Geschichte eines Staates im Untergrund. Jan Karski war Angehöriger der Polnischen Heimatarmee. Als deren Kurier und Propagandasoldat durchquerte er das von den Deutschen besetzte Europa und wurde Zeuge der Shoah. Davon legte er bereits 1944 in seinem Buch Story Of A Secret State Zeugnis ab. Dieses zentrale Dokument der polnischen Geschichte ist im April 2011 erstmals auf Deutsch erschienen.
»Das Gesagte dröhnte in meinen Ohren« (J. Karski)
1. »Die Niederlage«: Das überfallene Polen
Jan Karski (1914–2000, bürgerlich Jan Kozielewski, Karski seit 1942), wollte eine Diplomatenlaufbahn einschlagen und war, eben der polnischen Armee beigetreten, militärisch noch unerfahren, als bereits wenige Tage nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf Polen sein Verband aufgerieben wurde, von Bombenhagel und nahenden Panzertruppen des Nachts überrascht, in einer bis dahin weltgeschichtlich kaum relevanten Kleinstadt: Oswiecim.
»Panzertruppen«, »aufgerieben«, »Bombenhagel« – Karskis Buch ist nur teilweise ein sprachlich kunstvoller Roman. Es ist vielmehr ein vollkommen seinem Zweck verpflichteter Bericht, denn der Text war eine Auftragsarbeit: Am Ende seiner Untergrundlaufbahn sollte Karski im Auftrag des polnischen Untergrundstaates mit seinem Bericht an die Welt vor der Weltöffentlichkeit Zeugnis ablegen von den Verbrechen der deutschen Besatzer und ihren fünften Kolonnen an allen Polen. Bis Karski in die USA gelangte und diesen letzten großen Auftrag seiner Organisation bekam, er sein Buch schrieb und es erschien, (über)lebte er als aktiver Widerstandskämpfer vier Jahre in besetzten Ländern Europas.
Noch in der Situation der militärischen Niederlage ist es Kozielewski’s nächstes Ziel, Anschluss an etwaige versprengte Teile der polnischen Armee zu finden – oder sich einer der Untergrundgruppierungen anzuschließen, die innerhalb von Tagen im ganzen Land entstehen. So macht er sich auf den Weg durch das von der deutschen wie der sowjetischen Armee bedrängte, traumatisierte Land (»Polen gab es nicht mehr«; ebd.: 93) und gelangt nach Warschau, wo er in Kontakt tritt zur sich formierenden polnischen Untergrundbewegung und der Armia Kraiowa (»Polnische Heimatarmee«). Diese Organisation nimmt ihn auf, macht ihn zum Kurier und Propagandasoldaten und gibt ihm den Tarnnamen Jan Karski den er fortan tragen wird. Karski spricht zumeist von der polnischen Untergrundbewegung. Tatsächlich war die Armia Kraiowa die größte militärische Untergrundorganisation in Polen, doch nicht die einzige. Sie war gewissermaßen der bewaffnete Arm des bürgerlichen Polen und seiner politischen Parteien, die sich im »polnischen Untergrundstaat« – ein Begriff den Karski prägte – organisierten. Die Repräsentanten dieses Untergrundstaatsapparates, die vielfach Politiker oder hohe Militärs der polnischen Republik gewesen waren, arbeiteten zunächst aus Frankreich, später aus England (London) als offizielle Exilregierung Polens. In deren Auftrag übernimmt Karski vor allem nachrichtendienstliche Aufgaben, in Form von Botengängen und Propagandatextproduktion. Odysseen führen ihn durchs besetzte Europa und hohe Stellen des polnischen Untergrunds sind es, die ihm in Frankreich den Auftrag geben, sich nach Polen zurück zu begeben und sich dort ein Bild von der Besatzungspolitik der Deutschen zu machen.
2. »Verwandlung«: Der polnische Untergrundstaat
Denn die »polnische Untergrundbewegung« und die Armia Kraiowa waren etwas schier Unglaubliches in der Geschichte des deutschen Krieges in Polen und auch davon zeugt Karskis Buch: Der »Untergrundstaat« erhob den Anspruch, den ganzen polnischen Staatsapparat legitim zu repräsentieren, bzw. dieser zu sein und die »Heimatarmee« war dessen bewaffnete Abteilung. Dies bedeutete, dass der Staat Polen sich mit dem Beginn der Zerstörung der Republik in einen geheimen, im Untergrund sich befindenden Apparat wandelte, in dem Versuch, ein staatsbürgerliches Gemeinwesen zu erhalten. Es galt das »Grundprinzip, dass die Untergrundbewegung zusammen mit der Exilregierung die Kontinuität des polnischen Staates sichern sollte.« Und, so Karskis Einschätzung zur Effizienz und Macht des Untergrundstaates: »[…] diese Institution hatte weitaus größeren Einfluss auf die Bevölkerung als die Nazis […].« (ebd.: 337f.)
So gewährt der Bericht an die Welt Einblicke in eine politisch organisierte polnische Gesellschaft, die den Besatzern weitgehend verborgen blieb und einen »Schattenkrieg« gegen sie führte. In Großstädten wie Warschau, in denen »die Zahl der Menschen, die mit falschen Papieren unterwegs waren oder sonst etwas zu verbergen hatten« »enorm« war, wie auch auf dem Land, wo »ländliche Gruppierungen des Widerstands […] besondere Entschlossenheit und besonderen Einfallsreichtum an den Tag [legten].« (ebd.: 365 ff.) Über weite Teile des Buches beschreibt Karski die beeindruckende Komplexität des Untergrundstaates. Neben den politischen Akteuren der Exilregierung, die aus dem Ausland im ständigen Kontakt zu entsprechenden Stellen in Polen standen, gab es den militärischen Widerstand u.a. der polnischen Heimatarmee sowie umfassende Bereiche des zivilen Widerstands. Der polnische Untergrundstaat umfasste ein breites politisches Spektrum, vor allem aus dem Bürgertum und war mit seinem Ziel der »institutionalisierten Feindschaft gegenüber den Invasoren« (ebd.: 341) solcherart in die Gesellschaft eingelassen, das sich hinter dem Polen das die Deutschen sahen ein vollständiges zweites verbarg. Das Polen der Polen war sozusagen unter einem gigantischen doppelten Boden verschwunden. Diese Strukturen, mit denen sich die Besiegten ihren Besatzern entzogen, beschreibt Karski.
Selbstverständlich ist Karskis Sprechort für seinen Bericht relevant: Er war kein »Linker«. Er war ein bürgerlicher, katholischer, nationaler Bürger der polnischen Mittelschicht. Aus deren Perspektive bildete der Hitler-Stalin-Pakt den Hintergrund, vor dem Polen zugleich Opfer der deutschen wie der sowjetischen Aggression wurde. Das Trauma dieser Klasse war eine mögliche erneute Zerschlagung der polnischen Nation, die es zu verhindern galt. Entsprechend adressiert Karskis Bericht vor allem die freie Welt der Westalliierten: »Polen ist der einzige Staat, der zu keiner Zeit die Alliierten verraten hat […]. Die polnische Nation ist beseelt von dem Wunsch nach Demokratie, Freiheit, Fortschritt.« (ebd.: 22) Durch die klare, berichtende Struktur der Erinnerungen des Jan Karski erfahren wir viel über die konspirativen Arbeitsweisen des Untergrundstaates – und en passant einiges über die polnische Klassengesellschaft zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in der Politiker, Offiziere, Priester und Großbauern die Autoritäten waren. So stellt der Widerstandskämpfer Karski in einem bäuerlichen Heuschober versteckt fest: »Es war schon seltsam, überlegte ich, dass diese einfachen, tapferen Arbeiter, die mir das Leben gerettet hatten, mir so fernstanden. Denn trotz gelegentlicher Treffen und einiger Zeitungsberichte über ihren Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und politische Mitsprache, die ich gelesen hatte, wusste ich nicht viel über sie. Es war paradox, dass mein erster direkter Kontakt mit ihnen ausgerechnet in einer Situation zustande kam, bei der es für mich um das nackte Überleben ging.« (ebd.: 281f.)
3. Berichten, Erzählen, Erinnern
Die berichtende Struktur ist sicherlich markant, da sie den Text in eine chronologische Zeit‑ Raumfolge gießt, von erstaunlicher Detailliertheit ist und das Geschehene aus einer Art Beobachterposition als abgeschlossene Handlungsfolge wiedergibt – und dies obwohl der Text noch in der Kriegssituation entstand. Seinem Auftrag der Exilregierung, ein Lagebild der Situation in Polen für die Weltöffentlichkeit bzw. die höchsten politischen Kreise der Westalliierten zu zeichnen (Gespräche mit FDR!), ging Karski mit soldatischem Befehlserfüllungsethos nach (siehe Postskriptum: 543). Genau musste es sein, den Tatsachen entsprechend, propagandistisch, jedoch nicht fiktional im Sinne von erfunden. Diesen Kriterien folgend, ist Karskis Bericht zentrales Zeugnis des polnischen Widerstands, ein ehemaliges Asservat in der Beweisaufnahme der westalliierten Justiz und heute zugleich beklemmendes Dokument aus der Zeit der barbarischen deutschen Besatzung Polens. Nichtsdestotrotz finden sich Passagen der Literarisierung der Historie, in denen der Bericht zur Erzählung des Geschehenen wird. So erscheinen Dialoge als wortgetreu wiedergegeben, Orte und Routen sind von kartografischer, Personenbeschreibungen von fotografischer Genauigkeit. Ohne Zweifel muss Karski – der keine Notizen machen konnte weil das zu gefährlich war – jemand mit einer erstaunlichen Gedächtnisleistung gewesen sein, die hier in einer Verschränkung aus Berichten und Erzählen lesbar wird.
In seinen ‘fotorealistischen’ Erinnerungen verwebt Karski die Wiedergabe von Ereignissen mit Gedanken und Emotionen in einer Weise, die dem Text einen Sog verleiht. Eine Anziehungskraft, die sich aus der Authentizität des Wortes des Augenzeugen speist, das auch sein emotionales Wissen mitteilt. Dem Leser öffnet sich ein scheinbar unverstelltes Bild des in die Hölle verwandelten Polen – und etwas zu sehen heißt, selbst handlungsmäßig involviert zu werden. Insofern hat Karskis Buch die Dynamik eines Gesprächs mit einem Augenzeugen.
Gegenwärtig multipliziert die rasante Entwicklung der medialen Produktivkräfte diese Kette von etwas sehen und handlungsmäßig daran teilhaben: Nachrichten werden in Echtzeitton und –bild um die Welt übertragen und wer kennt nicht die Augenzeugen des Guido Knopp, die sich noch 105-jährig vor der Kamera sitzend an die Farbe von Rommels Socken erinnern, in der Etappe vor Tobruk? Doch ein Augenzeuge ist nicht ein Augenzeuge ist ein Augenzeuge usw. Das Wort des NS-Täters ist mit dem des Opfers nicht vergleichbar, oder gar – wie es die Knoppschen Kolportageverfahren suggerieren – dasselbe nur von der anderen Seite. Dem im kollektiv begangenen und erinnerten Wahnsinn der faschistischen Bemächtigungen steht die Erfahrung der Ohnmacht und der vollkommenen Isolation der Opfer gegenüber.
Das verzweifelte Spannungsfeld aus Opfer oder Handelnder sein, reflektiert Karski genau:
Er war kein Jude und wurde nicht als solcher verfolgt; er konnte als Mitglied der größten Widerstandsorganisation handeln; er konnte sich aktiv am Kampf gegen die Mörder beteiligen. So legt er auch Zeugnis ab von Ohnmacht und Bemächtigung, von Kontrollmacht und –verlust.
4. »Das Getto«: Augenzeuge der Shoah
Insbesondere die Kapitel sind bekannt geworden, in denen Karski beschreibt, was er im Warschauer Ghetto und einem Vernichtungslager (vermutlich Izbica Lubelska, einem Nebenlager von Belzec) sah, die er heimlich aufsuchte. In diesem Teil des Berichts spricht er über die Shoah als die Geschichte der verfolgten Juden: »Für uns Polen ging es um Krieg und Besatzung. Für sie, die notleidenden polnischen Juden, war es das Ende der Welt.« (ebd.: 449) Karski hatte sich als liberal-nationaler Bürger und Christ dem Untergrund angeschlossen. Je näher er dem Mahlstrom der Vernichtung der europäischen Juden kam, je mehr er davon sah, desto entschlossener wollte er handeln. Im Ghetto und im Lager erlebte er die tiefste Ohnmacht der Opfer und die absolute Macht der Täter. Im Warschauer Ghetto trifft er zwei Männer des jüdischen Untergrunds, die ihm berichten: »[Hitler] wird seinen Krieg gegen die polnischen Juden […] gewinnen. Er wird das jüdische Volk nicht besiegen, sondern ganz einfach ermorden.« (ebd.: 449) Dieser »Abend wie ein Alptraum«, an dem »die Schatten im Schein der einzigen Kerze, die wir anzuzünden wagten« »wild umher tanzten«, brannte sich in Karskis Gedächtnis ein. »Das ist es, was die Menschen nicht verstehen, fiel der Zionist nervös ein. […] In London, Washington und New York glaubt man zweifellos, die Juden würden übertreiben, sie seien hysterisch.« (ebd.: 451) Karski, der bereits mehrfach dem Tod nur knapp entronnen war, will nun »das Beschriebene selbst sehen« (ebd.: 453) und beschließt, sich vom jüdischen Widerstand »in eines der vielen Vernichtungslager« einschleusen zu lassen – um Augenzeuge des schwarzen Lochs zu werden in dem Millionen Menschen verschwinden. Explizit versteht er sich als Bote der Verfolgten und der Ermordeten, denn darin »bestand meine Aufgabe: in der konkreten, wahrheitsgetreuen Wiedergabe.« (ebd.: 468)
Der Shoah kommt (seminaristisch gesprochen) eine Rezeptionsgeschichte zu, in deren Verlauf gestritten wurde und wird, über Banalisierung und Sakralisierung, über Darstellung und Bilderverbot. Dies zeigt unter anderem die Debatte um Didier-Hubermann’s Buch Bilder trotz allem. Die von Didier-Hubermann besprochenen Fotos kommen aus dem innersten Ring der Vernichtung der europäischen Juden. Von jüdischen Widerstandskämpfern und Mitgliedern des Sonderkommandos in Auschwitz aufgenommen, teilweise aus der Gaskammer heraus, zeigen die Fotos nackte Gefangene kurz vor ihrer Ermordung.
Diesen innersten Ring der Vernichtung erkannte Karski und versucht ihn hier sprachlich zu fassen, um zu helfen das Wissen zu retten, dass dieses Morden geschehen ist: »Doch ich habe alles selbst gesehen, und es ist weder übertrieben noch erfunden. Ich kann keine Beweise, keine Fotografien vorlegen. Ich kann nur sagen, dass ich es mit eigenen Augen gesehen habe und dass es die Wahrheit ist.« (ebd.: 487)
5. »Mein Bericht an die Welt«
In das real-sozialistische Polen durfte Karski nicht remigrieren. 1982 wurde er vom Staat Israel als »Gerechter unter den Völkern« geehrt. Sein Bericht an die Welt erschien 1944 in den USA, 1945 auch in England, Skandinavien und Frankreich. Doch erst 1981 »trat Jan Karski aus dem Vergessen« und legte »ein weiteres Mal« Zeugnis ab, wie die Historikerin und Herausgeberin Céline Gervais-Francelle in ihrem Vorwort erläutert. Noch mal vier Jahre später, 1985, gab Claude Lanzmann Karski in der Wahrnehmung der europäischen Öffentlichkeit »seinen Platz in der Geschichte zurück«, indem er ihn in Shoah ‘interviewte’. Dem Kunstmann-Verlag, der Herausgeberin und den Übersetzerinnen kommt nun das unschätzbare Verdienst zu, dieses zentrale Dokument des kalendarisch gerade vergangenen Jahrhunderts in einer hervorragenden Edition erstmals ins Deutsche gebracht zu haben.
Anmerkungen
