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Die Liste. January 8, 2013 | 01:50 pm

Nachdem das Simon-Wiesenthal-Zentrum zu Beginn des Jahres eine neue Liste veröffentlichte, auf der sie verschiedene antisemitische Akteure benannte, empören sich deutsche Journalisten und Wutbürger gemeinsam über das Zentrum und einen Kritiker, den das Zentrum zitiert. Schließlich findet sich auch ein deutscher Journalist auf der Liste, der nun mit aller Vehemenz verteidigt wird. Es handelt sich um den Freitag-Herausgeber und Spiegel-Online Autoren Jakob Augstein, der auf Platz Neun der Liste zu finden ist.


Der Fall Augstein scheint, von der TAZ über den Spiegel bis der FAZ, einen Großteil der deutschen Medien zu vereinen, die sich gemeinsam über die Liste empören. Zugleich wird dieser Autor, der sich durch ganz besonders abstruse anti-israelische und verschwörungsideologische Ausfälle auszeichnet, geadelt. In der TAZ wurde Augstein zum „scharfen, rationalen Kritiker“ gemacht. Zugleich wurde vor einer geheimnisvollen „Israel-Lobby“ gewarnt, die „zunehmend hysterisch klingen“ würde.


Ganz ähnliches wusste der Deutschlandfunk zu vermelden: „Er ist ein kritischer Denker“, hieß es in einem Beitrag, mit dem der Autor die Behauptung aufstellte, dass es
lächerlich“ sei, „diesen kritischen Journalisten an den Pranger zu stellen“. Im Spiegel geiferte derweil der Antikommunist Jan Fleischhauer in seiner Kolumne „Der schwarze Kanal” über das Zentrum und die Liste. Dem Wiesenthal-Zentrum unterstellte Fleischhauer, dass es einerAufmerksamkeitsökonomie“ folgen würde, um „Spenden“ zu generieren. Im Stern war wiederum von Diffamierung eines Journalisten die Rede. In der FAZ schrieb man ebenfalls von Diffamierung und munkelte mit Augstein außerdem von der „Rolle der jüdischen Interessenverbände“ in den USA. Von Diffamierung schrieb auch die Zeit. Man folgte der Erklärung des Betroffenen, der sich auf seiner Facebook-Seite zu der hanebüchenen Verlautbarung herabließ, dass der „Kampf gegen den Antisemitismus” geschwächt werden würde, „wenn kritischer Journalismus als rassistisch oder antisemitisch diffamiert wird”. In der nationalbolschewistischen Tageszeitung Junge Welt empörte sich Werner Pirker in seiner Kolumne „Der Schwarze Kanal” derweil über das von „Zionisten und ihren Claqueuren angestimmte Antisemitismusgeschrei“. Das klingt alles durchaus ähnlich. Die Causa Augstein eint die Medien, die den Fall benutzen, um das ein oder andere Vorurteil zu verbreiten.


Es sind jedoch nicht nur deutsche Journalisten, sondern auch Politikerinnen und Politiker, die sich auf die Seite des Jakob Augstein schlagen. Von der Linken bis zur CDU sind hier ebenfalls alle einer Meinung: Gregor Gysi unterstellte dem Zentrum sogar, dass es „den schleichenden Antisemitismus“ unterstützen würde. So machte er die Kritiker des Antisemitismus für den Antisemitismus verantwortlich.. Die rheinland-pfälzische CDU-Chefin Julia Klöckner verteidigte Jakob Augstein ebenso wie ihre Partei-Kamerad Ruprecht Polenz, der von einer Antisemitismus-Keule schwadronierte, die gegen Augstein geschwungen werden würde. Es ist das archaische Bildnis vom Keulenschwinger, das auf diese Weise bedient wird. Voller Inbrunst empörte man sich gemeinsam über das Wiesenthal-Zentrum. Man will sich eben nicht von einer jüdisch-amerikanischen Institution vorschreiben lassen, was Antisemitismus ist. Wenn Augstein ein Antisemit wäre, würde das auch auf den Großteil seiner Verteidiger zutreffen, die nun von Keulen und Lobbys raunen und ähnliche Inhalte verbreiten, für die Augstein auf der Liste landete.


Die antisemitischen Ausfälle des Jakob Augstein sind eben keine Meinung eines vereinzelten Sonderlings. Er formuliert das, was in Deutschland mehrheitsfähig ist. Jakob Augstein munkelte in der Vergangenheit von mächtigen „jüdischen Lobbygruppen“ in den USA, die die Wahl des Präsidenten maßgeblich beeinflussen würden. In einem anderen Text bediente er verschwörungsideologische Konstruktionen und behauptete, dass der Mohammed-Film den „US-Republikanern und der israelischen Regierung“ genutzt hätte. Augstein spricht von einem Besatzungsmacht und meint Israel. Er schreibt von einem „Lager“ und meint Gaza. Es ließen sich zahlreiche weitere Beispiele finden, mit denen Augstein das antisemitische Ressentiment und die geschichtsrevisionistischen Gefühle seiner Landsleute bedient.


Von ähnlichen Gefühlen und Ressentiments scheinen seine schreibenden Kameraden ergriffen zu sein, die ihren Augstein und seine Inhalte nun mit Inbrunst verteidigen. Die Ausfälle des Jakob Augstein könnten wohl auch von einem seiner zahlreichen Verteidiger stammen, die nun von einer „Israel-Lobby“ und von „Diffamierung“ schwafeln. Vielleicht erklärt das die wütenden Reaktionen: Wenn sie Augstein verteidigen, verteidigen sie sich selbst.


Daher sind nun fast alle einer Meinung. Gerade das wurde in den letzten Tagen deutlich. Der stellvertretende Direktor des Simon-Wiesenthal-Zentrums sagte unterdessen, dass die Institution aufzeigen wolle, „wo und wie Antisemitismus massenkompatibel wird“. Ein Blick in die empörten Pamphlete der Augstein-Verteidiger macht deutlich, dass dieser Zustand schon lange erreicht ist. Deutschland ist ein einig Augstein-Land.

Mehr zum Thema gibt es anderswo:
Lizas WeltClemens HeniPublikative - Verbrochenes - Bündnis gegen Antisemitismus Kassel

Die Horror-Show des Harry Fear. January 2, 2013 | 10:57 am

Wer in den vergangenen Wochen eine Veranstaltung besuchte, bei der es um den Gaza-Streifen und um Israel ging, könnte dort einen Menschen erlebt haben, der sich der Sache der Hamas verschrieben hat. Der britische Dokumentarfilmer Harry Fear bereist zur Zeit die Provinzstädte und die Metropolen des Kontinents, um in alten Kirchen und in großen Gewerkschaftshäusern über seine Sache zu sprechen.

Im Gaza-Streifen verbrachte Fear viel Zeit mit seiner Kamera und den Akteuren des Terrors. Bedeutende antisemitischen Kader, von Hamas und Islamischen Dschihad, wurden von ihm ebenso befragt, wie die Angehörigen der mordenden Antisemiten. Es entstanden vollkommen unkritische Interviews, in denen die völkischen Propagandisten dieser Vereinigungen ihre mörderischen Taten als „Widerstand“, der eine „nationale Pflicht“ darstellen würde, beschrieben. Harry Fear steht an ihrer Seite. Auf der anderen Seite spricht er von „psychopathischer Gewalt“, für die er Israel verantwortlich macht. Der parteiische Dokumentarfilmer tritt auf seinen Veranstaltungen und in zahlreichen Interviews daher ganz offen für einen „bewaffneten Widerstand“ ein und erfreut auf diese Weise verschiedene Antisemiten, die von Vernichtung träumen.

Kurioserweise wird man in den Werbeclips und in den Veranstaltungen des Harry Fear wenig über die reale Praxis der von ihm beworbenen Mordbanden erfahren. Die mörderischen Attacken, bei denen sich die mit Nagelbomben bepackten Aktivisten bevorzugt in Schulen, Einkaufszentren und Linienbussen in die Luft sprengten, um möglichst viele Jüdinnen und Juden zu ermorden, werden von ihm nicht erwähnt. Dafür dürfen die Sprecher dieser Terrortruppe in seinen Videos ausführlich über ihren Kampf gegen Israel schwadronieren. Hinzu kommen anti-israelische Grusel-Storys über die israelische Armee und den dazugehörigen Staat. Das sind die wichtigsten Inhalte von Fears Horror-Show, die dieser in Kirchen und Gewerkschaftshäusern präsentiert. Dort berichtet Fear über seine Erlebnisse in Gaza, um die Herzen der Menschen erfreuen, die gruselige Märchen über die israelische Armee hören wollen. Diese würde, so behauptet es Fear, eine „Endlösung“ anstreben.

Der Dokumentarfilmer scheint seine Parteinahme für den Antisemitismus schon lange vollzogen zu haben. Darauf verweisen auch einige Fotos, auf denen Harry Fear voller stolz zwischen vermummten Kadern der antisemitischen Hamas posiert, die ihre Waffen präsentieren. Darauf verweisen aber auch die Interviews, die Fear dem iranischen Sender Press.TV gab. Es handelt sich um einen Sender, in dem ansonsten bevorzugt die Shoa geleugnet oder antisemitische Verschwörungskonstrukte beworben werden.

Andere Fotos des umtriebigen Akteurs sind nicht so martialisch gehalten, vielleicht sollen sie die Herzen seiner Zielgruppe ansprechen. Kleine Kinder, die traurig oder kämpferisch in die Kameras schauen, sind ein weiteres bevorzugtes Fotoobjekt des britischen Aktivisten. Diese Fotos zeigt Harry Fear nun auf den Veranstaltungen, mit denen er die Sache bewirbt, die ihm augenscheinlich am Herzen liegt. Wer eine seine Veranstaltungen besucht wird außerdem ein Video zu sehen bekommen, das Harry Fear zur Beweisführung heranzieht. Dort nähert er sich, gemeinsam mit anderen Kameraden, der israelischen Grenze, worauf ihm gedroht wird. Mit derartigen Filmen erfreut er seine Zuschauerinnen und Zuschauer, die seinen Gruselvideos gerne sehen.

Die dazugehörigen Gruselgeschichten, die er mit Videos und Fotos garniert, werden ebenso gerne gehört. Der Dokumentarfilmer wurde zum Beispiel von Institutionen der evangelischen Kirche in Oldenburg eingeladen, um seine Hamas-Horror-Show in der größten Kirche der kleinen Provinzstadt darzubieten. Hunderte folgten der Einladung, an der unter anderem die evangelische „Akademie“ beteiligt war, die ansonsten paradoxerweise „Konzerte gegen Rechts“ unterstützt. Ob diese Institution auch am „Friedenspreis“ beteiligt war, die ein Diakon nach der Veranstaltung überreichte, ist nicht überliefert. Sicher ist aber, dass Harry Fear, auf Einladung eines Lehrers sogar die Kinder einer örtlichen Gesamtschule belästigen durfte.

Außerdem besucht er die staatlichen Rundfunkstudios, um von besorgten Kollegen über die Zustände befragt zu werden. Der ORF und Radio Bremen entblödeten sich nicht, Harry Fear zum Gespräch zu bitten. In Bremen besuchte der Dokumentarfilmer nicht nur ein Radiostudio. Fear hielt vor den Aktivisten der örtlichen Friedenstruppe, deren berüchtigste Aktionsform der Aufruf zum Israel-Boykott darstellt, seine kleine Horror-Show ab. Kiel und Hamburg waren weitere Stationen, bevor es – nach einem Abstecher in die Niederlande — gen Österreich ging. Dort sprach Fear an der Universität Wien und für eine islamistische Vereinigung. Es waren nicht nur kirchliche Institutionen, sondern auch ein Arbeitskreis der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) und eine parteinahe Stiftung, die die Abende ausrichtete. Die Gewerkschaft stellte daher auch ihr Räumlichkeiten zur Verfügung. Eine weitere Veranstaltung wurde in den Räumen der Grünen Heinrich-Böll-Stiftung aus Schleswig-Holstein ausgerichtet, die die Werbeveranstaltung des Harry Fear offenherzig unterstützte.

Dieser fordert auf den Veranstaltungen ein „Recht auf bewaffneten Widerstand“ ein und offenbart sich auch auf diese Weise als inoffizieller Sprecher der antisemitischen Terrorbanden, die Israel mit Vernichtung bedrohen. In dieser Rolle wird Harry Fear auch in Zukunft durch Gewerkschaften, Kirchen und Stiftungen hofiert werden, die seine Gruselgeschichten über Israel und seine Huldigungen der Hamas nur zu gerne eine Bühne bieten werden. „Mag sein, dass ihn seine Nähe zu den Menschen in Gaza einseitig sein lässt. Ein Veranstaltungsteilnehmer spricht von Propaganda. Aber ich bin ihm dankbar”, schreibt ein begeisterter Kirchenbesucher in einem mittlerweile gelöschten Kommentar. Eine derartige Horror-Show wird in Deutschland eben gerne gesehen.

Unterschriften-Querfront. December 8, 2012 | 09:47 am

Am 12. Dezember 2012 entscheidet der deutsche Bundestag über einen Antrag der Bundesregierung. Dann soll über die „Entsendung deutscher bewaffneter Streitkräfte zur Verstärkung der integrierten Luftverteidigung der NATO in der Türkei“ abgestimmt werden. Vor der Abstimmung bekommen die Abgeordneten allerdings Post. Es ist ein offener Brief, der von zunächst durch Klaus Hartmann, dem Bundesvorsitzenden des Deutschen Freidenker-Verbandes unterzeichnet wurde und für den nun Unterstützer gesucht werden.

Mit diesem Brief werden die Abgeordneten aufgefordert, fürdie strikte Neutralität Deutschlands in diesem Konflikt aktiv zu werden“. Die Taten des Assad-Regimes werden in der Einschätzung des Bürgerkrieges, der im Brief zu finden ist, nicht erwähnt. Dafür ist von „Terrorbanden“ und von den „Feinden der rechtmäßigen syrischen Regierung“ die Rede, die durch ein verschwörerisches Komplott der Türkei  unterstützt werden würden. Es gehe um einen „Stellvertreterkrieg“, behaupten die Unterzeichner des „Offenen Briefes“, in dem von „bewaffneter Banden“ die Rede ist, die „aus der Türkei“ nach Syrien  „eindringen“ würden. Außerdem wird vor der „Gefahr eines Weltkriegs“ gewarnt, der für die Unterzeichner des Briefes anscheinend bevorstehen könnte.

Dieser Brief wird nun von Tageszeitungen und auf Internetseiten beworben. Er findet sich zum Beispiel in der nationalbolschewistischen Tageszeitung „Junge Welt“, die den Brief dokumentierte und die dazugehörige Internet-Unterschriftenliste bewarb. Der Brief findet sich aber auch auf den Internetseiten der nationalsozialistischen Internetseite „Sache des Volkes“, die offensichtlich von Jürgen Schwab, dem ehemaligen Leiter des Arbeitskreises Volk und Staat beim NPD-Parteivorstand, verbrochen wird. Den Forderungen des Deutschen Freidenker-Verbandes können offensichtlich anti-imperialistische deutsche Linke und nationalsozialistische deutsche Rechte zustimmen, die durch den Hass auf die USA geeint sind.

Dies wird auch durch die Sätze deutlich, mit der einige Unterzeichner ihre Zustimmung dokumentiert haben. Ein Freidenker behauptet dort, dass die Bundeswehr die „Berufsarmee einer provisorischen Regierung ‚BRD’“ sei, für die er „die Alliierten“ verantwortlich macht. Ein weiterer Unterstützer bezeichnet die USA als „Moloch“ und „Monster“. Andere faseln ganz verschwörungsideologisch von einem geheimnisvollen Plan des George Bush, der „US-hörige Regierungen“ in der Region installieren wolle oder fürchten, dass Deutschland im „Namen der Imperialmächte in den Krieg verwickelt“ werden könne. Es ist der Hass auf die USA und die Sorge um das vermeintlich unterdrückte Deutschland, der zahlreiche Unterstützer anzutreiben scheint. Hier offenbart sich eine ideologische Querfront, die von Friedensgruppen-Kadern bis zum Ratsmitglied einer nationalsozialistischen Partei reicht.

So finden sich üblichen Namen, die auf vielen Unterschriftenlisten zu entdecken sind, mit denen das ein oder andere Regime gestützt wird. Die Unterschrift eines NPD-Stadtrates lässt sich ebenfalls entdecken. Neben einem Aktivisten des „Bremer Friedensforums“ und den Kadern des Deutschen Freidenker-Verbandes, die den Brief ihres Vorsitzenden unterstützen, sticht ein Name besonders hervor. Der Nationalsozialist Michael Schnorr ist Mitglied der NPD und sitzt für diese Partei im Rat der Stadt Wuppertal. Er hat den offenen Brief augenscheinlich ebenfalls unterzeichnet.

 „Zersägt die Atlantik-Brücke, setzt die Preussische Verfassung erneut in Kraft und schliesst einen Friedensvertrag mit Putin“, fordern gleich zwei weitere Unterstützer des „Offenen Briefes“. Diese Unterstützer treiben sich, wenn sie gerade keine Briefe unterzeichnen, mit Vorliebe auf obskuren Internetseiten herum. Dort hetzen sie in antisemitischer Manier gegen „die Zionisten“ oder empfehlen den ein oder anderen Verschwörungsfilm, mit dem sie zum Beispiel vor mysteriösen „satanischen Blutlinien“ warnen wollen.

Mit ihrem „Offenen Brief“ hat der Bundesverband der Deutschen-Freidenker eine ideologische Querfront mobilisiert. In ihrem Brief schwadronieren sie von einem „fundamentalen Bedürfnis des deutschen Volkes“ und bedienen nebenbei allerhand verschwörungsideologische Konstruktionen, die den Bürgerkrieg auf das Wirken der Türkei und der anderen NATO-Staaten zurückführen. Die Rolle des mörderischen Assad-Regimes wird im geschichtsrevisionistischem Gegenzug verschwiegen. Kein Wunder, dass sich auch Nazis und Verschwörungsgläubige angeschlossen haben, die ganz ähnliche ideologische Konstrukte propagieren. Der Deutsche Freidenker-Verband hat damit genau die Unterstützer heraufbeschworen, die er verdient.

 

Die Raketen-Verschwörung. November 21, 2012 | 03:51 pm

Mit den Angriffen auf Israel, das sich einem beispiellosen Raketenterror ausgesetzt sieht, blühen auch Verschwörungsmythen. Ein Artikel des Hartmut Barth-Engelbart dürfte den Personen gefallen, die den Terror der Antisemiten nicht wahrhaben wollen und daher nach dem erstbesten Strohhalm greifen, der ihnen gereicht wird. Dieser Strohhalm ist in diesem Fall ein verschwörungsideologisches Konstrukt, mit dem die Opfer des Raketenbeschusses zu Tätern gemacht werden.

Beschießen israelische Spezial-Kommandos israelische Städte”, fragt Barth-Engelbart scheinheilig auf seiner Internetseite. Selbstverständlich liefert der Autor auch eine vorhersehbare Antwort. Dabei beruft er sich auf angebliche „israelische Dissidenten”, die ihm seine anti-israelische Gruselstory bestätigt haben möchten. Wenn Barth-Engelbart seinem „lange gehegten Verdacht” freien Lauf lässt, dass „die meisten der Raketenabschüsse von GAZA” durch „‘IDF’-Spezialkommandos” verübt werden, dürfte dies das Herz der Antisemiten erfreuen, die Israel sogar noch für die israelischen Toten verantwortlich machen möchten.

Das verschwörungsideologisches Konstrukt dieses Autoren läßt sich daher auch auf antisemitischen Internetseiten entdecken. Auf einer dieser Seiten wird ein „germanisches Kulturerbe” gepflegt. Auf der Internetseite der linksdeutschen „Neuen Rheinischen Zeitung” wurde der Artikel allerdings ebenfalls veröffentlicht. Es ist das Gerücht über Israel, das mit dem Märchen des Hartmut Barth-Engelbart neue Nahrung findet. Sein Gerücht dürfte daher auch in den kommenden Tagen auf den einschlägigen Internetseiten verbreitet werden.

Vorgetragenes zum Verschwörungswahn. November 20, 2012 | 08:42 am

In diesem Jahr sprach ich auf Einladung der ASSOCIAZIONE DELLE TALPE in Bremen. Dort befasste ich mich mit verschiedenen Verschwörungsmythen, die auch in der deutschen Linken populär sind. Der Weblog „Audioarchiv”, der viele hörenswerte Vorträge, Interviews und Radiofeatures sammelt, hat nun den Mitschnitt dieser Veranstaltung veröffentlicht. Er kann daher auch hier hier angehört und dort heruntergeladen werden.

Aus der Einladung zur Veranstaltung:

Ver­schwö­rungs­my­then sind wir­kungs­mäch­ti­ge Kon­struk­te, von denen eine wach­sen­de Min­der­heit der Men­schen über­zeugt ist. Mehr als ein Drit­tel der Men­schen in Deutsch­land glaubt zum Bei­spiel, dass die An­schlä­ge des 11. Sep­tem­bers 2001 durch ge­heim­nis­vol­le In­sti­tu­tio­nen ver­übt wur­den. Ei­ni­ge Men­schen mei­nen, eine ge­hei­me Grup­pe aus­ge­macht zu haben, die hin­ter den sicht­ba­ren Er­eig­nis­sen die Fäden zieht. Sie ent­wer­fen eine hun­der­te Jahre an­dau­ern­de Welt­ver­schwö­rung, mit der sämt­li­che his­to­ri­schen Er­eig­nis­se um­ge­deu­tet wer­den.
Der­ar­ti­ge Ver­schwö­rungs­kon­struk­te sind wahn­haf­te und ir­ra­tio­na­le Ge­bil­de, die häu­fig in der Tra­di­ti­on der deut­schen Ideo­lo­gie ste­hen. So etwa der Neu­schwa­ben­land­my­thos, der davon aus­geht, dass sich die Na­zi-​Eli­te nach 1945 auf ge­hei­me Fes­tun­gen in der Ant­ark­tis ret­ten konn­te, um mit Ufos den zwei­ten Welt­krieg fort­zu­füh­ren. Ein wei­te­res Bei­spiel sind an­geb­li­che Wet­ter­waf­fen: Viele Ver­schwö­rungs­ideo­lo­g_in­nen glau­ben, dass das Erd­be­ben in Japan durch eine Su­per-​Waf­fe der USA aus­ge­löst wurde. Für die Morde des An­ders Beh­ring Brei­vik und die des „Na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Un­ter­grunds“ wer­den ge­hei­me Or­gansia­tio­nen aus New York oder Tel Aviv ver­ant­wort­lich ge­macht.
Sol­che Er­klä­rungs­mo­del­le stel­len wir­kungs­mäch­ti­ge, ge­schlos­se­ne und manch­mal an­ti­se­mi­ti­sche Ge­bil­de dar, mit denen die ka­pi­ta­lis­ti­sche Rea­li­tät mär­chen­haft ver­klärt wird. Es sind re­gres­si­ve Mo­del­le der Welt­v­er­klä­rung, die es auch in­ner­halb der po­li­ti­schen Lin­ken gibt: ei­ner­seits von Lin­ken ori­gi­när for­mu­lier­te Ver­schwö­rungs­theo­ri­en, an­de­rer­seits eine An­schluss­fä­hig­keit man­cher Lin­ker an ver­schwö­rungs­theo­re­ti­sche Pro­jek­te, die sich selbst nicht als links ver­or­ten.

Maulwurfsarbeit. October 31, 2012 | 10:13 am

Für die Aufsatzsammlung „Maulwurfsarbeit II” habe ich einen längeren Text über das Verschwörungsdenken in der deutschen Linken verfasst. Dort finden sich zahlreiche lesenswerte Texte, etwa von Bini Adamczak, Olaf Kistenmacher und Thorsten Mense. Die Sammlung kann auf den Seiten der Rosa Luxemburg Stiftung heruntergeladen werden.

„[…] Mit der vorliegenden Aufsatzsammlung wollen wir unser Veranstaltungsprogramm dokumentieren, das wir in Kooperation mit der Rosa Luxemburg Initiative Bremen als Abendveranstaltungen, Tages– oder Wochenendseminare durchgeführt haben. Diese sehen wir als Teil praktischer Theorie gegen zerstörte Illusionen an und als unsere Form des „where everything is bad it must be good to know the worst“. Mit dieser Aufsatzsammlung schließen wir an unsere beiden vorigen an; in der Form eher an die verschiedene Aspekte beleuchtende „Maulwurfsarbeit“ als an die im monographischen Stil zusammengestellte „Staatsfragen“. Dass wir in den Veranstaltungen und in den Aufsatzsammlungen unterschiedliche Problembereiche behandeln, begründet sich dadurch, dass an allen gesellschaftlichen Phänomenen Abdrücke herrschaftsförmiger Vergesellschaftung zeigen und daher auch überall dort thematisiert werden müssen. Es geht also um den angestrebten Überblick in erdrückender gesellschaftlichen Totalität. […]”

Moritz Zeiler und Oliver Barth, Gruppe «associazione delle talpe», Bremen

Fahnenfest in Frankfurt. September 2, 2012 | 10:32 am

Am 1. September 2012 liefen zum „Weltfriedenstag” etwa 600 Menschen durch die Innenstadt der Stadt Frankfurt. Sie taten das nicht, um die Toten in Syrien zu betrauern oder um sich mit den marginalen emanzipatorischen Kräften zu solidarisieren, sondern um die eine Partei zu bejubeln, die für das Schlachten mitverantwortlich ist. Hier wurde der syrische Diktator Assad bejubelt. Die Schuld für das Morden verorteten die Organisatoren der Demonstration dafür in „ausländischen Terrorbanden”. Außerdem sorgte man sich um „antisyrische Lügenpropaganda und psychologische Kriegsführung von Massenmedien und Politikern”. Wichtig erschien auch noch eine weitere Forderung: „Keine deutschen Atom-U-Boote für Israel”. Im martialischen Aufruf wurde außerdem von der „Chance neuer Impulse, insbesondere für internationalistische, antiimperialistische Kräfte” geträumt. Das Plakat zeigte wiederum ein kreischendes und weinendes Kind.

Gemeinsam marschierte man im Fahnenmeer, bestehend aus türkischen, syrischen, russischen, kubanischen, venezuelanischen, deutschen und iranischen Nationalfahnen in allen Formen und Größen. Dieses nationalistische Fahnen-Potpourri wurde durch die Flagge der antisemitischen Hisbollah, deutsche Pace-Standarten und die Wimpel des „Deutschen Freidenker-Verbandes” angereichert. Menschen, die sich mit Pali-Tüchern und Hisbollah-T-Shirts verunstaltet hatten, skandierten Parolen. Allgegenwärtig war die Visage des syrischen Diktators Assad, der von den Jubelsyrern in die Lüfte gehalten und in den Himmel gelobt wurde. Grundsätzlich hatte fast jeder Mensch seine eigene kleine Nationalfahne und gemeinsam trug man große Nationalfahnen. Dazu wurden die passenden Transparente präsentiert, auf denen man dem Iran, Russland und China dankte. Eine „Antiimperialistische Aktion” forderte ein „grünes und sozialistisches Libyen” und schmückte ihr Transparent mit einer Ikonographie des verstorbenen Despoten Gaddafi, der hier Che Guevara ersetzte. Außerdem beteiligten sich zwei „zwei Stadtverordnete der CDU” am Aufmarsch der Assad-Anhänger.

Hisbollah-Unterstützer mit ihrer Tageszeitung.

Aktivisten des „Deutschen Freidenker-Verbandes” schwenkten nicht nur eifrig Fahnen, sondern gehörten sogar zu den Organisatoren der Fahnen-Spiele von Frankfurt. Sie hatten den anderen Teil der Organisatoren auf einer Veranstaltung der Psycho-Sekte „Bund gegen Anpassung” kennegelernt, der mal wieder mit der kemalistischen Atatürk-Gesellschaft eine Filmveranstaltung organisierte. Der „Bund gegen Anpassung”, um den Guru Fritz Erik Hoevels, träumte in den 80er Jahren noch von Zwangstätowierungen im Schambereich. Gezeichnet werden sollten die Menschen, die an der Immunschwächekrankheit AIDS erkrankt waren. In den 90er Jahren begeisterte man sich für Saddam Hussein. Nach dessen Sturz fürchtete man „die geplante Vernichtung Nordkoreas”. Heute begeistert man sich für den den syrischen Despoten, weil der Despot aus der libyschen Nachbarschaft, nicht mehr zur Verfügung steht. Auf der Veranstaltung dieser obskuren Organisation lernten sich die Organisatoren der Demonstration kennen und gründeten bald darauf ein „Solidaritätskomitee”: „Dabei suchten und fanden Freidenker und andere den Kontakt zu jenen Migranten-Gruppen, die bereits (…) eine Demonstration für Syrien organisiert hatten”. Gemeinsam wollte man „mehrere tausend Deutsche und in Deutschland lebende Ausländer” auf die Straße bringen.

Im Vorfeld gründete man Facebook-Gruppen und gestaltete eine Internetseite. Außerdem erstellte man ein Flugblatt und ein erstes Plakat, deren Symbolik man vom „Bund gegen Anpassung” übernahm. Letztendlich entschied man sich aber für das moralisierende Plakat mit dem kleinen Kind, mit dem zur Demonstration aufgerufen wurde. Zusätzlich gab es Werbung, die zum Beispiel auf einem verschwörungsideologischen Nazi-Weblog und in einer Tageszeitung erschien. Letztere solidarisiert sich nur zu gerne mit den Freunden des syrischen Regimes. Die nationalbolschewistische „Junge Welt” interviewte zwei Organisatoren, die hier mit völkischen Phrasen zur Demonstration mobilisieren durften: „Nationale Souveränität ist die Vorbedingung jedes gesellschaftlichen Fortschritts”, sagte der eine. „Echte Syrer sind Patrioten”, sagte der andere. Man wandte sich gegen „ein kleines Häuflein von Syrern, die seit langem im Ausland leben und mehr auf ihren eigenen Vorteil als auf das Wohl ihres Volkes bedacht sind”. Die Demonstration wurde aber nicht nur in der nationalbolschewistischen Tageszeitung beworben, sondern auch in den sozialen Netzwerken. Eine Organisatorin schwafelte hier von „Herkunft, Ehre, Stolz und Liebe”. Der  deutschnationale Verschwörungsideologe Jürgen Elässser, dem diese angeblichen Werte ebenfalls am Herzen liegen dürften und der ein ausgewiesener Freund der Regime im Iran und Syrien ist, rief zur Teilnahme auf. Elsässer, der vor kurzem an einem intimen Treffen mit dem iranischen Antisemiten Ahmadinedschad beteiligt war, stellt sich auch im Falle Syriens auf die Seite des Regimes. Jetzt müsse man „Flagge zeigen”, forderte der Verschwörungsideologe, der ansonsten schon mal die deutsche Flagge auf seinen Bäckchen zeigt.

„Europa erwache”.

Mit Verschwörungsmythen kennt sich ein Redner aus, der bei den Fahnenspielen zu Frankfurt die Verbalinjurien absonderte, für die diese Gestalt berüchtigt ist. Klaus Hartmann ist der Bundesvorsitzende der „Freidenker”, der ansonsten auf „die Begriffe ‘Anti­se­mi­tis­mus’ und ‘anti­se­mi­tisch“ ver­zich­ten” möchte, es gehe darum diese zu „ent­sor­gen”. Er träumt stattdessen vom Untergang des „zionistischen Apartheid-Systems”. Dieser erklärte Feind des israelischen Staates macht sich daher mit jenen Regimen gemein, die seinen Traum teilen. Das prädestinierte ihm geradezu, um als Redner für die passende Stimmung zu sorgen. Hier sprach der „Freidenker” von den „globalen Kriegstreibern”, die eine „neue Etappe” auf dem „Weg in den dritten Weltkrieg” eingeleitet hätten. Zwischen den Reden gab es Lieder. Ein Trommler besang den „Mörder Amerika”, die Menge bestimmt begeistert in den antiamerikanischen Hassgesang ein. Außerdem tönte der „Ya Bashar”–Song aus den Lautsprechern, der an die Oden an Admiral General Aladeen erinnert. Die Nationalfahnen und die Porträts des Diktators, die auf dem anarchronistischen Zug der Regime-Freunde getragen wurden, verstärkten diesen verstörenden Eindruck.

Ein anderer Teilnehmer hielt keine Rede, sang keine Lieder und und hielt auch keine Fahne. Der Verschwörungsideologe, der sich selbst voller Stolz als Antisemit bezeichnet, schien zwischen Hisbollah– und Syrien-Fahnen eine Menge Spaß zu haben. Voller Freude beteiligte sich Elias Davidsson am Aufmarsch, mit dem das mörderische Regime gefeiert wurde. „Wir sind Pro-Assad”, riefen die Demonstranten. Ihre Sympathie für einen ausgewiesenen Mörder und Antisemiten wurde mal wieder mehr als deutlich. Die Gegner des Regimes werden im Gegenzug zu Ratten”, „Heuschrecken” oder „Dreck” gemacht. Diese entmenschlichende Sprache der Mörder wird auch durch ein Fazit deutlich, das auf der Facebook-Seite der Veranstalter zu lesen ist: „Ihr habt der Welt gezeigt, was Patrioten sind (…) Wäre jeder Araber so engagiert wie Ihr, wären die US-Zion-Ratten schon längst draußen”. Hinter dem Wunsch nach Frieden verschanzen sich nach wie vor nur Nationalisten, Antisemiten und Verschwörungsideologen, die gemeinsam ihren Fahnen-Fetisch frönen.

Das Zitat. September 1, 2012 | 11:34 am

Würden die Menschen verstehen, wie unser Geldsystem funktioniert, hätten wir eine Revolution – und zwar schon morgen früh.

Mit diesem Zitat wird Politik gemacht. Es findet sich in den Büchern und in den Pamphleten deutscher Verschwörungsideologen, auf den Plakaten von Occupy-Aktivist_innen und auf den Internetseiten der Nationaldemokratischen Partei Deutschland (NPD). Es wird ab– und umgewandelt und hat verschiedene Formen angenommen, die sich doch alle ähneln. Der Verschwörungsideologe Oliver Janich benutzt eine leicht abgewandelte Form des Zitats, um seine eigenen Artikel zu bewerben. Der NPD-Kreisverband Rhein-Neckar benutzt es ebenfalls in einem Artikel, mit dem die Nazi-Aktivitäten gegen Europa und für die Deutsche Mark bejubelt werden. Aktivist_innen aus der „Occupy-Bewegung” trugen es auf ihren Aufmärschen, um ihre Ressentiments mit einem griffigen Zitat zu untermauern. Als Urheber für das ab– und umgewandelte Zitat wird Henry Ford benannt. Dies ist die Geschichte eines Zitats, das vor mehr als 60 Jahren von einem Antisemiten in die Welt gesetzt wurde und das bis in die Gegenwart benutzt wird.

Henry Ford war nicht nur Autoproduzent, der mit seiner „Tin Lizzy”, die am Fließband produziert wurde, seinen Teil zur Modernisierung der kapitalistischen Produktion beitrug, sondern auch der Herausgeber verschiedener antisemitischer Machwerke. Für den sämtliche Kriege und vor allem den ersten Weltkrieg machte der Autobauer „internationale Finanziers” verantwortlich. Es handele sich um „internationale Juden”, die eine „Bedrohung” darstellen würden. Ford war Herausgeber des „Dearborn Independent”, in dem von 1920 bis 1927 verschiedene antisemitische Pamphlete erschienen, die sich auf die „Protokolle der Weisen von Zion” bezogen. Es handelt sich um jenes antisemitische Hasspamphlet, dass die Grundlage zahlreicher verschwörungsideologischer Konstrukte darstellt und die Programmatik und Praxis des weltweiten Antisemitismus bis heute bestimmt. Henry Ford und seine Mitarbeitern veröffentlichten dieses Dokument des Hasses in der eigenen Zeitung. Dort wurde, in zahlreichen weiteren Artikeln, gegen Jüdinnen und Juden gehetzt und der Mythos von der jüdischen Weltverschwörung propagiert. Hier wurden jene verschwörungsideologische Konstrukte reproduziert, mit denen Jüdinnen und Juden eine ungeheuere Macht nachsagt wird. Diese antisemitische Hetze erschien auch in Buchform. Die Artikel wurden zwischen 1920 und 1922 als Buchreihe herausgegeben, die in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde.

In Deutschland begeisterten sich daher die dortigen Antisemiten für den Autoproduzenten. Adolf Hitler lobte „Heinrich” Ford in den höchsten Tönen. Er sei ein „großer Mann”, schrieb Hitler. Ford wurde zu seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag der „Verdienstorden vom Deutschen Adler” verliehen. In dem Land, das die industrielle Vernichtung praktizieren sollte, erschien die Hetze des Henry Ford weiterhin in Buchform: „In Amerika den Anstoß zur Aufrollung der Judenfrage gegeben zu haben, dafür gebührt Henry Ford Dank. Er hat, aufs Ganze gesehen, eine große Tat vollbracht.” So lobten die deutschen Nationalsozialisten ihren Kameraden aus den USA, der mit seiner antisemitischer Hetze, an die er sich später nicht mehr erinnern wollte, Generationen von Antisemiten begeistern sollte.

Heute wird die Ideologie des Henry Ford eher verschwiegen. Dafür kursiert das angebliche Zitat in jenen Zusammenhängen, die ebenfalls dem Glauben an eine mächtige Weltverschwörung, die Medien, Politik und die Ökonomie kontrolliert, verfallen sind und die sich in einer Traditionslinie bewegen, die auf die „Protokolle der Weisen von Zion” zurückgeht. Sie berufen sich auf einen Antisemiten, um ihren eigenen verschwörungsideologischen Wahn zu belegen. Für Ford waren es die Rothschilds und Warburgs, die zum Ziel seiner antisemitischen Kampagnen wurden und denen eine unglaubliche Macht nachgesagt wurde. Sie würden die amerikanische Zentralbank (FED) kontrollieren und gleichzeitig den Bolschewismus finanzieren: So lautete die Anklage der damaligen Antisemiten. Ganz ähnlich klingen die Anklagen vieler heutiger Verschwörungsideologen.

Henry Fords Warnung vor dem „Geldsystem” wurde tatsächlich durch einen anderen Politiker bekannt gemacht, der ebenfalls dem antisemitischen Wahn verfallen war. Charles Gustav Binderup war von 1935 bis 1939 Mitglied des Kongresses. Er berief sich in einigen Reden auf den Autoproduzenten und gab das Zitat wieder, das bis heute in den einschlägigen Kreisen benutzt wird, um die angebliche Weltverschwörung zu belegen. Seine Reden wurden in der Zeitschrift „Social Justice” abgedruckt, die vom antisemitischen Pfaffen Charles Coughlin herausgeben wurde. „Father Coughlin” wurde durch seine antisemitische Hetze bekannt. In seiner Zeitschrift erschienen zum Beispiel die „Protokolle der Weisen von Zion”. In der „Social Justice” wurden aber auch die Tiraden des Kongressabgeordneten Binderup abgedruckt, der sich vor allem an der amerikanischen Zentralbank FED und an jenen Bankiers abarbeitete, denen er eine unglaubliche Macht nachsagte. Er sprach von „internationalen Bankiers” und meinte die Rothschilds, Warburgs und Morgans, die er für den ersten und den herannahenden zweiten Weltkrieg verantwortlich machte. Seine Hetze wurde durch die Antisemiten um „Father Coughlin” entsprechend gewürdigt, den Binderup wiederum als „die größte Kraft für das Gute in unserer Nation” huldigte.

In der antisemitischen Zeitschrift des Pfaffen erschienen zahlreiche Artikel, die den Kongress-Abgeordneten und seine Gesetzes-Initativen in den höchsten Tönen lobten. Dort veröffentlichte Binderup einen Brief, den er von einem Farmer erhalten haben wollte und mit dem die nationalsozialistische Eroberungspolitik verteidigt wurde. In Leserbriefen meldeten sich seine Anhänger_innen zu Wort, die zum Beispiel darüber berichteten, dass sie die Reden des Charles Binderup auf handlichen Flugblättern verbreiten würden. Monate später berichteten sie, dass sie die Hetze in achzehn verschiedene Bundestaaten und nach Kanada verschickt hätten. Die Hetze des antisemitischen Kongress-Abgeordneten Binderup, der sich auf Henry Ford berief, erreichte so einen gewissen Bekanntheitsgrad. Heute erinnert sich kaum jemand an diesen Vordenker der Verschwörungsideologen, doch das Zitat, das er in die Welt setzte, ist durchaus bekannt. So warnen Verschwörungsgläubige mit Henry Ford vor dem „Geldsystem”, das in deren Phantasie durch die üblichen Verdächtigen kontrolliert wird. Es stammt entweder tatsächlich von dem bekannten Antisemiten Henry Ford oder es wurde von seinem antisemitischen Fan in die Welt gebracht, der heute fast vergessen ist. So oder so wird es bis heute benutzt, um an den Wahn von der Weltverschwörung, die angeblich die Ökonomie kontrolliert, anzuknüpfen.

Marsch der Antisemiten. August 19, 2012 | 01:45 pm

Etwa 600 Antisemiten beteiligten sich in diesem Jahr am „Al Quds”–Marsch in Berlin. Es handelt sich um eine jährliche Propagandaverstanstaltung für das iranischen Regimes und seine Apologeten, die Israel mit Vernichtung bedrohen. Im Aufruf zum größten islamistischen Aufmarsch, an dem sich allerdings auch andere Israel-Hasser beteiligen, wurde zum „Widerstand der Völker” aufgerufen. Auch in diesem Jahr wurden zahlreiche Fahnen verschiedener islamistischer Organisationen, wie die der antisemitischen Hisbollah, geschwenkt.

Auf Bildern waren die Portraits des syrischen Despoten Assad oder des iranischen Vordenkers Ayatolla Khomeini zu sehen. Ergänzt wurde das ganze durch die deutsche Fahne, während in Sprechchören die antisemitische Ritualmordlegende von den ermordeten Kindern eine neue Wiederkehr erfuhr, als die marschierenden Antisemiten Israel als „Kindermörder” verunglimpften Andere Sprechchöre richten sich gegen „die Zionisten”. Es handelt sich dabei um einen rhetorischen Trick, mit dem Jüdinnen und Juden verunglimpft werden sollen. Wenn Antisemiten gegen „Zionisten” anbrüllen, meinen sie Jüdinnen und Juden. Zu den ekelhaften Sprechchören passten antisemitische Karikaturen, auf denen etwa ein hakennasiger Jude zu sehen war, der die Welt mit Atomwaffen bedroht. Außerdem riefen die Demonstrant_innen die üblichen Sprechchöre, die aus der Mottenkiste des Anti-Imperialismus stammen. Auf Pappschildern wurden die USA als „Weltbrandstifter” bezeichnet und für acht Millionen Tote verantwortlich gemacht, während zur gleichen Zeit verschiedene Regime, deren mörderische Potenz keine Rolle spielte, in den Himmel gelobt wurden.

Kein Wunder, dass sich auch Nazis und andere Feinde der USA und Israels am antisemitischen Aufmarsch beteiligten. Da wäre zum Beispiel die Nazi-Rapperin „Dee EX”, die mit mit einem selbstgebastelten Transparent teilnahm, um für „Freie Völker” einzutreten. Dieser völkische Jargon der reimenden Nazi-Aktivistin passte zu den antisemitischen Parolen des Aufmarsches, in dem die „Völker” des Öfteren bemüht wurden. „Deutsche Patrioten wollen keine Kriege”, hieß es auf dem Transparent der Nazi-Rapperin, die noch vor einiger Zeit in der rassistischen Kleinst-Partei „Die Freiheit” aktiv war und die sich guter Kontakte zu rechten Verschwörungsaktivsten und deutschnationalen Zeitungsherausgebern erfreut. Besagter Zeitungsherausgeber, der schon mal den ein oder anderen Holocaustleugner zum Kaffeekränzchen trifft, hatte im Vorfeld zur Teilnahme gegen „die Kriegsbestie” aufgerufen. Der Aufruf wurde prompt von der IRIB — einer Rundfunkgesellschaft des iranischen Regimes — übernommen, die den Aufruf zum Aufmarsch auf ihrer Internetseite veröffentlichte.

Dort hielt der rechte Verschwörungsaktivist Christoph R. Hörstel auch in diesem Jahr eine rund zehnminütige Rede, bei der er zahlreiche antisemitische Klischees bemühte. Hörstel gilt als Ikone der „Truther” und „Infokrieger”, die die Ereignisse des 11. September 2001 umdeuten und zu einem „Inside Job” der angeblichen Verschwörung machen, hinter der oftmals geheinmnivolle amerikanische Institutionen oder gar der israelische Geheimdienst Mossad verortet wird. Hörstel ist ein ideologischer Vordenker der selbsternannten „Wahrheitsbewegung”. Er propagiert außerdem zahlreiche weitere Verschwörungsmythen, bei denen er sich auch auf die „Freunde von ganz Rechts” beruft, was die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” nicht davon abhielt, den Verschwörungsideologen zu interviewen.

Im Mai 2012 war Hörstel auf einem Aufmarsch von Anhängern des syrischen Regimes aufgetreten, dort hatte er am Holocaust-Mahnmal ein Deutschland für Deutsche gefordert und allerlei anti-amerikanische Verbalinjurien von sich gegeben. Mit seiner neuesten Brandrede auf der Al-Quds-Demonstration sprach der völkische Verschwörungsideologe Israel das Existenzrecht ab. „Ich bin mir ganz sicher, wenn die Juden in Israel sich wieder, wie in den früheren Jahrhunderten, in den Schutz der Muslime stellen, dann wird es ihnen besser gehen als heute”, hetzte Hörstel unter anderem. Kurze Zeit später bedankte er sich bei der Polizei, die den Aufmarsch begleitete. Der nationalistische Verschwörrungsideologe machte danach „die Zionisten” und die „Bänker in New York” für alle Übel verantwortlich, die er ausgemacht haben möchte. „Als Deutscher” forderte Hörstel „wahre Verantwortung” für „ganz Palästina” ein. Dabei verzichtete der Hetzer in seinem aufgeregten Redeschwall zeitweilig auf die Chiffe von den „Zionisten” und sprach von den „Juden”, was die versammelten Antisemiten mit Beifall bedachten. „Ich sehe nur, dass die Juden die Muslime mit dem Tod bedrohen”, brüllte Hörstel zur Freude der antisemitischen Querfront aus Nazis, Anti-Imperialisten, Verschwörungsgläubigen und Islamisten. Gegen diese antisemitische Manifestation protestierten etwa 250 Antifaschist_innen.

Grabkerzen für den Frieden. August 5, 2012 | 01:47 pm

„Ab dem 15.09. wird zurück gefriedet”, freuen sich die Organisator_innen. Mit dem abgewandelten Hitler-Zitat rufen sie zur „Friedensdemonstration” in Berlin auf. Am  15. 09. 2012 wollen sich deutsche Friedensfreunde und die kläglichen Reste der so genannten „Occupy-Bewegung” in Berlin versammeln, um für „Frieden und Völkerverständigung in der Welt” zu marschieren. Dabei hat man sich einer merkwürdigen Symbolik verschrieben. Der Aufmarsch der deutschen Pazifist_innen soll im Sonnenuntergang enden. Die Aktivist_innen brauchen die Dunkelheit, schließlich möchte man vor dem Brandenburger Tor mit „Grabkerzen” hantieren. Dort plant man „ein großes Peace Zeichen mit verschiedenen Leuchtmitteln”. „Lasst uns gemeinsam lichtvolle Zeichen setzen”, heißt es auf einer Internetseite der Organisatoren. Dort wird auch der Aufruf zum Aufmarsch beworben, der eine „Lichtformation” androht, die „in die Welt” getragen werden soll. In der Dunkelheit soll also mit Lichtern vor dem Brandenburger Tor hantiert werden, hier wiederholt sich die Geschichte als traurige Farce.

Die Organisator_innen haben es sich ganz einfach gemacht und einen älteren Aufruf der „Occupy-Bewegung” recycelt. Es ist von einem „unsolidarischen Geldsystem” die Rede, dem die „echte Demokratie” entgegengestellt wird. Kein Wunder, denn der Aufmarsch der deutschen Friedensfreunde wird auch von einigen Überbleibseln der „Occupy-Bewegung” und von anderen regressiven Friedensinitiativen organisiert, die anscheinend kein Problem mit verschwörungsideologischen Konstruktionen und deutschnationalen Parolen haben. Auf der Facebook-Seite zur Veranstaltung werden zum Beispiel die Reden des Verschwörungsideologen Andreas Popp beworben, der von der „BRD-GmbH” lamentiert und mit dieser Chiffre die Ideologie der nationalsozialistischen „Reichsbürger” reproduziert. Dort wird auch über einen „Marsch auf Berlin” und über einen esoterischen „Meditations-Flashmob” nachgedacht, der die „Lichtformation” der deutschen Friedensfreunde begleiten soll.

Doch nicht nur auf der Facebook-Seite der Veranstalter_innen findet sich Werbung für verschiedene verschwörungsideologische Machwerke und esoterische Aktionsformen. Auch im offiziellen Youtube-Video, mit dem zum Aufmarsch mobilisiert wird, kann man Hinweise auf verschwörungsideologische Propaganda entdecken. Dort wird zum Beispiel auf die Pseudo-Dokumentation „Deadly Dust” des Frieder Wagner verwiesen, der in der Vergangenheit die Nähe zum Querfrontler Jürgen Elsässer suchte. Wagners Interviews, die dieser etwa mit dem rechten Journalisten Michael Vogt produzierte, der eine geschichtsrevisionistische Dokumentation über den England-Flug des damaligen Hitler-Stellvertreters Rudolf Heß drehte, finden sich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungssszene. Im Werbe-Video zur „Lichtformation” der deutschen Friedensfreunde finden sich allerdings auch Szenen, die einen Aufmarsch von Gaddafi-Fans zeigen, die sich mit dessen grüner Fahne an einer Friedensdemonstration beteiligten. Der Clip wurde von der Internetseite „Antikrieg.tv” produziert, die Macher übersetzen zahlreiche Beiträge des Fernsehsenders „Russia Today” ins Deutsche. Eine weitere Quelle dieser vorgeblichen Friedensfreunde ist der iranische Sender „Press.tv”, der für seine antisemitische Hetze berüchtigt ist. Ein Video des Senders findet sich, ebenso wie das anti-israelische Gedicht des greisen SS-Mannes Günther Grass, auf den Internetseiten von „Antikrieg.tv”.

Die Parteinahme für regressive Regime sowie die Werbung für obskure Verschwörungsideologen findet sich nicht nur im Werbe-Video, sondern auch auf einer weiteren Facebook-Seite der Organisator_innen. Dort wird zum Beispiel eine Aktion der verschwörungsideologischen „Partei der Vernunft” (PdV) beworben, dort findet sich aber Werbung für die strukturell antisemitische Internetseite „MM-News”. Derartige Inhalte dürften auch Nationalsozialist_innen, Antisemit_innen und Verschwörungsfans überzeugen. Vielleicht distanzieren sich die Veranstalter_innen auch daher „von Rechtsradikalen, nationalistischen Gruppierungen und Nazis”, die angeblich nicht auf der „Unterstützerliste und auf der Demo” erwünscht seien, die aber mit einigen Inhalten der Veranstalter_innen und Unterstützer_innen durchaus einverstanden sein dürften.

Ein Unterstützer der Grabkerzern-Aktion bewirbt zum Beispiel eine der nationalsozialistischen „Reichsregierungen”. Der Aufruf zum Aufmarsch wurde unter anderem durch die Internetseite „Heinrichsplatz TV” gezeichnet. Auf dieser Internetseite findet sich nicht nur Verschwörungspropaganda, sondern auch Werbung für den „Reichsbürger” Peter Fitzek und dessen Pseudo-Staat „NeuDeutschland”, mit dem eine großdeutsche „konstitutionellen Monarchie” angestrebt wird.

Allerdings handelt es sich bei einem Großteil der Unterstützer eher um linke, verschwörungsideologische und esoterische Gestalten. Da wären zum Beispiel die „Großmütter gegen den Krieg” aus Berlin, die sich am 12.05.2012 an einem Aufmarsch für das syrische Regime beteiligten, auf dem ein „Germany for the Germans” gefordert und Davidsterne in den Staub getreten wurden. Als Unterstützerin wird auch Dr. Sabine Schiffer aufgeführt, die als Leiterin des „Institut für Medienverantwortung” dem iranischen Auslandssender „Irib” gerne ausführliche Interviews gibt. Zusätzlich unterstützt der Weblog „le Bohémien” das Stelldichein der Friedensfreunde. Dort darf an selbsternannter „Macho” gegen den Feminismus anschreiben.  Neben diesen Gestalten will sich auch Ina Edeltraut an der „Friedensdemonstration” beteiligen. Sie ist Organisatorin eines alljährlichen „Friedensfestivals”. Dort durften in den vergangenen Jahren etwa der rechte Verschwörungsideologe und PdV-Vorsitzende Oliver Janich und sein ebenso rechter Kompagnon Christoph R. Hörstel schwülstige Verschwörungsreden schwingen.

Mit „Wamos”, einem „Zentrum  für  ganzheitliche  Lebensführung”, das ansonsten ” sinnliche Rohkost-Rezepte” und „roh-köstliches Massage-Öl” bewirbt, mobilisieren auch krude Esoteriker_innen zum Marsch der Friedensfreunde. Außerdem unterstützt die CDU-Politikerin Tanja Woywat den deutschen Marsch, die noch im Jahr 2011 als stellvertretende Kreisvorsitzende der Christdemokraten in Kreuzberg und Friedrichshain Politik betrieb. Im Jahr 2009 trat sie als Pressessprecherin der antikommunistischen Direktkandidatin Vera Lengsfeld auf. Des Weiteren rufen die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” und einige andere linksdeutsche Initativen zur „Friedensdemonstration” auf. Sie werden am 15.09.2012 mit dem „Reichsbürger” und Antisemiten Marco Wüst marschieren, der ebenfalls seine Teilnahme angedroht hat.

Mit dem Aufmarsch der deutschen Friedensfreunde, die sich für das ein oder andere Regime engagieren werden, wird also eine Art Querfront verwirklicht. Antisemit_innen und „Reichsbürger”, „Truther” und „Infokrieger”, „Junge Welt”–Leser_innen und eine CDU-Politikerin, Blogger_innen und Esoteriker_innen werden gemeinsam durch Berlin marschieren, um dann mit „Grabkerzen” und Runensymboliken ein „lichtvolles Zeichen” zu setzen. Es bedarf keiner Hellseherei, um eine der gruseligsten Veranstaltungen dieses Jahres vorauszusagen.

Das Interview. August 3, 2012 | 09:11 am

An dieser Stelle ein Interview, das ich in dieser Woche mit Radio Corax geführt habe. Dieses Mal geht es um die verschwörungsideologische Band „Die Bandbreite”. Im Interview gehe ich auf die Inhalte und die verschiedenen Auftritte der Band ein, die den Soundtrack für „Truther” und „Infokrieger” produziert. Außerdem geht es um das Lob von Nazis und andere Antisemiten und um ein Interview der Band, das diese einem antisemitischen Internetsender gab.

Interview zur Bandbreite. by reflexion-blog


ReichsBandbreite. July 30, 2012 | 10:30 am

Am Donnerstag, den 26.07.2012 zeigte der Spartensender ZDF Neo einen weiteren Teil seiner Reihe „Wild Germany”. Diesmal ging es nicht um Metal, Chrystal-Meth oder Satanismus, sondern um das Milieu der selbsternannten „Reichsbürger”. Diese glauben tatsächlich, dass das „Deutsche Reich” bis heute existiert. Sie haben zahlreiche Pseudo-Institutionen geschaffen. Es gibt verschiedene „Reichskanzler” und „Reichsregierungen”, die miteinander konkurrieren. Sie versorgen ihre Anhänger_innen mit Ausweisen, Nummernschildern und anderen Devotionalien. Diese Pseudo-Dokumente können zum Beispiel über eine „Reichsmeldestelle” beantragt werden. Ein „Reichspersonenausweis” kostet 50 Euro, ebensoviel wird für einen „Reichsführerschein” verlangt.

Die Ideologie der Fans des „Deutschen Reiches” wirkt allerdings auch auf weite Teile der Verschwörungsszene. Hier gibt es eine wechselseitige ideologische Übereinstimmung. Inbesondere die Behauptung, dass es sich bei der Bundesrepublik Deutschland in Wirklichkeit nur um eine Firma der Allierten handeln würde, erfreut auch „Truther” und „Infokrieger”, die sich ansonsten mit der Umdeutung des 11. September, der angeblichen Macht der Rothschild-Familie oder mysteriösen Erdbebenwaffen befassen. Dort ist die Phrase von der „BRD-GmbH” außerordentlich weit verbreitet. So reimt der Verschwörungsrapper „Guantana Mohr” in seinem Lied „Besatzungsmächte Raus“ über die „BRD-GmbH”, auf zahlreichen Internetseiten der „Truther” und „Infokrieger” wird der Mythos von der „BRD-GmbH” ebenfalls beworben.

Der Reporter Manuel Möglich besuchte nun für den Spartensender des ZDF verschiedene „Reichsbürger” und ließ sie in seiner Dokumentation ausführlich zu Wort kommen. Er interviewte „Reichskanzler” Norbert Schittke und zukünftige „Reichsbürger”. Außerdem besuchte er einige Veranstaltungen, auf denen die „Reichsbürger” ihre krude, deutsche Ideologie vorstellten. Einer dieser Besuche führte Möglich in eine Werbeveranstaltung der „Exilregierung Deutsches Reich”. Dort informierte Alexander Schlowak, der als „Innenminister der Exil Regierung des Deutschen Reiches” in Erscheinung tritt, über seine Kleinst-Organisation. Der „Reichsbürger”, der in Berlin „auf dem Gebiet der Finanzdienstleistung und dem Versicherungswesen” tätig ist , eröffnete seinen Vortrag mit einem Lied, das zur Hymne zahlreicher Verschwörungsfans geworden ist.


„Was ist los in diesem Land” stammt von der verschwörungsideologischen Band „Die Bandbreite”. Das Lied zeichnet sich nicht nur durch einen positiven Bezug auf Deutschland aus, das von „Banken und Bonzen” kaputtgemacht werden würde, sondern stilisiert dieses wahnsinnig gefährliche Land auch noch zum „Vasallen der USA”. Im Video zum Lied ist eine Dose Zyklon B zu sehen: Währenddessen reimt die Band über einen „Völkermord” in Afghanistan. Auf diese Weise wird die industrielle Vernichtung der Jüdinnen und Juden verharmlost und die Singularität der Shoa in Frage gestellt. Politiker_innen werden als „verhurte Volksvertreter” bezeichnet, während im weinerlichen, moralisierenden Tonfall von „Mama” gejammert wird:

„Ich seh’ mich um in meinem Land, Mama weiß nicht mehr wie es weitergeht.”

Kein Wunder, dass sich auch Nazis für das Lied der Band begeistern. Es sind nicht nur die „Reichsbürger” der „Exilregierung Deutsches Reich”, sondern auch die Nazis der NPD, die die Band in den höchsten Tönen loben. Sie würde beim „mu­si­zie­ren in­ter­es­san­te und auf­schluß­rei­che welt­an­schau­li­che Ele­men­te“ auf­grei­fen, heißt es in einem Werbeartikel der NPD-Hamburg. Die sächsische Landtagsabgeordnete Gitte Schüssler veröffentlichte ebenfalls Werbung. Ge­ne­rell würde die Band „sehr viele in­ter­es­san­te In­for­ma­tio­nen ver­packt (…) in ein­gän­gi­gen Me­lo­di­en“ bieten, hieß es dort. Die antisemitische Nazi-Seite „Altermedia” bewarb wiederum einige Videos der Band. Die rechte Wochenzeitung „Junge Freiheit” veröffentlichte ebenfalls einen Jubelartikel.

Während sich alte und neue Nazis für die Band begeistern, scheint dieser das Lob von ganz, ganz Rechts eher peinlich zu sein. Die Huldigungen aus der Nazi-Szene wurden bisher dezent verschwiegen. Nach der ZDF-Sendung bequemten sich die Verschwörungsbarden allerdings zu einer halbherzigen Distanzierung: „Mit dieser Gruppe haben wir nichts zu tun, gesschweige denn wissen wir überhaupt, was sie tun und wer sie sind”, schreibt die Band auf ihrer Facebook-Seite. Die Frage, warum sich Nazis für die Lieder der Band begeistern, wurde dort selbstverständlich nicht beantwortet. Schließlich ignoriert die Band die ideologischen Übereinstimmungen, die dazu führen, dass auch ein „Reichsbürger” die Lieder der Band zur Werbung für das „Deutsche Reich” benutzen kann. Prompt meldeten sich auch die Fans der Band zu Wort, die ebenfalls dem Wahn von der „BRD-GmbH” verfallen sind. Ein Groupie der Band schreibt zum Beispiel auf der Facebook-Pinnwand der Band:

„fakt ist aber das deutschland besetzt und nicht souverän so wie kein friedensvertrag hat (…). ausserdem ist der BRD wirglich nur eine GmbH”.

Die Band sollte sich über ihre Fans nicht wundern. Schließlich produziert sie Musik, die nicht nur Verschwörungsfans, sondern auch Nazis begeistern kann. Sie haben mit ihren Inhalten die rechten Geister gerufen, die sie nun nicht mehr loswerden. Diese Band hat nach wie vor genau die Fans, die sie verdient.

Moskau, Rothschild und Hartz 4 July 28, 2012 | 01:04 pm

Es ist ein kleiner Bestseller auf dem riesigen verschwörungsideologischen Markt: Oliver Janichs „Kapitalismuskomplott” gilt als eine Bibel der deutschen Libertären. Der ehemalige Focus-Money Redakteur hat nicht nur eine kleine Partei gegründet, sondern auch ein Buch geschrieben, in dem die theoretischen Grundlagen vorgestellt werden, die ihn und seine Kompagnons antreiben. Das Buch wird von Libertären und Verschwörungsfans als Erklärung beworben, mit der die Welt verändert werden könne. „Dieses Buch hat es geschafft mir viele linke Dogmen aus den Gehirnwindungen zu entfernen”, jubelt ein Anhänger des Parteivorsitzenden. Dieser behauptet, dass mit der Lektüre die „Vorstellungen über die Realität auf den Kopf ” gestellt werden würde. Er würde „Wege” aufzeigen, „wie wir zu einer friedlichen, freiheitlichen und gerechteren Welt gelangen” können.

Doch Janich verspricht vieles und hält nichts. Dafür kolportiert er wahnwitzige Verschwörungsmythen. Der Parteivorsitzende erfindet das ein oder andere Gespräch, fälscht den ein oder anderen Fakt und warnt vor dem ein oder anderem Politiker, den er zum Instrument einer angeblichen kommunistischen Weltverschwörung macht. Genug Stoff für einen „Triller”, denn mit einem Sachbuch oder gar mit einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung hat das Buch vom „Kapitalismuskomplott” nicht das Geringste zu tun.

Putzen und Kapitalismus.

Schließlich hat der umtriebige Verschwörungsideologe nach eigenen Angaben noch nicht einmal Sachbuch verfasst, sondern ein Machwerk veröffentlicht, das er „Thriller” nennt. Daher verzichtet Janich auch auf den Gebrauch von Fußboten, „weil diese” angeblich „gerne übersehen werden”. Das macht es ihm einfach, sein wahnwitzige Theorien zu verbreiten, ohne sie in irgendeiner Form belegen zu müssen.

Janich definiert zum Beispiel den Kapitalismus als „Vertragsfreiheit”. Er leugnet die Totalität dieses gesellschaftlichen Systems, verneint die gesellschaftliche Ausbeutung, den Warenfetisch und die reaktionären Ideologie, die die kapitalistischen Gesellschaften Tag für Tag hervorbringen. Dafür gibt Janich sich reichlich Mühe, den Kapitalismus als naturwüchsige Gesellschaftsform darzustellen, der aus „Putzfrauen” reiche Menschen macht. Es handele sich um eine „natürliche Ordnung”, die „eigentlich nur Freiheit” bedeuten würde, wenn denn der bösartige Leviathan Staat nicht wäre, den Janich als Einschränkung der kapitalistischen Gesellschaft begreift:

„Ich werde später zeigen, wie eine ungelernte Putzfrau ohne Sprachkenntnisse komfortabel leben kann und im Alter sogar Millionärin wäre, würde der Staat nicht eingreifen”.

Nun werden Menschen die ihre Arbeitskraft verkaufen und putzen gehen, im Alter nicht reich, können sich dafür aber an einem kaputten Rücken und anderen Schmerzen erfreuen. Doch derartige Folgen der Lohnarbeit werden vom Vordenker der „Partei der Vernunft” (PdV) ignoriert. Es ist sein menschenverachtender Blick auf die deutsche Realität, der das Buch wie ein roter Faden durchzieht. Mit dem Blick auf Hartz4-Empfänger_innen behauptet Janich zum Beispiel:

„Sozialhilfe oder Hartz-IV-Empfänger haben ein geringes Interesse zu arbeiten, wenn sie auch ohne zu schuften Geld bekommen”.

Wer einmal in den zweifelhaften Genuss dieser rudimentären Sozialleistungen gekommen ist, die gerade einmal ausreichen, um ein Leben am Rande der Gesellschaft zu fristen, dürfte diese Behauptung empören. Schließlich bedeutet Harz4 ein Leben in Armut. Janicht stigmatitisiert die Empfänger_innen derartiger Sozialleistungen, auch wenn er — mit dem Blick eines deutschen Kleinbürgers — einschränkt, dass nicht „alle diese Gruppen faul” seien. Doch solche Relativierungen verblassen angesichts von Sätzen, in denen Janich die Erwerbslosen als gesellschaftliche Schädlinge bezeichnet:

„Der faule Arbeitslose schadet den fleißig Arbeitenden”.

Ähnliches weiß Janich über Migrant_innen zu berichten. Er hat kein Problem mit denjenigen, die seinem Ideal des deutschen Kapitalismus nützen, dafür aber mit Menschen, die nach Deutschland kommen und Sozialleistungen beziehen. Am deutschen Stammtisch des Oliver Janich klingt das dann etwa so:

„Die eigentliche Ursache liegt darin, dass Menschen in unsere Sozialsysteme einwandern können und sich so gar nicht integrieren müssen”.

Sein Ideal ist die kapitalistische Volksgemeinschaft, in Gewerkschaften und Konzerne miteinander harmonieren. Erstere dürfen „Rechtsberatung, eine genossenschaftliche Versicherung oder andere Interessenvertretungen” anbieten, die Konzerne dürfen ihr kapitalistisches Zuckerbäckerland schaffen, in dem weder Kündigungsschutz noch Mindestlöhne existieren, dafür aber Leih– und andere Formen der Lohnarbeit. Janich singt das hohe Lied der guten Konzerne, diese seien „von sich heraus sozial”.

Rothschild und Gorbatschow.

Der Parteivorsitzende hat keine Kritik an der kapitalistischen Gesellschaft. Schließlich macht er letztendlich eineige einzelne Familien für die vermeintlichen Ungerechtigkeiten verantwortlich, die er zu erkennen glaubt. Er knüpft an anti-amerikanische und antisemitische Verschwörungsmythen an. Janich gibt unter anderem der amerikanische Notenbank Federal Reserve (FED) die Schuld, dass die Menschen und auch der „ungelernte Arbeiter” noch nicht „im Schlaraffenland leben”. Schuld tragen „diejenigen Familien, die die amerikanische Notenbank durchgesetzt haben”. Mit diesem verschwörungsideologischen Mythos macht Janich einzelne Bankiers-Familien verantwortlich. Hier agrumentiert der Vorsitzende der „Partei der Vernunft” wie jeder ordinäre Verschwörungsideologe, der von „Familien” munkelt, aber oftmals die Rothschilds und Rockefellers meint.

Janich beruft sich dabei auf einen weiteren Bestseller der Verschwörungsszene. Er zitiert zustimmend aus G. Edward Griffins Buch „Die Kreatur von Jekyll Island”. In Deutschland ist dieses Machwerk im rechten und esoterischen „Kopp-Verlag” erschienen. Griffin ist seit Mitte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts ein Vordenker der antisemitischen John Birch Society. Er macht in seinem Buch ganze sechs Familien für alle Ungerechtigkeiten des Kapitalismus verantwortlich. Sein antisemitischer Kolportagen-Roman befasst sich über weite Strecken mit der Rothschild-Familie, die er zum führenden Teil einer gigantischen Verschwörung macht. „Sie” würden eine „verborgene Tagesordnung” umsetzen wollen. Ziel sei der „Welt-Sozialismus”. Griffin macht diese angebliche Verschwörung daher für kapitalistische Kriege und für staatskapitalistische Systeme wie die Sowjetunion verantwortlich. Außerdem hätten „sie”, mit Hilfe des „Erzkriminellen” Gorbatschow, die „Öko-Bewegung” geschaffen. Der Verschwörungsautor Janich scheint von diesem antisemitischen Verschwörungsbuch inspiriert worden zu sein, sein Buch liest sich über weite Strecken wie ein deutsches Plagiat des antisemitischen Machwerks.

JFK und Woody Harrelson.

„Ich werde in diesem Buch keine einzige Verschwörungstheorie verbreiten.”

Der Vordenker der deutschen Libertären will mit seinem Buch zwar „keine einzige Verschwörungstheorie” verbreiten, doch er tut es. Penetrant propagiert Janich Verschwörungsmythen, die in seinem Milieu so ungeheuer beliebt sind. So behauptet Janich, dass John F. Kennedy vom CIA ermordert wurde. Die Bush-Familie sei in das Attentat verwickelt. Menschen, die dieser vollkommen haltlosen Behauptung wiedersprechen, werden als CIA-Agenten bezeichnet. So zum Beispiel der NBC-Journalist Edward Epstein. Janich muss auch hier jeden Beweis schuldig bleiben, deswegen beruft er sich aber auf namenlose Gesellen: „Laut vielen Top-Kennedy-Forschern ist Epstein ein CIA-Agent”. Janich spart sich jeden Beweis. Seine obskure Begründung klingt amüsant:

„Die Hinweise sind so zahlreich, dass hierfür kein Platz ist, um sie abschließend behandeln zu können”.

Dafür greift er eine Rede auf, die in der Verschwörungsszene umgedeutet wird, um die Existenzt der angeblichen Verschwörung zu belegen. Es handelt sich um eine Rede, die Kennedy im Jahr 1961 vor versammelten Journalisten hielt. Hier warnte er vor einer „monolithischen und ruchlosen Verschwörung”, die mit „Unterwanderung” und mit „Guerillaangriffen” vorgehen würde. Kennedy knüpfte hier an antikommunistische Theorien an, die von einer großen kommunistischen Verschwörung ausgingen. Verschwörungsideologen benutzen diese antikommunistische Rede des John F. Kennedy, um die Behauptung aufzustellen, dass der damalige Präsident ganz allgemein vor einer Weltverschwörung gewarnt habe. Daher sei er ermordet worden. Für Janich handelt es sich um eine Verschwörung des amerikanischen Geheimdienstes. So reißt Janich die Rede des John F. Kennedy aus dem Zusammenhang. Seine weiteren Quellen sind Youtube-Videos und „Oliver Stones Film JFK”, der zur wahnwitzigen Beweisaufnahme herangeführt wird. Janichs letztes Indiz verweist auf den Wahn, dem der Autor verfallen ist:

„Stones Hauptdarsteller in Natural Born Killers von 1994 war Woody Harrelson. Er ist der Sohn von Charles Harrelson, einem verurteilten Auftragskiller. Er soll der Charles Harrelson sein, der als einer der drei ‘Landstreicher’ am Tag des Kennedy-Attentats verhaftet wurde. Die drei waren höchstwahrscheinlich Teil des Plots”.

Unfreiwillig amüsant ist auch Janichs Schilderung eines mega-geheimen Treffens, das in seinem Kopf enstanden ist. Er schildert ein geheimnisvolles Treffen von dreizehn „Illuminaten”, die den Klimawandel erfinden und nebenbei auf die Idee kommen, Flugzeuge in Wolkenkratzer fliegen zu lassen. „Wie wär’s, wenn wir den Leuten einfach erzählen, es liege an der Industrialisierung. Ihr wisst schon: Mensch bläst Schadstoffe in die Luft, gleichzeitig wird’s wärmer, also ist der Mensch schuld”, sagt der Eine. Der Andere zweifelt: „Das schlucken die nie. Genauso gut könnte ich ein Flugzeug in einen riesigen Wolkenkratzer fliegen lassen und den Leuten erzählen, dass er dadurch in sein eigenes Fundament fällt.” Hier offenbart der Autor den Wahn, dem er verfallen ist. Janich urteilt über sein Märchen, das er für das Buch erfunden hat:

„So könnte es gelaufen sein”.

Weltverschwörung und Google.

Es sind die USA, die den Hass des Autoren erregen. In einem anti-amerikanischen und geschichtsrevisionistischen Anfall setzt dieser dieser die Praxis des Nationalsozialismus mit dem Vorgehen der amerikanischen Institutionen gleich: „Wie man heute noch die Parallelen zwischen Reichstagsbrand und 11. September sowie Ermächtigungsgesetz und Patriot Act übersehen kann, ist nur mit einem völligen Versagen der Medien zu erklären, zumal wir im Zeitalter des Internets leben”. Doch die Medien seien von alten „Kommunisten” und „Linksintellektuellen durchsetzt”. Außerdem würden „Desinformanten” den armen Janich und seine ideologischen Kumpanen mit „Desinformationstaktiken” bedrohen. Selbstverständlich macht Janich, der ordinäre Verschwörungsagigator, auch geheimnisvolle Hintermänner aus, die hinter dem Vorhang die Fäden ziehen. Es seien „Globalisten”, „die eine Weltregierung anstreben” und für sämtliche Kriege verantwortlich seien. Janich konstruiert hier eine kleine, geheime Gruppe, die an einer „Neuen Weltordnung” arbeiten würden. Beweise muss Janich schuldig bleiben. Stattdessen empfiehlt er eine Suchmaschine:

„Wenn Sie ‘Neue Weltordung’ oder ‘New World Order (NWO)’ googeln, finden Sie unzählige Zeitungsberichte, in denen geschildert wird, wie Bush (Vater und Sohn), Obama, Merkel, Brown und viele andere an der Neuen Weltordnung arbeiten oder arbeiteten”.

Tatsächlich finden sich, wenn man Janichs Ratschlag befolgt, hunderte Internetseiten der Verschwörungsszene, auf denen ähnliche Märchen kolportiert werden. Wo die Internetseiten der Verschwörungsszene als Quelle dienen, sind Verfälschungen und Umdeutungen nicht weit. So behauptet Janich zum Beispiel: „Den exakten Terminus ‘Neue Weltordung’ haben meines Wissens (…) bisher nur George Bush sen. und Gordon Brown in den Mund genommen”. Würde der Verschwörungsideologe auch einmal andere Internetseiten besuchen, könnte er wissen, dass die Phrase von der „Neuen Weltordnung” bereits nach dem ersten Welkrieg populär wurde.

Darth Vader und die Grünen.

Die kleine Truppe, die anscheinend relativ erfolglos die „Neue Weltordnung” anstrebt, setzt sich nicht nur aus bekannten amerikanischen Politikern zusammen. Janich behauptet, dass diese geheime Gruppe von einem schwarzen Lord geführt werden würde: Der Bankier David Rockefeller sei „der ‘Darth Vader’ der Neuen Weltordnung”. Außerdem würden verschiedene Think-Tanks existieren, die alle an der großen Weltverschwörung beteiligt wären. Janich nennt etwa den amerikanischen „Council on Foreign Relations” (FER). Hier beruft sich der Verschwörungsideologe auf einen anderen Verschwörungsideologen: Die Propagandisten von Verschwörungsmythen berufen sich eben gerne auf andere Propagandisten, die ganz ähnliche Märchen propagieren. So werden Pseudo-Beweise geschaffen: Die eigene Ideologie wird mit den Groß-Konstruktionen anderer Verschwörungsideologen belegt. In diesem Fall beruft sich Janich auch auf den US-Nationalisten Alex Jones, der mit seiner verschwörungsideologischen Radiosendung und seinen Pseudo-Dokumentationen die Ideen der „Truther” und „Birther” propagiert. Zur riesigen Weltverschwörung gehören für Janich außerdem weitere Think-Tanks, Barack Obama, die „Bilderberg-Konferenz”, die deutschen Grünen und die Pharma-Industrie.

AIDS und „Illuminati” .

Vielleicht bewirbt Janich auch daher andere Machwerke der Verschwörungsszene. Er behauptet zum Beispiel, dass das „Wissen um alternative, natürliche Heilmittel – insbesondere für Krebs – (…) unterdrückt” werden würde, damit „Big Pharma” mehr Profite generieren könne. Außerdem versucht sich Janich als AIDS-Leugner: „Aids soll durch Hepatitis-B-Impfungen in Afrika und San Francisco in Umlauf gekommen sein”. Hier kolportiert Janich ein Märchen, das in der Verschwörungsszene durchaus beliebt ist. So hat die Band „Die Bandbreite” zum Beispiel einen Song produziert, in dem derartige Mythen kolportiert werden. Nichts anderes tut der Verschwörungsautor in seinem Machwerk vom „Kapitalismuskomplott”. Er beruft sich dabei auch auf Ted Gunderson, der von Janich als „ehemalige FBI Direktor von Los Angeles” eingeführt wird. Ted Gun­der­son, der an die­ser Stelle ein wich­ti­ger Pseudo-Kron­zeu­ge ist, glaubt im Üb­ri­gen an die „Ent­füh­rung von vie­len Tau­sen­den von ame­ri­ka­ni­schen Kin­dern zum Zweck der Pro­sti­tu­ti­on, der Por­no­gra­phie, für ex­pe­ri­men­tel­le High­tech­waf­fen, Ge­dan­ken­kon­troll­miss­brauch, Kin­der­skla­ven­ar­beit für un­ter­ir­di­sche Stütz­punk­te, weiße Kin­der­skla­ve­rei“ und sa­ta­ni­sche Ri­tu­al­mor­de. Als Täter hat Gun­der­son den ame­ri­ka­ni­schen Ge­heim­dienst CIA aus­ge­macht, die im Auf­trag von “ in­ter­na­tio­na­len Sa­ta­nis­ten – als das Il­lu­mi­na­ti be­kannt – han­deln“. Dies ist nur einer der Kronzeugen aus dem Verschwörungsmilieu, die Oliver Janich bemüht, um seine Wahn von der Weltverschwörung zu propagieren.

Carlos und Kissinger.

In seinem Buch macht Janich, mit Hilfe anderer Kronzeugen, außerdem noch weitere Hintermänner aus: Der Terrorist Ilich Ramírez Sánchez (Carlos, der Schakal) und Henry Kissinger seien ein Teil der Weltverschwörung. Janich spricht davon, dass beide Mitglieder des sowjetischen Geheimdienstes KGB gewesen seien. Kissinger sei nicht nur ein altgedienter KGB-Mann, sondern auch noch „der Pate der Bilderberger und der Neuen Weltordnung”. Beweise muss Janich natürlich auch hier schuldig bleiben. Es bleibt bei Mythen und Märchen, mit denen die große Weltverschwörung konstruiert wird. Bilderberger, Rockefeller, Obama, Adorno und der KGB sowie die deutschen Grünen werden fröhlich zusammengemixt: Heraus kommt die kommunistische Weltverschwörung, an der auch ZDF-Anchorman Claus Kleber beteiligt sein soll. Nach langen Tiraden behauptet Janich:

„Wir werden später noch sehen, dass sie tatsächlich echte Kommunisten sind, nicht nur in der Theorie”.

Die kommunistische Weltverschwörung.

Um die angebliche kommunistische Mega-Verschwörung zu belegen, beruft sich Janich — mal wieder — auf einen anderen Verschwörungsautoren. Janich empfiehlt die antikommunistischen Machwerke des Torsten Mann, der „die beiden wichtigsten Bücher der letzten Jahre geschrieben” hätte. Es handelt sich um Bestseller der Verschwörungsliteratur, die ebenfalls im rechtsesoterischen „Kopp-Verlag” erschienen sind. Torsten Mann konstruiert ebenfalls die kommunistische Weltverschwörung. Er scheint durch eine Episode der Simpsons inspiriert, in dem der Fall der Mauer und der Untergang der Sowjetunion als perfider Plan der Kommunisten dargestellt wird. Was bei den Simpsons noch ein Gag war, ist bei Torsten Mann trauriger Verschwörungswahn, dem auch Janich verfallen ist:

„Der Fall der Mauer, die Auflösung des Warschauer Pakts und die scheinbare Demokratisierung des Ostens sind Teil einer Langfriststrategie, deren Ziel darin besteht, eine kommunistische Weltordnung zu errichten, was von jeher der Plan war”.

In seinem Wahn behauptet Janich, dass „alle im Bundestag vertretenen Parteien kommunistisch unterwandert” seien. Er lässt die fünfziger Jahre des letzten Jahrhunderts wiederaufleben und spricht „von einer direkten Steuerung aus Moskau”. Von dort habe man die „Achtundsechziger-Bewegung” gesteuert und dort sei auch die kritische Theorie erfunden worden: „Der Ansatz: Alles sollte kritisiert werden, ohne Lösungsansätze zu bieten. So sollte die Unzufriedenheit der Bevölkerung geschürt werden, die diese auf den Kapitalismus schieben sollte”. Später habe Moskau, hinter dem Janich ganz allgemein „die Globalisten” und konkret die Rothschilds verortet, „die Friedensbewegung und die Anti-Atomkraftbewegung aufgebaut” und dann sogar noch die „Perestroika” erfunden, um das „langfristige Ziel”, den Kommunismus, zu erreichen. Die „Globalisten des Westens und des Ostens” hätten sich zusammengeschlossen: Ihr Ziel sei die faktische Zerstörung Deutschlands. So reproduziert der Parteivorsitzende, dessen Partei mal mit den Piraten und mal mit der NPD marschiert, rechte Verschwörungsmythen über die angebliche Weltverschwörung:

„Heute wissen wir, dass der Student Benno Ohnesorg 1967 von einem Stasi-Mann ermordet wurde. Wichtige Leute aus der damaligen Bewegung haben heute Schlüsselpositionen in Politik und Wirtschaft inne”.

IM-Merkel und IM-Brandt.

Ein weiterer Agent dieser konstruierten Weltverschwörung sei Willy Brandt gewesen. Der ehemalige Bundeskanzler hatte während des Nationalsozialismus unter falschem Namen leben müssen. Für Janich ist dies Anlaß genug, um zur Denunziation zu greifen: „Falsche Identitäten anzunehmen scheint ihm gelegen zu haben”, urteilt Janich über Brandt. Außerdem stellt Janich die verschwörungsideologische Theorie auf, dass Brandt in Wirklichkeit ein Agent des KGB gewesen sei. Beweise muss er natürlich auch hier schuldig bleiben, es bleibt bei der Behauptung, dass der Kanzler „offensichtlich im Interesse der Stasi” gehandelt habe. Die Parolen von Nationalsozialisten, die den „Volksverräter” und „Stasi-Spitzel” in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts am liebsten an die Wand gestellt hätten, erleben auf diese Weise eine verschwörungsideologische Wiederkehr.

Brandt ist nicht der einzige bürgerliche Politiker, dem Janich eine Agenten-Tätigkeit andichtet. Er behauptet auch, dass Hans Dietrich Genscher in Wirklichkeit ein Stasi-Mitarbeiter gewesen sei. Ähnliches kolportiert Janich mit dem Blick auf Gregor Gysi und auf Angela Merkel. Bei ersterem konstatiert Janich eine „Stasi-Verdacht”, bei letzterer möchte er „weitere Hinweise auf eine mögliche Stasi Tätigkeit” entdeckt haben. Schließlich kennt Janich die Internetseiten der Verschwörungsszene, mit denen derartige Märchen kolportiert werden. Janich konstatiert: „Im Internet wird auch spekuliert, dass sie ihre eigenen Stasi-Akten und die ihres Vaters aufbewahrt”. In jedem Fall würde die Kanzlerin aber „die Agenda der Globalisten” unterstützen, hinter der Janich alte kommunistische Partei-Kader und Bankiers ausgemacht hat, die aus Moskau gesteuert werden. Es ist der paranoide Wahn von der kommunistischen Weltverschwörung, die Janich antreibt.

Die Zentrale in Moskau.

Die Gründung der Grünen führt Janich ebenfalls auf dieses geheimnisvolle und mächtige Moskau zurück. Er verschweigt die Beteiligung von deutschnationalen Hippies und von ebenso deutschnationalen Alt-Nazis, die an der Gründung der Grünen beteiligt waren. Dafür behauptet er: „Aus Moskau erging seinerzeit Order an die kommunistischen Kader, in die Grüne Partei einzutreten”. Beweise oder gar eine Quellenangabe sucht man hier ebenfalls vergeblich, dafür schmeißt Janich — mal wieder — einige Namen in den Raum: „Die spätere grüne Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer engagierte sich in der KPD/AO-nahen ‘Liga gegen den Imperialismus’, der spätere Vorsitzende Reinhard Bütikofer hat eine Vergangenheit in den kommunistischen Hochschulgruppen und dem maoistischen KBW, Jürgen Trittin war Mitglied im Kommunistischen Bund”. Dabei verschweigt Janich, dass die von ihm benannten K-Gruppen rein gar nichts mit der Politik der Sowjetunion anzufangen wussten. Ganz im Gegenteil sprachen sie von „Sozialimperialismus” oder gar vom „Sozialfaschismus” der Sowjetunion.

Sie übernahmen oftmals die sogenannte Drei-Welten-Theorie der Maoist_innen. Diese Theorie, die 1974 von Deng Hsiao-ping formuliert wurde, geht davon aus, dass die Supermächte UdSSR und USA die erste Welt bilden, wobei die Sowjetunion als die aggressivere politische Macht eingeschätzt wurde, von der die Gefahr eines neuen Weltkriegs ausgehen würde. Diese Einschätzung ging mit einem aggressiven und positiven Deutschland-Bezug einher. In den 80er Jahren lösten sich einige K-Gruppen auf, sie waren am Rande der Handlungsunfähigkeit. Einzelne Partei-Kader suchten ihr Heil in der deutschnationalen Umweltbewegung, aus der die Grünen als Partei hervorgingen. Mit einer Verschwörung haben diese Ereignisse allerdings nichts zu tun. Oliver Janich verschweigt derartige Tatsachen und die Motivation der Partei-Kader. Stattdessen erfindet er einen Befehl der „Globalisten”, deren heimliche Haupstadt Moskau zu sein scheint.

Der Traum vom Reich.

Bei soviel Verschwörungswahn verwundert es dann auch nicht mehr, dass Janich an Theorien anknüpft, die durch die rechten „Reichsbürger” vertreten werden. Diese behaupten, unter anderem mit dem Blick auf den Personalausweis, dass die Bundesrepublik in Wirklichkeit kein Staat, sondern eine Firma der Alliierten darstellen würde. Sie sprechen von der „BRD-GmbH” und behaupten, dass das „deutsche Reich” noch existieren würde. Daher schaffen sich „Reichsbürger” fantasievolle Ersatzdokumente und Pseudo-Institutionen. Mehrere „Reichskanzler” konkurieren miteinander, es gibt verschiedene „Reichsregierungen”, die von einem Deutschland in den Grenzen von 1941 träumen. Janich kritisiert zwar die Praxis der Reichsbürger, begeistert sich aber für deren Theorien:

„Es spricht juristisch manches dafür, dass es sich bei der Bundesrepublik um eine Art Nichtregierungsorganisation (NGO) handelt, der Sie durch Beantragung eines Personalausweises (müsste eigentlich Personenausweis heißen) unwissentlich beigetreten sind. Bei der Gelegenheit: Schauen Sie sich Ihren Personalausweis einmal genauer an (…). Die Existenz der im Internet berühmten BRD GmbH ist ein weiteres Indiz”.

Verschwörungsschrott.

Janichs Machwerk ist ein verschwörungsideologisches Pamphlet, voller Verfälschungen und Umdeutungen, um die angebliche Mega-Verschwörung der Kommunisten aus Moskau zu belegen. Dabei nutzt er die Machwerke anderer Verschwörungsideologen oder empfiehlt die ein oder andere Internetseite des Verschwörungsmilieus. Fakten wird man in diesem Buch allerdings nicht finden. Der „Kapitalismuskomplott” ist ein wahnwitziges und antikommunistisches Pamphlet, das nur diejenigen ernst nehmen werden, die den Wahn von der Weltverschwörung teilen. Es handelt sich um Verschwörungsschrott in Buchform, von dem man nur abraten kann.

Oliver Janich appelliert am Ende seiner schriftstellerischen Tirade an seine geneigten Leser_innen: Sie sollen das Buch weitergeben und den neuen Kunden „an einen Stuhl” binden, „bis Sie es gelesen haben”. Anders ist das Machwerk des Verschwörungsideologen auch kaum zu ertragen.

Oliver Janich: „Das Kapitalismus-Komplott: Die geheimen Zirkel der Macht und ihre Methoden”. Erschienen im FinanzBuch Verlag.

Das Festival. July 7, 2012 | 01:14 pm

Auf der Burg Waldeck gab es in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die gleichnamigen Burg-Waldeck-Festivals, auf dem die damalige Crème de la Crème der deutschen Liedermacher_innen zusammenkamen, um Bänkelgesang und deutsches Liedgut zu intonieren. Es war das erste Open-Air in Deutschland. Hier traten Liedermacher wie Reinhard May, Franz Josef Degenhardt oder Hannes Wader auf und sangen von „Schmudel-” und anderen „Kindern”  Gegen Ende der 60er Jahre sang man dann sogar die Internationale für die „Völker”, die nun endlich „die Signale” hören sollten.

Heute sind diese Liedermacher entweder verstorben oder verbittert. Das historische Waldeck-Festival gehört der Vergangenheit an. Seit einigen Jahren gibt es am gleichen Ort allerdings ein neues Festival. Dessen Organisator_innen müssen andere Liedermacher_innen und Volksmusikant_innen einladen. Der „Linke Liedersommer” findet seit einigen Jahren, wie die historischen Waldeck-Festivals, in der Nähe der gleichnamigen Burg statt. Es handelt sich um eines der traurige Farce, mit dem die dunklen Abgründe sichtbar werden, denen ein Teil der deutschen Linken verfallen ist. Zwischen dem 15. und 17. Juni 2012 kamen nach Angaben einer Teilnehmerin etwa 160 Menschen zusammen.

Organisiert wird der „Linke Liedersommer” durch den „Deutschen Freidenker Verband” und die „Jenny Marx Gesellschaft” aus Rheinland Pfalz. Die „Freidenker” möchten mit ihrem „Musiktreffen” an „die Tradition der legendären Waldeck-Festivals zu APO-Zeiten” anknüpfen. Der Verbandsvorsitzende, ein Verschwörungsideologe namens Klaus Hartmann, knüpft allerdings auch an ganz andere Traditionen an. Er möchte auf „die Begriffe ‘Antisemitismus’ und ‘antisemitisch“ verzichten”, es gehe darum diese zu „entsorgen”. Neben der Entsorgung findet Hartmann aber auch eine andere Vorgehensweise sympathisch, auch wenn er am Erfolg zweifelt:

„‘Je mehr der ‚Begriff Antisemit inzwischen für Verfechter der Menschenrechte und radikale Demokraten verwendet wird, erkläre ich mich selbst zu radikalen Antisemiten’”.

Diese Theorien finden sich in einer Ausgabe des „Freidenkers”, dem Verbandsmagazin der Organisation, die nun mal wieder zum „Liedersommer” auf die Burg Waldeck einlud. Auf ihrem „Liedersommer” der linken Volksmusik darf die heutige Crème de la Crème der linken Volksmusik auftreten. Da wäre zum Beispiel der Linkspartei-Politiker Diether Dehm, der als „Lerryn” berühmt-berüchtigt ist, seit er in den dunklen 70er Jahren als „der Sänger mit den besseren Liedern” um Aufmerksamkeit heischte:

„Bravo, bravo, hurra,
der Sänger mit den besseren Liedern ist da”.

Seine Volksmusik, die er unter anderem in einer der Sendung „Disco” zum Besten gab, prädestinierte den heutigen Bundestagsabgeordneten geradezu für einen Auftritt auf dem „Liedersommer”. Im Jahr 2010 informierte Dehm dort über „Linke Kulturarbeit”. Ein Jahr darauf beteiligte er sich an einer Podiumsdiskussion, dort bezeichnete sich das Bundestagsmitglied voller stolz als „glühenden Verschwörungstheoretiker”.

Da wäre aber auch Jane Zahn, die als Kabarettistin ansonsten vor allem auf den Festivals der Deutschen Kommunistischen Partei (DKP) auftritt. Ihre „Stimme rockt und lockt, dröhnt und stöhnt, krächzt und ächzt, dass kein Trommelfell steif bleibt”, hieß es im Zentralorgan dieser Partei.  Zahn hat ein „Neues deutsches Volksliedgut” geschaffen, in dem sie populäre deutsche Schlager umdichtet: Sie krächzt im Sinne der „Occupy-Bewegung” für die „99 Prozent”, stöhnt über den angeblichen „Verrat”, der zum Untergang der Sowjetunion führte und ächzt über einen gewissen „Mr. Bush”:

„Wir liegen vor Madagaskar
und kämpfen am Hindukusch.
Für die Freiheit vom Großen Zaster
und die Firma von Mr. Bush.”

Mit dieser regressiven und anti-amerikanischen Stimmungsmusik erfreut Zahn DKP-Kader und Ostermarschierer, die der klampfenden Kabarettistin nur zu gerne ein Podium bieten. Dort darf sie dann nicht nur „Mr. Busch” und dessen „Firma” für alles Übel dieser Welt verantwortlich machen, sondern auch sich nicht reimende Verschwörungsmythen über den damaligen amerikanischen Präsidenten und dessen Verbindung zum Massenmörder Osama bin Laden intonieren:

„Wir sind dorthin gegangen, Bin Laden einzufangen,
doch der steckt bestimmt hinter einem Bush.
(Bush Vater oder Sohn, das ist egal).”

Auf dem „Linken Liedersommer” ist Jahn Zahn seit Jahren ein musikalischer Dauergast. Die Sängerin, von der noch eine schnulzige Hymne an ihre Partei überliefert ist, durfte dort über „das politische Kabarett” informieren. Selbstverständlich hat sie auch in diesem Jahr gesungen.

Diese musikalische Zumutung wird durch eine weitere Band übetroffen, die ebenfalls regelmäßig auf dem „Linken Liedersommer” auftritt. Es handelt sich um die Band „Die Bandbreite”, die mit verschwörungsideologischen Inhalten vor allem das Milieu der „Truther” und „Infokrieger” begeistert. Mit ihren musikalischen Verschwörungsmythen tritt die Band regelmäßig auf den Festivals und Veranstaltungen dieser Szene auf. Sei es der ein oder andere Aufmarsch oder die ein oder andere Veranstaltung: „Die Bandbreite” ist nicht wählerisch. So trat die Band am 10. Juni 2011 auf einer Veranstaltung gegen die „Bilderberg-Konferenz” auf. Während sie für die musikalischen Inhalte zuständig war, hielten Politiker_innen der rechtspopulistischen Schweizer Volkspartei (SVP) die Brandreden. Am 10. September 2011 kam es zu einem Auftritt in Karlsruhe, bei dem der Verschwörungsideologe Christoph R. Hörstel an die Verschwörungymthen der „Freunde von ganz Rechts” erinnerte, die „Recht” haben würden:

Da kom­men un­se­re Freun­de von Rechts, die mit den selt­sa­men Stie­feln und den kur­zen Haa­ren und wei­sen auf 1916 hin, auf die­ses Schiff na­mens Lu­si­ta­nia. Ihr Lie­ben, Recht habt ihr! Das war auch eine ge­zink­te Saue­rei. (…) Da ging das wei­ter.

In der jüngeren Vergangenheit beschallte die Band einen zinskritischen Kongress, bei dem Verschwörungsideologen, strukturell antisemitische Zinskritiker_innen und andere Gestalten auftraten. Durch die Veranstaltung führte Andreas Popp, der immer wieder, im Jargon der „Reichsbürger”, von der „BRD-GmbH” spricht und außerdem als Tierrechtler in Erscheinung tritt. In die­sem Zusam­men­hang rela­ti­viert Popp den Holo­caust: Er spricht vom „Tier­ho­lo­caust” und bezeich­net Vieh­trans­porte als „Depor­ta­tio­nen”. Nach dem Auftritt auf dem Zinskongress folgte der Auftritt auf dem „Linken Liedersommer”. Dort produzierte „Die Bandbreite” auch ein unfreiweilig-komischess Video mit einem jungen Groupie. Gemeinsam schwärmte man vom „supergeilen” Ereignis und setzte sich, auf gewohnt niedrigem Niveau, mit „den Antideutschen” auseinander.

„Wir sind grad hier auf ‘nem supergeilen friedlichen Fest, namens ‘Linker Liedersommer’. (…) Wir hatten gerade ein supergeiles Konzert, die Leute waren supergeil dabei und zu den Antideutschen sagen wir einfach nur: Pfui! Fickt euch! Ihr könnt uns mal!”

Die Tageszeitung „junge Welt” berichtete am 26. Juni 2012 über den „Linken Liedersommer”. Dort erfreut sich der Autor am musikalischen „Volksgut” und den„rot schwelenden und züngelnden Holzscheiten”, die „die schöne alte Pfadfinder– und Wandervogel-Romantik” erweckt hätten. Ansonsten wird der „Linke Liedersommer”, dieses linke Treffen der linksdeutschen Volksmusikant_innen, kaum wahrgenommen. Lediglich die DKP-Zeitung „Unsere Zeit” berichtet. Dort schreibt Jane Zahn über ihren eigenen Auftritt und lobt ansonsten das Festival in den höchsten Tönen:

„Als endlich der Regen aufhörte und ein wunderschöner Regenbogen den Wolkenhimmel überspannte, war dann auch noch das Lagerfeuer möglich, einer der größten Anziehungspunkte dieses Festivals. Unglaublich, wie sich dort das Liedgut mischte vom Volkslied über spaßiges Selbstgedichtetes”.

Das war der „Linke Liedersommer”, diese traurige Farce der gar nicht lustigen, linksdeutschen Volksmusikanten. Auch in diesem Jahr sammelten sie sich, ähnlich wie ihre Ahnen, am Lagerfeuer. Im nächsten Jahr werden sie wieder zusammenkommen, um neue und alte „Volkslieder” zu singen und sich im flackernden Schein des Lagerfeuers zu wärmen, das sie danach romatisch verklären. Die linksdeutsche Farce dürfte also wiederholt werden und für anschließende Jubelberichte in den einschlägigen Zeitschriften sorgen.

Update: 11.07.2012: Das erwähnte Video, das auf dem „Liedersommer” entstand, wurde vom Nutzer entfernt.

Das Fest des deutschen Friedens. June 19, 2012 | 04:47 pm

In der vergangenen Woche kamen sie auf dem Alexanderplatz in Berlin zusammen: Tibet-Fans, Trikot-Verkäufer, Occupy-Aktivist_innen und die Kader rechter Kleinsparteien veranstalteten ein „Friedensfestival”. Verschiedene Marktschreier_innen, die den flanierenden Besucher_innen und verirrten Tourist_innen ihre esoterischen Wahnideen anpriesen, waren allgegenwärtig. Außerdem redeten verschiedene Verschwörungsideologen und andere Scharlatane.

Es ist ein ruhiger Samstag. Etwa 30 Menschen haben sich am 16. Juni 2012 vor der großen Bühne versammelt. Am Rande steht ein Zelt der „Occupy-Bewegung”, einige Regenschirm werden ebenfalls zur Schau gestellt. In verschiedenen Zelten werben ganz unterschiedliche Organisationen für ihre Ideen: Da wäre zum Beispiel die rechtskonservative „Ökologisch-Demokratische Partei” (ÖDP) oder der „Berliner Wassertisch”. Auf einem Markt der Ideen wird für esoterische Yoga-Übungen geworben. Direkt daneben wird die tibetische Fahne verschenkt und dementsprechend geschwenkt.

Ein Mensch läuft kreischend über den Platz: „Achtung, hier kommen die Friedenselefanten”. Er zieht eine Holzkonstruktion vor sich her und verteilt Flugblätter, mit denen die Internetseite der „Friedenselefanten” beworben wird. Dort wird zu einem „Aufmarsch” aufgerufen: „Auf dem ehemaligen Reichsparteitaggelände, werden die Werke der Friedenselefanten (…) aufmarschieren”, heißt es hier. Unterstützt wird diese wahnwitzige Aktion durch verschiedene Bürgermeister, Botschafter und Sparkassen. Auf dem „Friedensfestival” sind allerdings keine bürgerlichen Honoratioren, sondern nur die Holzelefanten zu sehen.

Die Tourist_innen, die sich zwischen den Zelten verirrt haben, dürfen Elefanten und anderen esoterischen Ramsch erstehen. Doch die meisten Besucher_innen interessieren sich nur für den ökologischen Orangensaft und die Deutschland-Devotionalien, die von einem Händler an die Fans der deutschen Nation verkauft werden. Selbst vor der Bühne bleiben kaum Menschen stehen, hier werden Theaterstücke aufgeführt. Zwischendurch wird gesungen. Auf der großen Bühne ist eine Deutschland-Fahne zu sehen, während kleine Kinder ein Friedenslied aus der DDR intonieren. Sie singen über die kleine weiße Friedenstaube, eine „Occupy-Aktivistin” stimmt vor der Bühne in den Kinderchor ein. Daneben sitzt ein gealterter Friedensfreund, der nicht nur das Peace-Zeichen, sondern auch seine schwarz-rot-goldene Mütze spazieren trägt, an der die Friedens-Rune zuvor befestigt wurde.

Die Organisator_innen um Ina Edelkraut scheinen zufrieden sein. Ein vorläufiges Fazit findet sich auf ihrer Facebook-Seite: „Wir geben nicht auf, den Frieden ist auch eine Lösung! YEAHHH!” Seit dem Jahr 2009 findet dieses krude Festival statt. Der Ruf nach Frieden war schon damals ein mehr als „weitgedehnter Nenner”. Auch in diesem Jahr wird die ideologische Verkommenheit dieser deutschen Friedensfreunde, zum Beispiel durch das Veranstaltungsangebot, besonders deutlich: Hier wird die„Gemeinwohl-Ökonomie” beworben, die durch die Ideen des Anthroposophen Rudolf Steiner inspiriert wurde. Abgerundet wird dieser esoterische Firlefanz durch „Lachyoga” und  „Friedensmeditationen”, die einen „Impuls für Inneren Frieden” bieten sollen. Zwischendurch darf Wolfgang Baron von Hildebrandt, der nicht nur „Menschenrechtsaktivist”, sondern auch „Liedermacher” sein möchte, die Lieder von Paul Simon missbrauchen. Danach stellt sich die„World Peace Prayer Society” vor und es wird gemeinsam für nicht mehr und nicht weniger als den „Weltfrieden” gebetet.

Am Abend wird es dann politischer. Christoph R. Hörstel erklimmt die Bühne und hält eine seiner berüchtigten Brandreden. In diesem Jahr geht es um seine Deutung der Situation in Syrien. Hörstel hat sich voll und ganz der syrischen Despotie verschrieben. Als Redner begeistert er des öfteren die Freunde des Regimes, so zum Beispiel am 12. Mai 2012 in Berlin. Damals forderte vor der amerikanischen Botschaft: „Germany for the Germans”. Der Verschwörungsideologe ist nicht zum ersten Mal als Redner geladen. Im vergangenen Jahr deutete er die Ereignisse des 11. September 2001 um. In diesem Jahr gibt er sich reichlich Mühe, um das Assad-Regime zu verteidigen. Natürlich wird die ideologische Feindbildpflege, gegen „den Westen” und für das Assad-Regime, von den Friedensfreunden eifrig beklatscht.

„Hinter dem Ruf nach Frieden, verschanzen sich die Mörder”, urteilte Paul Spiegel im Jahr 2002. Das hat sich bis heute nicht geändert. Es verschanzen sich allerdings auch deutschnationale Verschwörungsideologen und esoterische Wanderprediger hinter diesem Ruf. Dies macht das Festival der deutschen Friedensfreunde mehr als deutlich. Im nächsten Jahr werden sie wieder zusammenkommen: Dann wird wieder meditiert, gebetet und gehetzt werden.

Die MTV-Verschwörung. June 15, 2012 | 09:38 am

Martialisch berichtet die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt“ über die Kämpfe in Syrien. Das Vorgehen des syrischen Regimes wird hier nur am Rande erwähnt. Dafür gibt es Gruselstorys und Verschwörungsmythen: „Kampf um Syrien“, lautete die Schlagzeile eines Artikels, der am 12.06.2012 in der Tageszeitung erschien. Dort ging es um „eine großangelegte Propagandaaktion der NATO gegen Syrien“. Die „Junge Welt“ schrieb über eine „eine virtuelle Übernahme der syrischen Fernsehsender vermutlich ab Freitag Mittag“. Dahinter verortete die Tageszeitung den Geheimdienst CIA, der ein Programm produziert hätte, das „den Eindruck eines zusammenbrechenden Regimes vermitteln solle“. Das Ziel sei ein „Staatsstreich gegen die Regierung von Präsident Baschar Al-Assad“.

Die Tageszeitung berief sich auf  Thierry Meyssan, der einen dementsprechenden Artikel über seine Internetseite verbreitet hatte. In der Tageszeitung wurde Meyssan als „Journalist“ dargestellt. Dabei handelt es sich zuallererst um einen kruden Verschwörungsideologen. Meyssan ist Autor eines Büchleins, mit dem die Ereignisse des 11. September 2001 umgedeutet werden. Auf seiner Internetseite kolportiert Mayssan zahlreiche Verschwörungsmythen. So schreibt er im Jahr 2008, dass der damalige französische Präsident Nicolas Sarkozy in „Wahrheit“ ein Geheimagent „der Vereinigten Staaten und Israels“ sei. Über die Bilderberg-Konferenz, der Verschwörungsideologen eine unglaubliche Macht nachsagen, schreibt er, dass sie in „Wirklichkeit“ die „Lobby der mächtigsten Militärorganisation der Welt“, der NATO, sei.

Thierry Meyssan schrieb, vor dem Bericht der Tageszeitung „Junge Welt“, über eine angebliche Geheimoperation gegen das syrische Regime: „In wenigen Tagen, vielleicht schon am Freitagmittag, 15. Juni werden die Syrer, die die nationalen Fernsehkanäle ansehen möchten, von der CIA ersetzte Fernseh-Bildschirme entdecken“. Er berichtete ausführlich über die angebliche Verschwörung, die „von Washington“ geplant worden wäre. Sie würde aber auch „Al-Arabiya, Al-Dschazira, BBC, CNN, Fox, France 24, Future TV und MTV (!) umfassen. Meyssan halluzinierte von mega-geheimen Fernsehstudios, die in den vergangenen „Wochen in Saudi Arabien“ entstanden seien. Dort würden „die zwei syrischen Präsidentenpaläste und die wichtigsten Orte von Damaskus, Aleppo und Homs“ rekonstruiert worden. Natürlich muss Meyssan auch hier jeden Beweis für seine Behauptungen schuldig bleiben, doch das wird die Fans derartiger Verschwörungsmythen nicht stören.

Auch ohne Beweise verbreiten sich die Texte des Thierry Meyssan, etwa über die Internetseiten der Verschwörungsszene: „Truther“ und „Infokrieger“ berufen sich gerne auf den „Journalisten“, der auch in der Tageszeitung „Junge Welt“ als Quelle benannt wird. Der Text über die Fernseh-Verschwörung von CNN und MTV findet sich nämlich auf zahlreichen Internetseiten der Verschwörungsszene. So kolportiert die antisemitische Internetseite „Der Honigmann“ die Verschwörungsmärchen des Thierry Meyssan. Diese finden sich aber auch auf zahlreichen anderen Internetseiten des Verschwörungsmilieus, auf denen ansonsten über Reichsflugscheiben oder die gezielte Vergiftung der Bevölkerung mit geheimnisvollen „Chemtrails“ berichtet wird. Auf den Internetseiten des rechts-esoterischen  „Kopp-Verlags” werden die Texte des Verschwörungsideologen Thierry Meyssan ebenfalls regelmäßig veröffentlicht. Außerdem berichtet die Tageszeitung „Junge Welt“. Die Märchen dieses anti-amerikanischen Verschwörungsideologen passen nämlich ganz ausgezeichnet zur ebenso anti-amerikanischen Tageszeitung.

Der Aufmarsch der Anti-Europäer. June 9, 2012 | 09:12 am

Am Freitag, den 08.06.2012, trafen sie in Berlin zusammen. Die Kader der Partei der Vernunft (PdV), die Leser_innen der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit” und andere Wutbürger_innen trafen sich vor dem Reichstag, um gegen einen angeblichen „kalten Staatsstreich” zu protestieren, den sie mit dem ESM-Vertrag verwirklicht sehen. Sie fürchten um ihren deutschen Nationalstaat, der durch „Banker” bedroht werden würde. Ganz verschwörungsideologisch wurde die kapitalistische Krise als eine „vom weltweiten Banken-Kartell seit September 2008 selbst inszenierten Krise” gedeutet, die, so die den Nationalsozialismus verharmlosende Formulierung, zu einem „finanziellen Reichtstagsbrand” geführt hätte. Vor eben jenem Reichstag sammelten sich etwa dreihundert Euro-Gegner_innen.

Wutbürger_innen vor dem Reichstag.

Dort lauschten sie den Reden, eine wurde von einer rechten Ikone gehalten, die ansonsten unter anderem für die Wochenzeitung „Junge Freiheit“ schreibt. Eine weitere Rede hielt der Organisator persönlich. Daniel Neun betreibt die verschwörungsideologischen Internetseiten „Radio Utopie” und „Net News Global”. In einem Interview mit der antisemitischen Internetseite „Muslim-Markt” macht Neun aus seinen politischen Vorstellungen kein Geheimnis. „Dann kommt hier andauernd in diesem Land einer an und will mit mir über die Schoa diskutieren”, jammert der Autor dort. Doch eigentlich hat er noch ganz andere Ziele. Irgendwann möchte Neun wieder Drehbücher schreiben, nämlich dann, wenn der Autor „als Journalist erst die Medienmafia, dann die Parteien-Mafia, dann die Musikindustrie und dann die Schurken aus der Filmindustrie platt gemacht” hat.

Diesen deutschen Feldzug führt Daniel Neun mit seinen Internetseiten, dort finden sich Verschwörungsmythen und Rechtspopulismus. Das ehemalige Mitglied des Linkspartei-Vorläufers WASG bezeichnet die heutige Partei zum Beispiel ganz verschwörungsideologisch als „Fantompartei eines Tiefen Staates in der Republik, der an ihrem Sturz arbeitet”. Die Linkspartei sei Teil einer „bizarren und historisch präzedenzlosen Querfront von Antidemokraten gegen die deutsche Verfassung und Republik”. Die angebliche Verschwörung der mächtigen Super-Banker, die die Bundesrepublik mit einem perfiden Plan, der Finanzkrise, abschaffen wollen, umfasst in der wundersamen Welt des Organisators unter anderem alle Bundestagsparteien.

Den Glauben an die große Verschwörung unterstreicht Neun auch durch die Beiträge, die auf Internetseite „Radio-Utopie“ veröfffentlicht werden. Diese Seite will etwas wie eine Nachrichtenagentur sein, dort finden sich weitere Verschwörungsmyten, vom 11. September 2001 bis zu den Morden des Anders Behring Breivik. Derartige Verschwörungsmythen propagiert Neun auch gerne auf Demonstrationen. Eine bizarre Wutrede ist von einer anderen anti-europäischen Manifestation überliefert, beim Aufmarsch in Berlin brüllt Neun ebenfalls gegen die EU, den Euro und die bürgerlichen Parteien an. 

Sein verschwörungsideologisches Weltbild scheint die Unterstützer_innen der anti-europäischen Manifestation, dessen Grundlage die nationalistische Sorge um den deutschen Nationalstaat und dessen Grundgesetz sein dürfte, allerdings nicht zu stören. Schließlich handelte es sich um ebenso rechte wie verschwörungsideologische Euro-Hasser, die sich um die Fortexistenz des deutschen Nationalstaates sorgen und mit dem antikommunistischen Kunstbegriff „EudSSR“ vor der Europäischen Union warnen.

Wutbürger in Berlin.

Da wäre zum Beispiel das „Aktionsbündnis Direkte Demokratie”, das vor allem Demonstrationen in Stuttgart und Karlsruhe durchführte. Das „Bürgerbündnis” wird von zwei Kadern der „Partei der Vernunft” (PdV) geleitet, die für diese Polit-Sekte eine anti-europäische Vorfeldorganisation geschaffen haben. Die Kleinst-Partei, um den Verschwörungsideologen Oliver Janich, macht seit Jahren gegen den Euro mobil und träumt von der Deutschen Mark und dem Regiogeld. Im gültigen Parteiprogramm fordert die „Partei der Vernunft” (PdV), zur Freude der „Truther” und „Infokrieger”, eine Neuuntersuchung der Ereignisse des 11. September 2001. Zur Demonstration hatten Partei-Kader sogar einen Kleinbus gechartert, mit ihren blauen Fahnen sorgten sie für optische Aufheiterung des tristen Szenarios.

Aktivisten der Partei der Vernunft in Berlin.

Eine weitere Unterstützerin der Demonstration war Beatrix von Storch, die unter anderem als „Sprecherin” einer Gruppe namens „Zivile Koalition e. V.” auftritt. Sie veröffentlichte im Vorfeld sogar einen amüsanten und bedrohlichen Videoaufruf, der sich gegen eine Gruppe richtete, die sie als „Ur-Oligarchie” bezeichnete. Die geborene „Herzogin von Oldenburg” machte sich, vor ihrer Karriere als Ikone der europamüden konservativen Rechten, für die Rechte von Junkern und Adel stark, die durch die Enteignungen in der ehemaligen DDR um Schloss und Hof gebracht wurden. Heutzutage setzt sie sich nicht mehr für Alt-Nazis und andere deutsche Opfer ein, sondern sie macht gegen den ESM-Vertrag mobil. Sie organisiert Vorträge, etwa mit Hans-Olaf Henkel oder redet auf Demonstrationen. Dort träumen die Teilnehmer_innen von der einen, neuen und großen Partei, die gegen den Euro mobil macht.

Als Autorin des Weblogs „Freie Welt” und als Youtube-Video-Filmerin erreicht Beatrix von Storch Freie– und andere Wutwähler_innen. Ihre Arbeit wird immer wieder in der rechten Wochenzeitung „Junge Freiheit” beworben, für die die umtriebige von Storch auch als Autorin tätig ist. Im Vorfeld berichtete die Wochenzeitung erfreut: „Anti-ESM-Protest erreicht Berlin”. In vielen Artikel werden die Pressemitteilungen der „rechtspopulistischen Bloggerin” aufgegriffen, die für die Zeitung aber auch schon mal einen Kommentar über den ESM-Vertrag verfassen durfte. Als Rednerin durfte Frau Storch auch in Berlin gegen den ESM-Vertrag anschreien, währenddessen wurden Flugblätter der rechten Zeitung verteilt.

Über Wochen wurde die Organisation „Attac” als Unterstützerin der anti-europäischen Aktion aufgeführt. Erst einem Tag vor der Demonstration kam es zu einer halbherzigen Distanzierung: „Attac sieht in dieser Demo den Versuch, die Schuldenfrage mit nationalistischen und chauvinistischen Inhalten zu verbinden, die den Zielen von Attac diametral entgegen stehen”. Trotz dieser Distanzierung trat ein wichtiges Attac-Mitglied auf der Demonstration auf. Es handelt sich um Lony Ackermann, die in ihren wilden 90ern noch in der FDP aktiv war. Als der Antisemit Jürgen Möllemann den Tod per Fallschirm wählte, verbreitete sie Verschwörungsmythen. Damals sagte sie dem Spiegel: „Die Mörder sind unter uns”. Sie munkelte von „weltweit Verdächtigen”, die für den Tod des FDP-Populisten verantwortlich sein sollten. Heute ist Lony Ackermann allerdings mit anderen Dingen beschäftigt. Als Mitglied des Attac-Rates, dem höchsten Gremium dieser Organisation, widmet sie sich der Europäischen Union, „mit ihren ungeheuerlichen, undemokratischen Herrschaftsstrukturen”. Auf der Demonstration in Berlin hielt Ackermann ebenfalls eine Rede.

Lony Ackermann als ATTAC-Wutbürgerin in Berlin.

Außer diesen Gestalten, die die Sorge um den Nationalstaat vor den Reichtstag brachte, gab es noch einige kleine Blogs, die den Aufmarsch unterstützten. Da wäre zum Beispiel „Jenny’s Blog”. Dort wird nicht nur der ESM-Vertrag einer Pseudo-Kritik unterzogen, sondern auch über einen „Prozess der ganzheitlichen Geilheit” informiert: „Deshalb fordere ich: ‘Lasst uns weiter ficken!’ Wir brauchen eine Wirtschaftsordnung ohne Verwerfungen, wo Leistung und Geilheit sowie auch Ungeilheit sich in Balance zu einenander befinden”

Es war eine bunt-braune Mischung, die vor dem Reichtstag zusammenkam. Verschwörungsideologen, Europa-Gegner und Deutschland-Fans, huldigten gemeinsam dem deutschen Nationalstaat und warnten vor angeblichen Reichtstagsbränden und Ermächtigungsgesetzen. Kein Wunder, dass die „Nationaldemokratische Partei Deutschland” (NPD) diesem Spektakel nicht abgeneigt war. Im Vorfeld hatte die Partei eine Pressemitteilung veröffentlicht, mit der sie ihre Teilnahme ankündigte.

Einige Anhänger der „Occupy-Bewegung” riefen zunächst ebenfalls zum gespenstischen Stelldichein mit den andere Europa-Gegnern auf. Auf der „Occupy”–Internetseite „Alex11” wurde sogar der Aufruf zum Aufmarsch veröffentlicht. Doch dann folgte eine eine Erklärung von Aktivist_innen „des Arbeitskreises Anti-ESM“. Dieser distanzierte sich von „OrganisatorInnen, UnterstützerInnen und allen nationalistischen Beteiligten der Demonstration“, solidarisierte sich im Gegenzug aber mit „Menschen, die aus anderen politischen Motiven die Demo besuchen werden“.

Die Organisator_innen veröffentlichten im Vorfeld ebenfalls eine halbherzige Distanzierung:Sollten sich also Nazis (…) am 8. Juni zu unserer Demonstration gesellen, so werden wir (…) ihnen deutlich machen, daß sie dort nicht hingehören“. Doch davon konnte keine Rede sein. Etwa 20 Nazis beteiligten sich an der anti-europäischen Aktion. „Stoppt den ESM“, forderte die NPD. „Stoppt den ESM“, forderten die übrigen Demonstrant_innen. An der Teilnahme der Nazis schien sich auch in Berlin nun niemand zu stören.

Die Nazis trafen auf Verschwörungsideologen von der „Partei der Vernunft” (PdV) und auf die rechtskonservativen Fans der „Jungen Freiheit“. Unterstützt wurden sie durch einige Anhänger der „Occupy-Bewegung“ und die Rednerin von Attac. Hier wurde eine bunt-braune Querfront ganz praktische Realität.

NPD-Kader besuchen Wutbürger.

Wutbürger, Nazis und „Freie Wähler” (I).

Wutbürger, Nazis und „Freie Wähler” (II).

Das Massaker der Verschwörungsszene. June 1, 2012 | 11:25 am

Das Massaker in der syrischen Stadt Al-Hula, bei dem mindenstens 100 Menschen ermordet wurden, beschäftigt auch in Deutschland Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten. Doch zuvor hatte die syrische Despotie eine Untersuchungskomission eingesetzt, die die mörderischen Ereignisse in ihrem Sinne deutete. Es seien „800 aufständische Kämpfer” gewesen, die für das Massaker verantwortlich seien, behauptete der Leiter der für die Aufklärung des Massakers zuständigen Untersuchungskommission, Kassem Dschamal Suleiman, bei einer Pressekonferenz. Ziel des Massakers sei es gewesen, die Unruhe zwischen verschiedenen Religionsgruppen zu schüren. Diese Darstellung fand ihren Weg in die Blogs und Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, nachdem ein russischer Aktivist einen eigenen Bericht geschrieben hatte.

Die Rede ist von Marat Musin (s. Foto), der seit Monaten für das syrische Regime aktiv ist. In den deutschen Blogs der Verschwörungsszene wird Musin als unabhängiger Journalist dargestellt, der lediglich aus der Region berichten würde. Interviews mit dem Fernsehsender „Russia Today” und sein Weblog „ANNA-News”, der sich der „Wahrheit” verschrieben hat, verstärken diesen Eindruck noch. Doch Marat Musin ist kein unabhängiger Journalist, sondern stellvertretender Vorsitzender eines Solidaritäts-Komitees, in dem auch Holocaustleugner und Islamisten aktiv sind.

Für das russische „Komitee für Solidarität mit den Völkern Libyens und Syriens” tritt Marat Musin als einer der stellvertretenden Vorsitzenden auf. In Vorstand des Komitees finden sich einige antisemitische Gestalten, so zum Beispiel Israel Shamir. Es handelt sich um einen antisemitischen Holocaustleugner, der sich mit der Frage beschäftigt „wie die Verschwörung der Weisen von Zion zerschlagen werden kann”. In einem seiner Artikel spricht Shamir von einer Elite, die er — so die antisemitische Chiffre — im „Osten Manhattans” verortet. Shamir hat sich  einem mörderischen Antisemitismus verschrieben. Er ruft beispielsweise dazu auf „die Bastarde an den Straßenlaternen” aufzuhängen. Mit diesem antisemitischen Holocaustleugner arbeitet der angeblich unabhängige Journalist Musin im Solidaritätskomitee zusammen, sie eint das Eintreten für die Diktatur in Syrien. Der Vorsitzende des Solidaritätskomitees ist Sergej Baburin, ein Wortführer der antisemitischen Nationalisten in Russland.

In ihrem Solidaritätskomitee sind aber auch Islamisten, wie Jamal Hyder vom „Islamischen Zentrum Russlands” (IZR), aktiv. Außerdem unterstützt der Aktivist Maxim Shevchenko das Komitee. Er will eine „zionistische Bedrohung” ausgemacht haben, die „hunderte Politiker, Journalisten, Geheimdienstler, Geschäftsleute” und einen „finanziellen Kreis” umfassen würde. Shevchenko glaubt im paranoiden Wahn, der so typisch für Antisemiten ist, dass er von Mitgliedern des „Jüdische Kongress Russlands” (REK) durch Mordankündigungen bedroht werden würde. Antisemiten, Islamisten und Holocaustleugner: Das sind die Kompagnons des angeblich unabhängigen Journalisten Marat Musin, den deutsche Verschwörungsideologen, Nationalsozialisten und Anti-Imperialisten als Kronzeugen entdeckt haben.

Nachdem das Regime am 27.05 behauptet hatte, dass das Massaker in Hula auf „aufständische Kämpfer” zurückzuführen sei, veröffentlichte Marat Musin am 30.05 nämlich mehrere Artikel und Interviews, mit dem er die Theorien des syrischen Regimes bestätigen wollte. Er schrieb von einer „Säuberungsaktion”, für die er „Terroristen”, „Banditen” und die „Freie Syrische Armee” verantwortlich machte. Diese hätten „mehrere Familien des Al-Saed-Clans mit insgesamt 20 Kindern sowie Familien des Clans Abdur Razak ausgelöscht”. In einem seiner Berichte präsentierte der stellvertrende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees die Aussagen einiger Soldaten, dort bezeichnete er die Berichte von UNO-Beobachtern als „dummen Scherz für den UN-Sicherheitsrat”. Die Augenzeugenberichte von Überlebenden des Masssakers wurden dafür von ihm verschwiegen. Stattdessen lieferte Musin ein verschwörungsideologisches Motiv: „Das Ziel der Provokation war es, den Zorn und die Entrüstung der Weltöffentlichkeit hervorzurufen, (…) welche den Weg für eine militärische Intervention durch die NATO geebnet hätte”.

Diese Propaganda des stellvertretenden Vorsitzenden Musin fand über dessen Internetseite „ANNA-News” den Weg nach Deutschland. Die englischsprachigen Versionen seiner Artikel wurden schnell ins Deutsche übersetzt und auf verschiedenen Internetseiten der deutschen Verschwörungsszene, in nationalsozialistischen Weblogs und auf den Seiten deutscher Anti-Imperialisten veröffentlicht. Ein Artikel wurde beispielsweise von Jens „Cheffe” Blecker publik gemacht, der die verschwörungsideologische Internetseite „Infokrieger-News” betreibt. Blecker begründete die Veröffentlichung in einer Weise, die keine Fragen offen läßt: „Natürlich passt er auch in mein Weltbild und bestätigt meine Vorurteile”, schrieb der deutsche Verschwörungsideologe. Der ebenso deutsche Anti-Imperialist Harald Pflueger verwies in seinem Weblog ebenfalls auf die Artikel, die Nationalsozialisten von der „Sache des Volkes” schrieben von der „Al-Hula-Lüge”. In allen Fällen wurden die Machwerke des Marat Musin als Quelle angeführt.

Mit seiner Propaganda für das syrische Regime erreicht der stellvertretende Vorsitzende des russischen Solidaritätskomitees zwar keine große Öffentlichkeit, dafür aber die deutsche Verschwörungsszene und andere Gestalten, die seine Deutung des Massakers nur zu gerne glauben wollen. Marat Musin dürfte dies auch in Zukunft gelingen. Sein Netzwerk aus antisemitischen Hetzern, die mit ihrem Solidaritätskomitee Propaganda für das syrische Regime verbreiten, liefert nämlich genau die Pseudo-Informationen, die nicht nur in den Kreisen der deutschen Verschwörungsszene so ungeheuer beliebt sind.

Verharmlosen und Vertuschen. June 1, 2012 | 07:32 am

Die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt” berichtete am 14.05.2012 über eine Demonstration in Berlin. Der Autor gab sich viel Mühe, um diese Manifestation der syrischen Regime-Freunde in ein denkbar gutes Licht zu rücken.In Berlin waren antisemitische und friedensbewegte Demonstrant_innen zusammengekommen, um  dem syrischen Diktator und der dortigen Despotie zu huldigen. Auf der Demonstration wurden zahlreiche schwarz-rot-goldene Fahnen geschwenkt und der verschwörungsideologische Redner Christoph Hörstel forderte, zwischen amerikanischer Botschaft und Holocaustmahnmal, im NPD Jargon: „Germany for the Germans”. Teilnehmer_innen traten Davidssterne in den Staub, ein Redner verdammte den „Zionismus”. Dieser wurde als mächtige Verschwörung dargestellt, die für bestimmte Revolten gegen einige Regierungen verantwortlich sei. Hier wurde also auch antisemitische Propganda betrieben.

All diese Ereignisse finden sich allerdings nicht in dem Jubelbericht, den André Scheer für die „Junge Welt” verfasste. Hier wurde stattdessen verharmlost und vertuscht. Scheer schrieb in blumigen Worten von der Demonstration und ließ einige Beschreibungen einfließen, die dem ordinären Leser dieser Tageszeitung erfreut haben dürften. „De junge Frau in den hautengen Jeans heizt ihren Mitstreitern lautstark ein. »Das Volk will Baschar Al-Assad«, ruft sie in das Mikrofon, das ihre Stimme zu den scheppernden Lautsprechern überträgt”. Man beachte die Wortwahl: Hier wird mit der Darstellung einer jungen Frau, die auf ihre Kleidung reduziert wird, Propaganda betrieben, die der alternden und männlichen Leserschaft dieser Zeitung gefallen dürfte.

Diese Darstellung zieht sich durch den ganzen Jubel-Artikel. Ganz internationalistisch werden die „Mitglieder einer linken türkischen Partei” erwähnt, die sich ebenfalls „an der Aktion” beteiligten. Die Teilnahme eines deutschen Nationalisten, der als Redner auftrat, wird dafür verschiegen, aber das werden die meisten Leser_innen dieser Zeitung sicherlich nicht bemerken. Wer sich für „hautenge Jeans”, alternde Diktatoren und deutschen Internationalismus begeistert, dem dürfte dieser Jubelartikel nämlich gefallen haben.

In der Tageszeitung „Junge Welt” wurde also ein reaktionärer und antisemitischer Aufmärsch gefeiert. Die Praxis des deutschen Anti-Imperialismus führt eben zu den merkwürdigsten Verbrüderungen, auch mit den Freunden der Despoten und in diesem Fall mit den Fans der Diktatur in Syrien.

Der Aufmarsch der Assad-Fans. May 14, 2012 | 06:35 pm

Am Samstag, den 12.05.2012, war es mal wieder soweit. Die Unterstützer_innen des syrischen Diktators Assad kamen zu einer „Riesen-DEMO in Berlin” zusammen. Im Demonstrationsaufruf war von einer geheimnisvollen „Verschwörung” die Rede. Als Urheber dieser angeblichen „Verschwörung” wurde der „Westen” ausgemacht. Im Aufruf zum Aufmarsch wurden allerdings nicht nur verschwörungsideologische Konstrukte beworben. Hier wurde außerdem vom „geliebten Volk” und von dessen „Liebe zum Präsidenten Bashar Al-Assad” geschrieben. Das Vorgehen des syrischen Regimes, das mit seiner Armee zahlreiche Zivilist_innen ermordete, fand keine Erwähnung. Bei soviel völkischer „Liebe” zu „Volk” und „Präsidenten” ist das allerdings nicht verwunderlich.

Letztlich waren es etwa einhundert Teilnehmer_innen, die zum Aufmarsch der Assad-Fans zusammenkamen. Anhänger_innen des syrischen Regimes und Aktivist_innen der deutschen Friedenbewegung gingen hier für die Diktatur des Baschar al-Assad auf die Straße. Dabei wurde nur eine einzelne Fahne der Linkspartei in die Luft gehalten, dafür wurden umso mehr schwarz-rot-goldene und syrische Fahnen geschwenkt. Auf einigen Fahnen und anderen Gegenständen war das Gesicht des syrischen Diktators zu sehen, der als Ikone allgegenwärtig war. Ihm wurde mit verschiedenen Sprechchören gehuldigt: „Assad, Assad”, brüllten die Demonstrant_innen.

Zwischendurch griff Christoph R. Hörstel zum Mikrophon, um eine ausführliche Rede zu halten und völkische Parolen zu krakelen. Der Verschwörungsideologe warnte vor den angeblichen „Machenschaften” der USA. Hörstel war vor einigen Monaten nach Syrien gereist, von dort gab er ausführliche Interviews mit denen der das Vorgehens das Regimes verharmloste. So zum Beispiel in der nationalbolschewistischen Tageszeitung „Junge Welt”. Ein weiteres Interview gab er damals dem deutschsprachigen Radio des iranischen Rundfunks IRIB, für das sich Hörstel immer wieder befragen lässt, um gegen „USreael” hetzen und vor der NATO-„Verbrecherbande” zu warnen. Ähnlich gestaltete sich auch seine erste Rede vor den anwesenden Assad-Fans in Berlin: „Die Amerikaner beschuldigen die Regierung einer Sache, die sie selbst machen”, brüllte der Verschwörungsideologe, der ansonsten unter anderem die Ereignisse des 11. September 2001 umdeutet. Die Teilnehmer_innen reagierten begeistert.

Bei soviel Zustimmung werden einige Demonstrant_innen den Verschwörungsideologen auch per Unterschrift unterstützt haben. Hörstel sammelte nach seiner Rede nämlich Unterstützungsunterschriften, mit denen er sich als eine Art Berater für das syrische Regime in Stellung bringen möchte. Dafür nimmt Hörstel sogar seinen Tod in Kauf: „Wenn mir Verrat nachgewiesen wird – oder ich falsch berate, lasse ich mich freiwillig in der Hauptstadt (Damaskus) aufhängen”, bietet dieser Verschwörungsideologe großzügig auf der strukturell antisemitischen Internetseite „Alles Schall und Rauch” an.

Während Hörstel einen seiner ausführlichen Monologe hielt, verteilten Demonstrant_innen Zettel auf dem Boden. Auf diesen DIN-A4 Zetteln war unter anderem der Davidstern zu sehen, der nun von den Demonstrant_innen  in den Staub getreten wurde.

Aus ihrer antisemitischen und antiamerikanischen Einstellung machten weder Demonstrant_innen noch die Redner ein Geheimnis. Christoph R. Hörstel hielt vor der amerikanischen Botschaft, in direkter Nähe zum Holocaust-Mahnmal, eine weitere Brandrede. Dort wandte er sich an die Mitarbeiter der Botschaft: „Get the hell out of Germany, take your fucking troops with you”, brüllte der Demagoge. Mit völkischen Parolen begeisterte er die Jubelsyrier: „We want Germany für the Germans. We want Syria for the Syrians”, schrie der Verschwörungsideologe. Solche Sätze wurden von den Demonstrant_innen mit Jubel quittiert.

Die anderen Redner äußerten sich durchaus ähnlich. Nur das Grußwort von Brigitte Queck wirkte vergleichsweise harmlos. Die Aktivistin der „Mütter gegen den Krieg Berlin-Brandenburg” überbrachte „Solidaritätsgrüße an das syrische Volk, das mehrheitlich an Assad glaubt”. Weil sie nicht brüllte, ging ihre Solidarisierung mit dem „syrischen Volk” allerdings unter.

Ein weiterer Redner gab dafür einen umso erschreckenderen Einblick in sein antisemitisches Weltbild, mit dem er die Demonstrant_innen begeisterte. In seiner Rede brachte der unbekannte Redner sämtliche Stereotype des Antisemitismus unter. Er sprach vom „menschenverachtenden Zionismus”, der „alles” dafür tun würde, um „die Macht des Geldes zu bewahren”. Nun würden die „Zionisten” und die USA gegen Syrien mobil machen. Ein verschwörungsideologisches Motiv lieferte der Redner gleich mit: Syrien sei eine „Stütze für die entrechteten Palästinenser und leistet als einziges arabisches Land Widerstand gegen Israel”. Die Menge brüllte begeistert. Der antisemitische Wahn, der für einen ungenehmen Aufstand nur „Zionisten” verantwortlich machen kann, wurde hier offensichtlich.

Die antiamerikanische und antisemitische Demonstration, die am 12.05.2012 durch Berlin zog, wird nun von den Organisatoren begeistert beurteilt: „Es war eine Super-Demo”, schreiben sie auf ihrer Facebook-Pinnwand. Ihren Aufmarsch, bei dem mit völkischen Parolen, gegen die USA angeschriehen wurde, wollen die Organisator_innen daher in nächster Zeit wiederholen. Wahrscheinlich werden dann wieder Davidsterne in den Staub getreten und antisemitische Brandreden gehalten werden.

Die Gefährten des Landtagskandidaten. May 4, 2012 | 12:21 pm

Die Reise des FDP-Landtagskandidaten Claus Hübscher, der aus der Kleinstadt Delmenhorst nach Teheran reiste und dort auf den iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad traf, schlägt große Wellen. Der Spiegel, die TAZ, die Welt und zahlreiche andere Tageszeitungen, berichten über die Reise des FDP-Politikers. Radio Bremen ließ Hübscher in seiner Sendung „Butten un Binnen” ausführlich zu Wort kommen. Dort deutet er seinen Trip, die ihn ins Herzen der klerikal-faschistischen Mullah-Diktatur führte, zur harmlosen Bildungsreise um und spricht von einer „jüdischen Community”, von der er sich nichts vorschreiben lassen würde. Die Kritik an seine „privaten Reisenplänen” gefällt ihm gar nicht, der Tagesezeitung NWZ erzählt Hübscher, „er fühle er sich in diesen Tagen seelenverwandt mit Günter Grass.”

Wirft man einen Blick auf die Reisegefährten des FDP-Landtagskandidaten Claus Hübscher, wird mehr als deutlich, mit wem sich der FDP-Politiker in ein Flugzeug gesetzt hat, um dem iranischen Präsidenten die Aufwartung zu machen. Es handelt sich um Verschwörungsideologen, Alt-Nazis, Antisemiten und andere obskure Gestalten, die den FDP-Politiker begleiteten.

1. Da wäre zum Beispiel der Verschwörungsideologe Jürgen Elsässer, der protestierende Demonstrant_innen im Iran als „Dis­co­mie­zen, Tehe­ra­ner Dro­gen­jun­kies und die Strich­jun­gen des Finanz­ka­pi­tals”” beleidigte. Elsässer ist Herausgeber des „Compact”-Magazins, in dem verschiedene Autoren publizieren, die dort vor allem unterschiedliche Verschwörungsmythen bewerben. Schließlich deutet Elsässer selbst die Ereignisse des 11. Septembers 2001 um und macht den islamistischen Angriff zum „Inside Job” geheimnisvoller Institutionen, die er in den USA verortet. Auf seinen Veranstaltungen trifft sich die Verschwörungsszene aus selbsternannten „Truthern” und „Infokriegern”. So zum Beispiel am 10. September 2010 in Leipzig, dort sprach der Betreiber der Internetseite „Infokrieg.tv”, auf dessen Internetseite die Morde des Anders Behring Breivik umgedeutet worden werden. „Keiner interessiert sich für Hinweise auf Kontakte und Ausbilder”, beklagt ein Autor dieser Internetseite. Der Betreiber schreibt vom „rech­ten Ter­ror‘ unter fal­scher Flag­ge“. Die Umdeutung von terroristischen Attentaten ist ein gemeinsamer Nenner in der Szene der „Truther” und „Infokrieger”, die auf diese Weise die Existenz einer mächtigen Verschwörung belegen wollen. Der Iran-Reisende Elsässer schreibt beispielsweise, mit dem Blick auf die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds” (NSU), vom „inszenierten Terror von rechts”. Er stellt in seinem Weblog die Frage, ob die „NSU von der CIA gefakt oder geführt” worden wäre. Auf diese Weise entlastet der Verschwörungsideologe, der mit Hübscher in den Iran reiste, die Nazi-Täter und macht sie zu Marionetten. Derartige Entlastungsdiskurse werden in seinem Milieu häufiger geführt.

2. Eine weitere Person, die mit dem FDP-Politiker in den Iran flog, ist der „Ziegelphysiker” Konrad Fischer, der als Fachmann für Wärmedämmung und Photovoltaik-Anlagen auftritt. Auf seiner Internetseite hetzt er in einem unsäglichen Jargon über „mächtige Juden” und leugnet die deutsche Kriegsschuld, für den zweiten Weltkrieg macht dieser Iran-Reisende nämlich den damaligen englischen Premierminister Churchill verantwortlich. Fischer spricht von „Chur­chill und sei­ner jüdi­schen Freun­des– und Emi­gran­ten­schar”, die er als „scha­rende Kriegs­trei­ber” bezeich­net. Auf seiner Internetseite verbreitet Fischer nicht nur diese unverhohlene antisemitische Hetze, sondern empfiehlt auch zahlreiche Bücher, die in Verlagen der Nazi-Szene erschienen sind. So zum Beispiel einige Machwerke aus dem Grabert-Verlag, dessen Autoren nicht selten als Ideologen, Politiker oder Funktionäre verschiedener rechtslastiger Organisationen oder Parteien aktiv sind.

3. Eine weiterer Reisebegleiter des FDP-Politikers Claus Hübscher war der Reiseleiter Yavuz Özoguz. Dieser betreibt unter anderem die Internetseite„Muslim-Markt”. Den israelischen Staat begegnet er mit Verachtung. Auf seiner Internetseite ist vom „Pseudostaat” die Rede, gemeint ist Israel. Dort wird gegen den israelischen Staat angeschrieben, der konsequent in Anführungszeichen gesetzt wird. Dieser Staat würde „die gesamte Region mit Terror und Schrecken” überziehen, heißt es auf der Internetseite „Muslim Markt”. Daher kommen dort zahlreiche Israel-Gegner zu Wort. So zum Beispiel der umtriebige rechte Funktionär Andreas Molau, der nach NPD und DVU nun bei der rechten Vereinigung Pro NRW gelandet ist. Ein weiteres Interview wurde mit Elias Davidsson geführt. Dieser behauptete dort, dass „Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat von Ju­li­us Strei­cher (…) heute als be­schei­den be­trach­tet wer­den” würde, „ver­gli­chen mit dem Aus­maß des heu­ti­gen Pro­pa­gan­da­ap­pa­ra­tes gegen den Islam, der ganze Erd­tei­le über­deckt und von Hol­ly­wood un­ter­stützt wird“.

4. Elias Davidsson reiste ebenfalls mit dem FDP-Politiker in den Iran. In der Vergangenheit trat er einer Veranstaltung der rech­te Bur­schen­schaft Nor­man­nia-​Nie­be­lun­gen“ auf, bei der auch der ehemalige Rechtsterrorist Odfried Hepp als Redner eingeladen worden war. Im Nachhinhein rief Davidsson zur Zusammenarbeit mit den Burschenschaften auf, die wie er gegen die „Feinde” im Bundestag und gegen Israel und die USA vorgehen wollten: „Unsere Feinde befin­den sich nicht bei den Skin­head Nazis oder bei Rand­grup­pen der Kon­ser­va­ti­ven son­dern sit­zen im Bun­des­tag und in der Bun­des­re­gie­rung, wo sie die Betei­li­gung Deutsch­lands in einem Angriffs­krieg und in der Besat­zung eines zen­tral­asia­ti­schen Staa­tes unter­stüt­zen, und eng mit zwei Schur­ken­staa­ten wirt­schaft­lich, mili­tä­risch, poli­zei­lich und geheim­dienst­lich zusam­men­ar­bei­ten (USA und Israel). Wir soll­ten nicht die Zusam­men­ar­beit mit den Bursch­schaf­ten gegen die­ser unhei­li­gen Alli­anz ver­nach­läs­si­gen. Davidsson verfasste außerdem ein Bekenntnis zum Antisemitismus: „Das Wort ‚An­ti­se­mit‘, das ur­sprüng­lich eine ne­ga­ti­ve und bös­ar­ti­ge Be­deu­tung hatte, ver­weist jetzt auf po­si­ti­ve und sehr le­bens­wer­te Hal­tun­gen (…). Ich bin ein ra­di­ka­ler An­ti­se­mit und stolz darauf“, schrieb er im Jahr 2011. Nun ist auch er in den Iran gereist, um einem anderen Antisemiten die Hand zu schütteln.

5. Es gibt noch einen Reisebegleiter, durch den sehr deutlich wird, mit wem der FDP-Politiker Hübscher nach Teheran reiste. Es handelt sich um Karl Höffkes, der Jahrzehnte in der Nazi-Szene aktiv war. Er produziert Filme, die so bezeichnende Titel wie „Als Arzt im Fronteinsatz” oder „Mit der Kamera an der Ostfront” tragen. Höffkes interviewt mit Vorliebe vormalige Führungsfiguren der NSDAP, die ihm ihren geschönten Blick auf die Vergangenheit schildern. Seine Firma produzierte den geschichtsrevisonistische Film „Geheimakte Heß”, in dem der Hitler-Stellvertreter zum Friedensflieger stilisiert wird. Dieser Film wurde über lange Zeit auch über den Versand der NPD verkauft. Zwar hat sich Höffkes heute offiziell von seinen Nazi-Kameraden distanziert, seine Filme und Bücher werden aber weiterhin über rechte Verlage vertrieben. Noch 1996 lobte der Filmproduzent den „Reichsjugendführer” Axmann, dieser sei ein „integrer selbstloser Idealist” gewesen.

 Hübscher, seine Reisegefährten und Ahmadinedschad.

Von links nach rechts: Andreas Neumann, Anneliese Fikentscher, (beide „Arbeiterfotografie” und NrHZ), unbekannte Person, Fatima Özoguz, Mehmet Yavuz Özoguz („Muslim Markt” und „Islamischer Weg e.V.”), Claus Hübscher (FDP-Landtagskandidat), unbekannte Person (im Hintergrund), Mahmud Ahmadinedschad (Präsident, Mörder und Holocaustleugner), Jürgen Elässer (Compact-Magazin), Ralf Flier (Gold– und Geldfachmann), Gerhard Wiesnewski (Autor des Kopp-Verlags), Konrad Fischer (Ziegelphysiker), Elias Davidsson (Verschwörungsideologe).

Der Ziegelphysiker. May 2, 2012 | 03:05 pm

An der Reisegruppe, die am 27. April 2012 vom iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad zur „Privataudienz” empfangen wurde, waren nicht nur Verschwörungsideologen und der FDP-Landtagskandidat Claus Hübscher beteiligt. Ein Ziegelphysiker reiste zur „Privataudienz”. Vorher hat er sogar eine eigene Briefmarke gestaltet (s. Foto). Die Rede ist von Konrad Fischer, der aus seinem Heimatort, dem oberfränkischen Hochstadt am Main, nach Teheran reiste. Der 1955 geborene Fischer vertritt, laut dem kritischen Internetlexikon Esowatch, eine „Außenseiter-Ansicht zur Physik der Wärmedämmung”. Auf seiner Internetseite empfiehlt der Verschwörungsideologe, der in der Öffentlichkeit als „Architekt und Gutachter” in Erscheinung tritt, verschiedene Berichte des iranischen Regimes, in denen über die Audienz beim Antisemiten berichtet wird. Die dazugehörigen Fotos zeigen auch ihn beim Händedruck mit dem iranischen Präsidenten Ahmadinedschad.

Konrad Fischer und Mahmud Ahmadinedschad.

Der Ziegelpysiker ist ansonsten ein gefragter Interview-Partner des Bayerischen Rundfunks. Dort äußert er sich vor allem zu den Risiken der Wärmedämmung und spricht über Photovoltaikanlagen. Seine sonstigen Theorien werden durch seine eigene Internetseite deutlich, auf der Fischer im homophoben Jargon über „Schwulerei mit Minderjährigen” schreibt, für die er die „Mächtigen” verantwortlich macht. Außerdem empfiehlt Fischer dort unterschiedliche Bücher, die vor allem in verschiedenen Verlagen der rechten Szene erscheinen. Auf seiner Internetseite bewirbt er zum Beispiel ein Buch des Claus Nordbruch. Dieser bekennende Apartheids-Freund lebt in Südafrika, von dort hält er enge Kontakte in die deutsche Nazi-Szene und beliefert sie mit Artikeln, die unter anderem in der NPD-Zeitung „Deutsche Stimme” erscheinen. In den Buchempfehlungen des Konrad Fischer finden sich Werbung für weitere Machwerke, die in den Verlagen der deutschen Nazi-Szene erschienen sind. Die Hetzschrift „Der geplante Krieg: Churchills Verschwörung gegen Hitlers Deutschland”, das in der nationalsozialistischen Verlagsgesellschaft Berg erschienen ist, wird von Fischer ebenfalls empfohlen: „Churchill als Galionsfigur eines perversen Netzwerks zur Auslösung des zweiten Weltkriegs und Vernichtung Deutschland”, bewirbt Fischer dieses Buch — ganz geschichtsrevisionistisch — auf seiner Internetseite.

Dort findet sich auch Werbung für weitere geschichtsrevisionistische Nazi-Propagaganda, mit denen die Kriegsschuld Deutschlands geleugnet wird. Konrad Fischer bedient sich hier eines unglaublichen antisemitischen Jargons. Er schreibt vom damaligen Premierminister „Churchill und seiner jüdischen Freundes– und Emigrantenschar”, die er als „scharende Kriegstreiber” bezeichnet (Screenshot). Einige der von Fischer beworbenen Bücher sind im „Grabert-Verlag” erschienen, der die Naziszene ebenfalls mit Propaganda beliefert. Mehrfach wurden Bücher aus den Verlagsprogramm wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Verunglimpfung Verstorbener eingezogen oder von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) indiziert. Fischer empfiehlt auf seiner Internetseite außerdem die „manchmal durchaus lesenswerte Kommentare in der National-Zeitung von Dr. Gerhard Frey”. Es handelt sich um eine weitere Zeitung für deutsche Nationalsozialisten.

Der Ziegelphysiker Konrad Fischer empfiehlt allerdings nicht nur Bücher und Zeitungen der extremen Rechten, sondern auch andere Machwerke. So zum Beispiel ein Buch des Verschwörungsideologen Jürgen Elsässer, mit dem sich Fischer gerade in den Iran begeben hatte. Fischer garniert seine Buchempfehlung mit einigen eigenen antisemitischen Tiraden. Er schreibt vom „bluttriefenden zionistisch-faschistischen Israel” und konstruiert „USraelische Netzwerke gegen den Iran”. Die Chiffre von „USrael” wird ansonsten gerne von Nationalsozialisten genutzt.

Es ist eine antisemitische Sprache, die auf der Internetseite des Ziegelpyhsikers verwendet wird. Fischer warnt hier vor „mächtigen Juden” und „Globalheuschrecken”, seinesgleichen sieht er als „Sklaven, Halbaffen und Schabbesgojim”, die von „Usrael” unterdrückt werden. Fischer ist, da besteht nun wirklich nicht der geringste Zweifel, ein fanatischer Antisemit. Dies wird auch durch seine Verharmlosung des Holocaust deutlich, den er mit angeblichen israelischen Verbrechen gleichsetzt. Außerdem macht er Jüdinnen und Juden für den grassierenden Antisemitismus verantwortlich. Die „Palästinenser” seien einer „genozidgleichen Holocausterei” ausgesetzt, dies würde „einen neuen weltweiten Antisemitismus geradezu” erzwingen. Dies sind nur einige Beispiele für den Antisemitismus des Ziegelphysikers, den dieser auf seiner Internetseite propagiert (Screenshot).

Wahrscheinlich trieb ihn dieser Antisemitismus nach Teheran. Er reiste gemeinsam mit dem Querfrontler Jürgen Elsässer, dem Verschwörungsideologen Gerhard Wisnewski, dem „Arbeiterfotografie”–Aktivisten Andreas Neumann, dem FDP-Landtagskandidaten Claus Hübscher und dem „Muslim-Markt”–Bereiber Yavuz Özoguz in den Iran. Dort trafen sie gemeinsam, während einer „Privataudienz”, auf den iranischen Präsidenten Ahmadinedschad. Zurück in Deutschland wird Fischer wahrscheinlich wieder als „Architekt und Gutachter” auftreten und eventuell dem Bayerischen Rundfunk Interviews über Wärmedämmung und Photovoltaikanlagen geben. Außerdem wird er sicherlich weiterhin Bücher aus den Verlagen der deutschen Nazi-Szene empfehlen. Auf seiner Internetseite wird er obendrein die unverhohlene antisemitische Hetze betreiben. Die Reise in den Iran und den Besuch beim antisemitischen Präsidenten wird er, wie die anderen Teilnehmer, sicherlich in guter Erinnerung behalten.

Von links nach rechts: Andreas Neumann, Anneliese Fikentscher, (beide „Arbeiterfotografie” und NrHZ), unbekannte Person, Fatima Özoguz, Mehmet Yavuz Özoguz („Muslim Markt” und „Islamischer Weg e.V.”), Claus Hübscher (FDP-Landtagskandidat), unbekannte Person (im Hintergrund), Mahmud Ahmadinedschad (Präsident, Mörder und Holocaustleugner), Jürgen Elässer (Compact-Magazin), Ralf Flier (Gold– und Geldfachmann), Gerhard Wiesnewski (Autor des Kopp-Verlags), Konrad Fischer (Ziegelphysiker), Elias Davidsson (Verschwörungsideologe).

Audienz beim Antisemiten. May 1, 2012 | 03:12 pm

Zur Audienz mit dem antisemitischen Präsidenten Ahmadinedschad reisten nicht nur der Querfrontler Jürgen Elsässer, der Finanzexperte Ralf Flierl und der Verschwörungsideologe Gerhard Wisnewski. An der Reise, die von Yavuz Özoguz, Betreiber des antisemitischen Internetseite „Muslim-Markt” und Vorsitzender des Vereins „Islamischer Weg”, organisiert wurde, beteiligte sich auch ein liberaler Politiker aus der deutschen Provinz. Claus Hübscher stammt, wie der Reise-Organisator, aus der niedersächsischen Kleinstadt Delmenhorst, dort ist er nicht nur stellvertretender Kreisvorsitzender der FDP, sondern seit dem 30.03.2012 auch der Landtagskandidat der Partei. Die Provinzpresse bezeichnet ihn als „liberales Urgestein”, denn der Politiker ist seit Jahrzehnten in Delmenhorst aktiv und gilt als Gesicht der dortigen FDP.

Landtagskandidat Claus Hübscher (1. von links) zu Besuch beim Antisemiten.

In der beschaulichen Kleinstadt, die vor einigen Jahren in die Schlagzeilen geriet, als der mittlerweile verstorbene Nationalsozialist Jürgen Rieger das örtliche Hotel am Stadtpark kaufen wollte, arbeitete Hübscher bis zu seiner Pensionierung als Geschäftsführer der örtlichen Volkshochschule. Außerdem war er für den städtischen Fachbereich für Bildung, Wissenschaft, Sport und Kultur zuständig. Der starke Mann der FDP sucht beständig den Kontakt zu seinen Mitmenschen. Er debattiert über Hundehaltung, die Sicherheit und den „Genossen-Filz” in Delmenhorst. Im Wahlkämpfen besucht er Gartencenter oder beteiligt sich an der ein oder anderen Grundsteinlegung. In den innerparteilichen Machtkämpfen kann sich Hübscher stets durchsetzen. Hier wird mit harten Bandagen gefochten, seine Gegner deuteten schon mal Wahlbetrug an, er sprach von Verschwörungstheorien. In den vergangenen Jahren machte die örtliche FDP eher den Eindruck einer vollkommen zerstrittenen Partei, es kam zu Parteiaustritten und innerparteilichen Machtkämpfen, die Hübscher aber immer überstand.

Kurioserweise ist Hübscher aber nicht nur das FDP-Urgestein in Delmenhorst, sondern auch ein Kopf des „Arbeitskreis für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit”, für den er Reden hält und Schweigemärsche leitet. Der FDP-Politiker hält gerne moralisierende Ansprachen, so zum Beispiel am 11. Dezember 2011. Damals wird ein Hanukka-Leuchter im Rathaus der Stadt entzündet. Hübscher findet salbungsvolle Worte und erweist sich zugleich als sparsamer Deutscher, der auf die Energiepreise achtet: „Wir haben hier etwas Bleibendes geschaffen. Mögen die Lichter ewig brennen (…). Natürlich haben wir darauf geachtet, dass Energiersparlampen verwendet werden“.

Es ist die sonstige Praxis des FDP-Politikers Hübscher, die für einen ersten kleinen Provinzskandal sorgte. Im Februar 2012 organisiert Hübscher eine Veranstaltung mit Yavuz Özoguz, dem Betreiber des „Muslim Markt”. Beide leben in Delmenhorst, hier wollte man in der örtlichen Volkshochschule über die „Stellung der Schiiten innerhalb des Islams” debattieren. Hübscher organisiert dort seit Jahren eine Reihe über „Kulturen und Religionen in Delmenhorst”, mit denen „die kulturellen Wurzeln” der „Nachbarn und Mitbürger” vorgestellt werden sollen. Die Presse berichtet über die Propaganda-Veranstaltung mit dem Betreiber der antisemitischen Internetseite, die Jüdische Gemeinde protestiert und die Volkshochschule will Özoguz damals dann doch kein Podium bieten.

Özoguz, Hübscher, Ahmadinedschad (4.,5.,6. von links).

Der Betreiber des antisemitischen „Muslim-Markt” generiert sich in der Folge als Opfer, Hübscher lobt ihn als „interessanten Mann”. Die Veranstaltung findet letztendlich im Hotel Thomsen statt. Das Veranstaltungsangebot des liberalen Landtagskandidaten ist trotz dieser Geschehnisse weiterhin im Programm der Volkshochschule zu finden, auf die der liberale Politiker durch seine Wahl zum „Vorsitzenden des Dozentenrates” auch weiterhin Einfluss nimmt. Der Mini-Skandal verbindet den FDP-Politiker Hübscher und den antisemitischen Aktivisten Özoguz, auf dessen Internetseite verschiedene Israel-Hasser, Geschichtsrevisionisten, Nationalsozialisten und Verschwörungsideologen interviewt werden. Der Geschichtsrevisionist Stephan Steins lamentiert dort etwa über die „Faschismus-Variante Zionismus” , der ehemalige NPD-Kader Andreas Molau über „die Identifikation mit der eigenen Abstammung und Kultur” und der Verschwörungsideologe Oliver Janich über geheimnisvolle „Kreise”, die „die Finanzkrise zu nutzen, um ihre Macht weiter auszubauen”

Vielleicht war es der kleine Skandal, der nun zur gemeinsamen Reise nach Teheran führte. Dort kam es zur „Privataudienz” beim iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, der sich ansonsten gerne mit Holocaustleugnern und Nationalsozialisten ablichten lässt. Im Iran werden Regime-Kritiker_innen von den Anhängern des klerikal-faschistischen Regimes zunächst gefoltert und dann ermordet, Homosexuelle werden öffentlich erhängt. Doch diese Tatsachen spielten für die Reisetruppe keine Rolle. Auf Gespräche mit Regime-Gegner_innen wurde verzichtet, die Menschenrechtssituation im Iran scheint für die Reisetruppe keine Rolle gespielt zu haben. Dafür lauschte die Delegation etwa einer Stunde den Worten des Holocaustleugners Ahmadinedschad, der das Menschheitsverbrechen immer wieder als „große Lüge” bezeichnet.

Auf den Fotos der Reisetruppe sind nun nicht nur verschiedene Verschwörungsideologen zu sehen, die ansonsten von geheimen Erdbebenwaffen oder vom angeblichen Attentat auf die Titanic träumen, sondern auch der Landtagskandidat der FDP, der auf diese Weise wohl große Weltpolitik betreiben wollte. Gemeinsam mit Jürgen Elsässer, der iranische Regime-Kritiker_innen als „Discomiezen, Teheraner Drogenjunkies und die Strichjungen des Finanzkapitals” beleidigte und mit Gerhard Wisnewski, der im rechten „Kopp-Verlag” den Verschwörungsmythos vom Mossad-Mord an Uwe Barschel propagiert, war Claus Hübscher Teil der Delegation, die nach Teheran gereist war. Gemeinsam besuchten sie den iranischen Präsidenten, der Israel als „finstere und schmutzige Mikrobe” bezeichnet und von einem „zionistischen Regime” spricht, das „von den Seiten der Zeit getilgt werden muss”.

Ahmadinedschad spricht zur Reisetruppe.

In den Medienberichten des iranischen Regimes wird die „Privataudienz” beim Antisemiten Ahmadinedschad ausführlich gewürdigt. Ein Bericht auf der Internetseite des iranischen Präsidenten erwähnt die Motivation der Reisenden. Die Gruppe sei in den Iran gereist, um einen Eindruck über die „islamische Gesellschaft” im Iran zu erhalten. Der Reiseleiter sprach während der „Privataudienz” von „zionistischen Medien, insbesondere in Europa”, die ein „verfälschtes Bild über den Iran” präsentieren würden. Es sei eine Reisegruppe aus „wahrhaftigen Deutschen” gewesen, „die das Feuer der Liebe in ihrem Herzen nicht haben erlöschen lassen”, schreibt der „Muslim-Markt”–Betreiber Özoguz nun in seinem Reisebericht, andere bejubeln das Treffen mit ihrem Idol ebenfalls. Nur der FDP-Landtagskandidat Hübscher schweigt bisher von seinem Treffen mit dem iranischen Präsidenten.

Nach der Audienz beim Antisemiten reisten Claus Hübscher und seine Gefährten am 29.04.2012 zurück nach Deutschland. In Delmenhorst wird der FDP-Politiker nun als Landtagskandidat Wahlkampf betreiben, außerdem wird der Provinzpolitiker vielleicht die ein oder andere Veranstaltung mit dem Reiseleiter Özoguz organisieren. Dort können sie dann in gemeinsamen Erinnerungen schwelgen und die „Privataudienz” beim Antisemiten in den schillerndsten Farben schildern.

Die Reise der Regime-Freunde. April 29, 2012 | 04:23 pm

In der vergangenen Woche reiste eine deutsche Reisegruppe in das Herzen des klerikal-faschistischen Mullah-Regimes. In Teheran traf man auf den Mörder, Holocaustleugner und Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad. Es entstanden einige Propaganda-Fotos, die die Truppe in fröhlicher Runde mit dem Antisemiten zeigen, dessen erklärtes Ziel die Vernichtung des israelischen Staates ist.

Unter den Anwesenden befand sich Yavuz Özoguz. Der Hauptorganisator der Tour und lies sich von seiner Frau Fatima begleiten. Yavuz Özoguz ist Betreiber der antisemitischen Internetseite „Muslim-Markt”, die verschiedensten Israel-Hassern, vom Ex-NPDler Andreas Molau bis zum Linkspartei-Hetzer Hermann Dierkes, eine Plattform bietet. Dort werden terroristische Attacken umgedeutet und letztendlich dem israelischen Geheimdienst in die Schuhe geschoben. Nach den Morden des Anders Behring Breivik erschien beispielsweise ein verschwörungsideologischer Artikel, in dem von „Hin­ter­män­nern” die Rede war, die „das Land (…) schon längst ver­las­sen” hätten.

Audienz beim Holocaustleugner.

Unter den Iran-Reisenden befand sich auch Jürgen Elsässer, der in seinem verschwörungsideologischen „Compact”–Magazin vor allem anti-israelische Pamphlete publiziert. „Israel als Gefahr für den Weltfrieden”, wird in der aktuellen Mai-Ausgabe gehetzt. Elsässer hatte kurz vor der Reise zu Gebeten aufgerufen. In einem weiteren publizistischen Machwerk klagte er über die Reisebedingungen, einige Teilnehmer waren nämlich vor Beginn der Reise durch den Zoll kontrolliert worden.

Anneliese Fikentscher und Andreas Neumann, Aktivisten des linksdeutschen Verschwörungszirkels „Arbeiterfotografie” und Autoren der „Neuen Rheinischen Zeitung” (NRhZ), gehörten ebenfalls zu den Ahmadinedschad-Groupies, die nach Teheran gereist waren, um auf ihren Star zu treffen. Mit ihnen reiste Elias Davidsson, der auch ansonsten überall dort auftritt, wo seine anti-amerikanischen Brandreden gut ankommen. Davidsson, der sich völlig zu Recht als Antisemit bezeichnet, war im November 2009 der gefeierte Redner auf einer Veranstaltung der völkischen Burschenschaft „Nor­man­nia-​Nie­be­lun­gen” und forderte daraufhin eine eine grö­ße­re „Be­reit­schaft unter deut­schen Lin­ken (…) auch mit tra­di­tio­nel­len Rech­ten zu­sam­men­zu­ar­bei­ten“. Nun durfte Davidsson seinem Idol in Teheran die Hände schütteln.

Elias Davidsson lauscht in Teheran.

Ralf Flierl, Chefredakteur der Zeitschrift „Smart Investor”, flog ebenfalls mit der Reisetruppe nach Teheran. Der vorgebliche Finanzexperte, der für die verschwörungsideologische „Partei der Vernunft” (PdV) Vorträge hält, posiert auf einem Foto der Reisegruppe, das die Begegnung mit dem iranischen Präsidenten zeigt. Flierl ist ansonsten nicht nur Redner, sondern auch ein gefragter Börsen-Experte, der in den Sendungen von ARD und N24 über Crash und Krise schwadronieren darf.

Ralf Flierl (2. von links) in Teheran.

Außer den linksdeutschen „Arbeiterfografen”, dem Querfrontler Elsässer und dem Goldexperten Flierl hat wahrscheinlich auch Gerhard Wisnewski die Audienz beim Antisemiten Ahmadinedschad genossen. Ein Foto zeigt diesen verschwörungsideologischen Fälscher mit seinem politischen Liebling. Er beugt, in einer Geste der Ehrerbietung, seinen Kopf vor Ahmadinedschad (s. Foto oben Links). Wisnewski schreibt unter anderem für den esoterischen und verschwörungsideologischen „Kopp-Verlag”, dort deutete er den Tod an der Demonstrantin Neda um, die im Juni 2009 von den Schergen des iranischen Regimes ermordet wurde.

Die Fotos der Reisegesellschaft wurden zu Propagandazwecken von der iranischen Nachrichtenagentur IRNA veröffentlicht. Der Trip dieser antisemitischen Allianz ging am 29.04.2012 seinem Ende entgegen. Wahrscheinlich werden bald die Reiseberichte der Ahmadinedschad-Groupies erscheinen. Dann gibt es dort neuen Lesestoff für Israel-Hasser und deutsche Pazifisten, die die neuen Märchen, etwa über Ahmadinedschad und das Regime, gerne lesen werden.

Update (01.05.2012): An der Reise war auch ein Landtagskandidat der FDP beteiligt. Mehr Informationen gibt es hier.

Updage (02.02.2012): Ein weiterer Reiseteilnehmer spricht auf seiner Internetseite von „mäch­ti­gen Juden” und „Glo­bal­heu­schre­cken” und empfiehlt zahlreiche nationalsozialistische Bücher. Mehr Informationen gibt es hier.

Die Werbefigur. April 26, 2012 | 08:42 pm

Die „Partei der Vernunft” (PDV), deren Vorsitzender Oliver Janich eng in das Milieu der „Truther” und „Infokrieger” eingebunden ist, ließ vor einiger Zeit einige Werbeclips produzieren, die die „Köpfe der Partei” zeigen sollen. Zu sehen sind einige einfache Partei-Mitglieder, die auf diese Weise Werbung für die kleine Gruppierung betreiben. Die Gruppierung tritt zu den Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen an und ist auch daher auf Werbung angewiesen. „Mitglieder stellen sich vor”, wirbt die Partei auf ihrer Internetseite. In der Partei-Gemeinschaft würden „Unternehmer, Gewerkschafter und Betriebsräte Hand in Hand mit Mangern arbeiten”, lautet die Vision der Partei. Im ersten Werbe-Video der Partei ist Marco Wüst zu sehen. Er lebt im niedersächsischen Stade und betreibt dort einen Laden namens „El Alkazar”. Im Werbevideo der Partei wird er als Kleinunternehmer inszeniert, der mit seinen Kund_innen über Politik und die Welt spricht. Außerdem fürchtet er sich vor einer angeblich drohenden Diktatur, den Vertrag von Lissabon beschreibt er im Werbe-Video als „Ermächtigungsgesetz”. Wüst verharmlost auf diese Weise das historische Ermächtigungsgesetz, mit dem die sich die nationalsozialistische „Volksgemeinschaft” eine rechtliche Grundlage gab. Im PDV-Video schwadroniert Wüst außerdem von „linken und rechten Faschisten”, unterlegt ist das ganze mit krachenden Gitarren, denn Wüst ist oder war irgendwann einmal Punker und hat sich in einer Geste der vermeintliche Rebellion die Haare gefärbt.

„Die Partei der Vernunft” unternimmt hier den offensichtlichen Versuch, sich als Alternative zu den bürgerlichen Parteien zu inszenieren. Das Video wurde im Dezember 2011 ins Internet gestellt, bereits damals war offensichtlich, was für kruden Theorien der Piercer und Tätowierer ansonsten verfallen ist. Ein Blick in sein öffentlich-zugängliches Facebook-Profil verrät, dass sich Wüst für die Verschwörungsrapper der Band „Die Bandbreite” und für die „Bösen Onkelz” begeistert. Der Parteivorsitzende Oliver Janich ist wie viele weitere Partei-Kader ein Facebook-Freund der Werbefigur.

Weitere Themen, die das Interesse des Marco Wüst geweckt haben, sind unter anderem angebliche „Chemtrails” und „Impfungen”. Auf seiner Seite leugnete er er die Gefährlichkeit der Infektionskrankheit HIV und veröffentlichte hunderte Propaganda-Videos der Verschwörungsszene.„Ufos hingegen existieren sehr wohl”, glaubt Wüst. Er warnte dort im vergangenen Jahr eindringlich vor dem Gebrauch von Zahnpasta, vor Fernseher-Konsum und vor McDonalds. Marco Wüst glaubt außerdem, dass die Bundesrepublik kein realer Staat, sondern eine Firma sei. Mit derartigen Theorien dockt er an die Szene der selbsternannten „Reichsbürger” an. Diese oftmals esoterischen und antisemitischen „Reichsbürger” glauben, dass das „Deutsche Reich” noch existiert. Sie produzieren recht phantasievolle Pseudo–Pässe und kuriose Nummernschilder. Es gibt mehrere konkurierende Reichskanzler, die „kommissarische Reichsregierungen” geschaffen haben. Die Instituionen der Bundesrepublik werden nicht anerkannt, stattdessen berufen sich die „Reichsbürger” auf ihre jeweilige „Reichsregierung”, von denen gleich mehrere Dutzend existieren.

Was sich wie ein schlechter Witz anhört, ist durchaus ernst gemeint. Viele „Reichsbürger” setzen auch andere Traditionen des „Deutschen Reichs” fort. So auch Marco Wüst, der eben auch eine Werbefigur der „Partei der Vernunft” ist. Wüst ist einem rasenden Antisemitismus verfallen und leugnet den Holocaust. In einer von ihm veröffentlichten Notiz gibt er einen wüsten Einblick in sein krudes Weltbild. Dort propagiert der Tätowierer nicht mehr und nicht weniger als die nationalsozialistische „Rassenkunde”: „Nur die 3 % Mizrahi-Juden (…) sind demnach echte Juden”. Wüst schreibt außerdem von „Ashkenazi Juden, (…) zu denen neben den führenden global agierenden Banken-Mafia ‘Clans’  (…) auch viele internationale und deutsche Politiker gehören, die dies immer verschleiert haben (Hillary Clinton, Helmut Kohl, Albright, Holbrook etc)”. Diese seien — so Wüst im Wahn — die „Nachfahren von Turkvölkern und Kaukasiern , also wenn man es überspitzt formulieren würde, die Nachfahren der mongolischen Horden und ihrer pan-europäischen Vergewaltigungsopfer”. So hetzt ein Antisemit, der zugleich als Werbefigur der „Partei der Vernunft” dient. Marco Wüst leugnet in seiner Raserei auch den Holocaust. Wüst schreibt nicht nur dort vom „sog. Hollowco$t” und jammert darüber, dass Holocaust-Leugner mit strafrechtlichen Konsequenzen zu rechnen haben.

Die verschwörungsideologische Propaganda des Parteivorsitzenden Oliver Janich, der den 11. September umdeutet, hat den Verschwörungsfan aus Stade zumindest zeitweilig begeistert. Die „Partei der Vernunft” hat dieser Hetzer wie andere Partei-Kader wieder verlassen, nachdem der damalige Landesvorsitzende Michael König einen „autoritären und hierachischen Führungstil” des Bundesvorstands kritisiert hatte. Doch bereits als Parteimitglied füllte der Aktivist seine Pinnwand mit antisemitischer Propaganda über „die Rothschilds”, mit den Reden Ahmadinedschads und mit Bildern von angeblichen „Chemtrails”. Bis heute dient Wüst als Werbefigur der „Partei der Vernunft”. Er ist mit zahlreichen Partei-Kadern befreundet und bedauert die „diverenzen”, die zur Trennung führten. Nun macht Wüst für eine Gruppierung der „Reichsbürger” Politik. Für den ersten Mai 2012 ruft er zu einer Versammlung im örtlichen „Ratskeller” auf. Es ist der „Stammtisch” eines „Reichsbürgers”, für die die Werbefigur der „Partei der Vernunft” mobilisiert. Er lädt zum „Stammtisch Stade”, um über die „Rechtslage” der BRD zu schwadronieren.

Das Flugblatt, das Wüst auch über die örtliche Occupy-Seite bewirbt, die der umtriebige Antisemit augenscheinlich ebenfalls betreibt, verweist auf einen weiteren „Reichsbürger”, mit dem Wüst nun zusammenarbeitet. Es handelt sich um Mustafa Sürmeli, der ebenfalls in Stade lebt und seit Jahren in der Szene der „Reichsbürger” aktiv ist. Sürmeli fungiert unter anderem als „Präsident der Kommission für die Wirksamkeit der Behörden” und als „Hochkommissar der Menschenrechte”. Er glaubt ebenfalls, dass die Bundesrepublik im „Grunde eine Firma” sei und hat mehrere Pseudo-Institutionen, wie das „Deutsches Amt für Menschenrechte”, gegründet. Sürmeli bildet „Missionare” und „Kommissare” in speziellen Seminaren aus und hat Fantasie-Ausweise geschaffen, die die Mitglieder der Bewegung tragen. Eine fünftägige Ausbildung zum „Kommissar“ soll ganze 500 Euro kosten. Die Veranstaltung des Marco Wüst wird auf mehreren Internetseiten des „Reichsbürgers” Sürmeli erwähnt, auf einer seiner Internetseiten, die in schwarz-weiß-roten „Reichsfarben” unterlegt ist, wird die Veranstaltung in einem „Rundbrief” beworben und Wüst als Ansprechpartner benannt (PDF).

Während Marco Wüst auf der einen Seite bis heute als Werbeträger für die „Partei der Vernunft” dient, bewirbt er auf der anderen Seite den Alptraum des „Deutschen Reiches”. Die „Partei der Vernunft” leistet sich also einen Werbeträger, der nun den Holocaust leugnet, von der „BRD-GmbH” faselt und vom „Deutschen Reich” träumt. Vielleicht wird die Partei in Zukunft auf ihren Werbeträger verzichten, das Video ist aber bis heute im offiziellen Youtube-Kanal der Partei zu finden.