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Der Prozess. March 7, 2013 | 01:56 pm

Am Montag, den 25.02.2013, stand ein Mensch vor Gericht, weil er keine Fernsehgebühren bezahlt hatte. Im britischen Horsham fand ein Prozess gegen Tony Rooke statt, bei dem es eigentlich nur Fernsehgebühren gehen sollte. Doch es ging auch um die Ereignisse 11. September 2001 und eine gigantische Fernseh-Verschwörung, an die Rooke zu glauben scheint. In Großbritannien muss man ebenfalls Fernsehgebühren zahlen, mit denen die „British Broadcasting Company“ (BBC) finanziert wird. Rooke hatte die Zahlung dieser Gebühren eingestellt und sich wenig später von einem Kontrolleur erwischen lassen. Gegen einen Zahlungsbefehl legte er einen Widerspruch ein. Rooke wollte das resultierende Gerichtsverfahren vor dem Magistrates Court, um sich als Ankläger aufzuspielen. Dem Angeklagten ging es darum, die BBC der Beihilfe zum Terrorismus zu beschuldigen. Dabei berief er sich auf Paragraph 15, Artikel 3, des „Terrorism Act 2000“, in dem es um die Finanzierung von terroristischen Gruppierungen geht.

Tony Rooke macht die BBC zu einer terroristischen Gruppierung, weil diese angeblich die Hintergründen des 11. September 2001 verschweigen und all diejenigen diffamieren würde, die die Wahrheit ans Licht bringen wollten. Dabei geht es auch um zwei Dokumentationen der BBC, die die Verschwörungsideologen und ihre Konstrukte kritisch beleuchten. Damit war der Sender ins Fadenkreuz der Verschwörungsgläubigen geraten.

Dem Verschwörungsgläubigen ging es vor dem Magistrates Court um seine Sache: Der Aktivist der verschwörungsideologischen Gruppe „Christians for 9/11 Truth“ glaubt, dass die britische „Mainstream-Medien“ ein Teil der gigantischen Verschwörung seien, die er für die Ereignisse des 11. September 2001 verantwortlich macht. Auf der Internetseite seiner christlich-fundamentalistischen Sekte werden daher Martin Luther King und Jesus Christus in Stellung gebracht, um über die angeblichen Hintergründe des 11. September aufzuklären. Seinen Prozess wollte er zum Fanal machen, mit dem die angebliche Wahrheit ans Licht kommen sollte. Der Truther wurde dabei von verschiedenen Verschwörungsideologen unterstützt, die vor Gericht als Zeugen aussagen sollten.

Der dänische Verschwörungsideologe Niels Holger Harrit, der ein Begründer der so genannten und vielfach widerlegten „Nanothermit-Theorie“ ist, war nach Hersham gereist. Der britische Truther Ian Henshall, der sich gerne über den angeblichen Einfluss von „jüdischen Gruppen“ erregt und die Unterstützung durch den britischen Nationalsozialisten Martin Webster lediglich aus taktischen Gründen ablehnt, war ebenfalls anwesend, um als Zeugen aufgetreten. Als Kameramann trat der norwegische Verschwörungsideologe Torstein Viddal auf, der bis 2010 ein Mitglied der rechtspopulistischen „Fremskrittspartiet“ (FrP) war. Viddal erregte in letzter Zeit einiges Aufsehen, als er heimlich das Abschlussstatement des Anders Behring Breivik aufnahm und über Youtube verbreitete. Er macht diesen Massenmörder zum „Zionisten“ und erfreut auf diese Weise die Antisemiten in aller Welt. Viddal propagiert dabei das Konstrukt einer zionistischen Weltverschwörung, die die Massenmedien kontrollieren würde. Diese angebliche Verschwörung sei außerdem – direkt oder indirekt — für verschiedene Anschläge verantwortlich.

Die Zeugen und der Kameramann, der sie vor dem Gerichtsgebäude befragte, glauben wie ihr Kompagnon Rooke, dass die BBC bereits vor dem 11. September 2001 über den Ablauf und die Hintergründe der Anschläge informiert war. Sie glauben an die machtvolle Verschwörung, die Politik und Presse kontrolliert und dabei über Leichen geht. Die eigentlichen Täter des 11. September 2001, jene islamofaschistischen Rackets, die damals etwa 3000 Menschen ermordeten, werden vom ihnen entlastet. Sie schreiben dafür eine ganz andere Geschichte, in denen sie selbst als Helden auftreten. Dabei inszenieren sie sich als Aufklärer und Wahrheitssuchende, die diese angebliche Wahrheit gegen alle Widerstände vor Gericht und ans Licht zerren.

Vor dem Prozess hatte man daher Texte verfasst, mit denen der Angeklagte zum Ankläger gemacht wurde. So suggerierte Michel Chossudovsky, dass die BBC „wegen Manipulation von Beweisen und einseitiger Berichterstattung im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 11. September 2001 vor Gericht“ stehen würde. Nichts davon ist wahr. Unterstützung gab es auch aus Deutschland. Der Text des antisemitischen Autors wurde ab dem 24.02.2013 auf der Internetseite des rechtslastigen Kopp-Verlages verbreitet. Einen Tag später griff ein Autor der nationalbolschewistischen Tageszeitung „junge Welt“ das Thema auf. Dort wurde der Verschwörungsgläubige zum „Terrorismusverweigerer des Tages“ gemacht. In der Tageszeitung träumte man anscheinend von einem Volksgericht der Verschwörungsgläubigen. Dort wurde die Hoffnung geäußert, dass die „Verantwortlichen zur Rechenschaft“ gezogen werden. Ähnliche Äußerungen waren auf zahlreichen Internetseiten des Verschwörungsmilieus zu lesen.

Vor Prozessbeginn hatte sich die Gemeinde der Verschwörungsgläubigen vor dem Gerichtsgebäude versammelt. Etwa 100 Unterstützerinnen und Unterstützer waren eingetroffen, um die angekarrten Zeugen zu hören, die über die Ereignisse des 11. September berichten sollten. Doch dazu kam es erst gar nicht. Der Richter Stephen Nicholls befand Rooke für schuldig. Er muss nun außerdem 200 Pfund Verfahrenskosten zahlen. Die eigens eingeflogenen Zeugen kamen nicht zu Wort.

Sicherlich ist das nicht das Ergebnis, von dem die Verschwörungsgläubigen geträumt haben. Daher tun sie nun das, was sie am besten können: Sie deuten die Ereignisse um und blenden die Fakten aus, die nicht mit ihrer Umdeutung übereinstimmen. Im „American Freedom Radio“ berichtete Rooke und sein Kompagnon Henshall stolz darüber, wie sie den Richter überzeugt hätten. Rooke war in der Sendung des Kevin Barrett zu hören, der von der Anti Defamation-League als einer der bekanntesten Köpfe der antisemitischen Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 bezeichnet wird. Nach dem Prozess erschienen zahlreiche Jubelartikel. Da wurde die Verteilung zum historischen Triumph gemacht. Die Niederlage wurde zum Sieg des Angeklagten umgedeutet.

Die größten Falschbehauptungen finden sich in einem deutschen Jubelartikel. Dort wird die Verurteilung verschwiegen und eine ganze Hauptverhandlung erfunden, von der noch nicht einmal die britischen Truther sprechen: „Rooke wurde nicht abgeurteilt. Stattdessen setzte der Richter den Termin zu einer umfassenden Hauptverhandlung an. Damit wird es jetzt allmählich eng für die BBC, denn nun werden verschiedene international anerkannte Wissenschaftler und weitere Zeugen angehört werden”. Man muss schon ein sehr spezielles Verhältnis zur Realität machen, wenn man aus einer Verurteilung einen Sieg des Angeklagten fabriziert.

Tony Rooke ist nun auf der Suche nach den nächsten Verschwörungsgläubigen, die keine Fernsehgebühren mehr zahlen. Es könnte also in naher Zukunft weitere Verurteilungen geben, die dann in einen Sieg umgedichtet werden, um die Märchen von der Fernseh-Verschwörung zu verbreiten.

Meteoriten, Ufos und die USA. February 26, 2013 | 11:49 am

Vor einigen Wochen stürzte ein Meteoriten-Hagel auf die Erde und verglühte größtenteils über der russischen Region Tscheljabinsk. Die Folgen der Katastrophe vom 15. Februar 2013 waren hunderte verletzte Menschen, tausende zerstörte Fensterscheiben, reißerische Medienberichte und verschiedene Verschwörungsmythen, die über die einschlägigen Internetseiten verbreitet wurden. Mal wieder hatten die Gläubigen, die jeden Anlass benutzen, um ihn in ihr wahnhaftes Weltbild einzupflegen, ein Ereignis zu Hand, mit dem sie die Mythos von der mysteriösen Verschwörung spinnen konnten. Sie benutzten mal wieder eine Katastrophe und fanden Verantwortliche, die sie nun für den Vorfall verantwortlich machen. Aus der Katastrophe wurde daher ein UFO-Überfall oder gar ein amerikanischer Angriff gemacht.

Bereits am Tag des Unglücks meldete sich der rechtspopulistische Krakeeler Wladimir Wolfowitsch Schirinowski zu Wort und munkelte von einem Waffen-Experiment, für das er die USA verantwortlich machte: „Das sind keine fallenden Meteoriten, sondern die Amerikaner testen neue Waffen“, behauptete der Politiker der Liberal-Demokratischen Partei Russlands (LDPR), der zumindest in der Vergangenheit vor allem durch antisemitische Hetze aufgefallen war.

Einige Wochen nach dem Unglück findet sich die Behauptung vom angeblichen Waffen-Experiment der USA auf zahlreichen Internetseiten des verschwörungsideologischen Milieus. Unterschiedliche Gruppen berufen sich auf den rechten Russen: So verbreitet die Schweizer Sektion der verschwörungsideologischen „Graswurzelbewegung“ von „We are the Change“ ebenso die Behauptungen des Rechtspopulisten, wie die „Arbeitsgemeinschaft Staatlicher Selbstverwaltungen“, die ansonsten die Nazi-Mythen der so genannten „Reichsbürger“ verbreitet. Hier munkelte man von den „Machenschaften der USA“, die diesmal sogar für einen Meteoriten verantwortlich gemacht werden.

Diejenigen, die diese wahnwitzigen Behauptungen kolportieren, bewegen sich in einer verschwörungsideologischen Tradition: Nach anderen Naturkatastrophen, wie dem Erdbeben, das im Jahr 2010 Haiti verwüstete, raunten die Verschwörungsgläubigen ebenfalls von mysteriösen amerikanischen Waffen, die zum Einsatz gekommen wären. Bereits im Jahr 2004 verbreitete der mittlerweile verstorbene Joe Vialls, eine Ikone der selbsternannten „Truther“, die Behauptung, dass die USA für das Sumatra-Andamanen-Beben verantwortlich seien.

Die Anti-Amerikaner sind einem raserischen Wahn verfallen. Daher sagen sie den USA eine unglaubliche Mach nach: Strahlen-, Erdbeben-, Wetter– und andere Superwaffen gehören zum Repertoire, die in ihren Märchen Verwendung finden. Der Anlass ist durchaus beliebig: Erdbeben, Tsunami und Meteoritenschauer scheinen gerade gut genug, um den Hass auf die Vereinigten Staaten auszuleben. Der Meteorit über Russland ist ein weiterer Anlass, der nun benutzt wird.

Neben den anti-amerikanischen Mythen wurden aber auch andere Märchen verbreitet. Einige Verschwörungsgläubige wollen mal wieder ein UFO entdeckt haben. Daher verbreiten sie nun pixelige Videos, auf dem mit einigem guten Willen ein dunkler Punkt zu erkennen ist. Einige sind sich sicher, dass ein UFO den Einschlag beobachtet habe, andere sprechen davon, dass das angebliche UFO den Meteoriten zerstört haben. Auch dies ist nichts neues: Nach den Mord-Taten des Anders Behring Breivik raunten die Verschwörungsgläubigen von einem UFO, das sie in den Straßen Oslos entdeckt haben wollten; doch dabei handelte es sich um eine einfache Straßenlaterne.

Verschwörungsgläubige sind vorhersehbar. Sie ordnen jedes Ereignis — vom Fernsehprogramm bis zur Naturkatastrophe — ihrem Wahn unter und machen überall die angebliche Verschwörung aus. Daher kann man sich ausmalen, wie sie auch auf zukünftige Ereignisse reagieren werden. Was folgen wird, ist eine weitere Aktualisierung des Verschwörungswahns. Dann werden mal wieder die USA verantwortlich gemacht. Dort wird man dann von Strahlen– und Wetterwaffen schwafeln. Außerdem wird man das ein oder andere UFO entdeckt haben wollen. Die nächste Naturkatastrophe kommt ebenso sicher wie das nächste Verschwörungskonstrukt.

Unter Nerds. February 12, 2013 | 10:05 am

Piraten-Deutschland-fsa11

„Klarmachen zum Entern“: Mit solchen Parolen eroberten die Piraten verschiedene Landesparlamente. Das nächste Ziel ist der Einzug in den Bundestag. „Wir sind weder links noch rechts, sondern vorne“, lautet eine weitere Phrase, mit der suggeriert wird, daß man sich von Ideologien verabschiedet habe. Doch in Wirklichkeit ist mit der Piratenpartei eine deutsche Sammlungsbewegung entstanden, in der – im Rahmen eines obskuren Pluralismus – auch antisemitische Zinskritiker, antiamerikanische Verschwörungsideologen und deutschnationale Aktivisten eine neue Heimat unter netzaffinen Nerds gefunden haben. Vom ehemaligen NPD-Kader bis zum anthroposophischen Geistlichen sind alle dabei, um als selbsternannte Piraten Parteipolitik zu betreiben. Dabei werden auch irrationale Heilslehren propagiert. Verschiedene antisemitische und esoterische Konstrukte dürfen auf diese Weise eine Wiederauferstehung erleben. In diesem Sinne erweisen sich die deutschen Piraten als gefährliche Widergänger ihrer Ahnen, die immer wieder mit der vermeintlichen Überwindung von Ideologien kokettierten und sich über diese erhaben fühlten. Der Vortrag wird die Genese der Partei und ihre Akteure behandeln. – Es spricht Martin Wassermann (Berlin), der sich in seinem Reflexion-Weblog (www.reflexion-blog.com) unter anderem mit verschiedenen Verschwörungsmythen und den deutschen Verhältnissen beschäftigt, die diese hervorbringen.

Mittwoch, 13.02.2013, Josfritzcafé, Wilhelmstraße 15 (Spechtpassage), Freiburg.

Itanimulli. February 8, 2013 | 11:44 am

Irgendwann im Jahr 2003 kam John Fenley auf eine merkwürdige Idee. Er meldete die Adresse www.itanimulli.com an und leitete sie auf die Internetseite des amerikanischen Nachrichtendienstes National Secret Agency (NSA) weiter. Wenn man nun das Wort Itanamulli von hinten nach vorne liest, kommt Illuminati heraus. Es handelt sich also um den Namen jenes Geheimbundes, der 1776 in Bayern gegründet und wenige Jahre später zerschlagen wurde.

Bis heute ranken sich zahlreiche Mythen um den Geheimbund. Dabei können die heutigen Mystiker, die von einer Fortexistenz des Geheimbundes ausgehen, auf eine umfangreiche Vorarbeit zurückgreifen, die von zahlreichen Verschwörungsideologen fabriziert wurde. So behaupte der britische Autor John Robinson bereits 1778, dass die Illuminaten zahlreiche andere Organisationen, wie die Freimaurer, steuern würden.

Später avancierten die Illuminaten zu einem bevorzugten Hassobjekt zahlreicher Antisemiten, die diese in ihren Machwerken anführten, um den Wahn von der jüdischen Weltverschwörung zu verbreiten. Der Mythos von den Illuminaten, die im Verborgenen fortexistieren würden, wurde also weiterhin benutzt. So wurde der Geheimbund auch durch die Nationalsozialisten herangezogen. Der Name des Anführers dieses Geheimbundes spielte dabei eine wichtige Rolle; mit Adam Weißhaupt machten Antisemiten Politik.

In den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts erlebte die Chiffre, in den Werken verschiedener Verschwörungsideologen, eine neue Renaissance: Es waren Autoren wie Des Griffin, die nicht nur die antisemitischen Protokolle der Weisen von Zion, aktualisierten, sondern den Namen Geheimbundes benutzten, um ihre kruden Thesen von der geheimen Weltverschwörung zu bebildern. In den Machwerken der Verschwörungsideologen wurde von einer andauernden Existenz der Illuminaten ausgegangen. Dieser Gedanke wurde durch zahlreiche Verschwörungsideologen, wie zum Beispiel Jan Udo Holey oder David Icke, aufgegriffen. Bis heute leben die Illuminaten also in den Machwerken der Verschwörungsindustrie fort.

Auch heute finden verschiedenene Verschwörungsgläubige in diesen Machwerken die vermeintliche Bestätigung: Die Illuminaten würden nach wie vor existieren und seien, so meint der paranoide Verschwörungsgläubige, ein gewichtiger Teil der angeblichen Weltverschwörung.

Die erwähnte Domain ittanamuli.com und deren Weiterleitung auf die Internetseite eines amerikanischen Nachrichtendienstes gilt in diesem Milieu als Baustein, mit dem die Gläubigen und ihre Vorbeter ihren Glauben an die Weltverschwörung belegen wollen. So wird die Existenz der Domain auf mehr als 50.000 Internetseiten debattiert. Dort wird diese Domain, die eher als Scherz gemeint war, auch als ein weiterer Hinweis auf die Fortexistenz der angeblichen Verschwörung verstanden. Der Anmelder wird oftmals zum Teil der angeblichen Verschwörung gemacht. Es sind derartige Mythen, die für den Verschwörungsgläubigen gerade gut genug sind, um sich immer wieder davon zu überzeugen, dass die Weltverschwörung existiert.

Mit Armbrust und Knarre. January 16, 2013 | 11:07 am

Am Freitag, den 11. Januar 2013, wurde der amerikanische Programmierer und Autor Aaron Swartz, der an der Entwicklung von RSS-Feeds beteiligt war, tot in seiner Wohnung aufgefunden. Er hatte sich, so berichtete sein Onkel Michael Wolf, offensichtlich erhängt. Dem Mitbegründer der Seite Reddit stand ein Prozess bevor, weil er angeblich 4,8 Millionen Dokumente aus dem Computerarchiv des Massachusetts Institute of Technology (MIT) heruntergeladen haben sollte. Aaron Swartz setzte sich für ein freieres Internet ein und wollte anderen Nutzerinnen und Nutzern des Netzes den Zugang zu Daten ermöglichen. Er kämpfte aber auch einen anderen Kampf und berichtete von Depressionen, die dazu führten, dass er sich wertlos und düster fühlte. Aaron Swartz wurde gerade einmal 26 Jahre alt.

Am Sonntag, den 13. Januar 20013, betrieb Mike Adams Leichenfledderei. Der Freitod des Programmierers war für Adams der Anlass, um einen Text zu verfassen, der sich rasant  verbreitete und auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist. Adams machte den Suizid des Programmierers zum perfiden Mord und benannte die vermeintlichen Täter. Er munkelte in diesem Zusammenhang über „tyrannische Urheberrechts-Fanatiker, die jeden zum Verbrecher stempeln wollen, der einen Film aus dem Internet herunterlädt”. Mike Adams nutzte den Tod um das Konstrukt einer Hollywood-Verschwörung zu aktualisieren. Er schrieb von den „großen Filmproduzenten der USA”, die wie eine „Mafia-Organisation” agieren würden. Diese angebliche Verschwörung der Filmproduzenten macht er nun für den Tod des Aaron Swartz verantwortlich.

Mike Adams bewirbt allerdings nicht nur Verschwörungsmythen, die sich um das Ende des Aaron Swartz ranken: So deutet er die islamo-faschistischen Anschläge des 11. September 2001 zum „Inside Job” um. Außerdem raunt er über eine  „Pharma Lobby”. Diese würde mit ihren Medikamenten die Immunschwächekrankheit AIDS verbreiten. Im paranoiden Wahn fürchtet sich Adams vor Barack Obama, der für ihn gar eine „neue Art Hitler” darstellt. Seine Vorbilder sind ganz andere Personen. Es sind antisemitische Verschwörungsideologen wie David Icke oder verschwörungsideologische Holocaust-Leugner wie Jeff Rense, die für ihn „echte Helden” sind. Zusätzlich palavert Adams von einem „Holocaust”, für den er Feministinnen verantwortlich macht. Seine wahnhafte Mythen erfreuen die Verschwörungsgläubigen in aller Welt. Die Pamphlete des Mike Adams werden auch in Deutschland verbreitet.

Am Montag, den 14. Januar 2013, veröffentlichte der rechts-esoterische Kopp-Verlag auf seinen Internetseiten eine deutsche Fassung des Adams-Textes. Nun konnten sich auch die hiesigen Verschwörungsgläubigen über die angeblichen Hintergründe des Todes von Aaron Swartz belehren lassen. Der Text über die Hollywood-Verschwörung verbreitete nun auch auf den deutschsprachigen Internetseiten der Verschwörungsszene und wurde dementsprechend kommentiert. „Das war Mord”, empörte sich ein Verschwörungsgläubiger, der ansonsten Wahlwerbung für die NPD verbreitet, auf der Facebook-Seite des Kopp-Verlages. Ein Kompagnon assistierte und schrieb über geheimnisvolle Strahlenwaffen, mit denen eine „Manipulierung des Unterbewusstseins” betrieben werden würde. Vielleicht sind auch diese beiden Verschwörungsgläubigen dem Aufruf gefolgt, der am Ende des Adams-Textes zu finden ist. Der Verschwörungsideologe appelliert dort an seine Gefolgschaft: Diese soll sich bewaffnen. Diese Forderung findet sich auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages:

„Ich bezweifle, dass Menschen wie Aaron Swartz viel über Selbstverteidigung wussten. Vermutlich besaß er nicht einmal eine Pistole. Aber dies ist eine Lektion, die sich alle Aktivisten zu Herzen nehmen sollten: Schaffen Sie sich eine Waffe an. Bringen Sie sich die Grundzüge der Selbstverteidigung bei. Gehen Sie mit ‘taktischerem’ Denken durch Ihre Umgebung (Städte, Straßen, Parkplätze, Wohnhäuser usw.). Achten Sie auf Ihr Umfeld.”

Der Freitod des Internet-Pioniers Aaron Swartz wird also nicht nur benutzt, um ein kleines bisschen Leichenfledderei zu betreiben. Der daraus resultierende Verschwörungsmythos wird auch mit dem Aufruf verknüpft, sich zu bewaffnen. Es könnte tatsächlich Gläubige geben, die diese Aufforderung befolgen werden. Diejenigen, die sich auf den Internetseiten des Kopp-Verlages informieren und sich daher durch die angebliche Verschwörung der Hollywood-Produzenten bedroht fühlen, weil sie gerade einen Film heruntergeladen haben, können sich in einem anderen Internetshop des Milieus mit Waffen eindecken. Dort finden sie zum Beispiel eine „leicht zu handhabende Gewehrarmbrust, die sowohl mit Pfeilen als auch mit 8 mm Stahlkugeln schiesst und über ein Magazin für 30 Kugeln verfügt”. Sie sei „kinderleicht” zu bedienen und könne daher auch von „Jugendlichen und Frauen” (!) „ohne Probleme gespannt werden”.

Das Verschwörungsmärchen über die mordenden Hollywood-Produzenten ist also nur ein weiterer Anlass, der dazu führen kann, dass sich einige Verschwörungsgläubige bewaffnen. Sie dürften sich mit Armbrust und Knarre ausstatten: Genauso wie es sich Mike Adams auch im Kopp-Verlag erwünscht hat.

Verschwörungspiraten. January 14, 2013 | 12:59 pm

Am vergangenen Wochenende mokierte sich ein Administrator des offiziellen Facebook-Accounts der Piratenpartei über einen Artikel, der ihm nicht passte. Spiegel-Online hatte zuvor über eine interne Vorstandsitzung berichtet. Der Administrator konterte nicht nur auf der Facebook-Seite mit einem Lied, in dem es auch um den Spiegel geht.

Bandbreite-Piratenpartei

Das Lied stammt von der verschwörungsideologischen Band „Die Bandbreite”, die im letzten Jahr auch auf einer Reichsgründungsfeier auftrat, bei der sich ein Sekten-Guru zum König seines kleinen deutschen Reiches krönen ließ. Die Band hat — neben Liedern in denen es um den 11. September und die Mondlandung geht — auch ein Lied zum Spiegel verfasst. Mit diesem Lied reagierte die Band auf Artikel, die über den Online-Auftritt des Magazins verbreitet wurden. Dort geht es aber nicht nur um den Spiegel, der „die meisten Lügen im Land” verbreiten würde, sondern auch um den amerikanischen Präsidenten, der als „O’Butcher” bezeichnet und als „Marionette” der „Wallstreet” gezeichnet wird.

Dieses Lied wurde nun über die offiziellen Accounts der Piratenpartei verbreitet. Auf der Facebook-Seite, die mehr als 70.000 Menschen gefällt, fanden sich schnell einige kritische Sätze, aber auch zahlreiche Verteidigungsreden und ein weiteres Video der Band. Im dazugehörigen Lied geht es um die Entstehungsgeschichte der AIDS-Krankheit. Die Band rekurriert hier auf die einschlägigen Verschwörungsmythen und reproduziert die Behauptung, dass diese Infektionskrankheit in Wirklichkeit in mysteriösen Geheimlaboren entstanden sei. Die Band beruft sich dabei auch auf den antisemitischen Autoren Wolfgang Eggert, der in seinen Büchern „die Zionisten” für Shoa und Nationalsozialismus verantwortlich macht.

Der Administrator der offiziellen Accounts der Piratenpartei wollte das Lied, das auch auf die kruden Ideen eines antisemitischen Verschwörungsideologen zurückgeht, allerdings nicht entfernen. Er „zensiere das nicht ohne richterliche Anweisung”, schrieb der Pirat und verwies außerdem auf einen zweistündigen Rede-Marathon, in dem sich einige Partei-Kader über den Umgang mit verschiedenen Verschwörungsmythen unterhalten.

Bandbreite-Piratenpartei2

Letztendlich verschwand der Beitrag dann doch von der Facebook-Pinnwand der Partei, weil der Spiegel-Online Artikel den Tatsachen entsprach. Zwar räumte der Verantwortliche zerknirscht ein, dass die Veröffentlichung des Videos „extrem dämlich” gewesen sei, beklagte sich aber auch darüber, dass „alle wie blöd” eskalieren würden. Außerdem munkelte er über einen „durch die Presse lancierten Shitstorm”. Mit dieser verschwörungsideologisch angehauchten Paranoia vor der Presse, die die Partei mit Medien-Berichten bedroht, reproduzierte der Verantwortliche lediglich einen weiteren Verschwörungsmythos, der in seinem Milieu verbreitet wird.

Nun existiert eine Initiative, die den Administratoren und den Nutzern der offiziellen Facebook-Seite den Persilschein ausstellen soll, damit sie dort weiterhin verschwörungsideologische Videos verbreitet können. „Keinerlei Zensur auf den Social Media Plattformen der Piratenpartei”, lautet ein Vorschlag, über den zur Zeit abgestimmt werden kann. So könnten dort also auch in Zukunft Verschwörungsmythen und die Videos der Band veröffentlicht werden, die diese Mythen mit ihren Liedern bewirbt.

Die Legende vom Vorwissen. December 13, 2012 | 09:11 am

Die Autoren, die sich mit dem 11. September 2001 befassen und dabei den ein oder anderen Mythos vom „Inside Job” in die Welt posaunen, machen es sich einfach. Da werden verkürzte, verfälschte und gefälschte Zitaten mit Halbwissen und Lügen garniert, um den Mythos von der Verschwörung zu spinnen, die für alles — und eben auch für islamfaschistischen Anschläge des 11. September 2001 — verantwortlich sein soll. Da werden aber auch amerikanische Filme und Serien mit einer manischen Pedanterie nach angeblichen Beweisen durchsucht, mit denen man davon überzeugen will, dass in Wirklichkeit eine mysteriöse Verschwörung für die Anschläge verantwortlich wäre. Dieser angeblichen Verschwörung wird eine ungeheuere Macht nachgesagt. Sie kontrollieren, so behauptet es der Verschwörungsautor, sogar die Filmindustrie und das Fernsehen. Schließlich habe die angeblichen Konspirateure — Jahre vor dem 11. September 2001 — in verschiedensten Filmen und Serien Hinweise hinterlassen. Die Verschwörungsideologen, die im Gewand des allwissenden Aufklärers auftreten, weisen in ihren Büchern auf diese angeblichen Hinweise hin, die sie entdeckt haben wollen.

Der verschwörungsideologische Autor Gerhard Wisnewski, dessen Bücher im bekannten und renommierten Knaur-Verlag erscheinen, schreibt zum Beispiel in seinem neuesten Buch über über einige Filme, die er mit den Ereignissen in Verbindung bringt. Wisnewski beschäftigt sich dort unter anderem mit dem Science Fiction Film „Independence Day”, der eine Alien-Invasion zeigt. Der Film stammt aus dem Jahr 1996 und zeigt in bombastischen Bildern, wie die großen Städte der Welt durch riesige Raumschiffe, die einen gigantischen Laserstrahl einsetzen, vollkommen zerstört werden. Dabei ist auch zu sehen wie New York durch Feuerbälle und gigantische Explosionen vernichtet wird. Für Gerhard Wisnewski sind diese Szenen ein Hinweis, weil „man” angeblich „genau die gleichen Rauchwolken durch die Straßenschluchten wabern“ sieht, „wie später am 11. September 2001“. Wisnewski ist daher überzeugt: Für ihn sind die Ereignisse des 11. September 2001 „in Teilen ein Remake von Independence Day“.

Mit dieser Behauptung kann Wisnewski an eine Legende anknüpfen, die von verschiedenen Verschwörungsideologen verbreitet wird, die dabei auch auf andere Filmen und Serien zurückgreifen. Es handelt sich um die Legende vom Vorwissen, die nicht nur mit diesem Film belegt werden soll. Einige Verschwörungsgläubige glauben zum Beispiel, dass in dem Film „Super Mario Brothers”, der aus dem Jahr 1993 stammt, der 11. September 2001 verhergesagt wurde, weil dort zu sehen ist, wie sich das World Trade Center in ein Gebäude des Bösewichts verwandelt. Nun kursiert ein kurzer Filmschnippsel, mit dem die Behauptung belegt werden soll, dass die Anschläge vorausgeahnt worden seien.

Manche Verschwörungsgläubige verweisen wiederum auf das Akte X Spin Off „Die einsamen Schützen”. Der Pilotfilm dieser kurzlebigen Serie zeigte vor den Anschlägen des 11. September auch einen Plan, mit dem ein Flugzeug ins World Trade Center gesteuert werden soll. Andere Verschwörungsgläubige sind in der Fernseh-Serie „Die Simpsons” fündig geworden. In der Folge„Homer in New York”, die aus dem Jahr 1997 stammt, ist eine Werbeanzeige zu sehen, mit der die Gläubigen die Mythen zum 11. September 2001 belegen wollen. Die Anzeige eines Busunternehmens zeigt nämlich eine 9, im Hintergrund sind die Zwillingstürme zu sehen. Für einige Verschwörungsgläubige ist mit dieser durchaus beliebten Numerologie der letztendliche Beweis erbracht, das die Produzenten der Fernsehserie „lange im Vorraus über die angeblichjen Terroranschläge vom 11.09.2001 bescheid wussten”.

Auf diese Weise wird die Legende vom Vorwissen gesponnen. Mit plumper Numerologie, verfälschten Deutungen und der ein oder anderen Serie soll das Konstrukt der gigantischen Verschwörung untermauert werden, an der sogar der Simpsons Produzent Matt Groening, der Akte X-Macher Chris Carter und der Independence Day Regisseur Roland Emerich beteiligt sein könnte. Die Märchenerzähler zum 11. September werden sicherlich noch weitere Filme und Fernsehserien entdecken, mit denen sie ihre Mythen belegen wollen. Schließlich werden auch in anderen Filmen und Serien Gebäude und Städte zerstört oder sind Zahlen zu sehen, die in den Augen der Gläubigen eine neue Bedeutung bekommen.

Letzendlich werden hier Gedanken aufgegriffen, die bereits für vorherigen Weltverschwörungsideen konstitutiv waren. In den Werken der Verschwörungsindustrie wurde bereits Anfang des letzten Jahrhunderts behauptet, dass die angebliche Verschwörung die Medien kontrollieren würden und ganze Städte in die Lufts sprengen könne. Die heutigen Autoren, die die Ereignisse des 11. September benutzen,  scheinen an diesen Wahn anzuknüpfen. In ihrem Konstrukt werden die großen Medien ebenfalls durch die übermächtige Verschwörung dominiert, die sogar so dreist ist, Jahre vor den Anschlägen bestimmte Hinweise in harmlosen Spielfilmen und Serien zu hinterlassen, bevor sie zur Sprengung schritt. Letzendlich knüpfen also auch heutige Verschwörungsideologen an die Wahnideen an, die bereits von ihren geistigen Ahnen beworben wurden.

Die Gerhard Wisnewski Zitate stammen aus folgendem Buch: Operation 9/11– Der Wahrheit auf der Spur. Knaur Taschebuch Verlag. München, 2011. Seite 227 ff.

Die Dokumente der Bilderberger. December 6, 2012 | 10:05 am

Auf der Internetseite des berüchtigten Kopp Verlages wurden, in Zusammenarbeit mit verschwörungsideologischen „Mysteries“–Magazin, einige alte Dokumente über die Bilderberger-Konferenzen veröffentlicht, denen verschiedene Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht unterstellen.

Die Bilderberger-Konferenz findet seit den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts statt, dort kommen Politiker, Manager und Journalisten zu einem losen Gedankenaustausch zusammen. Dabei werden Sonntagsreden gehalten und Kontakte geknüpft. Weil die Teilnehmer oftmals über den Inhalt dieser Sonntagsreden schweigen, haben Verschwörungsideologen ein leichtes Spiel. Sie behaupten zum Beispiel, dass auf diesen Konferenzen wichtige Entscheidungen, etwa über den nächsten Kanzlerkandidaten der SPD oder den zukünftigen Präsidenten der USA, getroffen werden würden. Einige Autoren der Verschwörungsszene gehen sogar so weit, in der Konferenz, die einmal im Jahr an wechselnden Orten stattfindet, den Kern einer zukünftigen „Weltregierung“ erkennen zu wollen.

Dies ist nichts Neues: Der rassistische, antisemitische und antikommunistische Autor Gary Allen, der 1971 das verschwörungsideologische Standartwerk „Die Insider“ veröffentlichte, schrieb damals, dass das „ultimative Ziel der Bilderberger (…) eine Weltregierung“ sei. Als Verantwortliche wurden die üblichen Verdächtigen ausgemacht. In fast jedem Pamphlet zur Konferenz werden seitdem die typischen Chiffren verwendet: Hier ist von den Rockefellers und Rothschilds die Rede, denen Verschwörungsideologen im antiamerikanischen und antisemitischen Wahn unterstellen, dass sie – so Allen — nach „einer Welt-Superregierung“ streben würden.

Dieses verschwörungsideologische Konstrukt wird auch auf den Internetseiten des Kopp-Verlages reproduziert. So warnt etwa Webster G. Tarpley auf den Internetseiten, auf denen sich Verschwörungsgläubige außerdem über „spirituelle Vorsorge“ und die baldige Wiedereinführung der Deutschen Mark belehren lassen können, vor den „Bilderbergern“ als „Wurzel der Macht und Weltherrschaft“. Im Verlagsprogramm sind die dazu passenden Bücher zu finden. Dort berichtet etwa Andreas von Réttyi, der ansonsten auch über angebliche Außerirdische auf Erden aufklären möchte, auf 320 Seiten von den angeblichen Machenschaften der „Bilderberger“, die für ihn „das geheime Zentrum der Macht“ darstellen.

Auf der Internetseite dieses Verlages finden sich nun seit dem 02.12.2012 einige ausgewählte Dokumente aus den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts. Der Verlag veröffentlichte „im Geist von WikiLeaks“ rund „120 Seiten“, die streng geheime „Bilderberg-Papiere“ darstellen sollen. Diese Papiere stammen aus dem Archiv des ehemaligen Bundespräsidenten Walter Scheel. Man kann sie im Bundesarchiv in Koblenz einsehen. Die Papiere sind also bei weitem nicht so geheimnisvoll, wie es der Kopp Verlag suggeriert, der behauptet, „unzählige seiner jahrzehntelang geheimen Bilderberg-Akten” entdeckt zu haben. Trotzdem werden die Veröffentlichungen der Papiere von verschiedenen Verschwörungsgläubigen bejubelt. Endlich, so glaubt man, hätte man Indizien, mit denen man das Konstrukt von der „Weltregierung“ belegen könne. So verweisen verschiedene rechte und esoterische Gruppierungen auf die Papiere.  Die völkische „Alte Breslauer Burschenschaft der Raczeks zu Bonn“ bewarb die Papiere ebenso wie die esoterische „Galaktische Föderation des Lichts“.

Wer einen Blick in die Papiere wirft, wird allerdings vor allem auf Belanglosigkeiten stoßen. Dort sind zum Beispiel seitenweise Dankesschreiben zu finden, mit denen für die Teilnahme an dem Treffen gedankt wird. Dort bedankt sich der eine beim anderen für den „netten Brief“ und schlägt vor „in Kontakt“ zu bleiben. Außerdem gibt es einen Überblick über die Reden, die auf den angeblich so mysteriösen Treffen der „Bilderberger“ gehalten wurden. Es handelt sich um belanglose Sonntagsreden und Debattenbeiträge, in denen es um die damalige Situation in Europa, um die „Friedensbewegung“ und um Auf– oder Abrüstung geht.  Da spricht der damalige Bundeskanzler Schmidt von der „gleichberechtigten Partnerschaft“ zwischen den NATO-Mitgliedern und der Situation in Afghanistan, da schwafelt der damalige Wirtschaftsminister Otto Graf Lambsdorf „von der Verpflichtung, den Zusammenhalt der Gemeinschaft freier Völker (…) zu festigen“. Da finden sich seitenweise belanglose Finanztabellen, Verabredungen zu Abendessen und Stichworte für zukünftige Telefongespräche.

Ein Blick in diese Dokumente macht allerdings deutlich, wie irrational und wahnhaft der verschwörungsideologische Blick auf das Treffen der „Bilderberger“ ist. Verschwörungsideologen machen aus dem Treffen einiger Politiker, die Zusammenkunft einer angeblichen „Weltregierung“, vor der sie dann lautstark warnen. Aus den Dokumenten, die nun veröffentlicht wurden, geht allerdings nur hervor, dass auf diesen Zusammenkünften belanglose Reden gehalten werden, die sich in keiner Weise von den Reden unterscheiden, die Bundestag oder auf den Parteitagen zu hören sind.

Von dieser Tatsache werden sich die Verschwörungsideologen allerdings nicht abhalten lassen, um weiterhin das wahnhafte Konstrukt von der angeblichen „Weltregierung“ zu verbreiten, die einmal im Jahr zum Bilderberger-Treffen zusammenkommt. Darauf verweist auch der Bericht des „Mysteries“–Magazins: „Trotz Verbot enthüllt: die Bilderberg-Geheimnisse der Bundesregierung“, heißt es hier reißerisch. Dort ist ebenfalls von der „Weltregierung” die Rede. Sicherlich werden die Dokumente auch weiterhin von dem einen oder anderen Verschwörungsautor missbraucht werden, um das irrationale Konstrukt von der „Weltregierung“ zu verbreiten. Schließlich geht es ihnen nicht um Fakten, sondern um die verschwörungsideologische Umdeutung der Realität.

Die Dokumente können hier heruntergeladen werden.

Die Raketen-Verschwörung. November 21, 2012 | 03:51 pm

Mit den Angriffen auf Israel, das sich einem beispiellosen Raketenterror ausgesetzt sieht, blühen auch Verschwörungsmythen. Ein Artikel des Hartmut Barth-Engelbart dürfte den Personen gefallen, die den Terror der Antisemiten nicht wahrhaben wollen und daher nach dem erstbesten Strohhalm greifen, der ihnen gereicht wird. Dieser Strohhalm ist in diesem Fall ein verschwörungsideologisches Konstrukt, mit dem die Opfer des Raketenbeschusses zu Tätern gemacht werden.

Beschießen israelische Spezial-Kommandos israelische Städte”, fragt Barth-Engelbart scheinheilig auf seiner Internetseite. Selbstverständlich liefert der Autor auch eine vorhersehbare Antwort. Dabei beruft er sich auf angebliche „israelische Dissidenten”, die ihm seine anti-israelische Gruselstory bestätigt haben möchten. Wenn Barth-Engelbart seinem „lange gehegten Verdacht” freien Lauf lässt, dass „die meisten der Raketenabschüsse von GAZA” durch „‘IDF’-Spezialkommandos” verübt werden, dürfte dies das Herz der Antisemiten erfreuen, die Israel sogar noch für die israelischen Toten verantwortlich machen möchten.

Das verschwörungsideologisches Konstrukt dieses Autoren läßt sich daher auch auf antisemitischen Internetseiten entdecken. Auf einer dieser Seiten wird ein „germanisches Kulturerbe” gepflegt. Auf der Internetseite der linksdeutschen „Neuen Rheinischen Zeitung” wurde der Artikel allerdings ebenfalls veröffentlicht. Es ist das Gerücht über Israel, das mit dem Märchen des Hartmut Barth-Engelbart neue Nahrung findet. Sein Gerücht dürfte daher auch in den kommenden Tagen auf den einschlägigen Internetseiten verbreitet werden.

Die Zusammenkunft. November 20, 2012 | 08:54 am

Am 24.11.2012 wird die nächste Konferenz des Jürgen Elsässer im Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin stattfinden. Der Veranstalter ist Herausgeber des „Compact Magazins”, in dem verschiedene Verschwörungsideologen ihre Mythen und Märchen verbreiten. Hier werden etwa die Ereignisse des 11. Septembers 2001 und die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrundes” einer Umdeutung unterzogen. Der gemeinsame Nenner ist die verschwörungsideologische Umdeutung der Realität, die mit einer deutschnationalen, anti-amerikanischen und anti-israelischen Positionierung einhergeht. So wird im Magazin etwa ein verschwörungsideologischer Bogen, von „illegaler Einwanderung” über „grenzüberschreitender Kriminalität” bis zu den „US-Truppen” gespannt.

Dort veröffentlicht etwa Oliver Janich, Vorsitzenden der rechtspopulistischen „Partei der Vernunft”, seine Artikel. Diether Dehm, Volksmusikant, Linkspartei-Aktivist und „glühender Verschwörungstheoretiker”, ließ sich zum Interview bitten. Der ehemalige RBB-Moderator Ken Jebsen schreibt dort gegen den „Zentralrat der Juden” und die israelische Regierung an. Gemeinsam mit Jürgen Elässser wird Jebsen, der sich in der Vergangenheit auch an einer Grabschändung beteiligte, ebenfalls die Moderation der Konferenz übernehmen, auf der zahlreiche Autoren und Interviewpartner des „Compact-Magazins” zu sehen sein werden.

Hier soll es um die „Souveränität Deutschlands” gehen, die den Veranstaltern am Herzen liegt. Dabei möchte man über angebliche allierte Geheimverträge und über die Reichsverfassung von 1871 debattieren. Zu diesem Spektakel des Deutschnationalismus wird Karl Albrecht Schachtschneider angekündigt, der mit seinen Kameraden von NPD und FPÖ gegen den Euro vorgeht, um anti-europäische Ressentiments zu betreiben. Dabei setzt er sich auch für ein Recht auf Holocaustleugnung ein. Auf der Konferenz soll aber auch Jan von Flocken sprechen, der verschiedene Verschwörungsmythen, zum Beispiel zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour, im Repertoire hat. Außerdem wird unter anderem der gealterte FDP-Politiker Helmut Schäfer angekündigt, der als außenpolitische Sprecher der FDP-Fraktion bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts den Jürgen Möllemann gab und von einem „israelischen Expansionsdrang” sprach, gegen den Appelle nicht ausreichen würden. Auf der „Souveränitätskonferenz” wird dieser deutsche Politiker daher „über Israel” sprechen. Schäfer treibt die Sehnsucht nach einem starken deutschen Staat an, der gegen Israel in Stellung gebracht werden soll. Man kann sich also ausmahlen, was er dort von sich geben wird. Außerdem werden weitere Referenten aus Russland angekündigt, die Elsässers Traum von einem deutsch-russischen Bündnis entsprechen.

Das Werbeplakat ziert ein Foto des Peter Scholl-Latour, der in der Vergangenheit bereits im „Compact Magazin” interviewt wurde und der ebenfalls auf der Konferenz sprechen wird. Der umtriebige Autor, der mit der rechtskonservativen „Jungen Freiheit” verbandelt ist, gilt hierzulande als Nah-Ost-Experte, was durch unter anderem dadurch zu erklären ist, das er einen deutschen Blick auf die Verhältnisse im nahen Osten anbietet, die die gepeinigte deutsche Seele erfreut: „Netanjahu ist gefährlicher als Ahmadinedschad”, behauptet Scholl-Latour zum Beispiel. Er kann aber auch den Verschwörungsmythen zum 11. September 2001 einiges abgewinnen und begeistert auf diese Weise die deutsche Verschwörungsszene der „Truther” und „Infokrieger”, die seine Ausfälle nur zu gerne dokumentieren. Scholl-Latour ist die passende Werbefigur zur Konferenz, die auf den einschlägigen Internetseiten beworben wird.

Im Vorfeld rührte Jürgen Elsässer die Werbetrommel, in dem er seine Konferenz in den Internetsendungen der Verschwörungsszene bewarb. Er ließ sich unter anderem von Johannes Conrad zum Interview bitten. Dieser Buchautor, in dessen Buch „Entwirrungen” die „Protokolle der Weisen von Zion” aktualisiert werden, ist ein Aushängeschild des Internetsenders „Bewusst.tv”, der nationalsozialistischen „Reichsbürgern”, irrationale Esoterikern und antisemitischen Holocaustleugnern eine Plattform bietet. In diesem Umfeld bewarb Jürgen Elässer, der überhaupt keine Berührungsängste kennt, seine „große Konferenz in Berlin” und sprach über „Einwanderer” und „Urdeutsche”: „Wir verlieren die Vielfalt, wenn wir den Brei kochen”, jammerte Elsässer und warnte ganz völkisch vor „Vermischerei”.

Eine weitere Werbemöglichkeit fand Elsässer auf einer Internetseite, auf der Hakenkreuze und Runenästhetik zu sehen und Rassenlehre und Arier-Kult zu finden ist. Auf der Internetseite des Wjatscheslaw Wasiljewitsch Seewald wird im Stürmer-Stil gegen Jüdinnen und Juden gehetzt. Seewald spricht von „Parasiten” und träumt von einem Bündnis aus „Ariern” und „Slawen”. „So ist es auch mit der weißen Rasse. Ja, ich liebe sie und bin froh, daß ich in diesem Leben und in dieser Inkarnation weißer bin”, schreibt Seewald stolz. Am 14.11.2012 war Jürgen Elsässer bei diesem Nationalsozialisten zu Gast, um seine Konferenz zu bewerben. Danach schrieb Seewald von einer „gelungenen Internetkonferenz” und warb für die Veranstaltung des Jürgen Elsässer. Die Veranstaltung des Jürgen Elsässer begeistert also auch einen Nationalsozialisten, der vor stilisierten Hakenkreuzen und Runen posiert, um vor „Parasiten” zu warnen (s. Foto).

Am 24.11.2012 werden sich die Anhänger des Jürgen Elsässer in der „Freien Universität Berlin” versammeln und zwischen 350 und 25 Euro Eintritt zahlen. Zu diesem nationalistischen Stelldichein dürften mehrere hundert Teilnehmer erscheinen. Dann werden verschwörungsideologische Antisemiten, selbsternannte Euro-Kritiker und sogenannte Nah-Ost-Experten zur Konferenz zusammenkommen, um gemeinsam von einem noch stärkeren und mächtigeren Deutschland zu träumen.

Vorgetragenes zum Verschwörungswahn. November 20, 2012 | 08:42 am

In diesem Jahr sprach ich auf Einladung der ASSOCIAZIONE DELLE TALPE in Bremen. Dort befasste ich mich mit verschiedenen Verschwörungsmythen, die auch in der deutschen Linken populär sind. Der Weblog „Audioarchiv”, der viele hörenswerte Vorträge, Interviews und Radiofeatures sammelt, hat nun den Mitschnitt dieser Veranstaltung veröffentlicht. Er kann daher auch hier hier angehört und dort heruntergeladen werden.

Aus der Einladung zur Veranstaltung:

Ver­schwö­rungs­my­then sind wir­kungs­mäch­ti­ge Kon­struk­te, von denen eine wach­sen­de Min­der­heit der Men­schen über­zeugt ist. Mehr als ein Drit­tel der Men­schen in Deutsch­land glaubt zum Bei­spiel, dass die An­schlä­ge des 11. Sep­tem­bers 2001 durch ge­heim­nis­vol­le In­sti­tu­tio­nen ver­übt wur­den. Ei­ni­ge Men­schen mei­nen, eine ge­hei­me Grup­pe aus­ge­macht zu haben, die hin­ter den sicht­ba­ren Er­eig­nis­sen die Fäden zieht. Sie ent­wer­fen eine hun­der­te Jahre an­dau­ern­de Welt­ver­schwö­rung, mit der sämt­li­che his­to­ri­schen Er­eig­nis­se um­ge­deu­tet wer­den.
Der­ar­ti­ge Ver­schwö­rungs­kon­struk­te sind wahn­haf­te und ir­ra­tio­na­le Ge­bil­de, die häu­fig in der Tra­di­ti­on der deut­schen Ideo­lo­gie ste­hen. So etwa der Neu­schwa­ben­land­my­thos, der davon aus­geht, dass sich die Na­zi-​Eli­te nach 1945 auf ge­hei­me Fes­tun­gen in der Ant­ark­tis ret­ten konn­te, um mit Ufos den zwei­ten Welt­krieg fort­zu­füh­ren. Ein wei­te­res Bei­spiel sind an­geb­li­che Wet­ter­waf­fen: Viele Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g_in­nen glau­ben, dass das Erd­be­ben in Japan durch eine Su­per-​Waf­fe der USA aus­ge­löst wurde. Für die Morde des An­ders Beh­ring Brei­vik und die des „Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds“ wer­den ge­hei­me Or­gansia­tio­nen aus New York oder Tel Aviv ver­ant­wort­lich ge­macht.
Sol­che Er­klä­rungs­mo­del­le stel­len wir­kungs­mäch­ti­ge, ge­schlos­se­ne und manch­mal an­ti­se­mi­ti­sche Ge­bil­de dar, mit denen die ka­pi­ta­lis­ti­sche Rea­li­tät mär­chen­haft ver­klärt wird. Es sind re­gres­si­ve Mo­del­le der Welt­v­er­klä­rung, die es auch in­ner­halb der po­li­ti­schen Lin­ken gibt: ei­ner­seits von Lin­ken ori­gi­när for­mu­lier­te Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, an­de­rer­seits eine An­schluss­fä­hig­keit man­cher Lin­ker an ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Pro­jek­te, die sich selbst nicht als links ver­or­ten.

Maulwurfsarbeit. October 31, 2012 | 10:13 am

Für die Aufsatzsammlung „Maulwurfsarbeit II” habe ich einen längeren Text über das Verschwörungsdenken in der deutschen Linken verfasst. Dort finden sich zahlreiche lesenswerte Texte, etwa von Bini Adamczak, Olaf Kistenmacher und Thorsten Mense. Die Sammlung kann auf den Seiten der Rosa Luxemburg Stiftung heruntergeladen werden.

„[…] Mit der vorliegenden Aufsatzsammlung wollen wir unser Veranstaltungsprogramm dokumentieren, das wir in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Initiative Bremen als Abendveranstaltungen, Tages– oder Wochenendseminare durchgeführt haben. Diese sehen wir als Teil praktischer Theorie gegen zerstörte Illusionen an und als unsere Form des „where everything is bad it must be good to know the worst“. Mit dieser Aufsatzsammlung schließen wir an unsere beiden vorigen an; in der Form eher an die verschiedene Aspekte beleuchtende „Maulwurfsarbeit“ als an die im monographischen Stil zusammengestellte „Staatsfragen“. Dass wir in den Veranstaltungen und in den Aufsatzsammlungen unterschiedliche Problembereiche behandeln, begründet sich dadurch, dass an allen gesellschaftlichen Phänomenen Abdrücke herrschaftsförmiger Vergesellschaftung zeigen und daher auch überall dort thematisiert werden müssen. Es geht also um den angestrebten Überblick in erdrückender gesellschaftlichen Totalität. […]”

Moritz Zeiler und Oliver Barth, Gruppe «associazione delle talpe», Bremen

Untergangsmythen. October 31, 2012 | 10:00 am

Am 14. April 1912 streifte das zum damaligen Zeitpunkt größte Passagierschiff der Welt einen Eisberg und versank im Atlantik. Etwa 1500 Menschen fanden den Tod. Schnell wurde der die Titanic zum Handlungsort zahlreicher Spielfilme und Romane. Bereits im Jahr des Untergangs entstand der Stummfilm „Saved from Titanic“, in dem Dorothy Gibson, die den Untergang überlebt hatte, die Hauptrolle übernahm. In den Jahrzehnten nach dem Untergang erschienen Spielfilme, Dokumentationen, Sachbücher und Sensationsromane. Einiges wurde hundertjährigen Jubiläum erneut auf den Markt gebrach. Noch einmal durfte sich Jack Dawson in James Camerons Kinofilm zum „König der Welt“ machen. Noch einmal versank die Titanic in diesem romantischen Kitschspektakel in den eisigen Fluten. Wer noch nicht genug hat kann die zahlreichen Ausstellungen begutachten, Dokumentationen auf N24 anschauen, Computerspiele spielen und Bücher verschlingen, die sich mit dem Untergang des Schiffes befassen und in denen oftmals an die Herzen gehenden Geschichten verbreitet werden.

Die Katastrophe ist aber auch eine Grundlage für verschiedene Mythen, die bereits kurz nach dem Untergang verbreitet wurden und die zum hundertjährigen Jubiläum eine Renaissance erleben dürfen. Bereits kurz nach dem Unglück wollte der ehemalige Seemann Peter Pryal den Kapitän der Titanic, Edward John Smith, gleich zweimal auf den Straßen Baltimores entdeckt haben, obwohl er doch mit dem Ozeanriesen untergegangen war. Zur Freude der Klatschpresse stellte Pryal auf diese Weise den Tod auf der Titanic in Frage. Die damaligen Revolverblätter verbreiteten dieses Märchen nur zu gerne. Sie betrieben einen Scheckbuchjournalismus und kauften die kruden Geschichten von vermeintlichen Zeugen ein, die für ihre Behauptungen gut bezahlt wurden. Wenn keine Zeugen aufzutreiben waren, wurden einfach Geschichten erfunden. So verbreiteten sich Mythen und Märchen, die bis heute bekannt sind.

Der deutsche Doktor Friedrich Carl Quitzrau, der auf dem Schiff Mount Temple nach Kanada reiste, behauptete zum Beispiel, dass dieses Schiff der Titanic nicht zu Hilfe geeilt sei und stattdessen mit abgedunkelten Lichtern das Sterben beobachtet hätte. Die zeitgenössische Presse griff diese Behauptungen auf und Quitzrau hatte seinen kurzweiligen Zeitungsruhm. Ernest Gill, ein Seemann von der Californian, verkaufte sich wiederum an die Bostoner Presse und behauptete, man habe von diesem Schiff den Untergang der Titanic beobachtet, ohne zu Hilfe zu eilen. Für etwas mehr als eine handvoll Dollar und ein wenig Ruhm schienen diese vermeintlichen Zeugen zu jeder Behauptung bereit zu sein. Hinzu kamen Falschmeldungen über unglaubliche Reichtümer und über angebliche Geschwindigkeitsrekorde, die durch verschiedene Presseagenturen verbreitet wurden und in die damaligen Spielfilme zum Untergang einflossen, mit denen auch antisemitische, anti-amerikanische und anti-britische Propaganda betrieben wurde.

In dem nationalsozialistischen Propagandafilm „Titanic“, der im Jahr 1943 gedreht wurde, wird der Untergang auf das Wirken der „Börsenspekulanten“ zurückgeführt, die die Titanic in ein Eismeer rasen lassen. „Das Geld ist der einzige Wert, an den ich glaube“, sagt der amerikanische Industrielle John Jacob Astor dort. Der Film, der auf einen vor, während und nach dem  Nationalsozialismus populären Sensationsroman des Autoren Josef Pelz von Felinau zurückgeht, sah sich derweil als „ewige Anklage gegen Englands Gewinnsucht“. In diesem Machwerk agierte der deutsche Held Petersen gegen die angebliche „Weltordnung“ der „Spekulanten“. Der Nazi-Film, für den die Deutschen nach Kriegsende anstanden, verbreite einige Mythen, die sich bis heute großer Beliebtheit erfreuen: So wird dort zum Beispiel die Behauptung aufgestellt, dass die Titanic die schnellstmögliche Überquerung des Atlantiks zum Ziel gehabt hätte, um das imaginäre „Blaue Band“ zu gewinnen. Dabei war das schon aus technischen Gründen nicht möglich. Die Titanic hätte niemals die Geschwindigkeit erreichen können, die dafür notwendig gewesen wäre.

Später gingen allerlei verschwörungsideologische Goldgräber mit ihren Mythen über die Titanic hausieren und bezeugten bevorzugt Geschichten, die der Vater oder der Großvater von einem mittlerweile verstorbenen Zeitzeugen erfahren haben sollte. So erlangte William Diebel seine zwei Minuten Fernsehruhm. Er munkelte im September 1987 in der Fernsehsendung„Return of the Titanic“, die von Telly „Kojak“ Savalas moderiert wurde, von einer Geschichte, die seinem Vater im ersten Weltkrieg zu Ohren gekommen war: „Er behauptete, dass die Titanic in Wirklichkeit nie einen Eisberg gerammt hat. In Wirklichkeit sank sie aufgrund einer Explosion“1.

Verschwörungsideologen konstruieren mit derartigen Märchen nun den Mythos eines gigantischen Versicherungsbetrugs, der gerne auch mit gewaltigen Explosionen und einem angeblich nicht vorhandenen Eisberg angereichert wird. Für viele Verschwörungsgläubige ist die echte Titanic niemals untergegangen. Stattdessen wurde sie durch ihr Schwesterschiff, die beschädigte Olympic, ausgetauscht und versenkt. Der gigantische Versicherungsbetrug wird zumeist einer Person angelastet, der Besitzer des Firmen-Konglomerats war, das die Titanic produzierte.

Es handelt sich um den amerikanischen Bankier J.P. Morgan, der in seiner Zeit nicht nur hohe Profite realisierte, sondern auch zum bevorzugten Hassobjekt verschiedener Anti-Amerikaner avancierte, die sich über dessen Knollennase belustigten und ihm eine Allmacht nachsagten, die dieser in der Realität nie besaß. Eigentlich wollte Morgan mit der Titanic reisen, hatte diese Reise jedoch abgesagt und vergnügte sich lieber im französischen Aix-les-Bains mit seiner Geliebten. Für Verschwörungsgläubige ist dieses belanglose Ereignis ein Hinweis darauf, dass Morgan aus guten Gründen auf die Reise verzichtet hätte. Schließlich sei er an der angeblichen „Verschwörung“ beteiligt gewesen, der die Titanic zum Opfer fiel.

Derartige Mythen wurden durch Robin Gardiner und Dan van der Vat popularisiert, die mit ihren Büchern die „Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs“2. erzählen wollten. Das Buch über die angebliche „Titanic-Verschwörung“ erschien 1996 im renommierten Goldmann-Verlag. Hier verbreiteten Gardiner und Van der Vat ihre „Verschwörungstheorie“, in dem sie allerlei Mythen mit technischen Details, Gesellschaftstratsch und historischen Fakten vermischten. Hinzu kamen die typischen Suggestivfragen, mit denen – wie so oft – die Existenz einer Verschwörung nahe gelegt wird. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass die Titanic in Wirklichkeit die beschädigte Olympic gewesen sein könnte. Die Eigner der Schiffe hätten einen „Austausch“ vorgenommen und die falsche Titanic  – mehr oder weniger bewusst – untergehen lassen.

Mit dieser Idee konnte auch ein anti-amerikanisches Ressentiment bedient werden. In den Büchern dieser Verschwörungsideologen wird der amerikanische Bankier Morgan als übermächtiger, „ausländischer Raubritter“ und „Hai“ gezeichnet, der seine angeblich „unbegrenzten finanziellen Möglichkeiten“ eingesetzt hätte, um „Macht und Profit zu erlangen“3. So bleiben die Fakten auf der Strecke. Zwar schildern Gardiner und van der Vat recht akkurat den Untergang und die daran anschließenden Untersuchungen, müssen aber verständlicherweise jeden Beweis für den vermeintlichen Versicherungsbetrug schuldig bleiben und sich auf Gerüchte über J.P. Morgan beschränken. Es bleibt bei Suggestivfragen und Mutmaßungen, mit denen die beiden Autoren jedoch ihren Teil dazu beigetragen haben, dass dieser Verschwörungsmythos über die Titanic bekannt wurde.

Verschiedene Verschwörungsideologen haben sich nach dieser Lektüre ausführlicher mit der Katastrophe befasst und die Werke ihrer Vorgänger benutzt, um ähnliche oder sogar noch waghalsigere Verschwörungsmythen zu propagieren. In diesem Jahr veröffentlichte beispielsweise Gerhard Wisnewski sein Buch über die angebliche Verschwörung, der er ein „Attentat“ auf die Titanic nachsagt. So gebührt ihm der zweifelhafte Verdienst, die Verschwörungsmythen seiner Vorgänger radikalisiert zu haben. In seinem Buch beruft sich Wisnewski immer wieder auf seine geistigen Vorgänger, die in seinem Buch zu „Titanic-Experten“ mutieren. Der deutsche Verschwörungsideologe, der in diesem Jahr zur Privataudienz mit dem iranischen Holocaustleugner und Antisemiten Ahmadinedschad reiste, bietet gleich mehrere Erklärungsansätze, mit denen er den Untergang des Dampfers verklärt.

Doch zunächst beschäftigt Wisnewski sich mit seinem „liebsten Propagadafilm“. Gemeint ist die berühmte Titanic Verfilmung des John Cameron, der ihn und andere zum „Opfer einer ausgeklügelten Propagandaaktion“ gemacht hätte. Rose, deren fiktive Geschichte im Spielfilm zum Leben erweckt wird, sei „mit dem Nimbus einer Holocaustüberlebenden ausgestattet“4, behauptet Wisnewski, um diese infrage zu stellen. Nun versucht Wisnewski den Beweis zu erbringen, dass dieser Spielkitschfilm nicht unbedingt auf historischen Fakten beruht. So möchte Wisnewski den Zweifel am Untergangshergang wecken. Auf eine ähnliche Weise nutzt er die Aquarelle des Künstlers Ken Marschall, auf denen er Beweise für seine wahnwitzigen Verschwörungsideen gefunden haben möchte.

Schnell ist eine erste Erklärung ausgebreitet, die noch schneller durch eine weitere Erklärung ersetzt wird. In Wirklichkeit sei die Titanic im Rahmen eines „verdeckten Krieges“ zwischen England und den USA versenkt worden5. Letztendlich geht es aber um einen noch perfideren Plan, bei dem mittels „Bombe im Bauch“ eine „Explosion“ verübt wird, um die Titanic, die eigentlich die Olympic ist, „planmäßig absaufen“ zu lassen. Dafür wurde die falsche Titanic durch einen „irren Kapitän“ in ein „Mienenfeld“ aus Eis gesteuert,  um die passende „Kulisse“ für das „’Massaker’ unter Amerikas reichsten Männern“ zu erzeugen. Währenddessen werden „die Passagiere bei einem fröhlichen Besäufnis abgefüllt“. Danach habe eine „schaurige Selektion” stattgefunden. Natürlich hat die „bewaffnete Bande“, mit Kapitän Smith als Anführer, in Wirklichkeit überlebt. Das ist die Kurzfassung des Märchens, das einem von Gerhard Wisnewski, auf mehr als 400 qualvoll zu lesenden Seiten, aufgetischt wird.

Dabei identifiziert Wisnewski auch Verantwortliche. Er präsentiert den üblichen Bösewicht, der jedoch nur einen Oberbösewicht repräsentiert. Wie so oft in der einschlägigen Verschwörungsliteratur, wird der Industrielle Morgan als „grausamer, angriffslustiger Finanzmann“ gezeichnet, der „Geld aus dem Nichts schaffen“ konnte, für die damaligen kapitalistischen Krisen verantwortlich gemacht wird und „jeden Knochen bis auf die Knochenhaut“ abnagt6. Mit seiner Version des Morgan-Mythos überschreitet Wisnewski, der mit seinen Machwerken bereits possierliche Mythen über den Unfalltod von Jörg Haider, die islamofaschistischen Angriffe des 11. September 2001 und die Mondlandung verbreitete, allerdings noch eine weitere Grenze, mit dem er die perfiden Mythen seiner Vorgänger noch einmal verschärft. Schließlich möchte Wisnewski einen Hintermann ausgemacht haben, den er verantwortlich macht. Wisnewski kolportiert die Behauptung, dass Morgan nur der „US-Statthalter der Rothschilds gewesen“ sei und beruft sich in diesem Kontext auf den fanatischen Antisemiten Eustace Mullins7, der Jüdinnen und Juden in schlimmster NS-Tradition als „Parasiten“ bezeichnete.

Um das Märchen vom „Attentat“ glaubwürdig erscheinen zu lassen, macht Wisnewski die Überlebenden unglaubwürdig, die von diesem angeblichen „Attentat“ nichts mitbekommen haben. Der eine Überlebende hätte an „selektiver Demenz“ gelitten, der andere sei betrunken gewesen, wieder andere hätten eventuell „Anweisungen“ bekommen. Sie hätten gelogen, sich „wie ertappte Verbrecher“ verhalten oder heißen Rosenbaum. Viele Erinnerungen von Überlebenden könne man „getrost ins Reich der Phantasie verweisen“, behauptet Wisnewski, der die Überlebenden unglaubwürdig machen muss, weil ihre Erinnerungen oftmals seinem Verschwörungskonstrukt vom „Attentat“ widersprechen. Dafür werden die Märchen und die Geschichten, mit dem der ein oder andere Zeitgenosse nach dem Untergang der Titanic ein kleines bisschen Bekanntheit erlangen wollte, in aller Ausführlichkeit präsentiert. Außerdem dürfen die Märchenerzähler noch einmal eine Wiederauferstehung erleben. Ihre Geschichten, die sie vom Vater oder Großvater erfahren haben wollten, wurden bereits in Gardiners Buch und in den anderen Machwerken der Verschwörungsindustrie recycelt. Nun bedient sich Wisnewski, um den Mythos vom „Attentat” zu spinnen. Zusätzlich pickt Wisnewski ganz selektiv einige wenige Fakten heraus, die seinen Verklärungsansatz dienlich sind. Doch grundsätzlich werden diese Verschwörungsmythen zum Untergang der „Titanic“ durch die seriöse Forschung widerlegt.

Es ist der irrationale Glaube an die angebliche Weltverschwörung, der die Verschwörungsfans, die sich auf den Spuren ihrer Vorfahren bewegen, auch im Falle der Titanic begeistert. Der Untergang der Titanic ist, wie die Angriffe des 11. September 2001, nur ein Anlass, mit dem der Glaube an die Weltverschwörung belegt werden soll. Die Verschwörungsbücher zum Untergang können ein Baustein für die Verschwörungskonstrukte sein. Daher werden weitere Filme und Bücher über den angeblichen Versicherungsbetrug oder das vermeintliche Attentat auf die Titanic produziert werden. In diesen Machwerken wird sich jedoch ebenfalls nur der verschwörungsideologische Wahn offenbaren, der die alten Mythen aufs Neue reproduziert, um die vermeintlichen Verantwortlichen ins Fadenkreuz zu nehmen.

Quellen:

  1. Gerhard Wisnewski: Das Titanic Attentat — Die wahren Hintergründe der Schiffskatastrophe. Knaur Taschenbuch Verlag. München, 2012. Seite 370
  2. Robin Gardiner und Dan van der Vat: Die Titanic Verschwörung — Die Geschichte eines gigantischen Versicherungsbetrugs. Goldmann Verlag. München, 1996.
  3. Ebd., Seite 61 ff.
  4. Gerhard Wisnewski: Das Titanic Attentat — Die wahren Hintergründe der Schiffskatastrophe. Knaur Taschenbuch Verlag. München, 2012. Seite 21 ff.
  5. Ebd., Seite 59 ff.
  6. Ebd. 69ff.
  7. Ebd., Seite 77

Musikalische Ritualmordlegenden. September 26, 2012 | 04:25 pm

In diesen herbstlichen Tagen brachten der deutsche Sänger Xavier Naidoo und der ebenso deutsche Rapper Kool Savas ein Album heraus. Die beiden bekannten Künstler firmieren dafür als XAVAS, um ihre Musik „in die Wohnzimmer der Deutschen zu bringen”. Auf dem Album „Gespaltene Persönlichkeit” findet sich schnulzige Liebeslieder: „Der Glanz deiner Augen bringt Sterne zum staunen”, heißt es in einem Lied, der die beiden Sänger geradezu für einen Auftritt bei einem fröhlichen Fest der deutschen Volksmusikanten prädestiniert. Die erste Single, „Schau nicht mehr zurück”, ist derweil bei MTV und VIVA zu sehen. Es handelt sich um einen schmalzigen Track: „Man sollte sich vor gar nichts fürchten”, singt Xavier Naidoo, während sein Kompagnon Savas, der mit stumpfesten Sexismus bekannt wurde, ein paar Reime dazusteuert. In einem anderen Track wird es christlich: „Satan weiche”, fordert Xavier Naidoo, während Savas vor der „Sünde” und vor „Luzifer” warnt. Die restlichen Tracks der beiden Sänger sind ebenso belanglos und lassen einen Gedanken traurige Realität werden: Wenn Heino und Christian Anders als Deutsch-Rapper in Erscheinung treten würden, muss sich das so anhören wie die Gesänge von Savas und Naidoo.

Eigentlich gibt es keinen weiteren Grund über diesen musikalischen Abgrund zu schreiben, wäre da nicht ein weiterer Titel, der auf dem Album versteckt ist. Es handelt sich um einen Verschwörungstrack, mit dem uralte Ritualmordlegenden ihre Wiederauferstehung feiern dürfen. Hier ist von satanischen Verschwörern die Rede, die „okkulte Rituale” betreiben und dabei kleine Kinder töten. So werden Verschwörungsmythen über einen satanischen Zusammenschluss propagiert, der auf vielen Internetseiten der Verschwörungsszene zu finden ist: „Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht, Teil einer Loge getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote”, laute nur einige Zeilen des Liedes, das in den letzten Tagen sogar in der Tageszeitung „Die Welt” besprochen wurde. In dem Lied wird ansonsten von „Führern” und „Kämpfern” geträumt. Zusätzlich werden Gewaltphantasien geäußert: „Ich schneid’ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht.”

Es ist nicht das erste Mal, dass Xavier Naidoo Verschwörungsmythen besingt. In seinem Album „Alles kann besser werden”, das im Jahr 2009 erschienen ist, verpackte Naidoo verschiedene Verschwörungsmythen in ein Lied, das er auf den Namen „Goldwaagen” taufte. Hier re­pro­du­zierte Nai­doo be­kann­te Ver­schwö­rungs­mythen, vom 11. Sep­tem­ber 2001 bis zu den An­schlä­gen von Lon­don und Mad­rid: „9/11, Lon­don und Mad­rid, jeder weiß dass Al Qaida nur die CIA ist“, be­haup­tet Nai­doo in die­sem Song. „World Trade Cen­ter Nr. 7, warum ist von dem Ge­bäu­de nichts mehr übrig ge­blie­ben“, fragt er wei­ter. Hinzu kamen antiamerikanische und deutschnationale Texte, mit denen sich Xavier Naidoo ganz eindeutig positionierte. Ebenso eindeutig war ein Interview im Morgenmagazin der ARD. Dort bezeichnete er die Bundesrepublik als „be­setz­tes Land”, was von verschiedenen deutschnationalen Verschwörungsfans mit Begeisterung zur Kenntnis genommen wurde: „Deutsch­land hat noch kei­nen Frie­dens­ver­trag und ist dem­ent­spre­chend auch kein ech­tes Land und nicht frei“, plapperte Naidoo dort.

Es ist außerdem nicht das erste Mal, das Naidoo von verschwundenen, missbrauchten und ermordeten Kindern singt. Im Jahr 2010 war er in einem Lied zu hören, das auf dem Album „Kopfdisco Olli” des Deutsch-Rappers Olli Banjo zu finden ist. Hier geht es ebenfalls um die Kinder. Naidoo möchte hier die angeblichen Verschwörer belauscht haben und dabei in „Erfahrung gebracht” haben, „was ihr so gerne macht. Hm, ihr fickt gern schwer verletzte Kinder”. In dem Lied „Mein Weltbild” inszeniert sich Naidoo als „Freiheitskämpfer”. Dort werden die vermeintlichen Verschwörer ganz eindeutig benannt. Am Ende des Liedes brüllt Naidoo: „Bilderberger, wir kommen euch zu holen!” Es sind die typischen Verschwörungsmythen über das „Bilderberger-Treffen”, dem Verschwörungsgläubige eine unglaubliche Macht unterstellen. Verschwörungsmythen über dieses Treffen mixt Naidoo mit uralten Ritualmordlegenden, deren Aktualisierung er übernimmt. Schließlich wurden derartige Mythen bereits in den 70er und 80er Jahren durch den bekannten Verschwörungsideologen Ted Gunderson propagiert, der eine satanische Verschwörung der „Elite” konstruierte, denen er einen rituellen Kindesmissbrauch unterstellte. Vorher wurden derartige Ritualmordlegenden vor allem in antisemitischen Zusammenhängen propagiert.

Von diesen Ritalmordlegenden, die in eine eindeutigen Traditionslinie stehen, scheint Naidoo überzeugt zu seien. Dies wird auch durch ein Interview deutlich, das er im Jahr 2010 der verschwörungsideologischen Internetplattform „Nexworld” gab. Dort kann sich der geneigte Verschwörungsgläubige, nach Bezahlung von Gebühren, über Ufos, die „Klimalüge” und die Ereignisse des 11. September 2001 belehren lassen. Naidoo sprach dort aber über die Themen, die ihm am Herzen liegen. „Meine großen Themen sind Dutroux –also der Fall Dutroux– und die vielen Sachen die in Deutschland im Gang sind”. Schließlich habe er eine „persönliche Beziehung” zu dem Fall, weil er durch diese Ortschaft gefahrenist, in der Dutroux lebte. In diesem Zusammenhang raunt Naidoo von „Spuren die bis hin ins belgische Königshaus führen” und von der STASI, die in den Fall involviert gewesen wäre. Es sei „egal wie viele tausende Jahre alt diese Rituale alt sein mögen”, geifert Naidoo dort: „Ich finde, sie müssen jetzt aufhören”.

Daher sollte neueste Lied, mit dem Naidoo an die uralten Ritualmordlegenden anknüpft, nicht überraschen. Sicherlich wird er auch für diesen Song von vielen Verschwörungsgläubigen gefeiert werden. Vollkommen zurecht sehen „Truther” und andere Verschwörungsfans, die dem Glauben an die angebliche Weltverschwörung verfallen sind, in Naidoo einen Verbündeten, der ihre Mythen aufgreift und einem größeren Publikum zugänglich macht: „Jeder ‘Verschwörungsthoeretiker’ sollte diese CD im Schrank haben”, schrieb daher ein Nutzer des verschwörungsideologischen Weblogs „Alles Schall und Rauch”. So bewirbt Naidoo also den ein oder anderen Verschwörungsmythos. Der ein oder andere Hörer wird sich sicherlich auf den einschlägigen Internetseiten über die angeblichen Hintergründe informieren, die von Naidoo besungen werden.


Naidoo im ARD-Morgenmagazin.

Die Mohammed-Verschwörung. September 17, 2012 | 06:56 pm

Es war abzusehen, dass der Mohammed-Film nicht nur den mörderischen Hass von Islamisten, sondern auch die Phantasie verschiedener Verschwörungideologen erwecken würde. Auf der verschwörungsideologischen Internetseite „Alles Schall und Rauch” kann sich der geneigte Verschwörungsgläubige daher nun nicht mehr nur über die angebliche Macht der Rothschilds, sondern auch über den Film und seine vermeintlichen Urheber informieren. Hier wird „eine grossangelegte Täuschung auf allen Seiten, welche die wirklichen Drahtzieher und Geldgeber tarnt” vermutet. Auf anderen, oftmals islamistischen Internetseiten, wurden deartige Verschwörungsmythen präzisiert. Mit dem Film solle „die durch das zionistische Regime ohnehin angespannte Situation zwischen Muslimen und Juden offensichtlich künstlich geschürt und verschärft werden”, hieß es auf einer entsprechenden Internetseite. Dort wurde die Lüge, von den einhundert Juden, die den Film finanziert hätten, verbreitet. Es handelt sich um eine Lüge, die auch durch größere Medien kolportiert wurde.

Bei derartigen Ereignissen inszenieren sich Verschwörungsgideologen als Kriminalisten. Sie spielen Sherlock Holmes und stellen die Frage, wem das jeweilige Verbrechen genützt hätte, um damit Rückschlüsse auf die vermeintlichen Täter zu ziehen. Nach den antisemitischen Angriffen des 11. September 2001 konnte ein Heer aus Verschwörungsideologen auf diese Weise das Opfer zum Täter machen. Weil das Verbrechen angeblich den USA genutzt hätte, können nur eine inneramerikanische Verschwörung für die Taten verantwortlich sein, lautete der ideologische Trugschluss, der in Deutschland etwa durch Mathias Bröckers verbreitet wurde. Nach verschiedenen Erdbeben wurde ebenfalls jene kriminalistisch anmutende Frage gestellt, um der angeblichen amerikanischen oder gar israelischen Verschwörung nachzusagen, sie hätte — mittels mysteriöser Erdbebenwaffe — die Naturkatastrophe ausgelöst, um etwa einen ökonomischen Konkurrenten auszuschalten. Nach dem Mohammed-Film spielen verschiedene Verschwörungsideologen und ihre Fans mal wieder Detektiv und stellten sich die Frage, wem denn der Mohammed-Film genützt hätte. Wie im Falle des 11. September 2001 munkeln sie nun von der großen Verschwörung, die für den Film und die Folgen verantwortlich sei: „Die Leute, die dort irgendwas machen, können von überall auf der Welt kommen und werden einfach von der CIA für ihren ‘Job’ bezahlt”, raunte ein Verschwörungsgläubiger in einem einschlägigen Forum, in dem die Frage gestellt wurde, die Verschwörungsgläubige benutzten, um die vermeintlichen Täter zu benennen. Während der ordinäre Verschwörungsideologe nur vorgibt, dass er auf der Suche nach vermeintlichen Hintermännern sei, steht der Täter doch von vornherein fest. So muss es nicht verwundern, dass Verschwörungsgläubige jedweder Couleur nun auch von Jüdinnen und Juden faseln, die sie für den Film verantwortlich machen wollen.

Doch die Frage, wem der Film genützt hätte, findet sich nicht nur auf den einschlägigen Internetseiten und in den Foren der „Truther” und „Infokrieger”, sondern auch auf der Seite eines großen deutschen Nachrichtenmagazins. Für den „Spiegel” spielte Jakob Augstein den Detektiv und stellte die Frage, mit der sich auch andere Verschwörungsideologen seit dem Erscheinen des Films befassen: „Wie bei allen Verbrechen muss man auch hier fragen: Wer profitiert davon”, behauptete Augstein, um im nächsten Satz diejenigen zu präsentieren, denen der Film genützt hätte. Für Augstein sind es „US-Republikaner und Israelis”. Mit dieser Behauptung begab sich Augstein in die Reihe derer, die an der verschwörungsideologischen Umdeutung der Ereignisse arbeiten. Dabei stellte er außerdem die Frage, ob der Produzent des Filmes „in einem anderen Auftrag” gehandelt habe. Letztendlich beantwortet Augstein seine Fragen nicht. Diese Drecksarbeit überlässt er seinen Lesern und den einschlägigen Internetseiten der Verschwörungsindustrie. Augstein bleibt beim „Gerücht über die Juden” (Adorno) und munkelt vom israelischen Ministerpräsidenten Netanjahu, dem „die Bilder der wütenden Muslime mehr als gelegen” gekommen wären. So präsentiert er, wenn auch in Frageform, einen vermeintlichen Täter, während der Mob zum Opfer gemacht wird: „Die zornigen jungen Männer, die amerikanische (…) Flaggen verbrennen, sind ebenso Opfer wie die Toten von Bengasi und Sanaa”.

Mit seinen Behauptungen wird Augstein die  antisemitischen Phantasien der Verschwörungsideologen befeuern, die auch in den kommenden Tagen daran arbeiten werden, das Bild einer Verschwörung zu entwerfen, die man für den Film und Folgen verantwortlich machen kann. Hier dürfte die gleiche Frage gestellt und eine ähnliche Antwort geliefert werden: Dabei wird sicherlich auch der Name Netanjahu fallen. Vielleicht wird sich der ein oder andere Verschwörungsideologe dabei auf den Hobby-Detektiv Augstein berufen. Dessen Text zeigt allerdings deutlich auf, wie mehrheitsfähig derartige Verschwörungsmythen sind, zumindest wenn man Israelis oder Amerikaner verantwortlich machen kann.

Aufmarsch mit Grabkerzen. September 17, 2012 | 05:13 pm

Am 15.09.2012 marschierten sie durch Berlin, um am Brandenburger Tor die Nacht mit Grabkerzen zu erhellen.  Im Vorfeld war die Demonstration unter anderem durch die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite”, durch die Linkspartei Abgeordnete Inge Höger und durch die esoterische Ikone  Nina Hagen beworben worden. Auf dem Plakat, mit dem zum Aufmarsch mobilisiert wurde, prangte das Logo der nationalbolschewistischen Tageszeitung „Junge Welt”. Unterstützung gab es ebenfalls durch den Weblog „Heinrichsplatz.tv”, der auch die Ideen der rechten Reichsbürger bewirbt. Kritik war allerdings nicht erwünscht: Die Veranstalter jammerten, dass sie mit „Dreck beworfen” werden würden.

Letztendlich versammelten sich etwa 200 Esoteriker, Verschwörungsgläubige, Antisemiten und andere Gestalten, um für das, was sie als „Frieden” bezeichnen, auf die Straße zu gehen. Hier durften die traurigen Überreste der „Occupy-Bewegung” ihre Transparente und ihre Aktionsformen präsentieren: Gemeinsam wiederholte man die Sätze des Redners. Die Organisatoren, um den Verschwörungsideologen Heinrich Bücker, präsentierten derweil ihr Transparent, mit dem eine erneute Untersuchung des 11. September 2001 gefordert wird. Auf anderen Plakaten wurde man konkreter: „Ami go home”. Diese Manifestation des Antiamerikanismus wurde durch palästinensische Nationalfahnen ergänzt. Hinzu kamen völkische und verschwörungsideologische Phrasen.

Die Redner machten die USA sowohl für verschiedene Kriege als auch für verschiedene Terroranschläge verantwortlich. Heinrich Bücker bezeichnete die historischen Tatsachen des 11. September 2001 etwa als „Lüge” und entlastete auf diese Weise die antisemitischen Täter. Hier berief er sich auf den „großen Teil der Bevölkerung in Deutschland”. Diese Entlastung der Täter des 11. September 2001 fand sich auch auf den Pappschildern. An einem Lautsprecherwagen war die Forderung nach einer „internationalen Untersuchung” zu lesen.

Vor dem Aufmarsch hatten die Organisatoren eine Dame namens Ellsa Rassbach als Rednerin angedroht, die in diesem Jahr den Marsch auf Jerusalem unterstützte, mit der verschiedene Antisemiten gegen eine „Judaisierung” der israelischen Hauptstadt vorgehen wollten. Kein Wunder, dass Rassbach aus ihre Gedanken kein Geheimnis macht: Sie bemüht dabei die Mythen vom Wasser, das den Palästinensern vorenthalten werden würde und bezeichnet die israelische Demokratie als „Apartheitsstaat”. Daher fordert sie den Boykott des israelischen Staates und von Firmen, die mit israelischen Produkten Profite realisieren oder die in Israel produzieren. Von daher kann man sich vorstellen, was für Inhalte von der anti-israelischen Aktivistin auf dem Marsch in Berlin vertreten wurden.

Eine weitere Rede wurde durch Elke Zwinge-Makamizile gehalten, die im vergangenen Jahr an der anti-israelischen „Flytilla” beteiligt war. Dieses Jahr reichte es immerhin für eine Reise auf die Burg Waldeck: Dort fotografierte die Aktivistin ein Festival deutscher Sozialisten. Die Fotos sind heute auf den Seiten der verschwörungsideologischen Gruppe „Arbeiterfotografie” zu finden, deren Aktivisten wiederum vor einiger Zeit den Holocaust-Leugner Mahmud Ahmadinedschad besuchten. In ihrer Rede sprach Zwinge-Makamizile nicht von Ahmadinedschad, sondern wandte sich „gegen die unipolare Hegemonialmacht USA”, hinter der sie die „1 Prozent” veortete, die sie und ihresgleichen für alle vermeintlichen oder tatsächlichen Übel dieser Welt verantwortlich machen. Außerdem rief sie zur Solidarität mit dem Wikileaks-Guru Julian Assange auf. Am Ende ihrer Rede frohlockte die Aktivistin: „Widerstand ist der Völker-Recht”.

Es waren allerdings nicht nur die Redner, sondern auch die Musikanten, die für Stimmung sorgten, in dem sie die verschwörungsideologische Umdeutung der kapitalistischen Totalität in Musik verpackten. Die Reimemonster der Band „Qult” inszenierten sich auch auf dem Aufmarsch als aufrechte Wutbürger, die „mit der Stimme eines Volkes” sprechen würden: „Ein Volk, eine Stimme” hieß es in einem Stück, das sicherlich zu den gruseligsten Produkten der deutschen Reim-Kultur zählt. Damit scheinen die Musikanten aus Freiburg den Versuch unternommen zu haben, das Wort „Volk” möglichst oft in ihren Reime zu benutzen, auf das sie sich immer wieder beziehen und als deren Sprecher sie auftreten. Die selbsternannten„Männer des Volkes”, die ansonsten auch mal ihre Mama besingen, beklagten in Berlin einen Werteverfall und begeisterten mit ihren Gesängen die Demonstranten, die „für den Frieden” auf die Straße gingen.

Mit verschwörungsideologischen Transparenten und Parolen zogen die „Männer des Volkes” durch Berlin-Mitte. Als es dunkel wurde hatte man das Brandenburger Tor erreicht. Dort entzündete man Grabkerzen und formte ein Friedenszeichen. Auf die antiamerikanische Verschwörungsmythen folgte also Runen– und Lichtsymbolik im Herzen Berlins.

Behördenmythen. September 8, 2012 | 05:53 pm

„TATSACHE: Im Münchner Kreisverwaltungsreferat sitzen zwei Beamte, die nichts anders tun, als kriminellen Ausländern mit besonderer Schnelligkeit deutsche Pässe zu beschaffen. So bauen wir in Deutschland mannigfaltige kriminelle Szenen auf, die von der Regierung wahlweise benutzt werden können, notfalls auch gegen die eigene Bevölkerung.”

Der Erfinder dieses ganz besonders obskuren und rassistischen Verschwörungsmythos ist kein NPD-Kader, auch wenn seine Verschwörungsmythen an deren Verschwörungsmythen zur Migration erinnern. Es handelt sich vielmehr um einen Vordenker der „Truther” und „Infokrieger”. Der Verschwörungsideologe Christoph R. Hörstel, deutet nicht nur die Ereignisse des 11. September 2001 um, sondern ist auch eine der aktivsten Werbefiguren für das syrische Regime in Deutschland. Ob in der Tageszeitung „Junge Welt”, in den Sendungen des iranische Propaganda-Senders IRIB oder in den Videos der „Occupy-Bewegung” aus Berlin: Interviews mit dem Verschwörungsideologen sind überall dort zu sehen und zu lesen, wo die verschwörungsideologische Deutung verschiedener bewaffneter Konflikte gefragt ist. Regelmäßig wird er vom ehemaligen Radiomoderatoren Ken Jebsen befragt, zwischendurch hält er Vorträge, zum Beispiel für die „Deutsch Syrische Gesellschaft”, für die Stammtische der Verschwörungsszene und für deutschnationale Friedensaktivist_innen. Außerdem ist Hörstel ein gefragter Redner: In diesem Jahr hetzte er zum Beispiel auf dem antisemitischen Al Quds-Marsch und auf einer Demonstration der Freunde des syrische Regimes, auf der Hörstel ein „Germany for the Germans” forderte. Nun erfreut er seine Anhänger_innen mit dem Verschwörungsmythos über die Mitarbeiter einer Behörde in München. Von den rassistischen Zuständen, denen Menschen ohne deutschen Pass in derartigen Behörden ausgesetzt sind, schweigt der Demagoge. Dafür meint Christoph R. Hörstel die Verschwörer zu kennen, die die beiden Beamten beauftragt haben, um möglichst viele „kriminelle Ausländer” nach Deutschland zu holen. Diesmal nennt er sie nicht direkt beim Namen, diese antisemitische Hetze behält er sich für seine Brandreden auf dem Al-Quds-Märschen vor. Dafür raunt er über die ominösen 1 Prozent, die „hier in Deutschland Krach zwischen den Menschen (…) inszenieren”. So einfach ist die Welt, zumindest für einen deutschnationalen Verschwörungsideologen.

Das Zitat. September 1, 2012 | 11:34 am

Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh.

Mit diesem Zitat wird Politik gemacht. Es findet sich in den Büchern und in den Pamphleten deutscher Verschwörungsideologen, auf den Plakaten von Occupy-Aktivist_innen und auf den Internetseiten der Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD). Es wird ab– und umgewandelt und hat verschiedene Formen angenommen, die sich doch alle ähneln. Der Verschwörungsideologe Oliver Janich benutzt eine leicht abgewandelte Form des Zitats, um seine eigenen Artikel zu bewerben. Der NPD-Kreisverband Rhein-Neckar benutzt es ebenfalls in einem Artikel, mit dem die Nazi-Aktivitäten gegen Europa und für die Deutsche Mark bejubelt werden. Aktivist_innen aus der „Occupy-Bewegung” trugen es auf ihren Aufmärschen, um ihre Ressentiments mit einem griffigen Zitat zu untermauern. Als Urheber für das ab– und umgewandelte Zitat wird Henry Ford benannt. Dies ist die Geschichte eines Zitats, das vor mehr als 60 Jahren von einem Antisemiten in die Welt gesetzt wurde und das bis in die Gegenwart benutzt wird.

Henry Ford war nicht nur Autoproduzent, der mit seiner „Tin Lizzy”, die am Fließband produziert wurde, seinen Teil zur Modernisierung der kapitalistischen Produktion beitrug, sondern auch der Herausgeber verschiedener antisemitischer Machwerke. Für den sämtliche Kriege und vor allem den ersten Weltkrieg machte der Autobauer „internationale Finanziers” verantwortlich. Es handele sich um „internationale Juden”, die eine „Bedrohung” darstellen würden. Ford war Herausgeber des „Dearborn Independent”, in dem von 1920 bis 1927 verschiedene antisemitische Pamphlete erschienen, die sich auf die „Protokolle der Weisen von Zion” bezogen. Es handelt sich um jenes antisemitische Hasspamphlet, dass die Grundlage zahlreicher verschwörungsideologischer Konstrukte darstellt und die Programmatik und Praxis des weltweiten Antisemitismus bis heute bestimmt. Henry Ford und seine Mitarbeitern veröffentlichten dieses Dokument des Hasses in der eigenen Zeitung. Dort wurde, in zahlreichen weiteren Artikeln, gegen Jüdinnen und Juden gehetzt und der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung propagiert. Hier wurden jene verschwörungsideologische Konstrukte reproduziert, mit denen Jüdinnen und Juden eine ungeheuere Macht nachsagt wird. Diese antisemitische Hetze erschien auch in Buchform. Die Artikel wurden zwischen 1920 und 1922 als Buchreihe herausgegeben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

In Deutschland begeisterten sich daher die dortigen Antisemiten für den Autoproduzenten. Adolf Hitler lobte „Heinrich” Ford in den höchsten Tönen. Er sei ein „großer Mann”, schrieb Hitler. Ford wurde zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag der „Verdienstorden vom Deutschen Adler” verliehen. In dem Land, das die industrielle Vernichtung praktizieren sollte, erschien die Hetze des Henry Ford weiterhin in Buchform: „In Amerika den Anstoß zur Aufrollung der Judenfrage gegeben zu haben, dafür gebührt Henry Ford Dank. Er hat, aufs Ganze gesehen, eine große Tat vollbracht.” So lobten die deutschen Nationalsozialisten ihren Kameraden aus den USA, der mit seiner antisemitischer Hetze, an die er sich später nicht mehr erinnern wollte, Generationen von Antisemiten begeistern sollte.

Heute wird die Ideologie des Henry Ford eher verschwiegen. Dafür kursiert das angebliche Zitat in jenen Zusammenhängen, die ebenfalls dem Glauben an eine mächtige Weltverschwörung, die Medien, Politik und die Ökonomie kontrolliert, verfallen sind und die sich in einer Traditionslinie bewegen, die auf die „Protokolle der Weisen von Zion” zurückgeht. Sie berufen sich auf einen Antisemiten, um ihren eigenen verschwörungsideologischen Wahn zu belegen. Für Ford waren es die Rothschilds und Warburgs, die zum Ziel seiner antisemitischen Kampagnen wurden und denen eine unglaubliche Macht nachgesagt wurde. Sie würden die amerikanische Zentralbank (FED) kontrollieren und gleichzeitig den Bolschewismus finanzieren: So lautete die Anklage der damaligen Antisemiten. Ganz ähnlich klingen die Anklagen vieler heutiger Verschwörungsideologen.

Henry Fords Warnung vor dem „Geldsystem” wurde tatsächlich durch einen anderen Politiker bekannt gemacht, der ebenfalls dem antisemitischen Wahn verfallen war. Charles Gustav Binderup war von 1935 bis 1939 Mitglied des Kongresses. Er berief sich in einigen Reden auf den Autoproduzenten und gab das Zitat wieder, das bis heute in den einschlägigen Kreisen benutzt wird, um die angebliche Weltverschwörung zu belegen. Seine Reden wurden in der Zeitschrift „Social Justice” abgedruckt, die vom antisemitischen Pfaffen Charles Coughlin herausgeben wurde. „Father Coughlin” wurde durch seine antisemitische Hetze bekannt. In seiner Zeitschrift erschienen zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion”. In der „Social Justice” wurden aber auch die Tiraden des Kongressabgeordneten Binderup abgedruckt, der sich vor allem an der amerikanischen Zentralbank FED und an jenen Bankiers abarbeitete, denen er eine unglaubliche Macht nachsagte. Er sprach von „internationalen Bankiers” und meinte die Rothschilds, Warburgs und Morgans, die er für den ersten und den herannahenden zweiten Weltkrieg verantwortlich machte. Seine Hetze wurde durch die Antisemiten um „Father Coughlin” entsprechend gewürdigt, den Binderup wiederum als „die größte Kraft für das Gute in unserer Nation” huldigte.

In der antisemitischen Zeitschrift des Pfaffen erschienen zahlreiche Artikel, die den Kongress-Abgeordneten und seine Gesetzes-Initativen in den höchsten Tönen lobten. Dort veröffentlichte Binderup einen Brief, den er von einem Farmer erhalten haben wollte und mit dem die nationalsozialistische Eroberungspolitik verteidigt wurde. In Leserbriefen meldeten sich seine Anhänger_innen zu Wort, die zum Beispiel darüber berichteten, dass sie die Reden des Charles Binderup auf handlichen Flugblättern verbreiten würden. Monate später berichteten sie, dass sie die Hetze in achzehn verschiedene Bundestaaten und nach Kanada verschickt hätten. Die Hetze des antisemitischen Kongress-Abgeordneten Binderup, der sich auf Henry Ford berief, erreichte so einen gewissen Bekanntheitsgrad. Heute erinnert sich kaum jemand an diesen Vordenker der Verschwörungsideologen, doch das Zitat, das er in die Welt setzte, ist durchaus bekannt. So warnen Verschwörungsgläubige mit Henry Ford vor dem „Geldsystem”, das in deren Phantasie durch die üblichen Verdächtigen kontrolliert wird. Es stammt entweder tatsächlich von dem bekannten Antisemiten Henry Ford oder es wurde von seinem antisemitischen Fan in die Welt gebracht, der heute fast vergessen ist. So oder so wird es bis heute benutzt, um an den Wahn von der Weltverschwörung, die angeblich die Ökonomie kontrolliert, anzuknüpfen.

Marsch der Antisemiten. August 19, 2012 | 01:45 pm

Etwa 600 Antisemiten beteiligten sich in diesem Jahr am „Al Quds”–Marsch in Berlin. Es handelt sich um eine jährliche Propagandaverstanstaltung für das iranischen Regimes und seine Apologeten, die Israel mit Vernichtung bedrohen. Im Aufruf zum größten islamistischen Aufmarsch, an dem sich allerdings auch andere Israel-Hasser beteiligen, wurde zum „Widerstand der Völker” aufgerufen. Auch in diesem Jahr wurden zahlreiche Fahnen verschiedener islamistischer Organisationen, wie die der antisemitischen Hisbollah, geschwenkt.

Auf Bildern waren die Portraits des syrischen Despoten Assad oder des iranischen Vordenkers Ayatolla Khomeini zu sehen. Ergänzt wurde das ganze durch die deutsche Fahne, während in Sprechchören die antisemitische Ritualmordlegende von den ermordeten Kindern eine neue Wiederkehr erfuhr, als die marschierenden Antisemiten Israel als „Kindermörder” verunglimpften Andere Sprechchöre richten sich gegen „die Zionisten”. Es handelt sich dabei um einen rhetorischen Trick, mit dem Jüdinnen und Juden verunglimpft werden sollen. Wenn Antisemiten gegen „Zionisten” anbrüllen, meinen sie Jüdinnen und Juden. Zu den ekelhaften Sprechchören passten antisemitische Karikaturen, auf denen etwa ein hakennasiger Jude zu sehen war, der die Welt mit Atomwaffen bedroht. Außerdem riefen die Demonstrant_innen die üblichen Sprechchöre, die aus der Mottenkiste des Anti-Imperialismus stammen. Auf Pappschildern wurden die USA als „Weltbrandstifter” bezeichnet und für acht Millionen Tote verantwortlich gemacht, während zur gleichen Zeit verschiedene Regime, deren mörderische Potenz keine Rolle spielte, in den Himmel gelobt wurden.

Kein Wunder, dass sich auch Nazis und andere Feinde der USA und Israels am antisemitischen Aufmarsch beteiligten. Da wäre zum Beispiel die Nazi-Rapperin „Dee EX”, die mit mit einem selbstgebastelten Transparent teilnahm, um für „Freie Völker” einzutreten. Dieser völkische Jargon der reimenden Nazi-Aktivistin passte zu den antisemitischen Parolen des Aufmarsches, in dem die „Völker” des Öfteren bemüht wurden. „Deutsche Patrioten wollen keine Kriege”, hieß es auf dem Transparent der Nazi-Rapperin, die noch vor einiger Zeit in der rassistischen Kleinst-Partei „Die Freiheit” aktiv war und die sich guter Kontakte zu rechten Verschwörungsaktivsten und deutschnationalen Zeitungsherausgebern erfreut. Besagter Zeitungsherausgeber, der schon mal den ein oder anderen Holocaustleugner zum Kaffeekränzchen trifft, hatte im Vorfeld zur Teilnahme gegen „die Kriegsbestie” aufgerufen. Der Aufruf wurde prompt von der IRIB — einer Rundfunkgesellschaft des iranischen Regimes — übernommen, die den Aufruf zum Aufmarsch auf ihrer Internetseite veröffentlichte.

Dort hielt der rechte Verschwörungsaktivist Christoph R. Hörstel auch in diesem Jahr eine rund zehnminütige Rede, bei der er zahlreiche antisemitische Klischees bemühte. Hörstel gilt als Ikone der „Truther” und „Infokrieger”, die die Ereignisse des 11. September 2001 umdeuten und zu einem „Inside Job” der angeblichen Verschwörung machen, hinter der oftmals geheinmnivolle amerikanische Institutionen oder gar der israelische Geheimdienst Mossad verortet wird. Hörstel ist ein ideologischer Vordenker der selbsternannten „Wahrheitsbewegung”. Er propagiert außerdem zahlreiche weitere Verschwörungsmythen, bei denen er sich auch auf die „Freunde von ganz Rechts” beruft, was die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” nicht davon abhielt, den Verschwörungsideologen zu interviewen.

Im Mai 2012 war Hörstel auf einem Aufmarsch von Anhängern des syrischen Regimes aufgetreten, dort hatte er am Holocaust-Mahnmal ein Deutschland für Deutsche gefordert und allerlei anti-amerikanische Verbalinjurien von sich gegeben. Mit seiner neuesten Brandrede auf der Al-Quds-Demonstration sprach der völkische Verschwörungsideologe Israel das Existenzrecht ab. „Ich bin mir ganz sicher, wenn die Juden in Israel sich wieder, wie in den früheren Jahrhunderten, in den Schutz der Muslime stellen, dann wird es ihnen besser gehen als heute”, hetzte Hörstel unter anderem. Kurze Zeit später bedankte er sich bei der Polizei, die den Aufmarsch begleitete. Der nationalistische Verschwörrungsideologe machte danach „die Zionisten” und die „Bänker in New York” für alle Übel verantwortlich, die er ausgemacht haben möchte. „Als Deutscher” forderte Hörstel „wahre Verantwortung” für „ganz Palästina” ein. Dabei verzichtete der Hetzer in seinem aufgeregten Redeschwall zeitweilig auf die Chiffe von den „Zionisten” und sprach von den „Juden”, was die versammelten Antisemiten mit Beifall bedachten. „Ich sehe nur, dass die Juden die Muslime mit dem Tod bedrohen”, brüllte Hörstel zur Freude der antisemitischen Querfront aus Nazis, Anti-Imperialisten, Verschwörungsgläubigen und Islamisten. Gegen diese antisemitische Manifestation protestierten etwa 250 Antifaschist_innen.

Grabkerzen für den Frieden. August 5, 2012 | 01:47 pm

„Ab dem 15.09. wird zurück gefriedet”, freuen sich die Organisator_innen. Mit dem abgewandelten Hitler-Zitat rufen sie zur „Friedensdemonstration” in Berlin auf. Am  15. 09. 2012 wollen sich deutsche Friedensfreunde und die kläglichen Reste der so genannten „Occupy-Bewegung” in Berlin versammeln, um für „Frieden und Völkerverständigung in der Welt” zu marschieren. Dabei hat man sich einer merkwürdigen Symbolik verschrieben. Der Aufmarsch der deutschen Pazifist_innen soll im Sonnenuntergang enden. Die Aktivist_innen brauchen die Dunkelheit, schließlich möchte man vor dem Brandenburger Tor mit „Grabkerzen” hantieren. Dort plant man „ein großes Peace Zeichen mit verschiedenen Leuchtmitteln”. „Lasst uns gemeinsam lichtvolle Zeichen setzen”, heißt es auf einer Internetseite der Organisatoren. Dort wird auch der Aufruf zum Aufmarsch beworben, der eine „Lichtformation” androht, die „in die Welt” getragen werden soll. In der Dunkelheit soll also mit Lichtern vor dem Brandenburger Tor hantiert werden, hier wiederholt sich die Geschichte als traurige Farce.

Die Organisator_innen haben es sich ganz einfach gemacht und einen älteren Aufruf der „Occupy-Bewegung” recycelt. Es ist von einem „unsolidarischen Geldsystem” die Rede, dem die „echte Demokratie” entgegengestellt wird. Kein Wunder, denn der Aufmarsch der deutschen Friedensfreunde wird auch von einigen Überbleibseln der „Occupy-Bewegung” und von anderen regressiven Friedensinitiativen organisiert, die anscheinend kein Problem mit verschwörungsideologischen Konstruktionen und deutschnationalen Parolen haben. Auf der Facebook-Seite zur Veranstaltung werden zum Beispiel die Reden des Verschwörungsideologen Andreas Popp beworben, der von der „BRD-GmbH” lamentiert und mit dieser Chiffre die Ideologie der nationalsozialistischen „Reichsbürger” reproduziert. Dort wird auch über einen „Marsch auf Berlin” und über einen esoterischen „Meditations-Flashmob” nachgedacht, der die „Lichtformation” der deutschen Friedensfreunde begleiten soll.

Doch nicht nur auf der Facebook-Seite der Veranstalter_innen findet sich Werbung für verschiedene verschwörungsideologische Machwerke und esoterische Aktionsformen. Auch im offiziellen Youtube-Video, mit dem zum Aufmarsch mobilisiert wird, kann man Hinweise auf verschwörungsideologische Propaganda entdecken. Dort wird zum Beispiel auf die Pseudo-Dokumentation „Deadly Dust” des Frieder Wagner verwiesen, der in der Vergangenheit die Nähe zum Querfrontler Jürgen Elsässer suchte. Wagners Interviews, die dieser etwa mit dem rechten Journalisten Michael Vogt produzierte, der eine geschichtsrevisionistische Dokumentation über den England-Flug des damaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß drehte, finden sich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungssszene. Im Werbe-Video zur „Lichtformation” der deutschen Friedensfreunde finden sich allerdings auch Szenen, die einen Aufmarsch von Gaddafi-Fans zeigen, die sich mit dessen grüner Fahne an einer Friedensdemonstration beteiligten. Der Clip wurde von der Internetseite „Antikrieg.tv” produziert, die Macher übersetzen zahlreiche Beiträge des Fernsehsenders „Russia Today” ins Deutsche. Eine weitere Quelle dieser vorgeblichen Friedensfreunde ist der iranische Sender „Press.tv”, der für seine antisemitische Hetze berüchtigt ist. Ein Video des Senders findet sich, ebenso wie das anti-israelische Gedicht des greisen SS-Mannes Günther Grass, auf den Internetseiten von „Antikrieg.tv”.

Die Parteinahme für regressive Regime sowie die Werbung für obskure Verschwörungsideologen findet sich nicht nur im Werbe-Video, sondern auch auf einer weiteren Facebook-Seite der Organisator_innen. Dort wird zum Beispiel eine Aktion der verschwörungsideologischen „Partei der Vernunft” (PdV) beworben, dort findet sich aber Werbung für die strukturell antisemitische Internetseite „MM-News”. Derartige Inhalte dürften auch Nationalsozialist_innen, Antisemit_innen und Verschwörungsfans überzeugen. Vielleicht distanzieren sich die Veranstalter_innen auch daher „von Rechtsradikalen, nationalistischen Gruppierungen und Nazis”, die angeblich nicht auf der „Unterstützerliste und auf der Demo” erwünscht seien, die aber mit einigen Inhalten der Veranstalter_innen und Unterstützer_innen durchaus einverstanden sein dürften.

Ein Unterstützer der Grabkerzern-Aktion bewirbt zum Beispiel eine der nationalsozialistischen „Reichsregierungen”. Der Aufruf zum Aufmarsch wurde unter anderem durch die Internetseite „Heinrichsplatz TV” gezeichnet. Auf dieser Internetseite findet sich nicht nur Verschwörungspropaganda, sondern auch Werbung für den „Reichsbürger” Peter Fitzek und dessen Pseudo-Staat „NeuDeutschland”, mit dem eine großdeutsche „konstitutionellen Monarchie” angestrebt wird.

Allerdings handelt es sich bei einem Großteil der Unterstützer eher um linke, verschwörungsideologische und esoterische Gestalten. Da wären zum Beispiel die „Großmütter gegen den Krieg” aus Berlin, die sich am 12.05.2012 an einem Aufmarsch für das syrische Regime beteiligten, auf dem ein „Germany for the Germans” gefordert und Davidsterne in den Staub getreten wurden. Als Unterstützerin wird auch Dr. Sabine Schiffer aufgeführt, die als Leiterin des „Institut für Medienverantwortung” dem iranischen Auslandssender „Irib” gerne ausführliche Interviews gibt. Zusätzlich unterstützt der Weblog „le Bohémien” das Stelldichein der Friedensfreunde. Dort darf an selbsternannter „Macho” gegen den Feminismus anschreiben.  Neben diesen Gestalten will sich auch Ina Edeltraut an der „Friedensdemonstration” beteiligen. Sie ist Organisatorin eines alljährlichen „Friedensfestivals”. Dort durften in den vergangenen Jahren etwa der rechte Verschwörungsideologe und PdV-Vorsitzende Oliver Janich und sein ebenso rechter Kompagnon Christoph R. Hörstel schwülstige Verschwörungsreden schwingen.

Mit „Wamos”, einem „Zentrum  für  ganzheitliche  Lebensführung”, das ansonsten ” sinnliche Rohkost-Rezepte” und „roh-köstliches Massage-Öl” bewirbt, mobilisieren auch krude Esoteriker_innen zum Marsch der Friedensfreunde. Außerdem unterstützt die CDU-Politikerin Tanja Woywat den deutschen Marsch, die noch im Jahr 2011 als stellvertretende Kreisvorsitzende der Christdemokraten in Kreuzberg und Friedrichshain Politik betrieb. Im Jahr 2009 trat sie als Pressessprecherin der antikommunistischen Direktkandidatin Vera Lengsfeld auf. Des Weiteren rufen die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” und einige andere linksdeutsche Initativen zur „Friedensdemonstration” auf. Sie werden am 15.09.2012 mit dem „Reichsbürger” und Antisemiten Marco Wüst marschieren, der ebenfalls seine Teilnahme angedroht hat.

Mit dem Aufmarsch der deutschen Friedensfreunde, die sich für das ein oder andere Regime engagieren werden, wird also eine Art Querfront verwirklicht. Antisemit_innen und „Reichsbürger”, „Truther” und „Infokrieger”, „Junge Welt”–Leser_innen und eine CDU-Politikerin, Blogger_innen und Esoteriker_innen werden gemeinsam durch Berlin marschieren, um dann mit „Grabkerzen” und Runensymboliken ein „lichtvolles Zeichen” zu setzen. Es bedarf keiner Hellseherei, um eine der gruseligsten Veranstaltungen dieses Jahres vorauszusagen.