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Radiosplitter #1 – Gesellschaftskritisches April 4, 2017 | 09:52 pm

Seit anderthalb Jahren führe ich immer wieder Interviews im Rahmen des tagesaktuellen Programms von Radio Corax. Da diese Beiträge auf der Austauschplattform der freien Radios einigermaßen unsystematisch verstreut sind, möchte ich an dieser Stelle einige ausgewählte Interviews zusammenstellen. Die Interviews stelle ich in mehreren Beiträgen thematisch geordnet zusammen: Kultur und Gegenkultur, Kritische Theorie, Geschichte der Arbeiterbewegung, Antifaschismus, Geschichte der Hausbesetzerbewegung, Radiogeschichte, Psychologie und Geschlechterverhältnis – das sollen einige grobe Ordnungskategorien sein. Im Sinne einer umfassenden Gesellschaftskritik sollen alle diese Beiträge verstanden sein – in der ersten Folge finden sich Interviews, die in keine der obigen Ordnungskategorien so recht hineingepasst haben und daher unter dem groben Stichwort „Gesellschaftskritisches“ versammelt werden. Dabei handelt es sich zum großen Teil um Interviews, die sich um Sozialpolitik als soziale Kontrolle drehten – zuletzt mit einem Exkurs zur postmodernen Bildungstheorie. Die einzelnen Beiträge sind jeweils mit weiterführenden Links versehen. Mit der untenstehenden Übersicht könnt ihr zu den einzelnen Audiobeiträgen springen:

Zur Kritik des Sozialstaats
Zur Geschichte der Überwachung von Erwerbslosen
Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft
Der ›Trainingsraum‹ als neoliberales Strafarrangement

Zur Kritik des Sozialstaats

Wenn von Armut die Rede ist, dann wird der Sozialstaat beschworen. Der Staat müsse sich seiner sozialen Funktion gewahr werden und Verarmungstendenzen abmildern oder die Mittelschicht stärken. Demgegenüber weist Christian Frings darauf hin, dass der Sozialstaat immer eine disziplinierende Funktion hatte, gegen die Autonomie von Arbeiterorganisierung gerichtet ist und Armut als Voraussetzung des Arbeitszwangs verewigt. Eine linke Kritik des Sozialstaats ist seit den 80′er Jahren weitgehend aus den Debatten verschwunden. Der Sozialstaat wird als eine erkämpfte Errungeschaft gesehen, die es gegen neoliberale Bestrebungen zu verteidigen gelte. Ich habe Christian Frings zunächst gefragt, ob der Sozialstaat tatsächlich eine Errungeschaft darstellt. Am Ende des Gesprächs sind wir auch darauf eingegangen, welche Rolle eine Kritik des Sozialstaats in der Flüchtlingsdebatte spielen könnte oder sollte. Text von Christian Frings zur Kritik des Sozialstaats | Text von Ingo Stützle zu Sozialstaat und Flüchtlingsdebatte | Text der Wildcat zur Kritik des Sozialstaats | Paul Lapinski: Der ‚Sozialstaat‘. Etappen und Tendenzen seiner Entwicklung | Interview mit Silke van Dyk über Sozialpolitik im flexiblen Kapitalismus | Vortrag zur Kritik des Sozialstaats (mp3) | Rodenstein/Rödel/Stille/Guldimann: Starnberger Studien 2 – Sozialpolitik als soziale Kontrolle (Suhrkamp, 1978).

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Zur Geschichte der Überwachung von Erwerbslosen

Kontrolle, drakonische Disziplinierungsmaßnahmen und Verfolgung von Erwerbslosen gibt es schon seit den Anfängen des Kapitalismus im 12. Jahrhundert. Einer, der die Stigmatisierung von Erwerbslosen zum Programm erhoben hat war übrigens Martin Luther, der den Satz bekannt gemacht hat: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen.“ Im Gespräch mit Radio Corax hat Anne Allex berichtet, welche Repressionsmaßnahmen gegen Arbeitslose es in dieser Zeit gegeben hat. Anne Allex ist an verschiedenen Erwerbsloseninitiativen beteiligt und hat sich sozialhistorisch mit der Stigmatisierung von Erwerbslosen auseinandergesetzt. Aus dem Interview mit Anne Allex habe ich außerdem eine längere Radiosendung produziert, die hier (via Mediafire) heruntergeladen werden kann. Zur Homepage von Anne Allex.

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Faul! Der lange Marsch in die kapitalistische Arbeitsgesellschaft

Mit der Repression gegen Arbeitsunwillige hat sich auch ein Interview beschäftigt, das ich mit Hans-Albert Wulf geführt habe. Der hat zur Geschichte des Ressentiments gegen Faulheit geforscht und dazu 2016 ein Buch veröffentlicht – über dieses Buch habe ich mit ihm gesprochen. Das Interview ist nach meinem Geschmack etwas kurz ausgefallen und die wichtigen Punkte werden jeweils nur kurz angerissen – das Interview macht aber vielleicht neugierig auf das Buch von Wulf.

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Der ›Trainingsraum‹ als neoliberales Strafarrangement

Überwachung, Bestrafung, Kontrolle, Disziplinierung – das findet auch in der Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts statt. Allerdings in veränderten Formen. Das lässt sich beispielsweise an der gegenwärtigen Ausrichtung der Bildungswissenschaft ablesen. Mit Ludwig Pongratz – einem maßgeblichen Autor der kritischen Bildungstheorie – habe ich über aktuelle Paradigmen der Pädagogik und Bildungswissenschaft gesprochen. Es geht um einen Begriff der Bildung zwischen Emanzipation und Zurichtung. Das Interview fand im Vorfeld eines Vortrags von Pongratz statt, der im Rahmen einer Veranstaltungsreihe des [KriLe] stattfand – mit den VeranstalterInnen der Reihe habe ich ebenfalls ein Interview geführt, das hier nachgehört werden kann.

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SUBjektiv – Ærgernis September 5, 2016 | 10:13 pm

Ich war im April zu Gast bei der schönen Punkrock-Sendung SUBjektiv auf Radio Corax und habe ein paar Schallplaten ausgepackt. El Nicotico hat noch ein paar draufgesetzt und so hat sich (m.E.) eine ziemlich schöne Playlist ergeben – Fachgesimpel inklusive. Alle SUBjektiv-Sendungen zum Nachhören gibt es übrigens hier.

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Aus dem Abseits August 30, 2016 | 01:55 pm

Zur Zeit ist in der Mediathek von 3sat der Film „Aus dem Abseits“ zu sehen. Der Film von Simon Brückner geht den Spuren von dessen Vater Peter Brückner nach – kritischer Sozialpsychologe, Staatskritiker, Theoretiker der Neuen Linken. Obwohl es ein sehr persönlicher Film ist, in dem die Beziehung zwischen Vater und Sohn eine zentrale Rolle spielt, ist der Blick nicht „personalisierend“ und ohne Kitsch. Es geht darum, inwiefern die Biographie Peter Brückners die Konflikte und Widersprüche einer Epoche enthält. Ich habe kurz nach Erscheinen des Films ein Interview mit Simon Brückner geführt:

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Hier gibt es außerdem ein schriftliches Interview mit Simon Brückner. Der Film ist noch bis zum 05.09.2016 in der 3sat-Mediathek abrufbar1. Weiterführend empfohlen (jeweils antiquarisch zu erwerben):

■ Johannes Agnoli / Peter Brückner: Die Transformation der Demokratie
■ Peter Brückner / Barbara Sichtermann: Solidarität und Gewalt. Zur Ermordung Ulrich Schmückers durch Genossen
■ Peter Brückner: Das Abseits als sicherer Ort

  1. Danach lohnt sich eine Anfrage über die Kommentarspalte. [zurück]

Aspekte des Fußballs July 19, 2016 | 11:19 am

Alle reden vom Wetter. Ich nicht. Und als die Fußball-EM in Frankreich vorbei war – da habe ich angefangen über Fußball zu sprechen und mich in einem dreistündigen Magazin auf Radio Corax ganz dem Rasensport gewidmet. Es ging um innenpolitische Maßnahmen während der Fußball-EM in Frankreich, um Fußball-Diskurse im deutschen Kaiserreich, antifaschistischen Fußball, um die Kritik der Fußball-Ideologie und um die Rolle der Ultras in den Revolten der letzten Zeit. Untenstehend stelle ich alle Beiträge und Interviews zur Verfügung, die ich im Rahmen dieses Magazins gesendet habe.

1. Fußballgeschichten

Ich habe zunächst aus dem Umfeld von Radio Corax einige Fußball-Geschichten gesammelt. In der Collage kommen eigentlich die meisten Aspekte schon zur Sprache, die ich dann im Folgenden bearbeitet habe.

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2. Die innenpolitischen Folgen der Fußball-EM in Frankreich 2016

Anschließend habe ich mit dem Frankreich-Korrespondenten nahezu aller deutschsprachigen linken Medien, Bernhard Schmid, gesprochen und ihn nach den innenpolitischen Folgen der Fußball-EM in Frankreich gefragt. Ausgangspunkt des Gesprächs war ein Foto, das ich bei Facebook entdeckt hatte: Zu sehen war das Public Viewing des EM-Finales in Paris vor dem Eiffelturm. Auf der einen Seite des Eiffelturms die Zuschauer-Mengen vor der riesigen Leinwand – auf der anderen Seite eine riesige Tränengaswolke. Davon ausgehend haben wir darüber gesprochen, wie sich die Bewegung gegen die Arbeitsrechtsreform während der EM entwickelt hat, über Verdrängung und Gentrifizierung angesichts dieses Großereignisses und die Situation von Geflüchteten während der EM.

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3. Das Subjekt des Fußballs

Ende des letzten Jahres ist im Transcript-Verlag ein Buch erschienen, das sich mit der Geschichte der Fußball-Diskurse im deutschen Kaiserreich beschäftigt: „Das Subjekt des Fußballs – Eine geschichte bewegter Körper im Kaiserreich“ von Jörn Eiben. Er untersucht die Akzeptabilitätsbedingungen des Fußballs im Kaiserreich anhand folgender Problemachsen: Gesundheit, Männlichkeit, Militärtauglichkeit. Ein Kapitel widmet sich dem Verhältnis von Fußball und Nation. Ich habe mit Jörn Eiben gesprochen und ihn zunächst danach gefragt, warum er für seine Forschung den Zeitraum von 1874 bis 1918 ausgewählt hat.

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4. Linker, antifaschistischer Fußball – der Rote Stern Leipzig

Der Rote Stern Leipzig versteht sich als ein linker, politischer Fußballverein und wirkt in diesem Sinne in die sächsische Fußballlandschaft hinein. Ich habe mit Jens Frohburg, dem Stadionsprecher des Roten Sterns, über das Selbstverständnis des Vereins gesprochen. Zunächst habe ich gefragt, wie es im Jahr 1999 zur Gründung des Roten Sterns kam.

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5. Zur Kritik des Fußballnationalismus

Anhand der Fußball-Europa- oder Weltmeisterschaften wird immer wieder auch über das Selbstverständnis der deutschen Nation diskutiert. Seit 2006 sind in Deutschland wieder Fahnenmeere angesagt – und man versichert sich gegenseitig, völlig unverkrampft zu sein und nichts mit Nazis zu tun zu haben. Der Fußballnationalismus unterscheidet sich auch tatsächlich vom Nationalismus der Nazis. Zur Kritik des Fußballnationalismus hier ein Ausschnitt aus einem Vortrag von Jonas Köper (Redaktion Gegenstandpunkt) aus dem Jahr 2014 (hier geht’s zum ganzen Mitschnitt).

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6. Fußball als Ideologie

Im Jahr 1970 ist ein Buch erschienen, das den schmissigen Titel „Fußball als Ideologie“ trägt. Sein Autor, Gerhard Vinnai, ist Sportsoziologe und er ist 1970 dazu angetreten, den Fußball einer grundlegenden Kritik zu unterziehen. Insbesondere geht er der Frage nach, warum es ausgerechnet dem Fußball gelingt, noch Massen zu mobilisieren und welche ideologische Funktion die Fußballanhängerschaft im Kapitalismus einnimmt. Auch nach der Veröffentlichung seines Buches hat er mehrere Aufsätze über Sport im Allgemeinen und Fußball im Besonderen geschrieben (zu empfehlen etwa „Eigentore – Zur ideologischen Funktion des Fußballsports“). Ich habe ihn zunächst gefragt, unter welchen Bedingungen und Eindrücken damals sein Buch entstanden ist.

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7. Zwischen Aufstand und Eigentor

In der letzten Ausgabe der Zeitschrift „Kosmoprolet“ ist ein Text erschienen, der sich mit der Rolle der Ultras in den Aufständen der letzten Jahre beschäftigt. Der Artikel ist sehr lesenswert – insbesondere auch, weil er einen Überblick über die Geschichte der Hooligans und Ultras gibt. Im zweiten Teil werden sich dann exemplarisch drei Revolten genauer angeschaut: In Ägypten, in der Türkei und in der Ukraine. Insbesondere der letzte Fall zeigt die Ambivalenz der Ultra-Bewegung, die immer wieder auch nach rechts offen ist. Ich habe mit dem Autoren des Textes, Ralf Heck, telefoniert und ihn zunächst gefragt, wer die Ultras sind und wo sie herkommen.

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Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 July 10, 2016 | 12:45 pm

Als „mitteldeutsche Märzkämpfe“ oder „mitteldeutsche Märzaktion“ wird eine Streik-Aktion bezeichnet, mit der im Jahr 1921 KPD und KAPD auf einen Schupo-Einsatz reagierten, der die Entwaffnung von Arbeitern im Mansfelder Land zum Ziel hatte. Im Zuge der Aktion kam es zu heftigen Zusammenstößen zwischen bewaffneten Arbeitern auf der einen Seite und Schupo und Reichswehr auf der anderen Seite – aufsehenerregend waren in diesem Zusammenhang vor allem die Aktionen von Max Hölz und seiner Truppe. Der geplante Generalstreik konnte nicht erreicht werden und die Aktion bedeutete in der Konsequenz einen Rückschlag für die radikalen Arbeiter. Die mitteldeutschen Märzkämpfe sind ein nicht zu unterschätzendes Ereignis innerhalb der Geschichte der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik – ein Puzzleteil für das Verständnis einer Reihe von Klassenkämpfen, der Spaltung der Arbeiterparteien und letztlich der Niederlage der Arbeiterbewegung vor dem Nationalsozialismus. Ich habe im März dieses Jahres im Morgenmagazin auf Radio Corax eine kleine Reihe zu den Märzkämpfen gemacht – untenstehend dokumentiere ich die darin gesendeten Beiträge. Hilfreich zum Verständnis: Eine Chronik des Jahres 1921.

1. Zur Geschichte der mitteldeutschen Märzkämpfe

Zur Eröffnung der Reihe gibt es eine kleine Einführung ins Thema, wofür ich u.a. den Auszug aus dem Vortrag „Ein Bürgerkrieg in Deutschland – Zu Theorie und Praxis des antiautoritären Kommunismus 1914 – 1923“ von Seb Bronsky verwendet habe.

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2. Kapp-Lüttwitz-Putsch und Generalstreik

Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 sind nicht zu verstehen ohne die Ereignisse des Vorjahres: Den Kapp-Putsch und dessen Abwehr durch einen der größten Generalstreiks in der deutschen Geschichte. Zu Wort kommt der Hallenser Historiker Erwin Könnemann, der Anfang dieses Jahres leider verstorben ist. Im zweiten Teil folgt eine Lesung aus dem Buch „Ruhe und Ordnung“ von Ernst Ottwald.

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3. Karsten Rudolph zur Geschichte der Mitteldeutschen Märzkämpfe

Karsten Rudolph ist Historiker und arbeitet am Bochumer Institut für soziale Bewegungen. Im Interview geht es um die Ursachen und den Auslöser der Märzkämpfe, um die Rolle von Schutzpolizei, KPD und KAPD sowie um das Scheitern und die Folgen der Märzaktion. Ich habe zunächst nach der Quellenlage zur Märzaktion gefragt.

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4. Stefan Weber über die Mitteldeutschen Märzkämpfe

Stefan Weber hat eines der letzten bisher erschienenen Bücher über die mitteldeutschen Märzkämpfe geschrieben: Ein kommunistischer Putsch? Märzaktion 1921 in Mitteldeutschland (Dietz-Verlag, 1991). Es ist ein sehr genau recherchiertes Buch, das zahlreiche Quellen zusammenträgt und es ist gleichzeitig ein Diskussionsbeitrag innerhalb der Geschichtsforschung der DDR. In diesem Sinne ist es auch etwas gefärbt – so werden etwa Max Weber und die Linkskommunisten ohne eine ausführlichere Betrachtung als „Linkssektierer“ und „Abenteurer“ abgetan. Interessant ist vor allem die genaue Rekonstruktion der Diskussionen zwischen der KPD und der Kommunistischen Internationale, die vor, während und nach der Mäürzaktion stattfanden. Auch ihn habe ich zunächst nach der Quellenlage gefragt.

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5. Rätekommunismus in Deutschland – KAPD

Ein Jahr vor der Märzaktion hatte sich der linke Flügel der KPD abgespalten und die „Kommunistische Arbeiterpartei Deutschlands“ gegründet. Die KAPD hatte engen Kontakt zu den holländischen Rätekommunisten, kritisierte den Zentralismus der KPD, lehnte Parlamentswahlen und Gewerkschaften ab und entwickelte eine Kritik an der Sowietunion. Dennoch war die KAPD von 1920 bis 1921 Mitglied der III. Internationale – und so kam es auch in den mitteldeutschen Märzkämpfen wieder zu einer Zusammenarbeit mit der KPD. Über die KAPD habe ich mit Seb Bronsky gesprochen. Er schildert zunächst, wie es zur Abspaltung der KAPD von der KPD kam.

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Der zweite Teil ist ein Auszug aus einem Vortrag von Seb Bronsky, in dem er die Folgen schildert, die die Märzaktion für die Linkskommunisten in Deutschland hatte.

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Zum Verhältnis von Nationalstaat und Migrationskontrolle June 12, 2016 | 11:06 pm

Durchaus in Ergänzung zum vorherigen Beitrag spiegele ich hier ein Interview, das in der aktuellen Programmzeitschrift von Radio Corax abgedruckt ist. Es ist ein Interview mit Fabian Georgi, das einige Aspekte einer materialistischen Kritik der Migrationskontrolle sehr klar zusammenfasst. In der Juli-Ausgabe der Corax-Programmzeitung sind ein weiteres Interview und ein Kommentar zum Thema enthalten. Das Original-Interview mit Fabian Georgi kann untenstehend auch angehört werden.

Anzumerken bleibt, dass Fabian Georgi m.E. einen notwendigen Schritt nicht geht: Eine Kritik des Sozialstaats als solchem zu formulieren. Eine Kritik des Sozialstaats würde dann nicht nur die Genese des sozial-chauvinistischen Rassismus aufzeigen, sondern auch – indem sie aufzeigt, dass auch die hier ansässigen LohnarbeiterInnen letztlich am sozialstaatlichen Klassenkompromiss leiden, im Kompromiss eine unterlegene Partei bleiben – ein gemeinsames Interesse mit den Geflüchteten begründen. Zur Kritik des Sozialstaats sei auf den Artikel von Ingo Stützle in der Analyse und Kritik und auf den Kommentar von Christian Frings in der selben Corax-PZ-Ausgabe verwiesen. Demnächst auch hier dazu mehr.

Zum Verhältnis von Nationalstaat und Migrationskontrolle

Ein Gespräch mit Fabian Georgi

Die Juni-Ausgabe unserer Programmzeitung enthält mehrere Texte zur Kritik der deutsch-europäischen Migrationskontrolle. Hier könnt ihr die ungekürzte Version des Interviews mit Fabian Georgi nachlesen. Fabian Georgi arbietet am Marburger Institut für Politikwissenschaft im Fachbereich »Europäische Integration«. Einer seiner Forschungsschwerpunkte ist die europäische und internationale Migrationspolitik. Wir haben ein längeres Gespräch mit ihm geführt, in dem es um historische und strukturelle Aspekte der deutschen Migrationspolitik ging.

CORAX: Eine der wichtigsten Tendenzen in der Migrationspolitik scheint ihre Europäisierung zu sein. Wie lässt sich diese Tendenz beschreiben?

FABIAN GEORGI: Um die Entstehung der heutigen Migrationspolitik zu verstehen, muss man bis in die 1980er Jahre zurückgehen. In den Achtziger Jahren sind neue Migrations- und Fluchtbewegungen entstanden, die als „Neue Flüchtlinge“ bezeichnet wurden. Zuvor war Flucht in Westeuropa primär als Bewegung von „Opfern des Kommunismus“ verhandelt worden, die vom Osten in den Westen kamen und aus geostrategischen Gründen positiv aufgenommen worden waren. Doch ab Ende der 1970er Jahre suchten zunehmend Menschen aus dem globalen Süden Asyl in Europa. Die Lebensbedingungen in vielen Ländern des globalen Südens hatten sich in jener Zeit immer mehr verschlechtert – weil „Entwicklung“ scheiterte, weil soziale Konflikte zu Bürgerkriegen eskalierten, weil Militärdiktaturen regierten. Die linksliberale Kritik an der wachsenden Panik über die „Asylkrise“ in den Achtziger Jahren ging damals (und auch heute noch) dahin, zu sagen: „Das ist alles gar nicht so schlimm, so viele Leute kommen gar nicht – keine Hysterie, keine Panik.“ Das ist zum Teil richtig – und trotzdem muss man sehen, dass es eine echte soziale Bewegung von Menschen ist, die auf sich verschlechternde Lebensbedingungen, auf das Scheitern von Kapitalverwertung reagierte.

In den frühen Achtziger Jahren gab es also (ähnlich wie Anfang der 1990er Jahre in Deutschland) immer wieder alle paar Jahre große Panik über „Asylkrisen“. Und zu diesem Zeitpunkt begannen westeuropäische Staaten sich zu sagen: „Wir müssen anfangen zu kooperieren gegen die vermeintlichen Gefahren die von illegaler Migration und Asyl ausgehen.“ Diese Kooperation war bis in die Mitte der Neunziger Jahre vor allem zwischenstaatlich. Die eigentliche Europäisierung begann gegen Ende der Neunziger Jahre, mit dem Vertrag von Amsterdam im Jahr 1999, als Migrationspolitik in die „dritte Säule“ der Europäischen Union aufgenommen wurde. Wenn man sich das genauer anschaut, kann man verschiedene Politikbereiche unterscheiden: Es gibt Kooperation in Grenzfragen (für die heute Frontex das Symbol ist), es gibt Kooperation im engeren Sinne der Asylpolitik (also die gemeinsame Definition von sicheren Herkunftsstaaten, gemeinsame Standards für Asylverfahren, etc.), es gibt Kooperation in der Arbeitsmigrationspolitik (hier ist die europäische „Bluecard“ zu nennen, durch die hochqualifizierte, „nützliche“ Einwanderer nach Europa gebracht werden sollen), es gibt im Bezug auf die inner-europäische Migration das Konfliktfeld der Unionsbürgerschaft und das Schengen-Regime, das innerhalb der EU Freizügigkeit und die Zirkulation der Arbeitskraft garantieren soll. Was man im Bezug auf die Europäisierung der Migrationspolitik sehen kann, ist, dass in diesen verschiedenen Politikbereichen – Grenzen, Asyl, Arbeitsmigration, Unionsbürgerschaft – der Europäisierungsgrad sehr unterschiedlich ist. Während in der repressiven Kooperation – Grenzsicherung, Migrationsabwehr, Visa-Politik, etc. – eine relativ starke Kooperation da ist und hier etwa mit Frontex eine eigene Behörde existiert, ist das im Bereich von Asyl und Arbeitsmigration viel schwieriger. In diesen Fragen behalten sich die Staaten mehr Souveränität vor, wer auf ihr Territorium kommt und wer wieder gehen muss.

Deutschland spielt in der europäischen Flüchtlingspolitik eine wichtige Rolle. Wie lässt sich diese Rolle innerhalb des europäischen Gefüges beschreiben?

Viele Analysen haben gezeigt, dass Deutschland seit den frühen Neunziger Jahren die Rolle eines Motors der Repression und der restriktiven Transformation von Migrationskontrolle in Europa spielt. Deutschland war eines der ersten Länder, die 1993 mit dem Asylkompromiss die Konzepte des sicheren Herkunftsstaats und der sicheren Drittländer eingeführt haben, die zahlreiche Asylanträge als unbegründet definierten. Diese Grundprinzipien einer restriktiven Asylspolitik wurden nach und nach in ganz Europa angewendet und durchgesetzt – auch auf Betreiben von Deutschland. Man kann an vielen Kämpfen danach sehen, wie die deutsche Regierung ganz oft ein restriktiver Motor war. Das ist ein erstaunlicher Widerspruch zu den Dynamiken des „Sommers der Migration“ im Jahe 2015, wo die Regierung Merkel auf einmal eine sehr menschenfreundliche, liberale Rhetorik gefahren hat und sich als Hüterin der Menschenrechte darstellte. Das passt nicht zu dem, was Deutschland jahrzehntelang gemacht hat und auch nicht zu dem, was hinter den Kulissen und zunehmend davor immer noch abläuft.

Um auf die eher strukturelle Ebene zu gehen: Inwiefern hängen deines Erachtens Kapitalismus, bürgerlicher Staat und Migrationskontrolle zusammen?

Es ist ein komplexes Verhältnis. Zuerst muss man sagen, dass es ein widersprüchlicher Zusammenhang ist. Es gibt nicht eine Logik, die diesen Zusammenhang von Migration, Migrationskontrolle, Kapitalismus und Staat bestimmt, sondern da treffen widersprüchliche Prozesse aufeinander. Man könnte damit anfangen: Migration und Mobilität sind zunächst ein grundlegendes Handlungsmoment von Menschen, mit dem sie sich aus Herrschaftsverhältnissen herausbewegen. Sie tun das nicht nur in Reaktion auf kapitalistische Herrschaftsverhältnisse, sondern sie fliehen auch vor rassistischen,sexistischen und anderen, vielfältigen Dynamiken. Aber die kapitalistischen Umwälzungen, die kreative Zerstörung, Enteignung, Freisetzung, Vertreibung, entstehen notwendig aus dem kapitalistischen Akkumulationsprozess und die Menschen haben historisch darauf immer wieder mit einer „eigensinnigen“ Mobilität reagiert. Marx hat für das 18. Jahrhundert beschrieben, wie die schottischen Kleinbauern durch die Einzäunung bzw. die „Enclosures“ von Schafplantagen vertrieben wurden. Die industrielle Transformation Europas im 19. Jahrhundert hat Millionen von Menschen dazu gebracht, in die USA zu emigrieren. Auch im 20. Jahrhundert sind immer wieder Menschen vor kapitalistischen Umwälzungen geflohen. Diese mobilen Reaktionen der Menschen auf kapitalistische Umwälzungen finden auf einem Kontinuum von Zwang und Eigensinnigkeit statt. Das ist der eine Aspekt.

Der andere Aspekt besteht darin, dass Kapitalismus gleichzeitig immer auch auf die Mobilität von Arbeitskräften angewiesen ist. Wenn Menschen immer da bleiben könnten, wo sie sind, weil sie die Möglichkeit dazu haben, dann hätte der Kapitalismus keine andere Wahl, als räumlich nur da zu produzieren, wo die Menschen bereits leben. Kapitalistische Unternehmen sind jedoch oft darauf angewiesen, dass die Menschen zu ihnen kommen, dass sie dazu gezwungen sind, zu ihnen zu kommen. Wenn sie das nicht freiwillig tun, kann man sie auch mehr oder minder gewaltsam und mit ökonomischem Druck zu dieser Mobilität zwingen. Das heißt, die flexible Mobilität von Arbeitskräften, von Lohnabhängigen, ist eine Bedingung dafür, dass Kapitalismus funktionieren kann.

Man könnte jetzt sagen, dass das ganz gut zusammenpasst: Kreative Zerstörung des Kapitalismus setzt Menschen in Bewegung und gleichzeitig ist der Kapitalismus auf diese Bewegung angewiesen. Nun kommt aber als dritter Aspekt hinzu, dass Kapitalismus eben kein gleichmäßiger Weltstaat ist, sondern in nationale Einzelstaaten gegliedert ist, zu denen Migrationskontrollen dazu gehören. Mein Argument wäre, dass diese Migrationskontrollen der nationalen Einzelstaaten ein Strukturmerkmal sind.

Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen, dass der Kapitalismus einerseits auf Mobilität angewiesen ist, die westlichen kapitalistischen Staaten aber andererseits Mobilität durch Grenzkontrollen beschränken? Anhand welcher Kriterien wird darüber entschieden, ob eine Migration als legitim gesehen wird oder nicht?

Ich glaube, man muss wegkommen von einer Sicht, die über Nationalstaaten an sich spricht. Es sind soziale Kräfte, Klassenfraktionen, unterschiedliche Gruppen, die innerhalb der Staaten um unterschiedliche Interessen und Strategien kämpfen. Und dadurch entstehen widersprüchliche Handlungsweisen der Staaten. Deshalb sind staatliche Handlungsweisen auch nicht paradox, sondern Ausdruck widersprüchlicher sozialer Kämpfe. Der erste Schritt, um sich das genauer zu erklären, ist zu fragen: Warum tendieren denn viele Kräfte im globalen Norden dahin, Migration beschränken und behindern zu wollen? Wo kommt das her? Der erste Grund ist sicherlich die Existenz eines starken Rassismus als Herrschaftverhältnis mit eigenen Konjunkturen (dazu später mehr). Die Frage war aber, ob und wie auch kapitalistische Herrschaftsverhältnisse mit Grenzen und der Abschottung zusammenhängen. Ich glaube, um das richtig zu verstehen, muss man sehr grundlegend anfangen und sich klar machen, dass kapitalistische Gesellschaften in ihrer Stabilität und Dauerhaftigkeit eigentlich etwas Unwahrscheinliches sind. Es ist eigentlich überraschend, dass Gesellschaften, die zerrissen sind von Klassengegensätzen, von Marktkonkurrenz, von vielen Konflikten und Antagonismen – dass die dauerhaft so stabil sein können und nicht bei jedem Konflikt neu auseinanderfliegen. Wie kommt diese Stabilität und Dauerhaftigkeit zustande? Es gibt viele Debatten dazu – eine zentrale Antwort ist: Die Stabilität und Dauerhaftigkeit von kapitalistischen Staaten entsteht durch die Staatsapparate und auch viele nicht-staatliche Akteure sowuie Normen und bestimmte Lebensweisen, die diese Antagonismen, Konflikte, Krisen und Probleme regulieren, prozessieren, befrieden und in Bahnen lenken, die dafür sorgen, dass die Gesellschaft eben nicht auseinanderfliegt.

Der Punkt ist aber, dass diese Regulation der Krisen von kapitalistischen Gesellschaften nur dann funktionieren kann, wenn die Regulationsversuche auf ein begrenztes Territorium bezogen sind. Im Bezug auf die Migration wäre da ein spezifischer Bereich wichtig: Der französische Philosoph Étienne Balibar spricht von den „national-sozialen Staaten“. Dieser Begriff besagt, dass die explosiven Klassenkämpfe, die ständig drohen, kapitalistische Gesellschaften zu zerstören, seit etwa Mitte des 20. Jahrhunderts, primär nach dem Zweiten Weltkrieg (in den USA ein wenig früher), durch eine Kombination von Nationalismus und Sozialpolitik reguliert werden. Das heißt, die tendenziell unzufriedenen, vorher nicht integrierten lohnabhängigen Klassen werden dadurch befriedet und in den Staat integriert, indem ihnen symbolische, diskursive Zugeständnisse gemacht werden nach dem Motto: „Hey, ihr seid Teil der Nation, ihr seid besser als die Anderen, ihr habt dadurch mehr Anerkennung.“ Zugleich werden ihnen aber materielle Zugeständnisse gemacht, in Form von Wohlfahrtsstaat, Sozialpolitik, kostenloser Bildung und so weiter. Das heißt, es gibt einen national-sozialen Kompromiss, der durch den Staat organisiert wird, der dafür sorgt, dass die kapitalistische Gesellschaft nicht auseinanderfliegt, dass Konflikte befriedet werden.

Der Punkt ist nun, dass diese national-sozialen Kompromisse nur funktionieren, wenn sie räumlich und personell begrenzt sind. Wenn die materiellen Zugeständnisse, die es geben muss, personell unendlich groß wären, wenn sie auf jeden Menschen zutreffen würden, der zufällig in dieses Territorium kommt, wären diese Kompromisse letztlich zu teuer. Dann könnten sich die Kapitalisten den Kompromiss auch sparen. Auch die symbolische Integration der nationalen Bevölkerung bedarf natürlich der Abgrenzung, bzw. der Ausgrenzung derjenigen Menschen, die nicht dazu gehören. Das heißt – ich versuche es zuzuspitzen: Die Stabilität kapitalistischer Gesellschaften im Norden beruht darauf, dass andere Menschen sowohl symbolisch als auch materiell ausgegrenzt werden, weil sonst Kompromisse, die diese Gesellschaften stabilisieren nicht funktionieren könnten.

Die Abgrenzung bzw. Ausgrenzung die du beschreibst, funktioniert nach einer kapitalistischen, nationalstaatlichen Rationalität. Wie erklärt es sich, dass die Menschen, die durch den national-sozialen Kompromiss eingebunden werden – die Lohnabhängigen etc. – diese Rationalität übernehmen und die Sortierung in „dazugehörig“ und „die Anderen“ selbst wertend gebrauchen?

Ich denke, dass da mindestens zwei Dynamiken eine Rolle spielen, die sich auch überschneiden. Die eine wäre eher ein nationaler Chauvinismus, die andere ein originärer ökonomisch durchaus irrationaler Rassismus, den die Rassist_innen durchaus ernst meinen. Die erste Dynamik besteht darin, dass auch die Menschen, die hier in Deutschland Staatsbürger_innen sind, sehen, dass die „Privilegien“ oder besser die sozialen Rechte, die sie haben – das sind ja auch erkämpfte Errungenschaften – darauf beruhen, dass der Zugang zu diesen Rechten begrenzt ist. Die Argumente, die da dauernd kommen – „die nehmen uns die Arbeitsplätze weg“, „die senken die Löhne“, „es gibt zu wenig Wohnungen“, „das Gesundheitssystem ist überlastet“, „es gibt zu wenig Schulen“ und all dies – das ist natürlich Chauvinismus, aber es steckt ein rationaler Kern darin, nicht zuletzt weil unter den Bedingungen einer neoliberalen Regularion verschärfte soziale Konkurrenz und soziale Ausgrenzung sehr real sind, weil die Angst vor sozialen Abstieg teils durchaus berechtig ist. Es geht hier ja um soziale Güter, um materielle Zugeständnisse, die den Kapitalist_innen in langen Kämpfen abgerungen wurden und die heute massiv unter Druck stehen. Die Chauvinist_innen im globalen Norden wissen, dass diese Errungenschaften oder Privilegien auf Ausgrenzung beruhen und sie versuchen die Überreste, die Stabilität dieser Privilegierung zu verteidigen, indem sie verhindern wollen, dass andere dafür einen Zugang erhalten. Es ist Chauvinismus, aber es steckt leider ein rationaler Kern darin und deshalb ist es so schwer zu bekämpfen.

Die zweite Ebene ist – man kann sich fragen: Wo ist der Rassismus, was hat das mit Rassismus zu tun? Ich würde das auf zwei Arten beantworten: Zum einen ist Rassismus nicht etwas, was nichts mit materiellen Vorteilen zu tun hat – Rassismus ist ein soziales Verhältnis, durch das Menschen hierarchisiert und geordnet werden; nicht einfach folgenlos, sondern als Verteilungsmechanismus: Wer erhält sowohl symbolische, als auch materielle Vor- und Nachteile? Und die Rassist_innen denken eben, die Menschen, die sie in der Hierarchie niedrig einordnen, die sind einerseits symbolisch niedriger gestellt, sollen aber natürlich auch materiell weniger Vorteile erhalten. Das heißt Rassismus ist ein Mechanismus, der mit Bezug auf Äußerlichkeiten und „Kultur“ begründet, warum sie selbst durchaus materielle Vorteile erhalten sollen und andere Menschen nicht.

Die zweite Ebene ist aber, dass es durchaus soziale Kräfte und eine lange Tradition untergründigen Wissens und Diskurse gibt, die das durchaus ernst meinen: Dass Weiße Menschen mehr wert sind, dass nur Weiße hier leben sollen, und die für dieses Ziel gesellschaftlich mobilisieren und dann solche Gelegenheiten wie die Krise oder Abstiegsängste auch dafür nutzen, ihre rassistische Ideologie zu verbreiten und versuchen, den Menschen einzureden, dass ihre Probleme gelöst wären, wenn alle „Flüchtlinge“ verschwinden würden. Sie verstehen die „Weiße Gesellschaft“ als einen Eigenwert und nutzen soziale Dynamiken dafür, ihre Ideologie durchzusetzen.

Ich würde noch einmal nachfragen, was die erste Dynamik betrifft: Wenn du sagst, dass die chauvinistische Sortierung einen rationalen Kern hat, weil sie mit realen materiellen Privilegien verbunden ist – was hat man dann trotzdem für ein Gegenargument, um sagen zu können, dass diese Sortierung verkehrt ist?

Ich glaube da liegt der Scheidepunkt zwischen einer linken und einer liberalen Kritik am Rassismus und an restriktiven Migrationspolitiken. Die liberale (bzw. links-liberale) Haltung würde sagen: Wenn Geflüchtete ausgrenzt werden, dann ist das in einem menschenrechtlichen Sinne schlecht – die Ressentiments gegenüber Geflüchteten widersprechen unseren ethischen Werten und deshalb soll das nicht passieren. Die linke Analyse, bzw. die linke Kritik an der Ausgrenzung müsste dahin gehen, zu fragen, zu verstehen: Warum entstehen überhaupt Rassismus und Ausgrenzung? Warum sind sie auch so furchtbar schwer zu verändern, warum sind sie so dauerhaft? Und um das zu verstehen, müsste man eben die materiellen Dynamiken der Gesellschaft analysieren. Diese Analyse habe ich versucht skizzenartig darzulegen – sie zeigt, dass Rassismus, Ausgrenzung und Repression gegen Flüchtlinge u.a. auch dadurch entstehen, wie die Welt materiell eingerichtet ist. Dass das materiell vergleichsweise sichere Leben, die relative Privilegierung hier im Norden auch auf der Ausgrenzung und Entrechtung von anderen Menschen beruht und das ist der rationale Kern. Die Konsequenz aus einer linken Sicht ist nicht wie bei den Rechten, zu sagen: „Aha, die Ausgrenzung privilegiert mich, also finde ich die Ausgrenzung gut und fordere sie noch ein“ – sondern zu sagen: „Dann müssen wir die Bedingungen ändern, die diese Dynamik und Ausgrenzung als in einem gewissen Bezugsrahmen rationale hervorbringen. Wir müssen diese Bedingungen ändern, wir brauchen eine andere Art von Gesellschaftsordnung.“

Ich habe das gerade mit ein paar Kolleg_innen auf einer Tagung diskutiert: Was hieße aus einer linken Sicht eine Willkommenskultur? Eine Willkommenskultur wäre in dem Sinne nicht nur human, humanistisch, menschenrechtlich zu verstehen – also den Leuten unmittelbar zu helfen, wie gut das auch ist. Sondern es wäre auf einer zweiten Ebene zu sagen: Willkommenskultur heißt auch, sich gegen die neu beginnende und immer noch existierende Ausgrenzung durch Staaten, durch staatliche Politiken zu wehren: Residenzpflicht, die Fixierung auf Lager, die Abschiebungen, etc. – Willkommen wäre auch politisch zu verstehen, die Willkommenskultur wäre zu politisieren. Und auf einer weiteren Ebene hieße es zu versuchen, zu verstehen, dass, wenn wir mit Willkommen auf diese Bewegungen reagieren wollen, dann würde es eben nicht ausreichen, zu klatschen und ein bisschen Essen zu verteilen und es wird auch nicht ausreichen, die repressivsten Migrationspolitiken zurückzudrängen, sondern es braucht eine andere Anordnung der Welt. Eine Anordnung der Welt, wo wir in der Lage wären, die Ressourcen aufzuwenden (die viel größer sein müssten als heute), um auf die Ankunft der Menschen zu reagieren. Und zum anderen auch eine Anordnung der Welt, die es den Menschen ermöglicht zu wählen, ob sie überhaupt kommen möchten – eine Anordnung, die nicht die ganze Zeit Krisen hervorbringt, die zu Kriegen eskalieren und den Menschen keine Wahl lassen als zu kommen.

Ein letzter Satz dazu: Ich denke, man kann es gut mit der ökologischen Frage vergleichen. Für relativ viele Menschen ist es einsichtig, dass, um die ökologische Zerstörung zu beheben, es einen weitgehenden Umbau unserer Gesellschaft, unserer Wirtschaftsweise auf globaler Ebene bräuchte. Für immer noch relativ viele Menschen ist es einsichtig – es sind wenige, aber immerhin noch einige – dass, solange Kapitalismus existiert, mit so einem strukturellen Zwang ständig zu expandieren, ständig zu wachsen, sich das ökologische Problem nicht lösen lassen wird. Ich glaube ein ähnliches Reflexionsniveau müsste man auch in dem Feld von Migration und Grenzen erreichen – dass das nicht etwas ist, was sich durch ein paar kleine Reformen, durch Willkommensfeste lösen lässt, sondern dass es auf die Notwendigkeit verweist, die ganze Gesellschaft insgesamt umzubauen, eine Alternative zur imperialen Produktions- und Lebensweise zu entwickeln.

Wenn wir bei dem politischen Gegenentwurf sind – würdest du sagen, dass die Forderung nach globaler Bewegungsfreiheit, dem Konzept des modernen Nationalstaats widerspricht?

Es ist eine große politisch-theoretische Debatte, ob das gehen würde. Die Frage ist: Kann globale Bewegungsfreiheit funktionieren und existieren, solange wir noch unter weitgehend kapitalistischen Bedingungen arbeiten oder wäre es nicht durchsetzbar oder würde das zu großen Verwerfungen und Konflikten führen, die uns letztlich in die „Barbarei“ führen? Ich glaube ab einem bestimmten Punkt ist es müßig, diese Frage zu diskutieren, denn es lässt sich theoretisch nicht bestimmen ob es möglich ist oder nicht, sondern es würde sich nur historisch bestimmen lassen. Ich denke, wir müssen jetzt anfangen, diese Idee, dieses Projekt von globaler Bewegungsfreiheit zu diskutieren und zu verfolgen – aus mehreren Gründen: Auf einer ethischen, moralischen Ebene kann man sagen, dass globale Bewegungsfreiheit geboten ist. Wenn man die menschenrechtlichen Prinzipien ernst nimmt, auch schon heute unter globalisierten Bedingungen, wenn man die Idee verfolgt, dass alle Menschen gleich an Würde und an Rechten geboren sind, dann muss man auch sagen, dass alle Privilegien, die auf ethisch irrelevanten und zufälligen Eigenschaften beruhen (wie Geburtsort oder Hautfarbe oder Geschlecht) abgeschafft werden müssen. Man kann historisch sehen, wie auf Basis solcher Ethik andere große Entrechtungssysteme bekämpft wurden – Kastensysteme, Sklaverei, Feudalismus, Patriarchat, Rassismus, Heteronormativität. Und das heißt, dass Menschen, nur weil sie zufällig in einem anderen Land geboren sind, weil ihre Eltern zufällig eine andere Staatsbürgerschaft hatten, dermaßen entrechtet und ungleich behandelt werden dürfen, kann man eigentlich ethisch auf der Basis von Menschenrechten nicht rechtfertigen.

Man muss jedoch über diese ethische Argumentation hinausgehen. Auf einer eher politisch-strategischen Ebene kann man sehen, dass diese gegenwärtige Weltordnung, die so viel Leid und Unrecht produziert, nur deshalb stabil sein können, weil die krassen negativen Folgen, die sie hervorbringt, räumlich fixiert und begrenzt werden im globalen Süden. Man kann sagen, die Menschen im globalen Norden sind nur deshalb in der Lage, ihre imperiale Lebensweise zu genießen, weil sie die Bedingungen im Süden ignorieren können. Wenn sie die nicht ignorieren könnten, weil die Mobilität frei wäre, hätten sie viel mehr ein Interesse daran, die Bedingungen der Weltordnung und die eigene Lebensweise so zu verändern, dass alle Menschen ein gutes Leben haben. Das heißt, die Fixierung der Menschen im Süden bringt überhaupt die Bedingung hervor, dass die Probleme so bequem ignoriert werden können. Im September 2015 war Angela Merkel in New York bei der UN-Generalversammlung, wo das Nachfolgeprogramm zu den „Millennium Development Goals“ vorgestellt wurde (die „Agenda 2030“) und Merkel argumentierte: „Wir müssen viel mehr entwickeln, wir müssen den Klimawandel stoppen, usw., weil sonst immer mehr Flüchtlinge kommen.“ Was man da gesehen hat: Es gab im Sommer der Migration eine neue Konjunktur der Autonomie der Migration, Menschen konnten sich freier bewegen – und man sieht schon, wie sich diskursiv das Kräfteverhältnis verschoben hat. Merkel reagiert und sieht: „Okay, wenn wir da nicht Zugeständnisse machen, wenn wir es nicht schaffen, die Bedingungen wirklich zu verbessern, dann kommt mehr Migration.“ Daran sieht man, dass ein Fortschreiten hin zu einer globalen Bewegungsfreiheit eine Bedingung dafür wäre, dass sich grundlegend etwas ändert und dass die Bedingungen für alle Menschen besser werden.

Sich um Inhalte herum organisieren May 19, 2016 | 09:54 am

Herr Feeper, der hier und da seine Spuren hinterlässt, hat einen Kommentar für die März-Ausgabe des Transmitter™ geschrieben. Hier zum Nachlesen:

Der Grund, ein freies Radio – wie etwa FSK oder Radio Corax – zu betreiben, liegt in dem Bedürfnis nach Verständigung. Auch wenn solche Projekte meist nicht auf einem ausgearbeiteten, einheitlichen Programm basieren, geht es doch um mehr als um bloße Berichterstattung. Es geht um eine grundlegende Kritik der Gesellschaft, es geht darum, zu artikulieren, nicht akzeptieren zu können, dass es bleibt wie es ist, es geht um die Artikulation einer Feindschaft gegenüber den herrschenden Institutionen, um die Entfaltung subversiver Tätigkeiten, um die Wiederaneignung des eigenen Lebens. Das sind große Ansprüche. Und viele, die heute an solchen Ansprüchen festhalten, fühlen sich allein und marginalisiert. Man sieht sich in seinem Bedürfnis nach Veränderung mit einer Übermacht der Verhältnisse konfrontiert und in linksradikalen Kreisen herrscht eine allgemeine Ratlosigkeit darüber, wie und wo man heute praktisch ansetzen könnte. Wenn man die eigene Marginalisierung feststellt, liegt es nahe, darüber zu diskutieren, wie sich die Marginalisierten zusammenschließen können, wie sie sich besser organisieren können. Ein Beispiel eines größeren Organisierungsversuchs ist etwa das kommunistische Um’s-Ganze-Bündnis, das bundesweit mittlerweile 11 linksradikale Gruppen zusammenschließt. Ein weiteres Beispiel ist die Interventionistische Linke. Die Motivation, sich in solchen Bündnissen zusammenzuschließen, liegt in der Hoffnung, so einen Weg zu finden, um nicht mehr nur vereinzelt herzumzuwurschteln, die Fähigkeiten der Beteiligten zusammenwirken zu lassen und so auch überregional handlungsfähig zu werden. Allerdings stellt sich für mich die Frage, ob mit der Quantität der in einer Gruppe oder in einem Bündnis organisierten Personen automatisch eine größere Handlungsfähigkeit oder Wirksamkeit verbunden ist. Mir scheint es oftmals so zu sein, dass ein größerer Organisierungsrahmen die Fähigkeiten und Potentiale der beteiligten Individuen eher absorbiert, als sie zu potenzieren. Ich habe es oft erlebt, dass der Aufruf eines Bündnisses inhaltlich unbestimmt und leidenschaftslos blieb, obwohl ich wusste, dass einzelne beteiligte Personen zum betreffenden Gegenstand viel klugere und treffendere Dinge zu sagen gewusst hätten. Der Zwang, eine gemeinsame Bündnis-Position finden zu müssen, führt so mitunter zu einer inhaltlichen Verwässerung. Überhaupt scheint es mir so zu sein, dass der Zusammenschluss in einem Bündnis die Gefahr in sich birgt, sich vor allem auf die eigene Darstellung nach außen und die Beschäftigung mit sich selbst konzentrieren. So verringert sich aber die Aufmerksamkeitsspanne und man droht in Schematismus zu verfallen. So fällt meines Erachtens etwa das Um’s-Ganze-Bündnis nicht durch bestechende Analysen und gelungene praktische Coups auf, sondern vor allem durch bestimmte Schlagwörter und ein gewisses Auftreten auf Demonstrationen.

Mein Misstrauen gegenüber Polit-Bündnissen soll dabei nicht falsch verstanden werden. Ich möchte nicht die Vereinzelung hochleben lassen und sehe selbst eine Notwendigkeit darin, sich zusammenzutun und sich auszutauschen. Nur glaube ich nicht, dass die große Veränderung damit beginnt, eine große Organisation zu schaffen. Die Marginalisierung ist nicht durch einen Sprung zu überwinden – wer glaubt, dass eine Organisation oder ein Bündnis die Sache reißen könnte, hängt einem gewissen Voluntarismus oder einem Erlösungsglauben an. Die Organisation wird uns ins gelobte Land führen. Eine qualitative Veränderung der Gesellschaft hängt aber weniger davon ab, wie groß die Bündnisse sind, in denen sich ihre Gegner zusammenschließen, sondern eher davon, wie sich der Bodensatz der Gesellschaft entwickelt – welche Risse darin aufbrechen, welche Konflikte sich daraus ergeben und welche Möglichkeitsräume sich aus der Überkommenheit ihrer politischen Formen ergeben. Die marginalisierten radikalen Kräfte müssen ihre Aufmerksamkeit auf diese Dinge lenken. Veränderungsmöglichkeiten entstehen oftmals nicht dort, wo man sie erwartet – sie entstehen aber sicherlich nicht in den Kreisen linker Polit-Profis. Um die Aufmerksamkeit für solche Möglichkeiten zu schärfen und sich daran zu üben, sie zu ergreifen, ist es sicherlich notwendig, sich auch überregional auszutauschen und informelle Verbindungen zu schaffen. Um ein Gespür für die untergründigen Entwicklungen und Verschiebungen der Gesellschaft zu entwickeln, müssen diese Netzwerke aber verzweigter sein und an randständigere Orte reichen, als dies in der Trägheit und vereindeutigenden Kraft eines Bündnisses möglich wäre, in denen man doch immer nur die gleichen Leute trifft. Wenn die Organisation wichtiger ist, als das, was mann konkret in den Blick nimmt, wird sie in dem Moment im Weg stehen, in dem es notwendig wird, eine schnelle Entscheidung zu fällen. Deshalb ist es m.E. eher notwendig, sich erst einmal zeitlich befristet um bestimmte Interessen und Vorhaben herum zu organisieren und zu schauen, wie von dort aus weiter gegangen werden kann. Oder wie es Johannes Agnoli einmal formulierte:

Gerade in dieser desolaten Situation muß man vielleicht doch den Mut haben, nicht nach Organisationsformen zu suchen, sondern sich gewissermaßen um Inhalte herum organisieren. Ich kann mir denken, daß in der heutigen Situation lose miteinander verbundene, aber inhaltlich wirklich geklärte und vernunftbegabte Kollektive den ersten Schritt darstellen. Nicht etwa in den alten Fehler verfallen: zuerst schaffen wir ein Zentralkomitee, die Massen werden dann kommen. Offensichtlich ist das der falsche Weg. Es ist viel wichtiger, an der Basis zu arbeiten und kleine, in sich konsistente Gruppierungen zu schaffen. Wie sie dann zueinander in Verbindung kommen, das hängt zum Teil auch von der gesellschaftlichen Entwicklung ab. Ich bin da keineswegs Pessimist. Die Wissenschaft beweist, daß es zu keiner Revolution mehr kommen wird. Und ich sage eben: die Menschheit ist viel flexibler, als es die Wissenschaft manchmal glaubt. Auf einmal ist eine Explosion da. Und wenn eine Explosion da ist, so ist die Möglichkeit dieser Kollektive, miteinander in Verbindung zu treten und tatsächlich etwas gemeinsam zu schaffen, durchaus gegeben.

Sicherlich muss man im Moment eher Angst vor den vorhandenen Explosivkräften haben, wie man an den täglichen Nachrichten über Angriffe auf Asylunterkünfte ablesen kann. Aus diesem Grund erhält der Zusammenschluss antifaschistischer Zusammenhänge eine größere Notwendigkeit. Meinem Eindruck nach können aber große überregionale Bündnisse, wie Um’s Ganze, kaum einspringen, wenn es um die Reaktion auf lokale Vorkommnisse geht. Ob das große Antifa-Bündnis-Treffen in Frankfurt angemessen auf das Nazi-Problem in Chemnitz reagieren kann oder ob regionale, dezentrale Vernetzungen – die sich wohl oftmals andere Gedanken machen (müssen), ob sie nach außen nun wahlweise als antideutsch oder antionational wahrgenommen werden – hier wesentlich effektiver agieren können, wird sich praktisch herausstellen. Bis dahin sollten wir uns über diverse Ansätze und verschiedene Erfahrungen austauschen. Freie Radios könnten eine Plattform für einen solchen Austausch sein.

■ Literaturhinweis: Mikrostrategischer Versuch (enthalten in: Gift. Zeitschrift für Linke mit Problemen, No.2)

Zum 40. Todestag von Ulrike Meinhof May 9, 2016 | 01:44 pm

Am 9. Mai 2016 jährt sich der Todestag von Ulrike Meinhof zum 40. mal. Sie ist am Morgen des 9. Mai 1976 im Hochsicherheitsgefängnis Stuttgart-Stammheim tot aufgefunden worden – über den Vorgang ihres Todes gibt es unterschiedliche Versionen. Andere können besser einschätzen als ich, welche Rolle Ulrike Meinhof gespielt hat – erst als linke Journalistin und Autorin für Konkret, später als Mitglied der ersten Generation der Roten Armee Fraktion. Über die RAF seien etwa empfohlen das Buch „Stadtguerilla und soziale Revolution“ von Emile Marenssin und der Band „Rote Armee Fiktion“ von Joachim Bruhn und Jan Gerber (Hg.), beide erschienen bei ça ira. Ich möchte hier nur den Film „Bambule (Fernsehspiel)“ von Ulrike Meinhof empfehlen. Der Film ist von 1970 und zeigt die Situation in einem autoritären Mädchen-Erziehungsheim. Der Film zeigt, wie Konflikte zwischen den Heiminsassinnen und den Erzieherinnen aufbrechen, ein Mädchen haut ab, ein Mädchen wird bestraft, schließlich proben einige einen Aufstand. Der Aufstand scheitert und endet mit der Überlegung darüber, wie man weiter machen kann. Weil die Befreiung von Andreas Baader dazwischen kam, durfte der Film im Westfernsehen nicht gezeigt werden. Die Erstausstrahlung war erst im Jahr 1994 möglich. Der Film ist Realismus im besten Sinne und weist über sein Ende hinaus in die Realität hinein.

Ich habe aus der Tonspur des Films eine Art Hörspielcollage zusammengestellt – in der Hoffnung, dass die zusammengestellten Töne auch unabhängig vom Film als kleine Aufstands-Geschichte funktionieren. Hier hörbar:

Download (22 MB)

Bei freie-radios.net gibt es eine Sendung über Ulrike Meinhof – habe sie noch nicht gehört, aber wird schon gut sein.

Vs. Kultur & Kontrakultur March 1, 2016 | 06:26 pm

Ich habe ein paar Zeilen für die aktuelle Ausgabe der Programmzeitschrift von Radio Corax geschrieben. Im Text »Gegen die Kultur« habe ich ein paar facts über einige Aspekte kommunistischer (Anti-)Kulturpolitik gespittet. Sicherlich unvollständig, vielleicht für den einen oder die andere eine Anregung. Untenstehend eine etwas längere Version mit ein paar abweichenden Formulierungen und zusätzlichen Literaturhinweisen. Im Heft ist außerdem ein Text von Nora zur Kritik der Kontrakultur enthalten (der Hallenser Sektion der Identitären) – einige Aspekte davon können in den Antifa-News vom 28. Januar 2016 nachgehört werden.

»Gegen die Kultur«

Wir können nichts bewahren / nichts erhalten / es gibt kein Zurück / die Uhr tickt / es hilft auch kein sparen und verwalten / die Natur siegt, immer / deshalb bringen wir nur / Raps pur / MOR kämpfen gegen die Kultur. (M.O.R. – Gegen die Kultur)

Eine Stakatto-Fingerübung zur Frage, was Kulturpolitik sein könnte

Es gibt keinen so schillernden und so schwer definierbaren Begriff wie den der Kultur. Bezeichnet er den Komplex jener Tätigkeiten, der den Menschen von der Natur unterscheidet (im Sinne von Kulturleistung)? Umschreibt er jenen enger umgrenzten Tätigkeitsbereich, in dem der Mensch malt, musiziert, dichtet, gestaltet und spielt (also das Ensemble der Künste)? Oder fasst er die Besonderheiten territorial abgegrenzter Verhaltensweisen und Bräuche (in diesem Sinne gäbe es eine abendländische, deutsche oder bayrische Kultur)? Es ließen sich weitere Definitionen heranziehen – und je nachdem in welchem Wörterbuch man nachschlägt, welche Philosophin oder welchen Historiker man fragt, wird man eine andere Antwort erhalten. Es gibt zumindest einige Gründe, misstrauisch zu sein, wenn mit dem Begriff der Kultur hantiert wird: Weil die Deutschen keine politische Revolution hinbekommen haben, verstanden sie sich (durchaus in antifranzösischer Manier) fortan als Kulturnation – und während sich heute keiner mehr traut, von rassischen Besonderheiten zu reden, lässt man es durchgehen, wenn gefordert wird, Verständnis für die Eigenarten bestimmter Kulturkreise zu haben (wer das Gruseln lernen will, sollte in diesen Fällen probeweise einmal das Wort Kultur durch Rasse ersetzen). In Zeiten ihrer fortschreitenden Marginalisierung scheint in der Linken die Kulturpolitik – verbunden mit den Stichwörtern der alternativen, Sub- oder Gegenkultur – einer der letzten Bereiche zu sein, in denen die Kämpfe nicht hoffnungslos verloren sind. Es lohnt sich daher, einmal einen Schnelldurchlauf durch einige Aspekte der Geschichte »linker Kulturpolitik« zu machen.

Der Ursprung der Kulturpolitik ist sicherlich eng mit dem Aufstieg des Bürgertums verbunden: Weil das Bürgertum in seiner Betätigung (d.h. vor allem Handel und Unternehmertum) durch die politischen und ökonomischen Regelungen der Monarchien und Fürstentümer eingeschränkt war, entwickelte es einen Pathos der allumfassenden Umgestaltung der Welt. Der neue Mensch sollte schon in den Künsten und in den begrifflich entwickelten Moralsystemen erwachen. Als das Bürgertum jedoch das Reich der Freiheit nur in dem Sinne erreichte, dass es zur neuen herrschenden Klasse wurde, bekam die Kultur fortan eine neue Funktion: sie wurde zu einem Bereich, in dem die Bürger ihre Konflikte virtuell bearbeiten konnten – die großen bürgerlichen Romane legen Zeugnis von den Dilemmata bürgerlicher Subjektivität ab. Konnte die Kenntlichmachung dieser Konflikte anfänglich durchaus einen gesellschaftskritischen Impuls haben, so deutlich wurde ihre bloß virtuelle Bearbeitung mit dem ersten Weltkrieg: schließlich waren die deutschen Soldaten mit Goethe und Schiller im Tornister auf die europäischen Schlachtfelder gezogen.

Die Dadaisten reagierten auf die Ereignisse des ersten Weltkriegs daher mit einem Generalangriff auf die abendländische Kultur: »Ich verlache Wissenschaft und Kultur, diese elenden Sicherungen einer zum Tode verurteilten Gesellschaft.« (Raoul Hausmann) So negativ die dadaistischen Bestrebungen auch gewesen sein mögen – sie erwiesen sich als Teil einer viel weitergehenden Tendenz: das Programm der Kunst-Avantgarden (Surrealismus, Konstruktivismus, etc.) wurde es zwischen den beiden Weltkriegen, die künstlerischen Mittel für eine revolutionäre Umgestaltung der Welt zu mobilisieren1. Da die Verlogenheit des Bürgertums gerade darin bestanden hatte, dass es die edelsten Bestrebungen nur im Bereich der Kunst (nicht in der Wirklichkeit) entwickeln konnte und den schlechten Verhältnissen somit einen Heiligenschein verlieh, durfte das avantgardistische Programm kein bloß künstlerisches bleiben: es musste dazu streben, die künstlerischen Prinzipien auf alle gesellschaftlichen Bereiche auszuweiten. Von einer Kulturpolitik kann hier also eigentlich nicht die Rede sein – es ging um die Aufhebung der Kunst. Am weitesten ist dieser Versuch in der jungen Sowjetunion vorangeschritten. Dem Konstruktivismus – insbesondere dem Proletkult – gelang es, Massen von Arbeiterinnen zwecks der ästhetischen Umwandlung der Produktion zu organisieren2.

Die Stalinisierung in der Sowjetunion, der Aufstieg des Nationalsozialismus und schließlich der Zweite Weltkrieg haben die Bestrebungen der Avantgarde abgebrochen, bevor diese ihre wahre Tendenz wirklich entfalten konnte. Diejenigen Schriftsteller, die sich der internationalen Arbeiterbewegung angehörig fühlten, hatten ihrerseits auf den Aufstieg des Faschismus reagiert: 1935 rief die Komintern zum »Internationalen Kongress der Schriftsteller für die Verteidigung der Kultur« nach Paris3. Hier wurde die Frage gestellt, wie Künstlerinnen und Schriftsteller auf ihrem Gebiet der Kultur geeignete Waffen gegen den Faschismus schmieden könnten. Der Kongress stand dabei unter dem Diktum der Volksfront – dass bürgerliche und kommunistische Kräfte zusammen dem Faschismus die Stirn bieten müssten. Der Kongress zur Verteidigung der Kultur ist die wahre Geburtsstunde linker Kulturpolitik und er markiert die Mängel, die sie fortan haben würde: einerseits, dass der Maßstab der Avantgarden hinterschritten und Kultur als ein abgetrennter Bereich gehandelt wurde, andererseits, dass Kulturpolitik als Teil staatlicher Politik verstanden wurde. Die darauf folgenden Debatten um den Realismus – deren interessanteste Aspekte in der 1936-38 in der Exilzeitschrift »Das Wort« geführten Expressionismusdebatte zutage kamen – standen bereits unter dem Schatten des Diktums des Sozialistischen Realismus als einzig sozialistischer Staatskunst in der Sowjetunion.

All diese Diskussionen wurden – wie bereits vorweggenommen – durch den zweiten Weltkrieg gewaltsam abgebrochen. Und nach der Shoa konnten sie nicht einfach fortgeführt werden, sondern es bedurfte (mehr noch als nach dem ersten Weltkrieg) einer grundlegenden Neuorientierung. Aus jener marxistischen Strömung, die bereits vor dem zweiten Weltkrieg der Kultur eine besondere Bedeutung für die Analyse der ganzen Gesellschaft zugemessen hatte – der kritischen Theorie, auch genannt »Frankfurter Schule« – kam das Diktum: »Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll.«4 (Adorno) Die Kultur hatte sich mitschuldig gemacht an dem, was von Deutschland, der Kulturnation, ausgegangen war. Adorno hat mehrfach darauf hingewiesen, dass dieser Satz, in seiner Negativität, gerade nach einer engagierten Dichtung verlangt – indem die Kunst ihr Müll-Sein erkennt, soll sie über sich hinaus treiben. Auf der Suche nach diesem Potential machten sich die Autoren der kritischen Theorie – wobei Engagement gerade nicht eine dem Inhalt nach politische Kunst meinte, sondern in der Form augefunden werden sollte. Das heißt: in der Kunst braucht es niemanden, der uns sagt, was politisch richtig oder falsch ist – sondern Kunst soll in ihrer Gestalt, jenseits eingespielter Begrifflichkeiten, etwas sein, das selbst Widerspruch ist und zum Engagement drängt. Adorno meinte dies vor allem in der Neuen Musik zu finden – am interessantesten in diesem Strang (der sich aus dem Wiener Kreis um Alban Berg entwickelte) ist vielleicht der italienische Komponist Luigi Nono, der durchaus politische Werke komponierte5. Weitere Verbreitung als die musiktheoretischen Einlassungen Adornos fand hingegen die mit Horkheimer zusammen ausgearbeitete Kritik der Kulturindustrie6. Im amerikanischen Exil hatten sie jene neue Massenkultur kennengelernt, die sich nach dem zweiten Weltkrieg auch in Europa flächendeckend durchsetzen sollte. Der Fordismus war jene Epoche, in der ein neuer Akkumulationsschub eine Massenproduktion an Autos, Kühlschränken und Fernsehern in Gang setzte und gleichzeitig nach einem Absatz in der fordistisch formierten Arbeiterklasse verlangte. Zeitgleich entstand der Freizeitsektor, der mit standardisierten Massenprodukten der Kultur ausgestattet wurde. Adorno und Horkheimer kritisierten an dieser Massenkultur, dass sie die Freizeit zu einem funktionalen Bestandteil der ganzen Produktionsmaschinerie machte und somit das Arbeitsleben in die Freizeit verlängerte: es gibt kein Entkommen mehr.

Andere marxistisch inspirierte Kulturkritiker sahen die neue Massenkultur nicht durchweg negativ. Der holländische Maler und Architekt Constant machte gerade in der Jugend – die erst im Fordismus vollends zu einer eigenständigen Zwischenzeit des Menschenlebens wurde, die von der Werbung und den Kultur-Waren umworben wird – radikale und spielerische Elemente aus, die über die kapitalistische Formierung der Kultur hinauswiesen7. Der tendenziellen Überflüssigkeit ihrer Arbeitskraft ins Auge blickend, entwickelten sich wilde Jugendkulturen, die mit den Gesten der Massenkultur spielten und in eine tendenziell subversive Betätigung überführten. Gammler, Rocker und Hippies waren nicht mehr bereit, ihre Zukunft als kleinbürgerliche Proleten im Reienhaus zu akzeptieren. Die Situationistische Internationale – eine revolutionäre Künstler-, dann Antikünstlergruppe8, der sich Constant später anschloss – erkannte die Widersprüchlichkeit dieser Tendenzen. Einerseits entwickelten die neuen Jugendkulturen radikale Gesten der Verweigerung. Andererseits wurde die Verweigerung selbst zu einem konsumierbaren Bild, wodurch die Gesten wieder in die warenförmige Massenkultur integriert wurden. Von dieser Erkenntnis ausgehend entwickelten die Situationisten ihre Kritik der »Gesellschaft des Spektakels« (Guy Debord). Das Spektakel beschreibt das Zum-Bild-Werden aller Lebensäußerungen und die Passivität der Insassen der Produktionsmaschine. Die Universitäten sollten zu einem immer wichtigeren Ort werden, an dem die künftigen Verwalter dieser Maschine herangezogen wurden – diese begannen jedoch Ende der 60′er Jahre ihre Rolle zu verweigern und erkannten ein gemeinsames Interesse mit den Arbeitern. Oft wird vergessen, dass es sich bei der Bewegung von 1968 um ein europaweites – wenn nicht weltweites – Beben gehandelt hat. Die große Verweigerung von 1968 sollte auch auf dem kulturellen Gebiet stattfinden und die Situationisten entwarfen ihr radikalstes Programm: Alle bisherigen und gegenwärtigen kulturellen Ausdrucksformen sollten im situationistischen Sinne entwendet werden und in die gesamtheitliche Gestaltung des Lebens überführt werden9. Erst in zeitlich beschränkten, experimentellen Phasen (Situationen) – später, im Zuge einer revolutionären Überwindung des Kapitalismus, als gesamtgesellschaftliches Spiel. Die Situationisten begannen tatsächlich sowohl mit künstlerischen, als auch mit kulturindustriellen Formen zu experimentieren, die sie ihren ursprünglichen Kontexten entrissen, um sie in zeitweilige Verweigerungsgesten zu überführen (etwa in ihren bekannten Comic-Verfremdungen). Die Situationisten sollten dann tatsächlich in der Streik- und Besetzungsbewegung in Frankreich 1968 eine gewisse Rolle spielen und versuchten stets, der radikalste Ausdruck dieser Bewegung zu sein. Nachdem die Eruption vom Mai 68 befriedet wurde, gingen sie von einer (anti-)künstlerisch-experimentellen Phase in eine Phase der theoretischen Kritik über, bis sich die Situationistische Internationale 1972 auflöste.

In ganz Europa gab es nach der Eruption von 1968 Nachwehen – am längsten dauerten sie in Italien, wo die Klassenkämpfe Ende der 70′er Jahre in einen blutigen Bürgerkrieg mündeten. In Italien hatte es ab 1967 mehrere Zyklen heftiger Klassenkämpfe gegeben – und nirgends war die Allianz zwischen linksradikaler Studentenbewegung und Fabrikkämpfen so weit gegangen. Parallel zur Autonomie – das heißt der italienischen Streikbewegung, die sich jenseits der üblichen Formen von Gewerkschaft und Partei abspielte – entstand in den italienischen Großstädten die diffuse Autonomie – das heißt eine verschlungene und wilde Bewegung von Hausbesetzungen, Stadtteilkämpfen, Schüler- und Studentenprotesten, Protesten gegen die Psychiatrie, feministischer Gruppen und Subkulturen10. Hier entstand eine enthusiastische Kultur des Widerstands, die in zahlreichen Zeitschriften und Fanzines, Konzerten und Happenings, Theater und Krawall, Punkrock und Rausch ihren Ausdruck fand. Die Autonomen in der BRD der 80′er Jahre haben sich von einigen Aspekten dieser Bewegung beeinflussen lassen.

Entscheidend für die diffuse Autonomie: die Piratensender, die überall im Land aus dem Boden schossen, wurden zu einem wichtigen Ausdrucksmittel der Bewegung und fanden von Italien ausgehend viel Nachahmung in anderen Ländern. Ein bekanntes Beispiel ist das Radio Alice in Bologna, das ab Februar 1976 ca. ein Jahr lang sendete, bis es wegen »Aufruf zur Gewalt« und »Rädelsführerschaft« (von einem kommunistischen Bürgermeister) geschlossen wurde. Das Programm von Alice dauerte täglich von 7:00 Uhr morgens bis Mitternacht, das Programm entstand oft spontan. Alice bestand aus ständig wechselnden Redaktionen und zeichnete sich durch einen sehr experimentellen Stil aus. Oft wurde direkt aus streikenden Fabriken oder von Demonstrationen berichtet. Ein Auszug aus einem Sende-Text:

Stimme 1: Sie reden, sie reden, sie sagen Ordnung, Demokratie, aber das ist alles Zeugs, das mit uns nichts zu tun hat; sie wollen, daß wir wieder an die Arbeit zurückkehren wie früher, schweigend, still und diszipliniert. Sprechen soll nur das Fließband, für sie, für die, die sprechen, sprechen, aus dem Radio, dem Fernseher, den Zeitungen, von den Kathedern, und so weiter. An die Arbeit, das ganze Leben lang, an ein Fließband gefesselt, im Austausch für einen Lohn. Die Maschinen sprechen, eine Sprache aus Eisen, immer gleich, sie haben sie präpariert, perfektioniert, ein für alle mal. Und wir sind da, die Befehle zu beantworten, die die Maschinen fortwährend schweigend geben. (…) Stimme 2: Die Dialektik lernten wir nicht grad bei Hegel / mit Kampfgeprassel brach sie in den Vers / als wir den Bürger schlugen durch Umkehr der Regeln / laut welcher er uns schlug vorerst …11

Die Kämpfe in Italien wurden letztlich vom Staat mit Hilfe faschistischer Gruppen niedergeschlagen und zerrieben – vielleicht wurde hier bis Anfang der 80′er, als die Niederlage in vollem Umfang deutlich wurde und Tausende in den Knästen saßen, die Entscheidung über den Aufbruch von 1968 insgesamt erzwungen. Seitdem hat sich kaum wieder in dieser Breite eine solch explosive Gemengelage ergeben.

Das heißt nicht, dass es nicht weiterhin interessante Formen und Experimente der Sub- und Gegenkultur gegeben hätte. Punk und Dark Wave in den 80′ern, die genialen Dillettanten in Westberlin, Hardcore als eine junge und aggressive Jugendkultur, später zahlreiche Experimente im Bereich der elektronischen Musik … – die wichtigsten Beispiele habe ich bestimmt vergessen. Oft standen und stehen die interessantesten Experimente im Bereich der Subkultur – die sich fortan vor allem an bestimmte Musik-Stile koppelte – in einem Spannungsverhältnis zur Linken oder zur Politik überhaupt. In den 90′er Jahren entstand – in Verbindung mit Zeitschriften wie der Spex und im Zuge des Diskurs-Pop – die sogenannte Pop-Linke, die ich jedoch für ein Gespenst halte, das vor allem den Köpfen linker Intellektueller entsprungen ist, die freilich zuweilen selbst Musik machten. Heute finden Experimente mit der Kultur vorwiegend in Nieschen statt – dort entstehen und vergehen, mal unter mehr, mal unter weniger prekären Bedingungen, immer wieder Experimente, die zum Teil enorm eigenwillig sind, die aber meistens nicht stören oder für große Skandale sorgen. Kultur ist Teil des Ganzen – sie ist integriert, sie ist Integration.

Als Radiomacher oder Musikerinnen sind wir Teil dieser Kultur. Wir verfügen über ein riesiges Arsenal der Kulturgeschichte, das wir kennen sollten – und wenn das gesamte Gefüge der Gesellschaft wieder einmal zu knirschen beginnt, werden hier eventuell fruchtbare Explosivstoffe und scharfe Waffen erkennbar. Bis dahin sollten wir Augen und Ohren offen halten, für alles, was jenseits der eigenen Kulturgewohnheiten stattfindet – bis dahin braucht es Mut, zum Experiment. Vielleicht werden wir von kulturellen-gegenkulturellen Tedenzen überrascht, die wir nicht haben kommen sehen. Legen wir schon jetzt die Scheuklappen der linken Subkultur ab, die oftmals allzu ausdrucksarm und leidenschaftslos daher kommt.

  1. Literaturtip: Thesen zur Avantgarde. [zurück]
  2. Literaturtip: Kerstin Stakemeier – Künstlerische Produktion und Kunstproduktion [zurück]
  3. Literaturtip: Kerstin Stakemeier & Roger Behrens – Die Expressionismusdebatte in ihrer Zeit [zurück]
  4. Adorno: Negative Dialektik [zurück]
  5. Literaturtip: Irene Lehmann – Formen der Unverständlichkeit. Luigi Nono und das engagierte Kunstwerk, in der Zeitschrift »Sans Phrase«, No. 3. [zurück]
  6. Siehe das Kapitel »Kulturindustrie, Aufklärung als Massenbetrug« in der »Dialektik der Aufklärung« von Adorno und Horkheimer. [zurück]
  7. Siehe: Constant – Spielen oder töten. Der Aufstand des Homo ludens (Gustav Lübbe Verlag, 1971) [zurück]
  8. Literaturtip: Biene Baumeister Zwi Negator – Ihre eigene Situation ist paradox [zurück]
  9. Siehe: Debord/Wolman – Gebrauchsanweisung des Détournements [zurück]
  10. Literaturtip: Balestrini/Moroni – Die Goldene Horde. Arbeiterautonomie, Jugendrevolte und bewaffneter Kampf in Italien (Assoziation A, 1994), oder als kleine Einführung: Den Himmel stürmen – Aspekte eines Kampf-Zyklus und einer großen Niederlage (Sabotnik). [zurück]
  11. Siehe: Kollektiv A/traverso – Alice ist der Teufel. Praxis einer subversiven Kommunikation. Radio Alice (Bologna) (Merve Verlag, 1977) [zurück]

Radio Works February 20, 2016 | 07:27 pm

Da ich gerade den größten Teil meiner Lebenszeit in einem freien Radio verbringe und da auf diesem Blog ohnehin zur Zeit nicht mehr so viel passiert, möchte ich an dieser Stelle einige meiner Radio-Produktionen des letzten halben Jahrs dokumentieren. Es handelt sich größtenteils (aber nicht nur) um Interviews, wobei ich eine Auswahl der m.E. hörenswertesten Sachen ausgewählt habe (d.h., sie sind eher zeitlos, weniger tagesaktuell). Es gibt dazu jeweils eine kurze Einleitung, die meistens schon auf die erste Antwort des Interviewpartners hinführt, sodass sich der geneigte Leser die Sachen aussuchen kann, die ihm selbst am interessantesten erscheinen. Außerdem habe ich jeweils weiterführende Links hinzugefügt. Weitere Interviews und Beiträge von Radio Corax finden sich auf der Austauschplattform der freien Radios unter freie-radios.net. Ich denke, ich werde diesen Blog in nächster Zeit mal wieder öfter bestücken – wenn es die Zeit zwischen Radiomachen und sonstigem Leben zulässt.

Ungefragte Arbeitskräfte

Am 17. September 2015 fand in Berlin eine Veranstaltung der Redaktion der Zeitschrift Kosmoprolet statt, in der es um „Ungefragte Arbeitskräfte“, genauer: um das Surplus-Proletariat im Spätkapitalismus ging. Über den Inhalt des Vortrags habe ich ein Interview mit Felix von den Freundinnen und Freunden der Klassenlosen Gesellschaft geführt, eine Berliner Gruppe, die diese Veranstaltung organisiert hatte. Die Veranstaltung bezieht sich auf zwei Texte, die im Kosmoprolet erschienen sind und ich habe Felix zunächst gefragt um was für eine Zeitschrift es sich dabei handelt.

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William Morris – Romantik und Revolution

Unter dem Titel „Utopie und Revolution“ lud das Bildungskollektiv im Herbst 2015 zu einer vierteiligen Veranstaltungsreihe, in der es um verschiedene Aspekte utopischen Denkens und revolutionärer Bewegungen ging. Am 15. Oktober begann diese Veranstaltungsreihe in der Offenen Arbeit Erfurt mit einem Vortrag über den englischen Schriftsteller und Sozialisten William Morris. Ich habe mit Sebastian vom Bildungskollektiv über die Veranstaltungsreihe und über den Auftakt-Vortrag gesprochen. Zunächst hat er erzählt, womit sich das Bildungskollektiv in dieser Veranstaltungsreihe auseinandergesetzt hat.

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Magnon und Venus in Ruhrstadt

Im zweiten Teil dieser Veranstaltungsreihe hat Clemens Bach in der [L50] einen Vortrag gehalten. Dieser Vortrag trug den Titel „Magnon und Venus in Ruhrstadt“ und er hat in diesem Vortrag drei aktuelle Science-Fiction-Romane vorgestellt und dazu verschiedene Thesen zur Diskussion gestellt. Ich habe Clemens Bach zunächst nach dem Stand der Utopie in der Literatur gefragt.

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Mit ökologischen Utopien gegen „Realsozialismus“ und Kapitalismus

Ebenfalls im Rahmen dieser Reihe hat Alexander Amberger (Helle Panke Berlin) einen Vortrag halten, in dem es um drei DDR-Dissidenten ging, die die Umwelt-Politik der DDR auf marxistischer Grundlage kritisierten und die der DDR auf verschiedene Weise utopische Modelle entgegensetzten: Rudolf Bahro, Wolfgang Harich und Robert Havemann. Über die Vorstellungen dieser drei Dissidenten und über die Widersprüche und die Aktualität ihrer Ideen habe ich mit Alexander Amberger gesprochen. Zunächst haben ich ihn gefragt, wie es in der DDR denn mit der Umwelt-Politik ausgesehen hat.

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Nationalstaatlichkeit und Migrationskontrolle vs. Globale Bewegungsfreiheit

Die Diskussionen um die aktuellen Fluchtbewegungen sind derzeit in allen Medien present. Und auch hier bei Radio Corax verfolgen wir die tagespolitischen Diskussionen rund um das Thema Flucht und Migration und versuchen hierbei Einblicke zu gewinnen und gesellschaftskritische Perspektiven zu beleuchten. Wenn es um tagespolitische Debatten und Entscheidungen geht, ist es oft schwierig, das gesellschaftliche Ganze und seine Strukturen im Blick zu behalten. So auch beim Thema Flucht und Migration. Die Unterstützung von Flüchtlingen und die Abwehr einer restriktiven Flüchtlingspolitik lassen oft keine Zeit, nach den strukturellen Ursachen von Flucht auf der einen Seite und der gesellschaftlichen Grundlage von Migrationsregimen auf der anderen Seite zu fragen. Genau darüber haben wir mit Fabian Georgi gesprochen. Fabian Georgi arbeitet am politikwissenschaftlichen Institut der Uni Marburg und forscht über internationale Migrationspolitik und Migrationskontrollen in historischer und theoretischer Perspektive. Ich habe ihn zunächst gefragt, wie sich die europäische Migrationspolitik in den letzten Jahrzehnten entwickelt hat. Ein ausführlicher Vortrag zum Thema von Fabian Georgi kann hier nachgehört werden.

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These boots were made for walking – Klassenkämpfe in China

China hat sich in den letzten Jahrzehnten zu einer der exportstärksten Staaten entwickelt und die deutsche Regierung bemüht sich um Wirtschaftsverträge mit diesem Exportriesen. Wenn von Exporten und von millionenschweren Wirtschaftsverträgen die Rede ist, dann gibt es davon immer auch eine andere Seite – nämlich die Seite derjenigen, die für die Exportindustrie buckeln müssen. Deshalb wollte ich einmal genauer schauen, welche Klassenauseinandersetzungen und Arbeitskämpfe eigentlich in China geführt werden. Dafür haben ich mit einem Redakteur der Zeitschrift „Wildcat“ gesprochen – diese Zeitschrift verfolgt sehr akribisch Streikbewegungen und Arbeitskämpfe auf der ganzen Welt. In der Ausgabe No.98 dieser Zeitschrift, gab es einen Themenschwerpunkt über die Zusammensetzung der Weltarbeiterklasse – und in diesem Rahmen ist auch ein Text über Arbeitskämpfe in China erschienen. Darüber habe ich mit Karl von der Wildcat gesprochen. Ich habe ihn zunächst gefragt, wie es zum Themenschwerpunkt dieser Ausgabe gekommen ist. Weiterführende Texte im China-Dossier der Wildcat.

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40 Jahre Beendigung des PREC (Portugiesische Revolution)

Am 25.11.1975 folgten in Portugal zwei Putsche aufeinander, wobei sich der sozialdemokratische General Ramalho Eanes durchsetzte und in Portugal die Weichen hin zur westlich orientierten Demokratie gestellt wurden. Damit waren der heiße Sommer und der heiße Herbst beendet – und mit ihnen der Permanente Revolutionäre Prozess (PREC). Die „Nelkenrevolution“ gilt seither als Rettung der Demokratie vor dem Faschismus – die darüber hinausgehenden Tendenzen (Kollektivierungsbestrebungen in der Produktion, Landbesetzungen) werden im öffentlich-politischen Gedächtnis verschwiegen. Ich sprach mit Zwi von der Translib Leipzig, die anlässlich der vierzig-jährigen Beendigung des PREC drei Veranstaltungen ausrichtete. Mitschnitte und Materialien zur Veranstaltungsreihe finden sich hier.

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„Wenn nicht wir, wer dann?“ – Zur Kritik eines Manifests

Der Leiter der Künstlergruppe „Zentrum für politische Schönheit“, Philipp Ruch, hat kürzlich ein über 200 Seiten langes Manifest veröffentlicht. Wer das „Zentrum“ bisher für eine linke oder fortschrittliche Aktionsgruppe hielt, könnte bei der Lektüre dieses Buches nun einen anderen Eindruck bekommen. Es ist durchzogen von Anti-Modernismus, Gegenaufklärung und Genie-Kult. Ich habe über dieses Manifest mit dem Philosophen und Kunsthistoriker Wolfgang Ullrich gesprochen, der eine kritische Rezension über Philipp Ruchs Buch geschrieben hat. Zunächst habe ich ihn gefragt, was das Buch überhaupt intendiert und was es auszeichnet. Blog von Philipp Ruch.

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Die Wiedergutwerdung der Deutschen – über Eike Geisel

In den „Nachrichten aus dem beschädigten Leben“ habe ich den Journalisten und Essayisten Eike Geisel portraitiert, wozu ich mit Klaus Bittermann (Edition Tiamat) gesprochen und O-Töne aus einem Gespräch mit Eike Geisel verwendet habe. Kürzlich bei Edition Tiamat erschienen: Gesammelte Texte von Eike Geisel.

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Zur Besetzung des des Georg-von-Rauch-Hauses

Vor 44 Jahren – am 08.12.1971 – ist in Berlin-Kreuzberg das ehemalige Bethanien-Krankenhaus besetzt worden. Es war dies eine der ersten erfolgreichen Hausbesetzungen in West-Berlin. Über den Hintergrund der Besetzung habe ich mit Ringo gesprochen, der damals bei der Besetzung dabei gewesen ist. Ich habe ihn zunächst gefragt, warum das Bethanien von den Besetzern „Georg-von-Rauch-Haus“ genannt worden ist. Eine unbedingte Empfehlung: Die Dokumentation „Allein machen sie dich ein“ über das Rauchhaus von 1973.

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Der Bruch mit dem Bestehenden – Hintergründe zur Novemberrevolution

Vor 97 Jahren ereignete sich im Deutschen Reich die Novemberrevolution – ein Ereignis, das eigentlich viel mehr eine Reihe von Ereignissen ist, die sich vom Herbst 1918 bist in den Januar 1919 gezogen haben. Ausgehend von der Weigerung der Kieler Matrosen, noch einmal in die Seeschlacht zu ziehen, bildeten sich überall im Reich Arbeiter- und Soldatenräte. Über die Novemberrevolution habe ich mit Philipp Schweizer von den Falken Erfurt gesprochen. Zunächst habe ich ihn nach dem Auslöser der Novemberrevolution gefragt. Das Interview hat auch auf eine Veranstaltungsreihe der Erfurter Falken zum Thema verwiesen.

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Granaten in der Nationalversammlung

Auszüge aus dem Interview mit Philipp Schweizer habe ich dann noch einmal in den Nachrichten aus dem beschädigten Leben vom 14.12.2015 verwendet. Hier geht es dann um eine Erzählung von Ludwig Turek über eine geplante Aktion gegen die Weimarer Nationalversammlung, die ich schon einmal hier gespiegelt hatte.

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Vor 96 begann in Berlin der „Spartakus-Aufstand“

Der 5. Januar ist ein besonderes Datum für die deutsche Geschichte und für die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung: Vor 96 Jahren, am 05. Januar 1919, fand in Berlin eine Arbeiter-Demonstration statt und von dieser Demonstration ausgehend haben dann bewaffnete Arbeiter die Druckereien der sozialdemokratischen Zeitung „Vorwärts“ und des Berliner Tageblatts besetzt. Weiterhin sind an diesem Tag mehrere Verlagsgebäude in Berlin besetzt worden. Diese Besetzung des Berliner Zeitungsviertels war der Beginn des sogenannten „Spartakus-Aufstands“. Ich habe mit Frederik Schwieger von den Falken Erfurt über die Januar-Kämpfe von 1919 in Berlin gesprochen. Ich habe Fred zunächst gefragt, wie die Novemberrevolution in die Januar-Kämpfe gemündet ist. Der gesamte Sendeblock zum Spartakusaufstand, der neben dem Interview mit Frederik Schwieger auch einen O-Ton von Alfred Sohn-Rethel und einen Auszug aus einem Vortrag von Seb Bronsky enthält, kann hier heruntergeladen werden.

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Der Umbruch 1989 – Revolution, Implosion oder Konterrevolution? – ein Gespräch mit Renate Hürtgen

Diejenigen, die in der Wendezeit 1989 / 1990 dabei gewesen sind, haben heute ein sehr ambivalentes Verhältnis zu diesem Begriff – „Wende“. Während die offizielle Geschichtsschreibung von der Wende und der Friedlichen Revolution spricht, haben viele Mensschen die Zeit ganz anders erlebt. So existieren auch Begriffe wie Konterrevolution oder Implusion, Umbruch oder einfach nur „89″. Ob die Wende nun eine Revolution gewesen ist, eine Implosion oder eine Konterrevolution – und wer über diese Frage entscheidet, darüber haben ich mich mit der Historikerin Renate Hürtgen unterhalten. Das Interview verwies auf eine Veranstaltungsreihe der Leipziger Marx Expedition.

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Die MEGA-Edition geht online

Wie die Individuen ihr Leben äußern, so sind sie. Was sie sind, fällt also zusammen mit ihrer Produktion, sowohl damit, was sie produzieren, als auch damit, wie sie produzieren. Was die Individuen also sind, das hängt ab von den materiellen Bedingungen ihrer Produktion.

Diese drei Sätze stammen aus einem Dokument, das den sogenannten „Historischen Materialismus“ begründet hat – eine Schrift, die da heißt „Die deutsche Ideologie“ und die aufgeschrieben worden ist von Karl Marx und in Teilen von Friedrich Engels. Allerdings ist diese Schrift niemals vollendet worden – in ihrer ursprünglichen Form ist sie lediglich ein Konvolut von Manuskripten gewesen. In Buch-Form liegt diese Schrift als dritter Band der Blauen Bände vor – der Marx-Engels-Werke. Allerdings wurde dieser dritte MEW-Band, wie die Blauen Bände überhaupt, editiert vom Institut für Marxismus-Leninismus beim Zentralkomitee der SED – und war daher auch editorisch eingebettet in die Ideologie des Marxismus-Lenismus. Und inwiefern hier an den Manuskripten willkürliche Änderungen, Vereindeutungen und Umschreibungen vorgenommen worden sind – das lässt sich für einen unbedarften Leser kaum nachvollziehen. Ein Projekt, das sich um eine authentische Herausgabe der Original-Schriften von Marx und Engels, auch der Deutschen Ideologie, bemüht, ist das MEGA-Projekt – die Marx-Engels-Gesamt-Ausgabe. Die MEGA bemüht sich um eine historisch-kritische Ausgabe aller Schriften von Marx und Engels und will die Entstehung der marx’schen und engel’schen Texte nachvollziehbar machen – und angesichts des überaus großen Nachlasses von Marx und Engels kann man wohl sagen, dass es sich bei der MEGA um ein editorisches Großprojekt handelt. Wie an einem solchen wissenschaftlich-philologischen Großprojekt gearbeitet wird – das ist sicher nicht nur für eingefleischte Marxisten interessant. Ich habe mit Gerald Hubmann gesprochen, der die Arbeit an der MEGA an der Akademie der Wissenschaften in Berlin leitet. Ich wollte herausfinden, was es bedeutet, über zweihundert Jahre alte Texte historisch-kritisch zu erschließen und zu editieren. Dabei habe ich Gerald Hubmann zunächst gefragt, worin eigentlich der Unterschied zwischen den Blauen Bänden der Marx-Engels-Werke und der historisch-kritischen Marx-Engels-Gesamtausgabe besteht. Links zum Thema: Artikel zur Geschichte der MEGA-Edition | Artikel zum Online-Projekt | Internetpräsenz der MEGA.

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Zur Psychologie des Islamischen Staates

Es gibt ein Thema, das – selbstkritisch eingestanden – bei Radio Corax kaum vorkommt: Die Kritik des politischen Islams – die kritische Auseinandersetzung mit der Ideologie und der Praxis des islamistischen Terrors, aus einer emanzipatorischen Perspektive. Dass der Islamismus in seiner politischen Form emanzipatorischen Bestrebungen entgegensteht, das mag in zahlreichen linken Debatten vorausgesetzt sein – aber eine wirkliche Auseinandersetzung mit dem Islamismus bleibt dann doch oftmals aus. Das ist der Grund, warum ich mir dieses Thema einmal etwas ausführlicher vorgenommen haben. Felix Riedel, der unter anderem als Ethnologe an der Universität in Kassel lehrt und einen Blog betreibt, hat im letzten Jahr in Leipzig und in Berlin einen Vortrag gehalten, der sich mit der „Psychologie des Islamischen Staats“ auseinandergesetzt hat. Dieses Thema ist mehr als aktuell – letzten November gab es in Paris einen verheerenden Anschlag des Islamischen Staats und der Islamische Staat übt nach wie vor die Herrschaft über Gebiete in Syrien und im Irak aus. Über den Islamischen Staat haben ich mit Felix Riedel gesprochen und ich habe ihn zunächst danach gefragt, wie der Islamische Staat innerhalb der verschiedenen islamistischen Strömungen einzuordnen ist.

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Avantgarde – von den dadaistischen Anfängen bis zu Dada

Das Cabaret Voltaire in Zürich, das als Geburtsort des Dadaismus gilt, wurde am 5. Februar 1916 gegründet. Eine Annäherung an Dada habe ich mit Alexander Emanuely aus Wien unternommen. Der hat gerade ein Buch veröffentlicht, in dem es unter anderem auch um den Dadaismus geht. Dieses Buch trägt den Titel „Avantgarde – von den anarchistischen Anfängen bis Dada oder wider eine begriffliche Beliebigkeit“. Worum es in diesem Buch geht, darüber habe ich mit Alexander Emanuely gesprochen. Ich habe ihn zunächst gefragt, was der Begriff „Avantgarde“ eigentlich bezeichnet. Eine Rezension zu Emanuelys Buch und weiterführende Texte finden sich hier.

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100 Jahre Dada – ein Kommentar

Eine Antwort von Alexander Emanuely habe ich dann noch einmal in einem eigenen Kommentar zu 100 Jahren Dada verwendet:

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Die europäische Dimension des Rechtsextremismus

Am 6. Februar 2015 hat die Pegida-Bewegung mit einem europa-weiten Aktionstag aufmerksam auf sich gemacht – ein Aktionstag der unter dem Titel „Festung Europa“ stand und in dessen Rahmen unter anderem in Tschechien, in Polen, in Frankreich, in Dänemark, in Großbrittannien und in Irland fremdenfeindliche Kundgebungen und Demonstrationen stattgefunden haben. Dass sich Rechte und extreme Rechte europaweit vernetzen, das ist sicherlich nicht neu – aber wer Pegida bisher als ein auf Deutschland beschränktes Problem wahrgenommen hat, der wurde hier eines besseren belehrt und es ist vielleicht sinnvoll, sich gerade jetzt noch einmal ausführlicher mit der extremen Rechten in Europa auseinanderzusetzen. Ich habe darüber mit Andreas Peham gesprochen, der schon vor einigen Jahren ein Buch über die extreme Rechte in Europa gesprochen hat. Ich habe ihn zunächst gefragt, inwiefern das Problem des Rechtsextremismus schon immer eine europäische Dimension gehabt hat. Andreas Peham lebt in Wien und arbeitet im Dokumentationsarchiv des östterreichischen Widerstands.

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Vergiftete Schokolade

Und zuguterletzt ein Feature, das ich im letzten Jahr gemeinsam mit Götz Rubisch im Rahmen des Werkleitz-Festivals produziert habe. Es ist gewissermaßen eine militante Untersuchung über das Verhältnis zwischen Werken und Rezipienten postmoderner Kunst.

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Futuristische Hörspiele October 12, 2015 | 07:22 am

Freispiel ist eine Sendung auf Radio Corax, ein Podium für Ungewöhnliches im Radio, das sich früher möglicherweise Hörspiel nannte. In der Freispiel-Sendung vom 20.09.2015 ging es um die Ursprünge der akustischen Kunst – als sich das Geräusch von der literarischen Vorgabe löste und zum eigenständigen Bestandteil der Komposition wurde. Ralf Wendt (Radio Corax) leitete die Hör-Beispiele ein und Klaus Schöning (Studio Akustische Kunst, WDR) nahm eine historisch-wissenschaftliche Einordnung vor. Zu hören waren u.a. Marinetti, Russolo, Walter Ruttmann, Kurt Schwitters und Raoul Hausmann. Zuletzt wurden aktuelle Beispiele der Hörkunst vorgestellt. Eine hörens-werte Sendung. Der in der Sendung angekündigte Ausschnitt aus John Cages Roaratorio von 1979 ist in dem uns vorliegenden Mitschnitt der Sendung leider nicht enthalten. Roaratorio kann aber vollständig hier oder untenstehend angehört werden. Wer diesen Klängen etwas abgewinnen kann, dem sei die Schallplatten-Serie „An Anthology of Noise & Electronic Music“ empfohlen – schön gestaltet und mit kurzen, informativen Instruktionen zu den sorgsam ausgewählten Stücken.

    Download: via AArchiv (mp3; 75.7 MB; 47:14 min)

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hoerenswert 10 March 9, 2015 | 05:39 pm

Teil 9 hier zu finden

  • SWR2: Anarchisten am Rio de la Plata (27 Min.) (download) (via)
  • WDR-Zeitzeichen: Sozialistengesetz 1878 (14 Min.) – oder: Die fernen Ursprünge der SPD (download) (via)
  • NDR: Hannah Arendts Töchter (20 Min.) (download)
  • SWR2-Aula: Wie der Kapitalismus uns zu Selbstausbeutern macht – Han Byung-Chul (28 Min.) (download)

Es folgt der obligatorische Hinweis, dass einiges sowohl in seiner inhaltlichen Ausrichtung als auch der Form nach durchaus Kritik würdig ist.


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Der Kampf um Kobane October 1, 2014 | 02:40 pm

Gespräch zur Situation nicht nur in Irak und Syrien

Die Weltereignisse überschlagen sich täglich, wie derzeit etwa in der umkämpften syrisch-kurdischen Grenzstadt Kobane – demgegenüber ist das Audioarchiv, gerade in seinem Anspruch, Tondokumente über eine länger Zeit hinweg verfügbar zu machen, ein recht langsam funktionierendes Medium. Dennoch hoffen wir, dass es für möglichst viele Leute nützlich ist, wenn wir folgendes hörenswertes Radiogespräch zur Verfügung stellen:

In einer Gemeinschaftssendung von Shalom Libertad und Quergelesen am 23.09.2014 haben sich Stefan Negator und Wolfgang Seibert mit Danyal (Cosmoproletarian Solidarity) und Ramin über die derzeitige Situation im Nahen Osten unterhalten. Ausgehend von der derzeitigen Offensive des Islamischen Staats auf Kobane entwirren die vier die Kräftekonstellationen, Konfliktlinien und Machtverhältnisse dieses Schauplatzes des syrischen Bürgerkriegs. Insbesondere geht es auch um die Aufstellung und Zusammensetzung der kurdischen Gebiete, die machtpolitischen Grundlagen des IS, sowie die Interessen der Türkei, des Irans und anderer arabischer Staaten. Zuletzt haben sie darüber gesprochen, welche Bedeutung die Entwicklung des syrischen Bürgerkriegs für Israel hat und über die Interessen Deutschlands sowie die Reaktionen der deutschen Linken.

    Download: via AArchiv (mp3; MB; 1:43:26 h) | via Mediafire (zip; ~2 h)

Siehe auch: Syrien zwischen Bürgerkrieg, Glaubenskrieg des ISIS und kurdischer Autonomiebestrebung

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„Voller Entsetzen, aber nicht verzweifelt“. Über Mihail Sebastian September 2, 2014 | 09:37 am

Wie in allen großen Werken der Literatur erzeugt Sebastians Tagebuch eine eigene Aktualität. Es heute, mehr als ein halbes Jahrhundert nach seiner Entstehung, zu entdecken und zu lesen, ist ein erschütterndes und überwältigendes Erlebnis.“ (Claude Lanzmann)

Nach einigen Sammelbeiträgen veröffentlicht das Audioarchiv mal wieder eine einzelne Radiosendung. Es handelt sich um eine ältere Aufzeichung vom FSK aus Hamburg, die das Leben und Werk vom rumänischen Victor Klemperer, Mihail Sebastian, thematisiert. Melanie Baer (Redaktion „Bühnenworte“), Jorinde Reznikoff and Klaus-Peter Flügel (neopostdadasurrealpunkshow) sprachen aus Anlass einer szenischen Lesung im Jahr 2010 im Politbüro mit Berthold Brunner und Thomas Ebermann. Auszüge der Lesung sind in der Sendung zu hören.

Aus der Ankündigung der Lesung mit Ebermann und Robert Stadlober:

Die erst vor wenigen Jahren veröffentlichten Tagebücher von Mihail Sebastian erhielten begeisterte Kritiken u.a. von Philip Roth, Arthur Miller und Claude Lanzmann. Robert Stadlober, Thomas Ebermann und Berthold Brunner haben eine szenische Lesung aus den Tagebüchern erstellt. Sebastian schildert eindrucksvoll die politischen Verhältnisse der 30er und 40er Jahre in Rumänien. Als Literaturkritiker, Autor und Übersetzer in der KünstlerInnenszene von Bukarest erlebt er die Zuspitzung der antisemitischen Propaganda und den Terror der faschistischen »Eisernen Garde«. Einige seiner engen FreundInnen werden zu überzeugten AnhängerInnen des Faschismus.

Mihail Sebastian beschreibt die sich steigernden antisemitischen Maßnahmen der Regierung des Marschalls Antonescu minutiös, von der Erhöhung der Mieten für Jüdinnen und Juden und der Beschlagnahme seiner geliebten Ski und des Radiogeräts, bis zu den Razzien und Deportationen. Die Tagebücher bieten einen Blick in den Alltag aus Diskriminierung und Furcht, aber auch in Momente der Hoffnung und literarischer Leidenschaft.

»Mihail Sebastian war ein junger Mann im Aufstieg, ein 28-jähriger rumänischer Jude, dessen Talent ihm von der Provinz in die besten Künstlerkreise Bukarests getragen hatte. Er schrieb Romane und Essays. Er schriebt Stücke. Er trank Champagner in Cafés und kostete jeden fiebernden Moment seiner Liebesaffairen voll aus. Er füllte umfangreiche Tagebücher mit ungestümen Urteilen und genauen Beobachtungen. (…). Er ist beides, idealistisch und ehrgeizig. Er versucht manchmal den Zyniker zu spielen, doch seine intellektuellen Skrupel hindern ihn daran. Die besten Tagebücher verbergen nicht die Risse und Abbrüche in unseren Leben. Sie verstecken nicht unsere Beteiligung an dem, das nach dem Urteil der Geschichte Engstirnigkeit und Egoismus genannt wird. Sebastian macht sich Sorgen: Was ist mit meiner Karriere? Meiner abflauenden Liebesaffaire? Ist es richtig, das Schicksals meines Theaterstücks zu betrauern, während Europa beinahe zusammenbricht?

Sebastian zeigt uns, wie das Unbedeutende und das Gewichtige sich mischen. Die Politik kappt nicht so schnell die alten Verbindungen. Der Krieg löscht den Egoismus nicht aus. Seine Ehrlichkeit gehört zu den stärksten Aspekten, die am meisten berühren. Wieder und wieder weigert er sich, seine Reaktionen vereinfacht abzubilden: So edle Motive vorzuschieben, wo er ehrgeizig ist, oder edlen Zorn, wo er sicher ist, all dem Verrat und den entsetzlichen Behandlungen wirklich entgegentreten zu können.« (New York Times)

    Download: via AArchiv (mp3; 87.2 MB; 54:25 min)
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hoerenswert 9 December 26, 2013 | 11:37 am

Teil 8 hier zu finden

  • BR2: Michel Foucault – Was macht Macht (22 Min.) (download) (via)
  • BR2: Ein Fest gegen die BRD – Münchner Jugendrevolte Freizeit ’81 (53 Min.) (download) (via)
  • SWR2: Veganismus – Was macht Menschen zu Veganern? (44 Min.) (download)
  • SWR2: Allein mit Allen – Das Ich in seinen Netzen (44 Min.) (mit u.a. Konrad Paul Liessmann) (download)
  • HR2: Über das Hören (15 Min.) (download)
  • HR2: Männerquote und Emanzipation (14 Min.) (download)
  • NDR: Ich habs getan – Der lange Abschied vom ungeborenen Kind (25 Min.) (download)
  • HR2: Doppelkopf: Peter Bieri & die Würde (47 Min.) (download)
  • D-Radio-Wissen: Ökonomie – Zehn Mythen der Krise (Referat Heiner Flassbeck) (42 Min.) (download)

Es folgt der obligatorische Hinweis, dass einiges sowohl in seiner inhaltlichen Ausrichtung als auch der Form nach durchaus kritikwürdig ist.


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Spotify Playlist 10/2013 October 5, 2013 | 03:58 pm

Der Oktober biegt mit alten Bekannten um die Ecke: Mazzy Star, Prefab Sprout, Kim Gordon und Michaela Melián sind mit neuen Platten am Start. Auch die Die Goldenen Zitronen legen bei Buback eine neue Platte mit dem Titel »Who’s bad« vor. Um die geht es auch in dem Audio-Interview, das KP Flügel für uns geführt hat.

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Spotify Playlist 09/2013 September 1, 2013 | 03:53 pm

Almut Klotz ist am 16.08.2013 gestorben. Sie gründete zusammen mit Christiane Rösinger und Funny van Dannen die Lassie Sisters und mit den Grethe Schwestern Parole Trixie. Bei Staatsakt ist wenige Tage nach ihre Tod das Album »Lass die Lady rein« erschienen, das sie mit Christian Dabeler aufnahm. Auf unserem September Mixtape findet ihr auch ein Stück von dieser Platte.

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Spotify Playlist 07/2013 July 1, 2013 | 03:38 pm

Es ist nur ein kleiner Vorgeschmack aber immerhin: in ein paar Wochen erscheint das neue Sebadoh-Album auf Domino. Auf der EP mit dem Titel »Secret« kann bereits inspiziert werden, was Lou Barlow und co. derzeit zustande bringen. Die Platte der letzten Wochen kommt für mich hingegen von der jungen Hamburger Band »Der Ringer«. Leider umfasst ihre Veröffentlichung »Das Königreich liegt unter uns« auf Euphorie Records nur fünf Songs. Die sind aber super.

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Spotify Playlist 06/2013 June 1, 2013 | 10:24 am

Ab in den Juni mit Mount Kimbie, Baths, Mikal Cronin und vielen anderen.

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Spotify Playlist 05/2013 May 1, 2013 | 12:10 pm

Ihr habt das wahrscheinlich gar nicht mitgeschnitten: uns gibt es seit nunmehr zehn Jahren. Gemessen an der Aktivität dieser Seite müssen wir aber so behäbig wie 92 wirken. Auch wenn es mehr schleichend und ungewollt passiert ist – in der Daueraufgeregtheit des Netzes nicht auch noch mit Geschäftlichkeit zu glänzen, finden wir ganz in Ordnung. Mal schauen wie’s mit uns in Zukunft weiter läuft. Allen Unkenrufen zum Trotz: Beatpunk bleibt.

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