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Vortrag mit Marius Mocker am 3. Juli in Berlin: „Antisemiten aller Länder…“ – der Hass auf Israel als Schnittpunkt von linkem und gesamtgesellschaftlichem Antisemitismus in Europa July 1, 2015 | 09:24 am

Am 10.07.2015 marschiert wie in jedem Jahr ein buntes Häufchen aus Islamisten, Verschwörungsideologen, der sog. „Israelkritik“ verpflichteten Marxisten-Leninisten und anderer Antisemiten in Berlin unter dem Banner des 1979 vom iranischen Ayatollah Khomeini ausgerufenen „Al Quds-Tags“ auf, um gemeinsam die „Befreiung“ von Al Quds (arab.: Jerusalem) zu fordern. Man kann die Aktivitäten um diese Demonstration getrost als einen jährlichen Treffpunkt des harten Kerns jener Querfront bezeichnen, die an der Organisation und Durchführung der antisemitischen Aufmärsche im Sommer letzten Jahres federführend beteiligt war. Mit der Mobilisierung gegen angebliche israelische Kriegsverbrechen erreichte die zumindest operative Zusammenarbeit zwischen linken und islamistischen Antisemiten hierzulande einen ihrer Höhepunkte in den letzten Jahren.

Vortrag mit Alex Feuerherdt am 3. Juli in Düsseldorf: Das unheilbar gute Gewissen – Vom Antisemitismus in der Linken July 1, 2015 | 09:09 am

Der »Antizionismus«, der in früheren Jahren vor allem »antiimperialistische« Gruppierungen kennzeichnete (und mit dem selbst Taten wie der versuchte Anschlag auf das jüdische Gemeindehaus in Berlin 1969 oder die Selektion der jüdischen Passagiere von den nichtjüdischen im Rahmen einer Flugzeugentführung 1976 gerechtfertigt wurden) ist längst zum gesellschaftlichen Mainstream geworden – im Zuge jener »Vergangenheitsbewältigung«, mit der die Deutschen sich selbst bescheinigen, geläutert zu sein. Um die von den Nazis ermordeten Juden trauert man – gegenüber den lebenden jedoch, die Israel, das Refugium vor dem weltweiten Judenhass, in Wort und Tat verteidigen, empfindet man keine Empathie, ganz im Gegenteil. Woher aber kommt der linke Antisemitismus, historisch wie aktuell? Wie erklärt sich die Verve der linken »Israelkritik«? Und welche Bedürfnisse kommen in der traditionellen linken Packelei mit den übelsten Feinden des jüdischen Staates zum Ausdruck?

Israel und die deutsche Linke – Warum es kein Rufmord ist, über (linken) Antisemitismus zu sprechen June 28, 2015 | 08:37 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 3. Juli 2015, 19 Uhr, Ludwigsburg
Hotel und Restaurant Kronenstuben
Kronenstrasse 2, 71634 Ludwigsburg

Eine Veranstaltung des fds – Forum Demokratischer Sozialismus
Baden-Württemberg

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn trotzdem nicht. Dieser Zustand ermöglicht es, dass man gleichzeitig antisemitischen Denkmustern anhängen und davon überzeugt sein kann, nichts damit zu tun zu haben. Das gefährliche Potential dieser Mixtur wird in Krisenzeiten besonders deutlich. Die verbreitete Gewissheit, dass „die da oben an allem schuld sind“ entspringt einem unreflektierten Bauch-Antikapitalismus, der Gesellschaftskritik mit Wut auf „gierige Bankster“, „Lügenpack“ und „Lügenpresse“ verwechselt. Doch verbreitete Sehnsucht nach einfachen Antworten und Anfälligkeit für allerlei Demagogisches und Autoritäres
stehen in auffälligem Kontrast zum Credo, man habe aus der Geschichte gelernt. Letzteres mutiert zu obszöner Selbstgerechtigkeit, wenn es um den jüdischen Staat geht. Zwar „hat niemand etwas gegen Juden“, aber im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“ bricht sich erneut die Meinung Bahn, eine kleine Minderheit sei „an allem schuld“ – und sei es am Ausbleiben des Weltfriedens. All das ist keine Besonderheit der Rechten. Auch der vermeintlich guten Mitte der Gesellschaft und der Linken ist dieses Denken nicht fremd. Mitunter sind Linke sogar Vorreiter. Ob sie gemeinsam mit Islamisten übers Mittelmeer gen Israel ziehen, Massendemos organisieren, auf denen „Tod den Juden“ gebrüllt wird oder den eigenen Fraktionschef in die Toilette jagen, weil er ihrer Darstellung des „Nahostkonflikts“ nicht folgen will – eines steht von vornherein fest: sie haben nie und nimmer irgendetwas mit Antisemitismus zu tun. Wer vom Ressentiment getrieben ist, nimmt Kritik reflexhaft als böse Absicht und Verschwörung wahr. Ein aktuelles Beispiel für diese Abwehrhaltung ist das Buch des stellvertretenden Linken-Fraktionschefs Wolfgang Gehrcke „Rufmord: Die Antisemitismus-Kampagne gegen links“. Der Referent wirft einen kritischen Blick hinein.

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. in Konkret, Jungle World und auf www.emafrie.de

 

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida. June 28, 2015 | 08:36 am

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 6. Juli 2015, 20 Uhr, Bielefeld

Extra-Blues-Bar, Siekerstr. 25, 33602 Bielefeld

Dienstag, 7. Juli 2015, 19 Uhr, Osnabrück

SubstAnZ, Frankenstr. 25a, 49082 Osnabrück

Eine Kooperation von: Assoziation gegen Antisemitismus, Jugendantifa Kreis Osnabrück und der Hochschulinitiative Antifaschismus

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und  Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen. Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe? Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergmann schreibt u.a. in Jungle World, Konkret und auf www.emafrie.de

Mitschnitt der Veranstaltung mit Olaf Kistenmacher in Esslingen am Neckar: „Israel ist an allem schuld“ – Warum der Judenstaat so gehasst wird June 27, 2015 | 01:18 pm

Laut einer EU-Umfrage sahen 2010 65 Prozent der Deutschen in Israel eine »Gefahr für den Weltfrieden«. Zwei Jahre später schrieb Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung, die »Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, und bekam dafür Beifall von ganz links bis rechtsextrem. Der Hass auf Israel wird gern mit der Politik der jeweiligen Regierung des jüdischen Staats erklärt. Doch warum richtet sich die Feindschaft aktuell nicht gegen das Nachbarland Syrien und gegen den „Islamischen Staat“ oder gegen die EU, an deren Außengrenzen so viele Menschen sterben? Der Vortrag wird die verschiedenen Wurzeln der Israel-Feindschaft in Deutschland ausloten: als Folge unbewusster Schuldgefühle wegen der Shoah und als Konsequenz von seit über hundert Jahren bestehenden judenfeindlichen Vorstellungen.

Audio: „Israel ist an allem schuld“ Warum der Judenstaat so gehasst wird June 27, 2015 | 10:36 am

Mitschnitt eines Vortrags von Olaf Kistenmacher

gehalten am 23. Juni 2015 in Esslingen/Neckar

Laut einer EU-Umfrage sahen 2010 65 Prozent der Deutschen in Israel eine »Gefahr für den Weltfrieden«. Zwei Jahre später schrieb Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung, die »Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, und bekam dafür Beifall von ganz links bis rechtsextrem. Der Hass auf Israel wird gern mit der Politik der jeweiligen Regierung des jüdischen Staats erklärt. Doch warum richtet sich die Feindschaft aktuell nicht gegen das Nachbarland Syrien und gegen den „Islamischen Staat“ oder gegen die EU, an deren Außengrenzen so viele Menschen sterben? Der Vortrag wird die verschiedenen Wurzeln der Israel-Feindschaft in Deutschland ausloten: als Folge unbewusster Schuldgefühle wegen der Shoah
und als Konsequenz von seit über hundert Jahren bestehenden judenfeindlichen Vorstellungen. Im Zentrum des Vortrags steht die Israel-Feindschaft in der politischen Linken, in der man Antisemitismus eigentlich nicht erwarten sollte.

Olaf Kistenmacher, Hamburg, ist Historiker. Er schreibt für die Jungle World und Konkret. Mit Hans-Joachim Hahn hat er Anfang des Jahres den Sammelband
Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft. Zur Geschichte der
Antisemitismusforschung vor 1944 herausgegeben.

Eine Veranstaltung des Komma Esslingen, des LAK Shalom der Linksjugend [‚solid] Baden-Württemberg und des Jungen Forums der DIG Stuttgart&Mittlerer Neckar

Alte Klischees im Neuen Gewande June 14, 2015 | 05:30 pm

Zum Comeback des Antisemitismus in der Form personalisierender Kapitalismuskritik und des Ressentiments gegen den jüdischen Staat

von Lothar Galow-Bergemann

erschienen in „Mit dem Zeigefinger gegen Israel? Acht Einwände gegen deutsche Besserwisserei“, herausgegeben von der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Stuttgart und Mittlerer Neckar, Mai 2015

„Jawohl, sie halten uns in unserem eigenen Land gefangen, sie lassen uns arbeiten in Nasenschweiß, Geld und Gut gewinnen, sitzen dieweil hinter dem Ofen, faulenzen, pompen und braten Birnen, fressen, sauffen, leben sanft und wohl von unserm erarbeiteten Gut, haben uns und unsere Güter gefangen durch ihren verfluchten Wucher, spotten dazu und speien uns an, das wir arbeiten und sie faule Juncker lassen sein … sind also unsere Herren, wir ihre Knechte.“ Bereinigen wir das Zitat um die etwas altertümliche Sprache, lassen wir die dermaßen Beschimpften etwa nicht „faule Junker“ sondern „unnütze Schmarotzer“ sein, die nicht „Birnen braten“, sondern im Privatjet um den Globus jetten und „uns und unser erarbeitetes Gut“ nicht durch ihren „verfluchten Wucher“, sondern mithilfe ihrer „gierigen Finanzspekulationen“ bedrängen – im Handumdrehen sehen wir ein ziemlich aktuelles und weit verbreitetes Weltbild vor uns. Dass „die Gierigen da oben“ an „unserem Unglück“ schuld seien, gilt nämlich vielen ZeitgenossInnen als überzeugende Ursachenbeschreibung der seit Jahren anhaltenden weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise.

Die Frage, welchen Namen und welche Hausnummer „die da oben, die an allem schuld sind“ denn nun eigentlich ganz genau haben, wird unterschiedlich, manchmal gar nicht, mitunter auch mit seltsam unklar-klar raunender Rede beantwortet. Der Autor des einleitenden Zitats – es ist schon bald ein halbes Jahrtausend alt – gab jedenfalls eine glasklare Antwort: die Juden sind’s! Der das mit Bestimmtheit wusste, war niemand anderes als Martin Luther, jener „große Deutsche“, nach dem unzählige Plätze, Straßen und Schulen benannt sind und dessen Wirken mit Blick auf das herannahende Reformationsjubiläum 2017 landauf landab von kirchlicher wie staatlicher Seite wieder einmal in hellen Tönen gepriesen wird. Nachzulesen in seiner 1543 erschienen Schrift „Von den Jüden und ihren Lügen“. Der bei weitem nicht einzigen, aber übelsten judenfeindlichen Hetzschrift des Reformators, die er noch kurz vor seinem Tod verfasste. Und er lieferte darin auch gleich das Rezept mit, wie mit den Bösewichtern zu verfahren sei. So solle man u.a. ihre Synagogen und Schulen verbrennen, ihre Häuser zerstören, ihnen das freie Geleit entziehen und ihren Besitz konfiszieren.

Kein Wunder, dass Martin Luther im nationalsozialistischen Deutschland oft und gerne und zwar durchaus auch unverfälscht und ganz und gar nicht aus dem Zusammenhang gerissen zitiert wurde. Noch 1946 berief sich Julius Streicher, der Herausgeber des antisemitischen Hetzblatts „Der Stürmer“ im Nürnberger Kriegsverbrecherprozess auf den Reformator. Würde der heute noch leben, so Streicher, stünde er an seiner Stelle vor den Schranken des Gerichts. Auch im Spielfilm „Jud Süss“, der 1940 in die Kinos kam und in kürzester Zeit zum bis dahin größten Kassenschlager aller Zeiten avancierte, berufen sich die Judenhasser auf Luther. Über 20 Millionen strömten in die Kinos und sahen das Machwerk mit Ergriffenheit und Begeisterung. Sie mussten keineswegs vom Blockwart in den Kinosaal getrieben werden, denn sie sahen und erlebten dort exakt das, was sie dachten, glaubten, fühlten, wünschten und hofften. Denn der Film bediente ihre Vorstellung von sich selbst als den guten und arbeitenden Ehrlichen, die von hinterhältigen und bösartigen Raffgierigen belogen und betrogen werden. Ein raffinierter und mit allen Wassern gewaschener Finanzexperte hilft dem Herzog von Württemberg immer wieder aus der Patsche und rettet ihn vor dem Staatsbankrott. Entsprechend verschafft er sich wachsenden Einfluss am Hofe. In moderner Sprache: der Einfluss des Finanzkapitals auf die Politik wächst. Er selbst und seine Kumpane – allesamt Juden – bereichern sich dabei schamlos. Selbstredend muss das Geld irgendwoher kommen. Nun, sie greifen eben dem ehrlich arbeitenden Volk immer tiefer in die Tasche. Der Film lebt vom halluzinierten Gegensatz zwischen der ehrlichen und betrogenen Arbeit und der verabscheuungswürdigen Raffgier, die ohne Arbeit zu Reichtum und einem guten Leben gelangen will. Am Ende wird der Jude zur tiefen Befriedigung des ganzen umstehenden Volkes erhängt. Genau das haben sich die Leute – genauso wie die Kinobesucher – schon immer gewünscht. Wenige Monate nach dem Kassenschlager beschließt die Wannseekonferenz die „Endlösung der Judenfrage“. Natürlich hat der Film auch einen positiven Helden, der zum Kampf gegen die Juden mobilisiert. In der Schlüsselszene gewinnt er seine Mitstreiter mit dem Ausruf: „Wie die Heuschrecken fallen sie (die Juden) über uns her!“ Jetzt springt der Funke über, seine Mannen sind zum Kampf bereit.

Eine Broschüre der Gewerkschaft verdi „Finanzkapitalismus – Geldgier in Reinkultur!“, die den so genannten Finanzkapitalismus erklären will, arbeitet extensiv mit der Heuschreckenmetapher. Schon auf dem Titelblatt kommt ein bedrohlicher und schier unendlicher Heuschreckenschwarm auf den Betrachter zu. Illustrationen, auf denen oft nicht mehr zwischen Mensch und Heuschrecke zu unterscheiden ist, vervollständigen das Bild. Sie bedrohen uns, quetschen und saugen alles aus, ob Mietshäuser, Fabriken oder Büros. Alles für ihre unersättliche Gier nach Profit. Doch nicht nur in Gewerkschaftspublikationen, auch im gutbürgerlichen Blätterwald und in vermeintlich radikal kapitalismuskritischen Publikationen findet man immer wieder das Bild von den Heuschrecken, die über das Land, die Wohnungen und die Fabriken herfallen. Selbstredend sind die AutorInnen keine Nazis, ihnen das zu unterstellen wäre nicht nur persönlich absolut unerträglich, es wäre auch sachlich vollkommen falsch. Doch ihre arglose Verwendung der Metapher verweist darauf, dass hochproblematische Bilder und Erklärungsmuster in der ganzen Gesellschaft verbreitet sind – ob rechts oder links oder auch in der vermeintlich so reflektierten Mitte.

Der oberflächliche und vereinfachende Blick auf die Funktionsweisen des globalisierten Kapitalismus gipfelt immer wieder in einer problematischen Frage, die sich selbst für die Ausgeburt von Kritik hält: „Geld regiert die Welt. Doch wer regiert das Geld?“ Sie erscheint auf Occupy-Demos genauso wie auf dem Cover des „Spiegel“ oder in kirchlichen Seminarankündigungen, die nach einem „besseren Geldsystem“ Ausschau halten. Die Frage, mal genau so, mal ein wenig anders formuliert, bewegt die meisten Menschen. Denn es fällt tatsächlich schwer, den Kapitalismus zu begreifen. Der ist nämlich ein menschheitsgeschichtliches Novum. Während alle vorhergehenden Gesellschaftssysteme auf personeller Herrschaft basierten, beruht er auf abstrakter, versachlichter Herrschaft. Kapitalismuskritik, die nicht bloß an der Oberfläche kratzt und personalisiert, muss sich deswegen den durchaus nicht einfach zu verstehenden immanenten Sachzwängen eines Systems stellen, dessen innere Logik nicht etwa auf stofflichen Reichtum und ein gutes Leben für alle Menschen hinausläuft, sondern auf den inhaltsleeren Zweck eines Hamsterrads aus „immer mehr und immer schneller“, das vom Zwang zur fortlaufenden Verwertung des Kapitals angetrieben wird. Eine solche Kritik würde beispielsweise fragen, warum wir eigentlich ausgerechnet zu einem Zeitpunkt immer mehr und immer länger arbeiten sollen, wo wir dank Wissenschaft und Technik in der Lage sind, mit immer weniger Arbeit immer mehr stofflichen Reichtum zu produzieren. Doch solche Fragen lassen sich nicht mit Schuldzuweisungen an bösartige Menschen und „Lügenpack“ beantworten, sie erfordern systemische Kritik. Um wie viel naheliegender und verführerischer ist da doch ein Weltbild, das über so etwas erst gar nicht nachdenken mag und dafür Heuschrecken, gierige Manager, Bankster und Spekulanten zu den Verantwortlichen für die Krise erklärt. Und das zudem noch den enormen Vorteil bietet, dass man sich selbst besten Gewissens dem wohligen Gefühl hingeben kann, zu den Guten zu gehören.

Es war eine national-sozialistische deutsche Arbeiter-Partei, die jene Volksmeinung schon einmal verkörperte, zu politischer Macht brachte und konsequent umsetzte. Denn wo geglaubt wird, einige wenige undurchschaubar Mächtige, Gierige und Bösartige seien am Unglück der großen Masse schuld, drängt sich der Wunsch auf, die eingebildeten Schädlinge mögen beseitigt werden, damit es „uns“ wieder gut gehe. Deswegen stand „Arbeit macht frei“ über dem Tor von Auschwitz. Bis heute können sich das die wenigsten wirklich erklären. Schließlich gilt ihnen doch die Arbeit als eine gute Sache, mit der sie sich identifizieren. Doch in der Psyche derer, die sich der Gemeinschaft der „ehrlich Arbeitenden und Betrogenen“ zurechnen, schlummert seit jeher der Vernichtungswahn gegen die eingebildeten „schuldigen Gierigen“. In der Shoah hat er sich ausgelebt.
Dass den meisten Leuten heutzutage die gruselige Implikation ihres Denkens noch gar nicht zu Bewusstsein gekommen ist, vermag nicht zu beruhigen. Denn der bewusste Vernichtungswunsch steht nicht bereits am Beginn, sondern erst am Ende einer langen Kette von unreflektierter Empörung, Ressentiment und Pseudokritik.

Wo der unpersonale Herrschaftscharakter des Systems der Kapitalverwertung nicht verstanden ist und im Verborgenen wirkende Strippenzieher vermutet werden, lauert der Ausbruch der Barbarei. Zumal in Krisenzeiten wie den heutigen, die leider erwarten lassen, dass in den kommenden Jahren immer mehr Menschen Grund haben werden, sich über die Verschlechterung ihrer sozialen Lage zu empören. Solche Zeiten, man könnte es spätestens seit 1929 wissen, sind immer günstige Zeiten für die rasche, ja explosive Verbreitung des Ressentiments. Nicht dass jeder, der heute die Übel der Welt von gierigen Spekulanten und durchtriebenen Zockern verursacht sieht, bereits ein voll entwickeltes antisemitisches Weltbild mit sich herumtrüge. Noch ist vielen – wenn auch längst nicht mehr allen – zu glauben, wenn sie sagen, sie hätten nichts gegen Juden. Doch der oberflächliche, personalisierende und eben nur pseudokritische Antikapitalismus mündete schon einmal in antisemitischen Vernichtungswahn. Wer „Tötet die Juden!“ ruft, ist nur einen verhängnisvollen Weg zu Ende gegangen, den er schon viel früher und mitunter auch sehr leise begonnen hat.

Noch gilt es als Ausweis von Anständigkeit, kein Antisemit zu sein. Doch die Hülle dieses Bekenntnisses wird immer rissiger. Als der „Spiegel“ im Januar 2013 in unschuldiger Man-wird-doch-nochmal-fragen-dürfen-Manier die Frage stellte „Ist Antisemit, wer sagt, die Juden hätten zu viel Einfluss in Deutschland?“ konnte er ich bereits der offenen Unterstützung eines Viertels der Deutschen sicher sein, die diese Meinung in Umfragen ungeniert zu Protokoll geben. Als die Studierenden der Geistes- und Sozialwissenschaften (!) der Universität Osnabrück die Aussagen bewerten sollten „Es sollten weniger jüdische Einwanderer nach Deutschland gelassen werden“ und „Deutsche Frauen sollten keine Juden heiraten“ kreuzten lediglich 60 Prozent „stimmt gar nicht“ an. Und wenn „es dem Frieden dient“, lassen sich vermeintliche FriedensfreundInnen auf Ostermärschen auch mal „gerne als Antisemit beschimpfen“.

Apropos „Frieden“. Eine zentrale Rolle für das Comeback des Antisemitismus spielt die von den meisten Deutschen mit Hingabe betriebene „Israelkritik“. Sie bietet den unschätzbaren Vorteil, nichts gegen Juden haben zu müssen und „doch nur“ die israelische Politik zu kritisieren. Dabei verweist schon der Begriff „Israelkritik“ auf den obsessiven Charakter des Unterfangens. Eine Brasilienkritik, Dänemarkkritik oder Türkeikritik hat jedenfalls bisher noch niemand erfunden. Allein der jüdische Staat verleitet offenbar zur Kreation eines neuen Substantivs, das das Wort „Kritik“ enthält. Entsprechend sieht diese „Kritik“ dann auch aus. Zwei Drittel der Deutschen halten den jüdischen Staat für „die größte Gefahr für den Weltfrieden“. Befragt nach den Ursachen für den so genannten Nahostkonflikt fällt den meisten Medienschaffenden genauso wie den meisten „Leuten von der Straße“ spontan „die israelische Siedlungspolitik“ ein. Lässt man das einmal unkommentiert und fragt nach möglichen weiteren Gründen, werden die Antworten ganz schnell äußerst dünn. Dass der antisemitische Vernichtungswahn, von dem Israel umgeben ist und die Weigerung selbst der angeblich gemäßigten palästinensischen Kreise, Israel als jüdischen Staat anzuerkennen, irgendetwas mit der Situation zu tun haben könnten – auf so etwas Naheliegendes kommen die wenigsten. Dabei könnte, wer wollte, über vieles Bescheid wissen. Beispielsweise über die Charta der Hamas, in der es heißt, „die Juden kontrollierten mit ihrem Reichtum weltweit die Medien, lenkten Revolutionen, bildeten überall Geheimorganisationen, um Gesellschaftssysteme zu zerstören, stünden hinter beiden Weltkriegen und seien Drahtzieher jedes Krieges auf der Welt.“ Und „erst wenn alle Muslime die Juden bekämpften und töteten, werde das jüngste Gericht kommen. Dieses werde die Vernichtung aller Juden vollenden.“ Man könnte auch wissen, dass viele andere erklärte Feinde des jüdischen Staates, etwa die mächtigen Herrscher des iranischen Gottesstaates, ganz genauso denken. Und dass dies nichts, aber auch gar nichts mit „Kritik an israelischer Politik“ oder der Formulierung irgendeines „palästinensischen Nationalinteresses“ zu tun hat, sondern der blanke antisemitische Vernichtungswahn ist, den man in ganz ähnlichen Worten – auch das könnte man wissen – in Hitlers Politischem Testament nachlesen kann. Seine letzten Aufzeichnungen, einen Tag bevor er sich im Bunker die Kugel gab, waren diese: „Ich habe keinen Zweifel darüber gelassen, dass, wenn die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden, dann auch jenes Volk mit zur Verantwortung gezogen werden wird, das der eigentlich Schuldige an diesem mörderischen Ringen ist: Das Judentum!“ Man könnte wissen, wie sehr sich die Gedankenwelt fanatischer Judenhasser gleicht und man könnte daraus ableiten, in welcher Situation sich der jüdische Staat befindet. Dass er z.B. bei Strafe seines Untergangs seinen Gegnern militärisch überlegen bleiben muss. Doch all das interessiert nur wenige. Auch hier gilt: Einfache und oberflächliche Antworten sind ja so praktisch. Sie bedienen das eigene Ressentiment und lassen einen in dem angenehmen Gefühl zurück, zu den Guten zu gehören, die „Gottseidank nicht so sind“.

Ressentiment ist faktenresistent. Dass es nie einen palästinensischen Staat gegeben hat, dass seit 92 Jahren auf 78 Prozent des ehemaligen Mandatsgebiets Palästina ein arabischer Staat mit überwiegender palästinensischer Bevölkerungsmehrheit besteht, aus dem auf Geheiß der (britischen) Mandatsmacht sämtliche Juden zu verschwinden hatten (Transjordanien/Jordanien), dass Israel 2005 einen Herzenswunsch der Hamas und deutscher FriedensfreundInnen erfüllte und sämtliche Siedlungen im Gazastreifen auflöste, dass Gaza daraufhin nicht etwa zum blühenden Friedensland, sondern zur Raketenabschussrampe wurde – all das und noch viel mehr will man gar nicht wissen. In aller Regel reicht das Stichwort „Siedlungspolitik“ aus, um eine feste Meinung zum Thema zu haben. Wer das Wort fehlerfrei aufsagen kann, darf sich zur unüberschaubar großen Menge der eingebildeten Nahostexperten in Deutschland rechnen. „Siedlungspolitik“ ist zur Chiffre verkommen, mittels derer man sich gegenseitig permanent zu verstehen gibt, man wisse ja nur zu gut, wer der eigentlich Schuldige ist.

Dass Antizionismus, also die Ablehnung des jüdischen Staates, etwas völlig anderes sei als Antisemitismus, dass er doch nur die verständliche Reaktion auf die angeblich so schlimme Politik Israels sei, ist das Glaubensbekenntnis aller modernen AntisemitInnen. Doch bei genauerem Hinsehen erweist sich bereits die Vorstellung, den Hass auf jüdische Staatlichkeit habe es vor der Existenz des Zionismus oder Israels nicht gegeben, als falsch. Auch in diesem Punkt hat Martin Luther schlechte Vorarbeit geleistet. 1538 machte er sich in seiner Schrift „Wider die Sabather“ über diese jüdische Sekte wie folgt lustig: „So lasst sie doch hinfahren ins Land und gen Jerusalem, Tempel bauen, Priesterthum, Fürstenthum, und Mosen mit seinem gesetze auffrichten und also sie selbs wiederumb Jüden werden und das Land besitzen. Wenn das geschehen ist, so sollen sie uns bald auf den ferssen nach sehen daher kommen und auch Jüden werden. Thun sie das nicht, so ists aus der massen lächerlich, das sie uns Heiden wollen bereden zu jrem verfallen gesetze, welches nu wohl Funffzehnhundert jar verfaulet und kein gesetze mehr gewesen ist.“ Sie sind doch gar nicht in der Lage, einen ordentlichen Staat zu errichten, die Juden, hören wir da heraus. Immanuel Kant sprach von den Juden als „einer ganzen Nation von lauter Kaufleuten … deren bei weitem größter Theil keine bürgerliche Ehre sucht“ und dessen „Gesetzgeber… nur ein politisches, nicht ein ethisches gemeines Wesen habe gründen wollen“. Die Juden und ein ethisches Gemeinwesen? Unmöglich! Ein weiterer „großer Deutscher“, Johann Gottlob Fichte, meinte: „Fast durch alle Länder Europas verbreitet sich ein mächtiger, feindselig gestimmter Staat, der mit allen übrigen im beständigen Kriege steht… es ist das Judenthum.“ Die Juden, lesen wir durch die Jahrhunderte immer wieder, sind ja gar nicht in der Lage, einen „normalen“ Staat zu bilden, ihr Staat ist unmoralisch, unethisch und kriegerisch. Das alles „wussten“ die Antisemiten bereits ein paar Jährchen vor der Gründung des Staates Israel. Antizionismus war schon immer fester Bestandteil des Antisemitismus. Aber auch davon will man in Deutschland nichts wissen.

Nicht auszuschließen, dass es Jahrzehnte nach dem von den Alliierten gegen den Willen der Deutschen erzwungenen Ende des Holocausts in diesem Lande wieder salonfähig werden könnte, sich AntisemitIn zu nennen. Rückblickend würde sich dann der eine Zeitlang herrschende „anti-antisemitische“ Konsens lediglich als ein notwendiger Zwischenschritt auf dem Weg zurück zu deutscher Normalität erweisen. Selbstverständlich würden dann auch die „Israelkritik“ und der personalisierende Pseudo-Antikapitalismus ihr heimliches Liebschaftsverhältnis zugunsten einer ganz offen gelebten Ehe aufgeben. Die Süddeutsche Zeitung, die am 2. Juli 2013 ihrer linksliberalen Leserschaft die Zeichnung eines bösartigen und gierigen Monsters präsentierte, das sie mit dem jüdischen Staat gleichsetzte, den „wir Deutschen“ angeblich füttern müssen, könnte sich möglicherweise ans Revers heften, diesen letzten Dammbruch eingeleitet zu haben.
Lothar Galow-Bergemann ist Vorstandsmitglied der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart & Mittlerer Neckar und schreibt u.a. in konkret, Jungle World und www.emafrie.de

Die falschen Freunde Israels – Für eine Debatte um Israel-Flaggen bei Rechtspopulisten June 10, 2015 | 06:55 pm

Auf einer Pegida-Demonstration am 17. Mai 2015 schwenkte der Stuttgarter  AfD-Stadtrat Fiechtner eine Israelfahne. Der Herr steht selbst innerhalb seiner üblen Partei am rechten Rand. Er schlug gleich drei Fliegen mit einer Klappe: Mancher Gesinnungskumpane, der Israel vor seinen Karren spannen will, war zufrieden. Israelsolidarische Pegida-Gegner_innen fühlten sich provoziert. Und israelfeindliche Pegida-Gegner_innen fühlten sich bestätigt. Kein Wunder, dass ein Gegendemonstrant den Akt wie folgt kommentierte: „Israelfahne mittendrin… das passt!

Warum es für diesen Pegida-Gegner passt? Weil er vermutlich glaubt, Israel betreibe die selbe Politik wie die AfD. Genau wie Fiechtner übrigens, der sich wohl dasselbe zusammenreimt. Dabei müsste den beiden, wären sie zu nüchterner Betrachtung fähig, alleine schon die große Anzahl von Moscheen im jüdischen Staat schwer zu denken geben. Doch diese Fiktion hilft beiden: Fiechtner muss sich nicht mit den wirklichen Verhältnissen in Deutschland und besagter Pegida-Gegner muss sich nicht mit den wirklichen Verhältnissen in Israel befassen. Die Antizionist_innen auf der Gegendemo konnten es sich angesichts eines Israel-Flaggen schwenkenden AfD-Stadtrats wieder einmal auf ihrem stereotypen Gedankensofa bequem machen. Der erhobene Mittelfinger vieler Gegendemonstrant_innen erfüllte zwei Motive zugleich: die (antirassistische) Ablehnung der Pegida-Bewegung und die (antisemitische) Ablehnung des zionistischen Staats.

Meistens verweisen Israel-Flaggen schlicht und ergreifend auf die Anwesenheit von Menschen, die Solidarität mit dem vom antisemitischen Vernichtungswahn bedrohten jüdischen Staat zeigen wollen. Das kapieren Antizionist_innen zwar nie. Aber glücklicherweise muss ja niemand lebenslänglich Antizionist_in bleiben. So lange das Ressentiment allerdings herrscht, sucht und findet es immer wieder Bestätigung. Und es ist nun mal leider zu beobachten, dass sich Menschen in ihrem rassistischen und fremdenfeindlichen Wahn, den sie unter dem Label „Islamkritik“ ausleben, Israel als Verbündeten herbei fantasieren. So z.B. besonders geschmacklos auf „Politically Incorrect“, einer Seite, die systematisch gegen Muslim_innen und Geflüchtete hetzt. Des Weiteren berufen sich immer mehr rechte und rechtsextreme Parteien auf sogenannte „christlich-jüdische Wertvorstellungen“, um sich damit von den vermeintlich gänzlich anderen Wertvorstellungen „des Islam“ abzugrenzen und sich von jedem Antisemitismusverdacht reinzuwaschen. Obwohl sich Hetze gegen Juden auch im rechtspopulistischen Lager und bei Pegida finden lässt, hat sie dort momentan weniger Konjunktur als die Hetze gegen Muslim_innen bzw. „den Islam“ und Asylbewerber_innen. In rechten Splitterparteien scheint der jüdische Staat oftmals angesehener als in der Linkspartei, in der nicht selten offene Israelhasser_innen den Ton angeben. Zu bemerken gilt es allerdings, dass sich das rechte Lager nicht etwa mit Israel solidarisiert, um zu demonstrieren, dass Antisemitismus in Deutschland und weltweit bekämpft werden muss, sondern um das Land für seine widerwärtige muslimfeindliche Agitation zu instrumentalisieren. Israel distanziert sich aus vielen guten Gründen von jedem Kulturkampf gegen „den Islam“. Israel-Flaggen von Pegida-Anhänger_innen stehen den ureigensten Interessen des Landes diametral entgegen.

Es bleibt zu hoffen, dass sich israelsolidarische Menschen unter den Pegida-Gegner_innen nicht irritieren ließen. Dass sich rechtspopulistisches und linksreaktionäres Lager gegenseitig in die Hände spielen, ist ja auch in Stuttgart nicht neu. Siehe die Klarstellung zu diversen Falschmeldungen über die Solidaritätsversammlung „Wir unterstützen Israel!“ am 15.07. 2014 in Stuttgart.

Eine emanzipatorische Haltung ist weder vom Pegida-Umfeld noch von dem seiner antizionistischen Gegner_innen zu erwarten. Aufgeklärte Menschen, denen an gesellschaftlicher Emanzipation gelegen ist, sollten wachsam sein und nicht zulassen, dass Israel von reaktionären Bewegungen instrumentalisiert wird, denn diese reproduzieren fortlaufend antisemitische Stereotype und befestigen damit massenhaft verbreitete Ressentiments.

Wir verstehen diesen kleinen und unvollständigen Text als Vorschlag an emanzipatorische, linke israelsolidarische Menschen, das Thema zu diskutieren und freuen uns auf ihre Rückmeldungen. Für eine fundierte Analyse und Kritik, gegen Antisemitismus. Antizionismus und Rassismus!

Zum Weiterlesen:
Was ist Antisemitismus? Anmerkungen zur Wahnwelt des vernichtungsorientierten Antikapitalismus
Was ist Antizionismus? Anmerkungen zum Hass auf den Juden unter den Staaten

Vortrag von Olaf Kistenmacher am 23. Juni in Esslingen am Neckar: “Israel ist an allem Schuld” – Warum der Judenstaat so gehasst wird June 7, 2015 | 08:42 pm

Laut einer EU-Umfrage sahen 2010 65 Prozent der Deutschen in Israel eine »Gefahr für den Weltfrieden«. Zwei Jahre später schrieb Günter Grass in der Süddeutschen Zeitung, die »Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden«, und bekam dafür Beifall von ganz links bis rechtsextrem. Der Hass auf Israel wird gern mit der Politik der jeweiligen Regierung des jüdischen Staats erklärt. Doch warum richtet sich die Feindschaft aktuell nicht gegen das Nachbarland Syrien und gegen den »Islamischen Staat« oder gegen die EU, an deren Außengrenzen so viele Menschen sterben? Der Vortrag wird die verschiedenen Wurzeln der Israel-Feindschaft in Deutschland ausloten: als Folge unbewusster Schuldgefühle wegen der Shoah und als Konsequenz von seit über hundert Jahren bestehenden judenfeindlichen Vorstellungen. Im Zentrum des Vortrags steht die Israel-Feindschaft in der politischen Linken, in der man Antisemitismus eigentlich nicht erwarten sollte.

Was ist Antisemitismus und was hat das mit Israel zu tun? May 21, 2015 | 01:54 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 4. Juni 2015, 16.30 Uhr, Stuttgart
35. Deutscher Evangelischer Kirchentag,
Markt der Möglichkeiten, Themenzelt 3, Cannstatter Wasen

Eine Veranstaltung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft AG Stuttgart & Mittlerer Neckar

In Deutschland hat man gelernt, dass Antisemitismus schlecht ist. Verstanden hat man ihn allerdings nicht. Folglich glaubt niemand antisemitisch zu sein, obwohl antisemitische Denkmuster massenhaft verbreitet sind. Sie äußern sich u.a. im unstillbaren Verlangen nach „Israelkritik“.

 

Was ist israelfeindlicher Antisemitismus? May 21, 2015 | 01:50 pm

Betrachtungen nach den judenfeindlichen Hasskundgebungen des letzten Sommers

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Donnerstag, 11. Juni 2015, 19.00 Uhr, Braunschweig

Eine Veranstaltung der Antifaschistischen Gruppe Braunschweig  in Zusammenarbeit mit der Sozialistischen Jugend Die Falken

Wie wenig Antizionismus von Antisemitismus trennt, wurde selten so deutlich wie während der antiisraelischen Massenaufmärsche dieses Sommers, die in Sprechchören „Tod den Juden!“ forderten. Die selbstgerechte deutsche Mehrheitsgesellschaft wusste sofort, dass der Antisemitismus lediglich durch „die Türken“ bzw. „den Islam“ importiert ist. Schließlich, davon bleibt sie felsenfest überzeugt, hat sie aus der Shoah mehr gelernt als die Juden, weshalb ihre mit Hingabe gepflegte „Israelkritik“ nie und nimmer irgend etwas mit Antisemitismus zu tun haben kann. Diese Gewissheit gehört auch zu den Basics einer pseudokritischen Linken, die viel mehr Mainstream ist, als sie glaubt.
Doch wer eben noch in „internationalistischer Solidarität“ zusammen mit offenen Hamas-Fans gegen Israel demonstriert hatte, bekam nun ein faustdickes Problem. Wie um alles in der Welt sollte man sich von den Propagandisten des Judenmords abgrenzen? Heraus kamen Verschwörungsphantasien und skurrile Statements, die weniger überzeugend ausfielen denn je. In welcher Situation befinden sich Juden und der jüdische Staat und warum befördert den Antisemitismus, wer „gegen den Zionismus“ demonstriert?

Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für konkret, Jungle World und www.emmaundfritz.de

 

AntiBa – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida May 21, 2015 | 01:46 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Freitag, 12. Juni 2015, 20.00 Uhr, Frankfurt/Main
Café Kurzschlusz, Campus der Frankfurt University of Applied Sciences, Kleiststr. 5

Veranstaltet vom Café Kurzschlusz – Unterstützt durch das Ref Pol-Bil des JWG-Uni-ASTA

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf www.emmaundfritz.de

 

 

Wiedergutmachung ohne Schuld – die Beziehungen zu Israel als Legitimationsideologie der konservativen Nachkriegsrepublik May 4, 2015 | 07:13 am

Vor 70 Jahren kapitulierte Nazideutschland vor den Alliierten, vor 70 Jahren wurden die nationalsozialistische Herrschaft und der Holocaust beendet. Doch was ist mit den Ideologien, die zum größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte führten? Gab es einen Bruch oder leben sie unter neuen – demokratischen – Vorzeichen weiter? Erfolgt aus der Vergangenheit ein wahrhaftiger Antifaschismus? Oder entsteht [...]

Antiba – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida April 29, 2015 | 12:42 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 18. Mai 2015, 18 Uhr, Freiburg

Universität Freiburg, KG 1, HS 1023

Eine Veranstaltung des Referats gegen Faschismus im StuRa der Uni Freiburg

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um  Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Lothar Galow-Bergemann schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf www.emmaundfritz.de

 

 

Der unverstandene Nationalsozialismus April 28, 2015 | 12:43 pm

Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Mittwoch, 6. Mai 2015, 19.00 Uhr, Nürnberg
Desi, Brückenstr. 23, 90419 Nürnberg

Eine Veranstaltung des Bündnis 8. Mai Nürnberg – Ein Bündnis aus [‚solid] Nürnberg/Fürth, SJ – Die Falken Nürnberg, der Pension Abgrund und der Autonomen Jugendantifa.

Schon seit mindestens zwei Jahrhunderten sind die Deutschen davon überzeugt, sie seien besonders gut. Derzeitiger Favorit in der Begründung dieses – nennen wir es mal: erstaunlichen Selbstbewusstseins – ist „unser Lernen aus der Geschichte“. Stolpersteine werden verlegt, „Nie wieder“ – Schwüre sind zum festen Ritual geworden, ein Holocaust-Mahnmal wurde errichtet. Doch im Gewande der Demut kommt alte Überheblichkeit daher. Andere Völker würden uns um dieses Mahnmal beneiden, sprach ein führender Historiker und konnte sich des rauschenden Beifalls der wohlanständigen Mitte dieser Gesellschaft sicher sein.

Wie wenig der Nationalsozialismus entgegen allen Beteuerungen aufgearbeitet ist, zeigt sich nirgends deutlicher als im völligen Unverständnis des Antisemitismus, von dem man eigentlich nur weiß, dass er irgendwie schlecht ist. Hätte man ihn hingegen begriffen, müsste ein regressiver Antikapitalismus, der von „den Gierigen, die uns alle aussaugen“ phantasiert, auf entschiedenen Widerstand stoßen. Doch ganz im Gegenteil, seit Beginn der Krise 2008 grassiert er. Und in obszöner Selbstgerechtigkeit meint man in Deutschland, ausgerechnet aus der Shoah mehr gelernt zu haben als die Juden. Deswegen sind zwar zwei Drittel der Deutschen davon überzeugt, vom jüdischen Staat gehe die größte Gefahr für den Weltfrieden aus, aber Antisemit ist selbstverständlich keiner von ihnen.

Nur wenig vom Mainstream unterscheidet sich eine Linke, die sich besonders kritisch dünkt, weil sie erst gar nicht vom Nationalsozialismus, sondern lediglich vom „Faschismus“ redet. Dass diese nur vermeintlich an den Wurzeln der Verhältnisse bohrende Linke weiter im ideologischen Korsett der 20er und 30er Jahre des vergangenen Jahrhunderts lebt, zeigt sich ebenfalls am auffälligsten am unbegriffenen Antisemitismus, den sie bestenfalls für eine Spielart des Rassismus hält. Wer es auch 70 Jahre nach der Shoah immer noch nicht schafft, sein bequemes Weltbild von den bösen Herrschenden und dem guten Volk abzulegen, klammert sich auf der Suche nach rettenden Strohhalmen gerne an die berühmte Dimitroffsche „Faschismus-Definition“ von 1935. Wiewohl diese von Anfang an falsch war, so ist ihren Urhebern wenigstens noch zugute zu halten, dass sie nicht in die Zukunft blicken konnten. Die Zombielinke von heute aber vermag noch nicht einmal die Vergangenheit zu verstehen. Ihr „Nie wieder“ ist deswegen ebenso Makulatur wie dasjenige der deutschen Mehrheitsgesellschaft.

Lothar Galow-Bergemann lebt in Stuttgart, ist Teil der Gruppe Emma und Fritz und schreibt unter anderem für konkret, Jungle World und iz3w.

Beschluss auf dem Bundeskongress der Linksjugend [‘solid]: Gegen jeden Antisemitismus April 19, 2015 | 04:13 pm

Es ist die historische Erfahrung aus Auschwitz, dass die dem Antisemitismus immanenten Vernichtungsfantasien real sind und im Zweifelsfall kein Staat den Schutz der Jüd_innen vor Antisemitismus zu garantieren bereit war. Israel ist die unerlässliche Konsequenz der Erfahrung der Shoa. Für eine Linke, die für gesellschaftliche Emanzipation eintritt, sollte die Verteidigung des unbedingten Existenzrechts Israels, als dem Staat zum Schutz der Jüd_innen, ein wichtiger Ausgangspunkt politischen Handelns sein. Eine Kritik des Antisemitismus in der linksjugend ['solid] muss neben der Aufklärung über Antisemitismus auch die Verhinderung der Verbreitung antisemitischer Standpunkte bedeuten.

kundgebung gegen pro-hamas-tagung April 17, 2015 | 12:00 pm

Audio: „Made in Germany!“ Nationalsozialistischer Antisemitismusexport nach Palästina April 16, 2015 | 03:19 pm

Vortrag von Martin Cüppers

gehalten auf der Tagung „Hört das denn nie auf?!“- Altneuer Antisemitismus in Europa
am 14. März 2015 in der Evangelischen Akademie Bad Boll                                   gesendet im Freien Radio für Stuttgart am 24. April 2015

Der Vortrag befasst sich mit den Beziehungen des nationalsozialistischen Deutschland in die arabische Welt und ihren Nachwirkungen seit 1945. Mit dem Einmarsch der Wehrmacht im Februar 1941 in Libyen waren Planungen zur Eroberung des gesamten Nahen und Mittleren Ostens verbunden. Auch in Palästina war der Massenmord an den dortigen Juden geplant – unter tatkräftiger Mithilfe arabischer Kollaborateure. Der damalige Großmufti von Jerusalem Mohammed Amin al-Husseini arbeitete eng mit Nazideutschland zusammen. Noch Jahrzehnte später sprach der PLO-Vorsitzende Yassir Arafat von „unserem Helden al-Husseini“. Der gegenwärtige Antisemitismus im Nahen Osten beruht auch auf einem Input aus Europa, der heute kaum mehr wahrgenommen wird.

PD Dr. Martin Cüppers ist Wissenschaftlicher Leiter der Forschungsstelle Ludwigsburg der Universität Stuttgart Historisches Institut – Abteilung Neuere Geschichte. Er ist – zusammen mit Klaus-Michael Mallmann – Coautor des Buches Halbmond und Hakenkreuz: Das “Dritte Reich”, die Araber und Palästina

 

Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame April 13, 2015 | 08:36 pm

Zur Analyse einer Protestbewegung, die sämtliche Kategorien der Unfreiheit affirmiert

von Jonas Bayer

Endgame, dem Begriff nach einerseits englisch für „Endphase“, andrerseits Kurzform für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“, entstand im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada, ausgeschrieben „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlands“. Diese Bezeichnung diente dem Versuch, einerseits an die Erfolge der in den Medien damals stark vertretenen Pegida-Bewegung anzuknüpfen, zugleich aber den Fokus weg von der dort proklamierten Islamisierung hin zu einer vermeintlichen Amerikanisierung Europas zu verschieben. 

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung
2. Hauptteil: Analyse und Kritik der politischen Positionen Endgames
2.1.Informationen zum Forschungsgegenstand
2.2.Theorie des antiamerikanischen Antisemitismus
2.3. Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame: Analyse und Versuch der Dekonstruktion
2.3.1. Analyse
2.3.1.1. Aufklärung und gesundes Volksempfinden
2.3.1.2 Volk und Parasiten
2.3.1.3 Volk und Zersetzung
2.3.1.4. Deutschland und die Westalliierten
2.3.1.5. Deutschland und der Schatten der Vergangenheit
2.3.2. Versuch der Dekonstruktion: Dem Ressentiment entgegentreten
2.3.2.1. Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus: Warum weder Zinsen noch parasitäre Finanzspekulanten unser Unglück sind
2.3.2.2. Zur Kritik des autoritären Kollektivismus: Warum das biologistisch verstandene Volk eine menschenverachtende Kategorie ist
3. Fazit

 
1. Einleitung

Die politische Bewegung Endgame gründete sich im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada. Mit ihr beschäftigt sich diese Arbeit. Zur Analyse wird, basierend der im selben Jahr von Heiko Beyer verfassten Soziologie des Antiamerikanismus, davon ausgegangen, dass Antiamerikanismus und Antisemitismus konkrete Ausformungen einer ressentimenthaft antimodernistischen Ideologie sind, die beiden zu Grunde liegt. Dadurch wird es möglich, unabhängig von den jeweiligen, beliebig austauschbaren Projektionsobjekten die Struktur der Argumentation selbst in den Blick zu nehmen. Die leitende Fragestellung lautet also: Wie konkret äußert sich der ressentimenthafte Antimodernismus auf den verschiedenen Politikfeldern im Diskurs Endgames und was kann jenem argumentativ entgegengesetzt werden? In Ermanglung einer geeigneteren Begrifflichkeit wird dabei das analysierte und kritisierte Weltbild als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet. Es zeigt sich, dass – entsprechend der dichotomen Struktur des antiamerikanischen Antisemitismus – das Weltgeschehen bei Endgame in verschiedene Gegensatzpaare zerfällt. Die Analyse muss hier notwendigerweise unvollständig bleiben, fünf dieser Gegensatzpaare werden herausgegriffen und auf ihre Funktionsweise hin untersucht. Die beiden theoretisch wie praktisch zentralsten dieser Gegensatzpaare werden dann kritisiert, wobei gezeigt werden soll, dass die Gegnerschaft Endgames zum Kapitalismus auf einem falschen Begriff desselben basiert, und die zur Globalisierung einen Volksbegriff mobilisiert, der sich repressiv gegen das Individuum richtet.

Ebenfalls von Beyer wird in dieser Arbeit die Methode der stochastischen Genuswahl übernommen, d.h. das grammatikalische Geschlecht wird bei Personengruppen nach dem Zufallsprinzip verwendet. Beyer selbst gibt als Quelle hierfür die Autoren Nothbaum und Steins (2010) an.

2. Hauptteil: Analyse und Kritik der politischen Positionen Endgames

Für diese Arbeit werden zunächst kurz einige Hintergrundinformationen zum Forschungsgegenstand zusammengetragen, dann wird die diese Arbeit begleitende Theorie vorgestellt, anschließend wird versucht, den Diskurs der Endgame-Bewegung zu analysieren und zu dekonstruieren, d.h. dem Ressentiment, wo es auftaucht, Argumente entgegenzusetzen, und abschließend werden die Ergebnisse in einem Fazit noch einmal zusammengefasst.

2.1. Informationen zum Forschungsgegenstand

Endgame, dem Begriff nach einerseits englisch für „Endphase“, andrerseits Kurzform für „Engagierte Demokraten gegen die Amerikanisierung Europas“, entstand im Dezember 2014 unter dem Namen Pegada (vgl. Pegada 2014a), ausgeschrieben „Patriotische Europäer gegen die Amerikanisierung des Abendlands“. Diese Bezeichnung diente dem Versuch, einerseits an die Erfolge der in den Medien damals stark vertretenen Pegida-Bewegung anzuknüpfen, zugleich aber den Fokus weg von der dort proklamierten Islamisierung hin zu einer vermeintlichen Amerikanisierung Europas zu verschieben. Seit dem Abklingen Pegidas verzichtet Endgame auf Pegada als Selbstbezeichnung (vgl. Pegada 2015a). Hintergrund Endgames ist die Friedensbewegung 2014, deren – teils ehemalige – Protagonisten positiv rezipiert werden (vgl. Endgame 2015a). Entsprechend ähneln sich auch die Argumentationsmuster. Als konkreter politischer Akteur organisiert Endgame regelmäßige Demonstrationen, bisher in Halle (vgl. Afane 2015) und Erfurt (vgl. DIE WELT 2015). Dem Selbstverständnis seiner Anhänger nach handelt es sich um eine Bewegung, die politisch weder rechts noch links steht (vgl. Pegada 2014b; Afane 2015; Schmidt 2015). Die Diskursanalyse allerdings zeigt, dass es sich hierbei um ein Täuschungsmanöver handelt, da die Argumentationsmuster in der Tat vielfach dem Diskurs der neuen und alten Rechten entlehnt sind.

2.2. Theorie des antiamerikanischen Antisemitismus

Theoretisch stützt sich diese Arbeit vor allem auf Heiko Beyers (2014) Soziologie des Antiamerikanismus. Dort fasst Beyer den ressentimenthaften Antiamerikanismus als Reaktion auf die im 19. Jahrhundert krisenhaft hereinbrechende Moderne: Das durch den beschleunigten sozialen Wandel verunsicherte Individuum sei, so Beyer, bestrebt, jenen zu erklären und dadurch wieder beherrschbar zu machen. Eine Möglichkeit, die Moderne und den mit ihr einhergehenden beschleunigten sozialen Wandel zu rationalisieren, d.h. scheinbar zu erklären, besteht nach Beyer darin, deren Ursache in den Vereinigten Staaten von Amerika auszumachen. Zugleich würden hedonistische Selbstanteile, die das antiamerikanische Individuum an sich selbst verachtet und fürchtet, auf die USA projiziert.

Indem sowohl die Moderne samt ihrer vermeintlichen Lasterhaftigkeit als auch eigene hedonistische Persönlichkeitsanteile, die als Ausdruck eben jener Lasterhaftigkeit erscheinen, mit den USA verknüpft werden, entsteht ein negativer Bezugspunkt, über den das antiamerikanische Individuum sich selbst und die Gruppe, der es sich zugehörig fühlt, per Abgrenzung positiv definiert. (vgl. Hansen 2007: S. 34-37) Die konstruierte Antithese zwischen dem, was im Diskurs als amerikanisch erscheint, und dem, was diesem positiv gegenübergestellt wird, verselbstständigt sich, wie im Diskurs Endgames deutlich wird, im Extremfall zu einem Welterklärungsmuster, das sämtliche Entwicklungen – freilich nur innerhalb des antiamerikanischen Weltbilds – sinnvoll interpretierbar macht. Dieses Welterklärungsmuster allerdings liegt eine Ebene tiefer, seiner Struktur nach ist es nicht nur antiamerikanisch, sondern auch antisemitisch:

„Aus Sicht der Kognitionspsychologie handelt es sich bei antiamerikanischen und antisemitischen Einstellungen um Elemente eines gemeinsamen Kognitionsclusters. Die einzelnen Elemente werden durch Kognitionen, die eine Verbindung von Juden und Amerika begründet, getragen und in allgemeinere, beide Aspekte synthetisierende Welterklärungen eingepasst. Je nachdem, in welchem sozialen Kontext sich das Individuum befindet, manifestiert sich dann eher das antisemitische oder das antiamerikanische Element in der Kommunikation (vgl. Beyer/Liebe 2010). Gleichzeitig verweisen die analogen Inhalte der Ressentiments auf eine affektive Äquivalenz: Beide Objekte werden mit ähnlichen Vorstellungen besetzt, die dem Assoziationsfeld des Hedonismus zuzuordnen sind. Diese Objektverwandschaft ermöglicht die Verschiebung des Projektionsobjekts, so dass im Fall wahrgenommener sozialer Tabuisierung – hier vor allem des Antisemitismus – das jeweils andere Objekt gewählt wird.“ (Beyer 2014: S. 114)

Für den praktischen Teil der Arbeit wird also nicht nur der Antiamerikanismus relevant sein, sondern insbesondere das ihm zu Grunde liegende Welterklärungsmuster, das sich ebenso als Antisemitismus manifestieren kann und manifestiert (vgl. Strohm 2014). Da sich das Ressentiment im Diskurs Endgames trotz aller Tabuisierung immer wieder als ungeschönte Judenfeindschaft zeigt, scheint diese der bedeutendere der beiden Aspekte zu sein. Die bei Endgame zu analysierende und zu kritisierende Ideologie wird deshalb in dieser Arbeit als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet.

2.3. Antiamerikanischer Antisemitismus bei Endgame: Analyse und Versuch der Dekonstruktion

Die im Folgenden vorgenommene Diskursanalyse basiert vor allem auf drei Primärquellen: Einem seitens Endgame positiv rezipierten und beworbenen (vgl. Pegada 2015b) Beitrag Andreas Popps, einem ebenfalls durch Endgame gefeierten und verbreiteten (vgl. Pegada 2015c) Beitrag Holger Strohms, und einer auf einer Endgame-Demonstration gehaltenen Rede Donatus Schmidts. Die Auswahl kann als repräsentativ gelten: Zum einen fanden und finden sowohl die Friedensbewegung 2014 als auch Endgame primär online statt – die „Gefällt mir“ – Angaben der entsprechenden Seiten in den sozialen Netzwerken übertreffen die Teilnehmerzahlen der Demonstrationen und Mahnwachen um ein Vielfaches, wie auch generell die Aktivitäten im Internet die auf der Straße weit übertreffen. Es ist daher legitim, zwei auf Youtube veröffentlichte Beiträge, aber nur eine tatsächlich auf einer Demonstration gehaltenen Rede zu analysieren. Die Wahl fiel dabei nicht zufällig auf Beiträge Popps und Strohms: Vor allem Ersterer ist einer der wichtigsten Stichwortgeber der verschwörungsideologischen Rechten in Deutschland. Seine Videos erreichen teilweise sechsstellige Aufrufe (vgl. Popp 2012; Popp 2013), und mit Wortschöpfungen wie beispielsweise der Titulierung der Kritikerinnen als „Nazitheoretiker“ (Popp 2014) gibt er seinen Anhängerinnen wirkungsmächtige Waffen für die politische Auseinandersetzung an die Hand. Auch Strohm fungiert als Ideologe (vgl. Strohm 2015), obgleich etwas weniger erfolgreich als Popp. Die durchwegs positiven Reaktionen auf alle drei Primärquellen lassen den Schluss zu, dass in ihnen Positionen vertreten werden, die von der Mehrheit der Endgame-Anhängerinnen geteilt werden.

2.3.1. Analyse

Als Prämisse wird jeweils zu Beginn eine geheime, die Geschicke der Welt lenkende Macht behauptet. So erklärt Popp (2015), dass „nahezu alle vermeintlich hoheitlichen Strukturen beziehungsweise Staaten […] der Macht des Finanzsystems [unterliegen]“, Strohm (2014) weiß von „satanische[n] Logen wie d[en] Bilderberger[n], die die Kontrolle über die ganze Welt haben“, zu berichten, und auch Schmidt (2015) beklagt ein „Wirtschaftssystem, in dem die Superreichen […] die Macht über die Geschicke der Welt haben“. Diese geheime Elite kann nun – entsprechend der Ambivalenz des Ressentiments – mit den USA oder mit Juden verknüpft werden: So erklärt Strohm (ebd.) „Rothschild“, jüdischer Bankier und Hassobjekt aller Antisemitinnen (vgl. Waschneck 1940), zur „Nummer [Eins] bei den Bilderbergern“, während Schmidt (ebd.) behauptet, die geheime Elite kontrolliere „die Regierung in den Vereinigten Staaten“ über die „Federal Reserve Bank“ und den „amerikanischen Dollar“. Wie und ob sich das Ressentiment manifestiert, ist für die Argumentation allerdings unerheblich, entscheidend ist, dass dem übermächtig erscheinenden sozialen Wandel ein übermächtiger Akteur zugeordnet wird. Der Kampf gegen die globale Verschwörung wird damit zum Kampf gegen den sozialen Wandel selbst, und der Kampf zwischen dem Verschwörungsideologen und der von ihm phantasierten Verschwörung wiederum reproduziert sich im antiamerikanischen Antisemitismus in Form verschiedener Gegensatzpaare, die ihn als Ideologie konstituieren.

2.3.1.1. Aufklärung und gesundes Volksempfinden

Der Diskurs Endgames richtet sich – wie zu erwarten – gegen die Aufklärung und die sie tragenden Institutionen. Die medizinische Forschung, so Strohm (ebd.), sei „von der Lobby“ gesteuert, es ginge lediglich ums Geschäft. Auf der Website Pegadas (2014c) findet sich zudem die Forderung nach „Aufklärung in den Bereichen Gesundheit, Medizin, Impfen und kreiierte [sic!] Krankheiten!“ Und Popp (ebd.) behauptet, dass ein „akademisches Studium“ für das Erkennen der sozialen Realität „eher hinder[lich]“ sei. Als positive Antithese nennt er den „gesunde[n] Menschenverstand“. Auch die Presse erfährt ausschließlich Ablehnung: Für Popp (ebd.) sind Medien „Propagandamaschinen“, die ausschließlich im Sinne der „Finanzmacht“ berichteten, und Strohm (ebd.) erklärt:

„Es herrscht […] Zensur. […] Keiner der Journalisten wagt es, die Wahrheit zu sagen. […] Journalisten [betreiben] ständig Kriegshetze. […] Überall, wo Aufstände sind, sind die ersten Ziele die Journalisten, weil sie als Teil des Krieges betrachtet werden.“

Strohm unterstellt also zunächst, dass Medien Teil der Verschwörung seien und absichtlich desinformierten, um dann dem Volk – der Begriff ist, wie sich zeigen wird, zentral für den Diskurs Endgames – zu attestieren, dass es, sofern es sich im Bestreben, sich gegen das „Machtsystem“ (Popp ebd.) zu erheben, gegen Journalistinnen wendet, damit durchaus die Richtigen trifft. Sowohl bei Popp als auch bei Strohm ist der Instinkt des Volks der eigentliche Quell der Erkenntnis, Wissenschaft und Journalismus erscheinen bestenfalls als nutzlos, tendenziell eher als propagandistisch und schädlich. Vor dem theoretischen Hintergrund vermag das kaum zu überraschen, sind doch eine freie Presse, die Schulmedizin und generell die moderne Wissenschaft sämtlich Ausdrücke des durch die Moderne stark beschleunigten sozialen Wandels.

2.3.1.2 Volk und Parasiten

Das Weltbild, aus dem der antiamerikanische Antisemitismus schöpft, betrachtet auf der ökonomischen Ebene den Zins als Wurzel allen Übels:

„Dieses Wirtschaftssystem mit Zins und Zinseszins führt uns immer tiefer in die Katastrophe. Die Probleme weltweit nehmen immer mehr zu, auf Grund eines kranken und kaputten Wirtschaftssystems, welches exponentielles Wachstum braucht, um zu überleben.“ (Schmidt, ebd.)

Entsprechend konstatieren antiamerikanische Antisemitinnen im Kapitalismus, den sie auf seine abstrakte Seite reduzieren, eine „Umverteilung von fleißig nach reich“ (Popp ebd.). Das vermeintlich betrogenen Kollektiv der ehrlich Arbeitenden, zu dem auch Industrielle gezählt werden, erscheint im Diskurs wiederum als Volk, wobei der Begriff hier durchaus nicht ethnisch verstanden wird. Diesem Volk wird eine kleine Minderheit gegenübergestellt, welche die hart arbeitende Mehrheit – eben das Volk – durch die Wirkungsweise des Zinses auspresse:

„Fast alle amerikanischen Präsidenten haben von der Verschwörung des Großkapitals, der Rothschilds, Rockefellers und Morgens gesprochen. Und dass das amerikanische Volk von ihnen geplündert werde.“ (Strohm, ebd.)

„Wir haben erkannt, dass auch das israelische Volk letztlich Opfer dieser Machenschaften ist. Es geht um die Drahtzieher, die diese Machenschaften aushecken.“ (Schmidt, ebd.)

Dieser völkische Antikapitalismus zielt auf Vernichtung, weil er die sozialen und ökologischen Verwerfungen, die der Kapitalismus produziert, an einer kleinen Personengruppe und deren Charaktereigenschaften festmacht und damit die Utopie einer von ökonomischer Ausbeutung befreiten Gesellschaft an die Vernichtung dieser Personengruppe bindet. Den ersten Schritt hin zur Vernichtung – nämlich die Entmenschlichung der zu Vernichtenden – macht Endgame im Diskurs selbst:

„Es geht um die Drahtzieher, die diese Machenschaften aushecken, die sich erdreisten, über uns Menschen zu herrschen, und denen es völlig egal ist, was mit uns Menschen ist, die unser Blut einfach vergießen, nur für ihre wirtschaftlichen Interessen, nur für ihre perversen Machtgelüste!“ (Schmidt ebd.)

Der diskursiv erzeugte Gegensatz zwischen den „Drahtzieher[n]“ und „uns Menschen“ lässt nur einen Schluss zu: Für Endgame-Redner Donatus Schmidt sind jene, die er für unser Unglück hält, keine Menschen. Auch Andreas Popp (ebd.), der sich positiv auf „alle Menschen“ bezieht, zugleich aber gegen „unproduktive Spekulanten“ agitiert, entmenschlicht in der Konsequenz letztere.

Zur theoretischen Rückversicherung muss geklärt werden, wie Zins, „Drahtzieher“ beziehungsweise „unproduktive Spekulanten“ und sozialer Wandel zusammenhängen. Auskunft hierzu gibt Samuel Salzborn (2010) in Antisemitismus als negative Leitidee der Moderne. Dort zeigt er, dass „in der antisemitischen Phantasie Juden zum Symbol für das Abstrakte als solches [werden].“ (ebd. S. 321) Das Abstrakte aber ist Erscheinung der Moderne, da Finanzmärkte und Börsen selbst, deren Handlungen im Diskurs die Antithese zur konkret-stofflichen Herstellung von Dingen bilden, Erscheinungen der Moderne sind und der antiamerikanischen Antisemitin damit als Auswüchse des als übermächtig und bedrohlich wahrgenommenen sozialen Wandels gelten.

2.3.1.3 Volk und Zersetzung

Kommt der antiamerikanische Antisemitismus für seine Analyse des Kapitalismus noch ohne rassistischen Volksbegriff aus, ändert sich dieses zügig, sobald er sich gegen die ebenso verhasste Globalisierung wendet. Hier reproduziert sich das Ressentiment als konstruierter Widerspruch zwischen „heimatgebundene[n], stolze[n] Völker[n] mit innerem Zusammenhalt“ (Popp ebd.) und Einflüssen, die diese zu zersetzen drohen: Konkret nennt Popp (ebd.) „McDonalds“, „Burger King“, „Hollywoodfilme, Fernsehserien und Popmusik“. Dass es überhaupt verschiedene Völker im rassistischen Sinne gebe, wird bei Endgame mit größter Selbstverständlichkeit proklamiert:

„Wir sind dagegen, dass sich ein Volk über andere Völker stellt, beziehungsweise eine Rasse sich über andere Rassen stellt!“ (Schmidt ebd.)

Wie alles, was der antiamerikanischen Antisemitin schlecht erscheint, werden auch besagte zersetzende Einflüsse als Böswilligkeit einer halluzinierten geheimen Elite gedeutet: „Das Machtsystem“ verfolge nämlich „die politische Strategie, alle Völker der Welt zu destabilisieren“. (Popp ebd.) Zu diesem Zweck würden die verschiedenen Völker absichtsvoll durchmischt und dadurch aufgelöst:

„Vermischt man […] die drei Malfarben rot, gelb und blau, ist das Ergebnis immer braun – und diese Farbe prägte lang genug einen Teil unserer Geschichte. Das Ziel ist offensichtlich: Auf allen Seiten werden ethnische Wurzeln verletzt, aus denen ein Widerstand gegen das tatsächlich menschenverachtende Machtsystem hervorgehen könnte. Heimatgebundene, stolze Völker mit innerem Zusammenhalt waren erfahrungsgemäß stärker bei der Verteidigung ihrer Lebensführung und Tradition, als es bei ethnisch zusammengewürfelten Menschen in heimatfremden Ländern der Fall ist.“ (Popp ebd.)

„Man möchte eine Regierung, ein Volk, eine Rasse, also im Grunde das, was Hitler schon wollte.“ (Strohm ebd.)

Indem gerade das, wogegen sich das Ressentiment richtet, in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wird, vollzieht sich die Verdrehung, die, wie sich zeigen wird, für die Geschichtsauffassung des antiamerikanischen Antisemitismus recht typisch ist. Zugleich verraten die dergestalt Verdrehenden, dass ihnen bewusst ist, dass sie mit ihrer Aversion gegen das „Multi-Kulti-Dogma“ und den „zentralistisch gesteuerten Globalisierungswahn“ (Popp ebd.) bei gleichzeitigem positiven Bezug auf „Tradition“, „Heimat“ (Popp ebd.), „Völker“ und „Rassen“ (Schmidt ebd.) selbst Gedankengut vertreten, dass der politischen – auch extremen – Rechten keineswegs fremd ist.

Dass auch hier die Verunsicherung durch die Moderne und den sozialen Wandel die tiefere Ursache ist, verrät Popp (ebd.), wenn er bei Pegida Überfremdungsängste und Volkstodphantasien auf folgende Weise einerseits konstatiert, aber auch rechtfertigt und offenbar auch teilt:

„Stellt man sich einmal irgendwo in einen öffentlichen Park, auf einen Spielplatz oder in eine belebte Einkaufsstraße, und realisiert bewusst den Anteil der ausländischen Mitbürger, dann ergibt ein Vergleich der gewonnen Eindrücke mit Erinnerungen von zum Beispiel vor 20 Jahren eine starke Reduktion des deutschen Anteils. Mit einer Überschlagsprognose für die nächsten 20 Jahre kann man recht einfach die Befürchtung vieler Deutscher nachvollziehen, als das Volk in die Geschichte einzugehen, dessen Regierungen sinkende Geburtenraten durch zunehmende Einwanderung auszugleichen versuchten.“

Der „deutsche Anteil“ sinkt also mit der Zeit, damit ist das als Bedrohung wahrgenommene Absinken desselben Teil des sozialen Wandels. Und da die Mobilität seit dem 19. Jahrhundert extrem zugenommen hat, ist auch die „zunehmende Einwanderung“ und damit die im Diskurs Endgames beschworene Vermischung der Völker im Weltbild des antiamerikanischen Antisemitismus an die Moderne gebunden.

2.3.1.4. Deutschland und die Westalliierten

Grundsätzlich versucht Endgame, an den Diskurs des marxistisch-leninistischen Antiimperialismus anzuknüpfen, der das Geschehen auf der Welt als Kampf zwischen dem US-Imperialismus und unterdrückten, um ihre Freiheit ringenden Völkern interpretiert (vgl. Haury 1998). Anders als in der traditionellen Linken allerdings rücken bei Endgame nicht nur Palästinenser und Iraner, sondern insbesondere die Deutschen als unterdrücktes Volk in den Mittelpunkt des Interesses:

„Freiheit für Palästina und für alle Völker! […] Freiheit für die Ukraine und für den Donbass! Freiheit für Russland! Freiheit für China und Uganda! Freiheit für Afghanistan, für den Irak! Für Palästina selbstverständlich. Und selbstverständlich für Deutschland, dass man endlich wieder vernünftig und normal seine Meinung äußern kann, ohne in irgendwelche Schubladen gesteckt zu werden!“ (Afane ebd.)

Diese Neuinterpretation des Antiimperialismus ermöglicht einen revisionistischen Blick auf die Zeit des Nationalsozialismus, auf die seiner Entstehung, und auch auf die nach 1945. So behauptet die Bandbreite (2014), eine sich in ihrer Selbstwahrnehmung als antifaschistisch definierende Politband (vgl. Geppert 2015), die für Endgame mobilisiert (vgl. Die Bandbreite 2015a) und auf den entsprechenden Demonstrationen auftritt (vgl. Die Bandbreite 2015b), dass es „ohne Großbritannien“, d.h. ohne britische Einflussnahme „keine Nazis“ in Deutschland gegeben hätte. Ferner hätte Hollywood, das heute fortwährend „den deutschen Schuldkomplex“ aufrecht erhalte, die Shoa in den 40er Jahren absichtlich ignoriert. Auch amerikanische Einflüsse hätten „das Monster [gefüttert]“, amerikanische Bomber entsprechend die Vernichtungslager geschont. Fazit, im Che Guevara Shirt vorgetragen:

„Weil seit jeher die Sieger die Geschichte schreiben, übersieht man schon mal gern bedeutungsvolle Kleinigkeiten. (…) Jetzt sollen wir dankbar sein, den Doktor Frankensteins, die dieses Monster schufen, um uns dann davon zu befreien.“ (Die Bandbreite 2014)

Der Nationalsozialismus erscheint also als diabolischer Plan, geschmiedet, um anschließend das deutsche Volk unterdrücken zu können – einerseits durch eine imaginierte moralische Gängelung, aber eben auch ganz konkret als Besatzungsmacht. Strohm (ebd.) behauptet in diesem Zusammenhang: „Wir sind nicht befreit worden, sondern wir sind versklavt worden.“ Und Schmidt (ebd.) bekennt:

„Wir sind für eine Befreiung Deutschlands, wir sind für ein souveränes Deutschland, damit wir endlich frei unsere Entscheidungen als Volk treffen können, und zwar Entscheidungen, die für uns gut sind, für unser Volk gut sind. Was wir augenblicklich erleben, ist eine sogenannte Bundesregierung, welche ja lediglich eine Verwaltungsorganisation der Besatzungsmächte ist. Wir erleben, wie unsere Besatzungsmacht vorschreibt, Entscheidungen zu treffen, die nicht gut sind für unser Volk, die schädlich für unser Volk sind.“

Diese Aversion gegen die politische Elite, die in der Logik des antiamerikanischen Antisemitismus das deutsche Volk dem schädlichen und zersetzenden Einfluss der Globalisierung, des Kapitalismus und anderer vermeintlicher Auswüchse der Moderne aussetzt, manifestiert sich bei Strohm (ebd.) als ungeschminkte Judenfeindschaft:

„Angela Merkel, die ja selber Jüdin ist, wie zuvor ganz viele Politiker, Helmut Kohl, oder aber Joschka Fischer, oder wir können jetzt durchmarschieren, ich könnte hier für eine halbe Stunde… Alle die, die wirklich Macht haben in Deutschland. Nun könnte man sagen: ‘Das spielt doch keine Rolle.’ Ja doch, schon, weil die Juden uns Deutsche als Feinde sehen.“

Im Diskurs Endgames gilt die Ablehnung also nicht der deutschen Regierung als deutsche Regierung, sondern gilt derselben gerade als undeutsche, gar antideutsche, zugespitzt: jüdische Regierung. Sie erscheint als Teil des übermächtigen Akteurs, gegen den die Verschwörungsideologin ihrem Selbstverständnis nach ankämpft, und in der antiimperialistischen Logik als Statthalterin Amerikas. Sie repräsentiere nicht das deutsche Volk, sondern sei vielmehr zentral an seiner Unterdrückung beteiligt. Entsprechend erklärt Endgame-Redner Konstantin Stößel (2015):

„Es wird langsam Zeit, dass dieses Land hier aufwacht!“

Die Deutschen, die als unterdrückt und gegängelt, als die eigentlichen Opfer erscheinen, werden also letztlich dazu aufgerufen, das durch den Engame-Diskurs selbst konstruierte Joch abzuschütteln. Dass bei einem solchen „Aufst[a]nd“ (Strohm ebd.) Gewalt gegen vermeintliche Vertreterinnen des „Machtsystems“ (Popp ebd.), beispielsweise Journalisten, durchaus denkbar scheint, wurde bereits bei der Analyse des Verhältnisses Endgames zur Aufklärung und bei der des vernichtungsorientierten Antikapitalismus gezeigt.

2.3.1.5. Deutschland und der Schatten der Vergangenheit

Der Diskurs, den Endgame um Israel führt, kann als Lehrstück des sekundären (vgl. Gessler 2006), israelbezogenen Antisemitismus gelten. Der jüdische Staat wird fortwährend mit Vokabeln belegt, die ihn nicht nur dämonisieren und delegitimieren, sondern die im öffentlichen Diskurs der BRD auch notwendigerweise mit der Shoa verknüpft sind: Afane (ebd.), der von einem „Genozid an [seinem] Volk […] in Gaza“ zu berichten weiß, gilt Zionismus als „Faschismus“, Schmidt (ebd.) will „in Israel“ einen „Völkermord“ ausgemacht haben, und Strohm (ebd.) sieht bei „harten Zionisten“ Ambitionen, „Groß-Israel“ zu errichten. Ferner zitiert er zustimmend den „vorherige[n] Papst“, der angeblich den Gaza-Streifen als „Warschauer Ghetto“ bezeichnet hätte. Von hier leitet er dann mit folgender Bemerkung zur oben zitierten, offen judenfeindlichen Passage über:

„Und die Tragik ist darin, dass das Unrecht, was man den Juden angetan hat […], das tun nun die Israelis den Arabern an.“ (Strohm ebd.)

Damit aber wird die – ansonsten auch nicht unbedingt glaubwürdige – strikte Trennung zwischen Judentum und Zionismus, zwischen Juden und Israelis (vgl. Afane ebd.) im Endgame-Diskurs selbst aufgehoben. Indem nun die Opfer von einst im Diskurs als Täter von heute erscheinen, wird das Kollektiv, dem sich die große Mehrheit der Endgame-Anhänger selbst zurechnet, nämlich das – in einem biologischen Sinn interpretierte – deutsche Volk, entlastet. Entsprechend erklärt Popp (2013):

„Wir werden zum Beispiel in bestimmten Sendern immer wieder an unsere dunkle Vergangenheit erinnert, und das permanent, und das gebetsmühlenartig, und ich glaube, die Meisten können es einfach kaum noch ertragen. […] Wenn die Leute zum Beispiel zu mir sagen: ‘Willst du die Deutschen reinwaschen?’, dann sage ich: ‘Nein, aber ich will den Dreck ein bisschen gleichmäßiger verteilen.’“

Weitere Entlastung bringen unpassende Holocaust-Gleichsetzungen, die in der Konsequenz stets auf eine Verharmlosung der tatsächlichen Shoa hinauslaufen:

„DAMIT MUSS SCHLUSS SEIN! KEINE TIER KZs MEHR!“ (Pegada 2015d)

Grundsätzlich gilt, dass Bezüge zum NS-Faschismus bei Endgame ausschließlich in Zusammenhang mit jenen „ähnlichen Vorstellungen“ (Beyer ebd.) auftauchen, gegen die sich der antiamerikanische Antisemitismus als Ressentiment richtet und die ihn konstituieren, d.h. in Zusammenhang mit den angelsächsischen Nationen, insbesondere den USA, mit Israel und dem Zionismus, mit der Globalisierung, und – im letzten Fall – mit Konsum und Streben nach menschlichem Glück, die Popp (2015) wiederum als Zeichen modernistischen Verfalls gelten:

„Erkennt man neben der gezeichneten Gefahr eines zunehmenden Islamismus nicht die gewaltige Zunahme der Geldmacht, des Egoismus und des Materialismus?“

Bezeichnender Weise nennt er hier von drei Items, von deren Ablehnung Beyer (vgl. ebd.: S. 109) auf verdrängte hedonistische Selbstanteile schließt, immerhin zwei – Egoismus und Materialismus – wörtlich.

Die Konsequenz, mit der nationalsozialistisches Gedankengut – ohne ernsthafte Begründung – den Siegern und Opfern von einst zugeschrieben wird, während das – biologisch verstandene – deutsche Volk fortwährend entlastet wird, zielt eindeutig auf Revision der Geschichte. Das dritte Reich muss verleugnet werden, damit ein viertes möglich wird.

2.3.2. Versuch der Dekonstruktion: Dem Ressentiment entgegentreten

Vor dem theoretischen Hintergrund erscheinen die unter 2.3.1.1., 2.3.1.2. und 2..3.1.3. behandelten Aspekte als Elemente des dem antiamerikanischen Antisemitismus zu Grunde liegenden Weltbilds, die sich jeder Zeit als Judenfeindschaft oder Feindschaft gegen die USA manifestieren können, aber nicht notwendigerweise in jeder Situation müssen, während es sich bei den unter 2.3.1.4. und 2.3.1.5. abgehandelten Punkten bereits um konkrete Ausformungen des Ressentiments handelt. Für die Dekonstruktion sind also vor allem die oben genannten drei Abschnitte entscheidend – um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, wird dabei der Punkt Aufklärung und gesundes Volksempfinden außer Acht gelassen.

2.3.2.1. Zur Kritik des regressiven Antikapitalismus: Warum weder Zinsen noch parasitäre Finanzspekulanten unser Unglück sind

Wie oben gezeigt, richtet sich der Antikapitalismus Endgames gegen den Zins und seine vermeintlichen Nutznießer. Als Gegenmodell bieten Rico Albrecht und Andreas Popp (2011) in ihrem Plan B, auf den sich auch Schmidt (vgl. ebd.) positiv bezieht, „fließendes Geld“ (S. 7) an. Dieses würde – anders als heute – nicht mehr verliehen, weil die Verleihende den Zins erhält, sondern weil gehortetes, „der Realökonomie“ (S. 8) vorenthaltenes Geld mit einer Strafgebühr belegt wäre. Mit der Abschaffung des Zinses wäre dann der „Kapitalismus“ (Popp 2015) selbst abgeschafft, das „Machtsystem“ (Popp ebd.) gestürzt und die „Umverteilung von fleißig nach reich“ (Popp ebd.) gestoppt, während „innovative Unternehmer“ gemeinsam mit dem „Staat (also [uns] alle[n]!)“ (Albrecht/Popp 2011: S. 9) für blühende Landschaften sorgen würden.

Gegen diese Art der „Vulgärökonomie“ (S. 405) hat ein gewisser Karl Marx (1983) schon im vorletzten Jahrhundert Stellung bezogen. Für ihn war der Zins unter kapitalistischen Bedingungen ebenso notwendig wie selbstverständlich, und die schon seinerzeit allgegenwärtige Aversion gegen denselben Ausdruck eines notwendig falschen Bewusstseins:

„Wie bei der Arbeitskraft wird der Gebrauchswert des Geldes hier der, Wert zu schaffen, größren Wert, als der in ihm selbst enthalten ist. Das Geld als solches ist bereits potentiell sich verwertender Wert und wird als solcher verliehen, was die Form des Verkaufens für diese eigentümliche Ware ist. Es wird ganz so Eigenschaft des Geldes, Wert zu schaffen, Zins abzuwerfen, wie die eines Birnbaums, Birnen zu tragen. Und als solches zinstragendes Ding verkauft der Geldverleiher sein Geld. Damit nicht genug. Das wirklich fungierende Kapital, wie gesehn, stellt sich selbst so dar, daß es den Zins nicht als fungierendes Kapital, sondern als Kapital an sich, als Geldkapital abwirft.“ (Marx ebd.: S. 405)

Dieses Trugbild, das das zinstragende Kapital, welches ja Gegenstand der Aversion im Diskurs Endgames ist, nicht als fungierendes Kapital und damit als Teil der im Plan B lobend erwähnten „Realökonomie“ (Albrech/Popp ebd.: S. 8) erscheinen lässt, sondern eben als Kapital an sich, verschleiere, so Marx (ebd.: S. 405) die tatsächliche Quelle des Zinses:

„Während der Zins nur ein Teil des Profits ist, d.h. des Mehrwerts, den der fungierende Kapitalist dem Arbeiter auspreßt, erscheint jetzt umgekehrt der Zins als die eigentliche Frucht des Kapitals, als das Ursprüngliche, und der Profit, nun in die Form des Unternehmergewinns verwandelt, als bloßes im Reproduktionsprozeß hinzukommendes Accessorium und Zutat.“

Die Ideologen im Umfeld Endgames betreiben also in der Tat „Kapitalmystifikation in der grellsten Form“ (Marx ebd.: S. 405) – nicht nur, um mit der „Macht des Finanzsystems“ (Popp ebd.) ein opportunes, mit ihren sonstigen Ressentiments nicht gerade inkompatibles Hassobjekt (vgl. Kurz 1995) zu erhalten , sondern auch, um die als natürlich, konkret, vernünftig und wohl irgendwie auch deutsch halluzinierten Aspekte der warenproduzierenden Gesellschaft – eben die bereits erwähnte „Realökonomie“ samt „innovative[r] Unternehmer“ (Albrecht/Popp ebd.: S. 8) – aus der Kritik auszuklammern, unter anderem dadurch, dass der durchwachsen konnotierte Begriff Kapitalismus bei ihnen der verhassten Zirkulationssphäre vorbehalten bleibt. Eine solche Position aber kann sich nicht antikapitalistisch rühmen, noch kann sie irgendeinen Beitrag zu einer befreiten oder wenigstens freieren Gesellschaft leisten. Denn selbst, wenn sich „[d]ie schwache Utopie des Geldes, das kein Geld mehr sein soll“ (Kurz ebd.) in einer ansonsten weiterhin kapitalistischen Gesellschaft verwirklichen ließe, änderte das rein gar nichts daran, dass

„wir in einer Gesellschaft leben, in der nicht die Bedürfnisse von Menschen den Grund zur Produktion liefern, sondern […] das Streben nach der Verwertung von Kapital. Nicht, weil Menschen Schutz vor der Natur brauchen, werden Wohnungen gebaut, sondern schlicht und einfach weil sich damit Geld verdienen lässt. Nicht, weil Menschen Hunger haben, wird Essen hergestellt, sondern weil die Produktion von Lebensmitteln profitabel ist.“ (Grigat 2013)

Auch das Prinzip kapitalistischer Konkurrenz, das, indem es sämtliche Marktteilnehmer anhält, ohne Rücksicht auf Mensch oder Natur die Verwertung des Werts voranzutreiben, für eine andauernde soziale und ökologische Misere verantwortlich ist (vgl. Kurz ebd.), soll unangetastet bleiben. Es zeigt sich also, dass der Antikapitalismus Endgames umgekehrt gerade die größtmögliche Affirmation eben dieses Kapitalismus darstellt, dabei gegen den Popanz finsterer Mächte und würgender Zinsschlingen ficht, wodurch das Wesen des Kapitalismus vollkommen unkenntlich wird, und es obendrein fertig bekommt, gesellschaftspolitisch noch hinter diesen zurückzufallen. Denn wie alle Aspekte des Weltbilds, aus dem der antiamerikanische Antisemitismus schöpft, ist auch das Ressentiment gegen den Zins letztlich ein Ressentiment gegen die Moderne und damit – im klassischen Sinne – reaktionär. Entsprechend urteilt Kurz (ebd.) über den Plan B und andere, „auf Silvio Gesells Ideen basierende“ (vgl. Albrech/Popp ebd.: S. 9) Ökonomieentwürfe, wenngleich nicht unbedingt sachlich, so doch zumindest zutreffend:

„Wenn diese Absurdität überhaupt einen sozialökonomischen Sinn macht, dann ist es der einer ebenso peinlichen wie offenkundigen »kleinbürgerlichen« Ideologie im klassischen Sinne. In der Tat kann man sich hinter der gesellianischen Geldutopie bestenfalls einen idealtypischen Kleinproduzenten vorstellen, dem die Mächte der kapitalistischen Verwissenschaftlichung fremd bzw. eher unheimlich sind und der sich an der »ehrlichen Arbeit« in seiner jämmerlichen Klitsche für einen »ehrlichen Markt« und für ein »gutes Geld« festklammert, um von den Widersprüchen, Krisen und Katastrophen einer hochrationalisierten und globalisierten Warenproduktion verschont zu bleiben. Dieser bornierte ökonomische Idiot, der natürlich nichts anderes verdient, als von der Marktwirtschaft (seiner angebeteten Idealbraut) in ihrer scheußlichen Realgestalt aufgefressen zu werden, ist eigentlich schon ein Anachronismus.“

2.3.2.2. Zur Kritik des autoritären Kollektivismus: Warum das biologistisch verstandene Volk eine menschenverachtende Kategorie ist

Zunächst bleibt festzuhalten, dass es sich beim biologistischen Volksbegriff im besten Sinn des Wortes um ein Konstrukt handelt: Das – zum Beispiel deutsche – Volk existiert wirklich, sofern die Konstruktion desselben in der Bevölkerung wirkmächtig ist, es zerfällt in Individuen, sobald dies nicht mehr der Fall ist. Dass seine Apologeten ihn seit jeher als etwas Natürliches anpreisen, kann nicht darüber hinweg täuschen, dass der irrationale Zusammenhang zwischen den Mitgliedern eines solchen Volks in der Tat künstlich geschaffen wurde: Nämlich durch die eigene, rassistische Propaganda eben jener Apologeten.

Repressiv ist diese Propaganda im Diskurs Endgames in gleich zweifachem Sinn: Einerseits gegen jene Migranten, die dazu gehören wollten, die aber, so sehr Popp (ebd.) beteuert, mit ihnen „freundschaftlich verbunden“ zu sein, letztlich als Fremdkörper wahrgenommen werden, als Agenten des „Machtsystems“, deren geheime Mission in der „Reduzierung des deutschen Anteils“ und damit in der Zersetzung des deutschen Volks besteht. So wenig Migranten für die vermeintliche Überfremdung der BRD verantwortlich gemacht werden, so wenig können sie aus dieser Perspektive jemals vorbehaltlos freundlich empfangen und als Bereicherung wahrgenommen werden. Zum anderen richtet sich der autoritäre Kollektivismus Endgames gegen jene Deutschen, die gar keine sind, weil sie sich mit den verschiedenen Vorstellungen dessen, was deutsch sei, nicht identifizieren, „Heimat“ und „Tradition“ (Popp ebd.) als Werte nicht anerkennen und auch von „innerem Zusammenhalt“ (Popp ebd.), der ja unter anderem auch Zusammenhalt mit den Protagonistinnen von Endgame bedeutete, nichts wissen wollen. Ob sie im Diskurs nun als Deutsche dem Volk zwangsweise einverleibt werden (vgl. Geppert ebd.) oder – wie die Bundeskanzlerin (vgl. Strohm ebd.) – als undeutsches Element die Antithese zu eben jener völkischen Gemeinschaft der Deutschen bilden (vgl. Endgame 2015b): Eines ist bei Endgame für das Individuum jedenfalls nicht vorgesehen, nämlich radikal anders zu denken und trotzdem Teil dieser Gesellschaft zu sein, weil die simple Dichotomie von „Volk“ und „Machtsystem“ (Popp ebd.) keine Zwischentöne zulässt. Während Afane (ebd.) also „Freiheit“ für „alle Völker […] [u]nd selbstverständlich [auch] für Deutschland“ fordert, besiegelt Popp (ebd.) die Unfreiheit des Individuums unter Zuhilfenahme einer religiösen Formel:

„Unser Ziel muss es sein, auf der gesamten Erde menschen- und naturwürdige Grundlagen vorzufinden, damit jeder in der eigenen Heimat ein angemessenes Leben planen und umsetzen kann. Der zentralistisch gesteuerte Globalisierungswahn aber verursacht exakt das Gegenteil. Wie heißt es im fünften Buch Moses […]? ‘Du sollst deines Nächsten Grenze nicht zurücktreiben, die die Vorfahren gesetzt haben in deinen Erbteil, dass du erbtest in dem Lande, das dir der Herr, dein Gott, gegeben hat, einzunehmen.’“

Letztlich ist die Frage, ob das Individuum im Mittelpunkt steht oder doch eines der es versklavenden Kollektive, eine Wertentscheidung, nichts, was mit logischen und sachlichen Argumenten noch geklärt werden könnte. Es gibt viele Stimmen für eine individualistische und humanistische Sichtweise, deren Werturteile dem Endgames an dieser Stelle entgegengehalten werden könnten. Eines davon hat Kurt Tucholskys (1930) formuliert, drei Jahre vor der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler:

„Und wenn alles vorüber ist –; wenn sich das alles totgelaufen hat: der Hordenwahnsinn, die Wonne, in Massen aufzutreten, in Massen zu brüllen und in Gruppen Fahnen zu schwenken, wenn diese Zeitkrankheit vergangen ist, die die niedrigen Eigenschaften des Menschen zu guten umlügt; wenn die Leute zwar nicht klüger, aber müde geworden sind; wenn alle Kämpfe um den Faschismus ausgekämpft und wenn die letzten freiheitlichen Emigranten dahingeschieden sind–: dann wird es eines Tages wieder sehr modern werden, liberal zu sein. Dann wird einer kommen, der wird eine gradezu donnernde Entdeckung machen: er wird den Einzelmenschen entdecken. Er wird sagen: Es gibt einen Organismus, Mensch geheißen, und auf den kommt es an. Und ob der glücklich ist, das ist die Frage. Daß der frei ist, das ist das Ziel. Gruppen sind etwas Sekundäres – der Staat ist etwas Sekundäres. Es kommt nicht darauf an, dass der Staat lebe – es kommt darauf an, dass der Mensch lebe. Dieser Mann, der so spricht, wird eine große Wirkung hervorrufen. Die Leute werden seiner These zujubeln und werden sagen: »Das ist ja ganz neu! Welch ein Mut! Das haben wir noch nie gehört! Eine neue Epoche der Menschheit bricht an! Welch ein Genie haben wir unter uns! Auf, auf! Die neue Lehre –!« […] Und dann wird sich das auswirken, und hunderttausend schwarzer, brauner und roter Hemden werden in die Ecke fliegen und auf den Misthaufen. […] Und das wird dann so gehen, bis eines Tages…“

3. Fazit

Bei Endgame handelt es sich um eine – wie der Name vermuten lassen würde – antiamerikanische Bewegung. Es handelt sich aber ebenso auch um eine antisemitische Bewegung, nicht nur, weil sie Israel, also den jüdischen Staat, dämonisiert und delegitimiert, nicht nur, weil sie die Geschichte des Nationalsozialismus revidiert, noch nicht einmal primär deshalb, weil sie in mindesten einem Fall offene Judenfeindschaft positiv rezipiert und weiterverbreitet hat, sondern vor allem, weil die gesamte, bei Endgame vorherrschende Weltanschauung ressentimenthaft gegen die Moderne gerichtet ist und somit die handfeste Manifestation als Feindschaft gegen die Vereinigten Staaten von Amerika, Israel oder Juden bereits im Kern in sich trägt. Ob, wann und wie diese Manifestation stattfindet, reduziert sich auf eine bloße Frage politischer Taktik, insofern muss man Holger Strohm für seine Offenheit beinahe – aber nur beinahe – dankbar sein. Diese ressentimenthaft antimoderne Weltanschauung, die in dieser Arbeit im Zusammenhang mit Endgame als antiamerikanischer Antisemitismus bezeichnet wird, konstituiert sich durch verschiedene Gegensatzpaare, deren Analyse in einer Arbeit diesen Umfangs notwendigerweise unzulänglich bleiben muss: Positive Bezüge sind, wie gezeigt wurde, das Volk, sowohl in seiner biologistisch-rassistischen Bedeutung, die gegen die Globalisierung mobilisiert wird, als auch – gegen den Kapitalismus gerichtet – als Kollektiv der ehrlich Arbeitenden, die Nation im Generellen als Antithese zum wurzellosen Internationalismus und Deutschland im Besonderen als positiver Bezugspunkt gegenüber den verhassten „heimatfremden Ländern“ (Popp ebd.) Israel und USA, und der Instinkt, der gegen Journalismus und Wissenschaft, ergo gegen die Aufklärung in Anschlag gebracht wird. Weitere konstruierte Antithesen, die teilweise schon anklangen und in weiteren Analysen herauszuarbeiten wären, verlaufen zwischen dem Natürlichen und dem Künstlichen, zwischen moralischer Enthaltsamkeit und egoistischem Streben nach Glück und Selbsterfüllung, zwischen dem Gesunden und dem Kranken, und, insbesondere im Bereich des Ökonomischen, zwischen Konkretum und Abstraktum. Auf den letzten Punkt wurde bei der Dekonstruktion des Kapitalismusbegriffs Endgames bereits teilweise eingegangen. Unter anderem dabei zeigte sich, dass Endgame sämtliche Kategorien der Unfreiheit affirmiert: Von der kapitalistischen Tretmühle über die Zwangskollektive Volk und Nation bis hin zu Kants selbstverschuldeter Unmündigkeit, wobei sich die Unmündigen noch mit einigem Stolz selbst als „erwacht“ (Immhof 2015) ausweisen. Während diese Arbeit von vorne herein nicht neutral angelegt war, was in der Auseinandersetzung mit einem politischen Akteur, in dessen Dunstkreis offen gegen „die Juden“ (Strohm ebd.) agitiert wird, auch nicht angemessen wäre, zeigt sich in der Konfrontation mit den oben genannten, normativen Grundpositionen ein Grundproblem wissenschaftlichen Arbeitens: Es gibt keine wissenschaftliche Methode, mit der gezeigt werden könnte, dass das biologisch aufgefasste Volk als Vorstellung abzulehnen sei. Formallogisch gesehen sind völkischer Nationalismus und Humanismus als normative Behauptungen gleichwertig. Es ergibt sich also das Dilemma, menschenverachtende Grundpositionen und Wertentscheidungen entweder unwidersprochen zu lassen, was gesellschaftlich verantwortungslos wäre, oder aber gegen diese eigene Grundpositionen und Wertentscheidungen vorzubringen, was notwendigerweise die Wissenschaftlichkeit einer Arbeit negativ beeinträchtigt. Aufgrund der Aktualität des Themas wurde in dieser Arbeit letzteres in Kauf genommen.

 

 

Quellenverzeichnis:

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Audio: Antiba – der Barbarei entgegentreten! Über Antifaschismus in Zeiten von Djihadismus und Pegida April 13, 2015 | 08:22 pm

Vortrag von Lothar Galow-Bergemann

gehalten am 30. März 2015 in Hamburg

 

2014 explodierten Dumpfbackentum, Ressentiment und Barbarei: Antisemitische Massenaufmärsche verlangten „Tod den Juden!“ – Nazis, Islamisten und Linksreaktionäre marschierten vereint im Hass gegen den jüdischen Staat und in Solidarität mit seinen Todfeinden – Djihadisten drohten Andersgläubigen mit Macheten in der Hand, sie „hier genauso zu töten wie im Irak“ – Rechtsreaktionäre erzielten erschreckende Wahlerfolge und mit Pegida, Hogesa &Co mobilisierte ein rassistischer Mob gegen MuslimInnen und Flüchtlinge. Zu Beginn des neuen Jahres machten die djihadistischen Mordanschläge in Paris und Kopenhagen auf ein atheistisches Satiremagazin, eine Diskussionsveranstaltung zur Meinungsfreiheit, einen jüdischen Supermarkt und eine Synagoge klar: der Wahnsinn geht weiter.
Antifa, das ist ihr unschätzbares Verdienst, will in Zeiten, in denen leider keine Aussicht besteht, die Verhältnisse grundsätzlich zum Tanzen zu bringen, wenigstens den allerschlimmsten und barbarischsten Kräften in den Weg treten. So wichtig es bleibt, sich offenen Nazis entgegenzustellen – es liegt auf der Hand, dass der Kampf gegen sie allein nicht mehr ausreicht. Stiefel- und Nadelstreifennazis verbindet trotz des äußerlichen Gegensatzes im Kern eine enge Seelenverwandtschaft mit den Djihadisten. Wer um ein Minimum an Menschenwürde und um  Mindestvoraussetzungen für eine irgendwann vielleicht doch noch gelingende Emanzipation kämpfen will, muss sich der anschwellenden Front der Barbarei in all ihren Facetten entgegenstellen.
Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder “Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Ist die Rede von „dem“ Islam zutreffend, der im Gegensatz zu „dem“ Christentum Humanität und Säkularität ausschließe?
Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung aus moslemhassenden Sarrazindeutschen, tatsachenresistenten Linken, Nazis und Djihadisten zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?
Der Referent schreibt u.a. für Jungle World, Konkret & auf emmaundfritz.de