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Der Antisemitismusvorwurf ist eine ideologische Waffe, sprach der Antisemit. March 28, 2013 | 11:12 am

Am 9.4 findet in Bremen in der Villa Ichon folgender Vortrag statt:

Antisemitismusvorwurf als ideologische Waffe

Der moderne Antisemitismus ist eine Ideologie. Die Auswirkungen dieser Form von falschem Bewusstsein haben in dem von Deutschen begangenen Holocaust Millionen Menschen das Leben gekostet. Diese Tatsache ist unbestreitbar. Der rassistische Antisemitismus findet sich heute noch in Neonazi-Kreisen und bei anderen Rechtsradikalen. Die Entlarvung, Ächtung und Bekämpfung des Antisemitismus ist eine gesellschaftliche Notwendigkeit.

Seit einiger Zeit allerdings wird von Neokonservativen, Neuen Rechten, aber auch von moderateren Vertretern neoliberaler Politik und von etablierten Medien behauptet, dass der Antisemitismus in der Linken und Friedensbewegung in Gestalt eines „neuen“ „strukturellen“ oder „sekundären“ Antisemitismus fortbestehe. Dieser Vorwurf stellt nicht nur jede Opposition gegenüber Israels Politik, sondern auch jede linke Kapitalismuskritik unter den Generalverdacht des Antisemitismus.

Eine ideologiekritische Analyse ergibt, dass diese Antisemitismus-„Theorie“ unwissenschaftlich, demagogisch und antiemanzipatorisch ist. Damit versuchen die Propagandisten neoliberaler Expansion, neuer imperialistischer Kriege und des israelischen Besatzungsregimes in den palästinensischen Gebieten (inklusive permanenter Verstöße gegen das Völkerrecht), Kritiker mundtot zu machen. Der Antisemitismus-Vorwurf dient also als Instrument,  um notwendige (friedenspolitische) Debatten zu ersticken – eine Entwicklung, die demokratiefeindlich ist und totalitäre Züge trägt.

(Aus der Veranstaltungsankündigung.)

Den Vortrag hält Susann Witt-Stahl (Journalistin und theoretischer Arm der Schlägertruppen aus der Hamburger B5), diskutiert wird anschließend auf dem Podium mit Prof. Dr. Rudolph Bauer und Arn Strohmeyer. Der Autor Strohmeyer ist  bekannt aus dem Umfeld der Bremer Linken und des Friedensforums. Jenes Forum forderte öffentlichkeitswirksam zum Israelboykott auf und wurde dafür ja schon hinreichend kritisiert. Zum Themenkomplex der Veranstaltung äußerte sich der Autor seinerzeit im Papier “Verwirrung der Begriffe”:

Der Antizionismus ist also (wenn er denn seriös argumentiert) eine rationale, sich aus ethisch-moralischen, menschen- und völkerrechtlichen Gründen speisende Kritik an Israels kolonialistischer Politik gegenüber den Palästinensern – also etwas völlig anderes als Antisemitismus. Viele Antizionisten, die durchaus Sympathien für Israel haben, sind der Meinung, dass diese Unterdrückungspolitik sich auch auf Israels Zukunft nur verhängnisvoll auswirken wird. Wenn man diese Unterschiede zwischen Israel-Kritik, Antizionismus und Antisemitismus nicht auseinanderhält bzw. mit klarer politischer Absicht auch gar nicht auseinanderhalten will, kommt man natürlich zu krassen Fehlurteilen, die – wenn man sie dem politischen Gegner anhängt – äußerst diskriminierenden, ja vernichtenden Charakter haben können und auch sollen. Denn es kommt ein neues Moment hinzu, das die Auseinandersetzung verschärft. Die Zionisten und ihre Anhänger haben den Begriff Antisemitismus völlig neu definiert. (Verwirrung der Begriffe )

Zu den Veranstalter_innen gehören Gesprächskreis Nahost, Nordbremer Bürger gegen den Krieg , Antikapitalistische Linke (AKL) und diverse andere Gruppen. Eben jene Organisationen gerieten immer wieder in den Fokus wenn es um Antisemitismus von links in dieser Stadt ging.

Vermutlich wird der Abend eine ziemlich einhellige Nummer. Und der kleinste gemeinsame Nenner von Referentin, Diskutanten und Veranstalter_innen  ist wohl dieser: Es gibt keinen linken Antisemitismus. Hoffentlich gibt es wenigstens Unmut von den Zuhörenden. Aber da helfen in solchen Kreisen ja gerne ein paar Kopfnüsse.

Bleibt zu hoffen dass diese Veranstaltung so nicht stattfinden wird!

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Theorie zum Thema : Israelkritik und Antisemitismus von links von Daniel Meißner bei rechtsklick. Ebenso die Radioreihe Antisemitismus von links der Redaktion 3.

Aus der anscheinend ewigen Notwendigkeit heraus hier noch der Link zum  Bremer Bündnis gegen Antisemitismus.

 

 

 

Wer ist schuld? Der Jude, na klar… [taz] March 13, 2013 | 06:46 pm

In der taz wir momentan über einen Israelboykott diskutiert. Eigentlich war die taz ja in Bezug auf Israel mittlerweile ganz erträglich. Dass nun das alte Ressentiment gegen Israel wieder debattierfähig wird stimmt doch eher bedenklich:

Der Nahostkonflikt ist zudem keine interne Angelegenheit und hat weitgehende internationale Implikationen: Politisch ist er ein wichtiger Faktor für weitere Radikalisierung in der arabischen und muslimischen Welt; rechtlich stellt Israels Politik einen massiven Bruch mit dem Völkerrecht dar, einem Hauptbaustein der internationalen Friedens- und Ordnungspolitik.

Leider ist die israelische Gesellschaft anscheinend nicht in der Lage, eine andere Politik einzuschlagen.

(Tsafir Cohen, Nahostreferent medico international der Debatte “Pro & Contra Israel-Warenboykott. Soll Deutschland Druck ausüben?“)

pic: Helga Tawil Suori

Doppelpack Deluxe: Daniel Kahn und Stephan Grigat January 10, 2013 | 02:41 am

Am Montag spielt der Klezmer-Punk-Kommunist Daniel Kahn mit seinen bunten Vögeln im Feierwerk, am Mittwoch hält der Stop-the-Bomb-Zionist Stephan Grigat einen Vortrag zum Thema „Die Einsamkeit Israels – der globale Antisemitismus und das iranische Regime im neuen Nahen Osten“. Es gab schon schlechtere Wochen im Schtetl.

DANIEL KAHN & THE PAINTED BIRD MEET THE BROTHERS NAZAROFF

Daniel Kahn vereint die besten Traditionen amerikanischer und jüdischer Musik – amerikanische Folksongs in der Tradition von Woody Guthrie oder Pete Seeger, und jiddische Protestsongs. Daniel Kahn fügt diesem Songkatalog elegant neue Facetten hinzu mit Liedern wie „Inner Emigration“, oder dem brillanten „Klezmer Bund“, in dem er mit seinen Musikern ein rotzig-ironisches Bündnis (be)schließt. Gleichzeitig ist Kahn ein Interpret von Arbeiterliedern, von Brecht/Eisler-Songs, wie ihn Deutschland seit den Tagen von Ernst Busch nicht mehr gesehen hat. Ein „Barrikaden-Sänger“ im besten Sinne des Wortes. Wenn Daniel Kahn mit seiner Band Lieder wie „In Kamf“, Mordechai Gebirtigs „Arbetslozer Marsh“ oder Brechts „Denn wovon lebt der Mensch“ singt, dann hören wir nicht brave museale Musikkultur, sondern dann wird wieder klar, dass diese Musik einmal für die Straße, für die Veränderung der Welt und nicht nur fürs Theater geschrieben wurde. Und daß Daniel Kahn und seine Musiker keineswegs gewillt sind, die „Lost Causes“ von vornherein verloren zu geben.

Montag, 14.01.2013 | 20.00 Uhr | 17 EUR | Feierwerk

DIE EINSAMKEIT ISRAELS – DER GLOBALE ANTISEMITISMUS UND DAS IRANISCHE REGIME IM NEUEN NAHEN OSTEN

Wer Anfang 2011 davor warnte, der arabische „Frühling“ könne sehr schnell in einem Siegeszug der islamistischen Moslembrüder enden und für Israel zu einer neuen Bedrohung führen, galt als Schwarzseher, der „den Arabern“ keine Demokratie „gönnen“ würde. Heute ist nicht zuletzt angesichts der Wahlergebnisse in Ägypten Ernüchterung eingetreten. Nachdem die Erfolge der Islamisten nicht mehr geleugnet werden können, geht man dazu über, ihre Ideologie schön zu reden.
Die zentrale Frage lautet, ob jener für den Nahen Osten so typische Mechanismus durchbrochen werden kann, bei dem die innergesellschaftlichen und durch den Weltmarkt evozierten Widersprüche, die durch den Sturz von Mubarak in Ägypten oder von Ben Ali in Tunesien nicht verschwunden sind, stets in hemmungslose Aggression gegen den jüdischen Staat transformiert werden. Bisher gibt es wenig Anzeichen dafür, dass das in absehbarer Zeit gelingen kann. Ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Möglichkeiten für solch ein Gelingen wäre der Sturz des iranischen Regimes, ohne dessen Politik der letzten 30 Jahre kaum eine Entwicklung im Nahen Osten zu verstehen ist.

Mittwoch, 16.01.2013 | 20.00 Uhr | LMU | Raum E004

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Israelkritik als die Fetischisierung von Staatlichkeit – Bericht und Mitschnitt des Vortrages über den Jargon der Israelkritik von Leo Elser in Freiburg December 17, 2012 | 09:06 am

So wie der Antisemitismus die Fetischisierung der Warengesellschaft sei, so sei die Israelkritik die Fetischisierung der Staatlichkeit, erklärte Leo Elser in seinem Referat am 30. November 2012 zum Jargon der Israelkritik vor den rund 30 Zuhörenden an der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Eingeladen hatte der stipendiatische Arbeitskreis Antisemitismus beim Studienwerk der Rosa-Luxemburg-Stiftung, der Landesarbeitskreis [...]

Die un_kritische Theorie Judith Butlers? Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012 December 5, 2012 | 04:12 pm

Vor einigen Monaten diskutierte (nicht nur) die politische Linke die Frage, ob Judith Butler eine würdige Preisträgerin des nach und gegen Adorno benannten Preises der Stadt Frankfurt sei. Butlers Unterstützung für antiisraelische Boykottkampagnen und die Bekundung, Hamas und Hisbollah wären Teil der globalen Linken, widersprachen allzu deutlich dem, wofür der Namensgeber des Preises einstand. Wir dokumentieren Beiträge, die Adorno gegen seine Preisträger verteidigen (Alex Gruber und Magnus Klaue) und den grundlegend affirmativen Zug der als so radikal gefeierten Gender-Theorie und Moralphilosophie Butlers versuchen darzulegen (Lars Quadfasel). Hinzu kommt aber auch eine Position (Ole Frahm), die Butlers Philosophie als einen Versuch sich in einer bestimmten jüdischen Tradition zu denken liest und Kritik an den Kritikern der Verleihung übt.

Alle Dateien sind auch auf Rapidshare zu beziehen.

Adorno gegen seine Preisträger verteidigt.

Wir beginnen mit einer Gegenveranstaltung zur Preisverleihung an Butler. Die Initiative Adorno gegen seine Preisträger verteidigen! lud Alex Gruber und Magnus Klaue am 11.09.2012 in das Studierendenhaus der Universität Frankfurt a. M.

Einführung zur Veranstaltung von Christoph Zwi

    Download: via AArchiv (mp3; 6 min; 8 MB)

Alex Gruber: Zur Austreibung des Objekts – Judith Butlers postmoderne Affirmation des Bestehenden

Was Adorno in Bezug auf die Semantik der analytischen Philosophie, an die Judith Butler etwa in „Haß spricht“ kritisch anschließt, bezogen feststellt, gilt in verstärktem Maße auch für die Diskurs- und Anredetheorie der poststrukturalistischen Denkerin: Ihre isolierende Sprachkritik ist durch den Charakter des Fetischismus bestimmt. Butler glaubt im Rückgriff auf John L. Austins Sprechakttheorie, dass „Trübungen und Trugtendenzen, die an der Sprache zu beobachten sind“ in der zum Diskurs ontologisierten Struktur der Sprache angelegt sind, „anstatt dass die Worte stets gesehen werden als ein Wechselspiel, als ein Kraftfeld zwischen dem was sie in der Sprache sind, und dem was sie bedeuten, was eben die reale Gesellschaft ist“ (Adorno). Vielmehr ist von Butler das Kommunikationsmittel Sprache gleichsam absolut gesetzt; so absolut dass sie keinerlei Gegenständlichkeit außerhalb der Sprache gelten lassen und jede Annahme eines Außersprachlichen als unzulässige Essentialisierung oder Substantialisierung austreiben möchte. Diese dekonstruktivistische Jagd auf den Vorrang des Objekts ist es zugleich auch, worin jenes Drängen zur Praxis fundiert ist, welches Judith Butlers Theorie charakterisiert und ihr das Flair der Kritikerin verschafft – während es doch nur die zur Tat schreitende Verdopplung der gesellschaftlichen Naturbeherrschung darstellt.

    Download: via AArchiv (mp3; 31 min; 43 MB)

Magnus Klaue: Leib ohne Gewicht – Judith Butlers Körperpolitik

Zu Beginn ihres Buches „Das Unbehagen der Geschlechter“ stellt Judith Butler ausdrücklich fest, sie verstehe sich nicht als „Feministin“. Feminismus ist für sie Ausdruck einer repressiven „Identitätspolitik“, die letztlich nichts anderes als die Durchsetzung schnöder Interessen betreibe und die einzelnen Frauen zu diesem Zweck auf ein gemeinsames, vermeintlich ontologisches Prinzip des „Frauseins“ verpflichte. Butler selbst setzt dem jedoch keinen Begriff von Individualität entgegen, der über die Ontologie des Geschlechtscharakters hinausweist, sondern plädiert in letzter Konsequenz für den Rückbau selbst noch der Residuen von Individualität, die im bürgerlichen Geschlechtscharakter angelegt sind, zugunsten einer partikularistischen „Vielheit“ fluider Rollenmuster. Die regressiven Implikationen dieser „Körperpolitik“ lassen sich besonders anschaulich an Butlers Exorzismus des Leibbgeriffs zeigen: Indem sie den pauschal als theologisch oder zumindest metaphysisch denunzierten Begriff des Leibs zugunsten eines als krudes Material gesellschaftlicher Zurichtung aufgefassten „Körpers“ preisgibt (geschlechtertheoretisch zeigt sich dies an der Ersetzung des Sexus durch „Gender“), tilgt sie jede Möglichkeit der reflektierenden Erinnerung an die erste Natur im Menschen durch blinde Affirmation der zweiten Natur, der auch ausgeliefert sei, wer der schlechten Vergesellschaftung widerstehen wolle.

    Download: via AArchiv (mp3; 31 min; 42 MB)

Lorettas Leselampe: Anmerkungen zur Diskussion um Judith Butler

Die bereits hier erwähnte Sendung des Freien Senderkombinats Hamburg zeigte sich dagegen überrascht, wie roh gelegentlich mit den Versuchen einer Philosophie umgegangen wird, die versucht in einer bestimmten jüdischen Tradition sich zu denken. Ole Frahm arbeitet in der Sendung aus dem Oktober 2012 mit diversen Einspielern aus Vorträgen Butlers und übt Kritik an den Kritikern der Preisverleihung (etwa Grigat, Way,…)

    Download: via AArchiv (mp3; 82 min; 112 MB)

Lars Quadfasel: Die schöne Seele des Poststrukturalismus – Die un_kritische Theorie Judith Butlers

Auf Einladung der Association Antiallemande Berlin referierte Lars Quadfasel im Laidak über die un_kritische Theorie Judith Butlers

Zu zeigen wird im einzelnen sein dass die so populär gewordene Vorstellung, das menschliche Natursubstrat sei nichts als ›diskursiv konstruiert‹, d.h. rein durch Sprache erschaffen, eine groteske Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus darstellt – eines Idealismus allerdings, dessen (nunmehr als »Gesetz«, »Norm« oder »Diskurs« fungierender) Geist so allmächtig wie geistlos ist; dass die queere Subversion der Geschlechterdualität exakt der Logik des Kapitals folgt, unter dessen Herrschaft längst auch von Frauen mannhaftes Durchsetzungsvermögen und von Männer ‚weibliche Tugenden‘ (Empathie, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenz) gefordert wird; dass die »Dekonstruktion« von Körper und Geschlecht daher bloß nachvollzieht, dass den Menschen ihre eigene Leiblichkeit mehr und mehr zum Störfaktor mutiert – und zugleich, in der Verleugnung des menschlichen Natursubstrats, exakt das dem kritischen Blick entzieht, was die Menschen der Herrschaft so gefügig macht: das Ineinander von Gesellschaft und Leib, erster und zweiter Natur, in Gestalt von Entbehrung, Schmerz und Leid; dass Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird; dass in der postmodernen Puppenstubenidylle, als welche die Welt in der Butler’schen Theorie erscheint, nichts vorkommen kann, was nicht durch ein bisschen Treu und Redlichkeit wieder ins Lot zu bringen wäre – nicht Auschwitz also, die vollendete Barbarei, und auch nicht diejenigen Kräfte, die heute das Werk des Vernichtungsantisemitismus fortzuführen und zu vollenden trachten; dass also, kurz und bündig, Butlers Gedankenwelt weder, wie von ihren linksradikalen Adepten behauptet, revolutionär noch, wie von ihr selbst intendiert, reformistisch ist, sondern schlicht und einfach die zeitgemäße Ideologie des akademischen Kleinbürgertums: die Einladung zum bedingslosen Mitmachen, ohne je selber dafür Verantwortung übernehmen zu müssen.
Lars Quadfasel ist assoziiert in der Hamburger Studienbibliothek und der Gruppe Les Madeleines. Er publiziert in verschiedenen Zeitschriften (u.a. konkret, Jungle World, Extrablatt) und Sammelbänden, zuletzt in: Annika Beckmann u.a. (Hg.), Horror als Alltag. Texte zu »Buffy the Vampire Slayer« (Verbrecher Verlag 2010).

    Download: via AArchiv (mp3; 50 min; 69 MB)
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Vortrag in Halle an der Saale am 11. Dezember: Mit der 3D-Brille gegen Antizionismus? Kritik der Interventionen gegen den israelbezogenen Antisemitismus November 30, 2012 | 06:32 pm

Ohne die Kritik seiner israelbezogenen Spielart lässt sich Antisemitismus nicht mehr treffend kritisieren. Der jüdische Staat ist auch in Deutschland das bevorzugte Objekt von Antisemiten, um endlich das sagen zu können, was sie sich über die Juden nicht einmal mehr zu denken trauen. Das hat sich längst rumgesprochen: Vom Antisemitismusbericht der Bundesregierung, über Frank Schirrmacher in [...]

links (25. November 2012) November 25, 2012 | 09:26 am

Die vergangene Nacht (bis vor einer halben Stunde) widmete der RBB Rosa von Praunheim. In einer Folge von “Rosas Welt” äußerte sich der Bildhauer Karsten Klingbeil über seinen “persönlichen Holocaust”, den er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft erlebt habe. Es sei “genauso” gewesen. Hier geht’s zur Mediathek.

  • Neues von der beliebten Vollflachzange Xavier Naidoo: “Ich schneid’ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ihr tötet Kinder und Föten. Ihr hab einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” Und keine gute Verschwörung kommt ohne einen Link zu alteingessenen aus: “Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht, Teil einer Loge getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote.” Diese Zeilen sind in einem ‘hidden track’ auf einem gemeinsam mit einer nicht minder dümmlichen Person namens Kool Savas aufgenommenen Album zu hören. Abhaten gegenüber der Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch; eine wirre Neuverschwörung in der Schwule Föten töten würden und das Ignorieren von Lesben - die sind doch bestimmt auch ganz widerlich und schlecht für den deutschen Volkskörper oder? Ach, vielleicht finden sie die ganz dufte, weil “Möse” und vermeintlich keine Penetrationsmacht? Mittels “Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” ist das ja indirekt geklärt. Und an anderer Stelle noch ein kleiner Verschwörungsnachschlag inkl. autoritärer Sehnsucht: ”Wo sind unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?” um etwas gegen “furchtbare Ritualmorde an Kindern, die tatsächlich ganz viel in Europa passieren” zu tun. unfuckingbelieveable (via queer.de).
  • Alle Bildungsarbeit der Welt ist Perlen vor die Säue, wenn personifiziertes Bescheidwissen weiterhin Unsinn erzählen darf. So wie bspw. neulich in Bopfingen. Irgendwo im Schwäbischen. Dort meinte Prof. Dr. Gerhard Hirschfeld die These zu verkaufen, dass der Antisemitismus weitgehend auf “schlichte[r] Habgier” basiere. Die lokale Journaille “Schwäbische Zeitung” zieht sprachlich weiterhin vom deutschen Leder und verwendet in seiner Berichterstattung gerne und ohne Anführungszeichen Ausdrücke wie “Reichskristallnacht” oder die “in Palästina ausgetragenen Kämpfe”. Einzig der Hinweis darauf, dass der Ausdruck “christlich-jüdische Tradition im Abendland” blanker Hohn ist, sollte positiv angerechnet werden. Auch wenn das einem Mindestmaß gleichkommt. In der “Jüdischen Allgemeinen” erschien anlässlich des 9. November ein lesenswerter Artikel zu Begrifflichkeiten (und ihrem Wandel) rundum die Novemberprogrome 1938 und ein weiterer dazu wie sie bzw. aktueller Antisemitismus gegenwärtig (de)thematisiert werden.
  • Deutschland am 9. November 2012: nachdem die Stimmung im mecklenburgischen Kaff Wolgast schon gefroren ist - ein Asylbewerberheim wird eingerichtet, das Fernsehen berichtet ganz, ganz fies über die doch gar nicht so rassistischen Äußerungen und Handlungen (Landser et. al. für den ganzen Wohnblock unfreiwillig hörbar) der ortsansässigen Deutschen, die daraufhin rumheulen - sollte nun die NPD also ausgerechnet am 9. November mit einem genehmigten Fackelzug durch das Drecksnest bis vor die örtliche Gemeinschaftsunterkunft ziehen (beim Kombinat Fortschritt gibt es auch einen Überblick zur aktuellen Situation vor Ort). In Greifswald war man unterdessen subtiler und entfernte Stolpersteine. “Polizei vermutet politisches Motiv” - diese Füchse…
  • Eigentlich sollte es nach einigen Äußerungen seitens Sigmar Gabriel und der Geschichte des Antisemitismus in Arbeiterorganisationen nicht verwundern, aber dass die SPD ganz unverhohlen mit der Fatah “flirtet” sorgt wenigstens bei mir doch noch für erschrockenes Stirnrunzeln.
  • Die aktuelle Situation im Nahen Osten ist (wenigstens für mich) noch nie so mürbend wie heute. In vielerlei Hinsicht. Auf einer Mailing-Liste “linker Akademiker_innen” wird Ken Jebsen promotet und Israel direkt mit dem NS verglichen. Stark. Dennoch eine kleine Auswahl lesenwerter Beiträge: zunächst “An all die Mahner, Kopfschüttler, Abwiegler” von Lila (“letters from rungholt”). Des weiteren ist Felix Riedel auf “nichtidentisches” wieder einmal zu empfehlen: “Das Ende der Propaganda”. Beim Telegraph findet sich eine Medienanalyse mit dem Titel “Pallywood and the pornography of death: the Western media suckered again”. Klassiker: Stephan Grigat - “Befreit Gaza - von der Hamas”. Roland Benedikter über die strategischen Züge und Bedeutung auf internationaler Ebene: “Gaza - warum gerade jetzt?”. In dem etwas betagten Text “Der Krieg gegen die Juden” von Robert Kurz finden sich interessante Gedanken. Und falls mal wieder die Lust am Argumentieren oder Pöbeln fehlt, lässt sich ggf. auf dieses Video über “Israel in den deutschen Nachrichten” zurückgreifen.
  • Unterdessen in Uganda: das Parlament hat sich als “Weihnachtsgeschenk” für seine Bevölkerung überlegt, einen zweiten Versuch zu starten und einen neuen Gesetzentwurf einzubringen, der diese vor der “ernsthaften Bedrohung”, die von homosexuellen Menschen ausgehe, schützen soll. Diesem Entwurf zufolge soll die Todesstrafe nicht mehr bei “schweren Fällen von Homosexualität” sondern “nur noch” bei “Pädophilen” angewendet werden. Die bisher bereits verankerten, lebenslangen Haftstrafen, die Schwulen und Lesben (anderweitige Schubladen sexueller oder geschlechtlicher Identität wurden bisher nirgends erwähnt, ist bei diesem rigorosen Hass aber ohnehin vollkommen obsolet) bei öffentlicher Auslebung ihrer Sexualität jetzt bereits drohen, bleiben freilich bestehen. Mit dem neuen Gesetz soll dann auch “Werbung” für Homosexualität (???) und das Vermieten von Wohnungen an homosexuelle Menschen mit bis zu fünf Jahren Knast bestraft werden. Hmm - Fuck you.
  • In Frankreich wird unterdessen munter gegen die Möglichkeit einer Ehe für homosexuelle Paare demostriert.
  • Das italienische Klima scheint derweil nicht nur ungemein sexistisch (vgl. Berlusconi) sondern auch homophob zu sein: ein elfjähriger Schüler hat sich, nachdem er wiederholt ob seines Erscheinungsbilds sowie seiner sexuellen Orientierung von dessen Mitschüler_innen gemobbt wurde, selbst umgebracht. So viel zu “it get’s better”.
  • Das soziale Klima in Griechenland ist unterdessen auch gruselig: Neonazis machen sich bereit das Land zu bestimmen. Selbstjustiz, Gewalt auf den Straßen, Rassismus, Antisemitismus - auch im Parlament. Mehr von Federica Matteoni in der jungle World.
  • “Am 6. November berichtete die Frankfurter Rundschau, dass ein 41jähriger Deutscher äthiopischer Herkunft Strafanzeige gestellt hat, nachdem er von Beamten des Polizeireviers im Frankfurter Stadtteil Bornheim (Hessen) misshandelt und bewusstlos geschlagen worden sei. Im Gespräch mit der Zeitung gab der Mann an, am Abend des 17. Oktober sei zunächst seine Verlobte bei einer Fahrkartenkontrolle von Kontrolleuren in der U-Bahn festgehalten und in rassistischer Weise beleidigt worden, obwohl sie einen gültigen Fahrausweis habe vorzeigen können. Die hinzugerufenen Polizisten hätten anschließend seinen Personalausweis sehen wollen, den er nicht dabei gehabt habe. Daraufhin sei er auf dem Weg zu seiner Wohnung, in der sich der Ausweis befand, auf offener Straße geschlagen worden, zudem sei er in rassistischer Weise beleidigt worden.” (via “Deutsches Haus” 46/12)

Anhören:

Termine:

Universelle Emanzipation statt Krieg gegen Israel November 22, 2012 | 09:17 am

Die Gründung des Staates Israel war die zionistische Antwort auf den immer stärker grassierenden Antisemitismus in Europa und der Welt. Die Juden sollten nicht mehr länger vom Gutdünken anderer Nationen abhängig sein, in denen sich der latente Antisemitismus regelmäßig in Wort und Tat artikulierte. Die Zionisten unternahmen somit ab dem späten 19. Jahrhundert den Versuch, [...]

Solidaritätskundgebung: We stand with Israel! November 19, 2012 | 09:39 pm

Wir dokumentieren den Aufruf des Solidaritätsbündnisses für Israel zur Kundgebung am Sonntag, dem 25. November, um 18.00 Uhr am Jakobsplatz in München:


„Solidarität, die keiner Erläuterung und Rechtfertigung bedarf und die nicht verhandelbar ist“

We stand with Israel!

Ein Bündnis von annähernd 200 israelsolidarischen Gruppierungen, Gemeinden, Städtepartnerschaften und Organisationen aus allen gesellschaftlichen Kreisen verurteilt den Raketenbeschuss auf Israel aus dem Gazastreifen. Der Auslöser für die derzeitige Eskalation zwingt Israel zu Verteidigungsmaßnahmen, das haben auch die deutsche Bundeskanzlerin und der deutsche Außenminister deutlich zum Ausdruck gebracht. Es gibt keine Rechtfertigung für die Gewalt, die die Hamas und andere brutale Terrorgruppen des Iran seit Monaten und Jahren gegen die Menschen in Israel ausüben.

Der ständige Raketenbeschuss durch Terroristen aus dem von der Hamas regierten Gazastreifen auf Israel muss endlich ein Ende haben! Selbstverständlich hat Israel, wie jeder Staat der Welt, die Pflicht zur Selbstverteidigung. Wir unterstützen Israel darin, die israelische Zivilbevölkerung gegen die brutalen, menschenverachtenden und ständigen Angriffe dieser Terroristen zu schützen. Die Hamas missbraucht Kinder und andere Zivilisten als menschliche Schutzschilde, um ihre Waffenarsenale zu sichern. Bisher wurde dieser tägliche Terror von der Weltöffentlichkeit und von den Medien hierzulande ignoriert bzw. stillschweigend hingenommen. Ursache und Wirkung dieser Eskalation werden immer wieder verkehrt – „Aktion und Reaktion“.

Auslöser der heutigen Situation waren die über 700 Raketen, die allein 2012 auf Israel abgefeuert wurden. Wir wünschen uns daher mehr Verständnis für diese Situation und eine faire Berichterstattung. Weder ist Israel Aggressor, noch war es Initiator der jüngsten Eskalation. Wir fordern, die monatlichen EU-Hilfsgelder für Gehälter von verurteilten palästinensischen Terroristen sofort zu stoppen. Genauso unterstützen wir den Aufruf an die Parteiführung der SPD, die intensivierte Zusammenarbeit von SPD und Fatah auf der Grundlage „gemeinsamer Werte‘‘ zu überdenken.

Wir hoffen, dass dieser Albtraum aus Gewalt und Terror bald ein Ende hat. Alle Menschen in der Region haben ein Recht auf ein Leben in Frieden, Freiheit und in Sicherheit. Wir erklären unsere tiefe Verbundenheit und Solidarität mit Israel, der Heimstätte für Jüdinnen und Juden und der einzigen rechtsstaatlichen Demokratie im Nahen Osten. Wir rufen alle Unterstützer von Frieden und Demokratie dazu auf, in diesen Zeiten an Israels Seite zu stehen.

Solidaritätsbündnis für Israel

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Es geht wieder los November 18, 2012 | 04:09 pm

Im Zuge der aktuellen Entwicklung in Israel fanden auch am Samstag wieder Menschen am Münchner Stachus zusammen, um ihre Schilder hochzuhalten. Sie forderten ein Ende der Angriffe auf Gaza. Mit den Raketen auf Israel soll es aber so weitergehen.

Zwei Kinder hüpfen geschäftig vor der Gruppe herum, die sich am Samstag zur „Pro Gaza Demo“ am Münchner Stachus versammelt hat. Der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ hatte kurzfristig dazu aufgerufen, die Organisation Amnesty International schloss sich an. Der eine Bub schwingt eine palästinensische Fahne und er sieht auch ein bisschen aus wie eine, seine Kleidung ist in den gleichen Farben gehalten. Stolz trägt der andere ein großes Schild um den Hals, das bis zum Boden reicht: „Israel tötet illegal“, steht darauf. Es reiht sich nahtlos ein in die anderen Schilder: „Stoppt Israels Staatsterror!“ oder „Free Palestine“. Von Frieden ist hier nicht die Rede und um Frieden geht es der Versammlung auch nicht.

Mit keinem Wort fordern sie ein Ende der Raketenangriffe auf Israel, womit man dem Frieden zumindest einen Schritt näher käme. Weder am Samstag, geschweige denn die Wochen zuvor störten sie sich am Raketenhagel, als die Menschen im Süden Israels nur auf ihr Glück hoffen konnten und die israelische Regierung ausharrte. Die Verzweiflung dieser Menschen hat die Teilnehmer der Demonstration zu keiner kritischen Äußerung bewegt, wenn sie diese nicht sogar mit Genugtuung aufgenommen haben.

Was ihre Gefühle in Wallung bringt, sind die Konsequenzen aus dem Dauerbeschuss: Israels Selbstverteidigung. Ein junger Mann zeigt ein Schild mit der Aufschrift „IsraHell“, das beliebteste Wortspiel mit Israel noch vor „USrael“. Teilweise gleichgültig, teilweise zustimmend, nehmen Passantinnen und Passanten die Demonstration zur Kenntnis. Niemand erweckt den Eindruck, sich daran zu stören. Die Verächtlichmachung des Judenstaats in der deutschen Öffentlichkeit ist längst Normalität geworden.

In den nächsten Wochen ist in München mit zahlreichen, noch deutlich größeren Demonstrationen zu rechnen, die den ohnehin üppig gefüllten antiisraelischen Veranstaltungskalender um aktionistische Darstellungsformen bereichern werden. Ein kalter Herbst wird das, noch kälter als erwartet.

Gewohnt hintersinniger „Humor“: Antiisraelisches Plakat, gezeigt am 17. November 2012, Stachus

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Vortrag am 30. November in Freiburg: Jargon der Israelkritik November 14, 2012 | 11:39 pm

Obwohl es ihnen niemand streitig macht, beharren die Israelkritiker auf ihrem Recht, ihre Meinung über und gegen den jüdischen Staat zu äußern. Indem sie sich, in Hegels Worten, auf ihr inwendiges Orakel berufen, darauf nämlich, dass es sich dabei eben um ihre Meinung handle, schotten sie sich ihrerseits ab gegen Kritik. Dagegen wäre der Begriff [...]

Kälteeinbruch schon im Herbst November 4, 2012 | 04:36 pm

Im November kommt es dicke. Nicht nur Moshe Zuckermann ist wieder zu Gast, auch wird das Buch „Die Araber und der Holocaust“ vorgestellt – mit freundlicher Unterstützung der Landeshauptstadt München. Ein Ausblick auf frostige, antiisraelische Wochen.

Montag, 12 November:
Was Sie noch nie über Israel wissen wollten, sich aber immer schon gefragt haben | Eine Bayerisch – Israelische Polit-Revue | mit Nirit Sommerfeld und Linda Benedikt |Theater im Fraunhofer | Verantwortlich: Club Voltaire München

Mittwoch, 14. November
Der gewaltfreie Widerstand in Palästina, wohin führt er? | Vortrag mit Diskussion | mit Saeed Amireh | EineWelthaus | Verantwortlich: Club Voltaire München, Landesarbeitsgemeinschaft Frieden und Internationale Politik der Partei Die Linke, Internationaler Versöhnungsbund

Donnerstag, 15 November
Der vergessene Kampf der Beduinen in Israel | Ein Feldbericht | mit Riyad Helow | Räumlichkeiten der Initiativgruppe | Verantwortlich: Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe München

Freitag, 16. November
Israels Besatzung ein koloniales Projekt: Die Siedlungen als Geschäft | mit Prof. Dr. Gadi Algazi | Räumlichkeiten der Initiativgruppe | Verantwortlich: Salam Shalom Arbeitskreis Palätina-Israel e.V.

Sonntag, 18. November
Matinee: Was wird aus Jerusalem? | Vortrag, Diskussion und Filmvorführung „Jerusalem – the East Side Story“ | mit Mohammed Alatar | Atelier-Kino | Verantwortlich: Jüdisch-Palästinensische Dialoggruppe

Dienstag 20. November
Ein Huhn in Gaza – Ein Einblick in die Lebensumstände in Gaza | Vortrag mit Diskussion | mit Peter Voß | EineWeltHaus | Verantwortlich: Munich American Peace Committee

Dienstag, 27. November
Der Israel-Palästina-Konflikt: eine unendliche Geschichte? | Aufstellung mit anschließender Reflexion (Workshop) | mit Dr. Ruth Sander | Verantwortlich: Dr. Gabriele Heyers

Donnerstag, 29. November
Die Araber und der Holocaust | Buchvorstellung, Lesung und Diskussion | mit Dr. Gilbert Achcar | EineWeltHaus München | Verantwortlich: Trägerkreis EineWeltHaus München e.V. mit freundlicher Unterstützung des Kulturreferats der LH München und dem Verein für solidarische Perspektiven

Freitag, 30. November
Existenzbedrohung – Wahn und Wirklichkeit | mit Moshe Zuckermann | Gewerkschaftshaus | Verantwortlich: der Münchner Aufruf „Kein Krieg gegen Iran“ in Kooperation mit der GEW (Stadtverband München)

Leseempfehlung: Dann bin ich halt ein Antisemit

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Häufig gestellte Fragen an den BAK Shalom October 7, 2012 | 04:56 pm

Seit unserem Bestehen 2007 werden wir immer wieder mit bestimmten Fragen konfrontiert, die oftmals auf Gerüchten, Fehlinformationen oder Missverständnissen beruhen. Daher haben wir an dieser Stelle einige von ihnen zusammengetragen und beantwortet. Dabei ist uns bewusst, dass viele Fragen aufgrund ihrer Komplexität einer längeren Antwort bedürften. Dies trifft insbesondere auf die Definition des Antisemitismus zu, [...]

Once more, with feeling September 21, 2012 | 12:58 am

Dieser Text kann auch als PDF gelesen werden.
 

Once more, with feeling

Gegen Islam und Aufklärungsverrat!

 

„›Die Linke‹ ist tot, aber die meisten Linken haben es gar nicht bemerkt und einige wollen es nicht so recht wahrhaben.“

„Der linke ›Common sense‹ ist die moraline Variante der herrschenden Meinung, die bekanntlich die Meinung der Herrschenden ist.“

Joachim Bruhni

 

Die Antisemiten in der deutschen Linken haben es nicht leicht: Anders als den Rechten, die ebenfalls ihren Antisemitismus nach 1945 unter dem Joch des gesellschaftlichen Tabus verdrängen oder zumindest tarnen mussten, macht ihrem Hass auf die Juden auch das eigene, linke Selbstverständnis zu schaffen. Sie denken Antifaschisten im Kampf gegen Unterdrücker zu sein und das passt nicht zum Judenhass, außer die Juden seien selbst Unterdrücker: Auf der ersten Stufe des Selbstbetrugs rehabilitierte die deutsche Linke den Antizionismus. Der deutschen Palästinasolidarität, der die realen Probleme der Palästinenser und Palästinenserinnen vollkommen egal waren und sind, gelang ein preisverdächtiges Kunststück. Man konnte gegen den jüdischen Staat schlagen und sich als Vorhut des Sozialismus fühlen. Die eigene deutsche Vergangenheit wurde ihnen dabei zum moralischen Kapital im Abwehrkampf gegen den in Israel hineingeheimnißten Faschismus. Eigentlich hätte alles so gut sein können. Doch dann fiel die Sowjetunion und mit der Wiedervereinigung kam die antideutsche Kritik und machte den deutschen Linken den Antizionismus madig. Einige resistente Antizionisten wehren sich bis heute dagegen, aber nicht wenige Linke wurden antinational. Sie sind nun kritisch gegenüber Antisemitismus, den manche von ihnen auch im Antizionismus aufzuspüren gelernt haben. Ihre Entsorgung der Vergangenheit und Rehabilitierung des antiisraelischen feeling tarnt sich unter dem Mantel einer, von allen historischen Bedingtheiten abstrahierenden, pesudo-universalistischen Nationalismuskritik. Von Postnazismus will man nichts wissen und Solidarität mit Israel verbietet man sich, schließlich sei es doch auch nur ein Nationalstaat wie jeder andere. Die eigenen Demonstrationen hält man rein von Nationalflaggen, wovon selbstverständlich nur israelsolidarische Menschen betroffen sind und solche, die denken, man könne den Alliierten schon mal für die Befreiung der Welt von den Deutschen danken. Aber das genügt den Linken nicht mehr. Denn seit islamistische Rackets der USA, dem Hauptfeind aller Linken, ihre Verletzlichkeit demonstrierten, sieht man die Muslime und Muslimas der Welt der bevorstehenden Vernichtung ausgeliefert, wie es einst Palästinenser und Palästinenserinnen zu sein schienen. So packt man postmoderne Modetheorie und islamische Kampfbegriffe ins Gepäck und stürzt sich in den queeren Djihad gegen USA und Israel. Auch vor Hamburg macht die Rekrutierungswelle nicht halt. Bereits 2011 organisierten die undogmatischen Bündnisfetischisten von Avanti eine Veranstaltungsreihe zu „antimuslimischem Rassismus“. Ein Jahr später wurde das Thema ausgegriffen von Susann Witt-Stahl, die sich als Boykotteurin jüdischer Filme einen Namen machte und nebenberuflich antispeziezistische Leichenschändung an Vertretern der Kritischen Theorie betreibt. Doch die Hamburger Szene hat eigentlich ganz andere Sorgen: Sie befindet sich seit Jahren im verzweifelten Abwehrkampf gegen Aufklärung und Emanzipation, stets bemüht dem Gift der Ideologiekritik zu entrinnen. Die Einen versuchen, der Barbarei so viel als möglich Vorschub zu leisten, beschimpfen und schlagen panisch gegen alle, die ihnen als Szenevergifter gelten. Die anderen fühlen sich einem wie auch immer gearteten ideologiekritischen Projekt verbunden bzw. haben wenigstens einen noch so rudimentären Begriff von linkem Antisemitismus, dass sie für den Rest der Szene zu Hassobjekten erster Klasse werden. Nicht wenige von ihnen scheinen an Reintegration interessiert und versuchen „die Spuren ihrer Lektüre zu tilgen, wie manche Altersgenossen ihre Facebook-Fotos aus früheren Jahren.“ii Der Großteil der Hamburger Szene verharrt in Gleichgültigkeit: bloß keine Debatte, bloß keine Spaltung! So schrecklich dieser Konflikt für die darin Gefangenen, so grausam die Schläger der antiimperialistischen Rackets, so sonderbar die Versuche Postantideutscher in den antisemitischen linken Mainstream zurück zu finden: So sehr bleibt zumindest zu hoffen, dass das „[schleichende] Gift“ der Kritik noch mehr Linke „zum unfreiwilligen Eingeständnis ihres endgültigen Scheiterns“ treibt.iii Wir erlauben uns diese Hoffnung, denn ideologiekritische „Schriften werden weiterhin von Linksradikalen gelesen […] und werden von jungen, unschuldigen Gemütern aufgenommen und in ihr politisches Weltbild eingebaut.“iv

Wenn also Hamburger Linke schon wieder meinen, den Islam vor Kritik schützen zu müssen und einen Kongress gegen „antimuslimischen Rassismus“ veranstalten und die Rote Flora meint, nach den antiisraelischen Tiraden der Hamas-Freundin Inbal S. sei ein solcher Kongress eine willkommene Fortsetzung, finden wir genug gute Gründe, solchem Meinen seinen verdienten Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte auszuweisen.

 
 

Zuvor: Die Aufklärung vor sich selbst retten und gegen ihre Feinde verteidigen

Der Sieg der bolschewistischen Revolution 1917 war ein Befreiungsschlag. Viele verbanden mit ihr die Hoffnung, die Menschen könnten sich aus dem Stande der Unfreiheit lösen und eine vernünftige Gesellschaft einrichten. Es schien an der Zeit. Doch die Revolution beinhaltete auch die Bedingungen ihres Scheiterns: Zur Verteidigung der Revolution wurde die sozialistische Gesellschaft totalitär und erschuf das Archipel Gulag. 16 Jahre später siegte in Deutschland die totale Konterrevolution der Nazis. Der antisemitische Wahn hatte das Proletariat erfasst, von dem man sich doch den Kommunismus erhoffte, und die Grausamkeit des deutschen Verbrechens adelte noch den Krieg als Vollstrecker der Menschlichkeit. Spätestens mit dem Hitler-Stalin-Pakt verlor auch das realsozialistische Regime endgültig seine Unschuld. Inmitten dieses Wahnsinns stellte sich die Frage, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“v Adorno und Horkheimer versuchten sie mit der 1947 erschienenen Dialektik der Aufklärung zu beantworten: „schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“vi

Sechs Jahrzehnte später hat es auch in der deutschen Linken sich herumgesprochen, dass Aufklärung „problematisch“ ist. Allerdings nicht aufgrund der kritischen Theorie Adornos und Horkheimers, sondern weil sie das postmoderne Ticket zog. Von Lyotard lernte man, die Zeit der großen Erzählungen sei vorbei und auch die Aufklärung wähnt man erledigt.vii Ihren universalistischen Anspruch verdächtigt man des Vernichtungswunschesviii, ihr Beharren auf Vernunft schimpft man logozentrisch.ix Der Idealismus, den Marx einmal besiegt zu haben schien, feiert sein glorreiches Comeback in der Vorstellung, der gesellschaftliche Diskurs erschaffe die materielle Welt.x Inmitten dieser Sonnenfinsternis der vollendeten Gegenaufklärung heiratet der religiöse Fundamentalismus den antisemitischen Wahn und schenkt der Welt den Islamismusxi – an seiner Verteidigung üben sich die Adepten Foucaults, Spivaks und Butlers: Studenten, Intellektuelle, Linke und andere selbsternannte Gesellschaftskritiker. War es einst ihr Programm die Welt zu entzaubern, wenden sie sich nun gegen das Verschwinden der Spiritualität im Westen, das Verbot der Witwenverbrennung in Indien oder liberale Rechte von Homo-, Bi- und Transsexuellen in Israel. Was könnte man dieser völlig verkehrten Welt noch entgegensetzen? Wohl einzig den Versuch, „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“xii Der kritische Gedanke müsste, will er dem Wahnsinn nicht verfallen, durch Selbstbesinnung seinen pathischen Anteil negieren. Zwar ist es die Aufklärung selbst, die Gegenaufklärung hervorbringt und in Barbarei umschlägt, dennoch vermag nur die „ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung […] die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen.“xiii Es gilt, die Aufklärung vor sich selbst zu retten und gegen ihre Feinde zu verteidigen.

Doch es war die Härte und Strenge, mit der Aufklärung gegen die religiösen Spinnereien und den Zwang der Natur schlug, die ihr zum Verhängnis wurde. Sie wollte sich durch Beherrschung der Natur von deren Bann befreien und die Menschen aus der Furcht führen. Doch mit der Naturbeherrschung produziert sie einen neuen Zwang. Die Gesellschaft wird zur zweiten Natur, die Menschen, obschon durch die Entwicklung der Produktivkräfte zur Freiheit befähigt, stehen jetzt unter der Herrschaft des Kapitalverhältnisses. Aufklärung wird totalitär und das lässt auch die Vernunft nicht unbeschadet. Wo sie einst Hoffnung stiftete, die Menschen könnten sich als Gattung aus der Unmündigkeit befreien, steht sie heute selbst unter dem Verdacht des Totalitarismus. Gegen die Religionen denunzierte Aufklärung das Mythologische am Wahrheitsbegriff, aber sie traf auch sich selbst: Der Vernunft wird unterstellt auch nur Glaube zu sein und ihre Entzauberung macht sie zur Meinung unter vielen. Der Begriff des Universellen, für alle Menschen gültigen, objektiv Wahren, ohne den eine befreite Gesellschaft als freie Assoziation freier Individuen nicht zu denken ist, wird zur Ware auf dem Meinungsmarkt. Die Not, unter den Bedingungen einer zunehmend undurchsichtigeren und komplexeren Welt Meinungen für wahr nehmen zu müssen, ohne ihre Wahrheit prüfen zu können, verwischt den Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung.xiv Das adelt den subjektiven Wahn.xv So wird die islamische Barbarei zum gleichberechtigten Konkurrenten des Universalismusxvi und wer letzteren gegen ihren Sexismus oder Antisemitismus in Anschlag bringt, den schimpft man einen eurozentrischen Rassisten. Selbstverständlich im Namen der Emanzipation.

 

Postkoloniale Kulturschützer als Fünfte Kolonne des Mullahregimes

Es war einmal, 1979, da siegte im Iran die islamische Revolution. Michel Foucault sah darin Anlass zur Freude.xvii Etliche iranische Frauen allerdings sahen die Dinge anders als der Vordenker des heute modischen Queerfeminismus. Sie gingen auf die Straße, um gegen die vom Regime verordnete Zwangsverschleierung zu demonstrieren. Eben jenes Regime bastelt heute an einer nuklearen Bombe, mit der es den jüdischen Staat auslöschen will und der Rest der Welt gibt sich beste Mühe so zu tun als würde man dabei nicht tatenlos zuschauen. Einige Verrückte – Nazis, Antiimperialisten, Günter Grass und sonstige Antisemiten – begrüßen dieses Vorhaben, ein paar von ihnen versammeln sich jährlich zu Al Quds-Märschen, um die ersehnte Entjudaisierung Jerusalems schon im Hier und Jetzt zu feiern. Die meisten deutschen Linken interessieren sich nicht sonderlich für den Iran. Sich offen gegen ihn aussprechen oder gegen die Al Quds-Märsche demonstrieren wollen sie aber auch nicht. Man könnte da ja mit Rechtspopulisten in einen Topf geworfen werden, oder – für einige Linke noch schlimmer – mit Antideutschen und Ideologiekritikern. Man wähnt sich auf jeden Fall in gefährlicher Nähe zur gefürchteten Islamophobie.

Aber was soll das eigentlich sein? In seiner linken Verwendung soll Islamophobie ressentimenthafte, irrationale Kritik am Islam bezeichnen ebenso wie gesellschaftliche Diskriminierung gegenüber Muslimen und Muslimas. Seine Apologeten verstehen sich in herrschaftskritischer, antirassistischer Mission. Aus verschiedenen Gründen lehnen verschiedene linke Gruppierungen den Begriff ab, am häufigsten weil er Rassismus pathologisiere – und Pathologisierungen, meint man, entschuldigen den vermeintlichen Täter. Gesellschaftskritiker, deren Utopie die Welt der vielen, frei nebeneinander existierenden Diskurse ist – früher nannte man so etwas ein Irrenhaus – müssen im irrationalen Kranken wohl etwas Entschuldigendes, wenn nicht gar eine Würdigung sehen. Außerdem werde der Pathologisierte als Subjekt nicht ernst genommen – ähnliche Empörungen werden von Linken auch immer wieder gegen die Psychoanalyse vorgebracht. So wurden verschiedene Alternativen eingeführt: „antimuslimischer Rassismus“, „antiislamischer Rassismus“ oder der völlig perfide Begriff des „Antiislamismus“. Zwischen diesen Begriffen bestehen zwar jeweils kleine Unterschiede hinsichtlich ihrer Herleitung, doch in ihrer Verwendung findet man sie kaum. Sie alle speisen sich aus dem Begriff der Islamophobie.

Als die iranischen Frauen 1979 auf die Straße gingen, um gegen den Schleierzwang zu protestieren, bezeichnete das Mullahregime sie als „gegen den Islam“ und „gegen die Revolution“. Sie wurden nicht pathologisiert, dennoch gilt diese Brandmarkung als Geburtsstunde des Islamophobiebegriffs.xviiiEr ist kein herrschaftskritischer, sondern ein herrschaftstragender. In seiner Affirmation durch die postmodernen Linken wird er zur Neuauflage zweier alter, anti-universalistischer Projekte: Des Chauvinismus und des Relativismus. Den westlichen Chauvinismus gegenüber dem Orient nennt man Orientalismus, eine romantisierende, aber auch abwertende Verzerrung der orientalischen Gesellschaft, zur der auch der Islam zählt. Ihrer Bevölkerung wird eine homogene Identität unterstellt, um in Abgrenzung davon eine ebenso homogene westliche Identität zu entwerfen. Zur Kritik daran könnte man den Universalismus bemühen. Da den postmodernen Orientalismuskritikern aber Universalismus selbst als westlicher Partikularismus gilt, rekurrieren sie auf den Relativismus. Dieser erklärt westliche und orientalische Werte für gleichberechtigt. Somit wird zwar die Abwertung der anderen Kultur thematisiert, nicht aber die Unterstellung einer homogenen Kultur und die angebliche Unvereinbarkeit westlicher und östlicher Werte. Völlig unter den Tisch fällt, dass diese keine ahistorischen Gegebenheiten sind, sondern stets gesellschaftlich umkämpft werden und sich auch verändern können.xix Sein Siegeszug in der Linken gelang dem Relativismus spätestens mit dem Multikulturalismus der Anti-Globalisierungsbewegung. Dieser wollte, dass alle Kulturen in ihrer „authentischen“ Form friedlich nebeneinander existieren sollen. Solche Gesellschaftstheorie ist wirklich antikolonialistisch, denn im Gegensatz zum bürgerlichen Kolonialismus geht sie nicht mehr von der Zivilisierbarkeit der anderen Kultur aus. Stattdessen nähert sie sich dem Gesellschaftsbild der Nazis an, in dem es viele verschiedene Völker mit unvereinbaren, unveränderbaren Eigenschaften gibt – es ist offensichtlich, wie leicht dieser Antichauvinismus in Chauvinismus umschlagen kann.

Was die post-colonial studies, Antiimperialisten, Antikolonialisten und poststrukturalistischen Antirassisten nicht verstehen ist die Kehrseite des Orientalismus: der Okzidentalismus, der orientalische Überlegenheitsanspruch gegenüber dem Westen. Im Namen der Selbstkritik, des marginalisierten Diskurses, der Subalterne oder der hybriden, postkolonialen Identität machen sie sich den anti-westlichen Chauvinismus zu eigen.xx So ausgerüstet denkt man sich auf der sicheren Seite und gegen den totalitären Charakter der Aufklärung gefeit. Aber die postkolonialen Antirassisten verstehen die Dialektik der Aufklärung nicht. Die antidialektische Mission der postmodernen Theorie reduziert den Begriff der Aufklärung auf deren herrschaftliche, totalitäre Seite und wirft die emanzipatorische über Bord. Dadurch redet sie der Gegenaufklärung das Wort. Anstatt den Islam reformieren, abschaffen oder zumindest in die relative gesellschaftliche Irrelevanz verbannen zu wollen, wie es die Aufklärer einst mit dem Christentum versuchten, wird er unter Kulturschutz gestellt und vor westlichen Einflüssen verteidigt. Die Theorie schlägt um in Affirmation der Herrschaft, als deren Kritik sie sich geriert. Sie wird zur konformistischen Rebellion: Der Islamophobievorwurf gegen feministische Kritik am Kopftuchzwang wird transformiert zum antirassistischen Loblied auf das Kopftuch.xxi

 

Aller Orten „antimuslimischer Rassismus“ – nirgendwo Islam?

Mit Banalitäten wie der Dialektik der Aufklärung geben sich die Veranstalter eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ nicht ab. Ihnen geht es darum, „ein zentrales Element widerständiger Politik zurück zu erlangen: Handlungsfähigkeit!“.Man will sich in die Politik stürzen, „linke Positionen zu dem Themenkomplex [...] erarbeiten“.xxii. Das Ziel ist klar: „Ready for Action“ sein.xxiii Doch mit welchem Instrumentarium schreitet man zur Tat? Der Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ beschreibe „rassistische Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens oder ihrer vermeintlichen Herkunft für Muslime gehalten werden.“ Mit der „Kategorie Muslim_A“ seien „bestimmte Stereotype“ verknüpft, zum Beispiel die „[kollektive] Unterstellung“ von „antiemanzipatorischen, homophoben oder antisemitischen Einstellungen“.xxiv Die Kritik richte sich dagegen, dass „Mitglieder dieser konstruierten Gemeinschaft [...] homogenisiert“ und „auf zugeschriebene kulturelle bzw. religiöse Eigenschaften reduziert“ werden. Und es geht es auch um „Vorurteile gegen den Islam“, denn der „Islam [wird] dämonisiert“. Der christliche Westen des 16. Jahrhunderts behauptete, der Islam sei „eine Lehre der Unterdrückung, der Gewalt und der sklavischen Unterwerfung“ – und diese Behauptung sei an sich schon rassistisch.xxv

Es geht also um dreierlei: 1. die Identifikation von Menschen als Muslime und Muslimas anhand stereotyper Merkmale; 2. die homogenisierende Darstellungxxvi der Gruppe der Muslime und Muslimas; 3. die Dämonisierung des Islam. Während die ersten beiden Punkte zweifelsfrei Aspekte eines rassistischen Vorurteils sein können, richtet sich dieses nicht gegen Muslime und Muslimas, sondern gegen Menschen, die als Muslime und Muslimas identifiziert werden. Es ist kein „antimuslimischer“ Rassismus, sondern wäre treffender als antiarabischer zu bezeichnen. Deswegen trifft er auch „eher Menschen aus der Türkei, dem Iran oder dem arabischen Raum“ denn „aus muslimisch geprägten Ländern wie Malaysia, Indonesien oder Somalia“.xxvii Die Verbindung zur Islamkritik erklärt sich daraus, dass den Rassifizierten etwas angeblich ihrem Wesen zugehöriges nachgesagt wird, nämlich dass sie Muslime oder Muslimas seien. Diese Biologisierung bzw. Rassifizierung des Islam drückt sich am deutlichsten in der Forderung Serkan Törens (FDP) nach Ausbürgerung deutscher Salafisten aus. Die Möglichkeit einer aufklärenden Reeducation wird ausgeschlossen, nur den Ausschluss aus der Nationalgemeinschaft kann er als mögliche Problemlösung denken. Wer hier den Rassismus in der Kritik oder Dämonisierung des Islam sieht, statt in dessen Rassifizierung und der daran anknüpfenden Identifizierung vermeintlicher Muslime und Muslimas aufgrund ihres Aussehens, verklärt diesen. Die Aussage von Innenminister Friedrich (CSU): „der Islam gehört nicht zu Deutschland“, bringt das rassistische Motiv auf den Punkt. Nicht die jeweiligen Glaubensinhalte der islamischen Strömungen oder die tatsächlich damit einhergehenden antiemanzipatorischen Vorstellungen und Praxen ihrer Anhänger sind für den Rassisten entscheidend, sondern, dass der Islam und seine Anhänger undeutsch seien – bzw. nicht Teil des nationalen, europäischen oder abendländischen Erbes. Dies allerdings nicht den jeweiligen Nationalismen anzulasten, sondern einer angeblichen Dämonisierung des Islam, hat genau zwei Effekte: Der reale Rassismus wird nicht begriffen und der Islam kategorisch gegen Kritik immunisiert. Letzteres steht perfekt in der Tradition des Islamophobievorwurfs gegen die iranischen Demonstrantinnen.

Einen vorläufigen Gipfel der Absurdität erreicht der Begriff des antimuslimischen Rassismus schließlich, indem er sich der Beziehung zum Objekt, nicht dem vermeintlichen Rassisten, sondern dem Islam, verweigert. Wenn die Veranstalter des Hamburger Kongresses extra einen Disclaimer schreiben, um zu erklären, mit Islamkritik nichts zu tun zu haben und sich mit dem Islam nicht beschäftigen zu wollen, denn „[d]arum geht’s doch gar nicht!“, dann ist das nichts weniger als eine Absage ans Prinzip der Realitätsprüfung.xxviii Die eigene Meinung – „der Islam wird dämonisiert“ – steht fest, einer Verifizierung bedarf sie nicht. Woher wollte man denn auch wissen, welche Aussage über den Islam Vorurteil ist und welche nicht, wenn man doch ausdrücklich nicht über diesen reden will? Man kann es nicht, aber man kann auch nicht innehalten und auf diesen Missstand reflektieren: „Meinung, als die von ihrem Gegenstand noch getrennte ratio, gehorcht einer Art von Kräfteökonomie, folgt der Linie des geringsten Widerstands, wenn sie undurchbrochen der bloßen Konsequenz sich überlässt. […] Bloße Meinung neigt zu jenem Nicht-aufhören-Können, das Pathische Projektion heißen darf.“xxixUnd die hat es in sich.

Während die eigene Textproduktion und Kongressvorbereitung hauptsächlich auf die Immunisierung des Islam gegen Kritik hinausläuft, projizieren die Veranstalter des Kongresses genau dieses Vorhaben auf jedwede Islamkritik, die sie per Definition einer westlichen Mehrheitsbevölkerung zuschreiben. Dass Homophobie, Antisemitismus, Sexismus und Gewaltbereitschaft auch in der Mehrheitsbevölkerung existieren, würde geleugnet. Das zeige sich zum Beispiel an der Thematisierung von Ehrenmorden, schließlich seiGewalt gegen Frauen [...] kein spezifisches Problem des Islam, sondern ein gesamtgesellschaftliches.“ Das stimmt zwar, aber Ehrenmorde sind trotzdem eine spezifisch islamische Form der Gewalt gegen Frauen. Unbeirrt von solchen Differenzierungen fahren die Veranstalter fort und meinen: „Die Diskussion um Gewalt gegen muslimische Frauen wird instrumentalisiert, um von Problemen häuslicher Gewalt in der eigenen Gesellschaft abzulenken.“xxx Belege oder Argumente für diese These brauchen sie nicht. Dem interessierten Publikum wird es schon gefallen, seine eigene Meinung bestätigt zu sehen. Der Verweis auf die keineswegs rosigen westlichen Gesellschaften führt zur Relativierung der islamischen Barbarei, frei nach dem Motto: „Wenn man das im Westen auch so macht, dann darf man das den islamischen Gesellschaften nicht vorwerfen.“ Der Chauvinismus des Zivilisierten, der voller Verachtung auf die Wilden blickte, wurde selbstkritisch: Der Zivilisierte merkt, dass auch die Zivilisation nicht perfekt ist. Aus dieser richtigen Einsicht wird der falsche Schluss gezogen: Anstatt jede Form der Barbarei anzuprangern, verstummt man gegenüber der anderen. Günter Grass zum Beispiel entschuldigt sie so: „Wir haben das Glück der Renaissance, der Aufklärung gehabt und damit einen schmerzhaften Prozess durchgemacht… Die islamische Welt hat diesen Prozess nicht durchgemacht, sie befindet sich auf einer anderen Entwicklungsstufe und das muss man respektieren.“xxxiEs kommt noch schlimmer: „Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.“xxxii Wundert sich bei solchen Aussagen ernsthaft jemand, dass Grass sechs Jahre später den Iran zum Opfer Israels umdichtet?

Als Organisator eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ teilt man Grass’ Ressentiments gegen den jüdischen Staat natürlich nicht. Zumindest äußert man sie nicht öffentlich. Stattdessen behaupten die Veranstalter, „den Blick nur auf den Antisemitismus der anderen zu richten“ solle „vom Antisemitismus in der eigenen Gesellschaft“ ablenken. Sie hätten ihre eigene Feststellung, „dass die Ursprünge des Antisemitismus als europäisches Phänomen von den Kolonialmächten in die arabische Welt getragen wurden“, ernster nehmen sollen. Dann könnten sie historisch nachvollziehen, dass das Zentrum des globalen Antisemitismus sich nach 1945 aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung von Deutschland in die islamischen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Osten verlagerte. Zu solcher Reflexion unfähig, behaupten sie, der Antisemitismus sei etwas dem Islamismus äußerliches. In der Konsequenz läuft das hinaus auf die Meinung, die islamistischen Akteure der zweiten Intifada hätten die „Kritik an der Politik Israels [...] missbraucht […] um Antisemitismus in vermeintlich legitimer Form zu äußern.“xxxiii Als ob sich die Hamas für political correctness interessierte! Als ob Antisemitismus der islamistischen Israelkritik äußerlich sei!

Die Inschutznahme islamistischer Mörderbanden geht noch weiter: Der Afghanistankrieg wird zum „vorläufigen Höhepunkt“ des „Generalverdachts“ gegen Muslime umgedeutet. Die Autoren suggerieren allen Ernstes, die USA hätten in Afghanistan nicht die realen, zweifelsfrei für den Elften September verantwortlich zu machenden Taliban und Al Qaeda, sondern die, rassistisch unter „Generalverdacht“ gestellte, muslimische Bevölkerung angegriffen.xxxiv Damit entlasten sie die Drahtzieher des Attentats und stellen diese als Opfer eines amerikanischen Rassismus dar. Hier wird deutlich, wie die Islamophobiekritik nicht nur dem Antiamerikanismus der Linken Vorschub leistet, sondern auch die Querfront mit antiamerikanischen, antisemitischen Islamisten vorbereitet.xxxv

 

Hybride Identitäten im 21. Jahrhundert: Der islamophile Islamhasser und seine Kritiker

Wer behauptet, es gäbe keine Querfront zwischen Islamisten und den Adepten postmoderner Theorie, belügt sich selbst. Man kann das antirassistische Loblied aufs Kopftuchnicht den Veranstaltern des Kongresses anlasten. Sie singen es zwar lautstark mit, aber geschrieben haben sie es nicht. Wer es zuerst sang, wissen wir nicht, wohl aber, dass es noch abstoßendere Interpretationen des Motivs gibt: Christina von Braun und Bettina Mathes nehmen in ihrem Buch Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen etwa zustimmend Bezug auf die Gründer des Islamismus: „Schon die ägyptische Moslembruderschaft etablierte einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Entkleidung des westlichen Frauenkörpers [...] Der Westen missbrauche Frauen und weibliche Sexualität, um den Profit zu maximieren; die Werbung beute die Frau im Dienste des Kapitalismus aus.“Die Umdichtung reaktionärer Fundamentalisten in antikapitalistische Feministen ist noch nicht mal das Verstörendste an dieser Textstelle. Hinter der kritisierten „Entkleidung des Frauenkörpers“ verbirgt sich nichts weniger als „westliche Blickmacht“. Diese mache aus Frauen, „die das westliche Frauenbild angenommen haben“, „Komplizinnen eines männlich geprägten Entschleierungsdiskurses.“ Wenn die Muslima es wagt, den islamischen Befehl zur Verhüllung ihres Körpers zu missachten und sich „westlich“ kleidet, schimpft man sie also eine antifeministische Komplizin des Patriarchats.xxxvi Das hat nichts, aber auch gar nichts mit emanzipatorischer Kritik zu tun, sondern ist die Bejahung islamischer Tradition aufgrund eines, von den Islamisten übernommenen und als Selbstkritik verkauften, antiwestlichen Chauvinismus.

Judith Butler geht die Sache anders an. Die als Begründerin der queer theory und gender studies bekannt gewordene Poststrukturalistin treiben in den letzten Jahren ganz andere Sorgen um als Kopftücher und Frauenkörper: Ihr geht es um die Rechte von Queers, also Lesben, Schwulen, Transgendern, Intersexuellen und allen anderen sexuellen Identitäten, die sich der „heteronormativen Matrix“ entziehen. Man könnte nun zu dem häufig gefällten Vorurteil gelangen, die Begründerin der queer theory würde eine liberale Gesetzgebung gegenüber Queers begrüßen. Doch so einfach ist die Sache nicht, denn als gestandene postmoderne Theoretikerin kann auch Judith Butler dem Islam so einiges abgewinnen, vor allem wo Islamisten gegen Israel kämpfen. Sie konstruiert Hamas und Hisbollah als „deskriptiv“ progressive Linkexxxviiund dekonstruiert die liberale Sexualpolitik Israels als „Pinkwashing“. Nicht weil die israelische eine liberale Gesellschaft ist oder die queeren Kämpfe erfolgreich waren, sei Israel ein juristisches Paradies für Queers, sondern weil damit die Unterdrückung der Palästinenser gerechtfertigt werden solle. Dagegen und gegen den damit einhergehenden „Homonationalismus“ wendet sich Butler. An ihrer Seite finden sich auch die Erfinderin des Begriffs, Jasbir Puar, der linksradikale „Transgeniale CSD“ in Berlin und die auf dem Hamburger Kongress referierende Urmila Goel.xxxviiiDiese Argumentation folgt demselben Muster wie die Relativierung von Homophobie, Sexismus und Antisemitismus in islamischen Ideologien und Gesellschaften: Mit der Kritik daran wolle der Westen nur von seinen eigenen Untaten ablenken und diese dem Islam anlasten.

Selbsternannte Antisexistinnen sprechen sich für die islamische Zwangsverschleierung aus und die Begründerin der queer theory agitiert gegen liberale Rechte für Queers. Was schon ziemlich absurd klingt wird noch verrückter: Die Anthropologin Janice Boddy nimmt weibliche Genitalverstümmelungen als „Instrument der Befreiung des weiblichen Körpers von seinen männlichen Anteilen“ in Schutz. Die Verurteilung der Genitalverstümmelung lastet sie der „arroganten Sicht“ der westlichen Beobachter an und fragt sich, was in die Klitoris investiert wird, „dass ihre Entfernung einen solchen Horror auslöst?“.xxxixDie postmodern-islamische Querfront ist längst in den Seminarräumen der Universitäten und den Plena der linken Szene angekommen.xlAngesichts solchen Wahnsinns täte es tatsächlich Not, einen Kongress gegen Rassismus zu veranstalten: Man hätte den postkolonialen Antirassisten aufs Heftigste zu widersprechen, wenn sie den Muslimas das Recht auf freie Kleidungswahl und körperliche Unversehrtheit absprechen. Man hätte ihnen zu widersprechen, wenn sie mit dem Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ eine religiöse Ideologie rassifizieren, indem sie Anhänger einer Religion ex negativo zum vom Westen bedrohten Kollektiv homogenisieren. Man hätte schließlich den antiemanzipatorischen Gehalt der gesamten postmodernen Theorie, auf der solche Spinnereien beruhen, anzuprangern. Nichts dergleichen haben die Veranstalter eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ im Sinn.

Wogegen sich der Hamburger Kongress richtet, ist klar bezeichnet: Die „rassistischen Stereotype der Mehrheitsgesellschaft“, die europäische Rechte und Teile der Antideutschen, die sich „zu fanatischen Islamhassern entwickelt“ hätten. Als besonders fieser Antideutscher gilt ihnen Gerhard Scheit, der „die Thematik des antimuslimischen Rassismus“ schlicht leugne, „als gebe es ihn einfach nicht.“xli Seine Argumentation gegen die Titulierung Anders Breiviks als islamophob, verzerren die Veranstalter zum Inbegriff einer antideutschen Rassismusapologie. Was hier verdrängt und verteufelt werden soll, weil es nicht ins Weltbild passt, ist die proislamische Querfront zwischen linken Islamapologeten und rechten Islamhassern: Bei den einen bedroht der Westen den Islam, bei den anderen bedroht der Islam den Westen. Dies sind nicht die beiden Pole einer kruden Neuauflage von Huntingtons Kampf der Kulturen, sondern zwei Seiten derselben Medaille: Begeisterung für den Islam. Es gefällt den Antisemiten, egal ob links oder rechts, „dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist; dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.“xliiDie linken Islamophobiekritiker können Foucaults Begeisterung für die Spiritualität und den Gemeinschaftssinn der iranischen Revolutionxliiinachvollziehen und sich für den islamischen Einspruch gegen „westliche“, kapitalistische Zumutungenxliv begeistern, besonders, wo er als Opposition gegen die USA und Israel auftritt. Da sie als Linke ihrem Hass auf Israel und die USA freien Lauf lassen dürfen, wird ihre Begeisterung für den Islam offen affirmativ. Den rechten Islamhassern hingegen wird die Ahnung, dass der Islam erfolgreich ist, wo sie versagen oder verhindert werden, zum Neid auf die konkurrierende Ware am Meinungsmarkt. Die „Konkurrenz zwischen abendländischem Vernichtungswahn und islamischen Jihadismus“ verlangt von ihnen die Parteinahme fürs Abendland. Als „abendländischer“ Staat im Handgemenge mit islamistischen Mörderbanden ist es aber ausgerechnet Israel, das gegen die Konkurrenz angerufen wird: Ihr Antisemitismus wird israelsolidarisch.xlv Darum hat Gerhard Scheit recht und „wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, […] nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern.“xlvi

Der Rekurs auf Breivik ist sicherlich einer aufs Extrem. Das macht ihn allerdings nicht falsch, folgt er doch der Maxime, „daß heute überhaupt nur Übertreibung das Medium von Wahrheit sei.“ So ist es möglich, „eine von der glatten Fassade des Alltags verdeckte Tendenz zu bezeichnen, ehe sie die institutionellen Dämme überspült, die ihr einstweilen gesetzt sind.“xlvii Trotzdem soll die Verschleierung des Antisemitismus durch den Islamophobiebegriff weiter exponiert werden. Vom Antisemitismus in islamischen Gesellschaften und communities wollen die Islamophobiekritiker nichts wissen, diene die Beschäftigung mit jenem doch nur der Entlastung des Westens oder der Mehrheitsbevölkerung. Die Entsorgung der Antisemitismuskritik durch die Kritik der Islamophobie geschieht aber auch auf andere Weise. Sie ist vergleichbar mit der Gleichsetzung von Zionismus mit Nationalsozialismus, die der Schuldabwehr der deutschen Linken durchaus zuträglich war, aber auch international erfolgreich war und ist. Anstatt Antisemitismus im Islam zu kritisieren, wird ein angeblich antisemitisches Ressentiment gegen den Islam konstruiert oder Islamophobie mit Antisemitismus gleichgesetzt. Edward Said, Begründer des postmodernen Orientalismusbegriffs, meint „[d]ie Übertragung eines weit verbreiteten antisemitischen Stereotyps von einem jüdischen auf ein arabisches Ziel“ festzustellen.xlviii Wie soll es möglich sein, dass der Antisemitismus, der die Juden aufgrund historischer Diskriminierung mit der Zirkulationssphäre gleichsetztxlix und sie aufgrund ihrer historischen Staatenlosigkeit als Gegenrasse schlechthin definiertl, „auf ein arabisches Ziel“, auf das diese Zuschreibungen nicht zutreffen, springt? Das funktioniere, so der offenbar bestens in deutscher Rassenkunde geschulte Said, „weil sowohl Juden, als auch Araber beide orientalische Semiten sind“.li Aber warum interessierten die deutschen Antisemiten sich für Araber, zum Beispiel die Moslembrüder, hauptsächlich als Bündnispartner und nicht als zu vernichtende?lii „Denn der Jude des prä-nazistischen Europas hat sich verdoppelt: was wir jetzt haben, ist auf der einen Seite, ein jüdischer Held, der aus einem rekonstruierten Kult des abenteuerlichen Siedler Orientalisten geschaffen wurde (…) und auf der anderen Seite seinen kriechenden, mysteriösen, furchteinflössenden Schatten, den arabischen Orientalen.“ Und wer soll Schuld daran haben? Klar, der Zionist: „Insoweit dieser Araber eine Geschichte hat, ist es die Geschichte, die ihm gegeben (oder ihm genommen wurde: der Unterschied ist minimal) durch die Orientalistische Tradition, und später die Zionistische.“liii Das unterscheidet sich überhaupt nicht mehr vom antisemitischen Gemurmel deutscher Antiimperialisten, die meinen, Zionisten seien die neuen Nazis und Palästinenser deren Juden. Als Said 1978 in Orientalism Islamophobie und Antisemitismus gleichsetzte, mag das gesellschaftlich irrelevant gewesen sein. 34 Jahre später jedoch wird die Gleichsetzung, im Zuge der Beschneidungsdebatte, von fast allen deutschen Medien nachgeplappert und „von jüdischen Organisationen zum festen Bestandteil der herrschenden Ideologie in Deutschland erklärt“.liv

 

Die Resistenz des Antisemitismus und das Elend der Kritik

Den Organisatoren des Hamburger „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ ist der antisemitische Gehalt ihres Anliegens nicht bewusst. Einer solchen Bewusstwerdung widerstrebt das Selbstverständnis als Linke, die sich, ihrer Ideologie zufolge, gegen Antisemitismus wie gegen jedes andere Ressentiment stellen, als auch der Antisemitismus selbst.lv Angesichts des riesigen psychischen wie theoretischen Aufwands, der betrieben wurde, um ihn zu verschleiern oder mit „antimuslimischem Rassismus“ gleichzusetzen, bezweifeln wir, dass die Organisatoren unsere Kritik nachvollziehen werden können. Jenseits psychischer Widerstände verhindert auch die Hegemonie postmoderner Ansätze in der antirassistischen Theoriebildung das Begreifen des Antisemitismus.lvi Eine Theorie des Antisemitismus muss zwangsläufig psychoanalytische Elemente beinhalten, um ihren Gegenstand als unbewussten zu treffen und das arbeitet ebenfalls gegen sie: Zu groß wäre die narzisstische Kränkung durch die Psychoanalyse. Das Ressentiment gegen diese kritisierte schon Adorno als antisemitisches.lvii Die linken Islamapologeten aber denken, sie übten antirassistische Kritik – in manchen Spielarten auch antisexistische, antikapitalistische oder gar anti-antisemitische. Sie meinen, sie ergriffen Partei für ein Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung und seines Widerstands gegen den Unterdrücker. Aus diesem Impetus heraus lehnen sie jegliche kritische Auseinandersetzung mit dem Islam ab, da diese ihnen selbst rassistisch zu sein scheint: Stattdessen projizieren sie alle möglichen Bedürfnisse in den Islam und alle möglichen Ressentiments, nicht zuletzt den eigenen Antisemitismus, in dessen Kritiker. Die Projektion ist pathisch und befeuert die antisemitische Wahrnehmung zusätzlich. Da sie den realen Rassismus aufgrund ihrer Begriffsbildung und Ressentiments verklären, wird ihre Parteinahme eine für den Islam, im Zweifel auch gegen die individuellen Muslime und Muslimas. Die Unterdrückung ebenjener durchs Kollektiv erscheint ihnen als Widerstand des Islam gegen den Westen und antisemitische Islamisten werden als Opfer des Westens in Schutz genommen.lviii

Ohne postmoderne Theorie wäre die linke Islamapologie nicht möglich. Als angebliche Herrschaftskritik rehabilitiert sie den Wahn als unterdrückten Diskurs und subjektiviert den Wahrheitsbegriff. Ebenso absurd und affirmativ wie die Vorstellung, „das Normale sei wahr und das Abweichende falsch“lix, ist auch deren Umkehr. Die Verteidigung offenkundig reaktionärer subalterner Diskurse aufgrund ihrer Subalternität ist „falsche Vorurteilslosigkeit“, ihre Prediger sind „noch dem Wahn gegenüber aufgeschlossen.“lx Die Vorliebe fürs Pathische ist sowohl Konsequenz postmoderner Theoriebildung als auch, diese bedingend, ideologische Affirmation gesellschaftlicher Entwicklung: Nachdem Aufklärung die großen Religionen als Mythen denunzierte, richtete sie sich gegen die Vernunft. Ihr Angriff auf die Idee der objektiven Vernunft adelte die subjektive. Darunter leidet die Utopie einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft ebenso wie Vernunft selbst, die nun als Glaube verstanden wird. Der Universalismus und die Idee der objektiven Wahrheit wurden zu Waren neben anderen auf dem Meinungsmarkt. Die Fähigkeit, zwischen bloßer Meinung und Wahrheit zu unterscheiden, schwindet aufgrund der Komplexität der kapitalistischen Gesellschaft. Wahn ist aufgewertet und steht als gleichberechtigter Konkurrent jeder vernünftigen Idee ebenso wie der Idee der Vernunft gegenüber. Diese Entwicklung lässt auch am Sinn unserer Intervention zweifeln, denn unsere Kritik erscheint letztlich auch nur als Meinung unter vielen auf dem Markt. Ihr Gebrauchswert für linke Aktionsfetischisten ist gering, denn man kann sich mit ihr nicht in den Aktionismus stürzen. Sie widerspricht dem, was der Rest der WG und Politsekte denkt, hat also Potential zur Störung der familiären Nestwärme und zur narzisstischen Kränkung des Individuums sowie seines Kollektivs. Kurzum: Sie ist nicht satisfaktionsfähig.

Während wir also kaum hoffen können, unsere Leserschaft wider ihre Meinungen und psychischen Abwehrfunktionen zu überzeugen, müssen wir leider davon ausgehen, als fanatische Islamhasser beschimpft zu werden. Eventuell weisen wir dem Hamburger Kongress mehr Bedeutung zu, als er verdient hätte und verhelfen ihm zu zusätzlicher Aufmerksamkeit. Unser Papier wird allen möglichen Antisemitenrackets willkommener Anlass sein, ihren islamophilen, antizionistischen und antiamerikanischen Stumpfsinn zu verbreiten und einigen Antideutschen wird die Abgrenzung von uns ihre Reintegration in die Linke erleichtern. Nicht, dass Antideutsche Probleme mit Reintegration hätten. Die Frankfurter Gruppe „sinistra! radikale linke“ antizipierte bereits 2001 den islamapologetischen Diskurs. Sie behauptete, die Forderung der Redaktion BAHAMAS nach Verteidigung der westlichen Zivilisation gegen islamistische Angriffe, sei Entlastung der Deutschen durch das Bild des antizivilisatorischen Moslems. Nicht nur unterscheidet sich diese Argumentation fast nicht von Judith Butlers Pinkwashinggeschwätz, auch Günter Grass’ Redeverbot für den Westen nehmen „sinistra!“ vorweg und ziehen mit Auschwitz gegen die Islamkritik zu Felde: „die deutschen haben nach auschwitz ein für alle mal das recht verwirkt, den rest der welt darüber zu belehren, was ‘zivilisation’ heisst! (sic!)“lxi Was nicht nachvollzogen werden kann, ist der Einfluss der deutschen Ideologie und des Antisemitismus auf den Islamismus. Der Kulturexport der Deutschen war erfolgreich und gegen dessen Machtanspruch gilt es die bürgerliche Gesellschaft nach wie vor zu verteidigen. Eine Ablehnung des deutschen Verbrechens und die konsequente Bekämpfung der Möglichkeit seiner Wiederholung stehen nicht im Widerspruch zur Kritik am Islam, sondern bedingen diese. Es ist richtig, dass der Nazismus sich inmitten einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft durchsetzte. Ohne die zivilisatorischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft lässt sich aber keine freie Assoziation freier Individuen denken. Diese will ja nicht hinter die bürgerliche Gesellschaft zurückfallen, sondern über sie hinaus gehen. Mit einer islamischen Theokratie ist gewiss kein Kommunismus herbeizuführen. Letzterer ist der bürgerliche Staat, als immerhin formeller Garant individueller Freiheitsrechte, in jedem Fall vorzuziehen. „Kritisches Denken, das auch vor dem Fortschritt nicht innehält, verlangt heute Parteinahme für die Residuen von Freiheit, für Tendenzen zur realen Humanität, selbst wenn sie angesichts des großen historischen Zuges ohnmächtig scheinen.“lxii

Anstatt eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit der postmodernen Theoriebildung zu forcieren, stürzen sich viele Antideutsche auf die queer theory als Erklärungsangebot für Rassismus, Nationalismus, Sexismus, etc. Auch Bini Adamczak steckt voller Begeisterung: „An die Stelle von Kritik setzt sie eher Dekonstruktion, statt mit Opposition(en) arbeitet sie mit Veruneindeutigungen, konstruiert und affirmiert Begehren und dessen Vervielfältigung eher als moralische Anklagen zu produzieren.“ Kritiklos das antisemitische Begehren der Islamisten affirmieren und vervielfältigen wollen die Antideutschen zwar nicht, aber die Tendenz zur Veruneindeutigung und Oppositionslosigkeit gegenüber postmoderner Gegenaufklärung ist durchaus gegeben. Einwürfe gegen die Modetheorie stören nur, sind viel zu dogmatisch, nicht auf der Höhe der Zeit. Kritiken wie die unsre stammen offenbar aus dem bereits Überwundenen. Wir teilen Bini Adamczaks Eindruck, es „würden nach Jahrzehnten, die vor allem von offener Feindschaft und Nichtbeachtung gekennzeichnet waren, jetzt Möglichkeiten von Allianzen, vor allem auf transnationalem Niveau, entstehen.“ Dass sie als Beispiel einer solchen Möglichkeit ausgerechnet den Dialog mit Judith Butler nennt, erübrigt jeden weiteren Kommentar.lxiii Die Verdinglichung Kritischer Theorie ist abgeschlossen, wo unter ihr bloß ein auswendig gelerntes „Denkmodell“ verstanden wird, eine nützliche Ansammlung von „termini technici“lxiv, die man aus der foucaultschen Werkzeugkiste holt, um Antisemitismus zu kritisieren, aber schleunigst gegen Precarious Life, Orientalism oderCan the Subaltern Speak? eintauscht, sobald es um Rassismus geht. Wer meint, sie mit dem Instrumentarium der queer theory kurzschließen zu können, hat die kapitalistische Zweckrationalität vollends verinnerlicht.

Transnationale Allianzen werden jedoch auch andernorts ausgelotet. Die seit 2011 andauernden Aufstände in der arabischen Welt haben Potential zum antideutschen Ticket zurück in die Bewegungslinke zu werden. Die „Antideutsche Aktion Berlin“ zum Beispiel will nicht länger nur die Verhältnisse kritisieren, sondern „endlich konkret denjenigen [...] helfen – soweit dies uns möglich ist – die seit Monaten aus gutem Grund gegen die Schergen Assads auf die Straße gehen.“ So sehr man den Menschen in Syrien ein Ende des Regimes und ein Ende des Bürgerkriegs wünscht, das nicht auf islamistische Herrschaft hinausläuft: Niemand kann wirklich sagen, wer „jene Oppositionelle [...], die sich für eine demokratische und zwischen den Religionen vermittelnde Zukunft einsetzen“lxv sein sollen, oder ob es solche Gruppierungen überhaupt gibt. Unbeirrt von solch nervigen Fragen schwärmt auch das „Antifaschistische Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag“ vom „Aufbruch emanzipatorischer Kräfte im Nahen und Mittleren Osten“ und fordert „Solidarität mit den emanzipatorischen Kämpfen vor Ort!“lxvi Dabei gibt es mehr als genug Hinweise, dass die Aufstände im Nahen Osten nicht nur Diktaturen stürzen, sondern auch den Islamisten zuspielen: In Tunesien, der ersten Station des Arabischen Frühlings, verbietet die neu geschriebene Verfassung eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Israellxvii und in Ägypten, dem Symbol für die Arabische Rebellion, erhielt der Kandidat der islamistischen Moslembruderschaft bei den Wahlen die Hälfte der Stimmen.lxviii Obwohl und weil die Lage in Syrien überaus chaotisch ist, wäre es naiv, die Rolle islamistischer Gruppen in der Opposition gegen Assad zu unterschätzen. Während also vieles darauf hindeutet, dass der Arabische Frühling zur islamischen Erweckungsbewegung wird, entdecken nicht wenige Antideutsche ihren linken Fetisch für soziale Bewegungen wieder. Vielleicht hatten sie einfach 2011 den Schuss nicht gehörtlxix, aber vielleicht hört man den Sirenengesang des queeren Jihad auch im Lager angeblich fanatischer Islamhasser.

 

Break the ice: Das Kopftuchverbot als militante Aufklärung

„Emanzipation ist nicht westlich oder östlich, sondern universal!“lxx – dies war eine der Parolen unter denen die iranischen Frauen 1979 in Teheran gegen die Zwangsverschleierung demonstrierten. Das islamische Kopftuch ist „erstens ein wesentliches unter Gewaltandrohung und Ausübung sich in den betroffenen Körper materiell einschreibendes Unterdrückungswerkzeug des patriarchalen Keuschheitskäfigs und zweitens sowohl konkretes Symbol für den ganzen Überwachungs- und Strafapparat als auch abstraktes Symbol für Modernefeindschaft und Islamismus“. In den allermeisten Ländern herrscht zwar kein staatlich verordneter Kopftuchzwang, dennoch werden „weltweit Frauen systematisch unters islamische Kopftuch gezwungen und bei Unbotmäßigkeit terrorisiert“.lxxi Auch in westlichen Gesellschaften gibt es enorme soziale Zwänge, die auf Muslimas einwirken können: Die eigene Familie, das soziale Umfeld und nicht zuletzt die religiöse Gemeinschaft. Darüber hinaus stellen sich auch linke Kulturschützer an, den Muslimas die freie Kleidungswahl durch Appell an die emanzipatorischen Vorzüge des Gespenst-Werdenslxxii auszutreiben: Den Veranstaltern eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ zum Beispiel ist es sicheres Zeichen linken Rassismus, dass „auch in Teilen der Linken das Kopftuch- und Burkaverbot als gerechtfertigtes Mittel [gilt], die unterdrückte Frau zu ‘befreien’“.lxxiii Warum Teile der Linken ausnahmsweise auch mal recht haben und warum es gilt, die Aufklärung in Form des Kopftuchverbots militant werden zu lassen, wollen wir mit folgendem Entschleierungsdiskurs enthüllen.

Wie es einst „common sense“ war, dass Emanzipation allen Menschen zuteil werden sollte, galt es einmal als Basisbanalität im linksradikalen Lager, dass Menschen unter ideologischer Verblendung auch gegen ihre Interessen, also gegen ihre Emanzipation, handeln können. Nicht zuletzt auf dieser Einsicht, von der nicht ersichtlich ist, warum sie auf freiwillig das Kopftuch tragende Muslimas nicht zutreffen sollte, beruht die Ideologiekritik.lxxiv Die postmodernen Linksradikalen sind aber nicht an Kritik der bestehenden Verhältnisse und ihrer ideologischen Verarbeitung interessiert, sondern an deren Subversion, die sie „in der Bejahung und Stärkung jener Kräfte, die diese direkt angreifen“ sehen.lxxv Dass diese Kräfte selbst hochgradig reaktionär sein können und der Feind eines Feindes keineswegs gleich Freund ist, ist ihnen egal: „Revolutionär ist nur, was im Werden die Gegensätze von Politischem und Privatem […] und von Revolution und Lust überwindet […].“lxxvi Revolutionär im poststrukturalistischen Sinne ist also vor allem der Nationalsozialismus, der die völkische Revolution als Lust bereitende Judenvernichtung vorantreibt bis hin zur Aufhebung jeglicher Klassengegensätze und Privatsphäre im ständig denunzierbaren Volksgenossen. Heidegger, philosophischer Vollender der Naziideologie, praktizierender Judendenunziant und Lieblingsphilosoph der postmodernen Theoretiker, wäre stolz gewesen.

Zur Bekämpfung des Antisemitismus empfahl Adorno, „bei antisemitischen Manifestationen […] die zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität [anzuwenden], gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, daß das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirklich gesellschaftliche Autorität, einstweilen doch noch gegen sie steht.“lxxvii So einfach funktioniert die Sache bei linksradikalen, antiautoritären Antisemiten leider nicht, sehen sie doch in staatlicher Repression gerade die Bestätigung, etwas richtig gemacht zu haben. Ähnlich dürfte es sich bei Islamisten in westlichen Gesellschaften verhalten, da diese sich ohnehin als im Krieg mit der westlichen Autorität begreifen. Ganz anders sieht es glücklicherweise mit der Emanzipation der Muslimas von ihrem patriarchalen Zwangskollektiv aus. Zwar haben staatliche Machtmittel nichts mit menschlicher Emanzipation zu tun, die letztlich auch die Emanzipation der Menschen vom Staat sein muss. Allerdings war es der bürgerliche Staat, der antrat, um die Menschheit von feudaler und religiöser Herrschaft zu befreien. Im Falle des islamischen Kopftuchzwanges kann die Staatsmacht helfen, religiöse Traditionen aufzusprengen und es den Muslimas erlauben, sich zumindest in öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel an Schulen, über die sozialen Zwänge zu erheben. Ein Kopftuchverbot für Schülerinnen etwa würde zu einer Normalisierung der Entschleierung beitragen und somit zu einer Entkräftung und Aufweichung der religiösen Tradition.lxxviii Es leistete damit nicht nur reformistischen Tendenzen im Islam einen erheblichen Dienst, sondern schaffte auch Freiräume für Zwangsmuslimas, die „das Kopftuchverbot als Befreiung erleben (würden)“. Selbst wenn diese „entgegen vernünftiger Annahmen […] unter den migrantischen oder kopftuchtragenden Mädchen die Minderheit stellen, ist dieses Verbot zu fordern, weil es einer modernen Gesellschaft gerade um diese Mädchen gehen muss.“lxxix

Rassistisch ist nicht die Forderung nach Schutz der Zwangsmuslimas vor ihrem Kollektiv, zur Not auch auf Kosten der „selbstbewussten Mittäterinnen des islamischen Patriarchats“lxxx, sondern „die Förderung und Duldung jener gegengesellschaftlichen Strukturen […], die auf Diskriminierung und Apartheid setzen, das heißt auf die Diskriminierung als ‘migrantisch, islamisch, weiblich’ markierter Menschen.“ Die „antirassistisch-antipaternalistisch ‘staatskritischen’ Einwände der Linken“lxxxi bewirken nichts weniger, als den Zwangsmuslimas „die längst überfällige staatliche, gesellschaftliche, schulische Unterstützung dieser Mädchen und ihres emanzipatorischen Kampfes für Rechte, die Nicht-Migrantinnen selbstverständlich sind“, abzusprechen. Rassistisch ist die Meinung, dass „die unveräußerlichen Menschen- und Individualrechte“ rassistischer Orientalismus seien und daher nicht „für Migrantinnen zu gelten haben“. Nicht einmal die vermeintlich antirassistischen Kopftuchträgerinnen, von deren emanzipatorischem Kampf uns die Kongressveranstalter erzählen, würden zu Kollateralschäden eines Kopftuchverbots werden, denn „solch ein Kopftuch könnte [...], sofern es wie behauptet nichts mit der Orthopraxie zu tun hat, [...] problemlos in der Schule abgelegt werden.“lxxxii Außer sie tragen es doch nicht so unorthodox oder sind menschenverachtend genug, sich über den Schutz der Zwangsmuslimas zu stellen. Während das „Kopftuchverbot für Schülerinnen […] daher ausnahmslos die Richtigen [trifft]“, tun die Veranstalter eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ ausnahmslos das Falsche: Ihre Kritik trifft den realen Rassismus nicht, sondern verschleiert ihn ebenso wie den Antisemitismus. Stattdessen wird sie selber rassistisch und redet – antikolonialistisch – der religiösen Tradition das Wort. Konsequent zu Ende gedacht entlastet sie antisemitische Rackets und fügt sich als Antiuniversalismus, Hass auf Israel oder Antiamerikanismus perfekt in sämtliche hegemonialen antiemanzipatorischen Diskurse ein. Alles an ihr läuft darauf hinaus, den Islam, als wirkmächtigste und aggressivste religiöse Ideologie der Gegenwart und den Islamismus als größte antisemitische Bewegung seit dem Nationalsozialismus vor Kritik zu schützen. „Dieser Aufklärungsverrat wird nicht dadurch besser, daß er sich als probates Mittel des notwendigen Kampfes gegen tatsächlich existierende, waschechte Rassisten verkauft.“lxxxiii

 

Gezeichnet,

Gruppe Melange

 
 

Literaturverzeichnis

Adorno, Theodor W. (1971): Zur Bekämpfung des Antisemitismus heute. In: Theodor W. Adorno und Rolf Tiedemann (Hg.): Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 105–133.

Adorno, Theodor W. (2003): Meinung Wahn Gesellschaft. In: Theodor W. Adorno und Rolf Tiedemann (Hg.): Kulturkritik und Gesellschaft II. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 574–594.

Adorno, Theodor W. (2003): Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. In: Theodor W. Adorno und Rolf Tiedemann (Hg.): Kulturkritik und Gesellschaft II. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 555–572.

Adorno, Theodor W.; Tiedemann, Rolf (Hg.) (1971): Kritik. Kleine Schriften zur Gesellschaft. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Adorno, Theodor W.; Tiedemann, Rolf (Hg.) (2003): Kulturkritik und Gesellschaft II. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Online verfügbar unter http://www.worldcat.org/oclc/181539375.

Adorno, Theodor W.; Tiedemann, Rolf (2003): Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Online verfügbar unter http://www.worldcat.org/oclc/56889604.

Engelmann, Peter (Hg.) (1990): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart: Reclam.

Foucault, Michel (2003, cop. 1991): Die Ordnung des Diskurses. Unter Mitarbeit von Walter Seitter und Ralf Konermann. 9. Aufl. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Foucault, Michel (2005): Vorwort [von Wahnsinn und Gesellschaft]. In: Michel Foucault, Daniel Defert, François Ewald und Thomas Lemke (Hg.): Analytik der Macht. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 7–17.

Foucault, Michel; Defert, Daniel; Ewald, François; Lemke, Thomas (Hg.) (2005): Analytik der Macht. 1. Aufl. Frankfurt am Main: Suhrkamp.

Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. (1995, c1969): Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Ungekürzte Ausg. Frankfurt am Main: Fischer Taschenbuch Verlag.

Lyotard, Jean-Francois (1990): Randbemerkungen zu den Erzählungen. In: Peter Engelmann (Hg.): Postmoderne und Dekonstruktion. Texte französischer Philosophen der Gegenwart. Stuttgart: Reclam, S. 49–53.

Kettner, Fabian; Mentz, Paul (Hg.) (2008): Theorie als Kritik. Freiburg im Breisgau: ça-ira-Verlag.

Kuhn, Gabriel (2005): Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden. Eine Einführung in die politische Philosophie des Poststrukturalismus. 1. Aufl. Münster: Unrast.

Maul, Thomas (2006): Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger. Freiburg: Ça ira.

Mentz, Paul (2008): Das Gerücht über die Juden. Antisemitismuskritik bei Horkheimer und Adorno und ihre Aktualität. In: Fabian Kettner und Paul Mentz (Hg.): Theorie als Kritik. Freiburg im Breisgau: ça-ira-Verlag, S. 147–176.

 
 

Anmerkungen

iJoachim Bruhn, „Erfahrung und Konsequenz“, http://www.studienbibliothek.org/texte/PcAntisemitismus.pdf.

iiRedaktion BAHAMAS, „Editorial 63“ (http://redaktion-bahamas.org/hefte/edit63.html).

iiiOtto Zeiger, „Bandenkrieg um die Villa Kunterbunt“ (http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web34-1.html).

ivDas behaupten jedenfalls einige völlig panische Volksbefreier und Islamfreunde. In Zeiten des allgegenwärtigen Aufklärungsverrats sind wir geneigt aus ihrer Angst Hoffnung zu ziehen. (Zitiert nach: siehe Anmerkung 2).

vDialektik der Aufklärung, 1.

viDialektik der Aufklärung, 6.

viiLyotards „Annahme besteht [...] darin, daß das Projekt der Moderne (die Verwirklichung der Universalität) nicht aufgegeben, vergessen, sondern zerstört, ‘liquidiert’ worden ist. [...] ‘Auschwitz’ kann als paradigmatischer Name für die tragische ‘Unvollendetheit’ der Moderne genommen werden.“ (Randbemerkungen zu den Erzählungen, 50) Anstatt sich im Angesicht von Auschwitz aufzulehnen und vom vernichteten Projekt der Moderne zu retten was zu retten ist und es gegen erneute Auslöschung zu verteidigen, resigniert Lyotard und erklärt sein Einverständnis mit der Vernichtung.

viiiSo meint etwa eine linksradikale Einführung in die „politische Philosophie des Poststrukturalismus“: „Unter dem Banner der Universalität und Absolutheit auftretende Gruppen sind immer Gefährlich für die Mannigfaltigkeit der Lebensverhältnisse, da ihr Programm auf einer Negation derselben beruht und unweigerlich deren tatsächliche Auslöschung zu Ziel hat.“ (Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 29).

ixZum Begriff des Logozentrismus erklärt besagtes Einführungsbändchen Folgendes: „Die Rationalität des Abendlandes ist eine extrem eingeschränkte: Sie ist den traditionellen Regeln der abendländischen Logik verpflichtet […], macht diese zur Grundlage eines angeblich heilsamen Wissenschaftsfortschritts […] und schließt alle anderen Denkregeln aus, wenn es um die Gestaltung und Ordnung der Wirklichkeit geht.“ (Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 41) Ob er in der Ausrichtung des Denkens an dem, im Koran niedergeschriebenen, Wort Allahs eine wünschenswerte Sprengung der abendländischen Beschränktheit sieht, verrät uns der Autor leider nicht.

xPostmoderne Theorie geht wie der deutsche Idealismus davon aus ein transzendentales Subjekt erschaffe die materielle Realität. Hegel nannte es Weltgeist, die Poststrukturalisten nennen es Diskurs – bei Hegel wirkte er hinter dem Rücken der Menschen, bei den Poststrukturalisten durch die Gesamtheit ihrer performativen Sprechakte. Solch binäre Opposition von Diskurs und Materialität würden Poststrukturalisten wohl ablehnen, denn „Es gibt für uns nichts außerhalb des Diskurses und doch gibt es nicht nur Diskurs. Die von KritikerInnen des Poststrukturalismus so oft gestellte Alternative: entweder alles ist Diskurs oder es gibt etwas Vordiskursives (authentische Gefühle etwa), ist wohl falsch gestellt: […] Der poststrukturalistische Begriff des Diskursiven entzieht sich der Opposition von diskursiv vs. nicht-diskursiv – er verunmöglicht es, diese Bereiche zu trennen, ist (wie das ‘Vordiskursive’) beides zugleich: diskursiv = nicht-diskursiv.“ (Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 70) Judith Butler schließlich gesteht zwar die Existenz des Vordiskursiven (Naturanteils) ein, sieht dies aber auch vom Diskurs bestimmt. Sie wendet sich gegen die Auffassung, biologisches Geschlecht („sex“) sei – im Gegensatz zu sozialem Geschlecht („gender“) – nicht diskursiv bestimmt: „One of the interpretations that has been made of Gender Trouble is that there is no sex, there is only gender, and gender is performative. [...] So what became important to me in writing Bodies that Matter was to go back to the category of sex, and to the problem of materiality, and to ask how it is that sex itself might be construed as a norm. [...] I wanted to work out how a norm actually materialises a body, how we might understand the materiality of the body to be not only invested with a norm, but in some sense animated by a norm, or contoured by a norm. So I have shifted. I think that I overrode the category of sex too quickly in Gender Trouble. I try to reconsider it in Bodies That Matter, and to emphasise the place of constraint in the very production of sex.“ (Radical Philosophy 67, Gender as Performance: An Interview with Judith Butler, http://www.theory.org.uk/but-int1.htm ).

xi„In Wirklichkeit ist der Islamismus nicht in den Sechziger-, sondern in den Dreißigerjahren entstanden. Sein Aufstieg wurde nicht vom Scheitern des Nasserismus, dafür jedoch vom europäischen Faschismus inspiriert. Bis 1951 waren sämtliche Mobilisierungskampagnen der Islamisten nicht antikolonial, wohl aber antijüdisch orientiert.“ (Matthias Küntzel, „Djihad und Judenhass“, http://www.matthiaskuentzel.de/contents/djihad-und-judenhass-jw).

xiiMinima Moralia, 63.

xiiiDialektik der Aufklärung, 217.

xivAls Lektüre zu diesen Ausführungen sei empfohlen: Die Dialektik der Aufklärung, insbesondere das Kapitel „Begriff der Aufklärung“ sowie der Aufsatz „Meinung Wahn Gesellschaft“ aus der Sammlung Eingriffe, erschienen in Kulturkritik und Gesellschaft II.

xvBei Foucault wird diese Entwicklung affirmiert in seiner Kritik der diskursiven Ausschlüsse: „Es gibt in unserer Gesellschaft noch ein anderes Prinzip der Ausschließung: kein Verbot, sondern eine Grenzziehung und eine Verwerfung. Ich denke an die Entgegensetzung von Vernunft und Wahnsinn. […] Man wird mir sagen, daß all das heute zu Ende ist oder zu Ende geht; daß das Wort des Wahnsinnigen nicht mehr auf der anderen Seite steht; daß es nicht mehr null und nichtig ist; […] Wenn es des Schweigens der Vernunft bedarf, um die Ungeheuer zu heilen, so muß das Schweigen doch auf der Hut sein: also bleibt die Grenzziehung.“ Angesichts dieser nicht weit genug gehenden, da nur scheinbaren, Rehabilitation des Wahns, wagt es Foucault, „den Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen als ein drittes Ausschlusssystem zu betrachten“. (Die Ordnung des Diskurses, 11ff.) Dazu passt sein im Vorwort zu Wahnsinn und Gesellschaft artikulierter Relativismus: es galt ihm bei seiner Arbeit „sich in einer Art rückhaltloser Relativität zu halten […] Es ging darum, um jeden Preis das Relative zu bewahren und absolut verstanden zu werden.“ (Analytik der Macht, 16) Auch Lyotard bringt diese Entwicklung, nicht weniger affirmativ, auf den Punkt: „Das soll nicht heißen, daß keine Erzählungen mehr glaubwürdig wäre. Unter Metaerzählung oder großer Erzählung verstehe ich gerade die Erzählungen (narrations) mit legitimierender Funktion. Ihr Niedergang hindert Milliarden von kleinen und weniger kleinen Geschichten nicht daran, weiterhin den Stoff des täglichen Lebens zu weben.“ (Randbemerkungen zu den Erzählungen, 51).

xviGegen die eventuelle Versuchung der Leserschaft, den Universalismus als etwas „westliches“ zu begreifen, sei hier eingewandt, dass die Idee des Universalimus zwar historisch im Westen entstand und hier auch vorerst Verbreitung fand, aber eben doch selbst eine universelle ist, um die längst auch außerhalb des Westens gerungen wird. Vergleiche hierzu Thomas Mauls Ausführungen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau und zum kritischen Universalismus. (Die Macht der Mullahs, 9f.) Anzumerken sei hier, dass Universalismus tatsächlich Teil des Widerspruches der bürgerlichen Gesellschaft ist, da die Gleichheit der Menschen zwar formal vom bürgerlichen Recht postuliert wird und formell auch auf dem auf Verträgen basierenden Geschehen am Markt verwirklicht wird, aber reell in der antagonistischen Klassengesellschaft, die der Kapitalismus ist, nicht existieren kann. Aus diesem Verrat am bürgerlichen Glücksversprechen speist sich nicht zuletzt der Hass auf alles Abweichende, das die Gleichheit in Frage stellt. Unter solchen Bedingungen kann sich immer nur ein Partikulares als Universales erheben, was dann, wie etwa im Antisemitismus zur Vernichtung des Abweichenden führt. (Vergleiche zu diesen Ausführungen: Das Gerücht über die Juden, 149f.) Die emanzipatorische Konsequenz, die aus dem falschen Universalismus zu ziehen wäre, ist die radikale Kritik der kapitalistischen Gesellschaft, nicht die Verwerfung des Universalismus und damit die Idee des „wahrhaft menschlichen Zustand[s]“. (Dialektik der Aufklärung, 6) Genau dieses Projekt treibt aber die postmoderne Theorieproduktion um: die Affirmation eines jeden Partikularen und die ewige, wenn auch dynamische, Fragmentierung der Menschheit.

xviiFoucaults Liebe zum Iran wird ausführlich behandelt im Kapitel „Postmodernismus und Islam – Wie Foucault die schiitische Revolte lieben lernen konnte“ aus: Die Macht der Mullahs.

xixDie Macht der Mullahs, 9.

xxDie Macht der Mullahs, 10.

xxiSo auch die Veranstalter des „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“: „Viele Frauen tragen [das Kopftuch] als Abgrenzung gegenüber einer Gesellschaft, die sie als rassistisch empfinden. Sie tragen es nicht nur als Zeichen ihrer religiösen Identität, sondern zum Teil auch als Mittel, um Selbstbewusstsein zu demonstrieren.“ Bemerkenswert ist hieran die linke Ideologie, die sich Diskriminierte sucht, diesen einen Persilschein ausstellt und von Diskriminierung von seitens der Diskriminierten nichts wissen will. Es stimmt ja, dass viele Muslimas das Kopftuch als Abgrenzung, Zeichen religiöser Identität und Demonstration von Selbstbewusstsein tragen. Warum darin nicht eine fundamental islamistische, sondern eine antirassistische Absicht liegen soll wird allerdings nicht klar und das verraten uns die Autoren auch nicht. Denn Verschleierung ist nicht einfach nur Unterdrückung, wie Alice Schwarzer sich das denkt, sondern auch Zeichen der Überlegenheit gegenüber Ungläubigen. Unverhüllte Frauen gelten dem traditionellen Islam als ehrlos und billig. Die von den Autoren festgestellte Abgrenzung kann genau so gut eine anti-westlich chauvinistische auf der Basis religiöser Identität sein, aus der sich das demonstrierte Selbstbewusstsein speist. (Zitat aus: „Hintergrund“, http://amrhh.blogsport.de/einladungstext/).

xxii„Einladung zur Vorbereitung eines Kongresses gegen den antimuslimischen Rassismus“, http://amrhh.blogsport.de/2012/02/20/einladung-zur-vorbereitung-eines-kongresses-gegen-den-antimuslimischen-rassismus/.

xxiv„Disclaimer: Darum geht’s doch gar nicht!“, http://amrhh.blogsport.de/disclaimer/.

xxv Siehe Anmerkung 23.

xxviDer etwas anders gelagerte Vorwurf gegen Islamkritiker, sie betrieben eine Homogenisierung oder Essenzialisierung des Islam, bedürfte einer eigenen Abhandlung, die an dieser Stelle nicht leistbar ist. Kurz angemerkt sei hier, dass: a) Vertreter fast aller islamischer Schulen von ihrem Islam als „dem Islam“ sprechen; b) die Islamophobiekritiker ständig von Vorurteilen, Diskriminierung, etc. gegen „den Islam“ sprechen; c) es selbstverständlich auch im Islam hegemoniale Strömungen, namentlich die Sunniten und Schiiten, gibt; d) die Kategorie „Islam“ überhaupt nur Sinn macht, wenn es etwas die islamischen Strömungen Verbindendes gibt. Darüber hinaus wäre darauf zu hinzuweisen, „dass es nicht die Islamisten oder konservativ-orthodoxen Theologen sind, die einzelne, randständige Sentenzen des Korans und damit eine angeblich ihrem Wesen nach friedliche Religion für äußere, politisch-aggressive Zwecke missbrauchen. Im Gegenteil beansprucht ihre Lesart zurecht historische und textliche Authentizität“. (Die Macht der Mullahs, 81) Der Gegenstand der Kritik selbst zwingt uns also eine verallgemeinernde Betrachtung auf.

xxviiSiehe Anmerkung 23; die Behauptung, es sei rassistisch, Frauen aufgrund religiöser Symbole wie Kopftuch oder Burka als Muslimas zu identifizieren, ist allerdings grober Unfug.

xxviiiSiehe Anmerkung 24.

xxixMeinung Wahn Gesellschaft, 579.

xxxSiehe Anmerkung 23.

xxxiZitiert nach: Die Macht der Mullahs, 26.

xxxiiZitiert nach: Spiegel Online, „Heute in den Feuilletons“ vom 10.02.2006. (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/heute-in-den-feuilletons-die-rueckkehr-des-baeren-a-400097.html).

xxxiiiSiehe Anmerkung 23.

xxxivEbd.

xxxvDer antisemitische Gehalt erklärt sich auch aus dem antirassistisch motivierten Unwillen, sich mit den Islam auseinanderzusetzen und dessen Fortführung in Pathische Projektion, in der Adorno und Horkheimer die Grundlage des Antisemitismus sahen. (Vgl.: Dialektik der Aufklärung, 196).

xxxviZitiert nach: Hedonistische Mitte, „Nazi-Nichten, Selbstviktimisierung, Politische Theologie – Postkoloniale ‘Feministen’ und ihre liaison dangereuse mit dem Islam“ (http://redaktion-bahamas.org/aktuell/Flugblatt-21-6-07.pdf).

xxxviiJudith Butler: „Similarly, I think: Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important.“ (http://radicalarchives.org/2010/03/28/jbutler-on-hamas-hezbollah-israel-lobby/); Empfehlenswert hierzu ist die Kontextualisierung des Zitats durch http://www.matthiaskuentzel.de/contents/butler-rennt.

xxxviiiZu den Begriffen „Pinkwashing“ und „Homonationalismus“ siehe weiter: Markus Ströhnlein, „Pretty in Pink“ (http://jungle-world.com/artikel/2012/26/45739.html) und Nina Rabuza, „Pinkwashing – Israels ‘schwuler Propagandakrieg’“ (http://www.publikative.org/2012/07/18/pinkwashing-israels-schwuler-propagandakrieg/);
Dr. Urmila Goel betreibt den Blog „andersdeutsch“, auf dem sich neben anderen Scheußlichkeiten ein fetter „No Homonationalism“ Banner findet (http://andersdeutsch.blogger.de/).

xxxixZitiert nach: Sanja Stankovic, Sandra Strobel und Arvid Vormann, „’Eine Ehre für die Familie’“ (http://jungle-world.com/artikel/2008/20/21814.html).

xlDie Bestandsaufnahme der Hedonistischen Mitte „Zum Stand des queeren Jihad“ spricht Bände hierüber. (http://redaktion-bahamas.org/aktuell/20110608-zum-stand-des-queeren-jihad.html).

xliSiehe Anmerkung 23.

xliiGerhard Scheit, „Es gibt keine Islamophobie“ (http://jungle-world.com/artikel/2011/32/43769.html).

xliiiSiehe Anmerkung 17.

xlivSiehe Anmerkungen 36 und 40.

xlvStefan Grigat, „Islamneid“ (http://www.cafecritique.priv.at/Islamneid.html); Es gibt selbstverständlich auch rechtsradikale Antisemiten die ihrem Hass auf Israel und die USA freie Bahn lassen. So einzuordnen sind zum Beispiel die antiimperialistischen Avancen der „Autonomen Nationalisten“ mit ihren antizionistischen Parolen und Teils offener Begeisterung für den Iran.

xlviSiehe Anmerkung 42.

xlviiWas bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, 567f.

xlviiiEdward Said in seinem Buch Orientalism, zitiert nach Anmerkung 36.

xlixDas Gerücht über die Juden, 149.

lEbd., 151.

liSiehe Anmerkung 48.

liiSiehe Anmerkung 11.

liiiSiehe Anmerkung 48.

livRedaktion BAHAMAS, „Hauptsache Respekt“, http://redaktion-bahamas.org/aktuell/20120927berlin.html

lv„Daran sollte deutlich werden, auf wie wackeligen Beinen der Versuch steht, in Diskussionen um Antisemitismus in den eigenen Zusammenhängen denjenigen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, mit Formulierungen wie ‘bewusst oder unbewusst’ produziere dieses oder jenes antisemitische Denkmuster, die Einsicht zu erleichtern. Der Sinn derartiger Formulierungen ist es ja in der Regel, den Kritisierten ein Hintertürchen offen und für sich selbst die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass die Auseinandersetzung glimpflich und ohne schwere Vorwürfe verlaufen kann. Impliziert ist damit, dass Antisemitismus, wenn er bewusst ist, absichtlich und mit bösem Willen verbreitet werden würde, während er, solange er unbewusst ist, leicht korrigiert werden könnte.
Nicht einmal das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keinen bewussten Antisemitismus. [...] Wäre er bekannt ist (sic!), dominierte das Unbewusste nicht die Wahrnehmung, und die spezifisch antisemitische Wahrnehmung wäre gar nicht erst aufgetreten. Genau dies kann aber nicht so einfach erreicht werden. Es ist sehr viel schwieriger, etwas Unbewusstes bewusst zu machen, als einen bewussten Gedanken zu verwerfen. Nicht weniger wackelig ist daher die Forderung, sich den eigenen Antisemitismus „bewusst zu machen“. Diese umgangssprachliche Formulierung, die aus dem Antirassismus und dem Antisexismus übernommen wurde, impliziert, dass sich bestimmte Gedanken und Empfindungen besser abstellen ließen, wenn denjenigen, die sie äußern, ihre herrschaftliche Funktion bekannt (= bewusst) wäre. Damit würde aber gerade nicht die Verdrängung bewusst gemacht, die das Verdrängte in gewandelter Form wiederkehren lässt. Bewusstwerdung im psychoanalytischen Sinn ist kein ‘Das haben die also mit mir getan, und jetzt mach ich da nicht mehr mit’, sondern ein ‘Aha, ich habe das gemacht/gewollt’.“ (JustIn Monday, „Ein lautschweigender Konsens“, http://mcguffin.blogsport.de/2010/02/09/ein-lautschweigender-konsens/ ).

lvi„Insofern ist es auch problematisch, Antisemitismus postmodern als eine Form des ‘Othering’ zu beschreiben, weil es in ihm das entgegengesetzte ‘Self’ nicht gibt. Zum Antisemitismus führt kein ‘So musst du sein, Kind, dann bringst du es zu was’, sondern nur ein rechtfertigend pauschales ‘Irgendwer muss schuld daran, dass wir es zu nichts gebracht haben, denn wir haben uns ja an alles gehalten’.“ (Ebd.).

lvii„Der Haß gegen sie ist unmittelbar eins mit dem Antisemitismus, keineswegs bloß weil Freud Jude war, sondern weil Psychoanalyse genau in jener kritischen Selbstbesinnung besteht, welche die Antisemiten in Weißglut versetzt.“ (Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, 569f.).

lviiiSiehe Anmerkung 36 sowie die Umdeutung des Afghanistankrieges durch die Veranstalter des „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ (siehe Anmerkung 23); die Verteidigung orthodox islamischen und islamistischen Widerstands gegen westliche Einflüsse verweist darauf, wie wenig der Antisemitismus von den Islamophobiekritikern begriffen wird: „Weil es wiederum den positiven Ansatzpunkt im Antisemitismus nicht gibt, erscheint er immer als Rebellion. Auch dies ist ein wichtiger Punkt, der es der linken Theoriebildung schwierig macht, ihn zu begreifen. Und zwar auch denjenigen Richtungen, die nicht von einem dualistischen Gegensatz vor Herrschenden und Beherrschten ausgehen.“ (Siehe Anmerkung 55).

lixMeinung Wahn Gesellschaft, 574.

lxEbd., 586.

lxisinsitra! radikale Linke, „zivilisation und auschwitz“ (http://www.copyriot.com/sinistra/reading/bahamas.html).

lxiiDialektik der Aufklärung, IX.

lxiiismrt postnazismus im Gespräch mit Bini Adamczak und Aljoscha Weskott (http://www.igbildendekunst.at/bildpunkt/2011/smrt-postnazismus/adamczak-weskott-gespraech.htm).

lxivDialektik der Aufklärung, 211.

lxviAntifaschistisches Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag, „Kein Al Quds-Tag 2012 in Berlin!“, http://noalquds.blogsport.de/2012/07/23/kein-al-quds-tag-2012-in-berlin/.

lxviiElder of Ziyon, „Tunisia draft constitution forbids normalization with ‘Zionism’“ (http://elderofziyon.blogspot.de/2012/08/tunisia-draft-constitution-forbids.html).

lxviiiThe Guardian, „Egypt election: Both sides claim victory – Monday 18 June“ (http://www.guardian.co.uk/world/middle-east-live/2012/jun/18/egypt-election-muslim-brotherhood-claims-victory-live).

lxixDie revolutionären arabischen Massen sind nämlich keineswegs so friedliebend und von Ressentiments befreit wie das linke Revolutionsromantiker gerne hätten: Am 10. September 2011 stürmte ein ägyptischer Mob die Israelische Botschaft in Kairo nach den Freitagsgebeten auf dem Tahrir Square. (BBC, „Egyptian protesters break into Israeli embassy building“, http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-14862159) Ein Jahr später, am 11. September 2012, wurde die US Botschaft in Kairo gestürmt. In der folgenden Woche gab es Angriffe auf westliche Einrichtungen in über 20 (nicht nur arabischen) Ländern, darunter auch Tunesien, Sudan und Syrien. Anlass war ein US Film in dem der Prophet Mohammed beleidigt wird. (Rick Gladstone, „Anti-American Protests Flare Beyond the Mideast“, http://www.nytimes.com/2012/09/15/world/middleeast/anti-american-protests-over-film-enter-4th-day.html?_r=1&smid=FB-nytimes&WT.mc_id=WO-E-FB-SM-LIN-HBA-091512-NYT-NA&WT.mc_ev=click).

lxxZitiert nach: Die Macht der Mullahs, 7.

lxxiThomas Maul, „Plädoyer für die kopftuchfreie Schule“, http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Plaedoyer_fuer_die_kopftuchfreie_Schule.pdf.

lxxii„Mit der Verschleierung und der Aufforderung, den Blick zu senken und keine akustischen Signale zu senden, also zu schweigen und auf klappernde Absätze zu verzichten, wird die Muslima unsichtbar, unhörbar und blind zugleich für andere gemacht: auf dass Sehnsucht sich gar nicht erst regen möge, wohin auch immer die entfesselten Blicke der muslimischen Männer schweifen. Zwar dehumanisiert diese Verrohung des Geschlechterverhältnisses und der Sexualität die schariakonforme Muslima zum Gespenst und zur Söhnefabrik. Indem sie darin aber zur Hüterin der öffentlichen Ordnung nach Innen und zur Djihadisten-Produzentin nach außen aufsteigt, wird es ihr möglich, die eigene Unterwerfung zu erotisieren, das heißt, das Kopftuch bzw. den Sohn als ihren Phallus über die Maßen zu begehren. Selbstbewusste und gebildete Kopftuchträgerinnen sprechen daher nicht für die Harmlosigkeit des Kopftuchs oder gegen phallozentrische Unterdrückung, sondern für den Verlust eben jenes Selbst, auf dessen Existenz desto inbrünstiger gepocht wird.“ (Thomas Maul, „Der gefesselte Odysseus “, http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web60-1.html).

lxxiiiSiehe Anmerkung 23.

lxxiv„Dabei ist es doch erstens überhaupt nichts Neues, dass autoritäre Charaktere von autoritären Ideologien angezogen werden und daher so manches Individuum sich lieber für einen festen Platz im Kollektiv freiwillig unterwirft und aufgibt, als Selbstverantwortung zu übernehmen und mit den Ambivalenzen und Unsicherheiten zu leben, welche die Freiheit moderner Gesellschaften eben mit sich bringt. So fungiert das Kopftuch den Konvertitinnen und anderen Neomusliminnen als Ersatzpenis, der gewisse Gratifikations- und Potenzerlebnisse mit sich bringt – abgesehen von der Geilheit der Wahnvorstellung, mit Ablegen des Kopftuchs alle Männer verrückt machen und damit die ganze Gemeinschaft zum Einsturz bringen zu können.“ (Siehe Anmerkung 71).

lxxvTier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 161f.

lxxviEbd., 163.

lxxviiZur Bekämpfung des Antisemitismus heute, 110.

lxxviii„Indem es den Mädchen zunächst begrenzte kopftuchfreie öffentliche Räume und Zeiten schafft, macht es das Kopftuch potentiell überflüssig, da der Stoff seine sexualpolitische und ideologische Wirkung nur im totalen Anspruch auf den öffentlichen Zeit-Raum entfalten kann. Dabei leistet das Verbot einen wichtigen Beitrag dazu, dem islamischen Ehrbegriff und der mit ihm verbundenen Gewaltdynamik als Hauptemanzipationshindernis das Fundament zu entziehen.“ (Siehe Anmerkung 71).

lxxixDie Macht der Mullahs, 165.

lxxxEbd., 167.

lxxxiEbd., 168.

lxxxiiSiehe Anmerkung 71.

lxxxiiiDie Macht der Mullahs, 168.


no adorno for butler September 11, 2012 | 08:12 pm

Reise-Empfehlung 2013: Fußball-EM in Israel September 4, 2012 | 12:03 am

Die Aufrufe zum Boykott von Produkten aus dem Judenstaat werden immer lauter. Die Friedensbewegung übt sich im Nachplappern iranischer Machtinteressen. Austräger der U21-EM 2013 wird Israel sein. Also nichts wie hin!


London, Juni 2012: Antisemiten demonstrieren gegen die U21-EM in Israel

Sportlerinnen und Sportler aus Israel werden diskriminiert, weil sie für den jüdischen Staat antreten. Schon zur Arbeiterolympiade in Wien 1931 reisten die jüdischen Athleten weither an, aber nahmen aus bislang ungeklärten Gründen nicht an den Turnieren teil (bis auf die Fußballer). Oft lassen die internationalen Sport-Institutionen gegenüber Antisemitismus Milde walten. Die Verantwortlichen der Olympiade errichteten in London 2012 eigens eine Trennwand, weil sich libanesische Judoka weigerten, neben Israelis zu trainieren. Verachtung in diesem Ausmaß erfahren Sportive aus anderen Ländern bei weitem nicht. Der FC Bayern leistete sich ein verfehltes Entgegenkommen im Jahre 2004, als er eine Verletzung vorgab, damit der iranische Stürmer Hashemian von einem Championleage-Spiel in Tel Aviv entbunden war.

Die kommende U21-EM 2013 könnte interessant werden. Im Januar 2011 bestimmte das UEFA-Exektivkomitee Israel als Ausrichter. Der UEFA-Präsident, Michael Platini, bestätigte: „Obwohl ein gewisser Druck auf uns ausgeübt wird, wird die europäische U21-Meisterschaft 2013 in der Tat in Israel stattfinden.“ Prompt trat ein ehemaliger „palästinensischer Nationalspieler“ in den Hungerstreik. Noch dreißig Kilo wiege er, berichtete alarmiert die internationale Profifußballer-Gewerkschaft (FIFPro) – von der man ansonsten wenig hört. In England sprießen bereits die „Mahnwachen“ aus dem Boden. Bald wird die Münchner Friedensbewegung das Thema für sich entdecken.

München wehrt sich – gegen Iran-Sanktionen
In München ist man derzeit noch mit vereinten Kräften bemüht, die Sanktionen gegen die Iran zu unterwandern. Die Hypo-Vereinsbank hat der FAZ zufolge „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gegen Sanktionsregeln verstoßen und eine Exportfinanzierung in den Iran geleistet. Ein Münchner Gericht legitimierte dieses Jahr den iranischen Propganda-Sender „Press TV“. Auch im weiteren Verfahren sieht es bislang gut für den Sender aus. Die verherrlichende Ausstellung „Ein Blick Iran – betrachten, lauschen, fühlen, Iran erleben“ im katholischen Pfarramt St. Maximilian endete vor zirka drei Wochen. Ausgesprochen wohlwollend berichtete die Süddeutsche Zeitung darüber. Die Friedensbewegung hat ihren militärisch anklingenden „Münchner Appell“ nun umbenannt in „Münchner Aufruf“. Die dazugehörige Internetseite, „Kein Krieg gegen Iran“, deren Breite an Unterstützenden von Linkspartei bis zum antizionistischen Verein „Salam Shalom“ reicht, soll von „Hackern“ zeitweise stillgelegt worden sein, beklagten die Macher.

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Redebeitrag des LAK Shalom Berlin zu den Protesten gegen den Al Quds-Marsch: Kein freies Syrien ohne Kritik des Antisemitismus August 20, 2012 | 10:21 am

Wozu jedes Jahr einen neuen Demoaufruf, wenn sich doch die Welt seit August vergangenen Jahres nicht verändert hat? Noch immer marschieren Islamisten, noch immer gibt es den Al Quds-Tag, das iranische Regime, das Atomwaffenprogramm. Und Israel darf noch immer nicht in Frieden existieren. Umso erfreulicher ist es, wenn ein Aufruf eine neue Forderung aufstellt, dessen Anlass [...]

Aufruf gegen den „Al Quds“-Marsch – Gemeinsam gegen Antisemitismus! August 15, 2012 | 09:20 am

Am 18. August 2012 findet in Berlin der größte islamistische Aufmarsch Deutschlands statt – Anlass ist der sogenannte „Al Quds“-Tag – Quds ist der arabische Name für Jerusalem. Dieser Tag wurde 1979 vom iranischen „Revolutionsführer“ Ayatollah Chomeini eingeführt, um propagandistisch die Eroberung Jerusalems und die Vernichtung Israels vorzubereiten. Seit 1996 demonstrieren Anhänger*innen des iranischen Regimes [...]

VJSB kritisiert „Palästina Tage“ July 12, 2012 | 10:56 am

Wir dokumentieren eine Presseerklärung des Verbandes Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB) hinsichtlich des Auftrittes von Haneen Zoabi heute Abend im Münchner Gasteig:

Am Donnerstag, 12. Juli 2012, hält Haneen Zoabi einen Vortrag im Rahmen der „Palästina Tage München 2012“. Die arabische Abgeordnete der Balad Partei im israelischen Parlament erhielt auf derselben Veranstaltung vor zwei Jahren viel Beifall als sie u.a. sagte: „Ziel ist nicht die Gleichberechtigung in Israel, sondern der Kampf gegen Israel … das Problem sind nicht die Grenzen von 1967, sondern die von 1948.“ Zoabi akzeptiert den Staat Israel nicht, weil dieser sich als jüdischer Staat verstehe und spricht von „politischem Rassismus“. Offen ruft sie zur Abschaffung des jüdischen Staates auf.

Die „Palästina Tage München 2012“ finden in Kooperation mit der Petra Kelly Stiftung und der Münchener Stadtbibliothek im Gasteig statt und werden vom Kulturreferat der Landeshauptstadt München gefördert. Der Verband jüdischer Studenten in Bayern (VJSB) kritisiert, dass die Verantwortlichen eine offensichtlich propagandistisch und ideologisch motivierte Veranstaltung an so renommiertem Ort und mithilfe staatlicher Gelder stattfinden lassen. Der VJSB fordert die Vertreter der Gasteig München GmbH, des Kulturreferats der Landeshauptstadt München und der Petra-Kelly Stiftung auf, Stellung zu der israelfeindlichen Veranstaltung zu beziehen.

Hintergrund: Der Vorwurf des Rassismus gegenüber Israel ist absurd. Religion ist keine Rassen-Klassifizierung. In Israel leben europäische, orientalische und afrikanische Juden. Israel gewährt als einziger Staat im Nahen Osten allen religiösen Minderheiten selbstverständlich alle freiheitlich-demokratischen Rechte. Arabische Israelis sind in und für Israel als Botschafter, Richter, Generäle oder – wie Zoabi selbst – als demokratisch gewählte Mitglieder im israelischen Parlament tätig.

Mit ihrer Forderung nach der Abschaffung des jüdischen Staates ist Zoabi Teil einer Delegitimierungskampagne gegen Israel, die politisch versucht das Ziel zu erreichen, das der bewaffnete Terrorismus gegen Israel in mehr als sechs Jahrzehnten nicht geschafft hat: die Beseitigung der nationalen Heimstätte des jüdischen Volkes.

Weiterführendes:
Tumult im Gasteig: Jüdische Studierende lassen sich den Mund nicht verbieten

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Israelbezogener Antisemitismus als regressive Staatskritik July 4, 2012 | 11:39 am

Bericht und Mitschnitt von der Veranstaltung mit Daniel Poensgen Am 05. Juni referierte Daniel Poensgen in Berlin zum Thema “Richtiges Motiv, falscher Ton”: Grass, die Mitte und der Staat und erklärte am Beispiel von Günter Grass’ Gedicht „Was gesagt werden muss“, weshalb die politische Mitte einerseits den sekundären Antisemitismus ablehne, andererseits zu den angeblich politischen Vorwürfen [...]

BLM vs. Press TV 0:1 June 18, 2012 | 01:59 pm

Die Bayerische Landesmedienanstalt (BLM) könnte mit ihrem Vorhaben vorerst gescheitert sein, den iranischen Sender PRESS TV in Deutschland dauerhaft aus dem Astra Satelliten-Programm zu nehmen. Das Münchner Landgericht gab der Rechtsabteilung des staatlichen Propagandasenders recht, so berichten zumindest jubilierend iranische Medien.


Direkt: Demonstration von iranischen Flüchtlingen in Würzburg

Das ist „eindeutig Teil einer Verschwörung, orchestriert vom Westen“ polterte es am 03. April dieses Jahres auf der Website von PRESS TV. Das staatliche Propagandaorgan sollte aus dem Satellitenprogramm Astra entfernt werden, nachdem ihm die britische Medienaufsicht im Januar die Lizenz entzogen hatte. Damit besaß PRESS TV auch keine Presselizenz mehr, um über Astra in Deutschland empfangen zu werden. Die Bayerische Landesmedienanstalt wies SES Astra (Unterföhring bei München) an, den Sender ab Anfang April nicht weiter auszustrahlen. Die britische Medienausicht entzog Press TV die Lizenz, weil der Sender in Teheran ansässig ist, was mit den derzeitigen Vertragsmodalitäten unvereinbar sei. Zudem habe sich der Sender der Zahlung eines Bußgelds in Höhe von 100.000 Pfund aufgrund eines unter Zwang geführten Interviews mit dem im Iran inhaftierten Journalisten der Newsweek (Maziar Bahari) verweigert.

PRESS TV kündigte nach der Abschaltung auf Astra an, einen Anwalt zu bemühen und ein Verfahren anzustreben. Sollte die Sperrung bis zum 05. August nicht rückgängig gemacht werden, so das Ultimatum, werde man Schadensansprüche geltend machen. Das Münchner Landgericht entschied nun angeblich nach Vorlage von „Dokumenten“ der Rechtsabteilung von PRESS TV, die Herausnahme aus dem Programm sei „illegal“ gewesen – berichten mehrere iranische Nachrichtenagenturen seit letzten Freitag.

Den streikenden iranischen Flüchtlingen in Würzburg schränkt der Bayerische Verwaltungsgerichtshof in München seit Wochen immer wieder aufs Neue die Möglichkeiten für eine Dauerkundgebung in der Würzburger Innenstadt ein. Die Flüchtlinge demonstrieren gegen die derzeitige Asylgesetzgebung und gegen das Regime im Iran. Der iranische Staatssender PRESS TV, der unter Zwang abgepresste Interviews veröffentlicht, eng mit dem iranischen Geheimdienst zusammenarbeitet und antiisraelische Hetze verbreitet, könnte hingegen durchgewunken worden sein. So stellten es zumindest iranische Medien vergangenes Wochenende dar. Von Münchner Medien blieb die Entscheidung bislang leider gänzlich unbemerkt.

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“Richtiges Motiv, falscher Ton”: Grass, die Mitte und der Staat May 21, 2012 | 10:12 pm

Vortrag und Diskussion mit Daniel Poensgen am 05. Juni in Berlin Das antisemitische Ressentiment von Günther Grass ist in seiner Form ein Anachronismus. Die Mitte kann es verurteilen und findet doch spätestens beim Einreiseverbot gegen den deutschen Schriftsteller zum eigenen israelbezogenen Antisemitismus zurück: Dieser speist sich weniger aus Schuldabwehr, sondern ist der Versuch, Aspekte des Staates [...]

Sittlicher Antisemitismus May 4, 2012 | 02:19 am

Die Argumentationsmuster von modernen Antisemiten verändern sich nur langsam. Das legt zumindest ein Blick in die historischen Mitteilungen des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus nahe.

Von einer „Auschwitz-Keule“ zu reden, war erst nach Auschwitz möglich. Dennoch bediente sich der Antisemit Heinrich von Treitschke schon zirka sechzig Jahre vor Auschwitz eines ähnlichen Kniffs. Im Rahmen des „Berliner Antisemitismusstreits“ (1879) beklagte er das „umgekehrte Hep-Hep-Geschrei“ in der deutschen Republik, womit Gestalten wie er angeblich „mundtot“ gemacht werden sollten. Die Hep-Hep-Pogrome (benannt nach den Rufen des Mobs) waren antijüdische Massaker im Jahre 1819, die in Deutschland auf die Emancipation folgten.

Auch die Bemühungen, die Vorgänge im Kopf von Antisemitinnen und Antisemiten zu erahnen, führten vor und nach Auschwitz teilweise zu ähnlichen Ergebnissen. Der israelische Psychoanlaytiker Zvi Rex brachte die heute sehr aktuelle Täter-Opfer-Umkehr mit dem prominenten Satz auf den Punkt: „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen.“ Deutlich vor Auschwitz schon legte Lion Feuchtwanger aber in seinem Roman „Jud Süß“ der Figur Landauer bezüglich der antijüdischen Pogrome in Ravensburg in den Mund: „Aber wenn [er] solches Unrecht getan hat, versteht sich, dass [der Ravensburger] weiter gegen [Juden] gereizt ist, auch nach 300 Jahr.“

Dem Antisemiten sein jüdischer Staat ist schon älter als Israel
Die Gründung Israels hat die Lage vieler Jüdinnen und Juden stark verändert. Doch durch die antisemitische Brille erschienen auch schon vor Israel gewisse Staaten als vermeintlich jüdisch. Zum Beispiel die angeblich „jüdisch-bolschewistische“ Sowjetunion. Die Deutsche Tageszeitung veröffentlichte im Februar 1922 einen Beitrag mit dem Titel „Aus den Leidenstagen der deutschen Wolgakolonien“, der ohne viel Aufwand dem heutigen Antizionismus angepasst (kursiv) werden kann:

„Aber man war wehrlos den (zionistischen) jüdischen Blutfängern ausgeliefert, die unter dem Zeichen des (Davidsterns) Sowjetsterns ihr menschenschändendes Geschäft betrieben. Es ist das einer der Augenblicke der Weltgeschichte, wo Antisemitismus zur sittlichen Pflicht wird. Eine gewisse deutsche Presse aber wusste auch in diesen Tagen nichts anderes zu bringen aus (Israel) Russland als (Meldungen über Raketen aus Gaza) Pogrommeldungen. Der Leser ahnte nicht, dass diese (Raketen) Pogrome nur das natürliche Ventil dumpfer Instinkte waren, die von den (Zionisten selbst) bolschewistischen Machthabern in kluger Voraussicht gefördert wurden als bester Schutz gegen ihr eigenes Treiben.“


Wo Antisemitismus zur sittlichen Pflicht wird

Interessant am Zitat aus der Deutschen Tageszeitung des Jahres 1922 ist auch die Unterscheidung zwischen „sittlichem Antisemitismus“ einerseits und „dumpfen Instinkten“ andererseits – eine Trennung, die Heinrich von Treitschke zu diesem Zeitpunkt bereits vervollkommnet hatte, um sich von „Radau-Antisemiten“ abzugrenzen (1879) und die die linke taz im Jahre 2012 noch weiterentwickeln wird, um ihre Israelkritik vor Günter Grass in Sicherheit zu bringen.

In der ultrakonservativen Norddeutschen Allgemeinen Zeitung erschien 1892 ein Beitrag gegen die Börse – inhaltlich durchaus verwandt mit der heutigen „Occupy-Bewegung“ – dessen Autor die „Empörung des deutschen Volksgemüts“ ebenfalls nicht in einem Topf mit Antisemitismus verrührt sehen wollte:

“Die Lebhaftigkeit der sittlichen Reaktion gegen das Treiben, wie es namentlich an der Börse, in den „Gründungs“-Manipulationen, in einem Teil der Presse und der öffentlichen Vergnügung hervortrat, musste sogar als eine durchaus erfreuliche Erscheinung gelten. Es war eine Empörung des deutschen Volksgemüts, das in seinem Innersten nach Maß und Gerechtigkeit verlangt“ […]
Leider mischten sich der aus so berechtigten Ursprüngen hervorgegangenen Bewegung alsbald Elemente bei, welche auf das Prädikat einer gerechten, humanen und vorurteilsfreien Gesinnung nur sehr bescheidenen Anspruch hatten. Unter dem Einfluss derselben verkehrte sich die sittliche Reaktion gegen vereinzelt hervortretende Untugenden in eine Hetze gegen die Staatsbürger mosaischen Glaubens oder israelitischer Herkunft. […]

Antisemitinnen und Antisemiten gehen ihrer Leidenschaft in der Regel sittlich nach. Selbst Hitler war nicht jeder Antisemitismus recht. In einer Rede im Jahre 1922 polterte er: „Uns ist die Judenfrage nicht Wahlmanöver, wir sehen das als einen unmoralischen Antisemitismus an.“

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Podiumsdiskussion in Magdeburg: Judenfeindschaft, Antisemitismus, Israelhass April 25, 2012 | 07:42 pm

Über die Gemeinsamkeiten und Unterscheide von Judenfeindschaft, Antisemitismus und Israelhass findet auf der Tagung “Gegen den Strom: Geschichten über Mut, Erinnerung und Demokratie aus fünf Jahrzehnten internationaler Sommerlager von Aktion Sühnezeichen” dieses Wochenende in Magdeburg eine Podiumsdiskussion mit TeilnehmerInnen aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen statt. Es diskutieren: Zuzana Pavlovská, sie studierte Jüdische Studien an der Charles University [...]

Aber danke für die Datteln April 17, 2012 | 02:14 am

Der groß angekündigte „Globale Marsch nach Jerusalem“ war ein Flop. Ein kleiner Mob zündete Molotow-Cocktails am Checkpoint vor Bethlehem; im Gaza-Streifen randalierten die Üblichen. Auch die Solidaritätskundgebung in München am „Tag des Bodens“ fiel eher familiär aus. Ein ergänzter Bericht von David Zeller.


„Heut‘ treff ich Bischoff Tutu, und drück ihm seine Schnut zu“ („Die Kassierer“ – Punkrocker und Tutu-Kritiker)

Viele Organisationen, auch die Islamische Republik Iran, hatten zum „Globalen Marsch nach Jerusalem“ mobilisiert. Auf dem Münchner Radiosender Lora warb Evelyn Hecht-Galinski für die Teilnahme. Sie behauptete in der Sendung, Jerusalem „verkommt immer mehr zur jüdischen Stadt.“ In Deutschland fanden letztendlich aber nur überschaubar besuchte Solidaritätsveranstaltungen statt. In Stuttgart wurde eine Kundgebung am Platz der Opfer des Nationalsozialismus organisiert, in Göttingen trafen sich die Protestierenden geradewegs vor der örtlichen Synagoge, um gegen die „Judaisierung Jerusalems“ vorzugehen. Im Vorjahr hatten in München u.a. schon das „Nationale BDS-Komitee“ (Boykott, Desinvestition und Sanktionen), der antizionistische Verein „Salam Shalom“ und die Palästinensische Gemeinde München zur Mahnwache am „Tag des Bodens“ (30. März) aufgerufen. „Solidarität mit dem palästinensischen Volk und seinem Recht auf Selbstbestimmung über das Land seiner Vorfahren“, lautete die Forderung im Aufruf zur Kampagne letztes Jahr.

„Das palästinensische Volk braucht Deine Solitarität!“


Einstudierte Rührseligkeit am Infostand 2012

Dieses Jahr kündigte die Palästinensische Gemeinde München die Solidaritätskundgebungen am „Tag des Bodens“ ohne viel Vorlauf an. Auf Facebook erschien erst am 29. März ein kurzer aber wortgewaltiger Aufruf, um dem Tag zu gedenken, an dem sich die „Palästinenserinnen und Palästinenser im Kernland des historischen Palästinas gegen die Beraubung und Enteignung ihrers Landes durch Israel erhoben haben.“ Insbesondere um die „heilige Stadt“ gehe es ihnen, heißt es, und: „Das palästinensische Volk braucht auch Deine Solitarität!“ Die Israelitsche Kultusgemeinde München warb hingegen auf ihrer Website dafür, gerade an diesem Tag des organisierten antisemitischen Furors Solidarität mit Israel zu üben, was von Münchnerinnen und Münchnern sowie lokalen Medien allerdings nicht bemerkt werden wollte.

Zwei Stunden Spuk

Am 31. März 2012, einen Tag nach dem „Marsch“ versammelten sich also zirka vierzig Friedensfreunde und jene, denen ein kritisches Wort zur Hamas nicht passiert, am Sendlinger Tor, um gegen eine „ethnische Säuberung“ Jersualems und „den israelischen Kolonialismus“ zu protestieren. Es vereinigten sich unter der Palästinafahne auch Mitglieder des antizionistischen Vereins „Salam Shalom“, der Deutschen Kommunistischen Partei und der Linkspartei. Kinder säumten wohlplatziert – mit Intifadaschals, Buttons und Palästinafahnen bestückt – das Schauspiel; die aufgestellten Schilder mit Bildern von weinenden Kindern und zerstörten Häusern sollten nahelegen, dass an diesem Ort und Tag Widerspruch bereits unmenschlich ist. Wie im Vorjahr schon wurden Flyer verteilt, die zum Boykott israelischer Produkte aufriefen. Die lauthals vorgetragene Forderung eines Fanatikers, israelische Produkte generell zu boykottieren und alle Firmen anzuzeigen, die aus jüdischen Siedlungen auf vermeintlich palästinensischem Boden importieren, wäre ohne eine Tüte süßer Datteln aus Galiläa kaum auszuhalten gewesen. Zwei Stunden dauerte das grimmige Mienenspiel und der Spuk nahm ein Ende.

Weiterführendes:
Film zur Mahnwache

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