosen Differenzieren hat. Was als methodische Innovation der neueren Theorie erscheint, arbeitet Scholz bereits als Eigenart der vorhergehenden heraus. Scholz wirft bereits Regina Becker-Schmidt zurecht vor, durch Verwandlung von Adornos Identitätskritik in »Methode« überall den Schein von »Widersprüchen, Ambivalenzen, Differenzen, Brüche, Ungleichheiten usw. und dementsprechend auch überall ’Widerständigkeiten’« zu sehen (S. 73) »Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, daß Adornos Beharren auf ’Nichtidentität’ bei Becker-Schmidt soziologisch heruntergebrochen und in die immergleiche banale Feststellung transformiert wird, daß schon immer alles verschieden und höchst widersprüchlich ist und sich eins stets vom anderen unterscheidet, was dann letztlich auch eine Endlosaufzählerei (zum Beispiel von verschiedenen Frauen und Frauengruppen) zur Folge hat« (S. 74).

In den »(anti‑)methodischen Schlußthesen« am Ende (S. 188ff) rekapituliert Scholz dann ihre Vorgehensweise noch einmal mit der Zuspitzung, dass dann, wenn die diagnostizierte Vielfalt nach dem Modus der Abspaltung entsteht, durch den das Abgespaltene im theoretischen Denken nicht auftaucht, und nicht nach dem Modus des dialektischen Gegensatzes, in dem mal das Eine, und mal das Andere gedacht wird, feministische Wertkritik nicht einfach nur eine Erweiterung der Dialektik Kritischer Theorie sein kann, sondern auch deren Begriff des Ganzen modifiziert werden muss. Damit sind die vielfältigen Widersprüche nicht geleugnet, aber in Relation zu ihren Konstitutionsbedingungen reflektiert und damit der Kritik zugänglich.

Das neue Nachwort verfolgt den Werdegang der Theoriebildung der letzten Jahre und stellt entgegen der Einleitung wieder zunehmendes Interesse an einer Verbindung von Marxismus und feministischer Kritik fest. Ob das Vorboten einer erneuten Wende in der feministischen Theoriebildung sind, oder Absetzbewegungen am Rande, wird sich in den nächsten Jahren zeigen. Scholz erwartet ersteres. Allerdings leitet sie dort diese Wende nicht aus einer innerfeministischen Dynamik, sondern aus einer allgemeinen Marx-Renaissance her sowie aus einem entlarvenden Zu-sich-selbst-kommen der Diskurstheorie. Aber unabhängig von den Beweggründen: Sollte sich dies als eine zutreffende Einschätzung herausstellen, bleibt mit Scholz zu hoffen, dass dann erkannt wird, dass von ihr bereits viele derjenigen Probleme reflektiert wurden, die durch eine solche Wende aufgrund der Beschaffenheit ihres Gegenstandes erneut an die Oberfläche treten werden. Womit die ehemals anachronistische Darstellung genau zum richtigen Zeitpunkt neu erschienen wäre.

Roswitha Scholz: Das Geschlecht des Kapitalismus. Feministische Theorie und die postmoderne Metamorphose des Patriarchats, Horlemann Verlag, Bad Honnef 2011, 254 S., 14,90 €

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links (10. Januar 2012) January 10, 2012 | 01:31 pm

  • “In Deutschland hat die übermäßige Toleranz gegenüber rechtsextremer Politik und Gewalt nicht nur wiederkehrende Konjunkturphasen, sondern auch eine lange Tradition.” sagt der Politologe und Buchautor Kien Nghi Ha im Interview mit migazin.de und meint, dass das “behördliche Versagen in der NSU-Mordserie auf einen verwurzelten Rassismus” hindeute (“Rassismus als tödliche Realität in Deutschland” via publikative.org).
  • Am Düsseldorfer Landgericht wird derzeit einem vielfach vorbestraften, 18-jährigen Neo-Nazi der Prozess gemacht, da er im März 2011 einen 59-jährigen vietnamesischen Flaschensammler zunächst in ‘dessen’ Obdachlosen-Unterkunft überfallen und ausgeraubt hatte sowie ihn anschließend aus Angst, dieser würde ihn anzeigen, ermordet hat. Erschreckend wie sich hier Motive aus Sozialchauvinismus und Rassismus kreuzen und der Täter die Strategie fährt aus Angst vor den Konsequenzen und nicht aus Hass getötet zu haben (via Dokumentationsarchiv).
  • Der Prozess um die Attacke einer Gruppe Nazis aus dem Umfeld der “Braunen Teufel Vogtland” am Amtsgericht Gera zieht sich unterdessen weiter hin: Nachwievor wird von keiner Seite am eigentlichen Tathergang und der Brutalität sowie den Motiven der Täter gezweifelt. Vielmehr versucht die Verteidigung der Angeklagten über Zweifel und Suggestion die Haltbarkeit der Wiedererkennung durch die Zeug_innen zu entkräften. Fortgesetzt wird der Prozess am 23. Januar 2012 (die OTZ zum letzten Verhandlungstag).
  • Das ist keine Ausländerfeindlichkeit, sondern europäisches Asylrecht.” - so die Berliner Zeitung in einem Artikel über einen homosexuellen Exil-Iraner und dessen Lebenssituation in Deutschland (via nichtidentisches).
  • In Berlin wurde ein Exil-Syrier verprügelt und vermutet Schergen des Assad-Regimes als Täter.
  • Stichwort Iran, Stichwort Syrien: wenigstens mich erstaunt es doch, dass die ‘junge Welt’ immer noch beschissener sein kann als sie ist - “Appell: Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens”. Nachtrag: Die “traute Eintracht von Rinks und Lechts an der Seite von politisch korrekten Mördern” wird von “Letters from Rungholt” kommentiert, während es bei Reflexion einen ausführlichen Beitrag zum verlinkten Appell inkl. Bemerkungen zu den Unterzeichner_innen gibt.
  • Auf der Seite des “Institute for ethics & emerging technologies” stellt sich Hank Pellissier die Frage “What’s the point of the Egyptian Revolution if it doesn’t stop female genital mutilation?” (via wadi). Bei der Gelegenheit sei auch auf die Website muslimwomennews.com (auch bei Facebook) hingewiesen.
  • Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht”: das Berliner Schlosspark-Theater ist die aktuell bekannteste Institution die unverblümt Alltagsrassismus auslebt indem sie sich nicht scheut auch im Jahr 2012 noch auf die alte Theatermaskerade des “Blackface” zurückzugreifen.
  • Menschenjagd in Dresden: Die Bundespolizei hat an Weihnachten in der Dresdner Südvorstadt einen Reisebus mit griechischem Kennzeichen angehalten und dessen Insassen kontrolliert, weil dieser so “unscheinbar blau lackiert” gewesen sei, aber eine “auffällige Fahrweise” zeigte. Dabei gelang es sechs der Insassen zu fliehen, um im Anschluss mittels Hubschraubereinsatz (“überall, überall Scheinasylanten”) gejagdt zu werden (via forsythia).
  • “Eine Zeitung in Nordbayern berichtete am 8. Dezember 2011 unter der Überschrift „Drahtzaun hält Müllsammler auf Abstand“ über die Errichtung eines Drahtzauns im Wert von 10.000 Euro durch die Lokalpolitik in Neunkirchen am Sand (Nordbayern) an der Zufahrt zu einer Deponie, die Gebrauchtwaren-Händler, die der Roma-Minderheit angehören, abhalten soll.” (via medium)
  • “In Budapest wurde über die Weihnachtstage mein Name auf dem Briefkasten mit einem Judenstern überklebt. Ich sagte es meinem Nachbarn. „Was geht mich das an?“, wehrte er ab, und fügte hinzu: „Der da, in der Wohnung neben dir, dem hätten sie es aufkleben sollen, der ist so einer. Vielleicht haben sie sich ja vertan.“” (via welt.de)
  • Karl Pfeifer hat in der jungle World mit Sándor Radnóti über die aktuelle Situation in Ungarn gesprochen.
  • “Wer nicht genießen kann, kann in aller Regel auch nicht denken.” - Stephan Grigat zum 80. Geburtstag Guy Debords im Standard.
  • Der z.B. dem mädchenblog gut bekannte, antifeministische und homophobe Troll “James T. Kirk” attestiert dem Blogger bei Gay West einen verdrängten Missbrauch in der Kindheit, weil: er als Mann eben Männer Frauen vorzieht.

Veranstaltungen:

  • 10. Januar: [EDIT: Entfällt wegen Krankheit] Barbara Duden spricht unter dem Titel “Geschichte unter der Haut” über “Körpergeschichtliche Perspektiven auf das frühe 18. und 21. Jahrhundert”. Jena, Rosensäle (Fürstengraben 27). 18Uhr.
  • 10. Januar: Film & Podiumsgespräch: Fritz Bauer - Tod auf Raten
    (R: Ilona Ziok; Deutschland 2010, 97 Minuten). Im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit Ilona Ziok (Regisseurin), Prof. Dr. Norbert Frei (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der FSU Jena) und Rüdiger Bender (Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne e.V) statt. Die Moderation hat Dr. Martin Borowsky (DIG Erfurt). Erfurt, Erinnerungsort Topf&Söhne, Saal im 2. OG. 19Uhr.
  • 11. Januar: Peter Bierl übt “Kritik am Antispeziezismus”. Jena, Uni-Campus (Carl-Zeiss-Str. 3), Raum 206. 20Uhr.
  • 12. Januar: “Proletarität und Revolutionstheorie. Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität.” - Standpunkt und Diskussion mit AG Gesellschaftskritik (Dresden) - Wer neulich in Weimar nicht genug bekommen konnte oder gar nicht erst dabei war, kann sich im Rahmen der “Bildungsreihe am Donnerstag” in Gera ein Bild machen. Gera, Sächsischer Bahnhof (Erfurtstr. 19/Nähe Bhf. Gera Süd). 19.30Uhr.
  • 12. Januar: Roger Behrens spricht im Rahmen der Reihe “Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis” (in der neulich auch Birte Hewera über Jean Améry sprach) über “Posturbanismus als Lebensweise. Stadt, Raum, Praxis”. Mehr Informationen gibt es auf dem Blog der Veranstalterin Kritische Intervention. Halle, Melanchthonianum (Uniplatz). 18.30Uhr. (Hier und hier finden sich Audio-Beiträge mit Roger Behrens zum Themenfeld)
  • 13. Januar: Andreas Speit präsentiert das Buch “Mädelsache - Frauen in der Neonazi-Szene”, welches er gemeinsam mit Andrea Röpke veröffentlicht hat. Erfurt, Café DuckDich/E-Burg, Allerheiligenstr. 20/21. 19Uhr.
  • 19. Januar: Die Reihe “Kunst Spektakel Revolution” setzt sich mit einem Vortrag von Wolfgang Bock über “László Moholy-Nagy und die Rettung der Objekte durch Licht” fort. Weimar, ACC Galerie (Burgplatz 1). 20Uhr.
  • Das Bildungskollektiv Chemnitz lädt zur Auseinandersetzung mit Erwerbslosigkeit und prekären Lebenslagen in Chemnitz. Dabei soll es unter anderem am 21. & 22. Januar 2012 im AJZ um einen “emanzipativen Umgang mit Erwerbslosigkeit und Jobcenter” gehen.
  • 24. Januar: Magnus Klaue spricht unter der Überschrift “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” über die “Wutbürgerproteste und der Umschlag von ethischer in praktische Gewalt”. Jena, Uni-Campus (Carl-Zeiss-Str. 3), Hörsaal 8. 19Uhr.
  • 27. Januar: Gunnar Schubert liest fast ein Jahr nach seinem ersten Besuch zum zweiten Mal aus seinem Buch “Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde” in Jena in der JG Stadtmitte. 20Uhr.

Das Jahr neigt sich dem Ende, die Gelder müssen raus… deshalb: viele Termine. Hier einige… December 11, 2011 | 10:44 am

Das Jahr neigt sich dem Ende, die Gelder müssen raus… deshalb: viele Termine. Hier einige Empfehlungen.

outside the box #3 – Release 

11.12.2011 um 16:02 Uhr im SUBLAB (Westwerk), Karl-Heine-Straße 93, 04229 Leipzig (Plagwitz)

[106 Seiten] [21,8 × 30,3 cm]

Die Outside the Box # 3 erblickt das Licht der Welt im Sublab. Und darf dann gern adoptiert werden. Sie hört auf den Namen Gebären, und der ist bei ihr Programm. Wir betrachten Gebären als eine Schnittstelle zwischen dem Privaten (oder: als privat geltendem) und dem Politischen, die es aus verschiedenen Perspektiven zu untersuchen gilt.

Der Bericht einer Abtreibung korrespondiert mit der Kulturgeschichte der Gebärmutter… die Reflektion der fremden und eigenen Anforderungen ans Elternwerden oder -sein mit psychoanalytischen Interpretationen von Libido und Fortpflanzugsfunktion… Ein Essay über Mariendarstellungen steht neben der Kritik hexenhafter Weiblichkeitsinszenierungen bei Lars von Trier…

Wir laden herzlich ein zu Sektchen, Schnittchen, Textpröbchen, Filmchen und ausgesuchter Musik.

Es freuen sich prickelnd: Emanzipation und Form O.T. Box

Und für alle Nicht-Leipziger_innen: erstmals wird es im Januar auch eine Releaseveranstaltung in Berlin geben. Weitere Infos dazu folgen.

(weitere Infos)

Das Recht des Kapitals. Einführung in die materialistische Rechtskritik 

13.12. // 19Uhr // Vortrag & Diskussion mit Simon Birnbaum // Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami, Goetheplatz 11, Weimar

“Nun wird die Gleichheit selbst zum Fetisch. Die Binde über den Augen der Justizia bedeutet nicht bloß, daß ins Recht nicht eingegriffen werden soll, sondern daß es nicht aus Freiheit stammt” urteilte Adorno einst über das formale Recht als realer Form rationaler Herrschaft unterm Kapital.

Der Vortrag soll einführend die Dialektik der Rechtsform und seiner Träger, der Rechtssubjekte, aus der Perspektive einer kritischen Theorie der Gesellschaft heraus entwickeln.

Die gesellschaftlichen Verkehrsformen unter kapitalistischen Produktionsbedingungen als Beziehungen formal freier Warenbesitzer zueinander zu begreifen, wirft in diesem Sinne die Frage nach der Funktion des modernen bürgerlichen Rechts als einer Absicherung des Status Quo, und seiner Technik als einer Ideologie auf.

Die Garantie der Berechenbarkeit der Austauschprozesse einer warenproduzierenden Konkurrenzökonomie einerseits, der spezifische Schutzmechanismus des bürgerlichen Rechts für die vereinzelten Einzelnen andererseits, sollen in ihrem dialektischen Verhältnis zueinander in Beziehung gesetzt werden.

Candide - oder Hoffen lernen nach Voltaire

13.12. // 19Uhr // Veto -Tromms­dorff­stra­ße 5, Erfurt

Wenige Jahre nachdem der Philosoph Gottfried Wilhelm Leibniz seine grundsätzliche Überlegung publiziert hatte, dass diese Welt, trotz all ihrer Übel, die beste aller möglichen Welten sei, wurde Lissabon von einem verheerenden Erdbeben zerstört, bei dem es zu 100.000 Toten kam. Dieses Ereignis verarbeitete der französische Aufklärer Voltaire in einer seiner bekanntesten Erzählungen »Candide oder der Optimismus«. Der optimistische Protagonist Candide wird in dieser Geschichte mit den grausamsten Übeln der Welt konfrontiert - und kann trotzdem nicht aufhören zu hoffen. Es handelt sich bei dieser Erzählung um einen satirischen Schlag gegen Leibniz und den Optimismus - in ihrer beißenden Ironie ist es eine Anklage gegen vermeidbares Leid und eine Polemik gegen die unkritische Genügsamkeit der Philosophen.

Wir laden zu einem gemütlichen Hörspiel-Abend ins Veto: Nach einer kurzen Einleitung zu Voltaire und dem Verhältnis von Optimismus, Pessimismus und negativem Denken wollen wir eine Hörspielbearbeitung von »Candide oder der Optimismus« hören und anschließend darüber diskutieren.

(Wer nicht hin kann oder mag, kann sich via archive.org das Hörspiel - in vermutlich anderer Version - anhören.)

Mad Men - Anmerkungen zu Triebstruktur und Gesellschaft

14.12. // 19 Uhr // Vortrag und Diskussion mit Roger Behrens // Jugend- und Kulturzentrum Mon Ami, Goetheplatz 11, Weimar

»Mad Men« – so nannte man die Angestellten in jenen Werbeagenturen, die sich in der Nachkriegszeit in der und um die Madison Avenue in New York konzentrierten. 

Hier wurde mit Parolen, Emblemen und Logos Reklame für eine Welt gemacht, die sich selbst durch Konsum, Wohlstand und Überfluss definierte, eine nach wie vor kapitalistische Welt, die nunmehr tendenziell alles in eine Ware verwandelte, in der zunehmend die »technologische Rationalität« den Lifestyle bestimmte: Scheinbar löste jetzt ein liberaler Individualismus die totalitäre Massengesellschaft ab (diese Gegenüberstellung bestimmte jedenfalls alltagsideologisch den Kalten Krieg sowie die allgemeinen antikommunistischen Ressentiments). Kritisch stellt sich dies allerdings keineswegs als freie Entfaltung des Menschen dar; vielmehr resultiert aus diesem Individualismus ein eindimensionaler Mensch (Herbert Marcuse, 1964), ein Pseudoindividuum. Damit schienen die Kategorien Ich, Es und Über-Ich, mit denen die Psychoanalyse die Dynamik zwischen Lustprinzip und Realitätsprinzip darzustellen ersuchte, außer Kraft gesetzt, und die Psychoanalyse selbst veraltet. Gleichwohl passierte genau das Gegenteil: gerade mit der unheimlichen Expansion der Kapitallogik in alle Lebensbereiche kam es zu einem regelrechten Psycho-Boom, verfeinerten sich schließlich auch Zugriffsmöglichkeiten auf das menschliche Bewusstsein als Konsumentenbewusstsein; Wünsche, Gefühle, Begehren, Bedürfnisse etc. werden seither in mannigfaltiger Weise mit den Produktionsverhältnissen und den Produkten permanent rückgekoppelt. Vor diesem Hintergrund versucht der Vortrag, jene These nachzuzeichnen, die Marcuse 1955 in ›Triebstruktur und Gesellschaft‹ formulierte: Dass die philosophischen, psychologischen, psychoanalytischen Theorien vom Menschen in Politik übersetzt werden müssen.

Break Isolation! Die rassistische Isolation der Flüchtlinge durchbrechen - Selbstorganisation stärken 
16.12. // 19 Uhr // Veranstaltung zur Bilanz einer einjährigen Kampagne und möglichen Zukunfsperspektiven in Thüringen // Referenten des Vortrags mit Diskussion: Miloud L Cherif, Clemens Wigger // veto - Trommsdorffstr. 5, Erfurt

Das Break Isolation!-Netzwerk, welches sich in Folge des Karawane-Festivals 2010 als Unterstützungsstruktur des Flüchtlingsnetzwerks The VOICE Refugee Forum in Jena gegründet hat, kann mittlerweile auf mehr als ein Jahr intensive Arbeit in ganz Thüringen zurückblicken. Es wurde die Situation in den isolierenden Flüchtlingslagern dokumentiert, Flüchtlinge in ihren verstärkten Bestrebungen der überregionalen Vernetzung und Austausch unterstützt, dezentrale und zentrale Aktionen organisiert, eine Vielzahl an Berichten in Mainstreammedien sowie unabhängige Text- und Filmproduktionen koordiniert und dauerhafte, dezentrale Solidaritätstrukturen aufgebaut.
Die Schließung des Isolationslagers Gangloffsömmern im Sommer 2011, die politische Bekämpfung von Strafverfolgung und Inhaftierung eines Flüchtlings-aktivisten für die Überschreitung von innerthüringer Landkreisgrenzen oder mehrere Demos mit hunderten Teilnerhmer_innen sollen zunächst als deutliche Erfolge nachvollzogen werden. Ebenso werden aber weiterhin bestehende Schwierigkeiten in Bezug auf das Verhältnis zwischen Eigenständigkeit der Flüchtlingsbewegung und Verantwortung der Solidaritätstrukturen thematisiert und (selbst-) kritisch diskutiert.
In der Veranstaltungen werden konkrete und kontroverse Fragen gestellt und vor dem Hintergrund der gesammelten Erfahrungen von Flüchtlingen und anti-rassistischen Aktivist_innen Antworten gesucht. Ferner werden Überlegungen über das “Wie weiter”, besonders mit dem Bezug zu Erweiterungsmöglichkeiten auf Erfurt und Umgebung, angestrebt. Eine Unterstützung für Flüchtlinge gibt es in verschiedensten Formen - Unterstützung der politischen Emanzipation ist allerdings ein komplexer Anspruch. Diesem werden wir uns stellen.

Die List der Unvernunft. Eine Analyse postmoderner Apologien des islamistischen Terrors

20.12. // 19Uhr // Vortrag und Diskussion mit Philipp Lenhard // Universität Jena, Hörsaal 4 (Carl-Zeiß-Str. 3)

Gemeinhin gilt die Postmoderne als philosophisches Projekt der Vergangenheit. Man sei mittlerweile „viel weiter“, heißt es, wenn Kritik an ihr formuliert wird. Doch kann man sich bei näherer Betrachtung des Eindrucks nicht erwehren, dass hier die immer gleiche Melodie nur unter anderen Titeln variiert wird: eine Gegenaufklärung, die auf den „Tod des Subjekts“ abzielt und darin die objektive Tendenz des Kapitals affirmativ zum Ausdruck bringt. Ob man es nun „Dekonstruktion“, „différance“, „Alterität“, „Zweiheit“, „Diskurs“ oder, wie beim großen Vorbild Heidegger, einfach „Sein“ nennt – immer geht es darum, das Individuum ontologisch zum Verschwinden zu bringen. Diese ideologische Strategie führt postmoderne Philosophen fast automatisch an die Seite politischer Bewegungen, die in aller Konsequenz das, was an den Universitäten gedankenlos als kritische Meinung verkauft wird, in die Tat umsetzen: radikalislamische Gruppen, die den Tod des Subjekts – vor allem, wenn es jüdisch ist – und die Einrichtung einer totalitären Ordnung massiv vorantreiben.

Der Vortrag versucht mit den Mitteln der Ideologiekritik zu erklären, warum die von Theoretikern wie Foucault, Deleuze, Derrida, Badiou, Baudrillard, Agamben, Guattari, Butler u.a. offen ausgesprochene Sympathie für antisemitische Terrorbanden wie Hamas und Hisbollah kein ihrer Philosophie äußerlicher Zufall ist, sondern zutiefst in einer List der Unvernunft gründet, die sich theoretisch wie praktisch in der spätkapitalistischen Gesellschaft realisiert.

Philipp Lenhard ist Autor & Mitherausgeber des Sammelbandes
“Gegenaufklärung – Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft”

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Release Broschur: Kunst, Spektakel und Revolution #2

21.12. // 18Uhr // Präsentation der zweiten Broschüre der Reihe “Kunst, Spektakel und Revolution” und Vortrag zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität // ACC Galerie (Burgplatz), Weimar

Im Jahr 2009 begann die Veranstaltungsreihe »Kunst, Spektakel und Revolution«  als eine Zusammenarbeit zwischen der ACC Galerie Weimar und dem Bildungskollektiv Erfurt. Seither fanden in diesem Rahmen ca. 25 Veranstaltungen statt, die sich auf unterschiedliche Weise mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik auseinandergesetzt haben. Nachdem wir im Rahmen der Reihe Anfang 2010 bereits eine Publikation mit Texten zum Thema herausgegeben haben, freuen wir uns am 21.12.2011 nun unsere zweite Broschüre präsentieren zu können. Sie enthält sieben Textbeiträge von Tilman Reitz, Christopher Zwi, R.G. Dupius, Clemens Bach, Björn Öllers, Jan C. Watzlawik, Kerstin Stakemeier, Roger Behrens und Magnus Klaue zu den Themen »Charles Fourier und die Avantgarden«, »Lautreamont & Detournement«, »Dandy & Paradoxie«, »Krise und Zerfall des Liberalismus bei Charles Dickens«, »Die Expressionismusdebatte in ihrer Zeit«, »Die Sicherheitsnadel als Gegen-, Wider- und Umstand« und »Die postmoderne Empfindsamkeit«. Um den Abend inhaltlich zu gestalten und noch einmal die Revolution im Titel unserer Veranstaltungsreihe zu unterstreichen, haben wir zwei Menschen von der AG Gesellschaftskritik aus Dresden eingeladen, die über »Proletarität und Revolutionstheorie« referieren werden.

Ankündigungstext zum Vortrag

Das »Proletariat« hat als Chiffre eine lange, unrühmliche Karriere hinter sich. Im »traditionellen Arbeiterbewegungsmarxismus« mit dem historischen Phänotypen des Proleten identifiziert, welcher qua seiner Stellung im Produktionsprozess und seiner moralisch verstandenen Knechtung revolutionäres Bewusstseins spontaneistisch im Klassenkampf entwickeln müsse, oder per se rebellisch jenseits der Fetischisierungen, Mystifizierungen und Naturalisierungen der kapitalistischen Verkehrsformen stünde, hat sich spiegelverkehrt dazu das Gros der Marxisten und Linken enttäuscht vom Proletariat verabschiedet, nachdem dieses nicht seinem »geschichtlichen Beruf« (Marx) nachgekommen ist, sondern sich stattdessen ganz im Gegenteil als das erwiesen hat, als was es im kapitalistischen Produktions und – Verwertungsprozess gesetzt ist: variabler Teil des Kapitals. Seit dem Untergang des sogenannten »Realsozialismus«, sowie der »prolet-arischen« (Franz Neumann) Konterrevolution des Nationalsozialismus und der Shoa schwankt die westliche Linke allgemein und die deutsche insbesondere zwischen einer abgeschmackten Neuauflage der positiven Revolutionstheorie des Traditionsmarxismus, der (wertkritischen) Soziologisierung des Proletariats, einer Ausweitung des »utopische Bilderverbot(s) auch auf die Frage nach dem revolutionären Subjekt« (Ingo Elbe) und dem postmodernistischen »Abschied vom (revolutionären) Subjekt«. Während sich die fortschreitende Akkumulation des Kapitals weiterhin über die extensiv wie intensiv akkumulierende Proletarisierung eines Großteils der Menschheit vollzieht, ist der Begriff von der »Daseinsform, Existenzbestimmung« (Marx) der Proletarität und den Möglichkeiten ihrer Aufhebung in der Dimension revolutionärer Theorie und Praxis verschüttet. Gegen die Arbeitertümelei des Proletkults einerseits und die ihr aufsitzende Abkehr vom Proletariat andererseits wäre Proletarität nicht als Antwort auf die Scheinfrage zu begreifen, ob das Proletariat bereits das revolutionäre Subjekt sei, sondern als eine Voraussetzung des dynamischen Prozesses seiner Subjekt- und Bewusstwerdung zu rekonstruieren, die eine kommunistische Revolution realistisch möglich und denkbar macht. Nur in einer nüchternen Bestimmung der Bedingungen, objektiven Möglichkeiten und Tendenzen einer kommunistischer Vergesellschaftung lassen sich die Formen und der Inhalt revolutionärer Subjektivität als der »Klasse des Bewusstseins« (Lukács) konkretisieren, die sich auf der Höhe der modernen Vergesellschaftung wissenschaftlich über ihre Lebensverhältnisse klar wird und sie praktisch umwälzt. Der Zusammenhang des Proletariats mit einer kommunistischen Revolutionstheorie wäre also in dem konkreten Beantwortungsprozess der Frage zu erschließen, wie diese Revolution beschaffen, was ihre Voraussetzungen, Mittel und Ziele sein könnten.

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Wo die Liebe zu den Ge­set­zen im Staa­te ruht December 5, 2011 | 02:00 pm

Über den Zu­sam­men­hang von Weib­lich­keit und Na­ti­on

Im Rückgang an die Anfänge der bürgerlichen Gesellschaft untersucht Karina Korecky in diesem Vortrag Wesen und Entstehung des Geschlechterverhältnisses und der Geschlechtscharaktere. Diese erweisen sich dabei als irrationale Zuschreibungen, die anders als andere Vorstellungen des Aufklärungsdenken – z. B. die Notwendigkeit des Staates – nicht einmal versuchsweise logisch begründet oder rational bestimmt worden sind. Weiblichkeit bzw. die Unterordnung und Unmündigkeit von Frauen bleiben im Medium der Philosophie ebenso unbegründet wie unbegründbar und können daher als »gefühlte Gewissheit« nur Thema von Kunst oder Poesie, nicht aber eines analytischen Denkens sein. Darin ist Weiblichkeit der ebenfalls nur mythisch »bestimmbaren« Nation ähnlich. Wie beide auch innerlich zusammenhängen, zeigt der Vortrag.

Das Referat wurde auf dem wertabspalungskritischen Sommerworkshop (EXIT!) am 23.08.2011 aufgezeichnet.

Ankündigungstext:

Die linke Kri­tik an Staat und Na­ti­on glaubt üb­li­cher­wei­se ohne jene des Ge­schlechts aus­zu­kom­men. Das Ge­schlech­ter­ver­hält­nis spielt keine Rolle für die Kri­tik am Na­tio­nal­staat selbst, son­dern bleibt der Ab­satz »zum Thema Frau­en«, der in Flug­blät­tern auch noch ge­schrie­ben wer­den muss. Auf der Seite der fe­mi­nis­ti­schen Theo­rie ver­hält es sich nicht viel an­ders: wo der Staat über­haupt zum Thema wird, sind Weib­lich­keit und Na­ti­on so etwas wie »Struk­tur­ka­te­go­ri­en« oder auch »Dis­kur­se«, die qua ana­ly­ti­scher Tren­nung nur noch äu­ßer­lich auf­ein­an­der be­zo­gen wer­den kön­nen.

Statt­des­sen müss­te aber die bür­ger­li­che Ge­sell­schaft als Ganze be­trach­tet wer­den. Die Ent­ste­hung der Ge­schlechts­cha­rak­te­re und jene der Na­ti­on gin­gen Hand in Hand, so viel ist of­fen­sicht­lich. Bei Rous­seau et al sind es die Frau­en, in deren Hän­den »die Liebe zu den Ge­set­zen im Staa­te« ruht. Die Ge­sell­schaft der Frei­en und Glei­chen brach­te und bringt in ihrem Wer­de­gang ihr Wi­der­spre­chen­des her­vor: die Frau­en als Dif­fe­ren­te, die Na­tio­nen als be­stimm­te. Sie sind nicht ein­mal in die Welt ge­kom­men und gut war, son­dern müs­sen sich per­ma­nent neu re­pro­du­zie­ren. Darin setzt sich ihre Ent­ste­hung in der Dia­lek­tik der Auf­klä­rung fort – Grund genug, den Blick auf die An­fän­ge bür­ger­li­cher Ge­sell­schaft zu rich­ten. Daran wird sich zei­gen, dass die Kri­tik der Na­ti­on fe­mi­nis­tisch sein soll­te und um­ge­kehrt jene von Ge­schlecht und Liebe nicht ohne Be­zug­nah­me auf den ge­sell­schaft­li­chen Zu­sam­men­hang, der sie her­vor­bringt, aus­kommt.

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Don’t Call Yourself A Girl! November 15, 2011 | 09:12 am

Caroline Drucker hat vor etwa einem Monat in New York einen Vortrag für Ignite über Frauen, Technik und Internet gehalten. Das ist ihr spannend, klug und unterhaltsam gelungen, auch wenn sie manchmal etwas schief zuspitzt. Unter anderem geht es darum, warum die Girl/Mädchen-Selbstbezeichnung gegen Woman/Frau ausgetauscht werden sollte. Aber auch darüber hinaus vertritt sie einige Ansätze, die diskussionswürdig sind.

Hier ist ihr Vortrag How to Get More Women in Tech in Under a Minute:

"Die Frau existiert nicht, lasst sie uns finden" October 25, 2011 | 10:14 am

Andrea Trumann - 27.10.2011 // 20:00 // Galerie Grünes Zimmer – Zigarettenfabrik Mahalesi // Schülerstr. 40 - Gera

Vortrag und Diskussion mit Andrea Trumann, Autorin des Buches „Feministische Theorie“ (2002, Berlin, Schmetterling Verlag, www.theorie.org). In Zusammenarbeit mit der Galerie Grünes Zimmer.

Exemplarisch stehen die „Achtundsechziger“ für gesellschaftlichen Wandel und Emanzipation. Doch historische Bewegungen wie diese haben die weibliche Sphäre ebenso oft als Privates abgespalten und Frauen das Gefühl gegeben, dass ihre Probleme unwichtig sind und sie selbst defizitär. Während sich Teile der Emanzipationsbewegung damals und heute auf die Suche nach einer Natur der Frau begaben, widersprechen PoststrukturalistInnen wie Judith Butler diese Sichtweise. Sie definieren Identitäten im Gegenteil als soziale Konstruktionen. Mitunter verloren die nachfolgenden Konfusionen ihren Bezug auf das Subjekt Frau. Da sich die systemischen Bedingungen im Wesentlichen jedoch ebenso wenig verändert haben, wie ihre Gegenbewegungen hat auch die Suche nach einer originär weiblichen Theorie und Praxis nicht aufgehört – in der Theorie poststrukturalistisch, in der Praxis differenzfeministisch.
Der Abend zeigt die Widersprüche zwischen allgemeiner und konkreter feministischer Kritik auf und macht diese anhand von Filmsequenzen aus den sechziger Jahren nachvollziehbar.

Feminismusdebattenmanifest October 17, 2011 | 03:44 pm


Präambel
Feminismus ist wichtig und besonders effektiv, wenn er debattiert wird. Wer redet, schadet niemandem, außer vielleicht durch penetrantes Auf-die-Nerven-gehen. Darum sind Debatten aus Sicht der Linkshirnextremist_innen in Effektivitätsdingen einer theoretischen Erschießung gleichgesetzt.


§ 1
Feminismusdebatten sind kein Mem, noch nicht einmal, wenn sie mit Katzenbildern ausgestattet sind.

§ 1a
Feminismusdebatten bestehen natürlich aus Memen, allerdings bestehen Menschen auch aus Zellen, und sind trotzdem keine Amöben.

§ 2
Wer sagt "Die kommen nur nicht damit klar, dass wir Männer mögen" hat automatisch verloren.

§ 2.1
Ob dies zu einer theoretischen Erschießung führt, wird im Einzelfall entschieden

§ X-n = < 10
x > 9000*Käse³

$3
Zum Führen einer jeden Debatte, aber insbesonders einer Feminismusdebatte, ist komplette Ahnungslosigkeit von Vorteil.
§3a
Das Lesen von Büchern, Texten, oder das Führen von Diskussionen über 140 Zeichen wird nicht empfohlen. Es sei denn es sind Bilderbücher. Und wenigstens 200 Jahre alt.
§3b
§ 2 gilt trotzdem.


§10
Frauen, die öfter als dreimal in der Öffentlichkeit erklären, dass sie Feminismus toll finden, aber sich gleichzeitig bei auftauchenden Problemen in den hilfloses, kleines Mädchen-Modus versetzen und um männliche Hilfe beim Heimwerken, Sachentragen und Nachdenken bitten, werden nach der Revolution wahlweise theoretisch erschossen oder im Uranbergbau eingesetzt.
Gleiches gilt für Frauen, die den Feminismus penetrant und öffentlichkeitswirksam doof finden, aber trotzdem Hosen tragen, irgendwas mit Technik studieren gehen, bei Bundeswehr oder Polizei rumballern oder ähnlich traditionell-hegemoniell-patriarchalisch geprägte Aktivitäten ausüben wollen.

§10b
Sich in den Mantel helfen zu lassen oder den Stuhl zurechtgerückt bekommen sollte auch Feminismusgutfinderinnen erlaubt sein, da dies keine tatsächliche Hilflosigkeit betont, sondern auf archaische Balzrituale zurückgeht, an der manche Leute noch ihren Spass haben,außerdem ist das Empfangen solcher Gesten als Lob der Faulheit gutzuheißen.

§10c I.
Wer wem Frühstück ans Bett bringt, wird von uns traditionell nicht bewertet und hat auch nicht wirklich viel mit dem Geschlecht zu tun.

§10c II.
Nach der Revolution haben wir dafür Roboter. Oder Frühaufsteher_innen. Für alle.

§11
Zu Feminismusdebatten kann jeder anziehen was er oder sie oder es möchte, verboten sind lediglich beigefarbene Zipfelröcke, Oberbekleidung mit katzenfeindlichen Aufdrucken sowie Stiefeletten (Männer) oder Rüschenblusen (Frauen) (für Weiteres s. Modemanifest)

§11b
"No shirts, no shoes: No feminism!" kann generell nich gelten. Es sei denn Hemd und Schuhe werden durch beigefarbene Zipfelröcke ersetzt.

§12
Am besten funktioniert eine Feminismusdebatte, wenn man auf Beleidigungen verzichtet.

§ 14
Feminismusdebatten sind keine Sonderform des Schwanzvergleichs. Sätze wie "Meine Feminismusdebatte ist aber viel geiler/größer/schöner als Deine" können bereits vor der Revolution zur theoretischen Erschießung führen

§14b
Selbst Sätze wie "Meine Feminismusdebatte findet im Freibad statt" oder "Zu meiner Feminismusdebatte wird Rotwein ausgeschenkt" oder "Deine Feminismusdebatte ist mir zu überfüllt" können geahndet werden, weil die Qualität der Bewirtung keine Aussage über die Qualität einer Debatte machen.

§14c
Wobei zu einer formvollendeten Feminismusdebatte durchaus auch kleine Erfrischungen gereicht werden können. Popcorn zählt in diesem Zusammenhang jedoch ausdrücklich nicht dazu. Nusskuchen aber schon.

§15
Guildo hat euch lieb, egal, ob es sich bei dem Nusskuchen um Nussecken handelt, oder nicht.

§ 23
Debatten sind nur Debatten, wenn jede_r (jede_r was? bezieht sich das auf die Debatten, oder auf die Debattanten?) als Ausdruck einer gesellschaftlichen Funktion auftritt. (?) Können wir das auch in verständlich haben? nein, das war sarkasmus

§Drölfzig
"Deine Mutter" gilt als Totschlagargument und sollte nicht thematisiert werden.

§ 42
Jeder nur ein Weltbild.

§ 666
Maskulismusdebatten sind ein Widerspruch in sich.

§ 667
Hm...

BDSM und Feminismus / BDSM and political correctness August 23, 2011 | 11:00 am

1. BDSM und Feminismus

Mit diesem Beitrag nehmen wir noch einmal den Themenkomplex Postmoderne, Sexualität, Körper wieder auf: Anna Kow (u.a. Zeitschrift „Die Krake“) referiert in ihrem Vortrag, den sie am 11.07.2011 im Rahmen der Polyphantasiatage der Gruppe Wider die Natur gehalten hat, über die Rolle von BDSM in den feministischen Diskursen, zwischen „sex-negativem-“ und Pro-Sex-Feminismus. Sie selbst verteidigt BDSM als lustvolle und subversive Praxis. Bei ihrem Vortrag stand ein BDSM-Glossar zur Verfügung, welches hier angesehen werden kann. Die im Vortrag gezeigten Musik-Videos können hier und hier angesehen werden. In ihrem zugrundeliegenden Text „Gefährliches Vergnügen: Sex und Feminismus. Ein Abriss“ aus der Outside The Box #1 bezieht sich Anna Kow u.a. auf das Kontrasexuelle Manifest von Beatriz Preciado, welches Magnus Klaue in seinem Vortrag kritisiert hatte. Ihr Text steht unten zur Verfügung. – Die weiteren im Rahmen der Polyfantasiatage gehaltenen Vorträge sind direkt im Archiv dokumentiert.

Feminismus und Sexualität verbindet eine eher sprunghafte Beziehung voller Missverständnisse. Der radikale Feminismus der 1970er hat Sexualität vor allem als patriarchales Machtinstrument kritisiert. 30 Jahre später diskutieren Aktivist_innen die Potentiale queerer Pornographie und fordern „Schwänze für Alle“. Anna Kow stellt das widersprüchliche Verhältnis dar und plädiert für einen sex-positiven Feminismus, der sich BDSM als subversive Praxis kritisch aneignet. Dass gleichwohl der sexistische Normalzustand anzuprangern ist – und demzufolge kein queerer Freifahrtschein für Heterosexismus zu erwarten ist – sollte klar sein. [via]

Download: Radiosendung via Mediafire (mp3; 54,9 MB; 60 min); unbearbeiteter Mitschnitt via AArchiv (mp3; 21,8 MB; 31:45 min)

2. BDSM and politcal correctness

Carl Smith talks about BDSM in a speech he held in March 26th in 2009 in Vienna, organized as a part of the series „Just Sex“ by Basisgruppe Politikwissenschaft. He talks about BDSM (as well as other forms of sexuality that diverge from the norm) and its history from the 19th century, then follows the appearance and reception of BDSM in popular culture throughout the 20th century along many examples in movies and music. He also mentions HIV and the ressentiments against homosexuals that were aroused through the disease. Sadly, the clips from movies (Lawrence From Arabia (1962), Morocco (1930)) and music videos that he shows can‘t be seen, as this is only an audio track. Among the persons he talks about are, besides of course Marquis de Sade, Leopold von Sacher-Masoch, Marlene Dietrich, Mishima Yukio, Larry Townsend and many more.

What is BDSM and what does it stand for and how does it challenge Political Correctness? How does a relationship between a Master and a Slave work? What could a BDSM-scene look like? This lecture will not only answer the above questions but will try to overcome some common stereotypes associated with BDSM. [via]

Download: via BaGru PoWi oder via AArchiv (mp3; 45,1 MB; 1:38 h)

Weiter zum Text von Anna Kow:

GEFÄHRLICHES VERGNÜGEN1: SEX UND FEMINISMUS. EIN ABRISS

Sex, als ein Konglomerat von Symbolik und Herrschaft, Begehren und Überforderung, Sehnsucht nach reiner Natur und Kämpfen gegen Naturalisierung, ist für den Feminismus nie einfach nur eine „schöne Nebensache“ gewesen: Als „Spiegel und Instrument der Unterdrückung der Frauen in allen Lebensbereichen“2 wird Sexualität ab den 70er Jahren zu einem zentralen Aspekt im Kampf gegen das Patriarchat. Aus der Erkenntnis, dass männliche Herrschaft sich im Sex verkörpert – im Akt der Penetration als einem tradierten Verhältnis von Aktivität und Passivität, in der Allgegenwärtigkeit (pornographischer) Bilder von männlicher Dominanz und weiblicher Unterwerfung, in der Normalität sexualisierter Gewalt im privaten wie im öffentlichen Raum – ergeben sich zwei verschiedene Ansätze einer (weiblichen) sexuellen Emanzipation: Verweigerung oder Aneignung der kulturellen Muster.

Gemeinsam ist beiden Strömungen die Überzeugung, dass Sexualität als etwas kulturell Gewachsenenes in einer (unter anderem) auf dem Machtgefälle zwischen Männern und Frauen aufbauenden Gesellschaft nicht frei sein kann; und dass jeder Versuche einer Befreiung durch Sexualität die Kritik herrschender (Geschlechter-) Normen, Praktiken und Beziehungskonstellationen voraussetzen muss. Sex, der als privat und natürlich gilt, wird im Feminismus als ebenso künstlich/gesellschaftlich wie politisch entlarvt: Der heterosexuelle Akt (Mann fickt Frau) dient demnach nicht nur der Reproduktion der Menschheit, sondern vor allem der der Geschlechterverhältnisse, und die allgemeine Männerphantasie der sexuellen Verfügbarkeit von Frauen würde in Prostitution und Pornographie auf öffentlicher Ebene verwirklicht. Infolge dessen kann für die so genannten „Radikalen“ Feministinnen sexuelle Emanzipation nur in der Abkehr von einer männlichen Sexualität, vom Sex mit Männern überhaupt bestehen – „feminism is the theory, lesbianism is the practice“. Lesbisches Begehren – die Rückeroberung des weiblichen Körpers – wird sowohl als Antwort auf eine frauenverachtende Gesellschaft als auch als utopischer Raum zur Entwicklung oder Wiederentdeckung einer eigenen, womöglich sogar genuin weiblichen Sexualität gedacht. Wenn das männliche Verständnis von Sex schwanzfixiert, gewaltsam und funktional ist, dann muss eine emanzipatorische Sexualität dementsprechend ihren Schwerpunkt auf Zärtlichkeit und Empathie, Gleichheit und Emotionalität legen – weibliche Eigenschaften, gegen deren Zuschreibung sich Frauen auf öffenlich/politischer Ebene mit Recht zu Wehr gesetzt haben. Im Sex wird Biologie dann doch wieder zum Schicksal, „echte“ weibliche Sexualität hat weniger aggressiv, weniger an Pornos, Spielen und schnellem Sex interessiert zu sein als an Liebe und Treue. Die richtige und wichtige Erkenntnis, dass die Bedürfnisse, Wünsche und Probleme von Frauen aufgrund einer geschlechtsspezifischen Lebensrealität andere sind als die der hegemonialen Männlichkeit, läuft Gefahr, für biologistische Begründungen herzuhalten und eine neue sexuelle Norm der befreiten Weiblichkeit zu propagieren, die für alle Frauen gleichermaßen gelten soll.

Ausgehend von einer kollektiven Unterdrückungserfahrung aller Frauen, hinter der die sozialen, ökonomischen und kulturellen Unterschiede zurücktreten, produziert die differenzfeministische3 Vorstellung einer genuin weiblichen Sexualität neue Ausschlüsse. Ganz abgesehen von jenen Frauen, denen der klassische Heterosex weiterhin ganz gut gefällt, werden auch Lesben, die in Butch/Femme4 -Beziehungen leben, mit Dildos ficken oder SM praktizieren, als Verräterinnen diffamiert. Ihre Art der Sexualität kopiere einfach die Machtdynamiken des Patriarchats und bestätige indirekt die Minderwertigkeit einer anderen, nicht auf Penetration und weiblichen Masochismus5 aufbauenden, Sexualität. Besonders heftig wird der Streit zwischen den „radikalen“ und den liberalen bzw. sex-positiven Feministinnen (die ein Recht auf Lust und Vergnügen jenseits feministischer political correctness einfordern) in den „Sex Wars“ der 80er Jahre in den USA ausgetragen. Die „National Organization for Women“ verfasst eine Resolution gegen Pornographie und Sadomasochismus, Frauenbuchläden weigern sich, die erotische Literatur des „Sexradicals“ Patrick Califia (der zu diesem Zeitpunkt noch Pat Califia heißt und als Lesbe lebt) zu verkaufen. Eine Gruppe Feministinninen geht 1983 so weit, in London öffentlich ein Exemplar der lesbischen SM-Storysammlung „Coming to Power“ zu verbrennen.6 Ganz abgesehen davon, dass Bücherverbrennung ein indiskutables Mittel ist, scheint diese Art der politischen Aktion auf zweierlei Art problematisch. Zum Einen, weil der Kampf gegen die in den öffentlichen Raum hineinreichenden Auswüchse der Sexualität, also Pornographie und Prostitution, allzu oft zu Bündnissen mit dem Staat führt – statt zu einer Solidarisierung mit Sexarbeiter_innen, die in der Lesart dieses Feminismus nur als Opfer der Verhältnisse gelten können. Zum Anderen, weil die Sehnsucht nach Ausschluß von heteronormativen Sexualpraktiken und solchen, die von den Differenzfeministinnen als heteronormativ verstanden wurden (bspw. SM), die Überzeugung beinhaltet, dass Frauen vor dem Sex, vor einem Vergewaltigungsphantasien produzierenden „falschen Bewusstsein“, beschützt werden müssten – gerne auch gegen ihren Willen von den feministischen Schwestern.

Der sich im Zuge der „Sex Wars“ heraubildende Pro-Sex Feminismus (sex-postive feminism) leugnet nicht die Einlassung patriarchaler Macht in den Sex, leitet daraus jedoch andere Handlungsoptionen ab. Statt den Sex beschränken und bereinigen zu wollen und damit neue Normen einer vermeintlich richtigen, herrschaftsfreien Sexualität aufzustellen, liegt hier der Schwerpunkt auf der Aneignung bestehender Praktiken und Dynamiken, für die Möglichkeit des Vergnügens nicht außerhalb, sondern trotz existierender Gefahren. Gegen den von Porno-Gegnerinnen propagierten Slogan „Pornography is the theory, Rape is the practice“ stellen sex-positive feminists die Forderung nach anderen, nach besseren Pornos7 und bestehen auf der analytischen Trennung zwischen Phantasie und Wirklichkeit: Zwei Menschen, die sich Dildos umschnallen und im Spiel eine Vergewaltigung inszenieren, mögen sich kultureller Phantasmen und real existierender Machtdynamiken bedienen. Was ihr Vergnügen aber eindeutig von sexueller Gewalt unterscheidet, ist einerseits die Konsensualität, dass also das Spiel einvernehmlich und zu beidseitigem Lustgewinn stattfindet, und andererseits die Variabilität der Rollen – im Gegensatz zur Welt „da draußen“ ist nicht festgelegt, wer oben steht und wer unten. Macht und Ohnmacht werden verhandelbar: sie sind nicht länger an Körperlichkeit und sozialen Status gebunden, sondern können im Sex sowohl erotisiert als auch entnaturalisiert werden.

Auch Judith Butler verweist in Hinblick auf die sexuellen Kämpfe der Frauenbewegung auf die Unmöglichkeit einer Sexualität vor, außerhalb oder jenseits der Macht und fordert stattdessen, „die subversiven Möglichkeiten von Sexualität und Identität im Rahmen der Macht selbst neu zu überdenken.“8 Statt der Zurückweisung einer kulturell konstruierten Sexualität müsse versucht werden, innerhalb und mithilfe der zur Verfügung stehenden Bilder zu agieren, „das Gesetz zu wiederholen und es dabei nicht zu festigen, sondern zu verschieben.“9 Ein Weg, innerhalb einer existierenden heteronormativen und von patriarchaler Herrschaftssymbolik durchzogenen Sexualität eine Erweiterung der individuellen sexuellen Freiheiten zu erfahren, besteht somit in der Entnaturalisierung der Verhältnisse – darin, sie zwar als soziale Gegebenheiten anzunehmen, als der Rahmen, innerhalb dessen unser Handeln notgedrungen stattfindet, aber als etwas, das in seiner (abgeänderten) Reproduktion gleichermaßen gebrochen, parodiert und entdramatisiert werden kann. So gibt es laut Butler zwei Möglichkeiten, das Aufkommen des in den Sex Wars heiß umkämpften Dildos (bei Butler etwas theoretischer: der „Lesbische Phallus“) zu interpretieren: Die pessimistische Lesart wäre die einer fortwährenden im Imaginären verankerten Erniedrigung des Weiblichen, ein Beweis für die Unzulänglichkeit lesbischer10 Sexualität und die Unüberwindbarkeit heterosexueller Muster. Auf der anderen Seite kann der Dildo – wie es vor allem bei Beatriz Preciado ausgeführt und zelebriert wird – eben auch als Bruch mit einer als natürlich verstandenen, an (körperlich-geschlechtlich manifestierte) Männlichkeit und Weiblichkeit geknüpfte Heterosexualität verstanden werden. Butler beschreibt die lesbische Aneignung des Phallus als eine „kastrierende Inbesitznahme der zentralen männlichen Trope, angetrieben von der Art Aufsässigkeit, die gerade die Erniedrigung des Weiblichen beseitigen will“11. Der Penis wird entprivilegisiert und durch den Dildo ersetzt, der insofern Gleichberechtigung schafft, als dass er von jeder und jedem getragen und benutzt werden kann. Schluss mit der Ernsthaftigkeit des Phallus, „In Wirklichkeit“ ist er aus Kunststoff und muss gereinigt werden, kann in der Schublade liegen, dekorativ herumstehen oder, wie in Emilie Juvenets Porno „One-Night-Stand“, einem Mops als Spielzeug dienen. Der Unterschied zwischen Penis und Dildo schwindet, aber nicht im Sinne der vor Wiederholung heterosexistischer Herrschaftsverhältnisse warnenden Feministinnen, sondern auf die ironisch-triviale Erkenntnis, dass man einen Penis nicht kaufen kann.12 Der Dildo kann Sextoy bleiben oder Körperteil werden. Er erweitert den Körper, dessen angeborene Geschlechtlichkeit in diesem Moment radikal an Bedeutung verliert, als Materialisierung einer (vieler) Phantasie(en). Statt aus der Fähigkeit, jemanden ficken zu können, eine natürliche Überlegenheit abzuleiten, wird die Natürlichkeit der Sexualität selbst in Frage gestellt – am Radikalsten wohl in Beatriz Preciados Konzept der Kontrasexualität bzw. der „Dildonics“, einer Theorie egalitärer Köpertechnologien. In Abgrenzung zu den oben bereits skizzierten feministischen Versuchen, die natürlich weibliche Sexualität (wieder) zu entdecken, konstatiert Preciado: „Kontra-Sexualität handelt nicht von der Erschaffung einer neuen Natur, sondern vom Ende der Natur, die als Ordnung verstanden wird und die Unterwerfung von Körpern durch andere Körper rechtfertigt.“13 Zentral in Preciados Theorie, die sie wohl als Handlungsanweisung im Sinne eines politisch-sexuellen Manifests verstanden wissen will14, ist die Etablierung eines Kontrasexuellen Vertrages, der „den Sozial-Vertrag, den man Natur nennt“ ersetzen soll. Die Körper verstünden sich darin nicht länger als Männer oder Frauen, sondern als Subjekte, die in gleichem Maße Zugang zu Praktiken und Ausdrucksformen haben, „die im Lauf der Geschichte als maskulin, feminin oder pervers entwickelt worden sind“15. Dass Preciado an dieser Stelle einen so harmlosen Ausdruck wie „entwickeln“ verwendet, erscheint wie ein Vorgriff auf die egalitäre, grenzenlose Zukunft, verlief die bisherige „Entwicklung“ von sexuellen Identitäten und Praktiken doch eher entlang gewaltsamer Kategorisierungen und Ausschlüsse. Zu den Praktiken der Kontrasexualität zählt neben der Aneignung bzw. Umdeutung des Phallus durch den Dildo und der Erotisierung des Anus (als allen Menschen eigenes „Loch“, das das Penetriertwerdenkönnen vom weiblichen Körper ablöst) auch die Etablierung der vertraglichen Aushandlung von Sex, wie sie in BDSM16-Zusammenhängen bereits üblich ist. BDSM steht für spielerische Interaktionen und sexuelle Praktiken, die auf „Power Exchange“ – dem bewussten Spielen mit Macht und Ohnmacht – beruhen. Das Verhältnis zwischen den Beteiligten17 ist durch eine klare Hierarchie zwischen Top (dem dominanten Part) und Bottom (dem sich unterwerfenden Part) gekennzeichnet. Für die Dauer eines Plays überträgt der18 Bottom die Verfügungsgewalt über sich selbst an die Top, die dann innerhalb eines vorher ausgehandelten Rahmens über den Bottom verfügen und ihn beispielsweise fesseln, demütigen, zur eigenen sexuellen Befriedigung (oder auch zur Erledigung des Abwaschs) benutzen und/oder ihm Schmerzen zufügen darf. Es ist offensichtlich, dass BDSM auf der Basis real existierender Herrschafts- und Unterdrückungsmuster funktioniert und diese zuspitzt. Dennoch kann nicht einfach von einer Spiegelung der Realität gesprochen werden- draußen geht es meistens eben nicht safe, sane & consensual19-zu sondern eher von einem Ineinandergreifen von Realität und Imagination, in dem „eigentlich“ schmerzhafte oder an tatsächliche Gewalterfahrungen erinnernde Praktiken lust- und liebevoll erlebt und integriert werden können.20 Das Bild einer gefesselten Frau, die von einem Mann21 sexuell „benutzt“ wird, mag also auf den ersten Blick wenig emanzipatorisch wirken, wird doch scheinbar genau das reproduziert, was es zu bekämpfen gilt. Wenn aber anerkannt wird, dass sexuelles Begehren viel weniger mit unseren Wünschen in Bezug auf soziale Verhältnisse zu tun hat, als mit sozial geprägten Bedürfnissen, dann sind das Spielen mit sexistischen Stereotypen und sexistisch sein zwei unterschiedliche Dinge. Das eine führt im besten Fall zum Orgasmus22, das andere hoffentlich zu einem Tritt in die Eier. Gerade in queeren BDSM-Kontexten ist das Inszenieren von Geschlechterrollen ein fester Bestandteil des sexuellen Repertoires: „In contrast to everyday life, in BDSM spaces one can conciously choose and negotiate identities for play.“23 Innerhalb des „safe space“ der Szene eröffnet sich einerseits ein Experimentierfeld, in dem Geschlecht als variabel und performativ erlebt werden kann; und andererseits werden die noch immer existierenden sexistischen Stereotypen und damit verbundenen Machtdynamiken offen gelegt. Preciado schreibt dazu: „SM-Praktiken haben nicht nur vertragliche, die Rollen der Unterwerfung und der Beherrschung regelnde Pakte hervorgebracht, sondern auch die erotischen Machtstrukuren offenbar gemacht, die jenem Vertrag zugrunde liegen, der von der Heterosexualität als Natur erzwungen wird.“24 Statt die gewaltvollen Momente der Sexualität eliminieren zu wollen, ermöglicht der Vertrag eine Erotik der Differenz und der Machtunterschiede in einem sicheren Rahmen und entkoppelt beides zugleich von „natürlichen“ Faktoren wie Geschlecht, Alter oder Status. BDSM-Praktizierende betonen, dass die Verkörperung im Spiel zu einem besseren Verständnis von (anderen und eigenen Teil-) Identitäten und den damit verbundenen Machtdynamiken führen kann, letztlich zu einem geschärften Bewusstsein für soziale Herrschafts- und Unterdrückungsmechanismen.25 Trotzdem bleibt die für ein konsensuelles Spiel notwendige Einvernehmlichkeit zwischen Personen, zwischen denen im realen Leben ein strukturelles Machtgefälle herrscht, immer auch prekär – wir sind eben nicht gleich und wir kennen (bzw. artikulieren) auch unsere Wünsche, Bedürfnisse und Grenzen nicht alle gleich gut. BDSM-Zusammenhänge scheinen aber dennoch einen Spielraum zu eröffnen, in dem eben diese Dynamiken der Macht offen gelegt und verhandelt werden können – wider die Selbstverständlichkeit verfestigter Verhältnisse. Sexualitäten, die sich heterosexistischer Muster bedienen, reproduzieren also nicht einfach die zu bekämpfende Realität, sondern können in der (reflektierten) Wiederholung zu deren Dekonstruktion beitragen, indem sie sie in ihrer Gewordenheit, ihrer Nicht-Natürlichkeit, entlarven.

„Schwänze für alle, und zwar umsonst?!“26

Eine sexuelle Befreiung auf feministischer Grundlage kann weder in der Suche nach der authentischen, nicht kulturell verformten Sexualität bestehen, noch im Ausschluss der als heterosexistisch definierten sexuellen Spielarten. Als die Feministinnen der 70er und 80er Jahre die Penetration als normative Sexualität kritisierten, hatten sie insofern recht, als dass es offensichtlich nicht üblich war (und noch immer nicht ist?) Frauen danach zu fragen, auf welche Art und Weise sie eigentlich Lust empfinden. Zu verdammen wäre dann allerdings weniger eine konkrete Praxis, sondern das versäumte Sprechen über Wünsche, Grenzen und Bedürfnisse und die Privatisierung sexualisierter Gewalt. Im Zuge der Verschiebung vom klassischen Feminismus hin zum queeren Verständnis von Dekonstruktion und Subversion kann Befreiung dann eher als Versuch einer experimentellen Praxis verstanden werden, die sich der Körper und Technologien, der Geschlechterrollen und ihrer scheinbaren Grenzen spielerisch bedient und dabei auf dem Prinzip der Konsensualität basiert. Egalitär ist das kontrasexuelle Utopia trotzdem nicht, weil diese Emanzipation sowohl den Zugang zu bestimmten subkulturellen Räumen und Informationen (Queer-/Sex-/Playparties, Magazine, Bücher, Toys, Internetforen, Mailinglisten, Workshops, Gender-/Queer-Studies, Pornos, Freiräume, Safer-Sex-Praktiken etc.) als auch einen bewussten Umgang mit den eigenen Bedürfnissen, Grenzen und das Wissen über potentiellen Gefahren voraussetzt. Das Anliegen des Feminismus, der auf einer makropolitischen Ebene den sexistischen Normalzustand anprangert, bleibt aktuell. Wenn auch in bestimmten geschützten Räumen ein spielerischer Umgang mit Macht und Herrschaft zum persönlichen Wachstum und – in gewisser Hinsicht – zur sexuellen Befreiung Einzelner beitragen kann, so ist es dennoch nach wie vor nötig, die (sexistischen) Gewaltverhältnisse im Öffentlichen wie im Privaten aufzudecken und zu bekämpfen.

Anna Kow
ist Studentin der Philosophie an der Uni Leipzig und schreibt für das Zine „Die Krake. Künstliche Beziehungen für unnatürliche Frauen.“

  1. Der Begriff „Pleasure and Danger“ wurde in den 80er Jahren von Carol S. Vance eingeführt und soll das Spannungsfeld, indem sich weibliche Sexualität in einer patriarchalen Gesellschaft notwendigerweise bewegt, beschreiben. Vgl. dazu: Robin Bauer: SM, Gender Play und Body Modification als Techniken zur (Wieder-) Aneignung des eigenen Körpers, der eigenen Sexualitäten und Geschlechtsi- dentitäten. In: Timmermanns, Stefan et al. (Hrsg.): Sexualpädagogik weiter denken, Weinheim 2003. [zurück]
  2. Alice Schwarzer: Der „kleine Unterschied“ und seine großen Folgen, Frankfurt a.M. 1975, S. 7. [zurück]
  3. Der Differenzfeminismus geht von wesenhaften, nicht kulturell produzierten Unterschieden zwischen Männern und Frauen aus. Differenzfeministinnen wird oft vorgeworfen, biologistisch zu argumentieren und damit zum Einen die kulturellen und sozialen Unterschiede zwischen Frauen nicht genügend zu beachten, zum Anderen Weiblichkeit (wieder) zum Schicksal zu erklären und so sexistische Kategorisierungen zu legitimieren. [zurück]
  4. Butch: maskuline Lesbe; Femme: betont weibliche Lesbe. [zurück]
  5. „Schon Freud – so heißt es – habe dargestellt, dass die Frauen typischerweise Phantasien entwickeln, in denen sie lustvoll erleiden, von Männern vergewaltigt zu werden. […] Freud meinte, dass Erziehung, Haltung der Gesellschaft und psychische Folgen ihres biologisch-anatomischen Schicksals eben der Frau gar nichts anderes übrig ließen, als die Aggression gegen sich selbst zu wenden und dabei masochistische Leidenslust zu entwickeln. Darüber hinaus sei ihr Masochismus die Vorbedingung dafür, dass sie den Geschlechtsverkehr überhaupt genießen könne.“ (Margarete Mitscherlich, EMMA September 1977, Quelle: http://www.emma.de/ sind_frauen_masochistisch_9_77.html) [zurück]
  6. Quelle: http://www.glbtq.com/social-sciences/lesbian_sex_wars.html [zurück]
  7. „Die Antwort auf schlechte Pornos sind nicht keine Pornos, sondern bessere Ponos!“ (Annie Sprinkle, Hardcore von Herzen, zitiert nach: Virginie Despentes, King Kong Theorie, Berlin 2007.) [zurück]
  8. Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, Frankfurt a.M. 1991, S. 56 f. [zurück]
  9. ebd. [zurück]
  10. Hier gemeint als eine rein auf die weiblichen Körper bezogene, also nicht-technologische, nicht mit heterosexuellen Elementen spielende Sexualität: das oft abwertend gebrauchte Bild der Lesben, die sich „nur“ zärtlich streicheln und küssen (also keinen „richtigen“ Sex haben). [zurück]
  11. Judith Butler: Körper von Gewicht, Frankfurt a.M. 1997, S. 127. [zurück]
  12. Judith Halberstam, Female Masculinities, zitiert nach: Beatriz Preciado, Kontrasexuelles Manifest, S. 59. [zurück]
  13. Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003, S. 10. [zurück]
  14. Siehe Tim Stüttgens Interview mit Preciado in der Jungle World 49 und 50/2004. [zurück]
  15. Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003, S. 10. [zurück]
  16. Steht für „Bondage&Discipline, Dominance&Submission, Sadism&Masochism“ und ersetzt den Begriff SM (Sado-Maso, Sadomasochismus), der oftmals pathologisierend gebraucht wird und weniger Vielfalt vermittelt als BDSM. [zurück]
  17. Ich gehe hier von zweien aus, es können aber durchaus mehr sein. [zurück]
  18. Dass Bottom hier männlich und Top weiblich ist hat keine Bedeutung; alle Konstellationen sind denk- und spielbar. [zurück]
  19. „safe, sane and consensual“ ist eine Grundregel der BDSM-Szene. [zurück]
  20. vgl. hierzu den Text „Subtile Klatschkultur“ von der Gruppe „Hannah und Bernd“, in: A.G. Gender-Killer: Das gute Leben – Linke Perspektiven auf einen besseren Alltag, Münster 2007. [zurück]
  21. „Frau“ und „Mann“ hier verstanden als Rollen in einem Spiel, die eben nicht zwangsläufig mit realen Geschlechterrollen überein- stimmen müssen. [zurück]
  22. … womit auf keinen Fall Orgasmen als alleiniges Ziel sexueller Aktivitäten festgelegt werden sollen … [zurück]
  23. Robin Bauer (2007): Playgrounds and New Territories – The Potential of BDSM Practices to Queer Genders, In: Langdridge, Dar- ren & Meg Barker (Hrsg.): Safe, Sane and Consensual: Contemporary Perspectives on Sadomasochism. Palgrave: 177-194. [zurück]
  24. Beatriz Preciado: Kontrasexuelles Manifest, Berlin 2003, S. 19. [zurück]
  25. vgl. Robin Bauer (2007): Playgrounds and New Territories – The Potential of BDSM Practices to Queer Genders, In: Langdridge, Darren & Meg Barker (Hrsg.): Safe, Sane and Consensual: Contemporary Perspectives on Sadomasochism. Palgrave: 177-194. [zurück]
  26. Kommentar meiner Mitbewohnerin Anne. [zurück]
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04. August 2011 – "Remember what’s forbidden. Die ka­tho­li­sche Kir­che & an­de­re Ab­trei­bungs­geg­ner_in­nen" – Vortrag & Film von und mit Sarah Diehl July 29, 2011 | 01:23 pm

Im Rahmen der Heidenspaß statt Höllenagst-Kampagne, die sich gegen den Papstbesuch in Erfurt richtet, wird die Veranstaltung mit dem Titel Remember what’s forbidden. Die ka­tho­li­sche Kir­che & an­de­re Ab­trei­bungs­geg­ner_in­nen den Film “Abortion Democracy” von Sarah Diehl zeigen und anschließend auch eine Diskussion ermöglichen. Sarah Diehl ist die Herausgeberin der Bücher “Brüste Kriegen” und “Deproduktion - Schwangerschaftsabbruch im internationalen Kontext” sowie Mitherausgeberin diverser Berlinbücher.

Der Dokumentarfilm “Abortion Democracy” vergleicht die po­li­ti­schen, le­gis­la­ti­ven und ge­sell­schaft­li­chen Ent­wick­lun­gen im Anschluss an gegenläufigen Veränderungen der Abtreibungsgesetze in Südafrika und Polen und deren Auswirkungen auf die Lebensrealität von Frauen.

Abortion Democracy: Poland/South Africa Trailer from Verena Buschmann on Vimeo.

Sarah Diehl war mit ihrem Film bereits im Dezember 2009 in Jena. Dass er noch einmal gezeigt und diskutiert wird ist nicht zuletzt deshalb zu begrüßen, da es in hier keinen Raum für eine entsprechende Thematisierung zu geben scheint. Einerseits bietet der Bestand der wichtigsten Bibliothek Thüringens (als zentrale Instanz für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung) eine ziemlich begrenzte Perspektive (Aspekte zum Strafrecht und ethische bzw. theologische Abhandlungen) auf das Thema. Andererseits findet es sich bisher nicht im Veranstaltungs- oder Veröffentlichungsoutput verschiedener ortsansässiger Gruppen, die sich entweder zentral oder peripher mit den an den Schwangerschaftsabbruch angeschlossenen Thematiken beschäftigen.

Dass die sehr aufgeladene Problematik mehr als die Gebiete von Gesetzgebung und theologischer Moral schneidet fasst Sarah Diehl in einem Interview mit Radio CORAX und in einem Video zur “1000 Kreuze in die Spree“-Demonstration vom September 2010, die sich gegen einen Schweigemarsch von selbsternannenten “Lebenschützer_innen” richtet, treffend zusammen:

Links:

4. Au­gust 2011, 19Uhr, Carl-​Zeiss-​Str. 3 (Uni-​Cam­pus), Se­mi­nar­raum 206.
Ver­an­stal­te­rin: re­vol­ta.

“I think there’s a very real sense in which women… July 7, 2011 | 09:52 pm



“I think there’s a very real sense in which women are supposed to say ‘chocolate’ whenever somebody asks them what they want.” - Nina Power

“Die eindimensionale Frau” im Jahr 2011 auf die Frage “Was ist dein Traum?”. Einvernehmlich alles Individuelle aufhebend wird dem Körper der Hass angesagt. Poesie. Zugleich unfassbar traurig wie verstümmelt das potentielle Utopie beheimatende Ding namens Traum ist.

Gefunden in einer kostenlosen Zeitschrift in der Uni (“Audimax”, erinnere ich mich vage).