Mit Jugonostalgija gegen Homophobie oder die Glorreichen Sieben auf dem Belgrad Pride.
Homophobie in Osteuropa ist seit den Angriffen auf Gay Pride Paraden in Warschau, Vilnius, Budapest, Bukarest, Zagreb, Belgrad ein Thema, über das auch hierzulande geredet wird. Dabei wird der dortige manifeste Hass auf Schwule und Lesben oft als überkommenes Relikt rückständiger Gesellschaften, die noch nicht den Anschluss an die »europäischen Werte« geschafft hätten, thematisiert.
Doch dem ist nicht so. Die Homophobie die sich in den mittel‑ und osteuropäischen Transformationsgesellschaften Bahn bricht ist weder eine traditionell-religiöse noch ein realsozialistisch-pathologisierende (wenn sie auch in beiden wurzelt). Stattdessen ist sie eine der wichtigsten Formen der ideologischen Reaktion auf die Transformationskrisen der letzten zwanzig Jahre in Mittel‑ und Osteuropa. Idealtypisch lässt sich dieses Ideologem in seiner radikalsten Form so zusammenfassen: Die Juden würden mittels der EU in den newly independent states die Homosexualität propagieren, um durch den so induzierten Geburtenschwund die Existenz und Unabhängigkeit der kleinen Nationen (die sich gerade erst aus dem Würgegriff der Sowjetunion/des Kommunismus befreit haben) zu unterminieren. Durch diese politische Aufladung gewinnt der Hass auf Schwule und Lesben eine neue Qualität, die sich in den pogromartigen Angriffen auf die Manifestationen der osteuropäischen LGBT-Bewegung(en) niederschlägt.
Perfiderweise scheinen Versuche westeuropäischer Politiker, die zuständigen Regierungen zur »Einhaltung europäischer Standards«, also wenigstens zum polizeilich abgesicherten Garantieren der Versammlungsfreiheit von Schwulen und Lesben, zu drängen, genau diese Ressentiments zu bestätigen. In dieser Situation steckt die meist aus der urbanen, akademisierten Mittelschicht stammende Gay Pride Bewegung vor Ort in einem strategischen Dilemma. Einerseits sind die Gruppen und Organisationen, so sie offen auftreten können, meist Teil des »westlich« finanzierten NGO-Business. Damit ist zwar eine gewisse ökonomische Absicherung, die Möglichkeit von Reisen ins westliche Ausland und ein gewisser politischer Support verbunden, in der öffentlichen Wahrnehmung aber oft auch eine Identifikation mit Versuchen externer Beeinflussung der »inneren Angelegenheiten« der jeweiligen Länder. Gleichzeitig gibt es vor Ort keine starken sozialen Bewegungen oder gesellschaftlichen und politischen Institutionen, die als Bündnispartner im Kampf für gleiche Rechte fungieren können oder wollen. Das unter diesen Bedingungen strategische Debatten über Möglichkeiten, dem Kampf gegen die Homophobie eine von »europäischer Politik« unabhängige Basis zu geben kaum wahrnehmbar geführt werden, kann nicht verwundern.
Doch auch im akademischen Raum wird diese Problematik selten vertieft analysiert, weder in den Osteuropastudien, wo zwischen der Tagung zur »Identitätskonstruktion huzulischer Klagefrauen im Kontext der beginnenden Entstalinisierung« und der Auftragsforschung für das von EU/NATO/UNO/OSZE betriebene Nationbuilding wenig Platz für kritisches Denken bleibt, noch in den Genderstudies, wo unter dem Begriff »Pinkwashing« eher mal diskutiert wird, ob der Staat Israel mit der Förderung von Homosexualität nicht tatsächlich finstere Zwecke verfolgt.
Diese Lücke im Diskurs füllt jetzt ein politischer Film. Nun ist das politische Kino in Südosteuropa weit lebendiger als man angesichts der desaströsen wirtschaftlichen Bedingungen annehmen möchte, allerdings kommt davon wenig in die deutschen Kinos und wenn, dann meist nur als Festivalbeitrag. Eine Ausnahme ist Parada von Srđan Dragojević, der den Sprung von der Berlinale in die Kinos schaffte, was leider auch daran liegen dürfte, dass er sich als so »herrlich politisch unkorrekte Klamotte« verkaufen lässt, die der Film, bei allen Schwächen, die er haben mag, auf keinen Fall ist.
Die Handlung: Limun ist ein Belgrader Vorstadtgangster wie er im Buche steht. Von »Schwuchteln« hält er so wenig, dass er es eines echten Mannes nicht für würdig ansieht, sie zu verkloppen. Im Krieg war er ein Held, später hat er Politiker, Tänzerinnen und Stripperinnen beschützt, in Schweden Schutzgelderpressung betrieben. Nun verdient der ergraute Kriegsheld sein Geld damit, illegale Romasiedlungen zu räumen um Platz für den Bau von Einkaufszentren zu schaffen.
Sein Gegenbild ist einer seiner ehemaligen Vorgesetzten, Inspektor Kecman der jetzt als Polizeichef zu den Mächtigen in Nachkriegsserbien gehört. Kecman wird dem Kämpfer Limun als Etappenhengst und Kriegsgewinnler gegenübergestellt. Selbst hat er nicht an der Front gekämpft, sondern andere dort hingeschickt.
Limun steht unter dem Pantoffel seiner Verlobten Pearl. Die ehemalige Stripperin hat den tiefen Teller zwar nicht erfunden, verfügt aber über ein großes Herz, fürchtet sich vor niemandem, kann Kickboxen und mit Pistolen umgehen und vor allem ihren Willen durchsetzen. Und der lautet jetzt: Sie will eine schöne Hochzeit mit Limun. Keine Bauernhochzeit, sondern das, was sie sich unter einer städtischen, extravaganten, romantischen und vor allem modernen Hochzeit vorstellt. Und diese Hochzeit wird es nur geben, wenn Limun mit seiner Security-Firma die Belgrader Gay Pride Parade beschützen wird. Denn Mirko, der von Pearl beauftrage wedding planer ist Sprecher der NGO Tolerance, die diese organisiert. Und nachdem Limun mit Mirko, mehr noch aber mit dessen Freund, dem Tierarzt Radmilo, aneinandergeraten ist, setzt dieser ihm die Pistole auf die Brust: kein Gay Pride – keine von Mirko organisierte Hochzeit, ergo keine Hochzeit mit Pearl.
Dass Limun mit seinen Leuten den Gay Pride beschützen soll ist eine Idee von der nicht nur er nicht begeistert ist. Sich von Kriminellen beschützen lassen? Die Mitglieder der NGO Tolerence sind skeptisch. Nur die Großmutter von Lenka der einzigen lesbischen Figur von Bedeutung für den Film erwidert: »Uns haben die Faschisten auch Kriminelle genannt, bis wir sie eines Tages alle umgebracht haben.« Auf die verständnislose Nachfrage des Intellektuellen Đorđe »Omi was hat das denn damit zu tun?« entgegnet sie »Eine Menge«. Später, nach einem Angriff von Naziskins auf die NGO Tolerance schwört sie: »Wenn wir erstmal wieder an der Macht sind, werden alle gleich sein«. Nicht zufällig ist es die alte Partisanin, die als einziges Familienmitglied öffentlich zu den AktivistInnen von NGO Tolerance steht. Sie verkörpert hier die Erinnerung an eine Vergangenheit (und eine Zukunft), ein anderes Projekt der Nationenbildung auf dem Balkan, an eine andere Geschichte und daran, dass man Faschisten besiegen kann. Allerdings nicht mit Pressekonferenzen und Powerpoint-Präsentationen.
In nuce finden wir an dieser Stelle das politische Programm des Filmes, seine Forderung an die postjugoslawische LGBT-Szene, die dieser im Folgenden in komödiantischer Verpackung ausbuchstabieren wird: raus aus der Nische des EU-finanzierten akademischen Mittelschichtsaktivismus und rein in den Kampf gegen den Klerikalfaschismus. Nicht auf Basis der »europäischen Werte«, sondern auf der Grundlage eines (neo‑)jugoslawischen Antifaschismus. Dass dieser Kampf dann nicht mehr in awareness rising und Medienarbeit besteht, sondern in der militanten Gegenwehr auf der Straße ist dann nur folgerichtig.
Um dieses Programm entwickeln zu können, lässt der Film Limuns Kämpfer ihrem Chef die Gefolgschaft verweigern. Auch wenn sie sich für ihren Chef »in den Arsch ficken lassen würden«, nein »Schwuchteln« beschützen, noch dazu in Belgrad, wo sie jeder kennt, das geht zu weit. Und trotz Verlockungen und Drohungen findet Limun in Belgrad niemanden, der mit ihm diesen Job erledigen will. So bleibt ihm nur eins: Leute von außerhalb Belgrads müssen ran. Also zieht Limun mit Radmilo los um in den Resten des alten Jugoslawiens alte Gegner aus den Tagen der Bürgerkriege einzusammeln, um mit ihnen den Belgrad Pride zu beschützen. Wen das an was erinnert: ja, Dragojević hat mit Parada ein jugonostalgisches Remake von Die Glorreichen Sieben gedreht. Und wie es leider seit einigen Jahren Unsitte ist, lässt er dies seine Figuren zu Beginn des Films auch mehrmals laut und deutlich verkünden, damit es auch ja jeder mitbekommt. Das ist so plump, dass sich dahinter wohl nicht der Wunsch nach einer deutlichen Referenz an einen verehrten Klassiker verbirgt, sondern wohl eher die Erkenntnis, dass man einem Kinopublikum, dass diesen Klassiker nicht mehr kennt jedes Zitat doppelt aufs Brot schmieren und dann auch noch erklären muss.
Zuallererst geht es nach Kroatien. Dass die beiden Helden mit Radmilos pinknem Mini dabei auf dem autoput bratstva i jedinstva, der Straße der Brüderschaft und Einheit, unterwegs sind, ist nicht nur der Geographie geschuldet, sondern gehört zu jener Symbolik des Films die, wie viele andere Anspielungen auch, ein Großteil des nichtjugoslawischen Publikums vermutlich kaum verstehen wird. In Kroatien sammeln sie Roko ein, einst Ustascha, jetzt eine Betreiber einer Bar. Auch er hat keinen Bock auf »Schwuchteln«. Aber der Tierarzt Radmilo rettet Rokos Lieblingseselin, und so sieht Roko sich verpflichtet, Limun und Radmilo zu helfen.
Das im weiteren Verlauf des Filmes, zuerst zwischen Limun und Radmilo, schließlich auch zwischen den anderen Mitgliedern der NGO Tolerance und den alten Kämpen Respekt, gar Freundschaft und Solidarität wachsen werden ist hier schon absehbar und passiert dann auch genauso vorhersehbar. Dass dabei oft arg pädagogisch festgestellt wird, dass Schwule auch nur ganz normal sind erklärt sich wohl daraus, dass Dragojević mit dem Film tatsächlich pädagogische Ziele verfolgt.
Der Bosnier Halil betreibt mittlerweile ein Videothek und sieht sich mit verärgerten Kunden konfrontiert. Limuns Angebot ist für ihn eine Möglichkeit, mal wieder was anderes zu erleben. Der letzte, den sie aufsammeln ist der Kosovo-Albaner Azem. Mit dem Verkauf von Drogen an die im Kosovo stationierten NATO-Truppen ernährt Azem sein Dorf. Die Art wie Dragojević hier in wenigen Sequenzen die EU/NATO-Truppen skizziert, zeugt von unverhohlener Abneigung und tiefsitzendem Hass.
Die Typen die Limun um sich scharrt, sind überzeichnete Prototypen von Männern, wie sie auf den Schauplätzen der postsozialistischen Staatszerfallskriege tatsächlich herumlaufen. Männer die sich an eine Jugend, ein Leben vor diesen Kriegen erinnern können. Die mit ihren späteren Kriegsgegnern gemeinsam die Schulbank gedrückt haben. Die eines Tages gewahr werden, dass sie mehr mit ihren Gegnern verbindet als mit ihren eigenen Kindern.
Die alten Kriegsgegner, so stellt sich heraus, verbindet ein tiefes Netzwerk von Männerfreundschaften. Genüsslich präsentiert der Film dabei die sowohl den patriarchalischen Kulturen des Balkans als auch der militärisch-kriminellen Männerbündelei innewohnende Homoerotik. Gleichzeitig setzt er den lebensprallen, schlitzohrige Patriotismus der alten Kombattanten ab vom asketisch-ideologischen Wahn der jungen Neonazis, verkörpert von Limuns Sohn aus erster Ehe, Vuk, der mit seinen Kameraden den Belgrad Pride angreifen will.
Die Art, wie er die Bürgerkriege und die Rolle seiner Helden darin thematisiert, ist der problematischste Aspekt des Filmes. Denn die Bürgerkriege, in denen die Utopie der südslawischen Partisanenrepublik, an die Parada kaum verhüllt anknüpft, blutig unterging, waren kein spaßhaftes Geraufe großer Jungs, zu denen sie hier verniedlicht werden, sondern der brutale und mörderische Sieg des ethnonationalistischen Wahns über genau diese Utopie. Diesen Punkt verschweigt Dragojević nicht nur, er versucht sogar ihn so weit wie möglich zu verwischen. Gerade wenn man gegen die völkischen Nationalismen der postjugoslawischen Kleinstaaten ein universalistisches und integratives neojugoslawisches Projekt setzen möchte, wäre dieser Punkt zu thematisieren. Doch einerseits würde dies wohl den Film überlasten und andererseits zeigt das Phänomen der Jugonostalgija, dass eine positive Rückbesinnung auf die jugoslawische Idee ohne Aufarbeitung der Vergangenheit möglich ist. Wie tragfähig das dann ist, ist eine andere Frage.
Zurückgekehrt nach Belgrad müssen sie feststellen, dass sie bei weitem nicht genug sind, um sich den Faschisten entgegen zu stellen. Limun versucht erst seinen Sohn, den Naziskin Vuk, zu bestechen, den Überfall auf den Belgrad Pride abzusagen. Als dass nicht gelingt, versucht er Kecman zu bewegen, den Pride polizeilich zu schützen. Auch das erfolglos. Sowohl mit Faschisten als auch mit den Machthabern des Nachkriegsserbiens gibt es keine Möglichkeit der Verständigung.
Und so treten schließlich Pearl, Limun, Roko, Halil, Azem, Radmilo und Mirko als glorreiche Sieben den Skinheadhorden die den Belgrad Pride angreifen wollen entgegen. Doch ihnen gegenüber steht eine schier unübersichtliche Menge von Nazis. Eingeschüchtert von diesen wollen einige TeilnehmerInnen die Kundgebung verlassen. Daraufhin erklärt Mirko in einer pathetischen Rede: »Hier geht es doch nicht mehr um straight oder gay«, sondern darum, dass sich »zwei Serbiens« gegenüberstehen, und der Kampf um die eigene Würde hier und jetzt ausgefochten werden müsse. Daraufhin entbrennt eine Straßenschlacht in aller Brutalität. Die glorreichen Sieben und die anderen Teilnehmer des Gay Pride Marsches schlagen sich tapfer und im Kampf wechselt schließlich auch der verlorene Sohn die Seiten, Vuk schließt sich seinem Vater im Kampf gegen seine vormaligen Kameraden an. Doch schließlich sind sie den Nazis unterlegen. Nur das Erscheinen der Polizei auf dem Schauplatz rettet Radmilo, Limun und die anderen. Doch für einen kommt die Polizei zu spät: Mirko ist tot, totgeschlagen von den Faschisten.
Doch Mirko ist nicht umsonst gestorben. Sein Tod schmiedet die Überlebenden endgültig aneinander. Und ein Jahr später findet die erste Gay Pride Parade in Belgrad statt. Mittendrin Radmilo, Pearl, Limun und seine Kumpel. Dragojević zeigt uns eine jugoslawische rainbow-nation, die durch Belgrads Straßen zieht. Unter massivem Polizeischutz zwar und immer noch beschimpft, bespuckt und angegriffen. Aber sichtbar und: stolz. Und weil damit der Kampf erst beginnt, bietet Limun Radmilo an, ihn und seine »Kollegen« im Kampfsport auszubilden.
Dass es leider eben nicht der gemeinsame Kampf der jugoslawischen Völker gegen den klerikalfaschistischen Mob war, sondern doch die Interventionen von EU etc. und das Bemühen der serbischen Regierung, sich als zugehörig zur »europäischen Wertegemeinschaft« zu präsentieren, die es ermöglichte, dass 2010 mal eine Gay Pride Parade durch Belgrad ziehen konnte, verschweigt Dragojević. Aber wo sich andere um die komplizierten Fragen, die sich in dieser Situation stellen, herumdrücken, schlägt er zumindest eine Antwort vor. Ob sein Vorschlag, den Kampf gegen die nationalistische Homophobie in den Zerfallsprodukten Jugoslawiens als antifaschistischen Kampf gegen den Ethnonationalismus und für ein neues jugoslawisches Bewusstsein zu führen, die richtige Antwort auf die richtige Frage ist müssen zuvorderst die jugoslawischen LGBTs und ihre Freund_innen und Genoss_innen entscheiden. Dass dieser Vorschlag dem Rezensenten wesentlich sympathischer ist, als die nächste european policy sei hiermit ausdrücklich zugestanden. Und dass in der gegenwärtigen Krise die Strahlkraft der »europäischen Werte« deutlich nachlässt, lässt sich an einer Äußerung des serbischen Ministerpräsidenten Dačić sehen, der angesichts des 2012 erneut verbotenen Belgrad Prides erklärte: »Lasst mich doch in Ruhe mit diesen Menschenrechten, hier geht es um die Sicherheit der Menschen. Scheiß auf die EU, wenn die Gay-Pride die Eintrittskarte ist.«
Srđan Dragojević: Parada/Парада, Serbien, Kroatien, Slowenien, Mazedonien, Montenegro 2011
