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Themen, mit denen wir uns auskennen October 29, 2014 | 01:58 pm

An den “Krautreportern” und ihren schwachen ersten Texten gab es einige Kritik. Es ist alles ein bisschen doof und ein bisschen langweilig. Es ist allerdings auch richtig, richtig peinlich. Selten etwa hat man einen so schlechten Artikel über den Nahostkonflikt gelesen wie den von Stefan Schulz. Das liegt zum einen daran, dass er gar nicht über den Nahostkonflikt schreibt, sondern über Tilo Jungs Videos. Und zum anderen daran, dass er gar keine Ahnung hat, wovon er schreibt. Das dürfte alle irritieren, die hier für besonderen Qualitätsjournalismus bezahlt haben und das Gegenteil bekommen. Der Text ist unstrukturiert, hat kein erkennbares Argument, kein Thema und ist schlecht geschrieben. Einige Beispiele:

Der rote Faden der bisher 17 Videos ist ein Fragen aufwerfender Widerspruch: Wieso führte ausgerechnet der Zionismus, die Abkehr von religiösen Lehren, zum erbitterten Kampf um religiöse Stätten?

Der Faden ist ein Widerspruch, damit müssen wir leben. Aber wer den Zionismus nur als “Abkehr von religiösen Lehren” versteht und den Nahostkonflikt zum “Kampf um religiöse Stätten” verkürzt, sollte sich vielleicht noch einmal an die Grundsätze der Krautreporter erinnern:

“[Wir nehmen] uns Zeit – zum Recherchieren, Experimentieren, Diskutieren und natürlich zum Lesen. … Wir wollen es anders machen. Mit Reportagen, Recherchen, Porträts und Erklärstücken. Ãœber Themen, mit denen wir uns auskennen. Mit der Zeit, die nötig ist, um eine Geschichte zu erzählen. Und den Hintergründen, um zu verstehen, was auf der Welt passiert.”

Stattdessen will man sich anscheinend lieber “wenig Mühen” machen und schreibt auch so. Zum Nahostkonflikt:

“Man braucht sich daher wenig Mühen damit machen, herausfinden zu wollen, was wirklich wahr und wer wirklich schuld ist: Der Konflikt wird nicht weniger mit Worten als mit Waffen ausgetragen.”

Man braucht sich nicht mühen zu wollen, das ist wirklich wahr. Weiter geht es mit hanebüchenen Behauptungen, die teilweise vom locker palavernden Haaretz-Reporter stammen:

“Literaturjournalist Ziffer erinnert an die Briten, als die Urheber der zionistischen Idee, abseits religiöser Lehren und des Wartens auf Messias und Erlösung einen Staat für Juden zu gründen.”

Ja, da ist ein Komma zu viel, auch Tage nach der Veröffentlichung noch, und “die Briten” sind eine britische Romanautorin, in deren Werk die Idee einer Rückkehr der Juden ins Gelobte Land vorkommt. Diese Idee ist bekanntlich das ein oder andere Jahrtausend älter; weil aber ihre Umsetzung durch die Zionisten ein bisschen später kam, glaubt Stefan Schulz jetzt, dass die Briten den Zionismus erfunden haben.

Die Versprechen der Weltkriegspartei Großbritannien an die Konfliktparteien im Nahen Osten lesen sich so:

“Thomas Edward Lawrence (später berühmt als „Lawrence of Arabia“) versprach den Arabern alle Ländereien für ihren Einsatz an Britanniens Seite gegen das Osmanische Reich. Lord Arthur Balfour nahm ihnen dann per Deklaration ein Stück für Israel wieder weg. Es folgte der erste arabische Aufstand gegen jüdische Siedlungen in Palästina.”

“Die Araber” werden flugs dergestalt homogenisiert, dass man ihnen als Kollektiv “alle Ländereien” versprechen kann. Welche “Ländereien” das sein könnten, wird auch durch den Kontext nicht deutlich, es sind halt “alle”. Was “die Araber” dann nie erhalten haben, kann ihnen Balfour trotzdem wieder wegnehmen. In der Krautreporter-Darstellung folgen diverse gewaltsame Auseinandersetzungen und die Frage nach deren Ursache. Schulzens Antwort darauf ist so falsch wie sie aufschlussreich ist:

“Aber warum? Theodor Herzl, Autor von ‘Der Judenstaat – Versuch einer modernen Lösung der Judenfrage’ (1896), ersann die konkrete Idee, eine Heimat für Juden zu schaffen, um so die Diaspora, und mit ihr Vertreibung und Antisemitismus zu beenden – allerdings in Uganda. Beim Zionistenkongress in Basel stieß er 1903 auf taube Ohren. Im Jahr darauf erlag er einem Herzleiden.”

Theodor Herzl wollte nie einen Judenstaat in Palästina errichten – das ist in der Tat mal eine Geschichte, die man so nirgendwo anders lesen kann. Natürlich hätte man das alles in wenigen Minuten überprüfen können, Wikipedia und so. Aber dann hätte die Kausalkette nicht mehr funktioniert: Warum schließlich all die Auseinandersetzungen im Nahen Osten? Weil die Juden nicht nach Uganda gegangen sind!

Auch die Ereignisse von 1948 werden packend geschildert:

“Am selben Tag im Mai 1948, an dem die Briten die Region verließen, bombardierte Ägypten Israel. Rund 600.000 Einwanderer lebten damals in Israel, nicht einmal ein Zehntel der heutigen Zahl jüdischer Bürger des Landes. Dies ist der Ursprung der inzwischen historisch und politisch orientierungslosen Konflikte.”


Orientierungslose Konflikte
gibt es wohl nur in Palästina, historisch und politisch orientierungslose Journalisten gibt es beim Krautreporter. Der Krieg des gerade gegründeten Israels gegen nicht weniger als fünf arabische Staaten wird hier als “Bombardierung” durch Ägypten beschrieben. Und was “dies” im letzten Satz bedeutet, was also “der Ursprung” sein soll, bleibt völlig unklar. Fest steht nur, dass er nun ins Jahr 1948 verlegt wird, wie praktisch! Oder sind die “600.000 Einwanderer” vielleicht das Grundübel Palästinas? Man weiß es nicht.

Ein weiteres Beispiel für die schlampige Schreibe: “Dadurch ist Israel, damit behauptet sich das Land, die einzige Demokratie in der Region.” Damit behauptet sich das Land?

Ebenso wenig Sinn ergeben hier das Zitat und dessen Einrahmung: “Max Blumenthal ist gänzlich desillusioniert: ‘Dein Land, Deutschland, versorgt Israel mit atomwaffenfähigen U-Booten.'” Hatte Max Blumenthal zu einem früheren Zeitpunkt das Gegenteil geglaubt, oder warum deutet das ausgerechnet auf eine Desillusionierung?

Derselbe Blumenthal behauptete in einem der Videos, der israelische Ministerpräsident Netanjahu sei Atheist, was sich binnen Sekunden widerlegen lässt. Netanjahu 2011 bei den UN: “And with God’s help, we’ll find the common ground of peace.”

In Israel glauben scheinbar selbst die Atheisten an Gott.

Cut August 27, 2014 | 07:54 pm

Louis C.K. hat gerade einen Emmy gewonnen für die Folge “So Did the Fat Lady” seiner somewhat autobiographischen Serie “Louie”. Die letzte Szene der Folge, für die es nun in der Kategorie “Outstanding Writing for a Comedy Series” einen Preis gab, geht sieben Minuten ohne einen einzigen Schnitt und ist nicht nur deshalb sehr bemerkenswert. Wer kann, schaut die ganze Folge, die gut 20 Minuten lang geht und auch ohne den Rest der Staffel funktioniert.

In der Kategorie “Outstanding Directing for a Drama Series” hat Cary Fukunaga mit einer Folge von “True Detective” gewonnen. In der Folge “Who Goes There” gibt es ebenfalls eine lange Szene ohne Schnitt, fast sechs Minuten, die für einiges Aufsehen sorgten. Wer “True Detective” noch nicht gesehen hat und das nachholen will, sollte diese Szene nicht vorwegnehmen. Ist aber geil – im Gegensatz zum Ende der Staffel, die meines Erachtens nach fünf von acht Folgen deutlich nachließ.

Angebote, Highlights, Jetzt & Neu May 28, 2014 | 05:39 pm

Berlin ist ein Freizeitpark. Und für Linke bietet er ein paar ganz, ganz feine Attraktionen. Schon in einer Woche geht zum Beispiel der tolle Kongress mit dem kecken Namen “Marx is’ Muss” los. Die werbetexterisierte Linke wirbt für dieses spannende Event unter anderem mit lesenswerten Flyern, von denen einer den Weg zu mir gefunden hat.

Das Programm ist bunt, sprechen werden unter anderem Christine Buchholz (DIE LINKE), Christina Kaindl (DIE LINKE), Kerstin Köditz (DIE LINKE), Bernd Riexinger (DIE LINKE), Janine Wissler (DIE LINKE) und Thomas Sablowski von der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Bei den Themen fällt sofort der Klassiker auf, man will auch in diesem Jahr “Marx neu entdecken” – weil der Mann sich halt immer wieder vor seinen Anhängern versteckt. Neben dieser Entdeckungsreise werden weitere wichtige Themen besprochen. Beim “Kampf um Europa” geht es um Fragen wie diese: “Rückt Osteuropa nach rechts?” (Hint: Das muss man differenziert betrachten!) “Ist die Euro-Krise vorbei?” (Hint: Krise is immer!) “Was steckt hinter den Afrika-Einsätzen der Bundeswehr?” (Hint: Das Kapital).

Während hier einerseits knallhart aufgedeckt und andererseits analytisch abgewogen wird, geht es in den “Strategien für die Linke” praxisnäher zu: “Verankern, verbreiten, verbinden” will zum Beispiel der Verwaltungsversicherungsverständige Bernd Riexinger. Dazu die großen Fragen unserer Zeit: “Wäre Marx ein Blogger?” “Sexismus, Rassismus, Klassismus?” Und zwischendrin gibt es “Bewegungsforscher”, die unvermeidliche “Nahostexpertin” und ganz viele “Menschen”. Von denen kann man nie genug haben. Darum gibt es auch geballte Handlungsanweisungen an die Leser: “Bleib auf dem Laufenden”, “Verfolg alle Kongress-Updates” und “Twittere mit uns”, “Bestelle ein Plakat und häng es im Unicafé, am schwarzen Brett im Betrieb oder in der Mensa deiner Schule auf”, “Verlinke uns auf Facebook und erzähl deinen Freundinnen und Freunden vom Kongress – it´s time to organize!” Tu es! Tu es!

Wer weder von der inhaltlichen Tiefe noch von der Aussicht, Teil einer Bewegung zu sein, überzeugt werden kann, muss spätestens vor der Textkunst der Veranstalter kapitulieren: “Auch dieses Jahr wird es ihn wieder geben: den beliebten Seminartag …”, “Der Kongress beginnt gleich mit einem besonderen Highlight: einem Gewerkschafter-Seminartag …”, “Der Kongress beginnt mit einem speziellen Angebot: dem Seminartag”, “Neu im Programm … Aus aktuellem Anlass: 6 zusätzliche Veranstaltungen zur Krise in der Ukraine”, “Früh buchen lohnt sich”. Ist das was? Das ist doch was. Und wem das nicht reicht, der findet auf der Website noch weitere tolle Angebote: “Ein echtes Highlight wartet am Sonntag. … Dietmar Dath spricht auf dem MARXISMUSS Kongress über: ‘Sozialistische-feministische Science Fiction’”

Wer dieses Jahr nicht dabei sein kann, hat also allen Grund, traurig zu sein. Aber im nächsten Jahr geht es sicher weiter, dann auch mit der Podiumsdiskussion zum Thema “Angebote, Highlights, Jetzt & Neu: Was die parteinahe Bewegungslinke mit dem Media-Markt gemeinsam hat”.

Life is Tremendously Sad September 22, 2013 | 01:38 pm

The House I Live In July 2, 2013 | 10:18 pm

Auf arte ist heute die sehenswerte amerikanische Dokumentation “The House I Live In” gelaufen, ab jetzt kann man sie sieben Tage lang online ansehen. Der Film porträtiert den amerikanischen “war on drugs” und die dahinterstehende Hysterie.
Auch die rassistische Dimension der Drogenkriminalisierung wird thematisiert: Die Drogengesetze wurden, so der Film, immer wieder auf bestimmte Minderheiten zugeschnitten, am offensichtlichsten wird das bei den harten Strafen für Crack im Vergleich zu (normalem) Kokain und angesichts der Massen von Schwarzen, die für Drogendelikte lange Haftstrafen absitzen. Allerdings sind inzwischen auch Weiße in großer Zahl Opfer der Drogenpolitik geworden, sodass der “war on drugs” immer mehr als “war on poor people” erscheint. Im Film macht David Simon, Schöpfer der großartigen Serie “The Wire”, einen seltsamen Holocaust-Vergleich. Das ist ein bisschen ärgerlich, nimmt dem Film aber nicht seine Wirkung. Die Frage, warum Drogennutzer derart hart bekämpft werden, ist schließlich eine weit reichende, an der sich vielleicht einige Erkenntnisse über moderne Gesellschaften entwickeln lassen. Fast nebenbei liefert Eugene Jareckis Film, wie so viele gute Dokumentationen, eine Reihe interessanter kleiner Porträts.

Eine Rezension in der FAZ gibt es hier, den Film wie schon erwähnt hier.

Und der Trailer:

Wir alle sind Opfer July 1, 2013 | 10:26 pm

Wenn ich mal in die Klapse komme, möchte ich mir das Zimmer mit Jakob Augstein teilen. Derzeit sieht es so aus, als würde er vor mir da landen, aber vielleicht bin ich ja auch bald so weit. Wenn Jakob und ich dann um 22 Uhr das Licht ausmachen, hör ich ihn leise zischeln*: “Totstellen wird auf Dauer nicht genügen! Sie behandeln uns wie einen Feind. WIR SIND EIN ZIEL!!!!!!” Und dann dreht er sich um und klopft leise gegen die Wand, während er sagt: “Wer noch nicht überzeugt ist…der möge erklären! Erklären!”

Als auch auf dem Flur das Licht ausgeht, seufzt er und ich verstehe vom Folgenden nur: “…IM DUNKEL DER FDP…”. Wenn ich ihn auffordere, etwas ruhiger zu sein, schimpft er mich einen “Verbündeten dritter Güte.” Und als ich sage, dass es mir nur um ein paar Stunden Schlaf geht, sonst nichts, da rastet er aus: “Es ist viel schlimmer! Es geht um Kontrolle! Sie kennen unsere Vergangenheit! SIE KRIECHEN IN UNSEREN KOPF! Sie streben die totale Kontrolle an – über jeden einzelnen von uns.” So geht das die ganze Nacht, ein Hauptsatz nach dem anderen.

Tagsüber ist es nicht besser, da raunt er auf dem Flur den Mitpatienten kryptisches Zeug zu: “Es geht um die Informationen, die nicht in unser Weltbild passen!” Und, ehrlich verängstigt: “Warum schweigt die Kanzlerin?” Später, nach mehreren Stunden nachdenklicher Ruhe, weiß er schon weiter: “Düstere Antwort! Düstere Antwort! Protest ist sinnlos, sinnlos, ja: gefährlich!” Aber in aller Düsternis kann mein Freund Jakob seine Zuversicht bewahren. Ab und zu, an sonnigen Tagen, lehnt er sich in seinem Stuhl zurück und bemerkt mit wissender Miene: “Die Mauer konnte zum Einsturz gebracht werden.” Ich sage dann: “Das stimmt, Jakob. Ja, das stimmt.”

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*Als Quelle für Titel und Text diente die aktuelle Kolumne von Jakob Augstein bei Spiegel Online.

Ein Leben in Zitaten (2) May 13, 2013 | 10:04 pm

Make no mistake: irony tyrannizes us.

Irony and cynicism were just what the U.S. hypocrisy of the fifties and sixties called for. That’s what made the early postmodernists great artists. The great thing about irony is that it splits things apart, gets up above them so we can see the flaws and hypocrisies and duplicates. The virtuous always triumph? Ward Cleaver is the prototypical fifties father? “Sure.” Sarcasm, parody, absurdism and irony are great ways to strip off stuff’s mask and show the unpleasant reality behind it. The problem is that once the rules of art are debunked, and once the unpleasant realities the irony diagnoses are revealed and diagnosed, “then” what do we do?

Irony’s useful for debunking illusions, but most of the illusion-debunking in the U.S. has now been done and redone. Once everybody knows that equality of opportunity is bunk and Mike Brady’s bunk and Just Say No is bunk, now what do we do? All we seem to want to do is keep ridiculing the stuff. Postmodern irony and cynicism’s become an end in itself, a measure of hip sophistication and literary savvy. Few artists dare to try to talk about ways of working toward redeeming what’s wrong, because they’ll look sentimental and naive to all the weary ironists. Irony’s gone from liberating to enslaving. There’s some great essay somewhere that has a line about irony being the song of the prisoner who’s come to love his cage.

The problem is that, however misprised it’s been, what’s been passed down from the postmodern heyday is sarcasm, cynicism, a manic ennui, suspicion of all authority, suspicion of all constraints on conduct, and a terrible penchant for ironic diagnosis of unpleasantness instead of an ambition not just to diagnose and ridicule but to redeem. You’ve got to understand that this stuff has permeated the culture. It’s become our language; we’re so in it we don’t even see that it’s one perspective, one among many possible ways of seeing. Postmodern irony’s become our environment.

David Foster Wallace: E Unibus Pluram: Television and U.S. Fiction , Review of Contemporary Fiction. 13:2. 1993 (PDF)

Ein Leben in Zitaten (I) May 7, 2013 | 12:18 pm

Jeder Blick nach außen und auf andere ist einer in den den Spiegel. Weil das kein erfreulicher Anblick ist, sagen alle: “Das bin nicht ich.” Wo die Menschen schon zu Lebzeiten so gleich gemacht werden, wie sie es sonst nur vor dem Tode sind, täuscht der falsche Selbstbehauptungswille ihnen vor, sie würden einander immer fremder. Ans Trugbild ihrer Andersartigkeit klammern sie sich, weil sie das Schicksal der Massen weder abwenden noch teilen wollen. Trost finden sie bei begabten und weniger begabten Modedenkern. Dem Publikum und vor allem sich selber reden sie ein, Fremdheit gehöre zu den ersten oder letzten Dingen. Weil sie fremd und anders wären, würden Leute verfolgt, die doch in Wahrheit auf das Allgemeinmenschliche reduziert sind, auf den Hunger und die Sorge um das Dach über dem Kopf. Feindschaft gegen Ausländer, die nicht ausländisch, sondern nur elend sind, ist Feindschaft gegen alle ohne Unterschied.

Wolfgang Pohrt: Abschied ohne Tränen. In: Derselbe: Harte Zeiten. Neues vom Dauerzustand. Berlin, 1993.

Uli in Gefahr May 2, 2013 | 10:29 pm

Internet contrarianism

Uli Hoeneß hat Steuern hinterzogen und wird dafür wahrscheinlich bestraft werden. So weit, so einfach. In Politik und Medien ist man sich einig, dass das alles sehr bedauerlich ist. Was soll man sonst auch sagen? Die Sache ist eindeutig, und nur Hoeneß’ Prominenz macht sie zur Meldung. Sie ist allerdings so eindeutig, dass es sich schon wieder lohnt, nach einem Gegenstandpunkt zu suchen. Das garantiert im Internet Aufmerksamkeit und kann ruhig auch um den Preis inhaltlicher Unzulänglichkeiten geschehen. So wird Hoeneß vom gewöhnlichen Steuerhinterzieher zum Objekt einer nationalen Verfolgungsjagd.

Einen Versuch in diese Richtung hat Gideon Böss von der Welt gestartet: “Osama bin Laden kann froh sein, dass er nur das World Trade Center in die Luft sprengte und nicht als deutscher Staatsbürger Gelder in der Schweiz versteckte. Was Steuerflucht angeht, kennt Deutschland nämlich keine Gnade.”

Nanu, wurde Hoeneß bereits erschossen? Wie sieht das aus, wenn “Deutschland” 2013 “keine Gnade” kennt? So: “Irgendein SPDler aus Bayern (…) nannte Steuerhinterziehung ‘die schlimmste Form asozialen Verhaltens’. Das ist eine Ansage, schlimmer geht es nicht.” Nein, wirklich nicht. Der arme Hoeneß!

Böss selbst stellt die großen Fragen: “Was in der deutschen Steuerdebatte völlig fehlt, ist das Interesse am „Warum“. (…) Könnte es vielleicht Gründe geben, weswegen jemand das Risiko eingeht, sein Geld im Ausland zu verstecken, anstatt es ganz normal dem Finanzamt zu melden?” Ja, warum hinterzieht jemand Steuern? Warum ist mehr Geld in der eigenen Tasche besser als weniger? An der Frage, die jedes Kind, das das erste Mal Taschengeld erhalten hat, beantworten kann, scheitert der Weltkolumnist: “Keine Ahnung, was die genauen Gründe für Leute wie Uli Hoeneß sind, Teile ihres Vermögens ins Ausland zu schaffen (…)”

Eine Ahnung hat er da aber schon geäußert: “Ist womöglich das Steuersystem nicht so gerecht, wie es sein sollte?” Hat der Uli also sein Geld in der Schweiz versteckt, um ein Gerechtigkeitsdefizit auszugleichen? Und heißt das dann, dass er oder Böss oder sonst irgendwer eine plausible Idee davon hat, was eine gerechte Verteilung von Wohlstand ist? Was hier kurz davor ist, ausgesprochen zu werden, ist die Tatsache, dass Gerechtigkeit in einer Marktwirtschaft überhaupt kein Kriterium für die Verteilung von Gütern ist. Sie ist einfach nicht vorgesehen und erscheint in den Debatten bestenfalls als ihre eigene Karikatur, als die soziale Gerechtigkeit – als ob es auch eine andere geben könnte. Statt einer gerechten Verteilung wird von denen, denen es nützt, oft eine Art naturwüchsiger Verteilung behauptet, die allerdings durch Umverteilung gefährdet sein soll. Die wiederum ist dann, weil ja die alte Verteilung die richtige war, Diebstahl: “Für die Linke ist Sozialneid ohnehin das Fundament für alles weitere und die Grünen schielen ebenfalls auf das Geld der Reichen, weil sie ja auch gerne umverteilen. Ist dann natürlich ärgerlich, wenn das Geld weg ist, ehe man es den Leuten stehlen kann.”

Dabei ist natürlich diejenige Verteilung eine rein fiktive, die ohne staatliche Eingriffe zustande käme, weil das ganze System ohne den Staat gar nicht denkbar ist. Und schließlich wäre auch jede andere Verteilung eine gesellschaftlich vermittelte, gemachte. Sonst würden Weltjournalisten von Buchstaben leben müssen, während die VW-Arbeiter ab und zu ein neues Auto mit nach Hause nehmen könnten.

Gegen wen die sind, die für reiche Steuerhinterzieher in die Bresche springen, erfahren wir bei Böss auch, wenn er über den namenlosen SPD-Mann spottet: “Da kann man als Fußball-Hooligan Innenstädte zertrümmern, als Mutter das eigene Kind verwahrlosen lassen oder als Stalker anderen das Leben zur Hölle machen, alles kein Vergleich.” Und am Schlimmsten: “der Schwarzarbeiter, der für erheblich höhere Steuerausfälle verantwortlich ist”. Wer kennt ihn nicht, den Anstreicher, der auf seinen Millionen sitzt und über Ulis Spielgeld lacht? So gewinnt Böss im deutschen Volkssport gegen die Bayern-SPD: Er weiß noch besser als jene, wo die unschädlich zu machenden Asozialen sitzen.

Der Geist ist schwach

Wo Böss “Deutschland” am Werke sieht, ist es bei seinem Kollegen Richard Herzinger etwas spezifischer der “deutsche Volksgeist”, der Hoeneß ans Leder will. Da sind angeblich “die Gemüter der Republik bis zu Weißglut erregt”, Herzinger beschwört gar eine “ungeheure moralingesättigte Empörungswelle, die wegen Hoeneß über das Land hinwegbraust”. Wo er all das entdeckt haben will, bleibt sein Geheimnis. Der Mann schreibt zwar im Internet, verzichtet in diesem Artikel aber auf Links, und Zitate gibt es auch keine. Dafür steht das Wort “Staatsverbrechen” in Anführungszeichen, eine Google-Suche führt aber auch hier nur zu Herzinger zurück. Der hat sich offensichtlich einen schönen Strohmann gebaut, und die Hysterie, die er bei anderen behauptet, findet sich vor allem bei ihm selbst.

Die “kollektive deutsche Volksseele” wird im Weiteren beschworen, sie soll sich gegen den armen Wurstmann gewendet haben. Derweil glauben 37% der Deutschen, Hoeneß werde vorverurteilt. In der Zeit wurde die vermeintliche Hysterie bereits thematisiert. Kurz gesagt: Es gibt sie nicht. Für Herzinger, Springers Hauptstadtschreiber, sind aber nicht einmal die Medien die eigentlichen Träger der Debatte, er sieht hier die “tränenselige Anklagehaltung einer medial potenzierten Volksmeinung” durchscheinen. Wenn nun schon 37% eine Vorverurteilung beklagen, stellt sich die Frage, was wohl die “Volksmeinung” konstituiert. Ob Herzinger jemanden kennt, der ernsthaft die von ihm beschriebene “teils schäumende, teils kumpelhaft schmollende Vorwurfshaltung” an den Tag legt? Ob ich auf der Straße jemanden finden würde, der tatsächlich zu echten Emotionen bei diesem Thema in der Lage ist? Wo mag sie sein, “die ganze Republik”, die “wegen Hoeneß´ illegalen Extratouren so voll und ganz aus allen moralischen Wolken fällt”?

In Wirklichkeit ist alles halb so wild und hat mit Hoeneß nichts zu tun. Das erwähnte Ressentiment gegen die Spekulanten ist ein im Stillen gehegtes – selbst bei den “Blockupy”-Protesten gegen die Frankfurter Banken achten die verdrucksten Linken erstens peinlich genau auf ihre Wortwahl, zweitens haben derlei randständige Proteste mit der deutschen Mehrheitsgesellschaft und ihrem Volksgeist nichts zu tun. Dass der existiert, ist keine Frage. Herzinger irrt sich allerdings, wenn er meint, er würde sich gegen den schwerreichen Präsidenten des FC Bayern wenden. Wenn der deutsche Volksgeist sich tatsächlich regt, geht es gegen Leute, die sich nicht wehren können: Asylanten, Obdachlose, Asoziale. Deshalb muss sich keiner Sorgen um die Banker machen, um die Roma aber schon. Deshalb wurden hier Türken und Griechen erschossen, aber bis heute keine Regierung gestürzt. Und vor Fabrikbesitzern werfen sich die Deutschen sowieso jederzeit ehrfürchtig auf den Boden.

Extra time

Inzwischen hat Jörn Schulz in der Jungle World einen Kommentar geschrieben, der Böss erwähnt, (und nun auch online ist). Und Herzinger hat noch einmal nachgelegt. Die Tatsache, dass Hoeneß immer noch nicht vom Mob erschlagen wurde, erfordert anscheinend eine Erklärung, und Herzinger findet sie: “Indem sich Steuersünder Uli Hoeneß in einem Interview Erleichterung von seiner Seelenpein verschafft, ist der Weg zurück ins empfindsame Herz der Deutschen frei.” Um die Sätze, die er meint, so wachsweich und inhaltsleer in einem gut getimeten Interview zu formulieren, brauchen andere eine PR-Agentur, Hoeneß nicht. Es braucht aber schon einen echten Germanisten, um bei Hoeneß – “obwohl selbst Katholik” – eine “Reue im Sinne Martin Luthers” auszumachen. Natürlich kennen auch die Katholiken Reue, Gewissensprüfung und Beichte. Aber mit derlei Spitzfindigkeiten kann sich nicht aufhalten, wer solche Zwischenüberschriften dichtet: “Der Kapitalist muss vor dem Volk zu Kreuze kriechen”. Das ist so weit weg von der gesellschaftlichen Realität, dass man sich schon anderswo nach Herzingers Motiven umsehen muss. Seit es keine Kommunisten mehr gibt, seit es also keine “Freie Welt” mehr gibt, weil ihr ihr Gegenstück abhanden gekommen ist, muss der Kapitalismus vielleicht von anderer Seite bedroht werden. Aber das ist Spekulation. Ein paar Grundsätze, die auch Herzinger beim politischen Schreiben beachten sollte, kann man hier nachlesen.

Interessant ist, abseits von der Causa Hoeneß, wie Herzinger in einem anderen Blogeintrag seine Idealvorstellung von Gesellschaft formuliert:

Der Werbeslogan einer Bank lautet: “Unterm Strich zähle ich”. Das könnte als Motto einer Bürgergesellschaft gelten, in der sich autonome Individuen in ihre persönliche Lebensgestaltung von möglichst niemandem mehr hineinreden lassen wollen. Dass der Einzelne seinen Lebensweg individuell ausgestaltet und die staatlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen die Räume schaffen, um diese Selbstverwirklichung zu ermöglichen, gilt dieser Bürgergesellschaft als Ideal.

Das hat bezeichnenderweise viel mehr mit einer kommunistischen Utopie zu tun als mit jeder jemals existenten Marktwirtschaft.

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Besser als mit seinem gedankenlosen Blogeintrag kommt Gideon Böss übrigens hier weg, und lesenswert ist das auch noch.

Der große Sammelband March 8, 2013 | 01:51 pm

1.
Gestern habe ich mich im Internet gestritten. I do that sometimes. Die Geschichte dahinter finde ich ziemlich bizarr.

2.
Wie hier bereits zuvor erwähnt schreibe ich eine Kolumne für das Fußball-Magazin Transparent. Die neueste ist auch online verfügbar.

3.
Ganze Bücher voll schreibt Frank Schirrmacher und gilt deshalb als einer der führenden deutschen Intellektuellen. Auf welchem Niveau sich dieses Denken und Schreiben abspielt, hat Joachim Rohloff einmal dargestellt.

4.
Am 13. März liest der Autor Markus Flohr im Ostkurvensaal aus seinem Buch “Wo samstags immer Sonntag ist” mit Episoden aus Israel. Vom selben Autor auch erhältlich:

“Australien. Wo im Sommer Winter ist.”

“England. Wo man “Bier” mit zwei E schreibt.”

“Nachts. Wenn die Sonne woanders ist.”

Und natürlich der große Sammelband: “Woanders ist es anders. Alteritätserfahrungen im Vergleich.”

5. Natürlich: Musik.

Postmans Erben February 28, 2013 | 04:40 am

Die US-Fernsehserie Newsroom portraitiert die Redaktionsmitglieder eines fiktiven Kabelfernsehsenders in den USA, deren Tagesgeschaeft die Produktion eines Nachrichtenformats ist. In der neunten Folge der ersten Staffel bekommt das Team Besuch von einer Abordnung des Republican National Committee. Newsnight, besagte Nachrichtensendung, hat die Chance eine der Vorabdebatten mit den verschiedenen republikanischen Kandidaten im Praesidentschaftswahlkampf auszurichten. Der Stab um den Anchorman Will McAvoy hat sich gut vorbereitet, um den Parteiapparatschiks einen Ausblick auf ihre Version dieses Medienereignisses zu zeigen. Die Fragen sind ungewoehnlich scharf und direkt, McAvoy fasst keinen der Kandidaten, die von seinen Redaktionsmitgliedern nachgespielt werden, mit Samthandschuhen an und versucht seine imaginaeren Gegenueber auf eindeutige Statements festzulegen. Der Zuschauer sieht immer wieder, wie das dem letzten Endes fuer die Evaluation des Formats verantwortlichen Politikberater gefaellt: ueberhaupt nicht. Nach einer kurzen Pause bekommt McAvoy schliesslich die Absage, alle Vorbereitung des Konzepts war umsonst. Am Ende der Folge bekommen wir einen kurzen Ausschnitt der realen Debatte zu sehen, die beiden Funktionaere der grand old party schauen in einer Bar zu. Anstatt die bissigen Fragen des Newsnight-Team beantworten zu muessen, wird Michele Bachmann gebeten, zum Thema Elvis or Johnny Cash? Stellung zu beziehen.

Gibt es ueberhaupt so etwas wie gescheites Fernsehen? Vielleicht sogar gescheites Fernsehen zu politischen Themen? Das ist eine Frage, um deren Beantwortung sich die Serie The Newsroom, die im Uebrigen im Juni diesen Jahres in ihre zweite Staffel geht, immer wieder dreht. Bis dahin muss man damit leben, dass die Realitaet noch grausamer ist, als das in dieser Fernsehserie ueber das Fernsehen dargestellt wird. Wenn es schon nicht Will McAvoy sein kann, wie waere es dann mit Sandra Maischberger, dachte dieser Autor am vergangenen Dienstagabend und schaltet zum Thema Die Armutseinwanderer: Ist Deutschland ueberfordert? ein. Das ist zwar nicht so schoen entweder – oder wie die Frage, ob mans eher mit Johnny oder eher mit Elvis haelt, aber trotzdem die ideale Chance fuer Qualitaetsfernsehen.

Die Diskussionsrunde wird mit einem Video eingeleitet. Wir sehen ganz normale Deutsche, irgendwo in Duisburg – sie sind in Aufruhr, das ist nach 3 schnellen Schnitten von Buerger zu Buerger klar. Es geht nicht mehr, befindet eine alte Frau. Die Lage sei unbeschreiblich, konstatiert ein anderer, um seine Sprachlosigkeit dann doch in Worte zu fassen: Die Kinder, die lassen die Hosen runter, um ihre Notdurft zu verrichten. Und dann sind wir schon im Studio, Frau Maischberger kündigt an, in den nächsten knapp 75 Minuten (!) mit ihren Gästen über die Frage zu debattieren, ob Deutschland ueberfordert sei.

Wer noch nicht verstanden hat, was er hier gleich vorgesetzt bekommt, bekommt jeden der Diskutanten von Maischberger vorgestellt: Da wäre der Integrationsminister von NRW, Guntram Schneider. Er wird den Technokraten in der Runde spielen, von EU-Verantwortung und der Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen reden, und von Kompromissen. Den Hardliner-Part uebernimmt mit Wilfried Scharnagl ein CSU-Politiker, der direkt etwas grimmig dreinschaut und den man überraschenderweise ausgerechnet mit dem Roma-Aktivisten Hamze Bytyci zusammen auf eine Zweiercouch verfrachtet hat. Zu ihrer Rechten sitzt die gebürtige Bulgarin Lucy Diakovska, die als Teil der Popgruppe No Angels Karriere gemacht hat. Sie hat kein Verständnis für Einwanderer, die sich nicht integrieren, und dabei ist sie selbst Ausländerin – eine bessere Kronzeugin der Anklage ließe sich vermutlich schwer auftreiben. Dann wären da noch Özlem Gezer, eine Journalistin, die für den Spiegel undercover zum Thema Menschenhändler in Suedosteuropa recherchiert hat, und Doktor Michael Willhardt, der einer Bürgerinitiative – sie heisst “Zukunftsstadtteil” – vorsitzt, und findet, dass das Maß (er meint: das Boot) voll sei.

Man kann schon jetzt eine Ahnung bekommen, was passieren wird, sobald der Reigen beginnt: Das Thema ist “brisant” genug, um eine “emotionale Diskussion” – wir werden derlei Formulierungen noch häufiger zu hören bekommen – losbrennen zu lassen, das heisst: keine Argumente, sehr viele Befindlichkeiten. Und Geschichten, persönliche Geschichten aus dem Leben aller Teilnehmer – das ist der Stoff, aus dem die biederen Talk-Formate in den öffentlich-rechtlichen Sendebetrieben gestrickt sind.

Willhardt ist, wir bekommen das nun noch einmal gesagt, wirklich ein Experte und nicht etwa nur ein Schwätzer, der jeden Satz mit Ich sach mal einleitet, nein. Er ist Soziologe und vor allem: Altlinker. Das ist wichtig, denn man hat ihm tatsächlich schon vorgeworfen, rechts zu sein – wer in den nächsten Minuten ein wenig zuhört, wird schnell verstehen, warum. Ohne Europa keine Chance – das ist das Kredo eines Altlinken, der Briefe mit Formulierungen wie Wir moechten mit diesem Brief gegen den Zuzug von Bulgaren protestieren schreibt.

Der Duisburger erlebt eine Menge: Vandalismus und eine größere Frequentierung des öffentlichen Raums – genauer: die Plätze in der Stadt. Wer nicht versteht, worum es hier geht, es sind die Gewohnheiten, das ständige Spucken von Kernen und so weiter. Als der Soziologe, der er ist, findet er derartiges Verhalten befremdlichEuropa habe Gäste eingeladen, aber die Rezeption nicht besetzt. Wenn das mal keine gute Ueberleitung zum naechsten Gast ist, denkt auch Sandra Maischberger und bindet Guntram Schneider ins Gespräch mit ein. Dazu muss man sagen: Talkshows sind, der Name mag da in die Irre fuehren, meistens keine Gespräche zwischen Menschen, sondern nacheinander abgespulte Statements, die man mit einer gewissen Bereitschaft zur Transferleistung manchmal aufeinander beziehen kann. Das wird dem geneigten Zuschauer mit zunehmendem Verlauf allerdings immer schwerer fallen.

Wir – Schneider meint vermutlich den Staat als politische Entität – unternehmen einiges, aber es reicht nicht aus, ein besseres Politikerstatement kann man sich kaum vorstellen. Er illustriert ein bisschen etwas, was man das Ying und Yang der Zuwanderungsdebatte nennen könnte: Es gehören immer zwei dazu – das ist im gleichen Maße banal wie richtig, aber immerhin schonmal mehr als wir von seinem Vorredner an Differenzierung zu hoeren bekommen haben. Aber das ist eben auch langweilig, irgendwie nicht konfrontativ genug, darum will die Diskussionsleiterin lieber erstmal sortieren. In diesem Fall bedeutet das, dass Maischberger schnell die rassistischen Aeusserungen eines SPD-Genossen von Schneider zitiert. Ob einige Politiker Stimmung machen, wird gefragt. Ja, das machen sie. Um jeglicher Kohaerenzbildung vorzubeugen, redet Schneider jetzt aber erstmal, er kennt sich da gut aus, ueber Rumaenien, wo Roma auf Muellhalden wohnen – wer koennte da ein besserer Ansprechpartner sein als Bytyci? Er ist der Einzige in der Runde, der sich in seinem Eingangsstatement fuer die Einladung bedenkt – sie sei nicht selbstverstaendlich, womit er falscher kaum liegen koennte, denn in der Redaktionsstube von Menschen bei Maischberger wird man sich sehr gefreut haben, ihn in die Runde integrieren zu koennen: Mit ihm laesst sich eine merkwuerdige Form von Authentizitaet simulieren. Man muesse lernen zu differenzieren, und die Kamera springt genau in dem Moment, in dem Bytyci dieses Wort benutzt, in eine andere Perspektive: wir sehen die Popstars-Siegerin Diakovska. Sie verzieht das Gesicht.

Bytyci redet noch etwas ueber verschiedene Gruppen von Einwanderern und versucht zu erklaeren, dass er letztlich nur als Funktionaer – er arbeitet fuer den Bundes Roma-Verband – sprechen kann. Was fuer eine Enttaeuschung, scheint sein Sitznachbar zu denken, der mit nach unten gezogenen Mundwinkeln den Blick durch das Studio schweifen laesst. Bad publicity is good publicity, stellt er noch fest, und er meint damit die Politik eines Nicolas Sarkozy. Der ist im Gegensatz zu Willhardt zwar kein Altlinker, aber ansonsten scheinen sich ihre Positionen in dieser Debatte gar nicht so sehr zu unterscheiden. Komisch. Dass Diakovska unruhig geworden ist, ist auch Maischberger aufgefallen. Sie weiss zu berichten, dass die Roma in Bulgarien es nicht schaffen, sich umsiedeln zu lassen, obwohl die bulgarische Regierung ihr Bestes dafuer tut. Bytyci faellt ihr ins Wort, er wird das leider immer wieder tun. Es gibt ein ganz konkretes Beispiel, sagt die Bulgarin: Da, genauer wird sie nicht, wurden zwei Plattenbauten zur Verfuegung gestellt. Zwei. Plattenbauten. Und zwei, drei Wochen spaeter war da alles raus: sie meint die Fenster und Tuerenalles wurde verkauft. Lucy Diakovska nennt diese Anekdote Wahrheit, Bytyci nennt es absurd.

Wenn es irgendjemanden gibt, der jetzt helfen kann, dann eine Journalistin. Gezer! Sie hat verschiedene Doerfer in Rumaenien und Bulgarien besucht und redet ueber die Lebensbedingungen der so genannten Armutsfluechtlinge in ihren Heimatlaendern. Natuerlich hat auch sie eine Geschichte parat, sie handelt von den Schleppern, die die Menschen gegen Bares zu einer ihrer Wunschadressen befoerdern: Deutschland, ein Land, in dass sie als EU-Buerger sowieso einreisen duerfen, wie Bytyci richtig bemerkt. Er will gerade ausmalen, dass der Zuzug junger Menschen einem ueberalterten Land wie der Bundesrepublik ganz gut tun koennte, da grinst Maischberger versoehnlich, denn das ist eine tolle Vorlage, um Herrn Willhardt, der, Ich sach mal, sich selbst sehr gerne reden hoert, einzubinden. Der Soziologe redet am Liebsten von sich und seinen Landsleuten, die den Kulturschock haben – welchen noch gleich? Brueckenkoepfe haben die Migranten im Ruhrgebiet eroeffnet, jeder kennt immer irgendjemanden, der schon hier ist: Ganz anders die Deutschen, die zwar die Mehrheit in Deutschland stellen, aber, ich sach mal, verhaeltnismaessig vereinzelt sind. So weit, so gut, koennte man meinen, waeren da nicht die Ressentiments, mit uns zu reden, die der Altlinke im Duisburger Problem- und Zukunftsstadtteil erlebt, und er wirkt jetzt, wo wir wissen, dass auch er Opfer ist, der Deutschenfeindlichkeit naemlich, gleich ein wenig menschlicher. Willhardt muss das eine oder andere Voelkerkunde-Seminar besucht haben, wie er berichtet, hat er Kontakt zu einem Raedelsfuehrer aufgebaut. Wie heissen sie noch gleich? Fuersten? Lords.. wie dem auch sei.

Zur Praxis von Talkshows gehoert es auch, die aufgezeichnete Debatte wenn noetig an bestimmten Stellen zu kuerzen, unter Umstaenden ganze Wortbeitraege rauszuschneiden. Das funktioniert deshalb so gut, weil es sowieso kaum einen Zusammenhang zwischen den einzelnen sprachlichen Aeusserungen gibt. Wir sind nun schon seit ueber zwanzig Minuten in der Sendung, und der CSUler hat noch kein Wort gesagt. Nachdem Maischberger die Fuehrung der Debatte in der letzten Sendung zu einem aehnlichen Thema merklich schwergefallen war, bleibt es bisher doch ein gutes Stueck ruhiger. Weniger als eine knappe halbe Stunde also, und man sehnt sich nach der Werbepause, mit der man im oeffentlich-rechtlichen TV zur Abendzeit nie fuers Dranbleiben belohnt wird.

Weil nun auch ohne Scharnagls Statements alle Informationen ausgetauscht sind, darf Lucy von den No Angels etwas aus ihrem Leben erzaehlen. Ob sie es auch in Bulgarien geschafft als Musikerin geschafft haette, fragt Frau Maischberger, und stellt damit eine Frage, die man nicht beantworten kann – Diakovska tut es trotzdem: Ach doch, sagt sie, ich denke schon. Mit ein bisschen Talent und dem richtigen Willen kann man es im Kapitalismus schliesslich immer zu etwas bringen, jeder von uns. Wir erfahren, dass das spaetere Castingband-Mitglied das Glueck hatte, an einer amerikanischen Universitaet, an der sie sowohl deutsch als auch englisch lernen konnte, zu studieren. Die Aehnlichkeit dieser Migrations-Erfahrung zur persoenlichen Biographie eines Armutseinwanderers aus einem rumaenischen Dorf ist frappierend. Maischberger resuemiert: Also, ihnen war das wichtig, dass sie deutsch lernen? Diakovska nickt. Sie hat Freude daran gehabt, viel ueber das Land zu wissen, sich gar ab einem gewissen Punkt wie ein Deutscher anzufuehlen. Womit das etwas zu tun hat? Mit Disziplin und Ordnung. Auftritt Schneider, der ganz viele neue Worte ins Spiel bringt: Soziale Schichtung, Sozialpolitik , soziale Herkunft, Bildungshintergrund – man kann annehmen, dass derlei Begrifflichkeiten in seinem Grundwortschatz eine prominente Position innehaben, und da muessen wir ansetzen. Klingt irgendwie ueberzeugend. Bytyci sagt, dass Integration keine Einbahnstrasse sei, sein Sitznachbar von der CSU scheint mittlerweile zum Oelgoetzen erstarrt. Der Funktionaer verweist nun – es ist ein wenig unpassend an dieser Stelle, das kann man nicht bestreiten, auf Abschiebungen, die allerdings nicht die EU-Buerger betreffen, ueber die vorher lang und breit geredet wurde. 

Das evoziert die erwartete Regung bei Scharnagl. Er nimmt die Haende aus dem Schoß und kratzt sich am Hinterkopf. Es scheint, als wolle er endlich auch etwas sagen. Die Sendung laeuft seit mehr als einer halben Stunde. Nachdem Bytyci von Schneider und Maischberger belehrt wurde, dass das emotionale Thema “Abschiebungen” heute nicht Gegenstand der Diskussion sei, geht es mit einem Tatort-Einspieler aus den eigenen Produktionsstudios weiter: Nichts im Fernsehen ist schlimmer als deutsche Krimiserien.

Wieder kein Scharnagl. Schneider ist dran: Exzesseinakzeptabel, die Staedte sind dabei, etwas zu aendern. Willhardt sieht davon nichts. Im komplexeren Sinne, also ich mein, ist das betreutes Wohnen. Schneider gibt sogar zu: Es passiert etwas, aber es ist passiert zu wenig – das ist eine wunderschoene Variation seines Eingangsstatements, als er sagte, es werde etwas unternommen, aber es reiche nicht aus. Da Schneider Landesminister ist, hat er auch eine tolle Loesung parat, die nur zufaelligerweise gar nicht in seinen Zustaendigkeitsbereich faellt: es geht um Sofortmaßnahmen des Bundes, er will gerade ein wenig ausholen.. da ist es: Scharnagl sagt etwas dazwischen. Einen besseren Einstieg als die Verantwortung der Bundespolitik kann man fuer den Mann nicht mehr finden: seine letzten Buchveroeffentlichung traegt den Titel Bayern kann es auch allein: Plaedoyer fuer den eigenen StaatScharnagl kommt direkt auf law and order zu sprechen. Es wird immer Leute geben, die sich außerhalb des Gesetzes bewegen. Er scheint das nicht troestlich zu meinen. Maischberger, Schneider und Bytyci fangen nun alle gleichzeitig an, etwas zu sagen, Scharnagls Auftritt war kurz. Herrgott, lassen sie mich endlich auch einmal ein Wort sagen, faehrt er ausgerechnet Bytyci an, und setzt wieder an, mit ausladender Gestik ueber Maßnahmen und Gelder zu reden. Den Ball, den Schneider ihm zugespielt hat, als er vom bundespolitischen Zustaendigkeitsbereich spricht, nimmt Scharnagl gekonnt auf, er eskaliert bloss die hierarchische Stufe. Es ist ein großes Versagen der europäischen Politik. Ich fuehle mich endlich umfassend informiert.

Und dann mache ich das, was die Verantwortlichen fuer dieses Schlamassel in der Fernsehserie auch getan haben. Ich schalte einfach aus.

Antisemitismus in Bremen November 21, 2012 | 07:55 pm

The awkward pauses, the farting and the spilled drinks October 28, 2012 | 09:42 pm

Auch wenn man, wie ich, Hamburg nicht betritt, lohnt sich ein Abonnement des Newsletters der Hamburger Studienbibliothek. Denn der ist stets freundlich, klug und unterhaltsam geschrieben, ebenso wie diese Veranstaltungsankündigung. Wer also Gelegenheit dazu hat, sollte sich dort u.a. anhören, warum Judith “Butlers Strategie, lieber von Performanz und Diskurs zu reden statt von Hunger und Ausbeutung, von Vergewaltigung, Folter und Massenmord, daher nicht nur, zur Freude ihrer akademischen Anhängerschaft, die Spießerweisheit bestätigt, Worte seien mächtiger als Waffen – sondern vielmehr auch systematisch das Grauen verharmlosen und verniedlichen muss, das Menschen tagtäglich angetan wird”.

Wer lieber zu Hause bleiben, dabei aber auch gut unterhalten und intellektuell nur ganz leicht stimuliert werden möchte, kann ein bisschen Stuckrad-Barre lesen. Der schreibt über sich und den Alkohol, trifft dabei aber – natürlich mit Absicht – vor allem die Großartigkeit und das Elend des Gemeinschaftssaufens.

Ein ganz anderes Vergnügen bietet die Lektüre eines Artikels von Peer Steinbrück in der FAZ. Das Stück ist aus dem Mai und Steinbrück versucht darin, sich über seinen berühmten Freund Thilo Sarrazin zu profilieren. Lesenswert ist das aber nur, weil Steinbrücks Deutsch ganz erbärmlich ist und er ja nun der Kanzlerkandidat der SPD ist.

Wahlkampf: Gibt es auch in den USA. Glaubt man einzelnen Presseartikeln, ist das furchtbar spannend und das Rennen völlig offen. Sieht man sich die Sache genauer an, liegt Barack Obama doch deutlich vorn. Das FiveThirtyEight-Blog, in dem Umfrageergebnisse analysiert und gewichtet werden, rechnet derzeit mit 73,6% Wahrscheinlichkeit mit einem Sieg Obamas. Wettbüros sehen das ähnlich.

Schließlich und endlich das Hochlicht dieses Link-Spektakels: Stephen Marche schreibt über unser Streben nach Einsamkeit:We are lonely because we want to be lonely. We have made ourselves lonely.” Sein Aufhänger dabei ist Facebook, und das Ergebnis ist der mit Abstand beste Artikel, den ich dieses Jahr gelesen habe. Lest ihn.

The problem, then, is that we invite loneliness, even though it makes us miserable. The history of our use of technology is a history of isolation desired and achieved. When the Great Atlantic and Pacific Tea Company opened its A&P stores, giving Americans self-service access to groceries, customers stopped having relationships with their grocers. When the telephone arrived, people stopped knocking on their neighbors’ doors. Social media bring this process to a much wider set of relationships.

Our omnipresent new technologies lure us toward increasingly superficial connections at exactly the same moment that they make avoiding the mess of human interaction easy. The beauty of Facebook, the source of its power, is that it enables us to be social while sparing us the embarrassing reality of society—the accidental revelations we make at parties, the awkward pauses, the farting and the spilled drinks and the general gaucherie of face-to-face contact. Instead, we have the lovely smoothness of a seemingly social machine. Everything’s so simple: status updates, pictures, your wall.

NOXE: Various links of dr0fn0thing May 26, 2011 | 06:51 pm

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