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Das Massaker der Verschwörungsszene. June 1, 2012 | 11:25 am

Das Massaker in der syrischen Stadt Al-Hula, bei dem mindenstens 100 Menschen ermordet wurden, beschäftigt auch in Deutschland Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten. Doch zuvor hatte die syrische Despotie eine Untersuchungskomission eingesetzt, die die mörderischen Ereignisse in ihrem Sinne deutete. Es seien „800 aufständische Kämpfer” gewesen, die für das Massaker verantwortlich seien, behauptete der Leiter der für die Aufklärung des Massakers zuständigen Untersuchungskommission, Kassem Dschamal Suleiman, bei einer Pressekonferenz. Ziel des Massakers sei es gewesen, die Unruhe zwischen verschiedenen Religionsgruppen zu schüren. Diese Darstellung fand ihren Weg in die Blogs und Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, nachdem ein russischer Aktivist einen eigenen Bericht geschrieben hatte.

Die Rede ist von Marat Musin (s. Foto), der seit Monaten für das syrische Regime aktiv ist. In den deutschen Blogs der Verschwörungsszene wird Musin als unabhängiger Journalist dargestellt, der lediglich aus der Region berichten würde. Interviews mit dem Fernsehsender „Russia Today” und sein Weblog „ANNA-News”, der sich der „Wahrheit” verschrieben hat, verstärken diesen Eindruck noch. Doch Marat Musin ist kein unabhängiger Journalist, sondern stellvertretender Vorsitzender eines Solidaritäts-Komitees, in dem auch Holocaustleugner und Islamisten aktiv sind.

Für das russische „Komitee für Solidarität mit den Völkern Libyens und Syriens” tritt Marat Musin als einer der stellvertretenden Vorsitzenden auf. In Vorstand des Komitees finden sich einige antisemitische Gestalten, so zum Beispiel Israel Shamir. Es handelt sich um einen antisemitischen Holocaustleugner, der sich mit der Frage beschäftigt „wie die Verschwörung der Weisen von Zion zerschlagen werden kann”. In einem seiner Artikel spricht Shamir von einer Elite, die er — so die antisemitische Chiffre — im „Osten Manhattans” verortet. Shamir hat sich  einem mörderischen Antisemitismus verschrieben. Er ruft beispielsweise dazu auf „die Bastarde an den Straßenlaternen” aufzuhängen. Mit diesem antisemitischen Holocaustleugner arbeitet der angeblich unabhängige Journalist Musin im Solidaritätskomitee zusammen, sie eint das Eintreten für die Diktatur in Syrien. Der Vorsitzende des Solidaritätskomitees ist Sergej Baburin, ein Wortführer der antisemitischen Nationalisten in Russland.

In ihrem Solidaritätskomitee sind aber auch Islamisten, wie Jamal Hyder vom „Islamischen Zentrum Russlands” (IZR), aktiv. Außerdem unterstützt der Aktivist Maxim Shevchenko das Komitee. Er will eine „zionistische Bedrohung” ausgemacht haben, die „hunderte Politiker, Journalisten, Geheimdienstler, Geschäftsleute” und einen „finanziellen Kreis” umfassen würde. Shevchenko glaubt im paranoiden Wahn, der so typisch für Antisemiten ist, dass er von Mitgliedern des „Jüdische Kongress Russlands” (REK) durch Mordankündigungen bedroht werden würde. Antisemiten, Islamisten und Holocaustleugner: Das sind die Kompagnons des angeblich unabhängigen Journalisten Marat Musin, den deutsche Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten als Kronzeugen entdeckt haben.

Nachdem das Regime am 27.05 behauptet hatte, dass das Massaker in Hula auf „aufständische Kämpfer” zurückzuführen sei, veröffentlichte Marat Musin am 30.05 nämlich mehrere Artikel und Interviews, mit dem er die Theorien des syrischen Regimes bestätigen wollte. Er schrieb von einer „Säuberungsaktion”, für die er „Terroristen”, „Banditen” und die „Freie Syrische Armee” verantwortlich machte. Diese hätten „mehrere Familien des Al-Saed-Clans mit insgesamt 20 Kindern sowie Familien des Clans Abdur Razak ausgelöscht”. In einem seiner Berichte präsentierte der stellvertrende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees die Aussagen einiger Soldaten, dort bezeichnete er die Berichte von UNO-Beobachtern als „dummen Scherz für den UN-Sicherheitsrat”. Die Augenzeugenberichte von Überlebenden des Masssakers wurden dafür von ihm verschwiegen. Stattdessen lieferte Musin ein verschwörungsideologisches Motiv: „Das Ziel der Provokation war es, den Zorn und die Entrüstung der Weltöffentlichkeit hervorzurufen, (…) welche den Weg für eine militärische Intervention durch die NATO geebnet hätte”.

Diese Propaganda des stellvertretenden Vorsitzenden Musin fand über dessen Internetseite „ANNA-News” den Weg nach Deutschland. Die englischsprachigen Versionen seiner Artikel wurden schnell ins Deutsche übersetzt und auf verschiedenen Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, in nationalsozialistischen Weblogs und auf den Seiten deutscher Anti-Imperialisten veröffentlicht. Ein Artikel wurde beispielsweise von Jens „Cheffe” Blecker publik gemacht, der die verschwörungsideologische Internetseite „Infokrieger-News” betreibt. Blecker begründete die Veröffentlichung in einer Weise, die keine Fragen offen läßt: „Natürlich passt er auch in mein Weltbild und bestätigt meine Vorurteile”, schrieb der deutsche Verschwörungsideologe. Der ebenso deutsche Anti-Imperialist Harald Pflueger verwies in seinem Weblog ebenfalls auf die Artikel, die Nationalsozialisten von der „Sache des Volkes” schrieben von der „Al-Hula-Lüge”. In allen Fällen wurden die Machwerke des Marat Musin als Quelle angeführt.

Mit seiner Propaganda für das syrische Regime erreicht der stellvertretende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees zwar keine große Öffentlichkeit, dafür aber die deutsche Verschwörungsszene und andere Gestalten, die seine Deutung des Massakers nur zu gerne glauben wollen. Marat Musin dürfte dies auch in Zukunft gelingen. Sein Netzwerk aus antisemitischen Hetzern, die mit ihrem Solidaritätskomitee Propaganda für das syrische Regime verbreiten, liefert nämlich genau die Pseudo-Informationen, die nicht nur in den Kreisen der deutschen Verschwörungsszene so ungeheuer beliebt sind.