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Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 April 19, 2017 | 10:39 am

1.) Die mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921

Ende März 1921 riefen KPD und KAPD zu einem Generalstreik im Industriezentrum Halle/Merseburg und Leuna auf. Von Mitteldeutschland aus sollte diese Streikaktion an Masse gewinnen und Initialzündung für weitergehende revolutionäre Bestrebungen sein. Doch vergeblich – die besetzten Betriebe wurden von Schutzpolizei und Reichswehr niedergeschossen und tausende radikale Arbeiter wurden zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Diese Ereignisse sind nicht nur wegen ihrer Folgen interessant – um die Gefangenen der Märzaktion freizukriegen, wurde erst die Rote Hilfe gegründet – sondern auch wegen ihres Vorlaufes: Die Neuordnung der linken Parteienlandschaft, das Verhältnis zur KomIntern und die Debatten um einen offensiven oder einen gemäßigten Kurs. Nicht zuletzt sind die mitteldeutschen Märzkämpfe interessant wegen der beteiligten Gruppierungen und Personen – etwa der rätekommunistischen KAPD und dem berühmten Max Hoelz.

Auf Radio Corax ist im März 2017 ein ausführliches Feature erschienen, das die Ereignisse der mitteldeutschen Märzkämpfe von 1921 rekonstruiert. Zu Wort kommen hier Karsten Rudolph (Historiker, Institut für Soziale Bewegungen an der Ruhr Uni), Stefan Weber (Historiker), Norbert Marohn (Autor) und Seb Bronsky (Kommunist).

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2.) Zum Leben und Wirken des Max Hoelz

Ergänzend zum Feature ist in der April-Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge ein ausführliches Interview mit Norbert Marohn über Max Hoelz gesendet worden. Norbert Marohn hat eine Hoelz-Biographie geschrieben: Hoelz. Biographie einer Zukunft, erschienen im Lychatz-Verlag. Das Interview behandelt die Kindheit von Max Hoelz, dessen Politisierung durch den Ersten Weltkrieg, seine revolutionären Betätigungen und schließlich seinen Aufenthalt in der Sowjetunion, der mit dem Tod in der Oka endete. Zu hören sind außerdem O-Töne aus den Filmen Max Hölz, der Revolutionär und Wolz. Leben und Verklärung eines deutschen Anarchisten.

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Beiträge zum Rätekommunismus August 16, 2015 | 09:37 am

Wir dokumentieren hier zwei Vorträge, die die Geschichte des Rätekommunismus bzw. Linkskommunismus (vor allem im deutschsprachigen Raum) zum Gegenstand hatten.

1.) Ein Bürgerkrieg in Deutschland – Zu Theorie und Praxis des antiautoritären Kommunismus 1914 – 1923

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ hat Seb Bronsky am 19.06.2014 in Erfurt einen Vortrag über den Rätekommunismus in Deutschland gehalten. Anhand einer kenntnisreichen Schilderung der Klassenkämpfe zwischen 1914 und 1923 (Novemberrevolution, Spartakusaufstand, Ruhrkämpfe, mitteldeutsche Märzkämpfe) entwickelt er die Geschichte, Debatten und Spaltungen des linken Kommunismus: Spartakusbund und KPD, KAPD, AAU, AAU-E, Rote Kämpfer und KAU. Neben den Organisations- und Strategiedebatten, die sich u.a. um die Stellung zum Parlament und zu den Gewerkschaften drehten, schildert er skizzenartig auch das Verhältnis der Linkskommunisten zu Lenin und dem Bolschewismus. Er schließt mit einigen zusammenfassenden Thesen, die auch auf Fehler und Schwachstellen der Linkskommunisten hinweisen.

Texte, auf die Bronsky im Vortrag u.a. hingewiesen hat: Hans Martin Bock – Syndikalismus und Linkskommunismus 1918-1923 | Bernhard Reichenbach – Zur Geschichte der K(ommunistischen) A(rbeiter)-P(artei) D(eutschlands) | Otto Rühle – Von der bürgerlichen zur proletarischen Revolution (PDF) — Der Mitschnitt eines weitestgehend identischen Vortrags, den Seb Bronsky in der Translib gehalten hat, kann (jedoch in etwas schlechterer Tonqualität) bei Youtube angehört werden.

»Andere mögen ihr: ›Nur nicht zu viel! Nur nicht zu früh!‹ plärren. Wir werden bei unserem: ›Nur nicht zu wenig! Nur nicht zu spät!‹ beharren.« [Karl Liebknecht, Die Frage des Tages, geschrieben im Knast 1918]

Die russische Oktober-Revolution, die Bolschewiki, allen voran Lenin wurden von den deutschen Kommunisten bewundert, begeistert waren auch die antiautoritären Kommunisten von dem Maximalismus, der nicht nur den 1. Weltkrieg beenden, sondern ihn in einen Bürgerkrieg umwandeln wollte; es schien, mit der sozialistischen Weltrevolution würde endlich ernst gemacht. Zwei, spätestens drei Jahre später war von dieser Bewunderung nicht mehr viel übrig, Bolschewiki und deutsch-holländischer Rätekommunismus waren auseinandergegangen. Lenin warf den Antiautoritären unter den Kommunisten vor, sie wären eine utopistische Kinderkrankheit des Kommunismus, die Antiautoritären sahen in Sowjetrußland nicht die Diktatur des Proletariats, sondern die staatskapitalistische Despotie der bolschewistischen Partei.

Der Vortrag möchte auf drei Ebenen vorgehen: Erstens soll an die wirkliche Bewegung in Deutschland erinnert werden, das heißt nicht nur an die proletarischen Kämpfe gegen den Weltkrieg und die November-Revolution, sondern mehr noch an den heute weitgehend vergessenen, anschließenden Bürgerkrieg. Zweitens an die revolutionären Organisationen: vom Spartakusbund und den Internationalen Kommunisten Deutschlands zur Kommunisten Partei und deren erster Spaltung; von der Kommunistischen Arbeiter-Partei und der Allgemeinen Arbeiter Union, die erst nach tausenden zählten und von denen 1923 nur noch heillos zerstrittene Grüppchen übrig waren. Drittens soll die aus diesen Kämpfen und Auseinandersetzungen hervorgegangene Gesellschaftskritik, das was man heute Links- oder Rätekommunismus nennt, vorgestellt werden, ihre historischen Verdienste wie auch ihre Schwächen und Fehler. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 102 MB; 1:52:10 h)

2.) Die Revolution war für mich ein großes Abenteuer

2013 ist im Unrast-Verlag ein Buch über den Rätekommunisten Paul Mattick erschienen. Den Hauptteil des Buches bildet ein Interview, das der Politologe Michael Buckmiller 1976 in Vermont mit Mattick geführt hat. Im Anhang befinden sich zwei literarische Texte Matticks, eine kommentierte Bibliografie zum Stichwort Rätekommunismus und ein ausführliches Nachwort Michael Buckmillers, der die Figur des Arbeiterintellektuellen anhand von bis dato noch nie publizierten Briefen Matticks darstellt. Im März dieses Jahres war einer der Mitherausgeber des Buches, Christoph Plutte, in Bremen zu Gast und hat das Buch vorgestellt. Plutte liest einige Passagen aus dem Gespräch mit Paul Mattick vor (es sind auch einige O-Töne aus dem Interview zu hören) und führt diese jeweils kommentierend ein. Es geht um diverse Aktionen in der Jugend Matticks, um Rätekommunismus, KAPD und AAU-E, literarische Aktivitäten Matticks, einen Streik in Köln, das Exil in den USA, die Arbeitslosenbewegung in Chicago, die Krisentheorie Matticks und um Matticks Umgang mit Marx.

Paul Mattick (1904-1981) ist vielleicht der exemplarische Arbeiterrevolutionär und Intellektuelle: Seine furiose Abrechnung mit John Maynard Keynes, seine Kritik an Herbert Marcuse, die dieser übrigens als einzig taugliche Kritik von links akzeptierte, seine sprichwörtliche Marx-Orthodoxie, mit der er den tendenziellen Fall der Profitrate gegen allerlei »Modernisierer« verteidigte, machten den Deutsch-Amerikaner in den 60er und 70er Jahre zu einer Art kommunistischem Gewissen und Stichwortgeber der antiautoritären Revolte.

Fundiert war sein sympathisch halsstarriges radikales Denken in einer aufregenden Lebensgeschichte, von der man sich damals wie von einer Legende erzählte: Der Schulabbrecher und Autodiktat aus prekären proletarischen Verhältnissen war in der Weimarer Republik in der anti-parlamentarischen marxistischen KAPD organisiert, schlug sich als Schlosser, Tagelöhner und Wanderagitator durch, war durchdrungen von der revolutionären Stimmung jener Tage. 1926 wanderte er aus Abenteuerlust in die USA aus, re-organisierte in Chicago die Wobblies, engagierte sich in der Arbeitslosenbewegung der Grossen Depression, tauchte später in die New Yorker Boheme ein und verfocht in selbstverlegten Kleinstpublikationen einen antiautoritären Kommunismus.

Mattick hat um diese Biographie kein Aufheben gemacht, Heldengeschichten waren ihm zuwider. Aber er gab trotzdem Auskunft: 1976 führte der Hannoveraner Politologe Michael Buckmiller ein langes autobiographisches Interview mit ihm. Das Interview wurde bis dato nie publiziert, nur einzelne Informationen daraus kursierten, Jahrzehnte war es unter Verschluss, erst vor kurzem haben es die Berliner Herausgeber ausgegraben – und das Recht auf eine Veröffentlichung durchsetzen können. Das Interview übertrifft tatsächlich die Erwartungen: Es ist ein lebenssatter Bericht, in dem uns Mattick als ebenso lakonischer wie unabhängiger Kommunist, dem alle Parteischablonen und alles friedfertig sich beschränkende Denken zuwider waren, begegnet.

Der Herausgeber wird kurz in Leben und Werk von Paul Mattick einführen und Passagen aus diesem Lebensbericht lesen – kombiniert mit literarischen Texten Matticks, in denen er etwa die Klassenkriege, die in den 20er Jahren in den USA tobten, verarbeitete. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 51.5 MB; 1:15:03 h)

Die Freiburger Gruppe La Banda Vaga hat einen Text veröffentlicht, in dem sie einige Aspekte des Rätekommunismus und einige Kritikpunkte an ihm zusammengefasst hat.

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Einführung in den Marxismus – Teil III April 6, 2015 | 12:32 pm

Der dritte Teil der „Einführung in den Marxismus“, die derzeitig monatlich in der „Vorlese“ auf FSK gesendet wird, setzt sich mit der politisch-revolutionären Betätigung von Marx und Engels auseinander. Georg Fülberth berichtet von den europäischen Revolutionen im 19. Jahrhundert, an denen Marx und Engels mehr oder weniger beteiligt waren, vom Bund der Gerechten (später Bund der Kommunisten), der Internationale und ihrer Spaltung sowie der deutschen Sozialdemokratie und ihren personellen Verstrickungen.

    Download: via FRN (mp3; 46 MB; 50:38 min)

In dieser Sendung hat Fülberth aus dem Gedächtnis den „Bürgerkrieg in Frankreich“ zitiert und lag dabei zielsicher daneben. Der Behauptung Fülberths, Marx habe zwar gesehen, dass die Kommune die vorherigen Staatsformen abgeschafft habe, wäre aber der Auffassung gewesen, dass sie dennoch als revolutionärer Staat aufgetreten sei, sei dieses Zitat aus dem ersten Entwurf zum „Bürgerkrieg in Frankreich“ entgegengestellt:

Daher war die Kommune nicht eine Revolution gegen diese oder jene – legitimistische, konstitutionelle, republikanische oder kaiserliche – Form der Staatsmacht. Die Kommune war eine Revolution gegen den Staat selbst, gegen diese übernatürliche Fehlgeburt der Gesellschaft; sie war eine Rücknahme des eignen gesellschaftlichen Lebens des Volkes durch das Volk und für das Volk. Sie war nicht eine Revolution, um die Staatsmacht von einer Fraktion der herrschenden Klassen an die andre zu übertragen, sondern eine Revolution, um diese abscheuliche Maschine der Klassenherrschaft selbst zu zerbrechen.

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Damit Deutschland den Deutschen gehört? October 3, 2014 | 12:05 pm

Zum Zusammenhang von Nationalismus und Arbeiterbewegung seit dem Ersten Weltkrieg

Passend zum Datum dokumentieren wir einen anti-nationalistischen Vortrag, der gleichzeitig eine Erinnerung daran ist, dass Nationalismus nicht nur von rechts zu befürchten ist, sondern auch in der Arbeiterbewegung und innerhalb der Linken immer wieder zugegen war und ist. Olaf Kistenmacher hat am 28. Juli 2014 bei Verdi Bezirk Stuttgart einen Vortrag zum Nationalismus innerhalb der Arbeiterbewegung gehalten. Dabei geht er zuerst auf den Antiimperialismus der 1920′er bis 40′er und dessen Bezug auf die nationalen Befreiungsbewegungen ein, wie er etwa von Lenin formuliert wurde. Später geht er ausführlicher auf den Nationalismus innerhalb der KPD ein und führt Verlautbarungen an, wie sie etwa im Zuge des Schlageter-Kurses der KPD zu hören und zu lesen waren. Als Kritiker des Nationalismus innerhalb der Arbeiterbewegung führt Kistenmacher Rosa Luxemburg (u.a. Die Russische Revolution), die Antinationale Sozialistenpartei (zu ihr gehörten u.a. Franz Pfemfert und Carl Zuckermayer) und Leo Trotzki (Gegen den Nationalkommunismus) an. Zum Antinationalismus Rosa Luxemburgs hat Kistenmacher ein Essay in der Jungle-World geschrieben – ein Text von ihm zum Antisemitismus innerhalb der KPD (auf den er im Vortrag ebenfalls eingeht) findet sich hier. Die Version auf freie-radios.net enthält eine einleitende Anmerkung zum Wahlerfolg der AfD von Lothar Galow-Bergemann (Freies Radio für Stuttgart).

Der Erste Weltkrieg war für die späteren Gründungsmitglieder der KPD ein Schock. In „Die Krise der Sozialdemokratie“ schrieb Rosa Luxemburg 1916: „Dieser Weltkrieg – das ist ein Rückfall in die Barbarei.“ Aber nicht erst der nationale Taumel in der Arbeiterbewegung zeigte das Problem des proletarischen Patriotismus. Schon 1896 verständigte sich die Sozialdemokratie auf das „Selbstbestimmungsrecht der Nationen“, was Luxemburg kritisierte. Aber auch die KPD vertrat kurz nach ihrer Gründung einen „proletarischen Nationalismus“, der mit dem Internationalismus vereinbar sein und sich vom Nationalismus von rechts unterscheiden sollte. 1930 verabschiedete die KPD ihr „Programm zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes“. Leo Trotzki kritisierte aus dem Exil den „Nationalkommunismus“. Den Nationalismus gaben die sozialistischen und kommunistischen Parteien auch nach dem Zweiten Weltkrieg nicht auf. Ernst Busch sang zu dieser Zeit in „Roter Wedding“: „Der Wedding kommt wieder; Berlin bleibt rot/Damit Deutschland den Deutschen gehört“. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 47.2 MB; 51:30 min) | via FRN (inkl. Anmoderation; mp3; 51 MB; 55:12 min) | via archive.org (ogg; 25 MB; 51:42 min)

Edit: Das oben verlinkte Essay von Olaf Kistenmacher über Rosa Luxemburg kann bei freie-radios.net oder hier angehört und heruntergeladen werden:

    Download: via FRN (mp3; 37 MB; 39:54 min)

Edit 2: Nach der Ausstrahlung des Vortrags beim FSK, bat die Sendung „Das Brett“ Kistenmacher zum Gespräch. Hier die Aufzeichnung.

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Make anarchism a threat again July 24, 2014 | 01:45 pm

[This article includes one lecture in english language – look at the third caption.] – Wir dokumentieren mehrere Vorträge, die sich mit dem Anarchismus auseinandergesetzt haben:

1.) Schwarze Flamme – Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus/Syndikalismus

Im letzten Jahr ist bei Edition Nautilus die deutsche Übersetzung des Buches „Schwarze Flamme. Revolutionäre Klassenpolitik im Anarchismus/Syndikalismus“ der südafrikanischen Autoren Lucien van der Walt und Michael Schmidt erschienen. Das Buch hat den Anspruch, eine historische und systematische Rekonstruktion der weltweiten anarchistischen Bewegung zu liefern. Eine Leseprobe des Buches gibt es hier.

Radio Lora hat einen Beitrag zusammengestellt, in dem ein Interview und ein Vortrag von Andreas Förster, einem der Übersetzer des Buches, zu hören ist. Im Vortrag, den er auf Einladung der FAU München gehalten hat, gibt er eine Definition des Anarchismus, erläutert die Differenzierungen des Anarchismus und gibt einen Überblick über anarchistische Taktiken und darum geführte Debatten. Am Ende des Vortrags geht er relativ ausführlich auf Fragen des Betriebs- und Arbeitskampfes ein. Mit van der Waldt und Schmidt beharrt Förster nachdrücklich auf der notwendig sozialistischen Grundlage des Anarchismus.

Die Südafrikaner Lucien van der Walt und Michael Schmidt haben mit dem nun auch auf Deutsch erschienenen Buch „Schwarze Flamme” (Edition Nautilus, Hamburg 2013) eine umfassende Untersuchung und internationale Geschichte des Anarchismus vorgelegt. In dieser Studie kreist die Auseinandersetzung vor allem um Kernfragen wie Organisierung, Strategie und Taktik der anarchistischen Bewegungen. Anarchismus definieren sie dabei als libertäre Form des Sozialismus, der eine revolutionäre Klassenpolitik vertritt. Hier zu Lande sorgte das Buch deshalb bereits vor dem Erscheinen für Furore und Empörung in anarchistischen Kreisen. Nichtsdestotrotz gilt „Schwarze Flamme” schon heute als ein Standardwerk zur Theorie und Praxis des Anarchismus/Syndikalismus. [via]

    Download: via FRN (mp3; 39 MB; 42:05 min)

2.) Rudolf Rocker und der Anarchosyndikalismus

Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ fand vom 09.-11.05.2014 in Weimar ein Wochenendseminar zur Geschichte des Anarchismus statt. Auf diesem Seminar hat Thomas Möller (FAU Erfurt/Jena) einen einführenden Vortrag über Leben und Werk Rudolf Rockers sowie die Grundprinzipien des Anarchosyndikalismus gehalten. Spannender Vortrag – gute Einführung!

    Download: via AArchiv (mp3; 98,8 MB; 1:47:52 h)

3.) Anarchie & Kunst – Von der Pa­ri­ser Kom­mu­ne bis zum Fall der Ber­li­ner Mauer / Anarchy & Art from Paris Commune to the Fall of the Berlin Wall

[English description further down.] Ebenfalls in Weimar sprach der anarchistische Kunstprofessor Allan Antliff aus Canada über das Verhältnis von Anarchie und Kunst. Kürzlich hat er gemeinsam mit der Übersetzerin Katja Cronauer eine Lesereihe durch Deutschland unternommen, auf der er sein Buch „Anarchie und Kunst. Von der Pariser Kommune bis zum Fall der Berliner Mauer“ vorgestellt hat, das bei Edition AV erschienen ist. Im Vortrag gibt er einen Einblick in sein Buch und stellt einige anarchistische KünstlerInnen vor: František Kupka, Gustave Courbet, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Robert Duncan, Jess Collins, Susan Simensky Bietila, Gee Vaucher und Richard Mock. Die Präsentation zum Vortrag findet sich hier.

Allan Ant­liff – An­ar­chist, Kunst­his­to­ri­ker, -​kri­ti­ker und Pro­fes­sor für Mo­der­ne und Zeit­ge­nös­si­sche Kunst in Ka­na­da – und Katja Cro­nau­er – Über­set­ze­rin – tra­fen sich vor Kur­zem zum ers­ten Mal in Per­so­na und be­schlos­sen spon­tan eine Le­se­r­ei­se zu star­ten. Allan Ant­liff stellt sein bei Edi­ti­on AV er­schie­ne­nes Buch An­ar­chie und Kunst – Von der Pa­ri­ser Kom­mu­ne bis zum Fall der Ber­li­ner Mauer vor. Es be­ginnt mit Cour­bet, Proud­hon und der Pa­ri­ser Kom­mu­ne und han­delt von an­ar­chis­ti­scher Kunst seit dem 19. Jahr­hun­dert und ihrer Wech­sel­wir­kung auf ge­sell­schaft­li­chen Wan­del an­hand be­deu­ten­der ge­schicht­li­cher Er­eig­nis­se, vor allem in Eu­ro­pa, Russ­land und den USA. Unter Be­zug­nah­me auf die phi­lo­so­phi­schen und po­li­ti­schen Dis­kur­se der je­wei­li­gen Epo­che, wird un­ter­sucht, wie sich an­ar­chis­ti­sche Künst­ler*innen (Maler*innen, Dich­ter*innen, Gra­fi­ker*innen, Mu­si­ker*innen, Kunst­his­to­ri­ker*innen, u.a.) mit einer Reihe von The­men wie Äs­the­tik, Mi­li­ta­ris­mus, der öko­lo­gi­schen Krise, Staats­au­to­ri­ta­ris­mus, Armut, An­ti­im­pe­ria­lis­mus und Fe­mi­nis­mus be­schäf­tigt haben. Der Vor­trag wird auf Eng­lisch und Deutsch ge­hal­ten. [via]

On 17.06.2014 Allan Antliff (Anarchist, Art Professor, Canada) spoke about the connection between anarchy and art in Weimar. Recently he did a reading tour through Germany together with the translator Katja Cronauer and presented his book „Anarchy & Art from Paris Commune to the Fall of the Berlin Wall“. In the lecture he gave an insight in his book and portraited some anarchistic artists: František Kupka, Gustave Courbet, Alexander Michailowitsch Rodtschenko, Robert Duncan, Jess Collins, Susan Simensky Bietila, Gee Vaucher and Richard Mock. The presentation that was shown at the lecture you can find here.

    Download: via AArchiv (mp3; 41,6 MB; 45:24 min)

4.) Zum Verhältnis von Anarchismus und Marxismus

Die Frankfurter Sektion der Gruppe Platypus hat Anfang dieses Jahres eine Podiumsdiskussion über das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus mit Peter Bierl, Henning Mächerle (DKP) und Jürgen Mümken organisiert. Sie traten auf in folgenden Rollen: Mümken: der postmoderne Anarchist, Mächerle: der orthodoxe Partei-Marxist, Bierl: der kritische Gelehrte zwischen den Stühlen. Streitpunkte waren u.a.: Theoretische Stärken und Schwächen sowie historisches Scheitern von Anarchismus und Marxismus bzw. Leninismus, Organisationsfrage und Frage der Übergangsgesellschaft, Oktoberrevolution. Man hat sich ein bissel gestritten, aber war doch insgesamt ganz lieb zueinander.

Es scheint als gäbe es gegenwärtig nur noch zwei radikale Strömungen: Anarchismus und Marxismus. Beide entstammen demselben historischen Schmelztiegel – der industriellen Revolution, den gescheiterten Erhebungen von 1848 und 1871, einem schwachen Liberalismus, der Zentralisierung der Staatsgewalt, dem Aufstieg der Arbeiterbewegung und dem Versprechen des Sozialismus. Sie sind unser revolutionäres Erbe. Alle maßgeblichen radikalen Bewegungen der letzten 150 Jahren waren darum bemüht die Bedeutung des Anarchismus und des Marxismus für die jeweilige Situation nutzbar zu machen. Davon scheint sich unser historischer Moment nicht zu unterscheiden.

Um als Linke in der aktuellen historischen Situation zu handeln, wollen wir Bilanz ziehen aus den Auseinandersetzungen zwischen Anarchismus und Marxismus während der letzten 150 Jahre. Die historischen Erfahrungen, welche die Ideen des Marxismus und des Anarchismus maßgeblich geprägt haben, müssen aufgearbeitet und entfaltet werden, sollen sie uns heute als Orientierungspunkte dienen. Inwiefern repräsentiert der Rückbezug auf Anarchismus und Marxismus ein authentisches Engagement – und inwiefern die Wiederkehr eines Gespenstes? Wo stehen wir heute nach den vergangenen Kämpfen? Welche Formen stehen uns – theoretisch wie praktisch – zur Verfügung, um den gegenwärtigen Problemen zu begegnen? [via]

    Download: via AArchiv | via archive.org (mp3; 172 MB; 2:04:57 h)

5.) Make anarchism a threat again? Eine kritische Auseinandersetzung mit aktuellen anarchistischen Debatten

Auf Einladung der Associazione Delle Talpe hat Peter Bierl einen sehr hörenswerten Vortrag gehalten. Aus Sympathie mit dem Anarchismus formuliert Bierl eine marxistisch und ideologiekritisch geschulte Kritik an ihm. Dabei geht er aus vom globalen Triumpfzug des Kapitalismus und dem Scheitern aller Fraktionen der Linken und konstatiert die Notwendigkeit eines Neubeginns der radikalen Linken. Für diesen Neubeginn könne der Anarchismus ein Gegengewicht gegenüber leninistischen und anderen staatsfixierten Ansätzen bieten, was jedoch eine gründliche Kritik reaktionärer Teile der anarchistischen Bewegung selbst voraussetze, die viel zu selten aus dem Anarchismus selbst heraus formuliert werde. Er selbts formuliert eine Kritik an Positionen von Proudhon, Stirner und Bakunin und in deren Tradition stehende gegenwärtige Strömungen des Anarchismus. Anknüpfungspunkte sieht Bierl vor allem im kommunistischen Anarchismus. Er bezieht sich mehrfach auf das Black-Flame-Buch, wobei er auch in diesem einige Aspekte zu kritisieren hat. Ein wichtiger Bezugspunkt ist außerdem immer wieder Murray Bookchin. Eine Kritik an aktuellen Strömungen des Anarchismus hat Bierl auch im Jungle-World-Dossier vom 21.11.2013 formuliert.

Nachdem Anarchismus jahrzehntelang nur auf Punker-Lederjacken stattgefunden hat, ist er heute im Feuilleton angekommen. Vor Allem die Broschüre Der kommende Aufstand des unsichtbaren Komitees und David Graebers Buch Schulden wurden wohlwollend diskutiert. In linken Bewegungen bildet der Anarchismus bereits seit dem zapatistischen Aufstand in Mexiko 1994 ein zunehmend präsenteres Gegengewicht zu sozialdemokratischen und leninistischen Strömungen. Dieses anarchistische Revival fand seinen letzten Höhepunkt in den Occupy-Protesten.

Für eine radikale Linke im 21. Jahrhundert bietet der Anarchismus in der Tat einige Anknüpfungspunkte wie bspw. eine generelle Staats- und Parlamentarismuskritik oder die Ablehnung autoritärer Organisationsmodelle. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit den ökonomischen Verhältnissen kann der Anarchismus allerdings wenig beitragen. Anstelle einer systematischen Analyse favorisieren viele Anarchist_innen antisemitische „Zinstheorien“ und Stammtischparolen gegen „die 1 Prozent“. Ebenfalls bedenklich sind der Militanz- und Aufstandsfetischismus, der von Bakunin bis CrimethInc reicht.

Peter Bierl wird sich in seinem Vortrag mit einigen aktuellen anarchistischen Debatten kritisch auseinandersetzen. Neben David Graeber und dem Unsichtbaren Komitee wird er sich dabei auch mit dem vor Kurzem erschienenen Buch Schwarze Flamme von Lucien van der Walt und Michael Schmidt beschäftigen. In diesem legen die beiden Autoren einen Schwerpunkt auf sozialistischen Anarchismus und Anarchosyndikalismus.

Peter Bierl kommt aus Süddeutschland und arbeitet als Journalist, vor allem zu diversen Formen von Aberglaube, Esoterik und pseudowissenschaftlichem Unfug, auch in linken Diskursen. Veröffentlichungen unter anderem: Wurzelrassen, Erzengel und Volksgeister: Die Antroposophie Rudolf Steiners und die Waldorfpädagogik, Hamburg 2005; Schwundgeld, Freiwirtschaft und Rassenwahn. Kapitalismuskritik von rechts – Der Fall Silvio Gesell, Hamburg 2012; Grüne Braune – Umwelt-, Tier- und Heimatschutz von rechts, Münster 2014. [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 109,8 MB; 1:19:37 h)

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Zum Abschluss ein paar Literaturhinweise: Die Prinzipienerklärung des Syndikalismus von Rudolf Rocker (heute noch eine der Grundlagen der FAU). Ansätze eines modernen Anarchismus finden sich in den Zeitschriften „A Corps Perdu“ und „Grenzenlos“ (Ausgabe 1 / Ausgabe 2). Texte der individualistisch-terroristischen Feuerzellen hat das Übersetzungskollektiv „et al.“ ins Deutsche übersetzt – hier (+ Rezension). Paul Pop hat vor einiger Zeit in der östereichischen Zeitschrift Grundrisse unter dem Titel »Rot-Schwarze Flitterwochen: Marx und Kropotkin für das 21.Jahrhundert« eine selbskritische Bestandaufnahme aus anarchistischer Perspektive geschrieben. Ebenfalls vor einiger Zeit hat Joachim Bruhn beachtenswerte Thesen zum Verhältnis von anarchistischer und marxistischer Staatskritik geschrieben. Ein Buch, das sich u.a. kritisch mit Antisemitismus innerhalb des Anarchismus auseinandersetzt, liegt bisher nur auf französisch vor: Amadeo Bertolo – Juifs et Anarchistes. Und zuletzt – vor noch längerer Zeit schrieb Maximilien Rubel über Marx als Theoretiker des Anarchismus.

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Fritz Lamm – Briefe und Interview June 13, 2014 | 02:46 pm

Passend zu unserem Posting über Dissidenten der Arbeiterbewegung wurde ich gerade aufmerksam gemacht auf eine Schallplatte mit Briefen und einem Gespräch mit Fritz Lamm, die bei Youtube hochgeladen wurde. Der Linkssozialist Fritz Lamm kam aus der jüdisch geprägten Jugendbewegung und war Mitglied der SPD, wo er jedoch 1931 ausgeschlossen wurde »aufgrund Radikalisierung der Jugend mittels Schriften von Marx und Engels«. Als SAP-Mitglied war er beteiligt am Widerstand gegen den Nationalsozialismus und blieb auch im Exil als Antifaschist aktiv. Als er nach dem zweiten Weltkrieg nach Deutschland zurückkehrte, trat er erneut in die SPD ein (dort wurde er in den sechziger Jahren u.a. wegen Linksabweichung und aufgrund seiner Homosexualität1 erneut ausgeschlossen), war aktiv in der Naturfreundejugend und bei den Falken und stand im Kontakt mit dem SDS, dessen revolutionstheoretische Ausprägung er mit beeinflusst hat.

Zum nachhören stehen drei Briefe an die 19-jährige Vera Bergmann von 1946 (gesprochen von Martin Lüttge und Regine Vergeen) sowie ein biographisches Interview zur Verfügung (wann letzteres geführt wurde, konnte ich leider nicht herausfinden).

    Download:
  1. Briefe an Vera Bergmann: via AArchiv (mp3; 27,4 MB; 29:53 min) | hören via Youtoube: I, II, III

  2. Interview: via AArchiv (mp3; 14,8 MB; 16:10 min) | hören via Youtube

Empfohlen sei auch die Lamm-Biographie von Michael Benz.

  1. Dass Lamm wegen seiner Homosexualität ausgeschlossen wurde, ist nicht ganz korrekt. Offiziell wurde er 1963 im Zuge des Unvereinbarkeitsbeschlusses mit dem SDS ausgeschlossen. Richtig ist, dass ihm später die SPD aufgrund seiner Homosexualität die Jugendarbeit bei den Falken untersagte. Zudem dürfte ein homophobes Ressentiment in der Nachriegs-SPD stets präsent gewesen sein, wie es etwa der Lamm-Schüler Helmut Schauer berichtete: „Der Emigrant, Jude, Homosexuelle und radikale Sozialist Fritz Lamm war – zumal im Restaurationsklima der fünfziger Jahre – unter den biederen Schwaben ein Exot, der nicht nur Faszination, sondern auch Vorurteile und Abwehrreaktionen hervorrief.“ via [zurück]
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Dissidenten der Arbeiterbewegung May 16, 2014 | 08:37 am

Im letzten Jahr haben die Falken Erfurt und das Bildungskollektiv eine Veranstaltungsreihe mit dem Titel „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ organisiert. Es ging darum, an Strömungen und Personen zu erinnern, die innerhalb der Arbeiterbewegung mit Reformismus, Staatssozialismus und autoritären Strukturen gebrochen haben und sich deren Vermächtnis neu anzueeignen (insb. Linkskommunismus, Anarchismus, Rätebewegung). Zwei Vorträge aus dieser Reihe stehen als Mitschnitt zur Verfügung:

1.) »Ergriffen vom Strudel der Arbeiterbewegung« – Johann Most und sein Verhältnis zu Sozialdemokratie, Marxismus und Anarchismus

Bernd Löffler und Lukas Holfeld (beide vom BiKo) haben einen Vortrag über den deutschen Anarchisten Johann Most gehalten, der mit seiner Zeitung „Die Freiheit“ erheblich zur Verbreitung des Anarchismus beigetragen hat. Der Vortrag erzählt die Biografie Mosts nach und gibt einen kurzen Einblick in seine theoretische Entwicklung (u.a. Johann Most – Der kommunistische Anarchismus). Die beiden Referenten lassen wissen, dass ihr Urteil über den Streit zwischen Most und Peukert anders ausgefallen wäre, wenn sie die Autobiografie Emma Goldmanns vorher gelesen hätten.

Johann Most (1846 – 1906) stieß früh zur revolutionären Arbeiterbewegung, saß für die Sozialdemokratie im Reichstag und für seine Überzeugung in den Knästen Österreichs, Deutschlands, Großbritanniens und der USA. Während der Zeit des Sozialistengesetzes kam es zum offenen Konflikt mit der sozialdemokratischen Parteiführung und Most entwickelte sich zum anarchistischen Agitator. Zeit seines Lebens hat Most eine unermüdliche Energie für den Kampf um politische und soziale Emanzipation der Arbeiter an den Tag gelegt, was ihm gleichermaßen Freunde und Feinde schuf, für ihn oft aber auch bedeutete, auf einem einsamen Posten zu stehen. Im Vortrag soll seine Biografie skizziert und dabei insbesondere ein Fokus auf sein Verhältnis zur Sozialdemokratie und Marxismus sowie seine Stellung innerhalb der anarchistischen Bewegung gelegt werden. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 71,8 MB; 1:18:26 h)

2.) Zur Geschichte der Arbeiterbewegung und dem Verhältnis der »offiziellen« Bewegung zur »Dissidenz«

Jörg Wollenberg (Historiker, Bremen) hat in seinem Vortrag einige grundlegende Gedanken über den „Mainstream“ der Arbeiterbewegung und ihrer „Dissidenz“ formuliert, was er insbesondere am Beispiel der Bremer Rätekommunisten um die Gruppe „Arbeiterpolitik“ ausführt. Er geht auf zahlreiche Personen ein und wirft einen Blick auf ihren Werdegang zwischen Organisierung der Arbeiterbewegung, revolutionären Versuchen, Widerstand gegen den NS und Neuorientierung in der Nachkriegszeit.

»Ganz Deutschland sieht auf uns. Ganz Europa sieht auf uns!« Das verkündeten die Anhänger der »Arbeiterpolitik«, als sie am 10. Januar 1919 die Bremer Räterepublik ausgerufen hatten. Nach der Zerschlagung der Sozialistischen Republik am 4. Februar 1919 finden die Anhänger dieser Gruppe um Johann Knief, Anton Pannekoek, Paul Frölich oder Heinrich Brandler ebenso nach 1920 in der KPD, der KAPD oder bei den Syndikalisten wie in der USPD, SAP oder KPDO und bei den »Roten Kämpfern«. Weil sie den Kontakt zu den beiden »offiziellen« Hauptrichtungen der deutschen Arbeiterbewegung nicht gänzlich abreißen ließen, gewannen diese Anhänger von Rosa Luxemburg als »Dissidenten« besonders im Widerstand gegen den Faschismus und erneut nach 1945 Einfluss auf die Politik in beiden deutschen Staaten. Sie versuchten mit ihren basisdemokratischen Vorstellungen von »Freiheit und Sozialismus« die politische Neuordnung in einem sozialistischen europäischen Deutschland (erneut vergeblich) zu prägen. Und dennoch gelang einigen dabei eine erstaunliche Karriere im Bereich von Wissenschaft, Kultur und Politik. Einer von ihnen wurde gar mit »Mehr Demokratie wagen« Bundeskalnzler der BRD. (via)

    Download: via AArchiv (mp3; 60,9 MB; 1:06:30 h)

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Auch außerhalb dieser Reihe gab es Bildungsveranstaltungen, die sich mit Dissidenten der Arbeiterbewegung im weitesten Sinne beschäftigt haben – wir dokumentieren zwei:

3.) »Wir wollen Alles« – Anarchisten in Dortmund von der Nachkriegsgesellschaft bis ins 21. Jahrhundert

Auf Einladung der Anarchistischen Gruppe Dortmund hat Andreas Müller von der Geschichtswerkstatt Dortmund einen spannenden Vortrag über Anarchismus nach dem Zweiten Weltkrieg in Dortmund gehalten. Er gibt zunächst einen knappen Überblick über Anarchismus in Deutschland vom Kaiserreich bis zum Zweiten Weltkrieg und konzentriert sich dann auf die anarchistische Nachkriegsgeschichte im Dortmunder Raum. Müller weiß von zahlreichen Verbindungen zu berichten und viele Anekdoten zu erzählen – etwa die vom Mitglied der Roten Kämpfer, Fritz Riwotzki, der später als Dortmunder Polizeipräsident anarchistische Jugendliche räumen ließ.

Zu Beginn des Vortrags hat Andreas Müller einige Literaturhinweise über Anarchismus in Deutschland gegeben, die wir hier noch einmal zusammengetragen haben: Günter Bartsch: Anarchismus in Deutschland | Hans Jürgen Degen: Anarchismus in Deutschland 1945-1960 | Hans Jürgen Degen: Die Wiederkehr der Anarchisten | Hans Manfred Bock: Anarchosyndikalismus in Deutschland, Eine Zwischenbilanz | Holger Jenrich: Anarchistische Presse in Deutschland 1945-1985 | Bernd Drücke: Anarchismus und libertäre Presse in Ost- und Westdeutschland | Andreas Graf (Hg.): Anarchisten gegen Hitler | Rudolf Berner: Die Unsichtbare Front

Frei­heit­li­che, an­ti­au­to­ri­tä­re und an­ar­chis­ti­sche Kon­zep­te (Ideen) für den Auf­bau einer de­mo­kra­ti­schen Ge­sell­schaft sind in Dort­mund seit dem Kai­ser­reich ent­wi­ckelt und dis­ku­tiert wor­den. Immer wie­der haben es Ge­nos­sIn­nen in Dort­mund ver­sucht, diese Kon­zep­te und Ideen um­zu­set­zen. Auch nach dem 2. Welt­krieg fan­den sich wie­der Ge­nos­sIn­nen zu­sam­men. Doch be­reits An­fang der 50er Jahre über­roll­te das Wirt­schafts­wun­der und der au­to­ri­tä­re Ade­nau­er­staat die schon durch den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus mar­gi­na­li­sier­te Be­we­gung. Erst An­fang der 70er Jahre fan­den sich be­son­ders Ju­gend­li­che zu­sam­men, die sich ihr Leben jen­seits des re­al­ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems or­ga­ni­sie­ren woll­ten. An­ar­chis­ti­sche Grup­pen der Gras­wur­zel­be­we­gung oder die an den Be­trie­ben aus­ge­rich­te­te Freie Ar­bei­ter­uni­on ent­stan­den, um­her­schwei­fen­de Spon­tis und sogar Par­tei­grün­dun­gen wie die Liste Un­güL­tig waren nun in Dort­mund zu fin­den; sogar eine Ar­beits­grup­pe An­ar­chie in­ner­halb der Grü­nen.An die­sem Abend sol­len die li­ber­tä­ren Be­stre­bun­gen in Dort­mund seit 1945 kri­tisch vor­ge­stellt wer­den. (via)

    Download: via FRN (mp3; 51,2 MB; 1:16:38 h)

4.) Zur Geschichte der Arbeiterjugendbewegung

Viele Dissidenten der Arbeiterbewegung kamen aus der Arbeiterjugendbewegung oder standen ihr nahe, nicht selten kamen die Arbeiterjugendorganisationen in Konflikt mit denen der Erwachsenen – einen Vortrag über die Geschichte der Arbeiterjugendbewegung haben Philipp und Fred von den Falken Erfurt gehalten. Inhaltliche Punkte des ersten Teils des Vortrags sind: Entstehung unabhängiger Jugendorganisationen in der Arbeiterbewegung, Spaltung der Arbeiterbewegung angesichts des Ersten Weltkriegs, die Freie Sozialistische Jugend und ihre Abspaltungen, Jugendbewegung in der Weimarer Republik, Frauen in der Arbeiterbewegung, Rätekommunisten in der Bildungsarbeit, Konflikt mit der SPD, Reichsjugendtag in Weimar 1920, Freizeitgestaltung, Halbstarke und Klopperei, SAJ, KJV, Kinderfreunde und Kurt Löwenstein, Volkstümlichkeit in der Arbeiterjugendbewegung.

    Teil 1: via AArchiv (mp3; 92,6 MB; 1:41:08 h)

Inhaltliche Punkte des zweiten Teils: Arbeiterjugendbewegung angesichts des Nationalsozialismus, Reichstagsbrand, schleichende Integration, Illegalität und Verfolgung, das Warten auf den Befehl der Arbeiterführer, Organisation im Exil und Auslandsbüros, Widerstand, Einheitsbestrebungen in der Arbeiterbewegung nach ’45, FDJ-West, Antikommunismus in der Adenauer-Ära, FDJ-Ost, Umgang mit Veteranen in der DDR, Gründung der Falken, Zeltlager nach dem Krieg, Einfluss der Rätekommunisten, Internationalistische Jugend gegen den Krieg, Gegen die Wiederbewaffnung, Falken-Kontakte Ost-West, Falken und SPD, Falken und SDS, Jugendverbände und ’68, Krise der Jugendverbände, Subkultur und neue Jugendbewegung, Arbeiterjugendbewegung heute, Bürokratisierung der Jugendverbände.

    Teil 2: via AArchiv (mp3; 105,8 MB; 1:55:35 h)

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Die Veranstaltungsreihe „Dissidenten der Arbeiterbewegung“ nimmt unterdes ihren Fortgang. Die Termine des zweiten Teils der Reihe findet ihr hier.

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Der Wert als ökonomisches und politisches Verhältnis December 3, 2013 | 11:44 pm

Die historischen Metamorphosen des Kapitals und die Linke

Weitgehend abweichend vom Ankündigungstext, hat Daniel Späth (Redaktion »Exit!«) kürzlich in Berlin über die Konstitutions-, Durchsetzungs- und Verfallsgeschichte des Kapitalverhältnisses gesprochen. In seinem kursorischen historischen Durchgang beleuchtete er die unterschiedlichen (Wechsel-)Verhältnisse von Staat und Markt und ging kritisch auf die jeweilige Haltung der Arbeiterbewegung bzw. der Linken zum Staat ein. Das geschlechtliche Abspaltungsverhältnis und dessen historische Dynamik sparte er dabei leider aus Zeitgründen aus.

Hören:

Download via AArchiv: Vortrag Teil 1 (0:48 h, 29 MB), Vortrag Teil 2 (0:42 h, 25 MB), Diskussion (0:34 h, 21 MB)

Weil Inhalt und Ankündigung stark von einander abweichen, habe ich mir erlaubt, einen anderen Titel zu wählen.

Ort: Berlin/ Universitätsstraße 3b/ Raum 205, Datum: 27.11.2013, Uhrzeit: 18 Uhr

Daniel Späth
Einführung in die Wert-Abspaltungs-Kritik
Die Marxsche Wertkritik und ihre negativ dialektische Darstellung

Gemeinhin existiert die linke Rezeption der Marxschen Wertkritik als analytische Anstrengung, um jenen fundamentalen Kategorien, die das Kapital ausmachen, habhaft zu werden: Warenform, Geldform, Wertform. Schließlich komme es, so der geläufige Tenor, hauptsächlich darauf an, diese abstrakten Kategorien in ihrer begrifflichen Bestimmung zu fixieren, um sich von hier aus der Gesamtkategorie des „automatischen Subjekts“ (Marx) anzunähern. Paradigmatisch für eine derart terminologisch reduzierte Marx-Rezeption steht insbesondere die Neue Marx-Lektüre und in ihr wiederum Michael Heinrich, dessen Einführungsband ins Marxsche „Kapital“ eher einer Ausführung aus ihm gleichkommt.

Was allerdings bei einer bloß begrifflich nachzeichnenden Marx-Interpretation verlustig gehen muss, ist der genuin historische Charakter der kategorialen Kapitalformen. Keineswegs kam nämlich der Wert eines Tages auf die Welt, woraufhin sich die geschichtliche Entwicklung lediglich akzidentell an seinem inneren Kern vollzogen habe. Im Gegenteil erfuhren die Kategorien des Kapitals mit der Entfaltung seines Fetischs ihrerseits mannigfache Metamorphosen, sodass es einer dialektischen Darstellung bedarf, ohne deren kritische Historisierung begriffliche und realgeschichtliche Bestimmung zwangsläufig auseinanderfallen.

Dementsprechend wird der Vortrag versuchen die geschichtlichen Wandlungen des Kapitalfetischs darzulegen samt ihren verkürzten linken Auffassungen. Beginnend mit dem protokapitalistischen Absolutismus des 15. und 16. Jahrhunderts über die erste Ausentwicklung der Kapitalformen im 18. Jahrhundert, die alsbald auf ihren eigenen Grundlagen prozessieren sollten (19. Jahrhundert), bis hin zum Staatskapitalismus Anfang des 20. Jahrhunderts wird versucht werden, den Grundstein für ein Verständnis von Akkumulation zu gewinnen, das sich auf der Höhe der heutigen Fundamentalkrise des Kapitals behaupten kann. Dabei wird auch auf die geschlechtliche „Abspaltung“ (Roswitha Scholz) einzugehen sein, die als stumme Voraussetzung erst die Mühlen der Akkumulation ermöglichte.

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Austreten, Genossen! October 16, 2013 | 12:23 am

Was die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ umtreibt, wird kaum mehr bemerkt – außer der Nischen-Blogger der Bayerischen Staatsregierung nimmt sich ihrer auf seiner Seite „Bayern gegen Linksextremismus“ an. Genug der dämlichen „Dollschewiken-Tänze“, genug „Pogo in Zellsee“, genug „Palästina-Solidarität“! Es wird Zeit, auszutreten, Genosse! Deine Partei ist am Ende!

Die außerparlamentarische Opposition war in München schon achtundsechzig weniger reizend als vielfach angenommen. Auch die sogenannte „Betriebsagitation“ scheiterte. Studierende lungerten vor den Werkstoren mit anbiedernden Flugblättern herum, und weder sie noch die Arbeiter hatten das Rüstzeug, etwas im positiven Sinne zu beeinflussen. Schlussendlich erbroch sich auf dieser Grundlage die „Deutsche Kommunistische Partei“ (DKP) – entstanden aus Versatzstücken der Sozialdemokratie und leninistischen Brocken, aufgefüllt mit israelfeindlichem Müll.

Der „Ostermarsch“ lag der DKP demnach sehr am Herzen, obwohl schon 1969 einige Münchner „APO-Basisgruppen“ den notorischen Auflauf als veraltet oder nicht wirkungsvoll ansahen. In der „Apo Press“ hieß es 1969: „Der Ostermarsch hat schon längst den Zenit seiner Fortschrittlichkeit überschritten, um sich nun im rasenden Lauf dem nächtlichen Horizont eines biederen Bürokratismus zuzuneigen und hinter ihm zu verschwinden.“ Doch verschwunden ist der „Ostermarsch“ leider nicht. Ein letztes Aufgebot und greise DKP-Mitglieder führen die Tradition bis heute fort – und die Parolen unterbieten sich Jahr für Jahr. 2012 wurde in München ein Transparent gezeigt mit der Aufschrift: „Nicht trotz sondern wegen Auschwitz: Ich bin für Günter Grass“.

Als größte Geschmacksirrung im roten Gewand kann aber die Jugendorganisation der DKP betrachtet werden – die „Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend“ (SDAJ). Ein Beispiel: Die SDAJ-München tat 1971 eine Anschaffung, eine Carrera-Bahn. Aber die Bahn hat sie sich nicht besorgt, um sich einen eintönigen Zeitvertreib zu leisten. Sie hatte die Bahn nach eigener Aussage, um ihre Freizeit „antimonopolistisch“ zu gestalten. Derzeit hing man in sozialistischen Kreisen nämlich der „Stamokap-Theorie“ an, wonach der Kapitalismus notwendig zu wenigen Monopolen führe, weshalb man sich als guter Sozialist zu jeder Gelegenheit „antimonopolitisch“ herauszuputzen hatte. Der damalige Chef der SDAJ München, Matthis Oberhof, erklärte laut dem „Roten Widerdruck“ darüber hinaus, dass man „auch beim Carrera-Bahn-Fahren die Klassenfrage“ zu stellen habe. Bei so viel Wahnsinn kann sich jeder Mensch glücklich schätzen, der nicht bei der SDAJ-Veranstaltung „Nach dieser TV-Serie fragen Millionen: Holocaust! Wie konnte das geschehen?“ (1979) anwesend war.

Ein Mülleimer bis heute
2012 hatten die Überreste der Münchner SDAJ einen Vertreter der nationalsozialistischen „Palästinensischen Volkspartei“ nach München eingeladen, die – freilich ohne dabei nur aus Scham braun anzulaufen – ankündigt, „alle Klassen“ gegen Israel vereinigen zu wollen. Beim Erscheinen von Amin Juai­di wäre tatsächlich ein guter Moment gewesen, die „Klassenfrage“ passend anzubringen. Doch erschien der „Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend“ diese offenbar beim Anblick einer Carrera-Bahn noch wesentlich aufdringlicher, als beim Stelldichein mit einem antijüdischen Nationalisten. Die Münchner SDAJ vergisst heute überdies bei kaum einer Gelegenheit, ihre „Solidarität mit Palästina“ zu betonen, obwohl das von ihr „Palästina“ Genannte von einer lebenswerten Gesellschaftsform – und auch vom Sozialismus – heute weiter entfernt ist als je zuvor. Aus einem solchen Jugendverband lässt es sich guten Gewissens nur austreten, damit die Partei sich endlich im „rasenden Lauf dem nächtlichen Horizont“ übergebe.

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Die Anfänge der Sozialdemokratie in Leipzig August 23, 2013 | 01:19 pm

Den Feierlichkeiten zum 150 jährigen Bestehen der SPD ist es zu verdanken, dass in diesem Jahr die Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung verstärkt zum Thema, etwa im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, wird. Im folgenden sei auf drei solcher Produktionen hingewiesen.

1. »Wohlan, wer Recht und Wahrheit achtet!«

Das erste Feature behandelt ausführlich Ferdinand Lassalle und die Anfänge der Sozialdemokratie in Leipzig und ist überwiegend durchaus informativ und unterhaltsam. Es wird u.a. auf das Verhältnis Lassalles zu Marx und Engels sowie zu Bismarck eingegangen. Nur die zusamenhangslos eingespielten Statements heutiger SPD- und Linkspartei-Politiker sind zum Kotzen.

Am Sonnabend, dem 23. Mai 1863 schlug im Leipziger Versammlungshaus „Colosseum“ die Geburtsstunde der deutschen Sozialdemokratie. Gemeinsam mit Delegierten aus elf deutschen Städten gründete der 38-jährige Schriftsteller und Revolutionär Ferdinand Lassalle den „Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein“, der als älteste demokratische Partei Deutschlands gilt.

    Hören:

    Download: via MDR | via RS.com (0:59 h, 54 MB)

2. »Ich stand in dem Rufe, ein gefährlicher Mensch zu sein« – August Bebel in Leipzig

Kürzer sind die Beiträge über Lassalles Gegenspieler in der Sozialdemokratie, August Bebel.

Zum 100. Todestag von August Bebel am 13. August erinnert FIGARO an den Sozialdemokraten, der seine Partei durch die Illegalität führte und Bismarck die Sozialgesetzgebung abtrotzte.

    Hören:

    Download: via MDR | via RS.com (0:23, 21 MB)

3. Bismarck hasste, die Arbeiter liebten ihn: August Bebel

Bei NDR Info – ZeitZeichen gab es ebenfalls ein kurzes Feature zum Todestag Bebels, das auf ein paar andere Aspekte zu sprechen kommt als das obige, darunter auch sein Buch Die Frau und der Sozialismus.

    Hören:

    Download: via NDR (0:14 h, 13 MB)

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Pierre-Joseph Proudhon – Vater des Anarchismus, Antifeminist und Antisemit July 22, 2013 | 08:32 pm

Einen kurzen Vortrag zur Kritik des kleinbürgerlichen Frühsozialisten Pierre-Joseph Proudhon hielt Jan Feldmann Anfang Mai 2013 im Rahmen des Offenen Antifa Treffens Dresden. Leider verfährt Feldmann in seiner Kritik wenig immanent. Statt bspw. genauer aufzuzeigen, wie Proudhons zirkulationsfixierte Gerechtigkeits- und Emanzipationsvorstellungen (»Mutualismus«) unreflektiert aus Warentausch und Vertragsform hervorgehen und in welche Widersprüche die Ablehnung des Geldes bei Beibehaltung der Warenproduktion führt, wird der falschen Kapitalismuskritik Proudhons eine richtige, offenbar wert-abspaltungskritisch inspirierte, entgegengehalten. Erfreulicherweise geht Feldmann nicht nur auf den Antisemitismus, sondern auch auf den vehementen Antifeminismus Proudhons ein. Die Diskussion habe ich als insgesamt wenig gehaltvoll empfunden.

Ankündigungstext:

Termin: Thursday, 2. May 2013, 20.00 Uhr || Ort: AZ Conni

Am 02.05. dürfen wir Jan Feldmann bei uns begrüßen, mit einem Vortrag über Pierre-Joseph Proudhon.

Pierre-Joseph Proundhon gilt als einer der ersten Vertreter des Anarchismus und beeinflusst verschiedene politische Strömungen bis heute. Durch seinen historischen Konflikt mit Karl Marx begründete er die antiautoritäre und antistaatliche Sozialismustradition, die 1871 zur Spaltung der Ersten Internationale in eine kommunistische und eine anarchistische Organisation führte. Gleichzeitig finden sich in seinen Werken antisemitische und antifeministische Ausfälle, die nicht nur hinter andere Frühsozialist_innen zurückfallen, sondern auch über den Common Sense seiner Zeit weit hinausgehen. Während diese von einigen anarchistischen Zusammenhängen als Ausrutscher betrachtet werden, die mit seinen eigentlichen Ideen nichts zu tun hätten, soll es in dem Vortrag darum gehen, beispielhaft am Proundhonismus die Gefahren falscher Kapitalismuskritik darzustellen, den inneren Zusammenhang zwischen dieser und seinem Antisemitismus aufzuzeigen und theoretische Konsequenzen zu ziehen.

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Dokumente gescheiterter Aufstände June 28, 2013 | 09:59 pm

1.) Der Kronstadt-Aufstand

In der Sendung Shalom Libertad auf FSK wurde kürzlich der Text Die Kronstadt Rebellion von Alexander Berkman verlesen. Berkman stellt darin ausführlich die Vorgeschichte und den Verlauf des Matrosen-Aufstandes von 1921 dar und wertet dessen Niederschlagung durch die Bolschewiki aus: „Kronstadt war der erste volksmäßige und ganz unabhängige Versuch einer Befreiung vom Joch des Staatssozialismus – ein direkt vom Volk, von den Arbeitern, Soldaten und Matrosen selbst gemachter Versuch.“ Die Kronstadt-Broschüre kann hier nachgelesen werden.

    Download:
    Mit Musik (via MF; zip; pw: Anarchul) | Ohne Musik (via AArchiv)

2.) Aus dem Leben von Jules Vallès

In seiner Broschüre hat Alexander Berkman die Niederschlagung des Kronstädter Matrosenaufstandes mit jener der Pariser Kommune verglichen. Eines der eindrucksvollsten Dokumente über die Pariser Kommune von 1871 hat der unabhängige Sozialist und Schriftsteller Jules Vallès in seiner Autobiografie Jacques Vingtras – Das Kind / Die Bildung / Die Revolte hinterlassen. Die erste Veranstaltung der Hamburger Reihe Die Untüchtigen im Golem hatte Vallès Biografie zum Thema – es wurden Auszüge daraus vorgelesen und mit musikalischen Darbietungen ergänzt. Eine Veranstaltung vom Politbüro, Thomas Ebermann & co.

Jules Valles (1832-1885) wer kennt den denn noch? Eben, da liegt das Problem. Valles ist so etwas wie der „Urvater“ der gesellschaftskritischen Boheme, also des Flügels dieser Spezies, der sich nicht bescheiden wollte mit der These, in der Jugend dürfe man sich ruhig austoben, um nach einer Zeit wilden Lebens um so gesättigter ein reifes, etabliertes Leben zu führen. Jules Valles war: Bohemien, Literat, hungernder Gelegenheitsarbeiter, Aktivist der Pariser Commune, Herausgeber diverser Zeitschriften, gestrenger Feind jeglicher Disziplin, Phantasieuniform-Träger, zum Tode verurteilter, Begnadigter.

Seine Literatur, meint unser Lexikon zutreffend, sei „ein von wildem Hass und bitterem Humor erfülltes, scharfsinniges Werk in bisweilen krass realistischem Stil.“ Was von Valles an diesem Abend gelesen wird, ist also kompatibel mit Arbeiten von Ebermann, Kamerun, Spilker, Schamoni…

Und Valles ist fast logischer Auftakt einer Reihe, die DIE UNTÜCHTIGEN und ihr leben zwar nicht romantisieren, aber doch in notwendige Erinnerung rufen möchte. Eine Lanze brechen für jene, die nicht mit beiden Beinen im Leben stehen, keine Realisten sind, die nach landläufigen Maßstäben weder gefördert noch gefordert werden wollen. Die – ob als literarische Figuren oder reale Autoren – den Anforderungen des (kulturindustriellen) Betriebes nicht gewachsen waren. Die gegenüber der Welt – „so, wie sie nun einmal ist“ – fremdeln. Die Vergrübeltheit für keine Schande halten; die umstürzlerisches denken und, sollte sich die Gelegenheit ergeben, sogar praktizieren.

„Untüchtige“ Autoren wie Erich Mühsam und Gisela Elsner, grobe Spötter das Kulturgetriebe wie Thomas Bernhard, Albert Camus und Georg Kreisler werden also in den nächsten Monaten im „Uebel & Gefährlich“ präsentiert von alteingesessenen Schnapsnörglern und jungen aufstrebenden Versagern auf dem Weg ins kulturelle Nirvana. Die Fragestellung lautet: wie kann ich mir selbst möglichst erfolgreich Steine in den Weg legen. [via]

    Hören / Download: via Soundcloud

Mit gescheiterten Aufständen beschäftigt sich derzeit gerade eine Veranstaltungsreihe in Erfurt und Weimar, auf die wir hiermit hinweisen wollen: Dissidenten der Arbeiterbewegung. Material aus der Reihe wird beizeiten an dieser Stelle auftauchen. Außerdem wollen wir auf einen thematisch passenden Redebeitrag hinweisen, der kürzlich auf der 1.Mai-Demo in Erfurt verlesen wurde – die Gruppe Club Communism hat darin den 1. Mai, entgegen seiner üblichen symbolischen Aufladung, als einen Tag der Niederlagen gedeutet – um gerade in dieser Reflexion der revolutionären ArbeiterInnenklasse die Treue zu halten: zum Redebeitrag.

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Die suspendierte Gattung – Zur Kritik der deutsch-europäischen Flüchtlingspolitik June 20, 2012 | 02:50 pm

Ein Kosmoprolet kommt in den Freistaat! Danyal, Macher des Blogs Cosmoproletarian Solidarity, wird diesen Freitag im fränkischen Würzburg erwartet. Das lassen wir uns nicht entgehen!

Das Blog Cosmoproletarian Solidarity gehört wohl zu den aufregendsten deutschsprachigen Polit-Websites. Dessen Autor Danyal aus Hamburg ist ein ausgewiesener Kenner der Islamischen Republik Iran und schreibt gegen das seit 1979 regierende Mullah-Regime wortgewandt an. Damit wäre er nicht allein auf weiter Flur. Aber nur wenige haben gleichzeitig das europäische Fernhalten von Flüchtlingen sowie die Abschiebekommandos im Blick und verbinden das Dreierlei mit einer fundierten Kritik der politischen Ökonomie. Der Vortrag am Freitag in Würzburg wird sich um die deutsch-europäische Flüchtlingspolitik ranken. Seit Monaten verstärken iranische Flüchtlinge in Würzburg ihren Protest, nachdem sich Mohammad Rahsepar im Würzburger Lager im Januar das Leben genommen hat. Vor wenigen Tagen hat sich die Flüchtlingsorganisation Karawane München mit dem erneuten Hungerstreik der Flüchtlinge solidarisch erklärt. Veranstalterin des Vortrags von Danyal ist die neue AG Gesellschaftskritik [Würzburg]. Der Zusammenschluss plant weitere Veranstaltungen mit Leo Elser (Redaktion Pólemos), Reiner Bakonyi (Würzburg) und Stefan Grigat (Wien).

Ankündigungstext:

Mehr als 1.500 Exilsuchende starben im Jahr 2011 in jenem Gewässer, das den wesentlichen vom vollends verüberflüssigten Teil der kapitalisierten Gattung trennt. Den vielen anderen nimmt sich Frontex an, die Apparatur zur militärischen Abriegelung der europäischen Außengrenzen vor dem überflüssigen Leben, oder, wenn der eine oder die andere doch durchschlüpft, die Heimatfront aus regierungsamtlicher Schikane, kulturalistischer Betreuungsökonomie und nächtlichem Abschiebekommando. Den Geflüchteten aus den Ruinen des Weltmarkts oder vor Despotien wie dem Iran wird ihre Überflüssigkeit vor dem Kapital wieder eingehämmert: Man kaserniert sie, dass sie nur keine Freude haben an der Selbstbefreiung vom unmittelbaren Zwang und sich wieder aus freiem Willen verflüchtigen. Die Subjektivität, d.h. die Ermächtigung zur Selbsterhaltung, wird ihnen abgesprochen und zwar im Interesse der nationalen Arbeitskraft. Der politische Souverän, der Menschen als Deutsche konstituiert, stundet die Fungibilität der nationalen Arbeitskraft, er täuscht ihre kapitale Wertigkeit nur vor, um so die nationale Formierung zu garantieren. Vor Hunger, Krieg und Tugendterrorismus Geflüchtete sind der Ausschuss jener vernunftwidrigen Sozietät, die von den konkreten Individuen absieht, um sie als Exemplare der kapitalisierten Gattung zu konstituieren, die alsdann aus dem Blut und Boden einer Nation erwachen. Kein politischer Souverän existiert, der ihr Leben zu schützen wagt; keine Zwangsgewalt, die sie als die Ihrigen identifiziert und fähig ist, ihre Selbstverwertung zu verbürgen.

Wir sehen uns vor Ort!

Beginn: 20Uhr | Ort: Kellerperle, Am Studentenhaus 1, 97072 Würzburg | Eintritt frei!

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Nie wieder Sauerkraut! McDonald’s now! May 15, 2012 | 12:36 am

Auch dieses Jahr bläst die „Volksinitiative für eine geschmackvolle Zukunft des Westends“ wieder zur Massendemonstration für einen McDonald’s im ehemaligen Münchner Arbeiterviertel. Die Sprecherin des Vorbereitungsplenums, Kiyra Papadopoulos, gewährt Einblicke in den Stand der Moblisierung. Das Interview führte Schlamassel Muc.


Geht doch: McDonals’s inmitten der israelischen Wüste

Hallo Kiyra. Nürnberger Wurstexperten beklagen, dass iranische Exporteure die Preise für Schafssaitling und Pistazien erhöhen. Das habe starke Auswirkungen auf das Preisniveau der Nürnberger Bratwurst und womöglich auf die Mortadella. Ist auch eine Verteuerung des McDonald’s-Sortiments zu erwarten?

McDonald’s ist als antifaschistische kulinarische Alternative von der Politik der Islamischen Republik Iran unabhängig und das wird – inshallah – auch so bleiben.

Im Vorbereitungsplenum der Volksinitiative herrscht offenbar Uneinigkeit. Laut Medienberichten drohen die „Dinkelbrot Haters“ angeblich gar damit, dem Bündnis ihre Gefolgschaft zu verweigern. Wie ist der aktuelle Stand der Debatte?

Das Aktionsbündnis, das die Volksinitiative organisiert, begann dieses Mal zum Glück früh damit, sich regelmäßig zu treffen. Trotzdem und trotz der jahrelangen Routine kam es zu unstrukturierten und unnötig bremsenden Diskussionen etwa über das Plakatmotiv, wichtige organisatorische Dinge wie das Fronttransparent wurden sehr spät thematisiert. Die „Dinkelbrot Haters“ hatten Anfangs das Cafe „Mareis“, dann das EineWeltHaus im Auge, obwohl zweiteres garnicht im Westend liegt. Heute herrscht in dieser Kernfrage aber ein unverbrüchlicher Konsens: Die neue McDonald’s-Filiale im Münchner Westend soll an der Stelle des Burschenschaftshauses in der Schwanthalerstraße entstehen. Alle anderen Varianten sind vom Tisch.

Zahlreiche kommunistische Gruppen sind Teil der Volksinitiative. Ist es mittlerweile auch gelungen, Teile des bürgerlichen Lagers mit in die Massendeligationen einzubeziehen?

Wir sind auf das bürgerliche Lager gar nicht angewiesen. Das Proletariat kauft bei McDonald’s und scheut den Bioladen oder die Vokü ehedem. Allerdings haben Teile der Friedensbewegung nun auch bemerkt, dass in Ländern mit einer McDonald’s-Filiale in der Regel Frieden herrscht, jeder BigMac ein Schritt in Richtung Frieden ist. Der Vorstand der IG Metall in Frankfurt signalisierte uns aber bereits, „wir sind froh, wenn die Spacken nicht mitmachen.“

Für gewöhnlich sind die Proteste der kulinarischen Bewegung im Westend entschlossen, phantasievoll, vielfältig und laut. Welche Aktionen sind dieses Jahr geplant? Wieviel Dezibel sind zu erwarten?

Neben vielfältigen Aktionen wird es wieder ein „Würfeln um die Wurst“ auf dem Gollierplatz geben. Die Verlierer müssen dieses Jahr fünf Nürnberger und einen Schöpfer Sauerkraut essen.

Die Massendemonstration für einen McDonald’s im Westend im letzten Jahr kann als erfolgreich bezeichnet werden. Gibt es schon erste Signale aus der Konzernzentrale, den Forderungen der Volksinitiative zu genügen?

Ein McDonald’s entsteht nur in Ausnahmefällen nach dem sogenannten Top-Down-Prinzip. Im Regelfall handelt es sich um das entschlossene Engagement von Einzelnen oder emanzipierten Kollektiven (Anm.: siehe Foto), Graswurzel-Initiativen, die sich vor Ort stark machen und einen McDonald’s gründen. Das wäre halt am Ende zu leisten. Darum geht es uns.

Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast.

Weiterlesen:
„Für eine geschmackvolle Zukunft des Westends“ (Demonstration 2011″)

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Aufstand der Zuständigen April 20, 2012 | 01:23 pm

Der Deutsche Gewerkschaftsbund Bayern hat eine bemerkenswerte Broschüre über Rechtsextremismus veröffentlicht. Es müsse auch darum gehen, „selbstkritisch in die eigene Mitgliederschaft zu blicken“, schreibt der Vorsitzende des DGB Bayern, Matthias Jena, im Vorwort.

Rechtsradikalismus hat in Bayern Hochkonjunktur. In absoluten Zahlen ist Bayern laut Umfragen das deutsche Bundesland, in dem die meisten Menschen mit einer rechtsextremen Einstellung wohnen. Es existiert ein nahezu flächendeckendes Netz der „Freien Kameradschaften“. In mancher Region konnte sich die NPD als bekannte und akzeptierte Partei etablieren. Auf sechs Seiten stellt Robert Andreasch vom a.i.d.a.-Archiv gewohnt pointiert die Entwicklungen der extremen Rechten in der aktuellen Broschüre „Rechtsextremismus in Bayern“ dar, die sich vor allem an Gewerkschaftsmitglieder und Funktionäre richtet. Neben den Strategien der NPD beschreibt Andreasch kursorisch die „Bürgerinitiativen“, die Kameradschaften, das „Freien Netz Süd“ sowie die morbiden Kampagnen „Unsterblich“ oder „Volkstod“. Sogenannte rechtspopulistische Strömungen wie das maßgeblich in Bayern betriebene Portal „PI-News“ und die Partei „Die Freiheit“ fehlen in der Darstellung ebensowenig, wie kritische Spitzen in Richtung Mehrheitsgesellschaft.

„DGB-Arbeiterverräter“
Robert Günthner setzt sich in seinem Beitrag hauptsächlich mit der wachsenden und gegen die Gewerkschaften gerichtete Aggression auseinander: die zunehmenden Störaktionen der Neonazis von Demonstrationen am 1. Mai, die „Wortergreifung“ auf Gewerkschaftstagen oder die öffentliche Diffamierung und Bedrohung von einzelnen Mitgliedern, die gegen die braunen Aktivitäten in Erscheinung treten. Günthner kündigt an: „Der DGB Bayern wird das nicht hinnehmen und dagegen vorgehen.“ Es bedürfe einen „Aufstand der Zuständigen“, so Günthner weiter, womit er in den Gewerkschaftswald hineinruft, in der Hoffnung, dass es zumindest irgendwie ähnlich hinaus schallt.

„Nur starke Individuen sind solidaritätsfähig“
Die zweite Hälfte der 32-seiten starken Broschüre wurde von Wolfgang Veiglhuber verfasst. Der pädagogische Mitarbeiter des DGB Bildungswerks bietet seit einigen Jahren eine in ökonomie- und ideologiekritischen Kreisen geschätzte Seminarreihe (2011|2012) an. Veiglhuber zitiert aus zwei Studien von infratest dimap (1998) und der FU Berlin (2005) wonach zweitere ergeben habe, dass „gewerkschaftlich organisierte Arbeiter ohne abgeschlossene Berufsausbildung doppelt so häufig rechtsextrem eingestellt sind wie unorganisierte Arbeiter mit demselben Bildunsgrad.“ Das gleiche Verhältnis sei bei Angestellten in Verantwortungspositionen festgestellt worden. Der Beitrag enthält einen plausiblen Punktekatalog, eine Empfehlung, wie Rechtsextremismus sowie der Denke Marke „Sarrazin und Co.“ innerhalb und außerhalb der Gewerkschaft entgegengetreten werden könnte. Es gehe unter anderem auch darum, Individualismus zu fördern.

Dringend ans Herz gelegt
Im Abschnitt „vom ’schaffenden‘ und ‚raffenden‘ Kapital“ breitet Veiglhuber für Kritikerinnen und Kritikern der politischen Ökonomie Bekanntes aus, Erkenntnisse, die sich aber hartnäckig nicht zu verbreiten scheinen, weswegen die Passage abschließend ungekürzt zitiert wird. Die Broschüre hebt sich in Summe positiv von vielen anderen Veröffentlichungen zum Thema ab, in denen wahlweise „Wir“, die „bunte Stadt“ – oder am Ende noch – „anständige Deutsche“ keine Nazis sind, das Problem also ausschließlich im vermeintlich gegenüberliegenden Lager vermutet und die ideologische Mitwirkung keiner Selbstreflexion unterzogen wird.

Vom „schaffenden“ und „raffenden“ Kapital
Die NPD und die Neonazis sprechen nie von Kapital (von Lohnarbeit, wie aufgezeigt, ohnehin nicht), sondern wahlweise von „Großkapital“, vom „Finanzkapital“ oder von „ökonomischer Monopolpolitik“. Weil sie den Gesamtzusammenhang von Lohnarbeit, Kapital, Mehrwert, Profit, Akkumulation, Kredit und Zins völlig außer Acht lassen, kommen sie über einen „vulgären Antikapitalismus“, der mit rationaler Kapitalismuskritik nichts zu tun hat, nicht hinaus. So gelten ihnen Unternehmen, die grenzüberschreitend agieren, als „vaterlandslose Gesellen“ und ist ihre gesamte Rhetorik in dieser Hinsicht verbunden mit antisemitischen Stereotypen. Die als negativ erachteten Seiten der Ökonomie (Kredit, Geld, Zins) werden dem angeblich weltweit agierenden Judentum zugeschrieben. Das „deutsche schaffende“ Kapital (gut!) wird dem international agierenden „raffenden jüdischen“ Kapital (schlecht!) gegenübergestellt.

Die angebliche Gier und Unersättlichkeit bestimmter Menschengruppen, die Zockermentalität und andere moralisch verwerfliche menschliche Eigentschaften sollen es sein, die die Finanz- und Wirtschaftskrise verursacht haben. Der Kapitalismus kommt dabei glänzend weg und wird jeglicher Kritik enthoben. Jeder wirkliche Zusammenhang wird ausgeblendet, es erfolgt nicht eine rationale Bestimmung auch nur einer einzigen ökonomischen Kategorie.

Kritikern der Finanz- und Wirtschaftskrise, die mit rechtem Gedankengut nichts zu schaffen haben, sei dringend ans Herz gelegt, einmal darüber nachzudenken, warum es Nazis so leicht fällt, sich an bestimmte Bewegungen mit teiweise denselben Begrifflichkeiten anzubiedern. Es ist zu reflektieren, wie eine rationale Analyse und Kritik an ökonomischen Entwicklungen auszusehen hat, die eben nicht unabsichtlich Instinkte derjenigen mit bedient, die gesellschaftliche und ökonomische Probleme personalisieren und dabei über „Heuschrecken“ und „den Juden“ analystisch nicht hinauskommen.

Weiterführendes:
Die Broschüre im PDF Format

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Eine peinliche Allianz February 17, 2012 | 01:47 am

Seit vergangener Woche warnt die Fürther Polizei offenbar systematisch Busunternehmen davor, Fahrten zu Antinazi-Demostrationen nach Dresden durchzuführen – beklagt die Gewerkschaft ver.di. Der Polizeisprecher dementiert.


Braunhemden besetzen das Münchner Gewerkschaftshaus am 09. März 1933

Rechtsradikale Gruppen entdecken ihren Hass auf Gewerkschaften wieder. Auch in Bayern häufen sich Aktionen und Hetzschriften gegen Gliederungen der organisierten betrieblichen Interessenvertretung. Beim Neujahrsempfang der DGB Region Oberpfalz mischten sich erneut Neonazis unter die Teilnehmenden – allerdings diesmal ohne Redezeit erwirken zu können. Bei den Gewerkschaften handle es sich um „volksfeindliche“ Organisationen, ist den aktuellen Hetzschriften der Neonazis zu entnehmen; insbesondere bei den Gewerkschaften GEW und ver.di sei eine „massive Unterwanderung des Funktionionärsbereichs durch antideutsche Kreise“ festzustellen, bemängeln die Nazikader. Am 12. Januar erschien ein Beitrag auf dem rechtsradikalen Portal Freies Netz Süd, in dem der Autor seinen Unmut über die Mobilisierungsveranstaltung im Münchner Gewerkschaftshaus gegen den Dresdner Naziaufmarsch ausdrückt. Die Polizeibehörden rief er dabei flehentlich dazu auf, die Anreisenden aus Bayern mit „präventiven Maßnahmen“ zu stoppen.

Polizei blieb offenbar nicht untätig
Ulli Schneeweiß, Stellvertretender Bezirksgeschäftsführer von ver.di Mittelfranken, erhielt nun vom Busunternehmer Werner Nickel aus Zirndorf Nachricht: Die Beförderung Richtung Dresden könne weder am 13. noch am 18. Februar durchgeführt werden, so der Busunternehmer. Als Begründung gab er an, einen Anruf von der Polizei Fürth erhalten zu haben. Die Polizei habe ihm geraten, sich „doch zu überlegen“, ob er die Gewerkschafterinnen und Gewerkschafter wirklich transportieren wolle, es sei nämlich „Randale zu erwarten.“ Das geht aus einer aktuellen Pressemitteilung von ver.di Bezirk Mittelfranken hervor. Dem Gewerkschaftsvertreter Schneeweiß zufolge sollen die polizeilichen Warnanrufe bei Busunternehmen systematisch erfolgt sein. Ver.di kündigte bereits an, den vertragsbrüchigen Unternehmer in Regress zu nehmen. Es gelte nun herauszufinden, ob es sich um einen Fürther Alleingang oder um ein konzertierte Aktion der mittelfränkischen oder bayerischen Polizei handelt, so Schneeweiß. Die Fürther Polizei wies indes die Vorwürfe zurück. Der Sprecher der Polizeidirektion Mittelfranken erklärte Nordbayern.de zufolge, es seien lediglich Teilnehmerzahlen bei Busunternehmen abgefragt worden, um sich ein Lagebild zu verschaffen. Es habe keine Einflussnahme gegeben, betonte der Polizeisprecher.

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Sikobündnis veröffentlicht proiranisches Pamphlet January 17, 2012 | 02:13 am

Nach der Grünen Jugend Bayern verzichtet offenbar auch die ver.di Jugend auf eine erneute Teilnahme am „Aktionsbündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz“. Die Gewerkschaft GEW Bayern steht aktuell ebenfalls nicht mehr auf der Liste der unterstützenden Organisationen. Mit hysterischen Solidaritätsadressen Richtung Teheran versucht die Bündnisleitung nun, antisemitische Potenziale auszuschöpfen.

Für Claus Schreer und sein grauhaariges Protestgefolge ist der Imperativ, dass Auschwitz sich nicht wiederhole, nichts Ähnliches geschehe, offenbar eine stark nachrangige Forderung. Das könnte an ihrer Erziehung liegen. Sie gehören zu den Deutschen, die – ihrem Alter nach zu urteilen – mehrheitlich von den Holocaustverantwortlichen gesäugt und über Sinn und Unsinn des Lebens aufgeklärt wurden, lernten, dass nur eine kalte Dusche den Menschen hinreichend stählt. Die Täterideologie ihrer Eltern wiederum fiel ebenfalls nicht vom Himmel. Deutsche begegneten der Emanzipation von Jüdinnen und Jüdinnen beispielsweise 1819 mit den Hep-Hep-Pogromen. Deren Kinder forderten daraufhin 1848 mit der sogenannten Märzrevolution blutig ihr vermeintliches Menschenrecht auf Antisemitismus ein. Das Ressentiment wurde von Generation zu Generation weitergegeben, mit seinen Kontinuitäten, Brüchen und Ausnahmen – wie man so schön sagt. Die deutsche Geschichte aber ist im Grunde eine Geschichte von Pogromen. Die Kinder der letzten tatkräftigen Generation bleiben eine verdächtige Gemeinde, wie sich zumindest am Beispiel der in die Jahre gekommenen Anti-Siko-Protestierenden feststellen lässt. Einerseits hassen sie den jüdischen Staat offenbar abgrundtief, andererseits aber wollen nur die Radikalsten unter ihnen die Mauern dieses Staates mit eigenen Händen einreißen. Ihnen wäre es im Grunde am liebsten, wenn die Drecksarbeit andere für sie erledigen würden.

„Tatsache ist aber: Kein Land wird vom Iran bedroht“
Da die Vertreter der Islamische Republik Iran schon mehrfach angekündigt haben, sich der Sache der antisemitischen Internationalen anzunehmen, ist es nicht verwunderlich, dass sich das gestern erschienene Heft zu den diesjährigen Anti-Siko-Protesten dem Casus „Sanktionen und Säbelrasseln gegen den Iran“ widmet. Das Bündnis zeigt demzufolge wenig Verständnis dafür, dass die USA und Israel „die Entwicklung iranischer Atomwaffen notfalls auch militärisch verhindern“ wollen. Ungleich viel Verständnis bringen die Verfassenden aber für das iranische Atomprogramm auf. Es sei nach ihrem Dafürhalten angesichts „der Jahrzehnte langen Boykottmaßnahmen und Kriegsdrohungen von Seiten der westlichen Großmächte“ nachgerade verständlich, „wenn die Regierung in Teheran [im Bau von Nuklearsprengköpfen] die einzige Abschreckungsmöglichkeit gegen einen möglichen Krieg“ sähe. Ausgerechnet die iranische Atombombe also verklären die Friedensfreunde zur pazifistischen Aktion, eine Einschätzung, die ihnen bei kaum einer anderen Atombombe einfiele. Vernichtungsdrohungen der iranischen Machthaber gegen Israel habe es nämlich nie gegeben, so lautet ihre Begründung, obwohl Vernichtungsdrohungen gegen Israel tatsächlich schon unzählige Male in den iranischen Medien wiederholt wurden. Die Krönung ihrer verdrehten Weltsicht ist die Forderung, die Sanktionen gegen den Iran sofort einzustellen, da die Wahrheit sei: „Sanktionen verhindern nicht den Krieg. Sie sind […] die Vorstufe für den Krieg.“

Position beziehen
Das „Aktionsbündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz“ hat sich damit abermals unmissverständlich auf die Seite von Holocausleugnern und der iranischen Atomwaffenlobby gestellt. Ein dritter Weg ist aus dem Text auch mit viel Aufwand nicht herauszulesen. Zahlreiche Organisationen verabschiedeten sich bereits aus dem Bündnis; zuletzt schaffte die Grüne sowie die ver.di Jugend den Absprung. Die GEW-Bayern ist offenbar ebenfalls ausgeschieden, so legt es zumindest die aktuelle Unterstützerliste nahe. Jetzt ist es an der Zeit, sich aktiv gegen die noch verbliebenen Gestalten zu wenden. Das Problem sind eben nicht nur die Eliten im Bayerischen Hof, sondern auch die verkommene Kritik derer vor ihren Türen. Solange sich das „Aktionsbündnis gegen die Nato-Sicherheitskonferenz“ dominant als Pseudo-Korrektiv in Szene setzen kann, werden nicht nur die antisemitischen Kontinuitäten in seiner Kritik fortgeschrieben, sondern auch die Verhältnisse. Weil die Kritik dieser Leute nichts kann, außer eben schlecht sein. Eine bessere Welt ist damit jedenfalls nicht zu haben.

Weiterführendes:
Entscheidungshilfe (luzi-m)
Anti-Siko-Bündnis schmilzt weiter

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Manès Sperber »Wie eine Träne im Ozean« August 13, 2011 | 05:37 pm

Kürzlich bekam ich durch Zufall eine Taschenbuchausgabe von Manès Sperbers »Wie eine Träne im Ozean« geschenkt. Das traf sich gut. Zwar weiss ich nicht mehr wann, wo, oder wie es dazu kam, aber den Titel hatte ich mir schon vor einiger Zeit als möglicherweise lesenswert notiert. Ich habe das Buch dann auch gleich gelesen.

Manès Sperber, Psychologe und Schriftsteller, kam 1905 im, damals zur k.u.k.-Monarchie und heute zur Ukraine gehörigen, ostgalizischen Zablotow zur Welt. Er entstammte einer frommen jüdischen Familie, die in bürgerlichen Verhältnissen lebte. Über Wien, wo er als Assistent des Individualpsychologen Alfred Adler wirkte, kam er 1927 nach Berlin. 1933 verließ Sperber Deutschland und gelangte über Stationen in Prag, Wien und Zagreb nach Paris. Bei Kriegsausbruch meldete er sich als Freiwilliger zur Fremdenlegion. Nach der Niederlage Frankreichs wurde er demobilisiert und flüchtete in die Schweiz. 1945 kehrte er nach Paris zurück, wo er 1984 starb. Sperber war nach seiner Ankunft in Berlin 1927 der KPD beigetreten und betätigte sich in den Folgejahren als politischer Schriftsteller und Redner im Auftrag der Partei. Doch wuchsen mit der Zeit seine Zweifel – nicht so sehr an der Linie, sondern eher an den Praktiken der Partei. 1937, auf dem Höhepunkt des stalinistischen Terrors, verließ Sperber die KPD.

Die Romantrilogie »Wie eine Träne im Ozean« entstand zwischen 1940 und 1955 und erschien gesammelt auf deutsch 1961. Sperber entwirft darin ein historisches Panorama in der Zeit zwischen 1930 und 1945. Mit geographischem Fokus auf Deutschland, Jugoslawien, Österreich, der Tschechoslowakei, Frankreich, Italien und Polen beschreibt und reflektiert er Erfahrungen des Widerstands gegen Faschismus und Nationalsozialismus, der Emigration, des Partisanenkampfes und der Arbeiterbewegung in der Hochphase des Stalinismus.

Das Buch weist unübersehbare Parallelen zu Sperbers Leben auf. Es handelt sich aber nicht um eine Autobiographie, und auch um keinen Tatsachenbericht. Der Autor montiert teils einer genau beobachteten Realität nachgebildete, teils fiktive Elemente zu einer Auseinandersetzung mit der historischen Wirklichkeit, in deren Mittelpunkt die kommunistische Bewegung steht.

Die Hauptfigur des Buches ist Denis Faber, genannt Dojno, ein vom östlichen Rand der Habsburgermonarchie gebürtiger Historiker und Kommunist aus jüdischem Hause, der, sehr zum Leidwesen seines eigensinnigen, alten Wiener Professors von Stetten, der lauteren Einsamkeit des Forscherlebens den Dienst an der Revolution vorgezogen hat. Dojno reist als Kader quer durch Europa. Seinen ersten Auftritt hat er in Jugoslawien. In Deutschland wird er nach der Machtübernahme der Nazis verhaftet, kommt aber wieder frei und emigriert. Im Angesicht der faschistischen Bedrohung in Mittel‑ und Westeuropa lassen Intrigen, Verrat, Verhaftungen und Liquidierungen treuer Genossinnen und Genossen durch die Partei und immer neue unheilvolle Nachrichten aus der Sowjetunion das Welt‑ und Selbstbild des scharfsinnigen und selbstkritischen Dojno zusehends zerbröseln. Ausführlich werden die Schicksale der Genossen beschrieben. Herbert Sönnecke, ein alter Arbeiterführer, ehemals KPD-Reichstagsabgeordneter, Spartakist und Weggefährte Luxemburgs, bleibt bis zuletzt standhaft. In der Sowjetunion verhaftet, weigert er sich seine Rolle im Schauprozess einzunehmen. Er wird erschossen (399), ebenso wie Vasso Militsch, ein jugoslawischer Genosse. Anstatt des erzwungenen Geständnisses, dass er ein Verschwörer sei, schreibt Vasso einen Brief, in dem er sich für die Fehler der jugoslawischen Partei mitverantwortlich zeichnet und die Wiederherstellung der inneren Demokratie der Partei zum ersten Ziel erklärt. Er schließt: »Ich bleibe der materialistischen Geschichtsauffassung treu, ich lehne Eure polizeiliche Geschichtsauffassung ab.« (419)

1937 verlässt Dojno die Partei und versucht gemeinsam mit anderen Genossen im Exil Grundlagen für eine Erneuerung der Bewegung zu legen. Mit Ausbruch des Krieges ändert sich die politische Situation. Nach einer Episode bei der von den Deutschen bald überrannten französischen Armee schlägt sich Dojno nach Jugoslawien durch, wo seine alten Genossen Mara, Witwe Vassos und aus dem kroatischen Militäradel, und der Dichter Djura eine Partisanenbrigade aufgestellt haben. Djura wird bald darauf von den Ustaschi verhaftet und hingerichtet. Nach anfänglichen Erfolgen wird die Brigade in ihren Kämpfen gegen Ustaschi und Deutsche aufgerieben, verraten, und schließlich durch konkurrierende parteikommunistische Partisanen aufgelöst. (868) Mara stirbt von der Hand des Polizeikommissars Miroslav Hrvatic, genannt Slavko, der noch jedem Regime zu dienen wusste und nun Agent der sowjetischen Geheimpolizei GPU geworden ist. Dojno gelingt die Flucht ins bereits von den Amerikanern befreite Süditalien, nach Bari, wo er das Kriegsende erlebt. Er kehrt wieder nach Frankreich zurück. Aus Briefen in Stettens Nachlass erfährt er, dass er ein Kind mit Hanusia hat, die ihn vor Jahren verlassen hat. Ohne sich sehr mit der westlichen Ordnung identifizieren zu können, deren fatale Mischung aus technischer und ökonomischer Überlegenheit, Kultiviertheit und sozialer und politischer Naivität ihm in dem britischen Offizier Anthony Burns gegenübertritt (975 – 984), haben sich Dojnos politische Koordinaten gewandelt, und damit verbunden seine Haltung zum Leben.

Teils eng mit Dojnos Leben verbunden, teils lose mit ihm verknüpft, gruppieren sich die übrigen Figuren des Buches zu einem Gesellschaftsporträt. Im Geflecht der Freundinnen und Freunde und Feinde, der Parteileute und Parteilosen, der Arbeiterinnen und Arbeiter und Intellektuellen treten sich zugleich unterschiedliche Ideen und Haltungen entgegen. Stetten ist ein akademischer Eigenbrötler, als Althistoriker die Zeit in Jahrhunderten zu messen gewohnt und immer gegen das, »‘woran gerade die Zeit sich besoff, um sich sodann als die große gerieren zu können‘, wie er sagte.« (122) Als er während der Wiener Februarkämpfe 1934 zu Gunsten eines verhafteten Arbeiters eingreift, beginnt für ihn ein neuer Abschnitt. Die österreichische Gesellschaft geht mit großen Schritten dem »Anschluss« an Nazideutschland entgegen und Stetten muss nach Frankreich emigrieren. Während er dem dissidenten Kommunisten Albert Gräfe zur Flucht verhilft, erleidet er einen Herzanfall und stirbt.

Der Biologe Edi Rubin steht den Sozialisten nahe. Er kämpft im Februar an der Seite der Wiener Arbeiter und geht ebenfalls ins Pariser Exil. Edi erscheint gegenüber den disziplinierten Kommunisten des Buches moralischer, ziviler, in seinen Entscheidungen unabhängiger, darum aber nicht weniger entschlossen. Während des Krieges werden seine Frau Relly und sein Sohn von den Deutschen ermordet. Edi gelangt, als deutscher Offizier verkleidet, in das kleine jüdische Städtchen Wolyna in Polen. Er will die Bewohner warnen und sie für den bewaffneten Widerstand gegen die Deutschen gewinnen. Dabei hat er einige Mühe, denn für die streng orthodoxen Wolynaer erscheint der Widerstand zunächst gar nicht denkbar, vor allem für ihren Rabbi: »Meinen sie aber die Untaten des Feindes, das Verhängnis, das den Namen Hitler trägt? Woher wissen Sie, was es bedeutet? Ohne unsere Hilfe wird Gott ihn vernichten, das ist klar, denn deshalb hat Er ihn zur Geißel gemacht, mit der Er uns straft. Der Blutfeind ist verloren, sein Volk wird erniedrigt werden, aber unsere Sorge ist es, zu erfassen, womit wir die Strafe verdient haben, damit wir in der Erkenntnis und in der Buße sterben und nicht wie unsere Feinde in Verblendung und in der Verfinsterung der Seele. […] Ein Mensch darf irren und sich verirren, aber den Weg ins andere Leben darf er nicht verfehlen.« (892) Schließlich gelingt Edi es aber, eine Einheit zu formieren, an der sich auch der Sohn des Rabbi, der philosophisch beschlagenen Junge Bynie beteiligt. Die Bewohner des Städtchens, darunter der Rabbi, werden ermordet. Die Einheit besteht nur kurz. Nach einem erfolgreichen Feuerüberfall auf die Deutschen, den sie in Zusammenarbeit mit polnischen Untergrundkämpfern unternommen haben, kommt es im Versteck, im Schloss des Grafen Roman Skarbek zum Streit über die erbeuteten Waffen. Die Polen misstrauen den Juden und wollen sie unbedingt entwaffnen. Schließlich greifen sie die Juden an. Nur Edi, Bynie und ein Mann namens Rojzen überleben. Die drei werden in einem Kloster versteckt. Dort erwirbt Bynie den Ruf, ein Wunderrabbi zu sein, erliegt aber dann seinen Verletzungen. Für Edi, der sich um die jüdische Religion nie besonders gekümmert hat, bewirken die Erschütterungen eine späte Hinwendung zum Glauben. Er übersiedelt nach Palästina.

Im Mittelpunkt des Buches stehen vor allem die auf unterschiedliche Weise scheiternden Versuche Einzelner, zur Arbeiterbewegung in sinnvolle Beziehung zu treten und deren Sache zu voranzubringen, die allein ihnen eine vernünftige gesellschaftliche Existenz zu ermöglichen in der Lage ist. Doch während die Bewegung im verzweifelten Abwehrkampf gegen ihre äußeren Feinde steht, bricht zugleich der Widerspruch zwischen ihren Ideen und Zielen auf der einen und ihrer Wirklichkeit auf der anderen Seite immer weiter auf. Sperber zeichnet nach, wie sich Einzelne unter dem Druck äußerer Zwänge in einem Netz aus Überzeugungen, Abhängigkeit, Angst, Loyalität und Taktik verfangen, aus dem es für sie schließlich keinen glücklichen Ausweg mehr gibt.

In einem Brief von 1959 schreibt Sperber: »Ich habe nicht das geringste Interesse an der Erhaltung des Privateigentums an Produktionsmitteln. Aber ich glaube nicht mehr, daß die Abschaffung des Privateigentums an Produktionsmitteln an sich auch nur die geringste Garantie für die Errichtung einer sozial gerechten Gesellschaft darstellt.« (Zit. n. Stancic, S. 328.) Die Einsicht bleibt bestehen, dass das Ziel der Freiheit und Gleichheit aller Menschen sich nicht verwirklichen lässt, solange das Privateigentum an Produktionsmitteln herrscht. Nur wird ebenfalls klar, dass auch diejenigen der Verwirklichung dieses Zieles im Wege stehen, denen unter Verweis auf vermeintliche dialektische Gesetze und objektive Notwendigkeiten die Freiheit und Gleichheit der Einzelnen im hier und jetzt, ärmlich und schlecht wie sie nun einmal sind, nichts gilt. Es sind aber die stalinistischen Gesellschaftsingenieure, die mit ihrem Machtapparat (dem sie, eigenartig genug, jederzeit selbst zum Opfer fallen können) die Politik der Kommunisten dominiert haben.

»Wie eine Träne im Ozean« stellt darum keinen Abgesang auf die Arbeiterbewegung oder die Idee des Sozialismus dar. Die Geschichte Dojnos formuliert die Einsamkeit eines Einzelnen, der an denjenigen geschichtlichen Formen dieser Bewegung und dieser Idee, die einmal die seinen gewesen sind, aus Gründen nicht mehr mittun kann und will. Damit einhergehend reflektiert das Buch die Bedingungen und Möglichkeiten sozialrevolutionären Handelns. Es übergeht weder die heldenhaften Taten der Kommunisten, noch ihre schäbigen Seiten, oder die von ihnen begangenen Verbrechen, das alles soll im Gegenteil präzise bestimmt werden.

Nicht die Revolution gelangt an ein Ende, sondern eine bestimmte Vorstellung von ihr, die der Barbarei des Ersten Weltkrieges entstiegen ist, und mit ihr ein bestimmter Typ des Revolutionärs. Den hat, wenn ich mich nicht irre, selten jemand treffender gefasst als der im Zuge der Niederschlagung der Münchner Räterepublik hingerichtete KPD-Mitbegründer Eugen Leviné (1883 – 1919) in seiner Rede vor Gericht: »Wir Kommunisten sind alle Tote auf Urlaub. Ich weiß nicht, ob sie mir meinen Urlaubsschein noch verlängern werden, oder ob ich einrücken muss zu Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Ich sehe auf jedem Fall Ihrem Spruch mit Gefaßtheit und innerer Heiterkeit entgegen. Ich weiß, was Sie auch für einen Spruch fällen werden, die Ereignisse sind nicht aufzuhalten […] In diesem Raum werden über kurz oder lang andere Richter tagen und dann wird derjenige wegen Hochverrats bestraft werden, der sich gegen die Diktatur des Proletariats vergangen hat. Die Münchner Arbeiter und ich mit ihnen zusammen, wir haben alle versucht, mit bestem Wissen und Gewissen unsere Pflicht zu tun gegen das Proletariat und die internationale kommunistische Weltrevolution.« (Zit. n. Werner, P., Eugen Leviné, Berlin 1922, S. 51.)

Sperbers Romantrilogie markiert einen Abschied von der Vorstellung einer avantgardistischen Revolution, deren Persönlichkeitsideal sich durch physische Härte, Disziplin, Bindungslosigkeit außerhalb der Partei und eine dienstfertige Intellektualität auszeichnet, und das im Buch zunächst auch Dojno verkörpert.

Geändert haben sich am Ende nicht so sehr die Ziele des politischen Kampfes, oder der Umstand, dass, wer sie ernsthaft verfolgt, sich der Gefahr aussetzt. Verändert ist das Selbst‑ und Weltverständnis, aus dem heraus sie zu verfolgen sind – nicht mehr als Werk von Menschen, deren einzige Bindung an die Welt die Partei ist, für deren Sache sie streiten, sondern von solchen, die individuell in der Welt verankert sind und sich selbst vertreten.

Bildlich tritt dieser Gegensatz im Buch entgegen, als Dojno sich in Wien, kurz nach dem »Anschluss«, mehrere Tage bei Genossen des sozialistischen Arbeiters Hofer versteckt hält, die in einem Schrebergarten wohnen. Beim Kartoffelschälen, Dojno stellt sich selbstredend ungeschickt an, befragt einer ihn über die Beweggründe seines politischen Handelns: »‘Das möchte ich ja gerne wissen: Du bist nicht der Sohn eines Arbeiters, bist selbst nie ein Arbeiter gewesen, was hast du dich da um die proletarische Revolution zu kümmern gehabt? Nicht um Bürgermeister zu werden oder Minister oder Volkskommissar, bist du zum Kommunismus gegangen, das sehe ich schon, so einer bist du nicht – also warum? Aus Mitleid mit uns?‘« Dojno antwortet: »Der dümmste Junge weiß ein Schock Gründe anzugeben, derentwegen er ein Mädel liebt. Aber die Gründe können töricht oder unwichtig sein, sein Grund zu lieben wäre doch gut, denn man braucht keinen, um zu lieben.‘ – ‘Das ist nicht ganz klar; willst du sagen, du hast das aus Liebe zur Arbeiterklasse gemacht?’ – Nein. Vielleicht aus Liebe zu der Vorstellung von einer Welt, wie sie sein müßte, sein könnte.‘ – ‘Aus Liebe zu einer Vorstellung? Wegen so was hast du alles auf dich genommen, hast gelebt ohne zu leben, bist durch die Welt gerast in ewiger Unruhe – wegen einer Vorstellung?‘ Und als Dojno nachdenklich schwieg, fuhr er fort: ‘Ich frage das nicht aus politischen Gründen, weißt du, sondern weil ich in den vier Jahren, die ich hier ganz allein gelebt habe, da habe ich mir oft den Kopf zerbrochen über die Menschen. Da bin ich drauf gekommen, daß es gar nicht so leicht ist zu wissen, warum ein Mensch gerade das eine tut und nicht das andere. Liebe zu einer Vorstellung, zu einer Idee sozusagen – das kann schon sein, aber warum das? Warum nicht Liebe zu den Menschen? Zu einer Frau, zu Kindern, zu den Genossen?‘« (497f)

In der Schilderung der Wandlung Dojnos schafft der Roman ein nützliches Bild, das verheerte Bewusstsein der Einzelnen zu reorganisieren, deren Sache einmal die Aufhebung der bourgeoisen Ordnung sein kann.

Manès Sperber: Wie eine Träne im Ozean, Romantrilogie, München 1980.
Mirjana Stancic: Manès Sperber, Leben und Werk, Frankfurt/Main 2003.
Werner, P. [Paul Fröhlich]: Eugen Leviné, Berlin 1922.

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Veranstaltungshinweis: Wir bleiben Kameraden March 31, 2011 | 02:56 pm

Im vierten Seminar der Reihe befasst sich das DGB-Bildungswerk mit dem Thema Arbeiterinnen- und Arbeiterbewegung im Faschismus. Behandelt werden Themenstellungen, aus denen sich das Verhältnis der Nazis zu den abhängig Beschäftigten und ihren gewerkschaftlichen und politischen Organisationen ergibt.


Klassenkampf gelöst – Spuk vorbei. Foto: Jüdisches Museum Berlin

Die Nazis unterstellten in ihren wirtschaftspolitischen Vorstellungen eine prinzipielle Interessenharmonie von Kapital und Lohnarbeit, was die Vorstellung einer Arbeitswelt ohne Gewerkschaften bedingte. Unter anderem kam diese Haltung zum Ausdruck im „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“ und in penetranten völkisch-moralischen Appellen besonders an die Lohnabhängigen, materielle Ansprüche zurückzustellen und sich mit „Aufopferungsfähigkeit und Aufopferungswillen für die Gesamtheit“ („Mein Kampf“) zu engagieren. Das unablässige faschistische Lob der Arbeit bedeutete nichts anderes als materielle Beschränkung für die Ideale der deutschen Nation. Ihnen war klar: Nur mit entsprechender Moral und Gesinnung – unverdorben von jüdisch-marxistischen Ansprüchen – lässt sich den Lohnabhängigen ein Leben zumuten, das in nichts anderem besteht als im selbstlosen Dienst am Kapital und am faschistischen Staat.

Referenten: Wolfgang Linke, Ex-Betriebsrat, IG Metall, AK „Kapital“ | Michael Wendl, Sozialwissenschaftler, Zeitschrift „Sozialismus“ | Dr. Ernst Wolowicz, Sozialwissenschaftler | Wolfgang Veiglhuber, DGB Bildungswerk Bayern

Anmeldeschluss: Montag, 4. April 2011
Zeit: Samstag, 9. April 2011, 9:30 Uhr bis 17:45 Uhr
Seminarort: DGB-Haus München | Schwanthalerstraße 64
Anmeldung: wolfgang.veiglhuber [beim] bildungswerk-bayern.de
Teilnahmegebühr: keine

Veranstaltungen demnächst in München:

Dienstag, 12. April | Ausstellungseröffnung: Das wird spitze! | Blick auf die Verhandlung des „Jüdischen“ auf dem Fernsehbildschirm | Ort: Jüdisches Museum

Mittwoch, 13. April | Heimkehr der Unerwünschten: Eine Geschichte der Juden in Deutschland nach 1945 | Mit Olivier Guez, Rachel Salamander und Anne Ameri-Siemens | Ort: Israelitische Kultusgemeinde

Freitag, 13. Mai | „Mir zaynen doh“ | Vortrag zu jüdischen Protesten der „Displaced Persons“ nach 1945 in München-Bogenhausen | Von Martin Rühlemann | Ort: Kulturladen Westend

Mittwoch, 27. Mai | Israel kurzgefasst | Vortrag mit der Nahostkorrespondentin der ZEIT, Gisela Dachs | Veranstalterin: DIG | Ort: Gasteig

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Veranstaltungshinweis: Daniel Kahn! January 23, 2011 | 04:30 pm

Der in Detroit aufgewachsene Daniel Kahn lebt seit 2005 in Berlin und gründete die Band Daniel Kahn & The Painted Bird. Das Repertoire besteht aus einer wilden Mischung von Klezmer, radikalen jiddischen Songs, politischem Kabarett und Punk Folk. Kahn beschäftigt sich in seinen Texten mit Geschichte und der Aktualität des Jiddischen und der Relevanz des Antifaschismus, schreibt die Jungle World. Und das kann man schon so sagen.

Datum: Dienstag, 25.01.2011
Beginn: 20:30 Uhr
Ort: Substanz
Eintritt: 15 Euro

Interview in der Jungle World
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