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Fragiles Miteinander August 28, 2014 | 11:15 am

Thomas Oppermann, SPD-Fraktionschef im Bundestag, hat heute den Erfolg des Islamischen Staates erklärt: “Was wir im Augenblick erleben, ist zu einem großen Teil zurückzuführen auf den zweiten Irak-Krieg.” Die Formulierung umfasst sehr schön alles, was mit dem Thema zu tun hat: alles, was wir erleben. Inhaltlich passt diese Sichtweise der SPD und den Deutschen in den Kram, denn diesen Krieg haben sie bekanntlich immer abgelehnt.

Die FAZ zitiert Oppermann: “Damals sei das fragile Miteinander der Volksgruppen und Religionen im Irak zerstört worden.” Dieses fragile Miteinander war bis dahin bekanntlich von Saddam Hussein und Giftgaslieferungen aus Deutschland und Europa zusammengehalten worden. Heute sieht es anders aus, die Bundesregierung möchte Waffen an die Kurden liefern. Nach Oppermanns Verständnis soll mit diesen Waffen der Schlamassel behoben werden, den die Amerikaner hinterlassen haben. Gekämpft wird aber natürlich nicht gegen Amerikaner. Tatsächlich werden die deutschen Waffen mit einiger Wahrscheinlichkeit auf einen nicht weniger interessanten Gegner treffen: deutsche Staatsbürger.

Markus Ströhlein in der Jungle World:

»Mittlerweile sind weit mehr als 400 Leute aus Deutschland nach Syrien gereist«, sagte Hans-Georg Maaßen, der Präsident des Bundesverfassungsschutzes, in der vergangenen Woche dem WDR. Die Schätzungen der Gesamtzahl an Kämpfern des IS gehen weit auseinander. Nimmt man eine mittlere Zahl von 10 000 an, dann reicht es für Deutschland zwar nicht zum Exportweltmeister für Jihadisten. Doch 400 Kämpfer sind keinesfalls zu vernachlässigen, zumal insgesamt nur 2 000 bis 3 000 Milizionäre des IS aus Europa kommen.

[...]

Angesichts des Vormarschs des IS auf die irakische Stadt Mossul im Juni verwies Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) schlicht auf die USA: »Natürlich haben die Amerikaner eine ganz besondere Verantwortung.« Und sie fügte hinzu: »Was Deutschland beitragen kann – jenseits jedes militärischen Engagements –, das ist sicherlich, zu versuchen, den politischen Prozess mitzubegleiten.« Was so viel heißt wie: Sollen die Amis doch ausbaden, was sie sich im Irak eingebrockt haben – aus Deutschland gibt es höchstens schlaue Ratschläge. Hierbei handelte es sich offensichtlich um die offiziell beschlossene Regierungspolitik in der Sache.

Diese Politik bekräftigt Oppermann jetzt mit seinem Verweis auf die Verantwortung der USA. Die europäische Dimension des Islamischen Staats wird dabei nicht nur von ihm weiter vernachlässigt. Spätestens seit der Ermordung des Journalisten James Foley durch einen Briten ist sie allerdings nicht mehr zu übersehen. Nimmt man einen Anteil von 3.000 Europäern unter 10.000 IS-Djihadisten an, wird auch deutlich, dass deren Erfolg ohne die Europäer schwerlich möglich gewesen wäre. Angeblich kämpfen mehr muslimische Briten für den IS als für die britische Armee.

Herr Oppermann und Konsorten müssen sich fragen lassen, wieso hunderte Deutsche in ein anderes Land ziehen und dort morden, vergewaltigen und plündern. Sie müssen sich deshalb auch fragen lassen, welche Verantwortung Deutschland für das hat, “was wir im Augenblick erleben”. Und als Politiker darf man sie auch gerne um Lösungsvorschläge bitten.

Dass man keine deutschen Soldaten in den Irak schicken will, scheint derweil verständlich: Es sind ja schon welche da, nur halt keine von der Bundeswehr.

Das Netz ist zerrissen und wir sind frei April 11, 2014 | 12:52 pm

Der Vorteil der Demokratie ist, dass man von Leuten mit Abitur beherrscht wird. Kein grobes Herumgebelle stört mehr das eigene kultivierte Leben; stattdessen schwirren intellektuelle Elaborate erster Güte direkt aus den guten Stuben der Mächtigen zu uns herab. Denn vor der Wahl kommt die Debatte und die Kandidaten müssen beweisen, dass sie sehr angestrengt über die Fragen nachdenken, die uns alle bewegen. Vordenken und nachdenken, das können unsere Top-Entscheider. Die Interessanteren unter ihnen sind die Progressiven. Sie müssen besonders hart und gleichzeitig phantasievoll nachdenken, damit sie uns alle paar Jahre etwas neues, frisches, intellektuell stimulierendes präsentieren können. Ein gutes Thema dafür ist das Internet. Das Internet ist die Zukunft höchstpersönlich, und darin sind sie alle versammelt: der Staat, das Kapital, der Mensch. Gibt’s im Internet, gibt’s in der Zukunft. Wer progressiv ist und vor einer Wahl steht, sollte da unbedingt mal etwas zu sagen. Am besten im Internet.

Auftritt: Katrin Göring-Eckardt.

KGE: “Abends, im Winter, wenn die Bäume vor dem Haus keine Blätter tragen, kann ich in das Zimmer der Nachbarn von gegenüber schauen. Ich kenne sie nicht.”

Szenischer Einstieg, wir befinden uns in KGEs Haus. Privatsphäre füllt den Raum. Die Natur hat den Blick freigegeben. Den Blick auf das Fremde.

KGE: “Sie haben keine Gardinen. Sie schützen ihr Wohnzimmerleben nicht vor Blicken, ich kann sehen, wie Sie sich abends über die Fernsehzeitschrift beugen.”

Bürgeridylle. Zusammenleben. Vertrauen. Im Winter, wenn die Bäume keine Blätter tragen. Doch was passiert, wenn die Sonne, der runde, wärmende Ball des Himmels, aufgeht?

Auftritt: Das Internet.

KGE: “Morgens um sieben erhalte ich einen Morgengruß von @Ralf_Stegner, meistens aus Bordesholm. (…) Ich grüße nicht zurück. (…) Ralf Stegner ist Politiker. Manchmal frage ich mich, ob all die Menschen, die seine Grüße morgens lesen, sich wohl ernsthafte Sorgen machen würden, wenn er sich einmal um 8 Uhr noch nicht gemeldet hätte.”

Stegner twittert. Die digitale Welt betritt Göring-Eckardts Wohnzimmer. Diese Frau lebt neben ihren Nachbarn genauso wie neben Ralf Stegner. Ralf Stegner ist Politiker. Katrin Göring-Eckardt ist im Internet. Ich bin im Internet. Du bist im Internet. Doch wer, wer ist eigentlich Katrin Göring-Eckardt? Als Mensch? Was macht sie, wenn sie sich nicht – wie “manchmal” – fragt, ob sich Menschen Sorgen um Ralf Stegner machen würden, wenn, ja wenn?

KGE: “Ich lese in der Bahn auf dem Tablet, was in den Feuilletons steht. Ich erfahre, was Leuten wichtig erscheint, die ich wichtig finde.”

Die Fraktionsvorsitzende der Grünen liest in den Feuilletons. Sie ist eine ganze Bürgerin, und sie findet Leute wichtig. Wichtige Leute, vermutlich. Ist sie neugierig?

KGE: “Ich weiß nicht, ob ich neugieriger bin als andere oder mitteilsamer.”

KGE geht es nicht um einen Vergleich. Was weiß sie?

KGE: “Aber ich weiß ganz sicher, dass ich nicht Google bin und das Ergebnis meiner Neugier nicht die Vermarktung und Vermachtung von Daten ist.”

Ich weiß, dass ich nicht Google bin. Das weiß ich ganz sicher. Auch, dass die Vermarktung von Daten das Ergebnis von Googles Neugier ist. Doch wer nun über die korrekte Darstellung von Googles Geschäftsmodell streiten wollte, hat das entscheidende Wort im Satz übersehen: Vermachtung. Hier wird groß gedacht, so groß, dass es neue Begriffe braucht. Google vermachtet Daten, Katrin Göring-Eckardt nicht.

KGE: “Ich lege keine Dossiers an und speichere keine Daten. Ich will gern vieles wissen (können), aber ich will nicht gewusst werden. Ich will nicht preisgeben, was meines ist, aber wenn schon, will ich wissen, wer mich weiß.”

Mit der Vermachtung nicht genug, es muss noch eine sprachliche Innovation her, um die Größe der Gedanken, die hier unter das Volk gebracht werden sollen, überhaupt fassen zu können: jemanden wissen. Göring-Eckardt, wir haben verstanden. Oder: Katrin, ick weiß dir. Ist das schon Heidegger?
Unter den Tisch fällt bei diesen sprachlichen Virtuositäten fast, dass die netzaffine Spitzenpolitikerin glaubt, sie “speichere keine Daten.” Ein verzeihlicher Fehler, bei all der neuen Technik. Neue Technik, neue Begriffe, neue Ideen. Was hier rhetorisch noch fehlt, ist eine Verankerung in der Tradition, ein bisschen gravitas.

KGE: “‘Meine Seele ist gefangen im Netze des Vogelfängers, das Netz ist zerrissen und wir sind frei’, wie es in Psalm 124 heißt. Bin ich erst wieder frei, wenn das Netz zerreißt, wenn es einen Defekt hat, wenn die Verbindung gekappt wird? Ist nur ein zerstörtes Netz ein gutes Netz?”

Oder nur eine vernetzte Zerstörung eine zerstörte Güte? Und wie hat eigentlich der FC am Wochenende gespielt? Im – Achtung! – Netz ist in Übersetzungen die Seele schon im ersten Satz entronnen und nicht gefangen, aber das muss nicht unbedingt auf schlampiges Abtippen einer irrelevanten Bibelstelle hindeuten. Wo Gott ist, ist die Macht nicht fern. Wer? Die Macht? Die Macht:

KGE: “Unser alltägliches Verhalten bestätigt, dass die Macht von außen kommt: Anstatt bei der Buchhändlerin um die Ecke einzukaufen und mit ihr bei einem kleinen Plausch über die neueste Lyrik oder den besten Krimi zu fachsimpeln, lassen wir uns von anonymen Algorithmen durchs Netz lotsen und uns von Amazon beraten.”

Die Buchhändlerin kommt schließlich nicht von außen, sondern vom großen Wir, das jetzt aber bei Amazon einkauft. Heißt das, dass die Buchhändlerin ihre Bücher auch bei Amazon kauft? Egal. Die Macht ist da und mit ihr steigt der Foucault-Faktor und mit ihm wiederum der intellektuelle Wert dieses Textes. Jetzt bloß nicht nachlassen!

KGE: “Amazon hat im vergangenen Jahr einen Umsatz von 10,535 Milliarden Dollar in Deutschland erwirtschaftet.”

Schnarch.

KGE: “Untersuchungen zeigen, dass die Gruppen im Alter von 45 Jahren an die am stärksten wachsenden Nutzer-Segmente sind.”

Was die alles weiß! Der sollte man mal ein Amt geben!

KGE: “Das Netz ist kein Imperium ohne Außen, sondern ein Möglichkeitsraum, in dem Einzelne Gegenmacht von unten aufbauen können.”

Möglichkeitsraum, nicht schlecht.

KGE: “Es gibt nicht die eine große Verschwörung, denn die Macht muss nicht bei einer Gruppe liegen, sie muss weder oben noch unten konzentriert sein. Sie ist immer in Bewegung, wenn wir sie in Bewegung bringen. Diese Verflüssigung ist die große Möglichkeit an den neuen digitalen Verhältnissen.”

Verflüssigung der Macht! Famos! Wer sich vor den von KGE gedungenen Mitarbeitern der Jobcenter, einem prügelnden Polizisten oder anderen Vollstreckern der real existierenden Herrscher wiederfindet, liquidiert sie einfach mit seinem Twitter-Account! Wir stehen also eigentlich nur vor der Frage, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.

KGE: “Die Frage ist, ob wir die Macht aus der Hand geben oder ob wir sie nutzen.”

Sag ich ja. Aber wer sind eigentlich wir? Wir FAZ-Leser? Wir Deutschen?

KGE: “Die Frage ist, ob wir als Bürgergesellschaft im Netz staatliche Kontrolle verlangen und zugleich staatlichen Schutz vor unsäglicher Schnüffelei durch Geheimdienste und Abgreiferei durch Mega-Unternehmen fordern.”

Die Bürgergesellschaft sind wir! Und wenn wir “die Macht nutzen” heißt das, dass wir staatliche Kontrolle und staatlichen Schutz fordern. Als Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag ist KGE da in der komfortablen Stellung, dass sie das gleich von sich selber fordern und dann gegebenenfalls gewähren kann. Aber ist das nicht alles ziemlich staatsfixiert?

KGE: “Das klassische sozialdemokratische Denken eines Martin Schulz verkennt diese „Liquid Power“, (…) Ja, wenn man so will, zeigt sich in seinem interessanten und informierten Text eine klassische Staatsfixierung (…)”

Genau, staatsfixiert sind immer die anderen. Schulz hat nicht erkannt, dass man sich im Internet doch recht freundlich an den Staat wenden kann. Denn:

KGE: “Er schaut auf die großen Machtblöcke und sieht nicht, was sich im Kleinen zwischen den Menschen tut. Die Macht hat keinen Ort, sie spielt sich in Zwischenräumen ab.”

Macht ist bei Katrin Göring-Eckardt nichts, was Menschen ausüben, schon gar nicht sie und ihre Bande. Macht “spielt sich ab”. Diese Formulierung ist kein Zufall, sondern zweckdienlich: Statt über Herrschaft zu sprechen, kann man bequem über Macht palavern und diese selbst denen zuschreiben, die nichts zu melden haben und von KGE und Konsorten in ausgeklügelte Ausbeutungsverhältnisse geprügelt werden. Das Konzept hat sie sich natürlich nicht selbst ausgedacht, es funktioniert nur sehr gut für sie, es ist ein Konzept für Bürger und Staat. Was “wir” mit der Macht anfangen können, hat die Politikerin uns, ohne die Ironie zu bemerken, auch schon ausformuliert: “Regulierung”, “Staaten in die Pflicht”, “so etwas wie Mülltrennung”, “Politik, die klare Regelungen setzt”, “Regeln”.

Und wen könnte man damit besser beauftragen als Frau Göring-Eckardt?

Mutiger, redlicher, authentischer November 7, 2013 | 12:43 am

Früher war alles besser. Jedenfalls bei den deutschen Progressiven, den Sozialdemokraten. Die triste Realität heißt Gabriel, Steinmeiner und Nahles – aber früher! Früher hatten sie Willy Brandt und Helmut Schmidt, der eine Emigrant, der andere Wehrmacht-Offizier. Besonders mit Willy Brandt verbinden sich hehre Ideale, und die hat man seit der Agenda 2010 nötiger denn je. Willy steht für den Fortschritt zu “mehr Demokratie”, er steht für die Zeit vor dem autoritären Helmut Schmidt, und er dient bei sich links verstehenden jungen Menschen als Symbol für die gute Sozialdemokratie. (Ostfront-Helmut bedient derweil die andere Klientel.)

Yasmina Banaszczuk, politisch engagierte Promoventin, ist mit großer Geste aus der SPD ausgetreten. Ihre Geschichte ist die des kraftvollen jungen Menschen, der an der Gleichgültigkeit der Mächtigen und der Beständigkeit der herrschenden Verhältnissen verzweifelt und aufgibt. Ihre Geschichte ist aber auch eine des persönlichen Scheiterns.

Ich führte unzählige Gespräche mit vielen Personen, auf verschiedensten Ebenen, ich schrieb an Anträgen mit, ich verteidigte die Partei, wenn irgendein Horst wieder irgendwas Bescheuertes sagte, ich rieb mich intern und extern auf. Ich wies auf Schwachstellen hin und lieferte immer konkrete Verbesserungsvorschläge mit. Ich lebte diese Partei.

[...]

Ich habe im vergangenen Jahr fünf Monate meines Lebens, und meiner Dissertation, für das Mitgliederbegehren in der SPD geopfert. Fünf Monate für die Diss, die ich mit hart Erspartem, Scheiße wegputzen auf Starbucksklos, teils zwei Jobs gleichzeitig und einer Episode ALG 1 und der ganzen verbundenen Demütigung auf der Agentur finanzierte.

[...]

Ich stand und stehe hinter vielen Inhalten der Partei. Aber anscheinend ist das nicht gut genug. Anscheinend ist das alles nichts wert.

[...]

Dieses System von Klüngelei, wo Wahlkampfjobs nicht nach Fähigkeit, sondern nach Buddyschaft vergeben werden.

Banaszczuk hat sich redlich bemüht, in der SPD etwas zu bewegen, aber sie hat es nicht geschafft. Während andere sich die Jobs zuschieben und von der Partei gut leben können, hat sie sich im von der SPD geschaffenen Niedriglohnsektor rumgetrieben, um ihr Partei-Engagement quer zu finanzieren. Das hat eine gewisse Komik, und es macht verständlich, warum sie gerade jetzt ausgetreten ist. Es ist offensichtlich, dass sie die Partei und ihre Strukturen nicht verstanden hat. Genau das hat Sigmar Gabriel nun einer Freundin von ihr vorgeworfen, und Banaszczuk fühlte sich mitgemeint:

Diese Internetaktivisten und Internetaktivisteninnen wären ja alle Berliner Intellektuelle, die keine Ahnung von Lebensrealitäten und “richtigen” Wahlkreisen hätten, erklärte er Kathy Meßmer, mir und nebenbei auch dem versammelten Publikum. Und da ist irgendwas in mir zerbrochen.

Da ist etwas in ihr zerbrochen, weil er recht hat. Wer in den anderthalb Jahren vor einer Bundestagswahl sein Leben einer Partei opfert und dabei nichts für sich abgreift, nichts wird, der hat etwas falsch gemacht. Und wie! Ein “wissenschaftliches Papier” hat sie verfasst, in dem sie Bourdieu zitiert und sich dann wundert, dass Andrea Nahles ihr darauf nicht antwortet. Reminder: Andrea Nahles. Bourdieu. Das klingt platt, aber es stimmt: Banaszczuk spricht die Sprache der Partei nicht und hielt es auch nicht für nötig, sie zu lernen.

Das liegt auch an der schieren Arroganz der selbsternannten Netzaktivisten. Gabriel hat völlig recht, wenn er darauf so reagiert wie hier:

„Das Internet ist mein Lebensraum, mein Aktionsfeld, meine politische Bühne“, und sie, Kathy Meßmer, würde Sigmar Gabriel gerne einmal „an der Hand nehmen“, um es ihm zu zeigen. Gabriel quittierte das, ganz ruhig übrigens, so: „Ich würd’ Sie gerne mitnehmen in die Welt außerhalb des Internets.“ Daraufhin Kathy Meßmer: „Oh, ich glaube, die kenn’ ich.“ Gabriel: „Ne, ich glaube, das kennen Sie nicht. Ich habe große Zweifel, ob Sie in der Welt, die Sie zu Ihrer erklärt haben, diese Welt, über die ich rede, kennen.“

Es handelt sich um dieselbe Veranstaltung, auf der Banaszczuk das Herz gebrochen wurde, dieses Mal von der FAZ beschrieben. Die zeigt sich verwundert über die Empfindlichkeit in der Netzwelt.

Dabei ist es ja wirklich bitter, wenn man alles besser weiß und dann merken muss, dass das aber niemanden interessiert. Wieso die Leute, die aus unerfindlichen Gründen so stolz auf ihre Internet-Nutzung sind, in der SPD nichts werden, könnten Banaszczuk und Konsorten in ihrem Bourdieu nachlesen. Aber vom eigenen Habitus will die gute Frau nicht reden, nur von dem der anderen Sozialdemokraten. Die FAZ hilft nach:

Als „Netzaktivistinnen“ gehören die beiden Frauen in der Tat einem speziellen Milieu an, in dem nämlich so getan wird, als ob Aktivitäten im Netz noch von einer ganz anderen Qualität, ja, Dignität wären, die nur ihnen zugänglich ist, mutiger, redlicher, authentischer und transparenter als jede andere.

Und vorher:

Muss man gleich aus einer Partei aus- und einen Entrüstungssturm lostreten, weil deren Vorsitzender zu einer Mitstreiterin gesagt hat, sie, die Mitstreiterin, habe nur Ahnung von der Welt, in der sie sich bewege? Milieuzuschreibung ist doch ein ganz normaler Vorgang.

Das Ding ist: Milieuzuschreibung macht nur Spaß, wenn man andere auf ihr Milieu reduzieren kann, nicht wenn es einem selbst passiert. Deshalb reden Sozialpädagogen und -demokraten so gerne über die Unterschicht; deshalb treten Leute in die SPD ein, um den verstaubten Politikern zu zeigen, wie Politik gehen müsste. Die Partei nimmt solche Leute gerne mit, und sie hat mit Willy Brandt die perfekte Figur geschaffen, um sie weiterhin anzuziehen. So zitiert Frau Banaszczuk noch in ihrem Austrittstext den Großen Vorsitzenden von Seite 1 des Parteibuchs: “Die Sozialdemokratie muss sich als Volkspartei ständig erneuern. Nur so kann sie sich als bewegende Kraft bewähren.” Wer solche Allgemeinplätze als Aufforderung zum Handeln versteht, ist allerdings selber schuld.

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PS: Ich werde mich in den nächsten Tagen bemühen, diese Sätze in meine Alltagskommunikation einzuflechten:

Ich kann das alles in meinem Wertesystem nicht weiter tragen.

Der letzte Tropfen, der das Fass voll Frust und Resignation und Verzweiflung und – ja, auch – Verletzung zum Überlaufen brachte, war…

Ich wies auf Schwachstellen hin und lieferte immer konkrete Verbesserungsvorschläge mit.

All die kleinen und großen Steine, die mir und anderen auf verschiedensten Ebenen und Gliederungen in den Weg gelegt wurde, [...] steckte ich weg.

Ich trat einst in die Partei ein, weil ich Ideale hatte

Steile These October 25, 2013 | 05:11 pm

Die Empörung über die Überwachungsmaßnahmen der NSA spiegelt die tiefe Sehnsucht derjenigen, die sie äußern, nach jemandem, der ihnen zuhört. Besonders ausgeprägt ist die Empörung in den sozialen Netzwerken und bei denen, die sich als “Netzgemeinde” verstehen, ihre Internetnutzung also als identitätsbildende Maßnahme sehen. In diesen Medien wird massenhaft Text produziert, der niemanden interessiert – erst recht nicht diejenigen, die politische Entscheidungen fällen. Es ist deshalb nicht überraschend, dass die Nachricht, die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika überwache die Telefone der Deutschen, elektrisierend besonders auf die Intensiv-Nutzer dieser Medien wirkt. Auf einmal ist da jemand, der zuhört, der sich interessiert, der seine Schlüsse aus dem Gesagten zieht und in der Lage ist, wirklich bedeutende Schritte in der wirklichen Welt zu unternehmen. Das ist für die immer machtlosen und oft gründlich vereinzelten Menschen von 2013 eine tolle Perspektive: Auf einmal befindet sich der deutsche Normalverbraucher mitten im Weltgeschehen.

Denselben Gedanken hat sich die Satire-Seite “Der Postillon” zunutze gemacht und die NSA als neue Gottheit beschrieben: Allmächtig, zuhörend, unergründlich. Die ausschließlich medial vermittelte Geschichte vom NSA-Skandal füllt gleich mehrere Leerstellen, spirituelle ebenso wie soziale. Persönliche Bedeutung bekommen die Empörten dabei auch, indem sie ihre Überlegenheit dokumentieren. Sie sind Angela Merkel moralisch überlegen, weil die stets abgewiegelt hat. Sie sind den Amerikanern politisch überlegen, weil die das friedliche und vertrauensvolle Zusammenleben der Völker – ein altes Anliegen der Deutschen – sabotieren. Und sie sind denen in der Disziplin “Demokratie” überlegen, die andere Sorgen haben als die Aktivitäten ausländischer Geheimdienste. Gäbe es die NSA nicht, die Deutschen würden sie erfinden.

Waltz with Bashar August 30, 2013 | 12:17 am

INTERNATIONALER MILITÄRSCHLAG gegen Syrien! Nur 23 Prozent der Deutschen sind dafür! Und Manni Güllner von Forsa ist der einzige, der sie fragt. Von den 23 Prozent wiederum finden auch nur zwei Drittel, dass ihr VATERLAND sich am ersehnten SCHLAG gegen das REGIME des IRREN DIKTATORS beteiligen sollte. Ob das andere Drittel der Befragten aus Mitgliedern und Angehörigen der Bundeswehr besteht, ist nicht überliefert. Anyway: Von den weltweiten Befürwortern eines MILITÄRSCHLAGS sind offenbar knappe 0 Prozent dazu bereit, selbst mit der Waffe in der Hand nach Damaskus zu ziehen, um dort freie Wahlen zu ermöglichen. Aber da gibt’s ja Leute für. Die kann man schicken. Und wie viel Spaß das macht! AUSSENPOLITIK! Da kann man sich einklinken in die ganz großen Dinger: Einhunderttausend Tote! IRAN! Wer da eine Meinung hat, dreht am großen Rad. Es geht um: die Zukunft der Welt. FLÄCHENBRAND nicht ausgeschlossen. Außenpolitische DEBATTEN sind, mal sagen, der Eskapismus des studierten Kleinbürgers. Schickt man die TOMAHAWKS oder REICHT DAS NICHT? Und kommt das nicht alles VIEL ZU SPÄT? Was meinen denn SIE dazu? Sagen Sie schon, heute ZÄHLT IHRE STIMME DOPPELT!

Stützen der Gesellschaft July 17, 2013 | 01:01 pm

Bei all den moralischen und sozialen Aspekten geht es im Leben natürlich auch um Rekorde. Wenn ich irgendwann sterbe, und das werden wir schliesslich alle, will ich was geleistet haben. Ich will was geschafft haben. Deswegen bin ich auch so hyperaktiv. Ständig habe ich diesen inneren Drang, etwas Neues zu erschaffen und noch mehr zu arbeiten – schnell, schnell, schnell. Ich will der Nachwelt etwas hinterlassen, dass sie an mich erinnert. Meine Vorbilder in dieser Hinsicht sind Menschen wie Galileo, Platon, Einstein, Mandela, Achilles oder Columbus. Nicht dass wir uns falsch verstehen, ich möchte nicht die Welt erobern oder so, aber diese Personen haben schlichtweg eine Vision gehabt und ließen sich von niemandem davon abbringen. Das waren ganz normale Typen wie wir. Ich meine, jeder von uns könnte der nächste Bill Gates sein, der irgendwo in der Garage seiner Eltern etwas erfindet, das in zehn Jahren die Welt verändern wird. Einstein chillte damals auch mit seienn Streber-Kumpels und grübelte über irgendwelche Theorien nach. Wir sitzen halt im Cafe, rauchen Wasserpfeife und überlegen, wie wir noch mehr Platten verkaufen können. Wo liegt der Unterschied? Es gibt keinen.

 

- Ferchichi, Anis Mohammed / Amend, Lars: “Bushido”, München 2008. S. 397f.

Wir alle sind Opfer July 1, 2013 | 10:26 pm

Wenn ich mal in die Klapse komme, möchte ich mir das Zimmer mit Jakob Augstein teilen. Derzeit sieht es so aus, als würde er vor mir da landen, aber vielleicht bin ich ja auch bald so weit. Wenn Jakob und ich dann um 22 Uhr das Licht ausmachen, hör ich ihn leise zischeln*: “Totstellen wird auf Dauer nicht genügen! Sie behandeln uns wie einen Feind. WIR SIND EIN ZIEL!!!!!!” Und dann dreht er sich um und klopft leise gegen die Wand, während er sagt: “Wer noch nicht überzeugt ist…der möge erklären! Erklären!”

Als auch auf dem Flur das Licht ausgeht, seufzt er und ich verstehe vom Folgenden nur: “…IM DUNKEL DER FDP…”. Wenn ich ihn auffordere, etwas ruhiger zu sein, schimpft er mich einen “Verbündeten dritter Güte.” Und als ich sage, dass es mir nur um ein paar Stunden Schlaf geht, sonst nichts, da rastet er aus: “Es ist viel schlimmer! Es geht um Kontrolle! Sie kennen unsere Vergangenheit! SIE KRIECHEN IN UNSEREN KOPF! Sie streben die totale Kontrolle an – über jeden einzelnen von uns.” So geht das die ganze Nacht, ein Hauptsatz nach dem anderen.

Tagsüber ist es nicht besser, da raunt er auf dem Flur den Mitpatienten kryptisches Zeug zu: “Es geht um die Informationen, die nicht in unser Weltbild passen!” Und, ehrlich verängstigt: “Warum schweigt die Kanzlerin?” Später, nach mehreren Stunden nachdenklicher Ruhe, weiß er schon weiter: “Düstere Antwort! Düstere Antwort! Protest ist sinnlos, sinnlos, ja: gefährlich!” Aber in aller Düsternis kann mein Freund Jakob seine Zuversicht bewahren. Ab und zu, an sonnigen Tagen, lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und bemerkt mit wissender Miene: “Die Mauer konnte zum Einsturz gebracht werden.” Ich sage dann: “Das stimmt, Jakob. Ja, das stimmt.”

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*Als Quelle für Titel und Text diente die aktuelle Kolumne von Jakob Augstein bei Spiegel Online.

Neues von der fetten Groben May 27, 2013 | 12:30 am

Suchen SIE gerade einen Job? Dann schauen Sie sich doch mal bei REWE um! Dort kann man beruflich machen, was man ohnehin am liebsten macht: Den ganzen Tag an der Theke stehen. An der Frische-Theke!
Klingt langweilig? Ist es auch, deshalb muss Rewe dafür jetzt Werbung machen. So wird die Fleischereifachverkäuferin zur “Ernährungsverbesserin”. Moment mal, “Ernährungsverbesserin”? Ja. Und wem das nicht aufregend genug ist, der kann sich bei Rewe sicher noch für viele andere interessante Stellen bewerben: Als Metzgin, Verkäufin, Türstehin, Kassierin und vielleicht sogar als Werbetextin.


Ach so, ICH bin hier der Idiot.
Das hatte sich ja schon lange angedeutet.

Uli in Gefahr May 2, 2013 | 10:29 pm

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß’ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: “Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.”

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn “Deutschland” 2013 “keine Gnade” kennt? So: “Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‘die schlimmste Form asozialen Verhaltens’. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.” Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: “Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?” Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: “Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)”

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: “Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?” Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: “Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.”

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: “Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.” Und am Schlimmsten: “der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist”. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss “Deutschland” am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der “deutsche Volksgeist”, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich “die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt”, Herzinger beschwört gar eine “ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust”. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort “Staatsverbrechen” in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die “kollektive deutsche Volksseele” wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die “tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung” durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die “Volksmeinung” konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene “teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung” an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, “die ganze Republik”, die “wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt”?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den “Blockupy”-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: “Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.” Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – “obwohl selbst Katholik” – eine “Reue im Sinne Martin Luthers” auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: “Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen”. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine “Freie Welt” mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: “Unterm Strich zähle ich”. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

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Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.

Auf der Autobahn nachts um halb vier April 26, 2013 | 11:00 pm

Mit dem 0:3 gegen Wolfsburg dürfte der SV Werder Bremen seinen sportlichen Tiefpunkt in dieser Saison bereits erreicht haben, viel weniger geht nicht. Das heißt aber nicht, dass das allgemeine Elend, das den Verein derzeit umgibt, sich nicht ähnlich spektakulär auch an anderer Stelle zeigen kann. Die nächtliche Autobahnfahrt von Marko Arnautovic und Eljero Elia, die zu ihrer Suspendierung aus dem Kader führte, eröffnet einige Räume für Spekulationen über den Zustand des Vereins. Die Einstellung der beiden prominentesten Spieler des Kaders ist ganz offensichtlich unter aller Sau – wer nachts um drei noch durch die Gegend fährt, wenn er am nächsten Morgen trainieren soll, der schert sich wenig um jenes Training und den Verein, die Mannschaft und den Trainer, die es veranstalten.

Arnautovic und Elia interessieren sich vor allem für sich selbst, und das Ergebnis ihrer Nabelschau ist stets große Begeisterung. Daran ist zunächst nichts Verwerfliches, es ist nur sehr schlecht für Werder Bremen. Denn wer so stolz auf das Leben ist, das er führt, wie Elia das gerade wieder dokumentiert hat, der muss auch keine großen Ziele mehr haben. Kann er natürlich, muss er aber nicht. Das ist, wie gesagt, nur allzu verständlich: Wer solche Autos hat, hat erstens ausgesorgt und zweitens eine Menge Spaß. Das ist aber nicht unbedingt der Stoff, aus dem der Ehrgeiz gemacht ist, der Werder Bremen in den Europapokal bringt. Dass er schon der Größte ist, denkt auch Marko Arnautovic. Das hat ihn noch nach der nächtlichen Blamage dazu verleitet, sich auf Facebook beleidigt darüber auszulassen, dass die Polizei die Sache ganz falsch darstelle. Die Problematik dabei, sich als Fußball-Profi nachts auf der Autobahn rumzutreiben, ist ihm gar nicht bewusst. Inzwischen hat sein Bruder und Manager Daniel noch einmal kräftig nachgelegt. Das nennt man dann wohl Chuzpe.

Bemerkenswert ist, was die beiden aus einer relativ kurzen guten Zeit bei Twente Enschede herausgeholt haben. Sie sind reich geworden und anscheinend sehr zufrieden mit sich. Bei Juventus und Inter sind sie gescheitert, aber bei Werder Bremen gab es neue Verträge. Ihre Leistungen hier sind bestenfalls durchwachsen, das Geld für den Verein jedenfalls nicht wert. Das könnte daran liegen, dass man hier im Gegensatz zu früheren Transfers eine andere Mentalität in den Verein gebracht hat. Vielleicht ist es so, dass für die beiden mit dem Wechsel zu Werder schon alles geregelt war. Vielleicht dachten sie, damit wäre der Weg von Diego und Klose, von Özil und Pizarro auch für sie schon vorgezeichnet. An ihrer eigenen Klasse haben die beiden sicher keine Zweifel gehabt. Wie es anders geht, kann man bei Werder ausgerechnet an dem Spieler sehen, der hier keinen Vertrag mehr hat. Kevin de Bruyne merkt man in jeder Minute an, dass sein Ziel die erste Elf beim FC Chelsea ist – so wie man Diego angemerkt hat, dass er seinem Ruf als Supertalent nach der verkorksten Zeit in Porto endlich gerecht werden wollte.

Ein Schlag ins Gesicht ist die nächtliche Prolltour seiner Spieler auch für Thomas Schaaf. Aus beiden konnte er nicht die ihrem Preis angemessene Leistung herausholen, und nun stellt sich für alle sichtbar heraus, dass die beiden daran auch nicht sonderlich hart arbeiten. Passiert ist das wohlgemerkt in der Woche, in der verschiedene Team-Building-Maßnahmen angesetzt waren und allenthalben die Ernsthaftigkeit der Situation, besonders für den Trainer und seine Zukunft, betont wurde. Während dessen Arbeit schon ihrer Erfolglosigkeit wegen in Frage steht, kommt jetzt noch die gefürchtete Disziplinlosigkeit dazu, die Führungskräfte stets schlecht aussehen lässt.

Marko Arnautovic’ Vertrag läuft 2014 aus, eine Verlängerung schien bisher schon nicht besonders klug, jetzt dürfte die letzte Chance zum Verkauf genutzt werden. Elia hat noch einen Vertrag bis 2016, da könnte Werder auf eine Wertsteigerung spekulieren. Neben den beiden Edel-Gockeln hat Werder aber noch ein anderes Problem im Kader, nämlich die mangelnde Qualität. Spieler wie Sebastian Mielitz und Assani Lukimya können froh sein, überhaupt einen Platz bei Werder Bremen bekommen zu haben. Daneben gibt es zum Glück eine Reihe von Spielern, die können und wollen. Die werden auch in der Lage sein, in den letzten Spielen der Saison die nötigen Punkte zu holen. Die große Frage ist, ob Thomas Eichin mit oder ohne Schaaf in den kommenden Jahren eine Mannschaft zusammenstellen kann, die die Qualität und die Mentalität hat, um in Bremen wieder erfolgreichen Fußball zu zeigen.

No Homö April 11, 2013 | 09:51 pm

Demonstrativ aufgeklärt

In Wien wurde gerade wieder gegen Homöopathie protestiert. Das ist einerseits berechtigt: Homöopathie ist der reine Aberglaube, aufgeklärte Menschen wissen das. Nicht nur ist ihre Nicht-Wirksamkeit bewiesen, es gibt noch nicht einmal eine ansatzweise plausible Idee davon, wie das Zeug überhaupt funktionieren könnte. Ich kenne neben mir selbst noch verschiedene andere Leute, die bereits kurz davor waren, zu lieben Menschen äußerst grob zu werden, weil die nicht von ihrem Aberglauben abrücken wollten. Es ärgert uns, wenn jemand eine offensichtlich unhaltbare Position nicht verlassen will und sich dabei nicht einmal genötigt sieht, überhaupt ein Argument anzuführen. Diesem Ärger wollten auch die Demonstranten Luft machen, man muss da Verständnis haben. Dabei ist es bedenklich, wenn man nichts Besseres zu tun hat, als solche Happenings zu inszenieren, ebenso wie wenn man in Diskussionen mit den Gläubigen zur Wut sich hinreißen lässt. Letztendlich muss man sich damit arrangieren, dass wir nicht in einer aufgeklärten Gesellschaft leben. Und überhaupt, wie Adorno schon sagte: Mit der Aufklärung ist es so eine Sache.

Super Sache

Ich schlage deshalb eine andere Haltunf vor: Homöopathie ist eine ziemlich tolle Sache. Denn sie hilft, das bezweifelt niemand, tatsächlich. Das ist vor allem dem Placebo-Effekt zu verdanken. Mit dem Placebo-Effekt ist es so, dass er, das liegt in der Natur der Sache, nicht explizit genutzt werden kann. Erklärt man dem Patienten, dass er eine völlig wirkungslose Pille schlucken wird, dann bleibt das Kügelchen tatsächlich wirkungslos. Erzählt man ihm dagegen, dass er durch einen vielfach verdünnten Wirkstoff seinem Körper die entscheidenden Signale schicken wird – dann gibt es den Placebo-Effekt, der erheblich sein kann.

Meta-contrarianism

Man kommt deshalb schwerlich umhin, die Homöopathie zu bewundern: Sie ist die geradezu geniale Nutzbarmachung des Placebo-Effekts in einer nicht aufgeklärten Gesellschaft. Irgendeine Tarnung braucht das Placebo immer. Die Hahnemannsche Zauberei liefert eine sehr schöne und ist dazu frei von Nebenwirkungen. Ich werde ihren Einsatz deshalb ab sofort begeistert befürworten. Bei mir selbst natürlich nicht, ich habe die Sache schließlich längst durchschaut. Das hat für mich den Vorteil, dass ich mich dabei sehr klug fühlen kann. Allgemein hat diese Art der Befürwortung der Homöopathie den Vorteil, dass man in der Debatte noch einen Schritt weiter ist als alle anderen. Kritiker gibt es schon zu viele (Cover-Story im Spiegel!), als dass man damit noch besonders kritisch und aufgeklärt wirken könnte. Um wirklich cool zu sein, muss man die Schraube noch einen Schritt weiter drehen – und wieder dafür sein.

Fordern und Feiern March 18, 2013 | 06:39 pm

Deutschland feiert Geburtstag: Die Agenda 2010 wird zehn Jahre alt! Das ist wirklich ein Grund zum Feiern.

Feiern sollten zum Beispiel alle Kommunisten. Die Vorstellung, dass die alte Konkurrenz aus der Sozialdemokratie eine schrittweise Verbesserung der Lebensverhältnisse der Lohnabhängigen bewirken könnte, dürfte sich mit der Agenda endgültig erledigt haben. Dass die Revolution trotzdem noch nicht in Planung ist, sollte die Laune nicht verschlechtern, es kann sich jetzt nur noch um Jahrzehnte handeln.

Feiern sollten auch die Hausbesitzer und mit ihnen die ganze Wohnungswirtschaft. Während alle denken, der Staat würde nichtsnutzigen Arbeitslosen helfen, überweist der einen Großteil seiner Sozialleistungen doch direkt als Miete an die Besitzenden. Der Rest geht an die Krankenkassen, die es an die Gesundheitsindustrie – Ärzte et al. – weitergeben; an den Einzelhandel, der sein Pferdefleisch sonst kaum loswerden würde; und natürlich an das staatstreue Heer, das die Elendsverwaltung besorgen darf. Wo sonst könnte man verbeamtete Ex-Briefträger noch parken, wenn nicht als bürgerliche Zuhälter im Jobcenter?

Mal richtig einen heben dürfen dieses Jahr auch die Sozialarbeiter. Für ihre Branche ist die Agenda ungefähr das, was die Asbest-Sanierungen für die Baubranche waren. Jetzt wird angepackt! So viele hilflose, verschämte Gestalten mit Beratungsbedarf gab es noch nie, und damit die hilflos und verschämt bleiben, braucht es professionelle Anleitung. Schuldenberatung, Drogenberatung, Mieterberatung, Jugendhilfe, Hartz4-Beratung, Selbstmordtelefon – es herrscht Goldgräberstimmung im sozialen Sektor, zu Recht.

Dass die sich in diesem Fall vor allem im Betroffenheits-Jargon äußern muss, ist ein bisschen schade, da kommt die deutsche Mentalität ins Spiel. :( Die Betroffenheit ist allerdings auf der anderen Seite auch Geschäftsgrundlage der sozialdemokratischen Parteien, die jetzt – what goes around, comes around – als soziale Alternative zu ihrer eigenen Politik sich präsentieren dürfen. Der Zyklus geht so: Zehn Jahre sind vorbei, natürlich regiert nun wieder das andere Lager, schwarz-gelb, brrr! Aber zum Glück stehen soziale Alternativen bereit, die mit Mindestlohnforderungen und Almosenangeboten wieder auf zweistellige Prozentzahlen im September hoffen dürfen. Auch hier also nur Gewinner!

Muss man die Wirtschaft noch erwähnen? Welcher Unternehmer träumt nicht davon, dass der Staat ihm die willigen Arbeitskraftbehälter unter Androhung von Wasser und Brot auf Lebensmittelgutschein direkt in die Drogerie oder Bäckerei prügelt, damit sie dort – wie geil ist das denn??? – für einen Euro in der Stunde arbeiten? Es sind goldene Zeiten, fürwahr.

Vor allem aber sollte der Staat selbst sich einmal kräftig bei sich bedanken. (Vielleicht in Person des Bundespräsidenten?) Denn, so referiert die FAZ, es hat sich gezeigt, “dass die Politik nicht machtlos gegenüber Märkten ist, sondern mit dem beherzten Setzen kluger Regeln erheblichen Einfluss auf die Wirtschaft nehmen kann.” Gott sei Dank! Vater S. hat eben doch noch das Sagen bei allen, die die Füße unter seinen Tisch strecken. Ganz besonders natürlich bei den Millionen, deren Leben er direkt zwangsverwaltet. Die müssen heute Anträge stellen auf Waschmaschinen, Schwimmkurse und die Erlaubnis, die Stadt zu verlassen, und Von Der Leyens Finest dürfen darüber entscheiden. Da schauen selbst die Leute von der SED so neidisch, dass sie schon fast dagegen sein könnten.

Vor allem aber, liebe Bürgerinnen und Bürger, ist die Agenda 2010 ein Erfolg für die Freiheit. Und für die Kinder. Freiheit, auch wenn das manchmal schmerzhaft ist, bedeutet Eigenverantwortlichkeit. Bedrückenderweise hatten in Deutschland besonders junge Menschen unter 15 – auch bekannt als “Kinder” – oft gar keinen Begriff von Freiheit und Eigenverantwortung. Aber jetzt, wo 1,6 Millionen von ihnen von Mutter Ursula versorgt werden, werden sie auch das lernen und sich zu freiheitsbewussten jungen Reinigungskräften und leistungsfähigen Regaleinräumern entwickeln.

Postmans Erben February 28, 2013 | 04:40 am

Die US-Fernsehserie Newsroom portraitiert die Redaktionsmitglieder eines fiktiven Kabelfernsehsenders in den USA, deren Tagesgeschaeft die Produktion eines Nachrichtenformats ist. In der neunten Folge der ersten Staffel bekommt das Team Besuch von einer Abordnung des Republican National Committee. Newsnight, besagte Nachrichtensendung, hat die Chance eine der Vorabdebatten mit den verschiedenen republikanischen Kandidaten im Praesidentschaftswahlkampf auszurichten. Der Stab um den Anchorman Will McAvoy hat sich gut vorbereitet, um den Parteiapparatschiks einen Ausblick auf ihre Version dieses Medienereignisses zu zeigen. Die Fragen sind ungewoehnlich scharf und direkt, McAvoy fasst keinen der Kandidaten, die von seinen Redaktionsmitgliedern nachgespielt werden, mit Samthandschuhen an und versucht seine imaginaeren Gegenueber auf eindeutige Statements festzulegen. Der Zuschauer sieht immer wieder, wie das dem letzten Endes fuer die Evaluation des Formats verantwortlichen Politikberater gefaellt: ueberhaupt nicht. Nach einer kurzen Pause bekommt McAvoy schliesslich die Absage, alle Vorbereitung des Konzepts war umsonst. Am Ende der Folge bekommen wir einen kurzen Ausschnitt der realen Debatte zu sehen, die beiden Funktionaere der grand old party schauen in einer Bar zu. Anstatt die bissigen Fragen des Newsnight-Team beantworten zu muessen, wird Michele Bachmann gebeten, zum Thema Elvis or Johnny Cash? Stellung zu beziehen.

Gibt es ueberhaupt so etwas wie gescheites Fernsehen? Vielleicht sogar gescheites Fernsehen zu politischen Themen? Das ist eine Frage, um deren Beantwortung sich die Serie The Newsroom, die im Uebrigen im Juni diesen Jahres in ihre zweite Staffel geht, immer wieder dreht. Bis dahin muss man damit leben, dass die Realitaet noch grausamer ist, als das in dieser Fernsehserie ueber das Fernsehen dargestellt wird. Wenn es schon nicht Will McAvoy sein kann, wie waere es dann mit Sandra Maischberger, dachte dieser Autor am vergangenen Dienstagabend und schaltet zum Thema Die Armutseinwanderer: Ist Deutschland ueberfordert? ein. Das ist zwar nicht so schoen entweder – oder wie die Frage, ob mans eher mit Johnny oder eher mit Elvis haelt, aber trotzdem die ideale Chance fuer Qualitaetsfernsehen.

Die Diskussionsrunde wird mit einem Video eingeleitet. Wir sehen ganz normale Deutsche, irgendwo in Duisburg – sie sind in Aufruhr, das ist nach 3 schnellen Schnitten von Buerger zu Buerger klar. Es geht nicht mehr, befindet eine alte Frau. Die Lage sei unbeschreiblich, konstatiert ein anderer, um seine Sprachlosigkeit dann doch in Worte zu fassen: Die Kinder, die lassen die Hosen runter, um ihre Notdurft zu verrichten. Und dann sind wir schon im Studio, Frau Maischberger kündigt an, in den nächsten knapp 75 Minuten (!) mit ihren Gästen über die Frage zu debattieren, ob Deutschland ueberfordert sei.

Wer noch nicht verstanden hat, was er hier gleich vorgesetzt bekommt, bekommt jeden der Diskutanten von Maischberger vorgestellt: Da wäre der Integrationsminister von NRW, Guntram Schneider. Er wird den Technokraten in der Runde spielen, von EU-Verantwortung und der Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen reden, und von Kompromissen. Den Hardliner-Part uebernimmt mit Wilfried Scharnagl ein CSU-Politiker, der direkt etwas grimmig dreinschaut und den man überraschenderweise ausgerechnet mit dem Roma-Aktivisten Hamze Bytyci zusammen auf eine Zweiercouch verfrachtet hat. Zu ihrer Rechten sitzt die gebürtige Bulgarin Lucy Diakovska, die als Teil der Popgruppe No Angels Karriere gemacht hat. Sie hat kein Verständnis für Einwanderer, die sich nicht integrieren, und dabei ist sie selbst Ausländerin – eine bessere Kronzeugin der Anklage ließe sich vermutlich schwer auftreiben. Dann wären da noch Özlem Gezer, eine Journalistin, die für den Spiegel undercover zum Thema Menschenhändler in Suedosteuropa recherchiert hat, und Doktor Michael Willhardt, der einer Bürgerinitiative – sie heisst “Zukunftsstadtteil” – vorsitzt, und findet, dass das Maß (er meint: das Boot) voll sei.

Man kann schon jetzt eine Ahnung bekommen, was passieren wird, sobald der Reigen beginnt: Das Thema ist “brisant” genug, um eine “emotionale Diskussion” – wir werden derlei Formulierungen noch häufiger zu hören bekommen – losbrennen zu lassen, das heisst: keine Argumente, sehr viele Befindlichkeiten. Und Geschichten, persönliche Geschichten aus dem Leben aller Teilnehmer – das ist der Stoff, aus dem die biederen Talk-Formate in den öffentlich-rechtlichen Sendebetrieben gestrickt sind.

Willhardt ist, wir bekommen das nun noch einmal gesagt, wirklich ein Experte und nicht etwa nur ein Schwätzer, der jeden Satz mit Ich sach mal einleitet, nein. Er ist Soziologe und vor allem: Altlinker. Das ist wichtig, denn man hat ihm tatsächlich schon vorgeworfen, rechts zu sein – wer in den nächsten Minuten ein wenig zuhört, wird schnell verstehen, warum. Ohne Europa keine Chance – das ist das Kredo eines Altlinken, der Briefe mit Formulierungen wie Wir moechten mit diesem Brief gegen den Zuzug von Bulgaren protestieren schreibt.

Der Duisburger erlebt eine Menge: Vandalismus und eine größere Frequentierung des öffentlichen Raums – genauer: die Plätze in der Stadt. Wer nicht versteht, worum es hier geht, es sind die Gewohnheiten, das ständige Spucken von Kernen und so weiter. Als der Soziologe, der er ist, findet er derartiges Verhalten befremdlichEuropa habe Gäste eingeladen, aber die Rezeption nicht besetzt. Wenn das mal keine gute Ueberleitung zum naechsten Gast ist, denkt auch Sandra Maischberger und bindet Guntram Schneider ins Gespräch mit ein. Dazu muss man sagen: Talkshows sind, der Name mag da in die Irre fuehren, meistens keine Gespräche zwischen Menschen, sondern nacheinander abgespulte Statements, die man mit einer gewissen Bereitschaft zur Transferleistung manchmal aufeinander beziehen kann. Das wird dem geneigten Zuschauer mit zunehmendem Verlauf allerdings immer schwerer fallen.

Wir – Schneider meint vermutlich den Staat als politische Entität – unternehmen einiges, aber es reicht nicht aus, ein besseres Politikerstatement kann man sich kaum vorstellen. Er illustriert ein bisschen etwas, was man das Ying und Yang der Zuwanderungsdebatte nennen könnte: Es gehören immer zwei dazu – das ist im gleichen Maße banal wie richtig, aber immerhin schonmal mehr als wir von seinem Vorredner an Differenzierung zu hoeren bekommen haben. Aber das ist eben auch langweilig, irgendwie nicht konfrontativ genug, darum will die Diskussionsleiterin lieber erstmal sortieren. In diesem Fall bedeutet das, dass Maischberger schnell die rassistischen Aeusserungen eines SPD-Genossen von Schneider zitiert. Ob einige Politiker Stimmung machen, wird gefragt. Ja, das machen sie. Um jeglicher Kohaerenzbildung vorzubeugen, redet Schneider jetzt aber erstmal, er kennt sich da gut aus, ueber Rumaenien, wo Roma auf Muellhalden wohnen – wer koennte da ein besserer Ansprechpartner sein als Bytyci? Er ist der Einzige in der Runde, der sich in seinem Eingangsstatement fuer die Einladung bedenkt – sie sei nicht selbstverstaendlich, womit er falscher kaum liegen koennte, denn in der Redaktionsstube von Menschen bei Maischberger wird man sich sehr gefreut haben, ihn in die Runde integrieren zu koennen: Mit ihm laesst sich eine merkwuerdige Form von Authentizitaet simulieren. Man muesse lernen zu differenzieren, und die Kamera springt genau in dem Moment, in dem Bytyci dieses Wort benutzt, in eine andere Perspektive: wir sehen die Popstars-Siegerin Diakovska. Sie verzieht das Gesicht.

Bytyci redet noch etwas ueber verschiedene Gruppen von Einwanderern und versucht zu erklaeren, dass er letztlich nur als Funktionaer – er arbeitet fuer den Bundes Roma-Verband – sprechen kann. Was fuer eine Enttaeuschung, scheint sein Sitznachbar zu denken, der mit nach unten gezogenen Mundwinkeln den Blick durch das Studio schweifen laesst. Bad publicity is good publicity, stellt er noch fest, und er meint damit die Politik eines Nicolas Sarkozy. Der ist im Gegensatz zu Willhardt zwar kein Altlinker, aber ansonsten scheinen sich ihre Positionen in dieser Debatte gar nicht so sehr zu unterscheiden. Komisch. Dass Diakovska unruhig geworden ist, ist auch Maischberger aufgefallen. Sie weiss zu berichten, dass die Roma in Bulgarien es nicht schaffen, sich umsiedeln zu lassen, obwohl die bulgarische Regierung ihr Bestes dafuer tut. Bytyci faellt ihr ins Wort, er wird das leider immer wieder tun. Es gibt ein ganz konkretes Beispiel, sagt die Bulgarin: Da, genauer wird sie nicht, wurden zwei Plattenbauten zur Verfuegung gestellt. Zwei. Plattenbauten. Und zwei, drei Wochen spaeter war da alles raus: sie meint die Fenster und Tuerenalles wurde verkauft. Lucy Diakovska nennt diese Anekdote Wahrheit, Bytyci nennt es absurd.

Wenn es irgendjemanden gibt, der jetzt helfen kann, dann eine Journalistin. Gezer! Sie hat verschiedene Doerfer in Rumaenien und Bulgarien besucht und redet ueber die Lebensbedingungen der so genannten Armutsfluechtlinge in ihren Heimatlaendern. Natuerlich hat auch sie eine Geschichte parat, sie handelt von den Schleppern, die die Menschen gegen Bares zu einer ihrer Wunschadressen befoerdern: Deutschland, ein Land, in dass sie als EU-Buerger sowieso einreisen duerfen, wie Bytyci richtig bemerkt. Er will gerade ausmalen, dass der Zuzug junger Menschen einem ueberalterten Land wie der Bundesrepublik ganz gut tun koennte, da grinst Maischberger versoehnlich, denn das ist eine tolle Vorlage, um Herrn Willhardt, der, Ich sach mal, sich selbst sehr gerne reden hoert, einzubinden. Der Soziologe redet am Liebsten von sich und seinen Landsleuten, die den Kulturschock haben – welchen noch gleich? Brueckenkoepfe haben die Migranten im Ruhrgebiet eroeffnet, jeder kennt immer irgendjemanden, der schon hier ist: Ganz anders die Deutschen, die zwar die Mehrheit in Deutschland stellen, aber, ich sach mal, verhaeltnismaessig vereinzelt sind. So weit, so gut, koennte man meinen, waeren da nicht die Ressentiments, mit uns zu reden, die der Altlinke im Duisburger Problem- und Zukunftsstadtteil erlebt, und er wirkt jetzt, wo wir wissen, dass auch er Opfer ist, der Deutschenfeindlichkeit naemlich, gleich ein wenig menschlicher. Willhardt muss das eine oder andere Voelkerkunde-Seminar besucht haben, wie er berichtet, hat er Kontakt zu einem Raedelsfuehrer aufgebaut. Wie heissen sie noch gleich? Fuersten? Lords.. wie dem auch sei.

Zur Praxis von Talkshows gehoert es auch, die aufgezeichnete Debatte wenn noetig an bestimmten Stellen zu kuerzen, unter Umstaenden ganze Wortbeitraege rauszuschneiden. Das funktioniert deshalb so gut, weil es sowieso kaum einen Zusammenhang zwischen den einzelnen sprachlichen Aeusserungen gibt. Wir sind nun schon seit ueber zwanzig Minuten in der Sendung, und der CSUler hat noch kein Wort gesagt. Nachdem Maischberger die Fuehrung der Debatte in der letzten Sendung zu einem aehnlichen Thema merklich schwergefallen war, bleibt es bisher doch ein gutes Stueck ruhiger. Weniger als eine knappe halbe Stunde also, und man sehnt sich nach der Werbepause, mit der man im oeffentlich-rechtlichen TV zur Abendzeit nie fuers Dranbleiben belohnt wird.

Weil nun auch ohne Scharnagls Statements alle Informationen ausgetauscht sind, darf Lucy von den No Angels etwas aus ihrem Leben erzaehlen. Ob sie es auch in Bulgarien geschafft als Musikerin geschafft haette, fragt Frau Maischberger, und stellt damit eine Frage, die man nicht beantworten kann – Diakovska tut es trotzdem: Ach doch, sagt sie, ich denke schon. Mit ein bisschen Talent und dem richtigen Willen kann man es im Kapitalismus schliesslich immer zu etwas bringen, jeder von uns. Wir erfahren, dass das spaetere Castingband-Mitglied das Glueck hatte, an einer amerikanischen Universitaet, an der sie sowohl deutsch als auch englisch lernen konnte, zu studieren. Die Aehnlichkeit dieser Migrations-Erfahrung zur persoenlichen Biographie eines Armutseinwanderers aus einem rumaenischen Dorf ist frappierend. Maischberger resuemiert: Also, ihnen war das wichtig, dass sie deutsch lernen? Diakovska nickt. Sie hat Freude daran gehabt, viel ueber das Land zu wissen, sich gar ab einem gewissen Punkt wie ein Deutscher anzufuehlen. Womit das etwas zu tun hat? Mit Disziplin und Ordnung. Auftritt Schneider, der ganz viele neue Worte ins Spiel bringt: Soziale Schichtung, Sozialpolitik , soziale Herkunft, Bildungshintergrund – man kann annehmen, dass derlei Begrifflichkeiten in seinem Grundwortschatz eine prominente Position innehaben, und da muessen wir ansetzen. Klingt irgendwie ueberzeugend. Bytyci sagt, dass Integration keine Einbahnstrasse sei, sein Sitznachbar von der CSU scheint mittlerweile zum Oelgoetzen erstarrt. Der Funktionaer verweist nun – es ist ein wenig unpassend an dieser Stelle, das kann man nicht bestreiten, auf Abschiebungen, die allerdings nicht die EU-Buerger betreffen, ueber die vorher lang und breit geredet wurde. 

Das evoziert die erwartete Regung bei Scharnagl. Er nimmt die Haende aus dem Schoß und kratzt sich am Hinterkopf. Es scheint, als wolle er endlich auch etwas sagen. Die Sendung laeuft seit mehr als einer halben Stunde. Nachdem Bytyci von Schneider und Maischberger belehrt wurde, dass das emotionale Thema “Abschiebungen” heute nicht Gegenstand der Diskussion sei, geht es mit einem Tatort-Einspieler aus den eigenen Produktionsstudios weiter: Nichts im Fernsehen ist schlimmer als deutsche Krimiserien.

Wieder kein Scharnagl. Schneider ist dran: Exzesseinakzeptabel, die Staedte sind dabei, etwas zu aendern. Willhardt sieht davon nichts. Im komplexeren Sinne, also ich mein, ist das betreutes Wohnen. Schneider gibt sogar zu: Es passiert etwas, aber es ist passiert zu wenig – das ist eine wunderschoene Variation seines Eingangsstatements, als er sagte, es werde etwas unternommen, aber es reiche nicht aus. Da Schneider Landesminister ist, hat er auch eine tolle Loesung parat, die nur zufaelligerweise gar nicht in seinen Zustaendigkeitsbereich faellt: es geht um Sofortmaßnahmen des Bundes, er will gerade ein wenig ausholen.. da ist es: Scharnagl sagt etwas dazwischen. Einen besseren Einstieg als die Verantwortung der Bundespolitik kann man fuer den Mann nicht mehr finden: seine letzten Buchveroeffentlichung traegt den Titel Bayern kann es auch allein: Plaedoyer fuer den eigenen StaatScharnagl kommt direkt auf law and order zu sprechen. Es wird immer Leute geben, die sich außerhalb des Gesetzes bewegen. Er scheint das nicht troestlich zu meinen. Maischberger, Schneider und Bytyci fangen nun alle gleichzeitig an, etwas zu sagen, Scharnagls Auftritt war kurz. Herrgott, lassen sie mich endlich auch einmal ein Wort sagen, faehrt er ausgerechnet Bytyci an, und setzt wieder an, mit ausladender Gestik ueber Maßnahmen und Gelder zu reden. Den Ball, den Schneider ihm zugespielt hat, als er vom bundespolitischen Zustaendigkeitsbereich spricht, nimmt Scharnagl gekonnt auf, er eskaliert bloss die hierarchische Stufe. Es ist ein großes Versagen der europäischen Politik. Ich fuehle mich endlich umfassend informiert.

Und dann mache ich das, was die Verantwortlichen fuer dieses Schlamassel in der Fernsehserie auch getan haben. Ich schalte einfach aus.

Im Zweifel nichts Neues January 10, 2013 | 07:53 pm

Antisemit will heute kaum noch einer sein, und dass explizit einer sagt, die Juden seien die schlechteren Menschen, kommt auch kaum noch vor. Das ist mit Rassismus, der sich gegen andere Gruppen als die Juden richtet, ganz genauso. Während man aber in manchen Teilen der Gesellschaft ein Bewusstsein dafür hat, dass Rassismus trotzdem eine mächtige Rolle spielt, wird dasselbe beim Antisemitismus meist bestritten. Während man also das rassistische Ressentiment sofort erkennt, wenn einer etwa vom “faulen Südländer” redet und zum Beweis seiner These auf die höhere Arbeitslosigkeit unter Nicht-Deutschen verweist, ist das beim Antisemitismus anders. Redet da einer vom “rachsüchtigen Israeli” und verweist auf Militärschläge in Gaza, fällt das Urteil weniger deutlich aus. Dabei ist die Strategie dieselbe: Das Ressentiment macht sich dadurch plausibel, dass entscheidende Tatsachen weggelassen und durch Projektionen ersetzt werden. Im einen Fall fehlt die Diskriminierung, die die Arbeitslosigkeit befördert; im anderen Fall fehlt meist alles, was palästinensische Akteure in Gaza tun und sagen. Die enstandenen Lücken in der Kausalkette werden gefüllt: Da tötet der Jude, weil er rachsüchtig ist, und der Südländer klaut, weil er faul ist.

Lächerlich

Ein Genosse hat mir auf Facebook vorgeworfen, mein Text zur Augstein-Debatte sei “lächerlich”. Ich und andere würden “sich um die Herleitung dieses [d.h. Augsteins] Antisemitismus einfach herum” mogeln. Richtig ist, dass ich auf eine solche Herleitung verzichtet habe, weil ich angenommen hatte, dass diese zumindest da, wo man ein Bewusstsein für Antisemitismus hat, angesichts von Augsteins Texten überflüssig sein würde. Interessanter schienen mir seine Verteidiger zu sein. Nun, wo ich um eine ausführliche Antwort ohnehin nicht mehr herum komme, will ich aber gerne noch einmal darlegen, woran man meines Erachtens die antisemitische Motivation des israelkritischen Journalisten erkennen kann.

Der erwähnte Genosse stellt ganz richtig folgendes fest: “Am Ende kann man in Augstein nicht reinschauen, kann seine Beweggründe nur erahnen und kann damit auch nicht ausschließen, dass er Antisemit ist.” Und das Gegenteil demzufolge natürlich auch nicht. Den Nachweis in die eine oder andere Richtung zu führen wird also: anstrengend. Ich möchte dafür in zwei Schritten vorgehen, wie im alten Text bereits angedeutet. Der erste ist, Augsteins Einlassungen zu Israel als realitätsfern zu entlarven, als unzulässige Darstellung der Tatsachen. Die Behauptung, in bestimmten Äußerungen Augstein könne “man auch unter ganz vernünftigen Erwägungen Sinnvolles entdecken”, möchte ich bestreiten. Im zweiten Schritt wird sich jeweils die Frage stellen, warum der denn dann so etwas schreibt. Diese Frage will ich mit dem Hinweis auf deutlich erkennbare Versatzstücke klassischen Antisemitismus beantworten, die sich in den fraglichen Texten zuhauf finden.

Zionist Occupied Government

Ein erstes Beispiel findet sich in Augsteins Kolumne aus dem Juni 2012. Anlass war ein Spiegel-Titel, der sensationsheischend “enthüllt” hatte, was man längst wusste: Dass Israel aus Deutschland gelieferte U-Boote sehr wahrscheinlich mit Atomwaffen bestückt, um sich eine Zweitschlagskapazität zu verschaffen. Im Zuge dieser Nachricht schrieb Augstein:

Politik, Recht, Ökonomie – wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen.

Das ist offenkundig Unsinn. Keine Übertreibung, sondern Unsinn. Deutschland ist der mächtigste Staat Europas, und die Enthaltung bei der UN-Abstimmung über Palästinas Status im letzten Jahr ist nur ein Beispiel für nicht erfüllte Bitten der israelischen Regierung. Womit Augsteins Schilderung deutlich mehr gemein hat als mit der Wirklichkeit, ist die antisemitische Wahnvorstellung der ZOGs, der “Zionist Occupied Governments”.
Der Begriff beschreibt dabei nur eine sehr moderne Spielart der deutlich älteren Vorstellung, die Regierungen der Welt erhielten von Juden zwingende Anweisungen. Dazu gehört immer, dass die “eigene” Bevölkerung darunter leidet, in diesem Fall sind es Steuerzahler und, Achtung, Drogistinnen:

Die Regeln der guten Haushaltspolitik und der marktwirtschaftlichen Ordnung, auf die sich die Merkel-Regierung gerne beruft, sind außer Kraft gesetzt. Pech für die Schlecker-Frauen: Mit Putzmitteln und Körperpflegeprodukten lässt sich kein Krieg führen.

Ironischerweise muss Augstein die positiven Effekte der U-Boot-Deals auf den deutschen Arbeitsmarkt verschweigen: Die werden schließlich von deutschen Arbeitern mit deutschem Material gefertigt, es handelt sich wie häufig bei “den Interessen der Rüstungsindustrie” auch um ein Subventionsprogramm für deutsche High-Tech-Arbeitsplätze. Das deutsche außenpolitische Interesse an einem militärisch starken Partner in einer wichtigen Region dürfte ebenfalls eine Rolle spielen. Derlei handfeste Gründe für die beschriebenen Vorgänge treten zurück, an ihre Stelle treten antisemitische Projektionen. (Die er hier im letzten Satz noch damit ausschmückt, dass die mächtigen Israelis die bittstellenden Deutschen auslachen. Echt.)

It all started when he hit me back

In einer weiteren, auch in der Wiesenthal-Liste zitierten Kolumne ist Augstein Günter Grass beigesprungen:

“Die Atommacht Israel gefährdet den ohnehin brüchigen Weltfrieden.” Dieser Satz hat einen Aufschrei ausgelöst. Weil er richtig ist.

Die inhaltliche Kritik daran ist einfach: Es gibt keinen Weltfrieden. Der Weltfrieden ist kein gefährdeter Zustand, sondern eine Utopie, eine Hoffnung für die Zukunft. Nun könnte man wohlwollend argumentieren, dass doch trotzdem ein Funke Wahrheit darin stecke. Auf Facebook wurde ich also rhetorisch gefragt: “Wer will bestreiten, dass die propagandistische Mobilmachung der israelischen Regierung in Hinsicht auf die mögliche atomare Bewaffnung Irans durchaus den Frieden in der Region nachhaltig bedrohen kann.”

Hier! Ich! Denn auch der “Frieden in der Region” ist erfunden: Der letzte große Waffengang in Gaza war da keine drei Jahre her, der letzte Krieg im Libanon sechs Jahre, und in beiden Fällen hatte Israel es mit Verbündeten Irans zu tun. Die Auseinandersetzung ist im vollen Gange, und es ist eine bestenfalls willkürliche Entscheidung, erst einen israelischen Militärschlag (bzw. schon die ‘propagandistische Mobilmachung’) als Anfang von irgendetwas darzustellen. Was ebenfalls geflissentlich ignoriert wird, ist der offenkundig bedeutsame Umstand, dass es der iranischen Führung erklärtermaßen um die Vernichtung Israels als Staat geht, und dass davon umgekehrt keine Rede sein kann, ganz egal von welchem politischen Standpunkt aus man die Sache betrachtet.

Die Behauptung, Israel gefährde in diesem Fall den Frieden, den Weltfrieden gar, ist also beim besten Willen nicht zu halten. Wiederum aber lässt sie sich plausibel auf ein antisemitisches Ressentiment zurückführen, das man bei so verschiedenen Leuten wie Mel Gibson – “Die Juden sind für alle Kriege auf der Welt verantwortlich!” – und Adolf Hitler – “Wenn es dem internationalen Finanzjudentum (…) gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen (…)” – finden kann. Nein, Augstein ist nicht Hitler und nicht Gibson und auch nicht Streicher, und die Anwürfe gegen Juden haben sich mit der Zeit verändert. Trotzdem sind die Gemeinsamkeiten nicht zu übersehen.

Augstein weiter:

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA, wo ein Präsident sich vor den Wahlen immer noch die Unterstützung der jüdischen Lobbygruppen sichern muss, und aus Deutschland, wo Geschichtsbewältigung inzwischen eine militärische Komponente hat, führt die Regierung Netanjahu die ganze Welt am Gängelband eines anschwellenden Kriegsgesangs (…)

Mit der ganzen Rückendeckung aus den USA und Deutschland läuft das also – vielleicht sollte Bibi das mal jemand mitteilen. Es sollte vielleicht auch jemand in Moskau und Peking und Wellington anrufen und den dortigen Regierungen bescheid sagen, dass sie gemeinsam mit dem Rest der Welt am Gängelband der Regierung Netanjahu geführt werden – es könnte ihnen entgangen sein. Und wenn wir mal wieder etwas von zähen Verhandlungen über schärfere Sanktionen gegen Iran lesen, die dann von Russland verhindert oder verwässert werden, wissen wir jetzt, dass alles gelogen war. Netanyahu hat sein Lied gesungen, alle anderen haben gekuscht.
Wiederum also lesen wir grotesken Quatsch, durchsetzt mit altbekannten Vorstellungen über die negativen Auswirkungen der Macht von Juden, deren Ausmaß zu diesem Zweck völlig übertrieben wird.
Über die tatsächlichen Bemühungen der israelischen Regierung um Unterstützung und über die Positionen der anderen beteiligten Mächte kann man vielerlei interessante Dinge lesen, u.a. in amerikanischen Medien. Augsteins Pamphlet wirkt dagegen peinlich.

Der Glaube schämt sich

Alle paar Wochen ist bei Augstein Israelkritikzeit, im September ging es um das Mohammed-Video. Die wurstige Schreibe weiß zu begeistern: “Mit Religion hat das nichts zu tun. Wenn die Straße brennt und der Mob regiert, schämt sich der Glaube.” Da schämt sich der Glaube, okay.

Bekannt geworden ist die Kolumne jetzt, weil sie ebenfalls vom Wiesenthal-Zentrum zitiert wurde. (Verfälscht zitiert übrigens, die Republikaner und Israel werden im Original zumindest formal nicht den “Wahnsinnigen und Skrupellosen” zugerechnet.) Sie ist besonders bemerkenswert, weil Augstein hier starke Verrenkungen vollführt, um einen ungeheuren Vorwurf zu machen, für dessen Richtigkeit es keinen einzigen Hinweis gibt: Er insinuiert, Republikaner und/oder die israelische Regierung hätten womöglich das Mohammed-Video produzieren lassen, um die Ausschreitungen und die Ermordung von US-Bürgern zu provozieren, weil das ihre Chancen bei den Präsidentschaftswahlen erhöhen respektive Unterstützung für Netanyahus Iran-Politik befördern würde. Hier erübrigt sich die Frage danach, wie viel das mit der Wirklichkeit zu tun hat, es ist zu 100% Augsteins Phantasie. Und auf die Frage, warum die so aussieht und sich auf extrem niederträchtige Juden und deren finstere Verbündete konzentriert, gibt es wiederum eine sehr plausible Antwort, und zwar nur eine: Antisemitismus, dieses Mal in der verschwörungstheoretischen Spielart. Schlimmes ist geschehen, vielleicht sind die Juden schuld. Bei Rainer Trampert gibt es u.a. dazu noch mehr zu lesen.

Kritik und Gegenstand

Immer wieder wird gefragt, ob es denn eine Grenze zwischen Israelkritik und Antisemitismus gibt, auf deren richtiger Seite man dann ja irgendwie bleiben könnte. Henryk Broder hat jetzt ein sehr schönes Kriterium zumindest dafür genannt, was als Kritik gelten darf:

Und ich wiederhole wieder und wieder: Das hat mit Israelkritik nichts zu tun. Kritik muss auch nicht fair, sachlich oder ausgewogen sein. Sie muss nur etwas mit dem Gegenstand zu tun haben, den sie kritisiert.

Ernähren und Brechen

In Augsteins letzter hier zu verhandelnder Kolumne geht es um die jüngste Eskalation in Gaza. Er behauptet:

Die Katastrophe geschieht. Gaza ist ein Ort aus der Endzeit des Menschlichen. (…) Gaza ist ein Gefängnis. Ein Lager. Israel brütet sich dort seine eigenen Gegner aus.

Dazu und zur Kritik daran stellt mein Kritiker auf Facebook nun fest:

Die (…) Feststellung, Israel brütet sich dort den eigenen Feind aus, ist hingegen nicht, wie das bisweilen jetzt gemacht wird mit dem antisemitischen Stereotyp zu verwechseln, der Jude sei schuld am Antisemitismus. Die Repression des israelischen Staates (…) ist nicht zu verwechseln mit dem Juden an sich oder der Demokratie Israel, sie zeigt natürlich ihre Wirkung wie jede Repression, die aus sich heraus Widerstand erzeugt, ob dieser nun gerechtfertigt oder gar gerecht ist oder nicht. Diese Repression kann man folgerichtig kritisieren, ohne damit antisemitisch sein zu müssen.

Nun kann man tatsächlich die Repression gegen Gaza als kontraproduktiv kritisieren. Gegen eine solche Kritik würde die andere Seite dann einwenden, dass eine weniger harte Politik gegen einen derart entschlossenen und radikalen Gegner einem Appeasement gleich käme und dessen Macht nur vergrößern würde. Beide Argumente haben ihre Plausibilität, und um sie herum drehen sich interessante Debatten von Leuten, die an einer erfolgversprechenden Politik in dieser Sache interessiert sind. Augstein gehört nicht dazu. Man muss eine solche Debatte schließlich vor dem Hintergrund der Tatsache führen, dass die Hamas nicht ein Ende der Blockadepolitik zum Ziel hat, sondern die Eroberung des gesamten israelischen Staatsgebiets. Das ist der Kern des Konflikts, unabhängig davon, ob dieses Ziel “nun gerechtfertigt oder gar gerecht ist oder nicht.” Doch während er diese Realität wie gewohnt ignoriert, erfindet Augstein sich eine andere Erklärung mit “Katastrophe”, dem “Lager”, der “Endzeit des Menschlichen”. Nichts davon ist wahr, es gibt keine Katastrophe in Gaza, Gaza ist kein Lager (Indizes wie Lebenserwartung und Kindersterblichkeit liegen deutlich höher als in vielen Ländern der Region) und die Apokalypse steht auch nicht bevor. Wer die Lage in Gaza verstehen will, muss neben der israelischen Politik auch die palästinensischen Akteure betrachten, insbesondere die beiden Intifadas spielen eine wichtige Rolle beim Verlust der Bewegungsfreiheit der Palästinenser in Gaza und der Westbank. Wer das ignoriert, muss sich fragen lassen, warum.

Angeblich hat Augstein die Formulierung vom Lager bedauert, sie steht aber immer noch da. Und wiederum sehen wir das gleiche Muster: Die Wirklichkeit wird durch in aus dem Antisemitismus bekannten Bildern formulierte Projektionen ersetzt. Das gilt auch für das “Lager”. Der Begriff selbst ist in diesem Zusammenhang unsinnig, weil Gaza eine Jahrtausende alte Siedlung ist und ihm der temporäre Charakter, der ein Lager konstituiert, somit fehlt. Er macht aber andererseits sehr viel Sinn, denn im Kontext, also in einem deutschen Text über Israel und Krieg und Zwang ruft er unweigerlich und unmissverständlich Bilder von Konzentrationslagern auf. Und selbst wenn Augstein das heute peinlich sein sollte, bleibt die Frage bestehen, warum er es dann geschrieben hat – wenn nicht aus dem ihm vorgeworfenen deutschen, gegen die Opfer und ihre Nachfahren gerichteten Abwehrreflex.

Zu bald traditionellen negativen Bildern vom Judentum gehört auch der ihm angeblich inhärente Hang zur Rache. Die findet sich hier als eigentliches Motiv für die israelischen Militärschläge:

Die Hamas feuert Raketen. Israel bombardiert. Das Gesetz der Rache ist grenzenlos. Wer es durchbrechen will, muss ihm die Nahrung entziehen. Will Israel das?

Nebenbei bemerkt: Das Gesetz ist grenzenlos, und wer es durchbrechen will, muss dem Gesetz die Nahrung entziehen. Okay.

Dass, wer das “Gesetz der Rache durchbrechen” wollte, auch Israel anerkennen, auf Gewalt verzichten und in Verhandlungen über eine Aufteilung des Landes eintreten könnte, kommt hier natürlich nicht vor.

Antisemitismus ohne Antisemiten?

Angesichts seiner Texte ist es meines Erachtens schlichtweg nicht zu bestreiten, dass Augstein antisemitische Stereotype verbreitet. Die Fülle der Beispiele und die Tatsache, dass es keine Kolumne über Israel gibt, in denen sich kein solches finden würde, lassen keinen vernünftigen Zweifel daran.

Wenn Augstein nicht vom Gedanken beeinflusst ist, dass Juden einen schädlichen Einfluss haben, warum schreibt er dann so? Warum schreibt er immer wieder so wie die Leute, die sich noch offensiv zu ihrer Gegnerschaft zu den Juden bekannt haben? Diese Frage müssten diejenigen beantworten, die ihn verteidigen.

Im weiteren stellt sich die Frage, wie man das sinnvoll formuliert und kritisiert. Verbreitet er antisemitische Stereotype? Bedient er sich antisemitischer Sprache? Argumentiert er antisemitisch? Oder ist er Antisemit? Zweifellos besteht ein Unterschied zwischen jemandem, der irgendwo aufgeschnappt und sich gemerkt hat, dass die Juden den Palästinensern das Wasser klauen, und einem überzeugten Neonazi-Kader. Die Frage, wen man seiner antisemitisch beeinflussten Äußerungen wegen als Antisemit bezeichnet, ist nicht so einfach zu beantworten. Ich finde es bei Augstein insofern angemessen, als er die Mittel hätte, es besser zu wissen, und weil er mit so viel Vehemenz und Wiederholung an der Sache arbeitet. Dass ihm selbst sein Antisemitismus gar nicht bewusst ist, ändert daran nichts.

Das verdeutlicht wiederum der Vergleich mit rassistischen Bildern: Bei der deutschen Polizei kann man krass rassistische Kalender drucken lassen, ohne dass sich irgendwer zum Rassismus bekennen müsste. Die tägliche rassistische Diskriminierung in den Ämtern und Betrieben kommt ebenfalls längst ohne erklärte Rassisten aus. Trotzdem sagt mir niemand Sachen wie “Du glaubst doch nicht wirklich, dass er jetzt Osteuropäer für rassisch minderwertig hält, nur weil er von den ‘faulen Rumänen im Park’ gesprochen hat.”

Allerdings birgt die Personifizierung des Phänomens auch die Gefahr, Antisemitismus grundsätzlich nicht als Problem der Gesellschaft und der Strukturen zu verstehen. Stattdessen produziert man sich die Antisemiten dort und die aufrechten Kritiker hier und ist es dann auch schon zufrieden. Das Problem wirft die Frage auf, was Kritik am modernen Antisemitismus eigentlich leisten kann und soll. Ich weiß es auch nicht recht.

Die Verhältnisse in Deutschland January 5, 2013 | 04:29 pm

Kürzlich hat das Simon-Wiesenthal-Zentrum eine Liste mit den “2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs” (PDF-Download) herausgegeben. Platz 9 belegt darauf der Verleger- und Journalistendarsteller Jakob Augstein. Verdient hat er sich den Platz auf dieser Liste durch verschiedene Kolumnen auf Spiegel Online, von denen eine auch hier bereits Thema war.

Während Augsteins antisemitische Tiraden in Deutschland kaum Widerspruch hervorgerufen haben, gibt es nach der Veröffentlichung der Wiesenthal-Liste diverse Reaktionen, in denen er empört in Schutz genommen wird. Zum Beispiel von Frank Drieschner auf Zeit Online und Nils Minkmar in der FAZ, inzwischen gibt es mehrere weitere Zeitungsbeiträge und Wortmeldungen.

Was hier nicht erneut verhandelt werden soll, ist Augsteins Antisemitismus. Seine völlig haltlosen Verleumdnungen gegen Israel in Verbindung mit den dabei verwendeten antisemitischen Stereotypen vom Strippenzieher, kaltblütigem Mörder und rach- und streitsüchtigem Unmenschen lassen daran keinen Zweifel.

Interessant ist vielmehr die Einheitsfront für Augstein und ihr Kontext. Immerhin wurde noch vor wenigen Monaten Günter Grass, der kaum etwas anderes als Augstein geschrieben hatte und von diesem dafür gelobt wurde, ähnlich einhellig für seinen Antisemitismus kritisiert, wie Augstein jetzt für seinen gelobt und verteidigt wird. Verschiedene Erklärungen bieten sich an: Wer Antisemit ist, bestimmen immer noch die Deutschen – die müssen es wissen. So konnte SS-Günter vom deutschen Feuilleton abserviert werden. Der peinliche Behälter seines Pamphlets, das Prosa-Gedicht “Was gesagt werden muss”, machte ohnehin allzu deutlich, dass mit Grass keine deutsche Kultur mehr zu machen sein würde.

Anders bei Augstein: Dessen Antisemitismus bringt Spiegel Online tolle Klickzahlen ein und lange störte sich niemand daran. Bis das Wiesenthal-Zentrum in Person eines amerikanischen Juden, Rabbi obendrein, den Mann auf die besagte Liste schrieb, gut dokumentiert mit einigen Beispielen seiner Schreibkunst. Obschon sich der Inhalt wie gesagt wenig von Grass’ Auslassungen unterschied – die Juden gefährden den Weltfrieden, sie machen ihre mutigen Kritiker mundtot, das von ihnen geknechtete deutsche Vaterland lässt sich zur Beihilfe erpressen, usw. usf. – will dieses Mal nicht nur niemand etwas von Antisemitimus wissen, im Gegenteil wird der Verfasser vehement gegen die Kritik von außen in Schutz genommen. Neben Grass’ kaum mehr bestreitbarer Senilität und dem Umstand, dass die Kritik in diesem Fall von außen, gar aus Amerika und von einem Juden, kommt, dürfte eine Rolle spielen, dass Augstein sich selbst als “kritischer Journalist” inszeniert. Das ist ein Etikett, dass sich alle seine Verteidiger gerne anheften würden, sind sie doch alle bei deutschen Qualitätszeitungen beschäftigt.

In seinem eigenen Statement zur Sache redet Augstein erst gar nicht von sich selbst, nur vom Kampf gegen Antisemitismus und vom kritischen Journalismus:

Fuer die Auseinandersetzung mit dem und den Kampf gegen den Antisemitismus hat das SWC meinen ganzen Respekt. Um so betrueblicher ist es, wenn dieser Kampf geschwaecht wird. Das ist zwangslaeufig der Fall, wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird.

Wo er sich ganz bescheiden gibt und die Sache in den Vordergrund stellt, macht er schließlich nur deutlich, dass er sich selbst ganz größenwahnsinnig für identisch mit ihr hält: Jakob Augstein ist der kritische Journalismus, und wer ihn, Jakob, kritisiert, ist gegen kritischen Journalismus.

Das Argument selbst, auch von allen Augstein-Verteidigern vorgebracht, ist nicht ohne Witz: Wer Kritik an Augstein übt, macht Kritiker mundtot. Anders gesagt: Man kann immer wieder mehr oder weniger haltlose Attacken gegen eine bestimmte Gruppe veröffentlichen, aber wenn deren Vertreter sich dann selbst in einer Gegenrede äußern, ist das nicht zulässig.

Besonders bizarr ist die Fixierung auf “kritischen Journalismus”, wenn man sich Augsteins publizistisches Schaffen genauer anschaut. Die größte Reichweite seiner Arbeiten dürfte seine Kolumne bei Spiegel Online haben, um die es auch in der aktuellen Debatte geht. Es handelt sich um genau das: eine Kolumne. Augstein konsumiert andere Medien und schreibt seine Meinung dazu auf. Das kommt mir bekannt vor: Wenn Augstein ein kritischer Journalist ist, bin ich es auch.
Aber das von jenem Begriff aufgerufene Bild eines recherchierenden Nachrichten-Arbeiters, der der Öffentlichkeit wichtige Tatsachen präsentiert, von denen sie ohne ihn keine Kenntnis bekommen würde, hat nichts mit Augsteins tatsächlicher Arbeit zu tun. Für sein eigenes Zeitungsprojekt, den “Freitag”, fiel ihm folgerichtig auch nichts Besseres ein, als “das Meinungsmedium” daraus zu machen.

Die Verweise auf Augsteins noble Tätigkeit muten noch ein bisschen skurriler an, wenn man zur Kenntnis nimmt, wie zeitgleich mit dessen Kritiker Henryk Broder umgegangen wird. Der wird in der Wiesenthal-Liste in der Fußnote zu Augsteins Eintrag zitiert. Aber Broder, der ebenfalls vor allem Kolumnen und Kommentare schreibt, die mit “meinungsstark” sicher nicht unpassend beschrieben sind, wird nicht die Ehre zuteil, zum schützenswerten “Journalisten” geadelt zu werden: Für ihn geht es in die andere Richtung.

“Begnadeter Polemiker … der Bud Spencer unter den deutschen Kommentatoren. … Ihn aber als weisen Experten zu benennen führt in die Irre.

Dass Broder meist sehr genau darlegt, worin und woran er Antisemitismus erkennt – genauer als Augstein seine Anklagen gegen Israel je formulieren konnte – bleibt von Nils Minkmar in der FAZ unerwähnt, es bleibt nur der Polemiker, den man doch nicht ernst nehmen solle. Dabei stehen seine Einlassungen zu Augstein auf der Liste gar nicht als zentrale Begründung, denn als solche reichen schon dessen wörtliche Zitate. Auch wird er nicht als “weiser Experte benannt”, sondern lediglich korrekt wiedergegeben, dass er mal als Experte dem Bundestag Auskunft über Antisemitismus gegeben hat.

Es lohnt sich ein weiterer Blick auf Minkmars Argumentation. Der Feuilletonchef der FAZ behauptet:

Jakob Augstein hat in dieser Reihe nichts verloren: In seinen Texten geht es nicht um die Juden und nicht um den Juden. Er propagiert keine Gewalt, zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen. Was er kritisiert, ist nicht das Symptom eines in der Existenz der Juden oder Israels wurzelnden Übels, sondern das Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung.

Die israelischen Atomwaffen – “Resultat politischer Entscheidungen der aktuellen israelischen Regierung”?

Die “jüdische Lobby” kontrolliert die USA und Deutschland, mächtige Juden “führen die ganze Welt am Gängelband” – er “zieht keine Traditionslinien und operiert nicht mit Vorurteilen”?

Und überhaupt: Kann eine Aussage nur antisemitisch motiviert und gemeint sein, wenn sie klar von den Juden als Gruppe spricht? Minkmar hat hier schlicht nicht nachgedacht, bevor er geschrieben hat.

Exemplarisch sei hier auch noch auf den Kommentar von Frank Drieschner für die Zeit eingegangen. Drieschner hat mit der Sache eigentlich nichts am Hut. Bio: “Neben vielen anderen gesellschaftspolitischen Themen bewegen ihn besonders Fragen der Medizinethik – Sterbehilfe, Patientenverfügungen, Pflegenotstand”. Vielleicht auch deshalb hat er vor allem Empörung zu bieten:

Was also hat Augstein verbrochen? Es ist kaum zu glauben: Was ihm vorgehalten wird, geht über triviale Feststellungen kaum hinaus. Wie kann man ernsthaft bestreiten, dass Israel in Gaza seine eigenen Gegner heranzüchtet, wie Augstein beobachtet?

Ja, wie kann man nur? Ein Blick in die Geschichte würde genügen, der Nahost-Konflikt hat schließlich weder 2005 noch 1967 noch 1948 angefangen, Israels Gegner gibt es entsprechend länger – von der mindestens hanebüchenen Behauptung, Antisemitismus werde von den Juden verursacht, mal ganz abgesehen.

Noch mal Drieschner:

Man mag die Isolation der Gaza-Bewohner richtig oder falsch finden; dass sie die Bedingungen für den fortgesetzten Erfolg von Hamas schafft, ist offensichtlich.

Offensichtlich ist hier vor allem des Autors eitle Selbstgewissheit. Wie erfolgreich die Hamas gerade ist, deren Ziel ja nicht weniger als die Eroberung ganz Israels ist, darf dann jeder für sich selbst entscheiden.

Was ist antisemitisch daran, US-Republikaner und die Netanjahu-Regierung als Nutznießer der antiamerikanischen Ausschreitungen in Libyen zu bezeichnen?

Augstein hatte sie nicht nur als Nutznießer bezeichnet, sondern sie auf peinlich verdruckste Art und Weise als treibende Kraft dargestellt. Und ja, was ist antisemitisch daran, ohne jeden Anhaltspunkt über dunkle Intrigen der Juden zu spekulieren, immer und immer wieder? Drieschner teilt anscheinend Augsteins Wahn und fragt nun entgeistert, warum nicht die ganze Welt die Gespenster sieht, die er sieht.

Die traurigste Wortmeldung in der Augstein-Debatte kommt vom Zentralrat der Juden. Dessen Vizepräsident Solomon Korn sagte der FAZ:

Zunächst glaube ich, dass das Simon-Wiesenthal-Zentrum nicht besonders gut informiert ist über die Verhältnisse in Deutschland. Das Zentrum hat sich in diesem Fall nur auf das verlassen, was der Publizist Henryk Broder ihm gesagt hat, ohne sich Gedanken zu machen, ob das zutrifft.

Wenn man den Antisemitismus allerdings schon so deutlich aus Augsteins Texten lesen kann, welche Rolle spielen dann “die Verhältnisse in Deutschland” bei der Beurteilung? Man kann das vielleicht als Gewöhnung deuten: In Deutschland ist das halt so, hier schreibt man so wie der Augstein, das ist ganz normal. Und wer das Antisemitismus nennt, wird attackiert oder für irre erklärt.

Was bei Drieschner schon spürbar wird, nämlich die hohe Emotionalität, die Wut und die Empörung, bricht sich seit Tagen auch in den Kommentarspalten der Online-Medien Bahn. Es handelt sich, das ist leider so, um antisemitische Ausbrüche. Was diese Leute sich insgeheim wünschen, hat der FR-Redakteur Bommarius, hoffentlich bald arbeitslos, formuliert: “Es spricht für den deutschen Rechtsstaat, dass Henryk M. Broder bis heute frei herumläuft”. Es könnte auch anders sein, lässt Bommarius alle wissen, die es etwas angeht.

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Nothing new in E-11 November 22, 2012 | 02:48 am

Wer aus Essen kommt, sagt einer seiner beruehmteren Buerger, der notorische Amerikahasser und politische Kabarettist – das ist tatsaechlich ein Berufsstand – Hagen Rether, dem gefaellt es ueberall. Wer das nicht verstehen kann, war vermutlich noch nie hier und kann die Provinzialität dieser nur auf dem Papier so zu nennenden Grossstadt, die zu den zehn bevoelkerungsreichsten in Deutschland gehoert, wohl nicht nachvollziehen. Politische Veranstaltungen sind aehnlich selten zu finden wie sich in Betrieb befindliche Steinkohlebergwerke, da nimmt man jede Ausnahme von dieser Regel gerne wahr. An diesem nasskalten Mittwoch im November hat das Essener Friedensforum den fensterlosen Raum E11 in der lokalen Volkshochschule fuer eine Veranstaltung geblockt, zwei Stunden lang soll es um das erwartungsgemaess einzige Land auf der Welt gehen, fuer das sich deutsche Friedensaktivisten im Jahr 2012 interessieren, Israel.

Als Vortragenden hat man sich einen ausgewiesenen Experten fuer den Nahen Osten eingeladen. Puentklich um sieben Uhr faengt Norman Paech, ehemaliges Linksparteimitglied und Passagier der Mavi Marmara an, vor etwa 100 Interessierten zu sprechen. Das Publikum besteht zum ueberwiegenden Teil aus Menschen, denen man ohne weiteres Abnehmen wuerde, dass ihr letzter bezahlter Job der eines Statisten am Set der US-Fernsehserie Walking Dead war. Es ist derselbe Mittwoch, an dem erst tagsueber eine Bombe im Stadtzentrum von Tel Aviv explodiert ist und etwas spaeter am Abend eine vorlaeufige Waffenruhe zwischen Hamas und Israel verkuendet wurde. Paech weiss vermutlich von beidem, erwaehnen tut er nur Letzteres, seine Zuhoerer danken ihm diese Meldung mit Applaus.

Wer nicht einmal annaehernd eine Idee davon hat, was die politische Agenda des emeritierten Professors ist, bekommt sehr schnell einen Einblick in die Erfahrungs- und Erlebniswelt des 73-Jährigen: In der Mitte seines politischen Weltbilds steht das Völkerrecht, bei dem es sich auf den ersten Blick um eine Ansammlung von Worten zu handeln scheint, die aber in den Haenden aller moralischen Pazifisten der Welt, zu denen sich Paech ganz zweifellos zaehlt, obwohl er noch vor ein paar Jahren ein Schiff bestiegen hat, auf dem sich ganz und gar nicht friedliche Seelen zusammengerottet hatten, zu rhetorischer Munition transformieren. Es dauert nicht lange, da hat sich der Redner schon eindeutig positioniert, obwohl er eingangs noch versprochen hatte, nur objektive Fakten zu referieren, die man jederzeit ueberpruefen koenne.

Bei ausreichender Kenntnis des Jargons der Palaestina-Solidaritaet, die fuer den groessten Teil der Leserschaft dieses Blogs gegeben sein duerfte, wird man alles, worueber Paech in den naechsten eineinhalb Stunden redet, so oder so aehnlich schon einmal gehoert haben. Es ist die uebliche Melange: Zahlen, die irgendwann soviele werden, dass man sie sich ohne Audiomitschnitt der Veranstaltung unmoeglich merken kann. Stimmen und Meinungen, allesamt von anerkannten Fachleuten, einige von ihnen mit israelischem Pass, was in diesen Kreisen absurderweise meist wie ein zusaetzliches Guetezertifikat verwendet wird – denn antisemitisch koenne ein Jude selbst ja wohl kaum sein. Und Zitate, viele Zitate, soviele, dass Paech selbst irgendwann ein bisschen den Ueberblick zu verlieren scheint, wessen Worte er gerade wiedergibt. Diese Presseschau hat vor allem einen Zweck, naemlich den israelischen Staat und seine Institutionen anzuklagen – wir befinden uns auf einer Propagandaveranstaltung reinsten Wassers, und das mitten in einer staedtischen Raeumlichkeit. Mal redet er von einer der sicher fuenfstelligen Zahl unabhaengiger Menschenrechtsorganisationen, die sich merkwuerdigerweise allesamt nur mit dem Stand der Menschenrechte in Israel befassen, nie aber in einem seiner Anrainerstaaten, mal wird ein Urteil des israelischen Gerichtshofes zitiert, auch ein kurzer Exkurs ueber falschetikettierte Datteln ist dabei, woraus man ohne Zweifel schliessen kann, dass Paech, dessen eigene Texte in so unparteiischen Zeitungen wie der jungen Welt erscheinen, gern auch mal die FAZ liest.

Der ueberwiegende Teil des Publikums kann seine Zufriedenheit mit dem Dargebotenen nicht einmal bis zum Ende der Vortragszeit verhehlen; immer wieder wird der Redner von Beifallbekundungen fuer seine Statements unterbrochen. Etwa dann, wenn er das Wort Apartheid in den Mund nimmt, das einige gewiss nicht hoeren wollen. Ein zustimmendes Raunen geht durchs Publikum, drei Stuehle rechts vom Sitzplatz dieses Autors hat sich einer der aeusserst zahlreichen Claqueure eingenistet, aus dem es alle paar Minuten regelrecht herausbricht: Jawohl, ja, voellig richtig – endlich sagt einer mal das, was man seit 1968 in den Texten jeder Antiimp-Gruppe des Landes, einschliesslich denen der Roten Armee Fraktion, nachlesen kann. Ueberhaupt, die Geraeuschkulisse: Spoettisches und veraechtliches Lachen, wenn Paech ein Urteil israelischer Richter bezueglich der Mauer wiedergibt. Getuschel, als selbiger das Woertchen vom Antisemitismus im Munde fuehrt – selbstverstaendlich nur, um jeden seiner wohlfeilen Kronzeugen der Anklage aus diesen oder jenen Gruenden von jedem Verdacht desselbigen freizusprechen.

Paechs weiteres Elaborat arbeitet sich muehsam an den klassischen Themenbloecken ab: Es geht um die Militaerkaste, die Israel im Griff hat – so, als waere es das einzige Land auf der Welt, in dem die Armee eine ausgepraegte Macht innerhalb des Staates besitzt. Es geht um die Siedler, die den Friedensprozess blockieren, obwohl sie oft genug, darueber verliert er kein Wort, in offenen Konflikt mit dem Staat, den sie bewohnen, treten. Die rhetorische Schleife, die der Hobby-Seefahrer nun betritt, dreht sich weiter ueber die UNO-Vollversammlung, die, man ahnt es, von den USA jeder Machtfuelle beraubt wird. Wie eine Monstranz traegt Paech dabei das Voelkerrecht vor sich her, dass in seiner Wahrnehmung offenbar laengst materielle Form angenommen hat. Es scheint fast so, als haette der Jurist es irgendwo, vor vielen Jahren, aus dem Boden gegraben und sei nun bereit, diesen heiligen Gral im Sinne einer Messlatte zu benutzen: Man lege das Voelkerrecht an Sachverhalt x an und beurteile, inwiefern dieses x den Vorgaben des Pruefungsgegenstandes gerecht wird. Dass sich Paech dabei auch nicht zu bloed wird, sogar das osmanische Recht, das Recht eines imperialistischen Akteurs also, der seit einhundert Jahren aufgehoert hat zu existieren, ins Feld zu fuehren, kann eigentlich keinen mehr schockieren. Laengst geht es um Rassismus und die rechtsradikale Regierung des Staates Israel, der ideale Zeitpunkt, um die Wartezeit bis zum Beginn der Fragerunde mit dem Lesen des Flugblattes des Bundesausschusses Friedensratschlag, dass fuer alle Besucher zur Mitnahme ausliegt, zu ueberbruecken. Dieser Zusammenschluss friedensbewegter Deutscher liefert gleich eine besonders interessante Analyse der geopolitischen Verfasstheit des Nahen Ostens in Kombination mit einer historischen Neubewertung antiker Geschichte quasi als Begleittext zur heutigen Veranstaltung mit, setzt das Woertchen radikalislamisch vor Hamas in Anfuehrungszeichen und verbreitet eine steile These:

“Der Name der israelischen Operation ‘Wolkensaeule’ duerfte nicht zufaellig gewaehlt sein. Er verweist auf eine Episode aus dem Alten Testament, in der Gott sein auserwaehltes Volk vor den Aegyptern rettet. Die israelische Militaeraktion zielt offenbar ueber Hamas hinaus auf die neue Fuehrung in Aegypten, die sich bisher demonstrativ hinter ihre “Brueder” im Gazastreifen gestellt hat.”

Nun ist natuerlich das aegyptische Volk aus der Bibel ein sowohl ethnisch, sozial und religioes voellig anders verfasstes als die Einwohnerschaft des heutigen Aegyptens, und ob aegyptische Kopten etwa die Bewohner des Gazastreifens als ihre Brueder bezweifeln, sei dahingestellt. Das gesamte Flugblatt ist in all seiner inhaltlichen Unverdaulichkeit allerdings kaum mehr als ein geeigneter Vorgeschmack auf die nun folgende Publikumsrunde.

Wer schon einmal politische Vortraege und Podiumsdiskussionen besucht hat, weiss, dass es in den allermeisten Faellen noch viel schlimmer wird, sobald die Zuhoererschaft selbst das Wort ergreift, und das ist auch heute der Fall, denn nun hat jeder die Gelegenheit, seine Expertise vor Publikum vorzutragen. Es kommt nicht von ungefaehr, dass viele Diskutanten ihre Beitraege mit der Bitte beenden, Paech moege ihnen doch mitteilen, ob sie Recht haetten. Hier sind heute viele Menschen versammelt, die sich selbst vermutlich als einsame Rufer wahrnehmen. Wer schon einmal bei einer Veranstaltung von Verschwoerungstheoretikern war oder Videos davon im Internet gesehen hat, fuehlt sich schnell an die Atmosphaere, die dort herrscht, erinnert. Ein Mann, der waehrend des Vortrags neben Paech gesessen hat und in der Folge die Moderation der Diskussion uebernimmt, fragt unverbluemt, ob der Menschenrechtler seine Einschaetzung teile, dass ihn das Gehoerte sehr an die Lehren von Carl Schmitt erinnere. Das sei eine Seminarfrage, erwidert dieser, und erklaert, was er damit meint. Dafuer muesse man naemlich erst einmal sagen, wer dieser Schmitt gewesen sei: Es handele sich, so Paech, um den Chefideologen des Dritten Reiches, und man merkt, wie vorsichtig der Herr Professor nun wird: Es gebe solche Vergleiche, die Israel in die Naehe des Faschismus rueckten, er koenne das nun nicht soviel weiter ausfuehren, wuerde es aber nicht in dieser Deutlichkeit sagen wollen. Und dann ist es wieder da, jenes spoettische Raunen und dieses ekelhafte Geraeusch, wenn viele Menschen gleichzeitig besonders bestimmt durch die Nase einatmen: Es herrscht weitgehende Einigkeit.

Dieser Einstieg in die Diskussion ist deshalb so faszinierend, weil Paech ganz zu Recht erkennt, dass er vor einem Publikum, dessen Altersdurchschnitt an diesem Abend jenseits der 45 Jahre liegen duerfte, nicht vorraussetzen kann, dass der Grossteil weiss, wer Carl Schmitt war, wohl aber, dass jeder ein dezidiertes Bild von der Konfliktlage in Nahost hat. Das kann er deshalb, weil seine Zuhoererschaft vermutlich an jedem Abend, an dem er irgendwohin eingeladen wird, aus selbstgefaelligen Idioten besteht, die zwar die Geschichte israelischer Besatzungspolitik und us-amerikanischer Wirtschaftskriege en detail kennen, sonst aber von nichts eine Ahnung haben. Eine Frau leitet ihre Frage zur Zwei-Staaten-Loesung ein, in dem sie klarstellt, viele Texte zu dem Thema gelesen zu haben. Ein juengerer Herr moechte von Paech genauer wissen, wie es eigentlich um die Interessenlage der amerikanischen Oelindustrie bestellt sei, so, als ob der Gazastreifen wegen seines hohen Aufkommens an fossilen Brennstoffen in den Medien Erwaehnung faende. Der Referent spricht ueber seine Besuche im Gaza-Streifen, erwidert auf eine kritische Nachfrage zur Charta der Hamas, das sei nur Schriftwerk und solle nicht so grosse Beachtung finden, die Terrororganisation wolle in Wahrheit Frieden mit Israel. Es gibt kaum einen Widerspruch zu dieser Aeusserung, dabei hatte Paech sich zuvor in Fragen des Voelkerrechts noch auf der Seite der Buchstabengetreuen verortet. So geht die Runde weiter, es geht um Israels Existenzrecht und ob es so etwas ueberhaeupt gaebe, bis ein VHS-Angestellter um eine baldige Beendung des Ganzen bitten muss, und dann kommt sie endlich, als allerletzte, die Frage aller Fragen, so, als haette es dieser Steigerung noch bedurft: Was, fragt ein junger Mann von ganz hinten, hat das eigentlich alles mit Iran zu tun, dem Land also, dem Oelindustrie und Militaerkasten voellig fremd sind?

Paech wird jetzt nachdenklich. Er scheint zu merken, dass nun sehr salbungsvolle Worte folgen muessen, um dem Abend einen allerletzten Stempel aufzudruecken. Pakistan habe eine Atomwaffe, Indien auch, dies habe man hingenommen – was natuerlich Quatsch ist, denn vor allem Pakistan werden etliche Sanktionen von der internationalen Staatengemeinschaft auferlegt – warum es bei Iran, dass sowieso nur an einer zivilen Nutzung der Atomenergie interessiert sei, anders waere, das habe etwas mit geopolitischen Verwicklungen zu tun. Ohnehin ist Israel, soviel kann uns Paech zum Abschluss versichern, gefaehrlicher fuer den Weltfrieden als die islamische Republik. Wir haben das tatsaechlich alles schon einmal gehoert.

Wo allerdings Juergen Elsaesser heute abgeblieben war, wurde nicht mehr aufgeklaert.

Das Sturmgeschütz des Antisemitismus November 19, 2012 | 10:04 pm

Mit der neuen Eskalation in Israel und Gaza kommen die Antisemiten jeder Spielart wieder begeistert hervor und geilen sich an Bildern toter Kinder auf. Den bisherigen Höhepunkt der antisemitischen Agitation hat heute Jakob Augstein geliefert. Von Spiegel Online ist man einiges gewohnt, trotzdem ist es bemerkenswert, dass auch bei diesem Hasspamphlet niemand die Veröffentlichung verhindert hat.

Augstein bedient so ziemlich jedes antisemitische Ressentiment. Juden sind bei ihm stets rachsüchtig, er unterstellt ihnen “Lust” am Krieg, betont die grundsätzliche Andersartigkeit der Juden im Vergleich mit den Deutschen, er wirft den Juden vor, sich die Antisemiten vorsätzlich selbst zu schaffen, und er behauptet, dass sie das tun, weil sie Gewalt sinnstiftend finden. Das hat mit der Wirklichkeit selbstredend nichts zu tun. Wer so redet, ist davon überzeugt, dass die Juden schlecht sind, also ein überzeugter Antisemit.

Augstein ist heute angesichts der Reichweite von Spiegel Online vielleicht der einflussreichste Judenhasser in Deutschland. Er ist damit auch dafür zuständig, die Grenzen des Sagbaren weiter zu verschieben. Man darf gespannt sein, wo das endet und wo sich vielleicht Widerspruch regen wird.

The awkward pauses, the farting and the spilled drinks October 28, 2012 | 09:42 pm

Auch wenn man, wie ich, Hamburg nicht betritt, lohnt sich ein Abonnement des Newsletters der Hamburger Studienbibliothek. Denn der ist stets freundlich, klug und unterhaltsam geschrieben, ebenso wie diese Veranstaltungsankündigung. Wer also Gelegenheit dazu hat, sollte sich dort u.a. anhören, warum Judith “Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird”.

Wer lieber zu Hause bleiben, dabei aber auch gut unterhalten und intellektuell nur ganz leicht stimuliert werden möchte, kann ein bisschen Stuckrad-Barre lesen. Der schreibt über sich und den Alkohol, trifft dabei aber – natürlich mit Absicht – vor allem die Großartigkeit und das Elend des Gemeinschaftssaufens.

Ein ganz anderes Vergnügen bietet die Lektüre eines Artikels von Peer Steinbrück in der FAZ. Das Stück ist aus dem Mai und Steinbrück versucht darin, sich über seinen berühmten Freund Thilo Sarrazin zu profilieren. Lesenswert ist das aber nur, weil Steinbrücks Deutsch ganz erbärmlich ist und er ja nun der Kanzlerkandidat der SPD ist.

Wahlkampf: Gibt es auch in den USA. Glaubt man einzelnen Presseartikeln, ist das furchtbar spannend und das Rennen völlig offen. Sieht man sich die Sache genauer an, liegt Barack Obama doch deutlich vorn. Das FiveThirtyEight-Blog, in dem Umfrageergebnisse analysiert und gewichtet werden, rechnet derzeit mit 73,6% Wahrscheinlichkeit mit einem Sieg Obamas. Wettbüros sehen das ähnlich.

Schließlich und endlich das Hochlicht dieses Link-Spektakels: Stephen Marche schreibt über unser Streben nach Einsamkeit:We are lonely because we want to be lonely. We have made ourselves lonely.” Sein Aufhänger dabei ist Facebook, und das Ergebnis ist der mit Abstand beste Artikel, den ich dieses Jahr gelesen habe. Lest ihn.

The problem, then, is that we invite loneliness, even though it makes us miserable. The history of our use of technology is a history of isolation desired and achieved. When the Great Atlantic and Pacific Tea Company opened its A&P stores, giving Americans self-service access to groceries, customers stopped having relationships with their grocers. When the telephone arrived, people stopped knocking on their neighbors’ doors. Social media bring this process to a much wider set of relationships.

Our omnipresent new technologies lure us toward increasingly superficial connections at exactly the same moment that they make avoiding the mess of human interaction easy. The beauty of Facebook, the source of its power, is that it enables us to be social while sparing us the embarrassing reality of society—the accidental revelations we make at parties, the awkward pauses, the farting and the spilled drinks and the general gaucherie of face-to-face contact. Instead, we have the lovely smoothness of a seemingly social machine. Everything’s so simple: status updates, pictures, your wall.

Neues aus der Weltstadt der Bewegung October 11, 2012 | 09:04 pm

Das Oktoberfest ist ein großes Besäufnis, überhöht zu einem kulturellen Ereignis von Weltruf: Was schon lange jeder weiß, ist jetzt auch in München bekannt geworden und sorgt dort für Verdruss.

“Der stellvertretende AZ-Lokalchef Timo Lokoschat findet, dass das Oktoberfest ein nerviges Massenbesäufnis ist und mit Volksfest rein gar nichts zu tun hat.”

Nun gibt es in Deutschland kein Volksfest, dessen Kern kein nerviges Massenbesäufnis wäre. Und über den Posten als stellvertretender Lokalchef wird Loko (ich bin sicher, seine Kollegen nennen ihn so) auch nicht hinauskommen, wenn er das mit den Artikeln nicht bald lernt. Dabei bringt er ideologisch schon alles mit, was ein deutscher Boulevard-Redakteur braucht.

Lokoschat beklagt, dass eine “gigantische Lobby” behauptet, das Oktoberfest sei ein Volksfest. Denn:

(Es) ist überhaupt kein Volksfest. Gut, versteht man unter “Volk” vor allem besoffene Neuseeländer und erbrechende Ebersberger (nix gegen den Ebersberger an sich!), dann vielleicht schon. Denkt man aber an den normalen Münchner, dann wirkt dieser Terminus ziemlich deplatziert.

Der publizistische Abwehrkampf ist im vollen Gange: “Normale Münchner” sind das Volk, und alle anderen gehören nicht dazu. Die sind schließlich auch nicht normal, sondern besoffen, und dann erbrechen sie sich auch noch. Und das auf dem Oktoberfest! Fiele keinem Münchner ein.
Wo eine gigantische Lobby und kulturbedrohende Auswärtige unterwegs sind, da ist stets auch das Geld der Autochthonen in Gefahr:

Das geht schon bei den Preisen los. 10 Euro für einen Liter Bier, der – glaubt man dem Verein gegen betrügerisches Einschenken – in Wirklichkeit nur 800 Milliliter sind. Das ist, pardon, einfach maßlos. Von den Steckerlfischen für 28 Euro, den Mandeln für 6 und den Hendln für 12 gar nicht zu reden.

Doch nicht nur teuer ist es, es droht gleich die totale Vertreibung:

Und wenn, dann muss man konsumieren, bis der Arzt kommt – oder eher die Bedienung, die einem auf, nun ja, unnachahmliche Weise klarmacht, dass man jetzt gefälligst eine dritte Maß oder ein zweites Hendl bestellt oder lieber die Fliege macht.

In einer Gesellschaft, die an buchstäblich jeder Ecke Plakate aufstellt, auf denen zum Konsum von irgendetwas aufgefordert wird, überrascht die zur Schau gestellte Empörung ein wenig. Ebenso erstaunlich ist, dass es noch jemand erstaunlich findet, wenn ein Unternehmen möglichst viel Gewinn machen will.
In Timo Lokoschats Kommentar lässt sich geradezu idealtypisch beobachten, wie der unbewusste Hass auf kapitalistische Unannehmlichkeiten sich auf andere Menschen richtet. Denn wer ist daran schuld, dass man so viel konsumieren muss? Na klar:

Zack zack, die sieben Australier warten schon.

Und es hört nicht auf. Die Vergewaltigungen, die Körperverletzungen und die vielen anderen Verbrechen finden zwar in München statt, gehören aber eigentlich ganz woanders hin:

München bekommt während der Wiesn eine Verbrechensrate, die beinahe Kapstadt, Rio und Köln-Porz in den Schatten stellt.

Kriminalität? Ist doch so ein Ausländerphänomen.

Kurzer Blick auf die Checkliste. Was fehlt uns noch auf der Hitliste der deutschen Ressentiments?

Die Reichen.

Von alldem bekommen die Promis, abgeschottet in ihren Boxen in den VIP-Zelten, natürlich nichts mit. Zugegeben: Da ist es tatsächlich gemütlich. … Für Normalsterbliche unerreichbar. Schade.

Im Anschluss: Die Frauen.

Wobei: Will man wirklich riskieren, einen Abend neben dieser blonden Nervensäge – Sie wissen schon – verbringen zu müssen?

Und zurück zu: Den Ausländern.

Da ist einem ja fast der lallende Ire lieber.

Klasse, Lokoschat, klasse! Auf Facebook, wo ich über den Text stolperte, komplettierten findige Einheimische das Schreckenskabinett in den Kommentaren noch mit, na klar, den Italienern. Die sollen für die zahlreichen sexuellen Übergriffe verantwortlich sein, denn auch das machen natürlich nicht die Münchner, sondern nur die Südländer. In Lokoschats Tirade kommt ein Italiener nur am Rande vor, aber auch das ist interessant:

“Mann drückt Zigarette an Wange von Mädchen aus”, “Italiener schleudert Frau Maß an den Kopf”, “17-Jähriger bedroht Ordner”

So lauten die Links zu anderen AZ-Artikeln. Der “Mann” kommt aus Freising, wird hier aber nach seinem Geschlecht benannt. Der “Italiener” schleuderte den Maßkrug nach einer seiner Landsfrauen – das Opfer wird allerdings als “Frau” notiert, der Täter seiner Nationalität nach. (In der Überschrift des Artikels selbst ist es andersrum, auch nicht schlecht.) Beim “17-jährigen” wird das anders gehandhabt, der ist nämlich nicht nur 17, sondern auch Deutscher und hat einen Angestellten rassistisch beleidigt.

Jemand nannte das Oktoberfest kürzlich “Europas größte offene Drogenszene”. Das trifft es gut, zumal am illegalisierten Drogenkonsum und dessen Auswirkungen in Deutschland auch immer die Ausländer schuld sind und deshalb ab und an mit Brechmittel traktiert werden müssen. Prost, Deutschland!

Deutschland von der Karte streichen October 2, 2012 | 10:38 pm

No Deutschland!

Anlässlich des anstehenden Nationalfeiertags der Deutschen fordern wir die sofortige Abschaffung Deutschlands. Wir halten die Gründe für derart offensichtlich, dass sie keiner weiteren Erklärung bedürfen. Der Fortbestand eines deutschen Nationalstaats nach 1945 ist und bleibt eine historische Unverschämtheit. Ein selbstbestimmtes Leben, ein Verein freier Menschen ist nur ohne Deutschland möglich.

Abschaffung durch Umbenennung

Die Abschaffung Deutschlands ist nicht nur möglich, sie ist lächerlich einfach: Wir fordern die sofortige Umbenennung des bestehenden Staates in einen “Verein freier Menschen in Mitteleuropa”. Ein paar Drucksachen neu auflegen, ein paar neue Schilder – mehr braucht es nicht. Ist der deutsche Nationalstaat erst erledigt, wird die soziale Befreiung folgen. Und ehe man sichs versieht, ist Kommunismus.

Ultimatum

Wir räumen der herrschenden Klasse und ihrem Parlament Zeit bis zum 31.12.12 ein, unsere Forderungen zu erfüllen. Sollte Deutschland bis dahin weder einem seiner zivilisierten Nachbarstaaten angegliedert noch umbenannt worden sein, gründen wir eine Bürgerinitiative.

Und jetzt: Musik.

Gegen Feindbilder August 24, 2012 | 06:43 pm

Der diesjährige Al-Quds-Marsch ist schon eine Woche her und deshalb auch längst verbloggt und abgekaspert. Aber noch nicht von allen, und ich hab doch auch Fotos gemacht, und überhaupt. Also bitte:

Anders als bei meinem letzten Besuch gab es diesmal keinen Frauenblock, jedenfalls fiel er mir nicht auf. Stattdessen wurde bunt gemischt, der Fortschritt ist nicht aufzuhalten.
Auf den vielen Schildern und Transparenten gab es wieder reichlich tote Kinder zu sehen, Kriegsszenen und auch sonst viel Blut. Dass die betont friedliche Demonstration eine derartige Faszination für zerfetzte Körper zeigt, verweist vielleicht auf die eigenen Absichten bei der “Befreiung” Jerusalems.

Wie im oben verlinkten Text schon vermerkt, war auch die Rapperin “Dee Ex” anwesend, wahrscheinlich auf einer Art PR-Tour mit eigenem Transpi.


Auf der Rückseite kann man in vier Sätzen die Weltanschauung einer deutschen Kleinbürgerfamilie nachlesen, auf der Vorderseite ist der für eine antisemitische Hass-Demo bemerkenswerte Hinweis zu finden, die Rapperin sei “gegen Feindbilder” – stimmt ja irgendwie.

Der ganze Aufmarsch war ein bisschen wie ein Lehrbuch-Beispiel für Antisemitismus, mit den vielen Bildern von Blut und toten Kindern, dem Verweis auf die Banken, die Korruption, die angeblich unfrei gemachten Völker und den Weltfrieden, der tatsächlich für die Zeit nach der Vernichtung Israels in Aussicht gestellt wurde. Dazu passt auch dieses etwas wirre Schild, das den “wahren Menschenfeind” im jüdischen Gemeinwesen erkannt haben will. Feind aller Völker, Feind aller Menschen – die ganz alte Schule.

In einer Paradedisziplin der Antisemiten, der Karikatur, wurde dieses Bild geboten, viel widerlicher geht es denn auch nicht mehr.

Auf einem Zwischenstop auf dem Kurfürstendamm las eine “Schwester” (ja, so reden die da) “das Gedicht” von SS-Grass vor, wobei sie sich große Mühe gab und wirklich alles herausholte, was aus der miesen Vorlage herauszuholen ist. Der Sprecher vom Dienst kündigte bei dieser Pause an, dass der anwesende Rabbi auch noch etwas sagen würde, “beziehungsweise wir werden es für ihn sagen, weil er samstags nicht sprechen darf.” Guten Tag, wir sind alle plemplem.

Auf der Gegenseite gab es eine hübsch anzuschauende Antifa-Demonstration, die am Adenauer-Platz recht engagiert gegen den Wahn anbrüllte und nach Beginn des Marsches immer wieder am Straßenrand mit Israel-Fahnen provozierte. Auf Seiten der Jerusalembefreier lief eine Handvoll jugendlicher deutscher Antiimps mit, die sich per Klamotte zum Maschinengewehr bekannten und zur Unterstützung der Intifada (welcher?) aufriefen. Sieht aber ganz lustig aus, wenn die sich dann das minutenlange Singen eines Vorbeters mit anhören. Leute, es ist 2012, hallo!!!!!!!!

Die eigene Demo der Antifaschisten ist eine super Idee, das bestätigt spätestens der Besuch der bürgerlichen Demo, an der man sonst hätte teilnehmen müssen. Auf einer solchen musste man vor Jahren noch mitansehen, wie ein liberaler deutscher Klapskalli staatstragend die Hände hinter dem Rücken verschränkte und Richtung Horizont blickte, während er die Hatikvah abspielte. Dieses Jahr fielen mir auf einer ansonsten langweiligen Veranstaltung vor allem diese Schilder auf:

Auf dem rechten steht “Europas Freiheit steht und fällt mit Israel“, auf dem linken steht ein Zitat von Alan Posener: “Sehen Beirut und Damaskus, Kairo und Gaza eines Tages aus wie Tel Aviv, ist Europas Freiheit sicher; sieht Tel Aviv aus wie Teheran oder gar Hiroshima – na, dann kaufen Sie Ihrer Frau schon mal eine Burka und melden Sie ihr Kind zur Koranschule an.”

Die schwierige Frage, wie man Deutsche zur Solidarität mit dem Judenstaat bringen kann, wird hier beantwortet: Man droht ihnen einfach damit, dass fremde Horden “ihre” Frauen unter die Burka zwingen werden. Natürlich spricht Posener nur männliche Leser an, und die haben anscheinend Verfügungsgewalt über “ihre” Frauen. So liberal geht’s hier zu, so lange noch nicht das grüne Banner überm Reichstag weht. Aber dann, aber dann!

“Europas Freiheit” ist eine Erfindung, die gerade jetzt skurril anmutet, wo sich in Athen die Selbstmorde häufen, in Spanien jeder zweite junge Mensch arbeitslos ist und in Deutschland Millionen Menschen in staatlicher Hartz-4-Zwangsverwaltung organisiert werden. Aber zugegeben: Das alles ist so deprimierend, dass geostrategische Überlegungen und die ideologische Abwehrschlacht gegen die Bärtigen die deutlich anziehenderen Themen sind.

Aber wie soll das gehen, wenn Deutschland besetzt wird? Wie sieht das aus? Das zeigt, und da schließt sich der Kreis, ein Flyer der Gegenseite:

Auf der Rückseite befindet sich unter der Überschrift “Karte besetzter Gebiete in Palästina” die bekannte Serie von Karten, deren völlige Unsinnigkeit Yaacov Lozowick kürzlich treffend beschrieb.

Während die beiden pro-israelischen Demonstranten also wollen, dass wir uns vor der vieldiskutierten Islamisierung des freien Vaterlands fürchten, wollen die Islamisten uns zu einem ähnlichen Gedankenexperiment anregen. Sie geben nicht an, wer denn die Besatzungsmacht wäre, und so darf man die Karte durchaus auch als akkurate Wiedergabe der Ängste der Posener-Fans betrachten.

Gemeint ist freilich eine Besetzung durch die Zionisten, und angesichts der manchmal geäußerten Forderung, den Judenstaat in Europa statt in der Levante aufzubauen, ist das auch ein interessanter Gedanke. Gerade für Antisemiten ist das natürlich eine Horrorvorstellung, erst recht weil es schon zahlenmäßig eine Vervielfachung der Judenheit gegeben haben müssten, um das gezeigte Ergebnis zu verwirklichen und 80 Millionen Deutschen ihre Scholle abzujagen.

Was würde ich tun? Nun, ich fühle mich nicht sonderlich betroffen, schließlich sind Bremen und augenscheinlich auch Berlin auf dieser Karte weiterhin frei. Oder deutsch, je nach Sichtweise.
Oder ist das nur Nord-Berlin? Neukölln ist schon längst gefallen, klar, nicht auszuhalten da. Wird eine Mauer gebaut werden? Und darf man in Wandlitz noch ohne Burka baden? Interessant auch, dass ausgerechnet Köln trotz Moscheemonsterbau deutsch bleiben kann. Da steckt doch irgendeine morgenländische List dahinter…

Und was würden die Deutschen tun? Nun, diese Frage stellt sich nicht mehr, weil die Angst vor “Verjudung” hier keine originelle Idee, sondern eine historische Tatsache ist. So gesehen müsste die Frage eigentlich lauten: “Was haben sie getan?” Die Antwort ist bekannt und verrät, wofür der Autor des Flyers hier um Verständnis wirbt.

Die eigentliche Pointe June 28, 2012 | 06:28 pm

Jan Fleischhauer konstatiert bei Spiegel Online: “Die Linke hat mal wieder Angst, das Ausland könnte die Deutschen nicht sympathisch genug finden.”

Das wirft zunächst einmal die Frage auf, wer oder was denn “die Linke” in diesem Fall ist, und man findet die Antwort im kurzen Bio-Text über den Autoren: “Redakteur beim SPIEGEL und Autor des Bestsellers ‘Unter Linken – Von einem, der aus Versehen konservativ wurde’ (im SPIEGEL-Shop…), in dem er den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation beschreibt.”

Zum Genießen noch einmal: Die Linke ist heute die kulturell dominierende Herrschaftsformation. Das Vokabular klingt ein bisschen wie aus einem herrschaftskritischen Gender-Seminar, wird hier aber von einem der derzeit erfolgreichsten antilinken Klickzahlengenerierer benutzt. Weniger noble Vertreter seiner Zunft sprechen lieber vom “Kulturbolschewismus”. Entscheidend für die Denkfigur ist jedenfalls, dass die Menschen beherrscht werden von linker Kultur. Was es für eine Herrschaftsformation bedeutet, die doch ohnehin schon, nunja, Herrschaft ausübt, wenn sie obendrein auch noch “dominierend” ist, lassen wir hier mal offen.

Bei Fleischhauer geht es weiter:

“Dabei sind die Deutschen im Ausland viel beliebter, als die meisten glauben.”

Was denn die meisten glauben, wie beliebt die Deutschen sind, und woher Fleischhauer das weiß, erfahren wir nicht. Dass die Deutschen überall recht beliebt sind, dürfte aber fast jeder erfahren haben, der mal mit seinem grünen Ausweis das Land verlassen hat. Macht aber nichts. Dass der SpOn-Kolumnist sich einen Mainstream erfindet, den es so nicht gibt, um dann dagegen anzuschreiben, ist sein Geschäftsmodell.

Noch hat niemand das deutsche Team aufgefordert, aus Rücksicht auf die allgemeine Meinung in Europa auf weitere Tore zu verzichten, aber der Gedanke liegt nahe: Was werden die anderen wohl von uns halten, wenn wir auch noch im Fußball unsere Dominanz unter Beweis stellen?

Hier dürfen wir auf engstem Raum erfahren, wie der Fußball-Nationalismus dem Individuum zum Glück verhilft: Erst ist es noch das “deutsche Team”, dann sind es auf einmal “wir”. Und was machen wir? Wir stellen unsere Dominanz unter Beweis. Wirtschaftlich haben wir das offenkundig schon getan, jetzt “auch noch im Fußball.” Wir.

Der nationale Wahn lässt Leute wie Fleischhauer und seine Leser tatsächlich glauben, sie persönlich würden Europa dominieren, obwohl sie doch nur, wie unzählige andere Leute in verschiedenen Staaten auch, jeden Tag irgendeine Arbeit machen. Man muss sie fast bewundern, diese Fähigkeit, sich angesichts eines undurchsichtigen Geschehens auf Märkten und in Staatshaushalten mit bestimmten Zahlen, in diesem Falle einigen Kennziffern für Wirtschaft in Deutschland, zu identifizieren und zu sagen: Das habe ich gemacht! Dass ich im globalen Kapitalismus so wenig für die deutschen oder griechischen Haushalte kann wie Jan Fleischhauer oder ein griechischer Altenpfleger, das wäre eine für Nationalisten durch und durch ernüchternde Erkenntnis.

Es ist eine besondere Eigenschaft der Deutschen, sich laufend den Kopf zu zerbrechen, was die anderen über sie denken. Das gilt insbesondere für die Viertel, in denen man sich traditionell für besonders weltgewandt hält und schon eine Kaffeetasse mit Bundesadler allgemeine Bestürzung auslösen kann.

Die erste Behauptung ist eben das, eine Behauptung. Die zweite ist eine Halluzination. Ganze Viertel werden so für gute deutsche Kaffeetrinker zur No-Go-Area, Deutschland am Abgrund. Schön wärs.

Vor allem bei Auslandsbesuchen ist das kosmopolitische Deutschland peinlich darauf bedacht, nirgendwo anzuecken.

Wer sich bei der Formulierung von der “kulturell dominierenden” Linken schon gefragt hat, wann denn wohl gegen die “Kosmopoliten” polemisiert werden würde, darf hier das Häkchen machen; Fleischhauer hat den Code raus.

Besser als (im Ausland) nett zu sein, ist es, “das Deutschtum auszuleben”:

Wenn der deutsche Tourist in der Fremde sein Deutschtum auslebt, dann beschränkt sich das in der Regel auf extra abgesperrte Areale (“Ballermann”), über die in der Presse dann entsprechend naserümpfend berichtet wird.

Nicht so vom Volksfreund aus Hamburg! Das Ausleben des Deutschtums ist auf abgesperrte Areale beschränkt, welch Schmach! Damit sollte man Schluss machen: Fanmeilen ohne Grenzen, oder zumindest von der Maas bis an die Memel.

Tatsächlich gibt es nicht wenige in Europa, die von den Deutschen jetzt erwarten, dass sie endlich die Führung übernehmen, so wie es ihrer Größe und wirtschaftlichen Macht entspricht.

Nota bene: Es ist nicht die Größe Deutschlands, womit die Einwohnerzahl oder das BIP oder auch die Fläche gemeint sein könnte, nein, es ist die Größe der Deutschen, die von ihnen verlangt, zu führen. Auch nichts Neues. Und sagen das nicht heute sogar die Polen?

“Ich bin wahrscheinlich der erste polnische Außenminister in der Geschichte, der das sagt”, erklärte Sikorski in Berlin: “Aber ich habe weniger Angst vor deutscher Macht, als ich anfange, mich vor deutscher Untätigkeit zu fürchten.”

Es braucht eine gewisse Chuzpe, um Sikorski in diesem Zusammenhang als Kronzeugen zu benennen. Schließlich schreibt Fleischhauer in seiner Kolumne gerne, Franzosen, Italiener, Spanier und Griechen seien prinzipiell selber schuld an der Misere und wollten nun illegitimerweise ans Geld der SpOn-Leser.
Sikorski hingegen will nicht, dass die Deutschen “endlich die Führung übernehmen”, wie Fleischhauer das behauptet; er will, dass sie die Lösung der Schuldenkrise nicht länger blockieren und einen Teil des Geldes, das sie dank des Euros verdient haben, jetzt hergeben, um die Währung zu retten:

“Sikorski sprach sich für eine wesentlich größere Rolle der Europäischen Zentralbank bei der Rettung angeschlagener Euro-Staaten, aber auch klar für die von Deutschland geforderten EU-Vertragsänderungen aus. Deutschland sei der größte Profiteuer des Euro und kein unschuldiges Opfer der derzeitigen Schuldenkrise, mahnte Sikorski.“

“Sikorski sprach gestern Abend bei einer Rede in Berlin laut Manuskript von einer drohenden ‘Krise apokalyptischen Ausmaßes’. Er drängte die Bundesregierung, sich stärker für die Rettung hoch verschuldeter Euro-Staaten zu engagieren. ”

So weit, so anstrengend. Dass unser Autor aber vollkommen dem Wahn erlegen, also wirklich kaum noch zurechnungsfähig ist, offenbart er gegen Ende seines Textes. Voila:

Die eigentliche Pointe der Deutschen-Angst auf der Linken ist, dass die enthusiastischsten Fahnenschwenker ausgerechnet unter den Ausländern anzutreffen sind, die man ins Land geholt hat, um den Deutschen das Deutschsein auszutreiben.

Hervorhebung von mir.

Ja: Man (!) hat Ausländer ins Land geholt, um den Deutschen das Deutschsein auszutreiben. Hat man auch Crack in die SpOn-Redaktion gebracht, um den Autoren das Gehirn zu auszutreiben?

Zum Abschluss darf Bushido sagen, worum es eigentlich geht. Die Deutschen sind nämlich in ihrer historischen Rolle angekommen. Die Deutschen sind, egal was Herr Sikorski sagt, schon wieder Opfer:

“Ich war immer stolz auf meine Deutsche Mark. Wir müssen aufpassen, dass wir uns für andere Länder nicht zu sehr aufopfern.”

Abandon all hope June 21, 2012 | 07:39 am

“Wachsam nach hinten, vorne die Chancen nutzen” – Fussball ist eine einfache Geschichte, wenn man haushoher Favorit ist, das weiss auch der Kapitaen der deutschen Fussball-Nationalmannschaft. Fussballinteressierte erkennen die tatsaechliche Botschaft von derartigen Aussagen sowieso, es ist das uebliche Gerede des Favoriten: Man fragt sich fast, ob Lahm, dem man neben ausserordentlichen fussballerischen Faehigkeiten auch ein gewisses Talent in Public Relations zugestehen muss, bei der Aussprache dieser einstudierten Saetze ein bisschen schmunzeln musste. Genau genommen ist es naemlich nicht einmal realistisch, dass die Deutschen in der Defensive allzu viele Anlaesse bekommen werden, ihre Wachsamkeit unter Beweis zu stellen: Alles andere als ein deutlicher Sieg von Jogis Spiessbuergertruppe ist kaum zu erwarten.

 

Womit wir beim Problem waeren: Die deutsche Nationalmannschaft ist gut, sie ist sogar – fuer eine Fussball-Nationalmannschaft – sehr gut. Besser als so ziemlich jede Mannschaft, die bei der diesjaehrigen Europameisterschaft sonst noch antritt. Fuer jemanden, der ueber Siege der Nati eher nicht so erfreut ist, ein sehr unschoener Umstand. Neun Punkte aus drei Spielen in einer Gruppe, die im Vorfeld einhellig als die schwerste ausgemacht wurde, unverdient davon war keiner. Und was sich sonst noch so im Turnier befindet, laesst das Schlimmste vermuten: Spanien wirkt nicht so dominant wie 2010, Frankreich konnte nicht ueberzeugen und England, machen wir es kurz, wird auch dieses Jahr garantiert keine Rolle spielen, es sei an die vergangene Weltmeisterschaft erinnert.

 

Es kommt aber noch schlimmer, denn die von besagtem Philipp aufs Feld gefuehrte Mannschaft gibt nicht nur geringen Anlass zur Hoffnung, sie wuerde sich allzu bald aus dem Turnier verabschieden, sondern bietet obendrauf auch wenig Angriffsflaeche fuer die Paradedisziplin der bundesdeutschen Postlinken, die moralisierende Polemik. Man muss schon einen ins Pathologische tendierenden Hass auf alles Deutsche hegen oder ueber eine sehr gestoerte Wahrnehmung verfuegen, um die Spieler der Nationalmannschaft ernsthaft unsympathischer zu finden als diejenigen, die in den Dressen anderer Nationen auflaufen. Waehrend Lahm schon darauf hinwies, dass Homophobie im Fussball ein vernachlaessigtes Thema ist, bevor sich manch politisch aktive Fan- oder Ultrasgruppe der Thematik annahm, aeusserte sich Antonio Cassano zu demselben Thema in eine anderslautende Richtung. Zum Vergleich: Die groesste Entgleisung der Deutschen nimmt sich dagegen ziemlich mau aus: Fuer einen Skandal taugte Flicks duemmliche Stahlhelm-Aussage wirklich nicht, hier einen Querverweis auf das optische Erscheinungsbild der Reichswehr oder ihrer Nachfolgeorganisation erkennen zu wollen, wirkt gelinde gesagt arg konstruiert. Dass Fussballtrainer und Manager eben hauptberuflich Fussballmannschaften koordinieren und weder gelernte Politiker und auch nicht immer Akademiker sind, darf nicht vergessen werden, und Jogi Löw macht allemal eine bessere Figur als Oleg Blochyn.

 

Nicht einmal die deutschen Problemfans sorgen bei dieser EM fuer nennenswertes Aufsehen: Mit Strassenschlachten und rassistisch konnotierten Rufen machten Fans anderer Nationen auf sich aufmerksam. Eine critical mass von den allerfiesesten deutschen Holzkoepfen scheint die Oder-Neiße-Grenze auf jeden Fall nicht passiert zu haben, oder, etwas pessimistischer formuliert, sie macht nicht auf sich aufmerksam. Auch das war schon einmal anders.

 

Und trotzdem: Diese Mannschaft darf nicht Europameister werden. Denn, auch wenn diese Einschaetzung mittlerweile zu einer Trivialitaet verkommen ist, beim Fussball geht es um mehr als das mit dem Auge zu erfassende Geschehen. Es ist, wie alle Zeitvertreibe, die emotionale Involvierung mit dem voelligen Fehlen von Moeglichkeiten zur direkten Einflussnahme verbinden, eine genauso echte wie eigentlich dumme Herzensangelegenheit. Weil das sportliche Ereignis – ein Wettkampf zwischen 22 Menschen – ohne seine irgendwie geartete Interpretation durch andere nichts ist, ein blosses Spiel. Klar, es geht um viel Geld, aber es geht auch um die Geschichten, die man mit dem Fussball erzaehlen kann. Die diejenigen, die irgendwie doch ganz zufrieden mit dem modus vivendi hierzulande sind, mit dem Fussball erzaehlen. Und dafuer wuerde ein EM-Titel einen mehr als passablen Handlungsrahmen abgeben.

 

Da waere die Erzaehlung von der Integration von Kindern mit Migrationshintergrund in diesem Land. Waehrend im Feuilleton im Gefolge der Sarrazin-Debatte ueber die marktwirtschaftliche Verwertbarkeit von tuerkischen Gemueseverkaeufern gestritten wird, beweihraeuchert man sich ein paar Seiten vor- oder nachher ob der Tatsache, dass auf den Trikots der A-Mannschaft 20 Jahre nach der Wende auch Namen wie Özil, Khedira und Boateng stehen. Und in diese Erzaehlung vom weltoffenen Nabel Europas im 21. Jahrhundert wuerde ein EM-Titel aehnlich gut passen, wie das Wunder von Bern im gleichnamigen Kinofilm als Wegmarke fuer das Ende einer sehr kurzen Nachkriegszeit ausgemacht wird.

 

Um dieses Bild der deutschen Gesellschaft zu verifizieren, benoetigt man notwendigerweise auch immer der Blick auf die anderen, im deutschen Fall ist es – wie koennte es anders sein – einer von oben. Das gilt in der Politik wie im Sport: Die blasierte Arroganz, mit der Mehmet Scholl und Olli Kahn als Experten im Gefolge der Kommentatoren die Spiele von Löws Mannschaft fuer das oeffentlich-rechtliche Fernsehen kommentieren, passt sich nahtlos den nahezu einhelligen Kommentaren zum politischen Tagesgeschehen in den TV-Nachrichten an: Waehrend die eiserne Kanzlerin hart in der Euro-Frage bleibt, erspielt sich Jogis Elf den Titel. Die humoristischen Anspielungen auf diese Gleichzeitigkeit von kulturellem und politischem Grossevent besorgt dann spaetestens Waldis EM-Club, wen schert es da schon, dass diePleitegriechen, die da morgen auf dem Feld stehen, dem hiesigen Fiskus im Zuge ihrer beruflichen Anstellung bei deutschen Vereinen vermutlich mehr Steuergelder abgedrueckt haben als manche kleine Gemeinde.

 

Es gibt auch, wenn man so will, die Erzaehlung von einer veraenderten politisch-aesthetischen Erfahrung. Sie beginnt wohl schon 2006, als der offensichtlich vorhandene Markt bzw seine Teilnehmer mit jeder Art von industriell gefertigtem Schrott – schwarz-rot-goldene Gummibaerchen und Autofaehnchen – bedient wurde. Seitdem muss, wer durch eine ganz normale deutsche Wohnsiedlung zur Turnierzeit geht, meist ziemlich lieblos in die staedtische Architektur integrierte Devotionalien ertragen, und derlei Ornamentik, muss man umformulieren, ist Verbrechen. Und der phonetischen Belastung durch Hupkonzerte im Anschluss an die aeusserst zahlreichen Siege der Nationalelf entkommt man ohnehin nicht, denn in Deutschland, dem Land, dessen Gott des Sports Michael Schumacher heisst, hat jeder ein Auto.

 

Man muss gar kein uebellauniger Linksautonomer sein, um das nervig zu finden, und im Uebrigen kann man diesen Halunken neuerdings eh den Neukoellner Passdeutschen und Kioskbesitzer entgegenhalten, der seine gepachtete Parzelle grosszuegig in den Farben des Vormaerz schmueckt. Der vom Boulevard zum Steinewerfer aufgewerteten Fahnendiebe These, dass ein Autofaehnchen Nationalismus produziere, wuerde Marx, auf den man sich in diesen Kreisen ueblicherweise irgendwie, irgendwann immer beziehen zu koennen hofft, wohl sowieso nicht mitgehen wollen. Weil aber das Abreissen von Fahnen genauso wenig eine schwere Straftat wie ein politischer Akt ist, ist das Problem auch mit zwei sauberen Kiezen pro Grossstadt nicht wirklich geklaert. Und so versackt von der eigentlich notwendigen linken Kritik vieles in einem blossen Habitus des Dagegenseins, einem rein symbolhaften Protest, der sich eher an Sid Vicious als an Karl Marx orientiert: Die Inszenierung der eigenen Haltung ist wichtiger als die mit dieser Haltung verbundene Ueberzeugung. Im Jahr 2012 kann man also die Nazi-Anspielungen ruhig wieder der englischen Yellow Press ueberlassen, die das eh besser kann als Egotronic.

 

Und wir warten. Auf Mario Balotelli.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Judengrusel June 4, 2012 | 08:45 am

Nach Informationen von verbrochenes.net ist Israel ein kleines Land am Mittelmeer. Gerüchte kursierten schon länger, jetzt konnten unsere Recherchen einen schrecklichen Verdacht bestätigen: In dem eigentlich ganz schnuckeligen Land leben überdurchschnittlich viele Juden. Kürzlich gemachte Aufnahmen legen gar den Verdacht nahe, dass auf der Landesflagge ein Davidstern abgebildet sein könnte. Auch soll das Land über eine eigene Armee verfügen und bei der Ausrüstung derselben mit anderen Staaten zusammenarbeiten. Mehrere Artikel der deutschsprachigen Wikipedia belegen, dass der “Judenstaat” bereits seit 1948 besteht.

Doch nicht alles an dieser Nachricht ist schlecht: Immerhin lässt sich die deutsche Konjunktur ein wenig mit dem Verkauf eines beliebten Magazins für Judengrusel ankurbeln. In den kommenden Ausgaben sind weitere Scoops zu erwarten:

AUFGEDECKT: ISRAEL KONTROLLIERT SEIT JAHREN WEITE TEILE DER WESTBANK

KEIN STRAND IN RAMALLAH – WIE LANGE GEHT DAS NOCH GUT?

EMO-TERROR: WIE DIE JÜDISCHE SCHLAGERSZENE EINE GANZE NATION FOLTERT

VIELE ERBSEN, KEINER KICHERT – KULINARIKER AN DER LEVANTE MACHEN ERNST

HIER WACHSEN NUR OLIVEN: HASS-ACKER VON JENIN.

Wirte, Täter und Helfer April 2, 2012 | 09:55 pm

In der vorletzten Ausgabe der Jungle World steht ein erstaunlicher Satz, der so anfängt: “Nachdem die Deutschen und ihre Hilfsvölker nicht nur bewiesen hatten, dass man einen wahnhaft-projektiven Antikapitalismus bis zum industriell betriebenen Massenmord steigern kann[...]“. Da wundert man sich doch, dass Völker in einer linken Wochenzeitung und in einem Artikel, der einen Absatz später die “allgemeine Emanzipation” hochhält, affirmativ als handelnde Akteure erwähnt werden. Die Frage ist nun, ob es denn mit “Hilfsvölkern” schon getan ist, oder ob man sich nicht noch weiter im Begriffs-Fundus der völkischen Bewegungen bedienen kann. Wenn schon die nichtdeutschen Helfer der Nazis als “Hilfsvölker” durchgehen, kann sich dann nicht zum Beispiel die Islamkritik den Begriff des “Wirtsvolks” nutzbar machen? Muss ja gar nicht böse gemeint sein. Und was ist mit dem guten alten “Tätervolk”? Für Martin Hohmann waren die Juden keins und die Deutschen erst recht nicht, aber wie sieht es denn mit den Hutu aus?
Ich bin jedenfalls gespannt, ob die Sicht auf die Menschheit als eine Ansammlung von Völkern mit bestimmten Eigenschaften und Funktionen, Ameisen nicht unähnlich, in der Jungle World sich durchsetzen wird.