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Hitler as a pig March 1, 2014 | 05:15 pm

Screenshots aus dem Film “Shoa” von Claude Lanzmann, auf welchen ein politisches Stück Papier zu sehen ist:hitler_as_a_pig_1Der Beweis ist, dass Hitler nicht nur ein Schwein war: hitler_as_a_pig_2(src)


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An den Grenzen des Geistes (I) November 21, 2012 | 10:09 pm

Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry

Am 17. November veranstaltete der Arbeitsbereich Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen der FU Berlin eine kleine, aber gut besuchte Konferenz über Jean Améry. Unterstützt durch die VeranstalterInnen sowie die Tontechniker vor Ort und mit freundlicher Einwilligung der ReferentInnen habe ich einige der Vorträge aufgezeichnet. Hier erfolgt nun zunächst die Dokumentation des Eröffnungspodiums. Es stand unter dem Titel: »…daß das Wort nicht verstumme«: Was bedeutet »Moralisierung der Geschichte«?

Sich durch dieses und andere Podien ziehende Fragen bezogen sich auf Amérys Erfahrungen als Opfer von Folter und als Shoahüberlebender, sowie auf sein Verhältnis zu Sartre, Adorno, Hannah Arendt und zum Zionismus.

Die Beiträge sind auch auf Archive.org hinterlegt. Der zweite Teil der Dokumentation liegt mittlerweile auch vor.

Hermann Haarmann und Birte Hewera: Begrüßung und Einführung


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Birte Hewera: Die »Wahrheit der Untat« – Jean Amérys Ressentiments


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Miriam Mettler: Unversöhnlichkeit und Utopie – der Begriff der Heimat bei Adorno und Améry


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Christoph Hesse: »Einen ewigen Namen will ich ihnen geben…« Claude Lanzmanns Film Shoah


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An den Grenzen des Geistes.
Tagung zum 100. Geburtstag von Jean Améry
17. November 2012, 10.00 bis 18.30 Uhr, Eintritt frei
Akademie der Künste, Clubräume, Hanseatenweg 10, 10557 Berlin
Jean Améry

Hans Mayer alias Jean Améry, der sich in den neunzehnhundertsechziger Jahren als Essayist, Publizist und Schriftsteller einen Namen machen konnte, musste aufgrund seiner jüdischen Herkunft nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich nach Belgien fliehen. Dort schloss er sich einer Widerstandsgruppe an. 1943 wurde er von der Gestapo als politischer Gegner verhaftet und anschließend im belgischen Auffanglager Breendonk von SS-Männern gefoltert. Es folgte seine Deportation nach Auschwitz-Monowitz, Dora-Mittelbau und schließlich nach Bergen-Belsen, wo er im April 1945 von den Engländern befreit wurde. Die Erfahrungen von Folter und KZ blieben für immer der unhintergehbare Ausgangspunkt für sein Denken.
Über die Tagung

Das Berliner Symposion nimmt Jean Amérys 100. Geburtstag zum Anlass, die Diskussion um Person und Werk Jean Amérys weiter voranzutreiben und diesem Kommentator und Kritiker der Zeitgeschichte das ihm gebührende wissenschaftliche und politische Interesse zuteil werden zu lassen. Die Tagung möchte den moralischen, politischen, philosophischen und ästhetischen Aspekten im Werk Amérys nachspüren. In einem interdisziplinären Zugriff auf seine literarischen, philosophischen und publizistischen Arbeiten soll erörtert werden, inwieweit sie sich als kritische Interventionen in einer breiteren politischen Öffentlichkeit heute noch bewähren können.

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Jan Karski »Mein Bericht an die Welt« February 13, 2012 | 12:47 pm

Geschichte eines Staates im Untergrund. Jan Karski war Angehöriger der Polnischen Heimatarmee. Als deren Kurier und Propagandasoldat durchquerte er das von den Deutschen besetzte Europa und wurde Zeuge der Shoah. Davon legte er bereits 1944 in seinem Buch Story Of A Secret State Zeugnis ab. Dieses zentrale Dokument der polnischen Geschichte ist im April 2011 erstmals auf Deutsch erschienen.

»Das Gesagte dröhnte in meinen Ohren« (J. Karski)

1. »Die Niederlage«: Das überfallene Polen
Jan Karski (1914–2000, bürgerlich Jan Kozielewski, Karski seit 1942), wollte eine Diplomatenlaufbahn einschlagen und war, eben der polnischen Armee beigetreten, militärisch noch unerfahren, als bereits wenige Tage nach dem Beginn des deutschen Angriffs auf Polen sein Verband aufgerieben wurde, von Bombenhagel und nahenden Panzertruppen des Nachts überrascht, in einer bis dahin weltgeschichtlich kaum relevanten Kleinstadt: Oswiecim.

»Panzertruppen«, »aufgerieben«, »Bombenhagel« – Karskis Buch ist nur teilweise ein sprachlich kunstvoller Roman. Es ist vielmehr ein vollkommen seinem Zweck verpflichteter Bericht, denn der Text war eine Auftragsarbeit: Am Ende seiner Untergrundlaufbahn sollte Karski im Auftrag des polnischen Untergrundstaates mit seinem Bericht an die Welt vor der Weltöffentlichkeit Zeugnis ablegen von den Verbrechen der deutschen Besatzer und ihren fünften Kolonnen an allen Polen. Bis Karski in die USA gelangte und diesen letzten großen Auftrag seiner Organisation bekam, er sein Buch schrieb und es erschien, (über)lebte er als aktiver Widerstandskämpfer vier Jahre in besetzten Ländern Europas.

Noch in der Situation der militärischen Niederlage ist es Kozielewski’s nächstes Ziel, Anschluss an etwaige versprengte Teile der polnischen Armee zu finden – oder sich einer der Untergrundgruppierungen anzuschließen, die innerhalb von Tagen im ganzen Land entstehen. So macht er sich auf den Weg durch das von der deutschen wie der sowjetischen Armee bedrängte, traumatisierte Land (»Polen gab es nicht mehr«; ebd.: 93) und gelangt nach Warschau, wo er in Kontakt tritt zur sich formierenden polnischen Untergrundbewegung und der Armia Kraiowa (»Polnische Heimatarmee«). Diese Organisation nimmt ihn auf, macht ihn zum Kurier und Propagandasoldaten und gibt ihm den Tarnnamen Jan Karski den er fortan tragen wird. Karski spricht zumeist von der polnischen Untergrundbewegung. Tatsächlich war die Armia Kraiowa die größte militärische Untergrundorganisation in Polen, doch nicht die einzige. Sie war gewissermaßen der bewaffnete Arm des bürgerlichen Polen und seiner politischen Parteien, die sich im »polnischen Untergrundstaat« – ein Begriff den Karski prägte – organisierten. Die Repräsentanten dieses Untergrundstaatsapparates, die vielfach Politiker oder hohe Militärs der polnischen Republik gewesen waren, arbeiteten zunächst aus Frankreich, später aus England (London) als offizielle Exilregierung Polens. In deren Auftrag übernimmt Karski vor allem nachrichtendienstliche Aufgaben, in Form von Botengängen und Propagandatextproduktion. Odysseen führen ihn durchs besetzte Europa und hohe Stellen des polnischen Untergrunds sind es, die ihm in Frankreich den Auftrag geben, sich nach Polen zurück zu begeben und sich dort ein Bild von der Besatzungspolitik der Deutschen zu machen.

2. »Verwandlung«: Der polnische Untergrundstaat
Denn die »polnische Untergrundbewegung« und die Armia Kraiowa waren etwas schier Unglaubliches in der Geschichte des deutschen Krieges in Polen und auch davon zeugt Karskis Buch: Der »Untergrundstaat« erhob den Anspruch, den ganzen polnischen Staatsapparat legitim zu repräsentieren, bzw. dieser zu sein und die »Heimatarmee« war dessen bewaffnete Abteilung. Dies bedeutete, dass der Staat Polen sich mit dem Beginn der Zerstörung der Republik in einen geheimen, im Untergrund sich befindenden Apparat wandelte, in dem Versuch, ein staatsbürgerliches Gemeinwesen zu erhalten.1 Es galt das »Grundprinzip, dass die Untergrundbewegung zusammen mit der Exilregierung die Kontinuität des polnischen Staates sichern sollte.« Und, so Karskis Einschätzung zur Effizienz und Macht des Untergrundstaates: »[…] diese Institution hatte weitaus größeren Einfluss auf die Bevölkerung als die Nazis […].« (ebd.: 337f.)

So gewährt der Bericht an die Welt Einblicke in eine politisch organisierte polnische Gesellschaft, die den Besatzern weitgehend verborgen blieb und einen »Schattenkrieg« gegen sie führte. In Großstädten wie Warschau, in denen »die Zahl der Menschen, die mit falschen Papieren unterwegs waren oder sonst etwas zu verbergen hatten« »enorm« war, wie auch auf dem Land, wo »ländliche Gruppierungen des Widerstands […] besondere Entschlossenheit und besonderen Einfallsreichtum an den Tag [legten].« (ebd.: 365 ff.) Über weite Teile des Buches beschreibt Karski die beeindruckende Komplexität des Untergrundstaates. Neben den politischen Akteuren der Exilregierung, die aus dem Ausland im ständigen Kontakt zu entsprechenden Stellen in Polen standen, gab es den militärischen Widerstand u.a. der polnischen Heimatarmee sowie umfassende Bereiche des zivilen Widerstands.2 Der polnische Untergrundstaat umfasste ein breites politisches Spektrum, vor allem aus dem Bürgertum und war mit seinem Ziel der »institutionalisierten Feindschaft gegenüber den Invasoren« (ebd.: 341) solcherart in die Gesellschaft eingelassen, das sich hinter dem Polen das die Deutschen sahen ein vollständiges zweites verbarg. Das Polen der Polen war sozusagen unter einem gigantischen doppelten Boden verschwunden. Diese Strukturen, mit denen sich die Besiegten ihren Besatzern entzogen, beschreibt Karski.3

Selbstverständlich ist Karskis Sprechort für seinen Bericht relevant: Er war kein »Linker«. Er war ein bürgerlicher, katholischer, nationaler Bürger der polnischen Mittelschicht. Aus deren Perspektive bildete der Hitler-Stalin-Pakt den Hintergrund, vor dem Polen zugleich Opfer der deutschen wie der sowjetischen Aggression wurde. Das Trauma dieser Klasse war eine mögliche erneute Zerschlagung der polnischen Nation, die es zu verhindern galt. Entsprechend adressiert Karskis Bericht vor allem die freie Welt der Westalliierten: »Polen ist der einzige Staat, der zu keiner Zeit die Alliierten verraten hat […]. Die polnische Nation ist beseelt von dem Wunsch nach Demokratie, Freiheit, Fortschritt.« (ebd.: 22) Durch die klare, berichtende Struktur der Erinnerungen des Jan Karski erfahren wir viel über die konspirativen Arbeitsweisen des Untergrundstaates – und en passant einiges über die polnische Klassengesellschaft zur Mitte des 20. Jahrhunderts, in der Politiker, Offiziere, Priester und Großbauern die Autoritäten waren. So stellt der Widerstandskämpfer Karski in einem bäuerlichen Heuschober versteckt fest: »Es war schon seltsam, überlegte ich, dass diese einfachen, tapferen Arbeiter, die mir das Leben gerettet hatten, mir so fernstanden. Denn trotz gelegentlicher Treffen und einiger Zeitungsberichte über ihren Kampf um bessere Arbeitsbedingungen und politische Mitsprache, die ich gelesen hatte, wusste ich nicht viel über sie. Es war paradox, dass mein erster direkter Kontakt mit ihnen ausgerechnet in einer Situation zustande kam, bei der es für mich um das nackte Überleben ging.« (ebd.: 281f.)

3. Berichten, Erzählen, Erinnern
Die berichtende Struktur ist sicherlich markant, da sie den Text in eine chronologische Zeit‑ Raumfolge gießt, von erstaunlicher Detailliertheit ist und das Geschehene aus einer Art Beobachterposition als abgeschlossene Handlungsfolge wiedergibt – und dies obwohl der Text noch in der Kriegssituation entstand. Seinem Auftrag der Exilregierung, ein Lagebild der Situation in Polen für die Weltöffentlichkeit bzw. die höchsten politischen Kreise der Westalliierten zu zeichnen (Gespräche mit FDR!), ging Karski mit soldatischem Befehlserfüllungsethos nach (siehe Postskriptum: 543). Genau musste es sein, den Tatsachen entsprechend, propagandistisch, jedoch nicht fiktional im Sinne von erfunden. Diesen Kriterien folgend, ist Karskis Bericht zentrales Zeugnis des polnischen Widerstands, ein ehemaliges Asservat in der Beweisaufnahme der westalliierten Justiz und heute zugleich beklemmendes Dokument aus der Zeit der barbarischen deutschen Besatzung Polens. Nichtsdestotrotz finden sich Passagen der Literarisierung der Historie, in denen der Bericht zur Erzählung des Geschehenen wird. So erscheinen Dialoge als wortgetreu wiedergegeben, Orte und Routen sind von kartografischer, Personenbeschreibungen von fotografischer Genauigkeit. Ohne Zweifel muss Karski – der keine Notizen machen konnte weil das zu gefährlich war – jemand mit einer erstaunlichen Gedächtnisleistung gewesen sein, die hier in einer Verschränkung aus Berichten und Erzählen lesbar wird.

In seinen ‘fotorealistischen’ Erinnerungen verwebt Karski die Wiedergabe von Ereignissen mit Gedanken und Emotionen in einer Weise, die dem Text einen Sog verleiht. Eine Anziehungskraft, die sich aus der Authentizität des Wortes des Augenzeugen speist, das auch sein emotionales Wissen mitteilt. Dem Leser öffnet sich ein scheinbar unverstelltes Bild des in die Hölle verwandelten Polen – und etwas zu sehen heißt, selbst handlungsmäßig involviert zu werden. Insofern hat Karskis Buch die Dynamik eines Gesprächs mit einem Augenzeugen.

Gegenwärtig multipliziert die rasante Entwicklung der medialen Produktivkräfte diese Kette von etwas sehen und handlungsmäßig daran teilhaben: Nachrichten werden in Echtzeitton und –bild um die Welt übertragen und wer kennt nicht die Augenzeugen des Guido Knopp, die sich noch 105-jährig vor der Kamera sitzend an die Farbe von Rommels Socken erinnern, in der Etappe vor Tobruk? Doch ein Augenzeuge ist nicht ein Augenzeuge ist ein Augenzeuge usw. Das Wort des NS-Täters ist mit dem des Opfers nicht vergleichbar, oder gar – wie es die Knoppschen Kolportageverfahren suggerieren – dasselbe nur von der anderen Seite. Dem im kollektiv begangenen und erinnerten Wahnsinn der faschistischen Bemächtigungen steht die Erfahrung der Ohnmacht und der vollkommenen Isolation der Opfer gegenüber.

Das verzweifelte Spannungsfeld aus Opfer oder Handelnder sein, reflektiert Karski genau:
Er war kein Jude und wurde nicht als solcher verfolgt; er konnte als Mitglied der größten Widerstandsorganisation handeln; er konnte sich aktiv am Kampf gegen die Mörder beteiligen. So legt er auch Zeugnis ab von Ohnmacht und Bemächtigung, von Kontrollmacht und –verlust.

4. »Das Getto«: Augenzeuge der Shoah
Insbesondere die Kapitel sind bekannt geworden, in denen Karski beschreibt, was er im Warschauer Ghetto und einem Vernichtungslager (vermutlich Izbica Lubelska, einem Nebenlager von Belzec) sah, die er heimlich aufsuchte. In diesem Teil des Berichts spricht er über die Shoah als die Geschichte der verfolgten Juden: »Für uns Polen ging es um Krieg und Besatzung. Für sie, die notleidenden polnischen Juden, war es das Ende der Welt.« (ebd.: 449) Karski hatte sich als liberal-nationaler Bürger und Christ dem Untergrund angeschlossen. Je näher er dem Mahlstrom der Vernichtung der europäischen Juden kam, je mehr er davon sah, desto entschlossener wollte er handeln. Im Ghetto und im Lager erlebte er die tiefste Ohnmacht der Opfer und die absolute Macht der Täter. Im Warschauer Ghetto trifft er zwei Männer des jüdischen Untergrunds, die ihm berichten: »[Hitler] wird seinen Krieg gegen die polnischen Juden […] gewinnen. Er wird das jüdische Volk nicht besiegen, sondern ganz einfach ermorden.« (ebd.: 449) Dieser »Abend wie ein Alptraum«, an dem »die Schatten im Schein der einzigen Kerze, die wir anzuzünden wagten« »wild umher tanzten«, brannte sich in Karskis Gedächtnis ein. »Das ist es, was die Menschen nicht verstehen, fiel der Zionist nervös ein. […] In London, Washington und New York glaubt man zweifellos, die Juden würden übertreiben, sie seien hysterisch.« (ebd.: 451) Karski, der bereits mehrfach dem Tod nur knapp entronnen war, will nun »das Beschriebene selbst sehen« (ebd.: 453) und beschließt, sich vom jüdischen Widerstand »in eines der vielen Vernichtungslager« einschleusen zu lassen – um Augenzeuge des schwarzen Lochs zu werden in dem Millionen Menschen verschwinden. Explizit versteht er sich als Bote der Verfolgten und der Ermordeten, denn darin »bestand meine Aufgabe: in der konkreten, wahrheitsgetreuen Wiedergabe.« (ebd.: 468)

Der Shoah kommt (seminaristisch gesprochen) eine Rezeptionsgeschichte zu, in deren Verlauf gestritten wurde und wird, über Banalisierung und Sakralisierung, über Darstellung und Bilderverbot. Dies zeigt unter anderem die Debatte um Didier-Hubermann’s Buch Bilder trotz allem. Die von Didier-Hubermann besprochenen Fotos kommen aus dem innersten Ring der Vernichtung der europäischen Juden. Von jüdischen Widerstandskämpfern und Mitgliedern des Sonderkommandos in Auschwitz aufgenommen, teilweise aus der Gaskammer heraus, zeigen die Fotos nackte Gefangene kurz vor ihrer Ermordung.

Diesen innersten Ring der Vernichtung erkannte Karski und versucht ihn hier sprachlich zu fassen, um zu helfen das Wissen zu retten, dass dieses Morden geschehen ist: »Doch ich habe alles selbst gesehen, und es ist weder übertrieben noch erfunden. Ich kann keine Beweise, keine Fotografien vorlegen. Ich kann nur sagen, dass ich es mit eigenen Augen gesehen habe und dass es die Wahrheit ist.« (ebd.: 487)

5. »Mein Bericht an die Welt«
In das real-sozialistische Polen durfte Karski nicht remigrieren. 1982 wurde er vom Staat Israel als »Gerechter unter den Völkern« geehrt. Sein Bericht an die Welt erschien 1944 in den USA, 1945 auch in England, Skandinavien und Frankreich. Doch erst 1981 »trat Jan Karski aus dem Vergessen« und legte »ein weiteres Mal« Zeugnis ab, wie die Historikerin und Herausgeberin Céline Gervais-Francelle in ihrem Vorwort erläutert. Noch mal vier Jahre später, 1985, gab Claude Lanzmann Karski in der Wahrnehmung der europäischen Öffentlichkeit »seinen Platz in der Geschichte zurück«, indem er ihn in Shoah ‘interviewte’. Dem Kunstmann-Verlag, der Herausgeberin und den Übersetzerinnen kommt nun das unschätzbare Verdienst zu, dieses zentrale Dokument des kalendarisch gerade vergangenen Jahrhunderts in einer hervorragenden Edition erstmals ins Deutsche gebracht zu haben.

Anmerkungen

  1. Vgl. dazu u.a. Kap. 8: Karski beschreibt hier die Entstehung des Untergrundstaates aus der Kooperation der bürgerlichen politischen Parteien und der Armee: »[…] Annäherung der Parteien angesichts der gemeinsamen Bedrohung. Darüber hinaus entstand eine militärische Organisation, deren erstes Ziel es war, die zerstreuten Reste der Armee zu einer […] schlagkräftigen Streitmacht zusammenzuführen« (ebd.: 140); sowie die Kapitel 11 und 19.
  2. Vgl. u.a. Fußnote 4, Kap. 27: Der Untergrundstaat unterhielt unter anderem (!) ein konspiratives Bildungssystem mit Grund‑ und Hochschulen und sicherte so die Weitergabe von Fachwissen und die Ausbildung von Experten.
  3. Die Geschichte des Widerstands in Polen ist unüberschaubar divers. Der Untergrundstaat bildete die größte Widerstandsorganisation bzw. Koordination verschiedener Gruppen, die vor allem aus dem bürgerlichen Spektrum kamen. Kommunistische aber auch jüdische Gruppen zählten nicht dazu – obgleich es Kontakte gab, von denen Karski auch berichtet. Die Exilregierung operierte in Frankreich und England offiziell. In Polen war die Situation völlig anders: Hier existierten Zellen, die oftmals isoliert und in jedem Fall konspirativ arbeiteten. Die Kommunikation funktionierte maßgeblich über Boten, Verstecke, Codes etc.

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Filmvorführung “Warum Israel” von Claude Lanzmann December 5, 2011 | 09:24 pm

“Am 6.Oktober 1973 feierte Claude Lanzmanns erster Film »Pourquoi Israël« – »Warum Israel« – in New York Premiere. Am selben Tag begann der Jom-Kippur-Krieg. Ein seltsamer Zufall, der die weitere Re­zeptionsgeschichte des Films beeinflussen sollte. Der offizielle Starttermin in Frankreich am sechsten Tag des Kriegs war von diesem überschattet, und viele Rezensionen verpassten dem Filmtitel [...]

Öffentlich-Rechtliches (15) November 15, 2010 | 05:32 pm

Claude Lanzmann »Der patagonische Hase« October 8, 2010 | 11:45 am

»Ich bin von der Welt weder übersättigt noch ermattet, und hundert Leben, das weiß ich nur zu gut, würden mich nicht müde machen« (S. 245). Diese Selbsteinschätzung Claude Lanzmanns durchzieht wie ein Leitmotiv seine gesamte Autobiographie. Der Journalist und Regisseur, dessen Wirken vermutlich für immer mit seinem Film »Shoah« verknüpft sein wird − seiner Aufarbeitung des millionenfachen Mordes an den europäischen Jüdinnen und Juden − hat seine Memoiren geschrieben. Eine, wie er selbst schreibt, »furchterregende Aufgabe« (S. 12). Es muss ihm klar gewesen sein, dass er bei dieser Arbeit auch an die dunklen Stellen seines Lebens würde blicken müssen, besonders auf die Arbeit an Shoah. Trotzdem entwirf er sein Buch, das bereits im vergangenen Jahr in Frankreich begeistert aufgenommen wurde und das jetzt erstmals auf deutsch erschienen ist, als leidenschaftliche Liebeserklärung an das Leben: »Dem Leser wird klar sein, dass ich das Leben geradezu verrückt liebe, auch jetzt noch, da der Abschied von ihm nahe ist« (S. 35). Im ersten Moment ist es daher überraschend, dass der 84-jährige Lanzmann mit der minutiösen Schilderung von Hinrichtungsszenen aus Geschichte und Gegenwart in seine Erinnerungen einsteigt. Unwillkürlich drängt sich der Gedanke an die Studie »Überwachen und Strafen« von Michel Foucault auf, die ebenfalls mit schwer zu ertragenden Beschreibungen einer Folter beginnt. Doch während Foucault verstehen will, wie sich das Verständnis von Strafe und deren Verhältnis zum Körper historisch wandelt, geht es Lanzmann um die nackte Angst, das Leben unter Schmerzen zu verlieren. Er gibt ohne Umschweife zu, dass er auch für sein lebenslanges Engagement gegen die Todesstrafe persönliche Gründe hatte. Seit seiner frühesten Kindheit, so schreibt er, fürchtet er sich vor Willkür und Folter und leidet besonders unter einer panischen Angst, »unter der Guillotine zu sterben« (S. 17). Niemals, so versichert er, wäre er imstande gewesen, sich in Erwartung eines schmerzhaften Todes das Leben zu nehmen.

Dieser unerwartete Einstieg passt zum gesamten Buch. Verblüffend, faszinierend, oft amüsant und ebenso oft erschreckend ist die tour de force, die Lanzmann durch sein Leben, aber zugleich durch die an Brüchen und Katastrophen reiche Geschichte des 20. Jahrhunderts unternimmt. Der mitreißende Stil − man merkt dem Text an, dass Lanzmann ihn größtenteils diktiert hat − zeugt von intensiver Freude am Erzählen. Lanzmanns Sprache ist klar und schön, er nimmt sich Zeit für Details. Ausführlich beschreibt er die Gesichter der Menschen, denen er begegnet ist, oder die Landschaften, die er gesehen hat. »Der Monat Juni war 1940 von unerbittlicher Schönheit: Ein Tag war glanzvoller und herrlicher als der andere« (S. 81). Wunderbare Sätze wie diesen, mit dem Lanzmann die Schilderung seiner Jugend im besetzten Frankreich beginnt, gibt es an vielen Stellen des Buches. Insgesamt geht Lanzmann nicht chronologisch, sondern assoziativ vor: Manche Lebensabschnitte beschreibt er ausführlich und detailverliebt, manche Episoden und Menschen kommen dagegen kaum vor. Dieser Stil macht es nicht immer leicht, beim Lesen den Überblick zu behalten, aber er passt umso besser zu Lanzmanns ganz eigener, sehr persönlicher Art des Erzählens.

Es ist undenkbar, hier mehr als Stichpunkte zu Lanzmanns Lebenslauf nennen. In einer atheistischen jüdischen Familie 1925 in Paris geboren, wächst er unter ständiger Bedrohung im besetzten Frankreich auf, schließt sich als 18-Jähriger der Jugendorganisation der kommunistischen Partei und der französischen Résistance an. Nach dem Krieg setzt er sein Philosophiestudium fort und geht 1947 nach Tübingen, danach an die neu gegründete Freie Universität in Berlin. Lange Jahre arbeitet er als Journalist für französische Zeitungen und Magazine, schließt Freundschaft mit Jean-Paul Sartre und Gilles Deleuze und lebt lange Jahre mit Simone de Beauvoir zusammen, mit der ihn eine lebenslange intellektuelle Freundschaft verbindet. Er bereist die Welt, oft gemeinsam mit de Beauvoir und Sartre, und wird zum Augenzeugen historischer Ereignisse: Den Pariser Mai 1968 erlebt er ebenso hautnah mit wie den Algerienkrieg, die Kulturrevolution in China ebenso wie die unterschiedlichen kriegerischen Versuche, den Staat Israel auszulöschen. Seit den siebziger Jahren arbeitet er als Regisseur und wird weltweit bekannt durch seine Filme: »Pourquoi Israël« über jüdische Identität und die Frage der Normalität nach Auschwitz, »Shoah« über die Vernichtung des jüdischen Volkes und schließlich »Tsahal« als Hommage an die israelische Armee.

Die einzelnen Episoden hat Lanzmann faszinierend ausgearbeitet. Eindrücklich beschreibt er seine ersten Erfahrungen mit der Gewalt des Antisemitismus, erzählt davon, wie sein Vater ihn und seine Geschwister während des Weltkrieges dazu zwingt, jederzeit zur Flucht bereit zu sein. Mitten in der Nacht reißt er sie aus dem Schlaf, in Windeseile müssen sie sich anziehen und in eine Grube im Garten flüchten − nach hartem Training gelingt das in weniger als zwei Minuten. Ebenso einprägsam beschreibt er den lebensgefährlichen Schmuggel von Waffen für die Résistance und eine Nacht, in der er und seine Kommiliton_innen eine Attacke der Alliierten auf die Waffenfabriken von Clermont-Ferrand beobachten. »Der ungeheure Donner des Bombenangriffs, scheinbar sehr nah, übertönt plötzlich unser Beifallklatschen. (…) Keine Angst, reine Erregung, die Ankündigung überwältigender Ereignisse« (S. 62). Nach dem Krieg wird Lanzmann beim Diebstahl eines Hegel-Buches von Jean Hyppolite erwischt. Ein Polizist ohrfeigt ihn beim Verhör und gibt dem jungen Studenten folgende Lektion mit auf den Weg: »Hör mal, du Dreckskerl, ich würde lieber mein Leben lang aufs Lesen verzichten, als ein Buch zu stehlen« (S. 203). Unzählige Seiten widmet Lanzmann der Liebesgeschichte mit einer jungen Nordkoreanerin im Pjöngjang der fünfziger Jahre. Hier, wie bei den zahllosen Schilderungen anderer Liebschaften oder beruflicher Erfolge, ist es teilweise ermüdend, Lanzmanns Selbstbewusstsein ausgesetzt zu sein. Aber es wird auch deutlich, woher er es bezieht: Aus seiner erstaunlichen Lebensleistung, aus seiner Fähigkeit, sich auch gegen größte Schwierigkeiten durchzusetzen. Dieses Talent ist auch der Grund, warum Lanzmann sich den Hasen verwandt fühlt. Eines dieser flinken Tiere, das er auf einer nächtlichen Autofahrt durch das argentinische Hochland gesehen hat, ist auch der Grund für den geheimnisvollen Titel seiner Autobiographie.

Im beinahe wichtigsten Teil des Buches beschreibt Lanzmann die mühsamen Dreharbeiten zu Shoah. Unter Bedingungen von materieller Armut und großer psychischer Belastungen blickt er, wie er schreibt, »ohne Ausflüchte in die schwarze Sonne der Shoah« (S. 655). Zwölf Jahre lang reist er durch Europa, die USA und Israel, um Opfer und Täter des Holocaust vor der Kamera zu befragen. Zum entscheidenden Moment der Arbeit an »Shoah« geraten die Besuche in Polen: »Ich setzte den Weg fort, fuhr wieder sehr langsam und sah plötzlich ein Ortsschild mit schwarzen Lettern auf gelbem Grund, die, als wenn nichts wäre, den Namen des Dorfes angaben, in das wir hineinfuhren: ’TREBLINKA’. So unempfänglich ich für den sanften, verschneiten Hang des Lagers mit seinen Stelen und dem steinernen Turm in der Mitte, der den Standort der Gaskammern markieren soll, gewesen war, so sehr berührte mich ein ganz normales Ortsschild an der Straße. Treblinka existierte! Ein Dorf namens Treblinka existierte. Wagte zu existieren« (S. 601f). Lanzmann schreibt, dass nur er diesen Film so drehen konnte, wie er gedreht wurde. Weil er selbst vom deutschen Terror betroffen war und sich dennoch weit genug zurücknehmen konnte, um seinen Protagonisten zuzuhören. Weil er den Schrecken ertragen konnte: »Ich hatte die Kraft, mir Zeit zu nehmen« (S. 625).

»Der patagonische Hase« ist ein wichtiges und beeindruckendes Buch. Lanzmann, auch heute noch leidenschaftlicher Zeitgenosse, beendet es mit einigen Überlegungen zum Altern. »Meine Zeit ist ganz und gar die, in der ich lebe, und selbst wenn die Welt mir immer weniger gefällt − mit gutem Grund −, ist es doch die meine, absolut« (S. 665). Einem Erzähler wie Lanzmann zuhören zu dürfen, ist ein Geschenk.

Claude Lanzmann: Der patagonische Hase. Erinnerungen, Deutsch von Barbara Heber-Schärer, Erich Wolfgang Skwara und Claudia Steinitz, Rowohlt, Reinbek bei Hamburg, 2010, 688 S., 24,95 Euro.

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Neues von Claude Lanzmann August 30, 2010 | 11:22 am

Gesamtausgabe der Filme, Ankündigung der Autobiographie und Lesereise

Pünktlich zur Veröffentlichung der Memoiren Claude Lanzmanns gibt der feine Berliner Filmverlag Absolut Medien gemeinsam mit ARTE weltweit erstmals eine Gesamtausgabe der Filme Lanzmanns heraus. Neben den von Hamburger Antisemiten inkriminierten »Warum Israel« und seinem filmischen Denkmal »Shoah« enthält die DVD-Box auch »Tzahal«, der 1994 die »Jüdische Trilogie« beschloß. Außerdem sind die jüngst ebenfalls bei Absolut Medien erschienenen Filme »Sobibor, 14. Oktober 1943, 16 Uhr« und »Ein Lebender geht vorbei« in der Gesamtausgabe enthalten. Als exklusives Stück enthält die DVD-Box noch den Bericht Jan Karskis, Kurier der polnischen Regierung während des deutschen Okkupationsregimes, der vom jüdischen Untergrund als Augenzeuge ins Warschauer Ghetto geschleust wurde. Erstmals sprach Karski vor Lanzmann über das Erlebte und seine Versuche, rettend gegen die Deutschen einzugreifen.
Der Preis von 99,90 €, den Absolut Medien veranschlagt, scheint auf den ersten Blick recht hoch – bei dem Vergleich mit der Summe der Einzelpreise (163,70 €) relativiert sich der Eindruck. Warum aber Klaus Theweleit einen Essay beisteuern durfte, macht nach dessen miserablen weil an der Sache vorbei schwätzenden Auftritt bei der Aufführung von »Warum Israel« im Übel & Gefährlich in Hamburg, stutzig (hier der Mitschnitt der Veranstaltung).
Im deutschen Feuilleton entsponn sich an die Publikation von Lanzmanns Memoiren »Le Lièvre de Patagonie« beim Pariser Verlag Gallimard eine kleine häßliche Debatte. Auslöser war die nicht von antisemitischen Tönen freien »Kleine Warnung an den Rowohlt Verlag«, die Christian Welzbacher in der »Zeit« aussprach. Kritik an der »Warnung« kam von Jürg Altwegg in der FAZ, J. Wilms in der Süddeutschen und Sebastian Hammelehle auf Spiegel Online, woraufhin Florian Illies sich in der »Zeit« darauf kaprizierte, mit der »Warnung« habe man »journalistische Sorgfaltspflicht« geltend machen wollen und letztlich Lanzmann zu einem Buch mit korrekter Faktenlage was die Absetzung des ersten Rektors der FU Berlin, Edwin Redslob, anginge helfen wollen.1 Am 7. September diesen Jahres wird »Der patagonische Hase« nun endlich bei Rowohlt veröffentlicht. Dank der Debatte wird das Publikumsinteresse groß sein. Die 688 Seiten dicke Autobiografie Lanzmanns soll 24,95 € kosten. Begleitet wird die Veröffentlichung von einer Lesereise des bald 85-Jährigen: 13.9. Berlin–Berliner Ensemble, 14.9. Hamburg–Fischauktionshalle, 6.–8.10. Frankfurt–Frankfurter Buchmesse, 10.10. Berlin–Babylon-Kino. Alle drei nun möglichen Dinge – sehen, lesen, sehen – seien an dieser Stelle empfohlen.

Anmerkungen

  1. Welzbacher trägt anscheindend schwer unter dem Wunsch, sich als redlicher Biograf Redslobs Gehör verschaffen und seine Arbeit gewürdigt wissen zu wollen. Um dies zu erreichen, setzt er aufs antisemitische Ticket. Denn, wenn man dem Rezensenten seiner Biographie glauben darf, registrierte Welzbacher sehr genau, die »antisemitischen Untertöne« und »Huldigungen an den ’Führer’«, die Redslob nach 1933 veröffentlichte. Lanzmann wie auch Welzbacher kommen Redslob betreffend letztlich zum gleichen Ergebnis – nur dass der Franzose den deutschen Fleißarbeiter nicht konsultiert hatte, bevor er das zweite Mal über Redslob schrieb…

gegen antisemitische linke November 25, 2009 | 03:50 am

greyhands