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Ein Armutszeugnis für Arte May 8, 2017 | 11:35 am

Antiisraelische Demonstration in Berlin, Screenshot aus der Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa«, © Preview Production/Matthias Benzing

Der öffentlich-rechtliche Fernsehsender Arte lehnt die Ausstrahlung einer Dokumentation über Antisemitismus in Europa entgegen seiner ursprünglichen Zusage ab. Er wirft den Autoren formale Verstöße vor, doch es spricht erheblich mehr dafür, dass die Entscheidung politisch motiviert ist. Dem Sender passt offenkundig die Aussage des Films nicht in den Kram.

Als Mahmud Abbas im Juni des vergangenen Jahres vor dem europäischen Parlament eine Rede hält, behauptet er darin, es gebe in Israel Rabbiner, die die israelische Regierung aufgefordert hätten, das Trinkwasser im Westjordanland zu vergiften, um Palästinenser zu töten. Das sei eine »klare Anstiftung zum Massenmord am palästinensischen Volk«. Es ist die uralte antisemitische Lüge von den Juden als Brunnenvergiftern. Die Abgeordneten erheben sich gleichwohl am Ende der Ansprache und spenden dem Palästinenserpräsidenten minutenlang Beifall, der Parlamentspräsident Martin Schulz twittert, er habe den Vortrag seines Gastes »anregend« gefunden. Annette Groth, Mitglied des Deutschen Bundestages und Menschenrechtsbeauftragte der Linkspartei, äußert sich ganz ähnlich wie Abbas. Sie sagt, Israel habe die Wasserversorgung im Gazastreifen »gezielt kaputt gemacht« und leite außerdem »Tausende von Tonnen an Chemikalien« sowie »toxisches Material« ins Mittelmeer.

Jürgen Elsässer, Chefredakteur der Querfront-Zeitschrift Compact, zieht derweil auf einer Kundgebung vor dem Berliner Hauptbahnhof gegen »das internationale Finanzkapital« sowie »die Wall Street« vom Leder und ruft seinen Anhängern zu: »Wir müssen uns wehren sowohl gegen die Islamisierung wie gegen die Israelisierung und vor allem gegen die Amerikanisierung!« Die Angesprochenen johlen, glauben wie ihr Idol fest an eine »amerikanisch-zionistische Weltverschwörung« und sind der Ansicht, in den »Protokollen der Weisen von Zion«, einem antisemitischen, verschwörungstheoretischen Machwerk, stünden »ziemlich coole Gedanken«.

Linksradikale Demonstranten nennen den jüdischen Staat unterdessen ein »Konstrukt des Imperialismus« und klagen gleichzeitig darüber, man dürfe »wegen des Hitler-Hintergrunds« nichts gegen Israel sagen, weil man sonst sofort als Antisemit bezeichnet werde. Eine ältere evangelische Friedensaktivistin wirft den Israelis ein »Hineinsteigern in die Opferpsyche« vor und behauptet, sie täten heute »etwas Ähnliches wie das, was ihnen selber widerfahren ist«, verhielten sich also wie weiland die Nazis gegenüber den Juden. Ein Rapper singt von einem »Genozid«, den Israel in Gaza verursache, andere rufen in ihren Liedern zum Boykott des jüdischen Staates auf. In einer Pariser Vorstadt ziehen Juden scharenweise fort, konfrontiert mit dem Judenhass ihrer muslimischen Nachbarn und im Stich gelassen von der französischen Politik.

Dem Antisemitismus auf den Grund gegangen

All das und noch sehr viel mehr dokumentiert der 90-minütige Film »Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa«. Die Autoren Joachim Schroeder und Sophie Hafner von der Film- und Fernsehproduktionsgesellschaft Preview Production aus München sind dafür viele tausend Kilometer durch Deutschland, Frankreich, Israel und den Gazastreifen gefahren. Sie zeigen aber nicht nur an ausgewählten Beispielen und Protagonisten eindringlich, wie virulent und wirkungsmächtig der Antisemitismus in beinahe allen politischen Lagern und Strömungen ist und welche unterschiedlichen Formen er annehmen kann, sondern sie ordnen ihn auch ein und zu, geschichtlich wie aktuell. Dazu dienen ihnen historische Aufnahmen genauso wie zahlreiche Interviews, die sie mit renommierten Experten geführt haben, beispielsweise mit dem amerikanischen Historiker Moishe Postone, dem israelischen Politiker Raphael Eitan – der die Mossad-Operation zur Verhaftung von Adolf Eichmann leitete – und der Linguistin Monika Schwarz-Friesel.

Darüber hinaus gehen Schroeder und Hafner in Gaza der Frage nach, was genau eigentlich mit dem vielen Geld geschieht, über das die UNRWA, das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen, verfügt – eine Einrichtung, die die radikalsten Palästinenser in ihrer Absicht, Israel den Garaus zu machen, ausdrücklich bestärkt. Sie zeigen, dass es etlichen NGOs im Nahen Osten weniger um humanitäre Hilfe geht als vielmehr um die Dämonisierung und Delegitimierung des einzigen jüdischen Staates. Sie lassen aber auch palästinensische Studentinnen und Studenten aus dem Gazastreifen zu Wort kommen, die sich überraschend klar gegen die Hamas und deren Antisemitismus positionieren. Und sie machen deutlich, dass es Palästinenser gibt, die in israelischen Siedlungen im Westjordanland arbeiten und dort in jeder Hinsicht ein gutes Auskommen haben. All das widerspricht fundamental den landläufigen Gewissheiten, die »israelkritische« Europäer in Bezug auf die Tätigkeit humanitärer Organisationen einerseits und hinsichtlich der Palästinenser andererseits zu haben glauben.

Joachim Schroeder und Sophie Hafner ist eine herausragende Dokumentation gelungen, die dem Hass gegen Juden buchstäblich auf den Grund geht. Dabei arbeiten sie in ihrem Film überzeugend heraus, dass der moderne Antisemitismus längst nicht nur in umgekippten Grabsteinen auf jüdischen Friedhöfen und in körperlichen Angriffen auf Juden zum Ausdruck kommt. Sondern dass er im Hass auf den jüdischen Staat, im Antizionismus also, eine mittlerweile noch populärere und gesellschaftsfähigere Variante gefunden hat, die sowohl bei Linksradikalen als auch bei Rechtsextremisten sowie bei Islamisten und in der bürgerlichen Mitte beheimatet ist. Die vielen Perspektivwechsel, die intelligenten Interviews, die intensive Recherche, die eindrucksvollen Bilder, der meist nüchterne, manchmal aber auch angemessen sarkastische und immer präzise Kommentar aus dem Off – all das macht »Auserwählt und ausgegrenzt« höchst sehenswert und lässt den Betrachter erheblich klüger werden.

Wenn man an dem Film überhaupt etwas bemängeln kann, dann vielleicht, dass er bisweilen ein allzu atemberaubendes Tempo vorlegt und es nicht immer leicht ist, die immense Fülle und Dichte an Informationen, Schauplätzen, Blickwinkeln und Gesprächspartnern zu verarbeiten. Das aber ist nicht die Kritik von Arte, jenem öffentlich-rechtlichen Sender, für den Schroeder und Hafner ihr Werk produziert haben – und der sich nun entgegen seiner Zusage weigert, die Dokumentation auszustrahlen. Zur Begründung heißt es in einem kurzen Schreiben des Arte-Programmdirektors Alain Le Diberder vom 27. Februar dieses Jahres, der Film entspreche »in wesentlichen Punkten« nicht dem von der Programmkonferenz des deutsch-französischen Senders genehmigten Projekt. Weder gebe er »den angekündigten Überblick zur Situation in Europa« noch sei eine Mitarbeit von Ahmad Mansour zu erkennen, der die »Ausgewogenheit des Projektes garantieren« sollte und dessen Koautorenschaft ausschlaggebend für die Genehmigung gewesen sei.

Massive Widerstände bei Arte

Der arabisch-israelische Autor und Psychologe Mansour hatte zuvor allerdings in einer E-Mail an Sabine Rollberg, die zuständige Redakteurin und Leiterin der Arte-Redaktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR), versichert, er finde den Film »großartig und überfällig«. Er habe zwar aufgrund starker beruflicher und privater Beanspruchung nicht wie vorgesehen als Co-Autor zur Verfügung stehen können, als Berater aber die Inhalte eng mit Schroeder und Hafner abgestimmt. Bleibt der Vorwurf von Le Diberder, die Autoren und Produzenten hätten sich nicht an die beschlossenen Vorgaben gehalten. Das ist eine formale Kritik. Doch kann sie tatsächlich so schwer wiegen, dass sie die Ablehnung eines solchen Films rechtfertigt? Und vor allem: Ist das wirklich der Hauptgrund für das Nein von Arte?

Dazu muss man wissen, dass das Filmprojekt im Sender nur gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt werden konnte. Erstmals angeboten worden ist es nach Auskunft von Joachim Schroeder im Juni 2014; nach den islamistischen Terroranschlägen in Paris im Januar 2015 auf die Redaktion von Charlie Hebdo und einen koscheren Supermarkt lehnt Arte es schließlich ab. Als Grund wird Schroeder zufolge angeführt, Leon de Winter, der den Film betreuen soll, sei »islamophob«, als Beleg für diese Behauptung dient das antisemitische Internetportal Electronic Intifada.

Schroeder lässt jedoch nicht locker, verzichtet auf de Winters Mitarbeit und reicht ein verändertes Konzept ein. Diesmal mit Erfolg: Im April 2015 gibt die Programmkonferenz des Senders grünes Licht – wenn auch nur mit knapper Mehrheit. Vor allem die französischen Teilnehmer seien weiterhin dagegen gewesen, sagt Schroeder, außerdem seien ihm zwei Bedingungen genannt worden: »Der Film müsse das Thema ›ergebnisoffen‹ angehen. Und ich müsse Verständnis dafür haben, dass dies gerade für Arte in Frankreich eine sensible Sache sei, weil man dort zwischen islamischer und jüdischer Lobby eingezwängt sei.«

Vorgeschobene formale Gründe

Preview Production beginnt trotz dieser hanebüchenen Maßgaben mit den Dreharbeiten, Ahmad Mansour wird – mit Zustimmung der Redakteurin Rollberg – vom Co-Autor zum Berater, Sophie Hafner steigt als Mitautorin ein. In den letzten Monaten des Jahres 2016 folgen der Rohschnitt und die Vertonung, im Dezember nimmt Sabine Rollberg als Zuständige schließlich die Endfassung des Films ab. Alles scheint den geplanten Weg zu gehen, doch das täuscht. Denn jetzt beginnen die Schwierigkeiten erst richtig.

Rollberg gerät nach ihrem positiven Votum sowohl beim WDR als auch und vor allem bei Arte massiv unter Druck. In Straßburg teilt man ihr mündlich mit, der Film sei »eine Provokation« und schütte »Öl ins Feuer«. Er sei weder ergebnisoffen noch multiperspektivisch, sondern »antimuslimisch, antiprotestantisch und proisraelisch«. Man könne ihn »angesichts der Terrorlage in Frankreich« nicht zeigen. Rollberg schlägt Arte daraufhin ein redaktionelles Treffen vor, an dem auch Schroeder und Hafner teilnehmen sollen, doch das lehnt der Sender ab. Auf ihre schriftliche Bitte an Le Diberder um ein persönliches Gespräch reagiert der Programmdirektor nicht einmal.

Schroeder und Hafner versuchen ihrerseits ebenfalls, das Projekt zu retten. Unter anderem holen sie von sechs renommierten Experten – den Historikern Götz Aly und Michael Wolffsohn, dem Politikwissenschaftler Matthias Küntzel, der Sprachwissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel, dem Autor und Filmemacher Samuel Schirmbeck sowie dem kanadischen Antisemitismusforscher Charles Small – schriftliche Stellungnahmen ein. Ausnahmslos alle zeigen sich beeindruckt von dem Film, doch auch das vermag Arte nicht umzustimmen. Der Sender äußert sich nicht einmal zu den Urteilen der Wissenschaftler.

Als Alain Le Diberder die Ausstrahlung schriftlich ablehnt, wendet sich Schroeder an den WDR-Intendanten Tom Buhrow, der die Antwort an seinen Fernsehdirektor Jörg Schönenborn delegiert. Schönenborn schreibt knapp, der WDR sei nicht zuständig, im Übrigen respektiere er die Entscheidung des Arte-Programmdirektors. Auch Matthias Kremin, der Leiter der WDR-Abteilung Kultur und Wissenschaft, stellt sich in einer E-Mail an Schroeder hinter Le Diberder: Der Film sei zwar gewiss interessant, entspreche aber nun mal nicht der Vereinbarung, einen Überblick über den Antisemitismus in Europa zu geben. Zudem lehnt Kremin es ab, die Dokumentation ersatzweise ins Programm des WDR zu übernehmen.

Die Ablehnung ist ein Armutszeugnis

Götz Aly hat am Dienstag in einem Beitrag für die Berliner Zeitung zu der Angelegenheit geschrieben: »Die Sache stinkt zum Himmel.« Damit hat er zweifellos Recht. Joachim Schroeder weist nachvollziehbar darauf hin, dass sich ein guter Dokumentarfilm nicht stur an das ursprüngliche Exposé klammert, sondern sich im Laufe der Recherche entwickelt. Zudem seien Änderungen an der Konzeption stets mit Zustimmung der zuständigen Redakteurin Sabine Rollberg geschehen. Doch davon einmal abgesehen können Formalien ohnehin nicht ernsthaft ein Grund dafür sein, die Ausstrahlung dieser Dokumentation abzulehnen, die durch die Erweiterung der Perspektive gerade erheblich an Prägnanz und Kraft gewinnt. Die Blockadehaltung von Arte und dem WDR, das unkollegiale Verhalten der Sendeanstalten gegenüber der verantwortlichen Redakteurin und die mündlichen Verlautbarungen legen vielmehr nahe, dass hier ein Film aus inhaltlichen, also politischen Gründen abgelehnt wurde. Aly spricht deshalb sogar von Zensur, und das dürfte den Kern treffen.

Arte hat in der Vergangenheit immer wieder Filme ins Programm genommen, die Israel in dunklen Farben darstellen. Als Beispiele seien nur »Die Siedler der Westbank«, »Gelobtes Land«, »Der Streit ums Öl in Palästina« und »Milliarden für den Stillstand« genannt. Einer Dokumentation über Antisemitismus in Europa, die deutlich macht, dass die vermeintliche Kritik am jüdischen Staat zumeist nichts anderes ist als der alte Hass gegen Juden, will man dagegen keinen Sendeplatz einräumen. Die formalen Gründe dafür wirken vorgeschoben und muten als Ausdruck der Weigerung an, sich inhaltlich mit dem Film auseinanderzusetzen. Welchen Sinn sollte eine »Ergebnisoffenheit« bei diesem Thema auch haben? Dass Joachim Schroeder und Sophie Hafner einen klaren Standpunkt einnehmen, macht vielmehr eine Stärke der Dokumentation aus. Dass sie dem Publikum nun vorenthalten wird, ist nicht nur unverständlich, sondern ein Armutszeugnis.

Zuerst veröffentlicht auf MENA-Watch und auf Audiatur Online.

Zum Foto: Antiisraelische Demonstration in Berlin, Screenshot aus der Dokumentation »Auserwählt und ausgegrenzt – der Hass auf Juden in Europa«, © Preview Production/Matthias Benzing.


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Hausverbot auf Russisch August 9, 2016 | 04:40 pm

Zu den Hintergründen des Überfalls auf das „Correctiv“- Büro in Berlin
inkl. Interview mit "Correctiv"-Mitarbeiter Marcus Bensmann

Graham W. Phillips beim Salutieren mit einer Waffe.
September 2015, Ostukraine
(Credits: stopfake.com)

In jüngster Vergangenheit finden im europäischen Raum vermehrt Versuche der Einschüchterung an russlandkritischen Autoren statt. Es sind hierbei stets ähnliche Muster und Verbindungen der involvierten Akteure, die einen genaueren Blick auf die Hintergründe unverzichtbar machen.

Boris Reitschuster, langjähriger Moskau-Korrespondent der Zeitschrift "Focus" und Autor des kürzlich erschienen Buches "Putins verdeckter Krieg", geriet erst vor Kurzem in das Fadenkreuz des russischen Staatsfernsehens. Er widmet sich seit Jahren der Aufarbeitung russischer Destabilisierungsmechanismen und untersuchte u.a. russische Geldflüsse an rechtsextreme, europäische Organisationen. Während sein Buch in Deutschland nur beiläufig Anklang fand, scheint die Rezeption in Russland eine weitaus größere zu sein.
Erst kürzlich veröffentliche der russische Fernsehsender TWZ eine Hetzkampagne, die sich gegen Reitschuster richtete. Der Sender befindet sich zu 99% im Besitz der Moskauer Stadtregierung und wird vom Putin-Vertrauten Sergei Sobjanin geleitet. Die Sendung soll vor allem - so Reitschuster - aus Aufnahmen bestehen, die durch in Deutschland erfolgte Stalking-Angriffe entstanden sind.

Auch der WDR-Reporter Halo Seppelt, der mit seinen Recherchen über den russischen Sportminister Witalij Mutko maßgeblich zur Enthüllung des aktuellen russischen Doping-Skandals beigetragen hatte, wurde jüngst zur Zielscheibe russischer Einschüchterungsversuche. Dies geschah durch die Journalistin Olga Skabajewa, welche mit einem Mitarbeiter des russischen Staatsfernsehens verheiratet ist und in der Staatsmedienagentur Rossija Sewodna (Russland heute) angestellt ist. In kremltypischer Verdrehung offenkundiger Tatsachen diffamierte sie ihn als "russlandfeindlichen" Agenten und würdigte seine journalistischen Leistungen zu einer persönlichen Fehde herab. Reitschuster und Seppelt scheinen jedoch nicht die Einzigen zu sein, die sich momentan erhöhter Aufmerksamkeit Russlands erfreuen dürfen.

Erst vor wenigen Tagen versuchten zwei Männer sich Zugang zu den Räumlichkeiten des in Berlin ansässigen investigativ-journalistischen Projekts „Correctiv“ zu verschaffen, um einen Mitarbeiter zur Rede zu stellen. Der, den sie sprechen wollten, ist Marcus Bensmann. Dieser ist seit 2013 Redakteur und Mitarbeiter des Kollektivs und hat mit seinen Recherchen maßgeblich zur Enthüllung der Hintergründe des Absturzes der MH-17 beigetragen. 
Bei den beiden unerwünschten Besuchern handelt es sich keinesfalls um unbeschriebene Blätter.
Ganz im Gegenteil verfügen sowohl Graham W. Phillips, als auch sein partner in crime Billy Six, über intensive Verbindungen nach Russland.
Den ganzen Artikel über Phillipps und Six' Verbindungen auf jungle-world.com lesen.

Der Journalist Marcus Bensmann bezeichnet „Correctiv“ als "die Idee, in Deutschland eine dritte Mediensäule zu erschaffen." Es ginge darum, "gemeinnützigen Journalismus", wie er etwa in den USA seit Jahren Gang und Gebe ist, nun auch in Europa zu etablieren. Mittels Spenden und Förderungen soll das Projekt auf größere Füße gestellt werden. Oberstes Prinzip sei es, geleistete Arbeit & Rechercheergebnisse der Allgemeinheit zur Verfügung zu stellen. Bensmann ist im Spätsommer 2014 - kurz nach der Gründung von „Correctiv“ - dazugestoßen und hat davor knapp zwanzig Jahre in u.a. Afghanistan und dem Irak als Reporter gearbeitet.

Marcus Bensmann selbst befand sich zur Zeit des Tathergangs zwar nicht in den Räumlichkeiten von Correctiv, konnte aber eine bemerkenswerte Aggressivität bei den Angreifern feststellen: Etwa wurde in das Redaktionsbüro hineingefilmt, was dazu hätte führen können, dass wichtige Quellen ins Blickfeld hätten geraten können. Für investigative, journalistische Arbeit sei der Redaktionsraum heilig, da er nicht nur Rückzugsort für die Mitarbeiter sei, sondern auch als Aufbewahrungsort für wichtige Informationen diene. Zudem wurden Bensmann und seine Kollegen von Phillips & Six als Vertreter der "Lügenpresse" und als "Prostituierte" diffamiert. Auch deshalb stellt Bensmann im Interview den Vorfall in einen größeren internationalen Zusammenhang.


Trotz allem mahnt Bensmann zur Vorsicht und warnt vor einer Überdramatisierung dieses Einzelfalls. Er sehe Phillips & Six weniger als unmittelbare Agenten Russlands, sondern als "prorussisches Unterholz", welches sich in einer Atmosphäre der Angst, immer weiter ausbreiten könnte. In diesem Zusammenhang erwähnt er auch die jüngsten Angriffe auf den russland-kritischen Journalisten Boris Reitschuster. 

 
Auf die Kontakte von Philipp und Six zur rechtsextremen Szene angesprochen, zeigt sich Bensmann wenig verwundert und bestätigt, dass nicht nur in diesem Fall die enge Zusammenarbeit neurechter Organisationen mit Kreml-treuen Kreisen sich immer mehr verdichtet. Zudem sei dies eine gefährliche Entwicklung, die nicht nur in Deutschland zu beobachten sei. 


Die größte Gefahr, so Bensmann, die letztlich aus den Einschüchterungsmethoden resultiere, sei nicht nur der Gedanke von der Professionalität und den hohen Ansprüchen der eigenen journalistischen Arbeit Abstand zu nehmen, sondern auch sich in ein permanentes Rückzugsgefecht drängen zu lassen.






Elsässer gegen Ditfurth: Münchner Richterin befreit Deutschland von der Mehrheit seiner Antisemiten October 9, 2014 | 05:29 pm

Gestern (8.10.2014) fand der erste Hauptverhandlungstag zwischen der Autorin Jutta Ditfurth und Jürgen Elsässer vor der Pressekammer des Münchner Landgerichts statt. Ditfurth hatte den Herausgeber des verschwörungstheoretischen Compact-Magazins am 16.4.2014 in einem Interview in „Kulturzeit“ (3sat) einen „glühenden Antisemiten“ genannt. Der klagte dagegen. Doch das Verfahren vor dem Münchner Landgericht geriet schnell zur Farce. Die Richterin definierte Antisemitismus so, dass es in Deutschland plötzlich fast keine Antisemiten mehr gibt.


Beim Antisemiten-Prozess natürlich in der ersten Reihe: Der Gründer der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ vor dem Münchner Landgericht

Höhepunkt des meilenweit von der Sache entfernten Theaters war die Darstellung der Richterin, wer denn überhaupt ein glühender Antisemit genannt werden könne. Sie sagte: „Ein glühender Antisemit in Deutschland ist jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten, vor dem Hintergrund der Geschichte.“ Ein Antisemit ist demzufolge einer nur dann, wenn er sich positiv auf den NS-Faschismus bezieht. Da das strafbewehrt ist, tut das bekanntermaßen nur eine Minderheit der Antisemiten. Die Definition der Richterin ist frei von jeglicher Kenntnis der Sache und von Interesse am Forschungsstand. Augenscheinlich ist der Rechtsexpertin entgangen, dass der glühende, dumpfe, heimliche oder auch codierte Antisemit heute in der Regel ganz ohne Bezüge auf das „Dritte Reich“ auskommt – allerdings einen Staat nie außer Acht lässt: Israel.

„Kommt am nächsten Mittwoch zum Prozess!“, hatte Elsässer letzte Woche seine Leserinnen und Leser aufgefordert. „Ditfurth will mich mit der Antisemitismuskeule ruinieren.“ Er ließ sich von zwei Bodyguards begleiten. Unter den etwa 50 Prozessbesuchern waren circa dreißig teilweise finstere Gestalten dem Aufruf des Verschwörungstheoretikers ins Gericht gefolgt. In der ersten Reihe saß der Neonazi Karl-Heinz Hoffmann. Dieser schätze an Elsässer seine „besondere Mischung aus konservativen und fortschrittlichen Gedanken“, ließ der Gründer der gleichnamigen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ (1980 verboten) auf seiner Website wissen. Aber zum „antisemitischen Spektrum der Rechten“ zähle Elsässer sicher nicht, versicherte Hoffmann – der offenbar Angst zu haben scheint, dass ihm auf besagtem Feld jemand den Rang auflaufen könnte.

„Elsässer ist ein mühsam verdeckter Antisemit“
Und das könnte Elsässer durchaus, denn der agiert wesentlich geschickter als Hoffmann. Jutta Ditfurth erklärte vor Gericht, sie studiere frühere Linke wie Mahler und Elsässer, die von links nach weit rechts gehen. „Elsässer ist sehr ehrgeizig darin und es macht ihm regelrecht Spaß, die Grenzen des antisemitisch Sagbaren auszureizen und sie weiter auszudehnen.“ Elsässer sei ein mühsam verdeckter Antisemit, der mit antisemitischen Codes und strukturellem Antisemitismus arbeite, so Ditfurth weiter. Ihr Anwalt habe in den Schriftsätzen Elsässers vielfältigen Antisemitismus belegt. Die Richterin gab ihr nur kurz das Wort und unterbrach schnell. In presserechtlichen Verfahren ist es auch üblich, dass die Schriftsätze nicht noch einmal vorgetragen werden. In Ditfurths erzwungermaßen kurzen Erklärung, wiederholte sie knapp einige Argumente und fasste dann zusammen:

Es ist die Freiheit meiner Meinung, jemanden einen Antisemiten nennen zu dürfen, der massenhaft verdeckt Antisemitisches sagt und schreibt; einen, der sich mit antisemitischen Mitarbeitern umgibt; der gemeinsam mit anderen antisemitischen Rednern auf Kundgebungen spricht und sich bei Kritik an deren Antisemitismus explizit mit ihnen solidarisiert; einen, der die Regierung Israels nicht sachlich kritisiert sondern Israel antisemitisch schmäht; einen, der sich von Antisemiten und Shoa-Leugnern zu Veranstaltungen einladen lässt; einen, der Antisemiten für seine Zeitschrift interviewt und für seinen Verlag Bücher schreiben lässt. Ja, warum sollte man den in Deutschland nicht das nennen dürfen, was er ist: einen glühenden Antisemiten?

Ditfurths Anwalt Winfried Seibert ergänzte: „Es gibt versteckten Antisemitismus, der ohne die typischen Begriffe auskommt. Der subtiler daherkommt, gleichsam subcutan.“

Bei den Montagsmahnwachen sei zwar ein Sachbezug gegeben. Und im Umfeld Elsässers käme es zu antisemitischen Äußerungen, so die Richterin. Zumindest bei Lars Mährholz gäbe es eine „nachweisbare“ antisemitische „Rothschild-Äußerung“ im Internet, räumte sie ein. Doch die Richterin kam zum vorläufigen Schluss, dass „der Begriff ‚glühender Antisemit‘ jenseits des Hinnehmbaren“ läge. „Es ist ein Totschlagargument. Wer sich so bezeichnen lassen muss, steht in einer Ecke, aus der er nicht mehr rauskommt.“ Für eine Juristin hat das Wort Totschlag in der Regel eine ziemlich exakte juristische Bedeutung. Dass sich die Richterin in eine solche Wortwahl verstieg, ist charakteristisch für den gesamten Prozesstag.

Aber ist nicht vielleicht der Antisemit selbst schuld, dass er sich so bezeichnen lassen muss?
Elsässer musste sich im Folgenden nicht verteidigen, sondern nur beipflichten: Glühender Antisemit sei „ein Killerwort“. „Wenn man Journalisten so bezeichnet, dann ist die Existenz ruiniert“, bestätigte Elsässer die Richterin. „Angesichts unserer Geschichte“ habe der Begriff eine „Prangerwirkung und Stigmatisierung“, betonte auch Elsässers Anwalt. Skurril war die Beweisführung des Anwalters von Elsässer, von Sprenger: „Neben einem glühenden Antisemiten würde ich nicht sitzen!“ Dabei hatte er jahrelang den berühmten Holocaust-Leugner David Irving anwaltlich vertreten.

Gegenüber Schlamassel Muc sagte Ditfurth: „Die Gefahr, dass ich den Prozess erstinstanzlich verliere, ist bei einer Richterin ziemlich hoch, die die Bezeichnung ‚Antisemit‘ nur für Leute gelten lässt, die sich zugleich positiv auf das Dritte Reich und die Shoa beziehen.“ Die Mehrheit der Antisemiten in Deutschland dürften dann nicht mehr das genannt werden, was sie sind, so Ditfurth. Doch noch ist der Prozess nicht beendet. Ditfurths Anwalt handelte heraus, dass Schriftsätze nachgereicht werden können, unter anderem zu Elsässers verblüffenden Behauptungen, er habe sich noch nie von Holocaust-Leugnern einladen lassen und er sei nie mit Lars Mährholz und Ken Jebsen gleichzeitig aufgetreten.

Das Urteil wird am Mittwoch, dem 19. November, erwartet.
In dieser Instanz ist vermutlich wirklich nicht viel zu gewinnen. Eine Richterin, die immer noch euphemistisch vom „Dritten Reich“ anstatt von Nazi-Terror spricht, für die Elsässers Hetze offenbar eine Lappalie und der Antisemitismusvorwurf ein „Totschlagargument“ ist, bestellt sich besser ein Compact-Abo und verfolgt die nächste Instanz vom Zuschauerraum aus.

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Antisemiten-Prozess: Elsässers Verfügung gegen Ditfurth zerschellt vor Gericht July 31, 2014 | 03:11 pm

Jutta Ditfurth nannte den Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer (COMPACT) in einem Interview einen „glühenden Antisemiten“. Mit einer Einstweiligen Verfügung wollte Elsässer der Sozialwissenschaftlerin im Nachgang den Mund verbieten. Dagegen konnte sich Ditfurth nun erfolgreich wehren. Das Landgericht München I gab ihrem Widerspruch letzten Mittwoch Recht. Die Einstweilige Verfügung gegen sie ist unwirksam.

Das Verfahren am Landgericht München I konnte Jutta Ditfuth am 30.07.2014 für sich entscheiden.

Elsässer hatte Ditfurth nach ihrem Interview im Format „Kulturzeit“ (3Sat) zur Unterlassung aufgefordert, aber sie reagierte nicht. Elsässers Antrag auf Einstweilige Verfügung gab zwar das Landgericht München I Ende Mai nach – allerdings ohne Anhörung von Ditfurth. Dagegen hatten sie und ihr Anwalt inhaltlich und formal widersprochen. Dieser Widerspruch war nun erfolgreich. Er wurde schon deshalb anerkannt, weil Elsässers Anwälte Formfehler begangen hatten. Sie stellten die gerichtlich angeordneten Anlagen zur Einstweiligen Verfügung der Ditfurth-Seite nicht fristgerecht (§ 929 ZPO) zu. Elsässers Anwalt kündigte jetzt eine Klage in der Hauptsache an.

„Wie soll mein Mandant geglüht haben?“
Jutta Ditfurth selbst konnte am Verfahren letzten Mittwoch nicht teilnehmen, da sie zurzeit nicht in Deutschland weilt. Es gab am Rande des Verfahrens ein Wortgefecht zwischen Elsässers Anwalt sowie Elsässer auf der einen und Jutta Ditfurths Anwalt auf der anderen Seite über die Frage, ob „glühender Antisemit“ eine Tatsachenbehauptung oder eine Meinungsäußerung ist. Wenn jemand glühe, sei das wahrnehmbar, sagte Elsässers Anwalt. „Aber wie soll mein Mandant geglüht haben?“, fragte er die Richterin.

Eine kurze Debatte erfolgte über den antisemitischen und nationalistischen türkischen Film „Tal der Wölfe“, den Elsässer 2006 verteidigt hatte. Laut Ditfurths Anwalt liefere der Film „Munition für Antisemitismus“. Nach seiner Rechtsauffassung könnte außerdem die Zuspitzung „glühender Antisemit“ von der Meinungsfreiheit gedeckt sein, insbesondere da es hinreichende Beweise dafür gebe, dass Elsässer sich in der Vergangenheit antisemitisch geäußert habe. Die Richterin merkte an, dass „glühender Antisemit“ vor dem „Hintergrund der deutschen Geschichte“ ein „scharfes Schwert“ sei.

Der neue (und alte) Antisemitismus vor Gericht
Elsässer tritt als maßgeblicher Redner auf den sogenannten neuen „Montagsdemonstrationen“ auf, die von unübersehbaren antisemitischen Ausfällen geprägt sind. Nicht zufällig pflegte er auch eine anerkennende Beziehung zum früheren, iranischen Präsidenten und Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad. Elsässers Weltbild wird dominiert von verschwörungstheoretischen Halluzinationen, die sich immer wieder in Form von Hetze gegen den jüdischen Staat und die „Israel-Lobby“ entladen. Im Hauptsacheverfahren wird es neben konkreten Äußerungen Elsässers auch darum gehen, ob diese gar nicht so neuen Formen des Antisemitismus von deutschen Gerichten als solche anerkannt werden.

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Für Frieden – für Deutschland June 16, 2014 | 07:30 am

Antisemitismus, regressiver Antikapitalismus, Antiamerikanismus und Verschwörungsideologie der Montagsdemo-Bewegung Der 11. September 2001 hat den Auftakt einer neuen Verbreitungswelle von Verschwörungsideologien gesetzt. Seitdem haben diese weltweit anhaltende Hochkonjunktur. Bisher aber blieben die Auswirkungen der verschwörungsideologischen „Truther“-Szene auf das Internet und einschlägige Buch-Verlage, wie Compact oder Kopp, beschränkt. Youtube-Videos, Blogs und „Enthüllungsbücher“ konnten kaum politische Wirkung entfalten. Mit den [...]

Die Zusammenkunft November 20, 2012 | 11:59 am

Am 24.11.2012 wird die nächste Konferenz des Jürgen Elsässer im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin stattfinden. Der Veranstalter ist Herausgeber des Compact Magazins, in dem verschiedene Verschwörungsideologen ihre Mythen und Märchen verbreiten.

Hier werden etwa die Ereignisse des 11. Septembers 2001 und die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes” einer Umdeutung unterzogen. Der gemeinsame Nenner ist die verschwörungsideologische Deutung der Realität.

Dort veröffentlicht etwa Oliver Janich, Vorsitzenden der rechtspopulistischen „Partei der Vernunft”, seine Artikel. Diether Dehm, Volksmusikant, Linkspartei-Aktivist und „glühender Verschwörungstheoretiker”, ließ sich zum Interview bitten. Der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen schreibt dort gegen den „Zentralrat der Juden” und die israelische Regierung an. Gemeinsam mit Jürgen Elässser wird Jebsen, der sich in der Vergangenheit auch an einer Grabschändung beteiligte, ebenfalls die Moderation der Konferenz übernehmen, auf der zahlreiche Autoren und Interviewpartner des Compact-Magazins zu sehen sein werden.

Hier soll es um die „Souveränität Deutschlands” gehen, die den Veranstaltern am Herzen liegt. Dabei möchte man über angebliche alliierte Geheimverträge und über die Reichsverfassung von 1871 debattieren. Zu diesem Spektakel des Deutschnationalismus wird Karl Albrecht Schachtschneider angekündigt, der mit seinen Kameraden von NPD und FPÖ gegen den Euro vorgeht, um anti-europäische Ressentiments zu betreiben. Dabei setzt er sich auch für ein Recht auf Holocaustleugnung ein.

Auf der Konferenz soll aber auch Jan von Flocken sprechen, der verschiedene Verschwörungsmythen, zum Beispiel zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour, im Repertoire hat. Außerdem wird unter anderem der gealterte FDP-Politiker Helmut Schäfer angekündigt, der als außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts den Jürgen Möllemann gab und von einem „israelischen Expansionsdrang” sprach, gegen den Appelle nicht ausreichen würden. Auf der „Souveränitätskonferenz” wird dieser deutsche Politiker daher „über Israel” sprechen. Schäfer treibt die Sehnsucht nach einem starken deutschen Staat an, der gegen Israel in Stellung gebracht werden soll. Man kann sich also ausmahlen, was er dort von sich geben wird. Außerdem werden weitere Referenten aus Russland angekündigt, die Elsässers Traum von einem deutsch-russischen Bündnis entsprechen.

Das Werbeplakat ziert ein Foto des Peter Scholl-Latour, der in der Vergangenheit bereits im Compact Magazin interviewt wurde und der ebenfalls auf der Konferenz sprechen wird. Der umtriebige Autor, der mit der rechts-konservativen „Jungen Freiheit” verbandelt ist, gilt hierzulande als Nah-Ost-Experte: „Netanjahu ist gefährlicher als Ahmadinedschad”, behauptet Scholl-Latour zum Beispiel. Er kann aber auch den Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 einiges abgewinnen und begeistert auf diese Weise die deutsche Verschwörungsszene der „Truther” und „Infokrieger”, die seine Ausfälle nur zu gerne dokumentieren. Scholl-Latour ist die passende Werbefigur zur Konferenz, die auf den einschlägigen Internetseiten beworben wird.

Im Vorfeld rührte Jürgen Elsässer die Werbetrommel, indem er seine Konferenz in den Videos der Verschwörungsszene bewarb. Er ließ sich unter anderem von Johannes Conrad zum Interview bitten. Dieser Buchautor, in dessen Buch „Entwirrungen” die „Protokolle der Weisen von Zion” aktualisiert werden, ist ein Aushängeschild des Internetsenders „Bewusst.tv”, der nationalsozialistischen „Reichsbürgern”, irrationale Esoterikern und antisemitischen Holocaustleugnern eine Plattform bietet.

In diesem Umfeld bewarb Jürgen Elässer, der überhaupt keine Berührungsängste kennt, seine „große Konferenz in Berlin”und sprach über „Einwanderer” und „Urdeutsche”: „Wir verlieren die Vielfalt, wenn wir den Brei kochen”, jammerte Elsässer und warnte ganz völkisch vor „Vermischerei”.

Eine weitere Werbemöglichkeit fand Elsässer auf einer Internetseite, auf der Hakenkreuze und Runenästhetik zu sehen und Rassenlehre und Arier-Kult zu finden ist. Auf der Internetseite des Wjatscheslaw Wasiljewitsch Seewald wird im Stürmer-Stil gegen Jüdinnen und Juden gehetzt. Seewald spricht von „Parasiten” und träumt von einem Bündnis aus „Ariern” und „Slawen”:

So ist es auch mit der weißen Rasse. Ja, ich liebe sie und bin froh, daß ich in diesem Leben und in dieser Inkarnation weißer bin”,

Am 14.11.2012 war Jürgen Elsässer bei diesem Nationalsozialisten zu Gast, um seine Konferenz zu bewerben. Danach schrieb Seewald von einer „gelungenen Internetkonferenz” und warb für die Veranstaltung des Jürgen Elsässer. Die Veranstaltung des Jürgen Elsässer begeistert also auch einen Nationalsozialisten, der vor stilisierten Hakenkreuzen und Runen posiert, um vor „Parasiten” zu warnen.

Am 24.11.2012 werden sich die Anhänger des Jürgen Elsässer in der „Freien Universität Berlin” versammeln und zwischen 350 und 25 Euro Eintritt zahlen. Zu diesem Stelldichein dürften mehrere hundert Teilnehmer erscheinen. Dann werden verschwörungsideologische Antisemiten, selbsternannte Euro-Kritiker und sogenannte Nah-Ost-Experten zur Konferenz zusammenkommen.

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Erdbebenwaffen, CIA-Aktionen und die Forstwagenverschwörung. Ein Jahresrückblick: January 6, 2012 | 09:34 am

Es war ein gutes Jahr für das Milieu der „Truther“ und „Infokrieger“, die die Verfasstheit der Welt verschwörungsideologisch umdeuten. Schließlich gab es die ein oder andere Katastrophe, den ein oder anderen Terroranschlag und die große kapitalistische Krise, die die Verschwörungsszene in ihrem Sinne deuteten konnte. Zeit für einen Rückblick über die wahnhaftesten und wirrsten Verschwörungskonstrukte des vergangenen Jahres…

… den ganzen Rückblick gibt es im neuen Reflexion-Weblog.

Der Querfrontler und der Occupy-Aktivst. November 10, 2011 | 07:19 am

Nun hat sie also stattgefunden: Die Veranstaltung des Querfrontlers Jürgen Elsässer, der „Linke, Rechte“ und „Religiöse“ zu einer großen Gemeinschaft vereinen möchte, ging am 03.11.2011 im Viethaus in Berlin Mitte über die Bühne. Neben Jürgen Elsässer und seinem Kompagnon, dem Verschwörungsideologen Oliver Janich, saß auch ein Vertreter von „Occupy-Berlin“ auf dem Podium, um die „Bewegung der Empörten“ zu bewerben.
Eigentlich wollte der „Occupy“-Aktivist Florian Raffel, der sich als „Presseansprechpartner“ präsentiert, auf dem Podium sitzen, doch der hatte „aus Zeitgründen“ abgesagt und diese Absage mit einer Einladung an den Querfrontler verbunden: „ich möch­te hier­mit Ab­stand neh­men, an Ihrer Po­di­ums­dis­kus­si­on teil­zu­neh­men. Ich bin in Ar­beits­grup­pen so ein­ge­bun­den, dass ich lei­der zeit­lich kür­zer tre­ten muss und bis auf wei­te­res erst­mal keine Zeit für wei­te­re In­ter­views habe. (…) Bitte neh­men Sie di­rekt Kon­takt mit der Asam­blea auf. Täg­lich um 17 Uhr und spre­chen Sie di­rekt zur Grup­pe“, schrieb er in einer E-Mail an den Jürgen Elsässer, der mit seinem „Compact“-Magazin „demokratische Rechte“ und „demokratische Linke“ vereinen möchte.

Vor der Veranstaltung war es innerhalb der „Occupy“-Gruppe zu einer Debatte über Jürgen Elsässer und seinem Magazin gekommen. Die meisten Teilnehmer_innen dieser Diskussion, die sich im E-Mail-Verteiler der „Occupy-Berlin“-Gruppe zu Wort meldeten, erklärten ihre Sympathien für den Querfrontler: „Die ‚Rechtskeule‘ scheint immernoch ein geeignetes Instrument um zu verunglimpfen“, erläuterte ein Teilnehmer. „Der soll doch einfach mitmachen“, forderte ein anderer Elsässer zur Teilnahme auf. „Auch wir haben Überschneidungen mit den Zielen der Nazis“, wurde von einem „Occupy“-Aktivisten, der „kritisch und tollerant“ bleiben wollte, festgestellt. „Laß die Rechten kommen, ich rede mit jedem“, lautet seine Schlussfolgerung.
Ein weiterer Teilnehmer schrieb ein langes Pamphlet. Dort warnte er vor einer „tatsachenverdrehenden und polemischen antideutschen zugewandten Berichterstattung“, er wolle weiterhin „kritische fragen zu 9/11″ stellen und sich mit „angeblichen Pseudowissenschaften“ beschäftigen.
Ein anderer Teilnehmer fühlte sich unterdessen von Verschwörungsfreaks umgeben: „Ich bin mir natürlich bewusst, dass es in der Occupy-Bewegung (…) einen nicht zu vernachlässigenden Anteil von Verschwörungstheorie-Alles-Schall-und-Rauch-Truther-Inside-Job-Propagandafront-Infokrieg-Ron-Paul-Spinnern gibt“, klagte er. Prompt fühlte sich ein weiterer „Occupy“-Aktivist zu einem Outing berufen: „Ich vertrete diese und jene Theorie einer Verschwörung“, schrieb er stolz. Ein anderer Teilnehmer warnte vor „Hetze in der Mailinglist“ und empfahl die Szene-Seiten des verschwörungsideologischen Milieus zur Informationsbildung. Außerdem verteidigte er den Nationalismus dieses Mileus: „Nationalismuss ist kein verbrechen. Das hat mit Ängsten und Werten zu tun“, schrieb er. Nach diesen Zuwortmeldungen wurde die Debatte auf der Mailingliste beendet.

Daher war es wirklich nicht verwunderlich, dass am 03.11.2011 ein Occupy-Aktivist neben Oliver Janich und Jürgen Elsässer auf der Bühne saß, um seine „Bewegung“ zu bewerben. Für „Occupy“-Berlin saß Bastian Menningen auf dem Podium, der vom Querfrontler Elsässer als Aktivist beworben wurde, „der auch immer vor dem Reichstag und bei anderen Aktionen dabei ist“. Außer diesen Personen saß Karl Feldmeyer auf der Bühne, ein „eher konservativ gestrickter Zeitgenosse“, der Mitinitator der Seite „Abgeordneten-check.de“ ist. Der gelegentliche Autor der „Jungen Freiheit“ kam als erster zu Wort und feierte prompt den CSU-Rechtsaußen Peter Gauweiler, für den er „besondere Achtung“ empfinden würde. „Der ist tot, es sei denn er schafft es Parteivorsitzender zu werden“, orakelte Feldmeyer. Außerdem fürchtete er sich vor einem angeblichen „Masterplan“, der einen „europäischen Zentralstaat“ mit einer „anonymen Kommission“ an der Spitze hervorbringen würde,
Nun durfte Oliver Janich, der Vorsitzende der „Partei der Vernunft“ (PdV), seine Organisation bewerben. Elsässer ist ein gern gesehener Redner auf den Kundgebungen der Partei, die in den verschwörungsideologischen „Kopp-Nachrichten“ begeistert beworben werden. In deren Par­tei­pro­gramm wird eine „un­ab­hän­gi­ge Un­ter­su­chung der Er­eig­nis­se vom 11. Sep­tem­ber“, der „Aus­stieg aus dem Euro“ und die „Ab­schaf­fung der Eu­ro­päi­schen Union“ ge­for­dert. Janich berief sich auf die Ideen des Ron Paul, auf die Tea-Party-Bewegung und bewarb seine Organisation, die nach dem angekündigten „Zusammenbruch“ mit den „richtigen Rezepten“ zur Machtübernahme bereit sei: „Unser Ziel ist bis 2013 gemütlich in den Bundestag mit 5,1%, dann bricht es zusammen und dann in der nächsten Wahl 50%, das ist der Plan.“

Menningen, Elsässer und Janich.

Nach diesen Ausführungen kam Bastian Menningen für die „Occupy-Bewegung“ zu Wort. Er bewarb in seinem Beitrag den Occupy-Ableger aus Berlin. Seine politische Sozialisation habe er dem „Compact“-Magazin des Jürgen Elsässer zu verdanken, sagte er. Im „Compact“-Magazin finden sich verschwörungsideologische, nationalistische und homophobe Artikel. „Schulfach Schwul“ lautete eine Schlagzeile beispielsweise. In der aktuellen Ausgabe wird vor dem „Klimaschwindel“ gewarnt. Außer der „Compact“-Lektüre und einer Joseph Fischer Biographie habe er sich nicht näher mit politischen Themen befasst, sagte Menningen. Elsässer wird es gefreut haben.
Gemeinsam wurde nun von der Rückkehr zur Deutschen Mark geträumt. Später kam es zu Debattenbeiträgen aus dem Publikum: „Wir müssen uns darüber klar werden, wer hier der Feind ist“, sagte ein Besucher der Veranstaltung dort ins Mikrofon. Er meinte die USA, was mit Beifall bedacht wurde. „Ich habe auf Infokrieg.tv gesagt, ich finde es gut, dass die Leute auf die Straße gehen“, lobte Janich die die Märsche der „Occupy“-Aktivist_innen. Er behauptete aber auch, dass viele „Rebellionen geheime CIA-Operationen“ seien. Elsässer freute sich ebenfalls über „die junge Bewegung“, warnte aber davor, dass sie von „ganz anderen Kräften“ übernommen werden könnte. Menningen bewarb seinen „Occupy“-Klüngel, sowie die Internetseite „Alex11″, die aus dem Camp am Alexanderplatz hervorgegangen ist, an deren Organisation verschiedene Verschwörungsaktivist_innen beteiligt waren. Viel mehr gibt es über die Werbeveranstaltung für das „Compact“-Magazin, für die „Partei der Vernunft“ , für die Deutsche Mark und für die „Occupy-Bewegung“ nicht zu berichten.
Der Auftritt des „Occupy“-Aktivisten wird auf den Internetseiten der „Occupy-Bewegung“ allerdings schamhaft verschwiegen. Sie mobilisieren stattdessen zum „Karneval der Empörten“. Am 11.11.2011 wollen die Aktivist_innen um 11 Uhr 11 gegen die „selbst ernannte Elite“ und „das bestehende Geldsystem“ protestieren: „Kamen auf Ideen wie eine Meute als Schafe verkleidet mit nem Regierenden als Antreiber durch den Marsch zu jagen. Das gleiche mit Sklaven und Leuten die ne Kombo aus MArionettenspieler und Marionetten machen“, erläutert ein Aktivist diese Aktionsform. Das dürfte auch Jürgen Elsässer und Oliver Janich gefallen, die ebenfalls der verschwörungsideologischen Deutung der Realität verfallen sind.

Die Bilder stammen von verschiedenen Aktionen der der „Occupy-Bewegung“ und der „Compact“-Veranstaltung in Berlin.

Neues von der Wahrheitsfront October 4, 2011 | 05:06 pm

»Für die Opfer und die Wahrheit« – wer kann dagegen etwas einwenden? Etwa 400 Menschen folgen am 10. September 2011 in Karlsruhe einem Aufruf des »Stammtischs Alles Schall und Rauch/Infokrieg«, um zehn Jahre nach den Anschlägen in New York und Washington der »Opfer zu gedenken« und eine neue Untersuchung der Ereignisse zu fordern. Als terroristische Anschläge, geplant und begangen von islamistischen Attentätern, würden die wenigsten Anwesenden die Angriffe auf das World Trade Center und das Pentagon bezeichnen – vielmehr ist auf Flugblättern und Transparenten von einem »inside job« die Rede. Mehr als eine Marionettenfunktion in einer Intrige westlicher Geheimdienste traut die »Wahrheitsbewegung«, die sich an diesem sommerlichen Samstagnachmittag zusammenfindet, Al-Quaida und Osama bin Laden nicht zu. Entsprechend pragmatisch wird der erste Teil des Aufrufs abgehandelt: Nach einer kurzen Trauerminute ist das Gedenken abgeschlossen und macht Platz für kreative Gedankenspiele über die Bösartigkeit der USA. Gewidmet wird die Trauerminute übrigens sowohl den Opfern von 9/11 als auch den Toten der Kriege im Irak und in Afghanistan. 3.000 tote Amerikaner, die zudem auf das Konto der eigenen Regierung gehen, machen hier niemanden betroffen.

Es ist ein erstaunlich breites Gesellschaftspanorama, das sich am Treffpunkt der Kundgebung entfaltet: jugendliche Hacker mit Anti‑Überwachungs-Outfit, altgediente Gegner des Imperialismus, die zielsicher die Rolle zionistischer Agententätigkeiten im Zuge von 9/11 benennen können; spirituelle Kritiker des westlichen Lebensstils, zum Islam konvertierte Wahrheitssucher und Hobby-Architekten, die anhand von Berechnungen der Fallgeschwindigkeit der Türme des WTC das Lügengebäude der US-Regierung zum Einsturz bringen. »Hier gibt es Leute, die haben früher mal die CDU, die SPD, die FDP, die Grünen, die Linken oder die Rechten gewählt«, erläutert Andreas Schenk, der Pressesprecher der Organisatoren. Etablierte und Marginalisierte, Kleinbürger und die letzten Aufrechten von der antiimperialistischen Front – sie eint die Überzeugung, dass wir alle einem großen Betrug aufsitzen, den »die Herrschenden« zum Zwecke allgemeiner Verdummung und eigener Bereicherung veranstalten.

Dennoch wäre es falsch, die »Wahrheitsbewegung« als einheitliches Phänomen zu begreifen. Die inhomogenen politischen und sozialen Herkünfte der Wahrheitsbewegten sorgen für eine kuriose Vielzahl von Themen, die in einschlägigen Blogs und auf den verteilten Flugblättern mitverhandelt werden: Während es den einen vor allem um das Leid deutscher Soldaten geht, die in Afghanistan für die »Lüge von den Teppichmesserterroristen« den Kopf hinhalten müssen, sorgen sich die anderen um RFID-Chips, die angeblich zur Vorbereitung eines Genozids jedem Menschen implantiert werden sollen; einige Aktivisten arbeiten an der Entlarvung der »Klimalüge«, und wieder andere kämpfen für die »Wiederherstellung des Bankgeheimnisses«. Zum geteilten Glauben an eine Verschwörung mächtiger Kreise kommt ein handfester Antiamerikanismus: »US-Terror weltweit« thront als Transparent auf dem Demowagen an der Spitze – der auf Hochglanz polierte Ford-Pick-Up dürfte übrigens an diesem Tag das einzige, unfreiwillig pro-amerikanische Statement gewesen sein.

Das zweite Anliegen des Tages – die Wahrheit – ist im Aufruf zur Demonstration als Forderung nach einer »unabhängigen Untersuchung« von 9/11 formuliert. Von dieser Wortwahl inspiriert, liefern lokale und regionale Medien, etwa der öffentlich-rechtliche SWR, wohlwollende Berichte zu der Veranstaltung. Die mehr als eindeutig im Raum stehende Unterstellung, die US-Regierung habe Tausende ihrer eigenen Bürger geopfert, um die Kriege in Afghanistan und im Irak vom Zaun brechen zu können, wird geflissentlich ausgeblendet. Das Motto lautet offensichtlich: Man wird ja wohl mal fragen dürfen – nach angeblichen Sprengstoffresten in den Trümmern etwa oder nach zu geringen Schäden am Pentagon. Warum verzog Bush keine Miene, als er informiert wurde – wussten er und seine Leute vielleicht doch schon vorher Bescheid?

Dass die vermeintlichen Aufklärer ihre Wahrheit samt Verantwortlichen längst kennen, geht allerdings den wenigsten Berichterstattern auf. Dabei bleibt von der Zurückhaltung des Aufruftexts auf der Demonstration nicht viel übrig – bereits das Fronttransparent verrät: »9/11 was an inside job«. Auch eine Teilnehmerin mit Palästina-Fahne macht zumindest aus ihrem Herzen keine Mördergrube: »Die Profiteure der neuen Weltordnung« seien die Drahtzieher hinter den Anschlägen, also »die Zionisten«, die der Öffentlichkeit seit Jahren »die Araber« als Feindbild verkauften. Dass Manifestationen des Antiamerikanismus und kruder Verschwörungsthesen als Trauer‑ und Aufklärungsveranstaltungen durchgehen, verrät viel über die Reichweite solcher Ideologien. Ungewollt komisch ist einzig, dass auf einem Flugblatt Charlie Sheen als »prominenter Skeptiker« zur eigenen Erbauung herangezogen wird – eine durchaus treffende Wahl, ist der aufgrund seiner Drogeneskapaden beim Boulevard gefeierte US-Schauspieler doch in seinen besten Moment ähnlich zurechnungsfähig.

Als Stimme der Vernunft in diesem trüben Szenario agiert kurzzeitig lediglich ein aufgebrachter Passant, der einem Redner ins Wort fällt und vorschlägt, sich stattdessen darüber zu freuen, dass »noch jemand was gegen die Gangster von Al-Quaida« unternimmt. Doch er enttäuscht die Hoffnung auf tatkräftige Kritik: Er beschimpft die Demonstranten nicht nur als »Verrückte« und »Idioten«, sondern auch als »Kommunisten«, für die er sie offenbar hält. Man kann den Teilnehmern an diesem Aufzug vieles vorwerfen, doch mit der Idee einer solidarischen, vernünftig eingerichteten Weltgesellschaft haben sie nun wirklich nichts am Hut. Was nicht heißen soll, dass sie sich über politische und ökonomische Fragen keine Gedanken machten.

Grundkonsens der Bewegung sei die Wahrnehmung, so Pressesprecher Schenk, dass die Demokratie »nicht mehr für das Volk, sondern für die etablierten Parteien gemacht wird«. Als Ausweg schwebt den Teilnehmern eine Schwundform direkter Demokratie vor, die kaum verhehlen kann, mit Blick auf das eigene Konto entstanden zu sein. Denn in zahlreichen Flugblättern wird neben den Verschwörungstheorien über 9/11 wie selbstverständlich die aktuelle Euro-Krise diskutiert. Hier kommen die Sparer und Kleinbürger der Wahrheitsbewegung, die um ihre Einlagen bei der Sparkasse fürchten, zu sich selbst: Keinen Cent sollen die faulen Griechen von ihren Steuern bekommen – wegen der Demokratie, versteht sich, denn bevor irgendeine Regierung so etwas entscheidet, wollen sie erst mal demokratisch selbst befragt werden.

Zum zehnten Jahrestag von 9/11 haben die Veranstalter einige Prominenz mit Verschwörungsexpertise in die badische Provinz gebracht: Hauptredner Christoph Hörstel, ehemaliger ARD-Korrespondent und früheres Beiratsmitglied der Deutsch-Arabischen Gesellschaft, breitet seine Sicht der Dinge aus: Der elfte September sei ein »Massenmord« gewesen, »verübt durch amerikanische Dienststellen mit willigen Leuten von außerhalb«. Überhaupt lügen die Amis, wo es nur geht – das haben auch Hörstels »Freunde von Rechts« bereits durchschaut. Zuletzt, so Hörstel, als sie sich von der NATO einen »Freibrief zum Massenmord in Libyen« hätten ausstellen lassen, weil der mittlerweile gestürzte Diktator Gaddafi sich vom US-Dollar habe lösen wollen. Und auch Deutschland sei ein Opfer amerikanischer Fremdbestimmung: »Es wird im Reichstag nur abgestimmt, was Washington genehmigt.« Gewiefte Verschwörungstheoretiker sind keine Freunde kleiner Thesen.

Die HipHop-Combo »Die Bandbreite« hat bereits im Vorfeld die Demonstration beworben und unterhält nun die versammelte Wahrheitsgemeinde auf der Abschlusskundgebung. In ihren musikalischen Beiträgen figurieren die US-Amerikaner ebenfalls als notorische Lügner, die schon in Pearl Harbor ihre »eigenen Leute geopfert« hätten, um endlich in den Zweiten Weltkrieg eingreifen zu können. Zu den Ereignissen vom elften September überlegen die HipHopper in ihrem bekanntesten Song: »Habt ihr das vielleicht selbst gemacht? Den Terror selber in die Welt gebracht?« Man wird ja wohl mal fragen dürfen. So sehen das vermutlich auch die Vertreter von Gewerkschaften und globalisierungskritischen NGOs, auf deren Veranstaltungen »Die Bandbreite« regelmäßig auftritt.

Hörstel und »Die Bandbreite« verbindet neben ihrem gemeinsamen Einsatz für die Wahrheit die Nähe zu einem weiteren verdienstvollen Vertreter des Verschwörungswesens, nämlich dem Gründer der »Volksinitiative gegen das internationale Finanzkapital«, Jürgen Elsässer. Was macht der eigentlich an so einem Tag? Er befindet sich auf einem Podium in Leipzig, um die wahren Drahtzieher und Mitwisser von 9/11 zu entlarven. Die von ihm initiierte »Fachkonferenz Inside 9/11« bietet allerdings wenig Neues auf dem Gebiet verschwörungstheoretischer Erkenntnisse rund um die Anschläge auf das WTC. Dabei hatte die Ankündigung »neues Insiderwissen« versprochen; man wolle sogar »auf eigene Faust« und »ohne staatliche Unterstützung« weiterermitteln, wie es in einem Nachgang zur Konferenz auf der »Truther«-Seite »infokrieg.tv« zu lesen ist. Wer sich derart von staatlicher Alimentierung abgrenzen muss, um nicht Gefahr zu laufen, als ein von der Regierung bezahlter Büttel angesehen zu werden, muss auf andere Weise an sein Geld kommen. Vielleicht sind deswegen die Preise für Tickets an der Tageskasse (60 Euro regulär, 40 Euro ermäßigt) so hoch – aber es geht ja schließlich um die Wahrheit, da wird der Wahrheitsbewegte doch nicht an der falschen Stelle sparen wollen.

Das hochkarätig besetzte Podium weiß das Publikum – Klischee-Nerds, friedensbewegte Altlinke, ein paar wenige Migranten und Ottonormalverbraucher – auf seiner Seite. Beiderseits der Referententische zieht man längst bekannte verschwörungstheoretische Gedankengebilde und abgestandene Argumentationsmuster dem angekündigten »Insiderwissen« vor. Elsässers Eröffnungsreferat gibt den Ton vor: 9/11 sei die »Mutter aller Lügen« gewesen, und deren Vater sei – nein, nicht George W. Bush, sondern dessen ehemaliger Vize, Dick Cheney. Er und eine Gruppe bekannter Neocons wie Paul Wolfowitz gehörten zum Kopf einer Verschwörung, mit der Bush und die unwissenden Teile der Regierung unter Druck gesetzt werden sollten, um die Interessen dieser kleinen Elite und deren »Idee des Globalismus« durchzusetzen: Regime Change im gesamten Nahen Osten, imperialistische Machtpolitik zur Unterdrückung und Ausbeutung der arabischen Völker und Nutzung des dadurch entstehenden Machtspielraums – natürlich alles in Zusammenarbeit mit den Israelis, die an der Ausarbeitung dieser Machenschaften beteiligt gewesen seien.

Neben dem gastgebenden Jürgen Elsässer sprechen unter anderem der Ex‑»Focus Money«-Journalist Oliver Janich über die fünf Minuten, »die die wahren Attentäter entlarven«, Jan Gaspard, der klären will, warum das dritte WTC-Gebäude eigentlich gar nicht hätte einstürzen dürfen, und Paul Schreyer, Hansdampf in allen verschwörungstheoretischen Sackgassen zu 9/11. Auch Alexander Benesch, ein selbsternannter »Investigativjournalist« mit Affinität für die absurdesten Spinnereien, der auf seiner Website »infokrieg.tv« auch gerne gegen Linke, Pädophile und Juden »berichterstattet«, darf sich ausbreiten – zwar weniger über 9/11, dafür aber über das Utøya-Massaker und »den Plan Breiviks und der angloamerikanischen Oligarchie, die Konservativen Europas auf einen selbstzerstörerischen Kriegskurs zu bringen«. Fehlt eigentlich nur noch Charlie Sheen.

Dieser Unsinn bildet den Tenor einer Konferenz, deren Macher anscheinend sehr genau um den Stellenwert ihres »Enthüllungsjournalismus« innerhalb des gesellschaftlichen Zeitgeistes wissen. Wer jedenfalls bewusst die unheimliche Fülle an »kritischen« Dokumentationen und »skeptischen« Nachfragen am zehnten Jahrestag der islamistischen Anschläge unter die Lupe nimmt, kann sehen, dass derlei Wahnvorstellungen mittlerweile tatsächlich im Mainstream angekommen sind. Das bemüht seriöse und sachliche Auftreten der meisten Redner der Leipziger 9/11-Konferenz legt Zeugnis darüber ab, dass man – wohl zu Recht – nicht nur paranoide Antiimperialisten, Hacker und notorische Feinde Amerikas unter den eigenen Adressaten vermutet, sondern auch gemeine Konsumenten der »Tagesschau« und besorgte Steuerzahler, die keine Bundeswehreinsätze für Dick Cheneys vermeintliche Interessen finanzieren wollen.

Wer sich nun aus welchem Grund wogegen verschworen hat, kann zwar auch das hoch dotierte Leipziger Podium nicht abschließend klären, doch darum geht es wohl auch nicht. Wichtiger ist, dass man das ganze Elend – das global agierende Finanzkapital, den »Globalismus« oder die »oligarchische Machtergreifung« – jemandem anlasten kann. Hinter den Kulissen jedenfalls vollzieht sich eine Verschwörung, die man – auch auf dieser Konferenz – nicht explizit als jüdisch definieren muss, um genau so verstanden zu werden.

Die Ideologie des »schnöden Mammons« gelte es zu bekämpfen, so Elsässer in seinem Abschlussstatement – am besten mit vereinten Kräften: »Es gibt den linken Widerstand, es gibt den rechten Widerstand, und es gibt den religiösen Widerstand gegen die Globalisierung. […] Diese drei Widerstandsströmungen zusammen könnten die Globalisierung stoppen. Aber im Augenblick ist es nicht so. Weil die Linken mögen die Rechten nicht. Und die Rechten mögen die Linken nicht. Die Linken mögen die Katholiken nicht, und die Rechten mögen die Muslime nicht. Das muss aufhören, wenn wir dem Globalismus tatsächlich etwas entgegensetzen wollen.« Elsässer formuliert damit den Querfrontgedanken auf der Höhe der Zeit und am passenden Ort; er ist auf seiner Reise nach ganz Rechts am Ziel angekommen.

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Die Aktionen der Verschwörungsfans. September 9, 2011 | 04:01 pm

Bald jährt sich der zehnte Jahrestag der Terroranschläge vom 11. September 2001. In Deutschland wird es rund um den 11. September 2011 zu Aktionen von Verschwörungsfans kommen, die sich „Truther“ oder „Infokrieger“ nennen. Diese werden über Stammtische und Infonetzwerke organisiert, die die organisatorische Basis für deutsche Kleinbürger_innen darstellen, die die Ereignisse des 11. Septembers verklären. Die Anhänger_innen der selbsternannten „Wahrheitsbewegung“ möchten den Jahrestag nutzen, um ihre Version der Ereignisse zu propagieren. „Jeder ein­zel­nen von Euch ist auf­ge­ru­fen am 10. Jah­res­tag des 9/11 An­schlags eine Ak­ti­on bei Euch vor Ort zu ma­chen um Eure Mit­men­schen zu in­for­mie­ren“, heißt es in einem Aufruf, der durchs Internet geistert.
Die Verschwörungsfans glauben, dass die mörderischen Anschläge nicht durch islamistische Terroristen, sondern durch eine Verschwörung begangen worden wäre. Oftmals wird die amerikanische Regierung oder gar der israelische Geheimdienst Mossad der Täterschaft bezichtigt. Manche Verschwörungstheoretiker ordnen die Anschläge gar einer mega-geheimen „Elite“ zu, die mit dieser Tat angeblich eine „Neue Weltordnung“ schaffen wollte. Die Anschläge seien „Selbst Gemacht“ gewesen, lautet ein oft geäußerter Vorwurf dieser Verschwörungsfans, die von einem unverhohlenem Anti-Amerikanismus getrieben werden. Dieser gipfelt unter anderem in der Behauptung, die amerikanische Regierung hätte die Anschläge geplant, um weltweite Kriege gegen den Terror führen zu können. Mit der Umdeutung der Tatsachen vom 11. Septembert 2001, die der amerikanischen Regierung die Schuld zuschiebt, gehen oftmals andere Verschwörungstheorien einher, die die Geschichte des zwanzigsten Jahrhunderts umdeuten. So wird mit der in dieser Szene beliebten Pearl Harbour Theorie eine angebliche amerikanische Kriegschuld am zweiten Weltkrieg konstruiert.
Im Rahmen eines „bundesweiten Aktionstags“ rufen die Anhänger_innen dieser Theorien zu verschiedenen Aktionen in mehreren Städten auf. Neben vielen Kreideaktionen, die im Internet unter anderem in Berlin, Ulm, Nürnberg und in vielen Provinzstädtchen angekündigt werden, wollen die Verschwörungsfans mindestens zwei Demonstrationen durchführen. Außerdem bewirbt der Vorsitzende der „Volksinitiative“, Jürgen Elsässer, einen Kongress in Leipzig.
Relativ deutlich wird damit, dass die Szene der „Truther“, „Infokrieger“ und „Wahrheitsbewegten“ den Sprung vom Debatier-Klüngel zu handlungsfähigen organisatorischen Zusammenschlüssen bereits seit längerer Zeit vollzogen hat. Diese bewerben ihre antiamerikanischen Theorien schon lange nicht mehr nur im Internet, sondern offensiv auf der Straße.

Karlsruhe:
Für den 10. September 2011 mobilisiert die Band „Die Bandbreite“ beispielsweise zu einem Aufmarsch nach Karlsruhe. Dieser Aufmarsch wurde auch von der Anti-Feministin Eva Herman beworben, die die Aktion in den „Nachrichten“ des rechten „Kopp-Verlags“ lobend erwähnt. Auf den Seiten des rechtslastigen „Kopp-Verlags“ ist auch der Aufruf zu dieser Aktion zu finden, mit der die Verschwörungsfans ihre Thesen bewerben wollen. „Ge­or­ge Bush ist der größ­te Ter­ro­rist“ (!), „US-​Ter­ror welt­weit“ oder „3.​000 Opfer für Öl, oder was“ sind nur einige Parolenvorschläge, die auf der Internetseite zum Aufmarsch zu finden sind. Bereits im vergangenen Jahr marschierten die Verschwörungsfans dort, um für ihre recht eigenwillige Version der Ereignisse zu werben. Zur musikalischen Untermahlung wird ein Auftritt der „Bandbreite“ mit ihrem Kompagnon „Kilez More“ angedroht. Als Redner soll unter anderem Jens „Cheffe“ Blecker, der Betreiber der Internetseite „Infokrieger-News“ auftreten. Zur Demonstration ruft auch Oliver Janich auf, der mit seiner „Partei der Vernunft“ antieuropäisches Ressentiments und antiamerikanische Verschwörungstheorien propagiert. Mobilisiert wird über den Karlsruher Stammtisch des Blogs „The Real Stories“, der sich ansonsten passenderweise im Restaurant „Walhalla“ trifft.
(Weitere Informationen).

Hamburg:
Die Verklärung der Realität liegt allerdings auch anderen Personen aus dieser Szene am Herzen. Für den 11. September 2011 rufen die Verschwörungsfans in Hamburg ebenfalls zu einer Demonstration auf: „In Hamburg wird es ausserdem am 11.9., im Anschluss an die Demo, eine Filmvorführung geben: Um 20 Uhr wird im B5 in der Brigittenstr. 5 der neue Film ‚9/11: Explosive Evidence – Experts Speak Out (2011)‘“ gezeigt, heißt es auf verschiedenen Internetseiten aus der Szene. Das Hamburger Zentrum in der Brigittenstrasse ist ein Treffpunkt antisemitischer Schläger, die unter anderem eine Filmveranstaltung angriffen.
Wie in Karlsruhe gab es in Hamburg bereits im letzten Jahr eine Kundgebung: „Der 11. Sep­tem­ber Ter­ror war selbst ge­macht“, hieß es bei­spiels­wei­se auf Papp­schild­chen, die den in­ter­es­sier­ten Mit­bür­ger_in­nen ent­ge­gen­ge­hal­ten wur­den. Der­ar­ti­ge Sze­nen dürf­te es auch am 11. Sep­tem­ber 2011 zu sehen geben, wenn die Ver­schwö­rungs­fans um 12 Uhr in der Spi­ta­ler­stra­ße in Ham­burg zu­sam­men­kom­men, um ihre Theo­ri­en über den Ter­ror­an­schlag der al-​Qai­da zu ver­brei­ten.
(Weitere Information).

Nürnberg & Ulm:
In anderen Städten rufen Verschwörungsfans rund um den 11. September 2011 zu Kreideaktionen auf, die unter dem Label „El Kraida“ vermarktet werden. Dass man sich mit einem derartigen Wortspiel auf eine Terrororganisation bezieht, wird die Verschwörungsfans nicht stören. Schließlich gehen sie grundsätzlich davon aus, dass die Anschläge durch andere finstere und geheimnisvolle Mächte durchgeführt wurden. Zu Kreideaktionen soll es unter anderem in Nürnberg und Ulm kommen.
In Nürnberg wird diese Aktion durch einen „Stammtisch“ namens „Widerstand in Aktion“ angekündigt. Auf der Internetseite (s. Faksimile) finden sich verschiedene Verschwörungstheorien: Die Umdeutung des 11. September findet sich dort ebenso wie Berichte über angebliche „Chemtrails“. Dort findet sich auch Propaganda für den ehemaligen libyschen Diktator Gaddafi Der „Stammtisch“ von „Widerstand in Aktion“ ist ein Sammelbecken für deutsche Kleinbürger_innen, die dort antiamerikanische Verschwörungstheorien austauschen. Am 10. September 2011 wollen die Aktivisten von „Widerstand in Aktion“ die „die Innenstadt so schnell und effektiv wie möglich zutexten“.

Berlin:
In Berlin mobilisieren Verschwörungsfans um das „Infonetzwerk Berlin“ ebenfalls zu einer Kreideaktion. Auf einer extra für dieses Event gestalteten Internetseite heißt es: „Es ist also besonders wichtig zum 10jährigen ‚Jubiläum‘ des Anschlages unter falscher Flagge, also des ‚Inside Job‘, Präsenz zu zeigen und die Mitmenschen aufzuklären. Gerade als Hauptstadt sollte Berlin eine Vorreiterrolle in dieser Aufklärungsbewegung innerhalb Deutschlands spielen“. Die „Vorreiterrolle“ soll mit einer Kreidaktion umgesetzt werden.
Verschiedene Aktivist_innen aus diesem Milieu kündigen zusätzlich eine Teilnahme an der „Freiheit statt Angst“-Demonstration an, die am 10. September 2011 in Berlin stattfinden wird. An dieser Demonstration beteiligten sich bereits im letzten Jahr zahlreiche „Truther“ und „Wahrheitsbewegte“, die dort ihre Thesen verbreiteten. Dort war beispielsweise ein Transparent zu sehen, das den Terroranschlag vom 11. September 2001 mit dem Reichstagsbrand gleichsetzte (s. Foto). Auf der „Freiheit statt Angst“-Demonstration, die „für Freiheitsrechte, für einen modernen Datenschutz und für ein freies Internet“ werben möchte, wird auch Nina Hagen als „Künstlerin“ auftreten. Nina Hagen wird ihren Auftritt sicherlich nutzen, um esoterische und verschwörungstheoretische Ideen zu verbreiten.

Leipzig:
In Leipzig mobilisiert die „Volksinitiative“ um den „Linksnationalisten“ Jürgen Elsässer zum großen Verschwörungs-Stelldichein. Die Konferenz, die am 10. September in Leipzig-Schkeu­ditz stattfinden soll, wird von Elsässers „Compact-Magazin“ organisiert. Hierbei handelt es sich um ein Blättchen, für das verschiedene Europa-Hasser, Geschichtsrevisionisten und Verschwörungstheoretiker äußert reaktionäre Beiträge verfassen. Themen wie „CIA-​Agent Bin Laden“, „Ein Volk, ein Reich, ein Euro“ oder „Schulfach Schwul – die sexuelle Umerziehung unserer Kinder“ sollen die ebenso reaktionären Verschwörungsfans ansprechen. Mit der „Inside 9/11 Konferenz“ möchte Elsässer die Schuldfrage in seinem Sinne beantworten.
Als Referent wird natürlich Jürgen Elsässer, der mit einer falschen Übersetzung zum Breivik-Massaker warb, auftreten. Neben Elsässer werden allerdings auch noch andere Propagandisten aus der Verschwörungs-Szene angekündigt. Da wäre beispielsweise Alexander Benesch, der Betreiber der nationalistischen und verschwörungsideologischen Internetseite „Infokrieg.tv“, der auf der Veranstaltungseite mit einem Video beworben wird. Dieses zeigt seinen Auftritt auf der „Anti-Zensur-Koalition“ des Sektengurus Ivo Sasek. Dort traten auch schon Holocaust-Leugner wie Bernhard Schaub auf.
Außerdem wird Jan Gaspard angekündigt, der als Chefredakteur von „Nexworld.tv“ verschiedene Verschwörungstheorien, vom 11. September über eine angebliche Erdbebenwaffe bis zu den Iluminaten, untersucht. Auf der kostenpflichtigen Internetseite „Nexworld.TV“ sind verschiedene Interviews zu finden, die Gaspard unter anderem mit Gregor Gysi, Xavier Naidoo und verschiedenenen Verschwörungsideologen geführt hat. Ganz besonders kurios erscheint ein Interview, das Gaspard mit einer „Tarot-Expertin“ führte. Die stellt die Behauptung auf, dass eine „gewaltige Symbol-Inszenierung hinter dem fürchterlichsten Terror-Schauspiel“ stecken würde, was sie mit Tarot-Karten belegen möchte. Vielleicht wird Gaspard auch auf der Konferenz über das angebliche „Tarot-Mysterium“ berichten. Der Landesarbeitskreis Shalom der Linksjugend Solid urteilt, „dass es genug Grün­de gibt die­ser Kon­gress und die auf ihr Ver­tre­te­nen In­hal­te ab­zu­leh­nen“.
(Mehr Informationen).

Wider den al-Quds-Tag! August 16, 2011 | 10:39 pm


 Ein Aufruf zur Solidarität mit den Revoltierenden im Iran 

Zu Hunderttausenden bewegten sie sich auf den Straßen Teherans am 18. September 2009, dem von Ruhollah Khomeini ausgerufenen al-Quds-Tag zur islamischen Befreiung Jerusalems. Omnibusse reihten sich aneinander, denn selbst aus der ärmlichen Peripherie der Städte wollten die Menschen an den Aufmärschen teilhaben. Mehdi Karroubi, Mir-Hossein Mousavi und Mohammad Khatami, die widerspenstigen Männer der Islamischen Republik, hatten versprochen, friedlich mit ihren Glaubensbrüdern zu marschieren. Nur Akbar Hashemi Rafsanjani, der systemimmanente Opponent Khameneis, der noch am al-Quds-Tag 2007 die Juden als einen „Schmerz im Nacken“ charakterisierte und die Shoah als eine Reaktion darauf (1), der noch am al-Quds-Tag 2001 kühl kalkulierte, dass eine einzige A-Bombe den „Kunststaat“ Israel gänzlich tilge, während der Schaden unter Muslimen berechenbar bliebe (2) wurde ausmanövriert und durfte, trotz alledem, nicht die Hauptpredigt in Teheran sprechen. (3) Dies tat nun Ahmad Khatami, ein frommer Herr ohne Partikularinteressen, der von Märtyrertum und dem seligen Vertrauen in den Klerus, von israelischer Leichenfledderei und dem Konzept der Islamischen Republik Palästina sprach. Vordem beschwor Mahmud Ahmadinejad in seiner Ansprache den al-Quds-Tag nicht nur als „den Tag der Einheit der iranischen Nation“, sondern überdies aller Nationen, nicht nur der muslimischen. Und: Die „Black Box des Holocaust“ müsse gelüftet werden. (4)

Zu Hunderttausenden bewegten sie sich auf den Straßen Teherans, aber auch etwa in Isfahan, an diesem „Tag der Einheit der iranischen Nation“. Aus den Chassis dröhnte die Parole „Marg bar Israel“, „Tod Israel“, immer wieder, auf allen Straßen…

Und aus der Masse an Menschen schlug es ihnen entgegen: „Tod den russischen und chinesischen Kollaborateuren des iranischen Regimes“, „Putin, Chávez, Nasrallah, ihr seid die wahren Feinde des Irans“ und „Weder Gaza (sprich: Hamas) noch der Libanon (Hezbollah), unser Leben für den Iran“. In der Masse auch Grüppchen von regimetreuen Männern und Frauen, letztere eingehüllt im Chador, deren schwächliches „Tod Israel“ dauernd gekontert wurde durch ein penetrantes „Marg bar Chin“ oder „Marg bar Russie“.  Zugegeben, die Parolen muten nationalistisch an und sie verbürgen noch keinen materialistischen Begriff vom Antisemitismus und somit vom Staat gewordenen Selbstschutz der Juden: Israel. Doch dass die Abwehr der staatsorganisierten Projektion des Antisemitismus zum Inhalt einer Revolte wurde, ist ein historischer Bruch. Es spricht aus ihr zumindest die Ahnung der Malignität einer pathischen Projektion, die das eigene Leiden und Sterben im „unbefreiten“ al-Quds zu verewigen droht. Wo von Staats wegen die Frauen unter den Hijab gezwungen werden und bei außerehelicher Intimität der Tod droht, war unter den Revoltierenden für einen Moment die sexuelle Apartheid wie aufgehoben. Und wo Regimekritiker als „Mohareb“, das heißt als „Kriegsführende gegen Gott und seinen Propheten“, hingerichtet werden, rief man nach dem „Tod des Klerus“. Doch die Menschen, die revoltierten, um sich selbst wieder zu erwerben, zumindest nach den Kriterien eines bürgerlichen Subjekts, ohne im nächsten Moment die dem Kapitalverhältnis inhärente Krisenhaftigkeit der Subjektform antisemitisch auszusöhnen, blieben allein – so weit die Solidarität Vereinzelnder zu still blieb.

Denn zugegen, selbst unter Freunden Israels, wurde dieses Begehren nach einem besseren Leben kaum gewürdigt. Man widmete sich höchstens den nächstmöglichen Herren des Irans, den Mousavis und Khatamis. Die Diskrepanz zwischen den Reformkhomeinisten und den Revoltierenden, die säkulare Parolen gegen die Islamische Republik riefen, wurde zumeist ignoriert. Dem al-Quds-Tag muss also nicht allein wegen seinem widerlichen Hass auf die Emanzipationsgewalt der Juden, den Staat Israel, entgegengetreten werden, sondern vor allem auch weil er von einem Regime organisiert wird, das noch zu Beginn des Jahres Menschen durch die Straße hetzte, die „Weder Gaza noch der Libanon, sondern Tunesien, Ägypten und der Iran“ riefen, die sich also um eine Assoziation antidespotischer Erhebungen bemühten und nicht um die der antizionistischen Rasereien.

Während die Revoltierenden im Iran am 18. Sep. 2009 den staatsorganisierten Israelhass blamiert haben, ist den antiimperialistischen Ideologen die khomeinistische Kontrarevolution, also die faschistische Mobilisierung der Ausgebeuteten und Verächtlichten als Tugendterroristen und lebendiges Kriegsmaterial, noch stets der „Emanzipationsprozess der Volksklassen“(„jW“, 20.06.09) und so verteidigen sie bis heute das Regime gegen seine als „asozial“ denunzierten Feinde. Diese ideologische Flankierung der Islamischen Henkersrepublik ist Ausfluss einer ideologischen Spaltung von Herrschaft, die derselben fatalen Logik folgt – mit ähnlichen antisemitischen Konsequenzen – wie die Spaltung des Kapitalverhältnisses in Produktions- und Spekulationssphäre: die Herrschaft wird geteilt in eine wesensfremde vulgo imperialistische und in eine authentische, das heißt in die autochthone Herrschaft über die ‚Eigenen‘, die in dem Schwulst von der „nationalen Souveränität“ fetischisiert wird. So wird Ahmadinejad nach einer UN-Sitzung von 100 US-amerikanischen Antiimperialisten – unter ihnen der 66. Justizminister Ramsey Clark und die Kongressabgeordnete Cynthia McKinney – empfangen, um dem Regime zuzusprechen, authentischer Souverän des Irans zu sein, und so bemängelt die einstige Jugendzeitung des deutschen Staatskapitalismus, die „junge Welt“ aus Berlin, an Israel die Naturhaftigkeit und rühmt dagegen Ahmadinejad als „Führer der Habenichtse“. Während die als heiß und innig zelebrierte Bruderliebe des Hugo Chávez zu Ahmadinejad die politische wie militärisch-industrielle Komplizenschaft des bolivarischen Venezuelas mit der Islamischen Republik Iran camoufliert.

Der Aufmarsch am al-Quds-Tag ist das einzige Ereignis in Europa, in dem die Islamische Republik Iran mit ihren hiesigen Repräsentanten die Diskretion ablegt, die sie bei Einladungen von Freunden aus Industrie und Politik bewahrt.Als Geste der Solidarität mit den Revoltierenden im Iran und in der Hoffnung, dass die Friedhofsruhe aus Hinrichtungen, Folterungen und Tugendterrorismus ehest endet, rufen wir auf zu Protest gegen den al-Quds-Tag in Berlin und anderswo. 

Marg bar jomhuriye eslami! Marg bar asle velayat faqih!
Nieder mit der islamischen Republik! Tod der Herrschaft der Rechtsgelehrten!

exsuperabilis.blogspot.com 
cosmoproletarian-solidarity.blogspot.com

Wider den al-Quds-Tag! August 16, 2011 | 10:39 pm


 Ein Aufruf zur Solidarität mit den Revoltierenden im Iran 



Zu Hunderttausenden bewegten sie sich auf den Straßen Teherans am 18. September 2009, dem von Ruhollah Khomeini ausgerufenen al-Quds-Tag zur islamischen Befreiung Jerusalems. Omnibusse reihten sich aneinander, denn selbst aus der ärmlichen Peripherie der Städte wollten die Menschen an den Aufmärschen teilhaben. Mehdi Karroubi, Mir-Hossein Mousavi und Mohammad Khatami, die widerspenstigen Männer der Islamischen Republik, hatten versprochen, friedlich mit ihren Glaubensbrüdern zu marschieren. Nur Akbar Hashemi Rafsanjani, der systemimmanente Opponent Khameneis, der noch am al-Quds-Tag 2007 die Juden als einen „Schmerz im Nacken“ charakterisierte und die Shoah als eine Reaktion darauf (1), der noch am al-Quds-Tag 2001 kühl kalkulierte, dass eine einzige A-Bombe den „Kunststaat“ Israel gänzlich tilge, während der Schaden unter Muslimen berechenbar bliebe (2) wurde ausmanövriert und durfte, trotz alledem, nicht die Hauptpredigt in Teheran sprechen. (3) Dies tat nun Ahmad Khatami, ein frommer Herr ohne Partikularinteressen, der von Märtyrertum und dem seligen Vertrauen in den Klerus, von israelischer Leichenfledderei und dem Konzept der Islamischen Republik Palästina sprach. Vordem beschwor Mahmud Ahmadinejad in seiner Ansprache den al-Quds-Tag nicht nur als „den Tag der Einheit der iranischen Nation“, sondern überdies aller Nationen, nicht nur der muslimischen. Und: Die „Black Box des Holocaust“ müsse gelüftet werden. (4)

Zu Hunderttausenden bewegten sie sich auf den Straßen Teherans, aber auch etwa in Isfahan, an diesem „Tag der Einheit der iranischen Nation“. Aus den Chassis dröhnte die Parole „Marg bar Israel“, „Tod Israel“, immer wieder, auf allen Straßen… 
Und aus der Masse an Menschen schlug es ihnen entgegen: „Tod den russischen und chinesischen Kollaborateuren des iranischen Regimes“, „Putin, Chávez, Nasrallah, ihr seid die wahren Feinde des Irans“ und „Weder Gaza (sprich: Hamas) noch der Libanon (Hezbollah), unser Leben für den Iran“. In der Masse auch Grüppchen von regimetreuen Männern und Frauen, letztere eingehüllt im Chador, deren schwächliches „Tod Israel“ dauernd gekontert wurde durch ein penetrantes „Marg bar Chin“ oder „Marg bar Russie“. Zugegeben, die Parolen muten nationalistisch an und sie verbürgen noch keinen materialistischen Begriff vom Antisemitismus und somit vom Staat gewordenen Selbstschutz der Juden: Israel. Doch dass die Abwehr der staatsorganisierten Projektion des Antisemitismus zum Inhalt einer Revolte wurde, ist ein historischer Bruch. Es spricht aus ihr zumindest die Ahnung der Malignität einer pathischen Projektion, die das eigene Leiden und Sterben im „unbefreiten“ al-Quds zu verewigen droht. Wo von Staats wegen die Frauen unter den Hijab gezwungen werden und bei außerehelicher Intimität der Tod droht, war unter den Revoltierenden für einen Moment die sexuelle Apartheid wie aufgehoben. Und wo Regimekritiker als „Mohareb“, das heißt als „Kriegsführende gegen Gott und seinen Propheten“, hingerichtet werden, rief man nach dem „Tod des Klerus“. Doch die Menschen, die revoltierten, um sich selbst wieder zu erwerben, zumindest nach den Kriterien eines bürgerlichen Subjekts, ohne im nächsten Moment die dem Kapitalverhältnis inhärente Krisenhaftigkeit der Subjektform antisemitisch auszusöhnen, blieben allein – so weit die Solidarität Vereinzelnder zu still blieb. 

Denn zugegen, selbst unter Freunden Israels, wurde dieses Begehren nach einem besseren Leben kaum gewürdigt. Man widmete sich höchstens den nächstmöglichen Herren des Irans, den Mousavis und Khatamis. Die Diskrepanz zwischen den Reformkhomeinisten und den Revoltierenden, die säkulare Parolen gegen die Islamische Republik riefen, wurde zumeist ignoriert. Dem al-Quds-Tag muss also nicht allein wegen seinem widerlichen Hass auf die Emanzipationsgewalt der Juden, den Staat Israel, entgegengetreten werden, sondern vor allem auch weil er von einem Regime organisiert wird, das noch zu Beginn des Jahres Menschen durch die Straße hetzte, die „Weder Gaza noch der Libanon, sondern Tunesien, Ägypten und der Iran“ riefen, die sich also um eine Assoziation antidespotischer Erhebungen bemühten und nicht um die der antizionistischen Rasereien. 

Während die Revoltierenden im Iran am 18. Sep. 2009 den staatsorganisierten Israelhass blamiert haben, ist den antiimperialistischen Ideologen die khomeinistische Kontrarevolution, also die faschistische Mobilisierung der Ausgebeuteten und Verächtlichten als Tugendterroristen und lebendiges Kriegsmaterial, noch stets der „Emanzipationsprozess der Volksklassen“(„jW“, 20.06.09) und so verteidigen sie bis heute das Regime gegen seine als „asozial“ denunzierten Feinde. Diese ideologische Flankierung der Islamischen Henkersrepublik ist Ausfluss einer ideologischen Spaltung von Herrschaft, die derselben fatalen Logik folgt – mit ähnlichen antisemitischen Konsequenzen – wie die Spaltung des Kapitalverhältnisses in Produktions- und Spekulationssphäre: die Herrschaft wird geteilt in eine wesensfremde vulgo imperialistische und in eine authentische, das heißt in die autochthone Herrschaft über die ‚Eigenen‘, die in dem Schwulst von der „nationalen Souveränität“ fetischisiert wird. So wird Ahmadinejad nach einer UN-Sitzung von 100 US-amerikanischen Antiimperialisten – unter ihnen der 66. Justizminister Ramsey Clark und die Kongressabgeordnete Cynthia McKinney – empfangen, um dem Regime zuzusprechen, authentischer Souverän des Irans zu sein, und so bemängelt die einstige Jugendzeitung des deutschen Staatskapitalismus, die „junge Welt“ aus Berlin, an Israel die Naturhaftigkeit und rühmt dagegen Ahmadinejad als „Führer der Habenichtse“. Während die als heiß und innig zelebrierte Bruderliebe des Hugo Chávez zu Ahmadinejad die politische wie militärisch-industrielle Komplizenschaft des bolivarischen Venezuelas mit der Islamischen Republik Iran camoufliert. 

Der Aufmarsch am al-Quds-Tag ist das einzige Ereignis in Europa, in dem die Islamische Republik Iran mit ihren hiesigen Repräsentanten die Diskretion ablegt, die sie bei Einladungen von Freunden aus Industrie und Politik bewahrt.Als Geste der Solidarität mit den Revoltierenden im Iran und in der Hoffnung, dass die Friedhofsruhe aus Hinrichtungen, Folterungen und Tugendterrorismus ehest endet, rufen wir auf zu Protest gegen den al-Quds-Tag in Berlin und anderswo.

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Nieder mit der islamischen Republik! Tod der Herrschaft der Rechtsgelehrten!


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Stimmen zur Love Parade July 28, 2010 | 06:04 pm

Jürgen Elsässer:

>>Dieses Land ist „arm, aber sexy“ (Wowereit) und sucht den finalen Kick im kollektiven Suizid, der Selbstauflösung. 19 Leute totgetrampelt? Egal, die Love Parade geht weiter. So wie der Afghanistan-Krieg. (…) Aber niemals hätte die Katastrophe einen so hohen Blutzoll gefordert, wäre die Horde nicht besoffen, bekifft, zugekokst, vollgedröhnt und sonstwie chemisch vergiftet gewesen. Die Love-Parade und alle anderen Massenveranstaltungen der Rauschgift-Mafia sind nach dieser Katastrophe zu verbieten!<<

Eva Herman:

>>Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!<<

(via Torsun)

Und der Nachschlag von Eva Herman:

>>Natürlich übe ich in dem Artikel, wie immer übrigens, Kritik an den Urhebern des allgemeinen Sittenverfalls, wozu meines Erachtens hauptsächlich die sogenannten Achtundsechziger gehören. Sie haben Werte wie moralischen Anstand nahezu abgeschafft. (…) Natürlich ist mir klar, dass alle jungen Leute zu allen Zeiten sich anhören mussten, dass es »früher ganz anders und viel besser war«. Nur mit dem Unterschied, dass die gesellschaftlichen Strukturen – übrigens nicht nur in Deutschland alleine, sondern in nahezu ganz Europa – sich derzeit bereits in der Komplettauflösung befinden. Und kaum jemand tut etwas dagegen! (…) Jeder, der es noch wagt, dagegen zu sprechen, wird als Ewiggestriger oder als Störenfried der Gesellschaft bezeichnet. Aber sei es drum, mit dieser Zuweisung lebe ich inzwischen ganz gut. Denn es ist klar, dass man sich heutzutage nicht jedermann zum Freund machen kann mit diesen Ansichten. Dennoch wäre es wünschenswert, dass man wenigstens Diskussionen über Wert und Unwert solcher Partys zuließe.<<

Sodom und Logorrhoe July 26, 2010 | 04:38 pm

Eva Herman besucht die Loveparade

Sie dürfte die Bilder von der Loveparade am vergangenen Samstag im Fernsehen gesehen haben. Vielleicht im ARD-Brennpunkt direkt nach der Tagesschau, die sie vor einer Weile noch moderieren durfte. Eine Massenpanik auf dem Duisburger Festivalgelände kostete 19 PartybesucherInnen das Leben. Über 500 wurden zum Teil schwer verletzt. Eva Herman ist erschüttert und greift daraufhin in die Tasten. Sie veröffentlicht auf der Website des neurechten Kopp-Verlages einen durchgezimmerten Artikel, der weder versucht das Unglück journalistisch zu rekonstruieren, noch moralbesoffen die Opfer in der Blüte ihres Lebens zu beklagen. Die Mutterkreuzträgerin bringt es nur zu einer Anklageschrift gegen die verrottete Institution Loveparade, die »in Wahrheit eine riesige Drogen‑, Alkohol‑ und Sexorgie« sei.

Damit ist Herman in ihrem Element. Sie lädt durch und entsichert. »Betrunken oder vollgekifft, mit glasigen Blicken, wiegen sich die dünn bekleideten Körper in rhythmischem Zucken wie in Trance. Das ohrenbetäubende, stereotype Rave-Gehämmere, das nicht mehr im Geringsten etwas mit dem einstmaligen Begriff von Musik zu tun hat, zerschmettert ihnen über zahllose Stunden Trommelfelle und Nervenkostüme.« Auf dem grünen Hügel in Bayreuth wäre ihnen das nicht passiert! Doch geht es der Autorin nicht allein um die gesundheitlichen Folgen von Soundsystemen oder die Betonung musiktheoretischer Differenzen. Der Dummdusel der Stampfmusik klopft aus den Menschen ihrer Ansicht nach nur das Schlechteste heraus. Darin ist sich die ehemalige TV-Sprecherin mit ihrem ideologischen Zellennachbarn Jürgen Elsässer einig, der auch nicht kommentarlos an sich halten kann. Auf seinem Blog formuliert er ein schmissiges »Keine Macht den Drogen!« und zürnt zuvor über »partywütige Eskapisten«, die »in einem letzten Ausbruchsversuch über Ihresgleichen hinweg« trampeln. Es entladen sich »blutige Gewitter«, die Eva Herman für die Loveparade auch ohne Unglücke auf dem Wetterradar ausmacht. »Riesige dunkle Wolken der Enthemmung und Entfesselung treiben über dem Geschehen, die jungen Menschen wirken, als hätten sie jegliche Selbstkontrolle abgegeben, ekstatisch und wie im Sog folgen sie dem finsteren Meister der sichtbaren Verführung.«

Kurzum: die Leute haben ihren Spaß und klinken sich für ein paar Stunden aus Lehrstelle, Job, Beziehungsproblemen und Familienstress aus. So armseelig die dort zeitweilig eingelösten Glückskonzepte auch sein mögen – dass zwischenmenschlicher Kontakt hier nicht der Familienplanung dient und die BürgerInnen der Ravenation auch mit Wodka, MDMA und Bassline auf ihre Kosten kommen wollen, kann man ihnen nicht verübeln. Jedenfalls kein schlechtes Wort gegen etwas, das Frau Herman missbiligt. »Wer sich betrunken und mit Drogen vollgedröhnt die Kleider vom Leib reißt, wer die letzten Anstandsnormen feiernd und tanzend einstürzen lässt, und wer dafür auch noch von den Trägern der Gesellschaft unterstützt wird, der ist nicht weit vom Abgrund entfernt.« Diesen Abgrund der Zivilisation, den Höllenschlund von Verderbung und Sittenverfall muss jemand geöffnet haben. Die Großväter, die noch auf Ketten in Urlaub gefahren sind und deren Lager noch nicht Centerparks hießen, werden es nicht gewesen sein. »Die Achtundsechziger haben ganze Arbeit geleistet!« Sie haben die Libertinage in die westlichen Gesellschaften gepflanzt und den Muff von 1000 Jahren durchs geöffnete Fenster hinaus gelassen. Reproduktionsfreier Sex, offene Homosexualität, Feminismus, Atheismus und Individualismus werden heute weitgehend toleriert bis akzeptiert. So funktionieren moderne, offene Gesellschaften nunmal, die immer noch scheiße sind, aber nicht, weil sie den Adenauer-Lifestyle mit der bedrückenden Enge der Kleinfamilie aufgelöst haben. Welche Gesellschaft Eva Herman vorschwebt, kann man in Giesela Elsners Roman »Berührungsverbot« lesen oder anhand der aktuellen Verhältnisse in Ungarn und Polen studieren. Mit der Mischung aus Katholizismus, Antisemitismus und Homophobie lässt sich auch wirklich prima leben. Im Wort zum Sonntag von Eva Herman klingt das dann so: »Ich habe nämlich einen Traum: Den Traum eines Landes mit glücklichen Menschen, ohne Drogen, ohne übermäßigen Alkohol, ohne eine sexualisierte Gesellschaft, sondern eines Landes, in dem Menschen leben, denen Verlässlichkeit und gegenseitiger Respekt wichtig sind.«

Dieser gegenseitige Respekt hat aber natürlich seine Grenzen. Wer nicht diesem angegammelnten Ideal genügt, das noch hinter den bürgerlich-aufgeklärten Anspruch zurückfällt; wer partout nicht in einer cleanen Gemeinschaft glücklich sein will, den billigt vielleicht die ehemalige Nachrichtensprecherin, nicht aber ihr Gott. »Mir persönlich hilft dabei die Überzeugung von der Anwesenheit unseres Schöpfers, in dessen Gesetzen und Geboten wir nun einmal leben.« Bei einem Regelverstoß wie bei der sittenlosen Loveparade winkt dann schon mal die volle, menschenfreundliche Sanktions-Packung des Führers im Himmel. Ihr Gott hat nach dem alten Testament in ähnlich gelagerten Fällen wie in Duisburg nicht lange gefackelt. »Als die Sonne über dem Land aufgegangen (…) war, ließ der Herr auf Sodom und Gomorra Schwefel und Feuer regnen, vom Herrn, vom Himmel herab. Er vernichtete von Grund auf jene Städte und die ganze Gegend, auch alle Einwohner der Städte und alles, was auf den Feldern wuchs. (…) Er schaute gegen Sodom und Gomorra und auf das ganze Gebiet im Umkreis und sah: Qualm stieg von der Erde auf wie der Qualm aus einem Schmelzofen.« (Moses 19, 23–28.)

Nur folgerichtig, dass man nach dem Loveparade-Unfall eins und eins zusammen zählt. »Eventuell haben hier ja auch ganz andere Mächte mit eingegriffen, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Was das angeht, kann man nur erleichtert aufatmen!«, findet Eva Herman. Wenn sich ihr lieber Gott zur Brandrodung von Tanzmäusen herablässt und konservative Erleichterung verbreitet, ist er vielleicht auch für einen bescheideneren und vernichtungsfreien Wunsch zugänglich. Gütiger und gnädiger Gott von Eva Herman, mach dass sie die Schnauze hält. Amen.

hedonisten-rückführung jetzt! October 14, 2009 | 04:29 pm

erichelsass

“geht wählen!” September 24, 2009 | 02:08 pm

jungle_gehtwaehlen2