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Where is an alternative? April 28, 2017 | 02:57 pm

Im November des letzten Jahres hat die Leipziger Gruppe The Future is unwritten (assoziiert im Ums-Ganze-Bündnis) eine Veranstaltungsreihe unter dem Titel „Where is an Alternative“ durchgeführt. Es ging dabei darum, Modelle einer bedürfnisorientierten Produktionsweise zur Diskussion zu stellen. Wir dokumentieren im Folgenden die Mitschnitte der Vortragsreihe. Zusätzlich stellen wir die Interviews zur Verfügung, mit denen Radio Corax die Veranstaltungsreihe begleitet hat.

1.) Einführung in die Veranstaltungsreihe & Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung

Im Vorfeld der Veranstaltungsreihe hat Radio Corax ein Interview mit einem Genossen von The Future is unwritten geführt. Einerseits ging es um die Veranstaltungsreihe insgesamt, andererseits wurde schon recht ausführlich auf den ersten Vortrag der Reihe eingegangen.

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Im Eröffnungsvortrag haben zwei Mitglieder der Gruppe dann zunächst einige grundlegende Gedanken referiert, was für sie im Wesentlichen eine gelungene Kapitalismuskritik ausmachen muss. Dabei begründen sie auch, warum es für sie notwendig ist, sich schon jetzt Gedanken über Alternativen zum Bestehenden zu machen. Anschließend gehen sie zum eigentlichen Thema des Abends über: Das Buch „Grundprinzipien kommunistischer Produktion und Verteilung“ der Gruppe Internationaler Kommunisten Hollands (GIKH – siehe auch hier) von 1930. Dabei geht es einerseits um deren Kritik des Staatssozialismus und andererseits um ihre Vorstellung, wie Produktion und Verteilung durch eine Arbeitszeitrechnung aufeinander bezogen werden können. In der Diskussion folgen viele skeptische Nachfragen.

Grundprinzipien Kommunistischer Produktion und Verteilung – Gruppe Internationale Kommunisten Hollands

Die raetekommunistische Tradition mit ihren Anfaengen bei Rosa Luxemburg bis zu den Hollaendischen Raetekommunisten kann aus heutiger Sicht als einer der progressivsten linken Stroemungen aufgefasst werden. Vom Widerstand gegen den ersten Weltkrieg bis zur fruehen Kritik des Bolschewismus und des Stalinismus haben sie die trotz der Wirren des politischen Zeitgeschehens richtige politische Entscheidungen getroffen. Hochinteressant fuer die heutige linke Perspektive ist insbesondere, dass die Positionen der Raetekommunist*innen â wie der Name schon verraet sich aus ihren Ideen zur revolutionaeren Umorganisation der gesellschaftlichen Produktion speist, die im Gegensatz zu entsprechenden Ideen ihrer Zeitgenoss*innen standen. Solche Ideen scheinen heute vergessen, erschoepft sich heutige linke Politik doch in systemimmanenten Verbesserungen oder der blossen Ablehnung des Kapitalismus.

Um dem entgegenzuwirken, moechten wir in diesem Vortrag die Grundprinzipien Kommunistischer Produktion & Verteilung der Gruppe Internationale Kommunisten Hollands vorstellen, kritisieren und mit euch diskutieren. Mit direktem Bezug auf Marx entwerfen die Hollaendischen Raetekommunisten hier ein Bild einer beduerfnisorientierten Oekonomie, das auf der Vergesellschaftung der Produktionsmittel und der Arbeitszeitrechung beruht. Durch die Bestimmung eines exakten Verhaeltnisses zwischen Produzent und Produkt soll die Autonomie der einzelnen Produzent*innen ueber die Produktion gewahrt werden, ohne dass sich ein repressiver Apparat ueber sie erhebt.

Der AK Kommunismus ist ein Arbeitskreis innerhalb der kommunistischen Gruppe the future is unwritten aus Leipzig. Ziel des AK’s ist die Erarbeitung, Diskussion, Kritik und Verbreitung der Ideen zu einer beduerfnisorientierten Ãkonomie als Teil eines linken Projekts zur progressiven Umwaelzung der Produktionsverhaeltnisse.

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2.) Vom Sozialismus zur Wirtschaftsdemokratie

Den zweiten Vortrag hat der Historiker Ralf Hoffrogge (u.a. Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland in der theorie.org-Reihe) gehalten. Im Vorfeld sprach Radio Corax mit ihm über die Forderung nach einer Demokratisierung der Wirtschaft und Aspekte der Arbeiterbewegung:

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Der Vortrag war dann im Grunde ein Überblick über bestimmte Strömungen der Arbeiterbewegung in Deutschland: Die Frühsozialisten und präkommunistische Genossenschaften; Schulze-Delitzsch, Ferdinand Lasalle, Augest Bebel, Karl Kautsky, Marx und die frühe Sozialdemokratie; der Kriegssozialismus während des 1. Weltkriegs und die Rätebewegung nach dem Krieg; und das Konzept der Wirtschaftsdemokratie in der Weimarer Republik. Am Ende versucht Hoffrogge die Vorteile und Beschränkungen des Genossenschaftsgedankens einzuholen.

Vom Sozialismus zur Wirtschaftsdemokratie? – Die ArbeiterInnenbewegung und ihre Forderung nach einer Demokratisierung der Produktion

Heute wird die Unterscheidung zwischen Sozialismus und Kapitalismus oft auf den Gegensatz zwischen »Staat« und »Markt« und das Gegensatzpaar »Planung« vs. »Freiheit« reduziert. Im Gegensatz zu dieser landlaeufigen Vorstellung spielte jedoch Demokratie in der Ideengeschichte des Sozialismus eine zentrale Rolle.

Denn seit Beginn der industriellen Revolution kaempfte die Bewegung der Arbeiterinnen und Arbeiter dafuer, die politische Demokratie auszuweiten: gefordert wurde das Frauenwahlrecht und das Ende diskriminierender Regelungen wie dem preussischen Dreiklassenwahlrecht, bei dem Waehlerstimmen nach Steueraufkommen gewichtetet wurden. Darueber hinaus ging es jedoch um die Demokratisierung der Produktion selbst: Bereits im 19ten Jahrhundert entstanden erste Kommunen und Produktivgenossenschaften, sozialistische Gewerkschaften forderten den vollen Arbeitsertrag. Im 20ten Jahrhundert folgten groessere Entwuerfe: Verstaatlichung, Sozialisierung, Raete- oder Wirtschaftsdemokratie. All diese Modelle strebten eine Demokratisierung der Produktion an, unterschieden sich jedoch stark in Reichweite und Taktik. Erdacht, umgesetzt – gescheitert, erreichten sie selten ihr wahres Ziel und veraenderten doch die Welt.

Der Vortrag von Ralf Hoffrogge stellt diese Konzepte am Beispiel der deutschen ArbeiterInnenbewegung vor. Danach ist Zeit fuer Diskussion: ist solidarische und sozialistische Oekonomie eine Utopie von Gestern, oder hat sie ihren Platz in den sozialen Kaempfen von Heute?

Ralf Hoffrogge ist Historiker und Autor der Einfuehrung „Sozialismus und Arbeiterbewegung in Deutschland“ aus der Reihe theorie.org (Stuttgart 2011). Er ist spezialisiert auf Biographien der Arbeiterbewegung, 2008 erschien sein Werk: Richard Mueller der Mann hinter der Novemberrevolution. Seine Dissertation: „Werner Scholem – eine politische Biographie (1895-1940)“ erschien 2014.

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3.) Commonismus – selbstorganisiert und bedürfnisorientiert produzieren

Innerhalb der Vortragsreihe wurde auch das Prinzip des Commons diskutiert – hierzu hat Christian Siefke referiert, der u.a. Autor der Plattform Keimform ist (einer Strömung der Commons-Bewegung, die einen wertkritischen Einschlag hat). Commons beschreibt einen Zusammenhang von Ressourcen, die gemeinschaftlich verwaltet werden. Leider liegt von diesem Vortrag kein Audiomitschnitt vor. Dafür gibt es ein Interview von Radio Corax, in dem Siefkes nach den Grundlagen der Commons-Produktion befragt wurde.

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4.) Commonismus statt Kommunismus?

Eine Kritik des Commons-Gedankens hat im Rahmen der Reihe Rüdiger Mats (Ex-Mitglied der Gruppe The Future is unwritten, Autor der Phase 2) formuliert. Einige Aspekte dieser Kritik hat er bereits im Vorab-Interview formuliert (dem Interview ist ein Einspieler vorangestellt, in dem Siefkes eine Definition von Commons gibt):

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Rüdiger Mats kritisiert in seinem Vortrag, dass die Commons-Idee keine politische Vermittlung denken kann, dass sie gesellschaftliche Konflikte und Interessensgegensätze ausblendet, dass sie letztlich nicht der Komplexität der modernen Gesellschaften entspricht. Dennoch kehrt er am Ende positive Aspekte von Commons hervor. Zuletzt kommt er auch nochmal auf den Eröffnungsvortrag zurück und skizziert eine Kritik der Rätekommunisten und deren Vorstellung von Arbeitszeitrechnung.

Commonismus statt Kommunismus? – Ueber ein Konzept libertaerer Oekonomie ohne Ausbeutung und Herrschaft – Vorstellung und Kritik

In den letzten Jahren werden vermehrt Konzepte von commons- oder peer-basierter Oekonomie diskutiert: Darin nutzen Menschen so genannte Commons, Gemeingueter, die niemandem gehoeren, sondern nur zur Nutzung vergeben werden. Es existiert kein Markt, es gibt keine Planbehoerde, die alles bestimmen darf immer wechselnde Kollektive tun auf Zuruf alles das, was getan werden muss. Ist das zu schoen, um wahr werden zu koennen? Das werden wir diskutieren.

Ruediger Mats promovierte zur Oekonomie des Realsozialismus und veroeffentlicht regelmaessig zu linken Politikkonzepten und zur Idee, Organisierung und historischen Defensive des Kommunismus. Er war bis 2016 Mitglied der kommunistischen Gruppe the future is unwritten aus Leipzig.

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Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 April 19, 2017 | 10:39 am

1.) Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921

Ende März 1921 riefen KPD und KAPD zu einem Generalstreik im Industriezentrum Halle/Merseburg und Leuna auf. Von Mitteldeutschland aus sollte diese Streikaktion an Masse gewinnen und Initialzündung für weitergehende revolutionäre Bestrebungen sein. Doch vergeblich – die besetzten Betriebe wurden von Schutzpolizei und Reichswehr niedergeschossen und tausende radikale Arbeiter wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese Ereignisse sind nicht nur wegen ihrer Folgen interessant – um die Gefangenen der Märzaktion freizukriegen, wurde erst die Rote Hilfe gegründet – sondern auch wegen ihres Vorlaufes: Die Neuordnung der linken Parteienlandschaft, das Verhältnis zur KomIntern und die Debatten um einen offensiven oder einen gemäßigten Kurs. Nicht zuletzt sind die mitteldeutschen Märzkämpfe interessant wegen der beteiligten Gruppierungen und Personen – etwa der rätekommunistischen KAPD und dem berühmten Max Hoelz.

Auf Radio Corax ist im März 2017 ein ausführliches Feature erschienen, das die Ereignisse der mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 rekonstruiert. Zu Wort kommen hier Karsten Rudolph (Historiker, Institut für Soziale Bewegungen an der Ruhr Uni), Stefan Weber (Historiker), Norbert Marohn (Autor) und Seb Bronsky (Kommunist).

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2.) Zum Leben und Wirken des Max Hoelz

Ergänzend zum Feature ist in der April-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge ein ausführliches Interview mit Norbert Marohn über Max Hoelz gesendet worden. Norbert Marohn hat eine Hoelz-Biographie geschrieben: Hoelz. Biographie einer Zukunft, erschienen im Lychatz-Verlag. Das Interview behandelt die Kindheit von Max Hoelz, dessen Politisierung durch den Ersten Weltkrieg, seine revolutionären Betätigungen und schließlich seinen Aufenthalt in der Sowjetunion, der mit dem Tod in der Oka endete. Zu hören sind außerdem O-Töne aus den Filmen Max Hölz, der Revolutionär und Wolz. Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten.

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Kunst, Spektakel & Revolution N°5 April 4, 2017 | 05:13 pm

Beiträge zur Kritik der Gewalt

Wir haben immer wieder die Vortragsmitschnitte aus der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution dokumentiert. Seit einiger Zeit haben im Rahmen dieses Formats keine Vorträge stattgefunden – trotzdem ist im letzten Jahr eine weitere Ausgabe des gleichnamigen Magazins erschienen, die sich schwerpunktmäßig um einen kritischen Begriff von Gewalt bemüht hat. Um diese Ausgabe herum sind einige Radiobeiträge entstanden, die wir im Folgenden dokumentieren.

1.) Nachrichten aus dem beschädigten Leben

Das Sendungsformat „Nachrichten aus dem beschädigten Leben“ bei Radio Corax hat die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution vorgestellt, wobei einer der Mitherausgeber zu Wort kommt. Es wird allgemein über das Thema Gewalt gesprochen.

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2.) Dem Schmerz ein Menschenopfer

Im Rahmen einer Gemeinschaftssendung von FSK und Radio Corax hat die KSR-Autorin Susann Offenmüller ein Interview zu ihrem Text »Dem Schmerz ein Menschenopfer – Die Gewalt im Begriff der Postmoderne« gegeben. Sie geht dabei insbesondere mit einem psychoanalytischen Blick auf die Gewalt im Subjektivierungsprozess ein.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:30 min; 18,5 MB)

3.) Missverständnisse über Kulturindustrie

In der gleichen Radiosendung hat auch Jakob Hayner ein Interview gegeben. Er hat in der KSR N°5 über „Missverständnisse über Kulturindustrie“ gesprochen. Er kontextualisiert den Begriff der Kulturindustrie innerhalb der „Dialektik der Aufklärung“ von Adorno und Horkheimer und grenzt ihn von anderen Begriffen ab, etwa von dem der Massenkultur.

    Download: via AArchiv (mp3; 13:05 min; 17,9 MB)

4.) Wutpilger-Streifzüge: Zur Kritik der Gewalt

In einer Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge im Dezember 2016 wurde ein längeres Feature gesendet, das auf der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution basiert. Es kommen darin Roger Behrens, Jakob Hayner, Susann Offenmüller und Lukas Holfeld zu Wort. Unter anderem enthält es Auszüge aus einem Mitschnitt einer Heftvorstellung in Hamburg. Das zugrundeliegende Interview mit Jakob Hayner bezog sich auf eine weitere Publikation zu einem ähnlichen Thema: „Grenzsteine – Beiträge zur Kritik der Gewalt“ (Edition Text und Kritik). Es enthält außerdem Passagen aus der Ausgabe 63/2015 der wertkritischen Zeitschrift „Streifzüge“, die sich ebenfalls dem Thema Gewalt gewidmet hat.

    Download: via Mediafire (mp3; 1 h; 96,1 MB)

5.) Wutpilger-Streifzüge: Destruction of RSG-6

Die JanNovemberuar/2016-Ausgabe von Wutpilger-Streifzüge hat sich ebenfalls der fünften Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution gewidmet. Sie enthält einen Vortrag von Lukas Holfeld über die Ausstellung „Destruction of RSG-6″, die im Jahr 1963 von der Situationistischen Internationale in Odense (DK) organisiert wurde. Der Vortrag ist eine Einführung in die Theorie der Situationisten (mit einem Fokus auf deren Verhältnis zur Kunst), schildert Aspekte des kalten Krieges und beschreibt die genannte Ausstellung.

Destruction of the RSG-6

Oder: Wie man die Kunst mit den Mitteln der Kunst zerstört

Im April 1963 veröffentlichte die britische Aktivisten-Gruppe „Spies for Peace“ die Existenz eines geheimen Atomschutzbunker-Systems, das ausschließlich für Mitglieder der britischen Regierung reserviert war: Die „Regional Seats of Government“ (RSG). Mitglieder der Gruppe selbst waren in den RSG-6 in Reading eingebrochen und hatten dort die Pläne der übrigen Bunker gefunden. Die Gruppe veröffentlichte ihre Funde in einer Broschüre, die weltweit für Aufmerksamkeit sorgte und einen enormen Mobilisierungsschub für die außer-parlamentarische Abrüstungs-Bewegung nach sich zog. Im Juni 1963 eröffnete die Situationistische Internationale eine Ausstellung, die mit dem Titel „Destruction of RSG-6″ überschrieben war. Offensichtlich nahm die marxistische, post-surrealistische Gruppe Bezug auf die Funde in Reading. Aber nicht nur das: Die Galerie zeigte den Stand einer Kritik der Kunst, die die S.I. in den Jahren zuvor erarbeitet hatte.

Der Vortrag gibt einen Einblick in die fünfte Ausgabe der Zeitschrift „Kunst, Spektakel & Revolution“ und erzählt die Geschichte der Ausstellung „Destruction of RSG-6″. Dabei werden Fotos von der Ausstellung gezeigt. Zugleich sollen Ansätze der kritischen Theorie der Situationistischen Internationale eingeführt werden. Die Ausgaben 3-5 von KSR können beim Vortrag erworben werden. [via]

    Download: via Mediafire (mp3; 1:30 h; 144 MB)

6.) KSR-Heftvorstellung in Berlin

Am 24.07.2016 wurde die fünfte Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution in Berlin im Laidak vorgestellt. Im Vortrag sprechen Julian Kuppe und ein Redaktionsmitglied, das den im Heft enthaltenen Beitrag von Olga Montseny vorstellt. Julian Kuppe umkreist in seinem Vortrag, wie im Spätkapitalismus bzw. in der Postmoderne Identität und Subjektivität prekär werden und was dies für Gesellschaftskritik und Psychoanalyse für Folgen hat. Der andere Vortrag geht ausgehend von den Hamburger Gefahrengebieten darauf ein, wie der Ausnahmezustand zunehmend ein normaler Bestandteil von Ordnungspolitik wird.

Es gibt keine Herrschaft ohne Gewalt. Die Gewalt sachlich vermittelter Herrschaft ist in den Institutionen verborgen und vollzieht sich als stummer Zwang der Verhältnisse. Offen zutage tritt sie in der Peripherie, an den Grenzen, gegenüber „beschwerdearmen Bevölkerungsgruppen“ und im Ausnahmezustand. Sichtbar wird sie auch in der Deformierung der (post)modernen Subjekte. Herrschaft zwingt ihren Gegnern die Frage der Gewalt auf – ist sie einmal in der Welt, muss mit ihr umgegangen werden. Die äußeren Bedingungen und die Wahl der Mittel entscheiden darüber, ob die Revolution ihr (im doppelten Sinne) erliegt. Die im Juli erscheinende fünfte Ausgabe der Broschüren-Reihe „Kunst, Spektakel & Revolution“ beschäftigt sich auf verschiedenen Ebenen mit der Gewalt der Verhältnisse. Wir wollen im Laidak gemeinsam mit mehreren Autoren einen Einblick in das Heft geben. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 1:04:47 h; 88,9 MB)

Wer darüber hinaus weiter hören möchte – die Homepage von Kunst, Spektakel & Revolution enthält auch ein ausführliches Archiv mit Audiodateien, die im Zusammenhang mit der Veranstaltungsreihe und dem Magazin stehen.

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Heimat Europa verraten December 26, 2016 | 11:58 am

Ein Rückblick auf die EU im Jahr 2016

Wir dokumentieren im Folgenden ein Feature aus dem Hause Radio Corax, das sich mit den Verschiebungen auseinandersetzt, die sich im zurückliegenden Jahr innerhalb der EU ergeben haben. Es geht dabei um die Geschichte und die Bewertung der EU als supranationales Projekt, die Rolle der Staaten, die im Zuge der Osterweiterung 2004 beigetreten sind, die Debatte um die europäische Flüchtlingspolitik, den Brexit, den recht(sextrem)en Bezug auf Europa und eine linke Kritik der EU. Als Sprecher sind dabei zu hören: Uli Schuster (Simon-Dubnow-Institut Leipzig, Roter Salon), Rainer Trampert („Europa – Zwischen Weltmacht und Zerfall“), Thomas Konicz (Konkret, Streifzüge, „Aufstieg und Zerfall des Deutschen Europa“), Peter Schadt (keinort.de), Usama Taraben (Gegenstandpunkt), Georg Seeßlen (zusammen mit Markus Metz: „Hass und Hoffnung – Deutschland, Europa und die Flüchtlinge“), Jörg Kronauer (German Foreign Policy) und Andreas Peham (Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstands).

    Download: via AArchiv | via Mediafire (mp3; 172,95 MB; 1 h 48 min)

Die 53. Ausgabe der Zeitschrift „Phase 2“ (Sommer 2016) setzt sich ebenfalls mit einer linken Perspektive auf Europa auseinander.

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Twitter und Newfeed November 17, 2016 | 05:45 pm

Seit Jahren plaziere ich Beiträge, zumeist aus dem Öffentlich-Rechtlichen und aus den freien Radios, auf Twitter. Seit einiger Zeit weise ich dort auch auf Vortragsaufzeichnungen hin, da das „Bloggen“ hier stark nachgelassen hat. Zwischenzeitlich nutzte auch delicious.com als social bookmarking-Dienst, weil dort noch News-/RSS-Feeds zu haben waren, nachdem Twitter sie bei sich abschaffte (Scheißverein). Nun sind Newsfeeds sicherlich die bessere und offenere Lösung, verglichen mit einem kommerziellen Kurzmitteilungsdienst. Ich habe mich daher gerade wieder nach einem RSS-Parser für Twitter umgesehen und folgende Lösung gefunden, die hoffentlich eine Weile hält:

  • Das Twitter-Widget ist aktualisiert worden: unten in der rechten Spalte unter (bzw. anstelle von) „Zuletzt geschrieben“. Es wird allerdings von Browserplugins aus guten Gründen gerne blockiert. Ich habe deshalb noch den Link auf das Twitterkonto an derselben Stelle hinterlegt
  • Diesen Link könnt ihr in euren Feed-Reader einspeisen: https://twitrss.me/twitter_user_to_rss/?user=aarchiv.
  • Delicious hat einige Umstrukturierungen erlebt und scheint wenig funktional.
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Arnold Paucker im Gespräch May 9, 2016 | 08:01 am

Arnold Paucker war langjähriger Direktor des Londoner Leo-Baeck-Institutes, welches die Erforschung und Bewahrung der Erinnerung des deutsch-sprachigen Judentums zur Aufgabe hat. Hanno Plass (u.a Beatpunk) hat für den FSK Hamburg 2010 mehrere Interviews mit Paucker geführt, deren Zusammenschnitt nun als zweistündige Sendung vorliegt. Beweggrund für die Sendung war auch, diejenigen, die mit Bewußtsein das 20. Jahrhundert und auch dessen für die Gegenwart prägenden Zäsuren miterlebt haben, zu diesen und sich zu Wort kommen zu lassen.

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Gesellschaftskritik – Subjekt – Psychoanalyse December 20, 2015 | 01:52 pm

EXIT!-Seminar 2015

Nachdem von verschiedenen Seiten bereits großes Interesse an den Mitschnitten des diesjährigen Seminars der Gruppe EXIT! bekundet worden ist, möchte ich die Beträge von Anselm Jappe und Daniel Späth an dieser Stelle dokumentieren. Mit dem Rahmenthema »Psychoanalyse« hat sich die Gruppe einem Dimension von Gesellschaftskritik zugewandt, dessen weitgehende Abwesenheit in der Wertkritik von Seiten anderer Strömungen oft bemängelt worden ist. Im Zentrum stand der Begriff des Narzissmus als Sozialcharakter der Gegenwart und als Struktmerkmal des bürgerlichen Subjekts überhaupt.

Die Aufzeichnungen sind im mp3- und ogg vorbis-Format auch auf archive.org zu finden.

1. Johanna Schmidt: Gesellschaftskritik und Psychoanalyse. Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse – der Einstiegsvortrag ist bereits hier dokumentiert.

2. Anselm Jappe: War alles Descartes‘ Schuld? – Einige Betrachtungen zum Verhältnis von Narzissmus und Warenfetischismus

Der Narzissmus gehört zum postmodernen, neoliberalen Kapitalismus wie die klassische Neurose zum Kapitalismus der Aufstiegsphase: diese Ansicht ist mittlerweile recht verbreitet. Aber meistens wird »Narzissmus« nur als übertriebenes Selbstwertgefühl verstanden. Eine weitergehende, sich z. T. auf Christopher Lasch stützende Interpretation sieht darin eine Regression auf archaische, frühkindliche Stadien. Lasch selbst bringt diese Regression in Zusammenhang mit dem postfordistischen, konsumorientierten Kapitalismus, so wie auch neuere Autoren (Götz Eisenberg, Neo-Lacanianer in Frankreich). Das reicht aber nicht. Der Narzissmus, im Sinne der Abwesenheit echter Objektbeziehungen, ist eng mit der abstraktifizierenden Wertlogik verknüpft, die von jedem Inhalt absieht . Dieser Zusammenhang besteht bereits seit Descartes‘ »Cogito ergo sum« und seiner »Weltlosigkeit«, aber zeigt sich erst heute in seinem ganzen Destruktionspotential.

3. Daniel Späth: »Kritik durch Deutung« – Wert-Abspaltungs-Kritik, Psychoanalyse und die Irrationalität des narzisstischen Zerfallssubjekts

Fünfundzwanzig Jahre ist es mittlerweile her, dass die radikale Krisentheorie mit dem »Kollaps der Modernisierung« (Robert Kurz) sich innerhalb der linken Publizistik und ihrer Reaktionen auf den Zusammenbruch der Sowjetunion positionierte. Dass der ökonomische Ruin des Staatssozialismus der Vorschein einer tiefer liegenden Krise des gesamten Weltkapitals sein könne, diese These stand quer zur krisentheoretischen Abrüstung des Linksradikalismus. Verblasste, bedingt durch die postmoderne Wende, auch bei den orthodox-marxistischen Teilen jedweder Bezug auf akkumulationstheoretische Begründungen, um die objektivierte Fetischkonstitution in bloße politische Kräfteverhältnisse und Wechsellagen aufzulösen, musste die Reformulierung der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie auf der Höhe der Zeit von Anfang an verdächtig erscheinen.

Wurde die radikale Krisentheorie zunächst auch und gerade von linksradikaler Seite totgeschwiegen, konnte sie doch über ihren krisentheoretischen Kern hinaus Einfluss in der Linken gewinnen, sodass die Ignoranz von der Denunziation abgelöst wurde: Kapitalismus und objektive »innere Schranke« (Marx)? Ihr habt sie doch nicht mehr alle! Zu allem Unglück erfasste die objektive »innere Schranke« des Weltkapitals spätestens seit 2008 in vollem Umfang, sodass selbst die in konkretistischer Manier immerzu angeführte Empirie nur noch schwer gegen die radikale Krisentheorie ins Feld geführt werden kann. Seitdem sind Ignoranz und Denunziation gegen die radikale Krisentheorie von ihrer eklektizistischen Aneignung abgelöst werden, wodurch Versatzstücke der radikalen Krisentheorie in dem zur Szene verkommenen Linksradikalismus herumgeistern, ohne dass auch nur einer kategorialen Krise des Kapitals oder die daraus erwachsenden Implikationen in Bezug auf die Verwahrlosung des postmodernen Zerfallssubjekts in irgendeiner Form ernsthaft in Betracht gezogen würden.

Die aus Sicht der Wert-Abspaltungs-Kritik paradoxe Gegenläufigkeit, dass einerseits die Theorie einer fundamentalen Krise des Kapitals durch die europäische Krisenverwaltung ungemein an Brisanz gewinnt, andererseits die Linke aber noch nie so weit wie heute davon entfernt war, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit ihr auch nur im Ansatz zu versuchen, drängt geradezu zu einer psychoanalytischen Kritik dieser grunsätzlichen Krisenaversion. Der postmoderne Eklektizismus, dem sich auch die Linke leidenschaftlich verschrieben hat, wirft sich auf jede noch so konträre Auffassung, um ihr durch Einverleibung den Stachel der Kritik zu ziehen. Diese irrationale Aversion gegen die Krisentheorie, die wie kein anderer Affekt für die gedankliche Selbstauslieferung des Linksradikalismus an die fetischistischen Systemgesetzte steht, bedarf einer kritischen Aufarbeitung; und das umso mehr, da der Versuch des Unschädlich-Machens radikaler Krisentheorie nur der zugespitzte Ausdruck einer Erosion des Linksradikalismus ist, die wesentlich auch sozialpsychologisch konstituiert ist.

Allerdings ist diese psychosoziale Irrationalität des narzisstischen Sozialcharakters der Postmoderne nicht mehr mit den Kriterien der Marxschen »Kritik durch Darstellung« zu fassen. Mit dem Aufbrechen der objektivistischen Wertkritik und der Entstehung der Wert-Abspaltungs-Kritik konnte auch die psychoanalytische Ebene für die Kritik des postmodernen Zerfallssubjekts fruchtbar gemacht werden. Da die Psychoanalyse als eigener theoretischer Gegenstand einer wert-abspaltungs-kritischen Ausarbeitung bis heute harrt, muss sich die – in sich widersprüchliche – Integration der psychoanalytischen Ebene in die Wert-Abspaltungs-Kritik am inhaltlichen Begründungsanspruch messen lassen. In diesem Sinne wird der Vortrag versuchen, eine wert-abspaltungs-kritische »Kritik durch Deutung« von der Marxschen »Kritik durch Darstellung« abzugrenzen, um insbesondere in Bezug auf die Freudsche Theorie darzulegen, wie ihr als Konstitutionstheorie der psychischen Form sowohl kritische, als auch affirmative Momente eignen. Ein zweiter Teil wird auf dieser Basis die psychodynamischen Implikationen des narzisstischen Sozialcharakters ausleuchten, um so letztlich auch auf die sozialpsychologischen Schranken aufmerksam zu machen, die sich der radikalen Krisentheorie gegenüber auftun.

Ankündigungstext:

Einladung zum EXIT!-Seminar 2015

vom 16. – 18. Oktober in Mainz

Gesellschaftskritik – Subjekt – Psychoanalyse

Im Exit-Seminar 2015 soll es um den Themenkreis Gesellschaftskritik – Subjekt – Psychoanalyse gehen. Es reicht heute nicht aus, Zerfallsprozesse des kapitalistischen Patriarchats und eine entsprechende »Krise des Subjekts«, die sich immer mehr zuspitzen, vor allem ökonomisch und politisch zu analysieren – die gebrochene Totalität der Spätpostmoderne ist komplizierter. Das Problem des Verhältnisses von Wert-Abspaltungs-Kritik und Psychoanalyse ist dabei nach wie vor ungelöst und es kann wohl auch nicht im Sinne einer systemischen Eintracht zur Deckung gebracht werden; dazu sind die gesellschaftlichen Verhältnisse zu widersprüchlich. Mit Adorno sollte hier also keine Zwangsvereinheitlichung angestrebt werden. Den Schwerpunkt des Seminars bildet der Zusammenhang von (Spät)Postmoderne und narzisstischem Sozialcharakter, der schon seit Jahrzehnten einschlägige Teile der Linken umtreibt, ja mittlerweile geradezu zur Plattitüde geworden ist.

Mit dem psychanalytischen Blick auf die spezifische Verfassung des Subjekts in der Krise heute ergibt sich jedoch auch das Problem, in welches Verhältnis die von Marx vorgelegte »Kritik durch Darstellung« zur völlig anders verfahrenden freudschen »Kritik durch Deutung« aus Sicht der Wert-Abspaltungs-Kritik zu setzen ist. Ausgangspunkt für die Behandlung dieser Fragestellung ist, dass man/frau die fundamentale Krise und ein Zu-ende-gehen des Kapitalismus in der Linken immer noch häufig abwehrt, obwohl jede/r im Grunde genommen weiß (durch die Verlaufsformen der gnadenlosen Krisenverwaltung es zunehmend unleugbar wird), dass es so nicht weitergehen kann.

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Den leeren Himmel anrufen December 15, 2015 | 09:38 am

Adrian Lauchengrund hat nach diesem – über den Verlust der Utopie – ein weiteres Feature produziert. Darin geht es um „den medialen Raum als ideologische Form einer erst herzustellenden Öffentlichkeit, in der es tatsächlich um die Menschen und ihre Angelegenheiten ginge, entlang der Begriffe der Zerstückelung und der Zerissenheit“. Hier das Feature

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Der Widerspruch der Kunst November 1, 2015 | 09:50 am

Die aktuelle Ausgabe der Nachrichten aus dem beschädigten Leben (Corax) informiert über eine Buchveröffentlichung – unter dem Titel „Der Widerspruch der Kunst“ (u.a mit Beiträgen von Christoph Hesse, Roger Behrens,…) – über das Verhältnis von Kunst und Gesellschaftskritik in der Kulturindustrie.

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Einführendes zur Kritik des Nationalismus October 16, 2015 | 07:59 am

Es gibt Deutsche, die protestieren vor dem Flüchtlingsheim, wünschen die Ausweisung der Geflohenen und drohen unter Berufung auf die Parole »Wir sind das Volk«, für ihre Nation selbst Hand anzulegen. Und es gibt Deutsche, die empfangen Flüchtlinge am Bahnhof mit Applaus und Sachspenden und sind dann stolz auf Deutschland, weil Deutschland so barmherzig hilft. In den aktuellen politischen Wirrungen wird auf seltsame Weise besonders deutlich, wie unhinterfragt der Bezug auf die Nation in den meisten politischen Lagern ist. Grund genug, einige Vorträge zur Einführung in die Kritik des Nationalismus zusammenzustellen.

1.) Vortrag von Thorsten Mense

Einen sehr kompetenten und gut verständlichen Vortrag zur Einführung in die Kritik des Nationalismus hat Thorsten Mense (u.a. Autor bei Konkret, Jungle World) im Juni 2014 auf Einladung der Linken Liste Siegen gehalten. Er schildert die Geschichte des Begriffs der Nation und des Nationalismus (wobei er eine idealtypische Unterscheidung zwischen französisch-republikanischem und deutsch-kulturellem Nationalismus einführt), geht auf die Spezifik des Befreiungsnationalismus ein und gibt einen Überblick über die kritische Nationalismusforschung (hier hebt er Eric Hobsbawms Buch Nationen und Nationalismus hervor). Dann referiert er über Nationalismus als Ideologie, formuliert eine Kritik des Nationalismus und trägt noch einmal einige Aspekte des Nationalismus zusammen. Die »Linke Liste Siegen« hat im Nachgang des Vortrags eine Literaturliste zum Thema zusammengestellt. Auf der Homepage der Linken Liste gibt es zudem noch weitere interessante Vortragsmitschnitte.

Obwohl die Möglichkeiten grenzüberschreitender Kommunikation und transnationaler sozialer Beziehungen noch nie so groß waren wie heute, ging diese Zunahme globaler Gleichzeitigkeit keineswegs mit einem Abbau national begrenzter Wahrnehmung einher. Die Vorstellung einer Welt aus Völkern und Nationen bestimmt auch weiterhin das Denken und die Politik. Dabei sind Nationen keineswegs naturgegebene Einheiten, sondern von den Menschen selber geschaffene soziale Konstruktionen, die gerade mal 200 Jahre alt sind. In seiner jungen Geschichte führte Nationalismus sowohl zur Befreiung als auch zu Massenmord, zur kollektiven Einforderung gleicher Rechte als auch zur Verweigerung derselben Rechte gegenüber anderen Kollektiven. Vor allem aber dient er als ideologische Grundlage für die Legitimation des Ausschlusses und der Gewalt gegenüber den „Anderen“; als Zwangskollektiv lässt die Nation dabei auch die „Eigenen“ nicht in Ruhe. Wie kommt es aber, dass die Menschen bis heute massenhaft bereit sind, für diese „kümmerlichen Einbildungen der jüngeren Geschichte“ (Benedict Anderson) zu töten, zu sterben oder sich sonstwie aufzuopfern?

In dem Vortrag wird die Entstehung und Entwicklung des Nationalismus nachgezeichnet und aufgezeigt, welche Funktionen er in der widersprüchlichen Moderne erfüllt. Darauf aufbauend soll eine Kritik entwickelt werden, die seinen vielfältigen Erscheinungsformen gerecht wird. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 68 MB; 1:14:17 h) | via archive.org (verschiedene Formate)

2.) Vortrag von Junge Linke gegen Kapital und Nation

Vor einigen Jahren hat die ARAB einen »Erkenntnistag« organisiert, um mal ein bisschen Theorie unter die Gefolgschaft zu bringen. Dafür haben sie sich u.a. einen Vertreter von Jimmy Boyle Berlin / Junge Linke gegen Kapital und Nation eingeladen, der einige Grundlagen zur Kritik des Nationalismus vorgetragen hat. Er fragt danach, wie die nationale Gemeinschaft vorgestellt wird, wie stimmig diese Vorstellung ist und was sie zusammenhält. Dann geht es um das reale Verhältnis der Menschen zum Staat und warum man sich nicht positiv darauf beziehen sollte. So werden verschiedene Formen des Patriotismus/Nationalismus durchgegangen. In der Diskussion geht es dann recht grundlegend darum, was man denn eigentlich tun soll. Texte der Gruppen gegen Kapital und Nation zum Thema Nation und Nationalismus gibt es hier.

    Download: Vortrag (via AArchiv; mp3; 38.1 MB; 41:36 min) | Diskussion (via AArchiv; mp3; 49.6 MB; 54:12 min) | via archive.org (verschiedene Formate)

3.) Vortrag von Roger Behrens

Im Rahmen der Intros (einer Einführungs-Veranstaltungsreihe der Gruppen [a²]-Hamburg, Kritikmaximierung und dem FSK) hat Roger Behrens am 08.12.2011 einen einführenden Vortrag zum Begriff der Nation und zur Kritik des Nationalismus gehalten. Er skizziert vor allem, wie die Idee der Nation aus der Aufklärung und aus dem sich emanzipierenden Bürgertum heraus entstand und wie sich parallel dazu die Ideen von Volk, Gemeinschaft, Gesellschaft und Politik entwickelten. Er fasst Nationalismus als Ideologie der Herrschaftslegitimation und geht am Ende auf neue Formen des Nationalismus ein, die er vor allem als Subjektivierung der Nation fasst.

In diesem Intro geht es um die Kritik des Nationalismus, aber auch die grundsätzliche Frage, was überhaupt Nation und warum sie ein Problem ist. Die Einführung versteht sich historisch und systematisch: Einerseits versucht sie zu klären, warum eine Kritik des Nationalismus immer auch eine Kritik der Nation ist; andererseits soll diese Kritik anhand der Geschichte des Nationalismus bzw. der Geschichte der Nation (des modernen Nationalstaats) formuliert werden. Kritik des Nationalismus ist, auch in Bezug auf seine gegenwärtige Realität und Ideologie, immer Kritik der konkreten gesellschaftlichen Verhältnisse; dafür sollen weitere, für die Moderne fundamentale Begriffe wie Volk, Kultur oder Tradition in den Blick genommen werden, aber auch Aspekte der Massenpsychologie, der so genannten Biopolitik und der Kritik der politischen Ökonomie. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 56.6 MB; 2:21:16 h) | via freie-radios.net
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Nationalsozialismus und soziale Frage October 14, 2015 | 07:58 am

Über den Antikapitalismus der alten und neuen Nazis

Im Rahmen einer kleinen Veranstaltungsreihe über den Nationalsozialismus der Falken Erfurt hat Joachim Bons (Uni Göttingen) einen Vortrag über den Antikapitalismus der Nazis gehalten. Diesen untersucht er anhand von Zitaten von Strasser, Göbbels und Hitler sowie aus dem Stürmer und dem Völkischen Beobachter (und am Rande auch aus aktuellen Nazi-Publikationen). Er plädiert dafür, den Antikapitalismus der Nazis nicht einfach als Demagogie abzutun und stellt gleichzeitig heraus, dass der NS-Antikapitalismus nicht die Überwindung des Widerspruchs von Kapital und Arbeit, sondern deren Versöhnung anstrebt.

Die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ beschwört den „nationalen Antikapitalismus“ und will den „Kapitalismus zerschlagen“ und bereits die Goebbels-Zeitung „Der Angriff“ präsentierte die Nazis als „Todfeinde des heutigen kapitalistischen Wirtschaftssystems“. Was ist von derartigen Aussagen von Parteien zu halten, die gleichzeitig das Privateigentum als naturgegeben anerkennen und dem „genial“ tätigen, wertschaffenden Unternehmer die Unentbehrlichkeit für Volk und Wirtschaft bescheinigen? Drückt sich hier ein genuin antikapitalistischer Impetus oder doch nur ein sozialdemagogisches Täuschungsmanöver aus oder wie sind derartige Aussagen sonst im Gesamtkontext (neo-) nationalsozialistischer Ideologie zu entschlüsseln? Wie war die soziale Frage eingebettet und welche Antworten wurden gegeben? Und nicht zuletzt, was können Gründe für die politische Wirksamkeit dieser Ideologie (gewesen) sein? Diese und weitere Fragen zu Ideologie und Politik des historischen und des akturellen Nazismus wollen wir gemeinsam diskutieren. Mit Joachim Bons aus Göttingen, der an der Uni Göttingen am Seminar für Politikwissenschaften zum Bereich Nationalsozialismus lehrt. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 79.4 MB; 1:26:42 h)
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Futuristische Hörspiele October 12, 2015 | 07:22 am

Freispiel ist eine Sendung auf Radio Corax, ein Podium für Ungewöhnliches im Radio, das sich früher möglicherweise Hörspiel nannte. In der Freispiel-Sendung vom 20.09.2015 ging es um die Ursprünge der akustischen Kunst – als sich das Geräusch von der literarischen Vorgabe löste und zum eigenständigen Bestandteil der Komposition wurde. Ralf Wendt (Radio Corax) leitete die Hör-Beispiele ein und Klaus Schöning (Studio Akustische Kunst, WDR) nahm eine historisch-wissenschaftliche Einordnung vor. Zu hören waren u.a. Marinetti, Russolo, Walter Ruttmann, Kurt Schwitters und Raoul Hausmann. Zuletzt wurden aktuelle Beispiele der Hörkunst vorgestellt. Eine hörens-werte Sendung. Der in der Sendung angekündigte Ausschnitt aus John Cages Roaratorio von 1979 ist in dem uns vorliegenden Mitschnitt der Sendung leider nicht enthalten. Roaratorio kann aber vollständig hier oder untenstehend angehört werden. Wer diesen Klängen etwas abgewinnen kann, dem sei die Schallplatten-Serie „An Anthology of Noise & Electronic Music“ empfohlen – schön gestaltet und mit kurzen, informativen Instruktionen zu den sorgsam ausgewählten Stücken.

    Download: via AArchiv (mp3; 75.7 MB; 47:14 min)

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Kritik der Knastgesellschaft October 9, 2015 | 11:22 am

Die Diskussion über Knastkritik und die gemeinsame Organisierung von Leuten drinnen und draußen ist weitestgehend aus den linksradikalen Zusammenhängen verschwunden – sie hatte (ähnlich wie die Psychiatrie-Kritik) in den 60′er und 70′er Jahren ihren letzten Höhepunkt. Wir dokumentieren hier einige aktuelle Beiträge zum Thema und freuen uns über Ergänzungen in der Kommentarspalte.

1.) Ein Jahr Gefangenengewerkschaft GG/BO

Am 01.10.2015 hat Oliver Rast von der Gefangenengewerkschaft GG/BO einen Vortrag im Berliner Café Kralle gehalten. Er hat im Vortrag über die Hintergründe der Gründung der GG/BO, über die Entwicklungen im Organisierungsprozess und über die Organisationsbedingungen der Gewerkschaft berichtet. Das Anarchist Radio Berlin hat den Vortrag dokumentiert.

Lohnarbeit im Gefängnis wird bewusst entrechtet und inhaftierte Beschäftige nicht als Arbeitnehmer*innen anerkannt. Trotzdem wird hinter Gittern ein exzessives Sozial- und Lohndumping betrieben um Auftraggeber*innen den Produktionsstandort Knast als attraktive Alternative oder sogar Sonderwirtschaftszone anzubieten.

Eine basisorganisatorische Gefangenen-Gewerkschaft macht bereits von Außen und Innen darauf aufmerksam und will mehr erkämpfen. Dabei wird der bisher sehr erfolgreiche Organisierungsprozess in den Knästen auf politischer und juristischer Ebene attackiert. Einblicke in die Arbeit der Gefangenen Gewerkschaft / Bundesweite Organisation – GG/BO sowie aktuelle Entwicklungen erfahrt ihr beim Tresen. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 63.3 MB; 1:10:15 h) | via archive.org (verschiedene Formate)

Beachtet auch, passend zum Thema, den Text „Ein Jahr Gefangenengewerkschaft – Eine Zwischenbilanz“ von Oliver Rast. Radio Corax hat mehrere Interviews mit Mitgliedern der Gefangenengewerkschaft geführt. So z.B ein Interview mit Oliver Rast, in dem es allgemein um die Gefangenengewerkschaft geht und ein Interview mit Gerd Rockmann über die Aktivitäten der Gefangenengewerkschaft in Sachsen-Anhalt.

2.) abrisse. Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen

2011 hat die Gruppe baul_ucken ein Buch unter dem Titel „abrisse. Innen- und Außenansichten einsperrender Institutionen“ bei Edition Assemblage herausgegeben. Das Buch wurde in engem Kontakt mit mehreren Gefangenen konzipiert, enthält Umfragen über das Thema Knast, einige theoretische Texte, sowie verschiedenen Sichtweisen von Gefangenen, Aktivist_innen aus verschiedenen Ländern und Antwält_innen, die über eine isolierte Betrachtung der Institution Gefängnis hinaus weisen. Am 12.10.2011 waren im Rahmen der Gegenbuchmesse zwei MitherausgeberInnen in der Klapperfeldstraße in Frankfurt zu Gast und haben das Buch dort vorgestellt. Zu Beginn werden O-Töne aus den Umfragen vorgespielt, dann geht es um die Entstehunsgeschichte des Buches und zuletzt wird ein Brief einer Gefangenen vorgelesen, der in dem Buch enthalten ist. In der Diskussion geht es eher grundlegend um Knastkritik und Alternativen zum Gefängnis.

    Download: via AArchiv (mp3; 76 MB; 1:46:49 h)

Eine Rezension des Buches gibt es hier. Im Vorfeld einer Buchlesung in Dresden hat Radio Corax ein Interview mit einem Mitherausgeber geführt, das hier nachgehört werden kann. Auf dem Blog der Gruppe baul_ucken findet sich auch ein Text von Albert Destinazero mit dem Titel „Warum Knastkritik? Selbstverständlichkeiten und Einsprüche. Zur Entstehungsgeschichte und Rechtfertigung des Gefängnisses“.

3.) Anti-Knast-Tage 2014 in Wien / Anarchistische Texte zur Knastkritik

Das Anarchistische Radio Wien hat in einer Sendung die Anti-Knast-Tage dokumentiert, die 2014 im Wiener EKH stattfanden. Gesendet wurden Ausschnitte aus den Vorträgen und Diskussionen, die auf den Anti-Knast-Tagen stattgefunden haben.

Von 7. bis 9. November 2014 fanden in Wien die Anti-Knast-Tage statt. An drei Tagen tauschten sich Interessierte zu diversen Kämpfen gegen Knast und Repression aus, es gab Diskussionen, Vorträge und Workshops, die sich sehr unterschiedlichen Themen widmeten. Einige Höhepunkte waren beispielsweise die Veranstaltung zur neu gegründeten Gefangenengewerkschaft in Deutschland oder ein Vortrag zur aktuellen Situation in den griechischen Knästen.

Diese Sendung fasst unvollständig und bruchstückhaft das Wochenende in Wien zusammen und gibt einen kleinen Einblick für alle, die nicht dabei sein konnten bzw. will mit den Audiomitschnitten allen Teilnehmer_innen die spannenden Vorträge in Erinnerung rufen. (via)

    Download: via Anarchistisches Radio (mp3; 76 MB; 56:57 min)

Das Anarchistische Radio hat außerdem in einer weiteren Sendung mehrere Texte zur anarchistischen Knastkritik eingelesen: Die Einleitung des Buches „Stein für Stein – Kämpfen gegen das Gefängnis und seine Welt“ von einer belgischen Gruppe und den Text „An wen richten wir uns?“ aus der italienischen Zeitschrift „Machete“.

4.) Die Unsichtbaren

Nanni Balestrini hat die Erfahrung der Knastkämpfe in Italien während und nach dem Bürgerkrieg in den 70′er Jahren in seinem Roman „Die Unsichtbaren“ literarisch verarbeitet. Auszüge aus diesem Roman wurden in der Juni-Ausgabe der Sendereihe „Wutpilger-Streifzüge“ vorgelesen (nach einer Besprechung des Buches „Den Himmel stürmen“).

    Download: via Mediafire (mp3; 140.8 MB; 1:42:31 h)

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Texte zur Kritik am Gefängnis (aus einer eher liberalen Warte) finden sich auf knastkritik.org. Ein grundlegendes Buch zum Thema ist „Sozialstruktur und Strafvollzug“ von Otto Kirchheimer und Georg Rusche. Grundlegend für die Anti-Knast-Bewegung war außerdem das Buch „Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses“ von Michel Foucault. Eine Tradition der Knastikritik hat sich vor allem im anarchistischen Milieu gehalten – die Download-Seite auf der Internet-Präsenz des Anarchist Black Cross Berlin stellt einige Zeitschriften der anarchistischen Knastkritik zur Verfügung. Die Broschüre „Die vernebelte Spur von Os Cangaceiros durch die soziale Pampa“ versammelt einige deutschsprachige Übersetzungen von Texten der „Totengräber“, einem in den 70′er und 80′er Jahren in Frankreich umherreisenden Kollektiv, das sich auch dem Kampf gegen die Knäste widmete. Weitere Literatur-Tips und Links zu Audio-Beiträgen zum Thema (ob historisch-materialistisch oder kritisch-genealogisch) können in der Kommentarspalte hinterlassen werden.

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Interview mit Eike Geisel über drei Berliner Ausstellungen September 25, 2015 | 08:16 pm

»Die Dummköpfe haben sich verdoppelt in dieser Stadt durch die Wiedervereinigung.«
(Eike Geisel über Berlin)

Der Journalist und Essayist Eike Geisel (1945-1997) war ein herausragender Kritiker der deutschen Ideologie. Er war ein Kritiker deutscher Geschichtspolitik, auch in ihrer beredsamen Variante, und deutsch-jüdischen Verbrüderungskitsches und denunzierte früh den Antisemitismus in der politischen Linken (auch in seiner philosemitischen Variante). Seine treffsicheren Polemiken sind auch dann heute noch lesenswert, wenn sie als Eingriffe in tagespolitische Debatten geschrieben waren. Auf archive.org findet sich ein Interview mit Eike Geisel, das Geert Lovink geführt hat. Darin spricht Geisel zum einen über die Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“, die 1991 im Berliner Gropius-Bau eröffnet worden war und deren Ausrichtung er scharf kritisiert hatte. Zum anderen spricht er über sein eigenes Buch „Im Scheunenviertel“ über das Berliner Scheunenviertel, das zwischen den beiden Weltkriegen ein Zuwanderungsort für osteuropäische Juden gewesen war, und über Geisels Ausstellung über den Jüdischen Kulturbund, auf dessen Geschichte er relativ ausführlich eingeht. Zuletzt spricht er über die damals eröffnete Gedenkstätte im Haus der Wannsee-Konferenz. Das Interview muss 1991 oder ’92 geführt worden sein – weitere Informationen über den Hintergrund des Gesprächs liegen mir leider nicht vor.

Bei Edition Tiamat ist in diesem Jahr unter dem Titel Die Wiedergutwerdung der Deutschen ein Buch erschienen, in dem zahlreiche Texte von Eike Geisel gesammelt sind. Darin ist auch der Text von 1992 in der konkret enthalten, in dem Geisel die Ausstellung „Jüdische Lebenswelten“ kritisiert hat.

Im Dezember erscheint ein Film über Geisel. Ein Ausschnitt bzw. Teaser ist hier zu sehen. Der Macher des Films hat uns freundlicherweise eine besser klingende Fassung des Interviews bereitgestellt. Der AArchiv-Link und die Hörfassung unten sind aktualisiert worden (13.10.2015).

    Download: via AArchiv (mp3; 56 MB; 1:01 h, HQ) | via AArchiv (zip/mp3, einzelne tracks, 140 MB, Super Qualität) | via archive.org (verschiedene Formate, schlechte Klangqualität)
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Die Verwirklichung der Poesie September 18, 2015 | 12:39 pm

Kunst, Spektakel & Revolution N°4

Ende 2014 ist die vierte Ausgabe der Zeitschrift Kunst, Spektakel & Revolution erschienen (herausgegeben vom Bildungskollektiv im Katzenberg Verlag). Das Heft dokumentiert und ergänzt den vierten Teil der gleichnamigen Veranstaltungsreihe in Weimar. Thema des Heftes ist die Poesie des 19. Jahrhunderts und ihr Verhältnis zu den revolutionären Bewegungen jener Epoche. Wir dokumentieren hier zum einen Vorträge, die bei Heft-Vorstellungen gehalten wurden und zum anderen die der Veranstaltungsreihe zugrundeliegenden Vorträge.

Die vierte Ausgabe dokumentiert den Veranstaltungsblock, der im Sommer 2012 unter dem Titel »Die Verwirklichung der Poesie« stattgefunden hat. Thema ist das Verhältnis von Poesie und Revolution – revolutionäre Poesie, Poetik der Revolution – im Laufe des 19. Jahrhunderts. Die beiden Wegmarken bilden dabei die Französische Revolution von 1789ff und den Aufstand der Pariser Commune von 1871. Jene Revolution und dieser Revolutionsversuch haben bestimmt, was in dieser Epoche möglich war, haben eröffnet, was künftig möglich sein würde und hinterlassen ein Erbe, das noch zu rächen sein wird – auch im Bereich der künstlerischen Produktion. Besprochen werden im Heft u.a.: Friedrich Hölderlin, Heinrich Heine, Rahel Varnhagen, Comte de Lautréamont, Arthur Rimbaud, Baudelaire und Blanqui, Richard Wagner, Louise Michel und die Frauen der Pariser Commune. (via)

Zur vierten Ausgabe von KSR

Interview mit Radio Dreyeckland

Einen kurzen Einblick in das Heft hat der Mitherausgeber Lukas Holfeld in einem Interview bei Radio Dreyeckland in Freiburg gegeben (via):

    Download: via AArchiv | via FRN (mp3; 21 MB; 9:03 min)

Lukas Holfeld im Gespräch mit Marcus Quent

Einen etwas ausführlicheren Einblick in das Heft hat Lukas Holfeld am 11.02.2014 im Leipziger Institut für Zukunft im Gespräch mit Marcus Quent (Engagierte Wissenschaft) gegeben. Sie sprechen über den Hintergrund der Veranstaltungsreihe und das Thema der Broschüre.

    Download: via AArchiv (mp3; 26.5 MB; 28:54 min)

Despotismus der Freiheit

Im Anschluss an das Gespräch hat Sebastian Tränkle einen Vortrag über Georg Büchner gehalten, ein Dichter, der gut in die vierte KSR-Ausgabe gepasst hätte, es aber nicht hineingeschafft hat. Tränkle arbeitet anhand Georg Büchners Dantons Tod den Widerspruch zwischen revolutionärer Moral und individuellem Glücksstreben heraus – um anschließend mit Bezug auf Oscar Wilde der Moral eine materialistische Absage zu erteilen. Dem Vortrag liegt ein Beitrag zugrunde, den Tränkle für das Buch Gewalt und Moral. Eine Diskussion über die Dialektik der Befreiung (Hendrik Wallat, Hg.) verfasst hat.

In Georg Büchners Dantons Tod (1835) wird ein zentrales Problem aller revolutionären Politik dramatisiert: Der Konflikt zwischen der ihr zugrunde liegenden Moral und dem Glücksstreben der einzelnen Individuen. Büchners Drama – in der Sprache so unerhört modern, dass man bisweilen meinen möchte, es nehme Brecht vorweg – seziert in geradezu ideologiekritischer Manier die jakobinischen Moralvorstellungen und ihren blutigen Konsequenzen. Aus der historischen Rückschau lässt das zur terroristischen Endzeit der Französischen Revolution situierte Stück gar Fluchtlinien hin zum Großen Terror des Stalinismus erkennen. Vor dem Hintergrund der beiden historischen Erfahrungen wird die Fragwürdigkeit eines jeden Ansatzes zu einer politischen Ethik deutlich. Mit einem Seitenblick auf Oscar Wilde soll ihr schließlich eine materialistische Absage erteilt werden: Dort wo nur für »die Sache« gekämpft wird, statt für das eigene Glück ist die Revolution schon an den Revolutionären gescheitert – oder zeitgemäßer formuliert: führt sich jeder Versuch zur Befreiung selbst ad absurdum.

Von Sebastian Tränkle ist jüngst ein Aufsatz zum Thema erschienen: »Polizeisoldat des Himmels. Über revolutionäre Moral und die Negation des individuellen Glücksanspruchs«, in: Hendrik Wallt (Hg.), Gewalt und Moral. Eine Diskussion der Dialektik der Befreiung, Münster: Unrast 2014. Der Vortrag möchte mit dem Essay auch das Buch vorstellen. Sebastian Tränkle ist als freier Autor tätig und lebt in Berlin. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 48.9 MB; 53:26 min)

Auguste Langlois schäumt nicht im Tuileriengarten

Bei der Release-Veranstaltung zu KSR#4 in der ACC Galerie Weimar hat Clemens Bach seinen in der Broschüre enthaltenen Artikel vorgestellt: es geht um den Begriff einer negativen Pädagogik in den Werken von Joris-Karl Huysmans und Comte de Lautréamont. Zuvor liest Lukas Holfeld einen Auszug aus der Einleitung des Heftes vor.

Am 30.10.2014 wird das Heft in der ACC Galerie vorgestellt und wird erstmals erhältlich sein. Außerdem stellt Clemens Bach die Thesen seines Textbeitrags über die Romane von Joris-Karl Huysman und Comte de Lautréamont vor. In Huysmans‘ Roman »Gegen den Strich« und Lautréamonts »Gesängen des Maldoror« spürt er einen negativen Kern pädagogischer Prozesse auf und stößt dabei auf die Grenzen, die der Leib dem pädagogischen Zugriff setzt und dabei ein fiebriges Erschaudern vor dem gegenwärtigen Zustand der Gesellschaft hervorruft. Passagen aus beiden Romanen werden leserisch vorgetragen. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 43.9 MB; 47:57 min)

Die Verwirklichung der Poesie

Untenstehend folgen die Vorträge, die im vierten Teil der Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution von Juni bis August 2012 gehalten worden sind:

1.) Nikolai Bersarin: Friedrich Hölderlin und das Werden im Vergehen

Friedrich Hölderlin – der Dichter der Deutschen. Diese Lesart mögen etwa sein Gedicht »Der Ister«, welches den Unterlauf der Donau besingt, oder die Hymne »Der Rhein« auf einen ersten Blick nahelegen: Hölderlin, der Dichter der Heimat und zugleich des Griechentums. Solche Sicht zeigt sich etwa in Heideggers Hölderlinlektüren. Hölderlin transformiert sich unter diesem Blick in die Innerlichkeit und die lyrische Gestimmtheit. So wird Hölderlin zum Dichter des Seins umfunktionalisiert – und das ist nicht sehr weit entfernt von des Deutschen Michels Schlafmütze. Was bei einer solch reduzierten Sicht jedoch unter den Tisch fällt, ist der Aspekt des Politischen in der Dichtung Hölderlins, denn es gibt auch jenen anderen Hölderlin, und das wird gerne verschwiegen: den Hölderlin, welcher sich für die Französische Revolution und deren Forderungen nach Gleichheit und Freiheit begeisterte. Das Verrätselte seiner Sprache, etwa in den oben genannten Gedichten, mag über den Aspekt des Politischen in seiner Dichtung hinwegtäuschen. Insbesondere während seiner Zeit im Tübinger Stift entstanden jedoch Gedichte, die sich ganz explizit auf diese Revolution bezogen und den Sturz der Tyrannen besangen. Es brach mit der Französischen Revolution, aber auch mit den Umstürzen in der Philosophie – paradigmatisch dafür: die drei Kantischen Kritiken, sowie die Philosophie Fichtes – eine neue Zeit heran. Dieses Neue registrierte Hölderlin hellsichtig und brachte es vermittels der Dichtung in eine sprachliche Gestalt.

Gegen solche reduzierte und entschärfende Lesart Hölderlins, wie sie etwa die hermeneutische Schule oder Heidegger betrieben, soll zunächst Georg Lukács‘ Aufsatz »Hölderlins Hyperion« in die Lektüre gebracht werden, in welchem gezeigt wird, daß Hölderlins Dichtung und insbesondere sein Roman »Hyperion« diese Revolution mit den Mitteln poetischen Schreibens in eine Form der Darstellung bringen, in welcher der Gehalt von Begriffen wie Gleichheit und Freiheit entfaltet wird. Im Zuge dessen entwickelt sich die Utopie einer freiheitlich organisierten Gesellschaft in Hölderlins Text jedoch aporetisch, weil das, was ihm in Anlehnung an das Griechentum und die Feste Griechenlands vorschwebt, in Deutschland bzw. dem Flickenteppich der Fürstentümer und Königreiche, nicht einzulösen ist. Erst spätere Dichter wie Shelley konnten, so Lukács, die Sphären von gesellschaftlichem Sein und kritischem Bewußtsein, das praktisch zu werden vermag, vermitteln – etwa in der Figur seines Prometheus. Hölderlins Sprache sucht deshalb die Zuflucht beim Mythos und teils auch im Mystischen, denn ihm stehen nicht die Mittel und Möglichkeiten bereit, den Prozeß der Überwindung bzw. der Aufhebung der feudalen und weiterhin dann der bürgerlichen Gesellschaft in die poetische Reflexion zu bringen. Diese Aporie der Hölderlinschen Dichtung und zugleich ihre Tragweite macht Lukács einsichtig. Die Stoßrichtung von Lukács‘ Lektüre ist eine geschichtsphilosophische Interpretation Hölderlins.

Vor dem Hintergrund dieser geschichtsphilosophischen Perspektivierung möchte ich zu Adornos Hölderlin-Essay »Parataxis« überleiten (und möglicherweise, sofern die Zeit es zuläßt, auch Peter Szondis Hölderlinstudien streifen), um gleichsam einen Gegenpol zum Text von Lukács zu schaffen. Bedingt ist dieser Bruch und die Verschiebung der Akzente in der Interpretation Hölderlins vor allem durch die geschichtlichen Veränderungen: Konnte Lukács in den 30er Jahren auf ein Proletariat als historisches Subjekt rekurrieren, das Geschichte zu ändern vermag, so ist dies in der Kritischen Theorie der Frankfurter Schule nicht mehr umstandslos möglich. Im Zeichen von Faschismus, Stalinismus und einem entfesselten Kapitalismus wird das kritische Bewußtsein aufgerieben.

Was Lukács bei Hölderlin geschichtsphilosophisch an die Realität von Gesellschaft bindet, das wird bei Adorno zu einer Reflexion auf die Sprache selbst. Diese Verschiebung in der Hölderlin-Interpretation hin zur Sprache als kritischer Instanz sowie das Verhältnis von Subjekt und Natur gilt es als Prozeß nachzuzeichnen.

Die Aporien und die Ausweichbewegungen Hölderlins hin zu einer schwarz verhängten Utopie sind in der Tat einem materialen und gesellschaftlichen Moment geschuldet, welches sich als Misere in der Geschichte potenzierte, und von der Gegenwart und der Ästhetik Adornos her gedacht, nurmehr im Diskurs des Ästhetischen und in der Reflexion kritischer Philosophie erfahrbar zu machen ist – nicht anders eigentlich als zu Hölderlins Zeit. Allerdings: Im Schatten von Auschwitz und der Möglichkeit der universalen Vernichtung der Menschheit durch den Menschen selbst, wirft sich die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Utopie und von verändernder, eingreifender Praxis überhaupt auf. Im Zusammenhang mit Adorno und insbesondere seinem Satz, dass nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, barbarisch sei, wie er dies in seinem Aufsatz »Kulturkritik und Gesellschaft« formulierte und später dann in seiner »Negativen Dialektik« revidierte, möchte ich kurz die Dichtung Paul Celans streifen. Celan selbst bezog sich dabei vielfach auf Hölderlin, insbesondere über jene Form von Sprache, welche an die Grenze ihres Ausdrucks, an die Grenze des Verstummens gerät und zugleich in die Musik übergleitet. Aus dieser Konstellation heraus soll eine Möglichkeit poetischen Sprechens nach Auschwitz bzw. im Zeichen von Katastrophenerfahrungen entfaltet werden.

Bersarin, Jahrgang 1964, studierte Philosophie, Soziologie, Germanistik und nebenher Kunstgeschichte. Er lebt und arbeitet in Berlin, ist tätig im Verlagswesen und beschäftigt sich mit der Philosophie und Ästhetik der Moderne sowie der Postmoderne. Insbesondere die Philosophie Kants, Hegels, Adornos und Benjamins wie auch Positionen des Französischen Poststrukturalismus gehören zu seinem Arbeitsfeld. Er betreibt den Blog »Aisthesis« (bersarin.wordpress.com) und macht Fotos, die er zuweilen hier zeigt: proteusphotographie.wordpress.com. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 64.9 MB; 1:10:52 h)

2.) Klaus Briegleb: Heinrich Heine und der Präcommunismus

»Wie kein anderer deutscher Schriftsteller war Heinrich Heine dazu prädestiniert, ein Grenzgänger zu werden, wurde er doch auf der Grenze zweier Jahrhunderte und zweier Welten geboren und wuchs zwischen zwei Kulturen und Religionen auf. Wie kein anderer fühlte er sich gezwungen, Grenzen zu passieren, zu verletzen und einzureißen. Blieb sein Leben durch Überqueren geographischer, politischer und religiöser Grenzen geprägt, so sein Werk durch Versetzen ästhetischer, intellektueller und schließlich existentieller Marksteine.« [Gerhard Höhn]

»Der ›zynische Materialismus‹ Heines leistet dies: Er spaltet in der Erinnerung die falschen Vereinheitlichungen im revolutionären Denken wieder auf und stellt die gespannten Beziehungen des Intellektuellen zur Geschichte genauer auf die wirkliche Wirklichkeit menschlicher Alltagserfahrung ein. Heine zudem spricht als Künstler, als das Genie eines ästhetischen Materialismus, der die Tröstungen der Schönheit für das wirkliche Leben der Menschen auch dann noch bereit hält, wenn sie von der Schwelle des Grabes herüber sprechen muß, das ihr in der modernen Menschheit geschaufelt wird. Hier wird nun die politische Dimension von Schönheit und Trost erkennbar. Marx weiß, daß Heine einer der frühen großen deutschen Kritiker der Entfremdung des Menschen von sich selbst unter den Bedingungen einer kapitalistischen Gesellschaft ist. Welchen Preis der Dichter für seine Kritik zu zahlen hatte, weiß Marx auch. Er kannte inzwischen selber die, wie Heine das nennt, ›schreckliche Krankheit des Exils, die Armut‹.« [Klaus Briegleb]

»Unbestritten ist Heines Literatur ›die eines Aufbegehrens gegen Überkommenes‹ ist kritischer Widerspruch gegen ›die bestehende Ordnung.‹ Insofern dieser Widerspruch der universal-revolutionären Ordnung Vollendung des mit 1789 begonnenen Umsturzes gewidmet ist und Heines Schriften daher unter dem Titel ›Revolutionsliteratur‹ subsumiert werden können, lassen sie sich in mancher Hinsicht als ›Wörterbuch der Revolution‹ untersuchen.« [Jutta Nickel]

»Nach dem zerstörungsbedingten Rückzug Gottes aus der Welt liegt sie dem Dichter Heine als zertrümmerte, geistlose, konsonantische Buchstabenfolge vor Augen; sie ist allegorisches Stückwerk, in dem durch die Arbeit des philosophisch geschulten Dichters der Gottesname in das ›Jetzt‹ seiner Erkennbarkeit ein- und so Gott aus seinem anfänglich abstrakten Sein heraustritt und in menschlicher Geschichte ›zum Bewußtsein seiner selbst [kommt]‹.« [Jutta Nickel]

»In seiner Aversion gegen revolutionäre Reinheit und Strenge meldet sich Mißtrauen gegen das Muffige und Asketische an, dessen Spur bereits manchen frühen sozialistischen Dokumenten nicht fehlt und weit später verhängnisvollen Entwicklungen zugute kam. Heine der Individualist, der es so sehr war, daß er sogar aus Hegel nur Individualismus heraushörte, hat doch dem individualistischen Begriff der Innerlichkeit nicht sich gebeugt. Seine Idee sinnlicher Erfüllung begreift die Erfüllung im Auswendigen mit ein, eine Gesellschaft ohne Zwang und Versagung. […] Heines Gedichte waren prompte Mittler zwischen der Kunst und der sinnverlassenen Alltäglichkeit. […] Die sich selbst widerspiegelnde und damit wiederum sich selbst kritisierende Willfährigkeit seiner Gedichte demonstriert, daß die Befreiung des Geistes keine Befreiung der Menschen war und darum auch keine des Geistes. […] Sein Wort steht stellvertretend ein für ihr Wort: es gibt keine Heimat mehr als eine Welt, in der keiner mehr ausgestoßen wäre, die der real befreiten Menschheit. Die Wunde Heine wird sich schließen erst in einer Gesellschaft, welche die Versöhnung vollbrachte.« [Theodor W. Adorno]

Im Gespräch mit Klaus Briegleb (Literaturhistoriker, Heine-Forscher und Herausgeber der sämtlichen Schriften Heines im Deutschen Taschenbuch Verlag) wollen wir uns einige Aspekte des Werks und Lebens von Heinrich Heine erschließen und über die Aktualität seiner Schriften diskutieren. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 86.2 MB; 1:34:09 h)

3.) Stefan Hackländer: Lautréamont und das Program einer neuen Dichtung

»In einer verdrängenden Sozialordnung, die die Gleichsetzung von normal, gesellschaftlich nützlich und gut fordert, müssen die Manifestationen der Lust um ihrer selbst willen als ›Blumen des Bösen‹ erscheinen. In Herausforderung einer Gesellschaftsordnung, der die Sexualität als Mittel zu einem nützlichen Zweck dient, verteidigen die Perversionen die Sexualität als Zweck an sich; sie stellen sich damit außerhalb des Herrschaftgebietes des Leistungsprinzips und bedrohen es in seinen Grundfesten. Sie stiften libidinöse Beziehungen, die die Gesellschaft verdammen muß, da sie eben den Zivilisationsprozeß bedrohen, der den Organismus zu einem Arbeitsinstrument umgebildet hat. Sie sind das Symbol dessen, was unterdrückt werden mußte, damit die Verdrängung siegen und die immer wirksamere Beherrschung von Mensch und Natur durchsetzen konnte – ein Symbol der zerstörerischen Identität von Freiheit und Glück.« [Herbert Marcuse]

»Die Gesänge des Maldoror« des geheimnisvollen Autoren Lautréamont (1846 – 1870) gehören zu den schönsten, gleichwohl schrecklichsten und verstörendsten ›Romanen‹ der literarischen Moderne – eine Blume des Bösen, die hier in ungestümer, in ihrer Bestialität dennoch sublimer Weise aus der Verdrängung hervorbricht. Den Gesängen folgen die Poésies, die das Vorwort der »Gesänge des Guten« werden sollen – sie sind mit Hilfe der Entwendung anderer Gedichte und Werke geschrieben und loben das Gute des Menschen. Diese Dialektik wiederholt sich wenig später in der wirklichen Geschichte in umgekehrter Reihenfolge: als Aneignungsbewegung der Pariser Commune und deren blutiger Niederschlagung im Jahr 1871. Stefan Hackländer (Student der Germanistik und Philosophie sowie Gitarrist in einer Blackmetal-Band) spricht über Aspekte der Schriften von Lautréamont und wie dieser – in Entsprechung zu Arthur Rimbaud und Charles Baudelaire – das Programm einer neuen Dichtung begründete. (via)

Der Mitschnitt des Vortrags von Stefan Hackländer ist leider während der Veranstaltung abgebrochen. Dafür gibt es zwei Ausgaben der Sendereihe Wutpilger Streifzüge: Die erste Sendung enthält Auszüge aus dem Roman Die Gesänge des Maldoror und Auszüge eines Vortrags über Lautréamont, den Christopher Zwi und R.G. Dupuis 2010 im Rahmen der KSR-Reihe gehalten haben. Die zweite Sendung enthält Auszüge aus dem Vortrag von Stefan Hackländer, weitere Auszüge aus den Gesängen und ein Gespräch mit Clemens Bach.

    Sendung 1: via Mediafire (mp3; 55 MB; 1h)
    Sendung 2: via Mediafire (mp3; 55 MB; 1h)

4.) Helmut Dahmer: Arthur Rimbaud, die Niederschlagung der Commune und das Verstummen der Poesie

»Rimbaud war Rebell. Einer, der seine eher sanftmütige Natur gegen Erniedrigung und Depravation panzerte. Der auf Veränderung für sich und andere aus war und nach dem Geheimnis suchte, ›das Leben ändern‹. Der wußte, als er es für sich gefunden hatte, daß er damit zu einer ›ernsten Gefahr in der Gesellschaft‹ werden konnte. Sie hat ihm seine Anmaßung bis heute nicht verziehen, diese Gesellschaft der Bourgeoisie. […] Rimbaud kann indes nicht anders denn als Zeitgenosse der Pariser Commune die ein ›neuer Ausgangspunkt von welthistorischer Wichtigkeit‹ (Marx) war, gelesen werden. Der Aufstand der Pariser Communarden und ihre Niederlage sind die geschichtliche Grunderfahrung, deren Spuren das gesamte Werk auf eine nicht auf der flachen Hand liegende Weise durchziehen. Dieses Werk des frühreifen Dichters, Musterschüler seiner Klasse und brillanter Kenner der klassischen Rhetorik, ist in nur fünf Jahren zwischen 1870 und 1875 entstanden. Im Alter von fünfzehn bis neunzehn Jahren erarbeitete Rimbaud seine Dichtungen, die nicht nur der französischen Poesie ganz neue Möglichkeiten erschließen sollten, sondern die ›eine kopernikanische Wende der modernen Dichtung‹ (Werner Krauss) überhaupt einleiten.« [Karlheinz Barck]

»Arthur Rimbaud und zwei seiner Zeitgenossen – der zehn Jahre ältere Nietzsche und der anderthalb Jahre jüngere Freud – haben zur Entzauberung (oder Depossedierung) des Ichs in besonderer Weise beigetragen, indem sie in seinem Inneren selbst ein Anderes, ein Nicht-Ich kenntlich machten.« [Helmut Dahmer]

Nachdem Arthur Rimbaud eine »objektive« Dichtung begründet und einige der unkonventionellsten Gedichte und Prosa-Stücke der Moderne geschrieben hatte, brach er abrupt mit der Dichtung und begann, als Abenteurer und scharfsichtiger Beobachter durch die Welt zu reisen, bevor er als (Waffen-)Händler und Geograph von Aden und Harar aus in (damals) unerforschtes Gebiet (Ogaden) vordrang. Helmut Dahmer (Soziologe und Herausgeber einer Sammlung von Trotzki-Schriften) beschäftigt sich mit Psychoanalyse und Kritischer Theorie und spricht über einige Aspekte des Lebens und Werks von Arthur Rimbaud. (via)

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5.) Zur Geschichte der Pariser Commune

»Freilich hat die revolutionäre Partei in Frankreich, bei ihrem Erwachen angegriffen, unorganisiert, durch verschiedene Elemente gehemmt, zu einem militärischen Kampf gezwungen, weder ihre Ideen noch ihre Legionen entfalten vermocht, und die Revolutionäre sind nicht so thöricht, in dieser Episode, wie gigantisch sie auch sei, die ganze Revolution zu sehen. Dieser Kampf ist nur ein Vorspiel, ein ›Vorpostengefecht‹, wie Bebel sagte. Aber die revolutionäre Partei in Frankreich hat ein unvergeßliches Beispiel der Initiative, der Kühnheit und des Muthes hinterlassen. Wenn sie nicht gesiegt hat, so hat sie doch wenigstens den Weg gezeigt. Mehr noch; sie tritt die chauvinistischen Traditionen, die sich in den Sozialismus eingeschlichen hatten, mit Füßen, sie setzt nicht einen thörichten Stolz darein, ihre Fehler zu leugnen. Sie enthüllt sie vielmehr, damit sie der Zukunft der Lehre dienen, damit der Sohn nicht den Weg des Vaters aufs Neue zu machen habe.« [Prosper-Olivier Lissagaray]

»Die Kommune von 1871 konnte nichts anderes sein als ein erster schwacher Versuch… Wenn wir uns ausschließlich an die wirklichen und greifbaren Taten der Kommune halten würden, dann müssten wir sagen, daß dieser Gedanke nicht umfassend genug war… Wenn wir uns dagegen an den revolutionären Geist halten, an die Tendenzen, welche sich zur Geltung zu bringen strebten und keine Zeit hatten Tatsachen zu werden, weil sie schon in der Knospe unter Bergen von Leichen erstickt wurde – dann werden wir die ganze Tragweite jener Erhebung und die Sympathien verstehen, welche sie den Arbeiterklassen … einflößt.« [Pjetr Kropotkin]

»Das bloße Bestehn der Kommune führte, als etwas Selbstverständliches, die lokale Selbstregierung mit sich, aber nun nicht mehr als Gegengewicht gegen die, jetzt überflüssig gemachte, Staatsmacht. […] Die Kommune machte das Stichwort aller Bourgeoisrevolutionen – wohlfeile Regierung – zur Wahrheit, indem sie die beiden größten Ausgabequellen, die Armee und das Beamtentum, aufhob. Ihr bloßes Bestehn setzte das Nichtbestehn der Monarchie voraus, die, wenigstens in Europa, der regelrechte Ballast und der unentbehrliche Deckmantel der Klassenherrschaft ist. Sie verschaffte der Republik die Grundlage wirklich demokratischer Einrichtungen. Aber weder „wohlfeile Regierung“ noch die „wahre Republik“ war ihr Endziel; beide ergaben sich nebenbei und von selbst.« [Karl Marx]

Nicht einem vermeintlichen Fortschritt in die Zukunft anzuhängen, sondern die Vergangenheit zu rächen – dies ist, was Walter Benjamin als Imperativ revolutionären Geschichtsbewusstseins formuliert. Aus diesem Grund lohnt es, sich mit der Pariser Commune von 1871 zu beschäftigen und in ihr nach Unabgegoltenem zu suchen. In dieser ersten großen proletarischen Erhebung kulminierten auch zahlreiche Momente der Moderne. Gegen die Heroisierung der Commune durch die KP-Ideologen und Staatssozialisten wollen wir in einem Wochenendseminar die Ereignisse der Pariser Commune rekonstruieren und uns mit ihrer Behandlung in den Texten von Marx, den Anarchisten und Rätekommunisten, sowie den Situationisten auseinandersetzen – nicht im Sinne einer problemlosen Anknüpfung und Fortführung jener Tendenz, sondern als kritische Aneignung einer selbst problematisch gewordenen Revolutionsgeschichte. Weitere Informationen über Inhalt und Ablauf des Seminars folgen in Kürze. (via)

Vom ursprünglichen Wochenendseminar zur Pariser Commune existieren keine Mitschnitte. Dafür gibt es den Mitschnitt eines Vortrags, den Lukas Holfeld zu diesem Thema am 02.03.2014 im Hamburger Golem gehalten hat.

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6.) Jan Sieber: Allegorie und Revolte bei Baudelaire und Blanqui

»Man befand sich gleichsam in einer Kapelle, die dem orthodoxen Ritus der Konspiration gewidmet war. Die Türen standen jedermann offen, aber man kam nur wieder, wenn man Adept war. Nach dem verdrießlichen Defilee der Unterdrückten erhob sich der Priester dieser Stätte. Sein Vorwand war, die Beschwerden seines Klienten zu resümieren, des Volks, das von dem halbend Dutzend anmaßender und gereizter Dummköpfe, die man eben gehört hatte, repräsentiert wurde. In Wirklichkeit setzte er die Lage auseinander. Sein Äußeres war distinguiert, seine Kleidung tadellos; sein Kopf war feingebildet; sein Ausdruck still; nur ein unheilverkündender, wilder Blitz fuhr manchmal durch seine Augen.« [J.-J. Weiss über Blanqui]

»Der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs, Blanqui, saß damals [zur Zeit der Pariser Commune] in seinem letzten Gefängnis, dem Fort du Taureau. In ihm und seinen Genossen sah Marx in seinem Rückblick auf die Junirevolution ›die wirklichen Führer der proletarischen Partei‹. Man kann sich von dem revolutionären Prestige, das Blanqui damals besessen und bis zu seinem Tode bewahrt hat schwerlich einen zu hohen Begriff machen. Vor Lenin gab es keinen, der im Proletariat deutlichere Züge gehabt hätte. Sie haben sich auch Baudelaire eingeprägt. Es gibt ein Blatt von ihm, das neben andern improvisierten Zeichnungen den Kopf von Blanqui aufweist.« [Walter Benjamin]

Charles Baudelaire holt das Alltägliche, den Lärm der Straße, die permanente Anwesenheit der Masse in den Großstädten, das Triviale, das Geschäft der Lohnarbeit und den Schock in die Dichtung hinein. In der warenproduzierenden Moderne – die mit der Abschaffung der Erzählung und der Einführung der Information als Stückware die Möglichkeit von Erfahrung untergräbt – widmet sich Baudelaire einem melancholischen Realismus, der die permanente Anspannung der in ihr lebenden Subjekte mimetisch reproduziert und damit gleichzeitig bricht. Indem er das Schock-Erlebnis, dem die Großstadtbewohner ständig ausgesetzt sind, künstlich überhöht und als dichterisches Fragment eine Form gibt, ringt er ihm die Möglichkeit von Erfahrung ab. Er setzt nicht das Authentische gegen die Blasiertheit, sondern pariert Entfremdung mit Entfremdung. Walter Benjamin hat Charles Baudelaire mit dem Barrikadenkämpfer Louis-Auguste Blanqui verglichen: Beide rechnet er dem Milieu der Bohème zu. Das Blitzen, das während seiner Reden in den Augen Blanquis erscheint, findet Benjamin in den Gedichten Baudelaires wieder.

Für Walter Benjamin sind August Blanqui und Charles Baudelaire, Zeugen – ersterer, als »der bedeutendste der Pariser Barrikadenchefs« der französischen Junirevolution von 1848, Zeuge jener untergründigen und eigentlichen Geschichte, die die Geschichte der Verlierer, der Unterdrückten, der Sklaven und – in ihrer modernen Erscheinung – des Proletariats ist; letzterer, als größter französischer Dichter der Moderne, Zeuge des Verfalls der Erfahrung im Zeitalter des Hochkapitalismus. Nicht nur ihre Zeitgenossenschaft, Baudelaires Beteilung an der von Blanqui gegründeten Gruppe Société républicaine centrale oder ihr beider Kampf auf den Pariser Barrikaden verbindet sie. Für Benjamin ist ihre tiefere Verwandtschaft eine charakterliche Haltung gegenüber der modernen Welt: »der Rätselkram der Allegorie beim einen, die Geheimniskrämerei des Verschwörers beim anderen.« Blanqui und Baudelaire verkörpern jeweils eine Seite desselben: Allegorie und Verschwörung, geschichtliche Erfahrung und revolutionäre Praxis. »Blanquis Tat ist die Schwester von Baudelaires Traum gewesen. Beide sind ineinander verschlungen. Es sind die ineinander verschlungenen Hände auf einem Stein, unter dem Napoleon III. die Hoffnungen der Junikämpfer begraben hatte.« Wenn für Benjamin Geschichtsschreibung heißt, die Geschichte gegen den Strich zu bürsten, dann bedeutet dies, die Geschichte der Moderne, verdichtet in der von Paris, der Hauptstadt des 19. Jahrhunderts, und der Kultur des französischen Second Empire von den Barrikaden des Pariser Proletariats her, der Niederlage der Pariser Kommune und der Repression der Arbeiterbewegung in den darauf folgenden Jahrzehnten zu lesen. Der Vortrag wird die Konstallation zwischen Blanqui und Baudelaire in Benjamins Passagen-Werk sowie ihren Einfluss auf Benjamins Geschichtsbegriff verfolgen.

Jan Sieber, studierte in Bremen, Lüneburg und London Kunst- und Kulturwissenschaften sowie Philosophie; momentan wissenschaftlicher Mitarbeiter und Promovent an der UdK Berlin; Mitglied der Gruppe und Mitherausgeber der gleichnamigen Zeitschrift Anthropology+Materialism; Mitglied von Berlin Group for Radical Thinking. (via)

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Beiträge zum Rätekommunismus August 16, 2015 | 09:37 am

Wir dokumentieren hier zwei Vorträge, die die Geschichte des Rätekommunismus bzw. Linkskommunismus (vor allem im deutschsprachigen Raum) zum Gegenstand hatten.

1.) Ein Bürgerkrieg in Deutschland – Zu Theorie und Praxis des antiautoritären Kommunismus 1914 – 1923

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ hat Seb Bronsky am 19.06.2014 in Erfurt einen Vortrag über den Rätekommunismus in Deutschland gehalten. Anhand einer kenntnisreichen Schilderung der Klassenkämpfe zwischen 1914 und 1923 (Novemberrevolution, Spartakusaufstand, Ruhrkämpfe, mitteldeutsche Märzkämpfe) entwickelt er die Geschichte, Debatten und Spaltungen des linken Kommunismus: Spartakusbund und KPD, KAPD, AAU, AAU-E, Rote Kämpfer und KAU. Neben den Organisations- und Strategiedebatten, die sich u.a. um die Stellung zum Parlament und zu den Gewerkschaften drehten, schildert er skizzenartig auch das Verhältnis der Linkskommunisten zu Lenin und dem Bolschewismus. Er schließt mit einigen zusammenfassenden Thesen, die auch auf Fehler und Schwachstellen der Linkskommunisten hinweisen.

Texte, auf die Bronsky im Vortrag u.a. hingewiesen hat: Hans Martin Bock – Syndikalismus und Linkskommunismus 1918-1923 | Bernhard Reichenbach – Zur Geschichte der K(ommunistischen) A(rbeiter)-P(artei) D(eutschlands) | Otto Rühle – Von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution (PDF) — Der Mitschnitt eines weitestgehend identischen Vortrags, den Seb Bronsky in der Translib gehalten hat, kann (jedoch in etwas schlechterer Tonqualität) bei Youtube angehört werden.

»Andere mögen ihr: ›Nur nicht zu viel! Nur nicht zu früh!‹ plärren. Wir werden bei unserem: ›Nur nicht zu wenig! Nur nicht zu spät!‹ beharren.« [Karl Liebknecht, Die Frage des Tages, geschrieben im Knast 1918]

Die russische Oktober-Revolution, die Bolschewiki, allen voran Lenin wurden von den deutschen Kommunisten bewundert, begeistert waren auch die antiautoritären Kommunisten von dem Maximalismus, der nicht nur den 1. Weltkrieg beenden, sondern ihn in einen Bürgerkrieg umwandeln wollte; es schien, mit der sozialistischen Weltrevolution würde endlich ernst gemacht. Zwei, spätestens drei Jahre später war von dieser Bewunderung nicht mehr viel übrig, Bolschewiki und deutsch-holländischer Rätekommunismus waren auseinandergegangen. Lenin warf den Antiautoritären unter den Kommunisten vor, sie wären eine utopistische Kinderkrankheit des Kommunismus, die Antiautoritären sahen in Sowjetrußland nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die staatskapitalistische Despotie der bolschewistischen Partei.

Der Vortrag möchte auf drei Ebenen vorgehen: Erstens soll an die wirkliche Bewegung in Deutschland erinnert werden, das heißt nicht nur an die proletarischen Kämpfe gegen den Weltkrieg und die November-Revolution, sondern mehr noch an den heute weitgehend vergessenen, anschließenden Bürgerkrieg. Zweitens an die revolutionären Organisationen: vom Spartakusbund und den Internationalen Kommunisten Deutschlands zur Kommunisten Partei und deren erster Spaltung; von der Kommunistischen Arbeiter-Partei und der Allgemeinen Arbeiter Union, die erst nach tausenden zählten und von denen 1923 nur noch heillos zerstrittene Grüppchen übrig waren. Drittens soll die aus diesen Kämpfen und Auseinandersetzungen hervorgegangene Gesellschaftskritik, das was man heute Links- oder Rätekommunismus nennt, vorgestellt werden, ihre historischen Verdienste wie auch ihre Schwächen und Fehler. [via]

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2.) Die Revolution war für mich ein großes Abenteuer

2013 ist im Unrast-Verlag ein Buch über den Rätekommunisten Paul Mattick erschienen. Den Hauptteil des Buches bildet ein Interview, das der Politologe Michael Buckmiller 1976 in Vermont mit Mattick geführt hat. Im Anhang befinden sich zwei literarische Texte Matticks, eine kommentierte Bibliografie zum Stichwort Rätekommunismus und ein ausführliches Nachwort Michael Buckmillers, der die Figur des Arbeiterintellektuellen anhand von bis dato noch nie publizierten Briefen Matticks darstellt. Im März dieses Jahres war einer der Mitherausgeber des Buches, Christoph Plutte, in Bremen zu Gast und hat das Buch vorgestellt. Plutte liest einige Passagen aus dem Gespräch mit Paul Mattick vor (es sind auch einige O-Töne aus dem Interview zu hören) und führt diese jeweils kommentierend ein. Es geht um diverse Aktionen in der Jugend Matticks, um Rätekommunismus, KAPD und AAU-E, literarische Aktivitäten Matticks, einen Streik in Köln, das Exil in den USA, die Arbeitslosenbewegung in Chicago, die Krisentheorie Matticks und um Matticks Umgang mit Marx.

Paul Mattick (1904-1981) ist vielleicht der exemplarische Arbeiterrevolutionär und Intellektuelle: Seine furiose Abrechnung mit John Maynard Keynes, seine Kritik an Herbert Marcuse, die dieser übrigens als einzig taugliche Kritik von links akzeptierte, seine sprichwörtliche Marx-Orthodoxie, mit der er den tendenziellen Fall der Profitrate gegen allerlei »Modernisierer« verteidigte, machten den Deutsch-Amerikaner in den 60er und 70er Jahre zu einer Art kommunistischem Gewissen und Stichwortgeber der antiautoritären Revolte.

Fundiert war sein sympathisch halsstarriges radikales Denken in einer aufregenden Lebensgeschichte, von der man sich damals wie von einer Legende erzählte: Der Schulabbrecher und Autodiktat aus prekären proletarischen Verhältnissen war in der Weimarer Republik in der anti-parlamentarischen marxistischen KAPD organisiert, schlug sich als Schlosser, Tagelöhner und Wanderagitator durch, war durchdrungen von der revolutionären Stimmung jener Tage. 1926 wanderte er aus Abenteuerlust in die USA aus, re-organisierte in Chicago die Wobblies, engagierte sich in der Arbeitslosenbewegung der Grossen Depression, tauchte später in die New Yorker Boheme ein und verfocht in selbstverlegten Kleinstpublikationen einen antiautoritären Kommunismus.

Mattick hat um diese Biographie kein Aufheben gemacht, Heldengeschichten waren ihm zuwider. Aber er gab trotzdem Auskunft: 1976 führte der Hannoveraner Politologe Michael Buckmiller ein langes autobiographisches Interview mit ihm. Das Interview wurde bis dato nie publiziert, nur einzelne Informationen daraus kursierten, Jahrzehnte war es unter Verschluss, erst vor kurzem haben es die Berliner Herausgeber ausgegraben – und das Recht auf eine Veröffentlichung durchsetzen können. Das Interview übertrifft tatsächlich die Erwartungen: Es ist ein lebenssatter Bericht, in dem uns Mattick als ebenso lakonischer wie unabhängiger Kommunist, dem alle Parteischablonen und alles friedfertig sich beschränkende Denken zuwider waren, begegnet.

Der Herausgeber wird kurz in Leben und Werk von Paul Mattick einführen und Passagen aus diesem Lebensbericht lesen – kombiniert mit literarischen Texten Matticks, in denen er etwa die Klassenkriege, die in den 20er Jahren in den USA tobten, verarbeitete. [via]

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Die Freiburger Gruppe La Banda Vaga hat einen Text veröffentlicht, in dem sie einige Aspekte des Rätekommunismus und einige Kritikpunkte an ihm zusammengefasst hat.

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Sich fügen, heißt Lügen.. June 30, 2015 | 08:09 pm

Unserer mehrteiligen Reihe über den Anarchisten, Schriftsteller, Bohemien, Revolutionär, Initiator und Mitglied der Münchner Räterepublik Erich Mühsam kann eine weitere Sendung hinzugefügt werden: Das Hamburger Duo „Sokugayu“ hat Mühsam vertont und wurde (2007) von Sylvia Necker (FSK Hamburg) interviewt. Hier der Link zur Sendung.

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„Marxistische“ Rechtskritik – Eine Einführung June 27, 2015 | 08:30 am

Als Ergänzung zu unserem Beitrag zur Rechtskritik bei Marx und Paschukanis: Anne-Kathrin Krug (Rechtsanwältin in Berlin und Mitglied im Republikanischer Anwältinnen- und Anwälteverein e.V.) und Jakob Graf (Mitglied der Redaktion der Zeitschrift PROKLA) finden bei einer Veranstaltung der HAJ (Hamburgs Aktive Jurastudierenden) einige Einsichten zur Frage, was Recht im Kapitalismus eigentlich ist bei einer Denkrichtung die unter dem Namen marxistische Rechtsphilosophie bzw. -theorie gefasst wird.

In unseren modernen Gesellschaften scheint ein Leben ohne Recht nicht mehr denkbar zu sein. Fast alle Lebensbereiche und Institutionen – von der Mietwohnung bis zur Ausländerbehörde – sind juristisch konstituiert. Die Frage, was Recht im Kapitalismus eigentlich ist, wird in den täglichen Auseinandersetzungen und sozialen Kämpfen oft gar nicht mehr gestellt. Sah es nach dem Niedergang der realsozialistischen Staaten für eine Weile so aus, als würde von der marxistischen Rechtsphilosophie bzw. -theorie nicht mehr viel übrig bleiben, so hat es in den letzten Jahren wieder eine intensivere Auseinandersetzung mit ihr gegeben. In dem Vortrag diskutieren wir, wie marxistische Rechtsphilosophie bzw. -theorie verstanden werden kann. Welche Bezugspunkte hat die marxsche Beschäftigung mit Recht hervorgebracht? Welche wurden wiederholt und auch bis heute aufgegriffen?

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Witjastiefe 3 – reloaded June 18, 2015 | 01:34 pm

Die bereits hier erwähnte Zusammenarbeit unter dem Namen Witjastiefe 3 zwischen dem FSK und Corax, wird nach dreijähriger Pause fortgesetzt und hier dokumentiert.

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Über Marx und die Judenfrage und den Zusammenhang von deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus June 11, 2015 | 12:56 pm

Nach sieben Wochen Abstinenz meldet sich das Audioarchiv mit zwei aktuellen Vorträgen der Bremer Associazione delle talpe zurück: Während Heribert Schiedel den Antisemitismus mit Hilfe der Marxschen Theorie zu fassen versucht, stellt Klaus Thörner den von Martin Luther geprägten deutschen Arbeitsbegriff und die gewaltsam durchgesetzte deutsche Arbeitsmoral dar und geht deren Auswirkungen bis in die Gegenwart nach.

Heribert Schiedel: Marx und die „Judenfrage“ – Chancen und Grenzen der Kritik der politischen Ökonomie zur Erklärung des Antisemitismus

Dass der moderne Antisemitismus als bürgerliche Basisideologie mit undurchschauter abstrakter Herrschaft in Zusammenhang steht, zeigt schon das Beispiel Karl Marx, der zunächst – in seiner „Judenfrage“ – es noch nicht vermochte, „hinter den Schein der bürgerlichen Gesellschaft, die Zirkulation, zu schauen“ (Detlev Claussen). Erst mit der Entdeckung der Gesetzmäßigkeiten der Wert verwertenden Produktionsweise und hier vor allem des Fetischcharakters der Ware war es möglich, das Wesen hinter der Erscheinung und den Antisemitismus als wahnhafte oder extremste Form fetischistischen Bewusstseins zu kritisieren. Der ,Marxismus’ fiel jedoch rasch hinter diesen Erkenntnisstand zurück: Der Antisemitismus verkam ihm zur Ideologie der Herrschenden, die soziale Wut auf die wieder mit der Zirkulation identifizierten Jüdinnen und Juden umlenken wollten. Oder er wurde als „Sozialismus der dummen Kerls“ (August Bebel), als Übergangstadium zur revolutionären Erkenntnis missverstanden. Genauso verbreitet und nicht minder falsch war der Glaube, dass der Antisemitismus als Kennzeichen vorkapitalistischer Gesellschaften mit diesen von alleine verschwinden werde und die Linke ihn nicht zu bekämpfen brauche.

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Klaus Thörner: „Arbeit macht frei“ – Über den Zusammenhang von deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus

Nicht der Jahrestag der Befreiung vom Nationalsozialismus und des Endes des Zweiten Weltkrieges, der 8. Mai, ist gesetzlicher Feiertag in Deutschland, sondern, seit seiner Einführung durch Adolf Hitler, der Tag der Arbeit am 1. Mai. Auch für die deutsche Linke hat dieser Tag als “Kampftag der Arbeiter” bis heute eine größere Bedeutung als der 8. Mai. Dabei negiert sie den verhängnisvollen Zusammenhang des deutschen Arbeitsverständnisses mit dem Antisemitismus, der sich für die Opfer der Shoah in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern bereits an den Eingangstoren in der Parole “Arbeit macht frei” manifestierte […].

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