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Audio: Verquere Welt – Die Querfront als weltpolitisches Phänomen July 20, 2016 | 11:24 am

Vortrag von Ivo Bozic

gehalten am 14. Juli 2016 in Stuttgart

 

gesendet am 22. Juli 2016 im Freien Radio für Stuttgart

War das Statement jetzt eigentlich von Sahra Wagenknecht oder doch von Alexander Gauland? Wurde das Transparent beim Ostermarsch oder bei Pegida gesehen? Hat das jemand von den Reichsbürgern gesagt oder stand das in der „Jungen Welt“? Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Doch die ist nicht nur ein deutsches Phänomen. In der neuen, zunehmend von China und Russland dominierten Weltordnung spielen Rechts und Links längst keine Rolle mehr. Auch der Jihadismus entzieht sich klassischen ideologischen Schubladen aus Zeiten des „Kalten Krieges“. Postpolitische Politikansätze wie hierzulande die „Piraten“-Partei führen nur zur weiteren Entpolitisierung und können den neuen Querfrontstrategen nichts entgegensetzen. Ist es also sinnvoll an den klassischen Zuschreibungen Links und Rechts festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den „Islamischen Staat“, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida?

Ivo Bozic, Mitbegründer und Mitherausgeber der Wochenzeitung Jungle World. Er beschäftigt sich als Autor seit vielen Jahren kritisch mit Querfront-Phänomenen und dem alten und neuen Antiimperialismus.

Eine Veranstaltung der Stiftung Geißstraße 7, der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg und des Fördervereins Emanzipation und Frieden e.V.

Israel und die deutsche Linke June 22, 2016 | 03:27 pm

Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 11. Juli 2016, 20 Uhr, Heidelberg
Hörsaal 1 der Neuen Uni Heidelberg

Eine Veranstaltung von Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Heidelberg in Kooperation mit dem Studierendenrat der Universität Heidelberg

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

 

 

Projektionen für Dummies June 16, 2016 | 11:45 am

Warum Psychoanalyse für eine Kritik des Antisemitismus unabdingbar ist

von Markus Textor

Bei einem kürzlich stattgefundenen Vortrag über modernen Antisemitismus konnte mal wieder beobachtet werden, dass es immer noch Widerstände dagegen gibt, Antisemitismus mit Hilfe der Psychoanalyse zu verstehen. Nach dem Vortrag häuften sich einerseits die erwartbaren Fragen, was denn Israel in diesem Vortrag über Antikapitalismus zu suchen habe. Die anderen Fragen bezogen sich gezielt auf die psychoanalytische Terminologie des Referenten, der Antisemitismus gelegentlich als wahnhaft und als Paranoia bezeichnete. Einige der Zuhörenden zeigten sich irritiert und bezweifelten, dass Antisemitismus etwas mit Wahn oder Paranoia zu tun haben könnte. Sie baten den Referenten mehrmals um eine genaue Beschreibung des Wahns und vermochten nicht zu glauben, dass Antisemitismus auch psychoanalytisch und nicht nur soziologisch gedacht werden kann.

Die Veranstaltung zeigte: Auch wenn das Thema ein alter Hut sein dürfte, gibt es immer noch Menschen, die denken, Psychoanalyse und Antisemitismus hätten nichts miteinander zu tun. Einige denken auch, wer sich auf ein psychoanalytisches Konzept bezieht, gehöre selbst auf die Couch. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn wer Antisemitismus wirklich verstehen will, kommt um ein wenig psychoanalytische Literatur nicht herum1.

Dass der Antisemitismus auf falscher Projektion beruht2 ist mittlerweile fast schon eine Binsenweisheit unter Anhängern der Frankfurter Schule. Doch was genau ist eigentlich eine Projektion?

Ein bekanntes Beispiel für eine klassische Projektion in einer romantischen Zweierbeziehung (RZB) ist die Eifersucht.

Ein Ehemann3 ist notorisch eifersüchtig und verbietet seiner Partnerin Kontakte zu anderen Männern oder spioniert ihr hinterher. Der projektive Aspekt an dieser Form der Eifersucht, die freilich noch viele andere Gründe haben kann, ist in psychoanalytischer Lesart, dass der Ehemann womöglich selbst den Wunsch hat, außerhalb der Ehe zu begehren. Anstatt seiner Lust nachzugehen, verbleibt diese im Verborgenen und wird auf die Ehefrau übertragen, auch wenn diese womöglich gar keine Absichten hat, sexuelle Erfahrungen jenseits der Ehe zu machen.

Hier fungiert die Projektion als Abwehrmechanismus des psychischen Apparats. Er wehrt die libidinösen Gefühle ab, weil diese nicht der geltenden Moral entsprechen, einem gesellschaftlichen Tabu unterliegen und im Verborgenen bleiben müssen. Diese Denkfigur verbleibt in der psychoanalytischen Reflexion jedoch nicht auf der Ebene der Zweierbeziehungen, sondern lässt sich auch auf die gesellschaftliche Ebene übertragen.

Sigmund Freud arbeitete bereits in seinem frühen Werk „Totem und Tabu“ heraus, dass der Abwehrmechanismus der Projektion nicht lediglich auf eine interaktive Beziehung zwischen zwei oder mehreren Menschen bezogen sein muss, sondern auch ihren gesellschaftlichen Zweck erfüllt, indem sie maßgeblich an der Gestaltung unserer Außenwelt beteiligt ist: „Aber die Projektion ist nicht für die Abwehr geschaffen, sie kommt auch zustande, wo es keine Konflikte gibt. Die Projektion innerer Wahrnehmung nach außen ist ein primitiver Mechanismus, dem z.B. auch unsere Sinneswahrnehmungen unterliegen, der also an der Gestaltung unserer Außenwelt normalerweise den größten Anteil hat“4. Freud erkennt das Problem der Projektionen auf der gesellschaftlichen Ebene, indem er argumentiert: „Unter noch nicht genügend festgestellten Bedingungen werden innere Wahrnehmungen nach außen projiziert, zur Ausgestaltung der Außenwelt verwendet, während sie der Innenwelt verbleiben sollten“5.

In ihrer Antisemitismusanalyse beziehen sich Horkheimer und Adorno reflexiv auf die psychoanalytische Abwehrfunktion der Projektion und erarbeiten anhand derselben das Konzept der „falschen Projektionen“6: „Regungen, die vom Subjekt als dessen eigene nicht durchgelassen werden und ihm doch eigen sind, werden dem Objekt zugeschrieben: dem prospektiven Opfer“7. „Die psychoanalytische Theorie der pathischen Projektion hat als deren Substanz die Übertragung gesellschaftlich tabuierter Regungen des Subjekts auf das Objekt erkannt. Unter dem Druck des Über-Ichs8 projiziert das Ich die vom Es ausgehenden, durch ihre Stärke ihm selbst gefährlichen Aggressionsgelüste als böse Intentionen in die Außenwelt und erreicht es dadurch, sie als Reaktion auf solches Äußere loszuwerden, sei es in der Phantasie durch Identifikationen mit dem Bösewicht, sei es in der Wirklichkeit durch angebliche Notwehr“9.

Horkheimer und Adorno gehen sogar davon aus, dass letztendlich alles Wahrgenommene auf Projektionen beruht und verweisen dabei auf die menschliche Vorzeit: „[…] ein Mechanismus für die Zwecke von Schutz und Fraß, verlängertes Organ der Kampfbereitschaft, mit der die höheren Tierarten, lustvoll und unlustvoll, auf Bewegungen reagierten, unabhängig von der Absicht des Objekts“10. Bezüglich der gesellschaftlichen Komponente der Projektion kommen sie zum Schluss, dass antisemitische Projektionen falsche bzw. pathische Projektionen sind. Im Gegenzug zur klassischen Projektion bleibt in der falschen Projektion jegliches reflexive Moment des Subjekts aus: „Das Pathische am Antisemitismus ist nicht das projektive Verhalten als solches, sondern der Ausfall der Reflexionen darin“11.

Birgit Rommelspacher arbeitet treffend heraus, dass sich der Antisemitismus in Anbetracht seiner Erscheinungsform vom kolonialen Rassismus12 dahingehend unterscheidet, dass er bei psychoanalytischer Lesart, „[…] eher von Über-Ich-Projektionen genährt wird“13. Während im Kolonialrassismus stärker Es-Projektionen, wie übertriebene Triebhaftigkeit, sexuelles Verlangen oder Aggressivität dominant sind, wird den Jüdinnen und Juden ein „[…] Zuviel an Intelligenz, Reichtum und Macht […]14 zugeschrieben. Während der christliche Antijudaismus vor allem religiöser Art ist, funktioniert der moderne Antisemitismus mit Zuschreibungen, die den Juden eine Allmacht zuschreibt, eine Allmacht, die das kleine Kind bei der Begegnung mit seinen Eltern, der zentralen Prägungsstätte seines Über-Ichs, zum ersten Mal kennenlernt. Die Adaption dieser Über-Ich-Projektion auf die gesellschaftliche Ebene ist eine Funktionsweise des modernen Antisemitismus und zeigt sich, „[…] indem ‚die‘ Juden für nahezu alle gesellschaftlichen Probleme und internationale Konflikte verantwortlich gemacht werden. Dabei wird ihnen mithilfe von Verschwörungstheorien unbegrenzte Macht zugeschrieben“15 .

Horkheimer und Adorno betonen, dass die Projektion auf die Juden ein Produkt der „falschen gesellschaftlichen Ordnung aus sich heraus“ bedeutet: „Im Bild des Juden, das die Völkischen vor der Welt aufrichten, drücken sie ihr eigenes Wesen aus. Ihr Gelüste ist ausschließlicher Besitz, Aneignung, Macht ohne Grenzen, um jeden Preis“16. Sie vergleichen das System des Antisemitismus dabei oftmals mit der Paranoia: „Indem der Paranoiker die Außenwelt nur perzipiert, wie es seinen blinden Zwecken entspricht, vermag er immer nur sein zur abstrakten Sucht entäußertes Selbst zu wiederholen“17.

Eifrige Psychoanalyse-Gegner werden gegen letzten Einwand Einspruch erheben, indem sie ihre psychische Gesundheit betonen und den Vergleich mit einem paranoiden Menschen als Beleidigung auffassen. Diese Reaktion ist zugegeben verständlich, wobei Horkheimer und Adorno den Paranoiker zwar klinisch verstehen, ihn aber zugleich auf einer gesellschaftliche Ebene abstrahieren: „Dem gewöhnlichen Paranoiker steht dessen Wahl nicht frei, sie gehorcht den Gesetzen seiner Krankheit. Im Faschismus wird dies Verhalten von Politik ergriffen, das Objekt der Krankheit wird realitätsgerecht bestimmt, das Wahnsystem zur vernünftigen Norm in der Welt, die Abweichung zur Neurose gemacht“18. Es wird deutlich, dass das Krankhafte der Paranoia nicht auf der Ebene einer klinischen Diagnose verbleibt. Unscharf und falsch wäre es nun zu behaupten, dass alle Antisemit_innen psychisch krank seien, nur weil in der psychoanalytisch fundierten Theoriebildung zum Antisemitismus Bezug auf ein klinisches Krankheitsbild genommen wird.

In ihrer Auffassung gehen Horkheimer und Adorno sogar noch einen Schritt weiter, indem sie die Paranoia zum Symptom des Halbgebildeten machen: „Ihm werden alle Worte zum Wahnsystem, zum Versuch durch Geist zu besetzen, woran seine Erfahrungen nicht heranreicht, gewalttätig der Welt Sinn zu geben, die ihn selber sinnlos macht, zugleich aber den Geist und die Erfahrung zu diffamieren, von denen er ausgeschlossen ist, und ihnen die Schuld aufzubürden, welche die Gesellschaft trägt, die ihn davon ausschließt“19. Halbbildung unterscheidet sich demnach maßgeblich von der bloßen Unbildung, da Halbbildung das beschränkte zur Verfügung gestellte Wissen als Wahrheit deklariert. Hier sollte allerdings betont werden, dass Antisemitismus bzw. falsche Projektionen auch dort entstehen können, wo das Individuum einen vergleichsweise formell hohen Grad an Bildung hat. Horkheimer und Adorno betonen an dieser Stelle, dass Bildung vor allem aus ökonomischen Gründen vermehrt abstirbt und deswegen ganz neue Formen der Paranoia bei den Massen auftreten. Anzumerken wäre, dass der Bildungsbegriff, den die beiden Philosophen hier verwenden, aus heutiger Sicht wahrscheinlich noch stärker vom Aussterben bedroht ist.

Dass der moderne Antisemitismus, der in Deutschland in letzter Konsequenz zur Shoa geführt hat, einer Paranoia glich, ist wohl unbestritten. Dass es sich mit dem heutigen Antisemitismus, bei dem ähnliche primitiven Regungen auf den Staat Israel oder eine vermeintliche zionistische Weltverschwörung projiziert werden, ähnlich verhält, wird von vielen Deutschen, auch den sogenannten Linken, gerne abgestritten. Indem Jakob Augstein mit Rekurs auf Günter Grass‘ Gedicht „Was gesagt werden muss“ schreibt, dass Israel mit seiner Politik die ganze Welt am Gängelband hält und den ohnehin schon brüchigen Weltfrieden gefährde, finden sich in seinem Sprachgebrauch mitunter die projektiven Bilder der jüdischen Allmacht, während er sich, ähnlich wie Grass und viele weitere Deutsche, als Subjekt womöglich davon bedroht fühlt 20.

Die Psychoanalyse wird von vielen Seiten angegriffen: Ihre Konzepte seien heteronormativ angelegt, zuweilen auch sexistisch, funktionierten nur im Westen usw. Selbst Adorno übt elementare Kritik an der freudschen Psychoanalyse, indem er Freud sogar attestiert, dass seine „unaufgeklärte Aufklärung“ der bürgerlichen Desillusion in die Hände spielen würde21. Dass Freud und seine Rezipierenden keinen derart radikalen Anspruch an Herrschaftskritik hatten wie die Kritische Theorie, ist nicht unbekannt. Was bleibt ist allerdings ihr radikaler Erkenntnisgewinn, dass es ein Unbewusstes gibt, auf das wir denkenden und handelnden Subjekte nicht mit rationalen Mitteln zugreifen können. Stuart Hall beschreibt die Psychoanalyse ebenso wie den Marxismus, den (Post-)Strukturalismus bspw. de Saussures, die Machtanalysen Michel Foucaults und die Frauenbewegung als relevante gesellschaftliche und wissenschaftliche Strömungen, die großen Einfluss darauf genommen haben, dass das Subjekt in der Postmoderne nicht mehr das gleiche Subjekt ist, wie es einst von René Descartes gedacht wurde. Seine Urteils- und Handlungsfähigkeit sind eingeschränkt. Stuart Hall nennt dies die Dezentrierung des cartesianischen Subjekts22.

Fehlende Urteilsfähigkeit führte damals wie heute zu Antisemitismus. Trotz der grundlegenden Unterschiede zwischen Antisemitismus und Rassismus (siehe Anmerkung12) finden sich projektive Bilder auch in anderen menschenfeindlichen Denkmustern wie Rassismus oder der Abwehr von Asylsuchenden wieder. Diese sind heute präsent und gefährlich zugleich. In ihrer Folge ist es möglich, dass Parteien, die als rechtsextrem eingestuft werden, in ganz Europa Hochkonjunktur feiern und dass alleine in Deutschland im Jahr 2015 so viele Anschläge auf Unterbringungen von Geflüchteten verübt wurden, wie noch nie zuvor23.

Eigene Projektionen zu erkennen ist der erste und wichtigste Schritt, um Reflexivität herzustellen und [gesellschaftlichen] Krankheiten vorzubeugen. Egal ob es sich hierbei um reale psychische Krankheiten handelt oder nicht. Was wir den Theoretiker_innen der Psychoanalyse zu verdanken haben, sollte nicht als nichtig und überholt erachtet werden, sondern Einzug in unser alltägliches Urteilsvermögen nehmen. Horkheimer und Adorno sehen die „[…] individuelle und gesellschaftliche Emanzipation von Herrschaft [als] Gegenbewegung zur falschen Projektion […]24. Nur in einem emanzipatorischen und herrschaftskritischen Diskurs können Projektionen zeitnah erkannt werden, um schlimmen gesellschaftlichen Katastrophen vorbeugen zu können. Sieht man sich die rassistischen Übergriffe auf Asylunterkünfte, die immer wieder aufkeimenden antisemitischen Vorfälle sowie die Wahlergebnisse der AFD an, schwindet der Glaube an eine aufgeklärte Gesellschaft allerdings mehr und mehr.

1Anzumerken bleibt, dass die Kategorien krank und nicht krank in psychoanalytischen Theoriebildung nicht so statisch gesehen werden dürfen wie heute in der Humanmedizin. Am besten zeigt sich dies im freudschen Begriff der Neurose, der eher als Abwehrmechanismus des psychischen Apparats, anstatt als klassifizierbare Krankheit betrachten werden kann.

2Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2009, 196

3Wahlweise sind auch andere Konstellationen denkbar. Folgendes Beispiel ist, wie die freudsche Psychoanalyse selbst, ein sehr heteronormativ gedachtes Konzept, das in dieser Form auch kritisiert werden darf.

4Freud, Sigmund. Gesammelte Werke: Totem und Tabu. Köln: Anaconda Verlag, 2014, 670

5ebd. 671

6Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2009, 196

7ebd.

8Sicherlich sind Es, Ich und Über-Ich den meisten Lesenden geläufige Konzepte. Für weitergehende Lektüre empfiehlt sich Freuds „Das Ich und das Es“, oder „Abriß der Psychoanalyse“

9ebd. 201

10Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2009, 197

11ebd. 199

12Die heutige Rassismusforschung geht davon aus, dass der aktuelle Rassismus seinen Ursprung in der Kolonialzeit hat. Antisemitismus existiert als Phänomen schon deutlich länger und hat seinen Ursprung im christlichen Antijudaismus. Auch wenn sich der Antisemitismus im Nationalsozialismus des Rassismus bedient hat, es mitunter auch viele Überschneidungen gibt, müssen Rassismus und Antisemitismus heute historisch wie auch sozialwissenschaftlich grundlegend voneinander unterschieden werden.

13Rommelspacher, Birgit. Was ist eigentlich Rassismus. In: Mecheril, Paul; Melter, Claus (Hrsg.). Rassismuskritik. Band 1: Rassismustheorie und –Forschung. 2. Auflage. Schwalbach/Ts.: Wochenschau Verlag, 2011, 26

14ebd.

15ebd. 27

16Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2009, 177

17ebd. 199

18ebd. 196

19ebd. 205

20vgl. http://publikative.org/2013/01/04/was-hat-augstein-eigentlich-geschrieben/

21Adorno, Theodor W. Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. 9. Auflage. Frankfurt am Main: Surkamp Verlag, 2014, 67

22Vgl. Hall, Stuart. Rassismus und kulturelle Identität. Ausgewählte Schriften 2. Hamburg: Argument-Verlag, 1994 193 ff.

23https://www.tagesschau.de/inland/anschlaege-asylunterkuenfte-bka-101.html

24Horkheimer, Max; Adorno, Theodor W. Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Frankfurt am Main: Fischer Verlag 2009, 209

 

Verquere Welt – Die Querfront als weltpolitisches Phänomen June 13, 2016 | 08:01 am

Vortrag und Diskussion mit Ivo Bozic

Donnerstag, 14. Juli 2016, 19.30 Uhr, Stuttgart
Stiftung Geißstr.7, Geißstr.7, 70173 Stuttgart

In Kooperation mit der Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg

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Der Vortrag ist mittlerweile HIER zu hören.

War das Statement jetzt eigentlich von Sahra Wagenknecht oder doch von Alexander Gauland? Wurde das Transparent beim Ostermarsch oder bei Pegida gesehen? Hat das jemand von den Reichsbürgern gesagt oder stand das in der „Jungen Welt“? Antiwestlich, national und sozial: Ist das eigentlich rechts oder links – oder beides? In Deutschland ist seit den Erfolgen der neuen völkischen Bewegungen wie den Montagsmahnwachen, Pegida und der AfD oft von einer neuen Querfront die Rede. Doch die ist nicht nur ein deutsches Phänomen. In der neuen, zunehmend von China und Russland dominierten Weltordnung spielen Rechts und Links längst keine Rolle mehr. Auch der Jihadismus entzieht sich klassischen ideologischen Schubladen aus Zeiten des „Kalten Krieges“. Postpolitische Politikansätze wie hierzulande die „Piraten“-Partei führen nur zur weiteren Entpolitisierung und können den neuen Querfrontstrategen nichts entgegensetzen. Ist es also sinnvoll an den klassischen Zuschreibungen Links und Rechts festzuhalten, obwohl es mit dem völkischen Nationalismus und dem antiwestlichen und antizionistischen Antiimperialismus große Schnittmengen zwischen beiden gibt? Was eint so unterschiedliche Akteure wie Wladimir Putin, den „Islamischen Staat“, den Iran, Le Pen, Verschwörungstheoretiker, Teile der Linkspartei und Pegida?
Ivo Bozic, Mitbegründer und Mitherausgeber der Wochenzeitung Jungle World. Er beschäftigt sich als Autor seit vielen Jahren kritisch mit Querfront-Phänomenen und dem alten und neuen Antiimperialismus.

 

Audio: Sieben antifaschistische Essentials in Zeiten von AfD und Djihadismus June 11, 2016 | 10:30 am

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann
gehalten am 1. Juni 2016 in Nürnberg 

Stiefel- und Nadelstreifennazis wie auch den Rest der AfD-Wählerschaft verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit Islamisten und Djihadisten. Alle miteinander teilen sie antimodernes Ressentiment und Sehnsucht nach homogener, patriarchal-autoritär verfasster Gemeinschaft. Die konformistische Rebellion marschiert. Wer um Mindestvoraussetzungen für Menschenwürde und gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Antifaschismus steht vor neuen Fragen. Wie hilfreich und wie problematisch ist die so genannte „Islamdebatte“? Welchen Charakter und welches Entwicklungspotential hat die AfD? Was verbirgt sich hinter dem Ruf nach direkter Demokratie? Welche Chancen hat eine antiwestlich-national-sozial aufgeladene Massenbewegung? Welche Rolle spielen linksreaktionäre Ideologie, Querfront, Antizionismus und Instrumentalisierung Israels? Warum gehören Ideologie-und Ökonomiekritik zusammen? Welche Hausaufgaben hat Antifa inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis, Islamisten und Djihadisten? Sieben Essentials für antifaschistische Arbeit heute.

(Der Vortrag ist eine Aktualisierung des Vortrags „AntiBa – der Barbarei entgegentreten. Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida“ mit dem neuem Schwerpunkt AfD)

Audio: Alles Verschwörung oder was? May 23, 2016 | 06:17 pm

Über die grundlegende Dynamik von Verschwörungstheorien

Finn Blumberg im Gespräch mit Campusradio Jena

Die immer komplexer werdende Welt wird durch Verschwörungstheorien in einfachen Erklärungen dargestellt. Hinter den Geschehnissen auf der Welt werden Institutionen, Personen oder vereinzelt Staaten vermutet, die sie im Geheimen lenken.

Vortragsangebote von Finn Blumberg gibt es HIER

Heuschrecken, Gier und Weltverschwörung March 26, 2016 | 12:44 pm

Regressiver Antikapitalismus und das antisemitische Ressentiment

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 20. April 2016, 20 Uhr, Freiburg
Hörsaal 1016, Kollegiengebäude 1, Uni Freiburg

Eine Veranstaltung des Referats gegen Antisemitismus der Studierendenvertretung an der Uni Freiburg

Geht es gegen Banken und „die Finanzmärkte“, sind sich fast alle einig: Parteipolitiker, Gewerkschaften, Linke, Rechte, diverse Verschwörungsphantasten und wer sonst alles in Krisenzeiten das Wort ergreift. Alle miteinander halten sie “die Gierigen, die den Hals nicht voll genug kriegen” für die Verursacher der Krise. Auch manch vermeintlich radikaleR KapitalismuskritikerIn findet sich da in trauter Eintracht mit Finanzminister, Fernseher und Frau Meier wieder. Wenn es gegen die „Zirkulationssphäre“ geht, entstehen sonderbar anmutende Schulterschlüsse.
Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch die Aufspaltung des kapitalistischen Prinzips in „produktives Kapital“ auf der einen und „das Finanzkapital“ auf der anderen Seite leistet einer Dämonisierung des Finanzsektors Vorschub, die mal mehr, mal weniger bewusst auf antisemitische Stereotype zurückgreift. Blind dafür, was der Wahn vom “Kampf der ehrlich Arbeitenden” gegen die “Gierigen, die die Völker aussaugen” schon einmal angerichtet hat, sehnen sich viele nach einfachen Antworten. Das macht sie anfällig für allerlei Demagogisches und Autoritäres – ein auffälliger Kontrast zum allgegenwärtigen deutschen Credo, man habe aus der Geschichte gelernt.

Lothar Galow-Bergemann war freigestellter Personalrat in zwei Großkliniken. Heute schreibt er u.a. in konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de.

 

Pathos mit Pimmelgesicht – Warum es kein gutes Anonymous gibt March 19, 2016 | 01:55 pm

von Bastian Witte

Ziemlich genau 1,8 Millionen Fans hat die deutschsprachige Facebook-Seite mit dem Titel Anonymous (Seitenname: Anonymous.Kollektiv) aktuell. Seit mehr als zwei Jahren betreibt sie eine Kampagne gegen Flüchtlinge, Medien und Vertreter aller etablierten politischen Parteien. Sie hetzt gegen die angeblich „kriminelle Kanzlerin“, die eine „Merkel-Diktatur“ errichtet habe und nun für die „eingeschleppte Migranten-Rotte“ und „illegale Asylforderer“ verantwortlich sei. Mitschuldig seien natürlich die „linksgrünen Zensurterroristen“ von der „Mutti-Multikulti-Presse“. Demonstrierende, die sich gegen die AfD oder PEGIDA wenden, werden als „staatlich bezahlte Linksterroristen“ beschimpft und Bundesjustizminister Heiko Maas für seinen Einsatz gegen Hass-Kommentare im Netz als „Reichsjustizminister“ verunglimpft. Auch Hetzbeiträge gegen die USA und Israel als angebliche Drahtzieher hinter allem Bösen, sowie gegen die typischen personifizierten Projektionsflächen des Antisemitismus (Rockefeller, Rothschild usw.) sind nicht selten. In mindestens jedem zweiten Beitrag wird seit einiger Zeit auch für das Querfront-Magazin Compact geworben oder Artikel aus dessen Online-Auftritt verlinkt.

Ein klein wenig tröstlich wirkt bei all diesen Widerwärtigkeiten die mit der Zeit immer größer werdende Zahl kritischer Kommentare und Medienberichte. Während die Anonymous-Seite selbst einfach massenhaft kritische User sperrt, um sich solcher Stimmen auf der eigenen Seite zu entledigen, sind mit der Zeit auch Watch-Seiten entstanden, die sowohl erlogene Beiträge offen legen, als auch rassistische und antisemitische Beiträge thematisieren. – Und da kommen sie dann, die Einwände, die sowohl in den Kommentarspalten der Medienberichte, als auch der Watch-Seiten auf Facebook immer wieder zu lesen sind:

„Diese Seite steht nicht für das wahre Anonymous!“

So oder so ähnlich lauten die unzähligen Kommentare. Die Seite sei von irgendeinem durchgeknallten und offensichtlich rechtsdrehenden Spinner bloß gekapert worden und ziehe nun den guten Namen in den Dreck. Den Kommentatoren ist es offenbar ein großes Anliegen hier eine Abgrenzung vorzunehmen. Das „wahre Anonymous“, so der Tenor, stehe für etwas Gutes, für hehre Ziele und menschenfreundliche Werte.

Aber ist das wirklich so? Um sich der Antwort auf diese Frage zu nähern, lohnt ein kritisches Nachdenken darüber, was dieses Anonymous denn eigentlich ausmacht. Anonymous, so die erste Weisheit, das kann ja jeder sein. Da es weder definierte Strukturen, noch eine Sprecher-Instanz gibt, steht es offenbar jedem Menschen frei, sich mit einem irgendwie gearteten Aktivismus im Internet oder auf der Straße darauf zu berufen, diesem losen Netzwerk anzugehören. Für eine Analyse bleibt also nur die Benennung dessen, worauf sich die Bewegung gefühlt mehrheitlich beruft. Das klingt vage, doch es lässt sich einiges finden.

Da wäre zunächst der Online-Aktivismus. Schaut man auf Wikipedia, findet man dort eine ganze Reihe solcher Aktionen chronologisch aufgelistet: Angefangen bei Attacken gegen die Webseiten von Rechteinhaberverbänden 2010, über die gescheiterte „Operation Zeta“, die sich gegen ein mexikanisches Drogenkartell richtete, bis hin zu den jüngsten Ankündigungen, nun auch gegen den IS vorgehen zu wollen. Bei diesen und vielen weiteren Aktionen hatten sich die Aktivisten darauf berufen, man gehöre zu Anonymous.

Aber sind im Umkehrschluss solcherlei Aktionen automatisch Anonymous-Aktivismus? Gehört jeder, der aus irgendwie idealistischen Motiven Webseiten lahm legt oder Drogenbarone und Warlords ärgert, automatisch diesem Netzwerk an? Selbstverständlich nicht, denn diese Aktionen werden natürlich auch von Aktivisten unternommen, die sich entweder bewusst nicht auf Anonymous berufen oder schlicht gar kein Interesse daran haben unter irgendeinem Label aktiv zu sein.

Was an Anonymous bleibt, ist also vor allem das Pathos, sozusagen der Markenkern, auf den sich einer bezieht, der nachher sagt: „Das war ich und ich gehöre zu Anonymous!“ – und dieser Markenkern wiederum ist inzwischen selbst jedem Internet-Laien wohl bekannt.

Da ist die typische Guy-Fawkes-Maske, die sowohl auf verschiedenen Demos, als auch in den Sozialen Medien, als auch in Video-Statements immer wieder auftaucht: Ein künstliches, erhaben grinsendes Gesicht, das einerseits mit den technischen Fähigkeiten prahlt unerkannt aus der sicheren Verborgenheit agieren zu können, ohne je enttarnt zu werden; das andererseits aber trotz des Credos, es könne jeder sein, wie selbstverständlich einen Bart trägt, sich also irgendwie männlich identifiziert. Ein zweites häufig verwendetes Symbol ist die kopflose Person, vor einem Globus stehend, deren Haupt durch ein Fragezeichen ersetzt ist. Und was trägt die anonyme Figur unterhalb des Kopfes? Anzug und Krawatte. Bart und Herrenkleidung. Vor allem eine bestimmte Gruppe Menschen mag man sich bei Anonymous also nicht so recht vorstellen, wenn von ehrenwertem Engagement und Heldenmut, sowie überlegenen technischen Fähigkeiten die Rede ist: Frauen.

Hinzu kommen zwei ebenso allgemein bekannte Slogans der Marke Anonymous:

Die Korrupten fürchten uns – die Ehrlichen unterstützen uns – die Heroischen schließen sich uns an.

Und:

Wir sind Anonymous. Wir sind viele. Wir vergeben nicht. Wir vergessen nicht. Erwartet uns.

Die Botschaft ist klar: Anonymous befördert uns kurzerhand in eine dichotome Welt, die nur aus Ehrlichen und Korrupten, also aus Gut und Böse besteht. Man selbst steht natürlich auf der Seite der Guten und Ehrlichen und bekämpft heroisch die dunkle Seite. Um das Bild komplett zu machen, muss noch ein bisschen geprotzt werden, indem eine Drohung angefügt wird: Wen Anonymous einmal in die Schublade „böse“ bzw. „korrupt“ einsortiert hat, der darf weder mit Gnade, noch mit Verjährung rechnen und sollte sich auf den Tag des jüngsten Anonymous-Gerichts einstellen. Wenn die Online-Bürgerwehr zur Selbstjustiz greift, wird Rechtsstaatlichkeit zur Nebensache. Rache und Strafe stehen im Mittelpunkt. Wie das Strafmaß ausfällt, entscheidet Anonymous.

Schaut man sich drittens nun die Video-Statements an, die regelmäßig ihre Runde durch die Medienwelt machen, so zeigt sich, wie diese Elemente schließlich kulminieren. Zuletzt sah man da eine Figur mit eben jener Maske, die an einem Schreibtisch sitzend den Islamischen Staat mit Drohungen überzog und ihm pathetisch den „Krieg“ erklärte – bevor auch nur irgendetwas in dieser Richtung passiert war, wohlgemerkt. Unterlegt ist das Video mit Show-Effekten, wie einem gelegentlich flackernden Bild und rauschendem Ton, so als habe man gerade den größten TV-Kanal der Welt gekapert, wo in Wirklichkeit nichts anderes als ein stinknormales Video auf Youtube hochgeladen wurde, so wie es jeden Tag millionenfach geschieht.

Vor allem der pathetische Habitus steht für die Marke Anonymous also im Vordergrund.

Ist es aber nicht trotzdem ganz sinnvoll den IS zu bekämpfen, indem man seine Propaganda-Kanäle offen legt und damit deren Sperrung ermöglicht? Ist es nicht doch ganz gut entsprechende Webseiten lahm zu legen? Darf man nicht doch mal auf eigene Faust aktiv werden, wo doch im Machtbereich des IS an Rechtsstaatlichkeit sowieso nicht zu denken ist? Ob und wo dieser Aktivismus sinnvoll ist und ab wann er antiaufklärerisch oder gar unkontrollierbar und gefährlich wird, darüber mag sich streiten lassen. Wenn Anonymous-Anhänger israelische Webseiten lahm legen und dabei keinen Hehl aus ihren antisemitischen Vernichtungsphantasien machen, indem sie ankündigen Israel „aus dem Netz zu löschen“, ist überhaupt nichts mehr begrüßenswert und schon gar nicht progressiv. Wenn dagegen Twitter-Accounts der IS-Propaganda offen gelegt werden, sieht die Sache anders aus. Es kann also durchaus ideologiekritisch motivierten Aktivismus geben. Kann!

Eines aber ist trotz allem klar: Das alles geht auch ohne Anonymous-Pathos. Niemandem nützt ein überheblich grinsendes Pimmelgesicht, das sich als oberste Instanz über Recht und Gerechtigkeit aufspielt, großkotzige Drohungen durch den Äther jagt und sich dabei mit albernen Show-Effekten in Szene setzt. Also scheiß auf Anonymous!

 

Audio: Höhere Mächte sind auch keine Erlösung March 8, 2016 | 11:31 am

Zur Konjunktur des Glaubens an „höhere Mächte“ in Zeiten der Krise

Vortrag von  Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 29. Februar 2016 in Hamburg

Was verbindet so unterschiedliche Leute wie die reinkarnationsgläubige Waldorflehrerin, den selbstbewussten Kämpfer gegen gierige Bankster, die esoterisch angehauchte Bioladendauerkundin, den missionarischen Salafisten, die treue Kirchgängerin, den sonnwendfeiernden Neonazi, die eifrige Streiterin wider die Weltverschwörung der Bilderberg-Konferenz, den homophoben Rastafarian, die aus ihrem Krafttier Energie schöpfende Schamanin, den spirituelle Erlösung suchenden Insassen einer Yoga-Lebensgemeinschaft, den Hirtenworte verkündenden Bischof und die einer Verdünnung von 1:1 000 000 000 000 000 000 000 000 vertrauende grüne Stadtverordnete, die sich für eine kritische Verbraucherin hält?

Es ist der Glaube, ihr Wohl und Wehe hinge vom Walten höherer Mächte ab. Die einen verehren sie, die anderen fürchten sie. Die einen werfen sich ihnen wacker entgegen, die andern unterwerfen sich ihnen lustvoll. Die einen sind sanftmütig, die andern kochen vor Wut. Die einen sind religiös, die anderen atheistisch, die einen unpolitisch, die anderen hochpolitisch, die einen rechts, die anderen links. Und doch verbindet sie mehr als sie trennt: Der Hang zu einfachen Antworten auf komplizierte Fragen, das wohlige Gefühl, zur Gemeinschaft der Erleuchteten zu gehören und eine ausgeprägte Kritikresistenz.

Zeiten, in denen sich der krisenhafte Zustand der Welt herumgesprochen hat und Unsicherheit und Zukunftsängste um sich greifen, sind gute Zeiten für einfache Botschaften. Wo sich Demut statt Vernunft, Wut statt Kritik und Glauben-wollen statt Wissen-wollen durchsetzen, herrschen Denkfaulheit, Regression und Irrationalität. Doch nicht genug: Die Sehnsucht nach einfachen Lösungen ist immer auch die nach starken Führern, die heutzutage gerne auch mal Führerinnen sein dürfen, wenn sie nur Halt und Orientierung versprechen.

Was muss emanzipatorische Kritik leisten, die sich weder mit der kapitalistischen Krise noch mit ihrer regressiven Verarbeitung in den Köpfen abfinden will und die am Ideal einer Gesellschaft freier Menschen in freien Vereinbarungen festhält?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für konkret, Jungle World und emafrie.de

Israel und die deutsche Linke January 16, 2016 | 07:38 am

Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 28. Januar 2016, 20.00 Uhr, Gießen
Alter Wetzlarer Weg 44, 35392 Gießen
Gastgeber: Archiv im Infoladen Giessen

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

 

AntiBa – Der Barbarei entgegentreten! January 16, 2016 | 07:05 am

Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 27. Januar 2016, 18.30 Uhr, Celle
Neustadt 52, 29225 Celle

Eine Veranstaltung der Linksjugend ‚solid Celle

Seit zwei Jahren explodieren Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei. Im Sommer 14 skandierten Massenaufmärsche „Tod den Juden!“. Organisiert wurden sie von Islamisten, Nazis und Linksreaktionären, deren antisemitischer Hass gegen Israel sie zusehends zusammenführt. Weltweit und in Europa häufen sich djihadistische Terroranschläge auf Juden und jüdische Einrichtungen, auf Symbole von Religionskritik, Meinungs- und Redefreiheit und auf Menschen, die einfach nur ihr Leben genießen oder feiern wollen. Die Reaktion darauf ist oft grotesk und macht wechselweise entweder „den Islam“ oder „den Westen“ für den Djihadimus verantwortlich. Viele verweigern sich ideologiekritischer Analyse, weil sie andernfalls ihr eigenes Ressentiment hinterfragen müssten. Auch in Deutschland erzielen Rechtsreaktionäre erschreckende Wahlerfolge. Ein rassistischer und gewalttätiger Mob agiert gegen MuslimInnen und Flüchtlinge und erfreut sich klammheimlicher bis offener Zustimmung der „Mitte der Gesellschaft“. Der Wahnsinn marschiert.

Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist die so genannte „Islamdebatte“? Können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ die Problemlage erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe? Wie ist ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Wie kann er praktisch werden?

Lothar Galow-Bergmann schreibt u.a. in Jungle World, Konkret und auf www.emafrie.de

 

Triumph des guten Willens January 10, 2016 | 07:29 pm

Dokumentarfilm, 97 Minuten, HD-Video, Farbe (Gegenfeuer Produktionen, 2016)
Süddeutschland-Filmpremiere und Filmgespräch. Der Filmemacher ist zu Gast.

Dienstag, 26. Januar 2016, 20 Uhr, Esslingen
KOMMA Kultur Esslingen, Maillestraße 5-9, 73728 Esslingen am Neckar

Die Dokumentation setzt sich filmisch mit den Texten des Publizisten Eike Geisel auseinander. Im Zentrum stehen Geisels Kritiken an der deutschen Erinnerungspolitik und seine These über die “Wiedergutwerdung der Deutschen”. Drei Texte Geisels aus den 1990er Jahren über die Neue Wache und das Holocaust-Mahnmal kontrastieren die heutigen Bilder der beschriebenen Gedenkstätten. Sie zeigen eine Normalität, die es eigentlich nicht geben dürfte.

Zudem analysieren ausführliche Interviews mit Alex Feuerherdt, Klaus Bittermann, Hermann L. Gremliza und Henryk M. Broder Geisels Thesen in Hinblick auf die gesellschaftlichen Verhältnisse heute. Von der politischen Biografie Eike Geisels ausgehend, zeichnet Triumph des guten Willens ein Bild linker Debatten der letzten Jahrzehnte und fragt schließlich nach der Möglichkeit von Kritik in unmöglichen Zeiten.

Interviewpartner: Klaus Bittermann, Henryk M. Broder, Alex Feuerherdt, Hermann L. Gremliza                                                                                                               Sprecher: Robert Stadlober Kamera: Gregor Gärtner, Matthias Neumann, Mikko Linnemann                                                                                                            Tongestaltung: Felicitas Heck                                                                              Aufnahmeleitung: Magdalena Rensmann                                                                      Co-Autoren: Arthur Buckow, Alex Feuerherdt                                                                 Buch, Regie, Schnitt, Produktion: Mikko Linnemann

Eine Veranstaltung des Komma Esslingen mit Unterstützung von Emanzipation und Frieden

 

Hauptstadt der Leugner January 9, 2016 | 02:33 pm

Das Simon-Wiesenthal-Center (SWC) hat München unrühmlich erwähnt, anhängend an seine TOP 10-Liste der größten antisemitischen Vorfälle 2015. Einen „fragwürdigen Rüffel“ nannte dies die Süddeutsche Zeitung. Doch Antisemitismus – insbesondere in seiner antizionistischen Ausprägung – ist in München längst zum Normalzustand geworden. Eine Aufarbeitung.

1: Wo München herkommt – wie es weitermacht

Antisemitische Figuren (Kippa & Geldsack) auf dem Neuen Münchner Rathaus, gerichtet auf das zerstörte Judenviertel, Foto von 1919

München pflegte eine Jahrhunderte alte antisemitische Tradition, die spätestens bis auf die Mordnacht am 12. Oktober 1285 im ehemaligen Judenviertel zurückreichen. München und sein Umland waren aus vielen Gründen ein bestellter Boden für die nationalsozialistische Massenbewegung. Die ab 1920 barbarisierte Münchner Polizei war die Blaupause des nationalsozialistischen Überwachungs- und Repressionsapparats. Das KZ-System wurde nach dem Dachauer Vorbild erschaffen.

So folgerichtig München den Nationalsozialismus vorbereitete, so gewissenhaft unterließ man nach 1945 einen Neuanfang. Eine überwältigende Mehrheit der Münchner Polizisten konnte ihre NS-Karrieren bei Polizei, BND, Grenz- oder Verfassungsschutz fortsetzen. Der neue Polizeichef hetzte in großem Stil gegen die Displaced Persons aus den Lagern – die „bis zu den Zähnen bewaffnete Verbrecher“ seien. 1949 knüppelten Polizeibeamte in München einen Aufstand von jüdischen Displaced Persons in der Möhlstraße nieder. Die „Dienststelle für Zigeunerfragen“ bestand weiterhin mit dem selben Personal.

Jüdische Displaced Persons kennzeichnen 1949 erfolgreich ein Polizeiauto, um anzuzeigen, welcher Geist da im Inneren noch lebendig ist.

Bis tief in die 70er-Jahre lässt sich der Münchner Beamtenapparat als postnazistisches Paradebeispiel begreifen – dann übernahmen deren Schülerinnen und Schüler die Ordnungszelle. Jahrzehntelang erinnerten ausschließlich die Israelitische Kultusgemeinde sowie versprengte K-Gruppen an die Shoah. Erst als der letzte Alt-Nazi aus dem Amt geschieden war und das Modell eines „anderen Deutschlands“ langsam hoffähig wurde, begann so etwas wie eine kritische Reflexion.

Der Antisemitismus ist aus München nie verschwunden, er hat ab den 70er Jahren nur teilweise eine andere Form angenommen. Das hartnäckige antisemitische Ressentiment wurde auf den Jüdischen Staat übertragen und an Tabu-Restbeständen vorbei entfaltet. München war einst treibende Kraft beim Erstarken des Modernen Antisemitismus (der sich vom Antijudaismus eines Luthers abzugrenzen versuchte). Und München ist heute wieder treibende Kraft bei der Entfaltung des Neuen Antisemitismus (der sich vom Modernen Antisemitismus eines Wilhelm Marr abzugrenzen versucht). Hierzu neun Beispiele:

2: BDS-Veranstaltung – Spitze des Hassbergs
Das Simon-Wiesenthal-Center (SWC) erwähnte in seinem Jahresbericht die antiisraelische Veranstaltung „BDS: Boycott, Divestment and Sanctions“ vom 7. November im Gasteig. Die BDS-Kampagne ist keine Lappalie. Sie ist eine modernisierte Form der nationalsozialistischen Kampagne „Kauft nicht bei Juden“ und eine wichtige Propaganda-Waffe im Krieg gegen Israel. Die nationalsozialistische Traditionslinie kann deutlicher kaum sein. Einer solchen Gruppe städtische Räumlichkeiten zu überlassen, ist eine herausragende Fehlleistung. Ebenso herausragend ist das Desinteresse der nichtjüdischen Münchner Bevölkerung. Nahezu ausschließlich Mitglieder der jüdischen Gemeinde protestierten gegen die Veranstaltung.

3: Systematisch geförderte Israel-Dämonisierung
Die Stadtverwaltung fördert etliche antiisraelische Veranstaltungsreihen, nicht nur die alljährlichen „Israel-Palästina Tage“, im Rahmen derer sich die vom SWC kritisierte BDS-Aktivisten austoben durften. Nebenbei unterstützt die Stadt eine „Israel-Palästina Filmwoche“. 2013 stand dort beispielsweise die „Werkschau“ des Regisseur Mohammed Bakri im Mittelpunkt, der durch den Fatah-Propandastreifen „Jenin Jenin“ zweifelhafte Berühmtheit erlangte. Ebenfalls im Gasteig organisiert das Dauerjudenopfer Fuad Hamdan die alljährlichen „Palästina Tage“, die sich zu regelrechten Hassveranstaltungen entwickeln können. Immer wieder haben jüdische Verbände dagegen demonstriert (1, 2).

Nicht so deutlich zu sehen, aber dafür umso deutlicher die Worte auf dem Programmheft der „Palästina Tage“ 2010: „This is our land. So get the fuck out of it“

Allein diese drei Veranstaltungsreihen sind geförderter Antizionismus an etwa 18 Tagen im Jahr. Insgesamt fördert die Stadt an 25 bis 35 Tagen antizionistische Veranstaltungen jährlich. An etwa 60 Tagen im Jahr können sich Münchnerinnen und Münchner antizionistische Veranstaltungen oder Ausstellungen ansehen.

4: Antisemitische Graswurzelbewegung

Mahnwache der „Palästinensischen Gemeinde München“ 2014: „Hitler lebt noch“ – grauhaarig im Bild: Jürgen Jung (Salam Shalom)

In München existiert ein buntes Potpourri antiisraelischer Gruppen. Der Verein „Salam Shalom“ lädt regelmäßig die härtesten Kanten der antizionistischen Szene ein (Finkelstein, Halper, Zuckermann, Pappe, Sand, etc.). Das „Palästina Komitee“ um Fuad Hamdan – Veranstalter der „Palästina Tage“ – steht dem um nichts nach. Große Würfe gelingen immer wieder der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“ von Judith Bernstein. Beispielsweise protegierte die Gruppe die antisemitische „Nakba-Ausstellung“ in der Münchner Montessori Schule. Darüber hinaus ist der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ notorisch. Neben dem alljährlichen Blut&Boden-Spektakel „Tag des Bodens“ begeht der Verein regelmäßig antisemitische Demonstrationen, Mahnwachen und platziert Stände in der Fußgängerzone. Ebenfalls in der Fußgängerzone organisieren mehrmals im Monat die „Frauen in Schwarz“ einen antiisraelischen Stand.

5: Das „Eine Welt ohne Israel Haus“

Kundgebung gegen Antizionismus und Antisemitismus vor dem „Eine Welt Haus“ 2013

Lange Jahre galt das „Eine Welt Haus“ als Dreh- und Angelpunkt der antizionistischen Szene in Oberbayern, weshalb es von einigen Kritikerinnen und Kritikern auch „Eine Welt ohne Israel Haus“ genannt wird. Die meisten der bislang genannten Gruppen haben in diesem Hause ihren Sitz. Ein 2013 erstelltes Dossier fasst einen Ausschnitt der antisemitischen Normalität in diesem Hause zusammen. Nach einem offenen Brief einiger Jugendorganisationen, einer Demonstration, Stadtratsanträgen, dem Ausscheiden der Grünen aus der Stadtratskoalition und vielen Gesprächen ist die Zahl der antisemitischen Veranstaltungen im „Eine Welt Haus“ 2015 zwar zurückgegangen. Doch die städtisch geförderte Einrichtung ist nach wie vor Rückzugs- und Planungsort für nahezu alle israelfeindlichen Gruppen aus dem bürgerlichen Spektrum.

6: Marschieren gegen den jüdischen Staat

Palästina-Block bei den Anti-Siko-Protesten 2011

Neben den antisemitischen Demonstrationen der „Palästinensischen Gemeinde München“ oder türkischer Chauvinisten läuft der friedensbewegte „Ostermarsch“ alljährlich in München Schau. Trotz Dutzender Konflikte auf der Welt arbeiten sich die Ostermarschierer immer wieder zentral an Israel ab – so auch vergangenes Jahr. Ebenfalls allerhand antisemitische Zwischentöne sind bei den Protesten gegen die „Münchner Sicherheitskonferenz“ zu vernehmen. Rufe wie „Israel zurück ins Meer“, Iranflaggen und Verschwörungstheorien haben diese krude Zusammenkunft in den letzten Jahren gerahmt. Zwar distanzierten sich bereits nahezu alle gewerkschaftlichen oder antifaschistischen Gruppen in München von den „Siko-Protesten“ – ebenso die Grüne Jugend sowie die Linksjugend schrittweise – dennoch bildet der abgefuckte Haufen nach wie vor eine der größten Demonstrationen in München.

7: Dem Antisemiten zu Ehren: Heinrich von Treitschke

Heinrich von Treitschke (1834 – 1896) gilt als „Vater des Modernen Antisemitismus“. Die Nationalsozialisten haben in Deutschland zahlreiche Straßen zu Ehren Treitschkes eingeweiht. Dem war nicht so in München, da die Nazis den Eindruck hatten, der Namen Treitschke sei „für den Münchner Volksmund schwer auszusprechen“. Das hat 1960 (!) ein SPD-Bürgermeister in München nachgeholt. Seitdem kann sich der Münchner Bezirk Moosach einer Treitschkestraße schämen. Charlotte Knobloch, Präsidentin der IKG München und Oberbayern, sagt: „Dass der Name Treitschke auf einem Straßenschild für einen Juden nicht hinnehmbar ist, liegt auf der Hand. Es sollte angesichts der Geschichte des 20. Jahrhunderts aber auch für jeden deutschen Nichtjuden inakzeptabel sein“. Immer wieder gibt es Proteste – und die Zeichen für eine Umbenennung stehen nicht schlecht. Allerdings ist es nach wie vor symptomatisch, dass München auch im Jahre 2016 noch an der Treitschkestraße festhält.

8: Münchner Gericht verbietet Antisemitismusvorwurf

Beim Antisemiten-Prozess natürlich in der ersten Reihe: Der Gründer der neonazistischen „Wehrsportgruppe Hoffmann“ vor dem Münchner Landgericht

Jutta Ditfurth nannte den Verschwörungstheoretiker Jürgen Elsässer (COMPACT) in einem Interview einen „glühenden Antisemiten“ – Elsässer klagte in München auf Unterlassung. In der Hauptverhandlung 2014 am Landgericht München I konnte sich der Rechtspopulist durchsetzen, mit einer irrwitzigen Begründung der Richterin: „Ein glühender Antisemit in Deutschland ist jemand, der mit Überzeugung sich antisemitisch äußert, mit einer Überzeugung, die das Dritte Reich nicht verurteilt und ist nicht losgelöst von 1933-45 zu betrachten“, sagte die Richterin. Demnach wäre die Mehrheit der Antisemiten in Deutschland nicht nur entlastet, sondern sie dürften nicht einmal mehr so genannt werden. Am 6. November 2015 reichten Ditfurths Anwälte Verfassungsbeschwerde ein. Dümmer als das Münchner Landgericht kann das Verfassungsgericht nicht entscheiden.

9: Böse Zungen nennen sie die „Waffen-SZ“

Jüdinnen und Juden demonstrieren 1949 in München gegen die Süddeutsche Zeitung

Bei einem Karikaturenwettbewerb in Teheran hätte die Süddeutsche Zeitung (SZ) gute Chancen, würde der Münchner Verlag alle von ihr publizierten antisemitischen Karikaturen einsenden. Ob Barak, Sharon, Zuckerberg oder Israelmonster, die SZ legt regelmäßig eine stürmerische Bildgewalt an den Tag, wenn es um die Darstellung Israels oder Juden geht. Ihr Israelkorrespondent Peter Münch schrieb 2010 in seinem Antrittsartikel, er wolle zu einer „Normalisierung“ im Bezug auf Israel beitragen. Das ist ihm gelungen. Der Jüdische Staat wird von der SZ heute ähnlich dämonisiert wie Juden im Vorgängerblatt der SZ, den Münchner Neuesten Nachrichten. Insofern lässt sich von einer Normalisierung sprechen. In Münchs Artikeln sind Argumentationsmuster des Antisemiten Heinrich von Treitschke nachzuweisen. Wer sich mit den Topoi des Antisemitismus auseinandergesetzt hat, kann seine Artikel nur angewidert weglegen.

10. Iran bekommt massive Schützenhilfe aus München

Hauptsitz der Freunde des Iranischen Regimes: die Bayerische Staatskanzlei (Foto: Richard Bartz, CC-Lizenz)

Eine gefährliche Bedrohung für die etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden in Israel sind allerdings die Elfi Padovans der Münchner Linkspartei und auch „Salam Shalom“ weniger. Eine reale Bedrohung ist das iranische Regime. Und dieses Regime wird verstärkt wieder von der Bayerischen Staatsregierung, den Bayerischen Wirtschaftsfunktionären und Münchner Wissenschaftlern mit teilweise kriegswichtiger Hochtechnologie aufgerüstet. Kritikerinnen und Kritiker der Aufrüstung nannte Peter Ramsauer (CSU) in der letzten Ausgabe des Magazins der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft „Unverbesserliche“, die jetzt immer noch „die Moralkeule schwingen“. Die Bayerische Staatsregierung und ihre Wirtschaft stellt sich damit der größten Bedrohung Israels zu Seite.

Den antizionistischen Normalzustand aufbrechen
Verständnis für den jüdischen Staat ist etwas, was man in München nahezu vergeblich sucht. Hingegen spiegeln diverse Vereinigungen die Propaganda der Palästinensischen Autonomiebehörde in die Vortragssäle der Landeshauptstadt. Anstatt dem Aufklärung entgegenzusetzen, fördert die Stadtverwaltung die Antizionisten. Jährlich gehen Tausende gegen Israel auf die Straße, demonstrieren oder stehen sich in der Fußgängerzone die Füße platt. Flankenschutz bekommt der Neue Antisemitismus jederzeit von seinem deutschen Zentralorgan: der Süddeutschen Zeitung. Auf Münchner Gerichte ist nicht zu hoffen. Die Bayerische Staatsregierung und die bayerische Wirtschaft rüsten indes Israels gefährlichsten Feind auf: das Regime in Teheran.

Kritiker der Zustände gelten schnell als die „Unverbesserlichen“ (Ramsauer), die einer notwendigen „Normalisierung“ (Münch) im Wege stehen. Doch mit der jahrhundertelangen Münchner Dauerschleife muss endlich gebrochen werden.

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Youth against Antisemitism – Vortrag, Konzert, DJs in Esslingen am 18. Dezember December 10, 2015 | 01:23 pm

Den jungen Veranstalter_innen ist es ein wichtiges Anliegen, Antisemitismus im Zusammenhang mit sekundärem Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien zu thematisieren, darauf liegt der Schwerpunkt des Vortrags von Dr. Sebastian Bartoschek. Nach dem Vortrag laden die Veranstalter zum Konzert, zum Tanzen und zu israelischem Essen ein. Zu Gast sind zudem der Freiburger Technopunk Björn Peng sowie PRSLM (sprich: Perousalem), ein Berliner TechnoRap-Kollektiv, bestehend aus MC, Beatproducer und DJ. An den Plattentellern stehen u.a. die DJs Fabian Zeh, Benjamin Schröter & Fabian Brüssow.

Youth Against Antisemitism December 7, 2015 | 03:00 pm

Freitag, 18. Dezember 2015, 19.30 Uhr, Esslingen

KOMMA, Maille 5-9, 73728 Esslingen

YAA

„Politische Bildung trifft Subkultur“: Vortrag, Konzert, DJs, Essen

Referent: Dr. Sebastian Bartoschek (Journalist und Psychologe)

Live: Björn Peng (Electro/TechnoPunk, Freiburg), PRSLM (Techno-Rap, Berlin)

+ DJs

Eintritt: gegen Spende

Den jungen Veranstalter_innen ist es ein wichtiges Anliegen, Antisemitismus im Zusammenhang mit sekundärem Antisemitismus, Antizionismus, Antiamerikanismus und Verschwörungstheorien zu thematisieren, darauf liegt der Schwerpunkt des  Vortrags von Dr. Sebastian Bartoschek. Nach dem Vortrag laden die Veranstalter zum Konzert, zum Tanzen und zu israelischen Essen ein. Zu Gast sind zudem der Freiburger Technopunk Björn Peng sowie PRSLM (sprich: Perousalem), ein Berliner TechnoRap-Kollektiv, bestehend aus MC, Beatproducer und DJ. An den Plattentellern stehen u.a. die DJs Fabian Zeh, Benjamin Schröter & Fabian Brüssow.
Die Veranstaltung findet ebenfalls im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu Antonio Stiftung statt.
Eine Veranstaltung im Komma Esslingen mit Unterstützung von Emafrie, Komma Esslingen, Amadeu Antonio Stiftung, Junges Forum DIG Stuttgart und mittlerer Neckar, FOBI aktiv und LAK Schalom in der Linksjugend.
www.sebastian-bartoschek.de
www.prslm.bandcamp.com
www.p3ng.de

 

 

Aktionstage gegen Antisemitismus am 05. Dezember in Wurzen (Sachsen) November 30, 2015 | 06:32 pm

Am 05.12.2015 veranstaltet der AK Shalom Westsachsen zusammen mit der Linksjugend ['solid] Westsachsen einen Aktionstag gegen Antisemitismus. Dieser findet im Rahmen der Aktionswochen gegen Antisemitismus der Amadeu-Antonio-Stiftung statt.

Audio: Israel und die deutsche Linke November 9, 2015 | 05:13 pm

Warum es kein Rufmord ist über (linken) Antisemitismus zu sprechen

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 4.November 2015 in Marburg

 

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen
Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Über den Referenten:
Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de; er ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar und seit 1968 in linken Zusammenhängen und sozialen Bewegungen aktiv. Lange Jahre war er Personalrat in zwei Großkliniken und ist Mitglied der Gewerkschaft ver.di.

Veranstalterin:                                                                                                                    Bündnis gegen Antisemitismus Marburg

Mit Unterstützung von:
Aktive Fachschaft Soziologie an der Uni Marburg
Linksjugend ‚solid Marburg
Junges Forum der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Hochschulgruppe
Marburg in Gründung

 

Unverstandener Nationalsozialismus – Unverstandener Antisemitismus November 9, 2015 | 03:15 pm

Warum in Deutschland auch nach 70 Jahren noch viel zu lernen ist

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 30. November 2015, 19.30 Uhr Konstanz                                         Volkshochschule, Katzgasse 7

Veranstalter: Deutsch-Israelische Gesellschaft Bodensee-Region, Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Konstanz e.V., Jüdische Gemeinde Konstanz e.V., Volkshochschule Konstanz-Singen

Der Referent wirft einen Blick auf Nationalsozialismus und Antisemitismus jenseits des herrschenden Mainstreams und zieht unbequeme Schlüsse, die zur Diskussion einladen.                                                                                                                                    Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein oberflächlicher und personalisierender Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit will sich keiner von ihnen nennen lassen. Doch hinter dem verbreiteten „Man wird doch nochmal sagen dürfen“ verbirgt sich alter Antisemitismus in pflegeleichter Aufmachung: Niemand hat was gegen Juden, bewahre! Wir wollen doch alle nur Israel kritisieren.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u. a. in konkret, Jungle World u. www.emafrie.de; er ist Vorstandmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart und Mittlerer Neckar

Audio: Antisemitismus und Fußball November 9, 2015 | 11:34 am

 Am Anfang war die Fußlümmelei und dann kam Rasenballsport Leipzig 

Vortrag von Chucky Goldstein

gehalten am 30. Oktober 2015 in Stuttgart

Eine Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss eigentlich mit dem Beginn des Fußballs in Deutschland beginnen, denn während deutsche Männer in Turn und Sportvereinen turnten waren Juden bei dieser – sich auf den antisemitischen Turnvater Jahn berufenden – Sportart nicht gern gesehen.

Diese Geschichte von Antisemitismus und Fußball muss dann – logischerweise – mit dem Nationalsozialismus weitergehen in dem zum Beispiel die professionelle
Spielkultur des deutschen Meisters von 1932 und seines jüdischen
Präsident Landauers bekämpft wurde, um dem in diesem Falle zu tiefst
antisemitischen und antimodernistischen Amateuersport zu huldigen.

Diese Geschichte beinhaltet die Geschichte zwischen der deutschen Fußballnationalmannschaft und der israelischen Fußballnationalmannschaft als kickende Botschafter genau so wie die Geschichte der ‚“Judenclubs“ Ajax Amsterdam, Tottenham Hotspurs und Tennis Borussia.

Diese Geschichte erfährt eine gewaltige und auch gewaltätige Entwicklung, als deutsche Stadien in den 1980er Jahren von Hooligans dominiert werden und im Stadion das existiert, was nicht existieren darf: offener Antisemitismus.

Diese Geschichte modernisiert sich durch die Ultras, bei denen sich teilweise offener Antisemitismus in strukturellen Antisemitismus in der Feindschaft gegen den modernen Fußball, den FC Bayern München oder Rasenballsport Leipzig verwandeln.

Und diese Geschichte soll ausführlich in diesem Vortrag erzählt werden.

Chucky Goldstein ist „Antideutscher Hipster“, Fußballnerd, Raphead, Schreiberling (u.a. Vice Sports und privater Blog), Student der Kulturwissenschaften & kosmopolitischmotivierte Internetexistenz. Er ist Mitglied des BAK Shalom der Linksjugend Solid und schreibt/referiert zur Nationalisierung des Pop und zu Antisemitismus und Fußball.


Gemeinsame Veranstaltung des Jungen Forums der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart und Mittlerer Neckar mit dem LAK Shalom Baden-Württemberg, unterstützt durch die Linksjugend [‚solid] Baden-Württemberg und gefördert im Rahmen der bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus 2015 durch die Amadeu Antonio Stiftung

 

Workshop “Einführung in die Kritik des Antisemitismus” am 15. November in Dresden November 4, 2015 | 10:21 am

Anders als häufig angenommen stellt Antisemitismus kein Phänomen der Vergangenheit dar, sondern scheint noch immer einen festen Bestandteil in der deutschen Gesellschaft einzunehmen. Medien berichten regelmäßig über antisemitische Graffiti auf jüdischen Friedhöfen, Angriffe auf jüdische Institutionen oder gar Personen. Demonstrationen im Zuge des Gaza-Kriegs 2014 verdeutlichen, dass sich antisemitische Einstellungen durch alle Gesellschaftsschichten ziehen, Vorurteile sowie Ressentiments oftmals ungehindert reproduziert werden und Antisemitismus selbst immer noch gesellschaftsfähig ist. Hinzu kommen in anderen Ländern Europas vermehrt tödliche Angriffe auf Juden als Juden. Zugleich wird – vor allem in der radikalen Linken, aber auch darüber hinaus – sehr emotional über die Berechtigung von Antisemitismus-Vorwürfen diskutiert.