tag ‘Anderes’
Die Leistung der Menschen January 30, 2014 | 11:45 pm

Verteilungspolitik ist super. Denn eigentlich gibt es die ja gar nicht, eigentlich bekommt ja jeder das, was er erwirtschaftet, verdient, erarbeitet. Jetzt hat Arbeitsministerin Andrea Nahles, die beste Politikerin der Welt, ihr frisches Rentenpaket so begründet:

“Wir wollen deutlich machen, dass wir die Leistung der Menschen anerkennen: die Erziehungsleistung und die Arbeitsleistung von Menschen, die hart gearbeitet haben.”

Wir notieren: Für die Menschen ist es wichtig, dass die verteilenden Instanzen ihre Leistung anerkennen. Denn sonst gibt es nichts zu fressen.

Eintracht Braunschweig stellt neue Stadionordnung vor September 27, 2013 | 11:27 pm

Wie der Verein heute mitteilte, ändert sich bei Eintracht Braunschweig die Stadionordnung. In Zukunft werden nur noch Menschen eingelassen, die, so die neue Regelung, “überzeugte Faschisten, degenerierte Idioten und vorbestrafte Gewalttäter” sind. Mit dieser Maßnahme soll das “Braunschweiger Kernpublikum” vor der andauernden Diskriminierung durch linke Chaoten geschützt werden. “Wir waren hier zum Handeln gezwungen”, so ein Vereinsvertreter im Gespräch, “weil zum Beispiel die Stadionordnung in Mönchengladbach verbietet, unliebsame Linke einfach aus dem Stadion zu prügeln. Wir haben uns deshalb entschieden, die Sache selbst zu regeln. Auf die Frage, wer in Zukunft das Bild von Eintracht Braunschweig in der Öffentlichkeit prägen wird, sagte er kurz und knapp: “Fette Schweine!”

Mit den Einlasskontrollen erwartet der Verein keine Probleme. Man werde jetzt wieder einmal davon profitieren, dass der dafür zuständige Sicherheitsdienst seit Jahren von gewalttätigen Neonazis gestellt wird. Wer am Eingang nicht gleich als fettes Schwein oder alter Kamerad zu identifizieren sei, könne sich mit einem strammen Hitler-Gruß den Weg ins Stadion freimachen.

“Unsere Vereinsphilosophie ist auf eine gesunde Fankultur ohne Gewalt, ohne Rechtsextremismus und ohne Rassismus ausgerichtet” heißt es in der Erklärung des Vereins. “Und wenn die Linken weg sind, brauchen wir auch keine Gewalt mehr. Wenn dann nur noch Nazis ins Eintracht-Stadion kommen, kann auch von Extremismus keine Rede mehr sein. Hier im Zonenrandgebiet sind und bleiben wir ein Verein der Mitte.” Vertreter der örtlichen Faschistenverbände begrüßten die Erklärung: “Für eine ‘gesunde Kultur’ war ja auch der Führer schon” grunzte ein dicker Masteber aus Salzgitter.

Solidarität mit Claudia Roth! September 26, 2013 | 12:33 am

Was haben Avigdor Lieberman und Claudia Roth gemeinsam? Beide werden von blöden Arschlöchern angefeindet und haben unabhängig von ihren politischen Positionen unsere Solidarität verdient. Leute, die mit der Aufteilung der Welt in Nationalstaaten kein Problem haben, hassen Lieberman, weil er ein nationalistischer Jude ist. Und Leute, die Wolfgang Kubicki für einen echten Typen halten und Jürgen Trittin ohne Schmerzen zuhören können, hassen Claudia Roth, weil sie eine einflussreiche Frau ist. Dabei darf Claudia Roth denselben Schrott reden wie ihre Berufskollegen, sie darf sich bunt anziehen, wenn sie Lust dazu hat, und sie darf genauso Politik für Deutschland machen und Diktatorenhände schütteln wie jeder andere deutsche Politiker.

Andere entscheiden. September 20, 2013 | 08:19 pm

Wenn man unsere Aufmerksamkeit für ein schönes Produkt oder eine tolle Dienstleistung haben möchte, schmeichelt man uns. So kennen wir das, so ist das nett. Leider halten sich gerade in diesem Monat viele Menschen nicht daran. Bekanntlich wird in diesen Tagen mit großem Aufwand die Bundestagswahl vermarktet, und ihre Vertreter sind sehr, sehr überzeugt von ihrem Produkt. Wer sich nicht zum Mitmachen entschließen kann, wird verachtet. Mit Kritik hat das wenig zu tun, es herrscht echte Empörung darüber, dass da jemand vom Kreuzchenmachen nicht begeistert ist. Auch positive Argumente für den Urnengang gibt es wenig. Das liegt an den Wahlen selber: Eine Tafel Schokolade kann viel Freude machen, das kann man den Leuten versprechen, eine einzelne Stimme bei einer Bundestagswahl aber ist offensichtlich wertlos. Deshalb kann man die Leuten schlecht damit locken, dass ihr Sonntagsspaziergang ihnen dies oder das einbringen würde. Man muss deshalb umgekehrt behaupten, dass es ohne diese Stimme wirklich ganz schlimm kommen wird.

Dabei ist auch beim Nichtwählen offensichtlich, dass es keinerlei Effekt hat, man kann das ja hinterher nachrechnen, was die eigene Stimme hier oder da gebracht hätte. (Kürzlich las ich, dass in Niedersachsen etwa 340 Stimmen den Unterschied gemacht hätten, und dass man angesichts dieser Zahl jawohl nicht behaupten könne, die eigene Stimme sei wertlos. Dabei zeigt das Beispiel genau das: Es fehlte ja nicht nur eine, sondern über 300 Stimmen.) Weil der Einzelne in diesen Wahlen objektiv machtlos ist, er aber doch die Masse bildet, von deren Beteiligung der Erfolg der Sache abhängt, muss der Parlamentsfreund einen Umweg argumentieren: Wenn das alle machen würden! Was wäre denn dann? Das Argument ist ungefähr so gut wie sein Gegenstück: Ja, und wenn so wie du alle die CDU wählen würden? Einparteienstaat! Diktatur!

Anstatt aber das eigene Verhalten als potenziell viel gefährlicher anzuerkennen, wird Nichtwählern auch noch die Geschichte angekreidet: Früher hatte man kein Wahlrecht, willst du das zurück? Na immerhin gab es vor dem allgemeinen Wahlrecht auch keinen Nationalsozialismus und keine industriell geführten Kriege, aber anstatt das anzuerkennen, stilisiert der gewöhnliche Demokrat sich noch zum Antifaschisten, der in einem komplizierten Rechenprozess der NPD richtig einen auswischt.

Richtig drollig wurde es heute in einem Wahlaufruf vom für mich bis heute einzig gültigem Kanzler Helmut Kohl und seinem Nachfolger Gerhard Schröder. Dort heißt es: “Wer nicht wählt, lässt andere entscheiden!“ Wie bitte? Ist es nicht im Gegenteil das Kennzeichen des Systems, für das die beiden Statesmen werben, dass man andere für sich entscheiden lässt? Und hat das nicht eigentlich ein paar Vorzüge, für die die Herren aktiv werben könnten? Stattdessen ergänzt Schröder seinen autoritären Quatsch: “Wählen ist wichtig, weil nur so Veränderung möglich ist.” Heißt: Bitte versuchen Sie nicht selbst, die Welt zu verändern, es bringt nichts, setzen Sie Ihr Kreuz bei uns, entscheiden Sie sich für das, was wir ohnehin machen.

Im deutschen demokratischen Chauvinismus bildet man sich viel darauf ein, die “gelenkte Demokratie” in Moskau entdeckt und kritisiert zu haben. Doch was man als pluralistischen Wettstreit der Konzepte verkauft, ist längst für jeden sichtbar zur Farce geworden. Sich über Wahlplakate lustig zu machen, ist unmöglich geworden, weil ihre völlige Inhaltsleere längst akzeptiert ist. Und doch hängt der Ausgang der Wahl davon ab, wer den schöneren Spot macht, wer die besseren Satzbausteine parat hat und wer am effektivsten die aufgestellten Fettnäpfchen umgeht.

Während in Griechenland die Suizidrate steigt, interessiert man sich hier für den Veggie-Day und die Pädophilen von vor 30 Jahren. (Wie dumm von den Grünen damals, über etwas zu reden, was andere im Verborgenen und bis heute ungestraft einfach gemacht haben.) Inzwischen sind sich natürlich auch in diesen Dingen alle einig: Die CDU hat doch auch einen fleischfreien Tag in der Mensa, die Grünen lassen die Hände von den Kleinen. In Deutschland gibt es keine Kontroversen, die Gegenstand von demokratischen Entscheidungen werden könnten. Es gibt keine nennenswerten Bewegungen, die auf parlamentarische Repräsentation drängen könnten. Das ist auch ein Zeichen für den großen Erfolg der BRD: Die große Maschine frisst alles auf, was für Streit sorgen könnte. Es ist aber auch der Grund für die Lächerlichkeit der Wahlen. Da hat man ein gut funktionierendes Tool, um gesellschaftliche Entscheidungen herbeizuführen. Und dann fällt einem nichts mehr ein, was man damit klären könnte. Weil man am Ritual trotzdem festhält, entsteht die bereits erwähnte Farce, deren Zeugen wir gerade werden.

Was bleibt, sind Detailfragen. Ein Kampf für die gute Sache ist nicht in Sicht, materielles Elend ist vielleicht ein deutscher Exportschlager, ein deutsches Problem ist es nicht. Wer einmal in die toten Augen eines Jobcenter-Fallmanagers geblickt hat, weiß mehr über die soziale Marktwirtschaft als Ludwig Erhard. Und doch ist das Flachbildfernseherelend der deutschen Unterschicht nichts, womit die Linke Leidenschaften wecken könnte. Und eine andere Opposition, so viel muss man Gysi und Co. zugestehen, gibt es nicht. Am nächsten an eine zugespitzte politische Entscheidung kommt man vielleicht beim Betreuungsgeld, aber wen interessiert das?

Nun kann man sein Heil in den ganz großen Fragen suchen, man kann sich als außenpolitischer Beobachter gerieren, man kann sich auf die Suche nach neuen originellen Positionen machen oder die eigene Verachtung für die Wahl in bissige Ironie kleiden – es bleibt doch ein trauriger Umstand, dass Wahlen in Deutschland heute diese Form angenommen haben.

Waltz with Bashar August 30, 2013 | 12:17 am

INTERNATIONALER MILITÄRSCHLAG gegen Syrien! Nur 23 Prozent der Deutschen sind dafür! Und Manni Güllner von Forsa ist der einzige, der sie fragt. Von den 23 Prozent wiederum finden auch nur zwei Drittel, dass ihr VATERLAND sich am ersehnten SCHLAG gegen das REGIME des IRREN DIKTATORS beteiligen sollte. Ob das andere Drittel der Befragten aus Mitgliedern und Angehörigen der Bundeswehr besteht, ist nicht überliefert. Anyway: Von den weltweiten Befürwortern eines MILITÄRSCHLAGS sind offenbar knappe 0 Prozent dazu bereit, selbst mit der Waffe in der Hand nach Damaskus zu ziehen, um dort freie Wahlen zu ermöglichen. Aber da gibt’s ja Leute für. Die kann man schicken. Und wie viel Spaß das macht! AUSSENPOLITIK! Da kann man sich einklinken in die ganz großen Dinger: Einhunderttausend Tote! IRAN! Wer da eine Meinung hat, dreht am großen Rad. Es geht um: die Zukunft der Welt. FLÄCHENBRAND nicht ausgeschlossen. Außenpolitische DEBATTEN sind, mal sagen, der Eskapismus des studierten Kleinbürgers. Schickt man die TOMAHAWKS oder REICHT DAS NICHT? Und kommt das nicht alles VIEL ZU SPÄT? Was meinen denn SIE dazu? Sagen Sie schon, heute ZÄHLT IHRE STIMME DOPPELT!

The Special Story May 21, 2013 | 08:10 pm

Jürgen Klopp ist stolz, Puma zu tragen. Diese Information kann man heute dem Internet-Angebot der britischen Qualitäts-Zeitung “The Guardian” entnehmen. Warum ist er stolz darauf, Puma zu tragen, wo deren Produkte doch für kleines Geld an jeder Ecke zu haben sind? Auch darauf findet man eine Antwort im Guardian: Puma ist a partner of Borussia Dortmund. Das alles lesen wir nicht in einer Anzeige, sondern unter einem ausführlichen Bericht, der aus einem Pressegespräch in den Räumlichkeiten von Puma hervorgegangen ist. Die Firma Puma vermietet ihren bezahlten Repräsentanten Jürgen Klopp also an die Presse und lässt sich im Gegenzug versichern, dass unter dem Artikel die zitierten Informationen stehen: Jürgen Klopp is proud to wear PUMA – who are also a partner of Borussia Dortmund.

Canny Kloppo

Nun würde das Puma noch nicht viel weiterhelfen, würde Jürgen Klopp nicht grundsätzlich positiv gesehen werden. Das ist schon deshalb der Fall, weil er mit seiner Mannschaft ins Endspiel der Champions League gekommen ist. Klopp ist aber auch ein Meister der Außendarstellung. Während er Werbung für Puma macht, macht er brillante Werbung für sich selbst und Borussia Dortmund: Er macht aus dem börsennotierten Großkonzern wieder einen “Arbeiterklub“. Er vergleicht den aktuellen Champions-League-Finalisten mit seinem früheren Verein, dem damaligen Zweitligisten Mainz 05, und kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: “it was the same at Mainz”. Die Journalisten bemerken das: “Klopp is canny enough to evoke these romantic roots“. Canny – gerissen, geschickt, erfahren.

Das Interview trieft vor behaupteter Emotionalität. So will Klopp sich vorgenommen haben, seinen Job in Dortmund mit weniger Herzblut als zuvor in Mainz anzugehen, allein: Es war ihm unmöglich, der Verein ist zu toll.
Beim Abschied von Shinji Kagawa, der zwei Jahre in Dortmund gespielt hatte, lagen Klopp und er sich angeblich 20 Minuten in den Armen und weinten. Die Übertreibung ist durchschaubar, trotzdem ist es eine schöne Geschichte. Wo gibt es das schon noch, dass sich zwei Menschen zum Abschied weinend in den Armen liegen? Das gibt es nur bei echter Liebe, und “Echte Liebe” ist, so ein Zufall, der Claim und damit Markenkern, den sich die Marketing-Strategen für Borussia Dortmund überlegt haben.

Damaged in the heart

Fußballkonzerne verkaufen Emotionen. Der naheliegenden Frage, wie authentisch derart fabrizierte Gefühle denn sein können, begegnet man mit der ständig wiederholten Behauptung, es handle sich um echte Liebe. Das würden die Leute natürlich nicht glauben, wenn sie es nur unter dem Vereinslogo lesen würden. Um das zu transportieren, muss man Geschichten erzählen, und das kann Klopp. Nicht genug mit den Tränen, auch die Schlaflosigkeit der Verliebten wird bemüht. Nämlich zum Abschied von Mario Götze, den einige Mitspieler nicht verarbeiten konnten: “I called six or seven players who I knew were damaged in the heart.” Und sogar die Selbstzweifel, die zurückgewiesene Verliebte spüren, kommen vor: “They thought they were not good enough (…)”.

In der Aufzählung ist es ermüdend, aber bei Klopp lesen sich die Kitschszenen alle sehr spannend. Etwa wenn er seinen Spielern nicht die Spielzüge von Barcelona zeigt, sondern nur die Fotos der ihre Tore feiernden Barca-Spieler. Emotionen! Bis zum Tod! “This is what you should always feel – until you die.” Ohne Probleme könnte der BVB-Trainer auch direkt Plakate betexten, etwa mit solchen Sätzen: “You can speak about spirit – or you can live it.”

Schweden, London, Hamburg

Es folgt eine Episode aus der schwedischen Wildnis (wirklich!), in die er mit den Mainzern zum Teambuilding gezogen war. Man muss sich hier vergegenwärtigen, dass Klopp gerade kurz vor einem Finale im neu gebauten Wembley-Stadion gegen den Hochglanzverein aus München steht. Die Champions League ist eine polierte Welt mit Flutlicht, schönen Menschen und eigener Hymne, mit Trainern in teuren Anzügen – und Klopp erzählt von Moskitos und fünf Tagen Hunger im Wald! Das ist, man muss das zugeben, ziemlich genial.

Klopp weiß natürlich um sein Talent als Entertainer und seinen Erfolg als Trainer. So kokettiert er gelassen damit, dass sich der FC Bayern damals für Jürgen Klinsmann und gegen ihn entschieden hat. Eine Fehlentscheidung, wie der Leser sich grinsend selbst denkt, so dass Klopp es nicht aussprechen muss. Dem HSV hat er abgesagt, weil den Verantwortlichen das Vertrauen in seinen Charakter fehlte. Was für Narren!

It´s the narrative, stupid!

Klopps Gegenüber vom FC Bayern, Jupp Heynckes, hat am Samstag in Sachen Emotionalität schon gut vorgelegt: Er weinte nach dem Spiel, das wohl sein letztes in der Bundesliga war. Die Tränen waren im Gegensatz zu Klopps Aussagen nicht kalkuliert, entfalten aber längst nicht deren Wirkung. Denn die Geschichten von Bayern München und Jupp Heynckes sind andere als die des BVB. Emotionalität steht hier nicht im Mittelpunkt. Klopp, der übrigens bei großer Freude und großem Ärger das gleiche verbissene Gesicht aufsetzt, formuliert das so: “We are a club, not a company, but it depends on which kind of story the neutral fan wants to hear. If he respects the story of Bayern, and how much they have won since the 1970s, he can support them. But if he wants the new story, the special story, it must be Dortmund.”

Es kommt drauf an, welche Geschichte man erzählt. Das lernt man im postmodernen Seminar oder in der Marketing-Agentur oder bei Jürgen Klopp. Dass er es in genau dem Interview ausspricht, in dem er die Geschichte erzählt, die die Leute seiner Vermutung nach hören wollen, zeigt eine entwaffnende Offenheit. Und leider hat er recht: Ein Sieg der Dortmunder wäre einfach die bessere Geschichte. Die Übersaison und das Triple der Heynckes-Bayern sind auch gut, aber letztendlich wollen wir, glaube ich, einen Bruch in der Story, ein echtes Drama. Letztendlich ist es alles Fiktion, alles eine Frage des Narrativs, weiß James Klopp, der das Duell mit den Bayern gleich ganz ins Reich des Films verlegt: “It’s like James Bond – except they are the other guy [the villain].”

Jetzt neu: Starkes Deutschland entscheidet. May 15, 2013 | 12:56 am

verbrochenes.net, das Webmagazin für Demokratie und Gute Laune, fiebert bereits der Bundestagswahl im September entgegen. Die ersten Parteitage sind absolviert, die Kontrahenten haben sich positioniert, es geht los! Ein guter Zeitpunkt also, um einen ersten Blick auf die Kommunikation der verschiedenen Parteien zu werfen.

Nationale Erneuerung

Die Grünen stellten ihren Parteitag vor einigen Wochen unter das Motto “Deutschland ist erneuerbar!”. Das erinnert einerseits daran, dass die Partei als bürokratischer Arm einer deutschnationalen Erweckungsbewegung entstanden ist. Andererseits ist Deutschland auch einfach die politische Ebene, um die es der Partei hier geht. Die Selbstverständlichkeit, mit der pfiffig-keck aufs Vaterland verwiesen wird, kann trotzdem ein wenig irritieren.

Viel interessanter als das unvermeidbare nationale Klimbim ist aber das Wörtchen erneuerbar in diesem Motto. Ob beabsichtigt oder nicht, das ist eine tolle Idee. Denn die Deutschen sind alt, die Wähler der Grünen sind alt, und niemand will alt sein. Erneuerung! versprechen die Grünen dem greisen Wahlvolk. Wir können von vorne anfangen! Es gibt eine Zukunft! Die gibt es für die Menschen natürlich nur bedingt, weshalb sie es umso lieber hören, dass immerhin die Nation erneuert werden kann.

Erektile Alternative

Mit dem Alter kämpfen auch die meisten Anhänger der Alternative für Deutschland, einer Partei, deren Namen die Grünen bei ihrer Gründung auch gut hätten tragen können. Sie besteht zu einer überwältigenden Mehrheit aus alten Männern, und das sieht man in ihrem Logo: Es handelt sich offensichtlich um eine Synthese des jugendlich-dynamischen Nike-Logos mit einem Phallus-Symbol. Die Botschaft: Mit der AfD geht es bald wieder aufwärts, an der Börse und in der Hose. Dieses Versprechen werden andere Parteien kaum überbieten können.

Gut gemacht!

Bei den Versprechen für die Zukunft ist die FDP derweil noch nicht angekommen. Sie ist damit beschäftigt, sich selbst zu beglückwünschen. Das ist, ähnlich wie der ständige Verweis auf Deutschland, eine Gesetzmäßigkeit im Wahlkampf: Die Regierungsparteien müssen kommunizieren, dass sie Großes geleistet haben. Nicht immer aber passiert das so cheesy wie gerade bei den Liberalen. “Gut gemacht, FDP!” sagt, nunja, die FDP zu sich selbst. Das erinnert an eine Kampagne von arte, bei der sich die Verantwortlichen des TV-Senders ebenfalls so sehr nach Anerkennung gesehnt haben, dass sie einfach Leute erfunden haben, die sich bei ihnen bedanken. Bei der FDP dürfen wir nun gespannt sein, wie und wann die Kommunikation sich mehr auf die Zukunft ausrichtet, wann das “Gut gemacht!” also durch ein “Noch viel zu tun!” ergänzt wird.

Wer Wir Was

Bei meiner persönlichen Lieblingspartei, der SPD, geht es bisher wenig spektakulär zu. Der Claim “Das Wir entscheidet” wurde in den Medien ein paar Tage verspottet, weil ihn eine unbedeutende Leiharbeitsfirma schon länger benutzt. Aber so richtig hat das auch niemanden interessiert. Schon angesichts der für die SPD extrem schwierigen Konstellation stellt sich aber die Frage, mit welchen Themen und in welchem Tonfall sie die Union letztendlich angreifen wird. Peer Steinbrück als starken Mann und Macher darzustellen ist angesichts seiner Person zwar naheliegend, passt aber nicht recht zum “Wir”, das ja jetzt entscheidet.

Ähnlich unauffällig bleibt bisher die CDU. “Starkes Deutschland. Chancen für Alle!” stand beim Parteitag an der Wand, naja. Für Merkel gilt, dass sie alles richtig macht, so lange sie nichts falsch macht. Insofern dürfte es hier ziemlich langweilig bleiben.

Wahlziel 100%

Den Preis für die uninspirierteste Phrasendrescherei gewinnt trotzdem die Linkspartei: “100 Prozent sozial” ist ihr Wahlprogramm nämlich betitelt. Da steckt immerhin ein schlechter Witz mit SED-Wahlergebnis-Bezug drin, sonst aber leider überhaupt nichts.

Uli in Gefahr May 2, 2013 | 10:29 pm

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß’ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: “Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.”

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn “Deutschland” 2013 “keine Gnade” kennt? So: “Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‘die schlimmste Form asozialen Verhaltens’. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.” Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: “Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?” Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: “Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)”

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: “Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?” Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: “Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.”

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: “Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.” Und am Schlimmsten: “der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist”. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss “Deutschland” am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der “deutsche Volksgeist”, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich “die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt”, Herzinger beschwört gar eine “ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust”. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort “Staatsverbrechen” in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die “kollektive deutsche Volksseele” wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die “tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung” durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die “Volksmeinung” konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene “teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung” an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, “die ganze Republik”, die “wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt”?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den “Blockupy”-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: “Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.” Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – “obwohl selbst Katholik” – eine “Reue im Sinne Martin Luthers” auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: “Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen”. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine “Freie Welt” mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: “Unterm Strich zähle ich”. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

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Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.

Kehrtwenden March 5, 2013 | 11:46 pm

Es muss eine Kehrtwende geben. Und die muss 360° sein.
Hält nichts von Veränderungen: Ede Geyer.

Da müssen wir uns um 1000° drehen.
Ob das besser ist, Thomas Schaaf?

Es lohnt sich March 3, 2013 | 09:43 pm

Im Gespräch mit der FAZ hat die Spitzenkandidatin der Grünen, Katrin Göring-Eckardt, ihre Marx-Interpretation dargelegt: “Das war ja bei Marx ein zentraler Impuls: Alle müssen gleich sein, und alle müssen das Gleiche machen.” Genau so hatte er sich das gedacht, der alte Karl. Da muss man kein Schlaufuchs wie KGE sein, um zu erkennen: Das klappt nicht. Wenn wir jetzt alle als Spitzenkandidaten der Grünen arbeiten würden, würden wir schnell verhungern. Gut also, dass manche Leute die Supermarktregale ein- und ausräumen, Klos putzen und Asphalt legen, während andere Leute darüber reden. Bei den Grünen heißt das dann, dass “sehr unterschiedliche Menschen gegenseitig von ihren Erfahrungen profitieren”, und nur so kann eine Gesellschaft “erfolgreich sein.”

Zu einer erfolgreichen Gesellschaft gehören unvermeidlich die sozialen Müllmänner, die sich offenbar in großer Zahl bei den Grünen finden: “Wir haben bei uns viele Sozialarbeiter oder Lehrer, die tagtäglich mit Armutsfragen zu tun haben.” Denn Gleichmacherei ist nicht nur für die grüne Protestantin keine Option, ein Ende der Armut also nicht in Planung. Aber auch wer arm ist, kann in Deutschland am Warenkreislauf teilnehmen. Er kann zum Beispiel seine Erfahrungen an Frau Göring-Eckardt verkaufen und dafür, quid pro quo, einen Teller Nudeln erhalten: “Entscheidend ist, dass man sich auf Augenhöhe begegnet. Das [die Hartz4-Empfänger] sind ja oft Menschen, von deren Erfahrungen ich viel lernen kann. Wenn ich jemanden um Rat frage, kann ich ihn auch einladen. Daran ist nichts Ehrenrühriges. Sonst sage ich einfach: Komm bei mir vorbei, ich koche ein paar Nudeln.” Es ist nichts Ehrenrühriges daran, sich von der erfolgreichen Politfunktionärin einladen zu lassen, denn es ist nichts Ehrenrühriges daran, dass sie reich ist und andere arm sind. You are okay, Katrin. Wichtig ist natürlich, dass die Betroffenen sich, nachdem sie ihre Erfahrungen an die Frau gebracht haben, wieder ordnungsgemäß von den von den Grünen engagierten Kettenhunden im Jobcenter beschimpfen lassen.

Not okay hingegen: “wirklich verfestigte Armut”. Die ist “neu”, früher hat es das nicht gegeben: “Nehmen Sie Leute wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder: Das waren lebende Beispiele für die Bildungsrevolution, die damals stattgefunden hat. So etwas brauchen wir heute wieder.” Joschka Fischer hat, so weiß Wikipedia, aber Katrin nicht, erst die Schule und dann die Ausbildung abgebrochen, und das ist vermutlich auch nicht die Art von Bildungsrevolution, die KGE vorschwebt. Bildung muss sich wieder lohnen. Denn was lohnt sich schon sonst noch, Katrin Göring-Eckardt? “Es lohnt sich, für den Kapitalismus in Form der Sozialen Marktwirtschaft zu streiten – und den kalten Kapitalismus zu bekämpfen, in dem es nur noch um den persönlichen Vorteil geht.” Es lohnt sich, für den Kapitalismus zu streiten. Gewiss.

Nothing new in E-11 November 22, 2012 | 02:48 am

Wer aus Essen kommt, sagt einer seiner beruehmteren Buerger, der notorische Amerikahasser und politische Kabarettist – das ist tatsaechlich ein Berufsstand – Hagen Rether, dem gefaellt es ueberall. Wer das nicht verstehen kann, war vermutlich noch nie hier und kann die Provinzialität dieser nur auf dem Papier so zu nennenden Grossstadt, die zu den zehn bevoelkerungsreichsten in Deutschland gehoert, wohl nicht nachvollziehen. Politische Veranstaltungen sind aehnlich selten zu finden wie sich in Betrieb befindliche Steinkohlebergwerke, da nimmt man jede Ausnahme von dieser Regel gerne wahr. An diesem nasskalten Mittwoch im November hat das Essener Friedensforum den fensterlosen Raum E11 in der lokalen Volkshochschule fuer eine Veranstaltung geblockt, zwei Stunden lang soll es um das erwartungsgemaess einzige Land auf der Welt gehen, fuer das sich deutsche Friedensaktivisten im Jahr 2012 interessieren, Israel.

Als Vortragenden hat man sich einen ausgewiesenen Experten fuer den Nahen Osten eingeladen. Puentklich um sieben Uhr faengt Norman Paech, ehemaliges Linksparteimitglied und Passagier der Mavi Marmara an, vor etwa 100 Interessierten zu sprechen. Das Publikum besteht zum ueberwiegenden Teil aus Menschen, denen man ohne weiteres Abnehmen wuerde, dass ihr letzter bezahlter Job der eines Statisten am Set der US-Fernsehserie Walking Dead war. Es ist derselbe Mittwoch, an dem erst tagsueber eine Bombe im Stadtzentrum von Tel Aviv explodiert ist und etwas spaeter am Abend eine vorlaeufige Waffenruhe zwischen Hamas und Israel verkuendet wurde. Paech weiss vermutlich von beidem, erwaehnen tut er nur Letzteres, seine Zuhoerer danken ihm diese Meldung mit Applaus.

Wer nicht einmal annaehernd eine Idee davon hat, was die politische Agenda des emeritierten Professors ist, bekommt sehr schnell einen Einblick in die Erfahrungs- und Erlebniswelt des 73-Jährigen: In der Mitte seines politischen Weltbilds steht das Völkerrecht, bei dem es sich auf den ersten Blick um eine Ansammlung von Worten zu handeln scheint, die aber in den Haenden aller moralischen Pazifisten der Welt, zu denen sich Paech ganz zweifellos zaehlt, obwohl er noch vor ein paar Jahren ein Schiff bestiegen hat, auf dem sich ganz und gar nicht friedliche Seelen zusammengerottet hatten, zu rhetorischer Munition transformieren. Es dauert nicht lange, da hat sich der Redner schon eindeutig positioniert, obwohl er eingangs noch versprochen hatte, nur objektive Fakten zu referieren, die man jederzeit ueberpruefen koenne.

Bei ausreichender Kenntnis des Jargons der Palaestina-Solidaritaet, die fuer den groessten Teil der Leserschaft dieses Blogs gegeben sein duerfte, wird man alles, worueber Paech in den naechsten eineinhalb Stunden redet, so oder so aehnlich schon einmal gehoert haben. Es ist die uebliche Melange: Zahlen, die irgendwann soviele werden, dass man sie sich ohne Audiomitschnitt der Veranstaltung unmoeglich merken kann. Stimmen und Meinungen, allesamt von anerkannten Fachleuten, einige von ihnen mit israelischem Pass, was in diesen Kreisen absurderweise meist wie ein zusaetzliches Guetezertifikat verwendet wird – denn antisemitisch koenne ein Jude selbst ja wohl kaum sein. Und Zitate, viele Zitate, soviele, dass Paech selbst irgendwann ein bisschen den Ueberblick zu verlieren scheint, wessen Worte er gerade wiedergibt. Diese Presseschau hat vor allem einen Zweck, naemlich den israelischen Staat und seine Institutionen anzuklagen – wir befinden uns auf einer Propagandaveranstaltung reinsten Wassers, und das mitten in einer staedtischen Raeumlichkeit. Mal redet er von einer der sicher fuenfstelligen Zahl unabhaengiger Menschenrechtsorganisationen, die sich merkwuerdigerweise allesamt nur mit dem Stand der Menschenrechte in Israel befassen, nie aber in einem seiner Anrainerstaaten, mal wird ein Urteil des israelischen Gerichtshofes zitiert, auch ein kurzer Exkurs ueber falschetikettierte Datteln ist dabei, woraus man ohne Zweifel schliessen kann, dass Paech, dessen eigene Texte in so unparteiischen Zeitungen wie der jungen Welt erscheinen, gern auch mal die FAZ liest.

Der ueberwiegende Teil des Publikums kann seine Zufriedenheit mit dem Dargebotenen nicht einmal bis zum Ende der Vortragszeit verhehlen; immer wieder wird der Redner von Beifallbekundungen fuer seine Statements unterbrochen. Etwa dann, wenn er das Wort Apartheid in den Mund nimmt, das einige gewiss nicht hoeren wollen. Ein zustimmendes Raunen geht durchs Publikum, drei Stuehle rechts vom Sitzplatz dieses Autors hat sich einer der aeusserst zahlreichen Claqueure eingenistet, aus dem es alle paar Minuten regelrecht herausbricht: Jawohl, ja, voellig richtig – endlich sagt einer mal das, was man seit 1968 in den Texten jeder Antiimp-Gruppe des Landes, einschliesslich denen der Roten Armee Fraktion, nachlesen kann. Ueberhaupt, die Geraeuschkulisse: Spoettisches und veraechtliches Lachen, wenn Paech ein Urteil israelischer Richter bezueglich der Mauer wiedergibt. Getuschel, als selbiger das Woertchen vom Antisemitismus im Munde fuehrt – selbstverstaendlich nur, um jeden seiner wohlfeilen Kronzeugen der Anklage aus diesen oder jenen Gruenden von jedem Verdacht desselbigen freizusprechen.

Paechs weiteres Elaborat arbeitet sich muehsam an den klassischen Themenbloecken ab: Es geht um die Militaerkaste, die Israel im Griff hat – so, als waere es das einzige Land auf der Welt, in dem die Armee eine ausgepraegte Macht innerhalb des Staates besitzt. Es geht um die Siedler, die den Friedensprozess blockieren, obwohl sie oft genug, darueber verliert er kein Wort, in offenen Konflikt mit dem Staat, den sie bewohnen, treten. Die rhetorische Schleife, die der Hobby-Seefahrer nun betritt, dreht sich weiter ueber die UNO-Vollversammlung, die, man ahnt es, von den USA jeder Machtfuelle beraubt wird. Wie eine Monstranz traegt Paech dabei das Voelkerrecht vor sich her, dass in seiner Wahrnehmung offenbar laengst materielle Form angenommen hat. Es scheint fast so, als haette der Jurist es irgendwo, vor vielen Jahren, aus dem Boden gegraben und sei nun bereit, diesen heiligen Gral im Sinne einer Messlatte zu benutzen: Man lege das Voelkerrecht an Sachverhalt x an und beurteile, inwiefern dieses x den Vorgaben des Pruefungsgegenstandes gerecht wird. Dass sich Paech dabei auch nicht zu bloed wird, sogar das osmanische Recht, das Recht eines imperialistischen Akteurs also, der seit einhundert Jahren aufgehoert hat zu existieren, ins Feld zu fuehren, kann eigentlich keinen mehr schockieren. Laengst geht es um Rassismus und die rechtsradikale Regierung des Staates Israel, der ideale Zeitpunkt, um die Wartezeit bis zum Beginn der Fragerunde mit dem Lesen des Flugblattes des Bundesausschusses Friedensratschlag, dass fuer alle Besucher zur Mitnahme ausliegt, zu ueberbruecken. Dieser Zusammenschluss friedensbewegter Deutscher liefert gleich eine besonders interessante Analyse der geopolitischen Verfasstheit des Nahen Ostens in Kombination mit einer historischen Neubewertung antiker Geschichte quasi als Begleittext zur heutigen Veranstaltung mit, setzt das Woertchen radikalislamisch vor Hamas in Anfuehrungszeichen und verbreitet eine steile These:

“Der Name der israelischen Operation ‘Wolkensaeule’ duerfte nicht zufaellig gewaehlt sein. Er verweist auf eine Episode aus dem Alten Testament, in der Gott sein auserwaehltes Volk vor den Aegyptern rettet. Die israelische Militaeraktion zielt offenbar ueber Hamas hinaus auf die neue Fuehrung in Aegypten, die sich bisher demonstrativ hinter ihre “Brueder” im Gazastreifen gestellt hat.”

Nun ist natuerlich das aegyptische Volk aus der Bibel ein sowohl ethnisch, sozial und religioes voellig anders verfasstes als die Einwohnerschaft des heutigen Aegyptens, und ob aegyptische Kopten etwa die Bewohner des Gazastreifens als ihre Brueder bezweifeln, sei dahingestellt. Das gesamte Flugblatt ist in all seiner inhaltlichen Unverdaulichkeit allerdings kaum mehr als ein geeigneter Vorgeschmack auf die nun folgende Publikumsrunde.

Wer schon einmal politische Vortraege und Podiumsdiskussionen besucht hat, weiss, dass es in den allermeisten Faellen noch viel schlimmer wird, sobald die Zuhoererschaft selbst das Wort ergreift, und das ist auch heute der Fall, denn nun hat jeder die Gelegenheit, seine Expertise vor Publikum vorzutragen. Es kommt nicht von ungefaehr, dass viele Diskutanten ihre Beitraege mit der Bitte beenden, Paech moege ihnen doch mitteilen, ob sie Recht haetten. Hier sind heute viele Menschen versammelt, die sich selbst vermutlich als einsame Rufer wahrnehmen. Wer schon einmal bei einer Veranstaltung von Verschwoerungstheoretikern war oder Videos davon im Internet gesehen hat, fuehlt sich schnell an die Atmosphaere, die dort herrscht, erinnert. Ein Mann, der waehrend des Vortrags neben Paech gesessen hat und in der Folge die Moderation der Diskussion uebernimmt, fragt unverbluemt, ob der Menschenrechtler seine Einschaetzung teile, dass ihn das Gehoerte sehr an die Lehren von Carl Schmitt erinnere. Das sei eine Seminarfrage, erwidert dieser, und erklaert, was er damit meint. Dafuer muesse man naemlich erst einmal sagen, wer dieser Schmitt gewesen sei: Es handele sich, so Paech, um den Chefideologen des Dritten Reiches, und man merkt, wie vorsichtig der Herr Professor nun wird: Es gebe solche Vergleiche, die Israel in die Naehe des Faschismus rueckten, er koenne das nun nicht soviel weiter ausfuehren, wuerde es aber nicht in dieser Deutlichkeit sagen wollen. Und dann ist es wieder da, jenes spoettische Raunen und dieses ekelhafte Geraeusch, wenn viele Menschen gleichzeitig besonders bestimmt durch die Nase einatmen: Es herrscht weitgehende Einigkeit.

Dieser Einstieg in die Diskussion ist deshalb so faszinierend, weil Paech ganz zu Recht erkennt, dass er vor einem Publikum, dessen Altersdurchschnitt an diesem Abend jenseits der 45 Jahre liegen duerfte, nicht vorraussetzen kann, dass der Grossteil weiss, wer Carl Schmitt war, wohl aber, dass jeder ein dezidiertes Bild von der Konfliktlage in Nahost hat. Das kann er deshalb, weil seine Zuhoererschaft vermutlich an jedem Abend, an dem er irgendwohin eingeladen wird, aus selbstgefaelligen Idioten besteht, die zwar die Geschichte israelischer Besatzungspolitik und us-amerikanischer Wirtschaftskriege en detail kennen, sonst aber von nichts eine Ahnung haben. Eine Frau leitet ihre Frage zur Zwei-Staaten-Loesung ein, in dem sie klarstellt, viele Texte zu dem Thema gelesen zu haben. Ein juengerer Herr moechte von Paech genauer wissen, wie es eigentlich um die Interessenlage der amerikanischen Oelindustrie bestellt sei, so, als ob der Gazastreifen wegen seines hohen Aufkommens an fossilen Brennstoffen in den Medien Erwaehnung faende. Der Referent spricht ueber seine Besuche im Gaza-Streifen, erwidert auf eine kritische Nachfrage zur Charta der Hamas, das sei nur Schriftwerk und solle nicht so grosse Beachtung finden, die Terrororganisation wolle in Wahrheit Frieden mit Israel. Es gibt kaum einen Widerspruch zu dieser Aeusserung, dabei hatte Paech sich zuvor in Fragen des Voelkerrechts noch auf der Seite der Buchstabengetreuen verortet. So geht die Runde weiter, es geht um Israels Existenzrecht und ob es so etwas ueberhaeupt gaebe, bis ein VHS-Angestellter um eine baldige Beendung des Ganzen bitten muss, und dann kommt sie endlich, als allerletzte, die Frage aller Fragen, so, als haette es dieser Steigerung noch bedurft: Was, fragt ein junger Mann von ganz hinten, hat das eigentlich alles mit Iran zu tun, dem Land also, dem Oelindustrie und Militaerkasten voellig fremd sind?

Paech wird jetzt nachdenklich. Er scheint zu merken, dass nun sehr salbungsvolle Worte folgen muessen, um dem Abend einen allerletzten Stempel aufzudruecken. Pakistan habe eine Atomwaffe, Indien auch, dies habe man hingenommen – was natuerlich Quatsch ist, denn vor allem Pakistan werden etliche Sanktionen von der internationalen Staatengemeinschaft auferlegt – warum es bei Iran, dass sowieso nur an einer zivilen Nutzung der Atomenergie interessiert sei, anders waere, das habe etwas mit geopolitischen Verwicklungen zu tun. Ohnehin ist Israel, soviel kann uns Paech zum Abschluss versichern, gefaehrlicher fuer den Weltfrieden als die islamische Republik. Wir haben das tatsaechlich alles schon einmal gehoert.

Wo allerdings Juergen Elsaesser heute abgeblieben war, wurde nicht mehr aufgeklaert.

Das Sturmgeschütz des Antisemitismus November 19, 2012 | 10:04 pm

Mit der neuen Eskalation in Israel und Gaza kommen die Antisemiten jeder Spielart wieder begeistert hervor und geilen sich an Bildern toter Kinder auf. Den bisherigen Höhepunkt der antisemitischen Agitation hat heute Jakob Augstein geliefert. Von Spiegel Online ist man einiges gewohnt, trotzdem ist es bemerkenswert, dass auch bei diesem Hasspamphlet niemand die Veröffentlichung verhindert hat.

Augstein bedient so ziemlich jedes antisemitische Ressentiment. Juden sind bei ihm stets rachsüchtig, er unterstellt ihnen “Lust” am Krieg, betont die grundsätzliche Andersartigkeit der Juden im Vergleich mit den Deutschen, er wirft den Juden vor, sich die Antisemiten vorsätzlich selbst zu schaffen, und er behauptet, dass sie das tun, weil sie Gewalt sinnstiftend finden. Das hat mit der Wirklichkeit selbstredend nichts zu tun. Wer so redet, ist davon überzeugt, dass die Juden schlecht sind, also ein überzeugter Antisemit.

Augstein ist heute angesichts der Reichweite von Spiegel Online vielleicht der einflussreichste Judenhasser in Deutschland. Er ist damit auch dafür zuständig, die Grenzen des Sagbaren weiter zu verschieben. Man darf gespannt sein, wo das endet und wo sich vielleicht Widerspruch regen wird.

Known and Unknown September 14, 2012 | 01:04 pm

Darauf hat die fussballinteressierte Oeffentlichkeit gewartet: Philipp Köster, der sich paradoxerweise gleichzeitig Chefredakteur eines Magazins fuer Fussballkultur und Sportjournalist des Jahres 2010 nennen lassen darf, geht auf Spurensuche. Wer sich an Kösters Volten gegen die tatsaechlich manchmal ziemlich nervigen Ultras erinnert, hat es schon geahnt: Es wird zuenftig, ein klein bisschen ironisch und vor allem unglaublich erhaben und souveraen – das ist der sprachliche Duktus, an den man sich bei Autoren, die ihren Lebensunterhalt mit der Inszenierung von Fussballkultur verdienen, laengst gewoehnt hat. Weil man im Tagesgeschaeft der Print- und Onlinemedien um eine griffige Schlagzeile gar nicht herumkommt, erklaeren schon die beiden fettgedruckten Saetzchen sofort, worum es geht: Das Gay-Interview, der Scoop des fluter-magazins, sieht aus wie ein Fake. Was sich hinter diesem zugegebenermassen ziemlich eindrucksvollen Denglisch verbirgt, erklaert uns der gebuertige Schwabe in zwoelf bissigen Absaetzen:

Dem vermeintlich echten Interview fehlt unter Umstaenden die Authentizitaet, das wichtigste Gut journalistischer Arbeit. Moeglich ist das durchaus, und das waere ziemlich unschoen, nicht nur, weil es journalistisch nicht gerade integer waere, sondern auch, weil es die Meinung all derer mit zusaetzlicher Munition beliefern wuerde, die das Thema “Homosexualitaet und Profifussball” ins Reich der Urban Legends verlegen – was genau genommen heisst, dass es gar keines ist. Zum Glueck gibt es die detektivische Spuernase Köster, die keine Muehen gescheut hat, das Interview von vorne bis hinten zu analysieren.

Da waeren zunaechst einmal die W-Fragen, deren Beantwortung der ueberforderte 11 Freunde-Leser dankenswerterweise abgenommen bekommt. Das Setting fuer den Scoop ist, ganz klar, eine Spur zu dramatisch, und der Interviewer ist gerade mal 25 Jahre alt und damit ganze fuenfzehn juenger als der designierte Sherlock (und im Uebrigen damit ziemlich genau so alt wie Köster es war, als die 11 Freunde das Licht der publizistischen Oeffentlichkeit erblickten). Was ebenfalls nicht passt: natuerlich ist der gefakte Fussballer ein echter Star – wie jeder Fussballer, der von den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern interviewed wird, so wie etwa Christian Streich oder jeder andere Bundesliga-Trainer, dessen Statements man samstag abends im Aktuellen Sport-Studio zu hoeren bekommt.

In Zeiten religioeser Zwistigkeiten wird ein derart gesettetes Interview ziemlich schnell unkoscher, was in diesem Fall nichts anderes heisst, als dass es auf jahrelanger Recherche beruht und nicht in der 11 Freunde erscheint. Dass Kösters eigenes Heftchen zur Zeit mit Aufmachern wie Gassi gehen mit Lumpi und Bello um Leser buhlt und vom historischen Sieg Libanons ueber Iran – realpolitisch sieht es ein wenig anders aus – zu berichten weiss, geschenkt: Der Chefredakteur hat gerade ein groesseres Ganzes im Blick. Das Interview mit dem grossen schwulen Incognito-Sportler bestuende ausnahmslos aus Klischees und strotze vor eklatanten Widerspruechen, sowas ist man von Fussballern gar nicht gewohnt, elaborieren doch die Mainstream-Heteros in 11 Freunde, kicker und Sport-Bild zumeist ueber die ethischen Implikationen der Genom-Forschung und die geopolitischen Dimensionen des Drohnen-Kriegs in Pakistan. Weil sich die vermutlich ohnehin inexistente Schwuchtel dann auch gar nicht entscheiden kann, wovor sie mehr Angst hat, vorm enthemmten Mob in den Stadien oder vor den Medien (als sei das ein Widerspruch) – Köster ist da gluecklicherweise wunderbar exakt – und darueber hinaus auch noch erst reflektiert spricht, um dann das uebliche Fussballerlatein zu dreschen, also genau das tut, womit die 11 Freunde seit Jahren ihr Geld verdienen, muss die Story einen Haken haben.

Ob es diesen oder irgendeinen anderen schwulen Fussballer ueberhaupt gibt, spielt genau genommen laengst keine Rolle mehr. Wer eins und eins zusammenzaehlen kann, weiss, dass die Inexistenz eines solchen eigentlich ziemlich unrealistisch ist. Ronny Blaschke hat schon vor einigen Jahren ein Buch ueber Marcus Urban veroeffentlicht, einen Fussballer, der sich erst nach seiner Karriere oeffentlich zu seiner sexuellen Orientierung geaeussert hat und das von sovielen Klischees und unangenehmen Situationen erzaehlt, dass einem Angst und Bange werden kann. Nur, die oeffentliche Debatte hat eine Erwartungshaltung erzeugt, der vermutlich niemand mehr gerecht wird: Wortgewandt und nicht klischeeschwul – was auch immer das heisst, bei Heteros ist es auf jeden Fall in Ordnung – muesste dieser grosse Unbekannte sein, bitte auch kein Bankdruecker bei einem Mittelklasseclub oder gar Abstiegskandidaten – bloss kein ganz normaler Mensch. Weil es so jemanden nicht gibt und – darueber hat man irgendwie noch nie nachzudenken versucht – mancher Fussballer eventuell auch einfach lieber wegen seiner beruflichen Leistungen als durch seine sexuelle Orientierung in der Oeffentlichkeit stehen moechte, bleibt die Suche nach der Spinne in der Bananenkiste erfolglos. Vielleicht recherchieren die elf Freunde aber auch schon seit mehr als zwei Jahren und praesentieren uns bald ihr eigenes Exklusiv-Interview mit einem garantierten schwulen Sportler, der auch noch sein Gesicht und seinen Namen oben drauflegen wuerde – Transparenz ist unerlaesslich. Köster koennte sich vermutlich ueber eine ziemlich gut verkaufte Auflage freuen.

Einem der gescheiteren Politiker der letzten Dekaden bleibt es da, ein passendes Schlusswort zu liefern:

There are known knowns. These are things we know that we know. There are known unknowns. That is to say, there are things that we know we don’t know. But there are also unknown unknowns. There are things we don’t know we don’t know.

Gegen Feindbilder August 24, 2012 | 06:43 pm

Der diesjährige Al-Quds-Marsch ist schon eine Woche her und deshalb auch längst verbloggt und abgekaspert. Aber noch nicht von allen, und ich hab doch auch Fotos gemacht, und überhaupt. Also bitte:

Anders als bei meinem letzten Besuch gab es diesmal keinen Frauenblock, jedenfalls fiel er mir nicht auf. Stattdessen wurde bunt gemischt, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
Auf den vielen Schildern und Transparenten gab es wieder reichlich tote Kinder zu sehen, Kriegsszenen und auch sonst viel Blut. Dass die betont friedliche Demonstration eine derartige Faszination für zerfetzte Körper zeigt, verweist vielleicht auf die eigenen Absichten bei der “Befreiung” Jerusalems.

Wie im oben verlinkten Text schon vermerkt, war auch die Rapperin “Dee Ex” anwesend, wahrscheinlich auf einer Art PR-Tour mit eigenem Transpi.


Auf der Rückseite kann man in vier Sätzen die Weltanschauung einer deutschen Kleinbürgerfamilie nachlesen, auf der Vorderseite ist der für eine antisemitische Hass-Demo bemerkenswerte Hinweis zu finden, die Rapperin sei “gegen Feindbilder” – stimmt ja irgendwie.

Der ganze Aufmarsch war ein bisschen wie ein Lehrbuch-Beispiel für Antisemitismus, mit den vielen Bildern von Blut und toten Kindern, dem Verweis auf die Banken, die Korruption, die angeblich unfrei gemachten Völker und den Weltfrieden, der tatsächlich für die Zeit nach der Vernichtung Israels in Aussicht gestellt wurde. Dazu passt auch dieses etwas wirre Schild, das den “wahren Menschenfeind” im jüdischen Gemeinwesen erkannt haben will. Feind aller Völker, Feind aller Menschen – die ganz alte Schule.

In einer Paradedisziplin der Antisemiten, der Karikatur, wurde dieses Bild geboten, viel widerlicher geht es denn auch nicht mehr.

Auf einem Zwischenstop auf dem Kurfürstendamm las eine “Schwester” (ja, so reden die da) “das Gedicht” von SS-Grass vor, wobei sie sich große Mühe gab und wirklich alles herausholte, was aus der miesen Vorlage herauszuholen ist. Der Sprecher vom Dienst kündigte bei dieser Pause an, dass der anwesende Rabbi auch noch etwas sagen würde, “beziehungsweise wir werden es für ihn sagen, weil er samstags nicht sprechen darf.” Guten Tag, wir sind alle plemplem.

Auf der Gegenseite gab es eine hübsch anzuschauende Antifa-Demonstration, die am Adenauer-Platz recht engagiert gegen den Wahn anbrüllte und nach Beginn des Marsches immer wieder am Straßenrand mit Israel-Fahnen provozierte. Auf Seiten der Jerusalembefreier lief eine Handvoll jugendlicher deutscher Antiimps mit, die sich per Klamotte zum Maschinengewehr bekannten und zur Unterstützung der Intifada (welcher?) aufriefen. Sieht aber ganz lustig aus, wenn die sich dann das minutenlange Singen eines Vorbeters mit anhören. Leute, es ist 2012, hallo!!!!!!!!

Die eigene Demo der Antifaschisten ist eine super Idee, das bestätigt spätestens der Besuch der bürgerlichen Demo, an der man sonst hätte teilnehmen müssen. Auf einer solchen musste man vor Jahren noch mitansehen, wie ein liberaler deutscher Klapskalli staatstragend die Hände hinter dem Rücken verschränkte und Richtung Horizont blickte, während er die Hatikvah abspielte. Dieses Jahr fielen mir auf einer ansonsten langweiligen Veranstaltung vor allem diese Schilder auf:

Auf dem rechten steht “Europas Freiheit steht und fällt mit Israel“, auf dem linken steht ein Zitat von Alan Posener: “Sehen Beirut und Damaskus, Kairo und Gaza eines Tages aus wie Tel Aviv, ist Europas Freiheit sicher; sieht Tel Aviv aus wie Teheran oder gar Hiroshima – na, dann kaufen Sie Ihrer Frau schon mal eine Burka und melden Sie ihr Kind zur Koranschule an.”

Die schwierige Frage, wie man Deutsche zur Solidarität mit dem Judenstaat bringen kann, wird hier beantwortet: Man droht ihnen einfach damit, dass fremde Horden “ihre” Frauen unter die Burka zwingen werden. Natürlich spricht Posener nur männliche Leser an, und die haben anscheinend Verfügungsgewalt über “ihre” Frauen. So liberal geht’s hier zu, so lange noch nicht das grüne Banner überm Reichstag weht. Aber dann, aber dann!

“Europas Freiheit” ist eine Erfindung, die gerade jetzt skurril anmutet, wo sich in Athen die Selbstmorde häufen, in Spanien jeder zweite junge Mensch arbeitslos ist und in Deutschland Millionen Menschen in staatlicher Hartz-4-Zwangsverwaltung organisiert werden. Aber zugegeben: Das alles ist so deprimierend, dass geostrategische Überlegungen und die ideologische Abwehrschlacht gegen die Bärtigen die deutlich anziehenderen Themen sind.

Aber wie soll das gehen, wenn Deutschland besetzt wird? Wie sieht das aus? Das zeigt, und da schließt sich der Kreis, ein Flyer der Gegenseite:

Auf der Rückseite befindet sich unter der Überschrift “Karte besetzter Gebiete in Palästina” die bekannte Serie von Karten, deren völlige Unsinnigkeit Yaacov Lozowick kürzlich treffend beschrieb.

Während die beiden pro-israelischen Demonstranten also wollen, dass wir uns vor der vieldiskutierten Islamisierung des freien Vaterlands fürchten, wollen die Islamisten uns zu einem ähnlichen Gedankenexperiment anregen. Sie geben nicht an, wer denn die Besatzungsmacht wäre, und so darf man die Karte durchaus auch als akkurate Wiedergabe der Ängste der Posener-Fans betrachten.

Gemeint ist freilich eine Besetzung durch die Zionisten, und angesichts der manchmal geäußerten Forderung, den Judenstaat in Europa statt in der Levante aufzubauen, ist das auch ein interessanter Gedanke. Gerade für Antisemiten ist das natürlich eine Horrorvorstellung, erst recht weil es schon zahlenmäßig eine Vervielfachung der Judenheit gegeben haben müssten, um das gezeigte Ergebnis zu verwirklichen und 80 Millionen Deutschen ihre Scholle abzujagen.

Was würde ich tun? Nun, ich fühle mich nicht sonderlich betroffen, schließlich sind Bremen und augenscheinlich auch Berlin auf dieser Karte weiterhin frei. Oder deutsch, je nach Sichtweise.
Oder ist das nur Nord-Berlin? Neukölln ist schon längst gefallen, klar, nicht auszuhalten da. Wird eine Mauer gebaut werden? Und darf man in Wandlitz noch ohne Burka baden? Interessant auch, dass ausgerechnet Köln trotz Moscheemonsterbau deutsch bleiben kann. Da steckt doch irgendeine morgenländische List dahinter…

Und was würden die Deutschen tun? Nun, diese Frage stellt sich nicht mehr, weil die Angst vor “Verjudung” hier keine originelle Idee, sondern eine historische Tatsache ist. So gesehen müsste die Frage eigentlich lauten: “Was haben sie getan?” Die Antwort ist bekannt und verrät, wofür der Autor des Flyers hier um Verständnis wirbt.

Die eigentliche Pointe June 28, 2012 | 06:28 pm

Jan Fleischhauer konstatiert bei Spiegel Online: “Die Linke hat mal wieder Angst, das Ausland könnte die Deutschen nicht sympathisch genug finden.”

Das wirft zunächst einmal die Frage auf, wer oder was denn “die Linke” in diesem Fall ist, und man findet die Antwort im kurzen Bio-Text über den Autoren: “Redakteur beim SPIEGEL und Autor des Bestsellers ‘Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde’ (im SPIEGEL-Shop…), in dem er den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation beschreibt.”

Zum Genießen noch einmal: Die Linke ist heute die kulturell dominierende Herrschaftsformation. Das Vokabular klingt ein bisschen wie aus einem herrschaftskritischen Gender-Seminar, wird hier aber von einem der derzeit erfolgreichsten antilinken Klickzahlengenerierer benutzt. Weniger noble Vertreter seiner Zunft sprechen lieber vom “Kulturbolschewismus”. Entscheidend für die Denkfigur ist jedenfalls, dass die Menschen beherrscht werden von linker Kultur. Was es für eine Herrschaftsformation bedeutet, die doch ohnehin schon, nunja, Herrschaft ausübt, wenn sie obendrein auch noch “dominierend” ist, lassen wir hier mal offen.

Bei Fleischhauer geht es weiter:

“Dabei sind die Deutschen im Ausland viel beliebter, als die meisten glauben.”

Was denn die meisten glauben, wie beliebt die Deutschen sind, und woher Fleischhauer das weiß, erfahren wir nicht. Dass die Deutschen überall recht beliebt sind, dürfte aber fast jeder erfahren haben, der mal mit seinem grünen Ausweis das Land verlassen hat. Macht aber nichts. Dass der SpOn-Kolumnist sich einen Mainstream erfindet, den es so nicht gibt, um dann dagegen anzuschreiben, ist sein Geschäftsmodell.

Noch hat niemand das deutsche Team aufgefordert, aus Rücksicht auf die allgemeine Meinung in Europa auf weitere Tore zu verzichten, aber der Gedanke liegt nahe: Was werden die anderen wohl von uns halten, wenn wir auch noch im Fußball unsere Dominanz unter Beweis stellen?

Hier dürfen wir auf engstem Raum erfahren, wie der Fußball-Nationalismus dem Individuum zum Glück verhilft: Erst ist es noch das “deutsche Team”, dann sind es auf einmal “wir”. Und was machen wir? Wir stellen unsere Dominanz unter Beweis. Wirtschaftlich haben wir das offenkundig schon getan, jetzt “auch noch im Fußball.” Wir.

Der nationale Wahn lässt Leute wie Fleischhauer und seine Leser tatsächlich glauben, sie persönlich würden Europa dominieren, obwohl sie doch nur, wie unzählige andere Leute in verschiedenen Staaten auch, jeden Tag irgendeine Arbeit machen. Man muss sie fast bewundern, diese Fähigkeit, sich angesichts eines undurchsichtigen Geschehens auf Märkten und in Staatshaushalten mit bestimmten Zahlen, in diesem Falle einigen Kennziffern für Wirtschaft in Deutschland, zu identifizieren und zu sagen: Das habe ich gemacht! Dass ich im globalen Kapitalismus so wenig für die deutschen oder griechischen Haushalte kann wie Jan Fleischhauer oder ein griechischer Altenpfleger, das wäre eine für Nationalisten durch und durch ernüchternde Erkenntnis.

Es ist eine besondere Eigenschaft der Deutschen, sich laufend den Kopf zu zerbrechen, was die anderen über sie denken. Das gilt insbesondere für die Viertel, in denen man sich traditionell für besonders weltgewandt hält und schon eine Kaffeetasse mit Bundesadler allgemeine Bestürzung auslösen kann.

Die erste Behauptung ist eben das, eine Behauptung. Die zweite ist eine Halluzination. Ganze Viertel werden so für gute deutsche Kaffeetrinker zur No-Go-Area, Deutschland am Abgrund. Schön wärs.

Vor allem bei Auslandsbesuchen ist das kosmopolitische Deutschland peinlich darauf bedacht, nirgendwo anzuecken.

Wer sich bei der Formulierung von der “kulturell dominierenden” Linken schon gefragt hat, wann denn wohl gegen die “Kosmopoliten” polemisiert werden würde, darf hier das Häkchen machen; Fleischhauer hat den Code raus.

Besser als (im Ausland) nett zu sein, ist es, “das Deutschtum auszuleben”:

Wenn der deutsche Tourist in der Fremde sein Deutschtum auslebt, dann beschränkt sich das in der Regel auf extra abgesperrte Areale (“Ballermann”), über die in der Presse dann entsprechend naserümpfend berichtet wird.

Nicht so vom Volksfreund aus Hamburg! Das Ausleben des Deutschtums ist auf abgesperrte Areale beschränkt, welch Schmach! Damit sollte man Schluss machen: Fanmeilen ohne Grenzen, oder zumindest von der Maas bis an die Memel.

Tatsächlich gibt es nicht wenige in Europa, die von den Deutschen jetzt erwarten, dass sie endlich die Führung übernehmen, so wie es ihrer Größe und wirtschaftlichen Macht entspricht.

Nota bene: Es ist nicht die Größe Deutschlands, womit die Einwohnerzahl oder das BIP oder auch die Fläche gemeint sein könnte, nein, es ist die Größe der Deutschen, die von ihnen verlangt, zu führen. Auch nichts Neues. Und sagen das nicht heute sogar die Polen?

“Ich bin wahrscheinlich der erste polnische Außenminister in der Geschichte, der das sagt”, erklärte Sikorski in Berlin: “Aber ich habe weniger Angst vor deutscher Macht, als ich anfange, mich vor deutscher Untätigkeit zu fürchten.”

Es braucht eine gewisse Chuzpe, um Sikorski in diesem Zusammenhang als Kronzeugen zu benennen. Schließlich schreibt Fleischhauer in seiner Kolumne gerne, Franzosen, Italiener, Spanier und Griechen seien prinzipiell selber schuld an der Misere und wollten nun illegitimerweise ans Geld der SpOn-Leser.
Sikorski hingegen will nicht, dass die Deutschen “endlich die Führung übernehmen”, wie Fleischhauer das behauptet; er will, dass sie die Lösung der Schuldenkrise nicht länger blockieren und einen Teil des Geldes, das sie dank des Euros verdient haben, jetzt hergeben, um die Währung zu retten:

“Sikorski sprach sich für eine wesentlich größere Rolle der Europäischen Zentralbank bei der Rettung angeschlagener Euro-Staaten, aber auch klar für die von Deutschland geforderten EU-Vertragsänderungen aus. Deutschland sei der größte Profiteuer des Euro und kein unschuldiges Opfer der derzeitigen Schuldenkrise, mahnte Sikorski.“

“Sikorski sprach gestern Abend bei einer Rede in Berlin laut Manuskript von einer drohenden ‘Krise apokalyptischen Ausmaßes’. Er drängte die Bundesregierung, sich stärker für die Rettung hoch verschuldeter Euro-Staaten zu engagieren. ”

So weit, so anstrengend. Dass unser Autor aber vollkommen dem Wahn erlegen, also wirklich kaum noch zurechnungsfähig ist, offenbart er gegen Ende seines Textes. Voila:

Die eigentliche Pointe der Deutschen-Angst auf der Linken ist, dass die enthusiastischsten Fahnenschwenker ausgerechnet unter den Ausländern anzutreffen sind, die man ins Land geholt hat, um den Deutschen das Deutschsein auszutreiben.

Hervorhebung von mir.

Ja: Man (!) hat Ausländer ins Land geholt, um den Deutschen das Deutschsein auszutreiben. Hat man auch Crack in die SpOn-Redaktion gebracht, um den Autoren das Gehirn zu auszutreiben?

Zum Abschluss darf Bushido sagen, worum es eigentlich geht. Die Deutschen sind nämlich in ihrer historischen Rolle angekommen. Die Deutschen sind, egal was Herr Sikorski sagt, schon wieder Opfer:

“Ich war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir müssen aufpassen, dass wir uns für andere Länder nicht zu sehr aufopfern.”

Judengrusel June 4, 2012 | 08:45 am

Nach Informationen von verbrochenes.net ist Israel ein kleines Land am Mittelmeer. Gerüchte kursierten schon länger, jetzt konnten unsere Recherchen einen schrecklichen Verdacht bestätigen: In dem eigentlich ganz schnuckeligen Land leben überdurchschnittlich viele Juden. Kürzlich gemachte Aufnahmen legen gar den Verdacht nahe, dass auf der Landesflagge ein Davidstern abgebildet sein könnte. Auch soll das Land über eine eigene Armee verfügen und bei der Ausrüstung derselben mit anderen Staaten zusammenarbeiten. Mehrere Artikel der deutschsprachigen Wikipedia belegen, dass der “Judenstaat” bereits seit 1948 besteht.

Doch nicht alles an dieser Nachricht ist schlecht: Immerhin lässt sich die deutsche Konjunktur ein wenig mit dem Verkauf eines beliebten Magazins für Judengrusel ankurbeln. In den kommenden Ausgaben sind weitere Scoops zu erwarten:

AUFGEDECKT: ISRAEL KONTROLLIERT SEIT JAHREN WEITE TEILE DER WESTBANK

KEIN STRAND IN RAMALLAH – WIE LANGE GEHT DAS NOCH GUT?

EMO-TERROR: WIE DIE JÜDISCHE SCHLAGERSZENE EINE GANZE NATION FOLTERT

VIELE ERBSEN, KEINER KICHERT – KULINARIKER AN DER LEVANTE MACHEN ERNST

HIER WACHSEN NUR OLIVEN: HASS-ACKER VON JENIN.

Morgen wird wie heute sein March 9, 2012 | 01:59 pm

Je weniger sie selbst in der Lage sind, die Gesellschaft zu verändern, desto mehr hoffen die Menschen darauf, der technische Fortschritt möge das für sie erledigen. Das neueste Beispiel dafür sind Internet und neue Medien, Facebook und Twitter. Für Ägypten und Tunesien wird ihnen eine befreiende Rolle zugeschrieben, und in der deutschen Politik sind sie ebenfalls angekommen: „Facebook-Partys“ versetzen Konservative in Angstlust, „Liquid Democracy“ soll die Demokratie stärken, und linksliberale Aktivistinnen und Aktivisten kämpfen mit Hingabe gegen Vorratsdatenspeicherung und für Netzneutralität. Ob man also für oder gegen den Fortschritt ist, im Internet ist das Schlachtfeld für diese Auseinandersetzung gefunden.

Wie Facebook einmal eine Revolution gemacht hat

Große Aufmerksamkeit bekamen die neuen Medien von den alten, als 2011 in Tunesien und Ägypten die Regierungen gestürzt wurden. Zuvor war schon einmal die „Twitter-Revolution“ ausgerufen worden, nämlich als 2009 nach den Präsidentschaftswahlen im Iran Facebook und Twitter als Instrumente zur Organisation von Protesten zum Einsatz gekommen waren. Wie groß der Einfluss der genannten Plattformen im Iran, in Tunesien und in Ägypten tatsächlich war, ist seitdem Gegenstand von Diskussionen.

Bereits im Juni 2010
hatten sich über 140.000 Menschen auf der nach einem von der Polizei ermordeten Ägypter benannten Facebook-Seite „Wir sind alle Khaled Said“ zusammengefunden. Die Seite diente bald als Forum für unzufriedene und regimekritische Menschen und schließlich wurde dort auch zu den Protesten am 25. Januar aufgerufen, die dann die Revolution in Gang setzten. Ihr Administrator, ein Google-Mitarbeiter, wurde später kurzzeitig berühmt. Über die Frage, wie entscheidend die Rolle von Facebook in Ägypten war und darüber, wie Revolutionen überhaupt zustande kommen, haben Thomas Apolte und Marie Möller in der FAZ einen interessanten Artikel veröffentlicht.

Überlegt sich ein Individuum unter diesen Bedingungen die Sache genau, so wird es feststellen: Protestiere ich, so wird das den Erfolg der Revolution praktisch nicht beeinflussen. Ich werde aber mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Strafe erdulden müssen. Ist die Bestrafungswahrscheinlichkeit hingegen gering, so weiß es: Ich habe zwar kaum Einfluss auf den Fortgang der Revolution, aber ich muss auch kaum mit einer Strafe rechnen. Wenn es dem Individuum einfach nur wichtig ist, dabei zu sein, so wird es genau dann dabei sein, wenn die Bestrafungswahrscheinlichkeit nicht zu hoch ist. … Je mehr Menschen an Umsturzaktionen teilnehmen, desto eher verlieren die Spitzel den Überblick und desto mehr sinkt die Bestrafungswahrscheinlichkeit. … Hat die Bestrafungswahrscheinlichkeit einmal einen kritischen Wert unterschritten, so zieht dies weitere Protestierende an, womit die Bestrafungswahrscheinlichkeit weiter sinkt, was wiederum weitere Protestierende anzieht, und so weiter. Zunächst kleine Proteste können sich jetzt schnell zu unkontrollierbaren Massenaktionen auswachsen. … Fassen wir zusammen: Will eine Bevölkerung ihre Unterdrücker abschütteln, so muss sie sich zur selben Zeit in so großer Zahl zusammenfinden, dass die Sicherheitskräfte den Überblick verlieren und daher die Wahrscheinlichkeit einer Strafe für jeden Teilnehmer so weit sinkt, dass er von Strafen nicht mehr abgeschreckt werden kann.

Damit die Bevölkerung sich nun “zur selben Zeit in so großer Zahl zusammenfinden” kann, braucht es einen “fokalen Punkt”, an dem das stattfinden bzw. seinen Ausgang nehmen kann. Und der scheint mit Facebook und Twitter gefunden. Apolte/Möller:

[Plattformen wie Twitter und Facebook] erleichtern die Koordination revolutionärer Aktivitäten so sehr, dass sich künftig deutlich häufiger fokale Punkte zusammenbrauen könnten. Insoweit ist der Begriff der Facebook-Revolution durchaus treffend.

Dass mit einer Revolution an sich aber noch nichts erreicht ist, kommt in diesem unbedingt lesenswerten Artikel noch zur Sprache. Außerdem ist festzustellen, dass es sich in Ägypten letztendlich nicht um eine erfolgreiche Revolution handelt, da zwar ein vergreister Präsident aus dem Amt gejagt wurde, das Regime an sich aber weiterhin an der Macht ist. Dass das Internet auch eine ganz neue Welt von Überwachungsmöglichkeiten bietet und von Regierungen zur Not auch einfach abgeschaltet werden kann, lässt zumindest fraglich erscheinen, ob es weitere “Facebook-Revolutionen” geben wird.

Fun Fact #1
Die Vorstellung, dass mit Twitter und Facebook ausgerechnet zwei Firmen aus Kalifornien den Unterdrückten der Dritten Welt die Freiheit bringen könnten, ist nicht umsonst so oft in den Medien. Unabhängig vom Wahrheitsgehalt handelt es sich um einen attraktiven Gedanken für westliche Journalistinnen und Journalisten, weil die betreffende Technik von ihnen schon lange genutzt wird, während sie sich etwa in Ägypten gerade erst ausbreitet. Die sozialen Medien erlauben es, den eigenen computerisierten Alltag nicht nur in Beziehung zum Geschehen im Nahen Osten zu setzen, sondern sich selbst in einer Position zu wissen, die die anderen noch nicht erreicht haben.

London calling

Und im hochentwickelten Westen? Zumindest von der Bildwelt her kamen die randalierenden englischen Jugendlichen, die im August letzten Jahres Polizei-Autos, Läden und Häuser demolierten, dem romantischen Ideal einer Revolution am nächsten. Fünf Menschen starben. Auslöser war das Erschießen eines jungen Mannes durch die Polizei. Vgl.: Khaled Said in Ägypten und Mohammed Bouazizi in Tunesien.

Während in Spanien die zerfallende Mittelschicht freundlich auf öffentlichen Plätzen kampierte, randalierte in England die längst marginalisierte Unterschicht. Schnell als unpolitische Randale abgetan, hatten die Riots nach einer Untersuchung der „London School of Economics“ und des „Guardian“ doch politische Gründe, allen voran wenig überraschend den Hass auf die Polizei.

Organisiert wurden die spontanen Aktionen nicht über Facebook oder Twitter, sondern über Mobiltelefone und Kurznachrichten. Das ist nur folgerichtig: Solche Aktionen lassen sich nicht im Vorhinein öffentlich planen, Facebook ist deshalb nutzlos. Wer die Polizei angreifen, Autos anzünden und Elektronikmärkte ausplündern will, spricht sich besser mit seinen Freunden am Telefon ab, als eine Facebook-Gruppe zu gründen. Denn die Erkenntnis, dass man mit Facebook theoretisch mehr organisieren könnte als seinen Freundeskreis, ist auch der Polizei schon gekommen, weshalb in Deutschland die sogenannten Facebook-Partys schon misstrauisch beäugt und mitunter von Großaufgeboten der Polizei begleitet wurden. Sollte jemand planen, über Facebook so etwas wie eine unangemeldete, ungeordnete Demonstration zu organisieren, darf er mit der Aufmerksamkeit der Polizei rechnen.

Occupy something

Derweil steht die ganze Welt vor der Frage, wie man mit der neuesten Krise des Kapitalismus umgehen soll. Dass gleichzeitig für die Länder des Nahen Ostens genau dieser Kapitalismus mit angeschlossener Demokratie als zu erreichendes Ideal gilt, kann man getrost als Treppenwitz der Geschichte verbuchen. (Und es ist wahr: Für die Bevölkerung der arabischen Länder wäre eine Demokratie nach westlichem Vorbild ein wunderbarer Fortschritt. Wer allerdings auf eine ernsthafte Debatte darüber hofft, ob man nicht doch nochmal etwas anderes, besseres probieren sollte, darf sich sicher sein, dass der Aufstieg der Demokratie zum Exportschlager dabei nicht helfen wird.) Wenig überraschend konnten denn auch in der Finanzkrise weder der Marxismus noch andere linke Welterklärungen punkten. Stattdessen gab es die „Occupy“-Bewegung, die zumindest in Europa vor allem aus Verschwörungs-Fans und anderen Idioten bestand, die kaum diskutable politische Äußerungen zustande brachten. Sie verdeutlicht aber in der Debatte über den Fortschritt, den die neuen Medien mit sich bringen könnten, einen interessanten Punkt. Denn das Ideal, das „Occupy“ zu reproduzieren sucht, ist keines vom Fortschritt, sondern eines aus der guten alten Zeit. Der amerikanische Publizist Mark Greif, selbst bei „Occupy“ aktiv, schrieb darüber:

„Wenn es eine Vorstellung gibt, der die Occupy-Lager in New York, Oakland, Los Angeles, Atlanta, Chicago, Boston, Washington und hundert weiteren Orten am ehesten entsprechen, dann ist es wohl das Bild von der amerikanischen Kleinstadt, welches wir alle in uns tragen. Ich finde es erstaunlich, dass das noch niemand so gesagt hat. [….] [Ich bin] davon überzeugt, dass im
Hintergrund eine sehr alte, für die sogenannte ‘Mittelschicht’ (in dem Sinne, in dem jeder Amerikaner, egal ob reich oder arm, sich zur Mittelschicht rechnet) typische Vorstellung mitschwang, deren Ursprünge bis in die Zeit Thomas Jeffersons zurückreichen: die Vereinigten Staaten als Erfolgsmodell auf der Grundlage der idealtypischen Kleinstadt, die es immer wieder zu reproduzieren gilt, egal in welcher Gegend und in welchem Klima.“

Früher war alles besser

Für die neueste Spielart der sozialen Proteste ist die Kleinstadt die ideale Gemeinschaft, in der die Bewohner ihr Leben noch selbst in der Hand haben und im ur-demokratischen Austausch der Townhall-Meetings ihre Dinge gemeinsam regeln. „Occupy“ will das zurückhaben, was Globalisierung und Kapitalismus längst unmöglich gemacht haben.
In Spanien ist es ähnlich, Millionen junge Arbeitslose sind keineswegs gegen den Kapitalismus, im Gegenteil: Sie wollen vom Kapitalismus das, was ihre Eltern noch hatten, was für sie selbst aber nicht mehr zu erreichen ist. Und auch in den Camps zeigt sich, dass es sich mitnichten um eine irgendwie sozialistische Bewegung handelt. Vielmehr sind es die Leute, die im Kapitalismus gerade zu den Verlierern gehören; die verschuldeten Kinder der Mittelschicht teilen ihre Lager mit Obdachlosen und können politisch nicht viel mehr äußern, als dass sie mit ihrer Situation unzufrieden sind. Insofern sind weder ihre Motivation, noch ihre Organisationsform, noch ihre Inhalte neu.

Fertigmachen zum weitermachen

An der Spitze des Fortschritts stehen die Piraten aus der gleichnamigen Partei, die inzwischen nicht nur im Berliner Abgeordnetenhaus sitzen, sondern sich mit Umfragewerten um die neun Prozent auch berechtigte Hoffnungen auf einen Einzug in den Bundestag machen dürfen. Marxistische Theorie ist auch an dieser Bewegung spurlos vorbei gegangen; die Piraten sehen ihre Freiheit nicht durch 40 Stunden Lohnarbeit in der Woche bedroht, sondern durch bestimmte Vorstellungen von Urheberrecht und den ausufernden Überwachungsstaat. Als originäre Nerd-Partei sind die Piraten ein vom Aufkommen des Internets und der sozialen Medien nicht zu trennendes Phänomen.

Wenn es um die Vorratsdatenspeicherung oder, aktueller, um internationale Abkommen wie „Acta“ geht, erweisen Piraten und Konsorten sich als durchaus kampagnenfähig. Hier hat sich eine Bürgerrechtsbewegung gebildet, die das Land vor übermotivierten Innenpolitikern und ratlosen Konzernen schützen will – eine Aufgabe, die die etablierten Parteien ein wenig vernachlässigt haben. Konkurrenz haben die Piraten dabei in eigens gegründeten Verbänden mit lustigen Namen wie „Digitale Gesellschaft“, einer Vereinigung von Leuten, deren Qualifikation darin liegt, dass sie über Internetanschluss und linksliberalen Gestus verfügen und die bei den Medien dankbar als Stimme des Internets genommen werden, wenn Sascha Lobo mal nicht ans iPhone geht. Zu nennen wäre natürlich auch noch der „Chaos Computer Club“, der ein bisschen älter ist und weiser daherkommt.

An der Spitze des Fortschritts stehen die Aktivisten insofern, als sie daran arbeiten, einer Branche, in der kaum noch Geld verdient wird, wieder auf die Beine zu helfen. Filme, Musik und Zeitungen werfen kaum noch etwas ab, seit ihnen der technische Fortschritt in die Quere gekommen ist. Und wenn kein Geld mehr verdient wird, dann muss im Kapitalismus jemand etwas unternehmen. Dafür steht die „Netzgemeinde“ längst bereit und arbeitet daran, die Verwertungsketten gegen den Widerstand von schwerfälligen Riesenunternehmen und tumben Politikern wieder in Stand zu setzen. Neben einer Art neuen Urheberrechts werden die progressiven Kräfte die Demokratie auch mit allerlei Gedöns beehren, das der etwas langweilig gewordenen Volksherrschaft neues Leben einhauchen könnte: „Adhocracy“ zum Beispiel heißt ein spannendes Mitmach-Programm für jedermann, mit dem viele Fragen des täglichen Zusammenlebens in Zukunft am Computer effizienter, gerechter und unter direkter Beteiligung von echten Menschen entschieden werden könnten. So bleibt alles gleich und wird ganz anders.

Fun Fact #2
Das Internet steht im Westen fast allen Menschen offen – zur Benutzung. Dabei wird die Illusion der Teilhabe geschaffen, die den Kapitalismus insgesamt auszeichnet: Man kann alles kaufen, was produziert wird; man kann aber nicht mit darüber entscheiden, was überhaupt produziert wird. Der Fortschritt kommt über die Menschen wie der Regen, vielleicht vorhersagbar, aber nicht zu beeinflussen.

Talking about my generation

Gut möglich, dass der technische Fortschritt die längst überfällige Modernisierung der arabischen Welt angestoßen hat. Ebenso gut möglich, dass die Modernisierung noch eine Weile auf sich warten lassen wird, während Islamisten und andere Reaktionäre sich in den endlich aufgebrochenen politischen Verhältnissen austoben dürfen.

Mit Piratenpartei und Internet-Verbänden sind Blogs und Internetkultur derweil im bundesdeutschen Betrieb angekommen und damit ein gutes Beispiel dafür, wie der Fortschritt alles bewahrt. So schön das einmal klang, dass im Internet nun fast alle fast alles veröffentlichen können, so wenig hat es an den Verhältnissen geändert. Die zeitlich nach den ersten Blogs entstandenen Plattformen Facebook und Twitter haben sich als praktische Tools erwiesen, keine vernünftige Mobilisierung ist ohne Facebook noch komplett; sie haben sich aber auch als Privatangelegenheit erwiesen. Wo man sich nicht, wie in Tunesien geschehen, vor auf Hausdächern liegenden Scharfschützen warnen muss, kann man sich in Ruhe über die Tweets von Erika Steinbach aufregen und gleich anschließend merken, dass das Ideal eines vernünftigen Austauschs zwischen vernünftigen Menschen nur noch weiter in die Ferne gerückt ist. Das Internet ist ein Hort der bornierten Selbstgerechtigkeit. Wer früher nickend seine Zeitung las, drückt jetzt Retweet. Und dann alles weiter wie bisher.

Mordmaschinen im Vergleich February 6, 2012 | 03:18 pm

Wolfgang Pohrt hat ein neues Buch geschrieben. Es heißt “Kapitalismus Forever: Über Krise, Krieg, Revolution, Evolution, Christentum und Islam”.
Um das Buch ins Gespräch zu bringen, wurde ein Auszug im Tagesspiegel als Essay veröffentlicht, natürlich einer zu einem kontroversen Thema: dem Islam. Erwartbarerweise hält Pohrt den Islam nicht für eine schlimmere Religion als dessen Konkurrenten, und so trägt er, der als Vordenker der Antideutschen gilt, sich erneut den Zorn der ex-antideutschen Kreise zu, die ihn schon vor neun Jahren einmal abgeschrieben hatten. Nun schreibt Pohrt stellenweise immer noch so brilliant wie früher, eine Kostprobe (PDF):

Sahra Wagenknecht also, die immer so aussieht, als käme sie frisch aus der Maske für einen Historienfilm im Zweiten. Auf echt geschminkt spielt die Rosa-Luxemburg-Doublette Kapitalschützerin und sorgt sich im Großkapitalistenblatt um den Mittelstand. So lustig war Volksfront noch nie.

Kein Wunder, dass viele von denen, die gerne so schreiben können würden wie er, ihn irgendwann hassen gelernt haben und die ersten sich jetzt in die Jagdkleidung werfen, wo Pohrt ein vom Verlag als “assoziativ” geschrieben beschriebenes Buch heraus gibt, eine recht lose Ansammlung von Gedanken also. Er scheint angreifbar. Der erste, der sich ausführlich auf Pohrt gestürzt hat, ist Clemens Heni, der Pohrt aufgrund des Tagesspiegel-Texts gleich mal das “Ende des Denkens” vorwirft – drunter macht man’s heutzutage ja nicht mehr. Man muss nicht jeden Absatz aus Pohrts Text akzeptabel oder angemessen finden, um zu erkennen, dass er gegen Henis halbgare Attacken zu verteidigen ist.

Pohrt:

In jedem Diskussionsforum im Internet gibt es faschistische Hetzer, die Koransuren angeblich aus dem Original zitieren, um zu beweisen, wie schrecklich und gefährlich der Islam sei. Diese Akribie erinnert an Eichmanns Judenreferat im Reichssicherheitshauptamt der SS, wo mit der Zeit die umfassendste Sammlung von Judaika zusammengetragen wurde und die Beflissensten unter den Mördern sogar Hebräisch gelernt hatten. Die kannten den Talmud besser als jeder Jude. Und so ist das heute auch. Die Moslemfresser können Koransuren zitieren, die einem Moslem mit Sicherheit unbekannt sind.

(Hervorhebung von mir.)

Nun ist es natürlich Quatsch, dass diese faschistischen Hetzer sich in “jedem Diskussionsforum im Internet” finden würden, aber mit den tatsächlichen Fehlern in Pohrts Text beschäftigt Heni sich nicht. Dafür klärt er etwas anderes auf: Laut Heni werden mit dem zitierten Absatz “Kritiker des Jihad als Faschisten, ja als Nazis diffamiert”. Das ist interessant, weil Heni damit bestätigt, dass genau die Leute, die Pohrt zu recht als “faschistische Hetzer” bezeichnet, bei ihm als “Kritiker” durchgehen. Heni macht nicht etwa die Aufteilung “Schmuddelkinder von PI & Co einerseits – Islamkritiker andererseits” auf, er liest nur “faschistische Hetzer” und macht sich dann zum Verteidiger derselben.

Nicht zum ersten Mal soll Pohrt jetzt als Antisemit geoutet werden: “Die Kritik am Islamismus in die Nähe von Auschwitz zu rücken, ist schon antisemitisch.” Um diesen Vorwurf zu machen, muss man erst einmal ignorieren, dass Pohrt nicht vom Islamismus, sondern vom Koran gesprochen hat. Schließlich gilt die angesprochene Hetze auch nicht den Islamisten (dann wäre es keine), sondern allen als Muslime wahrgenommenen Menschen. Und es ging Pohrt auch nicht um die Kritik, die er auch nicht mit Nazi-Texten verglichen hat, sondern um die Akribie, mit der in teils irrelevanten uralten Texten gewühlt wird, um eine Feinderklärung möglich zu machen. Pohrt behauptet nicht einmal ansatzweise, dass Moslems heute wie die Juden damals verfolgt werden würden. Er behauptet auch nicht, dass das Ressentiment gegen den Islam mit dem Antisemitismus vergleichbar wäre. Und erst recht betreibt er keine “Banalisierung von Auschwitz”, wie Heni unterstellt. Stattdessen bemerkt er, dass die Akribie der Moslemfresser beachtlich und nicht neu ist; und jeder, der sich mal kurz auf “Politically Incorrect” über den Koran informiert hat, weiß, dass er recht hat.

Wieder Pohrt:

Also zurück zum Islam. Ist das eine besonders schlimme Religion?

Nein, im Gegenteil. Als Mordmaschine war das Christentum effizienter. Die Indianer in Südamerika und später in Nordamerika plattgemacht, im 30-jährigen Krieg einander verhackstückt, die Scheiterhaufen, die Folterkammern und die beiden Weltkriege mit an die 70 Millionen Toten – waren das etwa keine Christen? Und Auschwitz? Waren das die Moslems?

Wieder muss Heni sich mehrfach verlesen, um Pohrt angreifen zu können: “Die Gleichsetzung von ‚Indianerausrottung‘ und Holocaust ist ein sekundärer Antisemitismus,…” Nur schade, dass Pohrt beides nicht gleichgesetzt hat, sondern ganz unterschiedliche Ereignisse aufzählt, die eben eines gemeinsam haben: Es sind große Menschenmassen umgebracht worden. Auschwitz steht, wenn man genau hinguckt, nicht einmal in einem Satz mit den anderen Ereignissen, sondern unter einer neuen Fragestellung in einem neuen Satz – was den Vorwurf der Gleichsetzung noch absurder und frecher macht.

Heni weiter: “Die dümmliche Gleichsetzung von Erstem und Zweitem Weltkrieg passt dazu, wobei übrigens beide Kriege als christlich dargestellt werden und nicht etwa als von Deutschen verursacht.” Dümmlich ist hier weiterhin nur Henis Vorstellung einer “Gleichsetzung”, man muss sich das nochmal vor Augen halten: Aus dem Satzbaustein “die beiden Weltkriege mit an die 70 Millionen Toten” leitet er ohne jede weitere Begründung eine Gleichsetzung von beiden Weltkriegen ab, was auch immer die nun eigentlich sein soll.

Beeindruckend ist die Feststellung, dass die Kriege doch gar nicht christlich gewesen seien, sondern von Deutschen verursacht worden seien. Kein falscher Einwand: Nicht alle historischen Ereignisse werden von der vor Ort verbreiteten Religion bestimmt. Aber ist das jetzt ein Einwand, den ausgerechnet die Verfechter der Islamkritik gegen einen Sozialisten vortragen sollten?
Zum Lachen wird das Thema, als Heni später behauptet: “Wenn Pohrt ernsthaft schreibt, der Islam hätte noch fast nichts auf dem „Kerbholz“ leugnet er [...] u.a. auch die über 10 Millionen Toten, jene afrikanischen Sklaven, die Opfer des islamisch-arabischen Sklavenhandels wurden.” Die Opfer des Sklavenhandels (den er später tatsächlich als “islamischen Sklavenhandel” bezeichnet) will Heni also auch auf das Konto einer Religion verbuchen, was angesichts der offenkundigen ökonomischen Komponente von Sklaverei schon bemerkenswert ignorant ist. Notabene: Er schreibt das im selben Text, in dem er zuvor darauf hingewiesen hat, dass das Christentum schwerlich für alle Toten in der christlichen Welt verantwortlich gemacht werden kann.

Es folgt dann eine langwierige Aufzählung ohne erkennbaren Bezug zu Pohrt, in der Heni erwähnt, wer den Nazis alles gerne beim Holocaust behilflich war. Darunter auch – man glaubt es kaum – Muslime. Sollte das ernsthaft als Antwort auf Pohrts rhetorische Frage “Und Auschwitz? Waren das die Moslems?” gedacht sein, sollte Heni vielleicht noch einmal über seine eigenen Schuldabwehr-Mechanismen nachdenken.

Weiter: “Doch Fakten interessieren einen Ideologen wie Pohrt (‚der Kapitalismus ist an allem Schuld‘) überhaupt nicht, …”
Heni, der Pohrt schon zu Anfang seines Textes vorgeworfen hat, er habe in den 80ern so getan (!), “als habe er die Kritische Theorie von Horkheimer und Adorno zur Kenntnis genommen”, will vom Kapitalismus nicht reden, vom Faschismus allerdings auch nicht schweigen.

Zuerst muss er aber einen weiteren Absatz Pohrt falsch verstehen.

Pohrt:

Man will über den Islam sprechen und landet beim Christentum. Neuer Versuch: Fangen wir an mit dem 11. 9. 2001, den Anschlägen auf die Twin Towers und auf das Pentagon. Wer war’s? Natürlich Osama bin Laden und seine Crew. Aber das Drehbuch für den Horrorfilm kam aus Amerika. Mit dieser Szene endet Tom Clancys Bestseller „Ehrenschuld“, und sein Bestseller „Befehl von oben“ beginnt damit. Nur ist der Typ, der seine Maschine aufs Kapitol krachen lässt und damit die gesamte politische Spitze einschließlich des Präsidenten ausradiert, bei Clancy ein rachsüchtiger Japaner. Die Thriller erschienen 1994 und 1996, damals hatte man noch andere Feindbilder.

Was zeigt uns das? Osama bin Laden hat nicht nur amerikanische Serien im TV geguckt – „Fury“ mochte er am liebsten –, er war auch ein Fan von Tom Clancy. Und vermutlich kannte er Katastrophenfilme wie „Erdbeben“ oder „Flammendes Inferno“. Also: Wo uns der Islamismus am finstersten und archaischsten erscheint, ist die Verwestlichung am weitesten fortgeschritten.

Was steht nicht in diesem Absatz? Genau: “Der Westen sei also selber Schuld (sic!) am Massenmord von 9/11.” Was noch nicht? “Die Kriegserklärung der Islamisten gegenüber dem Westen, wie sie z.B. schon 1998 in einem Dokument Bin Ladens deutlich wurde, wird komplett geleugnet. Pohrt verwechselt Fiktion und Wirklichkeit, ja für ihn ist die amerikanische Fiktion im Filmwesen schlimmer als die islamistisch-massenmörderische Wirklichkeit.”

Heni hat hier schlichtweg nicht verstanden, was Pohrt sagen will: Die Verwestlichung des Islam ist im vollen Gange und zeigt sich selbst im antiwestlichen Terroranschlag noch. Al-Qaida als weltweit operierendes Netzwerk ist ein gutes Beispiel, und die spektakuläre Inszenierung des Massenmords ein weiteres. Antiamerikaner holen sich ihre Anregungen zum Krieg gegen die westliche Dekadenz aus der amerikanischen Kulturindustrie. (Wenn’s denn stimmt, mit den Anregungen, wer weiß, wo Pohrt das her hat.) Aber auch ohne diese Anekdote ist die Verwestlichung des Islam schwer zu leugnen. Wer will, kann mehr über die zugrundeliegenden Prozesse bei Olivier Roy nachlesen. Für Islamkritiker empfiehlt sich das allerdings nicht recht, da sie die Vorstellung eines klar von ihrem eigenen Kollektiv, sei es nun das Vaterland oder “der Westen”, abtrennbaren Islam nicht würden aufrecht erhalten können.

Inzwischen wurde Pohrt gleich zwei Mal als antisemitisch gebrandmarkt, aber das kann natürlich noch nicht alles sein: “Der positive Rassismus von den Pohrts dieser Welt liegt darin, Muslime und Islamisten nicht als Subjekte ernst zu nehmen.” Wiederum bemerkenswert von einem, der als handelndes Subjekt den Islam ausgemacht hat, der u.a. Afrikaner versklavt.

Weil Pohrt das deutsche Establishment zu sehr hasst, um zuzugeben, dass der Antisemitismus der islamistischen Parteien diese zu deutlich unangenehmeren Zeitgenossen als die Christdemokraten macht, meint Heni, ihn indirekt als “Freund des blutigen Jihad” verleumden zu dürfen. Aber auch das reicht ihm noch nicht, Pohrt ist auch noch “wie ein kleines Kind”. Dass er “bei Wahnsinnigen wie der iranischen Führung vom cui bono” fabuliere, könnte man als Lüge bezeichnen, weil nichts dergleichen bei Pohrt vorkommt. Wahrscheinlicher ist aber, dass auch hier wieder einfach nicht verstanden wurde, was wirklich gemeint war. In diesem Fall also, Pohrt: “Ich will wissen, wie die Leute ticken, und das weiß ich. Nämlich so: Allah ist groß – aber ein Cadillac ist größer. Dem Iran geht es um Atomwaffen, nicht um fromme Sprüche.” Womit Pohrt den berechtigten Hinweis bringt, dass ein Staat kein Gottesstaat sein muss, um auf die Idee zu kommen, mit einer Atombombe seine Macht auszubauen; dass mithin also (politische) Prozesse existieren, die nicht von der Religion oder Ideologie, sondern von Geld und Macht u.ä. bestimmt werden. Zwar hat er damit sicher 99% derjenigen auf seiner Seite, die sich akademisch mit den internationalen Beziehungen beschäftigen, aber denjenigen, die sich beruflich oder anderweitig obsessiv mit Ideologie beschäftigen, ist diese Erkenntnis manchmal ein bisschen verloren gegangen. Womit natürlich über den tatsächlichen Einfluss religiöser Faktoren auf die iranische Außenpolitik noch nichts gesagt ist.

Heni:

Wer sich einigermaßen realitätsnah mit der Welt befasst, erkennt: die größte Gefahr für den Weltfrieden und für Israel und die Juden geht von einem möglicherweise atomar bewaffneten Iran aus. Nicht viel weniger gefährlich ist der ebenso islamische Antisemitismus des Iran schon jetzt, sowie jener in weiten Teilen der arabischen Welt, …

Der Antisemitismus des Iran ist also ähnlich gefährlich wie der Iran? Das ist ein bisschen gaga. Ist in Blogs natürlich schon mal erlaubt, aber nicht in hasstriefenden Verrissen. Dass einer, der für sich beansprucht, sich “einigermaßen realitätsnah mit der Welt” zu befassen, im gleichen Absatz einen “Weltfrieden” konstatiert, der anscheinend existent und bedroht ist, das muss man so am Rande mitnehmen. Heni behauptet in seinem Text zwei Mal, Pohrt befasse sich nicht mit der Realität, ein weiteres Mal konstatiert er gleich Realitätsverlust. Und dann schreibt er:

Keine dieser Sendungen [bekannte Fernseh- und Radioformate, d.A.] hat das Problem Islamismus je ernst genommen. Seit 9/11 sind vielmehr ein Abwiegeln und eine ungeheuer große und aggressive Agitation gegen Kritiker des islamischen Antisemitismus und der islamistischen, antiwestlichen Ideologie zu erkennen.

Wer nach dem 11. September keine ernsthaft besorgten Beiträge über Islamismus mitbekommen hat, der wollte auch keine mitbekommen. Aber auch das ist nicht besonders originell, schließlich gehört es zum kleinen Einmaleins jedes Agitatoren, die eigene Sache als unterrepräsentiert, ja totgeschwiegen und gleichzeitig heftig attackiert zu präsentieren, so machen das vermeintlich im “linken Mainstream” marginalisierte Reaktionäre ebenso wie die Palästina-Solidarität oder eben die Heimatschützer von der Islamkritik.

Zusammengefasst: Pohrt ist laut Heni ein kleines Kind mit Realitätsverlust, antisemitisch (primär und sekundär), ein Rassist, ein Freund des blutigen Jihad, dümmlich soll er sein und sein Text nur Gedankenmüll. Wie kommt es, dass sich einer wie Heni das traut? Vielleicht ist die Tatsache, dass bei Pohrt nicht mehr jede Zeile perfekt sitzt, das Zeichen, dass man dem großen Polemiker jetzt endlich zuleibe rücken kann. Und wenn Pohrt endlich, endlich erledigt ist, müssen seine Ex-Bewunderer auch nicht mehr so darunter leiden, dass sie nie so schreiben konnten wie er, nie so luzide denken, nie so vernichtend kritisieren konnten. Sie müssen sich dann nicht mehr damit plagen, dass sie nach Pohrts Kritik an der deutschen Linken kaum noch einen eigenen originellen Gedanken zustande bekommen und stattdessen immer und immer wieder dasselbe über Friedensbewegung, Ökos und andere Linke geschrieben haben, weil es so schön einfach war und weil es so unbedingt richtig war, was Wolfgang Pohrt damals geschrieben hat.

Jetzt wird von allen Seiten festgestellt werden, dass Pohrt sich gewendet habe. Manche werden das ganz gönnerhaft bedauern, der Pohrt war doch ein Guter, was hat ihn bloß so ruiniert, bla bla, andere werden Gift und Galle spucken, so wie Heni, und wieder andere werden sich freuen, dass die antideutsche Galionsfigur vermeintlich in ihr Lager gewechselt sei und jetzt den Islam gut finde – was natürlich nicht stimmt. Angesichts dieser Schlacht um den alten Mann lohnt es sich, seine alten Texte noch einmal zu lesen, zum Beispiel im großartigen Sammelband “Gewalt und Politik”. Wer diese jahrzehntealten Texte jetzt neu liest, wird feststellen, dass Pohrt nie die Positionen vertreten hat, die Antideutsche unter verschiedenen Labels in den letzten 15 Jahren vertreten haben. Pohrt hat sich nie für die USA oder Israel eingesetzt, er hat sich stets gegen selbstgerechte Deutsche und deren Ressentiments gewandt. Er hat die Deutschen zum Beispiel auch nicht aufgefordert, die Kritik an den USA zu unterlassen, sondern sie darauf hingewiesen, dass man für eine solche Kritik erst einmal die Selbstbezeichnung und Identität als Deutscher aufgeben müsse. Der Vietnamkrieg war für ihn schon damals ein “Vernichtungsfeldzug”, Israel bescheinigte er selbst in seinen Attacken auf dessen deutsche Feinde noch “mörderische Operationen” im Libanon. Es gibt einige Beispiele mehr, die auch den Pohrt von damals heute zur Zielscheibe für Hassattacken machen würden. Pohrt hat für die herrschende Klasse nichts übrig, und dass er sich einem aufgeblasenen Kult zur Rettung der kapitalistischen Staaten vor der Barbarei und vor fremdgläubigen Migranten anschließen würde, war nie zu erwarten. Es ist insofern eine absurde Vorstellung, Pohrt hätte sich zur Debatte um Islamkritik anders verhalten können, als er es jetzt getan hat.

One solution – evolution! September 16, 2011 | 11:19 am

Die heutige Medienanalyse gilt folgendem Bild, das ich ohne zu fragen vom Antifaschistischen Netzwerk beziehungsweise der Antifa Westhavelland geklaut habe.

Fangen wir mit der bildlichen Darstellung an: Die Vorfahren der hier aktiven Neonazis haben offensichtlich erst Ende des ersten Jahrtausends den aufrechten Gang gelernt. Als Jesus über den See Genezareth spazierte, schlug sich ein merkwürdiges Mischwesen aus Affe, Katze und Bär durch die später ostdeutsch werdenden Gebiete. Gegen Ende des Mittelalters war aus diesem erstklassigen Genmaterial ein deutscher Wandersmann entstanden, der sich 1945 böse verletzt haben muss, woraufhin er sich einen Stock zulegte und anschließend für einige hundert Jahre unsichtbar wurde. Doch damit nicht genug der merkwürdigen Ereignisse: Weil sich Zeit und Raum etwas gekrümmt haben, sind wir in dieser Zeit nur bis ins Jahr 2011 voran gekommen, und der politische Nachwuchs des eingangs gezeigten Halbaffen hat sich seit 1945 kein Stück verändert. Ab jetzt wird er, wenn das nach 1945 aufgetretene Raum-Zeit-Gelöt hält, noch mehrere Jahrzehnte brauchen, um sich seines Unterleibs zu entledigen, dabei dennoch deutlich zu wachsen, und an seinem Krückstock eine Fahne zu befestigen. Eine Rückkrümmung der Zeit hingegen würde bedeuten, dass er darauf noch mehrere hundert Jahre warten muss.

Was kann nun die ausführliche Beschriftung zum besseren Verständnis des Transparents beitragen? “Vom Schuldkult zur Mitschuld” – ist das zeitlich zu verstehen? Da der “Schuldkult” in der Mitte der Zeitleiste eingeordnet ist, würde das die “Mitschuld” dahinter einordnen. Fraglich ist nun, ob sie sich auf die Revolution bezieht – eine Mitschuld an der Revolution? – oder auf ein noch dahinter liegendes Ereignis, eventuell gar auf das Nachfolgetransparent für die nächste Demonstration, in dem die ganze Sache dann aufgelöst wird. Denkbar wäre dann, dass die Revolution scheitert, vielleicht weil eine Fahne einfach keine hinreichende Waffe mehr ist, so um 2109 rum, und dann hinterher die Mitschuldfrage gestellt wird.

Vielleicht ist die Mitschuld aber auch im Zusammenhang zur gezeigten Evolution zu sehen: Aus dem Affen wird ein sich seiner selbst bewusst seiender Mensch, genau wie Eva und Adam sich ihrer selbst erst bewusst wurden, als sie vom Apfel aßen – der Sündenfall. Selten wurden Evolution und christliche Theologie so gekonnt verzahnt, selten wurde der katholische Schuldkult so subtil kritisiert.

Aber stellen wir uns nicht dumm, lesen wir mal bei den Künstlern selbst nach:

“…darauf aufmerksam zu machen, was der Schuldkult im Laufe der Jahrzehnte mit unserem Volk angerichtet hat. Wir wurden zum ewigen Täter erklärt und fressen jede noch so dreiste Lüge, ohne sie auch nur einmal zu hinterfragen. (…) Mit dieser Ignoranz, trägt ein gesamtes Volk Mitschuld an den Missständen auf der Welt.”

Hört, hört! Die Kollektivschuldthese ist wieder da, unwahrscheinlicherweise vorgetragen von ostdeutschen Neonazis. Die antideutschen Nationalsozialisten sind geboren, und ihr Vorwurf lautet auf nicht weniger als “Mitschuld an den Missständen auf der Welt”. Ein “gesamtes Volk” wird hier angeklagt, und das Rezept gegen den “Schuldkult” der Deutschen ist der Vorwurf an sie, schuldig zu sein. Damit sind die Kameraden schon vor der Revolution bei einer Erkenntnis angelangt, für die der Führer ein ganzes Leben und einen verlorenen Krieg gebraucht hat: Die Deutschen, die taugen nichts.