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Feministische Theorie im Frühling October 15, 2013 | 05:46 pm

Im Frühling dieses Jahres fand in Jena eine interessante Veranstaltungsreihe statt, die vom StuRa und dem Gleichstellungsreferat der Uni Jena (beide Gremien sind inzwischen neu besetzt) organisiert wurde. Es wurden in dieser Reihe verschiedene Ansätze feministischer Gesellschaftskritik vorgestellt, die derzeit in der radikalen Linken diskutiert werden.

Es geht um Materialismus, queer theory und Feminismus. Queer Theory ermöglicht es, Heteronormativität und gesellschaftliche Normierungsprozesse zu benennen und zu kritisieren. Aber die Produktionsverhältnisse und materiellen Lebensbedingungen lassen sich nicht dekonstruieren. Wie kann der Kampf gegen Patriarchat und Kapitalismus aussehen – und was ist untragbar für eine emanzipatorische Gesellschaftskritik?

1. Roswitha Scholz: Die Wert-Abspaltungskritik – ein neuer Versuch marxo-feministischer Theoriebildung

Roswitha Scholz hat in ihrem Vortrag einführend einige Grundgedanken der Wert-Abspaltungskritik vorgestellt, wie sie vor allem in „Der Wert ist der Mann“ und „Das Geschlecht des Kapitalismus“ ausformuliert ist, wie sie aber auch aus vielen anderen Vorträgen bekannt sind. Gegen Ende stellt sie einige Überlegungen zur Verwilderung des Patriarchats und der Herausbildung zwangs-flexibilisierter Identitäten im Neoliberalismus an. Im Zusammenhang mit Scholz‘ Vortrag sei auf die jüngeren Ausgaben der Exit! verwiesen, in denen das Geschlechterverhältnis auf verschiebenen Ebenen erneut diskutiert wurde. Ebenfalls sei auf die Rezension von Justin Monday anlässlich der Neuauflage von „Das Geschlecht des Kapitalismus“ im letzten Jahr verwiesen.

Seit geraumer Zeit lässt sich eine Marx-Renaissance beobachten. Nach dem „cultural turn“ der letzten Jahrzehnte treten nun wieder „materielle“ Aspekte in den Vordergrund. Und so fordert Nancy Fraser auch im feministischen Kontext „Frauen, denkt ökonomisch“. Ansonsten sind jedoch marxo-feministische Konzepte rar, die jenseits traditioneller Marxismen nach dem Zusammenbruch des Ostblocksozialismus und den neuerlichen Krisenentwicklungen im Kapitalismus Neuland betreten. Im Vortrag wird thesenhaft die Wert-Abspaltungstheorie als „Big Theory“ vorgestellt, die einer neuen Qualität des warenproduzierenden Patriarchats Rechnung tragen und dabei gleichzeitig auch die kulturell-symbolische Ebene berücksichtigen will.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 46,2 MB; 50:25 min) | Diskussion (mp3; 48,2 MB; 52:37 min)

2. Hanna Meißner: Kritik der politischen Ökonomie queer/feministisch gelesen

Hanna Meißner (u.a. „Jenseits des autonomen Subjekts“) will in ihrem Vortrag die Grenzen der Marx’schen Analysen aufzeigen und wie an dieser Grenze poststrukturalistische bzw. queer-theoretische Analysen anknüpfen können. Dabei referiert sie einige Merkmale der Subjektivität des Warenbesitzers und weist darauf hin, dass dieser konstitutiv von Voraussetzungen abhängig ist, die nicht in seinem Wirkungsbereich liegen und die er selbst nicht einholen kann. Der Marx’schen Analyse müsse mit einer gewissen Notwendigkeit entgehen, wie genau an dieser Stelle das Geschlechterverhältnis wirkmächtig wird. Meißner verweist daher auf Subjektivitäts-Analysen von Butler, Foucault und Spivak.

Die Frage, was die Marx’’sche Kritik der politischen Ökonomie zur Analyse der Geschlechterverhältnisse beitragen kann wurde in Teilen der feministischen Debatten lange intensiv und kontrovers diskutiert. Sie ist allerdings in der jüngeren Vergangenheit etwas in den Hintergrund getreten und schien durch einen poststrukturalistisch informierten Blick auf die wirklichkeitskonstituierenden Effekte der diskursiven Ordnung überlagert. Statt allerdings von einer Unvereinbarkeit von queer/feministischen Theorien und der Marx’’schen Kapitalismusanalyse auszugehen, lohnt sich eine erneute Re-Lektüre der Marx’’schen Texte. Marx bietet für (queer/feministische) Gesellschaftskritik ein wichtiges Instrumentarium, da er mit der kapitalistischen Produktionsweise einen historischen Strukturzusammenhang erkennbar macht, der unserem In-der-Welt-Sein (auch in seiner vergeschlechtlichten Dimension) bestimmte Formen und Dynamiken vorgibt und spezifische Hierarchisierungen sowie versachlichte Herrschaftsverhältnisse hervorbringt.

Interessant ist dabei nicht so sehr das, was Marx selber zum Verhältnis von Männern und Frauen und zur geschlechtlichen Arbeitsteilung geschrieben hat. In einer Lektüre von Marx nach Judith Butler (und Michel Foucault) lässt sich argumentieren, dass auf der analytischen Abstraktionsebene, auf der Marx die Strukturen der kapitalistischen Produktionsweise rekonstruiert, gar keine Aussagen über Geschlechterverhältnisse oder Heteronormativität möglich sind. Wird dies als (notwendige) Grenze der Marx’’schen Analyse gelesen, dann lassen sich Anschlüsse zu einer queer/feministischen Perspektive eröffnen.

    Download: via AArchiv (mp3; 42,3 MB; 46:14 min)

3. Andrea Truman: Bürgerschreck: der schwule Mann

Andrea Trumann (u.a. „Feministische Theorie“, „Das bürgerliche Subjekt und sein Anderes“ und Mitarbeit an der „Scherbentheorie“) hat in ihrem Vortrag zunächst an zwei Beispielen (eine Dokumentation über Homophobie im Fußball und eine Studie von Frank Lammerding) und dann mit Bezug auf Foucault und Freud einige Thesen zu den gesellschaftlichen Ursachen von Homophobie vorgestellt. Zentral ist dabei das Begriffspaar Aktivität/Passivität, wobei Aktivität männlich kodiert und mit Leistungsfähigkeit verbunden ist, während Passivität für Weiblichkeit bzw. Verweiblichung und Unfähigkeit zur Selbstbeherrschung steht.

Homosexualität scheint in der Gesellschaft angekommen zu sein. Aber unter dieser oberflächlichen Anerkennung, schwelt immer noch der Hass auf Schwule. In Kreuzberg werden Schwule nach Partys abgefangen und zusammengeschlagen; „schwul“ ist in Schulen neben „Jude“ eins der beliebtesten Schimpfwörter. Und auch die Toleranz im bürgerlichen Milieu endet in der Regel, wenn es um die eigene Kinder geht. Aber woher kommt dieser Hass auf Schwule, der sich unter der Oberfläche bürgerlicher Toleranz Bahn bricht? Dieser Hass ist nicht das Andere zur bürgerlichen Gesellschaft, sondern konstitutiv für diese. Gehasst wird an den Schwulen nicht, dass sie mit jemandem gleichgeschlechtlichen schlafen, sondern dass im schwulen Sex mindestens einer in die Rolle der Frau schlüpfen und sich „ficken“ lassen muss.

Die Angst vor dem Schwulsein ist gleichzeitig eine Angst vor der Verweiblichung. Eine Angst, die auch bei einem Großteil der schwulen Szene selbst nicht Halt macht, in der ein Männlichkeitskult gepflegt wird, der Tunten oftmals ausschließt. Der Hass auf die Schwulen wird geschürt durch die Angst vor der Passivität und dem Kontrollverlust, hinter der sich der Wunsch eben danach verbirgt. Denn dem Schwulen (gleichsam wie der Frau) wird die Macht zugesprochen, die Bürger von ihrem rechten Weg (vom Arbeitszwang und der Kleinfamilie) abzubringen, und dieser Wunsch nach Ruhe und Kontrollverlust muss bei Strafe des drohenden Untergangs, die innerhalb kapitalistischer Vergesellschaft der Preis wäre für das Auslebens dieses Bedürfnis abgewehrt werden und die vermeintlichen Verführer gehasst und im schlimmsten Fall ausgelöscht werden.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 52,7 MB; 57:35 min) | Diskussion (mp3; 34,4 MB; 37:31 min)

4. Lars Quadfasel: The Great Gender‘n'Trouble Swindle. Judith Butlers un_kritische Theorie

Lars Quadfasel rekonstruiert in seinem Vortrag kurz die feministischen Debatten und Widersprüche, aus denen heraus Judith Butlers Projekt entstand, will zeigen, dass Butler nicht so radikal ist, wie es von ihren Anhängern suggeriert wird und kritisiert einzelne Theoreme Butlers. Größeren Raum nimmt dabei das Verhältnis von Geist/Mensch/Kultur auf der einen und Körper/Natur auf der anderen Seite ein. Gegen Ende kritisiert er einige Aspekte von Butlers Moralphilosophie und zeigt auf, warum der Antizionismus mit einer gewissen Notwendigkeit aus deren Prämissen folgt. Die Diskussion, in der es u.a. um Butlers Begriff der Verletzbarkeit und noch einmal um das Verhältnis von erster und zweiter Natur geht, ist dann nochmal relativ interessant. Vgl. auch „Beiträge zur Adorno-Preisverleihung 2012“.

Quadfasel will zeigen, dass Butlers Ansatz im Grunde eine Neuauflage des alten bürgerlichen Idealismus ist und entsprechend der kapitalistischen Logik nicht die Emanzipation von den geschlechtlichen Zwangscharakteren, sondern lediglich deren Flexibilisierung betreibt.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 51,9 MB; 56:39 min) | Diskussion (mp3; 37,4 MB; 40:49)

5. Korinna Linkerhand: Leben wir (noch) im Patriarchat? Ein Plädoyer für die Anliegen des klassischen Feminismus

Korinna Linkerhand (Meine Frauengruppe, u.a. Autorin in „Outside the Box“, z.B. „Der postmoderne Körper“: Vortrag, Text) nimmt in ihrem Vortrag eine grundlegende Bestimmung des Patriarchat-Begriffs vor und bestimmt Sexismus als ideologischen Niederschlag des Patriarchats. Einigen Raum nimmt in ihrem Vortrag die Bestimmung des Verhältnisses von Patriarchat und Kapitalismus ein, wobei sie den Kapitalismus in Bezug auf Roswitha Scholz als warenproduzierendes Patriarchat begreift, für das eine Abspaltung des Weiblichen konstitutiv ist. In diesem Zusammenhang entgegnet sie auch der Auffassung, im Kapitalismus seien patriarchale Verhältnisse bereits tendenziell überwunden. Zuletzt übt sie eine Kritik am „Postfeminismus“, dem sie einen materialistischen und universellen Feminismus entgegenstellt, der Gesellschaftskritik als Kritik eines historischen Vermittlungsverhältnisses von Mensch und Natur formuliert, anstatt Natur in Diskurse auflösen zu wollen.

Dass die Rede vom Patriarchat gegenstandslos geworden sei, ist eine gängige Diagnose von gesellschaftskritischer und auch genderbewegter Seite, die angesichts der mittlerweile umfassenden Gleichstellung der Frau in der westlichen Hemisphõre auf der Hand zu liegen scheint: Frauen seien berufstätig, selbstbestimmt und obendrein Kanzlerin, eine Vielfalt von Lebensentwürfen stünden ihnen zur Verfügung und vorm Kapital seien sowieso alle gleich. Doch nach wie vor ist Geschlecht ein nicht wegzudenkendes Strukturprinzip der Gesellschaft: Menschen werden wie eh und je in Männer und Frauen unterteilt und zu solchen sozialisiert. Das Patriarchat als Analysekategorie vor allem der Zweiten Frauenbewegung bezeichnet die Herrschaft von Männern bzw. – unter den Vorzeichen einer abstrakten Vergesellschaftung – eines männlichen Prinzips, wie sie innerster Bestandteil nicht nur der abendländischen Kultur ist. Sollte das Geschlechterverhõltnis nun plötzlich nicht mehr herrschaftlich verfasst sein? Fördert die Leugnung eines patriarchalen Gefälles in der Gesellschaft nicht letztlich das ungebrochene Fortwirken der sexistischen Ideologie – wirft es nicht vor allem Frauen mit ihrer Vielzahl an geschlechterspezifischen Problemen, die sie ihrer Sozialisation verdanken, in die Vereinzelung zurück, wenn wir aufhören, die Besonderheiten weiblicher Subjektbildung zu analysieren und zu kritisieren?

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 47,5 MB; 51:52 min) | Diskussion (mp3; 33 MB; 36:01 min)

6. Katharina Lux: Marx und der blinde Fleck des Feminismus

In ihrem Vortrag weist Katharina Lux auf einen grundlegenden Mangel in den gängigen feministischen Theoriemodellen hin — ihnen fehle ein Begriff gesellschaftlicher Totalität sowie grundlegende Bestimmungen des gesellschaftlichen Seins. So gibt sie eine allgemeine Skizze des Verhältnisses von Mensch und Natur, von Arbeit und Vergegenständlichung, sowie – für eine feministische Gesellschaftskritik entscheidend – der gesamtgesellschaftlichen Reproduktion. Hauptbezugspunkte für ihre Thesen sind dabei die Philosophisch-ökonomischen Manuskripte von Marx und „Die deutsche Ideologie“ von Marx und Engels sowie „Zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins“ des späten Georg Lukács. Insgesamt ist der Vortrag ein nützlicher Crashkurs durch den historischen Materialismus, der als Anregung für eine feministische Kritik verstanden werden will. In ihrem kürzlich in der vierten Ausgabe der Zeitschrift „Outside the Box“ erschienen Text mit dem Titel „Über die Repräsentation der Differenz und die Kritik Marx’scher Begriffe“ verfolgt sie eine ähnliche Stoßrichtung.

Was Georg Lukács schon in den 60er Jahren für die kommunistische Theoriebildung allgemein feststellte, gilt heute immer noch und ebenfalls für das Bewusstsein der feministischen Linken: Der Mangel der theoretischen Entwicklung grundlegender Kategorien des gesellschaftlichen Seins. Heute drückt sich dieser Mangel sowohl darin aus, dass keine Reflektion der implizit in den vertretenen feminstischen Theorien enthaltenen Vorstellungen von Natur, Gesellschaft und Menschsein geleistet wird, oder aber – wie zur Zeit überall in Mode – die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins als angeblich nicht notwendige oder sogar dogmatische zum Schein verworfen werden. Das Resultat ist – so ist zu befürchten – die Wiederholung der beklagten Fehler der zweiten Frauenbewegung. Die zweite Frauenbewegung war spätestens seit den 80er Jahren größtenteils rekuperiert, ihre Forderungen beschränkten sich auf die gesellschaftliche Akzeptanz der Interessen der Frauen und ihre Teilhabe in der bestehenden Gesellschaft. Plötzlich passte sie hervorragend zu den neuen Anforderungen an die Subjekte in der kapitalistischen Gesellschaft. Nach dieser historischen Erfahrung stellt sich heute für die theoretische Arbeit des Feminismus die Aufgabe, das Verhältnis des Feminismus zur Totalität der Gesellschaft zu bestimmen, will er der Partikularisierung und Einhegung seines Begehrens auf ein für die kapitalistische Gesellschaft verträgliches Maß entgehen. Andernfalls wird der Feminismus zum zufälligen Produkt der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, die er selbst nicht versteht oder verstehen will und der er so ausgeliefert bleibt.

Ein erster Schritt diesem selbstverschuldeten „Schicksal“ zu entgehen, wäre die Sichtung der grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie Menschsein, Natur, Arbeit und Gesellschaft, die im Werk von Karl Marx und Friedrich Engels vorliegen, das von FeministInnen oft verworfen wurde. Was die Analyse und Kritik des Geschlechterverhältnisses angeht – so eine gängige Meinung bis heute – sei dieses Werk von „blinden Flecken“ durchzogen und ökonomistisch, weshalb dort nicht viel zu holen sei. Das ist ein unverzeihlicher Irrtum. Denn im Denken von Marx und Engels liegt der methodische Schlüssel, mit dem das Geschlechterverhältnis als gesellschaftlicher Komplex in seiner Eigendynamik und zugleich seiner Determiniertheit durch die kapitalistische Gesellschaft begriffen werden kann. Ebenso finden sich in den Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten, der Deutschen Ideologie bis hin zur Kritik der Politischen Ökonomie die Grundlagen einer Subjekttheorie, die eine umfassende, nicht-partikulare Befreiung des Individuums von Herrschaft zu ihrem Ziel hat. Will die feministische Linke ihren „blinden Fleck“ überwinden, so muss sie sich dem Fundament, den grundlegenden Kategorien einer Subjekttheorie wie sie im historischen Materialismus entwickelt sind, zuwenden. Genau dieser Aufgabe ist der Vortrag gewidmet, in dem versucht werden soll, die grundlegenden Kategorien des gesellschaftlichen Seins wie sie von Marx, Engels und Lukács entwickelt wurden, darzulegen.

    Download (via AArchiv): Vortrag (mp3; 45,1 MB; 49:13 min) | Diskussion (mp3; 25,8 MB; 28:12 min)
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Coming-out im russischen Fußball? January 4, 2013 | 11:19 am

Wirklich schöne Bilder sind das: Zwei Menschen entfliehen dem kalten Winter zu Hause und genießen stattdessen die Sonne in Miami, Florida. Man sieht sie eng umschlungen unter Palmen, lachend bei einer Lamborghini-Fahrt, entspannt am Pool, sich küssend auf einer Party, herumalbernd in der Badewanne. In einem Facebook ähnlichen sozialen Netzwerk stellen sie diese und weitere Aufnahmen online und kommentieren sie gelegentlich kurz. »Ich liebe ihn«, ist dort beispielsweise zu lesen, und: »Wo wären wir nur ohneeinander?« Wie gesagt, wirklich schön – und trotzdem eigentlich nicht weiter der Rede wert, wären die beiden nicht männliche, russische Fußballprofis, Nationalspieler ihres Landes gar. Alexander Alexandrowitsch Kokorin heißt der eine, 21 Jahre alte, der zwölf Länderspiele absolviert hat und in Diensten des russischen Erstligisten Dynamo Moskau steht; Pawel Konstantinowitsch Mamajew der andere, drei Jahre ältere, der auf zwei Länderspiele kommt und beim Liga- und Lokalrivalen ZSKA Moskau spielt.

Das vielgelesene russische Weblog Fußball in sozialen Netzwerken bastelte aus einigen der Bilder eine Art Foto-Love-Story und veröffentlichte sie am 25. Dezember des vergangenen Jahres unter der Überschrift »Wir sind zusammen« im Rahmen seiner kleinen Reihe mit dem Titel »Wie sich Fußballer der [russischen] Premjer-Liga erholen«. Was folgte, war eine regelrechte Flut von Leserkommentaren, die noch immer nicht abreißen will. Nicht wenige Beiträge sind offen schwulenfeindlich und beleidigend, aber es gibt auch viel Unterstützung für die beiden Fußballer und Kritik an den homophoben Verhältnissen in Russland. Beim »Rating« bekommt der Artikel zudem deutlich mehr Zuspruch als Ablehnung.

Erschienen ist er nur wenige Tage, nachdem eine einflussreiche Fangruppe des russischen Premjer-Liga-Klubs Zenit St. Petersburg ein »Manifest« veröffentlicht hat, in dem der Verein aufgefordert wird, keine schwulen, schwarzen oder nichteuropäischen Spieler mehr zu verpflichten. Nicht nur dieses üble Pamphlet macht deutlich, wie verbreitet die Homophobie in Russland ist: In mehreren Regionen des Landes gibt es Gesetze gegen »homosexuelle Propaganda«, und russische Politiker wie beispielsweise die Gesundheitsministerin Veronika Skworzowa bezeichnen Homosexualität als »Krankheit«. Zudem werden immer wieder Demonstrationen von Schwulen und Lesben verboten oder von gewalttätigen, oft rechtsextremen Gegendemonstranten angegriffen. Ist vor diesem Hintergrund ein Coming-out von Fußballprofis in Russland tatsächlich denkbar?

Fast will es trotz der eindeutig scheinenden Bilder zu kühn anmuten, zumal Kokorin und Mamajew auch noch die ersten bezahlten Kicker wären, die sich während ihrer aktiven Laufbahn öffentlich dazu bekennen, schwul zu sein, seit es der englische Fußballer Justin Fashanu im Oktober 1990 tat* – und sich nach diversen homophoben Hetzkampagnen, Anschuldigungen und Vorverurteilungen schließlich am 2. Mai 1998 in seiner Garage erhängte. Entsprechend zurückhaltend ist denn auch das bekannte schwul-lesbische Portal queer.de, das »auf eine offizielle Stellungnahme der beiden Jungs« hofft, die seit der Veröffentlichung der Urlaubsfotos schweigen. Die populäre Plattform dbna vermutet: »Ein Grund, warum plötzlich diese Bilder auftauchten, könnte die Tatsache sein, dass sich der Dauerrivale aus Sankt Petersburg kürzlich gegen Dunkelhäutige und Homosexuelle im Fußball ausgesprochen hatte und die beiden Fußballer dagegen Position beziehen wollten.« Und bei Eurosport Russland glaubt man lediglich »an einen simplen Spaß im Urlaub«.

Es bleibt also wohl abzuwarten, ob sich die beiden Spieler noch einmal zu Wort melden (und wenn ja, was sie sagen), bevor sich eine endgültige Bewertung formulieren lässt. Einstweilen ist jedoch Michael Wollny, Fußballredakteur bei Eurosport Deutschland, zuzustimmen, der via Twitter kommentierte: »Gelungene Aktion, falls sie [Kokorin und Mamajew] menschenverachtenden Hass wie bei Zenit veräppeln wollten. Megamutig, wenn echt.«

(Zuerst veröffentlicht auf dem Webportal Fussball-gegen-Nazis.de.)

Herzlichen Dank an @senSATZionell, @Michael_Wollny, @hourglass1979, @crazylilly, @hirngabel und @el_loko74 für wertvolle Hinweise und Gedanken.

* Mit Anton Hysén hatte im März 2011 ein weiterer Fußballer ein viel beachtetes öffentliches Coming-out, allerdings spielte er seinerzeit »nur« für einen Viertligisten.


Einsortiert unter:Fußball, Politik Tagged: Alexander Kokorin, Homophobie, Pawel Mamajew, Russland

links (25. November 2012) November 25, 2012 | 09:26 am

Die vergangene Nacht (bis vor einer halben Stunde) widmete der RBB Rosa von Praunheim. In einer Folge von “Rosas Welt” äußerte sich der Bildhauer Karsten Klingbeil über seinen “persönlichen Holocaust”, den er in sowjetischer Kriegsgefangenschaft erlebt habe. Es sei “genauso” gewesen. Hier geht’s zur Mediathek.

  • Neues von der beliebten Vollflachzange Xavier Naidoo: “Ich schneid’ euch jetzt mal die Arme und die Beine ab, und dann ficke ich euch in den Arsch, so wie ihr es mit den Kleinen macht. Ihr tötet Kinder und Föten. Ihr hab einfach keine Größe und eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” Und keine gute Verschwörung kommt ohne einen Link zu alteingessenen aus: “Okkulte Rituale besiegeln den Pakt mit der Macht, Teil einer Loge getarnt unter Anzug und Robe. Sie schreiben ihre eigenen Gebote.” Diese Zeilen sind in einem ‘hidden track’ auf einem gemeinsam mit einer nicht minder dümmlichen Person namens Kool Savas aufgenommenen Album zu hören. Abhaten gegenüber der Möglichkeit zum Schwangerschaftsabbruch; eine wirre Neuverschwörung in der Schwule Föten töten würden und das Ignorieren von Lesben - die sind doch bestimmt auch ganz widerlich und schlecht für den deutschen Volkskörper oder? Ach, vielleicht finden sie die ganz dufte, weil “Möse” und vermeintlich keine Penetrationsmacht? Mittels “Warum liebst du keine Möse, weil jeder Mensch doch aus einer ist?” ist das ja indirekt geklärt. Und an anderer Stelle noch ein kleiner Verschwörungsnachschlag inkl. autoritärer Sehnsucht: ”Wo sind unsere starken Männer, wo sind unsere Führer, wo sind sie jetzt?” um etwas gegen “furchtbare Ritualmorde an Kindern, die tatsächlich ganz viel in Europa passieren” zu tun. unfuckingbelieveable (via queer.de).
  • Alle Bildungsarbeit der Welt ist Perlen vor die Säue, wenn personifiziertes Bescheidwissen weiterhin Unsinn erzählen darf. So wie bspw. neulich in Bopfingen. Irgendwo im Schwäbischen. Dort meinte Prof. Dr. Gerhard Hirschfeld die These zu verkaufen, dass der Antisemitismus weitgehend auf “schlichte[r] Habgier” basiere. Die lokale Journaille “Schwäbische Zeitung” zieht sprachlich weiterhin vom deutschen Leder und verwendet in seiner Berichterstattung gerne und ohne Anführungszeichen Ausdrücke wie “Reichskristallnacht” oder die “in Palästina ausgetragenen Kämpfe”. Einzig der Hinweis darauf, dass der Ausdruck “christlich-jüdische Tradition im Abendland” blanker Hohn ist, sollte positiv angerechnet werden. Auch wenn das einem Mindestmaß gleichkommt. In der “Jüdischen Allgemeinen” erschien anlässlich des 9. November ein lesenswerter Artikel zu Begrifflichkeiten (und ihrem Wandel) rundum die Novemberprogrome 1938 und ein weiterer dazu wie sie bzw. aktueller Antisemitismus gegenwärtig (de)thematisiert werden.
  • Deutschland am 9. November 2012: nachdem die Stimmung im mecklenburgischen Kaff Wolgast schon gefroren ist - ein Asylbewerberheim wird eingerichtet, das Fernsehen berichtet ganz, ganz fies über die doch gar nicht so rassistischen Äußerungen und Handlungen (Landser et. al. für den ganzen Wohnblock unfreiwillig hörbar) der ortsansässigen Deutschen, die daraufhin rumheulen - sollte nun die NPD also ausgerechnet am 9. November mit einem genehmigten Fackelzug durch das Drecksnest bis vor die örtliche Gemeinschaftsunterkunft ziehen (beim Kombinat Fortschritt gibt es auch einen Überblick zur aktuellen Situation vor Ort). In Greifswald war man unterdessen subtiler und entfernte Stolpersteine. “Polizei vermutet politisches Motiv” - diese Füchse…
  • Eigentlich sollte es nach einigen Äußerungen seitens Sigmar Gabriel und der Geschichte des Antisemitismus in Arbeiterorganisationen nicht verwundern, aber dass die SPD ganz unverhohlen mit der Fatah “flirtet” sorgt wenigstens bei mir doch noch für erschrockenes Stirnrunzeln.
  • Die aktuelle Situation im Nahen Osten ist (wenigstens für mich) noch nie so mürbend wie heute. In vielerlei Hinsicht. Auf einer Mailing-Liste “linker Akademiker_innen” wird Ken Jebsen promotet und Israel direkt mit dem NS verglichen. Stark. Dennoch eine kleine Auswahl lesenwerter Beiträge: zunächst “An all die Mahner, Kopfschüttler, Abwiegler” von Lila (“letters from rungholt”). Des weiteren ist Felix Riedel auf “nichtidentisches” wieder einmal zu empfehlen: “Das Ende der Propaganda”. Beim Telegraph findet sich eine Medienanalyse mit dem Titel “Pallywood and the pornography of death: the Western media suckered again”. Klassiker: Stephan Grigat - “Befreit Gaza - von der Hamas”. Roland Benedikter über die strategischen Züge und Bedeutung auf internationaler Ebene: “Gaza - warum gerade jetzt?”. In dem etwas betagten Text “Der Krieg gegen die Juden” von Robert Kurz finden sich interessante Gedanken. Und falls mal wieder die Lust am Argumentieren oder Pöbeln fehlt, lässt sich ggf. auf dieses Video über “Israel in den deutschen Nachrichten” zurückgreifen.
  • Unterdessen in Uganda: das Parlament hat sich als “Weihnachtsgeschenk” für seine Bevölkerung überlegt, einen zweiten Versuch zu starten und einen neuen Gesetzentwurf einzubringen, der diese vor der “ernsthaften Bedrohung”, die von homosexuellen Menschen ausgehe, schützen soll. Diesem Entwurf zufolge soll die Todesstrafe nicht mehr bei “schweren Fällen von Homosexualität” sondern “nur noch” bei “Pädophilen” angewendet werden. Die bisher bereits verankerten, lebenslangen Haftstrafen, die Schwulen und Lesben (anderweitige Schubladen sexueller oder geschlechtlicher Identität wurden bisher nirgends erwähnt, ist bei diesem rigorosen Hass aber ohnehin vollkommen obsolet) bei öffentlicher Auslebung ihrer Sexualität jetzt bereits drohen, bleiben freilich bestehen. Mit dem neuen Gesetz soll dann auch “Werbung” für Homosexualität (???) und das Vermieten von Wohnungen an homosexuelle Menschen mit bis zu fünf Jahren Knast bestraft werden. Hmm - Fuck you.
  • In Frankreich wird unterdessen munter gegen die Möglichkeit einer Ehe für homosexuelle Paare demostriert.
  • Das italienische Klima scheint derweil nicht nur ungemein sexistisch (vgl. Berlusconi) sondern auch homophob zu sein: ein elfjähriger Schüler hat sich, nachdem er wiederholt ob seines Erscheinungsbilds sowie seiner sexuellen Orientierung von dessen Mitschüler_innen gemobbt wurde, selbst umgebracht. So viel zu “it get’s better”.
  • Das soziale Klima in Griechenland ist unterdessen auch gruselig: Neonazis machen sich bereit das Land zu bestimmen. Selbstjustiz, Gewalt auf den Straßen, Rassismus, Antisemitismus - auch im Parlament. Mehr von Federica Matteoni in der jungle World.
  • “Am 6. November berichtete die Frankfurter Rundschau, dass ein 41jähriger Deutscher äthiopischer Herkunft Strafanzeige gestellt hat, nachdem er von Beamten des Polizeireviers im Frankfurter Stadtteil Bornheim (Hessen) misshandelt und bewusstlos geschlagen worden sei. Im Gespräch mit der Zeitung gab der Mann an, am Abend des 17. Oktober sei zunächst seine Verlobte bei einer Fahrkartenkontrolle von Kontrolleuren in der U-Bahn festgehalten und in rassistischer Weise beleidigt worden, obwohl sie einen gültigen Fahrausweis habe vorzeigen können. Die hinzugerufenen Polizisten hätten anschließend seinen Personalausweis sehen wollen, den er nicht dabei gehabt habe. Daraufhin sei er auf dem Weg zu seiner Wohnung, in der sich der Ausweis befand, auf offener Straße geschlagen worden, zudem sei er in rassistischer Weise beleidigt worden.” (via “Deutsches Haus” 46/12)

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Srđan Dragojević »Parada« October 24, 2012 | 08:09 am

Mit Jugonostalgija gegen Homophobie oder die Glorreichen Sieben auf dem Belgrad Pride.
 
Homophobie in Osteuropa ist seit den Angriffen auf Gay Pride Paraden in Warschau, Vilnius, Budapest, Bukarest, Zagreb, Belgrad ein Thema, über das auch hierzulande geredet wird. Dabei wird der dortige manifeste Hass auf Schwule und Lesben oft als überkommenes Relikt rückständiger Gesellschaften, die noch nicht den Anschluss an die »europäischen Werte« geschafft hätten, thematisiert.
 
Doch dem ist nicht so. Die Homophobie die sich in den mittel‑ und osteuropäischen Transformationsgesellschaften Bahn bricht ist weder eine traditionell-religiöse noch ein realsozialistisch-pathologisierende (wenn sie auch in beiden wurzelt). Stattdessen ist sie eine der wichtigsten Formen der ideologischen Reaktion auf die Transformationskrisen der letzten zwanzig Jahre in Mittel‑ und Osteuropa. Idealtypisch lässt sich dieses Ideologem in seiner radikalsten Form so zusammenfassen: Die Juden würden mittels der EU in den newly independent states die Homosexualität propagieren, um durch den so induzierten Geburtenschwund die  Existenz und Unabhängigkeit der kleinen Nationen (die sich gerade erst aus dem Würgegriff der Sowjetunion/des Kommunismus befreit haben) zu unterminieren. Durch diese politische Aufladung gewinnt der Hass auf Schwule und Lesben eine neue Qualität, die sich in den pogromartigen Angriffen auf die Manifestationen der osteuropäischen LGBT-Bewegung(en) niederschlägt.
 
Perfiderweise scheinen Versuche westeuropäischer Politiker, die zuständigen Regierungen zur »Einhaltung europäischer Standards«, also wenigstens zum polizeilich abgesicherten Garantieren der Versammlungsfreiheit von Schwulen und Lesben, zu drängen, genau diese Ressentiments zu bestätigen. In dieser Situation steckt die meist aus der urbanen, akademisierten Mittelschicht stammende Gay Pride Bewegung vor Ort in einem strategischen Dilemma. Einerseits sind die Gruppen und Organisationen, so sie offen auftreten können, meist Teil des »westlich« finanzierten NGO-Business. Damit ist zwar eine gewisse ökonomische Absicherung, die Möglichkeit von Reisen ins westliche Ausland und ein gewisser politischer Support verbunden, in der öffentlichen Wahrnehmung aber oft auch eine Identifikation mit Versuchen externer Beeinflussung der »inneren Angelegenheiten« der jeweiligen Länder. Gleichzeitig gibt es vor Ort keine starken sozialen Bewegungen oder gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die als Bündnispartner im Kampf für gleiche Rechte fungieren können oder wollen. Das unter diesen Bedingungen strategische Debatten über Möglichkeiten, dem Kampf gegen die Homophobie eine von »europäischer Politik« unabhängige Basis zu geben kaum wahrnehmbar geführt werden, kann nicht verwundern.
 
Doch auch im akademischen Raum wird diese Problematik selten vertieft analysiert, weder in den Osteuropastudien, wo zwischen der Tagung zur »Identitätskonstruktion huzulischer Klagefrauen im Kontext der beginnenden Entstalinisierung« und der Auftragsforschung für das von EU/NATO/UNO/OSZE betriebene Nationbuilding wenig Platz für kritisches Denken bleibt, noch in den Genderstudies, wo unter dem Begriff »Pinkwashing« eher mal diskutiert wird, ob der Staat Israel mit der Förderung von Homosexualität nicht tatsächlich finstere Zwecke verfolgt.
 
Diese Lücke im Diskurs füllt jetzt ein politischer Film. Nun ist das politische Kino  in Südosteuropa weit lebendiger als man angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Bedingungen annehmen möchte, allerdings kommt davon wenig in die deutschen Kinos und wenn, dann meist nur als Festivalbeitrag. Eine Ausnahme ist Parada von Srđan Dragojević, der den Sprung von der Berlinale in die Kinos schaffte, was leider auch daran liegen dürfte, dass er sich als so »herrlich politisch unkorrekte Klamotte« verkaufen lässt, die der Film, bei allen Schwächen, die er haben mag, auf keinen Fall ist.
 
Die Handlung: Limun ist ein Belgrader Vorstadtgangster wie er im Buche steht. Von »Schwuchteln« hält er so wenig, dass er es eines echten Mannes nicht für würdig ansieht, sie zu verkloppen. Im Krieg war er ein Held, später hat er Politiker, Tänzerinnen und Stripperinnen beschützt, in Schweden Schutzgelderpressung betrieben. Nun verdient der ergraute Kriegsheld sein Geld damit, illegale Romasiedlungen zu räumen um Platz für den Bau von Einkaufszentren zu schaffen.
 
Sein Gegenbild ist einer seiner ehemaligen Vorgesetzten, Inspektor Kecman der jetzt als Polizeichef zu den Mächtigen in Nachkriegsserbien gehört. Kecman wird dem Kämpfer Limun als Etappenhengst und Kriegsgewinnler gegenübergestellt. Selbst hat er nicht an der Front gekämpft, sondern andere dort hingeschickt.
 
Limun steht unter dem Pantoffel seiner Verlobten Pearl. Die ehemalige Stripperin hat den tiefen Teller zwar nicht erfunden, verfügt aber über ein großes Herz, fürchtet sich vor niemandem, kann Kickboxen und mit Pistolen umgehen und vor allem ihren Willen durchsetzen. Und der lautet jetzt: Sie will eine schöne Hochzeit mit Limun. Keine Bauernhochzeit, sondern das, was sie sich unter einer städtischen, extravaganten, romantischen und vor allem modernen Hochzeit vorstellt. Und diese Hochzeit wird es nur geben, wenn Limun mit seiner Security-Firma die Belgrader Gay Pride Parade beschützen wird. Denn Mirko, der  von Pearl beauftrage wedding planer ist Sprecher der NGO Tolerance, die diese organisiert. Und nachdem Limun mit Mirko, mehr noch aber mit dessen Freund, dem Tierarzt Radmilo, aneinandergeraten ist, setzt dieser ihm die Pistole auf die Brust: kein Gay Pride – keine von Mirko organisierte Hochzeit, ergo keine Hochzeit mit Pearl.
 
Dass Limun mit seinen Leuten den Gay Pride beschützen soll ist eine Idee von der nicht nur er nicht begeistert ist.  Sich von Kriminellen beschützen lassen? Die Mitglieder der NGO Tolerence sind skeptisch. Nur die Großmutter von Lenka der einzigen lesbischen Figur von Bedeutung für den Film erwidert: »Uns haben die Faschisten auch Kriminelle genannt, bis wir sie eines Tages alle umgebracht haben.« Auf die verständnislose Nachfrage des Intellektuellen Đorđe »Omi was hat das denn damit zu tun?« entgegnet sie »Eine Menge«. Später, nach einem Angriff von Naziskins auf die NGO Tolerance schwört sie: »Wenn wir erstmal wieder an der Macht sind, werden alle gleich sein«. Nicht zufällig ist es die alte Partisanin, die als einziges Familienmitglied öffentlich zu den AktivistInnen von NGO Tolerance steht.   Sie verkörpert hier die Erinnerung an eine Vergangenheit (und eine Zukunft), ein anderes Projekt der Nationenbildung auf dem Balkan, an eine andere Geschichte und daran, dass man Faschisten besiegen kann. Allerdings nicht mit Pressekonferenzen und Powerpoint-Präsentationen.
 
In nuce finden wir an dieser Stelle das politische Programm des Filmes, seine Forderung an die postjugoslawische LGBT-Szene, die dieser im Folgenden in komödiantischer Verpackung ausbuchstabieren wird: raus aus der Nische des EU-finanzierten akademischen Mittelschichtsaktivismus und rein in den Kampf gegen den Klerikalfaschismus. Nicht auf Basis der »europäischen Werte«, sondern auf der Grundlage eines (neo‑)jugoslawischen Antifaschismus. Dass dieser Kampf dann nicht mehr in awareness rising und Medienarbeit besteht, sondern in der militanten Gegenwehr auf der Straße ist dann nur folgerichtig.
 
Um dieses Programm entwickeln zu können, lässt der Film Limuns Kämpfer ihrem Chef die Gefolgschaft verweigern. Auch wenn sie sich für ihren Chef »in den Arsch ficken lassen würden«, nein »Schwuchteln« beschützen, noch dazu in Belgrad, wo sie jeder kennt, das geht zu weit. Und trotz Verlockungen und Drohungen findet Limun in Belgrad niemanden, der mit ihm diesen Job erledigen will. So bleibt ihm nur eins: Leute von außerhalb Belgrads müssen ran. Also zieht Limun mit Radmilo los um in den Resten des alten Jugoslawiens alte Gegner aus den Tagen der Bürgerkriege einzusammeln, um mit ihnen den Belgrad Pride zu beschützen. Wen das an was erinnert: ja, Dragojević hat mit Parada ein jugonostalgisches Remake von Die Glorreichen Sieben gedreht. Und wie es leider seit einigen Jahren Unsitte ist, lässt er dies seine Figuren zu Beginn des Films auch mehrmals laut und deutlich verkünden, damit es auch ja jeder mitbekommt. Das ist so plump, dass sich dahinter wohl nicht der Wunsch nach einer deutlichen Referenz an einen verehrten Klassiker verbirgt, sondern wohl eher die Erkenntnis, dass man einem Kinopublikum, dass diesen Klassiker nicht mehr kennt jedes Zitat doppelt aufs Brot schmieren und dann auch noch erklären muss.
 
Zuallererst geht es nach Kroatien. Dass die beiden Helden mit Radmilos pinknem Mini dabei auf dem autoput bratstva i jedinstva,  der Straße der Brüderschaft und Einheit, unterwegs sind, ist nicht nur der Geographie geschuldet, sondern gehört zu jener Symbolik des Films die, wie viele andere Anspielungen auch, ein Großteil des nichtjugoslawischen Publikums vermutlich kaum verstehen wird. In Kroatien sammeln sie Roko ein, einst Ustascha, jetzt eine Betreiber einer Bar. Auch er hat keinen Bock auf »Schwuchteln«. Aber der Tierarzt Radmilo rettet Rokos Lieblingseselin, und so sieht Roko sich verpflichtet, Limun und Radmilo zu helfen.
 
Das im weiteren Verlauf des Filmes, zuerst zwischen  Limun und Radmilo, schließlich auch zwischen den anderen Mitgliedern der NGO Tolerance und den alten Kämpen Respekt, gar Freundschaft und Solidarität wachsen werden ist hier schon absehbar und passiert dann auch genauso vorhersehbar. Dass dabei oft arg pädagogisch festgestellt wird, dass Schwule auch nur ganz normal sind erklärt sich wohl daraus, dass Dragojević mit dem Film tatsächlich pädagogische Ziele verfolgt.
 
Der Bosnier Halil betreibt mittlerweile ein Videothek und sieht sich mit verärgerten Kunden konfrontiert. Limuns Angebot ist für ihn eine Möglichkeit, mal wieder was anderes zu erleben. Der letzte, den sie aufsammeln ist der Kosovo-Albaner Azem. Mit dem Verkauf von Drogen an die im Kosovo stationierten NATO-Truppen ernährt Azem sein Dorf. Die Art wie Dragojević hier in wenigen Sequenzen die EU/NATO-Truppen skizziert, zeugt von unverhohlener Abneigung und tiefsitzendem Hass.
 
Die Typen die Limun um sich scharrt, sind überzeichnete Prototypen von Männern, wie sie auf den Schauplätzen der postsozialistischen Staatszerfallskriege tatsächlich herumlaufen. Männer die sich an eine Jugend, ein Leben vor diesen Kriegen erinnern können. Die mit ihren späteren Kriegsgegnern gemeinsam die Schulbank gedrückt haben. Die eines Tages gewahr werden, dass sie mehr mit ihren Gegnern verbindet als mit ihren eigenen Kindern.
 
Die alten Kriegsgegner, so stellt sich heraus, verbindet ein tiefes Netzwerk von Männerfreundschaften. Genüsslich präsentiert der Film dabei die sowohl den patriarchalischen Kulturen des Balkans als auch der militärisch-kriminellen Männerbündelei innewohnende Homoerotik. Gleichzeitig setzt er den lebensprallen, schlitzohrige Patriotismus der alten Kombattanten ab vom asketisch-ideologischen Wahn der jungen Neonazis, verkörpert von Limuns Sohn aus erster Ehe, Vuk, der mit seinen Kameraden den Belgrad Pride angreifen will.
 
Die Art, wie er die Bürgerkriege und die Rolle seiner Helden darin thematisiert, ist der problematischste Aspekt des Filmes. Denn die Bürgerkriege, in denen die Utopie der südslawischen Partisanenrepublik, an die Parada kaum verhüllt anknüpft, blutig unterging, waren kein spaßhaftes Geraufe großer Jungs, zu denen sie hier verniedlicht werden, sondern der brutale und mörderische Sieg des ethnonationalistischen Wahns über genau diese Utopie. Diesen Punkt verschweigt Dragojević nicht nur, er versucht sogar ihn so weit wie möglich zu verwischen. Gerade wenn man gegen die völkischen Nationalismen der postjugoslawischen Kleinstaaten ein universalistisches und integratives neojugoslawisches Projekt setzen möchte, wäre dieser Punkt zu thematisieren. Doch einerseits würde dies wohl den Film überlasten und andererseits zeigt das Phänomen der Jugonostalgija, dass eine positive Rückbesinnung auf die jugoslawische Idee ohne Aufarbeitung der Vergangenheit möglich ist.  Wie tragfähig das dann ist, ist eine andere Frage.
 
Zurückgekehrt nach Belgrad müssen sie feststellen, dass sie bei weitem nicht genug sind, um sich den Faschisten entgegen zu stellen. Limun versucht erst seinen Sohn, den Naziskin Vuk, zu bestechen, den Überfall auf den Belgrad Pride abzusagen. Als dass nicht gelingt, versucht er Kecman zu bewegen, den Pride polizeilich zu schützen. Auch das erfolglos. Sowohl mit Faschisten als auch mit den Machthabern des Nachkriegsserbiens gibt es keine Möglichkeit der Verständigung.  
 
Und so treten schließlich Pearl, Limun, Roko, Halil, Azem, Radmilo und Mirko als glorreiche Sieben den Skinheadhorden die den Belgrad Pride angreifen wollen entgegen. Doch ihnen gegenüber steht eine schier unübersichtliche Menge von Nazis. Eingeschüchtert von diesen wollen einige TeilnehmerInnen die Kundgebung verlassen. Daraufhin erklärt Mirko in einer pathetischen Rede: »Hier geht es doch nicht mehr um straight oder gay«, sondern darum, dass sich »zwei Serbiens« gegenüberstehen, und der Kampf um die eigene Würde hier und jetzt ausgefochten werden müsse. Daraufhin entbrennt eine Straßenschlacht in aller Brutalität. Die glorreichen Sieben und die anderen Teilnehmer des Gay Pride Marsches schlagen sich tapfer und im Kampf wechselt schließlich auch der verlorene Sohn die Seiten, Vuk schließt sich seinem Vater im Kampf gegen seine vormaligen Kameraden an. Doch schließlich sind sie den Nazis unterlegen. Nur das Erscheinen der Polizei auf dem Schauplatz rettet Radmilo, Limun und die anderen. Doch für einen kommt die Polizei zu spät: Mirko ist tot, totgeschlagen von den Faschisten.
 
Doch Mirko ist nicht umsonst gestorben. Sein Tod schmiedet die Überlebenden endgültig aneinander. Und ein Jahr später findet die  erste Gay Pride Parade in Belgrad statt. Mittendrin Radmilo, Pearl, Limun und seine  Kumpel. Dragojević zeigt uns eine jugoslawische rainbow-nation, die durch Belgrads Straßen zieht. Unter massivem Polizeischutz zwar und immer noch beschimpft, bespuckt und angegriffen. Aber sichtbar und: stolz. Und weil damit der Kampf erst beginnt, bietet Limun Radmilo an, ihn und seine »Kollegen« im Kampfsport auszubilden.
 
Dass es leider eben nicht der gemeinsame Kampf der jugoslawischen Völker gegen den klerikalfaschistischen Mob war, sondern doch die Interventionen von EU etc. und das Bemühen der serbischen Regierung, sich als zugehörig zur »europäischen Wertegemeinschaft« zu präsentieren,  die es ermöglichte, dass 2010 mal eine Gay Pride Parade durch Belgrad ziehen konnte, verschweigt Dragojević. Aber wo sich andere um die komplizierten Fragen, die sich in dieser Situation stellen, herumdrücken, schlägt er zumindest eine Antwort vor. Ob sein Vorschlag, den Kampf gegen die nationalistische Homophobie in den Zerfallsprodukten Jugoslawiens als antifaschistischen Kampf  gegen den Ethnonationalismus und für ein neues jugoslawisches Bewusstsein zu führen, die richtige Antwort auf die richtige Frage ist müssen zuvorderst die jugoslawischen LGBTs und ihre Freund_innen und Genoss_innen entscheiden. Dass dieser Vorschlag dem Rezensenten wesentlich sympathischer ist, als die nächste european policy sei hiermit ausdrücklich zugestanden. Und dass in der gegenwärtigen Krise die Strahlkraft der »europäischen Werte« deutlich nachlässt, lässt sich an einer Äußerung des serbischen Ministerpräsidenten Dačić sehen, der angesichts des 2012 erneut verbotenen Belgrad Prides erklärte: »Lasst mich doch in Ruhe mit diesen Menschenrechten, hier geht es um die Sicherheit der Menschen. Scheiß auf die EU, wenn die Gay-Pride die Eintrittskarte ist.«
 
Srđan Dragojević: Parada/Парада, Serbien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Montenegro 2011

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Kein Auftritt. July 10, 2012 | 12:38 pm

Die Organisator_innen des Christopher Street Day in Duisburg scheinen zur Besinnung gekommen zu sein. Sie hatten zunächst die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite” angekündigt. Die Band ist vor allem bei „Truthern” und anderen Verschwörungsfans beliebt, schließlich deutet sie die Ereignisse des 11. September 2001 um, in dem sie die musikalische Behauptung aufstellt, dass die islamistischen Attentate doch auch durch amerikanische Institutionen verursacht worden sein könnten. Außerdem reproduziert die Band zahlreiche weitere verschwörungsideologische Konstrukte, vom Angriff auf Pearl Harbour bis zur Umdeutung der Immunschwächekrankheit AIDS. Dabei beruft sich die Band auf den antisemitischen Autoren Wolfgang Eggert.

Im Lied „Kein Sex mit Nazis” geht es wiederum um die historisch in keiner Weise bewiesene Homosexualität Adolf Hitlers. Dessen Fanatismus wird darauf zurückgeführt, dass „keiner von den Schwulen (…) damals Sex mit Nazis” wollte. Die Band konstruiert also letztendlich einen Zusammenhang zwischen nationalsozialitischer Ideologie und homosexueller Orientierung, auch wenn sie ihr Lied als „Persiflage” verkauft. Damit stellt sich die Band in eine eindeutige Traditionslinie. Schließlich deuteten bereits sozialdemokratische Exil-Zeitungen die Naziverbände, von Hitlerjugend bis zur SS, als „Brutstätten invertierter Sexualität” und raunten, dass die „homosexuelle Betätigung noch immer in den höchsten Kreisen der Hitlerjugend und auch in der allernächsten Umgebung des ‘Führers’ anzutreffen” wäre.

In einer ersten Erklärung, die die Organisiator_innen veröffentlichten, wurden die Inhalte der Band relativiert. Kurze Zeit später meldete sich allerdings „Die Linke.Queer” aus NRW zu Wort. Die Landesarbeitsgemeinschaft der Linkspartei skandalisierte  den drohenden Auftritt der Band vollkommen zurecht. „Homophobe Paranoia-Band”, hieß es in der Erklärung, die die Tatsache betonnte, dass ein „Fest von Schwulen und Lesben für Schwule und Lesben (…) einer Band wie der ‘Bandbreite’ keine Bühne” bieten sollte.

Kurz darauf berichteten die Ruhrpott-Medien: „Der Westen” schrieb beispielsweise über die „Aids– und Nazi-Songs der Bandbreite”. Das Internetportal „Ruhrbarone” übernahm den ausführlichen Artikel, der zunächst in diesem Weblog veröffentlicht wurde. Auf der Facebook-Seite des Christopher Street Day versuchte sich der Bandleader Marcel „Wojna” Wojnarowicz unterdessen in Schadensbegrenzung. Dort rechtfertigte er einen Artikel über die Band, der  im Jahr 2007 in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit” erschienen war, mit einem Verweis auf den „Spiegel”. Schließlich habe man dem „durchweg islamophoben und kriegshetzenden Nachrichtenmagazin Spiegel-Online” auch „ein Interview” gegeben: „Der Spiegel richtet weit Schlimmeres an — bitte kritisier uns doch erst einmal dafür”.

Nach diesem breiteren Medienecho und der eher hilflosen Intervention des Bandleaders, scheinen die Veranstalter_innen vom „DU Gay e.V.” ihre Einladung überdacht zu haben. Zunächst wurde allerdings nur eine kleine Facebook-Nachricht veröffentlicht: „Die Bandbreite tritt beim diesjährigen CSD Duisburg nicht auf”. Es folgte eine ausführlichere Erklärung:

„Der CSD Duisburg liegt uns allen am Herzen, daher haben wir auf die Vorwürfe gegen ‘die Bandbreite’ und die damit verbundenen Boykottaufrufe reagiert und die Band vom CSD 2012 ausgeladen. Die Tragweite der Entscheidung, die Band zum CSD einzuladen war uns zum damaligen Zeitpunkt leider nicht bewußt! Veranstaltungen wie der CSD dürfen nicht mit Homophobie– und Sexismus-Vorwürfen oder ähnlichem in Zusammenhang gebracht werden, von daher konnte es keine andere Entscheidung geben (…).”

So wird die Band „Die Bandbreite” wohl doch nicht auf dem Christopher Street Day in Duisburg auftreten. Dafür wird sie auch in Zukunft die Veranstaltungen der Verschwörungsszene und das ein oder andere linke Festival beschallen.

Aus aktuellem Anlass († Gad Beck): “Paragraph 175”… June 27, 2012 | 09:16 am



Aus aktuellem Anlass († Gad Beck): “Paragraph 175” (74min) (via lalalaetc)

Der Auftritt. June 21, 2012 | 09:57 am

Auf dem diesjährigen Christopher Street Day (CSD), der am 28. Juli in Duisburg stattfinden wird, soll überraschenderweise auch eine Band auftreten, die ansonsten auf den Festivals der Verschwörungsszene zu Hause ist und mit ihren Texten „Truther” und „Infokrieger” begeistert. Die Band „Die Bandbreite” deutet zum Beispiel die Ereignisse des 11. September 2001 um. Für zahlreiche andere kriegerische Attacken, wie den japanischen Angriff auf Pearl Harbour, werden ebenfalls die USA verantwortlich gemacht. Diese hätten die Angriffe „vielleicht selbst gemacht” und damit „den Terror in die Welt gebracht”. In dem Lied „AIDS” geht es um die gleichnamige Immunschwächekrankheit. Die Band beruft sich auf den Verschwörungideologen Wolfgang Eggert. Dieser macht in seinem Buch „Die geplanten Seuchen”, das auf der Internetseite der Band beworben wird, eine „Mossad-Verschwörung” für die Krankheit verantwortlich. Diese wollten einen „Kunsterreger” schaffen, um einen Genozid zu begehen: „Es ist die mögliche Herstellung eines Kunsterregers, der sämtliche Rassen der Welt vernichtet — außer den genetisch ‘reinsten’ Kern der jüdischen”, hetzt Eggert. Die Band hat die Theorien des Wolfgang Eggert vertont. Das Buch des Antisemiten sei eine „Vorlage” gewesen, schreibt die Band auf ihrer Internetseite.

Mit ihren verschwörungsideologischen Konstruktionen erfreut die Band nicht nur „Truther” und „Infokrieger”: Sie trat zum Beispiel am 10. September 2011 auf einem Aufmarsch in Karlsruhe auf. Dort berief sich ein Redner auf die „Freunde von Rechts”, die ebenfalls gewisse Verschwörungsmythen propagieren. Ein weiterer Auftritt führte die Band in die Schweiz. Die „Bilderberger-Konferenz”, die den Unmut der Verschwörungsszene erregt, brachte die Band auf eine Veranstaltung, auf der auch zwei Redner der rechtspopulistischen „Schweizer Volkspartei” (SVP) auftraten. Neben der Band „Die Band­brei­te“ war dort der Schwei­zer Na­tio­nal­rat Pir­min Schwan­der (SVP) zu sehen. Au­ßer­dem sprach der Ab­ge­ord­ne­te Lukas Rei­mann (SVP), der sich für „be­währ­te Werte“ einsetzt. „Unser Land muss schwei­ze­risch blei­ben“, lau­tet ein Wahl­spruch des Rechts­po­pu­lis­ten.

Es sind nicht nur derartige Auftritte, sondern auch andere Lied-Texte der Band, die für sich sprechen. „Kein Sex mit Nazis”, lautet der Titel eines Liedes, mit dem die Band „im Prinzip lediglich Nazis eins auswischen” wollte. Doch im Lied wird der historische Nationalsozialismus auf die vermeintliche Homosexualität des Adolf Hitler zurückgeführt:

„Der Führer Adolf Hitler war homosexuell,
und deshalb trieb er es mit Rudolf Hess in nem Hotel,
doch viel zu oft war Rudi in Europa unterwegs,
und dat ging dem geilen Adi ja ma tierisch auf den Keks.
Dann war er ganz alleine und hat so stark gelitten
und fand auch keinen Trost an Evas braunen Titten.
Darum war er ständig angepisst und auch so voll fanatisch,
denn keiner von den Schwulen damals wollte Sex mit Nazis.” 

Letztendlich sind es also Homosexuelle gewesen, die dafür verantwortlich sein sollen, dass der „Führer” Adolf Hitler „ständig angepisst und auch so voll fanatisch” gewesen wäre, weil sie ihm den Sex verweigerten. Es handelt sich um eine homophobe Konstruktion, auch wenn die Band, um ihren Sänger Marcel Wojnarowicz, diesen Vorwurf empört zurückweist. Sie spricht stattdessen von einem „Spaß”, den sich die Band mit den heutigen Nationalsozialisten gemacht hätte. Nur haben diese von diesem „Spaß” nichts mitbekommen: Schließlich huldigt die NPD-Hamburg die Band mit einem Werbeartikel: „Mit den Musiktiteln (…) durchbricht die Musikgruppe das volksfeindliche, amerikanisierte, unsoziale und israelhörige Meinungsmonopol der bundesrepublikanischen Medien”, loben die Nazis. Auf der Nazi-Seite „Altermedia” wurden die Videos der Band veröffentlicht. Hier erfreute man sich an den verschwörungsideologischen Inhalten der Band.

Mittlerweile haben die Organisator_innen des Christopher Street Day eine kurze Stellungnahme veröffentlicht: Sie zitieren den Sänger der Band und verweisen auf einen Preis, den die Band auf einer „Art Karneval” für den Song „Kein Sex mit Nazis” bekommen hätte. „Wäre ‘kein Sex mit Nazis’ ein Aufruf zur Homophobie, hätte man die Band vor dieser Kulisse sicherlich nicht ausgezeichnet”, heißt es in der Erklärung. Es habe sich um ein „Mega-Event” gehandelt, bei dem „hunderte Teilnehmer einen Umzug durch die Frankfurter Innenstadt veranstalten und dabei mehrere Zehntausend Zuschauer anlocken”. Am 07. Juli 2007 trat die Band tatsächlich in Frankfurt auf. Ein Video zeigt die Band auf einem Unzugswagen, am Rand stehen vereinsamte Zuschauer_innen im Regen. So ein Auftritt und ein mysteriöser Preis qualifizieren die Band in den Augen der Organisator_innen anscheinend für einen Auftritt auf dem Christopher Street Day (CSD).

Die Veranstalter_innen ignorieren die Kritik an der Band, die sich bei weitem nicht auf ein Lied bezieht: „Wir freuen uns, dass „die Bandbreite” in diesem Jahr beim CSD Duisburg auftritt”, schreiben die Veranstalter_innen vom „DU Gay e.V.” aus Duisburg. Vielleicht wird sie dort ihr Lied vom „Führer” präsentieren, der „voll fanatisch” gewesen sei, weil „keiner von den Schwulen (…) Sex mit Nazis” wollte. Ansonsten könnte die Band aber auch zahlreiche andere Lieder performen. Sie könnte zum Beispiel „Man kennt uns” zum Besten geben, in dem es unter anderem um „zauberhafte Zuckertitten” geht. Sie könnte aber auch „Eingelocht” präsentieren, bei dem eine Frau gegen ihren Willen penetriert wird. Ansonsten blieben noch zahlreiche Verschwörungsmythen, die die Band mit ihren anderen Liedern propagiert. Es bleibt abzuwarten, ob alle Besucher_innen des diesjährigen CSD mit derartigen Inhalten einverstanden sind.

Update: 10.07.2012: Die Band wird nun wohl doch nicht auf dem CSD auftreten. Mehr dazu hier.

links (10. Januar 2012) January 10, 2012 | 01:31 pm

  • “In Deutschland hat die übermäßige Toleranz gegenüber rechtsextremer Politik und Gewalt nicht nur wiederkehrende Konjunkturphasen, sondern auch eine lange Tradition.” sagt der Politologe und Buchautor Kien Nghi Ha im Interview mit migazin.de und meint, dass das “behördliche Versagen in der NSU-Mordserie auf einen verwurzelten Rassismus” hindeute (“Rassismus als tödliche Realität in Deutschland” via publikative.org).
  • Am Düsseldorfer Landgericht wird derzeit einem vielfach vorbestraften, 18-jährigen Neo-Nazi der Prozess gemacht, da er im März 2011 einen 59-jährigen vietnamesischen Flaschensammler zunächst in ‘dessen’ Obdachlosen-Unterkunft überfallen und ausgeraubt hatte sowie ihn anschließend aus Angst, dieser würde ihn anzeigen, ermordet hat. Erschreckend wie sich hier Motive aus Sozialchauvinismus und Rassismus kreuzen und der Täter die Strategie fährt aus Angst vor den Konsequenzen und nicht aus Hass getötet zu haben (via Dokumentationsarchiv).
  • Der Prozess um die Attacke einer Gruppe Nazis aus dem Umfeld der “Braunen Teufel Vogtland” am Amtsgericht Gera zieht sich unterdessen weiter hin: Nachwievor wird von keiner Seite am eigentlichen Tathergang und der Brutalität sowie den Motiven der Täter gezweifelt. Vielmehr versucht die Verteidigung der Angeklagten über Zweifel und Suggestion die Haltbarkeit der Wiedererkennung durch die Zeug_innen zu entkräften. Fortgesetzt wird der Prozess am 23. Januar 2012 (die OTZ zum letzten Verhandlungstag).
  • Das ist keine Ausländerfeindlichkeit, sondern europäisches Asylrecht.” - so die Berliner Zeitung in einem Artikel über einen homosexuellen Exil-Iraner und dessen Lebenssituation in Deutschland (via nichtidentisches).
  • In Berlin wurde ein Exil-Syrier verprügelt und vermutet Schergen des Assad-Regimes als Täter.
  • Stichwort Iran, Stichwort Syrien: wenigstens mich erstaunt es doch, dass die ‘junge Welt’ immer noch beschissener sein kann als sie ist - “Appell: Solidarität mit den Völkern Irans und Syriens”. Nachtrag: Die “traute Eintracht von Rinks und Lechts an der Seite von politisch korrekten Mördern” wird von “Letters from Rungholt” kommentiert, während es bei Reflexion einen ausführlichen Beitrag zum verlinkten Appell inkl. Bemerkungen zu den Unterzeichner_innen gibt.
  • Auf der Seite des “Institute for ethics & emerging technologies” stellt sich Hank Pellissier die Frage “What’s the point of the Egyptian Revolution if it doesn’t stop female genital mutilation?” (via wadi). Bei der Gelegenheit sei auch auf die Website muslimwomennews.com (auch bei Facebook) hingewiesen.
  • Rassismus ist, wenn man trotzdem lacht”: das Berliner Schlosspark-Theater ist die aktuell bekannteste Institution die unverblümt Alltagsrassismus auslebt indem sie sich nicht scheut auch im Jahr 2012 noch auf die alte Theatermaskerade des “Blackface” zurückzugreifen.
  • Menschenjagd in Dresden: Die Bundespolizei hat an Weihnachten in der Dresdner Südvorstadt einen Reisebus mit griechischem Kennzeichen angehalten und dessen Insassen kontrolliert, weil dieser so “unscheinbar blau lackiert” gewesen sei, aber eine “auffällige Fahrweise” zeigte. Dabei gelang es sechs der Insassen zu fliehen, um im Anschluss mittels Hubschraubereinsatz (“überall, überall Scheinasylanten”) gejagdt zu werden (via forsythia).
  • “Eine Zeitung in Nordbayern berichtete am 8. Dezember 2011 unter der Überschrift „Drahtzaun hält Müllsammler auf Abstand“ über die Errichtung eines Drahtzauns im Wert von 10.000 Euro durch die Lokalpolitik in Neunkirchen am Sand (Nordbayern) an der Zufahrt zu einer Deponie, die Gebrauchtwaren-Händler, die der Roma-Minderheit angehören, abhalten soll.” (via medium)
  • “In Budapest wurde über die Weihnachtstage mein Name auf dem Briefkasten mit einem Judenstern überklebt. Ich sagte es meinem Nachbarn. „Was geht mich das an?“, wehrte er ab, und fügte hinzu: „Der da, in der Wohnung neben dir, dem hätten sie es aufkleben sollen, der ist so einer. Vielleicht haben sie sich ja vertan.“” (via welt.de)
  • Karl Pfeifer hat in der jungle World mit Sándor Radnóti über die aktuelle Situation in Ungarn gesprochen.
  • “Wer nicht genießen kann, kann in aller Regel auch nicht denken.” - Stephan Grigat zum 80. Geburtstag Guy Debords im Standard.
  • Der z.B. dem mädchenblog gut bekannte, antifeministische und homophobe Troll “James T. Kirk” attestiert dem Blogger bei Gay West einen verdrängten Missbrauch in der Kindheit, weil: er als Mann eben Männer Frauen vorzieht.

Veranstaltungen:

  • 10. Januar: [EDIT: Entfällt wegen Krankheit] Barbara Duden spricht unter dem Titel “Geschichte unter der Haut” über “Körpergeschichtliche Perspektiven auf das frühe 18. und 21. Jahrhundert”. Jena, Rosensäle (Fürstengraben 27). 18Uhr.
  • 10. Januar: Film & Podiumsgespräch: Fritz Bauer - Tod auf Raten
    (R: Ilona Ziok; Deutschland 2010, 97 Minuten). Im Anschluss findet ein Podiumsgespräch mit Ilona Ziok (Regisseurin), Prof. Dr. Norbert Frei (Lehrstuhl für Neuere und Neueste Geschichte der FSU Jena) und Rüdiger Bender (Förderkreis Erinnerungsort Topf & Söhne e.V) statt. Die Moderation hat Dr. Martin Borowsky (DIG Erfurt). Erfurt, Erinnerungsort Topf&Söhne, Saal im 2. OG. 19Uhr.
  • 11. Januar: Peter Bierl übt “Kritik am Antispeziezismus”. Jena, Uni-Campus (Carl-Zeiss-Str. 3), Raum 206. 20Uhr.
  • 12. Januar: “Proletarität und Revolutionstheorie. Zu den Konstitutionsbedingungen und der Beschaffenheit revolutionärer Subjektivität.” - Standpunkt und Diskussion mit AG Gesellschaftskritik (Dresden) - Wer neulich in Weimar nicht genug bekommen konnte oder gar nicht erst dabei war, kann sich im Rahmen der “Bildungsreihe am Donnerstag” in Gera ein Bild machen. Gera, Sächsischer Bahnhof (Erfurtstr. 19/Nähe Bhf. Gera Süd). 19.30Uhr.
  • 12. Januar: Roger Behrens spricht im Rahmen der Reihe “Was tun? Zum Verhältnis von Theorie und Praxis” (in der neulich auch Birte Hewera über Jean Améry sprach) über “Posturbanismus als Lebensweise. Stadt, Raum, Praxis”. Mehr Informationen gibt es auf dem Blog der Veranstalterin Kritische Intervention. Halle, Melanchthonianum (Uniplatz). 18.30Uhr. (Hier und hier finden sich Audio-Beiträge mit Roger Behrens zum Themenfeld)
  • 13. Januar: Andreas Speit präsentiert das Buch “Mädelsache - Frauen in der Neonazi-Szene”, welches er gemeinsam mit Andrea Röpke veröffentlicht hat. Erfurt, Café DuckDich/E-Burg, Allerheiligenstr. 20/21. 19Uhr.
  • 19. Januar: Die Reihe “Kunst Spektakel Revolution” setzt sich mit einem Vortrag von Wolfgang Bock über “László Moholy-Nagy und die Rettung der Objekte durch Licht” fort. Weimar, ACC Galerie (Burgplatz 1). 20Uhr.
  • Das Bildungskollektiv Chemnitz lädt zur Auseinandersetzung mit Erwerbslosigkeit und prekären Lebenslagen in Chemnitz. Dabei soll es unter anderem am 21. & 22. Januar 2012 im AJZ um einen “emanzipativen Umgang mit Erwerbslosigkeit und Jobcenter” gehen.
  • 24. Januar: Magnus Klaue spricht unter der Überschrift “Hier stehe ich, ich kann nicht anders” über die “Wutbürgerproteste und der Umschlag von ethischer in praktische Gewalt”. Jena, Uni-Campus (Carl-Zeiss-Str. 3), Hörsaal 8. 19Uhr.
  • 27. Januar: Gunnar Schubert liest fast ein Jahr nach seinem ersten Besuch zum zweiten Mal aus seinem Buch “Die kollektive Unschuld. Wie der Dresden-Schwindel zum nationalen Opfermythos wurde” in Jena in der JG Stadtmitte. 20Uhr.

Aktion Libero November 16, 2011 | 12:01 am

Wann immer man glaubt, es gebe im Fußball so etwas wie zarte Fortschritte in Bezug auf den Umgang mit dem Thema Homosexualität, folgt so sicher die Ernüchterung auf dem Fuße wie der Abpfiff des Schiedsrichters nach 90 Minuten plus Nachspielzeit. Beispiele gefällig? »Wenn ein Spieler schwul ist, ist er trotzdem mein Mannschaftskollege, und für mich würde sich im Umgang mit ihm nichts ändern«, hatte Philipp Lahm einmal dem schwulen Lifestyle-Magazin Front Ende des Jahres 2007 gesagt und ergänzt: »Ich registriere das nicht, für mich geht es darum, welche Ansichten jemand hat und ob er sich vernünftig verhält. Ich lebe gerne in einer liberalen, offenen Gesellschaft, in der ein tolerantes Miteinander ohne diskriminierende Vorurteile möglich ist.« Dreieinhalb Jahre später erschien Lahms Buch ›Der feine Unterschied‹, in dem der Kapitän des FC Bayern und der deutschen Nationalmannschaft ausdrücklichen Wert auf die Feststellung legt, keineswegs homosexuell zu sein, und in dem er darüber hinaus behauptet, zum Umzug genötigt gewesen zu sein, nachdem ihm ein Mann vor seiner Haustür gestanden habe, sich in ihn verliebt zu haben. Und den ehemaligen Hertha-Kicker Arne Friedrich, deutscher Nationalspieler wie Lahm, störte die Tatsache, dass beim Googeln seines Namens als erster Ergänzungsbegriff das Wort ›schwul‹ angeboten wird, so sehr, dass er seine Lebensgefährtin kürzlich in einem offenen Brief an die Bild-Zeitung versichern ließ, die gemischtgeschlechtliche Liebe zu bevorzugen.

Auch beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) wird so ziemlich jede Aktivität gegen die Homophobie postwendend durch mindestens unglückliche, oft sogar unnötige und schädliche Äußerungen konterkariert. Zwar hat sein Präsident Theo Zwanziger, anders als dessen Amtsvorgänger, der Schwulenfeindlichkeit so engagiert wie öffentlich den Kampf angesagt. Doch sowohl sein eigenes, fragwürdiges Krisenmanagement im Streit um die Affäre zwischen dem (ehemaligen) Schiedsrichter-Funktionär Manfred Amerell und dem Unparteiischen Michael Kempter als auch die befremdliche Reaktion des Nationalmannschafts-Managers Oliver Bierhoff auf einen ARD-Tatort, in dem es um einen schwulen Profi ging, waren herbe Rückschläge. Überdies scheinen sich die Vereine, von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen, einfach nicht dazu entschließen zu können, ihrerseits entschlossen gegen die Homophobie einzutreten. Noch immer ist der Fußball also »eines der letzten heterosexuellen Milieus«, wie die FAZ im Februar 2008 feststellte: »Niemand, der sagt: Ich bin schwul, und das ist auch gut so«, wie es Klaus Wowereit, Berlins Regierender Bürgermeister, im Juni 2001 auf einem Parteitag der Hauptstadt-SPD tat. »Auch Moderatorinnen, Schauspieler oder Modeschöpfer haben sich in den letzten Jahren zu ihrer Homosexualität bekannt. Ganz offensichtlich aber ist der Fußball in dieser Beziehung kein Spiegel der gesellschaftlichen Entwicklung.«

Dies zu ändern, sind in den letzten Jahren viele Fan-Initiativen und Einzelpersonen nicht nur aus dem Bereich des Fußballs angetreten. Und nun haben sich zahlreiche Sportblogger in der Aktion Libero zusammengeschlossen, der auch Lizas Welt angehört. Sie alle gehen auf ihren Blogs heute, am 16. November 2011, mit einer gemeinsamen Erklärung an die Öffentlichkeit (siehe unten) und präsentieren zudem eine gemeinsame Website, auf der die Hintergründe und genauen Inhalte der Aktion ausführlich dargelegt, Stimmen von Unterstützern versammelt sowie weiterführende Texte und Links angeboten werden. Ein Support – in welcher Form auch immer – ist ausdrücklich erwünscht.

AKTION LIBERO – SPORTBLOGS GEGEN HOMOPHOBIE IM FUSSBALL

Ein Spiel dauert neunzig Minuten. Zumindest im besten Fall, für schwule Profifußballer dauert das Versteckspiel ein Leben lang: Keiner wagt es, seine Homosexualität offen zu leben. So schön Fußball auch ist – Ressentiments halten sich in seinem Umfeld hartnäckig.

Ein unerträglicher Zustand! Ob jemand schwul ist, oder rund, oder grün, das darf keine Rolle spielen. Wir alle sollten ein bisschen besser aufpassen – auf unsere Worte, unser Denken, unsere Taten: Die Freiheit jedes Einzelnen ist immer auch die eigene Freiheit.

Wir schreiben in unseren Blogs über Sport, und unsere Haltung ist eindeutig:

Wir sind gegen Homophobie. Auch im Fußball.

Tipp zum Weiterlesen: Dirk Leibfried/Andreas Erb: Das Schweigen der Männer. Homosexualität im deutschen Fußball. Göttingen (Verlag Die Werkstatt) 2011, 176 Seiten, 12,90 Euro.


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Offensive der Heteros October 28, 2011 | 12:55 am

Drei Worte sind es. Drei Worte bloß, und doch kommen sie vielen nur schwer über die Lippen, ganz besonders im Fußball: »Ich bin heterosexuell.« Wahrscheinlich war es nur eine Frage der Zeit, wahrscheinlich musste nur einer den Anfang machen. Und es ist zweifellos kein Zufall, dass gerade der Bundestrainer im April dieses Jahres mit gutem Beispiel voranging und sich deutlich dazu bekannte (»Fragen Sie meine Frau«), mehr Interesse am anderen Geschlecht zu haben als am eigenen. Denn Joachim Löw, der mit der Nationalmannschaft die Fans verzaubert, musste wohl am wenigsten befürchten, durch die Balkenpresse gezogen, im Stadion verhöhnt und von seinen Spielern gemieden zu werden – oder gar seinen Job zu verlieren. Fast noch weiter ging anschließend Nationalmannschafts-Manager Oliver Bierhoff, der die Behauptung, ein erklecklicher Teil der Nationalspieler bevorzuge entgegen anders lautenden Gerüchten doch die gleichgeschlechtliche Liebe, als »Angriff auf meine Familie« bezeichnete. Da konnte und wollte auch die Bild-Zeitung nicht nachstehen; sie hatte gar eine »homosexuelle Verschwörung« gegen die Minderheit der heterosexuellen Kicker entdeckt. Den Stein ins Rollen gebracht hatte aber vermutlich der Ballack-Berater Michael Becker, als er der Deutschen liebstes Kind eine »Schwulencombo« nannte. Ein stärkeres Statement gegen das, was die Genderforschung »Homonormativität« nennt, ist kaum denkbar.

Auf Becker, Löw, Bierhoff und die Bild-Zeitung folgte Philipp Lahm, der in seinem Buch mit dem vielsagenden Titel ›Der feine Unterschied‹ ein flammendes Plädoyer für die Heterosexualität hielt und deutlich machte, wie sehr er sich von schwulen Groupies belästigt fühlt. Dass die Medien Lahms Kritik an Völler, Klinsmann & Co. dennoch stärker in den Mittelpunkt rückten als sein Bekenntnis zur Frauenliebe, ist im Grunde genommen nur damit zu erklären, dass jenseits aller Toleranzversicherungen immer noch eine gewisse Beklemmung vorherrscht, sobald sich Menschen als heterosexuell outen. Doch Arne Friedrich (Foto oben) ließ sich davon nicht beeindrucken. Vielmehr bekannte auch er, der Nationalspieler im Wartestand, sich nun öffentlich zu seiner sexuellen Neigung; ja, er behauptete gar ungewohnt angriffslustig: »Ich habe keinen Spieler erlebt, von dem ich überhaupt meinen könnte, dass der schwul ist, aber wenn es so sein sollte, wäre das auch okay.« Ihm zur Seite sprang seine Freundin Linn Rödenbeck, die in einem offenen Brief an die Bild-Zeitung – zweifellos das Flaggschiff in Sachen Hetero-Offensive – schrieb: »Ich habe keine Lust, irgendetwas zu rechtfertigen. Aber scheinbar« – genauer gesagt: anscheinend – »muss es einmal schwarz auf weiß stehen. Und vorab eine Entschuldigung an alle, die nun aus allen Wolken fallen. Nein, Arne ist nicht schwul.«

Eigentlich ist es ja bedauerlich, dass solche Statements noch immer nötig sind. Deutschland hat eine heterosexuelle Bundeskanzlerin, und mit Ausnahme von Berlin – wo der störrische Klaus Wowereit sein Schwulsein noch immer mit einem ermüdenden Und-das-ist-auch-gut-so kommentiert – werden alle Bundesländer von heterosexuellen Ministerpräsidenten respektive Regierenden Bürgermeistern geführt. Auch im Bereich der Musik, des Films und des Theaters finden sich viele Männer, die Frauen lieben, und Frauen, die Männer lieben. Doch im Fußball gehen die Uhren offenbar weiterhin anders – und vor allem: langsamer. Dort ist es noch längst nicht selbstverständlich, Heterosexualität nicht als Krankheit anzusehen, sondern als gleichberechtigte Lebensform – und vor allem als Privatsache, die, ginge alles mit rechten Dingen zu, nicht der Rede wert sein sollte. Und deshalb kann man nicht ausschließen, dass Arne Friedrich – sollte er denn einen neuen Verein finden – im Stadion künftig zur Melodie des Beatles-Hits ›Yellow Submarine‹ mit Schmähgesängen wie »Arne Friedrich ist heterosexuell, heterosexuell, heterosexuell« bedacht wird. Gerade deshalb ist sein Schritt so mutig und verdient allergrößten Respekt.

Ein herzliches Dankeschön an die Betreiber des Weblogs Gay West für die Inspiration. Und ein Hinweis auf den formidablen Text des wundervollen Frédéric Valin, Der Stock im Arsch – fünf Anmerkungen zu Arne Friedrichs Anti-Outing, veröffentlicht auf dem Weblog Zum Blonden Engel.


Einsortiert unter:Fußball Tagged: Arne Friedrich, Homophobie, Joachim Löw, Oliver Bierhoff, Philipp Lahm

Gute Freunde kann niemand trennen April 29, 2011 | 10:36 am

MdB Niema Movassat zusammen mit der reaktionären Band »Die Bandbreite«, welche immer wieder durch nationalistische, homophobe, sexistische und — wie auch im Bild — durch Verschwörer-Fantasien auffällt.
Scheinbar hat man nicht einmal in der Bundestagsfraktion der »Linken« Probleme mit diesem originär rechten Gedankenkosmos.
Mal sehen, wieviel länger der Link zum Bild auf seiner Homepage verweilt.

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Ein Bärendienst für LGBTs November 20, 2010 | 08:06 pm

Eine Mehrheit aus vor allem arabischen und afrikanischen Staaten setzte in der aktuellen UN-Vollversammlung durch, die Todesstrafe wegen „sexueller Orientierung“ nicht mehr weiter zu ahnden. Die anwesenden Vertretungen der Länder Organisation der islamischen Konferenz befürworteten die Änderung geschlossen. Dessen ungeachtet wird Georg Klauda am 08.12. im Kafe Marat einen Vortrag halten und seine These begründen, warum es sich im Westen noch homophober lebt, als im Iran


Schwulsein im Iran

Es ist ein schwerer Rückschlag für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender (LGBT). Nur 70 Länder der UNO votierten für eine Beibehaltung des bisherigen Passus, der die Ächtung der Todesstrafe aufgrund von „sexueller Orientierung“ beinhaltete. Im Besonderen die Vertretung aus den Vereinigten Staaten kritisierte den neuen Entwurf scharf. Auf der anderen Seite stimmten 122 Länder gegen einen Schutz von LGBTs, enthielten sich oder blieben der Abstimmung fern. Von den 79 Staaten, die aktiv zu Ungunsten von LGBTs eintraten, sind 45 Mitglieder der Organisation der islamischen Konferenz. Kein Mitglied dieser Organisation stimmte für die Ächtung der Todesstrafe wegen „sexueller Orientierung“ und keines enthielt sich.

Im Kafe Marat soll sich am 08.12 der Spiess drehen
In wenigen Wochen wird Georg Klauda im Kafe Marat zu Gast sein, um seinen Vortrag, „Homophober Moslem, toleranter Westen? Europa und die Heteronormalisierung der islamischen Welt“ abzulesen. Der Autor des Blogs Rhizom (zu deutsch: Eingewurzeltes) wird in seinem Vortrag an historischen Einzelbeispielen „mannmännlicher Liebe“ darstellen, wie ein türkischer Autor einst den „Verstand verlor“, wenn die Locken eines griechischen Jünglings auf seine Wangen fielen, oder sich ein islamischer Gelehrter einem anderen Mann sklavengleich hingab. Klaudas stellt die im ehemaligen osmanischen Reich offizielle Rechtsschule der Sharia als vergleichsweise emanzipiert dar, weil sie angeblich den Analverkehr nicht als Ehebruch ansah und nur mit einer Geldstrafe oder 39 Peitschenhieben bestrafte und auch Steinigung nur sehr selten vorgekommen seien.

Erst der Westen brachte die Homophobie
So richtig homophob ist es laut Klauda erst mit dem Einfluss des Westens zugegangen, nachdem die Sharia „wegen ihrer Ineffizenz“ abgeschafft worden sei und englisches oder französisches Recht an ihre Stelle trat. Homophobie ist nicht das „Relikt einer vormodernen Welt“, sondern Hervorbringung der (westlichen) Moderne, sagt Klauda. Er versucht damit an die Dialektik der Aufklärung anzuknüpfen, scheitert aber. Nach dem historischen Ausflug in eine fabelhalfte vormoderne islamische Welt kommt Klauda zur Begründung seiner These: Im Iran werden zwar heute Homosexuelle erhängt, die Selbstmordrate unter Homosexuellen ist im Westen aber höher als unter heteronormativen westlichen Kontrollgruppen. Das ermutigt Klauda, seinen Vortrag abzuschließen mit den Worten:

Wir leben mittendrin, in einer Gesellschaft, die ihre heteronormative Gewalt nicht einmal mehr im Strafrecht manifestieren muss, um auf höchstwirksame Weise, eine Sortierung zu bewerkstelligen, wovon die Mullahs im Iran eigentlich nur träumen können. Ok, das wars dann auch.

Das wars dann eher nicht
Weshalb sich hunderttausende LGBTs aus islamischen Staaten im Westen einfinden wollen (und nicht umgekehrt) und LGBTs aus Ägypten, Jordanien, Gaza, Libanon und dem Westjordanland nach Tel Aviv flüchten, erklärt Klauda in seinem Vortrag nicht. Das sei hier nachgeholt. Die an Israel angrenzenden Länder votierten bei der UN-Vollversammlung einhellig homophob. Menschen, die von der gewünschten sexuellen Norm abweichen, werden in diesen Ländern verfolgt. Die Vertretungen des Gaza-Streifens und des Westjordanlands sind zwar nicht zur Abstimmung bei UN-Vollversammlungen berechtigt, aber der neue Beschluss dürfte ihnen entgegenkommen. Erst vor drei Wochen ermahnte erneut ein Hamas-Vertreter die Nachrichtenagentur Reuters:

Ihr lebt nicht wie Menschen. Nicht einmal wie Tiere. Ihr aktzeptiert Homosexualität. Und wollt uns jetzt kritisieren?

Der Vortrag Klaudas trägt wenig dazu bei, das Wesen des antimuslimischen Rassismus zu entschlüsseln, vielmehr hält er ihm eine romantische Scheinwelt entgegen, die wenig glaubhaft wirkt. Auch zur Analyse von Homophobie sowie deren weltweiter Überwindung – die eine kritische Sicht auf Religion mit sich bringen müsste – taugt der Vortrag nur unzureichend.


Vortrag von Klauda: 20. August 2009, Erfurt

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kinder in gefahr February 27, 2010 | 04:39 am

mm in b November 19, 2009 | 03:32 am

mm