tag ‘Israel’
Protestkundgebung der Kampagne STOP THE BOMB gegen Deutsch-Iranische Business Conference des NUMOV (Nah- und Mittelost-Verein) April 7, 2014 | 02:10 pm

Der Landesarbeitskreis Shalom Berlin unterstützt folgenden Aufruf und ruft zum Protest gegen den Nah- und Mittelost-Verein (NUMOV) auf: Dienstag, 8. April 2014, 9:30 Uhr, Vor dem Sitz des NUMOV: Jägerstraße 63d, 10117 Berlin-Mitte Der Nah- und Mittelost-Verein (NUMOV) - die 1934 gegründete zentrale Förderorganisation für den deutschen Handel in die Region – veranstaltet am 8.April 2014 eine „Deutsch-Iranische [...]

Friedensverhandlungen und der unerklärte Krieg gegen Israel April 6, 2014 | 03:16 pm

Vortragabend mit Tilman Tarach

Die seit mehreren Monaten andauernden Versuche des US-amerikanischen Außenministers John Kerry, einen Modus-Vivendi zwischen der israelischen Regierung und der Autonomiebehörde zu erreichen, um ernsthafte Friedensgespräche auf den Weg zu bringen, scheinen gescheitert zu sein. Nachdem, entgegen vorheriger Verabredungen, der Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) Mahmud Abbas die Aufnahme der PA in weiteren UN-Behörden anstrebte, um so den Status der Autonomiegebiete als Staat voranzutreiben, hat Israel die Freilassung weiterer, häufig als Mörder, Terrorattentäter und -unterstützer überführter und verurteilter, Palästinenser auf Eis gelegt.

Vor einigen Tagen verkündete Abbas, dass er den Staat Israel als jüdischen Staat nicht anerkennen wird. Flankiert wird diese Haltung mit der Forderung nach dem so genannten Rückkehrrecht. Beides ist Ausdruck dafür, dass Israel seitens der politischen Vertreter der PA entgegen aller Lippenbekenntnisse noch immer faktisch keine Anerkennung findet. (Von der im Gaza regierenden Hamas wollen wir an dieser Stelle schweigen.)

Mehr oder weniger dauernd wurden die Verhandlungsrunden von einem unaufhörlichen Raketenfeuer aus dem Gazastreifen auf Israel begleitet. Nun hat Israel darauf reagiert und die Stellungen der palästinensischen Milizen im Gaza bombardiert. In der HNA heißt es am 05.04.14: „Israel greift wieder im Gazastreifen an.“

Unabhängig dieser Begebenheiten wird gebetsmühlenartig wiederholt, dass die jüdische Siedlungstätigkeit im Westjordanland – die faktisch Wohnungsbaumaßnahmen im Gebiet um Jerusalem sind – das Hindernis für einen Frieden schlechthin seien.

Die ganze Situation spitzt sich für Israel dahingehend zu, dass Europa und zunehmend auch die USA bereit sind, Israel mit verschiedenen Maßnahmen unter Druck zu setzten – offensichtlich um einen Frieden um jeden Preis zu erreichen. Angesichts der politischen Ziele der palästinensischen Kräfte im Nahen Osten würde dies jedoch eine noch bedrohlichere Situation für den jüdischen Staates heraufbeschwören, als dies jetzt schon der Fall ist. Schon 1976 schrieb der Schriftsteller Dürrenmatt zur allgemeinen Haltung gegenüber Israel: „In Wirklichkeit wird jedoch schon das Wort „Friede“ so oft ausgesprochen, daß es beinahe einer Kriegserklärung gleichkommt.“ Eine Feststellung, die nach wie vor Aktualität hat.

Im Vortrag wird Tilman Tarach über die Geschichte Israels und die Bedeutung der Friedensverhandlungen referieren.

Der Vortrag findet am Donnerstag, den 10.04.2014 um 19.00 Uhr im Philipp-Scheidemann-Haus satt.

Der Aufstieg des Faschismus und die Ablehnung des jüdischen Staates March 30, 2014 | 07:30 pm

Eine kleine Randnotiz in der Lokal-Postille (HNA) meldete vorgestern, dass die arabischen Staaten Israel als jüdischen Staat ablehnen. Gleiches tat vor ein paar Tagen Mahmud Abbas vor dem “Revolutionsrat”. In der deutschen Presselandschaft wurde daraufhin nicht etwa vermeldet, dass ein Frieden im Nahen Osten aufgrund dieser arabischen Haltung unmöglich sei oder dass die Friedensdiplomatie des US-amerikanischen Außenministers Kerry an der arabischen Haltung endgültig gescheitert ist. Dieses wird erst dann wieder geschlussfolgert, wenn ein Häuserblock für jüdische Bewohner im Westjordanland errichtet wird, oder wenn israelische Truppen auf den unaufhörlichen Beschuss aus dem GAZA reagieren.

In Frankreich ist der rechtsextreme Front National auf Erfolgskurs, in Griechenland spielt die faschistische Partei Morgenröte eine wichtige Rolle bei der Artikulation von Unzufriedenheit der Massen. Die Massenbewegung in der Ukraine, die den Sturz des Janukowitsch-Regimes bewirkte, stützte sich auf bewaffnete faschistische und nationalsozialistische Kräfte, Kräfte, die sich bis in jüngste Zeit auch dezidiert antisemitisch äußerten und die auf eine lange Tradition des praktizierten Judenmords zurückblicken können. Angesichts dieser Konstellationen wird erneut deutlich, dass bei der Delegitimierung linker oder rechter staatstragender Parteien in der kapitalistischen Krise oder bei einem Zusammenbruch staatlicher Strukturen nicht die menschliche Emanzipation auf der Tagesordnung steht, sondern der antisemitische Mob und/oder deren parlamentarischer Flügel.

Die Propaganda Russlands, die den Antisemitismus der Anti-Janukowitsch-Bewegung anklagte, bedeutet allerdings nicht, dass Russland wegen angezündeter Synagogen oder bedrohter Rabbis und/oder sich als Juden erkenntlich zeigender Passanten in die Ukraine einmarschiert, das Interesse Russlands galt der Krim, dort wo die Hauptbasis der russischen Schwarzmeerflotte liegt und wo eine deutliche Mehrheit der Bevölkerung sich Russland zugehörig fühlt – die Lage aber, bis zum Eintreffen russischer Bewaffneter ruhig geblieben war. Auch vom Westen kann nicht erwartet werden, dass wegen solcher Tendenzen Sanktionen gegen die Ukraine ausgesprochen werden, dass die Konten der Swoboda-Partei eingefroren werden, oder deren Vertreter zur Persona non grata erklärt werden. Wie die EU auf solche Tendenzen reagiert, ist seit Jahren in Ungarn zu beobachten und wird gegenüber des Front National nicht anders sein.

Den einzigen Schutz, auf den sich Juden verlassen können ist Israel. Doch nicht erst die oben angesprochenen Erklärungen arabischer Politiker zeigen, dass der Staat Israel (nicht nur) bei seinen Nachbarn unerwünscht ist. Diese Situation ist ein Kontinuum in der Geschichte dieses Landes, wie es auch die Interpretation ist, in Israel den Schuldigen zu sehen, wenn ein Friedensschluss im Nahen Osten in weiter Ferne zu liegen scheint. Diese Interpretation wird von einer breiten Front getragen und propagiert, die bei denen anfängt, die sich offen als Feinde Israels zu erkennen geben, bis hin zu denen, die sich als Freunde Israels ausgeben.

J.D.

Antisemitismus in der konformistischen Revolte, der Frieden und die prekäre Lage Israels March 23, 2014 | 05:20 pm

Die Warnung vor der Gefahr des Antisemitismus hat in der Auseinandersetzung um die Ukraine eine wichtige Rolle gespielt. Der Aufstand gegen die ukrainische Regierung unter Janukowitsch war vor allem auch deswegen erfolgreich, weil die Massenbewegung des Maidan Unterstützung durch bewaffnete faschistische und nationalsozialistische Gruppierungen fand, die in der Ukraine eine lange und schreckliche Tradition haben. Russland und andere um den Weltfrieden besorgte Kräfte warn(t)en vor Antisemitismus und Faschismus, so dass man sich verwundert die Augen reibt, waren diesen das Schicksal der lebenden Juden doch bisher eher gleichgültig, bzw. taten und tun diese sich in der Vergangenheit und Gegenwart besonders dadurch hervor, die Feinde des jüdischen Staates unter besondere Protektion zu stellen und den jüdischen Staat zu delegitimieren. Die Beteiligung der extremistischen und antisemitischen Kräfte am Aufstand und an der ukrainischen Übergangsregierung hat auf der anderen Seite Politiker der EU und der USA – wenn überhaupt – zu bisher eher lauwarmen Erklärungen veranlasst, von einer gebotenen Isolierung und Ächtung dieser Kräfte, gar von Sanktionsdrohungen, sollten diese Kräfte an der Regierung beteiligt bleiben, keine Spur.

Andere versuch(t)en sich in Zweckoptimismus und geben sich der Hoffnung hin, dass der Einfluss von Antisemiten und extremen Nationalisten in der Ukraine (und anderswo in Europa) begrenzt bleibt. Einige hoffen, dass auf die Erklärung der ukrainischen Nationalisten, sich ihrer antisemitischen Tradition entledigt zu haben, Verlass ist und dass es die demokratischen Kräfte sein werden, denen die Zukunft in der Ukraine gehört. Obwohl Israel die in dieser Situation einzig bedeutsame Erklärung abgab, dass für die bedrohten Juden die Möglichkeit der Emigration nach Israel und in der Schulung in Selbstverteidigung besteht, geriet der nahe liegende Zusammenhang von der Bedeutung Israels für die Sicherheit des jüdischen Individuums angesichts einer manifesten antisemitischen Drohkulisse nie in den Blick der sich häufig als Freunde Israels gerierenden Regierungsvertreter der EU-Staaten.

Angesichts aufbegehrender Massen in einer konformistischen Revolte ist es um den Schutz insbesondere des jüdischen Individuums traditionell schlecht bestellt. Die Aufstände in den arabischen Nationen, die Zuspitzung der kapitalistischen Krise in Griechenland, die in Europa und auch in Deutschland zu beobachtenden Protestformen und die sie begleitenden ideologischen Rechtfertigungen verweisen darauf, dass die Ukraine nicht die letzte Gesellschaft gewesen ist, in der es zum Aufbegehren der Massen gekommen ist, das sich gegen die für das Individuum existentiell bedrohlichen Erscheinungen der kapitalistischen Moderne richtet, ohne deren Grundlagen in Frage zu stellen. Die Geschichte beweist, es ist häufig nur ein kurzer Schritt vom konformistischen Massenprotest zum Pogrom. Seit Jahrhunderten suchten die Juden – nicht immer vergeblich – den Schutz bei den Mächtigen und setzten – fast immer vergeblich – auf die Hoffnung, dass die Vernunft gegenüber der Raserei Oberhand behielte. Auch die Hoffnung auf die Proklamation der Bürgerrechte, auf den demokratischen Staat oder dessen Pendant, den sozialistischen erwies sich als Illusion. Es sind eben nicht nur die rasenden Massen, die zur Gefahr werden und die ggf. vom Staat noch in die Schranken gewiesen werden könnten. Weil die Politik kapitalistischer Krisenbewältigung zur Delegitimierung staatstragender Parteien des demokratischen Spektrums führen muss, entwickelt sich auch das, u.a. im Wahlverhalten Ausdruck suchende, Unbehagen sich sonst eher passiv verhaltener Massen, zu einer besorgniserregenden Situation des Bedeutungszuwachses rechtsextremer Parteien, die in der Regel mit dem verharmlosenden Begriff des Rechtspopulismus belegt werden, ohne dabei zu reflektieren, dass die populistischste Partei der Rechten die NSDAP war. Die Entwicklung in Frankreich kann einem daher nur Angst und Bange machen. Ebenfalls ist nicht ausgemacht, dass es in Deutschland „nur“ bei der bisherigen Paktiererei staatlicher Exekutivorgane mit Naziterroristen bleibt. Auch sonst ist die Situation in Europa nicht beruhigend

Israel ist der notwendig staatlich gewordene Ausdruck für die bittere Lehre, dass nur die Organisation der Selbstverteidigung eine Gewähr für das Überleben der Juden bietet. Insofern ist dieser Staat ein ständiges Ärgernis des in seiner latenten und manifesten Daseinsform existierenden Antisemitismus und so spielt die „Suche nach einer Lösung des Nah-Ost-Konflikts“, die Israel als handelndes Subjekt oder gar in Gänze in Frage stellt, eine zentrale Rolle seit der Gründung dieses Staates. Schon 1967 stellte der Dichter Dürrenmatt fest, dass das Wort „Friede“ so oft ausgesprochen wird, dass dies „beinahe einer Kriegserklärung“ an Israel gleichkommt. Gemeinsamer Nenner dieser Friedensdiskurse ist, dass die israelische Politik und die israelischen Interessen zu zentralen Problemen erklärt werden und im Kleinbeigeben des „Störenfrieds“ Israels die Schlüsselrolle für eine friedvolle Zukunft des Nahen-Ostens gesehen wird. Und so sieht sich die israelische Regierung einem besonderen Druck der so genannten Friedensdiplomatie ausgesetzt. Die EU und auch die USA – so scheint es – wollen endlich „Ruhe“ im Nahen Osten und stellen sich der im Nahen Osten nach wie bedeutsamen Option von der Eliminierung Israels – für die insbesondere die Politik des Irans steht – gegenüber zunehmend taub. Es wird alles daran gesetzt, dass Israel einer „Endlösung“ zustimmt, die zur Preisgabe sicherheitspolitischer Interessen Israels und seiner Rolle als Nation, die das Schicksal in den eigenen Händen behält, führen wird. Die Möglichkeit den vom Antisemitismus bedrohten Juden eine sichere Heimstatt zu bieten wird somit die Grundlage entzogen.

Insofern sind sowohl der Antisemitismus in der Ukraine, in Ungarn und anderswo als auch die Ignoranz oder Beschwichtigung diesem gegenüber* sowie die Versuche der Entmündigung des israelischen Staates in der Friedensdiplomatie gleichermaßen ideologischer Ausdruck einer Gesellschaftsform, in der nicht die revolutionäre Umwerfung der verkehrten Verhältnisse auf der Tagesordnung steht sondern die institutionalisierte Krisenbewältigung und/oder die konformistischer Revolte. Dass sich in der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands alle Spielarten dieser Ideologie wiederfinden – Gerhard Schröders Putinapologie, Frank-Walter Steinmeiers nassfrosche Ignoranz der Schlägertrupps auf dem Maidan und Siegmar Gabriels  und Martin Schulz’ Schelte Israels – verdeutlicht diesen Zusammenhang.

* die Warnung vor Antisemitismus und Faschismus der russischen Regierung und Medien sind instrumenteller Natur und haben daher keine andere Qualität als die weitgehende Ignoranz vieler Regierungsoffizieller in den EU-Staaten gegenüber den antisemitischen Strömungen.

J.D.

Das Bündnis gegen Antisemitismus lädt am 10.04.2014 zu einer Veranstaltung mit Tilman Tarach ein. Dort soll die Rolle der Friedensverhandlungen vor dem Hintergrund der israelischen Geschichte diskutiert werden.

eviction of the jews from 1948 March 19, 2014 | 10:39 pm

Nach der Gründung des Staates Israel 1948 begann eine Welle von Pogromen durch arabische und muslimische Länder des Nahen- und Mittleren Osten zu fluten, welche das Ende einer jahrhundertealten jüdisch-arabischen Tradition bedeuteten. Ein Film welcher jüdische Flüchtlinge aus dem Iran, Libanon, Algerien, Irak und anderen Ländern porträtiert, weist auf einen bisher weniger beachteten Fakt hin – die sogenannte “jüdische Nakba” (en.wikipedia, de.wikipedia)

forg_refu_yt(youtu.be -49 Min, engl.; via)


Einsortiert unter:Foto/Video, leitmedien, Sehenswertes, Video/Film Tagged: documentary, doku, israel, jewish nakba, nakba, refugee

Ohne Worte February 27, 2014 | 07:26 pm

Das Bild bedarf keines weiteren Kommentares!bomb


Ein deutscher Sozi vor der Knesset February 12, 2014 | 09:44 pm

Des Schulzens Prinzipientreue und die Wasserfrage

Die Sozialdemokratie und ihr Verhältnis zu Prinzipien ist so eine Sache. Diese Feststellung 2014 zu treffen ist gewiss mindestens ein hundertjährig’ alter Hund. Der Sozialdemokratie nachzusagen, sie hätte ihre Prinzipien daraufhin geprüft, ob sie um des Menschen Wohl vielleicht besser nicht umzusetzen seien, und deswegen verworfen, wäre ob der mindestens 100-jährigen sozialdemokratischen Treue zum deutschen Staat und dessen Prinzipien verwegen. Wenn es darauf ankam, verwies man lieber auf vermeintliche Sachzwänge und die deutsche Staatsräson und ließ erklärte Prinzipien, der Menschheit einen Weg aus dem Dunklen zum Lichte der Vernunft zu weisen, Prinzipien sein und ließ die, die darauf hofften über die Klinge springen.

Was schert die viel gepredigte Verantwortung aus der Geschichte, was die deklarierte Staatsräson, Israel zur Seite zu stehen. Der Nahe Osten wird zunehmend vom Sachzwang “Frieden um jeden Preis – was schert uns da der freche Jud” beherrscht. Und daher kam der europäische Obersozialdemokrat ganz recht, “dem Jud” auf Deutsch zu erklären, dass auch er das Problem für die Friedenslösung ist. Da kennt der Sozialdemokrat nicht nur nicht mehr keine Prinzipien, sondern hält es auch nicht mehr so genau mit der Wahrheit und tischt die alte Mär der Wasserproblematik auf. Und dabei ganz Sozialdemokrat bringt er es sogar fertig, noch nicht einmal selbst als Urheber seiner Auffassung seinen Mann zustehen, sondern er schiebt die anderen vor. Palästinenser hätten ihn gebeten, dieses Thema anzusprechen.

2012 berichtete der Korrespondent Ulrich W. Sahm in einem unaufgeregten Artikel “Der Wasserkrieg in Nahost” auf haGalil:

Um Wasser führen Israelis und Palästinenser einen propagandistischen Weltkrieg. Das israelische Informationszentrum „Media Central“ hatte eine Pressetour nach Ouja und Kibbuz Almog organisiert, wo Journalisten mit dem palästinensischen wie dem israelischen „Narrativ“ zu der Wasserfrage konfrontiert wurden…

und eine Studie: “Der israelisch-palästinensische Wasserkonflikt” ist hier zu finden.

J.D.

Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (II) January 16, 2014 | 01:53 pm

Zweiter und letzter Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum ersten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Nach der Aufnahme in die UEFA

Nach dieser Rückschau nun ein Sprung in die Gegenwart, die für Fußball-Israel gewissermaßen vor etwas mehr als 20 Jahren begonnen hat. Denn wie bereits ausgeführt, ging für den israelischen Fußballverband und die israelischen Spieler 1991 mit der Aufnahme in die UEFA eine Odyssee rund um den Globus zu Ende. Gleichzeitig bekam der israelische Fußball dadurch einen weiteren Schub. Zwar zahlten die Klubs in ihren internationalen Spielen vor allem zu Beginn das berühmte Lehrgeld, doch das neue fußballerische Zuhause und die damit zusammenhängenden Herausforderungen bewirkten entscheidende Änderungen: Die Zuschauerzahlen und die Spielergehälter stiegen, die Liga wurde aufgewertet, das Bezahlfernsehen stieg in den Fußball ein, Sponsoren und Mäzene pumpten Geld in die Klubs, israelische Spieler und israelische Klubs wurden auch außerhalb des Landes interessanter.

Nicht zuletzt diese Professionalisierung führte schließlich auch dazu, dass Israel im Sommer des vergangenen Jahres Gastgeber der U21-Europameisterschaft werden konnte. Es war das größte und wichtigste Fußballturnier, das jemals im jüdischen Staat ausgetragen wurde, und es war der wohl größte sportpolitische Erfolg der israelischen Fußballgeschichte. Die Begeisterung im Land war groß, die – eigens für das Turnier ausgebauten – Stadien waren bestens gefüllt, und mit der Sicherheit gab es entgegen manch anders lautender Befürchtung ebenfalls keine Probleme.

Doch zugleich machten verschiedene Geschehnisse im Vorfeld des Turniers deutlich, dass Israel von zu vielen noch immer nicht als gleich- und vollwertiges Mitglied in Fußball-Europa betrachtet wird. Denn es gab allerlei politischen Protest: Im November 2012 beispielsweise traten mehr als 50 Fußballprofis – darunter die früheren Bundesligaspieler Papiss Demba Cissé und Demba Ba – mit einer Stellungnahme an die Öffentlichkeit, in der sie gegen die israelischen Militärschläge im Gaza-Streifen protestierten, ihre »Solidarität mit der belagerten Bevölkerung in Gaza« ausdrückten und sich dagegen aussprachen, die Europameisterschaft in Israel stattfinden zu lassen. Im Frühjahr 2013 störten einige Demonstranten eine Abendveranstaltung des europäischen Verbands im Rahmen eines UEFA-Kongresses in London, indem sie dort antiisraelische Parolen riefen und eine palästinensische Fahne schwenkten.

Und noch wenige Tage vor dem Beginn des Turniers unternahmen einige besonders notorische Gegner Israels einen letzten Versuch, die UEFA zur Absage des Turniers im jüdischen Staat zu bewegen. Der europäische Verband belohne »Israels grausames und gesetzloses Verhalten«, hieß es in einem offenen Brief, den unter anderem der ehemalige südafrikanische Erzbischof Desmond Tutu, der französisch-malische Ex-Fußballprofi Frédéric Kanouté und der britische Filmregisseur Ken Loach unterschrieben hatten. Die UEFA, so meinten die Initiatoren weiter, solle es Israel nicht gestatten, »ein prestigeträchtiges Fußballereignis dazu zu benutzen, um seine rassistisch motivierte Verweigerung von Rechten für die Palästinenser und die illegale Besatzung von palästinensischem Land zu übertünchen«. Auch wenn es schon sehr spät sei, fordere man die UEFA dazu auf, »die Entscheidung, Israel dieses Turnier austragen zu lassen, zu widerrufen«. Glücklicherweise ohne Erfolg.

Dabei gab es auch zwischen dem israelischen und dem europäischen Fußballverband in den Jahren zuvor immer mal wieder Spannungen. Als beispielsweise die Zweite Intifada ab dem Jahr 2000 ihren Terror ausagierte, mussten israelische Teams auf Geheiß der UEFA ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben auf Zypern austragen, weil es den anreisenden Klubs angeblich nicht zuzumuten war, in Israel zu kicken. Erst nach dem Bau des Sicherheitszauns und dem Rückgang der Selbstmordattentate genehmigte die UEFA im April 2004 wieder die Austragung von Partien im Land.

Auch während des Libanonkrieges im Sommer 2006 und noch längere Zeit danach wurden israelische Klubs und die israelische Nationalmannschaft für den Terror bestraft, der den jüdischen Staat heimsuchte. Monatelang mussten sie ihre Heimspiele in den internationalen Wettbewerben jenseits der Landesgrenzen austragen, teilweise auch noch unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Zur Begründung hieß es, die Sicherheit der Sportler in Israel sei nicht ausreichend gewährleistet. Der Ärger, den diese Entscheidung in Israel seinerzeit auslöste, lässt sich nachvollziehen. Denn würde die UEFA in allen Fällen mit gleichem Maß messen, hätte sie zumindest auch die Heimspiele spanischer und englischer Teams nach den Terrorangriffen von Madrid und London oder die Partien türkischer Mannschaften nach dem Anschlag in Antalya im August 2006 verlegen müssen. Doch nichts dergleichen geschah.

Hinzu kommt, dass israelische Mannschaften und israelische Spieler immer wieder mit verschiedenen Formen des Antisemitismus konfrontiert sind. Ein Beispiel sind entsprechende Transparente und Parolen in den Stadien, wie etwa beim Länderspiel zwischen Ungarn und Israel im August 2012 oder beim UEFA-Pokal-Spiel zwischen Paris St. Germain und Hapoel Tel Aviv im November 2006 (nach dieser Partie kam es sogar noch zu einer regelrechten Hetzjagd französischer Neonazis auf Hapoel-Anhänger). In diesem Zusammenhang wären auch die antisemitischen Beschimpfungen zu nennen, die der israelische Nationalspieler Itay Shechter im Februar 2012 bei einer Trainingseinheit des 1. FC Kaiserslautern erdulden musste.

Ein anderes Beispiel sind Spieler aus islamischen Staaten oder mit muslimischem Hintergrund, die nicht gegen israelische Teams spielen wollen. Hier wären etwa die früheren Bundesligaprofis Vahid Hashemian und Ashkan Dejagah zu nennen: Der damalige iranische Nationalspieler Hashemian fehlte im Herbst 2004 in beiden Champions-League-Partien des FC Bayern gegen Maccabi Tel Aviv – offiziell wegen einer Verletzung, aber diese Begründung glaubte wirklich niemand. Und der Deutsch-Iraner Dejagah weigerte sich im Oktober 2007, mit der deutschen U21-Nationalmannschaft zum Europameisterschafts-Qualifikationsspiel nach Israel zu reisen. Die Spekulationen über seine Motive heizte Dejagah dabei selbst an. »Das hat politische Gründe«, wurde er seinerzeit in verschiedenen Zeitungen zitiert. Weiter sagte er: »Ich habe mehr iranisches als deutsches Blut in meinen Adern. Außerdem tue ich es aus Respekt, schließlich sind meine Eltern Iraner.«

Und dann gibt es da noch Klubs, die Trainingslager in Staaten veranstalten, die Israel nicht anerkennen. Wie etwa – um ein ganz aktuelles Beispiel zu nennen – der niederländische Erstligist Vitesse Arnheim, der seinen israelischen Verteidiger Dan Mori einfach zu Hause ließ, nachdem die Behörden der Vereinigten Arabischen Emirate angekündigt hatten, ihm die Einreise zu verweigern, weil er Israeli ist.

Doch all diesen Dingen zum Trotz hat der israelische Fußball einen erkennbaren Sprung nach vorne gemacht. Israelische Profis werden in den europäischen Ligen mittlerweile durchaus geschätzt. Nicht nur in England – wo sich nach Ronny Rosenthal (Foto, rechts), der bereits in den 1990er Jahren erfolgreich für Liverpool, die Spurs und Watford spielte, vor allem Yossi Benayoun (Foto, links) einen Namen machte –, sondern auch in der Bundesliga, wie etwa Beispiele aus den vergangenen Jahren wie Itay Shechter, Almog Cohen, Gal Alberman oder Roberto Colautti zeigen. Die israelische Ligat ha’Al wiederum zählt zwar fraglos weiterhin nicht zu den ersten Adressen im europäischen Fußball, doch auch hier treten neben den einheimischen auch immer mehr internationale Spieler gegen den Ball. Und israelische Klubs qualifizieren sich inzwischen auch schon mal für die Gruppenphase der Champions League und bleiben in der Europa League nicht mehr zwangsläufig in der Qualifikation oder der Vorrunde hängen, wie es früher regelmäßig der Fall war.

Bei der Nivchéret, der Nationalmannschaft, darf man ebenfalls davon ausgehen, dass der Tag nicht mehr fern ist, an dem die zweite WM-Teilnahme (oder die erste an einer Europameisterschaft) gefeiert werden kann und Günter Netzers Urteil vom Juni 2001 – »Die Israelis spielen einen hervorragenden Fußball, den sie nicht in Ergebnisse umwandeln können« – widerlegt wird. Die Konkurrenzfähigkeit ist jedenfalls größer geworden, und ein paar Mal war es ja auch schon recht knapp. Außerdem steht wohl nicht mehr zu befürchten, dass sich die Nationalspieler derart unprofessionell verhalten wie 1999, als sich mehrere Akteure am Abend vor dem alles entscheidenden EM-Qualifikationsspiel gegen Dänemark mit Prostituierten vergnügten – und das Match dann mit 0:5 vergeigten.**


Fußballfans in Israel

Das sorgte seinerzeit für eine Menge Unmut auch unter den israelischen Fußballfans, um die es nun gehen soll. Wie generell im Fußball hat sich auch im israelischen vor allem in den vergangenen 20 Jahren sehr viel verändert. Was jedoch erhalten geblieben ist, ist die – nicht nur sportlich, sondern eben auch politisch bedingte – Rivalität zwischen den Klubs, wobei diese sich im Laufe der Jahre mehr und mehr vom Platz und den Klubzentralen auf die Ränge verlagert hat. Einem Spieler wird es im Zweifelsfall gleichgültig sein, ob er bei Maccabi, Hapoel oder Beitar sein Geld verdient; für die Anhänger spielt das jedoch weiterhin eine große Rolle. Dazu muss gesagt werden, dass sich eine organisierte Fan- und Ultrà-Szene in Israel erst relativ spät entwickelt hat, nämlich Ende der 1990er Jahre. Zunächst gab es überhaupt nur zwei organisierte Fangruppen – die von Hapoel Tel Aviv und die von Maccabi Tel Aviv. Seit 2007 existiert die Vereinigung Israfans, eine Dachorganisation von Fußballfans, in der rund 25 Ultrà-Gruppierungen, Fanprojekte und Fanklubs zusammengeschlossen sind.

Zu den Anliegen von Israfans gehört vieles, was man auch von Fanvereinigungen hierzulande kennt, beispielsweise der Kampf gegen zu harte Polizeieinsätze, gegen eine zunehmende Entfremdung zwischen Klubführungen und Fans und gegen zu hohe Ticketpreise; der Einsatz für eine Vernetzung der Fangruppen, für Fanrechte und für eine bessere Zusammenarbeit mit den Klubs. Es gibt einen organisierten Austausch mit Fußballfans aus Europa; die finanziellen und personellen Ressourcen sind jedoch begrenzt, und der Einfluss von Israfans könnte zweifellos größer sein. Angesichts des Desinteresses vieler Klubführungen an einer Zusammenarbeit mit dieser Vereinigung und eingedenk manch harter Auseinandersetzungen zwischen den Fangruppierungen ist die Arbeit für die Aktivisten von Israfans allerdings auch alles andere als leicht.

Die größten Differenzen im Lager der Fans gibt es zweifellos zwischen den Ultràs von Hapoel Tel Aviv und den Anhängern von Maccabi Tel Aviv sowie insbesondere von Beitar Jerusalem; hier ist die historische Gegnerschaft in vielerlei Hinsicht erhalten geblieben. Die Hapoel-Ultràs – die in fanpolitischen Belangen zu den aktivsten in Israel gehören und beispielsweise zu Ultràs des FC St. Pauli gute Kontakte pflegen – verstehen sich dezidiert als links und antizionistisch; sie lehnen beispielsweise das Zeigen von israelischen Fahnen im Stadion ab, halten die Politik der Regierung gegenüber den Palästinensern für »rassistisch« und stehen auch der Polizei ablehnend bis feindlich gegenüber. Der arabische Antisemitismus und die damit verbundene Bedrohung Israels sind bei dieser Gruppierung kein Thema, vielmehr skandieren ihre Mitglieder bei Spielen auch schon mal Parolen wie »Gebt Jerusalem den Palästinensern« oder »Jerusalem gehört zu Jordanien«.

Bei Beitar wiederum fallen immer wieder Fans, insbesondere die der Gruppe La Familia, durch antiarabische Aktivitäten auf. Im März 2012 etwa griffen Beitar-Anhänger nach einem Spiel arabische Israelis in einem Supermarkt an, im Februar 2013 wurde im Clubhaus von Beitar sogar Feuer gelegt, nachdem der Verein angekündigt hatte, zwei muslimische Spieler unter Vertrag zu nehmen. Schon in der Vergangenheit hatte die Klubführung nach massiven Protesten von der Verpflichtung arabischer Spieler abgesehen. Feindselige Rufe gegen Araber im Stadion sind bei Beitar ohnehin eher die Regel als die Ausnahme.

Mehrfach hat der israelische Fußballverband den Klub nach Krawallen bestraft: mit Geldbußen, mit der vorübergehenden Schließung der Kurve, mit Spielen unter Ausschluss der Öffentlichkeit, mit Punktabzügen. Auch in der israelischen Öffentlichkeit und Politik wurden die jüngsten Ausschreitungen scharf verurteilt: Die Zeitungen des Landes gingen mit Beitar ins Gericht, Premierminister Benjamin Netanjahu – selbst langjähriges Klubmitglied – sprach von einer »Schande«, auch der Jerusalemer Bürgermeister Nir Barkat war entsetzt, und der frühere Premierminister Ehud Olmert, ebenfalls seit langem ein Anhänger von Beitar Jerusalem, schrieb in einem Gastbeitrag in der Tageszeitung Yedioth Ahronoth, er werde so lange keine Spiele seines Lieblingsvereins mehr im Stadion anschauen, »bis die Rassisten von den Rängen und aus dem Klub entfernt worden sind«. Die beiden muslimischen Spieler wurden schließlich verpflichtet, und als einer von ihnen, der Tschetschene Gabriel Kadiev, bei seinem ersten Einsatz im Spiel gegen den arabischen Klub Bnei Sachnin eingewechselt wurde, übertönte der Applaus auf den Rängen die Pfiffe und Schmährufe deutlich.

Wenn man von Beitar Jerusalem absieht, sind arabische Spieler im israelischen Fußball ohnehin längst gang und gäbe; ihr prozentualer Anteil entspricht etwa dem der arabischen Israelis an der Gesamtbevölkerung des Landes. Der erste Araber in der Nivchéret – und der erste Araber überhaupt, der Israel bei Olympischen Spielen repräsentierte – war 1976 Rifaat Turk von Hapoel Tel Aviv. Der erste arabisch-israelische Klub, der es in die höchste israelische Spielklasse schaffte, war 1996 Hapoel Taibe, und mit dem FC Bnei Sachnin gewann 2004 ein anderer arabisch-israelischer Klub sogar den israelischen Pokal.

Doch zurück zu den Fans. Die meisten haben die vier »Großen« des israelischen Fußballs: Maccabi Tel Aviv, Hapoel Tel Aviv, Maccabi Haifa und Beitar Jerusalem. Die Hapoel-Ultràs werden von den Fans anderer Klubs – nicht nur von den Beitar-Anhängern – wegen ihrer politischen Positionen schon mal als »Hisbollah« beschimpft. Aber solche polemischen Bezeichnungen sind im hochpolitischen Israel ein fester Bestandteil der Streitkultur und nichts wirklich Ungewöhnliches. Bei den arabischen Israelis liegt Hapoel gemeinsam mit Maccabi Haifa in der Gunst ganz vorne, bei den linken ohnehin. Wer eine der Parteien der Mitte wählt, wird womöglich mit Maccabi Tel Aviv sympathisieren, wer dem Likud nahe steht, hält es vielleicht mit Beitar. Die Rivalität ist nicht unerheblich, doch insgesamt – so sagt es selbst der sonst »israelkritische« Moshe Zimmermann – seien »die Rangeleien, zu denen es manchmal kommt, ungefähr von der Qualität, wie sie auch beim Lokalderby des 1. FC Köln gegen Bayer Leverkusen vorkommen«.

Das vielleicht bemerkenswerteste Projekt israelischer Fußballfans ist jedoch Hapoel Katamon Jerusalem – ein Klub, der von Fans gegründet wurde, von ihnen geführt wird und mittlerweile in der Liga Le’umit spielt, der zweithöchsten Klasse Israels. Er ist das Kind enttäuschter Anhänger von Hapoel Jerusalem, die vergeblich versucht hatten, ihren sportlich weitgehend bedeutungslos gewordenen und hochverschuldeten Lieblingsverein, der 1973 den israelischen Pokal gewonnen hatte und lange Zeit auf Augenhöhe mit dem Stadtrivalen Beitar war, zu kaufen. Im Jahr 2007 bauten sie »Katamon« bei einem bereits existierenden Viertligisten auf, unternahmen zwei Jahre später einen – ebenfalls erfolglosen – Versuch einer Fusion mit Hapoel Jerusalem und gründeten schließlich Hapoel Katamon Jerusalem als eigenständigen Verein, der fortan gewissermaßen das »wahre« Hapoel Jerusalem verkörpern sollte. Der Klub begann in der untersten, fünften Spielklasse, stieg 2010, 2011 und 2013 jeweils auf und spielt nun, genau wie Hapoel Jerusalem, in der zweiten Liga. Er hat allerdings deutlich mehr Zuschauer – und sozial engagierte Fans, die beispielsweise äthiopischen Immigranten Hebräisch beibringen und Schulkinder betreuen.


Zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte

Abschließend noch einige Betrachtungen zur israelisch-deutschen Fußballgeschichte, die nicht fehlen sollte, wenn es hierzulande um die Historie des Fußballs im jüdischen Staat geht. 1969 kam es erstmals zu zwei Spielen zwischen israelischen Mannschaften und einem deutschen Team, nämlich dem FC Bayern Hof. Die erste Partie bestritten die Hofer in Nahariya gegen eine Regionalauswahl (Foto), Schiedsrichter war der bereits erwähnte Avraham Klein. Im Interview der Jüdischen Allgemeinen erinnerte er sich an das Match: »Israels Fußballverband hatte mich gefragt, ob ich Probleme damit hätte, dieses Spiel zu pfeifen. Nach kurzer Bedenkzeit sagte ich: ›Nein, überhaupt nicht.‹ [...] Es gab wütende Proteste, und ich wurde für meine Entscheidung offen angefeindet. Ein Mann, der als Kind den gelben Stern tragen musste und einen Großteil seiner Familie in der Schoa verloren hat, darf doch nicht einem deutschen Fußballer vor dem Anpfiff die Hand schütteln, hieß es. [...] Ich habe es trotzdem gemacht und erst viel später gemerkt: Das Spiel war der größte Tag in meinem Schiedsrichterleben.« Bereits 1970 kam es zum Gegenbesuch einer israelischen Mannschaft in Hof, und ab 1970 reiste Borussia Mönchengladbach regelmäßig ins Trainingslager nach Israel, 14-mal insgesamt. Auch der erste – und lange Zeit einzige – israelische Bundesligaspieler, Schmuel Rosenthal, spielte für die Elf vom Niederrhein.

Deutlich jünger (und außerdem recht überschaubar) ist die israelisch-deutsche Länderspielgeschichte. Begonnen hat sie erst vor 27 Jahren, genauer gesagt: am 25. März 1987. Mit 2:0 gewannen die von Franz Beckenbauer trainierten Deutschen an jenem Tag das Spiel im nicht einmal halbvollen Stadion von Ramat Gan bei Tel Aviv, doch die sportlichen Belange interessierten seinerzeit weit weniger als die politischen Implikationen dieses sogenannten Freundschaftsspiels. Denn in Israel war begreiflicherweise längst nicht jeder einverstanden mit dieser Partie, und so blieb der seinerzeitige Staatspräsident Chaim Herzog ihr letztlich auch fern. Der Vizepräsident des israelischen Fußballverbands wiederum, Arieh Krämer, war zwar im Stadion, verließ es aber aus Protest gegen das Abspielen der deutschen Hymne wieder, das er im Vorfeld der Partie zu verhindern versucht hatte.

Der Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem durch die DFB-Delegation blieb unterdessen nicht frei von Peinlichkeiten. Nationalspieler Hans Pflügler etwa musste darüber aufgeklärt werden, dass er sich nicht in einer Gedenkstätte für gefallene israelische Soldaten befindet; Teamchef Franz Beckenbauer resümierte derweil: »Der Besuch brachte mir nichts Neues.« Und der damalige Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, Hermann Neuberger – der im Zweiten Weltkrieg Hauptmann im Generalstab der Wehrmacht war – erzählte einem Vertreter der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, er sei »Soldat im Fronteinsatz« gewesen und habe »erst nach 1944 von den Konzentrationslagern erfahren«.

Neuberger war es auch, der 1978 während der Weltmeisterschaft im faschistischen Argentinien Hans-Ulrich Rudel ins deutsche WM-Quartier eingeladen hatte – einen früheren Wehrmachtsoffizier, Träger des »Ritterkreuzes« und Hitlers Lieblingssturzkampfflieger, der sich nach Kriegsende als Waffenhändler und Fluchthelfer für Nazis betätigt hatte und die rechtsextreme »Deutsche Reichspartei« unterstützte. Kritik an der Einladung Rudels quittierte Neuberger mit den lapidaren Worten: »Ich hoffe doch nicht, dass man ihm seine Kampffliegertätigkeit während des Zweiten Weltkriegs vorwerfen will.« Bevor er DFB-Präsident wurde, hatte Neuberger unter anderem als Sportredakteur bei der Saarbrücker Zeitung gearbeitet, war dort jedoch bald wegen revanchistischer Kommentare entlassen worden. Solche Konsequenzen musste er als höchster Funktionär des Deutschen Fußball-Bundes, der sich bekanntlich erst lange nach Neubergers Zeit mit seiner Geschichte vor 1945 auseinanderzusetzen begann, nicht befürchten. Dass Neubergers Frau – wie der heutige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach unlängst in einem Interview »tief beeindruckt« berichtete – »in den Bergen Judäas Bäume pflanzte«, darf in diesem Kontext als durchsichtige, medienwirksame Goodwill-Aktion betrachtet werden, die nichts als ein wenig Gratismut erforderte.

Auf den autoritären Neuberger folgte nach dessen Tod 1992 der etwas onkelhafte Rheinländer Egidius Braun, in dessen Amtszeit auch das zweite Länderspiel zwischen Israel und Deutschland fiel, das am 26. Februar 1997 stattfand und mit einem 1:0 für die DFB-Kicker endete. Erneut war das Stadion in Ramat Gan nur zur Hälfte gefüllt; die Behauptung deutscher Medien, in Israel fiebere man dem Spiel gegen die Deutschen schon lange entgegen, war nichts als Wunschdenken. Und auch der politische Auftritt der DFB-Delegation ging erneut daneben. Präsident Braun glaubte schon vorher, seine Gastgeber belehren zu müssen, als er sagte: »Die Israelis und wir sollten nicht vergessen.« Und er konkretisierte seine Mahnung mit den Worten: »Wir sollten ein Bündnis mit den Lebenden und den Toten schließen. Erinnerung ist ein Weg zur Erlösung.« Für die Nationalspieler war vor der Reise nach Israel eigens ein Vorbereitungsseminar anberaumt worden, doch allzu viel schien so mancher dabei nicht mitgenommen zu haben.

»Das kann doch nicht wahr sein! Hat’s so etwas wirklich gegeben, Trainer?«, sagte etwa Nationalspieler Mario Basler zu seinem Coach Berti Vogts in Yad Vashem, vor einem Foto stehend, auf dem ein KZ-Wärter einen verzweifelten Juden exekutieren will. Vogts antwortete ihm mit den Worten: »Doch, so war es.« Daraufhin Basler noch einmal: »Das kann doch nicht wahr sein!«*** Und Egidius Braun fragte die zahlreichen mitgereisten deutschen Journalisten vor Fotoaufnahmen, ob er »noch betroffener gucken« solle. Der ganze Sinn und Zweck dieser Übung wurde später im hauseigenen DFB-Journal resümiert; dort hieß es: »Anerkennung erntete die DFB-Equipe für ihr besonnenes Auftreten beim Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, das ein weitweit positives Echo auslöste.« Imagepflege durch »Vergangenheitsbewältigung« also – vor allem darum ging es.

Zum dritten Spiel zwischen den Auswahlmannschaften des DFB und der Israel Football Association kam es am 13. Februar 2002. Dieses Match fand nur deshalb in Deutschland (genauer gesagt, in Kaiserslautern) statt, weil die Verantwortlichen des Deutschen Fußball-Bundes der Ansicht waren, ihren Spielern die Reise nach Israel aus Sicherheitsgründen diesmal nicht zumuten zu können. Aus Furcht vor antisemitischen Ausschreitungen war der Kartenverkauf massiv kontrolliert und das Polizeiaufgebot am und im Stadion deutlich verstärkt worden. Die Deutschen gewannen die Partie mit 7:1; zur Pause hatten die Israelis nach einem Eigentor von Oliver Kahn noch mit 1:0 geführt. Die vierte und bislang letzte Partie gewann das DFB-Team am 31. Mai 2012 in Leipzig mit 2:0. Wer das Spiel vor Ort im israelischen Block verfolgt hat, wird nicht vergessen, wie irritiert viele israelische Fans reagiert haben, als durch das Stadion das offenbar unvermeidliche »Sieg«-Stakkato hallte.

Jahrelang war der Deutsche Fußball-Bund also mit allerlei Unsäglichkeiten in Israel aufgefallen; das besserte sich erst in der Amtszeit seines Präsidenten Theo Zwanziger spürbar. Zwanziger verhielt sich erheblich diskreter als seine Vorgänger und machte weit weniger Aufhebens um Reisen und Kooperationen. Zu seinen Ideen zählte auch ein Austausch von Schiedsrichtern, doch bislang kam es erst zu einem Einsatz, nämlich dem des Berliner Referees Manuel Gräfe im März 2010 bei der Erstligapartie zwischen Maccabi Haifa und Maccabi Tel Aviv. Es war das erste Mal in der Geschichte des israelischen Fußballs, dass ein deutscher Schiedsrichter ein Match in der höchsten israelischen Spielklasse pfiff. Zur Leitung eines Spiels in Deutschland durch einen israelischen Schiedsrichter kam es bisher nicht, was auch damit zusammenhängen mag, dass Zwanzigers Nachfolger Wolfgang Niersbach sich weit weniger engagiert um das Verhältnis zum israelischen Fußballverband bemüht.

Und dann ist da noch Lothar Matthäus. Als er 2008 als Trainer zum israelischen Erstligisten Maccabi Netanya ging, unkte nicht nur Uli Hoeneß, dass die deutsche Diplomatie künftig zum Eingreifen gezwungen sein könnte. Doch der deutsche Rekordnationalspieler, dem sein Mundwerk so oft zum Verhängnis wurde, verhielt sich vor und während seiner Tätigkeit in Israel völlig korrekt. In Interviews bekannte er, Israel zu mögen und gerne dort zu leben und zu arbeiten. Dass sein Engagement bei Maccabi nur ein Jahr dauerte, lag vornehmlich daran, dass dem Klub das Geld ausgegangen war und er Matthäus’ Gehalt deshalb nicht länger bezahlen konnte. Als Matthäus ging, hatte Netanya die Saison als Viertplatzierter abgeschlossen – ein gutes Resultat. Und anders als so mancher seiner Landsleute hat er in der israelisch-deutschen Fußballgeschichte eine durchaus positive Rolle gespielt.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags – etwa der über die Fans in Israel –, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Vgl. Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Angaben und Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.

*** Vgl. Martin Endemann: Sie bauen U-Bahnen nach Auschwitz. Antisemitismus im deutschen Fußball, in: Gerd Dembowski, Jürgen Scheidle (Hg.): Tatort Stadion. Rassismus, Antisemitismus und Sexismus im Fußball, Köln 2002 (PapyRossa Verlag), S. 80–89. Die Angaben und Ausführungen in diesem und im nächsten Absatz basieren auf diesem Text.


Einsortiert unter:Fußball, Politik Tagged: Avraham Klein, Beitar Jerusalem, FC Bnei Sachnin, Hapoel Katamon Jerusalem, Hapoel Taibe, Hapoel Tel Aviv, Israel, Lothar Matthäus, Maccabi Haifa, Maccabi Tel Aviv, Manuel Gräfe, Rifaat Turk, Ronny Rosenthal, Schmuel Rosenthal, Ultras Hapoel, Ultras Maccabi, Yossi Benayoun

Fußball in Israel – Geschichte und Gegenwart (I) January 14, 2014 | 11:15 pm

Erster Teil des (leicht überarbeiteten) Manuskripts zum Vortrag* »Fußball und Fankultur in Israel«, gehalten am 9. Januar 2014 auf Einladung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München im Jüdischen Museum München. (Zum zweiten und letzten Teil geht es hier, angehört werden kann der Vortrag bei den Kollegen von 17grad.)


Hakoah, der ganz besondere Triple-Sieger

Der israelische Fußball – so viel sei hier bereits vorweggenommen, weil es ohnehin kein Geheimnis ist – hat bislang nicht unbedingt durch überragende internationale Erfolge von sich reden gemacht. Und dennoch gibt es in Israel einen Klub, der etwas geschafft hat, das wohl einzigartig auf der Welt ist. Er gewann nämlich gleich in drei Ländern nationale Titel: in Österreich, in den USA – und in Israel selbst. Die Rede ist vom derzeitigen Zweitligisten Hakoah Ramat Gan. Und das kam so: 1909 wurde der SK Hakoah Wien gegründet, ein liberaler jüdischer Klub, der 1920 in die höchste österreichische Liga aufstieg und bereits unter Profibedingungen spielte, als es professionellen Fußball in Österreich offiziell noch gar nicht gab. 1923 sorgte er für ein internationales fußballerisches Erdbeben, als er den englischen Spitzenklub West Ham United auf der Insel mit 5:0 demütigte; 1925 errang Hakoah sogar die österreichische Fußballmeisterschaft und war mit rund 5.000 Mitgliedern zeitweilig die größte Sportorganisation der Welt. Viele Juden in aller Welt sympathisierten und identifizierten sich mit ihr, darunter nicht wenige Schriftsteller und Intellektuelle wie etwa Franz Kafka und Friedrich Torberg. Der Klub war berühmt und populär.

In New York gründeten Spieler der Wiener Hakoah 1928 im Rahmen einer Amerika-Tournee eine Dependance, die New York Hakoah. Der bekannteste dieser Spieler dürfte Béla Guttmann gewesen sein, Entdecker des am 5. Januar 2014 verstorbenen portugiesischen Idols Eusébio und Trainer von Benfica Lissabon in den Jahren 1961 und 1962, als der Klub zweimal den Europapokal der Landesmeister gewann. New York Hakoah wurde 1929, nur ein Jahr nach der Gründung, mit einem Team aus österreichischen und ungarischen Fußballern amerikanischer Pokalsieger. Dem Klub war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden, bereits 1932 wurde er aufgelöst. Hakoah Wien wiederum wurde von den Nationalsozialisten nur einen Tag nach der Annexion Österreichs 1938 zerschlagen. Viele Spieler flohen vor den Nazis ins Ausland, die meisten von ihnen ins britische Mandatsgebiet Palästina. Dort gründeten sie noch im selben Jahr den Verein Hakoah Tel Aviv, der 1955 erstklassig wurde und 1959 mit Maccabi Ramat Gan fusionierte. Der daraus entstandene Klub, Hakoah Ramat Gan, wurde 1965 und 1973 israelischer Meister sowie 1969 und 1971 israelischer Pokalsieger.

Schon in dieser Geschichte, die hier nur kurz skizziert werden kann, ist so vieles aufgehoben: der Glanz und die internationale Bedeutung des jüdischen Fußballs in Europa zwischen den beiden Weltkriegen, sein jähes und brutales Ende durch die nationalsozialistische Verfolgung und Ermordung, der unbändige Wille zum Wiederaufbau und zur Fortführung durch jüdische Emigranten und Überlebende im Mandatsgebiet Palästina respektive in Israel. Hakoah ist diesbezüglich wie ein Sinnbild, und so, wie sich der Werdegang dieses Klubs nicht ohne die politischen Rahmenbedingungen erklären lässt, lässt sich die gesamte Geschichte und Gegenwart des israelischen Fußballs nicht ohne Würdigung der politischen Umstände erzählen.


Die Anfänge des Fußballs im heiligen Land

Und das gilt bereits für die Anfänge vor über hundert Jahren, denn sämtliche jüdischen Vereine, die im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina existierten, waren Ableger politischer Organisationen, die jeweils unterschiedliche Strömungen der noch jungen zionistischen Bewegung repräsentierten (und das – mit Abstrichen – bis heute tun): Der 1912 gegründete Maccabi-Verband stand den Bürgerlichen nahe, die 1924 ins Leben gerufene Vereinigung Beitar war eine Organisation der sogenannten Revisionisten, und der 1926 entstandene Verband Hapoel (zu Deutsch: »Der Arbeiter«) wurde als Kind der Gewerkschaft Histadrut geboren. Fußball diente als Instrument zur politischen Bewusstseinsbildung, dementsprechend gab es von Beginn an eine lebhafte Konkurrenz zwischen den Vereinen. Im Mandatsgebiet Palästina spielten aber nicht nur jüdische, sondern auch arabische und britische Mannschaften, wenngleich vorerst noch nicht in einem organisierten Ligabetrieb.

»Einen ersten Fußball-Boom im heiligen Land«, so schreibt es Stefan Mayr im 2003 erschienenen, ganz vorzüglichen Buch »Davidstern und Lederball«**, »löste 1925 der Besuch der Starelf von Hakoah Wien aus. Hakoah fertigte in Tel Aviv eine Maccabi-Auswahl zwar mit 11:2 ab, lockte aber 10.000 Zuschauer ins Stadion. Das Interesse am Fußball war noch nie so groß. In der Folge organisierte ein britischer Offizier in Haifa eine Liga mit neun arabischen und jüdischen Teams. Das Projekt musste aber vorzeitig eingestellt werden – wegen Gewalttätigkeiten auf den Plätzen und Streitereien zwischen den Klubmanagern.« Doch im Sommer 1928 gründeten 14 jüdische und arabische Vertreter in Jerusalem die Palestine Football Association, die ein Jahr später vom Weltfußballverband FIFA als Mitglied aufgenommen wurde. Nun gab es auch einen regulären Spielbetrieb mit jüdischen, arabischen und britischen Mannschaften.

1928 spielten 28 Teams den ersten Meister im Pokalmodus aus; im Finale gewann Hapoel Allenby Tel Aviv mit 2:0 gegen Maccabi Hashmonai Jerusalem. Hapoel hatte allerdings einen nicht spielberechtigten Kicker eingesetzt, woraufhin der Verband verfügte, dass beide Klubs die Trophäe jeweils für ein halbes Jahr behalten dürfen – fürwahr ein salomonischer Kompromiss. 1932 nahm eine nationale Liga mit neun jüdischen, arabischen und britischen Teams den Spielbetrieb auf, zwei Jahre später zogen sich die arabischen Vereine jedoch aus dem gemeinsamen Fußballverband und der gemischten Liga zurück, weil sie eine jüdische Dominanz in der Verbandsspitze beklagten. Sie gründeten ihrerseits die General Palestinian Sports Federation; nun hatten Juden und Araber im Mandatsgebiet Palästina eigene Wettbewerbe.

Ins Jahr 1934 fällt auch das erste offizielle Länderspiel, wie Stefan Mayr schildert: »Das (komplett jüdische) Team Palästina trat [am 16. März 1934] in der Qualifikation zur Weltmeisterschaft gegen den arabischen Nachbarn Ägypten an. Das Hinspiel war in Kairo. Da es weder Fernseh- noch Radio-Übertragungen gab, versammelten sich etliche Fußballfreunde im Tel Aviver Café Sapir und warteten auf den verabredeten Anruf aus Kairo. Dann machte die Kunde vom 1:0-Sieg Palästinas die Runde. Die Leute sangen und tanzten auf der Allenby-Straße. Bis das wahre Ergebnis aus Kairo übermittelt wurde: 7:1 für Ägypten.« Das – sportlich daraufhin fast schon bedeutungslos gewordene – Rückspiel endete schließlich mit einem 4:1 für die Ägypter. 1938 scheiterte das Team Palästina in der WM-Qualifikation an Griechenland, 1940 gab es noch ein Freundschaftsspiel in Tel Aviv gegen den Libanon. Kriegsbedingt war dies die letzte Partie.


Fußball in Israel: Die ersten Jahre

Kurz nach der Gründung des Staates Israel am 14. Mai 1948 wurde auch der israelische Fußballverband, die Israel Football Association (IFA), ins Leben gerufen. Weil die arabischen Nachbarstaaten den jüdischen Staat jedoch nur einen Tag nach dessen Proklamation angriffen, musste der Ligaspielbetrieb bis auf Weiteres eingestellt werden. Die besten Kicker des Landes reisten gleichwohl – oder gerade deshalb – in die Vereinigten Staaten von Amerika, um gewissermaßen die Botschaft des neuen Staates der Juden in die Welt zu tragen. Im New Yorker Giants-Stadium trugen sie am 26. September 1948 vor 40.000 Zuschauern das erste Fußball-Länderspiel in der Geschichte Israels aus. Es ging mit 1:3 gegen die USA verloren, aber das war angesichts der historischen Bedeutung dieses Ereignisses vollkommen nebensächlich.

Im Oktober 1949, zwei Monate nach dem Ende des Unabhängigkeitskrieges, rollte schließlich auch in der nationalen Liga wieder der Ball, und der erste israelische Meister hieß 1950 Maccabi Tel Aviv (Foto links). Doch schon in der folgenden Saison brachen alte Konflikte zwischen den politischen Bewegungen respektive Organisationen Maccabi und Hapoel wieder auf, weshalb der Ligabetrieb kurzerhand für ein Jahr ausgesetzt wurde. Die einen wie die anderen spielten daraufhin jeweils ihren eigenen Meister aus, bevor 1952 wieder eine gemeinsame Meisterschaftsrunde bestritten wurde, die jedoch weiterhin nicht ohne Spannungen blieb.

Ein weiterer, dauerhafter Störfaktor im israelischen Fußball waren die Kriege, die immer wieder für Unterbrechungen sorgten. Im Juni 1967 beispielsweise platzte der Sechstagekrieg in den Endspurt der ersten Liga und sorgte dafür, dass es keinen Meister gab, sondern die Saison um ein Jahr verlängert wurde und schließlich sage und schreibe 60 Spieltage umfasste (Meister wurde erneut Maccabi Tel Aviv). Als 1973 der Yom-Kippur-Krieg begann, wurden zunächst alle Sportveranstaltungen abgesagt, doch nur knapp drei Wochen nach dem Überfall der arabischen Armeen reiste die US-Nationalmannschaft zu einem Freundschaftsspiel nach Israel, um Amerikas Solidarität mit dem angegriffenen jüdischen Staat zu demonstrieren. Zum ersten Libanonkrieg 1982 wiederum zog die Armee die meisten Fußballer ein, weshalb es in jenem Jahr nur ein einziges Länderspiel gab, nämlich ein Qualifikationsmatch für Olympia.

Apropos Länderspiel: Die erste Weltmeisterschafts-Qualifikation, an der Israel unter diesem Namen teilnahm, war jene für das Turnier 1950 in Brasilien. Angesichts der Kriegs- und Vernichtungsdrohungen der arabischen Staaten hielt der Weltfußballverband FIFA es für ratsam, die Mannschaft des jüdischen Staates in der Qualifikation gegen ein europäisches Team antreten zu lassen. Gegen Jugoslawien verlor die Nivchéret (hebräisch für »Auswahl«) mit 0:6 und 2:5 und schied aus. Etwas besser sah es da schon vier Jahre später aus: Gegen Griechenland gelangen zwei Siege, allerdings war dann erneut Jugoslawien die Endstation, diesmal mit zwei 0:1-Niederlagen.


Israel in der AFC: Boykotte, Boykotte, Boykotte

1956 trat der israelische Verband der Asiatischen Fußball-Konföderation (AFC) bei, in deren geografischem Einzugsbereich das Land bekanntlich liegt. Doch bei der Qualifikation zum Asien-Cup, der im gleichen Jahr stattfand, wollten Afghanistan und Pakistan nicht gegen Israel antreten, denn sie erkannten den jüdischen Staat nicht an. Dadurch kam die israelische Auswahl kampflos in die Endrunde, in der sie gegen Südkorea, Hongkong und Südvietnam spielte und das Turnier als Zweitplatzierte beschloss. Als Nächstes stand die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1958 an. Und nun begann ein nachgerade absurdes Theater. Denn im Laufe des Jahres 1956 verschärfte sich der Konflikt zwischen Ägypten und Israel, das sich zunehmend Angriffen durch die terroristischen Fedayin von ägyptischem Territorium und vom ägyptisch besetzten Gazastreifen aus erwehren musste. Ägypten bildete ein Bündnis mit Jordanien und Syrien, blockierte den Golf von Akaba und sperrte den Suezkanal für israelische Schiffe. Israel setzte sich zur Wehr und besetzte den Gazastreifen und die Sinai-Halbinsel. Diese Geschehnisse sind unter dem Schlagwort »Suezkrise« bekannt geworden.

Und sie hatten Auswirkungen auch auf den Fußball, denn die Fußballverbände sämtlicher Staaten, die Israel nicht anerkannten, weigerten sich, Spiele gegen die Nivchéret auszutragen. Zunächst sollte Israel in der Vorrunde gegen die Türkei antreten, doch die dachte gar nicht daran aufzulaufen. In der Zwischenrunde sollte Israel gegen Indonesien spielen, doch auch Indonesien trat nicht an. Schließlich erwartete Israel im Finale der Ausscheidungsspiele den Sudan, doch auch dieser boykottierte das Match. Von den drei vorgesehenen Spielen fand also keines statt. Damit wäre Israel eigentlich kampflos für die WM qualifiziert gewesen, doch dagegen hatte die FIFA etwas: Weil nicht sein konnte, was nicht sein durfte, loste sie kurzerhand aus allen europäischen Gruppenzweiten ein Land aus und ließ dieses gegen Israel um den letzten freien Platz beim WM-Turnier in Schweden antreten. Gegen Wales verlor Israel das Hin- und das Rückspiel jeweils mit 0:2 und war damit ausgeschieden. Die Boykottbewegung hatte dank der FIFA also doch noch ihr unsportliches Ziel erreicht.

An den Asienmeisterschaften nahm Israel anschließend zwar noch bis 1972 teil, doch auch dabei war es immer wieder mit Boykotten konfrontiert: Zu den Spielen 1962 in Indonesien beispielsweise wurde die Nivchéret gar nicht erst eingeladen, und 1972 erklärte sich lediglich Südkorea bereit, in der Qualifikation gegen sie anzutreten. Israel verzichtete letztlich, zumal die arabischen Staaten angekündigt hatten, im Falle einer Qualifikation der israelischen Auswahl die Endrunde zu boykottieren. Wenn es im Beritt des asiatischen Verbandes doch einmal zu Spielen kam, war Israel überaus erfolgreich, sowohl auf Nationalmannschafts- als auch auf Klubebene. Die Asienmeisterschaften 1964 beispielsweise gewann die Nivchéret vor heimischem Publikum in Tel Aviv vor Indien und Südkorea, und im 1967 erstmals ausgetragenen Asian Champion Club Tournament – dem Pendant zum Europapokal der Landesmeister – blieben israelische Klubs in drei der ersten vier Wettbewerbe siegreich: Maccabi Tel Aviv gewann den Titel zweimal, Hapoel Tel Aviv einmal. (Danach wurden die Meisterschaften 14 Jahre lang nicht mehr ausgetragen.)

Nach 18 Jahren israelischer Zugehörigkeit zur Asiatischen Fußball-Konföderation jedoch, die von ständigen Boykotten und Boykottdrohungen gegenüber dem jüdischen Staat geprägt waren, schloss die AFC den israelischen Verband im Jahr nach dem Yom-Kippur-Krieg, also 1974, auf Antrag Kuwaits aus. Die Alternative hätte darin bestanden, die Boykotteure konsequent zu bestrafen, doch dafür gab es innerhalb der AFC keine Mehrheit.


Eine Odyssee rund um den Globus

Bei der WM-Qualifikation wurde die israelische Auswahl bald von Kontinentalverband zu Kontinentalverband gereicht, und das auch schon zu Zeiten ihrer AFC-Mitgliedschaft: Die Ausscheidungsspiele für die Turniere 1962 und 1966 bestritt die Nivchéret in der Europagruppe, die für die Wettkämpfe 1970 in der Ozeaniengruppe und die für die Endrunden 1974 und 1978 wieder in der Asiengruppe. Und so ging es munter weiter: 1982 Europa, 1986 Asien, 1990 Ozeanien. An der Qualifikation zu kontinentalen Meisterschaften – also zur Asien- oder Europameisterschaft – nahm Israel zwischen 1974 und 1994 überhaupt nicht mehr teil, weil es nach dem Ausschluss aus der Asiatischen Fußball-Konföderation  ja keinem Verband mehr angehörte.

Im Jahr 1978 stellte der israelische Fußballverband zwar erstmals einen Antrag auf Beitritt zur UEFA, doch der wurde nicht zuletzt mit dem Verweis auf die Statuten abgelehnt: Es sei nicht möglich, so hieß es damals, einen geografisch nicht in Europa liegenden Verband aufzunehmen. Vor allem die osteuropäischen Mitgliedsländer hatten sich strikt gegen das israelische Ersuchen ausgesprochen. Mit dem Zusammenbruch des realsozialistischen Blocks änderte sich die Situation jedoch. Vorerst ließ die UEFA israelische Mannschaften zwar nur zu Spielen in ihrem – vergleichsweise bedeutungslosen – Intertoto-Cup zu, doch 1991 gab es eine Zweidrittelmehrheit für eine Änderung der Statuten zugunsten Israels, das nun in den europäischen Verband aufgenommen wurde und drei Jahre später schließlich auch die Vollmitgliedschaft erhielt. Seitdem nehmen israelische Klubmannschaften an den Wettbewerben des Europapokals teil, und die israelischen Auswahlteams bestreiten ihre EM- und WM-Qualifikationsspiele in der Europagruppe.

Ein derartiges Hin und Her ist in der Geschichte des Weltfußballs einzigartig; kein anderer Fußballverband musste je solche permanenten Versetzungen über sich ergehen lassen. Drakonische, das heißt über Punktabzüge hinausgehende Maßnahmen gegen jene Mitgliedsverbände, die Wettbewerbsspiele gegen Israel verweigerten, mochte die FIFA gleichwohl nicht ergreifen. Unter Berufung auf ihre angeblich unpolitische Rolle hielt sie sich stets vornehm heraus. Die israelischen Fußballer und die Verantwortlichen ihres Verbands begegneten dem mit einem gewissen Pragmatismus. Denn sie wollten ihre Qualifikationsspiele gerne austragen, statt darauf zu bestehen, die Punkte kampflos zugesprochen zu bekommen. Dafür flogen sie notfalls sogar bis nach Australien und Neuseeland. Ori Shilo, der gegenwärtige Generalsekretär des israelischen Fußballverbandes, ist gleichwohl froh, dass das nicht mehr nötig ist. In einem Interview des Deutschlandfunks sagte er: »Die Zeit, als wir in der Ozeaniengruppe spielen mussten, machte keinen Sinn. Außerdem fühlen wir uns wie Europäer. Wir könnten auch wieder in Asien spielen, aber das wird politisch noch nicht einmal zu diskutieren gewagt. Und wissen Sie: Länder wie Griechenland, Zypern, die Türkei und Mazedonien spielen ja auch in Europa mit, und wir finden, dann gehören wir auch dazu.«


Erfolge mit Emmanuel Scheffer…

Angesichts der jahrzehntelang äußerst widrigen Voraussetzungen ist es umso höher einzuschätzen, was Israel 1968 bei den Olympischen Spielen und zwei Jahre später bei seiner ersten und bisher einzigen Teilnahme an einer Fußball-Weltmeisterschaft erreichte. Und diese Erfolge sind eng mit einem Namen verbunden, dem des damaligen Nationaltrainers Emmanuel »Eddy« Scheffer nämlich. Geboren wurde Scheffer (Fotos rechts) am 11. Februar 1923 in Recklinghausen im nördlichen Ruhrgebiet; nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten emigrierte er mit seiner Familie erst nach Frankreich und dann ins Saarland, bevor die Scheffers 1934 ins ostpolnische Drohobycz zurückkehrten, wo sie bereits vor der Geburt ihres Sohnes Emmanuel gelebt hatten. Eddy Scheffer besuchte in Drohobycz das Gymnasium und schloss sich Beitar Drohobycz an, einem Klub der zionistischen Jugendbewegung. »Die Familie«, so schreibt Ralf Piorr in einem Beitrag für das österreichische Fußballmagazin Ballesterer, »lebte im Milieu jener Dörfer und Kleinstädte, in denen das jiddische Leben zwischen Rabbiner und Nebbich pulsierte. Einem Milieu, das im Zweiten Weltkrieg vollständig ausgelöscht werden sollte.«

In der Tat: Im Spätsommer des Jahres 1940 stürmten deutsche Mörder das Haus der Familie Scheffer und brachten alle anwesenden Familienmitglieder um: die Mutter, den Vater und die drei Töchter. Der 17jährige Emmanuel blieb am Leben, weil er nicht zu Hause war, sondern in Russland – »reiner Zufall«, wie er später sagte. In Russland erkrankte er bald an Diphtherie und Typhus, er kam nach Alma Ata in Kasachstan, wurde vier Jahre lang in einem Arbeitslager interniert, arbeitete in einer Schuhfabrik und spielte Fußball bei Dynamo Alma Ata. Nach der Befreiung vom Nationalsozialismus kehrte Scheffer zunächst nach Polen zurück und spielte dort fünf Jahre lang in der zweiten Liga, bevor er 1950 nach Israel auswanderte und sich dort – zum vierten Mal in seinem noch jungen Leben – eine neue Existenz aufbaute.

Diesen Schritt hatte er eigentlich schon früher vorgehabt, doch aufgrund fehlender Papiere und eines von der britischen Mandatsmacht verhängten Einwanderungsstopps musste er vorläufig noch in Polen bleiben. Stefan Mayr berichtet in »Davidstern und Lederball«, in Israel habe sich Emmanuel Scheffer zum ersten Mal wirklich willkommen gefühlt – »nicht zuletzt dank seines fußballerischen Talents. Hapoel Haifa, ein Verein der soeben gegründeten Nationalliga, verpflichtete Scheffer und verschaffte ihm einen Job im Hafen. ›Wenn Training und Spiel war, hatte ich frei‹, berichtet Scheffer. [...] Der Linksaußen stürmte später noch für Hapoel Kfar Saba und schaffte es sogar in die Nationalelf seiner neuen Heimat. Seine Länderspielbilanz: Sechs Spiele, sechs Tore.«

Nach seiner aktiven Karriere ließ sich Emmanuel Scheffer zum Fußballlehrer ausbilden und kehrte dafür vorübergehend ins Land der Mörder seiner Familie zurück: 1958 erwarb er an der Sporthochschule Köln unter der Leitung von Hennes Weisweiler sein Trainerdiplom. Um sich diese Ausbildung zu finanzieren und außerdem Praxis zu sammeln, coachte er nebenbei die Mannschaft des nordrhein-westfälischen Verbandsligisten Rhenania Würselen. Zurück in Israel, trainierte er zunächst Ligaklubs, die Mannschaft der Luftwaffe und das Junioren-Nationalteam, bevor er 1968 zum Chefcoach der israelischen Nationalmannschaft aufstieg. Was dort an seinem ersten Arbeitstag geschah, hat Scheffer in Interviews immer wieder gerne erzählt. Als er sich der Mannschaft vorstellte, sagte er: »Ab jetzt haben wir dreimal Training.« Die Spieler wollten wissen, an welchen Tagen, woraufhin Scheffer entgegnete: »Um 7 Uhr, um 11 Uhr und um 15 Uhr.« Das war ein entscheidender Schub in Richtung Professionalisierung des israelischen Fußballs, und die ersten Resultate setzten dann auch rasch ein.

Auf Anhieb gelang erstmals die Qualifikation für die Olympischen Spiele – wenngleich das noch eine vergleichsweise leichte Angelegenheit war. Denn die zugelosten Gegner Burma, Iran und Indien boykottierten den jüdischen Staat. Daher genügten zwei Siege über Ceylon mit 7:0 und 4:0, um das Ticket nach Mexiko City zu lösen. Dort rechtfertigte die Nivchéret jedoch ihre Anwesenheit: Sie erreichte das Viertelfinale und kam nur deshalb nicht noch weiter, weil nach einem 1:1-Unentschieden gegen Bulgarien das Los über das Weiterkommen entscheiden musste und das israelische Team diese Lotterie verlor.

Ein Achtungserfolg, mit dem aber weder die Mannschaft noch ihr Trainer zufrieden war. Man wollte unbedingt zur Weltmeisterschaft 1970, die ebenfalls in Mexiko stattfand. Kein aussichtsloses Unterfangen in der Ozeaniengruppe, in der Israel erstmals zur Qualifikation antrat. Nach zwei Siegen gegen Neuseeland (4:0 und 2:0) musste nur noch Australien aus dem Weg geräumt werden. Im Nationalstadion von Ramat Gan sahen 50.000 Zuschauer einen 1:0-Sieg des israelischen Teams, das Rückspiel in Sydney endete 1:1. Die Spieler trugen Emmanuel Scheffer auf ihren Schultern vom Platz. Erstmals war Israel beim wichtigsten Fußballturnier der Welt startberechtigt.


…und Mordechai Spiegler

Die Vorbereitung auf dieses Ereignisses war zwar von einigen Pleiten geprägt – gegen Borussia Mönchengladbach etwa setzte es ein 0:6 –, doch in Mexiko schlug sich die Nivchéret überaus achtbar: 0:2 gegen den späteren WM-Vierten Uruguay, 1:1 gegen Schweden, 0:0 gegen den späteren Vizeweltmeister Italien. Israel war damit draußen, hatte sich in einer schwierigen Gruppe aber ordentlich aus der Affäre gezogen. Und ein Mann trug sich gar in die Sportannalen seines Landes ein, nämlich Mordechai Spiegler (Fotos links), bis heute wohl der bekannteste israelische Fußballer aller Zeiten. Denn Spiegler war es, der am 7. Juni 1970 das 1:1 gegen Schweden erzielte und sich später schmunzelnd erinnerte: »Es waren 25 Meter, ein starker Rückenwind, und das Tor muss in Richtung Jerusalem gestanden haben.« Sein Treffer ist bis heute der einzige, den Israel bei einer WM erzielte.

Das Tor veränderte Spieglers Leben: Später spielte er zusammen mit Pelé bei New York Cosmos, er war Trainer in Israel, anschließend Berater, dann Co-Kommentator im Fernsehen. Und nicht nur ihm wurde bei der Rückkehr aus Mexiko ein euphorischer Empfang bereitet, wie Stefan Mayr berichtet: »Trotz des vorzeitigen Ausscheidens wurde die Nivchéret bei der Landung in Tel Aviv gefeiert wie ein Weltmeister. Die zwei Punkte und das Tor waren ein Triumph für den jungen Staat, der erst 22 Jahre zuvor gegründet worden war. Selbst die Stars von damals [...] waren älter als ihr Staat. [...] ›Wir sind jetzt da‹, dachten sich 1970 die Menschen zwischen Mittelmeer und Jordan, die drei Jahre zuvor im Sechs-Tage-Krieg noch um das Existenzrecht ihres Staates gekämpft hatten.« 1971 trat Emmanuel Scheffer als Trainer der israelischen Auswahlmannschaft zurück, 1978 übernahm er das Team noch einmal, aber diesmal ohne einen ähnlichen Ertrag. »Der wahre Vater unseres damaligen Erfolgs war nicht ich, sondern Emmanuel Scheffer«, sagt Mordechai Spiegler über seinen Nationaltrainer.

Der erfolgreichste israelische WM-Teilnehmer ist freilich ein Schiedsrichter, nämlich Avraham Klein (Fotos rechts), der bei den Turnieren 1970, 1978 und 1982 eingesetzt wurde. 1978 leitete er unter anderem die legendäre Partie zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Österreich. Keine einfache Angelegenheit, wie Klein im März 2010 in einem Interview der Jüdischen Allgemeinen bekannte: »Ich hatte ein Spiel zu pfeifen, in dem gleich zwei Täterländer gegeneinander kickten. Zudem fand es im argentinischen Cordoba statt. Ich bekam dort schnell zu spüren, dass die starke jüdische Gemeinde von Buenos Aires nicht wirklich glücklich damit war, dass gerade ich diese Auseinandersetzung zu leiten hatte, nach dem Motto: ›Wie kannst du nur?‹ Aber ich war vom Fußballweltverband FIFA nominiert worden und musste meinen Job machen.«

Avraham Klein pfiff schließlich auch das Spiel um den dritten Platz. Eigentlich war er sogar als Referee für das Finale zwischen Gastgeber Argentinien und den Niederlanden im Gespräch, nachdem er die Partie Argentinien gegen Italien souverän geleitet hatte. Doch die Argentinier fühlten sich trotz ihres Weiterkommens benachteiligt und lehnten Klein ab. Hinzu kam, dass die herrschende Militärjunta, die Juden gegenüber, um es zurückhaltend zu formulieren, alles andere als freundlich gesinnt war, Anstoß daran nahm, dass Klein vor dem Spiel Argentiniens gegen Italien die Jüdische Gemeinde des Landes besucht hatte. Ihm wurde von argentinischer Seite aber auch deshalb Voreingenommenheit unterstellt, weil der Endspielgegner Niederlande hieß. Als »Kriegswaise« hatte Klein ein Jahr lang im niederländischen Apeldoorn verbracht. Und mit Ruud Krol trug ein Mann die Kapitänsbinde der Oranjes, dessen Vater in den Jahren der deutschen Besatzung Juden das Leben gerettet hatte. Die FIFA folgte dem argentinischen Wunsch, Avraham Klein nicht das Endspiel pfeifen zu lassen, obwohl sie sonst stets betont, sich von niemandem in die Einteilung der Unparteiischen hineinreden zu lassen.

Bereits vier Jahre zuvor, bei der WM in der Bundesrepublik, hatte Klein unschöne Erfahrungen mit dem Weltfußballverband machen müssen, wie er im erwähnten Interview der Jüdischen Allgemeinen sagte: »Ich rechnete fest mit meiner Nominierung für dieses große Turnier. Ich hatte international einen guten Namen und war ja bei der WM in Mexiko 1970 auch schon dabei. Anfang 1974 teilte mir die FIFA jedoch mit, mich nicht zu berücksichtigen. Und zwar, weil sie wegen des Anschlags auf das israelische Olympiateam in München zwei Jahre zuvor nicht für meine Sicherheit garantieren konnte und wohl auch wollte.«

Im zweiten Teil geht es unter anderem um die Zeit seit der Aufnahme in die UEFA, die israelischen Fußballfans und die israelisch-deutsche Fußballgeschichte.

Link-Tipp: Aktuelle Berichte und Beiträge zum israelischen Fußball gibt es auf dem Weblog »Fußball in Israel«, das auch über einen Twitter-Account verfügt.


* Für Vorträge an anderen Orten steht der Autor gerne zur Verfügung. Anfragen bitte per E-Mail oder über das Kontaktformular. Einzelne Teile des Vortrags, die in dieser Überblicksdarstellung nur in geraffter Form präsentiert werden konnten, können dabei auf Wunsch gerne ausführlicher behandelt werden.

** Stefan Mayr: Zwischen Intifada und Champions League. Fußball in Israel, in: Dietrich Schulze-Marmeling (Hg.): Davidstern und Lederball. Die Geschichte der Juden im deutschen und internationalen Fußball, Göttingen 2003 (Verlag Die Werkstatt), S. 488–505. Viele Ausführungen, die hier nicht explizit anderweitig nachgewiesen sind, basieren auf diesem Beitrag.


Einsortiert unter:Fußball, Politik Tagged: Avraham Klein, Beitar Jerusalem, Emmanuel Scheffer, Hapoel Tel Aviv, Israel, Maccabi Haifa, Maccabi Tel Aviv, Mordechai Spiegler, Ultras Hapoel, Ultras Maccabi

Der Antisemitismus und die Linke – Antisemitism and the Left January 6, 2014 | 09:00 am

This post includes two presentations in english language – english descriptions you find further down (point 3 and 4). Please forgive, if there are some mistakes in the english descriptions. | Zu Antizionismus und sekundärem Antisemitismus vgl. auch diesen Beitrag.

1.) Die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung

Peter Nowak hat am 19.09.2013 in Erfurt einen Vortrag (organisiert vom BiKo und der Offenen Arbeit) über die Antisemitismusdebatte in der linken Bewegung im deutschsprachigen Raum gehalten, der auf seinem Buch „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte in der in der deutschen Linken“ basierte, das kürzlich bei Edition Assemblage erschienen ist. Der Vortrag ist eher in einem chronologisch-erzählendem Stil gehalten, die theoretischen Diskussionen über die ideologische Struktur und den Stellenwert des Antisemitismus sind hingegen kaum entfaltet. Der Vortrag ist dennoch interessant – vor allem für solche, die sich zunächst einen Überblick über die Gemengelage verschaffen wollen. Stationen des Vortrags sind u.a. die Texte „Gerd Albartus ist tot“ und „Das Ende der Politik“ der Revolutionären Zellen / Rote Zora (interessant: die Textsammlung „Früchte des Zorns“), der Zerfall des Kommunistischen Bundes und die Spaltung des „Arbeiterkampfes“, die Diskussionen um eine Hamburger Wandbemalung, die Nie-Wieder-Deutschland-Kampagne und später die Diskussionen nach dem Anschlag auf das World Trade Center am 11.09.2001. Unverständlich bleibt mir, was ein „progressiver Antizionismus“ sein soll, den Nowak vom „regressiven Antizionismus“ unterschieden wissen will.

Über den Antisemitismus in der linken Bewegung ist in den letzten 20 Jahren viel geschrieben worden. Doch warum hat gerade dieses Thema eine solche Sprengkraft entwickelt, dass langjährige politische Zusammenhänge, alte politische Freundschaften und viele Wohngemeinschaften daran in die Brüche gegangen sind? Oft sind die politischen Zusammenhänge nicht mehr bekannt, die dafür sorgten, dass diese Debatte in Deutschland einen solchen Stellenwert bekommen hat. Der Journalist Peter Nowak hat in der edition assemblage die „Kurze Geschichte der Antisemitismusdebatte“ herausgegeben, in der an einige bereits in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts unter Anderem von Wolfgang Pohrt und Moishe Postone verfasste Grundlagentexte zur Antisemitismusdebatte erinnert wird, die erst nach 1989 in den Teilen einer Linken rezipiert wurde, die sich kritisch mit Staat und Nation auseinanderzusetzen begannen. Auf der Veranstaltung soll auch an konkreten Beispielen aufgezeigt werden, wie sich der Fokus der Antisemitismusdebatte von der Politik in Deutschland auf den Nahen Osten verlagerte und welche politischen Implikationen damit verbunden waren. Besonders die Auswirkungen, die die islamistischen Anschläge vom 11.09.2001 auf die Antisemitismusdebatte hatten, soll genauer dargestellt werden. Schließlich soll ein Vorschlag zur Versachlichung zur Diskussion gestellt werden, der an Diskussionen anknüpft, wie sie in der letzten Zeit in linken Zusammenhängen geführt wurde, die weder ein Interesse daran haben, dass sich die Antisemitismusdebatte ständig nur wiederholt, die aber auch nicht bereit sind, bestimmte in der Auseinandersetzung mit regressiven Antizionismus und verkürzter Kapitalismuskritik gewonnene Grundlagen aufzugeben.

Peter Nowak lebt in Berlin und arbeitet als Journalist unter Anderem für die Jungle World und das Onlinemagazin Telepolis.

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Offenen Arbeit Erfurt mit dem Bildungskollektiv Biko und gefördert vom Lokalen Aktionsplan der Stadt Erfurt.
mehr: http://peter-nowak-journalist.de/ [via]

    Download: via AArchiv (mp3; 63,7 MB; 1:09:34 h)

2.) Wie hältst du es mit Israel? Zündfunkgenerator über linken Antisemitismus

Mit dem Verhältnis der Linken zu Israel hat sich Anfang des vergangenen Jahres ein Feature der Sendereihe „Zündfunk-Generator“ auseinandergesetzt. Ausgangspunkt ist die kurzzeitige Aufregung, die Anfang des Jahres 2010 innerhalb und außerhalb der Partei „Die Linke“ entstand, nachdem bei einem Besuch des israelischen Staatspräsidenten im Bundestag Sarah Wagenknecht und drei weitere Linke-Abgeordnete demonstrativ sitzen geblieben waren. Zu Wort kommen u.a. Henryk M. Broder, Peter Ullrich, Stefanie Schüler-Springorum und Bodo Ramelow. Zu Beginn des Features gibt es einen kurzen Blick in die Geschichte des linken Antisemitismus von der Arbeiterbewegung bis zur Neuen Linken, später verliert sich das Feature m.E. (u.a. anhand der Augstein-Debatte) in der unvermeidlichen Frage, was man in der Debatte um Israel darf und was nicht, es geht um Fallstricke und Sicherheitskriterien. Das Feature ist um Ausgewogenheit und die Vermeidung von „extremen Positionen“ bemüht – was nicht selten zum Nachteil für Israel gerät, dem man freilich ein Existenzrecht zuspricht. In diesem Fall wird Jakob Augstein kurz vor Ende vom Antisemitismusverdacht freigesprochen.

    Download: via Rapidshare (mp3; 47,8 MB; 52:09 min)
    Hören: auf BR2

3.) Antisemitism and the Left: A German-U.S. Comparison

Am 29.11.2011 hat Zeena Arnold in New York für die Gruppe „The Platypus Affilated Society“ (eine Gruppierung, die Moishe Postone nahesteht) einen Vortrag über Antisemitismus und die Linke gehalten, der u.a. auf antisemitische Manifestationen in der us-amerikanischen Occupy-Bewegung (z.B. hier) reagiert. Skizzenartig stellt sie einige Grundmerkmale des Antisemitismus vor, wobei sie auch auf den sekundären und strukturellen Antisemitismus eingeht und darlegt inwiefern Antikapitalismus und Antisemitismus zusammengehen können. In ihrer kurzen historischen Darstellung geht sie auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den deutschen und amerikanischen Verhältnissen ein. In ihren Ausführungen bezieht sie sich u.a. auf Adorno und Horkheimer sowie auf Moishe Postone (Antisemitismus und Nationalsozialismus).

On 29.11.2011 Zeena Arnold held a lecture about Antisemitism and the Left at the university in New York, that was organised by the group „The Platypus Affilated Society“. In a way the lecture was a reaction on some antisemitic manifestations within the Occupy movement (one example). Roughly sketched she talked about general characteristics of antisemitism, as secondary and structural antisemitism and shew how anticapapitalism and antisemitism (not necessarily) can go together. In her historical portrayal she compared antisemitism in Germany/Europe and in the USA. In her explanations she quoted Adorno and Horkheimer („Dialectic of Enlightment“, specially the chapter „Elements of Antisemitism“), as Moishe Postone („History and Helplessness“, „Antisemitism and National Socialism“).

From accusations directed towards Occupy Wall Street to arson attacks in Brooklyn, antisemitism has reemerged as a concern of the left in recent months. This talk will look at the relationship between the left and antisemitism, giving an overview of different historical forms, analyzing divergent theoretical explanations, and comparing the U.S. and German cases. Special attention will be given to examining the particular relationship of antisemitism to political economy and critiques of capitalism, the political implications of viewing antisemitism as a form of prejudice versus an ideology, and left debates around antisemitism and Israel post-9/11. This event continues the transatlantic dialogue series initiated by the Platypus Affiliated Society which aims to rebuild an emancipatory internationalism. Zeena Arnold is an activist and scholar from Germany researching perspectives on antisemitism within the U.S. left. [via]

    Download: via Archive.org (mp3; 87,6 MB; 1:16:32 h) | via AArchiv: Lecture (40 MB; 43:39 min) / Discussion (30,1 MB; 32:52 min)

4.) Israel, the Left, and the Crisis of the Late 1960s

Unter diesem Titel liegt uns ein Vortrag von Moishe Postone vor, den er an der Universität Wisconsin-Madison gehalten hat. Wenn ich es richtig verstanden habe (die etwas verhallte Aufnahme macht es etwas schwierig, das Englisch zu verstehen), versucht er einen Zusammenhang zwischen dem linken Antisemitismus und Antizionismus und der Ende der 60′er, Anfang der 70′er Jahre nach einer Periode der Prosperität erstmals wieder einbrechenden Krise zu rekonstruieren. Dabei greift er auf Aspekte seiner Antisemitismus-Theorie zurück, die er in Antisemitismus und Nationalsozialismus entwickelt hat. [Falls jemand eine genauere Inhaltsangabe schreiben kann/will – her damit!]

We present a lecture, Moishe Postone held at the University of Wisconsin-Madison. If I unterstood correctly (the quality is not the best, what makes it difficult for me to understand the english language), he tries to reconstruct a dependence between the leftist antisemitism and antizionism and the crisis in the late 60’s / early 70’s, that hit after a period of prosperity. For this he quotes aspects of his theory of antisemitism, he has expounded in his text „Antisemitism and National Socialism“. [If somebody wants to give a more exactly summary – you‘re welcome!]

    Download: via AArchiv (45,5 MB; 49:41 min) | via Soundcloud

5.) Zeiten des Zorns – Zur Geschichte und Politik der Revolutionären Zellen

Back to Germany: Die letzten Statements der Revolutionären Zellen sind dahingehend mit der Antisemitismusdebatte in der deutschen Linken verbunden, als dass in ihnen — mehr als 10 Jahre nach der Entebbe-Entführung, bei denen Mitglieder der RZ Juden und Nicht-Juden voneinander selektiert hatten — erstmals aus der antiimperialistischen Bewegung heraus Zweifel am linken Antizionismus formuliert wurde, der fest in der Theorie und Praxis der bewaffneten Gruppen verankert war. In ihrer Bewertung der Geschichte der RZ spielen Antisemitismus und Antizionismus zwar keine Rolle (bzw. werden kurz als unwesentlich abgetan), der Vortrag von Klaus Viehmann (ehemals Bewegung 2. Juni) und Stefan Wisniewski (Ex-RAF-Mitglied), den beide am 22.03.2001 im Berliner SO36 gehalten haben, ist dennoch interessant, da er einen ausführlichen Überblick über die Aktivitäten, Aktionsformen und Debatten der RZ von ihren ersten Aktionen bis zu ihrer Auflösung gibt. Zwischendurch sind Ausschnitte aus einem Interview mit Enno Schwall (RZ) von 1986 einmontiert, das damals nicht veröffentlicht wurde. Schwall gibt darin Statements zu einer (damals) neuen Perspektive auf den bewaffneten Kampf, wie sie den RZ vorschwebte.

Durch eine Reihe von Verhaftungen wurden Revolutinäre Zellen und Rote Zora wieder in das Bewußtsein der Öffentlichkeit gerückt. Aber hinter den Fragen der Solidarität mit den Angeklagten, der Prozessstraegie oder der Auswirkungen von Verrat ist die Politik dieser Gruppen aus der linken Diskussion fast verschwunden. In der Veranstaltung soll die langjährige Geschichte der RZ vorgestellt und diskutiert werden. Wieso entstanden die RZ Anfang der 70er Jahre? Mit welcher Konzeption traten sie an? Welche Sozialrevolutionären und antiimperialistischen Ansätze versuchten sie zu verwirklichen? Wie kam es zur Aktion gegen die OPEC- Konferenz 1995 und zur Entführen eines Verkehrsflugzeuges nach Entebbe 1976? Wie veränderten sich die RZ in den 80er Jahren? Warum wurde die „Flüchtlingskampagne“ gestartet? Und wieso haben die RZ ihre Aktionen seit einigen Jahren eingestellt? Ausschnitte aus dem Film der Veranstaltung am 22. März 2001 im SO 36 in Berlin u.a. mit Klaus Viehmann (Bewegung 2. Juni und zu 15 Jahre Haft verurteilt. Von 1978 bis 1993 im Knast) und Stefan Wisniewski (RAF und zu zweimal lebenslänglich verurteilt, 1978 – 1999 in Haft.)

    Download (Audio): via AArchiv (75,9 MB; 1:22:53 h)
    Video: youtube oder

Tags: , , , , , , , , , , , , , , , , , , , ,

Mitschnitt des Vortrages von Stephan Grigat: „Befreite Gesellschaft & Israel – Über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Zionismus“ December 30, 2013 | 04:42 pm

Am 12. November hielt Stephan Grigat auf Einladung des Landesarbeitskreises (LAK) Shalom der Linksjugend ['solid] Baden-Württemberg, der Gruppe Emma und Fritz, DIKA e.V. und des Komma Esslingen einen Vortrag unter dem Titel „Befreite Gesellschaft & Israel – Über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Zionismus“. Im Zentrum des Vortrags standen die Fragen, wie das Spannungsverhältnis zwischen [...]

Antizionismus ohne Israel December 22, 2013 | 09:00 pm

Es mag zunächst absurd erscheinen, in Bezug auf eine Zeit vor der Staatsgründung Israels, ja gar vor dem Aufkommen eines zionistischen Staatsgründungsvorhabens, von »Antizionismus« zu sprechen. Es gibt jedoch mehr als bloß Indizien dafür, dass der gemeine Antisemitismus schon immer auch eine politische Ausdrucksform hatte, die sich gegen die Möglichkeit eines staatlichen, jüdischen Gemeinwesens richtete. Zwei Vorträge beleuchten diesen Zusammenhang und widmen sich dabei auch der Problematik des »sekundären Antisemitismus« als Erklärungsansatz von (insbesondere linker) Israel-Feinschaft im 20. Jahrhundert und heute.

1. Antizionismus ohne Israel. Der Haß auf den jüdischen Staat im deutschen Idealismus um die Wende zum 19. Jahrhundert

Daniel Späth (Redaktion Exit!) wurde – überraschend genug – nach Freiburg eingeladen, um im Jour Fixe-Programm der ISF Thesen zum Antizionismus bei Kant und Hegel vorzustellen. Seine Ausführungen beschränkten sich aus Gründen des Umfangs auf Immanuel Kant und dessen Antisemitismus. Die recht voraussetzungvolle Argumentation ist nachzulesen in der Exit! #10; ein (Teil-)Aufsatz zu Hegel in der Ausgabe #11.

Download: Teil 1 (0:36 h, 21 MB), Teil 2 (0:45 h, 27 MB)

Es ist ein gängiger Topos der linken Antisemitismuskritik, daß der “sekundäre Antisemitismus” nach Auschwitz zu einer Verschiebung in der judenfeindlicher Agitation geführt habe, sodaß die “klassischen” Stereotype des Judenhasses nun randständig seien. Nicht der “Wucher-Jude” mit der langen Nase werde heute als Verkörperung der Weltverschwörung identifiziert, sondern Israel, wobei der Judenhaß in Form von Staatskritik ein scheinbar unverfängliches Objekt hat: Man wird ja wohl noch Staaten kritisieren dürfen… Aber so unverzichtbar daran die kritische Einsicht ist, daß Auschwitz ins kollektive Unbewußte sedimentierte und daher ein deutscher Schuldkomplex entstand, der die Wiederkehr des Verdrängten an neuen Symboliken zu bekämpfen sich anstrengt, so verkürzt muß eine Antizionismuskritik bleiben, die von der bloßen Verschiebung des Antisemitismus zum Antizionismus ausgeht, d.h. von einer bloß sekundären Wirksamkeit des israelfeindlichen Ressentiments. Denn damit wird die fetischistische Selbstständigkeit antisemitischer Ideologiebildung ausgeblendet, die sich unabhängig vom realen Verhalten von Juden artikuliert. Wie der Antisemitismus auch ohne Juden und Jüdinnen seinem Wahn frönt, so existieren schon lange vor der Staatsgründung Israels eindeutig antizionistische Motive. Vor allem der deutsche Idealismus in seiner durchweg affirmativen Installation bürgerlicher Vernunft generierte bereits Ende des 18. Jahrhundert das Phantasma einer dezidierten “Unmöglichkeit” jüdischer Staatlichkeit, lange bevor dies auf der politischen Tagesordnung stand. Es verwundert nicht, daß die antideutsche Theoriebildung auf diesem Auge bis heute blind ist. Schließlich gilt ihr die bürgerliche Vernunft als letzter Restposten, als immanenter Rückzugsort gegenüber einem scheinbaren “Aufklärungsverrat”, wie er vor allem in der islamistischen Barbarei und im völkischen Antiimperialismus ausgemacht wird. Dabei übersieht die antideutsche Theorie, daß es die bürgerliche Vernunft selbst ist, die aus ihrer eigenen Widersprüchlichkeit heraus antisemitische und antizionistische Denkformen setzt und nicht etwa die Irrationalität einer wie auch immer gearteten “Gegenaufklärung”. – Es spricht Daniel Späth (Tübingen), der für “Exit! Kritik der Warengesellschaft” schreibt (etwa Das Elend der Aufklärung: Antisemitismus/ Antizionismus, Rassismus und Antiziganismus bei Immanuel Kant in N° 10, Horlemann-Verlag, Berlin 2012, sowie Form- und Ideologiekritik der frühen Hegelschen Systeme I, in N° 11/2013), dazu auf http://linkeirrwege.blogsport.de/ publiziert.

2. Sekundärer Antisemitismus – ein Erklärungsansatz für Israel-Feindschaft in der Linken?

Olaf Kistenmacher widmete sich bereits 2011, in einem in Ludwigsburg gehaltenen Vortrag, der Frage, warum im sekundären Antisemitismus nicht die Ursache für den Hass auf Israel innerhalb der deutschen Linken seit 1967 zu sehen ist. Anhand von auf den Nahen Osten bezogenen Äußerungen und Einschätzungen der KPD der 1920er Jahre beleuchtete er die Vorgeschichte des linken Antizionismus.

Download: Ohne Jingle via AArchiv (0:58 h, 20 MB) | Mit Jingle via FRN (1 h, 56 MB)

Die Sendung enthält eine kurze Moderation bzw. Einleitung von Lothar Galow-Bergemann (Emanzipation und Frieden) und einen Eröffnungsjingle, den ich weggeschnitten habe.

Als „sekundären Antisemitismus“ bezeichnet die Kritische Theorie eine Judenfeindschaft, die erst nach 1945 entstanden ist. Dieser Erklärungsansatz wird oft für den Antisemitismus in der politischen Linken herangezogen, denn er benennt die besonderen Motive, die gerade nach 1945 für eine antifaschistische Linke zentral sind: Um Schuldgefühle abzuwehren, setzten radikale Linke die Politik des Staates Israel mit der Shoah gleich.
Doch dieser Ansatz kann nicht die Vorgeschichte des linken Antizionismus erklären: Bereits Ende der 1920er Jahre setzte die KPD den Zionismus mit dem Nationalsozialismus gleich, während sie andere Nationalbewegungen unterstützte. Ihre Tageszeitung „Die Rote Fahne“ befürwortete 1929 ein Pogrom in Palästina, das über zwei Wochen andauerte und bei dem über hundert Jüdinnen und Juden ermordet wurden. Zur gleichen Zeit stellten andere Artikel „Juden“ als Vertreter des Kapitals und der herrschenden Klasse und als Unterstützer der NSDAP dar. Überschriften in der „Roten Fahne“ lauteten in den Jahren „Das Dritte Reich schützt die jüdischen Warenhäuser“ (1930), „Hitler proklamiert Rettung der reichen Juden“ (1931) oder „Nazis für jüdisches Kapital“ (1932). Dieser Antisemitismus war mit der gleichzeitigen Ablehnung von Judenfeindschaft insofern vereinbar, als die kommunistische Bewegung Judenhass als „Sozialismus der dummen Kerls“ deutete. Diese Deutung implizierte aber, an der Vorstellung festzuhalten, „Juden“ stünden tatsächlich auf der Seite des Kapitals – und der Zionismus wäre der „Kettenhund des Imperialismus“ im Nahen Osten, wie die „Rote Fahne“ 1925 verlautbarte.

Tags: , , , , , , , , , , , ,

The Great Nakba-Swindle Meets Munich December 12, 2013 | 01:38 pm


Zeremonie zur Vorbereitung des „Nakba“-Tages in Beirut (gefunden in einem des Zionismus unverdächtigen Blog)

Der Begriff „Nakba“ bedeutet auf arabisch Katastrophe und wurde von radikalen palästinensischen Gruppen in Anlehnung an den hebräischen Begriff „Shoah“ – der ebenfalls große Katastrophe bedeutet – in den letzten Jahrzehnten zum politischen Kampfbegriff geformt. Während „Shoah“ die systematische Vernichtung von sechs Millionen Jüdinnen und Juden meint, soll der Begriff „Nakba“ dem eine arabische Katastrophe entgegenhalten: 700.000 Araberinnen und Araber sind im Jahr 1948 aus Israel geflohen oder wurden vertrieben. Währenddessen sah sich Israel dem Angriff von fünf arabischen Staaten ausgesetzt. In etwa zur gleichen Zeit flüchtete ein ähnlich großes Kontingent jüdischer Einwohner aus arabischen Regionen nach Israel. Es war ein unfreiwilliger Bevölkerungsaustausch in einem Kriegsgebiet, wie er weltweit im letzten Jahrhundert schon unzählige Male und in wesentlich größerem Umfang stattgefunden hat. In nahezu allen Fällen verstehen sich die Nachkommen heute nicht mehr als Flüchtlinge. Nicht so einige Palästinenser.

Deutsche Opfer, jüdische Täter
Im Zuge der palästinensischen Strategieänderung nach der letzten Intifada – weniger Sprengstoff-Attentate, mehr internationale Öffentlichkeitsarbeit – wurde der Begriff „Nakba“ immer wichtiger im propagandistischen Waffenarsenal Ramallahs. Obwohl man sich in Deutschland für Flüchtlinge leider wenig interessiert, gelingt es der „Nakba“-Propaganda vermehrt, Fuß zu fassen. Denn zwei Flüchtlingsgeschichten lassen sich in Deutschland gut verkaufen: Das Erinnern an die deutschen Heimatvertriebenen aus Osteuropa erfüllt die Funktion, die ehemaligen deutschen Täter als arme Opfer osteuropäischer Aggression darzustellen. Die arabischen Flüchtlinge von 1948 machen die jüdischen Überlebenden deutscher Aggression als vermeintliche Täter kenntlich. Deutsche Opfer, jüdische Täter: Auf den Punkt brachte das vor kurzem die NPD-Kronach mit ihrem Plakat: „Gestern Dresden, heute Gaza!

Kein geringerer als der „Evangelische Entwicklungsdienst“ finanzierte die seit 2008 umtriebige „Nakba“-Ausstellung mit, die bislang in circa 100 Städten zu sehen war, ausgehend von Baden-Württemberg. Nach Protesten jüdischer Gemeinden und Gruppen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft wurde sie in Frankfurt am Main und Düsseldorf verhindert. Am 15. Dezember soll die Ausstellung nun nach Bayern kommen. Die Montessori-Fachoberschule München hat sich dafür hergegeben. In ihrem „Info-Brief“ bewarb sie die Ausstellung schon Anfang des Jahres mit den schwülstigen Worten, auch Jesus sei ein Flüchtling gewesen.

Offene Briefe von AmEchad und Grünen sorgen für Wirbel
Diese Woche sind von der Grünen Jugend München und dem Verein AmEchad zwei offene Brief an die Schulleitung erschienen. Die Ausstellung des „Vereins Flüchtlingskinder im Libanon“ sei keine objektive Betrachtung des „hochkomplexen Konflikts zwischen Arabern und Juden im Nahen Osten“, zitiert das Portal Israelnetz aus dem Brief von AmEchad. Deren Sprecher, Michael Lang, fand deutlichere Worte: „Die Schulleitung will die Jugendlichen der Montessori-Schule einer wochenlangen, bildgewaltigen Propaganda-Show aussetzen. Das können wir nicht hinnehmen. Israelhass ist immer falsch und hat insbesondere an Schulen nichts zu suchen.“

In ihrem offenen Brief rief die Grünen Jugend München die Schule auf, „diese tendenziöse und antizionistische Ausstellung“ absagen. „Bieten sie Geschichtsrevisionismus keine Bühne!“ Der Vorstand der Grünen Jugend begründete das damit: „Die Gründung Israels war keine ‚Katastrophe‘, sondern nach der Vernichtung der europäischen Jüdinnen und Juden im Nationalsozialismus zwingend notwendig, um einen sicheren Schutzraum für die Opfer von Antisemitismus zu schaffen.“ Die Janusz-Korczak-Akademie mit Sitz in München äußerte gegenüber der Münchner Abendszeitung, es sei „völlig unverständlich“, wie eine Schule, die das freie Denken und den offenen Dialog zum Ziel habe, sich eine solch einseitig und propagandistische Ausstellung ins Haus holen“ könne.

Süddeutsche erklärt Kritik für beendet
Während die Münchner Abendzeitung neutral über die Stellungnahmen berichtete, versuchte sich die Süddeutsche Zeitung erwartungsgemäß darin, den pädagogischen Ausfall der Schule herunterzuspielen. Um die kleine „Palästinenser-Schau“ sei ein „großer Wirbel“ entstanden, aber die Schulleitung wolle „nach der Aufregung zusätzliche Informationen präsentieren“, beschwichtigte das Blatt. Obwohl zu diesem Zeitpunkt keinesfalls klar war, ob die „Aufregung“ schon ihr Ende gefunden hatte. Dem Vernehmen nach erhält die Schule aktuell zahlreiche Protestbriefe.

Begonnen hat die Welle der Kritik mit Äußerungen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München. Torsten Weber, Vorsitzender der DIG, kritisierte den „Heimatvertriebenenkult“ der geplanten Ausstellung in München. Das sei „keine Hilfe für modern denkende Palästinenser“, so Weber. Wer die jüdische Minderheit im Nahen Osten als „Verbrecherbande“ darstelle, präsentiere kein pädagogisches Konzept, sondern lege „den Grundstein für antisemitische Worte und Taten“.

Die Ausstellung sah sich auch in anderen Bundesländern seit jeher harter Kritik ausgesetzt. Tilman Tarach kritisierte beispielsweise im April dieses Jahres in der Jüdischen Allgemeinen die Ausstellung. Sie idealisiere nationalsozialistisch unterstützte Judenpogrome, verfälsche Quellen und verschweige die Ziele und Interessen der Konfliktparteien im Nahen Osten, so Tarach.

, , , , , , ,

Vortrag von Tilman Tarach in Halle an der Saale am 12. Dezember: Feindbild Israel – der ewige Sündenbock December 4, 2013 | 03:45 pm

Über keinen Staat gibt es so viele Gerüchte wie über Israel. Tilman Tarach zeigt, dass die deutschen Medien, aber auch Organisationen wie die Uno und jede Menge »Israelkritiker« den Stoff liefern, aus dem diese diffamierenden Legenden gestrickt werden. Die alte Parole »Die Juden sind schuld« wird heute in weiten Teilen der Gesellschaft begierig auf den [...]

“there was a problem with the interpretation…” - Das… November 27, 2013 | 02:11 pm



"there was a problem with the interpretation…" - Das offene Mikrophon und die UN-Dolmetscherin

Vortrag von Tilman Tarach am 04. Dezember in Leipzig: Feindbild Israel – der ewige Sündenbock November 27, 2013 | 10:23 am

Über keinen Staat gibt es so viele Gerüchte wie über Israel. Tilman Tarach zeigt, dass die deutschen Medien, aber auch Organisationen wie die Uno und jede Menge »Israelkritiker« den Stoff liefern, aus dem diese diffamierenden Legenden gestrickt werden. Die alte Parole »Die Juden sind schuld« wird heute in weiten Teilen der Gesellschaft begierig auf den [...]

Israels Position zum Genfer Abkommen P5 + 1 November 25, 2013 | 06:31 pm

Das Genfer Abkommen der P5+1 mit Iran zeigt, trotz aller Gedenkzeremonielle anlässlich des 9. November, auf Deutschland ist kein Verlass! In den Medien wird dieses Abkommen als großer Erfolg gefeiert und erfährt international größtmögliche Aufmerksamkeit. Israels Position wird, ohne dies näher zu begründen, als massive Contra-Haltung dargestellt. Im Folgenden geben wir ungekürzt eine Sonder-Nachricht der israelischen Botschaft wieder, die die Position Israels zum Genfer Abkommen nach der Stellungnahme des Ministerpräsidenten Binyamin Netanyahu und des Botschafters Yakov Hadas-Handelsman umfassend und substantiell argumentativ erläutert. Wir bitten alle, die diese lesen, sie zu verbreiten:

Grundsätzlich zieht Israel eine diplomatische Lösung des Atomkonflikts Irans mit der internationalen Gemeinschaft vor. In diesem Zusammenhang ist der Erfolg der bisherigen Sanktionspolitik hervorzuheben, die den Iran an den Verhandlungstisch gebracht hat. Nun kommt es darauf an, das angesetzte Ziel – nämlich den vollständigen Abbau des Atomprogramms  – nicht aus den Augen zu verlieren. Kompromisse und das lediglich vorübergehende Aussetzen des Atomprogramms widersprechen allen bisherigen Bedenken der internationalen Gemeinschaft, dem iranischen Regime potentiellen Zugriff auf Atomwaffen zu ermöglichen.

Bei der Eröffnung der wöchentlichen Kabinettssitzung sagte Ministerpräsident Netanyahu am Sonntag (24.11.): „Was gestern Abend in Genf erreicht wurde, ist kein historisches Abkommen; es ist ein historischer Fehler. Die Welt ist ein gefährlicherer Ort geworden, weil das gefährlichste Regime der Welt dem Besitz der gefährlichsten Waffe der Welt entscheidend näher gekommen ist. Zum ersten Mal haben die führenden Mächte in der Welt der Urananreicherung im Iran zugestimmt, und damit die Entscheidungen des UN-Sicherheitsrates ignoriert, dem sie selbst vorstehen.

Die Sanktionen, die über viele Jahre mühsam etabliert wurden, bieten das beste Mittel für eine friedliche Lösung. Diese Sanktionen wurden zugunsten kosmetischer Zugeständnisse des Iran preisgegeben, die innerhalb von Wochen rückgängig gemacht werden können.

Trotz aller Reden, aus der Geschichte zu lernen, von Deutschland hat Israel nichts zu erwarten, wenn es gilt, die iransische Bombe zu verhindern.

Trotz aller Reden, aus der Geschichte zu lernen, von Deutschland hat Israel nichts zu erwarten, wenn es gilt, die iranische Bombe zu verhindern. Verlass ist auf diese Damen hier, sie stehen stellvertretend für die, die unsere kompromisslose Solidarität benötigen!

Das Abkommen und seine Folgen bedrohen viele Länder, natürlich einschließlich Israels. Israel ist nicht an dieses Abkommen gebunden. Das iranische Regime ist entschlossen, Israel zu zerstören und darum hat Israel das Recht und Pflicht, sich selbst gegen jede Bedrohung zu verteidigen. Als Ministerpräsident Israels möchte ich klarstellen: Israel wird nicht zulassen, dass der Iran Atomwaffen erlangen kann.“

Im Rahmen der Verleihung des EMET-Preises sagte Ministerpräsident Netanyahu später: „Je mehr wir über die Details des Abkommens erfahren, desto deutlicher wird, wie schlecht und gefährlich es für die Welt, die Region und Israel ist. Der Iran erhält Milliarden von Dollar durch die gelockerten Sanktionen, ohne einen echten Preis dafür bezahlen zu müssen. Außerdem bekommt der Iran die schriftliche Genehmigung, die Beschlüsse des UN-Sicherheitsrates zu verletzen. Dieses Abkommen befreit den Iran in erheblichem Maße von dem Druck, unter dem er stand und verleiht ihm die internationale Legitimität, das Atomprogramm fortzuführen. Dies ist ein schlechtes Abkommen.“

Der Botschafter des Staates Israel in Deutschland, Yakov Hadas-Handelsman, legte im Interview mit dem ZDF-Morgenmagazin heute ebenfalls die israelische Position zum Abkommen dar. Das Interview finden Sie hier: http://www.zdf.de/ZDFmediathek#/beitrag/video/2035046/Israel:-Zu-gro%C3%9Fe-Kompromisse-mit-Iran

Im Folgenden Israels Argumente hinter den Schlagzeilen in Bezug auf das Genfer Abkommen:

Es handelt sich bei dem Genfer Abkommen um die beispiellose internationale Anerkennung des iranischen Atomprogramms zur Urananreicherung, denn mit dem Genfer Abkommen wird der Iran seine Fähigkeiten zur Urananreicherung vollständig beibehalten – sowohl in der ersten 6-monatigen Phase, innerhalb welcher alle beteiligten Parteien Maßnahmen ergreifen, als auch im letzten Schritt, wenn die endgültige Verständigung über das Atomprogramm Irans erfolgt. Das bedeutet konkret, dass zum ersten Mal seit Beginn der Verhandlungen im Jahr 2003 die internationale Gemeinschaft Irans Atomprogramm akzeptiert und nicht fordert, dass es vollständig gestoppt wird. Diese Haltung widerspricht der langjährigen Politik zum vollständigen Programmstopp, welche auch in zahlreichen UN-Sicherheitsratsresolutionen enthalten ist.

Die Bestandteile des Abkommens lassen jede Forderung nach dem Abbau des Schwerwasserreaktors Arak vermissen. Das Abkommen erwähnt lediglich die Notwendigkeit, Bedenken bezüglich des Reaktors  zu formulieren. Damit wird dem Iran de facto die Möglichkeit gegeben, die Anlage weiterhin zu betreiben,  was bspw. zwingend notwendig zur Produktion von waffenfähigem Plutonium ist.

Auch erlaubt das Abkommen dem Iran weiterhin im Bereich der Zentrifugenforschung aktiv zu sein, was dem Iran erlauben wird, seine Anreicherungsfähigkeiten in Einklang mit dem Abkommen dennoch massiv auszubauen und zu stärken. Das heißt konkret, dass der Iran in einer besseren Ausgangsposition sein wird, Uran anzureichern, wenn er dies beschließt.

Ein zusätzlicher Aspekt, der zu bedenken ist, ist, dass der bestehende Vorrat von bis 5% angereichertem Uran bestehen bleibt, was derzeit 7 Tonnen Uran entspricht, und ihn nicht auszubauen. Obwohl das Abkommen erfordert, dass der Iran in der ersten Phase sämtliches in Natanz und Fordow produzierte, schwach angereicherte Uran (LEU = low enriched uranium) in Oxid umwandelt, hängt diese Umwandlung von der Verfügbarkeit der entsprechenden Umwandlungseinrichtungen ab.

Angesichts der iranischen Strategie der Zeitgewinnung wäre es keine Überraschung, wenn der Iran weiter Material ansammelt, noch vor dem Inkrafttreten der ersten Phase und darüber hinaus.

Das Abkommen versetzt Iran zudem in die bedenkliche Lage, jederzeit die in den kommenden sechs Monaten geforderten Maßnahmen rückgängig zu machen, da das Abkommen keine Forderungen bspw. dahingehend erhebt, die Anlagen abzubauen. Da die nukleare Infrastruktur vollständig erhalten bleibt, kann Iran jederzeit die Anlagen in vollen Betrieb nehmen.

Ein weiterer bedenklicher Aspekt des Abkommens ist die militärische Dimension, die vollständig vernachlässigt wird. Es werden in dem Abkommen in keiner Weise von Iran Informationen, Antworten, oder Zugang zu den militärischen Dimensionen des iranischen Atomprogramms gefordert. Das eigentliche Kernproblem des Atomkonfliktes liegt doch darin, dass der Iran die Produktion von Atomwaffen betreibt. Dass davon keine Rede ist, lässt in einem Abkommen, welches vor allem das Vertrauen in die friedvollen Absichten Irans schaffen soll, große Bedenken aufkommen.

Zudem unterminieren die Lockerungen der Sanktionen den mit ihnen auf den Iran ausgeübten Druck. Dass Iran letztlich an den Verhandlungstisch gebracht wurde, ist der Erfolg der verhängten Sanktionen. Diese Sanktionen nun ohne relevante Zugeständnisse seitens Irans zu lockern ist extrem kontraproduktiv, da Iran nun keine Veranlassung hat, relevante Einschränkungen seines Atomprogramms zu akzeptieren.

Vor allem mag im privaten Wirtschaftssektor das Abkommen als Signal gesehen werden, dass Iran auf dem Weg aus der internationalen Isolation heraus ist. Das kann dem Handel mit Iran neuen Aufschwung verleihen.

Die große Gefahr bei Interimsabkommen, wie es die ersten sechs Monate des Genfer Abkommens darstellen, liegt darin, dass sie zu einem Dauerzustand werden können. Dadurch würde verhindert, dass hinter der Fassade des Abkommens die ursprünglichen und tatsächlichen Konfliktpunkte konkret angegangen oder nachhaltig gelöst werden. Angesichts der vorgetragenen Beobachtungen wird deutlich, dass dem Iran mit internationaler Zustimmung der Weg bereitet wird, eine Atommacht zu werden.

Wir hoffen,  Ihnen Israels Bedenken verdeutlicht zu haben, die in der aktuellen Berichterstattung verkürzt dargestellt werden.

Alle vorangehenden und weiterführenden Stellungnahmen und Hintergründe der Position Israels zu Iran finden Sie auch unter diesem Link:

http://mfa.gov.il/MFA/FOREIGNPOLICY/IRAN/Pages/default.aspx

UN? My ass! November 18, 2013 | 05:36 pm

Bei der Generalversammlung der Vereinten Nationen am vergangenen Donnerstag hat sich – wie fast immer weitgehend unbeachtet von deutschen Medien – in Bezug auf Israel einmal mehr eine Groteske zugetragen. Eine Groteske, die selbst einer qua Funktion eigentlich zur Zurückhaltung verpflichteten Dolmetscherin so spontane wie ungewöhnliche Worte der Verwunderung abrang. Hillel Neuer, der Executive Director der Uno-kritischen Organisation UN Watch, hat die Ereignisse, die sich während der Versammlung abspielten, auf dem Blog von Times of Israel kommentiert. Mit seiner Zustimmung hat Stefan Frank den Beitrag für Lizas Welt ins Deutsche übersetzt.


VON HILLEL NEUER


Die Wahrheit kommt ans Licht, wenn wir glauben, dass niemand zuhört. Als Reaktion auf neun politisch motivierte Resolutionen der UN-Generalversammlung gegen Israel bei null Resolutionen gegen den Rest der Welt hat eine Dolmetscherin der Vereinten Nationen heute [am 14. November] Worte der Wahrheit gesprochen, nicht wissend, dass das Mikrofon eingeschaltet war. Als sie davon ausging, nur zu Kollegen zu sprechen, sagte sie die folgenden Worte in die Kopfhörer jedes UN-Delegierten und zum Publikum, das die Live-Übertragung weltweit im Internet verfolgen konnte:

»Ich finde, wenn es … insgesamt etwa zehn Resolutionen zu Israel und Palästina gibt, da muss es doch, c’est un peu trop, non? [das ist etwas viel, nicht wahr?] Ich meine, ich weiß … Anderer wirklich schlimmer Mist passiert, aber niemand sagt etwas über diesen anderen Kram.«

Unter den Delegierten gab es Gelächter. »Die Dolmetscherin entschuldigt sich«, sagte die unglückliche Verkünderin der Wahrheit Augenblicke später, gefolgt von einem vernehmlichen Schnaufen. Ich hoffe inständig, dass sie nicht gefeuert wird. Denn wer sich wirklich entschuldigen müsste, das ist die Uno. Gegründet auf noblen Ideen, verwandelt die Weltorganisation den Traum freiheitlicher Internationalisten in einen Albtraum. Wenn ihre jährliche legislative Sitzung im nächsten Monat zu Ende geht, wird sie insgesamt 22 Resolutionen verabschiedet haben, die Israel verurteilen – und nur vier gegen ein anderes Land der Welt. Die Scheinheiligkeit, Selektivität und Politisierung sind atemberaubend.

In den besagten neun Resolutionen, die vom vierten Komitee der Generalversammlung, das sich aus allen 193 Mitgliedsstaaten zusammensetzt, angenommen wurden, wird Israel für die Verletzung der Menschenrechte der Palästinenser in der Westbank und Gaza, der palästinensischen Flüchtlinge und sogar der Syrer in den Golanhöhen verurteilt. Ja, tatsächlich: Die Uno hat heute eine Resolution angenommen, in der das Wort »Syrien« nicht weniger als zehnmal erwähnt wird – und doch nichts gesagt wird über das vom syrischen Präsidenten Bashar al-Assad verübte Massaker an mehr als 100.000 seiner Bürger.

Die Resolution mit dem Titel »Besetzter syrischer Golan« verurteilt Israel wegen der angeblichen Misshandlung von Syrern auf den Golanhöhen. Ebenfalls verurteilt wurde Israel wegen Verstößen gegen die völkerrechtlich verbrieften Rechte von syrischen Bürgern. Die Uno hatte jedoch keine Zeit, sich dazu zu äußern, ob es rechtmäßig ist, dass Präsident Assad seine Landsleute mit Gas ermordet. Die Generalversammlung rief Israel heute dazu auf, die Golanhöhen samt der dort lebenden Bewohner an Syrien zu übergeben, und wird dies demnächst in einer zweiten, überflüssigen Resolution wiederholen.

Was auch immer man für eine Ansicht zur Frage hat, wem der Golan rechtmäßig gehört: Es ist in jedem Fall in logischer Hinsicht absurd und in moralischer Hinsicht schamlos, ausgerechnet zu diesem Zeitpunkt dazu aufzurufen, dass irgendein Mensch Assads Herrschaft unterstellt wird – während seine Massaker unvermindert weitergehen. Angesichts Dutzender Syrer, die derzeit in israelischen Krankenhäusern behandelt werden, ist die Resolution einfach nur grotesk.

Es ist gut und richtig, Israel für die Behandlung der arabischen und anderen Minderheiten Rechenschaft ablegen zu lassen, so wie jede andere Nation auch. Aber etwas ist faul, wenn in den heutigen Resolutionen zu die Palästinenser betreffenden Themen kein einziges Wort über den genozidalen Antisemitismus verloren wird, den die Sprachrohre der Hamas im Gazastreifen regelmäßig verbreiten, oder über die gefährliche Aufwiegelung durch die palästinensische Autonomiebehörde in Ramallah, deren offizielle Schulen, Moscheen, Zeitungen und Fernsehsender nicht aufhören, die Mörder israelischer Zivilisten als Helden zu preisen, die es nachzuahmen gelte.

Das Wort ist der Vater der Tat. Keine der heutigen die Westbank betreffenden UN-Resolutionen erwähnt die Welle der von palästinensischen Terroristen in den letzten Wochen verübten Anschläge – wie etwa den brutalen Mord an Shraya Ofer: Er wurde vor seinem Haus im Jordantal ermordet, seine Frau schaffte es zu entkommen. Der Mord an Ofer mit Äxten und Eisenstangen sei ein »Geschenk an das palästinensische Volk und die Hamas-Gefangenen, zu Ehren von Eid al-Adha« [islamisches Opferfest, das an Abraham erinnert, der bereit war, Gott seinen Sohn zu opfern], sagten die beiden Verdächtigen im Verhör aus.

Durch ihre Blindheit gegenüber der palästinensischen Hetze und dem Terrorismus fördern die UN-Resolutionen einen einseitigen Narrativ, der der Hamas, dem Islamischen Djihad und der Palästinenserbehörde einen Persilschein gibt und sie in ihrer Kompromisslosigkeit unterstützt.

Es ist also die Uno, die sich dafür entschuldigen sollte, dass sie wertvolle Zeit und Ressourcen des Weltgremiums dazu missbraucht, politisierte und polarisierende Texte zu produzieren, die keinerlei Beitrag zu einem arabisch-israelischen Frieden leisten oder den wirklichen Schutz von Menschenrechten voranbringen. Im Gegenteil untergraben die selektiven und einseitigen Resolutionen das Kernprinzip, wonach Menschenrechtsstandards universell sind, und treiben die Parteien weiter auseinander.

Es ist die Uno, die sich dafür entschuldigen sollte, dass sie Israel als Sündenbock benutzt und dass sie den jüdischen Staat als Metakriminellen, dem für alle Übel der Welt die Schuld zu geben ist, dämonisiert und delegitimiert. Noch vor allem anderen aber muss sich die Uno dafür entschuldigen, die Schreie der Millionen echter Opfer von Menschenrechtsverletzungen in aller Welt zu ignorieren – und diese Opfer zu verhöhnen.

Vergangene Woche traf ich im Uno-Hauptquartier in New York mutige Menschenrechtler und Dissidenten aus China, Kuba, Russland und Saudi-Arabien. UN Watch half dabei, eine Pressekonferenz zu organisieren, auf der dafür plädiert wurde, dass die Uno-Mitgliedsstaaten sich gegen die zynische Kandidatur dieser Regime für Sitze im UN-Menschenrechtsrat wenden. Doch trotz ihrer Schandtaten wurden alle diese serienmäßigen Menschenrechtsverletzer von der UN-Vollversammlung gewählt, um der Welt neueste Richter über die Menschenrechte zu werden.

Unnötig zu sagen, dass dieselbe UN-Versammlung in diesem Jahr keine Resolution verabschieden wird zur Unterjochung der tibetischen Bevölkerung oder zur Inhaftierung des Pro-Demokratie-Aktivisten Wang Bingzhang in China, zur gewalttätigen Schikanierung von Journalisten und Bloggern in Kuba, zur Verfolgung von Homosexuellen in Russland oder zum Fahrverbot für Frauen und zum Verbot der Religionsausübung für Nichtmuslime in Saudi-Arabien. Auch plant die Uno nicht, auch nur ein Wort über religiös motivierte Angriffe auf Zivilisten im Irak, in Nigeria oder Pakistan zu verlieren – oder über die Verfolgung von politischen Dissidenten in Uganda, Vietnam oder Zimbabwe.

Wie die Dolmetscherin heute bemerkte, geschehen wahrhaftig eine Menge schlimmer Dinge auf der Welt, aber – traurig genug – bei der Uno »sagt niemand etwas über den anderen Kram«. Weil sie so damit beschäftigt sind, Israel zu schikanieren, finden die Vereinten Nationen einfach nicht die Zeit dazu.


Einsortiert unter:Gastbeiträge, Politik Tagged: Antisemitismus, Hillel Neuer, Israel, Uno

Schon wieder Duisburg!? Rosa-Luxemburg-Stiftung muss Zusammenarbeit mit Initiativ e. V. aufkündigen November 12, 2013 | 03:15 pm

Seien es antiisraelische Boykottaufrufe, antisemitische Flugblätter oder Propagandaveranstaltungen für das syrische Assad-Regime – der BAK Shalom musste in der Vergangenheit regelmäßig zum Zustand der Duisburger Linken Stellung beziehen, um die Vorkommnisse vor Ort nicht unwidersprochen zu lassen. Geändert hat sich nun allenfalls der zeitliche Abstand, in dem es zu israelfeindlichen Tiraden kommt. Zum 14. November [...]

Vortrag von Stephan Grigat: Befreite Gesellschaft & Israel – Über das Verhältnis von Kritischer Theorie und Zionismus October 16, 2013 | 01:29 pm

12. November | Esslingen am Neckar | Komma Während die Studierenden Ende der 1960er-Jahre in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus nach einem kurzen Erschrecken über ihre Eltern meinten, es sei eine prima Idee, dem „Volke zu dienen“ und einige sich gleich von den palästinensischen Fedajin ausbilden ließen, ahnten die nach Frankfurt zurückgekehrten Theodor W. Adorno und Max [...]

Jüdische Allgemeine: Links und pro Israel September 13, 2013 | 02:16 pm

Valentin Goldstein schrecken Antizionisten in der eigenen Partei nicht 12.09.2013 – von Katrin Richter Manchmal hört man ihn noch, den schwäbischen Dialekt bei Valentin Goldstein. Aber das ist auch das Einzige, was ihn als »nicht aus Berlin« erscheinen lässt. Denn in seinem dunkelblauen T-Shirt, der hellblauen Chino-Hose, den Sneakers, dem Stoffbeutel und seinen blondgefärbten Haaren sieht er [...]

“Einmal Palästina und zurück” Eine Lesung mit Karl Pfeifer in Kassel. August 19, 2013 | 04:31 pm

Wir freuen uns Karl Pfeifer am 17.09.2013 wieder in Kassel begrüßen zu dürfen. Karl Pfeifer hat hier vor einem Jahr einen sehr detaliierten und lebendigen Vortrag über die Zustände in Ungarn gehalten. Sein zweiter Besuch in Kassel ist ihm selbst gewidmet – aber auch hier gibt es einen Bezug zu Ungarn. Karl Pfeifer wird in der Buchhandlung am Bebelplatz sein Buch “Einmal Palästina und zurück” vorstellen.

am 17.09. in Kassel: Karl Pfeifer (© fotovonzinner.com)

am 17.09. in Kassel: Karl Pfeifer (© fotovonzinner.com)

Karl wurde 1928 in Baden bei Wien geboren. Er besucht die öffentliche Volksschule, ansonsten bleibt die „kleine jüdische Gemeinde“ – auch aufgrund des herrschenden Antisemitismus – „mehr oder weniger unter sich“. Diese gesellschaftlichen Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass die zionistische Idee Fuß fasst. Auch bei Karls älterem Bruder, der bereits 1935 nach Palästina geht. Die Eltern lassen sich von der antisemitischen Stimmung wie viele andere zunächst nicht abschrecken, „Die Zeichen waren an der Wand aber man wollte oder konnte sie nicht sehen.“ Sie blieben zunächst in Österreich. Doch nach dem Anschluss im März 1938 geht alles sehr schnell: Ein Urlaub soll es werden, in Wirklichkeit führt die Flucht vor den Nazis über die Schweiz, Italien und Kroatien ins damals noch neutrale Ungarn, aus dem die Eltern ursprünglich stammen. Der 10jährige Karl kommt ins Internat und lernt Ungarisch. Später in Budapest erlebt er wieder antisemitische Angriffe.

Karl schließt sich dem Hashomer Hatzair, einer zionistisch-sozialistischen Bewegung, an und kann 1943 unter falschem Namen nach Palästina flüchten. Drei Jahre wird Karl dort im Kibbuz erzogen. 1946 tritt er einer Eliteeinheit der Hagana bei und erlebt von 1946 bis 1949 als Soldat des Palmach die Kämpfe um die Geburt des Staates Israel. Auf der Suche nach einer Ausbildungs- und Arbeitsmöglichkeit kehrt er nach Europa zurück, wird in Frankreich wegen illegalen Aufenthalts gefasst und schließlich per Zug nach Österreich zurückexpediert.

„Einmal Palästina und zurück“ nennt Karl Pfeifer nun seine Erinnerungen, in denen er seine eigenen Erfahrungen mit den historischen Fakten dieser Zeit verbindet: „Gerade weil diese Perspektive der linkszionistischen Staatsgründer Israels heute in Vergessenheit zu geraten droht, sind die persönlichen Erinnerungen von Karl Pfeifer nicht nur spannend zu lesen, sondern auch von einer unschätzbaren historischen und politischen Bedeutung“, heißt es im Geleitwort zu seinem Buch.

Karl Pfeifer arbeitet seit 1979 als Journalist in Wien, schreibt u. a. für die Wiener Illustrierte Neue Welt, die Berliner Wochenblätter, für die Jüdische Allgemeine und die Jungle World.

Die Lesung findet am 17. September um 19.30 Uhr in der Buchhandlung am Bebelplatz in Kassel statt. Eintritt 5,00 EUR, ermäßigt 3,00 EUR.

Vortrag am 25. Juli in Berlin: Iran, Hisbollah, Syrien – Die „Achse des Widerstands“ im Kampf gegen Israel und Emanzipation im Nahen Osten July 19, 2013 | 09:41 am

Vortrag von Jonathan Weckerle Mit dem Anspruch, gegen den „zionistischen Regime“ Israel und den „imperialistischen und arroganten“ Westen radikalen „Widerstand“ zu leisten, haben sich die Islamische Republik Iran, die Hisbollah im Libanon und das Assad-Regime in Syrien lange Zeit erfolgreich profiliert. Vor den Umbrüchen im Nahen Osten konnten sie sich von den „feigen“ und „reaktionären“ arabischen [...]

Die Unschuld der Bilder July 4, 2013 | 06:04 pm

In der Süddeutschen-Zeitung fand sich jüngst ein Bild, welches in einen Zusammenhang mit Israel gestellt wurde. Nun ist von Seiten der Süddeutschen-Zeitung tatsächlich in der Rückmeldung auf die Rückmeldungen zu diesem Bild (und der Bildunterschrift “Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde betrachten das Land als einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.”) zu vernehmen, es handele sich um ein unschuldiges Bild – “Ist ein gehörntes Monster antisemitisch?” lautet die Frage. Die Antwort kann nur lauten: wenn unter dem Bild Deutschland (welches als servierende Dame) und Israel (welches als unmenschliches, grauenerregendes auf das Essen und die Dame wartende Monster) als die im Bild sichtbaren genannt werden, ja, dann ist das ganze mehr als nur Zufall, Unglück, Gedankenlosigkeit.

sz_antisem(src)

Es ist fragwürdig und interessant wie die Redaktion (welche für eine kulturelle Aufklärung, nicht Verklärung) dieser Zeitung (mag im Text daneben – “Der Niedergang des liberalen Zionismus” – stehen was mag) tätig ist. Beim Redaktions-Meeting überlegte man sich, welches Bild zum Thema “Der Niedergang des liberalen Zionismus” passen könnte. In den Köpfen der Redakteure schien dann eben jenes grauenerregende Wesen am besten geeignet, eine Sicht auf das Land abzubilden, den Hass anschaulich zu reproduzieren. Die vermeintliche Entschuldung der SZ:Nur die Feinde Israels sehen Israel in der Weise, die dem abgebildeten Monster ähnelt. Außerdem ist der Staat Israel nicht mit dem Judentum gleichzusetzen“  lässt vermuten, dass mit der Wahl eben jenes Bildes durch die Redakteure, unter diesen Feinde Israels zu finden sind. Man bedauerte zwar von Seiten der SZ, “dass es zu solchen Missverständnissen kommen konnte. Die Veröffentlichung der Zeichnung in diesem Kontext war ein Fehler.” (src) Dass das Bild jedoch schließlich (nach nochmaliger Prüfung durch den Chefredakteur) gedruckt wurde, lässt erahnen, wie israelfeindlich sich zu gebärden unter den publizistischen Eliten Normalität ist.

Nicht nur die Feinde Israels sehen in dem abgebildeten Monster den jüdischen Staat, sondern jeder der dieses Bild ansieht und des Lesens mächtig ist. Es ist der Blick auf ein unschuldiges Bild, welches durch die gesetzte Kontextualisierung bewusst an bisherige Narrative anknüpft. Broder hat also nicht ganz unrecht, wenn er meint, dass die SZ da weitermacht wo der Stürmer 1945 aufhören musste. (zum Thema auch ruhrbarone, Jüd. Allgemeine)


Einsortiert unter:über-denken, lesenswert, normal vs. strange Tagged: antisemitismus, israel, karrikatur, süddeutsche zeitung

Das Arschgeweih des Feuilletons July 2, 2013 | 11:10 pm

Dass der Antisemitismus der Sozialismus der dummen Kerls sei, ist ein schon länger bekanntes Diktum, das gemeinhin August Bebel zugeschrieben wird (wiewohl Bebel selbst den österreichischen Politiker Ferdinand Kronawetter als Urheber nannte). Diese These hat fraglos ihre unbedingte Berechtigung, doch der Antisemitismus erschöpft sich darin nicht, er ist noch weit mehr: der völkische Kitt der formierten Gesellschaft, das Rauschmittel der Enthaltsamkeitsapostel, die Gesinnung der Besinnungslosen – und das Arschgeweih des Feuilletons (also der – vermeintlich – klugen Kerls), wie die Süddeutsche Zeitung in ihrer Printausgabe vom 2. Juli eindrucksvoll unter Beweis gestellt hat.* Dort ist nämlich in der Rubrik »Das politische Buch« ein Beitrag von Heiko Flottau erschienen, der die Überschrift »Der Niedergang des liberalen Zionismus« trägt und sich mit zwei unlängst veröffentlichten Publikationen zum jüdischen Staat befasst: »Die amerikanischen Juden und Israel. Was falsch läuft« von Peter Beinart und »Staatsraison? Wie Deutschland für Israels Sicherheit haftet« von Werner Sonne.

Die Rezension selbst ist dabei noch nichts, was man in Bezug auf die Thematik nicht ohnehin von dieser Zeitung kennt und gewohnt ist: »Welchen Charakter hat dieses Israel heute, für dessen Bestand die Bundesrepublik seit mehr als einem halben Jahrhundert Milliardensummen ausgibt?«, fragt Flottau vor allem rhetorisch, bevor er den amerikanischen Politikwissenschaftler Beinart und den früheren ARD-Korrespondenten Sonne genau jene Antworten geben lässt, die der gemeine SZ-Leser erwartet: An die Stelle »jüdischer Ohnmacht« sei »jüdische Macht« und vor allem deren »Missbrauch« getreten, weshalb die Juden mit sich »ins Gericht gehen« sollten, statt weiterhin eine »großisraelische Versuchung« zu unterstützen und dafür auch noch Hilfe aus Deutschland in Anspruch zu nehmen. »Wie im Verhältnis amerikanischer Juden zu Israel könnte auch im Verhältnis der Bundesrepublik zu Israel etwas ›falsch laufen‹«, beschließt Flottau in eigenen Worten seinen Text – und dass dieser Satz nicht nur die Forderung nach einem Ende der finanziellen und militärischen Unterstützung Israels einschließt, sondern ein Plädoyer für noch drastischere Maßnahmen ist, ist bereits zuvor so klar geworden, dass es nun gar nicht mehr ausgesprochen werden muss.

Was den Beitrag selbst für SZ-Verhältnisse in besonderem Maße unappetitlich werden lässt, ist seine Bebilderung, genauer gesagt: die Kombination aus Bild und Bildunterzeile in Verbindung mit der Überschrift. Das Bild ist eine Schöpfung des Künstlers Ernst Kahl, die ein mit großen, spitzen Ohren, breitem Maul, Raffzähnen und Hörnern ausgestattetes, dämonenartiges Wesen zeigt, das Messer und Gabel in den Pranken hält und finsteren Blickes darauf wartet, dass ihm das Essen an das Bett gebracht wird, in dem es liegt. Vor diesem Wesen steht eine Frau mit einem gedeckten Tablett und umgebundener Schürze, offenbar eine Art Hauswirtschafterin des Dämons. In der Bildunterzeile heißt es: »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt. Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch. Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist.« So sieht er also aus, der »Niedergang des liberalen Zionismus«.

Ernst Kahl hatte das Bild vor vielen Jahren für die Zeitschrift Der Feinschmecker angefertigt, in einem völlig anderen Zusammenhang, ohne jeden Bezug zum jüdischen Staat. Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen hat er dann auch sein Entsetzen über die Zweckentfremdung durch die Süddeutsche Zeitung zum Ausdruck gebracht und erklärt: »Ich wäre gern vorher gefragt worden. Dann hätte ich mit Sicherheit Nein gesagt.« Doch Kahl wurde nicht gefragt, und so verwandelte das Münchner Blatt sein Bild durch die entsprechende Kontextualisierung und die Bildunterschrift in eine Karikatur im Stürmer-Stil; zu sehen ist jetzt »der hässliche, gefräßige Jude, ein Moloch in Menschengestalt, der im Begriff ist, sich die Welt einzuverleiben«, wie Henryk M. Broder schreibt. Israel, der »Jude unter den Staaten« (Léon Poliakov), wird also buchstäblich dämonisiert.

Franziska Augstein, die Verantwortliche für die SZ-Rubrik »Das politische Buch«, sieht das gleichwohl anders; sie glaubt, dass die Bildunterschrift gerade nicht dafür sorgt, dass Kahls Bild antisemitisch aufgeladen wird. Doch da irrt sie gründlich. Schon die ersten beiden Sätze – »Deutschland serviert. Seit Jahrzehnten wird Israel, teils umsonst, mit Waffen versorgt« – erinnern frappierend an eine Aussage, die Augsteins Halbbruder verdientermaßen einen Platz in den »2012 Top Ten Anti-Semitic/Anti-Israel Slurs« des Simon Wiesenthal Centers eingebracht hat. »Wenn Jerusalem anruft, beugt sich Berlin dessen Willen«, hatte Jakob Augstein in seinem von Spiegel Online veröffentlichten Beitrag mit dem Titel »Die deutsche Atom-Lüge« geschrieben und damit die alte Mär von den Juden wiedergekäut, die sich die Welt und insbesondere die Deutschen untertan machen. In Kahls Bild wird »Deutschland«, so legt es die SZ nahe, durch die Dienerin des Teufels verkörpert.

Die anderen beiden Sätze in der Bildunterzeile haben es ebenfalls in sich. »Israels Feinde halten das Land für einen gefräßigen Moloch«, heißt es dort weiter – und einmal abgesehen davon, dass »Israels ärgste Feinde solche ehrenwerten Sozietäten wie die Hamas, die Hisbollah und die iranischen Mullahs« sind, wie Broder hervorhebt, ist es gerade das zweckentfremdete, markant platzierte, einen gefräßigen Moloch zeigende Bild, mit dem die SZ erstens suggeriert, dass Israels Feinde Recht haben (eine andere Deutung scheidet hier schlichtweg aus, weil auch der Artikel selbst sie bestätigt), und sich zweitens dezidiert in die Phalanx dieser Feinde einreiht. »Peter Beinart beklagt, dass es dazu gekommen ist«, lautet der letzte Satz der Unterzeile – und weil Beinart nicht die Feinde kritisiert, sondern Israel, sagt dieser Satz nichts anderes aus, als dass der jüdische Staat selbst schuld am Judenhass ist. Noch so eine alte antisemitische Legende, mit der die Judenhasser Notwehr geltend machen zu können glauben.

»Nachdem das Bild zu Missverständnissen geführt hat, wäre es besser gewesen, ein anderes zu wählen«, versucht Franziska Augstein derweil abzuwiegeln. Schließlich solle ja »über den Artikel diskutiert werden, nicht über die Bebilderung«, und der Text von Heiko Flottau »über zwei Israel-Bücher, deren Autoren für die Demokratie in Israel fürchten«, lohne »das Lesen und die Debatte«. Was aber, wenn da jemand in Augsteins Beritt Flottaus Beitrag gar nicht miss-, sondern im Gegenteil völlig richtig verstanden, in der Bildunterschrift präzise zusammengefasst und – so viel Demagogie genehmigen sich Judenfeinde nun mal – unter hinterhältiger Instrumentalisierung eines keineswegs israelfeindlichen Künstlers pointiert bebildert hätte? Was also, wenn da jemand einfach etwas zu offensiv mit dem Konsens der Süddeutschen Zeitung umgegangen wäre und ausgeplaudert hätte, was die »Israelkritik« in Wahrheit speist, gebe sie sich auch noch so sehr als »Furcht« um den »demokratischen Charakter Israels« aus? Honi soit qui mal y pense.

*Nachtrag (4. Juli 2013): In zwei E-Mails an Lizas Welt legt Johan Schloemann, Feuilleton-Redakteur der Süddeutschen Zeitung, Wert auf die Feststellung, dass die von Franziska Augstein verantwortete Rubrik »Das politische Buch« nicht zum SZ-Feuilleton gehört, sondern bei der Innenpolitik »ressortiert«. Zwar finde er die kritisierte Seite ebenfalls »ganz schlimm«, doch sei sein »Hinweis auf die Zuständigkeit der verschiedenen Ressorts, die in großer Unabhängigkeit voneinander arbeiten, gerade nicht nur ein formaler, sondern einer, der die Stoßrichtung Ihres Textes betrifft«. Ich habe Schloemann daraufhin dies geantwortet: »Wenn mich nicht alles täuscht, ist ›Das politische Buch‹ ein feuilletonistisches Format, das seinen Platz aus nachvollziehbaren Gründen im Kulturteil der SZ hat (und eben nicht im Bereich Innenpolitik), gleich hinter dem Teil, der auch redaktionsoffiziell mit ›Feuilleton‹ überschrieben ist. Es mag ja sein, dass diese Rubrik formal woanders ›ressortiert‹, aber das ist für meine Kritik unerheblich, weil es mir nicht um die internen Zuständigkeiten der SZ ging, sondern um eine, sagen wir ruhig: Genrekritik. Ich verstehe ja, dass es Ihnen peinlich ist, wenn eine Kollegin, die formal zu einem anderen Ressort gehört, Ihre Gattung in Verruf bringt. Aber das lässt sich nicht einfach durch den Hinweis darauf, dass die Betreffende in einem anderen Großraumbüro ihren Dienst versieht, aus der Welt schaffen. Wenn Sie die Seite also tatsächlich so schlimm finden, wie Sie schreiben, sollte die Adressatin Ihrer Klage dann nicht eher Frau Augstein sein als ich? Im Übrigen – und auch das ist, wie ich hoffe, in meinem Text deutlich geworden – ist die Art von ›Israelkritik‹, wie sie nun auf der Seite ›Das politische Buch‹ zum Ausdruck gebracht worden ist, ressortübergreifend charakteristisch für die SZ.«


Einsortiert unter:Politik Tagged: Antisemitismus, Henryk M. Broder, Israel, Süddeutsche Zeitung