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47.500 zusätzliche Lähmungen in Indien durch Polio-Impfung? September 5, 2013 | 03:17 pm

Diverse typische Desinformationsseiten wie Infowars, Mercola, NaturalNews, OMSJ und viele mehr gehen seit einigen Monaten mit einer Schlagzeile hausieren, die im Wesentlichen behauptet, dass Polioimpfungen in Indien 47.500 Fälle von Lähmungen verursacht hätten.

Als Basis der Behauptung wird ein Artikel der Wissenschaftler Neetu Vashisht und Jacob Puliyel angegeben, der im kleinen, relativ unbekannten “Indian Journal of Medical Ethics” erschien. Es hat unserer Meinung nach wenig Wert, sich mit den auf Pseudoseiten verwursteten Texten zu befassen. Werfen wir lieber direkt einen Blick auf diese Publikation, sehen wir uns an, was darin steht und was die Daten in Wirklichkeit hergeben. Bevor wir aber in medias res gehen, möchten wir einige Punkte aus der Arbeit herausgreifen und kurz anschneiden.

In dem Artikel “Polio programme: let us declare victory and move on” wird erklärt:

It was hoped that following polio eradication, immunisation could be stopped. However the synthesis of polio virus in 2002, made eradication impossible. It is argued that getting poor countries to expend their scarce resources on an impossible dream over the last 10 years was unethical.Man hatte gehofft, nach der Auslöschung der Kinderlähmung mit der Immunisierung/Impfung aufhören zu können.Die künstliche Erschaffung des Poliovirus 2002 machte die Auslöschung allerdings unmöglich. Es wird argumentiert, dass es unethisch war, von armen Ländern zu verlangen, ihre beschränkten Ressourcen in den letzten 10 Jahren in einen unmöglichen Traum zu investieren.

Die beiden Autoren sind bekannte Kritiker der Impfstrategie der WHO und der Meinung, dass man das Geld für die Polio-Impfungen besser anderweitig anlegen sollte. Sie gehen davon aus, dass die Kinderlähmung nie ausgelöscht werden könne, weil man sie mit heutigen technischen Möglichkeiten im Labor als Biowaffe herstellen kann (Im Bezug auf die Arbeit von Eckard Wimmer.)

Ein interessanter Artikel dazu findet sich in der New York Times, in dem auch dem Gedanken, die Pocken “wiederzubeleben”, nachgegangen wird. Das ist allerdings (noch) nicht möglich. Es wird jedenfalls bezweifelt, dass die Kinderlähmung sich als Biowaffe eignet, da das Virus zu wenig “effektiv” ist und zu wenig Opfer fordert. Wir möchten einwerfen, dass ein Terrorist vermutlich auch nicht gerade in den ärmsten Regionen Indiens/der Welt zuschlagen würde.

Die Frage ist, ob wir uns bei heutigen Entscheidungen von der Furcht vor terroristischen Angriffen in 30 Jahren leiten lassen sollen?

Bevor wir zum eigentlichen Thema kommen, wollen wir noch kurz diese Zeile vorziehen:

The authors suggest that the huge bill of US$ 8 billion spent on the programme, is a small sum to pay if the world learns to be wary of such vertical programmes in the future.Die Autoren vermuten, dass die riesige Rechnung von 8 Milliarden US-Dollar ein geringer Preis sind, wenn die Welt lernt, in Zukunft bei auf einzelne Krankheiten abzielenden Programmen zu sein vorsichtig zu sein.

Hier wird kritisiert, dass die Polioimpfungen ein “vertikales Programm” (Fachbegriff: nur auf einzelne Krankheiten abzielend) sind und andere Krankheiten, die inzwischen weit mehr Tote verursachen, “ignoriert” werden.

Diese Kritik vertritt Dr. Puliyel auch in einem Interview mit der BBC, in dem ihm Dr. Hamid Jafari, Direktor der WHO Poliokampagne, antwortet, dass natürlich die Infrastruktur, die für die Impfungen gegen Kinderlähmung aufgebaut wurde, auch für breitere medizinische Versorgung genutzt wird.

Darüberhinaus darf man die Kosten ja nicht gegen die wenigen Opfer aufrechnen, die wir heute noch haben, sondern gegen die Opfer, die verhindert wurden und in Zukunft verhindert werden. Das Programm zur Auslöschung der Pocken hat sich längst vielfach amortisiert.

Dr. Puliyel hält jedenfalls wenig vom Polio-Eradication Projekt und würde es am liebsten beenden. Seine Argumentation beruht vor allem auf den Kosten, der Effektivität und darauf, dass andere Krankheiten viel mehr Opfer fordern.

Interessanterweise erregen die validen, interessanten Kritikpunkte und Anmerkungen die pseudowissenschaftliche Welt nicht so sehr und es wird kaum darauf eingegangen. Vielleicht weil sie eine komplexe Kosten/Nutzen-Abwägung zur Beurteilung erfordern?

Kommen wir aber zum Kernthema:

Furthermore, while India has been polio-free for a year, there has been a huge increase in non-polio acute flaccid paralysis (NPAFP). In 2011, there were an extra 47,500 new cases of NPAFP. Clinically indistinguishable from polio paralysis but twice as deadly, the incidence of NPAFP was directly proportional to doses of oral polio received. Though this data was collected within the polio surveillance system, it was not investigated. The principle of primum-non-nocere was violated.Weiters gab es einen riesigen Anstieg von nicht-polioverursachter akuter schlaffer Lähmung (NPAFP), obwohl Indian seit einem Jahr poliofrei ist. 2011 gab es 47.500 zusätzliche Fälle von NPAFP. Klinisch nicht unterscheidbar von Kinderlähmung aber zweimal so tödlich, ist die Inzidenz von NPAFP direkt proportional zu der Anzahl der Impfdosen gegen Polio. Obwohl diese Daten im Rahmen des Polio-Überwachungsprogrammes gesammelt wurden, wurden sie nicht weiter untersucht. Das Prinzip “zuerst einmal nicht schaden” wurde verletzt.

Hier steht also, dass es zu einem starken Anstieg von NPAFP-Fällen kam, die proportional zur Anzahl der erhaltenen Impfeinheiten war.

Man muss hier etwas ausholen und erklären, was der Begriff NPAFP bedeutet und was entsprechende Zahlen in dem Bereich aussagen. Wer sich das schenken möchte, kann gleich zur Kritik springen.

AFP bedeutet Acute Flaccid Paralysis, heißt akute schlaffe Lähmung, wie sie auch bei der Kinderlähmung auftritt.

Lähmungserscheinungen werden aber nicht nur von der Polio verursacht; es gibt diverse Krankheiten, bei denen sie auftreten können. NPAFP bedeutet Non Polio AFP.
Man hat daher ein Überwachungs-Projekt ins Leben gerufen, das alle auftretenden Fälle sammelt und dann klassifiziert: Kinderlähmung und Nicht-Kinderlähmung (NPAFP)

Für westliche Länder wie Europa geht man davon aus, dass die Überwachung ausreichend ist, wenn mindestens ein Fall von Lähmungserscheinungen pro 100.000 gefunden wird. In Europa geht man weiters davon aus, dass keine Unterscheidung Polio/Nicht-Polio (NPAFP) notwendig ist, da die Kinderlähmung praktisch nicht mehr existent ist.

In diversen Ländern Europas treten heute weniger als dieser eine Fall pro 100.000 auf, was aber wohl auch auf “mangelnde” Überwachung zurückzuführen ist. Weltweit zeigt sich: Je besser die Überwachung, desto mehr Fälle findet man. Die Fallzahlen hängen auch davon ab, wie breit man diagnostische Standards setzt.

In afrikanischen/asiatischen Ländern, in denen sowohl mehr Krankheiten grassieren, als auch die Überwachung aufmerksamer ist als in Europa, sind Inzidenzen von 2-4 “normal” und Werte bis 6 nicht ungewöhnlich (Chad, Sierra Leone, Elfenbeinküste). Es gilt vermutlich der einfache Zusammenhang: Je mehr Ärzte, je mehr Untersuchungen, desto höher die Fallzahlen von Lähmungserscheinungen.

Diese teilen sich dann in Polio-AFP und Non-Polio-AFP (non-polio acute flaccid paralysis). Da Indien 2011 praktisch poliofrei (1 Fall im Jänner) war, sind also alle aufgetretenen Fälle von Lähmungen seitdem als NPAFP – nicht durch Kinderlähmung ausgelöst – klassifiziert worden. Die Klassifizierung erfolgt durch die WHO, Details dazu hier.

Kritik

1)

In 2011, an additional 47,500 children were newly paralysed in the year, over and above the standard 2/100,000 non-polio AFP that is generally accepted as the norm.Im Jahr 2011 wurden 47.500 mehr Kinder gelähmt als durch die 2/100.000 NPAFP-Fälle, die generell als Norm akzeptiert werden, zu erwarten war.

Die “Extrafälle” haben die Autoren auf Basis einer unrealistischen Annahme errechnet. Die WHO hat nämlich als Zielsetzung vorgegeben, dass ab 2005 in allen relevanten Ländern eine Rate von mindestens 2 zu erreichen sei. D.h. wenn man nur 2 Fälle pro 100.000 findet, dann ist die Überwachung wahrscheinlich nicht gut genug, weil da mehr sein dürften …

Von 2004 auf 2005 verdoppelte sich dann auch die NPAFP-Rate in Indien von 3,11 auf 6,43 und stieg danach leider noch munter weiter. Weltweit hatte man übrigens 2009 eine Durchschnittsrate von 4,9.

Es ist durchaus möglich, dass 2011 tatsächlich mehr Fälle aufgetreten sind, es ist aber genauso möglich, dass vorher die Überwachung schlechter war und einfach weniger Fälle gemeldet wurden. In jedem Fall ist die Annahme von 2/100.000 als Basiswert unsinnig.

Diesen Punkt könnte man aber allerdings noch unter “Übertreibung” abheften.

2)
Die Autoren haben nun die Anzahl der Impfungen und die Anzahl der auftretenden Fälle von NPAFP gegenübergestellt und geben an, eine Korrelation gefunden zu haben. Die Basisdaten haben sie hier zur Verfügung gestellt.

Im Wesentlichen zeigt sich über die Jahre dasselbe Bild, mit leichten Schwankungen; da allerdings nur bis 2009 flächendeckend Daten vorhanden sind, betrachten wir im Folgenden 2009, es dürfte aber kaum Unterschied machen wenn man 2010 oder 2011 betrachtet.

Im Endeffekt zeigt sich schnell, dass die ganze Argumentation an zwei Regionen hängt. Denn in fast allen indischen Bundesstaaten hat man eine NPAFP-Rate unter 6, nur in zwei Regionen ist sie exorbitant hoch:

Bihar : 32,7
Uttar Pradesh : 22,56
(Zur Info: 2012 waren die Raten 37,32 und 25,71)

Das ist ein Vielfaches des weltweiten Schnittes und daher verwundert es auch nicht, dass etwa 60% der NPAFP-Fälle Indiens in diesen beiden Regionen auftreten.

Die beiden Regionen sind auch (zusammen mit Delhi) “Spitze” bei der Anzahl der Impfdosen, die Kinder pro Jahr erhalten. In Bihar und Uttar Pradesh erhalten Kinder pro Jahr jeweils fast 10 Dosen des Impfstoffes. In fast allen anderen Regionen liegt man bei etwa drei Dosen.

Und da es die Empfehlung gibt, jedes Jahr alle Kinder unter 5 Jahren zu impfen, summiert sich das auf geschätzte 30,3 Impfdosen in Bihar und 29,4 Impfdosen in Uttar Pradesh von 2007-2009 auf.

Daraus ergibt sich dann für Dr. Puliyel ein hübsch aussehender Zusammenhang: Hohe Impfzahlen -> Hohe NPAFP-Rate

Der aufmerksame Leser wird sich allerdings fragen: Und was ist mit Delhi? Wie erwähnt hat man dort auch etwa 10 Impfeinheiten pro Jahr, in Summe 28,5 in den 3 Jahren bis 2009.

Wenn der Zusammenhang kausal wäre, müsste der Effekt doch auch in Delhi genauso messbar sein. Dort ist die Rate aber für Indien vergleichsweise niedrig:

Delhi : 4,33

Das passt nicht zusammen, da hakt es mit der Theorie. Was die Autoren zweifelsfrei nachgewiesen haben ist, dass es in Bihar und Uttar Pradesh extrem viele NPAFP-Fälle gibt. Der Zusammenhang mit der Impfung ist aber bestenfalls weit hergeholt. Hohe Impfraten hat man in 3 Regionen, zwei davon haben extrem hohe NPAFP Fallzahlen, die dritte vergleichsweise niedrige.

Das passt nicht zusammen.
Die 47.500 Extrafälle sind nicht nur überhöht, in der Arbeit findet sich auch kein Grund für einen Zusammenhang mit der Impfung.

Weitere Überlegungen:
Man fragt sich nun natürlich: Was ist an diesen beiden Regionen so besonders und warum wird in solchem Übermaß geimpft? 10 Impfdosen pro Jahr sind ja nicht gerade wenig.

Studien haben gezeigt, dass diese Regionen tatsächlich “speziell” sind. Während man nach ersten Studien von etwa 30% Wirksamkeit des monovalenten Polio-Impfstoffes pro Dosis ausging, liegt die durchschnittliche Wirksamkeit in den fraglichen Regionen nur bei 9% pro Dosis. Das ist natürlich nicht linear, die 9% sind ein Schnitt und sagen nur aus: Man braucht 10 Dosen, um auf 90% zu kommen. Im Rest von Indien liegt die Wirksamkeit im Schnitt bei 21%.

Man benötigt also wesentlich mehr Impfungen, um einen vergleichbaren Effekt zu erhalten. Daher die hohen Impfraten. Man hat ein paar vage Thesen zu den Gründen, wie die grundsätzliche Hygienesituation (Bihar ist der ärmste Bundesstaat Indiens), aber nichts Konkretes.

Warum diese Regionen so außerordentlich hohe Inzidenzzahlen haben, ist leider immer noch unklar. Erhöhte Überwachung und breitere diagnostische Standards in Indien erklären den Effekt nur teilweise.

Man hat inzwischen Studien zu anderen Enteroviren angestellt, die für etwa 30% der NPAFP-Fälle verantwortlich gemacht werden. Insgesamt ist man noch zu keinem befriedigenden Schluss gekommen.

Man muss Dr. Puliyel in einem Punkt recht geben: Hätte man von Anfang an die NPAFP-Fälle verfolgt und untersucht, wüsste man vermutlich schon mehr.

It is sad that, even after meticulous surveillance, this large excess in the incidence of paralysis was not investigated as a possible signal, nor was any effort made to try and study the mechanism for this spurt in non-polio AFP.Es ist bedauerlich, dass trotz genauester Überwachung dieser hohe Überschuss an Lähmungen nicht als mögliches Signal untersucht und keinerlei Anstrengung unternommen wurde, den Mechanismus hinter diesem Anstieg von NPAFP zu untersuchen.

Die Schlagzeile ist aber in jedem Fall völliger Unsinn.

Tolzins Stuttgarter Impfsymposium mit etwas GNM September 3, 2013 | 02:24 pm

Hans Tolzin bei der Anti Zensur Konferenz des Sektenführers Ivo Sasek

Ende September 2013 findet ja mal wieder ein Impfgegnertreffen statt, organisiert vom in der Szene bekannten Hans Tolzin.

Eine ganz wunderbare (beziehungsweise eher wunderliche) Veranstaltung, die sich von der heute üblichen Erwartungshaltung, von Experten auf Basis von Fakten informiert zu werden, in außerordentlicher Weise abhebt.

Es ist doch mal etwas anderes, wenn Leute, die nicht viel Ahnung vom Thema haben, frei von der Leber weg ihre subjektive Meinung zum Besten geben können.

Und wenn die Fakten nicht so passen: Schwamm drüber. Geht ja nur um das Leben anderer Leute.

Falls sich also jemand im Bereich Impfungen zu gut informiert fühlt, dem kann auf dieser Veranstaltung geholfen werden.

Sieht man sich die Vortragsliste an, so ist klar, was da kommen wird:
Gerüchte, phantastische Krankheiten und wilde Theorien – all das zum günstigen Preis von 110 Euro bei Voranmeldung. Damit gehen Sie nicht nur selbst desinformiert von dannen und haben die Chance, weiteres Geld für nutzlose Behandlungen auszugeben, Sie haben auch gelernt, wie Sie Krankheiten ignorieren, verschleppen und vielleicht sogar noch Ihre Kinder unnötigen Risiken aussetzen. Das muss einem doch ein paar Euro Wert sein.

Im ersten Vortrag spricht Hans Tolzin selbst zum Thema persönliche Impfentscheidung und wird sicher wie gewohnt für maximale Verwirrung und Verunsicherung sorgen, unbegründete Ängste wecken und Ihnen gerne seinen kostenpflichtigen Newsletter empfehlen (Wir hoffen, Herr Tolzin muss jetzt nicht seine Rede umschreiben, um uns Lügen zu strafen).

Das grundsätzliche Thema der zwei Tage ist klar: Impfungen sind schlecht und zu verteufeln. Eingeladen sind daher auch nur die üblichen Gesichter der Pseudo-Szene, die es verstehen, den wissenschaftlichen Konsens komplett zu ignorieren.

Zwischendurch werden natürlich auch pseudomedzinische Praktiken wie z.B. Ausleitungen präsentiert; die Kunden sollen ja schließlich auch die Chance haben, sich gegen gutes Geld von Leiden, die sie nie hatten, kurieren zu lassen.

Die Vorträge scheinen wie immer eine Doppelstrategie zu fahren. Einerseits werden Impfungen mit unbelegten und zum Teil längst widerlegten Behauptungen als gefährlich und wirkungslos dargestellt, auf der anderen Seite werden die Krankheiten, vor denen sie schützen, als “relativ harmlos” deklariert. Obwohl man natürlich sein Bestes tut um anzuzweifeln, dass Impfungen wirkungsvoll vor Krankheiten schützen, gibt es aus insgesamt 200 Jahren Impfgeschichte so viele Beweise dafür, dass man mit dieser Strategie nur schwer durchkommt.

Daher wird dann auch in zwei Vorträgen der “biologische Sinn von Kinderkrankheiten aus Sicht der Homöopathie” und der “biologische Sinn von Kinderkrankheiten aus Sicht der „Neuen Medizin“ nach Dr. Hamer” in die Schlacht geworfen. Die Idee ist klar:

Impfungen sind böse, denn Kinderkrankheiten sind etwas ganz, ganz Tolles. Wenn man impft, nimmt man den Kindern und Erwachsenen die Chance, ernsthaft krank zu werden. Und das ist ja so wichtig.

Dabei wird einerseits geleugnet, andererseits auch stillschweigend in Kauf genommen, dass diese Krankheiten viele Opfer fordern (würden, gäbe es keine Impfungen). Krankheiten, die Millionen Menschenleben auf dem Gewissen haben, werden als edel und gut deklariert.

Ein ziemlich ekelhafter Standpunkt, wie wir auch schon in unserer Rezension zum Buch von Martin Hirte angewidert angemerkt haben.

Im ersten Vortrag wird das Thema wohl irgendwie “homöopathisch” erörtert und da die Homöopathie ein Glaubenssystem und keine Wissenschaft ist, könnte man den Sinn von Krankheiten genauso anhand der Bibel oder irgendwelcher vedischer Schriften diskutieren. Sinn macht es allerdings keinen.

Viel übler ist, dass noch immer der Wahnsinn der Germanischen Neuen Medizin nach Ryke Geerd Hamer propagiert wird. Oh, das “Germanische” im Titel hat man wohlweislich weggelassen, so braun-antisemitische Hintergründe könnten ja Leute abschrecken. Heutige Anhänger der “Neuen Medizin” scheinen sich ja von den Ansichten Hamers zu Juden und der zionistischen Weltverschwörung, um alle Nichtjuden umzubringen, distanzieren zu wollen. Im rechten Eck steht man nicht gerne, gibt aber trotzdem Hamer “in der Sache” recht. Man hat ja nichts gegen Juden, nur die jüdische Schulmedizin, die lehnt man ab.

Hamer war ja mehr im Bereich Krebs zu Hause, der aus seiner Sicht nur ein Konflikt ist; er hängt dabei dem Mythos Krebspersönlichkeit an. Mit anderen Worten: Wenn man Krebs bekommt, ist man selbst schuld, weil man nicht die richtige Einstellung hatte.

Wenn man seinen seelischen Konflikt löst, verschwindet auch der Krebs. Sehr praktisch dabei: Wenn der Krebs nicht verschwindet und man stirbt, hat man einfach nicht die richtige Einstellung gehabt. Die Schuld liegt also immer beim Opfer, die schwachsinnige Methode ist nie schuld.

Hamer könnte mit seinen Opfern selbst einen Friedhof füllen und da er “kleine Probleme” mit der Justiz hat (es sind natürlich die Juden, die ihn verfolgen), befindet er sich zur Zeit quasi im Exil, wo er seinem Wahnsinn immer noch frönt.

Hier fällt wieder auf, wie verzahnt doch die pseudomedizinische Welt ist. Impfgegner, Homöopathen, Antroposophen, Osteopathen und Ableger der Germanischen Neuen Medizin traut vereint.

Die große Gemeinsamkeit ist die Ablehnung der wissenschaftlichen Methodik und Medizin, dass ihre Thesen aus wissenschaftlicher Sicht Unsinn sind. Faszinierend dabei ist: die kruden Theorien widersprechen sich oft in hohen Maße, aber das stört dort irgendwie keinen. Munter wird in der Pseudomedizin vom nächsten das genaue Gegenteil behauptet und trotzdem lachen alle fröhlich.

Berufsverbot gegen Impfgegner Loibner aufgehoben August 28, 2013 | 10:25 pm

Johann Loibner

Gegen den steirische Impfgegner Dr. Johann Loibner hatte die Österreichische Ärztekammer 2009 erneut (2005 war ein einjähriges Verbot verhängt worden) ein Berufsverbot wegen “mangelnder Vertrauenswürdigkeit” ausgesprochen. Dieses Verbot wurde nun vom Verwaltungsgericht gekippt.

Das Problem war, dass die Behörde ihre Entscheidung bloß auf die Aussagen Loibners im Internet und bei öffentlichen Auftritten gestützt hatte. Rechtlich bestehen die Berufspflichten eines Arztes jedoch nur gegenüber einem Patienten, dessen Behandlung er übernommen hat.

D.h. überspitzt formuliert, man kann im Internet jeden Blödsinn von sich geben, auch als Arzt, da man ja nicht der Arzt der Personen ist, die diesem Ratschlag dann vielleicht folgen.

Bevor Loibner allerdings wieder auf Patienten losgelassen wird, muss der steirische Landeshauptmann eine neue Berufungsentscheidung erlassen. Die Ärztekammer legte allerdings Wert auf die Feststellung, dass der Bescheid aus formalen Gründen aufgehoben wurde.

Johann Loibner ist dabei im Gegensatz zu vielen, sagen wir mal “realitätsnäheren” Impfgegnern einer, den solche Kleinigkeiten wie Geschichte, Biologie, Chemie, Physik, Medizin nicht die Bohne interessieren. Bei dem Bescheid, der sicher juristisch/formal korrekt ist, kann einem Angst und Bange werden.

So schreibt er zum Beispiel auf seiner Webseite:

“So ließ auch Maria Theresia ihre Kinder impfen, von denen zwei durch diese Impfung gestorben sind.”

Maria Theresia starb 1780, Edward Jenner machte seine Entdeckung, die Vakzination, allerdings erst 1796. Ohne eine Zeitmaschine hätte Maria Theresia ihre Kinder also gar nicht impfen lassen können.

Was Loibner hier wohl meint, ist die Variolation, ein durchaus recht gefährlicher Vorgänger der Pockenimpfung. Der Unterschied zwischen den beiden Verfahren macht dann ja gerade den Wert der Impfung, die Größe der Entdeckung aus. Nicht umsonst nennt man Jenner heute oft den “Vater der Immunologie”.

Solche Details sind Loibner allerdings herzlich egal. Impfung, Variolation, Bakterien, Viren? Alles dasselbe. Lebt in Mitochondrien. Oder so.

Aber es geht noch weiter: auch der gesamte Rest des Satzes ist so falsch, wie er nur sein kann. So starben zwei Töchter Maria Theresias an den Pocken, aber das war es auch schon. Johanna Gabriele starb 1762, Maria Josepha im Jahr 1767.

Erst 1768 ließ Maria Theresia den Arzt Jan Ingenhousz nach Wien kommen, der die Variolation einführte. Erfolgreich wohlgemerkt, Ingenhousz wurde mit einem fürstlichen Jahresgehalt von 5000 Gulden angestellt und blieb in Wien.

Es ist also völlig unmöglich (ohne Zeitmaschine wiederum), dass zwei Töchter Maria Theresias an der Variolation, geschweige denn der Impfung gestorben seien.

Nun könnte man argumentieren, dass das Geschichtswissen sei, das ein Arzt nicht zu wissen braucht. Aber er ist auch medizinisch ähnlich unbeleckt.

In seiner Welt gilt:

Das Virus wird ja vom Immunsystem des erkrankten Menschen gebildet.

Bakterien sind für den Aufbau des Lebens unbedingt notwendig. Sie leben als Mitochondrien und Chloroplasten innerhalb der pflanzlichen und tierischen Zellen. Beim Zerfall von Zellen lösen sie immunologische, der Überwindung der Schädigung dienende Reaktionen wie Fieber, Husten, Absonderungen u.v.a. aus.

Vielleicht sollte mal jemand dem Herrn ein Biologiebuch aus der Hauptschule leihen.

Auch interessant ist folgendes Zitat, zum Thema HPV-Impfung:

Es ist eine bewiesene Tatsache, dass Prostituierte wesentlich häufiger Gebärmutterhalskrebs bekommen als Jungfrauen. Trotzdem will man bei allen Kinder, noch bevor der sexuelle Kontakt beginnt, diese Impfung durchführen. Nun das Virus selbst ist aber nicht die Ursache für die Erkrankung. Jeder Sexualkontakt verursacht eine Immunreaktion, wenn der Partner neu ist. Der Organismus gewöhnt sich daran, wenn der Partner immer der gleiche ist. Wechselt man ständig den Partner, dann kommt es laufend zu Reaktionen, zu Entzündungen und vielleicht auch zum Krebs.

Das kann man eigentlich in seiner Absurdität so stehen lassen. Eine typische Idee eigentlich, wenn man einer ultrakonservativen katholischen Gruppierung angehört.

Wenn man gesunden Menschenverstand anlegt, dann müsste der GNM-Anhänger und Homöopath Loibner ja eigentlich einer der “harmloseren” Impfgegner sein. Seine Thesen sind so schwachsinnig, da kann doch niemand drauf reinfallen.

Aber wie die Geschichte auch an Irrsinn wie der Germanischen Neuen Medizin und ihren Opfern lehrt, gibt es leider immer noch Leute, die selbst solchen hirnrissigen Blödsinn glauben und Loibners Ideen folgen.

Angst essen Verstand auf, oder „Die Akte Aluminium“ von Bert Ehgartner August 8, 2013 | 11:11 am

Wie erreiche ich es, dass so viele Menschen wie möglich mein krudes Weltbild akzeptieren? Wie kann es funktionieren, dass meine wahnwitzigen wagemutigen Behauptungen ernst genommen oder sogar für wahr gehalten werden? Wie verhindere ich am effektivsten, dass Menschen selbst nachdenken?

conspiracy-300x225Solche und ähnliche Fragen könnte sich der Dokumentarfilmer und Impfgegner Bert Ehgartner gestellt haben. Die Antwort darauf gibt er in seinen Büchern, aber vor allem in seinem phänomenalen 89-minütigen MachMeisterwerk, dem Dokumentarfilm mit dem Titel Die Akte Aluminium, der am 23. Juli 2013 im Deutschen Fernsehen auf Arte gezeigt wurde (im März 2013 lief er schon einmal auf ZDF/Arte).

Ehgartners Antwort auf die gestellten Fragen besteht darin, dass er über die Gefühle der Menschen die Akzeptanz seines Weltbildes und seiner Behauptungen erreichen will. Hierbei setzt er hauptsächlich auf eine spezielle und mächtige Emotion: Die Angst.

Nun mag man einwenden, dass dies nun wirklich nichts Neues ist, denn so gehen Religionen, Gurus und Esoteriker aller Couleur schon seit ewigen Zeiten vor. Das ist sicherlich richtig, aber er macht das wirklich verdammt gut und spielt auf der Klaviatur der Gefühle wie ein Meisterpianist. Er begnügt sich auch nicht mit Angst, sondern mischt noch eine ordentliche Portion Mitleid hinzu. Aber auch das reicht natürlich noch nicht, denn irgendjemand oder irgendetwas muss ja schuld sein. Deshalb präsentiert er dann den Schuldigen – natürlich immer Aluminium! – und der Zuschauer kann seine Angst und das Mitleid dann umgewandelt in Zorn auf dieses projizieren.

Bevor wir nun die Inhalte des Filmes betrachten, sollten wir uns mit einigen Fakten über Aluminium beschäftigen: Aluminium ist das dritthäufigste Element und häufigste Metall in der Erdkruste. Wir sind als Menschen also schon immer dem Aluminium und seinen Verbindungen in der Natur ausgesetzt. Es ist auch wichtig zu wissen, dass es einen Unterschied machen kann, ob man über den Schaden durch reines, elementares Aluminium redet oder irgendeine der zahlreichen Verbindungen, die Aluminium eingehen kann. Man kann schließlich auch nicht von der potentiellen Gefährlichkeit von Natrium und Chlor auf die Gefährlichkeit der Verbindung Natriumchlorid (NaCl ist nichts anderes als unser Kochsalz, welches wir täglich zu uns nehmen) schließen. Hinzu kommt, dass auch die Dosis das Gift macht. Jeder Stoff ist ab einer bestimmten Konzentration und Menge gefährlich und giftig. Deswegen ist es wichtig darüber nachzudenken, in welcher Dosis wir diesen oder jeden Stoff überhaupt aufnehmen oder ihm ausgesetzt sind. Zur allgemeinen Toxizität von Aluminium sind am Ende dieses Artikels einige Verlinkungen aufgeführt.

Kommen wir nun zu den Inhalten seines Dokumentarfilmes. Allein die Überschrift „Ist Aluminium so harmlos wie behauptet?“ ist, strategisch betrachtet, schon hervorragend gemacht. Er unterstellt, dass behauptet werde, Aluminium sei harmlos. Wer behauptet das? Alle die nicht behaupten, dass Aluminium absolut tödlich ist? Wer weiß?
Man achte darauf, wie er sich positioniert: Er als Held, Revoluzzer und Aufklärer in seinem Kampf gegen den Rest der Welt.

Seine zweite Frage ist, ob Aluminium auch gesundheitlich unbedenklich ist. Und genau damit fängt der Film an:

Er zeigt die Hebamme Eva Glave, die Brustkrebs hat(te) und der deswegen eine Brust amputiert wurde. Im Film wird explizit behauptet, dass Deos mit Aluminiuminhaltsstoffen ein Risiko für die Entstehung von Brustkrebs darstellen. Implizit wird behauptet, dass Aluminium die Ursache für Brustkrebs ist (zumindest: „sein kann“). Jeder wird Mitleid für ihre Leidensgeschichte empfinden und Angst davor, dass Aluminium den Brustkrebs verursacht hat. Das ist kein Zufall, sondern von Herrn Ehgartner so beabsichtigt, denn die folgenden Fragen stellt sich der Durchschnittszuschauer schon gar nicht mehr:

Welche Argumente und Belege liefert er für diese Behauptung, dass Deos, die Aluminium enthalten, die Ursache für Brustkrebs sind? Natürlich Eva Glave, die Brustkrebs hat, und solche Deos benutzte. Man muss hier selbstverständlich darüber hinwegsehen, dass ein Einzelfall keineswegs geeignet ist, die Ursache von irgendetwas feststellen zu können. Gibt es wissenschaftliche Studien, die diese Behauptung belegen? Nun, er lässt die Onkologin Philippa Darbre auftreten, die herausgefunden haben will, dass Aluminium gesunde Brustzellen in der Petrischale in Krebszellen verwandelt. Ist ein solches Experiment überhaupt geeignet, die Behauptung zu belegen? Nein, denn das Aluminium in den Deos müsste dafür erst einmal in ausreichender Dosis die Haut durchdringen, was es nicht tut. Mit welchen Konzentrationen Frau Darbre gearbeitet hat, ist unklar. Sonstige Belege? Fehlanzeige.

Werden gegenteilige Belege erwähnt? Nein. Allerdings wollen wir ihn fair behandeln, denn es kommt kurz der Toxikologe Nicholas Priest zu Wort. Dieser erklärt, dass es keine Belege für einen Zusammenhang gibt, gerade im Hinblick auf die niedrigen Dosierungen, die verwendet werden. Jedoch wird er als Lobbyist der Aluminiumindustrie vorgestellt, was seine Aussagen in Zweifel ziehen und ihn als bösen Handlanger der Industrie hinstellen soll.

Das Petrischalen-Experiment von Frau Darbre scheint jedenfalls nicht überzeugend zu sein, wie man z.B. bei folgenden Quellen nachlesen kann:

Krebsinformationsdienst
Krebshilfe und das Deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung
Schwitzen.com
Psiram
Focus

Ja, sogar die Hochburg der wissenschaftlichen Fachzeitschriften, die Brigitte, weiß es. Kurz gesagt, es gibt keinen ernstzunehmenden Beleg, dass aluminiumhaltige Deos die Ursache für Brustkrebs sind.

Aber mit solch unwichtigen Details wie Belegen wollen wir uns nicht lange aufhalten. Der Film geht ja schließlich weiter und wir haben noch viel zu entdecken.

Als nächstes wird behauptet, dass Aluminium die Ursache für Alzheimer ist. Um das zu zeigen, wird Günter Paroll präsentiert, der an Alzheimer erkrankt ist. Er hat über längere Zeit Medikamente gegen Sodbrennen eingenommen, die Aluminiumhydroxid bzw. Aluminiumhydroxychlorid enthielten. Wie bei der Behauptung „Deos verursachen Brustkrebs“ wird ein Einzelfall gezeigt, der Mitleid erregt und Angst auslöst. Auch hier gilt, dass man aus einem Einzelfall keinerlei seriösen Schluss auf einen ursächlichen Zusammenhang ziehen kann und darf.
Welche ernstzunehmenden Belege für die Behauptung werden aufgeführt? Keine.

Schaut man sich die Belege an, dann zeigen diese, dass nicht darauf geschlossen werden kann, dass Aluminium(hydroxid) die Ursache für Alzheimer ist. Nachzulesen z.B. bei folgenden Quellen:

Schwitzen.com
Psiram
Bundesinstitut für Risikobewertung
Pharmazeutische Zeitung
Bayrisches Fernsehen

Es bleibt natürlich die Möglichkeit bestehen, dass sich irgendwann doch noch herausstellt, dass Aluminium ein Faktor ist, der die Entstehung von Alzheimer begünstigt (oder sogar verursacht), siehe z.B. hier. Die Wissenschaft bleibt offen für neue Erkenntnisse und ist in der Lage Ansichten zu verändern. Das ist der Unterschied zwischen Bert Ehgartner und der Wissenschaft.
Allerdings ist es unseriös und völlig unverhältnismäßig, einen Zusammenhang zwischen Aluminium und Alzheimer zu konstruieren, auf der Basis der Belege und Gegenbelege, die momentan vorliegen. Das ist einfach Panikmache.

Bert Ehgartner schafft es sogar, die Anschläge vom 11. September 2001 mit Aluminium in Verbindung zu bringen. Die „angeblichen“ Explosionen, kurz bevor die Twin Towers in sich zusammenstürzten, sollen durch flüssiges Aluminium (welches aus den Flugzeugen stammt) plus Wasser (aus den Sprinkleranlagen) ausgelöst worden sein. Er macht sich sogar lustig über die „herkömmliche“ Verschwörungstheorie, die von gezielten und geplanten Sprengungen und einem „Inside-Job“ der Regierung ausgehen. Dabei merkt er gar nicht, dass er diese Verschwörungstheorie nur durch seine „Aluminium-ist-an-allem-schuld-Hypothese“ ersetzt. Zu einer eigenen Verschwörungstheorie macht er sie, als folgender Satz gesagt wird: „Im offiziellen Regierungsbericht zum Einsturz der Twin Towers wird Aluminium mit keinem Wort erwähnt.“

Man muss leider befürchten, dass im offiziellen Regierungsbericht zum Einsturz der Twin Towers viele Dinge nicht erwähnt wurden und dies gibt Bert Ehgartner weitere Chancen, nochmal andere Verschwörungstheorien in die Welt zu setzen.

Weiter geht es im Film mit einem Unfall in England (Camelford) im Jahr 1988. Dort gelangten versehentlich 20 Tonnen Aluminiumsulfat ins Trinkwasser. Es werden wieder Einzelschicksale von Menschen gezeigt, denen es gesundheitlich sehr schlecht ging. Ob Aluminium ursächlich daran beteiligt war, bleibt natürlich wieder ohne Belege. Dass vielleicht die Schwefelsäure, die sich aus Aluminiumsulfat entwickelt, Gesundheitsschäden verursachte, ist uninteressant. Dass einige Menschen nach einem solchen Unfall eventuell die Chance ergreifen, ihre schon vorhandenen Gesundheitsprobleme mit dem Unfall zu verknüpfen und so Entschädigungen zu erhalten, wird natürlich auch nicht erwähnt. In diesem Zusammenhang wird auch behauptet, dass Aluminium im Trinkwasser eine große Gefahr sei, was natürlich nicht belegt wird und falsch ist.

Zum Abschluss des Filmes konnte es sich der Impfgegner Bert Ehgartner nicht nehmen lassen zu behaupten, dass Aluminium(hydroxid), welches als Adjuvans (Verstärker) in manchen Impfmitteln enthalten ist, schädlich und gefährlich sei. Es mag sich wie eine kaputte Schallplatte anhören, aber auch für diese Behauptung liefert er keinerlei Belege. Zum Thema Impfungen empfiehlt sich generell die 20-Fragen-Liste des Robert-Koch-Institutes. Selbst wenn Aluminium enthalten ist, wäre die Dosis viel zu gering, um irgendeinen Schaden anzurichten.

Er hat offensichtlich sogar noch die Behauptung aufgestellt, dass Aluminium(verbindungen) in Impfstoffen ADHS verursachen könnten. Was davon zu halten ist, kann man bei Prof. Ulrich Berger nachlesen.

Bleiben noch zwei Dinge, die geklärt werden müssen:

Erstens wird in dem Film auch über von Aluminium ausgelöste Allergien geredet. Es mag sein, dass Aluminium Allergien auslösen kann, allerdings gilt das auch für viele andere Stoffe und dieses Thema wird nur kurz angesprochen, weil es wohl nicht sensationell genug ist. Es werden auch die Umweltzerstörung (durch den Bauxit-Abbau) und die schlechten Arbeitsbedingungen kritisiert, was grundsätzlich völlig legitim ist. Das macht seine anderen Behauptungen aber nicht ein Stück plausibler oder wahrer.

Zweitens muss „Die Akte Prof. Chris Exley“ angesprochen werden. Chris Exley ist der „Running Gag“ des Filmes. Alle 10-15 Minuten taucht er auf und sagt etwas dramatisch Klingendes, wie z.B.:

Chris Exley: „Wir wissen nicht, ob Aluminium zu der Erkrankung von Alzheimer beiträgt oder diese sogar auslöst. Aber das ändert nichts daran, dass Aluminium ein Nervengift ist. Dass Aluminium genau jene pathologischen Nervenveränderungen auslöst, die mit Alzheimer assoziiert sind. Dass man ein höheres Alzheimerrisiko hat, wenn das Trinkwasser im Wohnbezirk mit Aluminium behandelt wird. Alle diese Zusammenhänge existieren nach wie vor. Keiner davon beweist, dass Aluminium Alzheimer auslöst oder fördert. Auf der anderen Seite konnte aber auch niemand zeigen, dass das nicht so ist.“

Ob diese Zusammenhänge überhaupt existieren, ist im besten Fall zweifelhaft. Selbst wenn sie existieren, beweist dies nichts, wie er sogar selbst zugibt. Und dann dreht er die Beweislast um, und fordert, dass man beweisen soll, dass Aluminium Alzheimer nicht auslöst.

Chris Exley: „Ich bin absolut sicher, dass es die Alzheimerkrankheit auch ohne Aluminium gäbe. Doch würde sie in so jungen Jahren auftreten? Möglicherweise müsste man ohne Aluminium 150 Jahre alt werden, um daran zu erkranken.“

Gleiches Spiel wie immer. Er spekuliert und nennt Möglichkeiten. Argumente? Belege? Leider nein.

Chris Exley: „Forschungen über Aluminium wurden mit Absicht gestoppt. Weil das passiert ist, wissen wir viel zu wenig über die Auswirkungen von Aluminium auf die menschliche Gesundheit.“

Ob diese Aussage so überhaupt korrekt ist, dass Forschungen gestoppt wurden, ist schwer zu beurteilen. Aber nehmen wir einmal an, es sei so. Vielleicht wurden bestimmte Forschungen gestoppt, weil sich gezeigt hat, dass Aluminium ungefährlich ist? Natürlich ist Forschung grundsätzlich gut, aber es stehen in der Realität eben nur begrenzte Mittel zur Verfügung und da muss man sich entscheiden, was vielversprechender ist. Auch diese Aussage von Exley fischt nur im Trüben und klingt mehr nach Verschwörungstheorie als nach der seriösen Aussage eines Wissenschaftlers.

Chris Exley: „Die Büchse der Pandora wurde geöffnet. Aluminium wurde freigesetzt.“

Am Schluss schürt er noch einmal so richtig Angst. Was soll man dazu noch sagen?

Auf der Seite von Arte zu diesem Film ist noch ein Interview mit Chris Exley; auch hier sollte man seine Aussagen kurz analysieren:

Chris Exley: „Dass das Aluminium auf die Schweißdrüse einwirkt, kann aber weitere Konsequenzen haben als das alleinige Unterbinden der Achselschweißbildung. Folgen, die man bis jetzt überhaupt noch nicht vermutet.“

Was für eine Nullaussage: Ja, alles, was wir machen oder nehmen, kann theoretisch irgendwelche Folgen haben, die wir nicht vermuten oder übersehen haben. Das ist eine Aussage, um Angst zu machen, nicht mehr.

Chris Exley: „Inzwischen gibt es Unmengen von Hinweisen eines direkten Zusammenhangs zwischen Aluminium und Brustkrebs: Bei Frauen mit Brustkrebs konnte ein erhöhter Aluminiumgehalt in der Brust nachgewiesen werden. Woher das Aluminium kommt? Womöglich von aluminiumhaltigen Deos. Um das endgültig zu beweisen, fehlen uns die Untersuchungen.“

Auch hier impliziert er zumindest einen kausalen Zusammenhang, den seriöse Wissenschaftler nicht bestätigen können. Es ist einfach falsch, dass es Belege dafür gibt. Wieder eine Nullaussage, mit der er Angst schürt: Wir brauchen mehr Untersuchungen, weil die Belege fehlen. Auf die Idee, dass eventuell seine Hypothese falsch ist und er deshalb niemals Belege dafür finden wird, kommt er leider nicht.

Chris Exley: „Als Hilfsstoff in Impfstoffen steigert Aluminium die Immunreaktion. Die Sicherheit von Aluminium in diesen Anwendungen wurde allerdings nie getestet.“

Ist das so? Ist das überhaupt notwendig bei den winzigen Konzentrationen von Aluminium in Impfstoffen? Gibt es Hinweise oder Belege für die Unsicherheit von Aluminium in diesem Zusammenhang? Wieder nur eine Aussage, die Angst machen soll.

Chris Exley: „Man müsste die genauen Daten des Patienten kennen, aber es gibt vergleichbare Fälle: 1988 war eine Frau sehr hohen Dosen im Trinkwasser ausgesetzt und verstarb 2005. Bei der Obduktion ihres Gehirns stellten wir eine aggressive Form der Alzheimer-Krankheit und einen hohen Aluminiumgehalt fest. Und selbst im Beipackzettel von Tabletten gegen Sodbrennen wird dazu geraten, das Medikament nicht über lange Zeiträume einzunehmen, um einen erhöhten Aluminiumspiegel zu vermeiden. Dieser Hinweis gehört in Großbuchstaben auf die Packung – wie es bei Zigaretten der Fall ist.“

Und ich nehme seit 8 Jahren Aluminiummedikamente gegen Sodbrennen und habe keinen Alzheimer. Beweist das nun, dass Aluminium unschädlich ist? Ich weiß, ich wiederhole mich, aber er will Angst auslösen, reitet auf Einzelfällen herum und spekuliert nur.

Chris Exley: „Die Behörden für Lebensmittelsicherheit wie die EFSA vertreten in erster Linie die Industrie. Als unser Institut an der Keele University Daten über den viel zu hohen Aluminiumgehalt in Säuglingsmilchpulver veröffentlichte, gaben die EFSA oder die Food Standard Agency hier in Großbritannien nicht einmal einen Kommentar ab.“

Ok, nun sind wir bei Verschwörungstheorien angekommen… es wird immer lächerlicher… kein Kommentar.

Chris Exley: „Gibt es einen wissenschaftlichen Konsens über die Gefahren von Aluminium? Das Thema polarisiert. Und der Einfluss der Aluminiumlobby auf Regierungen und deren Forschungssubventionen ist immens. Doch sollte man beweisen können, dass Aluminium eine Ursache für Alzheimer ist, wären ganze Industriezweige betroffen. Das käme einem Einbruch der Börsenkurse gleich.“

Was soll man dazu sagen? Da geht nur noch Satire: „Gibt es einen wissenschaftlichen Konsens über die Form der Erde? Nun ja, das Thema polarisiert. Der Einfluss der Befürworter einer runden Erdform auf Regierungen und Forschungssubventionen ist immens. Doch sollte man irgendwann beweisen können, dass die Erde doch eine Scheibe wäre, wären ganze Industriezweige wie die Schifffahrt- und Luftfahrtindustrie betroffen. Das Wasser der Ozeane würde über den Rand ins Universum laufen und wir müssten alle sterben!“

So viel zur „Akte Prof. Chris Exley“. Es bleibt wohl ungeklärt, weshalb er sich zu solchen Aussagen hat hinreißen lassen. In guter Tradition zu diesem Film könnte man spekulieren, dass er einmal ins Fernsehen kommen wollte. Oder Angst um seinen Job hat und deshalb die Forschung über Aluminium ankurbeln will, indem er selbst Angst schürt. Alles ist möglich, wer weiß das schon.

Was ist schlimmer? Dass es Menschen gibt, die versuchen, die Wissenschaft auszunützen und damit die Leute in die Irre zu führen, oder dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk mit solchen Menschen zusammen arbeitet und solche „Dokumentarfilme“ auch noch ausstrahlt? Haben Sie schon ihren Rundfunkbeitrag GEZahlt?

Es bleibt festzuhalten, dass die Art und Weise, wie Bert Ehgartner einen 89-minütigen Film nur mit an den Haaren herbeigezogenen Räuberpistolen und Horrorstorys über Aluminium füllt, ihresgleichen sucht. Eigentlich wundert man sich, dass er die Verantwortung für Tsunamis, Hurrikanes, Vulkanausbrüche, Erdbeben, drohende Überbevölkerung und Klimawandel nicht auch noch dem Aluminium in die Schuhe schiebt. Als Vorschlag für weitere Dokumentarfilme schlage ich Herrn Ehgartner folgendes Thema vor:

Die Akte Dihydrogenmonoxid (DHMO) – die unterdrückte und geleugnete Wahrheit über den wohl gefährlichsten Stoff aller Zeiten. Dihydrogenmonoxid wirkt absolut tödlich, und das sowohl bei einem Mangel als auch im Überfluss! Es ist in großer Menge in Impfstoffen enthalten und wird weiter verwendet, obwohl nicht bewiesen ist, dass es ungefährlich ist. Es kommt im Brustgewebe vor, speziell in Tumorzellen. Man findet es im Gehirn von Alzheimerpatienten und obwohl es bei den Anschlägen vom 11. September 2001 in großer Menge vor Ort war, wird es im offiziellen Regierungsbericht mit keinem Wort erwähnt. Machen Sie sich gefasst auf die größte Enthüllung in der Menschheitsgeschichte.“

Bert Ehgartner hat sich nicht nur die Bezeichnung „Impfgegner“ redlich verdient, sondern man könnte ihn mit Fug und Recht nun auch als „Verschwörungstheoretiker“ und vor allem „Panikmacher“ bezeichnen.

Warum mache ich mir überhaupt so viel Mühe, diesen Film zu kritisieren? Das Zeug glaubt doch sowieso niemand bei klarem Verstand.

Doch, leider schon.

Aber es gibt doch bestimmt dutzende von Kritiken, die diesen Film für das kritisieren, was er propagiert?

Nein, leider nicht. Genau deshalb habe ich diese Kritik geschrieben.

Quellen zur Toxizität von Aluminium(verbindungen):

http://www.infomed.ch/pk_template.php?pkid=564
http://www.lenntech.de/pse/wasser/aluminium/aluminium-und-wasser.htm
http://www.lci-koeln.de/deutsch/veroeffentlichungen/lci-focus/aluminium-in-lebensmitteln
http://de.wikipedia.org/wiki/Aluminium#Toxizit.C3.A4t

Mit Dank an Stephan für diesen Gastbeitrag, ursprünglich erschienen in seinem Blog: http://www.nachdenken-bitte.de/medizin/angst-essen-verstand-auf-oder-die-akte-aluminium-von-bert-ehgartner/

Martin Hirte: Impfen Pro & Kontra: Eine Rezension July 26, 2013 | 02:06 pm

hirteWenn es um Literatur zum Impfen geht, ist wohl Martin Hirtes Buch “Impfen Pro & Kontra” eines der prominentesten Werke. Wir haben uns, obwohl das Buch schon ein paar Jahre auf dem Buckel hat, mal die aktuelle Amazon-Vorschau angesehen. Das Buch liegt ja in der 17. Auflage überarbeitet und ergänzt vor. Der Vorteil ist, dass sich jeder die hier zitierten Passagen selbst durchlesen kann.

Die Einstellung
Zuerst fällt die Einstellung von Martin Hirte zu Krankheiten auf:

Untersuchungen, welche positiven Auswirkungen die eine oder andere Krankheit hat, deren Ausrottung auf dem Plan steht, fehlen völlig. Das Gefühl für den Sinn von Krankheiten ist verlorengegangen.

Akute Erkrankungen haben einen wichtigen Stellenwert in der Entwicklung des Immunsystems und wahrscheinlich auch der Persönlichkeit.

Krankheiten sind für ihn etwas Gutes und Wichtiges; Kinder brauchen es für ihre persönliche Entwicklung, wenn sie etwas leiden (und gelegentliches Sterben wird wohlwollend in Kauf genommen). Man darf den Krankheiten ja nicht ihren Sinn nehmen. Diese beiden Sätze drücken die Einstellung von Hirte zu Menschenleben sehr gut aus. In unserem Wiki finden sich weitere Beispiele solcher Aussagen.

Als Vater oder Mutter sollte man sich schon bei diesen Sätzen auf den ersten Seiten des Buches überlegen, ob man jemand mit einer solchen Einstellung wirklich sein Vertrauen schenken möchte.

Hirte versucht sich zwar den Anschein zu geben, “unparteiisch/neutral” zu sein, aber es lässt sich leicht zeigen, dass er das nicht ist. Um “Kontra” darzustellen, muss er sich darauf verlassen, dass der normale Leser seine Referenzen und Aussagen nicht nachprüft.

Ungeeignete Referenzen
Sehen wir uns gleich den nächsten Satz an, der Beweise für sein Weltbild liefern soll:

Es gibt Hinweise und wissenschaftliche Belege dafür, dass fieberhafte Erkrankungen, auch die typischen »Kinderkrankheiten«, einen gewissen Schutz vor Krebserkrankungen, allergischen Erkrankungen und Autoimmunkrankheiten vermitteln (Albonico 1998b, Alm 1999, Krone 2003, Glaser 2005, Montella 2006, Cramer 2010, Silverberg 2011).

Man muss Hirte gleich zum ersten “Wissenschaftler”, den er als Beleg benennt, gratulieren: der Aids-Leugner und Anthroposoph Albonico ist laut der Schweizer Ärztezeitung für konsistent unrichtige Informationen bekannt. Wenn man der menschenverachtenden Philosophie der Anthroposophie anhängt und HIV/AIDS als erfundene Krankheit bezeichnet, hat man jegliche Seriosität sofort verspielt.

Hirte zitiert dann den Anthroposopen Alm, um die Behauptung aufzustellen, dass Krankheiten wie die Masern Schutz vor allergischen Erkrankungen böten. Bei dieser Studie wurden 295 Kinder in Anthroposophen-Familien mit normal aufwachsenden Kindern verglichen und festgestellt, dass erstere seltener unter Atopie (allergische Reaktionen) litten.

Dabei zeigt die Studie insgesamt 15 Unterschiede im Lebensstil auf, die zwar auch die MMR-Impfung (Masern, Mumps, Röteln) und Antibiotika-Verwendung, aber auch die Dauer des Stillens, Ernährungsgewohnheiten, Vererbung und einiges mehr beinhalten. Impfungen sind dabei nur ein Punkt unter vielen und die Studienautoren konnten keine Ursache für den Unterschied bestimmen, aber die Studie findet “klar heraus”, dass der anthroposophische Lebensstil viel besser ist.

Das im Kontext wirklich Unseriöse ist jedoch Hirtes Vorgehen, diese ungeeignete Studie als Beleg zu zitieren. Selbst wenn man annimmt, dass die Studie völlig korrekt ist, geht das nicht daraus hervor.

Darüber hinaus unterschlägt er auch, dass an einer großen Studie 547.910 Menschen in Bezug auf Masern und Atopie betrachtet und genau das Gegenteil gefunden wurde: atopische Krankheiten traten bei Menschen mit Masern in allen Altersgruppen, bei Stadt- und Landbewohnern, häufiger auf.

Es ist vielleicht auch wichtig zu erwähnen, dass die Hypothese, durch Impfungen träten Allergien häufiger auf, natürlich in diversen Studien untersucht und nicht belegt werden konnte.

Interessant ist Krone 2003. Dort folgert man nämlich:

We conclude that both vaccinations as well as previous episodes of having a severe infectious disease induced the same protective mechanism with regards to the risk of melanoma.

Kurz gesagt: Sowohl Impfungen als auch schwere infektiöse Krankheiten schützen laut dieser Studie im gleichen Maß vor Melanomen. Was soll da, außer dass das Kind unter der Krankheit mehr leidet, der Wert der Krankheit sein?

Immerhin, diese Studie stützt wenigstens die Behauptungen ein klein bisschen und ist nicht völlig daneben.

Glaser 2005 ist eine durchaus interessante Studie. Warum Hirte sie zitiert, bleibt allerdings schleierhaft.

Wenn man das Epstein-Barr Virus in Tumorzellen beim Hodgkin-Lymphom nachweisen kann, dann haben Patienten unter 15 bessere Überlebenschancen, Patienten über 15 Jahren schlechtere.

Was Hirte aber egal oder unbekannt ist: das Epstein-Barr-Virus gehört (nicht nur) bei dieser Krebsform zu den Risikofaktoren und kann in etwa 50% der Patienten nachgewiesen werden. Das Epstein-Barr-Virus liefert also nicht “einen gewissen Schutz vor Krebserkrankungen“, sondern löst welche aus.

Man ist geneigt, Inkompetenz anzunehmen, denn mit Böswilligkeit lässt sich das nicht mehr erklären. Und es lassen sich definitiv passendere Studien finden, um Hirtes Standpunkt zu untermauern. Außerdem: Studienqualität ist ja ohnehin kein Kriterium, das für Hirte relevant ist.

Montella hat in einer Studie Hodgkin und Non-Hodgkin-Lymphome in Bezug auf Masern untersucht und gefunden, dass die Maserngruppe weniger Krebs hatte. Die Studie hat mehrere Probleme – unter anderem, dass sie sich auf die Erinnerungen über 60-jähriger verlässt, ob diese als Kinder die Masern hatten. Eine serotologische Untersuchung wurde nicht durchgeführt.

Andere Studien stellten übrigens das exakte Gegenteil fest: so wurden Masern-Antikörper in Krebsgewebe gefunden und der Verdacht geäußert, dass Masern das Risiko erhöhen. Der aktuelle Stand ist aber wohl, dass es keinen Zusammenhang zwischen Masern und Lymphomen gibt.

Cramer 2010 – von Hirte ebenfalls zitiert – ist, man muss fast sagen: endlich, eine geeignete, nicht unsinnige Referenz. Darin wird die Theorie aufgestellt, dass sich bei einer Mumps-Erkrankung Antikörper gegen MUC1 bilden, die einen gewissen Schutz vor Eierstockkrebs gewähren. Die Studie ist zur Zeit eine “Einzelaussage”, man kann noch nicht sagen, ob sich dieser Verdacht bestätigen wird. Cramer findet übrigens in einer anderen Studie, dass solche Antikörper auch bei Verhütungsmitteleinnahme, Knochenbrüchen, chirurgischen Eingriffen im Unterleib, Rauchen … auftreten.

Wäre man zynisch, könnte man sagen: Bekommen Sie Mumps, brechen Sie sich die Beine, lassen Sie sich operieren und fangen Sie an zu Rauchen. Wenn Sie das alles tun, sinkt Ihre Chance, an Eierstockkrebs zu erkranken. Vielleicht.

Man ist an dieser Stelle trotzdem fast verstört: in der 17. Auflage hat es Hirte tatsächlich geschafft, eine Referenz zu finden, die perfekt zu seinen Behauptungen passt.

Und dann gleich noch einmal mit Silverberg 2011, der aus Patientendaten folgert, dass Windpocken einen gewissen Schutz gegen Atopische Ekzeme bieten. Die Studie ist gut, aber klein und wird von Experten nur als Hinweis für weitere Forschung in diese Richtung gesehen.

Nur – selbst wenn man annimmt, dass die Studie absolut korrekt ist: Vor der Einführung der Impfung gab es in den USA ca. 105 Tote durch Windpocken (plus 40, bei denen die Windpocken beitrugen), in den Jahren 2002-2007 aber zusammen nur mehr 122 Todesfälle.

Harmlose Kinderkrankheiten
Damit kommt man zu der dunklen Seite der Medaille, die Hirte aber völlig egal ist: Dass Kinderkrankheiten eben nicht harmlos sind. Selbst bei den “superharmlosen” Windpocken starben in den USA jedes Jahr noch immer Dutzende Kleinkinder (abgesehen von anderen Komplikationen).

Das ist aber kein Vergleich zu den Masern.

Bei der letzten Epidemie in Frankreich mussten 40% der Säuglinge im ersten Lebensjahr und rund die Hälfte der Erwachsenen ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Bei 20% der Maserninfektionen kommt es zu Komplikationen wie Pneumonie. Die Häufigkeit einer Masernenzephalitis beträgt etwa 1–2 pro 1.000 gemeldete Maserninfektionen, davon verlaufen 25% letal, ein Drittel der Überlebenden erleidet bleibende schwere Folgeschäden.

Nach neuen Erkenntnissen kommt es bei Kindern, die während ihrer ersten fünf Lebensjahre eine Maserninfektion durchgemacht haben, bei 1:1700 bis 1:3300 zu SSPE, einer immer tödlich verlaufenden Krankheit, bei der es im Schnitt nach 8 Jahren zu Bewegungsstörungen, Demenz und Wachkoma kommt. Und danach der Tod. Ein grausliches Schicksal.

Aber solche Kleinigkeiten nehmen wir doch gerne in Kauf, damit unsere Kinder an der Krankheit wachsen können.

2 Millionen Krebsfälle durch Infektionskrankheiten
Inzwischen wurden etwa 20% aller Krebsarten mit Infektionskrankheiten in Zusammenhang gebracht, in einer Studie von 2008 wurde geschätzt, dass etwa 2 Millionen Krebsfälle pro Jahr durch Infektionskrankheiten verursacht werden.

Hirte tut sein Bestes, um Impfungen kontrovers darzustellen. Wo das fachlich gedeckt ist, zitiert er mit Freuden Probleme und Nebenwirkungen von Impfungen. Es wäre eine Lüge, würde man behaupten, dass Impfungen immer problemlos und ein reiner Segen sind. Impfungen sind Medikamente.

Wenn Sie ein beliebiges Medikament aus ihrem Schrank nehmen, werden Sie auf dem Beipackzettel eine lange Liste von Hinweisen, Nebenwirkungen und Verboten finden. Genauso ist es auch bei Impfungen.

Es ist immer notwendig, diese Nebenwirkungen gegen die Wirkung abzuwägen.

Bei der Pockenimpfung waren die Nebenwirkungen furchtbar. Ein bis zwei Menschen pro Million starben an der Impfung. Trotzdem hat man geimpft. Ihr Vorgänger, die Variolation, tötete fast 2% der Menschen, bei denen sie angewendet wurde. Und trotzdem wurde sie von Herrschern wie Katharina der Großen von Russland für eine segensreiche “Erfindung” gehalten. Weil eben nur 2% daran starben. Der Blutzoll der Pocken war weit höher.

Heute sind sie durch die Impfung ausgerottet; ein Schicksal, das man auch anderen Krankheiten wünscht. Die Pockenimpfung war trotz ihrer schlimmen Nebenwirkungen ein Segen.

Objektiv betrachtet überwiegt bei Impfungen klar das Pro. Damit es trotzdem kontrovers wird, muss Hirte – wie wir noch sehen werden – ein paar Probleme auf Seiten der Impfungen erfinden.

Verschwörungstheorien
Nach einem kurzen Ausflug ins Historische macht er sich daran, die Empfehlungen und die Ständige Impfkommission Deutschlands (bzw. die analogen Gremien in Österreich und Deutschland) nach Kräften zu diskreditieren.

Hirte versucht dabei auch alle, die Impfungen für gut befinden, ins Zwielicht zu rücken: Die Kinderärzte werden praktisch alle von den Pharmafirmen, der Stiko, den Ärztekammern mit Impfempfehlungen bombardiert und unter Druck gesetzt, sich nur ja nicht gegen Impfungen auszusprechen.

Impfungen seien eine individuelle, intuitive Entscheidung, die sich nicht rational erfassen lasse. Man beachte: Er versucht aus einer medizinischen Entscheidung eine Glaubensfrage zu machen, das Rationale auszublenden. Man soll selbst eine individuelle Impfentscheidung treffen und sich dabei möglichst nicht von Fakten leiten lassen.

Er spricht dabei von einem Angstniveau, das aufgebaut werde, um Impfungen durchzudrücken. Das erscheint fast absurd, denn Hirte versucht mit unbewiesenen und widerlegten Behauptungen selbst möglichst viel Angst vor Impfungen zu säen.

Dass sich in der STIKO keine Impfkritiker finden, erklärt er mit angeblichen Interessenskonflikten: die Mitglieder seien alle nicht unabhängig. Gleiches gilt natürlich für alle entsprechenden Kommissionen, in Österreich, in der Schweiz, einfach überall.

Hirte konstruiert hier eine weltweite Verschwörung, bei der einfach “alle” gegen das Wohl der Bürger arbeiteten. Nun, in seinem nächsten Buch kann er auch die Stiftung Warentest in diese Verschwörung aufnehmen, deren Empfehlungen decken sich nämlich fast vollständig mit denen der STIKO.

Dass rationale Überlegungen zu diesem Konsens führen, kommt ihm nicht in den Sinn; auf der Autobahn sind hunderte Geisterfahrer.

Wir wollen diesen Hickhack etwas überspringen und wieder zu konkreten Behauptungen weitergehen (zu sagen gäbe es allerdings genug).

Formaldehyd
Hirte schürt dann im Bereich “Totimpfstoffe” Angst vor Formaldehyd, das bei der Herstellung mancher Impfstoffe Verwendung findet und krebserregend sei.

Immerhin seien 0,005 bis 0,1 Milligramm pro Impfdosis enthalten. Schrecklich, nicht? Man fragt sich: Wie krebserregend muss dann erst unser Blut sein? Darin sind nämlich im Schnitt 2 bis 3 Milligramm Formaldehyd pro Liter enthalten.

Thiomersal
Danach springt er zu Thiomersal und zitiert gleich einmal die CDC 1999. Allerdings falsch, da das CDC feststellte, dass es keine Hinweise für ein konkretes Problem gebe. Man entschied damals einfach, absolut kein Risiko einzugehen, immerhin ging es um Kleinkinder.

Besonders ein Zusammenhang zu Autismus wurde gerne behauptet – eine Idee, die inzwischen durch viele Studien widerlegt wurde.

Und was macht Hirte in einem solchen Fall? Der wissenschaftliche Konsens wird natürlich ignoriert, stattdessen zitiert er Mark Geier zum Thema. Dem ehemaligen Arzt Geier, der auch als professioneller Zeuge arbeitete, wurde inzwischen in allen Bundesstaaten der USA die Approbation entzogen. Er hatte autistische Kinder gefährdet, da er sein Geld damit verdiente, ihre Eltern mit teuren und sinnlosen Behandlungen abzuzocken.

Geiers “Studien” sind nicht nur ein Fall für die Mülltonne, sie sind das allerletzte. Ben Goldacre z.B. schreibt, dass man Studien wie von Geier mit einem Warnhinweis versehen sollte

Fazit: Man könnte noch einige Seiten mit Kritikpunkten füllen, da das Buch auch im Folgenden mit vielen Fehlern und absurden Behauptungen glänzt. Um “Kontra” darzustellen, muss Hirte den wissenschaftlichen Konsens ignorieren, Pseudowissenschaftler und Betrüger wie Geier zitieren und glänzt mit Falschaussagen die einem die Haare zu Berge stehen lassen.

Masernimpfpflicht für Deutschland? July 16, 2013 | 03:34 pm

Es ist eigentlich peinlich. Wie z.B. die Süddeutsche Zeitung berichtet, hat Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr eine Impfpflicht ins Gespräch gebracht, nachdem im ersten Halbjahr 2013 mehr als 900 Masernfälle in Deutschland gemeldet wurden. Auch andere Politiker und Gesundheitsexperten unterstützen ähnliche Regelungen, wie z.B. Jens Spahn, der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, der anmerkt, dass nur Geimpfte Kitas, Kindergärten oder Schulen besuchen dürfen.

Peinlich dabei ist aber nicht, dass diese Idee diskutiert und vielleicht umgesetzt wird – peinlich ist eher, dass es überhaupt soweit kommen musste. Die Masern hätten ja eigentlich schon bis 2010 aus Europa komplett verschwunden sein sollen, aber das hat leider überhaupt nicht funktioniert.

Propagandistische Darstellung aus impfgegnerischer Sicht

Impfgegner, die mit dem im englischen Raum sogenannten FUD-Prinzip, Fear (Furcht), Uncertainity (Unsicherheit) and Doubt (Zweifel) arbeiten, haben ihr Scherflein dazu beigetragen, dass uns diese Krankheit noch erhalten geblieben ist.

Dazu gehören immer noch allerlei Behauptungen: angefangen davon, dass die Impfung nicht schütze bis hin zu Horrorgeschichten, was sie alles verursache.

Wir von Psiram würden uns wünschen, dass die MMR-Impfung aus vernunftbasierten Überlegungen der Eltern durchgeführt wird, dass man sie gar nicht erst zwingen muss, ihre Kinder nach den Empfehlungen der Stiko impfen zu lassen. Es erscheint wie eine Niederlage, dass man gerade der Gruppe, die das Beste für ihre Kinder will, diese Auflage erteilen muss.

Wir haben zwar hier im Blog zwar schon gefühlt unendlich oft darüber geschrieben, aber hier noch ein paar Zahlen, die vielleicht zum Nachdenken anregen:

Blickt man in den letzten MMR-Jahresreport vom Mai, der den Zeitraum April 2012 bis März 2013 abdeckt, so sieht man ein klares Bild:

Masern

 

Erstens sind die Ungeimpften die klar durch die Masern Betroffenen, andererseits treten die meisten Fälle bei Kleinkindern unter einem Jahr auf, die noch nicht geimpft sind (die erste Masernimpfung wird mit 11-14 Monaten empfohlen, die zweite mit 15-23 Monaten).

Herdenimmunität
Das Problem, das hier ganz offensichtlich scheint, ist: Selbst eine Impfpflicht würde diese Kinder nicht schützen. Meint man. Das ist aber falsch. Ein Sinn hinter dem Ziel einer 95%igen Durchimpfung der Bevölkerung ist die Herdenimmunität. Wir haben schon einmal genau erklärt, was das ist.

Die Idee ist aber ganz einfach: Wenn alle um das Kind herum geimpft sind, kann der Erreger nie zu ihm gelangen, es wird also durch die Immunität in der Familie, durch seine Herde, effektiv geschützt. Die Idee hinter einer solchen Impfpflicht wäre also, dass man eine kritische Masse erreicht, bei der die Masern keine Chance haben.

Waldorfschulen
Im größten Teil der Bevölkerung ist der Impfschutz der Gruppe ja schon gar nicht mal schlecht. Aber er ist nicht gut genug. Das große Problem sind allerdings die Hochburgen der Impfgegnerschaft, wie z.B. die Waldorfschulen. Beim letzten Fall vor wenigen Wochen in Erftstadt erkrankten 29 Kinder und eine Erwachsene (insgesamt gab es im Landkreis nach bisherigem Stand 39 Fälle). Die Schule wurde kurzzeitig geschlossen.

Erste Meldungen sprachen von etwa 100 Geimpften, laut dem Schulleiter haben aber von den 395 Kindern sogar 211 sowie “fast alle Mitarbeiter” einen ausreichenden Impfschutz. Fast empört erklärt er, dass entgegen den Medienberichten die Impfquote bei 53% liegt.

Lieber Herr Schulleiter, dass ist trotzdem mager, da in Nordrhein-Westfalen die Impfquote bei 94,1% liegt. Laut dem Leiter des Gesundheitsamtes im Rhein-Erft-Kreis wurden einerseits Impfpässe nachgereicht, andererseits wurden wohl letzte Woche Impfungen nachgeholt. In Erftstadt herrschte nach dem Ausbruch rege Nachfrage nach dem Impfstoff.

Da dieser Vorfall bei weitem kein Einzelfall ist, haben wir den Hunderten in den letzten Jahren an Masern erkrankten Waldorfschülern sogar einen eigenen Artikel Masernausbrüche an Waldorfschulen gewidmet.

Bei den Scienceblogs zeigt man sich auch erschüttert: “Ideologische Impfgegner verschulden Masern in München und Berlin”. Bei der anthroposophischen Philosophie bzw. Medizin bleibt Tobias Maier einfach die Spucke weg.

Vielleicht sollte man mal mit einer Aufklärungskampagne an Waldorfschulen anfangen? Wie die GWUP schreibt, sind Waldorfschulen praktisch eine Brutstätte für die Masern. Man erreicht damit wohl die Klientel, die dieses Wissen am dringendsten braucht.

Und was die Impfpflicht angeht: Wenn man über Für und Wider einer Impfpflicht nachdenkt, werfe man einen Blick auf die obigen Diagramme und überlege, wie es wäre, ein wenige Monate altes Kind zu haben. Oder ein Kind, das aufgrund eines Immundefekts vielleicht nicht geimpft werden kann?

Die Masern gehen uns alle an, es gibt da keine individuelle Impfentscheidung.

Es wäre schön, wenn wir die Masern aus Europa vertreibe und langfristig vielleicht sogar an die Ausrottung denken könnten. Ein frommer Wunsch? Sicher. Aber nach Einschätzung der WHO erreichbar.

Biosemiotic Entropy: Disorder, Disease, and Mortality: Oder wie ein Journal vom Wahnsinn gepackt wird June 21, 2013 | 10:24 pm

Vor wenigen Wochen erschien eine Spezialausgabe “Biosemiotic Entropy: Disorder, Disease, and Mortality”des online Physik-Journals “Entropy”, die man getrost als “merkwürdig” bezeichnen kann. In dieser Spezialausgabe des Physik Journals sind nämlich mehrere fragwürdige pseudomedizinische Arbeiten erschienen. Man würde wirklich ziemlich gerne wissen, was da geschah. Wir möchten ein wenig spekulieren, wie es zu dieser Ausgabe kam und dann auch ein paar Worte zu den Arbeiten verlieren.

Ein Kommentator in den englischen Scienceblogs vermutet, dass es sich um ein “vanity model” handelt, bei dem Autoren einfach für die Publikation bezahlen (in diesem Fall 1200 CHF). Der Job des Editors ist es, die Autoren zu “rekrutieren”.

Ob diese These stimmt oder nicht, können wir nicht sagen, aber bevor wir uns einigen Arbeiten zuwenden, wollen wir uns mal den verantwortlichen “Guest Editor” genauer ansehen.

Prof. Dr. John W. Oller Jr. hat einen Titel in Linguistik und mit Physik offenbar recht wenig am Hut. Aber gut, Kenntnisse der Sprachwissenschaften mögen einem Editor nicht schaden, er muss ja die Artikel nicht zwingend fachlich beurteilen. Erfahrung mit Literatur hat er, er ließ es sich nicht nehmen, vor ein paar Jahren ein Buch mit dem Titel “Autism: The Diagnosis, Treatment, & Etiology of the Undeniable Epidemic” zu äh (v)erbrechen.

Stammleser werden beim Buchtitel wohl schon ein leises Ziehen in der Magengrube verspüren. Spätestens beim Blick ins Vorwort wird einem alles klar. Das hat nämlich Andrew Wakefield geschrieben. Und nicht etwa vor 10 Jahren, bevor Wakefields Machenschaften aufgeflogen waren, sondern erst 2009. Was man so über das Buch findet, legt nahe, dass Oller sich durch Fakten nicht behindern ließ. Im Endeffekt werden die alten, längst widerlegten Geschichten zu Thiomersal und Autismus aufgewärmt.

John Oller ist auch ein gottesfürchtiger Mann, wie er in der Bibel steht. Oh, ja! Und Amen. So hat er seine Universität schon wegen Diskriminierung verklagt. Offenbar waren Uni sowie einige Mitprofessoren voll gemein zu ihm. Und das nur, weil er Kreationist ist und an Intelligent Design glaubt. Ach ja, und weil er gefährlichen Blödsinn über Autismus verzapft.

Man fragt sich: Ein Kreationisten-Impfgegner, der für ein Physik-Journal medizinische Artikel herausgibt? Was kann da schief gehen?

Versetzen wir uns in ihn hinein: So, da ist man nun Editor und muss ein Journal mit Artikeln füllen. Und die Wissenschaftler und Professoren der eigenen Uni mögen einen nicht. Eine schwierige Aufgabe? Neeee. Man kennt ja Pseudowissenschaftler, die sich freuen, wenn sie irgendwo abgedruckt werden.

Allen voran Stephanie Seneff, die sich mit ganzen 7 Arbeiten (eine weitere in Planung) in dem Journal verewigt. Eine ganz schöne Leistung (und Stange Geld), da das Journal überhaupt nur 10 Arbeiten enthält. Wir wollen uns im Weiteren auf Frau Seneff konzentrieren, einfach aus Mengengründen.

Eine weitere Arbeit “The Completed Self: …” von einem Veterinär (der laut Homepage einen Nicht-Traditionellen Ansatz verfolgt …) entzieht sich uns in seiner Bedeutung vollständig. Falls sich jemand den Text durchlesen möchte: ein Review ist auf jeden Fall willkommen, wir wären aber schon mit einer kurzen Erklärung, was er der Welt mit der Arbeit überhaupt sagen will, zufrieden. Es scheint einfach nur Blafasel zu sein.

Frau Seneff jedenfalls ist von Beruf Informatikerin beim MIT und hat mit Autismus, Impfstoffen, Gentechnik und so einigem mehr eigentlich nichts zu tun. Die Mitautoren scheinen im Normalfall ebenfalls fachlich eher unbeleckt zu sein.

Orac von den Scienceblogs hat sich schon eine der Arbeiten vorgenommen und man merkt, wie schwer es ihm fiel, sich durch den Text zu beißen. Ein Problem, das man nachvollziehen kann, wenn man selbst in die Arbeiten reingelesen hat.

Es handelt sich bei allen Arbeiten um Review Papers, d.h. es wird keine eigene Forschung durchgeführt, sondern nur andere Arbeiten betrachtet und eine Kombination/Zusammenfassung geliefert. Ziel ist es dabei eher, eine kurze und prägnante Synthese mehrerer Arbeiten herzustellen. Die Forschung und die Hintergründe werden ja durch die zitierten Arbeiten geliefert, es ist nicht nötig auszuufern.

Blickt man in ein hochrangiges Journal, stellt man fest, dass ein typisches Review (inklusive Referenzen) bei etwa 7 Seiten liegt. In der Kürze liegt die Würze, könnte man sagen.

Diese Dokumente scheinen im Gegenteil darunter zu verstehen, möglichst lange und komplizierte, im Konjunktiv geschriebene Texte zu produzieren, was das Lesen äußerst schwierig macht. Die Arbeiten haben dabei eine Länge von 24 bis 47 Seiten. Möglichst viele Buzzwörter und Referenzen, egal ob sie sinnvoll sind oder nicht, werden zu einem Brei vermengt. Man fragt sich, wer die Artikel Peer Reviewed hat. Linguisten?

Da es unmöglich ist, diese Masse in einem Blog zu behandeln, werden wir uns auf grundsätzliches einschränken müssen. Einen Artikel werden wir in einem folgenden Blogartikel gesondert betrachten, da er in den Medien relativ viel Aufmerksamkeit erregt hat.

Erst einmal ist zu anzumerken, dass ein Teil der zitierten Arbeiten längst als Pseudowissenschaft diskreditiert sind. So wird zum Beispiel ohne Scham auf Wakefields Studie verlinkt, die wegen der Datenfälschung längst zurückgezogen und diskreditiert ist. Orac nennt in seiner mühevollen Analyse zu der einen Arbeit, die er betrachtet hat, weitere Beispiele, wie z.B. die Arbeiten von Wirtschaftsprofessorin deLong (hier zerlegt) und Mark Geier (ein professioneller Zeuge, der seine Zulassung verlor, weil er mit falschen Tests Autismus diagnostizierte und teure, wirkungslose Therapien verkaufte), die einer kritischen Prüfung nicht standhält.

Wenn man seine eigenen Thesen auf falschen Daten/Arbeiten aufbaut, dann hat man schon prinzipiell auf Sand gebaut.

Zweitens muss sehr oft die VAERS Datenbank (Vaccine Adverse Event Reporting System als “Beweis” herhalten. In dieser Datenbank kann jeder einen möglichen Impfschaden melden. Diese Meldungen werden im Wesentlichen nicht geprüft; so wurde z.B. auch ein Eintrag, dass sich ein Kind nach der Impfung in Wonder Woman verwandelt hat, problemlos akzeptiert. Der Wert des Systems liegt darin, dass Verdachtsfälle dokumentiert werden, es ist allerdings nicht als Beweisgrundlage geeignet. Ein weiteres Problem ist, dass das System durch Klagsfälle korrumpiert wurde. Als Anwälte wegen angeblicher Impfschäden zu klagen begannen, wurde das System mit Meldungen geflutet.

Irgendwelche Meldungen in dieser Datenbank kann man daher nicht als Beweis verwenden, sondern höchstens als Hinweis, in diese Richtung Untersuchungen zu starten.

Besonders witzig ist in dieser Hinsicht eine Studie, die sich mit dem schönen Titel Empirical Data Confirm Autism Symptoms Related to Aluminum schmückt und folgende Beweisführung verwendet:

This paper investigates word frequency patterns in the U.S. CDC Vaccine Adverse Events Reporting System (VAERS) database. Our results provide strong evidence supporting a link between autism and the aluminum in vaccines.

Jetzt mal abgesehen von der “sehr speziellen” Vorgehensweise, bei der überhaupt nichts bewiesen wird, fällt dann im Text noch folgendes auf:

Since MMR contains neither aluminum nor mercury, it is puzzling that children with the autism diagnosis seem to be highly sensitive to it.

Dieser Satz ist glänzend in seiner Absurdität. Wakefield, der diesen Zusammenhang behauptet hat, wird einerseits zitiert, aber wenn es gerade nicht zu dem, was man gerade beweisen will passt, ist es verwirrend.

Hier wurde von Frau Seneff wohl etwas anderes “entdeckt”: Dass Studienfälscher wie Wakefield und Starlets wie Jenny McCarthy erfolgreich Angst gesät haben.

Drittens wird der aktuelle wissenschaftliche Konsens falsch dargestellt. So wird z.B. behauptet, dass ein Zusammenhang Impfungen < -> Autismus “heftig debattiert” werde. Das entspricht nicht den Fakten. Große Studien wurden durchgeführt und kein Zusammenhang festgestellt. Diese Theorien lassen sich nur dadurch aufrecht erhalten, dass man wie oben schon erwähnt diskreditierte und faktisch falsche Studien zum Thema als korrekt darstellt und gleichzeitig allgemein akzeptierte und saubere Studien abwertet.

Und daraus folgt, dass die Schlüsse, die in dem Review gezogen werden, dann einfach wertlos sind. Genau genommen wurden wohl die Schlüsse zuerst gezogen und auf dieses Ziel hin die Arbeiten geschrieben. Es sind Konstruktionen, die auf einer Glaubensbasis aufbauen. Es werden mit aller Gewalt Zusammenhänge hergestellt, weil man will, dass sie existieren. Dabei werden Fakten ignoriert, wenn sie dem eigenen Glaubenssystem im Weg stehen.

Im zweiten Teil dieses Artikels werden wir einen Blick auf den Artikel “Glyphosate’s Suppression of Cytochrome P450 Enzymes and Amino Acid Biosynthesis by the Gut Microbiome: Pathways to Modern Diseases” werfen, der behauptet, dass Glyphosat schlicht an praktisch allem Schuld ist, von Herzkrankheiten über Krebs bis hin zu Autismus.

Masernepidemie in Wales, Wakefield gibt Impfstoff die Schuld May 2, 2013 | 08:56 pm

Als Andrew Wakefield vor 15 Jahren mit seiner betrügerischen Arbeit an die Öffentlichkeit trat, säte er eine fruchtbare Saat der Angst, für die wieder einmal die Ernte eingefahren wird.

Wakefield hatte damals einen Zusammenhang zwischen Autismus und dem Masernimpfstoff behauptet, der sich aber in zahlreichen Studien nicht nur nicht bestätigen lies: im Nachhinein wurde auch festgestellt, dass Wakefield vor der Veröffentlichung 55.000 £ von Anwälten erhalten hatte, die Eltern autistischer Kinder bei einer Klage gegen Impfstoffhersteller vertraten.

Doch im ersten Moment veröffentlichte die renommierte Zeitschrift Lancet sein Papier, die Medien sprangen an und in Folge dessen gingen die Impfraten zurück. Auch wenn Andrew Wakefield heute restlos diskreditiert und seine “Forschung” im Mülleimer der Geschichte gelandet ist, wird er noch immer von diversen Impfgegnern als Held gefeiert. Denn natürlich war nicht er der Bestechliche, nein: alle anderen sind korrupt und unterdrücken seine Forschungsergebnisse.

mmr_graph In der Folge sanken die Impfraten und fielen schließlich bis 2004 auf 80%. Das mag nicht so wenig scheinen, aber es bedeutet, dass 2004 100.000 Kinder nicht geimpft wurden und das mit dieser niedrigen Impfrate die wichtige Herdenimmunität nicht gewährleistet ist – heißt, die Krankheit sich recht gut verbreiten kann.

Und wo gesät wird, dort wird geerntet.

Mit dem Rückgang der Impfraten kehrten auch die Masern wieder zurück. Oh, Großbritannien hatte immer einige wenige Fälle, aber 2012 wurde mit 2.016 Fällen der bei weitem höchste Wert seit 18 Jahren erzielt. Und wie es aussieht, wird dieser zweifelhafte Rekord dieses Jahr noch einmal überboten.

measles_cases

In der Region Swansea in Wales sind in den letzten Monaten bereits mehr als 1.000 Fälle von Masern diagnostiziert worden und ein 25-jähriges Todesopfer ist wahrscheinlich schon zu beklagen. “Wahrscheinlich” deshalb, weil der Mann auch unter schwerem Asthma litt und bis dato kein endgültiges Autopsie-Ergebnis veröffentlicht wurde. Die Masern sind keine harmlose Krankheit, wie viele meinen, auch heute noch gibt es immer wieder Todesfälle zu beklagen.

Jedenfalls klettern die Fallzahlen bei jedem neuen Bericht in den englischen Medien und die Geschichte findet auch schon international Resonanz. Auf Youtube liegt ein schöner Bericht des australischen Senders ABC vor, mit dem Titel “Wakefield MMR fraud comes home to roost in Wales”

Menschen erzählen, dass sie durch die Wakefield-Behauptungen verunsichert wurden und im Nachhinein ist die Reue groß.

Väter und Mütter berichten, dass sie sich wünschten, ihre Kinder geimpft zu haben. Ein Vater, dessen drei Kinder nun an den Masern erkrankt sind, fordert Eltern auf, ihre Kinder impfen zu lassen.

Eine Autorin beim Guardian schreibt, dass sie sich einerseits schämt, ihre Tochter 2011 nicht geimpft zu haben (erst als sie später an Keuchhusten erkrankte, bereute sie die Entscheidung), aber sie schreibt auch, dass die Unsicherheit trotz aller rationalen Gedanken noch immer da sei, eine schlechte Vorahnung gegenüber der Impfung.

Solange die Krankheit nur eine ferne Erinnerung war, musste man über die Entscheidung von damals nicht mehr nachdenken, hatte sie vielleicht vergessen. Jetzt, wenn ihre Kinder krank werden, vermeidbar krank, ärgern sich die Leute, dass sie nicht impfen ließen. Es ist keine rationale Entscheidung nicht zu impfen, es ist meist eine Entscheidung aus dem Bauch heraus.

Großbritannien unternimmt jetzt alle Anstrengungen und startet erneut eine Impfkampagne, um des Problems Herr zu werden. Die Impfkampagne von 2008 hatte leider nur mäßigen Erfolg, aber vielleicht sind die Menschen jetzt wieder etwas wachgerüttelt.

Der größte Hohn in der aktuellen Situation kommt aber von Andrew Wakefield selbst, der seinen eigenen Kommentar ins Internet gestellt hat. In aller Kürze zusammengefasst:

Er findet es völlig unpassend, dass man ihm die Schuld gibt. Er ist nicht schuld. Die Regierung ist schuld, denn er hat eine viel einleuchtendere Erklärung, wie es zur Epidemie kam.

Der Impfstoff hat versagt. Denn würde der Impfstoff wirken, gäbe es nicht so viele Fälle. Er hat zwar keine Beweise, aber glaubt, dass es so sein könnte. Die Regierung ist schuld, weil sie nur auf den MMR-Impfstoff gesetzt hat. Und der ist natürlich nicht nur gefährlich, sondern könnte ja sogar versagen. Sie hätten lieber den von ihm empfohlenen Einzelimpfstoff zulassen sollen, der seiner Meinung nach viel besser war. Außerdem hätte er gerne eine Fernsehdebatte darüber, warum alle so gemein zu ihm sind.

Chuzpe oder Wahnvorstellungen, fragt man sich da. Wakefield empfohl damals statt dem bösen MMR einen Einzelimpfstoff einzusetzen, “völlig überraschend” stellte sich später bei Nachforschungen heraus, dass er Patente dazu angemeldet hatte und ganz zufällig ein Vermögen verdient hätte, wäre MMR diskreditiert worden. Was natürlich nichts damit zu tun hatte, dass er MMR später mit Autismus in Verbindung brachte. Purer Zufall.

Böse Zungen, wie der Scienceblogger Orac, der bei Wakefields Gewäsch ein Würgegefühl kaum unterdrücken kann sowie der Autor Michael Fitzpatrick (Defeating Autism: A Damaging Delusion, MMR and Autism: What Parents Need to Know) nehmen auch die Forderung nach einer Fernsehdebatte nicht sehr ernst. Seit 2003 hat sich Wakefield keinem kritischen Publikum mehr gestellt und sich nur mehr auf Impfgegnerveranstaltungen beweihräuchern lassen.

Kinderlähmung – Endspiel April 30, 2013 | 06:56 am

Beim Schach versteht man unter dem Endspiel die letzte Phase der Partie, in der man mit reduziertem Material gegeneinander ringt. Nur mehr wenige Figuren sind auf dem Brett, aber die Komplexität hat nicht etwa abgenommen. In dieser Situation kann jeder kleine Fehler entscheidend sein.

Beim Kampf gegen die Kinderlähmung sind wir inzwischen auch im Endspiel angelangt; die letzten Züge werden gemacht, das Ende der Partie ist in Sicht. Und auch wenn der Sieg zum Greifen nahe ist, kann jetzt noch jeder Fehler die Partie verderben.

Momentan stehen wir bei 22 Fällen dieses Jahr; letztes Jahr zählte man im Vergleichszeitraum noch 48 Fälle. Wenig, nicht wahr? Trotzdem sollen in den nächsten Jahren 5,5 Milliarden US-Dollar in diesen Kampf fließen. Im Rahmen des “Impfgipfels 2013″, der letzte Woche in Abu Dhabi stattfand, wurde darüber gesprochen, wie man das Geld zusammenbekommt, um in diesem Endspiel der Krankheit keine Chance zu lassen. Bill Gates hat dazu dem Spiegel ein Interview gegeben, in dem er einige Fragen zur Zielsetzung und Umsetzung beantwortet.

Wir haben es zwar schon mal gebloggt, aber hier ein schönes Video zum Thema:


(Auf TED gibt es Untertitel in 24 Sprachen)

5,5 Milliarden US-Dollar sind eine Menge Geld. Eine ordentliche Menge Geld. Im Interview und auch grundsätzlich muss man die Frage stellen: Ist es das wert? Man könnte mit den Ressourcen einiges machen, eine solche Ausgabe muss man begründen. Und das kann man.

Dazu muss man zuerst einmal sagen, dass es nicht um diese wenigen Fälle geht, die jetzt noch vorhanden sind. Durch den stetigen Kampf gegen die Kinderlähmung wurden mehrere Hunderttausend Fälle pro Jahr auf einige wenige reduziert. Wenn man jetzt aufhört und sich zurücklehnt, wird die Krankheit wieder aufflammen, ähnlich wie z.B. die Masern in Europa. Auch hier schien ein masernfreies Europa in der nahen Zukunft zu liegen.

Aus den wenigen Fällen würden schnell wieder Hunderte und dann Tausende werden. All die harte Arbeit der letzten Jahrzehnte wäre schnell zunichte. Es geht also um die Millionen Menschen, denen in den letzten Jahrzehnten die Folgen dieser Krankheit erspart wurden, nicht um 22 Fälle.

Umgekehrt, wenn man jetzt noch einmal mit aller Kraft in den Endspurt geht, das Letzte gibt, ist die Kinderlähmung Geschichte. Ähnlich wie die Pocken Geschichte sind. All die Ausgaben der letzten Jahrzehnte hätten ihr logisches Ziel erreicht.

Der Nutzen ist aus ethischer Sicht trivial, davon abgesehen wird auch der Traum jedes Impfgegners wahr: die Impfung gegen die Kinderlähmung wird tatsächlich mit einem Schlage nutzlos, jeder Pharmafeind kann sich die Hände reiben, weil den bösen, bösen Pharmakonzernen nicht mehr jedes Jahr ein Vermögen für diesen Impfstoff in den Rachen gestopft wird.

Natürlich, heutzutage hat man es vor allem mit Kombinationsimpfstoffen zu tun, die unter anderem den Impfstoff gegen Polio enthalten, man spart also nicht exakt “einen Impfstoff” ein; nichtsdestotrotz trägt der Impfstoff zu den jährlichen Gesundheitsausgaben des Staates bei. Es ist also auch im ökonomischen Interesse eines jeden von uns, diesen Kampf zu unterstützen. Daher hat Deutschland auch 150 Millionen Dollar (laut Spiegel 155 Millionen) für diesen Kampf zugesagt.

Dazu kommt, dass mit dem Geld auch eine Infrastruktur und Grundversorgung geschaffen wird. Ärzte suchen die ärmsten Gegenden der Welt auf, untersuchen die Kinder und die Erwachsenen die dort leben, schaffen ein Netzwerk, auf das man für weitere Versorgung bauen kann. Das Geld ist also nicht “verloren” bzw. dient nicht nur dem einen Zweck, diese eine Krankheit zu besiegen. Ist die Kinderlähmung erst besiegt, wird man sich dem nächsten großen Feind, der Malaria, mit aller Kraft zuwenden.

Es ist ein Endspiel, dass wir gewinnen müssen. Es gibt kein Unentschieden in diesem Fall. Es gibt nur Sieg oder Niederlage.

Deutschland verbrennt den Impfpass February 6, 2013 | 07:57 am

ImpfpropagandaUnser alter Freund Hans Tolzin hat offenbar Facebook entdeckt und träumt dort seine wirren Träume weiter, wie man am Titel des Posts ablesen kann.

Argumente hat er ja keine, darum wird vor allem mit “schockierenden” Bildern Stimmung gemacht. Sehr gerne werden dabei schreiende Kinder und Spritzen gezeigt, dass Ganze garniert mit Verschwörungstheorien und wilden Behauptungen. Auf Fakten wird dabei so gut es geht verzichtet. Und wenn Daten präsentiert werden, dann werden sie verfälscht, dass es schon ans Kriminelle grenzt.

Er kommt nicht umhin, die gaaaannnnzzzzzz alten Fälschungen aus dem Fundus zu kramen.

So zum Beispiel dieses Bild hier:Todesraten_Krankheiten

Im Zusammenhang mit dem Bild wird behauptet: Nun kann niemand mehr mit Argument kommen, “dank den Impfungen wurden Krankheiten ausgerottet.”

Ein einfaches Beispiel zu dieser Logik:
Man könnte auch die Bilder von 6 lebenden Menschen posten und schreiben: Nun kann niemand mehr mit Argument kommen, dass schon Menschen gestorben seien.

Die Pocken, die durch die Impfungen ausgerottet wurden, werden in dem Bild auch wohlweislich weggelassen. Damit käme man nämlich in sofortigen Erklärungsnotstand. Als hätte man ein Bild von Goethe zu den anderen 6 Bildern getan. Aber so kleine Logikfehler sind gar nicht das Schlimmste, wie wir noch sehen werden.

Man weiß bei dem Bild und den Aussagen dazu gar nicht, wo man zu kritisieren anfangen soll. Zuerst ein paar allgemeine Bemerkungen, wer gleich zum richtig schmutzigen Teil will, scrolle zum nächsten Diagramm:

Scharlach (Scarlet fever) und Typhus (Typhoid fever) sind bakterielle Erkrankungen, die tatsächlich nichts/wenig mit Impfungen zu tun haben. Es gibt gegen Typhus Impfungen von verschiedenen Herstellern, aber diese sind nur zu 50-80% effektiv; sie werden zwar als Reiseimpfung empfohlen, spielen aber im Vergleich zu anderen Maßnahmen wie Hygiene eine geringe Rolle.

Der einzige Grund, diese Krankheiten mit auf das Tablett zu bringen, ist wohl die Verwirrung des Lesers. Es sieht nach mehr Daten aus und die Wirkungslosigkeit der Impfung soll herausgestrichen werden. Man könnte mit ähnlich verquerer Logik folgern, dass die Gurtpflicht im Auto noch keinem Motorradfahrer das Leben gerettet hat.

Bei der Diphtherie handelt es sich auch um eine bakteriell verursachte Erkrankung, aber hier ist der Fall besonders. Hier wird nicht gegen das Bakterium geimpft, sondern gegen den davon produzierten Giftstoff. Nach der Impfung produziert der Körper Abwehrstoffe gegen das Bakteriengift. Steckt man sich mit dem Erreger an, so wird das Gift neutralisiert und die Infektion verläuft glimpflich.

Es liegt in der Natur der Sache, dass man mit einer solchen Impfung die Krankheit nie ausrotten können wird. Es geht nur darum, der Krankheit den Zahn zu ziehen.

Bei diesen drei ist es also nicht einmal annähernd interessant, sich die Diagramme auch nur einen Augenblick länger anzusehen.

Bleiben Keuchhusten, Masern, Kinderlähmung. Zahlen dazu kann man im US Census und bei Post-Polio Organisation finden, aber wir wollen hier auf den amerikanischen Blog Mystery Rays verweisen, der das Thema am Beispiel Masern ausführlich diskutiert hat. Leseempfehlung! (Oder zumindest die Diagramme ansehen)

Wir möchten nur ein auf echten Zahlen basierendes Diagramm dem von Herrn Tolzin gegenüberstellen:
tolzin_Statistik

Das Diagramm von Herrn Tolzin ist eine ganz beinharte Fälschung. Es wurden schlicht die “Berge” weggelassen, damit es so aussieht, als seien die Masern von allein weniger geworden … Das ist ein von Impfgegnern recht gern verwendeter Trick.

Man “glättet” die Kurve, indem man Werte zwischendrin einfach weg lässt. Das funktioniert bei Krankheiten besonders gut, da die jährlichen Zahlen meist starken Schwankungen unterworfen sind. Und wenn man das geschickt macht, bekommt man eine hübsche Kurve, die zwar total falsch ist, bei der aber alle Einzelpunkte “korrekt” sind.

Hier zum Beispiel hatte man 1930: 340, 1935: 584, 1940: 220. Lässt man 1935 einfach weg, gehen die Erkrankungen wie gewünscht schön nach unten und man hat den Betrachter erfolgreich getäuscht. Man kann problemlos die Zahlen von 1930 und 1940 veröffentlichen, sie sind ja völlig korrekt.

KeuchhustenBeim Keuchhusten hat man sich sogar noch heftiger geirrt. Man beachte die Zahlen aus dem US-Census für 1930: 135,6 und 1940: 139,6. Damit also eine leicht ansteigende Linie zwischen 1930 und 1940 herauskommt, muss man schon schwersten Seegang haben.

Man beachte auch den elegant auf 1940 gesetzten Pfeil, als hätten die Impfungen zu diesem Zeitpunkt begonnen. Obwohl der Impfstoff bereits 1913 das erstmals eingesetzt wurde, dauerte es noch 30 Jahre, bis er ernsthaft Verwendung fand. Erst 1944 empfahl die American Academy of Pediatrics, den Impfstoff breit einzusetzen.

Das Diagramm scheint “frei erfunden”.

Polio Cases

Polio Cases

Das Diagramm zu Polio ist übrigens auf andere Weise verfälscht. Dabei handelt es sich um einen weiteren beliebten Trick, den man kennen sollte. Zwischen 1950 und 1955 gab es nämlich eine heftige Epidemie. Was macht man in einem solchen Fall? Man startet das Diagramm mit dem Beginn der Epidemie und sagt: “Schaut, es wurde von selbst weniger!” Dass der Zustand zu Beginn des Diagramms in gar keiner Weise “normal” ist, wird einfach verschwiegen.

Es liegt uns übrigens gänzlich fern, Herrn Tolzin vorzuwerfen, er habe die Diagramme gefälscht. Die hat er bestimmt nur im Internet (eine bekannt verlässliche Quelle) gefunden. Um solche Diagramme zu produzieren, benötigt man nämlich Chuzpe, ein gewisses mathematisches Wissen und muss außerdem genau verstehen, was man macht.

Warum kommt die Grippe im Winter? January 28, 2013 | 01:16 pm

Wenn man so über die Grippe nachdenkt, stellt sich die Frage: warum kommt sie eigentlich im Winter? Warum nicht im Sommer? Andere Virenerkrankungen sind da ja nicht so wählerisch. Aber gerade die Grippe ist eine typische Winterkrankheit. Es gibt also offenbar ein Kriterium, das die Grippe im Winter besonders “aggressiv” macht.

Man hatte zwar schon länger nachgewiesen, dass es einen Zusammenhang mit der Luftfeuchtigkeit gibt, aber überraschenderweise fehlte bis letztes Jahr eine gründliche Untersuchung zum Thema.

Eine im Oktober im freien Journal PLoS One veröffentlichten Studie Relationship between Humidity and Influenza A Viability in Droplets and Implications for Influenza’s Seasonality ging der Frage daher im Detail nach. Es wurde untersucht, wie das Virus unter verschiedenen Bedingungen überlebt. Dabei wurden vor allem verschiedene Grade von Luftfeuchtigkeit von 17% bis 100% untersucht.

Im Fazit wurde festgestellt, dass das Virus bei weniger als 50% Luftfeuchtigkeit bestens gedeiht; Bedingungen, wie man sie in gut geheizten Räumen im Winter üblicherweise vorfindet. Über 50% und bis zu einer Luftfeuchtigkeit von mehr als 98% findet er das “Wetter” nicht mehr so prickelnd.

Bei niedriger Luftfeuchtigkeit überlebt das Virus länger und bleibt aufgrund kleinerer Tröpfchen auch länger in der Luft, bei sehr hoher Luftfeuchtigkeit ändert sich dann der Übertragungsweg. Das Virus wird nicht mehr primär durch die Luft übertragen, sondern setzt sich in großen Tropfen ab, die dann durch Kontakt infizieren. Dieser Übertragungsweg ist aber vor allem in der Regenzeit in den Tropen von Bedeutung, in unseren Breiten aber weniger interessant.

In Zeiten, wenn man in Räumen weniger heizt, also von Frühling bis Herbst, bleibt die Luftfeuchtigkeit meist in einem für den Virus unangenehmen Bereich; im Winter dagegen, wenn wenig gelüftet wird und die Heizung den Raum austrocknet, fühlt er sich richtig wohl.

Ein Autor der Studie schlägt daher vor, Luftbefeuchter zu verwenden, um die Luftfeuchtigkeit etwas über 50% zu halten. Kommt ein Grippekranker in den Raum und niest, sinken die Chancen für eine Infektion, da das Virus nicht lange in der Luft bleibt.

Selbstverständlich gibt es noch diverse andere Faktoren: so sind verschiedene Stämme unterschiedlich virulent oder verursachen mehr oder weniger Symptome, was die Wahrnehmung der Grippe beeinflusst. Manche Stämme sind hochinfektiös.

Wie man mittlerweile in einer Studie an mehr als 90.000 Blutproben aus 19 Ländern ermittelt hat, haben zwischen 20 und 27% der Bevölkerung Antikörper gegen die Schweinegrippe, d.h. sie wurden vom H1N1-Virus infiziert. Das heißt nicht, dass sie erkrankten, vielleicht verspürten sie nur milde Symptome.

Kinder und Jugendliche waren besonders betroffen: 47% der unter 20-jährigen hatten Antikörper, von den Senioren über 65 dagegen nur 11%.

Die Epidemie, über die heute in manchen Medien als Panikmache gelacht wird, hat also stattgefunden. Das große Glück war, dass das Virus sich im Endeffekt als “relativ harmlos” erwiesen hat. Es hat nur einen von 5.000 Infizierten getötet. Dass ein extrem tödliches “Supervirus” möglich ist, wurde längst gezeigt, nicht zuletzt durch die Spanische Grippe 1920.

Ein zukünftiger Stamm könnte also sowohl hochinfektiös als auch extrem tödlich sein; entsprechende Warnungen sollte man also ernst nehmen. Nicht umsonst führt bereits ein totes Huhn, bei dem Grippeerreger festgestellt werden, zu extremen Maßnahmen wie Quarantäne und Massenschlachtungen.

Bis es einen wirksamen Impfstoff gegen alle Formen der Grippe gibt, ist es wichtig, dass wir die Grippe und ihre Übertragungswege verstehen. Dann kann man sich besser schützen.

In der Zwischenzeit sei noch angeraten, sich impfen zu lassen; auch die “normale” Grippe ist nicht harmlos und fordert jedes Jahr eine hohe Zahl an Opfern. Dieser Tage wurde z.B. Burt Reynolds durch die Grippe auf die Intensivstation befördert.

Kopp-Unsinn: Geimpfte Kinder sind kranker als Ungeimpfte January 18, 2013 | 09:47 am

Alle Jahre wieder macht die lustige Geschichte, dass Ungeimpfte gesunder als Geimpfte seien, die Runde. Diesmal ist es der Kopp-Verlag, der die olle Kamelle bringt. In einem Artikel von Ethan A. Huff, dessen Artikel zu HIV-Tests wir hier im Blog schon zur Schlachtbank geführt haben, wird das Thema mal wieder aufgekocht.

Der gute Mr. Huff hat zwar definitiv einen Artikel bei uns verdient, aber unsere Autoren sind notorisch überlastet. Das Feld des Wahnsinns ist riesig, man könnte Tag und Nacht dazu schreiben. Daher sei hier der Aufruf eingestreut, dass Mitarbeit, ob klein oder groß, immer erwünscht ist. Wir beißen nicht. ;)

Zurück zum Thema: In dem Artikel des Kopp-Verlages wird auf eine Organisation mit dem schönen Name “Health Freedom Alliance” verwiesen, die das gesagt hat. Und wenn eine Organisation mit einem so schönen Namen das sagt, dann muss es wohl stimmen!

Zum Beweis wird im Wesentlichen auf eine Internet-Befragung verwiesen, die von der bekannten Impfgegnerseite vaccineinjury.info/impfschaden.info durchgeführt wurde und noch immer wird. Bei dieser Befragung füllt man einfach ein Online-Formular aus und fertig. Und wenn man Lust hat, macht man das noch fünf Mal. Kein Problem. Ein generelles Problem bei Internetbefragungen, das man immer im Hinterkopf behalten sollte.

Dies und die Tatsache, dass die Seite eine gewisse Klientel anspricht, schlägt sich dann auch in den Daten nieder. Mit Stand heute wurden Fragebögen von 11.789 Ungeimpften (bzw. Eltern, die ihre Kinder nicht impfen ließen) und 1.599 von Geimpften abgegeben. Der im Artikel zitierte Stand ist zwar von 2011, aber da der Fragebogen noch immer läuft, geben wir lieber die aktuelle Zahl wieder. Macht nicht viel Unterschied.

Allein die Anzahl der Teilnehmer, heißt: sieben mal so viele Ungeimpfte im Vergleich zu Geimpften, spricht Bände. Statistisch gesehen sind Eltern, die ihre Kinder nicht impfen, eine eklatante Minderheit (und das nicht nur in Deutschland), aber in dieser Statistik ist die Verteilung deutlich anders (fast umgekehrt).

Die Klientel des Fragebogens ist somit eindeutig kein ausgewogener Schnitt durch die Bevölkerung, sondern kommt zum größten Teil aus der impffeindlichen/wissenschaftsfeindlichen Szene.

Das spiegelt sich auch in einem anderen Teil der Befragung wider, bei dem 35% der Befragten angeben, dass ihre bevorzugte Behandlungsmethode die Homöopathie ist. Nur knapp 8% bevorzugen “konventionelle” Medizin. Die Internetseite hat es also geschafft, ihre Jünger zu aktivieren – jene, die fest daran glauben, dass ihre Kinder davon profitieren, wenn sie selten einen Arzt sehen.

Diese Befragung ist also weder repräsentativ noch in irgendeiner Weise ausgewogen. Diverse Krankheiten werden z.B. nur durch einen Arzt diagnostiziert und fallen gar nicht unbedingt auf. Kinder, die von ihren Eltern zum Arzt gebracht werden, werden so gesehen vermutlich tatsächlich öfter als krank diagnostiziert. Kinder, die nicht zum Arzt gebracht werden, leiden dafür unter unerkannten Krankheiten.

Sehr oft werden Probleme auch umdefiniert, wie man an esoterischen Ideen wie Indigo- und Kristallkindern sieht. Statt das Problem zu erkennen, wird das Kind einfach als “besonders” definiert.

Kurz gesagt, die Befragung leidet unter allen Problemen, die eine Internetbefragung mit sich bringt. Mehrfaches Ausfüllen ist möglich, die Befragten sind keine repräsentative Gruppe und darüber hinaus glauben sie nicht an die Medizin. Daraus kann man ein recht eigenwilliges Krankheitsverständnis ableiten.

Besonders peinlich für den Artikel und die “Erhebung” ist allerdings ein kleines Detail. Im Kopp-Artikel wird behauptet, dass Autismus besonders häufig unter Geimpften vorkommt. Wieder beruft man sich auf die Daten aus der Umfrage, aber wie der englische Blogger Orac von den Scienceblogs bereits 2011 analysierte, geben sogar die Mist-Zahlen aus der Umfrage das nicht her.

Ein möglicher Zusammenhang Impfen/Autismus wurde so massiv untersucht wie kaum etwas zuvor und man hat nichts gefunden. Wer mehr wissen möchte: wir haben schon mehrfach darüber geschrieben, z.B. hier und hier und hier und hier.

Zum Autismus noch ein Wort: Eine neuere Studie hat Hinweise gefunden, dass Autismus nicht unbedingt lebenslang sein muss. Die Studienautoren sind sehr vorsichtig in ihrer Conclusio; eine Studie macht auch noch keinen Sommer, aber sie ist zumindest recht interessant. Im Gegensatz zu kruden Thesen aus einer Internetumfrage.

Alternativministerin Steffens’ Auffassungen von Gesundheit January 14, 2013 | 11:46 am

Barbara_Steffensvon unserem Gastautor Sebastian Bartoschek:

Barbara Steffens (51) ist Gesundheitsministerin in NRW – genauer genommen „Ministerin für Gesundheit, Emanzipation, Pflege und Alter“. Als solche ist die grüne Ministerin für die Volksgesundheit im bevölkerungsreichsten Bundesland zuständig. Es sollte an ihr sein, den Wildwuchs pseudo- und paramedizinischer Umtriebe kritisch im Blick zu haben und zu unterbinden, dass Quacksalberei sich „Medizin“ nennt. Sollte.

Denn im Oktober 2012 erklärte die Ministerin dem Nachrichtenmagazin STERN:

“Ich mache mich als Ministerin dafür stark, dass in unserem Gesundheitssystem und damit in der Schulmedizin auch Alternativmedizin wie die Homöopathie integriert wird. Ich denke, das ist wichtig, damit nicht nur einzelne Symptome behandelt werden, sondern der Mensch als Ganzes. Zum Glück gibt es schon viele Ärztinnen und Ärzte, die genauso arbeiten, bei denen auch Arnica C30 längst fester Bestandteil der Praxis ist.”

Das klingt blödsinnig und schrecklich uninformiert. Oder esoterisch und wissenschaftsfremd. Beides eigentlich undenkbar für eine Ministerin, die eine Administration von Fachleuten unter und um sich hat. Deswegen: flugs nachgefragt bei der Pressesprecherin von Frau Steffens.

Gehe ich richtig in der Annahme, dass Frau Steffens diese Meinung in ihrer Tätigkeit als Ministerin umzusetzen versucht und dies nicht nur lediglich ihre Privatmeinung ist?

Ja, das ist richtig, es handelt sich hier nicht nur um die Privatmeinung. Es ist offensichtlich, dass weder die Schulmedizin noch die alternativen Heilmethoden allen Bedürfnissen von Patientinnen und Patienten allein gerecht werden können. Alle Professionen des Gesundheitswesens sollten sich damit auseinander setzen, um den Wünschen der Patientinnen und Patienten angemessen begegnen zu können.

(Nun ja, die „alternativen Heilmethoden“ können sicherlich nichts allein. Die „Schulmedizin“ schon, wenn sich Mediziner nur Zeit für den Patienten nehmen, was aber durch die staatlichen Reglementierungen zumindest bei Kassenpatienten nach Bekunden vieler Ärzte immer schwieriger wird. Aber eine Freundin von Wissenschaft und Evidenz muss eine Fachministerin wie Steffens doch wohl sein, oder?)
Wie steht die Ministerin zur evidenzbasierten Medizin? Welche Rolle schreibt sie allgemein empirischen Wirkbefunden zu?

Natürlich ist der Nachweis der Wirksamkeit einer Behandlung von großer Bedeutung, sowohl in der Betrachtung des einzelnen Falls – also bei einer konkreten Erkrankung – wie auch abstrakt wissenschaftlich.

(Das lässt hoffen… Scheint wohl doch eine informierte Dame zu sein.)

Klar ist aber auch, dass evidenzbasierte Nachweise nicht für alle Methoden sowohl der Komplementärmedizin wie auch der Schulmedizin funktionieren. Es braucht solide wissenschaftliche Konzepte, unter grundsätzlicher Berücksichtigung aller zur Verfügung stehenden wissenschaftlichen Methoden, um begründete Aussagen zur Wirksamkeit von Therapien zu treffen. Das gilt für alle Therapiekonzepte.

(Moment! Lese ich das richtig? Wird hier eine Methode mit dem Ergebnis verwechselt? Da steht doch eigentlich: „Wenn das Ergebnis sagt, ein Verfahren ist unwirksam, dann ist das Ergebnis falsch und nicht das Verfahren“? Und natürlich braucht es „solide wissenschaftliche Konzepte“ – bei allen Therapieformen. Ach, fragen wir doch mal nach, wo die Ministerin die konkret als erfüllt ansieht.)

Wie steht die Ministerin zu folgenden alternativmedizinischen Verfahren:

a) Traditionelle Chinesische Medizin (TCM),

b) Osteopathie,

c) Reiki,

d) anthroposophische Medizin?

Komplementärmedizinische Ärztinnen und Ärzte müssen mit ihren Patienten und Patientinnnen individuell entscheiden, welches das beste Verfahren für die entsprechende Erkrankung sein kann.

(Äh, wie jetzt? Da redet sich doch jemand raus, oder hab nur ich das Gefühl? Und keines der Verfahren ruft Widerspruch der höchsten NRW-Gesundheitshüterin hervor? Das lag sicher daran, dass ich das nicht konkret genug zugespitzt habe. Steffens hat ja Kinder. Und als verantwortungsvolle Mutter wird sie sicher ein klares Wort zum Thema Impfungen finden.)
Was empfiehlt die Ministerin in Fällen, in denen alternativmedizinische Vorstellungen diametral zu denen der Schulmedizin sind, bspw. im Bereich des Impfschutzes?

Wichtig ist, dass den Betroffenen neutrale und ausgewogene Informationen durch ihre Ärztinnen und Ärzte zugänglich gemacht werden, die für ihre eigene, selbstbestimmte Entscheidung von Bedeutung sind. Nur so können sie sich ihre eigene Meinung bilden und frei entscheiden. Für entsprechende qualifizierte und unabhängige Informationen und den entsprechenden Zugang dazu, soll sich die Politik einsetzen.

(Hammer! Keine generelle Zustimmung zu Impfungen? Statt dessen ein Rumlavieren, dass sich bestenfalls neutral in Sachen Impfschutz interpretieren lässt. Das ist bitter. Und völlig unangebracht in einer Gesellschaft, in der Impfgegner Menschen unverantwortlich verunsichern und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung eine große Pro-Impfkampagne fahren muss.)

Was bleibt ist die Hoffnung, dass Barbara Steffens sich um die Themen Emanzipation, Pflege und Alter besser kümmert als um die Gesundheit …

Nachtrag von Team Psiram: Im März erscheint das neue Buch von Sebastian Bartoschek .

Kinderlähmung: Impfung in Pakistan ausgesetzt December 26, 2012 | 06:02 pm

Als Folge von Angriffen auf Ärzte und Mitarbeiter im Gesundheitswesen, bei denen insgesamt 9 Menschen ums Leben kamen, wurden die Impfaktionen in einigen pakistanischen Provinzen gestoppt.

Die Angriffe fanden an mehreren Orten in Pakistan statt – in den Städten Gadap, Landi, Baldia und Orangi die Teile der Großstadt Karachi sind, der größten Stadt von Pakistan mit 21 Millionen Einwohnern. Außerdem in Peshawar, einer Stadt mit 3,6 Millionen Einwohnern. In Peshawar wurden die Anschläge von einer Reihe von Bombenangriffen begleitet, die Panik auslösten.

Da man von einer gezielten, geplanten Mordserie radikalislamischer Extremisten ausgeht, wurden die Impfungen zeitweilig ausgesetzt, um nicht weitere Hilfskräfte zu gefährden.

Pakistan ist eines der letzten Länder, in denen diese schreckliche Krankheit heimisch ist. Wie man sich auf polioeradication.org informieren kann, traten 2012 in nur 4 Ländern Fälle von Kinderlähmung auf.

Die Zahlen sind noch vorläufig; das Jahr ist ja theoretisch noch nicht zu Ende:
Im Tschad gab es dieses Jahr 5 Fälle, den letzten Fall im Juni – ein schöner Erfolg, da es letztes Jahr noch 132 Fälle gab. In Nigeria dagegen traten 119 Fälle auf, wobei 2011 nur 62 Fälle gezählt wurden.

In Afghanistan haben sich die Fallzahlen gut halbiert, von 80 Fällen auf 34. In Pakistan sanken die Fallzahlen von 198 auf bisher 56.

Die Wirkung der Impfkampagnen ist spürbar. Indien ist mittlerweile seit fast 2 Jahren (im Jänner ist es soweit) poliofrei und insgesamt ist die Anzahl der Fälle in den letzten Jahren dramatisch gesunken. Waren es 2010 noch 1.352 Fälle weltweit, hatte man 2011 nur mehr mit 650 Fällen zu tun und schmolz die Zahl 2012 nach bisherigen Erkenntnissen auf 214 zusammen. Mehrere Länder sind poliofrei; die Krankheit ist nur mehr in wenigen Ländern heimisch. Und kann leider auch aus diesen jederzeit wieder exportiert werden.

Als wir im Juli zum Thema schrieben (auch damals gab es einen Anschlag), konnten 350.000 Kinder nicht geimpft werden. Jetzt sind 3,5 Millionen betroffen. Die weltweite Impfkampagne ist damit ernsthaft gefährdet.

Insofern ist diese Entwicklung äußerst bedauerlich und es wird großer Anstrengungen (hier ist vor allem die Politik gefordert) bedürfen, um die Situation in den Griff zu bekommen.

Leider haben die Hilfskräfte auch mit Gerüchten zu kämpfen: sie werden verdächtigt, Spione zu sein und es wurde auch verbreitet, dass die Impfungen mit Aids infiziert seien und Kinder unfruchtbar machen. Misstrauen und Angst wurde in der Bevölkerung gesät und es wird schwer werden, dem entgegenzuwirken. Auch politische Ziele wurden mit dem Impfungen verknüpft, so etwa die Forderung der Taliban, die Drohnenangriffe zu stoppen.

Ein Großteil der pakistanischen Geistlichen hat allerdings dazu aufgerufen, die Anschläge zu verdammen und mehr als 24,000 Moscheen, die zum moderaten Pakistan Ulema Council gehören, haben im Freitagsgebet zur Impfung und wider die Gewalt aufgerufen.

Ob das genügen wird, ist fraglich. Es wird schwierig werden, den Schutz der Tausenden Mitarbeiter der Hilfsorganisationen zu gewährleisten und die Bevölkerung zu überzeugen, dass an den Gerüchten nichts dran ist.

Eine Idee, die aufgetaucht ist, wäre die Impfungen in den Moscheen durchführen zu lassen. Dadurch, dass die Ärzte nicht mehr zu den Kindern gehen müssen, wäre es einfacher, ihre Sicherheit zu gewährleisten. Außerdem könnte die so demonstrierte Unterstützung der Geistlichen das Vertrauen der Bevölkerung in die Maßnahme stärken.

Es bleibt abzuwarten, was das Jahr 2013 bringt. Hoffen wir auf das Beste!

Leon: Misshandelt und als Impfschaden ausgegeben December 10, 2012 | 10:18 am

Es ist wieder so eine Geschichte, die einfach in hilflose Wut versetzt und man gar nicht weiß, welchen der Beteiligten man am meisten verachten soll.

Letzte Woche wurde in München der Vater des kleinen Leon verurteilt, weil er seinen Sohn fast tot geschüttelt hatte. Nachdem ihm erklärt wurde, dass er bei einem Geständnis mit nur 2 Jahren auf Bewährung rechnen dürfe, nahm er dieses Angebot dankend an. Es sprudelte nur so aus ihm heraus, was an jenem Tag geschehen war.

Sein 19 damals 3 Monate alter Sohn hatte geschrien und ließ sich nicht beruhigen. Darauf hatte Andreas S. das Kind geschlagen und schließlich geschüttelt, bis es leblos zusammensackte. Erst dann wurde ihm bewusst, was er getan hatte.

Er führte Mund-zu-Mund Beatmung durch und rief den Arzt; das Kind konnte gerettet werden und offenbar geht es ihm inzwischen wieder gut (mit ein Grund für das milde Urteil). Im Krankenhaus verschwieg der junge Mann, dass er das Kind misshandelt hatte (er schämte sich seiner Tat) und behauptete: Es ist ein Impfschaden.

Für die üblichen Verdächtigen der Impfgegnerwelt ein gefundenes Fressen. Die Impfgegner Michael Leitner und Daniel Trappitsch stürzten sich sofort auf die Geschichte.

In einem 15 Minuten dauernden Video, das offenbar zum “Dokumentarfilm” “Krankgeimpft und Totgeschwiegen” ausgebaut werden soll, wird Andreas S. als das Opfer dargestellt. In Wirklichkeit hätte das Kind einen Impfschaden erlitten und der Kindsvater werde nun von den Behörden terrorisiert, die Mutter des Kindes hätte sich von ihm auf richterliche Anordnung trennen müssen.

Nach einer achtfachen Impfung seien die Symptome des Kindes “als schwere Misshandlung des Vaters interpretiert worden”. Aber in Wirklichkeit könnten alle diese Symptome natürlich durch Impfungen verursacht worden sein.

Als Expertin tritt im Film Angelika Müller (vormals Kögel-Schauz) auf, die als Softwareentwicklerin natürlich prädestiniert ist, eine medizinische Beurteilung durchzuführen.

In dem 15 Minuten dauernden Filmchen wird allerlei Nonsens erzählt, vor allem wird der immer wieder gern behauptete Unsinn mit der Blut-Hirn-Schranke wieder mal herangezogen:

Da Babies noch keine Blut-Hirn-Schranke haben, könnten die Chemikalien aus den Impfstoffen ungehindert ins Gehirn eindringen und verursachten dort Schwellungen und Entzündungen die extrem schmerzhaft sind.

Impfungen und die Blut-Hirn-Schranke haben nichts miteinander zu tun und die Behauptung kann ins Reich der Märchen verbannt werden.

Frau Müller erklärt lang und breit ihre abstrusen Thesen und behauptet, dass diese durch Fachliteratur gedeckt seien. Um einen kurzen Einblick für den Umgang mit “Literatur” zu geben, hier ein Beispiel:

Das schrille Schreien wird in der Literatur auch als Hirnschrei bezeichnet.

In der Literatur? So, so. Eine Suche bei Google Books fördert abgesehen von einigen Büchern, die sich mit Homöopathie, einem Buch über das Singen und einem über Poesie (also im Wesentlichen alle aus dem Genre der erfindungsreichen Künste) nur zwei medizinische Bücher zutage. Beide etwa 150 Jahre alt. Quasi ganz aktuelle Fachliteratur.

Frau Müller versteht unter “Literatur” offenbar das Internet, und  jeder beliebige Forums- oder Blogeintrag, der in ihrem Sinne ist, wird als Fachliteratur verstanden.

So wird allerlei Wirrnis aneinandergereiht, um irgendwie einen Zusammenhang zwischen den Verletzungen des kleinen Leon und Impfungen zu konstruieren. Dass nun der Vater ein Geständnis abgelegt hat, ist natürlich eine Katastrophe, denn plötzlich bricht die ganze Geschichte mit dem Impfschaden wie ein Kartenhaus zusammen.

Aber in der Welt eines Hans Tolzin und der bereits oben genannten Impfgegner (Frau Müller steht nach Angaben der Filmemacher für den Film nicht mehr zur Verfügung, Gründe wurden keine genannt) ist nichts unmöglich.

Die Lösung ist ganz einfach: Der Kindsvater wurde unter Druck gesetzt und hat eben ein falsches Geständnis abgelegt, um nicht ins Gefängnis zu gehen. So wird wieder einmal munter eine Verschwörungstheorie konstruiert, um die eigenen haarsträubenden Thesen aufrechterhalten zu können.

Impfgegner und Autisten November 22, 2012 | 08:02 am

“Impfgegner und Autismus” ist ein leidiges Thema, das in unserem Blog schon detailliert besprochen wurde. Dass ein möglicher Zusammenhang intensivst untersucht wurde, interessiert die Vertreter dieser Behauptung wenig.

Wissenschaftliche Erkenntnisse werden nicht nur ignoriert: sie sind auch völlig unerwünscht, da sie dem zentralen Dogma des eigenen Glaubens widersprechen. Und was nicht sein darf, das kann nicht sein. Ob an dieser Stelle der Grundstein für eine grundsätzliche Wissenschafts-/Medizinfeindlichkeit gelegt wird oder diese schon vorher bestand (z.B. beim Übergang vom Homöopathen zum Impfgegner), ist dabei egal. Man misstraut der Wissenschaft und vertraut implizit jedem, der sich gegen sie äußert.

Einen großen Beitrag zu diesem Misstrauen hat Andrew Wakefield geliefert, der einen Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus postulierte, worauf die Impfrate in England massiv zurückging. Man hat ihn zwar der Fälschung überführt, aber Kinder sind unnötig gestorben und das Gerücht ist seither nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Wakefield wird, obwohl er erwiesenermaßen Geld genommen hat, weiterhin zitiert. Er wird als einzelner Held einfach unterdrückt und dem Rest der Forschung wird im Gegenzug angedichtet, dass alle von der Pharmamafia bestochen seien.

Mit der Behauptung, dass Impfungen Autismus verursachen, hört es aber auch nicht auf. Wird ein Kind als autistisch diagnostiziert (hier wird oft das breite Spektrum autistischer Krankheiten gemeint), wird nicht nur sofort geschrien: “Impfschaden, Impfschaden”, nein, es wird auch oft gleich Heilung oder Linderung angeboten.

Entsprechende Gruppen wenden sich dabei “hilfsbereit” an Eltern von autistischen Kindern, um ihnen beliebige Quacksalbereien anzudrehen. Man gibt den Eltern des Kindes einen Grund (Die Impfungen sind schuld), spendet ihnen Trost und bekommt im Gegenzug vielleicht Spenden und treue Kunden.

Oh, wir wollen nicht behaupten, dass diese Organisationen bzw. die Mitglieder nur kommerziell motiviert agieren; sicherlich sind einige vom festen Glauben beseelt, den Menschen zu helfen. Aber der monetäre Aspekt schwimmt doch immer irgendwo rum. Man muss ja irgendwie sein Geld verdienen.

Generation Rescue, eine gemeingefährliche “gemeinnützige” Organisation, die vor allem durch ihre Frontfrau Jenny McCarthy bekannt wurde, ist zum Beispiel gerade eine Partnerschaft mit der Firma “Health Partner Sauna” eingegangen. Man macht dabei – bestimmt ganz uneigennützig – Werbung für die Produkte des Saunaherstellers.

Generell kann man ja nichts gegen die Sauna sagen, ist eine wunderbare Sache mit gesundheitlichen Vorteilen (aber auch Gefahren!), aber bei Autismus gibt es keinerlei Evidenz. Eine Autorin des Forbes Magazine hat recherchiert und die Werbeaussagen der Firma ziemlich verrissen.

“Health Partner Sauna” wirbt auch mit Entschlackung (Detox) und hält es zum Beispiel auch für notwendig darauf hinzuweisen, dass ihre Kabinen kaum elektromagnetische Strahlung aussenden.

Natürlich ist das nichts Neues, Generation Rescue wirbt schon seit Jahren für diverse pseudomedizinische Verfahren wie die Chelattherapie oder Behandlung mit Lupron. Lupron ist ein starkes Medikament, das die Östrogen/Testosteron-Produktion unterbricht. Bei Kindern angewendet, kann das Medikament unter anderem den permanenten Verlust der sexuellen Funktionalität verursachen.

Oder ebenfalls sehr ekelhaft: bei der letzten “Autismus One/Generation Rescue” Konferenz wurde – wie wir schon berichteten – eine Kerri Rivera als Sprecherin eingeladen, die mit großem Vergnügen erklärt, wie man autistische Kinder mit MMS-Einläufen foltert (MMS ist ein industrielles Bleichmittel).

Man könnte noch diverse Beispiele wie die CEASE-Therapie anführen, bei der Impfgegner mit autistischen Kindern Geld verdienen, aber es genügt wohl. Es ist und bleibt ein schmutziges Gewerbe. Mag eine Sauna ja noch recht harmlos sein – MMS-Einläufe und chemische Kastration sind es sicher nicht.

Kopp und das Impfstoff-Imperium November 8, 2012 | 03:12 am

Der Kopp-Verlag – wie immer Garant tagesaktueller, supergut recherchierter Berichte – hat mal wieder zugeschlagen. Brandaktuell wurde präzise erkannt, dass ein Cochrane Review Grippeimpfungen für nutzlos erklärt.

Ok, man muss zugeben, der Artikel ist weder brandaktuell noch präzise, das Review ist von 2010 und Impfungen findet es auch nicht nutzlos. Das Review findet nämlich eine klare Wirkung der Grippeimpfung, aber wegen solcher Kleinigkeiten macht man sich doch keinen Kopp. Von Fakten darf man sich nicht aufhalten lassen!

Der Artikel eines Jon Rappoport behauptet jedenfalls, dass “Impfstoff-Imperium ist zusammengebrochen”, was durch ein Cochrane-Review belegt sei. Kein Grippewirkstoff biete Erwachsenen Schutz vor Grippe. Rumms!

Mutigerweise wird tatsächlich auf eine Zusammenfassung des ursprünglichen Artikels der Cochrane Collaboration verlinkt, vermutlich in der Hoffnung, dass ihn sowieso keiner lesen wird.

Was der Kopp Verlag behauptet, kann man sich wieder mal schenken, der Artikel ist ziemliches Blablabla, aber zum Autor werden wir noch einige Worte finden, nachdem wir uns mit dem Cochrane-Review an sich beschäftigt haben. Im Endeffekt ist allerdings nur interessant, was die Daten hergeben und nicht, was ein zweitklassiger Verlag bzw. ein viertklassiger Autor aus der Arbeit herausliest.

Unter dem Titel Vaccines for preventing influenza in healthy adults beschäftigten sich einige Forscher mit der Wirksamkeit von Grippe-Impfungen. Rappoport, der Autor des Kopp-Artikels, meint erkannt zu haben, dass die Impfung nutzlos sei.

Wie er darauf gekommen ist, erschließt sich uns nicht ganz. Der ursprüngliche Artikel folgert:

In the relatively uncommon circumstance of vaccine matching the viral circulating strain and high circulation, 4% of unvaccinated people versus 1% of vaccinated people developed influenza symptoms (risk difference (RD) 3%, 95% confidence interval (CI) 2% to 5%). The corresponding figures for poor vaccine matching were 2% and 1% (RD 1, 95% CI 0% to 3%). These differences were not likely to be due to chance.

Bei Grippeimpfstoffen werden immer die drei aktuell häufigsten Stämme verwendet, um eine Immunisierung durchzuführen. Das heißt, die Impfung wirkt im Wesentlichen immer nur gegen diese drei Stämme. Gehen nun tatsächlich nur diese drei Stämme um, ist man also im Idealfall gegen alle geimpft. Das kommt zwar in der Praxis kaum vor, aber in dem Fall zeigte nur 1% der Geimpften im Vergleich zu 4% der Ungeimpften Krankheitssymptome. Eine Verbesserung auf 1/4.

War die “Trefferquote” bei den drei gewählten Stämmen nicht so akkurat, so reduzierte sich die Verbesserung auf 50%. Heißt, die Hälfte der Leute bekam keine Grippe mehr. Wirkungslos ist etwas anderes.

Was dieses Review zeigt ist, dass die Auswahl der Stämme extrem wichtig ist. Je besser die Stämme die aktuell umgehenden Erreger repräsentieren, desto besser die Trefferquote. Von Unwirksamkeit kann keine Rede sein, im Gegenteil. Die Grippeimpfung wirkt sehr gut, allerdings nur gegen die definierte Gruppe an Stämmen.

Um noch ein paar Worte zum Autor zu verlieren, der wahrlich keine Koryphäe ist: Jon Rappoport ist ein Verschwörungstheoretiker erster Güte, Vizepräsident der “Truth Seeker Company”, die CDs über Magie, vergangene Leben und paranormale Fähigkeiten verkauft. Rappoport erklärt auch jedem gerne, warum HIV ein Mythos ist:

Solche Kleinigkeiten (jetzt mal abgesehen von den wirklichen Fakten zur Impfung) stören den Kopp Verlag ja nicht. Offenbar gilt: Je irrer der Autor, desto lieber die Veröffentlichung. Und wie immer gilt: Ein Spinner irrt zwar nicht immer, aber meistens.

Novartis-Impfstoff – Schweiz und Kanada heben Auslieferungsstopp auf October 31, 2012 | 08:12 pm

Nach der ganzen Aufregung um den Grippeimpfstoff von Novartis scheint nun langsam wieder Ruhe einzukehren. Die Schweiz und Kanada haben den Auslieferungsstopp aufgehoben. Von Italien, wo der Stein ins Rollen gekommen ist, ist noch nichts bekannt.

Die Swissmedic hat sich davon überzeugt, dass die weißen Partikel tatsächlich nur Verklumpungen der normalen Eiweißbestandteile sind. Diese können bei der Herstellung von Grippeimpfstoffen entstehen und können durch leichtes Schütteln vor der Injektion leicht wieder aufgelöst werden. Im Endeffekt viel Lärm um Nichts.

Dieses Ergebnis war zwar von Anfang an wahrscheinlich, aber man kann nur zufrieden auf die Arbeit der Gesundheitsämter blicken. Ein mögliches Problem wird erkannt, rasch gehandelt und erst nachdem man sich von der Unbedenklichkeit überzeugt hat, das Medikament wieder freigegeben. Die Berichterstattung in den Medien war zumeist auch sehr ruhig und unaufgeregt.

Hier sei nochmal die Aufforderung zum Grippeimpfen wiederholt. Sie mögen der Meinung sein, dass eine Grippe Sie nicht umbringen wird, aber so richtig Spaß macht sie auch nicht.

Impfstoffe vs. Homöopathika: Unterschiedliche Maßstäbe October 28, 2012 | 11:49 am

Zur Zeit herrscht ja große Aufregung wegen der Probleme mit einigen Grippe-Impfstoffen von Novartis. Ein Verkaufsstopp wurde einerseits durch die Firma, andererseits durch einige Gesundheitsämter verhängt.

Das Problem ist, dass mögliche Verunreinigungen festgestellt wurden. Novartis sagt zwar, diese seien harmlos, die Gesundheitsämter gehen aber lieber auf Nummer sicher. Als “Kunde”, der sich impfen lassen möchte, kann man mit dieser Vorgehensweise eigentlich nur glücklich sein.

Das grundsätzliche Thema Impfen bleibt durch diesen Vorfall unberührt; es handelt sich um ein konkretes Problem in der Produktion. Ob das harmlos ist oder nicht, betrifft eigentlich nur die entsprechenden Chargen Impfstoff. Und das muss untersucht werden, um das Problem in Zukunft zu vermeiden bzw. um auszuschließen, dass auch andere Chargen betroffen sind.

Jede andere Industrie hätte ähnlich gehandelt; man erinnere sich nur z.B. an Probleme mit explodierenden Akkus und die diversen Rückrufaktionen von Autos, die über die Jahre immer wieder vorgekommen sind.

Insgesamt ein ganz normaler Prozess, in dem es nur einen echten Aufreger gibt: Novartis hat die möglichen Probleme bereits im Juli entdeckt und erst jetzt im Oktober gemeldet. Dafür hat Novartis auch dementsprechend heftige Kritik verdient.

Aber wie gesagt, die Aufregung ist groß, es ist ein großes Thema: ein Medikament, das zurückgezogen wird, Verunreinigungen, Vorwürfe gegen den Konzern, … So etwas interessiert die Menschen. Da könnte ja jemand zu Schaden kommen. Praktisch jede Zeitung im deutschsprachigen Raum (und natürlich auch in anderen Ländern) hat darüber berichtet.

Davon abgesehen? Der Prozess funktioniert. Ein mögliches Problem mit einem Medikament wird entdeckt, es wird im Sinne der Sicherheit sofort zurückgezogen.

Auf der anderen Seite kommt man aber nicht umhin, an den Homöopathika-Produzenten Nelson zu denken. Die FDA hatte im Juli Nelson wegen der Produktionsbedingungen verwarnt.

In den Produktionsanlagen wurden Glassplitter gefunden, die theoretisch in die Mittelchen gelangen könnten und ein Produktionsfehler wurde festgestellt, ein Sechstel der Flaschen wurde nicht korrekt befüllt. Daneben wurden noch kleinere Mängel gefunden, aber diese waren die schwerwiegendsten.

Was war der Effekt? Es hat kein Schwein interessiert. Ein paar Blogger (wir auch) haben darüber berichtet, aber sonst? Kein Interesse. Im deutschen Raum ist das ja verständlich; hier kennt man eher Heel oder die DHU, Nelson ist komplett unbekannt, aber auch im englischen Raum ist praktisch nichts passiert. Ärgerlich.

Die Apothekenkette Boots, die die Produkte von Nelson vertreibt, wurde von einem Blogger angeschrieben, wie sie damit umgehen würden. Die lapidare Antwort lautete: “Wir werden das untersuchen“. Das war’s.

Man muss Boots in gewisser Hinsicht zu Gute halten, dass sie selbst genau wissen, dass das Zeug wirkungslos ist.

Wenn man sich dann zurück lehnt und den Ärger etwas vergisst, das Ganze rein rational betrachtet, fällt einem allerdings auf, dass der Prozess auch hier funktioniert.

Ein Produktionsfehler wird bei einem Homöopathikum entdeckt und im Sinne von “Sch..egal” reagiert kein Mensch. Da es kein Problem gibt, wird es ignoriert.

Unterschiedliche Maßstäbe? Ja, klar. Man möchte sich vielleicht ärgern, aber eigentlich muss man sagen: Gottseidank!

Verkaufsstopp für Novartis-Grippe-Impfstoffe October 25, 2012 | 12:17 pm

Wie man schon gestern in diversen Zeitungen lesen durfte, wurde die Auslieferung der Grippeimpfstoffe Agrippal (in vielen Zeitungen fälschlich als Agripal bezeichnet), der in Deutschland unter dem Namen Begripal vertrieben wird, und Fluad, die in Italien auch als „Influpozzi sub unità“ und „Influpozzi adiuvato“ verkauft werden, gestoppt.

Die Namensgebung der Impfstoffe ist übrigens durchaus so verwirrend, dass nicht einmal Novartis in der Lage ist, die korrekten Bezeichnungen auf ihrer Homepage anzugeben und dort in einem Statement von Begrippal spricht.

In Italien erfolgte die Sperre durch die Behörden offenbar, weil Novartis bei Prüfung der Impfstoffe weiße Partikel festgestellt und eine mögliche Verunreinigung an die Behörden gemeldet hatte. Worum es sich handelt, ist zur Zeit unklar; es könnten auch lediglich Verklumpungen von normalen Bestandteilen sein.

Novartis verhängte daraufhin als Reaktion einen Auslieferungsstopp für die genannten Impfstoffe.

Wie die italienische Behörde AIFA angibt, wurden sie von Novartis am 18. Oktober verständigt, wobei Novartis wohl bereits seit dem 11. Juli von den Partikeln wusste. Der italienische Gesundheitsminister Renato Balduzzi will sich mit Vertretern von Novartis treffen, um eine Erklärung für die Verzögerung zu bekommen. Sie hätten die möglichen Verunreinigungen umgehend melden müssen.

Im Prinzip könnte man meinen, dass so eine Nachricht ein Fest für Impfgegner sein muss.

Die Reputation von Novartis wird durch so einen Vorfall sicher beschädigt, vor allem wenn man die Verzögerung bedenkt. Man darf gespannt sein, welche Erklärung sie dafür bieten werden und kann nur darauf hoffen, dass eine Ausrede von den Behörden entsprechend hart geahndet wird. Es gibt strenge Auflagen und die müssen eingehalten werden. Geschieht dies nicht, sollte die Strafe durchaus sehr hart sein.

Aber ein Vorfall wie dieser zeigt ebenfalls, wie strikt auch potentielle Gefahren gehandhabt werden. In dem Augenblick, in dem die Behörden von einer Unregelmäßigkeit erfahren haben, sind sie als Reaktion sofort auf die Bremse gestiegen und haben die Auslieferung gestoppt. Ob der Impfstoff aufgrund der weißen Partikel problematisch ist oder nicht, normal funktioniert oder vielleicht gefährlich ist, weiß man zur Zeit noch nicht, das muss erst geprüft werden. Trotzdem hat man im Sinne der Sicherheit der Patienten sofort reagiert.

Vorfälle wie dieser zeigen nicht, dass Impfstoffe gefährlich sind, sondern dass sie ständig rigoros geprüft werden und auch eine Überwachung durch die Behörden passiert und notwendig ist.

Sieht man sich die beiden betroffenen Impfstoffe an, so stellt man fest, dass beide seit mehr als 10 Jahren in Deutschland zugelassen sind. Begripal seit 1999, Fluad seit 2000, wobei die Stammzusammensetzung, also gegen welche Grippestämme der Impfstoff wirken soll, jedes Jahr angepasst werden muss.

Dies ändert zwar nichts an der grundsätzlichen Zusammensetzung, aber die Änderung wird jedes Jahr in einem Zulassungsverfahren geprüft. Irgendwelche Probleme mit dem Impfstoff sind nicht bekannt; man wird wohl in den nächsten Wochen erfahren, was das Problem mit den 160.000 Einheiten der betroffenen Impfstoffchargen war.

Novartis hat zum Thema eine Influenza Vaccines Updates Website eingerichtet. Der Konzern hat angegeben, dass die Partikel im normalen Herstellungsverfahren auftreten können und ist überzeugt, dass die Partikel keinen Einfluss auf Sicherheit und Wirksamkeit haben.

Die österreichischen Behörden haben bereits erklärt, dass man sich auf das von Novartis zur Impfstoffsicherheit vorgelegte Gutachten nicht verlassen werde, aber die Angelegenheit zur Zeit noch prüfe. Zur Zeit sind aber keine vergleichbaren Schritte wie in Italien geplant.

Die Schweiz hat ebenfalls einen Verkaufsstopp verhängt. In Deutschland berät zur Zeit das Paul-Ehrlich-Institut und hat für heute ein Statement angekündigt.

Insgesamt bleibt zu sagen, dass man sich durch Vorfälle wie diesen nicht verunsichert, sondern eher in der Impfstoffsicherheit bestärkt fühlen sollte. Impfstoffe sind Medikamente, die regelmäßig geprüft werden. Nur wenn sie unbedenklich sind, dürfen sie vermarktet werden.

 

(Update: Der Vertrieb wurde eben auch in Deutschland vom PEI gestoppt)

Eine Grippe-Erinnerung September 27, 2012 | 04:21 pm

Wenn das Jahr so vergeht, schiebt man Dinge schon mal vor sich her. Grippeimpfung? Ja, sollte ich wieder machen. Stimmt. Morgen vielleicht. Oder spätestens nächste Woche. Solche diffusen Absichten schwirren zwar prinzipiell durchs Hirn, aber zu wirklicher Konsequenz ringen sie sich nicht immer durch. Wenn man ein paar Jahre keine Grippe mehr hatte, denkt man auch nicht mehr so oft daran. Man will sich ja durchaus impfen lassen, aber aus Bequemlichkeit vergehen die Wochen und am Ende ist man durchs Jahr oder auch nicht.

So kam es eines Tages, es war ein Freitag, 4 Uhr Nachmittags, dass ich mich von meinem Sessel erhob. Ein leichtes Frösteln überkam mich. Das zweite heute. Naja, nicht so schlimm, wird wohl nur eine Verkühlung sein. Ein quasi fast junger Mann in den 30ern, in der Blüte seiner vergilbten, etwas verbrauchten Jugend, was soll sein? Den Kollegen ein gutes Wochenende, und ab ins erhoffte selbige. Im Auto war es dann kühl, kalt, nicht angenehm. Der Weg zum Elternhaus weniger angenehm als erhofft, von Frösteln begleitet.

Die letzten Kilometer schüttelte es mich. Erwägend, stehen zu bleiben, weiter zu fahren? Aber es waren nur mehr wenige Kilometer. Es war eiskalt im Auto, gefühlt zumindest, in Wirklichkeit war es wohl angenehm warm. Hätte vielleicht zu Hause bleiben sollen, nicht meine Eltern besuchen. Ich fluchte und biss die Zähne zusammen, konzentrierte mich auf den letzten Meter keinen Unfall zu bauen.

Angekommen, sofort ab ins Bett, die Anspannung lies nach, sofort schlugen die Zähne schnell klappernd aufeinander, ernster Schüttelfrost. Grippe? Vermutlich nicht. Sicher nichts ernstes, höchstens ein grippaler Infekt. Ich wurde ja normalerweise nicht krank, durchtrainierte, nach bayrischem Brauch gestählte Muskeln, wanden sich um meinen Körper und verliehen mir eine Figur wie ein Obelisk (nur mit dem dicken Ende in der Mitte) – so ein kleiner Erreger, bah, was soll der mir anhaben?!

Die liebe Frau Mama brachte einen Kamillentee ans Bett, ich grunzte, die Begeisterung hielt sich in Grenzen. Tee ist nur für Kranke. Und Kamille erst… Danke & Gute Nacht.

Ich erlebte eine kalte, unangenehme Nacht, die Decke eng um mich geschlungen, dabei schwitzend wie ein Pferd.

Der nächste Morgen war hell und fröhlich, ach es ging mir wohl schon besser. Frohgemut sprang ich aus dem Bett, bereit mich von der Last des abendlichen Tees zu entledigen. Zwei Schritte, dann setzte erneut Schüttelfrost und Taumeln ein, die nächsten Meter waren erbärmliches Wanken. Der Wunsch, weniger Tee getrunken zu haben, stand mir in den nächsten Sekunden wohl ins Gesicht geschrieben, ich sehnte mich nach der Dschungelatmosphäre des Bettes.

Etwas später – mein fiebriger Geist war sich der Stunden und Minuten nicht klar, heute, gestern, morgen? – wurde im Familienkreis diskutiert, was man denn tun könne, um mir zu helfen. Propolis! Ja, Propolis muss helfen. Mein wolkenverhangener Geist versuchte sich der Wirksamkeit (bzw. der Evidenz) von Propolis zu erinnern, aber finster war’s, kein Mond schien helle.

Na gut, hilft es nichts, schadet es nichts. Alkohol und Bienenzeugs, im Schlimmsten Fall ein Placebo. Gehorsam nahm ich die Tropfen zu mir. Wenigstens meine Mutter war etwas zufriedener.

Irgendwann zwischendurch erwachte ich wieder kurz aus fiebrigen Deliriumsphantasien, meine Mutter meinte zur Tante (oder umgekehrt) “Milch verschleimt doch nur!” Reflexartig krächzte ich: “Blödsinn”, bevor mein Hirn reagieren konnte. Ich erntete verständnislose Blicke, keine Ahnung ob sie mich verstanden hatten. Ich überdachte die Situation. Würde ich die Diskussion führen und auf den Milchlüge-Blödsinn hinweisen, würde das nicht nur zu einer anstrengenden Diskussion führen, sonder auch dazu, dass ich warme Milch vorgesetzt bekäme. Meine Argumentation würde als durch Wunsch getrieben ausgelegt werden. Ich versteckte mich unter der Decke. Da trinke ich dann doch lieber Tee.

Wieder später trat meine Großmutter dann ans Bett und ich versuchte nicht mehr zu atmen. War sie geimpft? Was, wenn ich sie anstecke? Ich halte das schon aus, ein wenig Gliederschmerzen, Schüttelfrost, Kopfschmerzen und Fieber und Unwohlsein, Husten und nicht Schlafen können, aber für sie könnte das tödlich enden. Für über 80-jährige war Grippe eine echte Gefahr. Ich war froh, als sie wieder ging und auch später noch sehr froh als nichts passiert war, ich sie nicht angesteckt hatte.

So vergingen die Stunden, quälend langsam, öde, nervig, beunruhigt. Zu Schwach um irgendetwas vernünftiges zu tun, eine bleierne Müdigkeit die über dem Geist liegt. Nicht einmal passives Rezipieren wie Fernsehen funktioniert besonders gut. Am Montag kehrte langsam wieder etwas Freude ein, der Schüttelfrost war weg, Dienstag war schon ganz ok, von gesund allerdings noch keine Rede.

Zwei Tage komplett im Eimer, 2 Tage mehr oder weniger marode, danach langsamer Ausklang, fein, fein. Eins war mir klar: Nie wieder.

Wenn man eine Grippe mitgemacht hat, dann ist einem (mit Verlaub gesagt) scheißegal, ob das Ding lebensgefährlich ist oder nicht. Oder wie hoch die statistischen Chancen sind. Sowas will man nicht mehr mitmachen. Man hat zwar trotz Impfung noch keine Garantie, man impft ja nur gegen drei Stämme, wenn man einen anderen erwischt … Trotzdem nimmt man, wenn man einmal eine echte Grippe mitgemacht hat, gerne jede Chance war!

Dr. Pfeiffer: ein Impfgegner im Selbstversuch May 13, 2012 | 09:50 am

Drüben bei blooDNAcid auf den Scienceblogs, der gerade über die Wichtigkeit der Masernimpfung schrieb, tauchte In den Kommentaren bald ein Impfgegner auf und behauptete, dass es überhaupt keine Viren (und natürlich auch kein HIV) gebe und Grippeimpfungen schuld an der Spanischen Grippe 1918 waren. Die mehrfache Klarstellung anderer Poster, dass es die Grippeimpfung aber erst seit 1936 gibt, wird dabei geflissentlich ignoriert.

Und auch danach geht es munter weiter mit tiefsitzender Wirklichkeitsverleugnung. Wenn man es mit solchen Hardcore-Realitätsverweigerern zu tun hat, wünscht man denen ja gelegentlich die Krankheit an den Hals, damit diese am eigenen Leib erfahren können, was es bedeutet, krank zu sein. Die sollen doch in eine Quarantänestation gehen und dort mal tief einatmen.

Auch wenn es zutiefst unethisch ist: ein solches “Experiment” wurde tatsächlich schon einmal durchgeführt.

Pockenepidemie in Boston
Als eine Pockenepidemie 1901 in Boston ausbrach, versuchte man mit aller Kraft, der Krankheit Herr zu werden. Kranke kamen in Quarantäne und Impfstationen wurden eingerichtet, in denen die Einwohner sich gratis impfen lassen konnten. Bis Dezember 1901 wurden mehr als 400.000 Einwohner Bostons (von etwa 560.000) geimpft.

Aber das reichte nicht. Schließlich erließ das Gesundheitsamt eine Verordnung, dass jeder zu impfen sei. Aber Impfgegner gibt es ja schon seit es das Impfen gibt und die “Anti–Compulsory Vaccination League” versuchte, diese Verordnung per Gesetz verbieten zu lassen. Langen Kampf kurz gefasst: Die Vernunft siegte. Die Verordnung wurde über die Epidemie hinaus bis zum Obersten Gerichtshof der USA bekämpft, der schließlich 1905 mit sieben zu zwei entschied, dass der Staat Pflichtimpfungen zum Wohle der Gesellschaft anordnen kann.

Durgins unethisches Angebot & Pfeiffers Arroganz
Während der Epidemie forderte der Vorsitzende des Gesundheitsamtes, Durgin, die Impfgegner heraus, mit denen er sich schon harte Gefechte geliefert hatte und die er zutiefst verabscheute. Er machte ihnen das Angebot, doch ungeimpft ihre Überzeugungen zu beweisen. Ein höchst unethisches und dummes Angebot, im vollen Bewusstsein der Konsequenzen unterbreitet. Durgin war überzeugt, dass sie alle sterben würden und wollte dies als Lektion nutzen.

Tatsächlich meldete sich einer seiner “Hauptfeinde”, Dr. Immanuel Pfeiffer, und suchte an, ein Pocken-Hospital zu besuchen. Pfeiffer war ein überzeugter Kämpfer für die Freiheit des Einzelnen und gab eine eigene Zeitschrift mit angeblich 10.000 Lesern heraus. Themen waren Sozialismus, Vegetarismus, Anti-Krieg, Reine Nahrung (Pure Foods), Frauenrechte, Therapeutische Suggestion (Hypnose), “Single Tax” (alle Steuern abschaffen bis auf eine Grundbesitzsteuer), Medizinische Freiheit, Kapital und Arbeit und selbstverständlich Impfgegnerschaft.

Pfeiffer lehnte jede Form organisierter Medizin ab und glaubte, dass ein gesunder Mann die Pocken nicht bekommen könne. Impfungen seien wirkungslos und er setze lieber auf Diät und Hypnose, um Krankheiten abzuwehren.

Durgin machte wie versprochen eine Ausnahme und Pfeiffer durfte ungeimpft die Pockenstation eines Krankenhauses besuchen. Er traf dort auf mehr als 100 Patienten und der zuständige Arzt riet ihm sogar, doch den Atem eines Patienten zu riechen. In seiner Arroganz verständigte Pfeiffer auch die Presse in mehreren Briefen von seinem Besuch und gab ein Interview. Er war völlig überzeugt, immun zu sein.

Pfeiffers Verschwinden und Krankheit
Die Pocken haben eine Inkubationszeit von etwa 12-14 Tagen und in dieser Zeit durfte sich Pfeiffer frei bewegen. Durgin hatte allerdings nicht völlig den Verstand verloren und ließ ihn überwachen. Doch am dreizehnten Tag verschwand Pfeiffer. Die Zeitungen und die Öffentlichkeit waren wegen der laxen Sicherheit entsetzt und Durgin kam unter Druck, weil er die Öffentlichkeit mit dieser dummen Aktion in Gefahr gebracht hatte. Auf die Frage, ob er denn das Richtige getan habe, als er Pfeiffer den Zutritt gestattete, antwortete er, es sei “das Beste für die größtmögliche Anzahl Menschen” gewesen.

Pfeiffer wurde kurz darauf auf seiner Farm in Bedford außerhalb Bostons aufgespürt. An den Pocken erkrankt. Die Medien überschlugen sich und schrieben, dass er wahrscheinlich sterben werde.

In der Ortschaft Bedford war der Aufruhr ebenfalls groß. Auch dort waren viele Leute gegen das Impfen eingestellt, doch als Pfeiffer krank darnieder lag, mochten ihn seine Nachbarn plötzlich nicht mehr so und viele ließen sich impfen. Sie waren verärgert, weil er sich als Kranker nicht in Boston behandeln ließ, sondern stattdessen in ihr Städtchen floh.

Die Stadt Bedford überlegte andererseits, auch Boston zu verklagen, da durch unentschuldbare Fahrlässigkeit der Gesundheitsbehörden die Pocken in Bedford eingeschleppt wurden.

Einen Tag, nachdem Pfeiffers Erkrankung bekannt wurde, startete Boston eine weitere Impfaktion. Die 125 Mitarbeiter trafen auf wenig Widerstand und alles ging reibungslos. Die Schlagzeile “Impfgegner stirbt wahrscheinlich an Pocken” hatte den Impfwillen massiv gestärkt.

Realitätsverweigerung par exzellence
Dr. Pfeiffer änderte seine Ansichten natürlich nicht. Der Presse gegenüber sagte er später, wäre er nicht so extrem übermüdet gewesen, wäre er überhaupt nicht krank geworden. Die Krankheit selbst sei lachhaft gewesen, er habe die meiste Zeit Karten gespielt. Auch ein anderer Impfgegner jener Zeit meinte, dass Pfeiffer außer Form und überanstrengt sei. Wahrscheinlich wäre er auch krank geworden, wenn er das Krankenhaus nie besucht hätte.

In einem Telefoninterview, das Dr. Pfeiffers Sohn einen Monat nach dem Krankheitsausbruch gab, erläuterte dieser, dass seine und seines Vaters Ansichten sich nicht geändert hätten. Er selbst sei zwar geimpft geworden, aber es habe bei ihm nicht funktioniert und sei sowieso nutzlos. Außerdem sei er die ganze Zeit bei seinem Vater gewesen und habe diesen gepflegt, seit er krank geworden sei und habe trotz des engen Kontakts während dessen Erkrankung keinerlei Krankheitssymptome verspürt.

I was vaccinated as a matter of form and in compliance with the desire of the local authorties. My vaccination did not take and I don’t think it was of any benefit. I have been with my father, personally attending him almost constantly since he became ill, and I can say positively that I have felt no ill effects from my close contact with him during his illness

Es ist interessant zu bemerken, in welchem Ausmaß Menschen zur Realitätsverweigerung fähig sind. Wenn selbst die eigene Erkrankung sie nicht wachrütteln kann, wie sollen das Diskussionen in einem Blog tun?

Pfeiffer wurde später Präsident der “American Psychic Society” und hielt Vorträge, wie man mit dem Geist die Physis beherrschen könne.

Durgin wurde zwar für sein Vorgehen zu Recht kritisiert, aber da niemand starb und es zu keinen weiteren Ausbrüchen um Pfeiffer kam, dieser außerdem verspottet und die Stadt durchgeimpft wurde, schrieb der Boston Herald: “Chairman Durgin comes up smiling”. 1912 ging er im Alter von 73 Jahren in Pension, vom Gesundheitsverband für seine Bescheidenheit, Bereitschaft zum lebenslangen Lernen und Verdienste für die Medizin hoch gelobt.

9-jährige stirbt an FSME April 27, 2012 | 11:01 am

In Kärnten, im Bezirk Villach-Land, ist tragischerweise am Dienstag die 9-jährige Chiara an einem Zeckenbiss gestorben. Der erste Todesfall durch FSME dieses Jahr in Österreich.

Die Mutter hatte vor zweieinhalb Wochen eine Zecke entdeckt und diese entfernt. Kurz darauf hatte die kleine Chiara über Kopfschmerzen und Müdigkeit geklagt. Die Eltern haben schnell reagiert und das Kind ins Krankenhaus gebracht. Dort stellten die Ärzte eine Hirnhautentzündung fest und nach einer Woche auf der Intensivstation verstarb das Mädchen.

Gegen FSME gibt es keine Behandlung. Man kann zwar gegen die Symptome etwas tun, aber ein wirkliches Mittel hat man nicht zur Verfügung.

Das Mädchen war unzureichend geimpft; es hatte zwar eine Impfung bekommen, da es diese jedoch laut Eltern nicht so gut vertrug, nahmen diese Abstand von den weiteren notwendigen Impfungen. Erst ab der zweiten gilt die Impfung als wirksam. Wir möchten nicht in der Haut der Eltern stecken, wenn man sich im Nachhinein fragen muss, was gewesen wäre, wenn …

Es ist sicher eine schwere Entscheidung, wenn man nur das Beste für sein Kind will. Impfungen haben wie alle Medikamente Nebenwirkungen; man muss als Elternteil Entscheidungen treffen. Das ist sicher nicht immer leicht. Die Eltern von Chiara haben ihr Kind verloren, daher bitten wir unsere Leser von zynischen oder abfälligen Bemerkungen Abstand zu nehmen.

Die Impfung (umgangssprachlich auch gerne “Zeckenschutzimpfung” genannt) ist das einzig wirksame Mittel gegen die Krankheit und verleiht 99%igen Impfschutz. Eine Impfung steht seit 1981 zur Verfügung und seither reduzierten sich die Fallzahlen vor allem bei den unter 50-jährigen stark (insgesamt ca. 2/3 Reduktion).

In Österreich mussten aber 2011 noch immer 113 Menschen in stationäre Behandlung, vier Patienten verstarben. Im Vorjahr 2010 mussten nur 63 Menschen ins Krankenhaus und es gab nur einen Toten. Laut Umfragen von 2011 hat auch jeder dritte Österreicher keinen ausreichenden Impfschutz. Für 2012 droht laut Experten ein besonders starkes Zeckenjahr und besondere Gefahr für die vielen Ungeimpften.

Sie können sich über Hochrisikogebiete auf zecken.at informieren, wobei sie vielleicht von der dortigen Karte überrascht sein werden. Flächenmäßig ist Deutschland das weit größere Hochrisikogebiet.

Von Impfgegnern werden übrigens oft 2 Gründe angeführt, wenn sie gegen die FSME-Impfung wettern:

* Schützt nicht vor Borreliose
Das ist zwar richtig, aber ein Schutzhelm auf der Baustelle schützt auch nicht davor, sich das Bein zu brechen. Soll man ihn deswegen nicht tragen?

* “Wirft der Pharmamafia Geld in den Rachen”
Darauf gibt es nur eine Antwort: “Wieviel kostet ein Menschenleben?”

Die Impfung kostet nun wirklich nicht die Welt, die Nebenwirkungen sind gut bekannt und auf Seiten wie zecken.at und zecken.de kann man sich umfassend über das gefährlichste Tier Europas informieren. Nehmen Sie sich die paar Minuten und folgen Sie den Impfempfehlungen. Auch die verbliebenen Fälle jedes Jahr müssten nicht sein.

Vorbeugen – Schützen – Immunisieren April 22, 2012 | 12:04 am

Die Europäische Impfwoche 2012 wurde gerade eingeläutet und der erste Blog von Seth Berkley ist online. Berkley ist seit Herbst der Chef der GAVI (Globale Allianz für Impfstoffe und Immunisierung), die von Bill Gates aus dem Boden gestampft wurde. (Lesenswert, wie wir unbescheiden meinen)

Ziel ist es, durch Zugang zu Impfungen in Entwicklungsländern Menschenleben zu retten und die Gesundheit der Menschen zu verbessern. Seth Berkley zeigt sich enthusiastisch und schreibt von den Millionen Leben, die verändert wurden; Kindern, die gesund blieben, zur Schule gehen; Eltern, die sich weniger Sorgen um kranke oder verkrüppelte Kinder machen müssen.

Er wird diese Woche zum Start von Impfkampagnen gegen Pneumokokken und Rotavirus nach Ghana reisen. Ghana ist bestrebt, die Millennium-Ziele zu erreichen, also die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zu senken.

Hier ein kurzes Video, in dem Seth Berkley bei TED über Impfungen für HIV und die Grippe spricht. Passt zwar nicht ganz in den Kontext, ist aber superspannend!

(Auf der TED-Seite sind Untertitel in 24 Sprachen vorhanden)

Aber es geht ja um die European Immunization Week. Wie schaut es in Europa aus?

Einen Überblick kann man sich über eine interaktive Karte holen, die für viele Krankheiten den weltweiten Status zeigt.

Wer zur Fußball-EM in die Ukraine fahren will, sollte sich gegen die Masern impfen lassen. Es gab dieses Jahr schon wieder 5.000 Fälle.

Der deutsche Raum war bisher masernfrei und es wäre schön, wenn das so bleibt! Die Schweiz legt jedenfalls nach (motiviert durch 679 Masernfälle 2011) und versucht die Bevölkerung zum Impfen zu bewegen. Auch Österreich beteiligt sich natürlich, Details hier.

In Großbritannien gab es wieder mehrere Ausbrüche, letztes Jahr war sehr schlimm. Die BBC berichtet auch, dass die benötigte 95%-Durchimpfungsrate kaum erreicht wird; zumindest in Teilen von Wales sind 11% der 5-jährigen nicht ausreichend geimpft.

Frankreich hatte letztes Jahr das schlimmste Masernjahr seit Ewigkeiten, in ganz Europa gab es mehr als 37.000 Fälle. Mit mehreren Toten. 2011 war auch das schlimmste Masernjahr der USA seit 15 Jahren.

Es war übrigens geplant, dass die Masern mittlerweile ausgerottet seien, aber das ist leider nicht der Fall. Unsere regelmäßigen Leser wissen, dass Impfgegner für diese bedauerliche Situation verantwortlich zeichnen.

Bei der Kinderlähmung haben wir es zumindest in Europa geschafft, die Masern sollten doch genauso möglich sein. 650.000 Kinder in der Europäischen Region erhalten die erste Dosis des Masernimpfstoffes nicht – ändern wir das doch!

Die “Südländer” unter uns, die von Zecken betroffen sind, möchten wir an dieser Stelle noch einmal an die FSME-Impfung erinnern. In Österreich ist der Impfstoff zur Zeit verbilligt zu haben.

Gegen diese Impfung haben Impfgegner üblicherweise zwei Einwände: Sie schützt nicht vor Borreliose und die Impfmafia verdient daran.

In diesem Sinne möchten wir Sie dazu auffordern, auf Baustellen auf Helme zu verzichten. Diese schützen Sie nicht vor Beinbrüchen und die Schutzhelmmafia verdient daran!

Coole Forschung gegen Krebs April 18, 2012 | 06:46 pm

Wir haben ja vor kurzem berichtet, dass 47 von 53 Krebsstudien nicht replizierbar seien und im Artikel auch erklärt, warum das sowohl tragisch als auch kein Problem für die Wissenschaft an sich ist.

Als Gegensatz möchten wir einen kurzen Blick darauf werfen, woran gerade (hoffentlich erfolgreich) geforscht wird. Man bekommt ja vielleicht einen negativen Eindruck, wenn man Schlagzeilen wie die obige liest. Dem wollen wir ein wenig entgegenwirken und schreiben über:

* Impfungen, die “direkt” gegen Krebs wirken
* Viren, die nur Krebszellen töten
* durch HIV genetisch modifizierte T-Zellen, die Leukämie bekämpfen

Forschung ist einfach cool!

Man wird uns also hoffentlich vergeben, wenn wir die Skepsis ein wenig zur Seite legen und die folgenden Forschungsergebnisse einfach toll finden. Es ist fantastisch, mit welchen Ideen geforscht wird, welche Wege beschritten werden. Viele sind eine Sackgasse, nicht alles davon wird funktionieren, möglicherweise schwere Seiteneffekte haben, aber allein die Ideenvielfalt ist bewundernswert.

Impfung gegen Krebs
Sehr spannend ist eine relativ aktuelle Meldung, die uns vor allem auch deswegen berührt, weil es sich um eine Impfung gegen Krebs handelt. Es geht dabei um Mucin-1 (von mucus: Schleim), ein Protein, welches bei Krebszellen sehr häufig auftritt. Es wird daher schon lange vor allem bei Brustkrebs als Tumormarker eingesetzt.

Die Idee ist nun, dass man dem Immunsystem beibringt, dass es Zellen, die diesen Marker tragen, als “feindlich” einstuft. Wenn das Immunsystem solche Zellen nun angreift, wird das Tumorwachstum zumindest gebremst. Die Impfung wird dabei Kranken verabreicht, nicht wie üblich zur Prävention (wobei auch das bei Risikofällen angedacht ist).

In der angesprochenen Meldung geht es um ImMucin, einen Impfstoff auf dieser Basis, der von einer israelischen Firma gerade in Versuchen der Phase I/II am Menschen getestet wird.

Die ersten (nicht publiziert, nicht peer-reviewed!) Ergebnisse sind vielversprechend. Fünfzehn Patienten mit einer Form von Knochenmark-Krebs werden zur Zeit behandelt. Sieben Patienten haben die Behandlung abgeschlossen – alle mit reduzierter Anzahl von Tumormarkern, drei der Patienten sind in Remission.

Einige Kommentatoren haben zwar schon den Begriff Wundermedikament fabuliert, was im aktuellen Stadium der Versuche leider völlig übertrieben ist, aber die Technologie ist doch sehr vielversprechend.

So wird von der Konkurrenz z.B. Stimuvax bereits in Phase III getestet. In Phase II konnte gezeigt werden, dass in der Gruppe der Patienten, die zusätzlich zur bestmöglichen Versorgung den Impfstoff erhielten, nach 3 Jahren mehr als doppelt so viele am Leben waren.

Viren gegen Krebs
Auf der anderen Seite hat man begonnen daran zu arbeiten, Viren gegen Krebs einzusetzen. Man spricht hier von onkolytischen Viren und versucht diesen im Endeffekt “beizubringen”, nur Krebszellen zu befallen. Viren werden auf neue Ziele ausgerichtet, bewaffnet und vor dem Immunsystem geschützt.

Es konnte mit Pockenviren nachgewiesen werden, dass solche speziell konstruierten Viren sich nur in Krebszellen ausbreiten und dort auch zumindest bei 25% der Patienten das Tumorwachstum gebremst haben. Ziel dieser Studie war es übrigens nicht, die Wirksamkeit im Sinne einer Krebsheilung, sondern nur die prinzipielle Funktionalität sowie die Sicherheit einer solchen Behandlung nachzuweisen.

Es gibt mehrere Ansätze, von mehreren Forscherteams, auf der Basis verschiedener Viren. So werden z.B. Masernviren getestet, die einfach nur neue “Zielvorgaben” bekommen. Gefährlich sind sie selbst genug. Manche dieser Verfahren sind schon im Stadium der Phase III, z.B.: OncoVEX und REOLYSIN.

HIV modifizierte T-Zellen gegen Krebs
Besonders interessant, aber leider auch mit sehr schwacher Datenbasis ist ein Erfolg, den Forscher in Pennsylvania veröffentlicht haben. Sehr, sehr frühes Stadium, trotzdem so spannend, dass man es erwähnen muss.

Bei dem experimentellen Verfahren wurde eine harmlose Variante von HIV genutzt, um Gene in weiße T-Zellen einzufügen. Ziel war es, diese so zu verändern, dass sie Krebszellen angreifen. Eine “kleine” Menge dieser genetisch modifizierten Zellen wurde den Patienten injiziert und vermehrte sich. Mit Chemotherapie wurden vorher die normalen T-Zellen reduziert, um “Raum” für die modifizierte Variante zu schaffen.

Als die Forscher anstrebten, ihren Versuch in der Praxis zu testen, wurde von der pharmazeutischen Industrie und dem National Cancer Institute abgewinkt bzw. nicht finanziert. Mit Geldern einer Krebsstiftung konnte das experimentelle Verfahren doch noch an insgesamt drei Patienten mit Leukämie durchgeführt werden.

In der New York Times wurde das Ergebnis anhand des ersten Patienten besprochen. Der Krebs war weit fortgeschritten, der Mann hatte nach eigener Aussage “nichts mehr zu verlieren”.

Zehn Tage nach der Injektion mit den genetisch modifizierten Blutkörperchen traten schweres Fieber und weitere grippe-ähnliche Symptome bei dem Mann auf, er wurde auf die Intensivstation gebracht und man befürchtete sein Ableben. Aber das Fieber verschwand wieder und dabei nahm es die Leukämie mit. Weder im Blut noch im Knochenmark konnten Krebszellen nachgewiesen werden.

Bei einem weiteren Patienten war der Effekt ähnlich, beim dritten wurden nur 70% der Krebszellen vernichtet. Der dritte Patient wurde in dem fraglichen Zeitraum auch mit Steroiden behandelt. Ob diese einen Einfluss hatten oder andere Faktoren die Wirksamkeit reduzierten, ist unklar.

Man muss wohl einschränkend explizit erwähnen, dass dies nur drei Patienten waren, es somit kaum mehr als Anekdoten sind und die Forscher noch nicht einmal sicher wissen, warum es so gut funktioniert hat. Es wird daher noch Jahre dauern, bis solide Erkenntnisse da sind.