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»Stell dich nicht so an!« May 13, 2013 | 11:08 pm

Indizien für eine Rape Culture

Zündfunk Generator-Sendung von Laura Freisberg und Julia Fritzsche über die Allgegenwart sexualisierter Gewalt, Vergewaltigungsmythen und Schuldumkehr.

Triggerwarnung: Sowohl im Einführungstext, als auch im Feature wird sexuelle Gewalt plastisch beschrieben.

Im Sommer 2012 haben zwei Fotoball-Stars eine bewusstlose 16-Jährige wie eine lebendige Puppe von Party zu Party geschleppt und sie mehrfach vergewaltigt. Die Stationen dieser Nacht sind festgehalten auf Fotos, Twitter-Meldungen und SMS. Etliche Zeugen unternahmen nichts. Der Football-Tainer deckte die beiden jugendlichen Täter im Nachhinein. Und die Medien beklagten das zerstörte Leben der beiden Footballstars.
„Rape Culture“ nennen das Beobachter – und meinen damit eine Gesellschaft, die sexuelle Gewalt duldet, verharmlost oder befördert und die Verantwortung auf die Opfer verschiebt. In Deutschland taucht der Begriff „Rape Culture“ in den letzten Jahren zunehmend in feministischen Blogs auf. Massive Kritik an der „Rape Culture“ übt seit 2011 die weltweite Slut-Walk-Bewegung, die gegen falsche Vorstellungen von sexueller Gewalt auf die Straße geht. Denn spätestens seit der deutschen Sexismusdebatte zu Beginn des Jahres 2013 wurde wieder klar: Schuldzuweisungen wie „Hättest Du doch die Bluse zugemacht!“ sind noch immer salonfähig.
Leben auch wir in einer „Rape Culture“? Was hat es mit dem Begriff auf sich? Ist es nur ein feministischer Kampfbegriff für den Wahnsinn, den Frauen täglich erleben? Oder ist es die treffende Bezeichnung für unsere Gesellschaft?
Der Zündfunk Generator spricht darüber mit Anne Wizorek und Julia Brilling, die im Netz anonym sexuelle Übergriffe sammeln, Birte Rohles von Terre des Femmes und Lorena Palasi vom Slut Walk München sowie der Filmwissenschaftlerin Andrea Kuhn und dem Historiker Hiram Kümper, der Vergewaltigungskulturen in der alteuropäischen Kulturgeschichte untersucht hat.

Download: via BR2 | via RS.com (1 h, 55 MB)

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Peter Weiss: Abschied von den Eltern May 3, 2013 | 12:15 pm

Es zählt ohne Frage zu den wichtigsten Büchern des 20. Jahrhunderts: Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss, der auf knapp 1000 Seiten in alten Mythen nach Strategien sucht, um sich in einer mörderischen Geschichte zu behaupten und dabei immer wieder an Utopien, Träume, Irrtümer, Narben wie Verbrechen der Emanzipationsbewegung erinnert. Ein Buch das weiterhin seine Relevanz besitzt; in einer Zeit, da der nun eingetretene Fortschritt diese Versuche auf den Müll der Geschichte werfen und am liebsten der Erinnerungslosigkeit preisgeben will. (Weiteres zum Buch ist mit Hilfe einer Besprechung von Lorettas Leselampe hier zu erfahren)
Der Bayrische Rundfunk hat sich nun dankenswerterweise an einer Hörspielfassung eines weiteren Werkes von Peter Weiss versucht: Abschied von den Eltern. Dabei wird der Tod der Eltern für den Erzähler Auslöser zur Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Das äußerst gelungene Hörstück wird von Robert Stadlober gelesen und musikalisch von The Notwist bearbeitet.

Abschied von den Eltern, erstmals 1961 erschienen, handelt von dem Zauber und den Abgründen der Kindheit, von den schmerzhaften Prozessen des Wachsens, der unausweichlichen Loslösung von Vater und Mutter, der Suche nach einem eigenen Leben. Sprunghaft und dennoch kunstvoll gewebt, mit einer gleichermaßen soghaften wie präzisen Sprache breitet Weiss ein Netz aus Momentaufnahmen aus und entwirft eine Ausdeutung seiner Vergangenheit, die in seine Entwicklung zum Künstler mündet. Der Erzähler berichtet von der frühen Kindheit und den ersten prägenden Eindrücken seiner Heimatstadt, schildert die sublimen Machtspiele unter Kindern und seine ersten sexuellen Erfahrungen. Er berichtet von Friederle, dem Nachbarsjungen, der ihn beständig drangsaliert und darüber, wie ausgeschlossen er sich nicht nur gegenüber Gleichaltrigen, sondern auch innerhalb seiner Familie fühlt. Die Beziehungslosigkeit der autoritären Eltern und ihre unantastbare Dominanz erzeugen für ihn den Eindruck als Fremder unter Fremden zu leben und den Wunsch nach Wärme und Zugehörigkeit. Als die geliebte Schwester Margit stirbt, beginnt für ihn die allmähliche Auflösung seiner Familie, die begleitet wird durch die lange Flucht vor den Nationalsozialisten ins schwedische Exil über London und Prag. Schließlich führt die Möglichkeit, eigene Ausdrucksformen in Malerei und Literatur zu finden, zu freiheitlicher Selbstbestimmung und innerer Unabhängigkeit. Eine Entwicklung, der seine Eltern durch eine Lehre im Warenhaus vergeblich versuchen, entgegen zu wirken. „Und die Unruhe, die jetzt begonnen hatte, ließ sich nicht mehr eindämmen, nach Wochen und Monaten langsamer innerer Veränderungen, nach Rückfällen in Schwäche und Mutlosigkeit, nahm ich Abschied von den Eltern.“
Abschied von den Eltern erscheint als erster Teil einer autobiografischen Künstlerprosa, die in Fluchtpunkt (1962) ihre Fortsetzung findet. Obwohl Peter Weiss immer sehr nah an seinen persönlichen Erfahrungen bleibt, bekommen seine Schilderungen etwas entwicklungspsychologisch Allgemeingültiges. Gleichzeitig schafft er durch die differenzierte Beschreibung des Einflusses von Familie auf das Individuum auch eine kritische Betrachtung des konservativen Bürgertums Mitte des 20. Jahrhunderts, wodurch seine Erzählung zu einem wichtigen Werk für die Jugendprotestbewegung von 1968 wurde.
Peter Weiss, geb. 1916 in Nowawes (heute Potsdam). Sohn eines jüdische Textilfabrikanten ungarischer Herkunft und einer deutschen Schauspielerin. Deutsch-schwedischer Schriftsteller, Maler, Filmemacher und Illustrator. 1934 Tod der Schwester Margit und Emigration über London nach Prag. Studium der Malerei an der Prager Kunstakademie. 1938 Aussiedlung über die Schweiz ins Exil nach Schweden. Trotz Annahme der schwedischen Staatsbürgerschaft bleibt das Gefühl des nicht Dazugehörens. Durch intensiven Briefwechsel mit seinem Idol Hermann Hesse Bestärkung zur künstlerischen Arbeit. In den 30er – 40er Jahren vorrangig Beschäftigung mit expressionistischer Malerei. Ab den 50er Jahren erste kleinere Erfolge als Experimentalfilmer. 1960 Durchbruch mit Der Schatten des Körpers des Kutschers und Aufnahme in die Künstlerverbindung Gruppe 47. Auf die surrealistische Prosa folgen politische Werke analytisch-dokumentarischen Charakters. Zentral ist dabei die vergangenheitspolitische Aufarbeitung Europas in der Kunst. Weiss propagiert, Kunst und Leben nicht zu trennen. 1982, im Jahr seines Todes, sollte Weiss mit dem Georg-Büchner-Preis geehrt werden, er erhält die Auszeichnung posthum.

Part 1+2

    Download: via AArchiv (mp3; 93:21 min; 86 MB)

Part 3

    Download: via AArchiv (mp3; 48:14 min; 44 MB)

Part 4

    Download: via AArchiv (mp3; 49:50 min; 44 MB)

Part 5

    Download: via AArchiv (mp3; 50:13 min; 46 MB)

Part 6

    Download: via AArchiv (mp3; 52:59 min; 49 MB)
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Liebe und Anarchie April 29, 2013 | 08:34 pm

Als Nachtrag zu unserer Erich Mühsam-Reihe präsentieren wir euch einen Teilmitschnitt der von Rolf Cantzen gestalteten Langen Nacht, die im Deutschlandfunk am 06/07.04.2013 Lieder, Gedichte, theoretische Texte von und viel Biographisches über Erich Mühsam vorstellte. Unvollständig ist der Mitschnitt aus schierer Verplantheit – die erste der drei Stunden fehlt leider. Vielleicht kann jemand diese nachliefern?

Download via RS.com | via load.to | via speedshare.org (1:49 h, 100 MB)

Update: Das ging schnell! Per Mail kam nun ein vollständiger Mitschnitt. Ich ergänze hier die erste Stunde:
Download via RS.com | via load.to | via speedshare.org (mp3, mono, 0:55 h, 25 MB)

Liebe und Anarchie
Eine Lange Nacht über Erich Mühsam
Von Rolf Cantzen

Erich Mühsam (1878 bis 1934) saß zwischen allen Stühlen – fast sein ganzes Leben lang. Den schreibenden Bohemien in München und Berlin war er zu anarchistisch: Er agitierte Arbeiter und das Lumpenproletariat und wurde wegen diverser politischer Straftaten verurteilt.

Den ernsthaften Anarchisten war er zu sehr Boheme: Er dichtete zu unpolitisch, trank zu viel und vergnügte sich zu sehr – nicht nur, so der Vorwurf, mit Frauen. Nach dem Ersten Weltkrieg beteiligte er sich an der Münchener Räterepublik, redete vor Zehntausenden von Arbeitern und Soldaten.

Im Gegensatz zu vielen anderen Genossen überlebte Mühsam die Niederschlagung der Räterepublik. Weil Mühsam mit den Kommunisten kooperierte, um den Aufstieg des Nationalsozialismus zu verhindern, wurde er von vielen anarchistischen Freunden verlassen.

Weil er an der Staatskritik und am Individualismus der Anarchisten festhielt, wurde er von den Kommunisten als Kleinbürger kritisiert, auch noch nach seiner Ermordung in einem KZ nahe Oranienburg. Doch immer beschreiben ihn Zeitgenossen als einen herzlichen, großzügigen und gütigen Menschen.

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Die Transformation des Privaten im Zeitalter von Harz IV und Elterngeld April 7, 2013 | 03:52 pm

Am 04.02.2013 hat Andrea Trumann einen sehr informativen Vortrag im Laidak gehalten. Sie gibt darin einen kurzen historischen Überblick darüber, welcher Platz in Privatleben und Lohnarbeit Frauen gesellschaftlich zugewiesen wurde und wie sich dies gegenwärtig darstellt. Ausführlich geht sie dabei auf rechtliche Bestimmungen ein, die Nachwuchs und Berufstätigkeit miteinander vereinbaren sollen und was dies jeweils für Frauen und Männer bedeutet. Trotz der Förderung der Berufstätigkeit von Frauen, so die Feststellung Trumanns, sind die meisten Frauen prekär oder in Teilzeitjobs beschäftigt – die Abhängigkeit von Männern und vom Staat hat sich lediglich transformiert.

Die Kleinfamilie galt für die bürgerliche Gesellschaft jahrhundertelang als schützenswertes Gut. Hier im Privaten sollte der Mann sich von der Arbeit, die der öffentlichen Sphäre zugerechnet wurde, erholen und die Kinder im harmonischen Familienverband aufwachsen. Zuständig für diese Aufgaben war die Frau, die, wenn es dem Ideal entsprach, von der Berufsarbeit befreit und vom Mann abhängig war. Dieses Ideal, nie vollkommen durchgesetzt, mag immer noch präsent sein, hat aber in den letzten Jahrzehnten einigen Wandel erfahren. Aktuell scheint das Modell der Ehe, durch den Gesetzgeber vollkommen ausgehöhlt zu werden. Scheidungsgesetze, die den Unterhalt der Frau auf ein Minimum reduzieren, setzen eine staatliche Zwangsemanzipation der Frau in Gang, von der die Frauenbewegung kaum zu träumen wagte. Dies jedoch – zumal in Zeiten latenter oder manifester Wirtschaftskrisen – auf dem Rücken der Frauen, die dabei ihre Probleme oftmals, wie ehedem, nicht als politische, sondern als private erfahren.

Die Veranstaltung will darlegen, wie es sich mit dem Verhältnis von Privat und Öffentlich in der bürgerlichen Gesellschaft verhält und das sich hierdurch und nicht durch Biologie das Verhältnis der Geschlechter ausdrückt. An aktuellen Beispielen wie dem Scheidungsrecht, Hartz IV und dem Elterngeld soll dargestellt werden, wie sich dieses Verhältnis verändert hat und was dies für Auswirkungen auf Frauen und Männer hat. Diskutiert werden soll auch, ob es sich bei den genannten Maßnahmen um eine präventive Krisenlösungsstrategie handelte, die geholfen hat, Deutschland in der gegenwärtigen Weltrezession als Gewinner erscheinen zu lassen. [via]

Download: via AArchiv
Hören per Vimeo (inkl. Zitaten): magazinredaktion.tk

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HYLE – Ein Traumsein in Spanien April 4, 2013 | 09:22 pm

Hörspiel nach einem Roman von Raoul Hausmann

In der Mediathek des Bayrischen Rundfunks steht bereits seit längerer Zeit die Hörspielbearbeitung eines Romans von Raoul Hausmann zur Verfügung. Hausmann war eine wichtige Figur im Kreis der Dadaisten, von ihm stammt u.a. das »Pamphlet gegen die Weimarische Lebensauffassung« und in einer nicht unproblematischen Beziehung war er langjähriger Lebenspartner von Hannah Höch. Der lesenswerte Blog Golem hat dieses Hörspiel kommentiert und plädiert für eine Eigenständigkeit des auditiven Reizes vom Visuellen:

Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten bieten – neben zahlreichem Feuilletonistischem, das weit mehr über die Freude der Vortragenden, sich selbst reden zu hören, als über den behandelten Gegenstand selbst verrät, sowie der Hofierung diverser meist unsympathischer Vertreter_innen des parlamentarischen Betriebs – auch von Zeit zu Zeit kleine hörenswerte Stücke der Hörspielkunst. Exemplarisch dafür steht beispielsweise die vergleichsweise neue Bearbeitung des Ulysses von James Joyce, die über die Weihnachtsfeiertage auf Deutschlandradio gesendet wurde, und anhand derer die weitreichenden Möglichkeiten dieser spezifischen und (meiner Meinung nach) unterschätzten Kunstform deutlich werden. Wer nicht gerade eine gut sortierte öffentliche Bibliothek in seiner Nähe weiß, dem würde ich den Hörspielpool des Bayerischen Rundfunks nahelegen, wo dankenswerterweise sämtliche Produktionen und Features zum Herunterladen zur Verfügung stehen.

Desweiteren gibt er eine kurze Beschreibung des Hausmann-Hörspiels:

Hausmann ist vor allem als dadaistischer (Anti-)Künstler und Monteur zahlreicher Fotocollagen bekannt geworden. Weniger bekannt ist sein Projekt Hyle – ein Roman, an dem er bis in die 1960er Jahre arbeitete. Dieser ›autobiographische Mythos‹, wie ihn Hausmann selbst nannte, ist zwar zeitlich in den Exiljahren auf Ibiza 1933 bis 1936 verortet, folgt aber innerhalb dieser Eckpfeiler nur der freien Assoziation: Perspektiven wechseln, die Zeit fließt und erstarrt wieder. Viel von Hausmanns spöttischem Ton lässt sich auch hier wiederfinden, doch darin geht der Text nicht auf. Er pendelt vielmehr zwischen den Themen Traum und Sinnverlust, Vereinzelung, Flucht und der Unerkennbarkeit der Welt – und ist damit zugleich Nachsinnen über die konkrete Erfahrung der politischen Verfolgung durch den Faschismus sowie des generellen Erfahrungsverlusts des modernen Subjekts. [via]

Die Handlung dreht sich um das Leben im Exil auf einer spanischen Insel, wo Gal, Ara und eine Person, die nur „die Kleine“ genannt wird, eine seltsame Dreiecks-Beziehung führen, die voll von Verbohrungen, Verachtung und Unausgesprochenem ist (ganz so frei assoziiert scheint mir die Handlung nicht zu sein). Das Geschehen spielt sich dabei vor allem auf einer psychologischen Ebene ab – oft ist nicht klar, was ausgesprochen und was nur gedacht ist –, während die Landschaft des Exils der öde Hintergrund der Auseinandersetzungen bleibt. Bis die Wirklichkeit des Krieges auch in Ibiza eintrifft…

Hören & Download: BR2
Download: via RS (75,6 MB)

In der Welt ist eine kurze Rezension der Neuflage des Romans zu lesen, in der auch deutlich Hausmanns Sexismus hervorgekehrt wird, mit dem sich auch Hannah Höch konfrontiert sah. Ein Portrait Hausmanns zum lesen gibt es hier.

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Gender Metaphors in Science and the dubious “gene Talk” April 2, 2013 | 07:36 pm

Evelyn Fox Keller is one of the pioneers of feminist science studies. 2009 the Canadian radio series How to think about science dedicated an episode to her work. Listen to the feature including a talk about her experiences as a female scientist, the gender metaphors shaping science and the history of genetics. Though not giving a (explicitly) feminist perspective, the second half of the podcast concerning the public discourse on genes and the very different way contemporary biology conceptualizes inheritance is very interesting, too. On Youtube there is a speech by Evelyn Fox Keller on the same issue.

Science, according to its first practitioners, was a masculine pursuit. Francis Bacon writing in the early 17th century invited „the sons of knowledge“ to pass through „the outer courts of nature“ and on into „her inner chambers.“ Science was male, nature female. And, according to Evelyn Fox Keller, this was no mere figure of speech – it had a shaping influence through the centuries on how science was imagined and how it was done. Evelyn Fox is emeritus professor of the philosophy and history of science at MIT, and a keen observer of the ways in which models and metaphors condition our understandings. In recent years she has been particular critical of the ways in which simplistic models of the all-powerful gene mislead public understanding of genetics and developmental biology. And her proposal with regard to what she calls „gene talk“ is the same one she made in her pioneering Reflections on Gender and Science in the 1980’s: „change the terms of the discussion.“ Evelyn Fox Keller shares some of her story and some of her thoughts on how gender, language, model and metaphor have coloured the practice of science.

Listen:

Download: via RS.com (0:54 h, 25 MB)

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Vom Lager, dem Ausnahmezustand und der Anstößigkeit des Denkens March 26, 2013 | 05:45 pm

Nachtrag zum Poststrukturalismus:

Der italienische Philosoph Giorgio Agamben gehört seit zehn Jahren zur Avantgarde seines Faches und wird auch in popkulturellen Zusammenhängen immer wieder zitiert und diskutiert. Mit seinen Schriften hat Giorgio Agamben in der Philosophie „die pole position eingenommen, die seit dem Tod Michel Foucaults vakant ist“. So hat es der Literaturwissenschaftler Anselm Havelkamp formuliert. Wie Michel Foucault ist Giorgio Agamben ein lästiger, sperriger und unbequemer Denker. Seine Texte sind so begeisternd wie anstößig, so anregend wie unbehaglich. [via]

Download: via BR2 | via RS.com (0:52 h, 48 MB) | Manuskript

Ebenfalls von Sammy Khamis via Bayern2 über Agamben, etwas älter:

Die Brutalität der Realität

„Die souveräne Macht und das nackte Leben“ ist der Titel eines Buches des Philosophen Giorgio Agamben. Dem italienischen Denker geht es vor allem darum zu zeigen, wie sich unsere zeitgenössische, angeblich aufgeklärte Gesellschaft ihre eigenen totalitären Strukturen geschaffen hat. Solange es Macht gibt, so eine seiner Thesen, wird es Verbrechen wie den Holocaust und Lager wie Guantanamo geben. Sammy Khamis stellt Giorgio Agamben vor. [Weitere Infos]

Download: via BR2 | via RS.com (0:26 h, 24 MB) | Manuskript

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Elemente des Poststrukturalismus und seiner Kritik March 24, 2013 | 10:50 pm

Das sicherste Erkennungsmerkmal von Poststrukturalist_innen ist ihr Insistieren darauf, dass es den Poststrukturalismus gar nicht gebe. Mit ihrer redundanten Betonung des Vielfältigen, Kontingenten, Differenten und Flüchtigen verbinden sie den Anspruch, ein vereinheitlichendes Denken zu überwinden, das im Vollzug seines Universalitäts- und Objektivitätsanspruchs dem Einzelnen Gewalt antue. Diese Stoßrichtung lässt es plausibel erscheinen, den Poststrukturalismus in die Nähe kritischer Gesellschaftstheorie zu rücken, welche ebenfalls Identitätszwang und Rationalität als Resultate wie auch als Triebfedern einer historischen Entwicklung problematisiert, die in Gestalt der Shoah die schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte ermöglicht hat. Grund genug, einen weiteren1 Blick auf dieses Denken zu werfen und auf seine Eigenarten, die es trotz scheinbarer oder tatsächlicher Übereinstimmungen von kritisch-dialektischer Theorie trennen.

1. Poststrukturalismusmen: Einführung von Gesa Mayer und Christian Schütze

Die Weigerung, poststrukturalistische Theoretiker_innen als Vertreter_innen des vermeintlich homogenen Poststrukturalismus zu präsentieren, bildet auch den Ausgangspunkt von Gesa Mayer und Christian Schütze, die als Kenner_innen und Sympathisant_innen der französischen Philosophie in Hamburg eingeladen waren, die Intros-Reihe mit einer Einführung zu dieser Strömung fortzusetzen. Sie widmeten sich jeweils überblicksweise poststrukturalistischen Denkern und den jeweils möglichen politischen Anschlüsse an deren Theorien (siehe Ankündigungstext unten). Auf die stinklangweiligen Thesen zu »post-autonomen Politiken«, mit denen der Vortrag endete, folgte eine wenig zielführende Diskussion, die wie üblich ebenfalls dokumentiert ist. Wie es sich gehört, waren Adorniten anwesend, die teils lediglich identitär motiviert, teils aber auch mit durchaus treffenden Einwänden (unter ihnen Roger Behrens), Kritik am Vorgetragenen äußerten. Zu einer richtigen Auseinandersetzung z.B. über das Verhältnis von Diskursanalyse und Ideologiekritik kam es ebenso wenig wie zu einer Diskussion über die Differenz von Dialektik und Dekonstruktion. Interessant fand ich allerdings eine Wortmeldung, in der der »antideutschen« PoMo-Kritik über regelrecht peinliche Unkenntnis ihres Kritikgegenstands hinaus eine unbemerkte inhaltliche Übereinstimmung mit Habermas vorgeworfen wurde (Ausschnitt siehe unten). Was den Vortrag betrifft, ist der in ihm gegebene Überblick recht brauchbar. Zumindest bin ich mir jetzt sicher, dass eine Beschäftigung mit Deleuze/Guattari sich weit weniger lohnt als eine mit Foucault.

DEN Poststrukturalismus gibt es nicht – wohl aber diverse, z.T. sehr unterschiedliche Theorieperspektiven, die als „poststrukturalistisch“ bezeichnet werden. Bei all ihrer Heterogenität ist den meisten Poststrukturalismen gemeinsam, dass sie die wirklichkeitserschaffende Kraft der Sprache betonen und sich besonders für Brüche und Diskontinuitäten (z.B. in Geschichte, Diskursen und Subjekten) interessieren.
In unserem Vortrag möchten wir die Ansätze der einflussreichen Poststrukturalisten* Michel Foucault, Jacques Derrida und Gilles Deleuze/Félix Guattari vorstellen und aufzeigen, welche Anknüpfungspunkte und Potenziale sie für linke Politiken bieten:

  • Welche Perspektiven eröffnet Foucaults kritische Analytik der Produktivität von Macht-Wissen im Vergleich zu Ideologiekritik und Repressionshypothesen? Wozu dient eine Lokalisierung von Techniken der (Selbst-)Regierung auch jenseits von staatlicher Herrschaft?
  • Wie lässt sich eine Subversion hierarchischer Gegensätze wie Männlich-Weiblich, Hetero-Homo, Gesund-Krank mit Derridas Konzept der Dekonstruktion betreiben? Welchen Beitrag leistet sein Begriff der Iterabilität zur Bestimmung der Möglichkeiten von (Un-)Doing Gender und aneignender Resignifizierung diskriminierender Sprache?
  • Wie kommt Deleuzes und Guattaris Theorie der De- und Re-Territorialisierung in post-operaistischen Konzepten wie denen der Multitude und des Empire zum Tragen? Welche Rolle spielt ihr Begriff des Begehrens für die Erfindung neuer Formen der Vernetzung und der Dissidenz?
  • Und: Was sind post-autonome Politiken?

Gesa Mayer promoviert in Soziologie an der Universität Hamburg zur Wirkungsmächtigkeit und Dekonstruktion der Monogamie-Norm.
Christian Schütze promoviert in Philosophie an der Freien Universität Berlin zur aneignenden Resignifizierung diskriminierender Sprache.

Hamburg, 7. Februar 2013.

Hören:

Download: via AArchiv | via FRN (2:06 h, 58 MB)

2. Roger Behrens mit einigen Bemerkungen zur poststrukturalistischen Theoriemode am Beispiel von Gilles Deleuze

In der Ausgabe der Freibaduniversität vom August 2007 geht Roger Behrens u.a. dem Umstand nach, dass Deleuze und andere Poststrukturalisten, bei denen der Begriff des Subjekts (und sei es als dekonstruierter) ja durchaus zentral ist, hinter die klassischen Subjekt-Philosophien von Kant, Hegel, Marx auf die rationalistisch-mechanistische Philosophie der Barockzeit (Spinoza, Leibniz) zurückgehen. Nach einigen Exkursen u.a. in die Musik diagnostiziert er Deleuze Idealismus, Geschichtslosigkeit und eine Ontologie der Differenz.

Hören:

Download: via AArchiv | via FRN [Info] (26 MB)

3. La douce France? Birte Hewera über Jean Amérys zweite geistige Heimat zwischen Revolution und ewigem Stillstand

Birte Hewera geht in ihrem, der Thematik nach keineswegs neuen2, Vortrag der Strukturalismuskritik Jean Amérys nach, in ein paar Punkten aber auch über diese hinaus, indem sie Zitate anderer Kritiker des (Post-)Strukturalismus einarbeitet (z. B. François Dosse, Manfred Frank, Alfred Schmidt). Im Mittelpunkt steht, neben Lévi-Strauss, Foucault, der, Améry folgend, dem Strukturalismus zugeschlagen wird. Die von Améry geltend gemachte Gegenposition, der Sartresche Existentialsmus, mag als konterfaktische Restitution des bürgerlichen Humanismus, zumal nach der Liquidation des Individuums, fragwürdig sein. Einige seiner Aspekte, etwa der Anspruch, die – in letzter Instanz auch immer leibliche – (Leidens-)Erfahrung der Einzelnen in die Gesellschaftskritik vermittelnd aufzunehmen, erscheinen mir jedoch kompatibel mit einer kritischen Theorie im Anschluss an Adorno. Darüber hinaus formuliert Hewera eine interessante, wenn auch knappe, Kritik an Foucaults Diskursanlyse, welche zwar als Historisierung von Wissensformen auftritt, aber keinen Begriff von Geschichte mitbringt, der eine Ableitung und damit eine Erklärung der verschiedenen »Episteme« und ihres Übergangs ineinander ermöglichen würde.

1966 prognostiziert Michel Foucault, „daß der Mensch verschwindet wie am Meeresufer ein Gesicht im Sand“. Dass dieser Satz keine Empörung erregt, sondern von einer breiten Anhängerschaft geteilt wird, zeigt, dass sich die von Améry befürchtete Tendenzwende in Frankreich – und nicht nur dort – vollzogen hat: nämlich die Ablösung Sartres, der seit der Nachkriegszeit die intellektuelle Szene Frankreichs geprägt hatte, durch den Strukturalismus. Diese historische Entwicklung, sowie die inhaltliche Bestimmung des Strukturalismus gilt es nachzuvollziehen. Die Bedeutung Jean Amérys ist in diesem Kontext kaum zu überschätzen: Améry ist einer der ersten, die sich in deutscher Sprache einer Kritik am Strukturalismus widmen, lange bevor dieser in Deutschland überhaupt zu großer Bedeutung gelangt. Seine Kritik holt zurück, was der Strukturalismus verleugnet, nämlich die prekäre Leiblichkeit des Menschen. Nicht zuletzt gilt es zu fragen, warum gerade die Linke den Strukturalismus, der doch dem Individuum keinen nennenswerten Platz mehr beimisst, aufgreift und vorantreibt.

Mitschnitt vom 29. Januar 2013 in der Reihe „Philosophische Gespräche“.
Eine Veranstaltung des Helle Panke e. V. in Kooperation mit dem Institut für Sozialtheorie Bochum e. V.

Birte Hewera ist Mitarbeiterin an der Arbeitsstelle Kommunikationsgeschichte/Medienkulturen an der FU Berlin und arbeitet an einem Promotionsprojekt zu Jean Améry. [via]

Hören:

Download: mp3 via AArchiv (0:40 h, 23 MB) | mp3/wma/ogg via Archive.org

  1. Siehe z. B. die Beiträge zur feministischen Kritik am Poststrukturalismus, zum The­men­kom­plex Post­mo­der­ne, Se­xua­li­tät, Kör­per sowie Roswitha Scholz‘ These vom Abstraktionstabu im poststrukturalistisch dominierten Feminismus heute. »Antideutsche« Kritiken postmodernen Denkens finden sich in Beiträgen von Manfred Dahlmann und Alex Gruber.
    [zurück]
  2. Vgl. ihre Vortragsmitschnitte aus Halle und Berlin. [zurück]
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Allein unter Deutschen March 21, 2013 | 01:50 am

Der Gründer des Jewish Theatre in New York reiste sechs Monate durch Deutschland und bekam bei seinem Aufenthalt das ganze Programm geboten: Juden sind reich, Juden kontrollieren die Wirtschaft, Juden beherrschen die Medien, die Israelis sind schlimmer als die Nazis,[…]. Dass Tuvia Tenenboms Bericht aus dem Land der Deutschen die hiesigen Zustände so treffend beschrieb, sorgte in den Feuilletons für Empörung: nicht ernstzunehmen, Unsinn – so lauteten die Urteile. Am 8.März stellte Tenenbom sein Buch in der Roten Flora in Hamburg vor. Der FSK organisierte einen Mitschnitt, der hier – leicht gekürzt – weiter verbreitet werden soll.

    Download: via AArchiv (mp3; 127:12 min; 200 MB)
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Queerfeminismus trifft Kapitalismuskritik March 17, 2013 | 04:46 pm

Altes und Neues zum Thema Ökonomiekritik und Geschlecht

Das Anliegen einer feministischen Ökonomie- bzw. Kapitalismuskritik erwuchs aus dem Unbehagen am Androzentrismus marxistischer Theorie und Praxis, in deren Rahmen Kritik etwa an geschlechtsspezifischer Arbeitsteilung und patriarchalen (Privat-) Verhältnissen nicht selten als »Nebenwiderspruch« abgefertigt und dem Kampf gegen den kapitalistischen Klassengegensatz untergeordnet worden ist. Dies zeichnen die beiden Referentinnen vom Antifaschistischen Frauenblock Leipzig (offenbar Inka Sauter und Sonja Engel – siehe ihren Text zum Thema) im ersten Teil ihres Vortrags im historischen Rekurs auf die Neue Linke in der BRD sowie die zweite Frauenbewegung nach. Im zweiten Teil setzen sie sich mit zwei Ansätzen queertheoretisch inspirierter Ökonomiekritik auseinander und kommen zu recht kritischen Einschätzungen. Es handelt sich zum einen um das Buch The End of Capitalism (as We Knew It): A Feminist Critique of Political Economy (1996) vom Autorinnenkollektiv Gibson-Graham, zum anderen um Sexuell arbeiten, herausgegeben von Renate Lorenz und Brigitta Kuster. Im Zentrum beider Teile steht u.a. die Theoretisierung des Verhältnisses von Arbeit (im marxschen Sinne) und Reproduktionstätigkeiten (»Hausarbeit«, generative Reproduktion, Erziehung).

Der Vortrag wurde am 17. Mai 2011 in Leipzig aufgezeichnet und gehörte zur Reihe »The Future is unwritten – Für eine Perspektive jenseits von Arbeitswahn und Staatsfetisch«.

Download: Vortrag (0:52 h, 48 MB), Diskussion (0:35 h, 32 MB) via AArchiv, Vortrag | Diskussion via unwritten-future.org.

Hören:

Ankündigungstext:

Wenn die Begriffe Geschlecht und Kapitalismus fallen, mag man an Lohnunterschiede, Frauenquote und ‚gläserne Decke’ denken, vielleicht auch an ‚Sphärentrennung’, d.h. die stereotype Zuweisung von Haus- und Erziehungsarbeit an Frauen und außerhäusliche Erwerbsarbeit an Männer. Dass die Kategorie Geschlecht ein wichtiges Element der ökonomischen Ordnung darstellt, ist wohl allgemein anerkannt – soll es spezifischer werden, und ist mehr als die Auflistung statistischer Daten gewünscht, begibt man sich immernoch und immerwieder auf unsicheres Terrain. Dabei haben Feminist_innen in den letzten Jahrzehnten ein breites Spektrum an Ansatzpunkten entwickelt, die die Verflechtungen von kapitalistischer Verfasstheit und Geschlechterordnung zu erfassen sucht. Neben der abstrakt-theoretischen wurde immer auch die empirisch-konkrete Analyse der Gegenwart unternommen, durch die queerfeministische Perspektive werden noch ganz neue Aspekte hinzugefügt. Wir möchten in der Veranstaltung diesen Bereich der Ökonomiekritik kritisch vorstellen und diskutieren.

Eine Veranstaltung mit Vertreterinnen des AFBL (Antifaschistischer Frauenblock Leipzig)

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Über das Verhältnis von Genuss und Lust. Ein Gespräch mit Magnus Klaue March 17, 2013 | 02:11 pm

Claus Harringer von Radio FRO aus Linz sprach mit Magnus Klaue über das Verhältnis von Genuss und Lust, die sogenannte Entschleunigungsbewegung, die abstrakte Vorstellungen von Nachhaltigkeit als Alltagsreligion, Regionalismus und kritikable Voraussetzungen der Ökologiebewegung: Die Sendung findet sich beim CBA , BFR (leicht gekürzt) und im Audioarchiv.

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Für eine Ästhetik der Verkrampfung March 14, 2013 | 06:06 pm

Einen vor allem unterhaltsamen Mitschnitt einer Veranstaltung mit Frank Apunkt Schneider (testcard, monochrom), über das vielleicht wichtigste Reeducation-Programm der (West)Alliierten, gibt es hier.

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Kunst und Gesellschaftskritik in Zeiten der Kulturindustrie (I) March 9, 2013 | 03:07 pm

„[…] jede Ware eine Waffe, jeder Supermarkt ein Trainingscamp. Das erhellt die Notwendigkeit der Kunst als Mittel, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“ (Heiner Müller)

Bekanntlich sah Theodor W. Adorno in der Kunst einen Rückzugsraum für unverstümmelte Erkenntnis: In der ästhetischen Erfahrung kann das Subjekt eine Ahnung davon gewinnen, dass die instrumentelle Naturbeherrschung barbarisch ist. An der Möglichkeit ästhetischer Erfahrung entscheidet sich, inwieweit die Menschen überhaupt noch ein Gespür für ihr Leid und einen Sinn für gesellschaftliche Alternativen haben. Auch heute noch stellt sich die Frage, ob Kunstwerke potentiell die Reflexion der gesellschaftlichen Verhältnisse, ihrer Verwerfungen und Widersprüche ermöglicht, oder ob, zumal in Zeiten der alles in Warenform pressenden kapitalistischen Kulturindustrie, nicht einmal mehr die Kunst uns retten kann. Liegt womöglich die Stärke der Kunst in der Macht der Erkenntnis bei gleichzeitiger Ohnmacht in dem, was man Praxis nennt?
Diesen Fragen nähert sich derzeit die Veranstaltungsreihe der Kritischen Interventionen in Halle. Die ersten vier Vorträge – von Christoph Hesse, Marc Grimm, Baumeister & Negator und Lukas Holfeld – können wir hier dokumentieren.

Christoph Hesse: Dynamit der Zehntelsekunden. Die Kontroverse über den Film zwischen Walter Benjamin und Theodor W. Adorno

Während Adorno der autonomen Kunst zutraute, als Statthalter der nicht länger vom Tausch verunstalteten Dinge ein Bewusstsein von Freiheit zu vermitteln, das in sonst allen Bereichen der Gesellschaft verbaut werde, vertraute Walter Benjamin darauf, dass gerade von der sogenannten Massenkultur – für die Adorno dann den Begriff Kulturindustrie prägte – der Funken ausgehe, der die gesamte Gesellschaft aus ihrem barbarischen Zustand befreien sollte; mit dem Dynamit der Zehntelsekunden, das mit dem Film erfunden worden war, sollte diese ganze Kerkerwelt […] gesprengt werden. Christoph Hesse (Rote Ruhr Uni und FU Berlin) verdeutlicht im Bezug auf den Film die unterschiedlichen Positionen.

Kino ist gediegene Unterhaltung, ähnlich wie das aus dem bürgerlichen Zeitalter ererbte Theater. Die explosive Kraft, die man ihm einst zutraute in der Hoffnung, damit der Enge der eigenen bürgerlichen Existenz zu entkommen oder gar die gesellschaftliche Ordnung als ganze zu sprengen, scheint unwiederbringlich verpufft. Ob der Film die ihm zugeschriebene Kraft einem anderen, neueren Medium übertragen konnte, bleibt fraglich.
Im Vortrag soll es sich – auch anhand von Filmmaterial – vor allem um den politischen Film der 1920er und 30er Jahre drehen, so das frühe sowjetisches Kino oder den proletarischen Film in Deutschland, zudem um seine Beurteilung, bei der es nicht sowohl um Kunst, Wahrnehmung und Technik ging als um Gesellschaft und Revolution. Walter Benjamin und Theodor W. Adorno, zwischen ihnen Bertolt Brecht, sollen als Zeugen aufgerufen werden in einem nunmehr historischen Prozeß, in dem das revolutionäre Medium Film, stellvertretend für die höchsten Hoffnungen einer Epoche, zu einem Medium der Kulturindustrie verurteilt wurde.

Referat

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Diskussion

Die erste Frage der Diskussion bezog sich auf den 2012 veröffentlichten Film Innocence of Muslims, der gewaltsame Proteste unter der Parole Tod Amerika, Tod Israel, Tod den Feinden des Islam auslöste.

Marc Grimm: Ästhetik und Kulturindustrie nach Adorno


Marc Grimm
analysiert das Verhältnis von Ästhetik und Kulturindustrie bei Adorno und verweist darauf, dass Adornos Kritik sich nicht undialektisch gegen die Warenförmigkeit der Kunst richtet: Weil der Künstler nach der Loslösung von Auftraggebern ab dem 18. Jahrhundert frei war vom Zwang für unmittelbares Interesse zu produzieren, wie dies für die Auftragskunst kennzeichnend war, wahrte die Kunst ein Moment von Freiheit: Die Freiheit, im Rahmen der warenproduzierenden Gesellschaft Kunst zu schaffen, die selbst nicht unmittelbar den Zwecken der Gesellschaft unterworfen ist und daher nicht ohne Rest in dieser aufgehen muss. Neben dem Zusammenhang des sich in der Kunst reproduzierenden Widerspruchs von Zwang und Freiheit, diskutiert Grimm den Wahrheitsgehalt von Kunstwerken und damit die Differenz von engagierter und emanzipatorischer Kunst. Grimm rekurriert in seinem Referat auf einen Text, den er 2009 im Band Probleme der Dialektik heute veröffentlichte.

Gerade dann, wenn man von Theodor W. Adorno nichts weiß, weiß man doch mit Sicherheit eines: dass er trotz revolutionären Gestus’ der Praxis sich verweigert hat. Insbesondere seine letzte Arbeit, die Ästhetische Theorie, die 1970 aus seinem Nachlass herausgegeben wurde, dient diesem Vorwurf als Grundlage. Denn dass Adorno postmoderner Wolf im materialistischen Schafspelz gewesen ist, von gesellschaftlicher Veränderung nichts mehr wissen wollte und als Apokalyptiker, Praxisflüchtling in Kunst, letztlich als prä-postmoderner Meister einer begriffsfeindlichen Empfindsamkeit endete, scheinen Titel wie Sache, die in diesem Spätwerk verhandelt werden, zu bestätigen. Übersehen wird dabei nicht nur, dass die Beschäftigung mit Kunst integraler Bestandteil von Adornos Leben und Wirken seit jungen Jahren war, sondern vor allem auch, dass sein Werk sich nicht in politische, für gesellschaftliche Praxis relevante Arbeiten und unpolitische, also der Kunst verpflichtete Arbeiten trennen lässt. Wie Adorno in den kunsttheoretischen, den philosophischen und soziologischen Schriften seine Kritik an den gesellschaftlichen Identitätszwängen und deren Vermittlung durchs Subjekt entfaltet, so in der Ästhetischen Theorie. Sie behandelt die Frage, wie Kunst der Emanzipation dient, ohne sich für diese einspannen zu lassen.

Referat

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Diskussion

Baumeister & Negator: Kunst, Avantgarde, Klassenkampf. Benjamin, Adorno und die Situationistische Internationale

Nicht nur Adornos, sondern auch die Überlegungen der Situationist_innen um Guy Debord zu den emanzipativen Möglichkeiten von Kunst, stehen im Zentrum der Untersuchung von Baumeister & Negator (Seltsamer Zusammenschluss). Während Adorno und Debord gewissermaßen spiegelbildlich zueinander stehen, nimmt der ebenfalls beachtete Walter Benjamin eine Zwischenstellung ein. Wie bereits oben erwähnt, kann Adorno zufolge Kunst als Statthalter des richtigen Lebens fungieren, aber nur dann, wenn sie die unerträglichen gesellschaftlichen Verhältnisse ausdrückt und darum in negativer Form auf ein besseres Leben verweist. Demgegenüber entdeckte Benjamin sprengende Momente in der Poesie der Montage, worin Adorno Jahre später die Verdinglichung der Kulturindustrie am Wirken sieht. Der S.I dagegen ging es darum, die künstlerischen Mittel im Klassenkampf den proletarischen Interventionen als revolutionäre Ausdrucksmittel anzuempfehlen, die damit zugleich eine neue Poesie ermöglichen sollten. Die Kunst würde dadurch als separierte gesellschaftliche Sphäre überwunden bzw. aufgehoben werden. Baumeister & Negator beginnen das Referat mit einführenden Worten zur Entstehungsgeschichte der Situationistischen Internationalen.

Einerseits sprach sich die Situationistische Internationale (1958–1972) um Guy Debord für „neue Aktionsformen gegen Politik und Kunst“ aus. Andererseits kritisierte sie die Surrealist_innen um André Breton dafür, dass diese „Poesie in den Dienst der Revolution“ stellen wollten – es komme vielmehr darauf an, „die Revolution in den Dienst der Poesie zu stellen“. Auf den ersten Blick scheint das situationistische Projekt den Überlegungen von Walter Benjamin zu widersprechen, wonach es für gesellschaftskritische, communistische Bestrebungen auf eine „Politisierung der Kunst“ ankomme, während der Faschismus eine „Ästhetisierung der Politik“ betreibe.
Was Karl Marx als „das ganze Atelier“ bezeichnet: die hochvergesellschaftete, wenn auch reell unters Kapital subsumierte „Kombination und Kooperation“ der weltweit zugleich erzwungenen und freien Assoziation der Arbeitenden, dieses „Atelier“ ist immer zugleich auch ein ästhetisches und stellt objektiv die materiellen Bedingungen dafür bereit, aus dem Stand in eine communistische Produktion und Verteilung auch der ästhetischen Vermögen der Menschen überzugehen. Die Eigentumsfrage angesichts des privaten Eigentums an den gesellschaftlichen Produktionsbedingungen wäre dafür allerdings ebenso aufzuwerfen, wie die kapitalistische Arbeitsteilung und bürgerliche Sphärentrennung als historisch-materiell längst überholte Form weltgesellschaftlicher Produktion und Lebensgestaltung transparent zu machen wäre.
Das situationistische Postulat der Aufhebung der Kunst setzte direkt wieder an der Marx’schen Feststellung an, wonach die „exklusive Konzentration des künstlerischen Talents in Einzelnen und seine damit zusammenhängende Unterdrückung in der großen Masse“ die „Folge der Teilung der Arbeit“ sei: „Bei einer communistischen Organisation der Gesellschaft fällt jedenfalls fort die Subsumtion des Künstlers unter die lokale und nationale Borniertheit, die rein aus der Teilung der Arbeit hervorgeht, und die Subsumtion des Individuums unter diese bestimmte Kunst, so dass es ausschließlich Maler, Bildhauer usw. ist und schon der Name die Borniertheit seiner geschäftlichen Entwicklung und seine Abhängigkeit von der Teilung der Arbeit hinlänglich ausdrückt. In einer communistischen Gesellschaft gibt es keine Maler, sondern höchstens Menschen, die unter anderem auch malen.“ (MEW 3, 378f.)
Nicht als Avantgarde im traditionellen kunstmodernistischen Verständnis sah die Situationistische Internationale ihre Rolle, sondern als die einer Art letzten Avantgarde, als Aufhebung der Avantgardebewegungen, als enfants perdus in der Gesellschaft des Spektakels, welche sie zu überwinden trachtete. Ihre Geschichte verweist exemplarisch auf das problematische Verhältnis von Kunst und Avantgarde in ihrem untergründigen Bezug zu den Klassenkämpfen der jeweiligen Gegenwart bzw. zu den Vorstellungen, die sich mit politischer Kunstintervention und proletarischen Revolutionsanläufen verbinden. Es stellen sich folgende Fragen: Welche Rolle nimmt die Kunst im Rahmen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen ein bzw. welche Rolle kann die Kunst potentiell innehaben? Welche gesellschaftlichen Interventionsmöglichkeiten ergeben sich für eine politisch motivierte Kunst, und wie ist es diesbezüglich um Avantgardepositionen bestellt?
Die Krise der Arbeiterbewegung und der Niedergang der großen avantgardistischen Kunstbewegungen sowie die katastrophale Entwicklung, die in Auschwitz kulminierte, der Nationalsozialismus, stehen in einem bestimmten Zusammenhang, dem sich auch gegenwärtige Formen der Kunst nicht zu entziehen vermögen, selbst wenn ihnen das nicht explizit bewusst ist. Um diese geschichtlich wirkmächtigen Topoi kreisten stets auch die Überlegungen Benjamins, Adornos und der Situationistischen Internationale, allerdings mit jeweils unterschiedlichen Gewichtungen.

Referat

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Diskussion

Lukas Holfeld: Hölderlin und die Versteinerung der Revolutionäre

In die Tiefen des deutschen Idealismus (und auch wieder heraus) führt das Referat von Lukas Holfeld, der in den letzten Jahren als Initiator der Reihe Kunst, Spektakel, Revolution (Weimar) für Aufsehen und gleichsam für eine verstärkte Auseinandersetzung mit dem Verhältnis von Ästhetik und Gesellschaftskritik sorgte. Holfeld nähert sich einem Werk in der Hoffnung, dass dessen Interpretation vielleicht weitergehende Reflexionen entspringen können: dem Roman „Hyperion oder der Eremit in Griechenland“ von Friedrich Hölderlin. Dass gerade Hölderlin, der sich auf den ersten Blick mit seiner häufig schwülstigen Sprache und dem Gedichtzyklus vaterländischer Gesänge nur bedingt empfiehlt, untersucht wird, erklärt sich durch den Handlungsbogen, den Hyperion schlägt: Vom Ausbleiben einer Revolution in Deutschland, aber auch von der Möglichkeit einer Verlängerung des Leidens durch das Missraten einer gewaltvollen Erhebung; davon handelt der Roman. Der Vortrag betrachtet einige Stellen genauer und stellt Interpretationsvorschläge zur Diskussion. Dabei wird das Sujet des Romans mit heutigen Versuchen, ein revolutionäres Vorhaben (oftmals nur in Gedanken) aufleben zu lassen, in Bezug gesetzt.

Bevor Hölderlin, Hegel und Schelling sehr unterschiedliche Wege beschritten, hatten sie 1794 – nachdem sie von den großen Erhebungen in Frankreich erfahren hatten – gemeinsam mit anderen Studenten des „Tübinger Stifts“ einen „Freiheitsbaum“ gepflanzt und einen Schwur auf die Revolution geleistet. Vom Ausbleiben einer Revolution in Deutschland, aber auch vom möglichen Missraten einer gewaltvollen Erhebung handelt Hölderlins Bildungsroman „Hyperion“. Der Vortrag beginnt mit einigen einführenden Bemerkungen zu Hölderlin, will dann eine Passage aus Hölderlins „Hyperion“ genauer betrachten und endet mit einigen fragmentarischen Überlegungen zur Entwicklung der modernen Dichtung als einer Tendenz des Verstummens und des Zerfalls.

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Römische Verhältnisse March 5, 2013 | 12:25 am

Zur Aktualität von Hegels »Philosophie der Geschichte«

Deutschlandfunk stellt ein interessantes Radio-Essay von Peter Bürger zum Hören zur Verfügung, in dem dieser einige Überlegungen über die Aktualität der Hegelschen Geschichtsphilosophie anstellt. Das Essay ist meines Erachtens ambivalent: Einerseits spricht hier deutlich der bürgerliche Intellektuelle, der von der Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Institutionen (der »Souverenität des Volkes« und insbesondere der Kultur) enttäuscht ist, ohne in einer materialistischen Analyse herauszuarbeiten, wie dieser Verfall einer kapitalistischen Krisenlogik immanent sein könnte (und dabei auch ohne Managergehälter oder italienische Wahlen etwas mit Ausbeutung zu tun hat). Er muss daher bei seinem Vergleich dieser Institutionen mit dem Hegelschen Bild der römischen Gesellschaft auf der Ebene oberflächlicher Analogien verbleiben — auf der anderen Seite bemüht sich Bürger jedoch, ein »nach dem Kapitalismus« denkbar zu machen, ohne dabei einerseits in blinden Geschichtsoptimismus oder andererseits in ebenso blinden Fatalismus zu verfallen.

Der Philosoph Georg Friedrich Wilhelm Hegel betrachtete die Geschichte als Prozess eines dialektischen Fortschritts. Von diesem Vertrauen ist heute nicht mehr viel übrig. Die Zukunft erscheint in eher düsteren Farben. Doch auch für die Gegenwart hält Hegels „Philosophie der Geschichte“ Ermutigung bereit.

Der Literaturwissenschaftler Peter Bürger befasst sich in regelmäßigen Abständen mit vielfach als verstaubt geltenden Klassikern der Geistesgeschichte. So untersuchte er etwa die Rolle Friedrich Nietzsches als Reformator oder er versuchte Oswald Spenglers „Untergang des Abendlands“ neu zu bewerten.

Er lehrte an der Universität Bremen Literaturwissenschaften. Sein Hauptwerk über die „Theorie der Avantgarde“ wurde in fast alle Sprachen übersetzt. 2007 erschien beim Suhrkamp Verlag sein Buch „Sartre. Eine Philosophie des Als-ob“. [via]

Lesen und Hören: bei DLF (Essay und Diskurs)

Download: via RS

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Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik (II) March 3, 2013 | 12:25 pm

Die Hamburger Intros-Reihe zur Einführung in die Gesellschaftskritik wird seit Jahresbeginn fortgesetzt mit Vorträgen, die nicht thematisch zentriert sind, sondern einzelne Theorieansätze vorstellen. Den Anfang dieser dritten Runde machte »EXIT!«-Redakteur Claus Peter Ortlieb am 3. Januar 2013 (vor einem vermutlich noch leicht verkaterten Publikum) mit einem Vortrag zur Wert- und Wert-Abspaltungs-Kritik. Er geht sowohl auf die wertkritische Deutung der marxschen Ökonomiekritik (Geldvermehrung als irrationaler Selbstzweck, subjektlose Herrschaft) als auch auf die abspaltungstheoretische Kritik des Geschlechterverhältnisses und die umstrittene Krisentheorie ein, wie sie maßgeblich von Robert Kurz entwickelt wurde. Vgl. auch die Beiträge Ortliebs zur Krisentheorie, Wissenschafts- und Subjektkritik, sowie die etwas anders geartete Einführung in die »WAK« von Daniel Späth.

Beschreibung der Reihe und Ankündigungstext des Vortrags:

Die Intros sind eine monatliche Reihe von gesellschaftskritischen Einführungsveranstaltungen, organisiert von den Gruppen a2 Hamburg, Kritikmaximierung sowie vom Freien Sender Kombinat.

Mit den Intro-Veranstaltungen wollen diese in Hamburg Raum für die Vermittlung linker Theorie bieten. Die Vorträge zielen darauf ab, sich zum ersten Mal und ohne große Vorkenntnisse mit gesellschaftskritischen Fragen auseinanderzusetzen. Mit der dritten Staffel wird nun der Versuch unternommen, gesellschaftskritische Perspektiven verständlich und einführend zu vermitteln. Statt sich auf einzelne Herrschaftsverhältnisse (zum Beispiel Rassismus oder Antisemitismus) zu konzentrieren, werden Theorieansätze vorsgetellt, die in der Linken seit Jahrzehnten diskutiert werden. Sind diese geeignet, die aktuellen Verhältnisse treffend zu analysieren und damit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Emanzipation zu leisten?

Im 11. Teil dieser Reihe referierte am 3. Januar 2013 Claus Peter Ortlieb in der Roten Flora zur Wert- und Wertabspaltungskritik.

Der von Marx in die Formel G-W-G’ gefasste Antrieb, durch Ausbeutung von Arbeit aus Geld mehr Geld zu machen, der die kapitalistische Produktionsweise als ihr alleiniges Prinzip am Laufen hält, ist von Marxisten lange Zeit allein unter dem Aspekt der damit verbundenen Aneignung des gesellschaftlichen Mehrprodukts (in der spezifischen Form des Mehrwerts) kritisiert worden. Dabei handelt es sich um eine Kapitalismuskritik, die das Kapitalverhältnis gar nicht in Frage stellt. Es geht ihr nur um die gerechtere Verteilung innerhalb dieser spezifischen gesellschaftlichen Form.

Warenform und Wertvergesellschaftung werden dagegen nicht kritisiert. „Wertkritik“ geht demgegenüber tiefer: Sie kritisiert die Warengesellschaft als ein Fetisch-System, dessen Mitglieder nicht durch bewusste Verständigung über den Einsatz ihrer gemeinsamen Ressourcen, sondern nur indirekt über die (abstrakte) Arbeit und den durch das Geld vermittelten Tausch miteinander in Verbindung stehen und sich damit einem abstrakten Prinzip ausliefern, das sich ihnen gegenüber verselbständigt hat. Zu dieser Gesellschaftsform gehört eine spezifische Form der in ihr handelnden und von ihr konstituierten Subjekte ebenso wie eine spezifische Form der Herabsetzung des Weiblichen („Wertabspaltung“), die ein Produkt der Warengesellschaft und Bedingung ihrer Möglichkeit zugleich ist. Eine Überwindung des Kapitalismus kann daher nicht nur die Abschaffung der Ausbeutung beinhalten, sondern muss darüber hinaus die kapitalistischen Realkategorien von Arbeit, Geld, Äquivalententausch und patriarchalem Geschlechterverhältnis überwinden.

Claus Peter Ortlieb aus Hamburg ist Mitglied der EXIT!-Redaktion

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Kritik des Gedenkens und materialistische Erkenntnis der Geschichte February 13, 2013 | 09:00 am

Wenn jedes Jahr am 13. Februar in Dresden »bürgerliche« Kräfte und Nazis um die Deutungshoheit über das legitime Gedenken an die Opfer der alliierten Bombardements ringen, ist dies nur ein besonders spektakuläres Beispiel für die beredte Umarbeitung der deutschen Geschichte. Dem entgegenzusetzen wäre eine Kritik offizieller Gedenkspektakel und ein materialistischer Begriff von Geschichte, sowie die Zeugnisse der Opfer des Nationalsozialismus zu Gehör zu bringen. Dazu sei mit diesem Beitrag angeregt.

1.) Philipp Schweizer: Eine materialistische Theorie der GeschichteWalter Benjamins Griff nach der Notbremse und Adornos Versuch, die Ursachen der Vergangenheit zumindest nachträglich zu beseitigen. Im Rahmen der Jenaer Veranstaltungsreihe »Erinnern, Vergessen, Verdrängen« hat Philipp Schweizer (Falken Erfurt) am 27.11.2012 über den Umgang mit der deutschen Vergangenheit referiert und dabei vor allem anhand Benjamins Thesen »Über den Begriff der Geschichte« und Adornos Vortrag »Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit?« einige Gedanken entwickelt. Im Referat und in der Diskussion wird insbesondere die Frage besprochen, wie sich das Verhältnis von Verdrängen und Erinnern heute verändert hat. Vortrag und Diskussion gehen fließend ineinander über, wobei die Aufnahme irgendwann in der Diskussion abbricht.

Noch vor 50 Jahren schienen die Fronten klar: die Erinnerung an den Nationalsozialismus richtete sich nicht nur gegen das Schweigen der eigenen Väter und Onkel, sondern auch das er gesamten deutschen Öffentlichkeit. Diese wollte lieber auf eine große Zukunft Deutschlands hinarbeiten und dazu einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, anstatt sich mit der Erinnerung an die abzugeben die im Namen Deutschlands und seiner Zukunft ermordet wurden. Vor diesem Hintergrund schien jedes Erinnern ein Angriff auf den emsigen Wiederaufbau und die Ruhe und Ordnung zu sein – kurz war praktische Subversion.
Wie aber steht es um die subversiven Potentiale von Erinnerung und Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Zeiten in denen sich eine Breite Erinnerungskultur etabliert hat und sogar Gedenkverstaltungen zur Befreiung von Auschwitz oder zum Ende des Nationalsozialismus in Bundestag und -rat mit Zitaten Theodor W. Adornos eröffnet werden?

Der Vortrag vergegenwärtigt zunächst die Überlegungen der Kritischen Theorie zu Erinnerung und Geschichte, indem die Überlegungen aus Walter Benjamins Thesen »Über den Begriff der Geschichte« (1940) und Theodor W. Adornos Vortrag »Was bedeutet Aufarbeitung der Vergangenheit« (1960) vorgestellt werden, um in Anschluss an diese eine materialistische Theorie der Geschichte zu umreißen.

Philipp Schweizer ist Mitglied der Falken Erfurt [www.falken-erfurt.de], die »(noch) eher weniger erfolgreich versuchen Solidarität in der Trostlosigkeit und Ansätze zu einer materialistischen Kritik der Gesellschaft zu organisieren.« [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 97,0 MB; 1:55:24 h) | via Audioarchiv++ (siehe hier)

2.) Primo Levi: Ist das ein Mensch / Die Atempause – Im letzten Jahr hat Hans Kremer in der BR2-Sendung »radioTexte« anlässlich des 25. Todestages von Primo Levi Auszüge aus zwei seiner Bücher gelesen: »Ist das ein Mensch?« und »Atempause«.

    A.) Die Atempause

»Die Atempause« heißt Levis Bericht über das, was nach der Befreiung durch die Rote Armee geschah und über die endlose Irrfahrt nach Hause. Eine Atempause trotz allem, denn zuhause begann der Kampf um die Wahrheit und gegen das Nicht-Wissen-Wollen, den die ehemaligen Häftlinge immer wieder verloren. Primo Levi hat ein Leben lang Zeugnis abgelegt über die Realität des Vernichtungslagers Auschwitz, das er erlebt und überlebt hatte. »Ist das ein Mensch?« erschütterte Generationen und stieß gleichzeitig immer auf Ablehnung und Unglauben. In seinem Buch »Die Atempause« beschrieb er, was nach der Befreiung durch die Rote Armee geschah und wie endlos die Irrfahrt durch halb Europa war, nach Hause. Eine Atempause trotz allem, denn zuhause begann der Kampf um die Wahrheit und gegen das Nicht-Wissen-Wollen, den die ehemaligen Häftlinge immer wieder verloren. Es liest Hans Kremer. [via]

    Download: via BR2 | via Mediafire (mp3; 28,2 MB; 29:18 min)
    B.) Ist das ein Mensch?

Die ersten Kapitel von »Ist das ein Mensch?« erzählen von Levis Ankunft im Konzentrationslager Auschwitz:

Zum 25. Todestag des Autors liest Hans Kremer in den radioTexten am Karsamstag die Anfangskapitel des epochalen Buchs. Zu Ehren Primo Levis und wider das Vergessen. [via]

    Download: via BR2 | via Mediafire (mp3; 54,3 MB; 56:31 min)
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Libertärer Literat und Lebemann #5 February 10, 2013 | 11:55 am

Glos­sen von und über Erich Müh­sam

Im letzten Jahr hat die Audioarchiv-Redaktion mit einer Themen-Reihe über den Anarchisten Erich Mühsam begonnen – Anlass war dabei die Herausgabe einer kritisch-historischen Edition der Tagebücher Mühsams im Verbrecher-Verlag (bisher erschienen Band 1, Band 2, Band 3), inklusive einer Online-Edition der Tagebücher. Zum Abschluss dieser Reihe soll es deshalb noch einmal (siehe auch Beitrag #1) um die Tagebücher Mühsams gehen. Zusätzlich findet ihr ein Feature über Mühsam, das kürzlich auf BR2 zu hören war.

9.) Am 18.12.2011 fand im Rahmen der Reihe „Die Untüchtigen“ in der Hamburger Hafenschenke „Golem“ eine Lesung aus dem ersten Band der Mühsam-Tagebücher (1910-1911) statt. Der Mitherausgeber der Tagebücher, Chris Hirte, hat die Lesung kommentiert und über die Entstehung der Tagebücher berichtet. Philipp Meier von Rouden hat ausführlich aus den Tagebüchern vorgetragen. Im Vordergrund der Lesung stehen dabei Erinnerungen Mühsams an seine Kindheit und Jugend, die wohl einige Bitterkeiten enthielten, sowie seine Münchner Bohéme-Zeit. Mühsam stellt darin einige Beobachtungen über das kulturelle und städtische Leben Münchens an, portraitiert einige Zeitgenossen, berichtet über seine Lebensumstände und notiert Einschätzungen der politischen Lage. Die auf dem AArchiv-Server gespeicherte Datei ist kleiner komprimiert, während die FRN-Version größer und daher auch besser im Radio verwendbar ist.

ERICH MÜHSAM »Tagebücher – Band 1 / 1910–1911«Livemitschnitt aus dem GOLEM (Hamburg) vom 18.12.2011 Gelesen von Philipp Meier von Rouden

Durch allerhand Anekdoten und Anmerkungen garniert sowie Kommentiert durch den Herausgeber Chris Hirte, der ebenfalls der Lesung beigewohnt hat.

15 Jahre lang, von 1910 bis 1924, hat Erich Mühsam, der berühmteste deutsche Anarchist, sein Leben festgehalten: ausführlich, stilistisch pointiert, schonungslos auch sich selbst gegenüber und niemals langweilig. Was diese Tagebücher so fesselnd macht, ist der wache Blick des Weltveränderers. Mühsam wollte Anarchie praktisch ausprobieren. Anarchie hieß für ihn: Leben ohne moralische Scheuklappen, ohne Rücksicht auf Konventionen – und er bewies, dass es geht. Auch das Schreiben ist Aktion, in allen Sätzen schwingt die Erwartung des Umbruchs mit, den er tatsächlich mit herbeiführt: Die Münchner Räterevolution ist auch die seine, und die Rache der bayerischen Justiz trifft ihn hart. Mühsams Tagebücher sind ein Jahrhundertwerk, das es noch zu entdecken gilt, sie erscheinen in 15 Bänden – und zugleich als Online-Edition. Die von Chris Hirte und Conrad Piens gewissenhaft edierten Textbände werden im Internet veröffentlicht, begleitet von einem Anmerkungsapparat mit kommentiertem Namenregister, Sacherklärungen, ergänzenden Materialien, Suchfunktionen – es entsteht eine historisch-kritische Ausgabe.
In dem ersten Band geht es vor allem um Mühsams zentrale Rolle in der Münchener Boheme.

Erich Mühsam, geboren am 6. April 1878 in Berlin, war ein Dichter und politischer Publizist. Er war maßgeblich an der Ausrufung der Münchner Räterepublik beteiligt, wofür er zu 15 Jahren Festungshaft verurteilt wurde. 1933 wurde er verhaftet und am 10. Juli 1934 im KZ Oranienburg von der SS-Wachmannschaft ermordet.

Chris Hirte war Mitherausgeber der Erich-Mühsam-Werkausgabe beim Verlag Volk und Welt (1978-1985). Seine Mühsam-Biographie erschien 1985 im Verlag Neues Leben. 1994 veröffentlichte er bei dtv München eine Auswahl aus den Tagebüchern. Seit 2009 arbeitet er gemeinsam mit Conrad Piens an der Gesamtausgabe der Tagebücher. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 45,1 MB; 1:33:53 h) | via FRN: Teil 1 / Teil 2 | hören bei Soundcloud

10.) Ebenfalls im Golem fand am 08.04.2012 eine musikalische Lesung statt, die von äußerst prominenten Sprechern und Musikern gestaltet wurde – teilgenommen haben Thomas Ebermann, Harry Rowohlt, Frank Spilker (Die Sterne), Knarf Rellöm und Manuel Schwiers (School of Zuversicht). Dabei wechseln sich Auszüge aus Mühsams Tagebüchern mit musikalischen Beiträgen ab, die zum Teil aus Vertonungen von Mühsams Gedichten, zum Teil aus Bearbeitungen und Interpretationen von Mühsams Texten bestehen. Zusätzlich steht eine Lesung zum gleichen Thema und mit gleicher Besetzung (aber leicht differierendem Inhalt) zur Verfügung, die bereits 2010 im Festsaal Kreuzberg stattfand – bearbeitet und kommentiert vom Dschungelfunk.

    Download:

    A.) Hamburg: via AArchiv (mp3; 369,4 MB; 2:33:54 h) | bei Soundcloud hören

    B.) Kreuzberg: via FRN: Teil 1, Teil 2 | per Stream via Dschungelfunk | via RS

Eine Rezension zum ersten Band der Mühsam-Tagebücher findet sich hier.

11.) Das Leben schreit!Ein Feautre über Erich Mühsam von Carola Zinner. In diesem hörenswerten Feature erhält man einen Überblick über Mühsams Leben und seine Aktivitäten – vor, während und nach der Münchner Räterepublik. Es sind Auszüge aus politischen Reden Mühsams, so wie aus sehr persönlichen Reflexionen zu hören. Unter anderem kommen sein Biograph Günther Gerstenberg, so wie seine Frau Zenzl Mühsam im O-Ton zu Wort.

Erich Mühsam – der „Schwabinger Kaffeehausliterat“ mit scharfem Verstand und ausschweifendem Liebesleben. In die Geschichte eingegangen aber ist Mühsam vor allem als Vertreter der Münchner Räterepublik und – als eines der ersten Opfer in einem nationalsozialistischen Konzentrationslager. [via]

    Download: via BR2 | via Mediafire (mp3; 20,6 MB; 21:22 min)

Dies, meine Damen und Herren, ist im Übrigen der 600. Audio-Beitrag im Audioarchiv. Daher gibt es untenstehend eine kleine musikalische Zugabe:

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Wo keins ist, ist eins #12 – #15 February 8, 2013 | 02:09 pm

Es ist schon wieder einige Zeit vergangen, seitdem wir die letzten Ausgaben der Hamburger Dialektik-Sendung „Wo keins ist, ist eins“ dokumentiert haben. Bevor wir auch dialektisch ins neue Jahr starten, seien also hier zunächst die letzten Sendungen aus dem Jahr 2012 präsentiert:

Wo keins ist, ist eins #12 (09.09.2012)

Karl Marx: Die Entwicklung vom Junghegelianer zum Kritiker der Politischen Ökonomie. Schellings Vorlesung: Philosophie der Offenbarung 1841/42 hatte ein Publikum, das aus hohen Staatsbeamten, Militärs, Universitätsprofessoren, Hörern wie Bakunin, Kierkegaard, Friedrich Engels, Jakob Burckhardt, Savigni, Steffens, Trendelenburg, Ranke, A. von Humboldt usw. bestand. Nach Hegels Tod war Berlin philosophisch durchaus geistiger Mittelpunkt. Die Diskussion der Kritik idealistischer Dialektik durch Marx ist selber zu historisieren. Es gilt die Phasen der Hegelaneignung und (Selbst-) Kritik des Junghegelianismus, denen auch Theoriephasen Marxens entsprechen herauszuarbeiten. In den Folgesendungen wird dann die Ost-West-Spaltung innerhalb des Marxismus Thema werden, die sich in einer neuen Hegelaneignung durch Lukács und Korsch und eine positivistische Marxaneignung im Osten vollzog.

    Download: via AArchiv (mp3; 60,4 MB; 1:40:40 h)

Wo keins ist, ist eins #13 (14.10.2012)

Die 13. Ausgabe der Dialektik-Sendung hat sich erneut ausführlich mit dem Positivismusstreit auseinandergesetzt. Ein etwas ausführlicherer Ankündigungstext zur Sendung ist in der Oktober-Ausgabe des Transmitter erschienen. (Siehe unten)

    Download: via AArchiv (mp3; 59 MB; 1:38:17 h)

Wo keins ist, ist eins #14 (11.11.2012)

Fortsetzung: Positivismusstreit „Das Ganze ist das Unwahre.“ „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ Oder: warum ist Kritik möglich? Nachdem in der Oktobersendung die positivistische Stellung des Gedankens zur Wirklichkeit des „Kritischen Rationalismus“ kritisiert wurde, wird die dialektische Auffassung von Kritik zum Thema, wie sie anhand jener berühmten Sätze Adornos sich zeigen läßt. »Die Verdinglichung des Bewußtseins, das zur Dingwelt überläuft, vor ihr kapituliert, ihr sich gleichmacht; die verzweifelte Anpassung dessen, der die Kälte und Übergewalt der Welt anders nicht zu bestehen vermag, als indem er sie womöglich überbietet, gründet in der verdinglichten, der Unmittelbarkeit menschlicher Beziehungen entäußerten, vom abstrakten Prinzip des Tausches beherrschten Welt. Gibt es wirklich kein richtiges Leben im falschen, so kann es eigentlich auch kein richtiges Bewußtsein darin geben. Nur real, nicht durch ihre intellektuelle Berichtigung allein wäre über die falsche Meinung hinauszukommen.« (Theoder W. Adorno: Gesammelte Schriften Bd. 10.2, S. 591)

    Download: via AArchiv (mp3; 59,2 MB; 1:38:35 h)

Wo keins ist, ist eins #15 (09.12.2012)

Idealistische und materialistische Dialektik I – Die erste der Marxschen Feuerbachthesen sah den „Hauptmangel alles bisherigen Materialismus“ darin, daß der „Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird, nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit“. Die tätige Seite sei im Idealismus lediglich abtrakt herausgearbeitet worden. In der Sendung soll anhand der Phänomenologie des Geistes und der Logik des Begriffs, diese tätige Seite herausgearbeitet (materialisiert) werden.

    Download: via AArchiv (mp3; 63,9 MB; 1:46:34 h)

Text zur 13. Sendung:

POSITIVISMUSSTREIT: KRITISCHER RATIONALISMUS vs. DIALEKTIK

Eine Ausarbeitung der Möglichkeiten der Dialektik, die den kritischen Rationalismus übersteigen

Der Positivismus wird durch seinen überdeterminierten Wirklichkeitsbegriff letztlich dazu gezwungen, alle objektiven Wahrheitsansprüche preiszugeben und zu schlussfolgern: Wir können nichts verifizieren, sondern alles könnte künftig auch anders sein, das heißt wir können die Allsätze nur unter dem Falsifikationsvorbehalt behaupten, dass es irgendwann Überprüfungen geben könnte, die sie widerlegen.

Wenn nun aber die Allsätze, die Popper von Basissätzen – also empirischen – unterscheidet, die Notwendigkeit zum Ausdruck bringen sollen und gleichermaßen auf die Wirklichkeit unmittelbar bezogen werden, dann könnte tatsächlich die Wirklichkeit jederzeit eine andere Gesetzmäßigkeit haben. Das stellt Dialektik in Frage: Die differenzierte Dialektik von Notwendigkeit, Möglichkeit und Zufall wie sie bei Hegel vorliegt, geht davon aus, dass das was wirklich ist, immer schon vorher möglich gewesen sein muss.

Was möglich oder unmöglich ist, dies sagen wir mit Notwendigkeit aus. Der Ziegelstein auf dem Dach – ein Beispiel aus einer späteren Sendung – fällt immer gemäß dem Fallgesetz, aber es fallen nicht ständig Ziegelsteine, sondern bei Sturm oder Unwetter. Ein Gesetz, eine Notwendigkeit, drückt eine Möglichkeit aus, nicht die unmittelbare Wirklichkeit. Im Experiment dagegen wird diese Möglichkeit allerdings erzwungen und Bedingungen hergestellt, damit beispielsweise Kugel und Feder gleich schnell fallen, was im Vakuum der Fall ist.

Popper nennt die Bedingung, aus der ein Ereignis folgt, Randbedingung. Wobei: Rahmenbedingungen, die das Verhältnis von Gesetz und Folge zum Gegenstand der Überlegung haben sollten, werden hier erst gar nicht ausreichend wahrgenommen. Das bedeutet also für die Dialektik: Die Wirklichkeit ist auch zufällig, aber die Möglichkeit, die die Wirklichkeit voraussetzt – denn etwas Unmögliches kann nicht Wirklichkeit werden – ist nicht zufällig.

Wenn zum Beispiel Marx von ökonomischem Bewegungsgesetz spricht, dann ist das kein Determinismus in Hinsicht auf die Wirklichkeit – Marx zeigt, wie Krisen möglich sind, unter welchen Bedingungen sie eintreten, aber wann sie eintreten, lässt sich nicht voraussagen, nur erwarten.

Das Fazit dieser knapp komprimierten Überlegungen: Die Gesetze beschreiben also in der Analyse gesellschaftlicher Formen systematische Bedingungen der Möglichkeit von wirklichen Ereignissen, nicht deren unmittelbare Wirklichkeit. Dazu könnte man dann den Satz des Wowereit anführen: Und das ist gut so.

Wäre es so, dass ein Gesetz unmittelbar die Wirklichkeit bestimmt, kein Zufall in ihr wäre, so wäre auch keine eingreifende Praxis möglich, die etwas an der Wirklichkeit änderte. Nun ist es bei Marx so, dass ja die Bedingungen – oder Poppers Randbedingungen – einmal historisch entstanden im Kapitalismus wieder hergestellt werden, darum gibt es immer wieder Krisen. Das ist dann ein organisches System (spätere Systemtheorie spricht von Autopoiesis oder Selbstorganisation und dergleichen) und kein bloß mechanisches/chemisches.

Ein Beitrag der Sendung „Wo keins ist, ist eins“ (via Transmitter 10/12)

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Zum 90. Geburtstag von »Geschichte und Klassenbewusstsein« January 26, 2013 | 12:18 pm

Georg Lukács und seine Rezeption für Einsteiger, Freunde und Kenner

1923 erschien mit der Aufsatzsammlung Geschichte und Klassenbewusstsein eine Art Gründungsdokument des späterhin so genannten »Westlichen Marxismus«. Für die Junge Panke/Helle Panke Berlin Anlass, ihr und ihrem Autor Georg Lukács einen Abend »in gepflegter salonbolschewistischer Atmosphäre« zu widmen. Nach »Zwanziger-Jahre-Arbeiterbewegungs-Chanson am E-Piano« referierten Patrick Eiden-Offe und Frank Engster im Kreuzberger Monarch über Biographie, Werk und Rezeption von Georg Lukács. Im Mittelpunkt stand neben dem berühmten Verdinglichungsaufsatz auch Lukács‘ zwiespältiges Verhältnis zur Partei- und Organisationsfrage, sein historisch bedingtes Schwanken zwischen eher linkskommunistisch-spontaneistischen Vorstellungen vom subjektiven Faktor und leninistischen Avantgarde-Konzepten.

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Montag, 21. Januar 2013, 20:00 Uhr in Berlin

2013 wird die vielleicht wichtigste Aufsatzsammlung des Marxismus 90 Jahre alt: Georg Lukács’ „Geschichte und Klassenbewusstsein“. Vor allem ihr zentraler Text, der sog. Verdinglichungsaufsatz, wurde zu einem regelrechten Ereignis, nämlich zur Initialzündung für das, was später „Westlicher Marxismus“ genannt werden sollte.

Der Verdinglichungsaufsatz wendet die großen Fragen der Philosophie mit Marx’ Kritik der Warenform in eine Kritik der kapitalistischen Gesellschaft, und er entwickelt dabei diejenigen Begriffe, um welche die Kritik der kapitalistischen Gesellschaft bis heute kreist: Warenform und Verdinglichung, Bewusstsein und Entfremdung, Subjektivität und geschichtliche Praxis.

Wir wollen in gepflegter salonbolschewistischer Atmosphäre die 90. Wiederkehr dieses echten Ereignisses in der Theoriegeschichte feiern! Es gilt zu zeigen, worin die Bedeutung von „Geschichte und Klassenbewusstsein“ liegt, welche enorme Wirkungsgeschichte es nach sich gezogen hat, und dass alle, die sich theoretisch und praktisch in der Spur von Marx bewegen, auch von „Geschichte und Klassenbewusstsein“ geprägt sind – ob sie es wissen oder nicht.

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Kapitalistische Krisenzeiten. January 23, 2013 | 10:03 pm

Entgegen dem Bekenntnis der parlamentarischen Linken zu Markt, Staat und Kapital, aber auch entgegen der naiven und gefährlichen Legende, eine gesunde Realwirtschaft sei der Habgier von Bankern zum Opfer gefallen, fanden in den letzten Monaten wiederholt Veranstaltungen statt, die daran erinnerten, dass die Ursachen für die viel zitierte Krise nicht in der Gier oder in ungenügenden Reglementierungen liegen, sondern auf eine strukturelle Analyse zu pochen sei. Eine Analyse, die darauf beharrt, dass Kapitalismuskritik eine Kritik der Normalität des Kapitalismus bedeutet – und auf der Erkenntnis, dass zu dieser Normalität auch die Krise gehört.
In Halle organisierten die kritischen Interventionen eine Veranstaltungsreihe zur Krisenhaftigkeit des Kapitalismus (mit Ernst Lohoff (Krisis), Daniel Späth (Exit!), Anton Landgraf und Hannes Bode als Referenten) und deren Folgen. In Bremen sprach Thomas Ebermann zum Verhältnis von Krise und Nationalismus. Beides wollen wir an dieser Stelle dokumentieren.

Thomas Ebermann: Krise und Nationalismus

Auf Einladung der Rosa Luxemburg Initiative in Bremen, wandte sich Thomas Ebermann gegen die Verklärung des deutschen Nationalstaats, die in Krisenzeiten populäre Nostalgie des Sozialstaates und die falsche Hoffnung auf den Keynesianismus.

Zeiten der Krise sind Zeiten der Ungewissheit. So wie bisher scheint es nicht mehr weitergehen zu können, welche Krisenantworten sich allerdings durchsetzen ist unklar. Linke Positionen zur Krise reichen von der Hoffnung auf ein größeres Interesse und Durchsetzungspotential emanzipatorischer Alternativen bis hin zur Sorge um autoritäre Krisenantworten und reaktionäre Mobilisierungen. Anlässe für einen linken Optimismus sind aktuell eher selten. Nationalistische Mobilisierungen von unten erleben momentan in Europa ebenso Konjunktur wie chauvinistische Appelle und Krisenlösungsvorschläge von oben. Verantwortlich für die Krise werden vielfach Banken und Management gemacht. Das Vertauen in den Nationalstaat hingegen ist weiterhin groß, an ihn wird appelliert, die Krise im Interesse des nationalen Kollektivs zu meistern. Mit der Veranstaltung soll daher diskutiert werden, wie sich das Verhältnis von Krise und Nation bzw. Nationalismus verstehen lässt. Welche Bedeutung hat die Konkurrenz der Nationalstaaten auf dem Weltmarkt? Wie sind die Forderungen nach staatlichem Krisenmanagement einzuschätzen? Wie könnten antinationale Reaktionen auf die gegenwärtigen Verhältnisse ausschauen? Was wären emanzipatorische Antworten auf die Krise, welche nicht die Brutalität der kapitalistischen Normalität aus vermeintlich krisenfreien Zeiten ignorieren oder den autoritären Sozialstaat der Vergangenheit verklären? Thomas Ebermann lebt in Hamburg. Er schreibt unter anderem für konkret, jungle world und Phase 2.

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Ernst Lohoff: Kapital, Krise, Sparpolitik

Sowohl den Staat als Allheilmittel wie auch gängige volkswirtschaftliche Vorstellungen vom Gesamtzusammenhang der kapitalistischen Produktionsweise kritisiert Ernst Lohoff zusammen mit Norbert Trenkle im 2012 veröffentlichten Buch Die große Entwertung. Warum Spekulation und Staatsverschuldung nicht die Ursachen der Krise sind. Die Veröffentlichung ist ein Einspruch gegen die Vorstellung, die gegenwärtige Weltwirtschaftskrise sei das Resultat von übersteigerter Spekulation oder eine Folge der Verschuldung, die nun durch ein massives Verarmungsprogramm für die abhängig Beschäftigten in den Griff zu bekommen sei (Stephan Grigat). Einige Überlegungen des Buches, die versuchen einen Gegenakzent zu weit verbreiteten Erklärungen der Krise zu liefern, referierte Lohoff zur Eröffnung der halleschen Veranstaltungsreihe. Dabei verweist Lohoff auf die Veränderungen des Kapitalismus innerhalb der letzten 30 Jahre und auf die Krisenanfälligkeit des kapitalistischen Systems.

Im globalen Finanzmarktcrash entladen sich die Widersprüche der kapitalistischen Gesellschaft. Der akute Krisenschub nimmt zwar von den Finanzmärkten seinen Ausgang, die Ursachen liegen aber tiefer. Was Marx anhand der Krisen des 19. Jahrhunderts nachgewiesen hat, gilt erst recht für das Weltwirtschaftsbeben unserer Tage. Nichts ist analytisch so naiv und ideologisch so gemeingefährlich wie die Dolchstoßlegende, eine gesunde Realwirtschaft sei der grenzenlosen Habgier einer Handvoll Banker und Spekulanten zum Opfer gefallen. Umgekehrt wird ein Schuh draus. Das historisch beispiellose Abheben des Finanzüberbaus in den letzten 35 Jahren war selber schon das Ergebnis und zugleich die provisorische Überwindung einer fundamentalen Krise der kapitalistischen Gesellschaft. Eine Produktionsweise, die auf der Vernutzung lebendiger Arbeitskraft beruht, muss angesichts des ungeheuren Produktivkraftschubs der mikroelektronischen Revolution an ihre strukturellen Grenzen stoßen.
Vor diesem Hintergrund gilt es auch den paradoxen Doppelkurs aus Sparpolitik und Verschuldung zu betrachten, den die Regierungen der führenden kapitalistischen Länder eingeschlagen haben. Um Kreditwürdigkeit zu demonstrieren und sich auf den Finanzmärkten frisches Geld besorgen zu können, werden massive Sparanstrengungen für die Zukunft beschlossen. Dieser Sparwille wird demonstrativ an den Teilen der Gesellschaft exekutiert, die als „nicht-systemrelevant“ eingestuft werden. Ihnen wird noch das letzte Butterbrot genommen, nicht um damit die Schulden zu bezahlen, sondern damit die öffentliche Hand gegenüber den Geld- und Kapitalmärkten ein bisschen länger den Schein der Kreditwürdigkeit aufrechterhalten kann.

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Daniel Späth: Postwachstumsideologie und Zinskritik. Kritik einer liberalen Variante ‘linker’ Krisenverdrängung

Eine Auseinandersetzung mit selbsternannten Kapitalismuskritikern der Postwachstums-Bewegung liefert Daniel Späth (Exit).

Auf „Heldentagen“ in Halle wollten diverse Initiativen und Gruppen jüngst „die Krise wuppen [!]“ – für gesellschaftliche Übel machten sie moralisierend „Gewinnstreben, Wachstums- zwang und Rationalisierung“ aufgrund falscher, korrigierbarer Bedürfnisse verantwortlich. Ihre „Alternativen“ drehten sich vor allem um das Schlagwort Postwachstum. Doch zu kritisieren ist nicht nur die Naivität, mit der sie die kapitalistischen Verhältnisse betrachten und „kritisieren“. Vielmehr handelt es sich in weiten Teilen der gefeierten Postwachstums-Bewegung um ordoliberale VertreterInnen eines knallharten Konkurrenzkapitalismus, in dem sich die leistungsfähigsten Individuen in sozial-darwinistischer Manier zu behaupten hätten. Das Besondere dieser NeosozialdarwinistInnen ist jedoch die tragende Rolle der Zinskritik, die sie vom ominösen Kleinbürger Silvio Gesell übernehmen.

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Gerade das Ende der sich anschließenden Diskussion eignet sich, um einmal mehr das Redeverhalten einiger Apologeten des Gegenstandpunktes zu studieren.

Diskussion:

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Anton Landgraf: Über die sozialen und politischen Auswirkungen der Eurokrise

Von den autoritären Experimenten in Osteuropa und den sozialen Auseinandersetzungen in Südeuropa, führt Anton Landgraf in seinem Referat zu den Krisenreaktionen in Deutschland. Spätestens hier – und damit verbunden mit der Erinnerung an die Reaktionen auf bisherige kapitalistische Krisen – wird deutlich wie fahrlässig die Erwartung ist, dass die Krise des Kapitalismus den Weg zu einer besseren Gesellschaft bereiten werde.

Nirgendwo ist es ruhiger als im Zentrum des Orkans. Während Süd- und Osteuropa mit dem wirtschaftlichen Verfall kämpft, ist in Deutschland wenig davon zu spüren. Hier lästert man über liederliche Griechen und bankrotte Spanier, während man sich selbst auf die Schulter klopft – jetzt scheint sich die Aussage von Bundeskanzlerin Merkel zu bestätigen, wonach Deutschland gestärkt aus Krise hervorgehen werde. Die neue deutsche Herrlichkeit ist allerdings untrennbar mit einem sozialen Desaster in den peripheren Staaten verbunden. In kurzer Zeit ist dort der Lebensstandard dramatisch gesunken, vergleichbar nur mit der Zeit nach einem (Kalten) Krieg. Die Reaktionen in den betroffenen Regionen fallen dabei unterschiedlich aus. Während es in Südeuropa zu heftigen sozialen Auseinandersetzungen kommt, experimentiert man in Osteuropa mit Formen autoritärer Herrschaft. Hinzu kommt in ganz Europa eine Renaissance längst obsolet geglaubter separatistischer Bewegungen. Der alte Plan eines Kerneuropas erhält so neue Aktualität: Während sich die peripheren Staaten immer schneller in der Umlaufbahn drehen, verfestigt sich die Macht im Zentrum.

    Download: via AArchiv | RS.com (mp3; 49 min; 67 MB)

Diskussion:

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Hannes Bode: Über ‘antimuslimischen’ Rassismus, Islamismus und ihre Kritik

Mit Strategien der subjektiven Krisenbewältigung beschäftigt sich Hannes Bode im abschließenden Referat der Reihe. Antisemitische Personifizierungen, rassistische Biologisierungen oder Kulturalisierungen helfen die (nicht begriffenen Ursachen der) Krise des Kapitalismus zu bewältigen.

In Krisenzeiten haben Identitätsdiskurse und Fremd- bzw. Feindbilder bekanntlich Konjunktur. Es spricht Bände, dass sich aktionistische Kader einer rassistischen, insbesondere muslimfeindlichen Strömung jüngst den Namen „Die Identitären“ gaben. Doch nicht nur sie – auch eine bunte Mischung von Stammtischrassisten, sozialdemokratischen Sozialdarwinisten, wertkonservativen sowie linksalternativen Kulturkämpfern und neuen Rechten hat seit einigen Jahren die Figur des „Muslims“ als („kulturell“) Anderem für sich entdeckt. Nicht nur in Deutschland findet man immer häufiger völkische und nationalistische Parolen, die – aufgrund einzigartiger Bündnismöglichkeiten und politisch korrekter Legitimationsfiguren – immer erfolgreicher insbesondere die Mittelschichten mobilisieren.
In der Kritik dieser rassistischen Strömung wollen nun manche sofort „Islamapologie“ und „Aufklärungsverrat“ erkennen, sie führen die „europäische Kultur“ ins Feld und posaunen in bekanntem Gestus, „man werde doch noch sagen dürfen“. Auf der Gegenseite nutzen jedoch Berufsmuslime, Islamisten oder die letztendlich gleichsam rassistischen Anhänger einer „multikulturellen Gesellschaft“ die Kritik der Muslimfeindschaft, um Religionskritik sowie emanzipatorische politische und Ideologiekritik zu delegitimieren. Beide Seiten reproduzieren dabei Muster und Zuschreibungen, die die Einzelnen auf der Basis ethnoreligiöser Zuschreibungen zwangskollektivieren – positiv oder negativ gewendet wird die Universalität des Menschseins in Frage gestellt.
Muslimfeindlicher Rassismus ist dabei wie der Islamismus als moderne Krisenbewältigungsideologie anzusehen, Kollektivierung und Ressentiment verhelfen hier dem vereinzelten und verlorenen Mitglied der kapitalistischen Gesellschaft zu Kontingenzbewältigung und Identität. Ein Antirassismus, der diese „Alltagsreligion“ (Claussen) nicht vor dem Hintergrund ihres Zusammenhangs mit den kapitalistischen Verhältnissen analysiert und attackiert, ist pure Ideologie. Gegen die Konjunktur von „Kultur und Identität“ und die Biologisierung des Sozialen gilt es das Individuum und das Politische zu verteidigen, und auf die realen, materiellen Ursachen gesellschaftlicher Auseinandersetzungen und Konflikte zu verweisen.

    Download: via AArchiv | via RS.com (mp3; 83 min; 115 MB)

Aufgrund technischer Schwierigkeiten (Akku des Aufnahmegerätes) bricht die Aufnahme leider abrupt ab: Das Ende des Referats (Ausführungen zum Islamismus) und die Diskussion konnten so nicht dokumentiert werden. Als Ergänzung sei daher auf eines der Interviews verwiesen, welches Radio Corax in den letzten Monaten mit Bode führte.

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Rosa & Karl January 22, 2013 | 11:23 pm

Bayern 2 RadioWissen hat kleine biographische Features über Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht gesendet.

Download: Rosa via BR via RS (19 min, 18 MB) || Karl via BR | via RS (23 min, 21 MB)

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Die Schreckensmänner January 19, 2013 | 03:57 pm

Ein Radio-Essay von Arno Schmidt

Gestern, am 18. Januar, wäre Arno Schmidt 99 Jahre alt geworden. Der Alterszyniker und Meister des inneren Monologs (denen zu empfehlen, die etwa auch einen Zugang zu Thomas Bernhard oder James Joyce finden können) hat in der Nachkriegszeit neben zahlreichen Erzählungen und seinem Hauptwerk Zettels Traum auch einige Radio-Essays produziert – eine Hörform, die heute fast gänzlich ausgestorben ist. Gerade in seinen Radio-Essays wird die umfassende Kenntnis deutlich, die Schmidt von der gesamten deutschen Literatur gehabt hat, wobei er sich mit Vorliebe vergessenen und nicht wieder aufgelegten Literaten gewidmet hat. In seinem Radio-Essay Die Schreckensmänner von 1958 erzählt Schmidt die düstere Lebensgeschichte des Schriftstellers und Freimaurers Karl Philipp Moritz und bespricht dessen Hauptwerk, den (zum Teil autobiografischen) Roman Anton Reiser. Dabei stellt Schmidt die beengten deutschen Verhältnisse des 18. Jahrhunderts mit ihrem Hang zu Quietismus, verbohrter Innerlichkeit und Leibesfeindlichkeit äußerst plastisch dar.

Download: via Mediafire

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kathelbaum
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CrimethInc. – Message in a bottle January 17, 2013 | 11:36 pm

[English description further down.] Ende des Jahres 2012 haben einige Aktivisten des anarchistischen Kollektivs CrimethInc eine Vortragsreise durch Europa unternommen, bei der sie zum einen über die Aktivitäten und theoretischen Grundlagen von CrimethInc, zum anderen über gegenwärtige Kämpfe und Konflikte in den USA berichtet haben. In Deutschland haben sie unter anderem im Berliner Laidak Station gemacht – die Ex-Magazin-Redaktion stellt einen Mitschnitt des CrimethInc-Vortrags zur Verfügung. Der Vortrag erzählt zum einen eine ‚kleine Geschichte‘ der sozialen Bewegungen in den USA, ausgehend von der klassischen Arbeiterbewegung, über die Epoche des sozialen Kompromisses, bis hin zur neuen Prekarität – um festzustellen, dass sowohl Forderungen, die von der Produktionssphäre ausgehen, als auch Forderung die von der Konsumsphäre ausgehen, heute keine darüber hinausgehende Perspektive eröffnen können. Zum anderen geben die beiden einen Bericht über aktuelle soziale Bewegungen in den USA (u.a. das Scheitern von Occupy oder der Streik in Oakland) und stellen einige Überlegungen dazu an, welche Anforderung eine antikapitalistische Bewegung sich heute stellen muss. Trotz der zum Teil etwas hemdsärmlig-pathetischen Art der beiden, so ist hier doch vielleicht eine interessante Stimme aus den Staaten zu hören. Ein Interview mit zwei „Agenten“ von CrimethInc gibt es hier zu lesen – deutsche Texte von CrimethInc sind hier zu finden.

In the end of 2012 activists of the anarchist collective CrimethInc did a ‚lecture‘-journey through europe, to talk about theoretical aspects of their activity and to report on actual conflicts and fights in the USA. In Germany they visited the Laidak-Bar in Berlin – the Ex-Magazin-Redaktion is presenting a recording of this evening. The presentation draws a ‚little history‘ of social movements in the USA (the traditional workers-movement – the epoch of social compromise – the new forms of precarity) and detects, that neither demands that start from production, nor demands that start from consumption can open a perspective to overthrow capitalism today. On the other hand the two guys give a report about actual social movements in the USA (for example the failure of Occupy or the strike in Oakland) and make some considerations about those tactics, a contemporary anticapitalist movement has to develope. More stuff by CrimethInc you can find here.

Download (via AArchiv): Presentation (mp3; 1:05:43 h; 62,1 MB) | Discussion (mp3; 0:44:25 h; 42,7 MB)

Zum Ankündigungstext:

CrimethInc. Vortragsreise – MESSAGE IN A BOTTLE

Seit Mitte der 1990er ist CrimethInc. eines der produktivsten und ambitioniertesten anarchistischen Projekte in Nordamerika. Mitwirkende sind für unzählige Touren und Aktionen kreuz und quer über den Kontinent gereist. Sie produzierten Bücher, Zeitungen und weitere Literatur (inklusive 650.000 Exemplare des Grundlagenwerkes „Fighting for our Lives“) und berichteten von den Fronten der Gipfelproteste, Riots, Anti-Repressions-Kampagnen und von anderen abenteuerlichen Experimenten.

Ständig umstritten, hat sich CrimethInc. den Zorn der traditionellen Linken und der Behörden verdient während sie die breite Öffentlichkeit stets herausgefordert haben.

In diesem Vortrag werden langjährige Mitwirkende diese Erfahrungen reflektieren, Material aus den verschiedenen Phasen der CrimethInc. Aktivitäten präsentieren und diskutieren wie sich der Kontext in den USA verschoben hat. Dabei wird versucht darzustellen, warum US-Anarchist_innen eine Entwicklung von der subkulturellen Rebellion hin zu einem generellen Aufstand durchzogen haben – um schließlich Hypothesen aufzustellen, was die Zukunft bringen kann.

Wir freuen uns auf lebhafte Gespräche mit euch.

[via]

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Gerhard Stapelfeldt: Kritik der Soziologie January 13, 2013 | 11:01 am

Die kritische Theorie der Gesellschaft in Soziologie zu verwandeln, ist überhaupt ein problematisches Unterfangen. (Max Horkheimer)

Gerhard Stapelfeldt, der 30 Jahre am Institut für Soziologie der Universität Hamburg lehrte, bestimmt den Begriff der Soziologie in Differenz zur Gesellschaftstheorie: Die Theorie der Gesellschaft ist Aufklärung über die Bewusstlosigkeit der Gesellschaftsgeschichte und des gesellschaftlichen Verhältnisses. Die Soziologie, so Stapelfeldt, geht von dieser Bewusstlosigkeit aus, ohne sie zu Bewusstsein zu bringen: sie erfährt dadurch Gesellschaft als einen Kosmos unveränderlicher Gesetze und Tatsachen. Einen Beitrag zur Kritik der Soziologie leistete Stapelfeld auf Einladung der ag antifa in Halle, in dem er unter anderem die Entstehungsgeschichte von Soziologie und Gesellschaftstheorie aufzeigt.

Die Soziologie, die Wissenschaft vom logos der societas, verhält sich paradox zu ihrem Gegenstand: sie untersucht gesellschaftliche Phänomene und Strukturen, indem sie gesellschaftliche Verhältnisse voraussetzt. Daher ist ihr nicht der Geist des Widerspruchs, sondern der Geist der Anpassung und des Autoritarismus immanent.
Um im allgemeinen zu bestimmen, was Soziologie sei, ist ihre Entstehung als Fachwissenschaft im frühen 19. Jahrhundert nachzuzeichnen. Daraus ergeben sich nicht nur die Differenzen von Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie einerseits, Soziologie andererseits, sondern auch die beiden grundsätzlich unterschiedenen Richtungen der Soziologie als Naturwissenschaft (»soziale Physik«) einerseits und als Geisteswissenschaft andererseits. Max Weber hat um 1900/1920 versucht, diese beiden Richtungen zusammenzuführen: in einer sinnverstehenden Soziologie, die geschichtstheoretisch die Genese der politischen Gesellschaft als »Gehäuse der Hörigkeit« vorführt.

    Download: via AArchiv | via RS.com (mp3; 82 min; 113 MB)

Siehe auch Stapelfeldts Veröffentlichungen Zur deutschen Ideologie, Soziologische Theorie und gesellschaftliche Entwicklung in der Bundesrepublik Deutschland, Lit-Verlag Münster, 2005. Hier besprochen von JustIn Monday und Theorie der Gesellschaft und empirische Sozialforschung. Zur Logik der Aufklärung des Unbewußten, ça ira Freiburg, 2004.

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Zinskritik als Allheilmittel? Widersprüche und Gefahren der Kapitalismuskritik. January 12, 2013 | 02:38 pm

Bei einer Sendung des freien Radios Helsinki (aus Graz) kommen Heribert Schiedel und Peter Bierl ausführlich zu Wort. Ihre Beiträge analysieren die Verschleierung der Kritik des Kapitalismus durch die sogenannte Zinskritik. Download: via AA (mp3; 0:59 h; 81 MB)

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