tag ‘Noch mehr "Deutsche Opfer"’
Der konservative Antisemitismus der AfD I: „Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.“ May 4, 2016 | 02:47 am

Jenseits der zumeist deutsch exkulpierenden Fragen der ZEIT (siehe unten): Alexander Gauland – zugleich elder statesman und konservativer poster boy der AfD, weil er mal Berater in der in Teilen als ausgesprochen völkisch national bekannten hessischen CDU gewesen ist – zitiert Fontane. Der ZEIT fällt dazu nichts ein, als seine Westbindungsaffinität in Frage zu stellen. Dass er sich im Kontext eindeutig äußert, wird weitgehend übergangen, obwohl er überdeutlich anspielt. Wen aber zitiert Gauland hier? Fontane, natürlich, den Schöpfer von Effi Briest, der berührenden Schullektüre und der Vorlage des Films von Fassbinder. Er zitiert hier darüber hinaus dezidiert den Fontane, der den Stechlin verfasst hat und daraus Dubslav von Stechlin, den uneingeschränkten Sympathieträger des Romans, das deutsche Opfer, den vorgeblichen Philosemiten, der am Ende seinen Antisemitismus deutsch erleichtert äußert, kulminierend in:
„»Engelke, mit Baruch is es auch nichts. Ich dachte wunder, was das für ein Heiliger wär‘, und nun is der Pferdefuß doch schließlich rausgekommen. Wollte mir da Geld auf Hypothek beinah aufzwingen, als ob ich nicht schon genug davon hätte… Sonderbar, Uncke, mit seinem ewigen ›zweideutig‹, wird am Ende doch recht behalten. Überhaupt solche Polizeimenschen mit ’nem Karabiner über die Schulter, das sind, bei Lichte besehn, immer die feinsten Menschenkenner. Ich ärgere mich, daß ich’s nicht eher gemerkt habe. So dumm zu sein! Aber das mit der ›Krankheit‹ heute, das war mir doch zu viel. Wenn sich die Menschen erst nach Krankheit erkundigen, dann ist es immer schlimm. Eigentlich is es jedem gleich, wie’s einem geht. Und ich habe sogar welche gekannt, die sahen sich, wenn sie so fragten, immer schon die Möbel und Bilder an und dachten an nichts wie an Auktion.«
http://gutenberg.spiegel.de/buch/der-stechlin-4434/37
Recommended reading: Jean Améry – Woche der Brüderlichkeit
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ZEIT: Wir haben ein Zitat von Ihnen gefunden über den Osten als Haltung oder als Ideologie: „Der alte Stechlin blickte nach Osten, nach Russland, nicht nach Westen, ganz anders der Düsseldorfer Jude Heine.“ Was bedeutet das? Was ist so schlecht daran, dass der Düsseldorfer Jude Heine sich nach Westen orientiert?
Gauland: Gar nichts, das ist eine schlichte Beschreibung.
ZEIT: Gehört die Westbindung, die ja auch eine indirekte Folge von Auschwitz ist, zum positiven Traditionsbestand der Deutschen?
Gauland: Da müssen wir definieren, was Westbindung ist. Ich will nicht hinter die westliche Demokratie zurück, keiner von uns in der AfD will das. Wenn die Westbindung allerdings bedeutet, dass wir auf Dauer an amerikanische Interessen gebunden sind, wenn Sie Westbindung als eine militärische Ewigkeitsbindung an die USA sehen, dann habe ich damit große Schwierigkeiten.
ZEIT: Die Westbindung ist also eine Entwicklung, die aus dem historischen Bruch entstanden ist, die Sie aber dennoch für richtig halten?
Gauland: Ja, es hat uns sehr genützt, aber deswegen muss ich noch nicht alles gut finden, was die Amerikaner bei uns gemacht haben.
ZEIT: Selbst wo Sie es richtig finden, schwingt noch ein Vorbehalt mit.
Gauland: Es wäre mir lieber gewesen, wir hätten es aus eigener Kraft vollbracht, aber so war es eben nicht. Auch da sind wir wieder bei Auschwitz.

http://www.zeit.de/…/alexander-gauland-afd-…/komplettansicht

Much more later!

„München leuchtete.“ January 21, 2016 | 07:50 am

„Wie in der Schweiz müssen Flüchtlinge auch in Bayern und Baden-Württemberg mitgeführtes Bargeld abgeben. Bayerns Innenminister Joachim Herrmann sagte der „Bild“-Zeitung: „Die Praxis in Bayern und die bundesgesetzlichen Regelungen im Asylbewerberleistungsgesetz entsprechen im Wesentlichen dem Verfahren in der Schweiz. Asylbewerber werden bei der Ankunft in den Aufnahmeeinrichtungen auf Dokumente, Wertsachen und Geld durchsucht. Barvermögen und Wertsachen können sichergestellt werden, wenn es mehr als 750 Euro sind und wenn ein Erstattungsanspruch gegen die Person besteht oder erwartet wird.“
http://www.welt.de/politik/deutschland/article151268796/Auch-in-Deutschland-muessen-Fluechtlinge-Bargeld-abgeben.html

Reread aus gegebenem Anlass: „Der Kla­mauk wird zudem durch eine auch im deut­schen Nach­kriegs­film be­lieb­te Figur sank­tio­niert: den jung ge­blie­be­nen Leh­rer…“ December 14, 2013 | 12:54 am

Pennälerfilme dürften in Deutschland auch deswegen so beliebt sein, weil sie das Selbstbild der orientierungslosen und zur Mündigkeit irgendwie unreifen Adoleszenten, die es am Ende immer nicht besser wussten und so nicht gemeint hatten, bestätigen. Charismatische Leh­rerfiguren lassen die Disziplinierung harmlos erscheinen und am Ende steht das Lob des autoritären Staates selbst.
Jakob Hayner – Der neue deutsche Volkskörper, Jungle World


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Schafft ein, zwei, viele Deutsche! Der Fortpflanzungsterror der „jungen Nation“ (6.8.2011)

Der Landesvorsitzende der Jungen Union Nordrhein-Westfalen, Sven Volmering, sagte, seine Organisation fordere ‚angesichts der demografischen Entwicklung mehr und nicht weniger Kinderlärm’.
Focus.de

Und heute da hört uns Deutschland und morgen die ganze Welt…
Hans Baumann – Es zittern die morschen Knochen

Die „beliebteste Nation der Welt“ (BBC-Poll according to Welt.de) bereitet sich einmal mehr darauf vor, für ihre einzigartige Aufopferungsbereitschaft belohnt zu werden. Und opfert auf dem Altar des Fortbestands des Volkes die im Lande angeblich so geschätzte Ruhe. Unter Ruhe jedoch wird in Deutschland seit jeher nicht die Qualität Stille, also die luxuriöse Abwesenheit von Krach, verstanden sondern das ruhige Gemüt, das beruhigte Gewissen, das Ruhekissen. Dem deutschen Bedürfnis nach Ruhe wird, notfalls mit drastischen Mitteln, aus zwei erst einmal entgegengesetzt anmutenden Gründen Ausdruck verliehen: aus Neid auf allzu lautstark geäußerte Lust am Leben und aus Gleichgültigkeit oder/ und Brutalität gegenüber den Schreien der Gequälten, Misshandelten und Leidenden (Neid diesen gegenüber entsteht dann, wenn man den Opfern ihr Leiden nachträglich missgönnt und umso mehr gelitten haben will; während man sie zuvor um alles beneidete, was man ihnen nicht gönnen mochte, um sich an ihnen rächen oder gegen sie wehren zu dürfen – das ist so krude wie notwendiger Bestandteil deutscher Ideologie). All dem begegnen die Deutschen mit dem gleichen missgünstigen, misstrauischen, missmutigen, miserablen „Lass’ mich in Ruhe!“. Das gilt nicht dem Lärm sondern dessen Motivation, denn Krach produzieren sie selbst ausgesprochen gerne, wobei allerdings peinlich genau darauf geachtet wird, dass der Anlass (Schützen- oder Oktoberfeste, Humtata-Karnevalsumzüge, Fußballweltmeisterschaften etc.) unverdächtig ist und er die Gemeinschaft, welcher als angemessen empfundenen Natur auch immer sie sein mag, ausdrücklich betont.

Sicher, das plötzliche Verschwinden Hunderttausender jüdischer Nachbarn mit nichts als einem Köfferchen in der Hand konnte für den objektiven Betrachter der damaligen Zeit nur einen Kurzurlaub auf Usedom bedeuten. Und die anschließende Belegung ihrer Wohnungen samt Mobiliar durch die arischen Nachbarn belegte die These der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr der Besitzer mit großem Nachdruck. Auch der öffentliche Abtransport Hunderttausender Juden in Güterwaggons Richtung Osten und die leere Rückreise derselben hat nur eine kleine, privilegierte und informierte Minderheit Böses annehmen lassen.
Nathan Gelbart (via hankythewanky)

Die unüberhörbarste deutsche Lärmproduktion im Wortsinne fand zwischen 1933 und 1945 statt. Die bloß deutsche Revolution ging einher mit dem schrillen Schreien ihrer Repräsentanten, mit Tschingderassabum, Gegröle, Kanonendonner, Sirenen, den „Jericho-Trompeten“ der Stukas und einem einfältigen Lied nach dem unvermeidlichen anderen. Es verwundert geradezu, dass noch keiner der sonst um abwegige Entschuldungen nicht verlegenen Volksgenossen auf die Idee kam zu behaupten, man habe einfach nichts mitbekommen können, weil’s doch im „Dritten Reich“ eh immer so laut gewesen sei. Die pausenlose Geräuschkulisse diente vornehmlich dazu, den jugendlichen Elan der Bewegung hervorzuheben – das hysterische Kreischen, anspornende Brüllen und begeisterte Johlen galt dem einen Volke als Inbegriff von Frische und Ursprünglichkeit. Die von den völkischen Jugendbewegungen des 19. Und 20. Jahrhunderts maßgeblich beeinflussten Nazis (vgl. George L. Mosses Grundlagenwerk „Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus“) fühlten sich den Heranwachsenden genauso weit verpflichtet, wie sie mit deren Vitalität und Virilität beispielsweise grenzenloses Wachstum zu begründen in der Lage waren. In den Lagern des Jungvolks war lautstarkes Bekunden der Freude an Gemeinschaft, Kräftemessen und Bewegung an frischer Luft obligatorisch. Darüber hinaus setzten die Nationalsozialisten eine Reihe kinderfreundlicher Gesetze in Kraft, bei denen es vornehmlich darum ging, Kinder aus proletarischem Milieu nicht mehr als billige Arbeitskräfte sondern als Deutsche zu definieren und sich somit deren Zugehörigkeitsgefühls zu versichern. Alle fortschrittlich anmutenden Gesetze wiesen dementsprechend die eine Einschränkung auf: Sie galten ausschließlich für ‚Arier’. Spätestens mit den Nürnberger Rassegesetzen waren vor allem Juden von den ‚Errungenschaften’ deutscher Gleichberechtigungspolitik ausgeschlossen. Das jüdische Kind wurde mit allen daraus resultierenden Konsequenzen de facto als jüdischer Erwachsener behandelt, der im Gegensatz zu den sich noch im Werden befindlich wähnenden Volksgenossen für alles und jedes Übel verantwortlich gemacht wurde, als Repräsentant der uralten Gegenrasse, des einen Volksfeindes. Kindheit und Jugend waren den (‚erbgesunden’) Deutschen vorbehalten und wurden politisch propagiert und medial verherrlicht.
Der im Nachkriegsdeutschland unisono als unpolitisch gehandelte Film „Die Feuerzangenbowle“ (1944, Vorbild für unzählige so genannte Pennälerfilme seit den späten 1960ern!) zeugt von der Sehnsucht der Deutschen als ewig Jungenhafte von aller individuellen Verantwortung frei zu sein. Der gleichermaßen als Salonlöwe wie als Autor erfolgreiche Hans Pfeiffer, der aufgrund seiner Erziehung durch Hauslehrer nie die ausgelassenen Freuden gemeinschaftlichen Schulbesuchs erfahren durfte, verjüngt sich zunächst nur optisch, um am Unterricht eines Gymnasiums teilnehmen zu können. Der äußerlichen Verwandlung folgt die geistig-moralische, und derart geläutert produziert Pfeiffer nunmehr vor allem eines: Lärm. Der Klamauk wird zudem durch eine auch im deutschen Nachkriegsfilm beliebte Figur sanktioniert: den jung gebliebenen Lehrer, und am Ende den wieder jung gewordenen Rektor, dessen frisch, fromm, fröhlich blondes, schrill kicherndes, krakeelendes und trotz aller vorgeblichen Unschuld vor allem im besten Gebäralter sich befindendes Töchterlein Pfeiffer schlussendlich ehelichen will. Statt seiner deutlich älteren und erkennbar sexuell erfahrenen vormaligen Geliebten, einer sich ausgesprochen erwachsen und ergo blasiert gebenden (eher dunkelhaarigen) Dame von Welt, die nicht ans Herz sondern die Vernunft, das Verantwortungsbewusstsein und letztlich den Geldbeutel appelliert und vor allem unnatürlich leise spricht. Und so geriert sie sich angesichts des Tumults der sie irgendwann naiv begeistert bedrängenden Schulkameraden Pfeiffers ostentativ artifiziell und bittet die „Herren“ (!) darum, doch nicht so einen Lärm zu veranstalten.
Zweifellos hatte die deutsche Frau offiziell vor allem einen Zweck zu erfüllen, und der war die Produktion Deutscher. In einem abgesehen davon breiten Rahmen jedoch existierten im „Dritten Reich“ durchaus vielfältige emanzipatorische Bestrebungen, die problemlos in das System integriert werden konnten. Es gab eine deutsche Frauenbewegung, die unwidersprochen Rechte einfordern durfte, und Leni Riefenstahl war trotz ihrer späteren (eigentlich leicht durchschaubar grotesken aber nichtsdestotrotz erfolgreichen) Selbstdarstellung als widerständiges Ausnahmetalent, das „nur Filme machen wollte“, eine durchaus bewunderte Ikone weiblicher Kreativität. Auch Prüderie war kein herausragendes Merkmal der Deutschen von 1933 bis 1945 – au contraire – jegliche augenzwinkernde und in den Arbeitsdiensten oder Freizeitlagern unermüdlich konterkarierte Kundgebung sexueller Zurückhaltung war bloße Konzession an insbesondere katholische oder anders tugendhafte Deutsche, wie auch das „Dritte Reich“ in jeglicher Hinsicht (außer wenn es um die Juden ging!) permanent bereit war Konzessionen zu machen. Prinzipiell war Nazi-Deutschland allen gegenüber aufgeschlossen, die Deutsche herstellen, sich darin üben oder dazu beitragen wollten (Riefenstahls schöne deutsche Jugendliche sind hier ein nicht zu unterschätzender Propagandafaktor: Dies könnte Ihr Kind sein!) – auf welche Art und in welchen (heterosexuellen) Verhältnissen auch immer sie das tun mochten. Tatsächlich schafften die Deutschen darüber hinaus Freiräume, in denen die Volksgenossen wirklich alles durften: die Konzentrationslager.
Nach 1945 herrschte bequemerweise die Meinung vor, Deutschland habe zwölf Jahre lang als geknechtetes und von einer grausamen Diktatur zum Schweigen gezwungenes Volk dahinvegetiert. Ebenso bequem wurden die unzähligen Beschwerden ignoriert, die das so ganz und gar nicht stumme Volk unermüdlich an relevante Institutionen weiterleitete (vgl. Robert Gellately – Backing Hitler. Consent and Coercion in Nazi Germany). In ihnen ging es vorwiegend um die ungerechte Verteilung des tagtäglich Erbeuteten oder ‚Rassenschande’. Der Traum der Deutschen allerdings offenbarte sich genau dort, wo ihm keinerlei Grenzen mehr gesetzt wurden. Und sie schufen eine Kakophonie des Grauens. Eine Collage gewollt widersprüchlicher Melodien, wo Kitsch und Grauen sich gegenseitig bedingten, durch Schreien dirigiert und jeden Schrei übertönend.
Ganz am Schluss erst konnten die Deutschen dazu gebracht werden, endlich mit dem Lärmen aufzuhören. Für einen kurzen Moment hielten sie dann erschrocken die Luft an (© by KdP), nur um bereits im ersten Augenblick des ob der ausbleibenden Strafe Aufatmens mit ihrem Gejammer die nachhallenden Klagen ihrer Opfer um jeden Preis zu übertönen.
Der erfolgreichste deutsche Nachkriegsroman wartete folgerichtig mit einem ausschließlich Lärm veranstaltenden Helden auf. In Günter Grass’ „Blechtrommel“ (1959) trommelt und schreit das deutsche ewige Kind Oskar Matzerath vorgeblich gegen die Nazis an, die es aber bloß imitiert und ihnen die vom Volk bis zum Ende herbeigesehnte kindische Variante einer Wunderwaffe vorführt: seine zerstörerische Stimme. Ganz anders als bei der ungleich und unangemessen erfolgloseren Gisela Elsner, die in „Fliegeralarm“ drastisch das konformistische Moment von Kinderlärm ausstellt. Derweil galt dem durchschnittlichen Nachkriegsdeutschen das stille Kind aber als Ideal; es glich so weniger den als gefährlich für den Bestand erkannten Schreihälsen im „Dritten Reich“ und diente als Spiegel ihres unauffällig zu sein habenden Selbst, als Beleg dafür, dass man nicht am Lärmen teilgenommen hatte.
Es blieb der kommenden sich ebenso von Schuld frei wähnenden und zur Ruhe ermahnten Generation vorbehalten, den Krach wiederzuentdecken. Aufbauend häufig auf ähnlichen Grundlagen wie ihre völkisch motivierten Vorfahren. In den Kinderläden der 68er herrschte das angeblich natürliche und noch angeblicher fröhliche Kreischen, Grölen und Johlen der Kleinen vor. Das wiederum den Grundstock legte für die nächste Generation jammernder Deutscher, die sich seit den 1990ern noch eine zeitlang ausführlich über ihr Leiden an den ihnen von ihren Eltern grausam gewährten Freiheiten beklagen durften. Damit ist es nun vorbei. Einzig die Senioren-Union mag noch Einspruch erheben gegen das bloß ihnen nach wie vor als subversiv oder allzu bekannt gelten mögende Gekreische.


Monty Python – Hell’s Grannies

Das Baby von Familienministerin Kristina Schröder ist da. Lotte Marie heißt das Kind, Mutter und Baby sind wohlauf. Und auch der Bundesrepublik geht es bestens.
Berliner Morgenpost

Während der unüberhörbare Beifall, der Thilo Sarrazin aus allen Schichten der Gesellschaft beschallt, den Wunsch nach nichts anderem als mindestens so genannten positiven eugenischen Maßnahmen unterstreicht, sind die offiziellen Volksvertreter noch vorsichtiger in der Umsetzung des Willens und Wollens ihresgleichens. Das beliebteste Volk der Welt hat sich eben deswegen keinesfalls als rassistisch darzustellen, als kinderfreundlicher sogar noch als die „vorbildlichen Skandinavier“ hingegen soll die einstmals kinderfeindliche Nation in Zukunft dastehen. Da man hierzulande in seiner Missgunst dem Nächsten nicht einmal den Dreck unter dessen Fingernägeln gönnt, wird propagiert, es hinge gerade eben nicht vom Geld ab, dass die Deutschen sich nicht mehr so recht fortpflanzen wollen. Vielmehr sei das kinderfeindliche Klima schuld am Niedergang der Nation. So lächerlich es klingen mag, dass daraufhin zuerst ein Gesetz für Kinderlärm unter Beteiligung aller deutschen Parteien erlassen wird, so offensichtlich sind dessen problematische Traditionslinien. Und natürlich schlägt man diverse Fliegen mit einer Klappe: Ums Bezahlen für den Bestand ist man mit hochmoralischem Gestus herumgekommen; gerade die Armen im Lande werden dadurch nicht zu übermäßiger Kinderproduktion angeregt, ebenso wenig die vielen in ärmlichen Verhältnissen leben sollenden „Menschen mit Migrationshintergrund“, die sind in ihren billigen Wohnungen in oft desolaten Gegenden eh meist dermaßen unerträglichen Lärmquellen ausgesetzt, dass es auf ein bisschen mehr oder weniger nicht mehr ankommt. Man braucht auch kein schlechtes Gewissen mehr haben, wenn man den Nachbarn, der sein Kind verprügelt, nicht anzeigt, gegen Kindergeschrei kann man nun mal nichts machen. Es hat natürlich zu sein.
Hinter all dem steht auch ein „Schreit so lange ihr es noch dürft, irgendwann ist es damit vorbei!“ Und jeder weiß, dass Kindergeschrei keinesfalls prinzipiell Ausdruck von Lebensfreude ist, viel öfter zeugt es von Hilflosigkeit und verzweifeltem sich Ausgeliefertfühlen; irgendwer ist immer stärker und mächtiger. Und wenn das Kind nicht grölend herumtoben mag, und stattdessen gerne still in der Ecke sitzt und liest, gilt es fortan als die Urwüchsigkeit und die Volksertüchtigung gefährdendes Element. „Geh doch mal raus spielen“, soll kein nerviger Vorschlag mehr sein sondern der Beleg dafür, dass man das Gesetz achtet. Und das Geschrei unzufriedener, unbefriedigter, frustrierter, ignorierter etc. Kreaturen wird kurzerhand unisono als wertvoll für die Selbstentfaltung erklärt.
Auf der anderen Seite zeugt das Bemühen nahezu aller Politiker, den deutschen Nachwuchs zum Schreien zu animieren von ihrem schlichten Gemüt: Das weit verbreitete Vorurteil, die „Ausländerkinder“ seien so viel lauter als die eigenen wohlerzogenen Abkömmlinge, lässt sie offenbar vermuten, der Krach rege zum endlich ernst gemeinten Zeugungsakt an: „Ach, ich will auch was haben, das 80 Dezibel machen kann.“ (Zum Vergleich: 65 Dezibel, Beginn der Schädigung des vegetativen Nervensystems, erhöhtes Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Damit erledigt man nebenbei gleich das vor allem von weiten Teilen der Jungen Union als solches empfundene lästige Seniorenproblem mit.) Und die „ausländischen Mitbürger“, denen man sogar noch weniger gönnt als den Volksgenossen, haben gefälligst nicht besser im Kinderkriegen zu sein. Da die rassistischen Ausschreitungen vor allem seit 1989 das Bild, das sich die Welt von den reumütigen Deutschen zu machen hatte, gravierend gefährdeten, müssen andere Mittel her, um das Land als deutsches zu bewahren. Hier geht es nicht ausschließlich um die Angst vor „Überfremdung“, sondern auch um den von Wolfgang Pohrt richtig beschriebenen Neid der Deutschen angesichts von nichtimdeutschenwurzelnden Müttern vieler Kinder, die ihnen im Schlussverkauf irgendwas vor der Nase wegziehen und das auch noch mit dem deutsch imaginierten und ersehnten guten Gewissen, mit einer Rechtfertigung vor sich selbst und allen anderen. „Obwohl die BRD ein Wohlstandsland ist, spielen sich bei der Öffnung der Kaufhäuser im Schlussverkauf regelmäßig Szenen ab, die an die Verteilung von Brot an die verhungernden Kurden erinnern. {…} Es dürfte hart für die Deutschen sein, wenn sie es mit ansehen müssen, wie andere die besseren Menschen sind, wenn sie tun, was die Deutschen nicht lassen können.“ (Wolfgang Pohrt – Das Jahr danach. Ein Bericht über die Vorkriegszeit., 169)


Martin Creed – Mothers


„Serial Mom“, John Waters (1994): „Separate your garbage!“, Screenshot

Die neue junge deutsche Frau, der man lange genug eingeimpft hat, als kinderlose sei sie nicht wirklich erfüllt, und sie könne doch im neuen jungen Deutschland mühelos Job (!) und Kinder „miteinander verbinden“, macht sich entsprechend auf, ihren Bauch nicht mehr für sich zu beanspruchen, sondern ihn buchstäblich als Rammbock einzusetzen. Schwangere Frauen und solche mit Kinderwagen rempeln (vorzugsweise in als wohlhabend und/ oder grün-alternativ aufgehübschten Städten respektive Stadtteilen) rücksichts- und grundlos Passanten an, die ihnen nicht umgehend den Tribut zollen, den die zukünftigen oder frischgebackenen Mütter der Nation einfordern. Ihre unverhohlen strahlend daherkommende Aggressivität ist nicht bloß dem Stolz auf die verdienstvolle Rolle geschuldet sondern vermutlich auch der Ahnung, dass das Ganze irgendwann wird teuer zu bezahlen sein, mit dem Verlust von Stille und einem erhöhten „Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen“ oder unerwünschten Falten. Wenigstens liefert Das Gesetz auch den Rest der Bevölkerung denselben Strapazen und Gefährdungen aus, darauf wird man mit Schubsen, ungeduldigem Drängeln beizeiten vorbereitet. Und Gnade dem, der es wagt, rauchend an einer Ampel zu warten, während die Erfüllten sich in seiner Nähe befinden…
Mehr oder weniger gelungene literarische Umsetzungen des Ausgeliefertseins an Kinder gibt es zuhauf: In John Wyndhams Midwich Cuckoos bilden die (vordergründig Alien-)Kinder eine verschworene, Erwachsene, die sich ihnen in den Weg stellen, mordende Gemeinschaft; in Doris Lessings „Memoirs of a Survivor“ und „The Fifth Child“ ziehen marodierende Kinder- und Heranwachsenden-Banden durchs trostlose Land; in Tennessee Williams’ „Suddenly Last Summer“ zerstückeln und essen minderjährige Jungen ihren Vergewaltiger in einem Akt hilflos brutaler Selbstjustiz; in Ira Levins „Stepford Wives“ zieht Joanna Newsom ihrer Kinder wegen und aufgrund des Drängens ihres Mannes in die erst einmal idyllische und erschreckend saubere, vor allem aber kinderfreundliche Kleinstadt Stepford, wird ermordet und durch einen Heiligeundhure-Roboter ersetzt, der nichts mehr tut, als die Kinder zu erziehen, zu kochen, putzen, einzukaufen und ihrem Mann jeden Willen und Wunsch zu erfüllen etc. pp. Und in der britischen TV-Serie „Cracker“ (dt. „Für alle Fälle Fitz“) klagt die hochschwangere Ehefrau den Autoren eines Science Fiction-Romans an, der die Schrecken einer Invasion beschreibt, in der Aliens die Körper von Menschen in Besitz nehmen und sie von innen heraus ausbeuten, das könne nur ein Mann als Fiktion geschrieben haben. In „Alien“ (Ridley Scott, 1979) hingegen bedeuten ‚Befruchtung’ und ‚Schwangerschaft’ den sicheren Tod.
Diese unterschwellig immer vorhandene Ahnung von Ausgesetztsein konterkariert die Regierung mit einer potentiellen Mutterkreuzträgerin, die mühelos vier, fünf oder wie viel auch immer Kinder neben ihren vielen politischen Aufgaben großziehen konnte, die aber um der Zielsetzung Willen irgendwann durch eine erstgebärfähige Nachfolgerin ersetzt wurde. Deren Kind trägt dann auch entsprechend einen Namen, der zwar wie derzeit angesagt ausgesprochen deutsch ist, jedoch Erinnerungen an Astrid Lindgrens fröhlichere und harmlosere Kinder aus Bullerbü evoziert. Womit ein weiterer Kreis aus den sich an angeblich entgegengesetzten Enden der Strecke befindenden Punkte gebogen wird, wo sich notwendig natürlich deutscher Nachwuchs und natürlicher Kinderladenkrawall treffen.

Deutschland ist volljährig, aber auch noch ein Teenager. Der fühlt sich stark, hat aber noch einiges zu lernen, bekommt die Fahrerlaubnis, aber erst mal auf Probe, kann bis nach Mitternacht in der Disco feiern, muss aber mit dem Kater selber klarkommen, darf wählen gehen, spricht aber noch im Jugendslang über die Politiker. Volljährig sein bedeutet aber auch: Man kann sich endlich mal so richtig das Jawort geben.
Katrin Göring-Eckardt, Grüne (Süddeutsche.de, 2008)

Ja, Deutschland wird volljährig – Grund zu feiern. Aber auch 18-Jährige sind noch auf der Suche nach ihrer Rolle und manchmal uneins mit sich selbst. Das gilt auch für Deutschland. Also, tu nicht so erwachsen, Deutschland, erhalte dir den Charme des Unfertigen!
Holger Treutmann, Pfarrer der Frauenkirche Dresden (ebd.)

Dieses Reich hat die ersten Tage seiner Jugend erlebt, es wird weiter wachsen in Jahrhunderte hinaus, es wird stark und mächtig werden! Die Fahnen werden durch die Zeiten getragen von immer neuen Generationen unseres Volkes. Deutschland hat sich gefunden! Unser Volk ist wiedergeboren!
Adolf Hitler, Reichsparteitag der Ehre, Nürnberg 1936

Die „späte Nation“ hat als ewig junge zu gelten, nur so ist sie fähig, alles von ihr Ausgehende zu entschulden. Knut Hamsun lieferte ein Beispiel ihrer Exkulpierungsstrategien seit spätestens 1933: „Er bezeichnete Deutschland als «junge Nation», die das Recht der Jugend auf Selbstentfaltung beanspruchte. {…} «Deutschland befindet sich mitten im Umbau. Wenn die Regierung Konzentrationslager einrichtet, so sollten Sie und die Welt verstehen, dass sie gute Gründe hat», belehrte er 1934 den norwegischen Ingenieur Christopher Vibe, der sich für Carl von Ossietzky einsetzte. Als dem KZ-Insassen zwei Jahre später der Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, entrüstete sich Hamsun lautstark. Seine eigene Nobelpreis-Medaille schenkte er 1943 dem Reichspropagandaminister Goebbels.“ (Aldo Keel – Der norwegische Nobelpreisträger: Gefeiert und umstritten)
Marcel Proust schrieb À la recherche du temps perdu in einem schalldicht isolierten Raum am Boulevard Haussmann in Paris. Das Oberverwaltungsgericht Münster aber urteilte apodiktisch und noch die individuellsten Schutzmaßnahmen als miesmacherisch denunzierend: „Wer Kinderlärm als lästig empfindet, {…} hat selbst eine falsche Einstellung zu Kindern.“

Recommended reading:
Ira Levin – The Stepford Wives (see also the 1975 movie version) + The Boys from Brazil + Rosemary’s Baby
Tennessee Williams – Suddenly Last Summer
Magnus Klaue – Lärm ist geil
Marcel Proust – À la recherche du temps perdue
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Later: Offenbar hat Götz Aly den Neidwennnichtmitmissgunst-ihnverwechselndengedanken aufgenommen und daraus womöglich doch nur wieder ‚Deutsche Opfer‘ exzerpiert. More to come!

+ Noch später: „Leider wird oft vergessen: Kinder sind unsere natürlichen Feinde. Die ihnen gemäße Staatsform ist die Diktatur. Wenn sie könnten, würden sie unser Konto plündern, uns in der Küche anketten, uns eine Magnum an die Schläfe halten und uns 24 Stunden am Tag Schokoschaumkuchen backen lassen. Wenn Sie einmal gehört und gesehen haben, was ein Kind an einer Supermarktkasse zu veranstalten in der Lage ist, um Sie fertigzumachen, dann wissen Sie: Ihren süßen kleinen Fratz, den Sie zu einem besseren Menschen erziehen wollen, können Sie jederzeit als akustisches Folterinstrument in Guantánamo einsetzen. Für den Umgang mit Kindern gilt, was für den Krieg gilt. Es gibt nur ein Gesetz: Sie oder wir. Sie sollten also wissen, was zu tun ist. Die Anwendung von Verhütungsmitteln ist einfach zu erlernen.Thomas Blum – Sie oder wir, Jungle World

Reread aus gegebenem Anlass: En attendant Walser September 19, 2013 | 12:27 am


spiegel.de

„Auf die Frage, woran seine Frau gestorben sei, antwortete Marcel Reich-Ranicki: „An Deutschland. Um 11.00 Uhr.““ via /?p=380">Reflexion
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Ein deutsches Opfer“, 15. März 2010

„[D]er Jude war gewöhnlich die Schlange, die an den Wurzeln des Baumes saß und ihn zu zerstören suchte.“ George L. Mosse – Die völkische Revolution

Die Münsterländische Volkszeitung findet, ihr Name will es so, die Lektüre mache „es leicht, Walsers Gemütsbewegungen nachzuempfinden. Ein gekränkter Mann, der Satisfaktion will und später doch jedes Zusammentreffen mit Reich-Ranicki meidet. […] Seine Gefühle sind prompt und direkt wie die eines Kindes: Ich habe mich bemüht, ich habe versucht, etwas gut zu machen. Mir ist bitter Unrecht getan worden. Ich muss mich wehren. […] Hinzu kommen Probleme eines Familienvaters der alltäglichen Art: Geldknappheit, Sorgen um die vier Töchter.“ (Diesseits der Gefühle – Martin Walsers Tagebücher, Münsterländische Volkszeitung online)
Der Unhold mochte des redlichen Schriftstellers Werke nicht loben und so mächtig war er, der Ehrl-König, dass man nie wieder etwas vom Autor hörte. Einem am Hungertuch nagenden deutschen Familienvater wurde die Existenzgrundlage entzogen, aus purer Bosheit wurde ihm „bitter Unrecht“ getan. Da sieht man ihn doch geradezu vor des armen Mannes roh gezimmerter Kate stehen und erbarmungslos die Zinsen einfordern. „Lasst mir nur die Kuh“, ruft der Gepeinigte. „Nein“, sagt der Bösewicht hinterhältig grinsend. „Die Kuh wird geschlachtet.“ Ohrfeigen möchte ihn daraufhin der arme Mann, der sich nicht anders als mit roher Gewalt zu wehren weiß, er ist ja ohnmächtig und hilflos ausgeliefert, dem Mächtigen, dem Unangreifbaren, dem über die unbesiegbare Auschwitzkeule Verfügenden.
Also besser nicht ohrfeigen, lieber einen Brief schreiben, in dem man ankündigt, was man zu tun vorhat: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Martin Walser – Leben und Schreiben, 1974-1978, zitiert nach Judith Luig – Martin Walsers ewige Wunde Marcel Reich-Ranicki, Die Welt online, Hervorhebung J6ON)1
Abgeschickt hat er den Brief dann nicht, aber in den folgenden Jahren immer wieder (!) gelesen. Zweiundzwanzig Jahre später ‚zerriss‘ Der Kritiker ihn erneut. Man liest richtig: Der Autor war trotz des rücksichtslosen Vorgehens weder verhungert, noch hatte er seine Schaffenskraft verloren.
Marcel Reich-Ranicki meinte, Auschwitz käme in Walsers literarischen Erinnerungen „Ein springender Brunnen“ (1998) nicht vor, kritisierte treffend und zu Recht und täuschte sich trotzdem: Der Roman fasst alles zusammen, was den Deutschen Auschwitz jemals bedeutet hat und beschreibt es aus dieser Sicht deutlich und angemessen: „Unser Auschwitz“ (Walser), ein Nichts.
Walser warf Reich-Ranicki im Interview mit der Süddeutschen daraufhin vor, sein „großes Problem […] besteht darin, die Literatur zugunsten der Literaturkritik abzuschaffen.“ Und rückte das Täter/Opfer-Verhältnis im deutschen Sinne zurecht: „Die Autoren sind die Opfer, und er ist der Täter. Jeder Autor, den er so behandelt, könnte zu ihm sagen: Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude.“ (19./20.09.1998)
Ein wenig später weitete er den Vorwurf offiziell aus: „Bei mir stellt sich eine unbeweisbare Ahnung ein: Die, die mit solchen Sätzen auftreten, wollen uns wehtun, weil sie finden, wir haben das verdient. […] Alle Deutschen. Denn das ist schon klar: In keiner anderen Sprache könnte im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts so von einem Volk, von einer Bevölkerung, einer Gesellschaft gesprochen werden. Das kann man nur von Deutschen sagen. Allenfalls noch, so weit ich sehe, von Österreichern. Jeder kennt unsere geschichtliche Last, die unvergängliche Schande, kein Tag, an dem sie uns nicht vorgehalten wird.“ (Martin Walser – Erfahrungen beim Verfassen einer Sonntagsrede, 11.10.1998)
Woraufhin er sich von Ignatz Bubis verfolgt wähnte und auch das weiterhin jammernd überlebte; Bubis nicht, der wollte nach seinen Erfahrungen mit den Deutschen in Folge der Paulskirchenrede nicht einmal mehr hier begraben werde.
Vier Jahre später traute sich Walser bereits, Reich-Ranicki im „Tod eines Kritikers“ schrifthandwerkelnd ein wenig zu ermorden (wirklich tot sein durfte er nicht, er war ja ewig), aber nur weil er ihn so liebte: „Und da muss ich sagen, die Sache selbst, mit Reich-Ranicki, die war für mich nötig. Aber das war für mich ein ganz anderes Unternehmen als das, was dann daraus geworden ist. Da gehört für mich ganz wichtig dazu, ich kann nur schreiben aus Liebe. Und das mag grotesk klingen. Ich könnte mich nicht ein Jahr lang mit einer Figur beschäftigen, wenn ich sie nicht liebte.2 Und das ist unterschiedslos bei allen Büchern, die ich geschrieben habe der Fall. Und dann habe ich geschrieben, eine unglückliche verlaufende Liebesgeschichte zwischen einem Autor und einem Kritiker. Und ich habe den Kritiker groß gemacht. Ich habe ihn in die Ebene Kennedy, Chaplin, Franz Josef Strauß einrangiert [???]. Und dann habe ich gesehen, dass das alles völlig anders empfunden wurde und gewirkt hat, als ich das empfunden habe.“ (Martin Walser über den „Tod eines Kritikers“, FAZ-Video, März 2007, Transkript)
Und nun endlich, nach vierunddreißig Jahren, hat er den Brief doch noch abgeschickt, als Teil seiner Tagebuch-Veröffentlichungen. Vierunddreißig Jahre hatte er Zeit, seine Formulierungen zu überdenken – nochmal: „Das Publikum, vor dem Sie die Motive meiner publizistischen Arbeit diffamieren, kann ich nur erreichen, wenn ich gegen Sie prozessiere oder Sie ohrfeige. Da mir zum Prozessieren das Geld fehlt, bleibt mir nichts anderes als die Ohrfeige […]. Sie werden bitte, jetzt nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ Das kann man dann wohl kaum noch als eine „in der Hitze des Gefechts“ gemachte „schreckliche und letztlich törichte Formulierung“ entschuldigen, wie es Reich-Ranicki noch 1998 versuchte.
Der Welt jedoch verrät Martin Walser seine Vorstellung vom Paradies:
Man sollte dahin kommen, dass Kritiker nur noch über Bücher schreiben, die sie lieben […]. Dann wäre die Literaturkritik ein blühender Garten. Als Liebender ist man attraktiver denn als Urteilender.“ (Die Welt online, ebd.)
Dem deutschen Romanverfasser verdirbt die Kritik die paradiesische Heimat; wie die Schlange nagt der Kritiker an der Wurzel seines Literatur-Baumes, zersetzend wirkt er auf die schöpferische Kraft des deutschen ‚Großschriftstellers‘. Wer würde es wagen, ihn des Antisemitismus zu bezichtigen?

Recommended reading:
Matthias N. Lorenz – ‚Auschwitz drängt uns auf einen Fleck’. Judendarstellung und Auschwitzdiskurs bei Martin Walser
Stuart Parkes und Fritz Wefelmeyer (Hg.) – Seelenarbeit an Deutschland. Martin Walser in Perspective
Axel Schmitt – „Herr Reich-Ranicki, in unserem Verhältnis bin ich der Jude“. Martin Walsers „Tod eines Kritikers“ und das Antisemitismus-Spiel in den deutschen Feuilletons
George L. Mosse – Die völkische Revolution. Über die geistigen Wurzeln des Nationalsozialismus
Joachim Rohloff – Ich bin das Volk. Martin Walser, Auschwitz und die Berliner Republik
Klaus Bittermann – Wie Walser einmal Deutschland verlassen wollte. Glossen über Querdenker de Luxe und andere Würstchen
Micha Brumlik, Hajo Funke, Lars Rensmann – Umkämpftes Vergessen. Walser-Debatte, Holocaust-Mahnmal und neuere deutsche Geschichtspolitik
Frank Schirrmacher – Die Walser-Bubis-Debatte. Eine Dokumentation

Update 26.03.10
Wie viele Seelen wohnen eigentlich, ach, in der Brust des deutschen Schriftstellers?
Walser über Reich-Ranicki, im Gespräch mit Dennis Scheck: „Ich spüre ein Recht darauf, diesen Menschen ein für allemal zu hassen!“ (03/2010)
Reich-Ranicki hat die Nase voll. In einem Interview teilte er mit, Walser habe ihm einem Brief geschickt und um ein Gespräch gebeten. Reich-Ranickis angemessene Reaktion: „Ich will das nicht. Ich habe mit ihm nichts zu tun. Schluss!“ Alle Medien, die die Agenturmeldung übernommen haben, missinterpretieren übrigens Walsers Aussage, Reich-Ranicki sei „eine Ikone der Liebenswürdigkeit“ völlig, deuten sie irrsinnigerweise als Versöhnungsbereitschaft, und haben auch sonst nur etwas über Walsers Leiden an Reich-Ranicki mitzuteilen. (Siehe z.B. BZ) Bis auf die „Bunte“, die mit beiden telefoniert hatte. Walser nämlich hängte an seinen Ikonen-Vergleich noch ein „Manchmal konnte [!] man fragen, ob er sich als Kritiker nicht ein bisschen überschätze…“ Die „Bunte“ merkte zu Recht an, das sei eine „Sehr seltsame Antwort, Herr Walser!“ Woraufhin der erwiderte: „Ich halte die Lakonie meiner Antwort für geglückt.“ (Bunte 13/ 25.3.2019) So geglückt wie seine Romane eben…

Ich aber bin nun zum ersten mal in meinen Leben im Besitz einer Ausgabe der „Bunten“, werde bis auf die halbe Seite zu Walser/ Reich-Ranicki nichts darin lesen (vielleicht doch das mit den eben nicht heimlichen liftings von wemauchimmer), weiß aber aufgrund der dem Heft beiliegenden Probe, dass Ms Karans neues Parfum Pure (laut homepage: „Ein Tropfen Vanille in Wasser“ – sicher doch!) aufdringlich, einfallslos parfumig, nicht aquatisch (thanks!) und tatsächlich auch noch nach Vanille (yuckie!) riecht.

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+ Later: Nachdrücklich zur Lektüre empfohlen: sonntagsgesellschaft.wordpress.com/2013/10/27/konkret-vs-marcel-reich-ranicki/

  1. Later: Die Ohrfeigen-Passage lautet wörtlich: „Ich sage Ihnen also, dass ich Ihnen, wenn Sie in meine Reichweite kommen, ins Gesicht schlagen werde. Mit der flachen Hand übrigens, weil ich Ihretwegen keine Faust mache. (…) Sie werden, bitte, nicht auch noch die Geschmacklosigkeit haben, diese Ankündigung und ihre gelegentliche Ausführung als Antisemitismus zu bezeichnen.“ (Zitiert nach Stuttgarter Zeitung online) Zur deutschen Auffassung von Satisfaktionsfähigkeit lohnt es sich dann wieder George L. Mosse, s.o., zu lesen. [zurück]
  2. cp. Eichmann in Jerusalem [zurück]

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+ Wie üblich coming soon: alles schon ewig Angekündigte + „‚Wo ist denn da die Erotik des Themas?‘ Die Deutschen und der Iran“ + Sollten Walser, Grass et al. … wie auch immer!

‚Ich kann beim besten Willen keinen Antisemitismus erkennen‘. Re: Kay Sokolowsky – Massenware Mythologie. Eine Kritik des Fantasy-Genres, Konkret 3/2012 March 9, 2012 | 04:35 am

Eine Vielzahl literarischer Genres wurde im 18., 19. und 20. Jahrhundert vor allem von Briten oder Franzosen (und später Amerikanern, früher z.B. von Skandinaviern) ‚erfunden‘, häufig aber irgendwie in Kollaboration beider. Die Deutschen spielten höchstens als ‚Stimmungsmacher‘ eine weltweit zumindest registrierte (Romantik – und in der Form sehr oft ironisierte, cp. William Wilkie Collins, Jane Austen et al.) Rolle.
Kay Sokolowsky irrt sich, wenn er schreibt, dass die Fantasy den „tiefverwurzelten Antisemitismus der Romantiker“ nicht adaptieren mochte und das damit begründet, dies läge vermutlich daran, „daß die Erfinder der Gattung – Henry Rider Haggard, William Morris und Lord Dunsany – aus England kamen.“ (53)
Zum literarischen Genre Fantasy kann hier mangels relevanter Leseerfahrung nichts gesagt werden. Dennoch: Bereits die Erinnerung an die Lektüre von J.R.R. Tolkiens „Lord of the Rings“ vorsehrvielenjahren lässt ahnen, dass es in Fantasy-Romanen neben dem von Sokolowsky ganz offensichtlich zu Recht konstatierten Rassismus auch antisemitisch geprägte Figuren gibt. Da Fantasy-Romane jedoch weitestgehend von als fantasiert (oder im schlimmeren Falle und von den Lesern oft als solche empfundenwerdensollende ‚authentisch’) ausgestellten „Rassen“ bevölkert sind, ist Rassismus wesentlich einfacher nachzuweisen (‚Lichtfiguren‘ vs ‚Dunkelwesen‘) als Antisemitismus (later: mehr zum Thema im Kommentar von Cyrano!).
Der von Sokolowsky aufgezählte Rider Haggard war anhaltend prägend allerdings vor allem mit seinen Abenteuer-Romanen (Spielbergs und Lukas’ „Indiana Jones“ beispielsweise basiert unübersehbar auf Haggards „Allan Quartermain“). Und in einem literarischen Kosmos, in dem (kulturelle etc.) ‚Identitäten’ in der vom Autor erfahrbaren Realität wenigstens noch gründen, tritt die sonst (auch – denn das Genre dient ebenso oft dem erfolgversprechenden Transport dessen, was man als Tabu betrachtet wissen will) dem Genre geschuldete Verklausulierung offen zutage.

Im allgemeinen ist dabei immer von >jüdischem Selbsthaß< die Rede – eine fragwürdige Bezeichnung, da sie nahelegt, den Ursprung in der Psyche der Juden zu verorten, statt ihn im Antisemitismus der Nicht-Juden zu suchen. Was als >jüdischer Selbsthaß< firmiert, wäre vielmehr als ein Nachgeben dem Antisemitismus gegenüber zu begreifen – das allerdings als Verinnerlichung bis zur Selbstzerstörung führen kann, wie bei Otto Weininger, den {Karl} Kraus verehrte.
Gerhard Scheit – Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth (225)
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Reprise (cp. „The Occupation Wasn’t Televised“):
Henry Rider Haggard, der selbst aus einer jüdischen Familie stammte, war unverhohlener Antisemit und ließ in seinem gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschienenen Roman „She“ die über zweitausend Jahre alte, unvorstellbar weise, weiße und ihr eigentlich adäquatem Luxus entsagende Gottkönigin (sie stirbt erst, als sie ihr Begehren erfüllen will!) eines im afrikanischen Urwald versteckten Volkes ihren Hass auf die Juden mit antisemitischen Stereotypen bebildern (der ebenso offensichtliche Rassismus Haggards lässt im Gegensatz zu seinem Antisemitismus jederzeit den ‚edlen Wilden’ oder insbesondere die ‚edle Wilde’ als Ausnahme oder unverstellten Ursprung zu). Der Wissenschaftler und ostentative Christ Holly, der sich unsterblich in „She“/ „Ayesha“ (Ayşe, türkisch-arabisch: lebhaft, lebensfroh, lebend, lebendig), die natürlich nach wie vor strahlend schön ist, verliebt, seufzt nur zustimmend und hat nun endlich eine Erklärung für den einzigen Mangel, den er an ihr entdecken kann – ihre Grausamkeit und Mordlust: Die Juden sind schuld:
„Ah, the fierce-hearted wolves,“ she said, „the followers of Sense and many gods – greedy of gain and faction-torn. I can see their dark faces yet. So they crucified their Messiah? Well can I believe it. That He was a Son of the Living Spirit would be naught to them, if indeed He was so, and of that we will talk afterwards. They would care naught for any God if He came not with pomp and power. They, a chosen people, a vessel of Him they call Jehovah, ay, and a vessel of Baal, and a vessel of Astoreth, and a vessel of the gods of the Egyptians – a high-stomached people, greedy of aught that brought them wealth and power. So they crucified their Messiah because He came in lowly guise – and now are they scattered about the earth? Why, if I remember, so said one of their prophets that it should be. Well, let them go – they broke my heart, those Jews, and made me look with evil eyes across the world, ay, and drove me to this wilderness, this place of a people that was before them.“
Rider Haggard – She, 1887
Dass das nicht bloße Figurenrede ist, (die auch in aktuellen Diskussionen allzu oft ohne Berücksichtigung des Kontexts oder bloß pseudorebellisch vorschnell exkulpiert wird) ist Haggards nichtfiktionalen Texten zu entnehmen, die Wendy Roberta Katz in „Rider Haggard and the Fiction of Empire“ dokumentiert hat. Rider Haggard machte später die Juden außerdem für beispielsweise die Morde an den Romanows, die Folterung und Hinrichtung Jesus Christus und die Russische Revolution verantwortlich machte, für die weltweite Ausbreitung des Bolschewismus und für die Massaker an den amerikanischen ‚Ureinwohnern’ („The States at the moment are being swamped by immigrants, an enormous part of whom are Jews from Central Europe, and does not know how to stem the torrent, although it does not desire to have more jews in the country where the native americans are vanishing under a flood of aliens.“ Zitiert nach Wendy Roberta Katz ebd., 150f).
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However, in Victorian England, the more violent strand of anti-Semitism had begun to ebb away as the British Empire arrived at its apogee. Nineteenth-century Britain was transformed into the manufacturing hub of the industrial world and the global market. The formal emancipation of the Jews in 1858, the election of a converted Jew, the exotic and unconventional Benjamin Disraeli, as prime minister, and the veritable rise of aristocratic dynasties among the Anglo-Jewish elite pointed to the emergence of a more liberal dispensation.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad, 365

Während, wie Wistrich beschreibt, die Juden im viktorianischen England nach den Pogromen seit 1144 und ihrer vollständigen Vertreibung aus England im Jahre 1290 (‚zurückkehren’ durften sie erst in den 1650ern) endlich einen Platz in der (städtischen) Gesellschaft zu finden schienen, zeigte sich das anhaltende Ressentiment in einer Welle antisemitisch gezeichneter Figuren in der britischen Literatur. Sie sind zu finden selbst bei so renommierten Autoren wie Charles Dickens, Anthony Trollope und George Eliot (die allerdings infolge ihrer Bekanntschaft mit dem frühen Zionisten Immanuel Oscar Menahem Deutsch einen radikalen Meinungswechsel vollzog, der ihren letzten Roman „Daniel Derronda“ unüberlesbar beeinflusste). Allen voran aber ist die Gothic Novel, die unbestreitbar von den Briten aus der Taufe gehoben wurde, bereits in ihrer frühen Phase im 18. Jahrhundert (z.B. Charles R. Maturins „Melmoth the Wanderer“) insbesondere aber seit ihrer Renaissance ab Mitte des 19. Jahrhunderts bevölkert von antisemitisch stereotypisierten Charakteren, mit von nicht explizit als Juden bezeichneten wie in Bram Stokers „Dracula“ (cp. Judith Halberstams „Skin Shows: Gothic Horror and the Technology of Monsters“ und Carol Margaret Davisons „Anti-Semitism and British Gothic Literaturel“) oder unverhüllt wie in den Romanen Joseph Sheridan LeFanus oder der einzigen Gothic Novel der Amerikanerin Louisa May Alcott („A Long Fatal Love Chase“). Der Einfluss setzt sich fort in den von der Gothic Novel maßgeblich beeinflussten Horror-Erzählungen Algernon Blackwoods etc. pp.
Der Gothic Novel-Autor und nebenbei anerkannte Erfinder der Detective Novel („The Moonstone“), William Wilkie Collins war übrigens kein Antisemit und in allen seinen vielen Romanen ist eine einzige antisemitische Passage zu finden, die jedoch ist tatsächlich Figurenrede, geäußert von einem als ausgesprochen albern und oberflächlich gezeichneten Charakter (Zack Thorpe in „Hide and Seek“).
Auf der anderen Seite verabscheute der Brite H.G. Wells, neben Jules Verne Begründer der Science Fiction, ‚die Juden’, was seinen Romanen auch zu entnehmen ist.
Und so weiter und so fort.
Antisemitismus war und ist ein fast weltweit mörderisches Phänomen. Es hat mittlerweile weltweit Eingang in die Literatur gefunden; es hat Genres beeinflusst und über deren Maßen befördert.
Dass aber eben der Antisemitismus der Deutschen – im Gegensatz zu beispielsweise dem der Briten – sie Auschwitz schaffen ließ, lag auch daran, dass die Deutschen nichts haben zu dürfen glauben wollten außer ihrem Antisemitismus. Daran, dass sie sich unbedingt permanent als Opfer wähnen wollten. Dass sie sich noch, als sie ihre Opfer ausplünderten, im Gedränge triumphierend bescheiden und nicht mehr als das ihnen als wenig erscheinen zu habend Zustehende rechthaberisch und aufopferungsvoll einfordernd geben wollten. Das war ihr einziger Traum: Dabei endlich über Leichen gehen zu dürfen.
Die selbst nach dem leider bloß angeblich verlorenen Krieg ungebrochene Gefahr deutscher Ideologie liegt vor allem in dem ‚deutschen Erfolg’, den sie penibel registrierten, in der Erfüllung des Traums jedes Antisemiten, in dem Verbrechen, für das sie nie bestraft wurden.
Alles Relevante zum Thema kann man wie üblich nachlesen bei Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Jean Améry, Saul Friedländer, George L. Mosse, Alfred Sohn-Rethel, Detlev Claussen, Robert S. Wistrich, Moishe Postone, Joachim Bruhn, Frank Stern, Gerhard Scheit, Daniel Jonah Godhagen, Robert G. Moeller, Saul K. Padover, Klaus Briegleb, Tjark Kunstreich, Eike Geisel, Wolfgang Pohrt, Christian Schultz-Gerstein, Robert Gellately, Nicolas Berg etc. pp.

Pausenbild IV January 9, 2012 | 09:27 pm

Buchjournal: „Was nützt es uns, wenn wir uns der Vergangenheit vergewissern?
Thea Dorn: „Ein Land, das 99 Prozent seiner Geschichte vergisst, kann nicht vital und zukunftsfähig sein. Mein Haupteindruck von der gegenwärtigen Gesellschaft ist eine furchtbare Verzagtheit, Ratlosigkeit, fast kindliche Hilflosigkeit, ein ängstliches In-die-Zukunft-Blinzeln, vor lauter Problemen sehen wir den Wald nicht mehr. Es gibt keinen Lebensmut und keine Energie, und das, obwohl Deutschland in der Mitte Europas gut aufgestellt ist.“
{…}
Und was ist für Sie „typisch deutsch“? Unter allen Kommentatoren verlosen wir 1 Exemplar von Thea Dorns und Richard Wagners Buch „Die deutsche Seele“!
Die Kommentarfunktion finden Sie weiter unten.

„Was heißt es, deutsch zu sein?“ Thea Dorn und Richard Wagner im Interview mit dem Buchjournal

Korrekturvorschlag:
Wie im Interview erneut belegt wird, ist es xxxx, sich permanent als Opfer von allem möglichen auszustellen. Die adäquatesten Kommentare zu den xxxx hat Eike Geisel verfasst, u.a. den folgenden:
„Die xxxx hatten zwar den Krieg verloren, sollten aber als Vernichtungsgewinnler aus ihm hervorgehen, indem sie den Ermordeten noch die Rolle des Opfers stahlen.“

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Recommended reading:
Joachim Bruhn – Was deutsch ist

Sonstiges: Deutschland im November 2011 November 9, 2011 | 09:54 pm

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Screenshot Homepage, Eckhard Uhlenberg, CDU: „Ich bin 1948 in Werl geboren und habe drei, inzwischen lange erwachsene Kinder. In Werl-Büderich bin ich auf einem wunderschönen, alten Bauernhof zu Hause, der seit vielen Generationen Heimat der Familie ist.
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Screenshot Zeit.online

Wenn wir vom Deutschen also ohnehin mehr geprägt sind, als wir uns eingestehen wollen – wäre es dann nicht redlicher, diese historischen Traditionslinien offen zu reflektieren? Und wäre es nicht hilfreicher, sich auch wieder von dem anstecken zu lassen, das diesem Land jahrhundertelang seine ungeheure Dynamik und Vitalität beschert hat? Von seiner überschwänglichen Liebe zur Kunst, zur Dichtung, zur Musik? Von seiner maßlosen Lust am Hervorbringen, am Arbeiten, am »Schaffen«? Goethes Verheißung, »wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen«, ist uns zur fremdsprachlichen Zumutung geworden.
Thea Dorns (!) am 6.11. veröffentlichtes “Kraft durch Freude”-Geleitwort zum nahenden Jahrestag der Reichspogromnacht: Die deutsche Seele…, Zeit.online
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‚Das Vergessen verlängert das Exil, und das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung‘ – diesen jüdischen Spruch hat sich die Politik der Erinnerung angeeignet. Da aber niemand mehr erlöst werden kann, weil diese Auskunft an der Geschichte zuschanden geworden ist, soll die veranstaltete Erinnerung Erlösung von der Geschichte bringen. Die Deutschen wollen aus dem Exil, aus der Kälte der Gesellschaft in die Wärme, in die Gemeinschaft, sie wollen zu sich kommen. So ist aus der Asche der Ermordeten der Stoff geworden, mit dem sich der neue Nationalismus das gute Gewissen macht, jetzt können die Landsleute statt Menschen Deutsche sein.
Eike Geisel – Opfersehnsucht und Judenneid. Ein Kommentar zur Nationalisierung der Erinnerung, in ders. Triumph des guten Willens
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In Memoriam Herschel Grynszpan
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„Sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten“. Die Aufrüstung des Vokabulars der ‚Erwachten‘ mit armseligen Mitteln March 15, 2011 | 11:49 pm

Meine Hände
Sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme
Mich, daß mein Herz so weiß ist.

William Shakespeare – Macbeth

Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“, und das Erwachen aus einem ungeheuerlichen Traum, mit den eigenen blutigen Händen noch vor Augen mag einen, der in relativer Sicherheit in einem vergleichsweise zivilisiert erscheinenden Land lebt, zu drastischen Schlussfolgerungen animieren. Die billigste ist, den Traum als Bestätigung des lange gehegten Weltbilds zu verstehen. Gemäß dieser Logik ist dem Träumenden die bloß affektive Verarbeitung Bestätigung und Antrieb zugleich. Zweifel können nicht zugelassen werden; die Geschlossenheit des guten, gerechten, wissenden Selbst muss bewahrt werden. Die Welt ist dann ein Ort, an dem Paranoia nicht als Wahn sondern überlebensnotwendig scheint. Weniger billig ist das Erschrecken vor sich selbst. Es kann so gravierend sein, dass alles, woran man zuvor glaubte, kontaminiert erscheint, als etwas empfunden wird, dessen man sich so gründlich und schnell wie möglich entledigen muss. Am einfachsten ist es dann, gründlich aufzuräumen, zu reinigen, zu säubern, desinfizieren, eliminieren und die Katharsis versprechende radikale Gegenposition einzunehmen, von der aus das überwunden geglaubte Böse umso eifriger verfolgt werden kann.
Das Erschrecken gilt in jedem Fall als Bestätigung von Hilflosigkeit und gravierendem Kontrollverlust angesichts von Mächten, die offenbar in der Lage sind, den Träumenden zum Äußersten zu treiben. Was ‚sie’ aus der Welt gemacht haben, muss ihm als Rechtfertigung seiner als verzweifelt zu imaginierenden Tat herhalten. Im Extremfall (!) zeitigen beide Reaktionen trotz ihrer vorgeblichen Unterschiedlichkeit ähnliche Konsequenzen: Entweder wird die Gefährlichkeit des zu bekämpfenden Feindes als nunmehr eindrücklich bewiesen angenommen, oder die ‚Kontrolle’ muss wiederhergestellt werden. Der Traum gilt als Aufforderung, in Zukunft nie wieder an sich zu zweifeln. Der Schonimmerrechthabende oder an sich selbst Geheilte wird zum Monsterjäger. Zunächst rüstet er sich mit einem Arsenal von Abwehrwaffen aus, das die (in beiden Fällen) Rückkehr der Ungeheuer an ihren Ursprungsort zu verhindern helfen soll. In diesem Stadium allerdings ist die Waffensammlung noch bloße Illustration der notwendig eingebildeten Machtlosigkeit. Kindisch gilt das Wort als Tat und pubertär der Vulgarismus als vollzogener Akt.
Die eigene wie die Aufrüstungsgeschichte der Menschheit werden rekapituliert und mit den Mitteln ungeheuerlich phantasievoll dargestellt, die einem unter anderen die deutsche Erziehung zu Kreativität und/ oder die Accessoires des Setzkasten-Äquivalents Facebook gegeben haben. Als vorbildlich gelten Steine, die von Kindern oder Jugendlichen geworfen werden, Messer, mit denen hochgerüstete Erzfeinde erstochen oder im Schweiße des Angesichts herausgeflexte Rohre, mit denen sie erschlagen werden sollen, durch mit bloßen Händen gegrabene Tunnel geschmuggelte Handfeuerwaffen, mit denen Familien in ihren Wagen oder Schlafzimmern erschossen werden, herumtorkelnde Billig-Raketen, irgendwann eine mühselig in volksrevolutionärer Heimarbeit hergestellte Atombombe, und vor allem Menschen, die sich mehr oder weniger freiwillig opfern, sich inmitten der ihnen gesichtslos erscheinen zu habenden Menge in die Luft sprengen sollen oder wollen. Menschen, die sich Bombengürtel umschnallen, umschnallen lassen oder umschnallen lassen müssen, die Fotos ihrer zum Selbstmordattentat bereit zu sein habenden Kinder und Säuglinge stolz verbreiten. Alles ist erlaubt, solange es nur irgendwie verzweifelte Hilflosigkeit suggeriert.


via Lizas Welt – Pallywood revisited

Der sich endlich erwacht Wähnende versieht sich verbal mit den archaischen Waffen des Opfers – seine Sprache muss entsprechend volksnah und nachvollziehbar sein; er könnte ganz anders, aber natürlich will er nicht. Er hat eine Botschaft, die verstanden werden soll. Gegen alle Widerstände, und die sind so unermesslich wie ihm unbegreifbar, denn in seinen Augen vereint der Feind in und um sich übermenschliche Intelligenz, Macht und Rücksichtslosigkeit; er zersetzt, verdirbt und verblödet das Volk; er verführt und führt die Gutgläubigen in die Irre. Und nichts neidet er ihm mehr als den „Opferstatus“, der doch nur von seinen Gnaden verliehen werden dürfte. In ihn wird alles projiziert, was man sich im Wahn ausgemalt hat und nicht von sich wissen darf. Die deutsche Illusion muss unbedingt aufrechterhalten werden. Deutsche Antizionisten und ostentativ deutsche Philosemiten unterscheiden sich hier nur in der Projektionsfläche ihres Opferstatus – was letztendlich einem deutschen Nachkriegskonflikt geschuldet ist, der jeder der beiden Parteien, die sich um ihrer Existenz Willen diametral entgegengesetzt vorstellen müssen, moralische Überlegenheit sichern helfen soll. (In diesem Rahmen dienen erklärte Antisemiten bloß noch und so oder eben anders als Negativfolie.) Ohne die beiden und ihre (angeblich) gemäßigten Platzhalter ist Deutschland nicht mehr möglich! Soviel hat man aus Auschwitz irrsinnigerweise gelernt. Das deutsche Vermögen, aus Auschwitz noch eine (linke wie rechte) selbsterhaltende Lehre zu ziehen, treibt das Denken tatsächlich an die Grenzen des Wahnsinns. Nicht allerdings gelernt haben die Deutschen, dass sie (als solche) keine Opfer mehr sein wollen dürfen. Dass sie trotz der ausgebliebenen Strafe für ihre Verbrechen ihr mitleidlos ungebrochenes Bedürfnis, sich als Opfer zu gerieren, (das weder genetisch noch kulturell noch irgendwie weitergegeben wurde, das allein ideologisch und entsprechend – notwendig gilt nur für irgendetwas, nicht fürs spezifische – angenommen ist!) weder selbst noch in der Projektion aufzuführen haben.
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Schon sind wir ja Zeugen, wie die sich als ‘links’ verstehenden politischen Gruppen kein Wort verlieren, wenn ein Despot und Paranoiker in Uganda sich abscheulicher Morde schuldig macht; wie sie nicht protestieren, wenn der absolute Herrscher Libyens Gesetze erläßt, nach denen ehebrecherische Frauen gesteinigt werden; wie sie diskret schweigen, wenn in Algerien auch nicht einer der großen ‘chefs historique’ der Revolution noch auf der Bildfläche erscheint. Ben Bella? Er wechselte nur die Gefängnisse der französischen faschistischen Offiziere mit denen des ‘Sozialisten’ Boumedienne. Die Linke hält den Mund. Und sofern sie redet, ist ihr Vokabular im eigentlichen Wortsinne ver-rückt. Die Gewaltregime Syriens und Iraks, wo gelegentlich auch Kommunisten in den Kerker geworfen werden, nennt sie hartnäckig ‘progressistisch’. Israel aber, kein Musterstaat, gewiß nicht, aber doch ein Gemeinwesen, wo Opposition, auch anti-nationale. sich regen darf, ist in der linken Mythologie ein ‘reaktionäres’ Land.
Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit (1976), in: Weiterleben – aber wie?

Dem Konvertiten gilt das frühere Selbst regelmäßig als angepasst und von der fremdgesteuerten Mehrheit oktroyiert. Das Aufbegehren gegen den einstigen Standpunkt hat entsprechend als drastischer Nonkonformismus und geradezu verfemt zu gelten. Verboten ist der Gedanke, dass man endlich der sich prinzipiell als rebellisch ausgebenden Mehrheitsmeinung aufgesessen ist, die alles andere als einförmig und mit unterschiedlichen Ausprägungen daherkommt. Sei es derjenige, der sich als selbst erklärter „Antideutscher“ dabei ertappte, seine Aggressionen in als erwünscht angenommenen (!) Phrasen auszudrücken und über das „Wegbomben der Palästinenser“ o.ä. zu schwadronieren. Da eben das dort nicht einmal ansatzweise eingefordert wird, ist das Erschrecken umso gravierender. Weswegen es gilt, die Schuld weit von sich zu weisen und den unheimlichen Verführern zuzuschreiben. Aber man hat zugleich selbst ein ‚größeres Opfer’ (in direkter Opposition zu dem angeblich als ‚größtes Opfer der Menschheitsgeschichte verkauften’ (!)) geschaffen, dem man sich selbstreinigend zuwenden kann. Die neue Identität hat dann um jeden Preis verteidigt zu werden. Und die Hemmschwelle ist niedriger, da man an sich selbst erfahren hat, mit welch grausamen Feinden man es zu tun hat. Und der Sieg ist umso befriedigender, je übermächtiger die Projektion gerät. Im neuen Opferstatus, so friedvoll und ausdrücklich harmlos er sich auch ausgeben mag, ist das Jetztreichtsaber bereits angelegt.

An der Kollaboration mit dem Islam lässt sich ablesen, auf welche Weise man die von den Siegermächten geschaffene Nachkriegsordnung innerviert hat: Jihad und Sharia, Verschleierung der Frau und Terror der Tugendwächter werden nicht als Kränkung narzisstischer Art, sondern als Bestätigung von Straf- und Leidensbedürfnis erfahren, als verdiente Strafe dafür, dass man den durch Ausbeutung und Vernichtung geschaffenen Reichtum mitgenießt – die aber, solange man nicht unter der Herrschaft der Sharia lebt, den Vorteil besitzt, dass man selber davon nicht unmittelbar betroffen ist. Der Islam ermöglicht den linken Abkömmlingen christlicher Sühnebereitschaft eine unerhörte Entfesselung ihrer Strafphantasien am anderen Objekt.
Gerhard Scheit – Gemeinschaftsneid und Strafbedürfnis. Die zwei Formen des postnazistischen Bewusstseins, Bahamas

Oder diejenigen, deren beispielsweise „Sozialismus in einem Land“ die Länder abhanden gekommen sind, und die nun nach einer Ersatzheimat suchen. Gefunden haben wollen die (wenig erstaunlich) viele Deutsche im radikalen Islam, der ihnen als der neue große Gleichmacher gilt. Als weise und gütig, wohltätig und – vor allem – respektvoll lobpreisen sie ihre neue deutsche Religion, die tatsächlich nichts wollen soll als einebnen und Volksgemeinschaft herstellen, diesmal unbereubar weltweit. Der Respekt der meisten deutschen Konvertiten gilt hauptsächlich dem aufopferungsbereiten Sein zum Tode, ihre Sehnsucht dem Schutz vor allem, was den Glauben nicht teilen mag, der verordneten Unmündigkeit all derer, die anfällig erscheinen mögen, insbesondere aber dem Schutz vor sich selbst: Es werden so viele menschliche Projektionsflächen fürs an sich selbst Unerwünschte geschaffen, wie sie nun mal nötig sind – es drohen bereits im Diesseits Strafen, die in ihrer Ausgeklügeltheit und als Gerechtigkeit daherkommenden Gier nach Triebabfuhr Dependancen der Hölle auf Erden gleichen. Die sich als gemäßigt ausgebenden Exkulpierer wiederum wollen das alles einfach nicht sehen, denn irgendwo muss es doch das Paradies geben. Ein verbotenes Paradies – denn zugleich will man an der neuen großen Opfererzählung teilhaben. (Vgl. zu Islamophobie allg. Gerhard Scheit ebd. und aa:b – Zwischen Vorurteil und Ressentiment)
Der Weg ehemaliger „Antideutscher“ nach Deutschland erscheint erst einmal unverständlicher. Ist es aber am Ende nicht. In dem Moment, in dem sie ein Sendungsbewusstsein entwickelt hatten, ein Bewusstsein als, hier: innerhalb der radikalen Linken, unverstandene Minderheit, überhaupt als Gruppe, als Identitätsträger, wurden die Tore weit geöffnet, sowohl in Richtung der konservativen Gegner der Bewegungslinken als auch (zurück) zu deutsch-linken Positionen. Sei es als trotzige Binnengruppen-Rebellen, als bloß immer Recht haben Wollende, des Rechthabens Müde, als sich permanent neu Erfindende, als wieder nach jeglicher Möglichkeit sich als Opfer produzieren zu können Süchtige oder was auch immer, sobald der eigene vermutete Status grundsätzliche (!) Kritik und Reflexion obsolet erscheinen lässt, taucht das Versprechen irgendwie rebellisch anmutender Identifikationen am Horizont der Realpolitik auf. All diese Hoffnungen auf dann doch Sinnstiftung oder Anbindung oder Teilhabe oder Einzigartigkeit im neuen Kollektiv erschöpfen sich aber immer bloß im endlich Ankommenwollen, das auch reine Ideologie ist, und „man verwendet im Französischen das deutsche Wort ‚la Realpolitik’, wenn man Opportunismus meint“, Jean Améry – Weiterleben – aber wie?, 143. Dem Deutschen aber gilt Opportunismus nur dann als verwerflich, wenn er den Deutschen nicht opportun ist. Wenn der Opportunist übers Allgemeinwohl sich erheben will.
Diejenigen ‚Linken’, die in letzter Zeit zu veritablen Deutschen geworden sind, die sich aber nach wie vor nicht als Rechte bezeichnen lassen mögen, nicht als antisemitisch oder misogyn oder sexistisch oder homophob, weil sie den Schein unbedingt aufrechterhalten wollen, sind tatsächlich wesentlich verwurzelter im kontemporären völkischen Mainstream als der spektakulärste Konvertit des Jahres: MaKss Damage (in einschlägigen Kreisen ist das bloß mit Horst Mahlers – den er auch als Vorbild benennt – offenem Bekenntnis zum Rechtsradikalismus zu vergleichen). Während man im (zugegeben kleinen) Kreis der deutschen Stalin-Verehrer noch seine Lieder vor sich hinträllerte und ihm alles zutraute, nur keinen Antisemitismus („Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen, die jüdisch sind“ – „Der singt ‚lyrisch’! Ätsch! Er meint es also überhaupt nicht so!“ etc.), während man sich explizit darüber freute, dass er die „Antideutschen“ diversen Folterpraktiken unterziehen wollte, an deren Ende meist ihr Tod zu stehen hatte, bereitete sich Julian Fritsch bloß noch auf sein öffentliches Erscheinen als „nationaler Sozialist“ vor. With a bang! Alle hatten es bemerkt, sogar der Barde himself, der das Grinsen mühsam unterdrückend (man sieht geradezu die Regieanweisung: „Ja, großartig, Julian! Aber lächle nicht zuviel. Das ist eine ernste Angelegenheit!“) zugab, in den von ihm in letzter Zeit hergestellten Liedern sei das ja alles schon irgendwie zu hören gewesen (dazu zählt also auch das ausschließlich obszöne „Fünf Finger“!) von seinem Kampf mit sich selbst berichtet. Nur die mit ihm auf einer Linie liegenden wollten nichts mitbekommen haben. Die Schadensbegrenzung reicht von: „Wir hören nur noch die Lieder, die er bis 2009 geschrieben hat, irgendwie oder so“ zu … Schweigen. Jegliche Identifikation mit MaKss Damage erschöpfte sich von Beginn bis zum unrühmlichen Ende in Omnipotenz-Fantasien des selbsterklärten Opfers bzw. deren Bewunderung. Hier wurde zum Anlass vorgeschlagen, doch bitte gleich das Horst Wessel-Lied mitzusingen. Erstaunlich war bloß Fritschs frühe Einsicht in die Herkunft seines Ressentiments. Üblicherweise dauert es länger, bis die Fassade zusammenbricht. Und es handelt sich um nichts anderes, denn bei MaKss Damage war nie eine Entwicklung zu beobachten, die äußert sich seit dem Bruch außerdem lediglich in Reizworten, die Texte kommen trotz ihrer fortwährend obszönen Brutalität noch häufig unfreiwillig komisch daher: „Und reißen uns unsere Augen aus/ Nur, um aus der Quelle der Weisheit zu trinken“, Vita Germania (ja, sicher: Augen sind einem beim Trinken immer gemein im Weg (cp. Odin)).
Während der konvertierte Moderator der „Stoppt den BAK Shalom!“-Facebook-Gruppe sich von Jürgen Elsässer (der dem radikalen Islam selbst in einer seiner brutalsten gesellschaftlichen Erscheinungsformen, dem Iran, auch nicht abgeneigt ist, solange er für Ruhe und Ordnung sorgt, und wenn da nur nicht die ganzen ‚Ausländer’ wären, und der wie Mahler von „besetztem Deutschland“, „Schuldknechtschaft“ und dergleichen redet…) noch freiwillig aus den lobhudelnden Kommentaren verabschiedete, weil er sich um seine Facebook-Gruppe zu kümmern habe, bevor Elsässer sich zum Sarrazin-Fan auch offiziell erklärte, muss er vom Damage-Outing kalt erwischt worden sein. Thema bei „Stoppt den BAK Shalom!“ kann das nicht sein, denn da geht es nur um den BAK Shalom und die „Antideutschen“, außer irgendwas anderes passt gerade doch irgendwie trotzdem: die „Verbrechen“ Israels und der USA zum Beispiel. Bisher wurde dementsprechend kein Wort über die verloren, die einem doch angeblich so am Herzen liegen und die derzeit gegen die desolaten Zustände, unter denen sie zu leiden haben, aufbegehren: in Tunesien, im Jemen, in Ägypten, Libyen etc. pp. Bei Elsässer wird das gelobt (eindeutig work in progress – wait and see! Stand Mitte März, 2011), wenn es nicht gerade im Iran oder Gaddafi passiert, und so lange nur keiner „von denen“ nach Deutschland kommt. Die deutschen Massenmedien, von denen sich Elsässer angeblich so abhebt, haben es geschafft, das alles und noch viel mehr Zynisches unter einen Hut zu quetschen.
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Bis das Schwert meines Feindes
Mein Herz aus dem Leibe reißt
Dann pack’ ich mein Hackebeil
Und zieh’ in Walhalla ein

MaKss Damage – Vita Germania

Noch kein von den Deutschen allgemein anerkannter Prophet hat es geschafft, eine über seinen Verfolgungswahn und die wie auch immer projizierte Ausschaltung der angenommenen Gegner hinaus gehende Idee zu entwickeln, und selbst aus dem dem Widersprechenden konnten die Deutschen eine nicht im Werk auffindbare Leidensgeschichte exzerpieren und eine zeitlang für eine ihrer Erscheinungsformen als Existenzgrundlage postulieren. Deutsche Ideologie gerinnt irgendwann zu der irrsinnigen Vorstellung, dass alles gut wird, wenn man sich genug hat wehren dürfen, gegen das Undeutsche, Inauthentische, bloß Kritisierende, die Spaßverderber oder dergleichen (vgl. Horkheimer/ Adorno – Dialektik der Aufklärung). Überall finden sich nach wie vor und zunehmend mindestens Spuren dieses (mehr oder weniger offene Gewaltbereitschaft erzeugenden) Wahns – in Literatur und Spielfilmen, im Fernsehen und Theater, selbst in der Musik und in der Politik sowieso, bei den Rechten wie den Linken. Meist variieren bloß die herbeigesehnten Verbündeten oder Vollstrecker. Denn das müssen nicht notwendigerweise die Deutschen selbst sein. In Frank Schätzings „Schwarm“ beispielsweise sind sie bloß die bescheidenen, von nicht bezeichnet werden dürfenden Verderbern alles Lebendigen auf der Erde, mundtot gemachten Warner, auf die die manipulierte Weltbevölkerung nicht mehr hören mag, woraufhin sie unterzugehen hat, um umso gemeinschaftlicher, wenn auch mit wesentlich weniger Lebewesen (vgl. Wolfgang Pohrt – Der Weg zur inneren Einheit) aufzuerstehen. Alles wurzellose, als egoistisch diskreditierte individuelle, luxuriöse, ums goldene Kalb sich ausgelassen sammelnde etc. wurde vernichtet von ihren Lebensraum perfekt ausfüllenden, jederzeit zum Selbstopfer bereiten Opfer-Schwarmwesen. Nun muss alles sich zum Besseren wenden. Ende. Soweit die Phantasie des Bestseller-Autors.
Andernorts ist man ebenso blutrünstig, wie es bei Schätzing zugeht. Ums Reinigen wahlweise des Planeten oder des Internet geht es auch da; das Vorbild heißt dann allerdings Stalin oder „Charta der Hamas“ oder dergleichen. Die Feinde sind identisch. Und wie Schätzing seinen Oberschurken kein einziges Mal als Juden bezeichnet, ihn aber mit einer Anzahl antisemitischer Stereotype ausstattet und Michael Rubin nennt, erklärt man sich dort selbst zu Antizionisten. Das Bedürfnis sich in der Facebook-Gruppe „Stoppt den BAK Shalom!“ als Opfer einer weltbeherrschenden Macht darzustellen, die nun auch noch den eigenen Zirkel zu unterwandern droht, grenzt ans Groteske.
Abgesehen von den Feindbildern USA und Israel gilt eine denkbar kleine Minderheit als Vertreter des großen und des kleinen Teufels als winziger, feiger, minderjähriger etc. und dennoch die gesamte deutsche Linke knechtender Dämon in Deutschland: „Die Antideutschen“. Was immer man darunter letztendlich verstehen will, im Weltbild der Gruppe sind sie „Wildsäue“, „Schweine“, „Oberschweine“, „schlimmer als Schweine“ und zur „Keulung“ freigegeben. Dafür muss man sich natürlich erstmal als Verfolgter ausstellen:

Beispiel:

CK: zahle seit Juni keinen Beitrag mehr, ich bin aus der Partei zähneknirschend ausgetreten, obwohl ich 1994 den […] KV […] gegründet habe. Nur habe ich mich irgendwann über die ständigen Anfeindungen und Beleidigungen von völlig fanatischen USA- und Israelfahnen schwingenden Ferngesteuerten [!] („Faschist, dekadentes [?] Arschloch“ usw.) und gezielte, permanenten Provokationen bis hin zu Gewaltandrohung derart geärgert, dass es mir auf die Gesundheit ging. Nach dem Motto: Denen, die den Frieden pflegen kommen manche ungelegen.
[…]
CStS: Ich hoffe, wir bekommen Dich wieder, wenn das Ziel, den BAK los zu werden erreicht ist! Wäre schade um einen engagierten Genossen. Es ist einfach nur beschämend, was sich diese Zionazi-Zäpfchen raus nehmen! Für mich ist mittlerweile „Faschist“ o.a., wenn es von diesen minderbemittelten Gestalten kommt, schon fast ein Lob […] Wenn mir wer mit körperlicher Gewalt kommen will… viel Spass! Von den mickrigen Clowns, die sowieso meist noch nicht ganz trocken hinterm Öhrchen sind, nehm‘ ich es mit 5en auf einmal auf und komm dabei nicht mal ins Schwitzen.
[…]
CK: was die mickrigen Kreaturen betrifft sehe ich das ähnlich wie du, problematisch wird es halt dann, wenn Freundin oder Familie mit rein gezogen werden. Meine Freundin fand es nicht schön, dass unser Haus mit Farbbeuteln beschmissen und die großflächigen Fenster mit Davidsternen besprüht wurden. Leider waren wir nicht zu Hause, sonst hätte meine Spaltaxt mal kein Eichenholz, sondern etwas weicheres gespalten.
[…]
CK: wir brauchen die [Polizei] hier eigentlich nicht. hätten die nachbarn die aktion mitbekommen wären die arschlöcher an schweine verfüttert worden… wie gesagt, konflikte werden hier intern geregelt..
[…]
CStS: Die armen Schweine! Das wäre doch Tierquälerei!
[…]
CK: […] Ich habe geschrieben, und ich wiederhole das ungerne [?], dass meine Nachbarn (Landwirte) die jenigen, falls sie diese bei der Aktion erwischt hätten, wohl an ihre Schweine verfüttert hätten. Ich habe Menschen nicht als Schweine bezeichnet, denn Schweine sind kontrastiv zu BAKfischen von hoher sozialer und emotionaler Intelligenz und Kompetenz. Ich bin für mein Engagement gegen die Bahamas-Fraktion bekannt. Ich habe nicht behauptet, dass die Attacke von BAkfischen durchgeführt wurde – auch hier: erst lesen, begreifen und dann kommentieren – vielleicht war es ja auch Justus Wertmüller oder Netanjahu höchstpersönlich. Ich war nicht dabei – wohl aber bei der Ankündigung durch BAKfische, kleine Rotzlöffel, kaum 20 Jahre alt, dass ich zukünftig kein friedliches Leben mehr führen werde. Im Übrigen empfinde ich „Schweine“ nicht als hartes Wort für Menschen. Eine angemessene Bezeichnung für die Bahamas-Fraktion wäre wohl eher „Scheiß Gesindel“, „Zio-Faschisten“ und noch viel mehr, was ich allerdings hier nicht näher ausführen möchte.
Ich habe meine Gründe, warum ich dieses fanatische Pack nicht ausstehen kann
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Stoppt den BAK Shalom!“- Gruppe bei Facebook (viel Spaß beim Sonnenbaden!)

Die LTI [Lingua Tertii Imperii] ist bettelarm. Ihre Armut ist eine grundsätzliche; es ist, als habe sie ein Armutsgelübde abgelegt.
Victor Klemperer – LTI. Notizbuch eines Philologen

Die Vorstellung, dass sich zwei oder drei oder vier „antideutsche Feiglinge“ während seiner und der aller vorstellbaren anderen Mitbewohner hierfür notwendigen Abwesenheit zum Haus von CK begeben, das sich laut seiner Aussage 40km von irgendetwas entfernt befindet, um es mit Farbbeuteln zu beschmeißen und außerdem Davidsterne auf seine „großflächigen Fenster“ zu sprühen, ist tatsächlich genauso wahrscheinlich wie die, dass es Wertmüller oder Netanyahu getan haben. Der deutsche Bürger in seiner Erscheinungsform als „zähneknirschendes“ Ex-„Die Linke“-Mitglied stellt sich als Opfer des weltweit mit allen Mitteln und sogar bis an seine Haustür agierenden Erzfeinds aus, und deutsch nonkonformistisch kann er von nichts anderem als seinen vulgären Gewaltfantasien schwafeln. Die Brutalität der Bilder, die bei „Stoppt den BAK Shalom!“ immer wieder sich selbst und den Lesern ausgemalt werden, zeugt von eben dem Fanatismus, den man dem Gegner unterstellt. Es sind genauso grobe wie detailverliebte Kritzeleien, die an die fäkalfixierten Wand- und Tischmalereien Pubertierender erinnern. Nicht ohne Grund ist unaufhörlich von Schweinen und Säuen die Rede, gleich ob der Gegner nun als genauso widerlich oder viel schlimmer dargestellt wird oder als Schweinefutter dienen soll – dem Deutschen gilt das Tier am Ende noch immer als der bessere Mensch. Die Eigendarstellung hingegen changiert einerseits zwischen männlicher Gelassenheit, wütendem Omnipotenz-Wahn und tragisch aufopferungsvollem Weltschmerz: Man ist einerseits Verteidiger oder Rächer unterdrückter Volksgruppen oder Einmannheimatschutzfront. Und andererseits das einzige Wesen auf der Welt, das noch in der Lage ist, die Leiden Anderer nachzuempfinden, und zwar bis zur Neige: Alles tut weh. Und man ist alles, die Anderen sind immer nur das Gegenteil.
Zusammen finden sich alle deutsch Empfindenden in ihrer allgemeinverständlich sein müssenden Sprache („Um es mal auf gut Deutsch zu sagen…“), und ihrer Bewunderung für Zoten und Vulgarismen – das gilt als hoher Akt deutschen Rebellentums. Als höher erscheint ihnen nur das Raunen – der Jargon der Eigentlichkeit und anders Gedrechseltes. Verständlich sind die nur für den, der aus ihnen die Obertöne oder das Echo des Irrsinns herauszuhören in der Lage ist. Die anderen begnügen sich damit, den ausschließlich exklusive Teilnahme versprechenden Wahn verständnislos als ihnen allein gegebenes Versprechen zu empfinden, zu erleben, zu erfahren.

Many of the boycotters clearly felt, and said, that the proposal couldn’t be antisemitic, since they themselves didn’t hate Jews. This error—of considering antisemitism as purely a matter of how people feel, rather than of what they actually do—is one which is now rarely made by academics about other forms of racism, since the idea of indirect or institutional racism is well-established and well-known in the UK. The persistence of this purely psychological approach to antisemitism itself calls for further explanation.
Eve Gerrard – Excluding Israelis: An Intellectual Anatomy of the Academic Boycott (pdf)

Wenn hier von Deutschen die Rede ist, geht es bereits nicht mehr um den einst oder immer noch verklärten genetischen Pool germanischer Volksgenossen. Wie früher beschrieben, hat sich beispielweise mit der Verbreitung u.a. Heideggerschen Gedankenguts durch seine diversen Adepten deutsche Ideologie weltweit erfolgreich in der wissenschaftlichen wie der alltäglichen Auffassung vom Wesen allen Seins eingenistet. „Deutschland kann nicht überall sein, aber es ist die Mitte, die überallhin ausstrahlt.“ (Gerhard Scheit – Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt) Überall findet sich mittlerweile die als defensiv sich gerierende Aggression, überall die vorgebliche Ungeduld, die nichts als dem Wollen Ausdruck verleihen soll: “Jedermann vom politisch Verantwortlichen über den vorsichtigen Journalisten bis zum politisierenden Räsonnierer an der Straßenecke blickt wartend um sich, als wolle er fragen: Was und wieviel ist eigentlich schon wieder erlaubt? Wer einigen Einblick hat […], wird geneigt sein, den Ungeduldigen zu versichern, daß in der Tat sehr vieles nicht nur gestattet, sondern geboten ist. Siebengescheite sprechen erleichtert von der Tabu-Brechung, nicht ahnend, welchen obskuren Kräften sie damit ihre Stimme leihen.” (Jean Améry – Der ehrbare Antisemitismus. Rede zur Woche der Brüderlichkeit, 1976, in: Weiterleben – aber wie?). Das nicht ahnen, das Améry 1976 vermuten wollte, war damals wie heute wenigstens Selbstbetrug. Es reicht, von sich zu behaupten, dass man kein Antisemit sei und schon gibt es keinen Antisemitismus mehr (vgl. Adorno – Negative Dialektik). Und schon wird die Satire („War Hitler Antisemit?“ Titanic) von der Realität eingeholt, werden ausschließlich als Antisemitismus zu deutende Aussagen exkulpiert oder sinnlos subsumiert. Im Fall John Gallianos beispielsweise war das überwiegend (abgesehen von z.B. Natalie Portman oder Karl Lagerfeld, der aber auch davon sprach, dass es unangemessen sei, derartige Sprüche als Angehöriger einer Branche, in der es viele Juden gäbe, zu tätigen) geäußerte Empfinden angesichts des Skandals Mitleid, nicht mit den von ihm angegriffenen sondern mit Galliano. Es sei schade, dass er sich selbst so ausgebeutet habe und: „„Ich kann ja nachvollziehen, dass Dior Maßnahmen ergreifen musste“, sagt Jean-Paul Cauvin, Senior Fashion Editor der französischen Fachzeitschrift „Fashion Daily News“. „Aber seien wir mal ehrlich, was wirft man ihm vor? Dass er Hitler liebt? Ich weiß nicht, was ihn getrieben hat, so etwas zu sagen, aber es spricht gegen alles, für das er steht“, sagt der Branchen-Insider. „Ich glaube jedenfalls nicht, dass Galliano Hitlerfan ist. Schließlich hat er nie einen Hehl daraus gemacht, homosexuell zu sein. Jeder weiß, dass Hitler Homosexuelle ebenso gehasst hat wie Juden.““ („Karl Lagerfeld wettert gegen Galliano“, Stern.online)
Dementsprechend stünde alle negative Deutungsmacht über Antisemitismus allein Adolf Hitler zu, wen der hasste oder nur nicht mochte, konnte einfach kein Antisemit sein – u.a. dieser Logik gemäß hat deutsche Vergangenheitsbewältigung schon immer funktioniert.
Zudem bestehen alle darauf, dass Galliano kein Rassist sei. Die (falsche) Auffassung von Antisemitismus als bloßer Spielart von Rassismus hat dazu geführt, dass Antisemitismus als solcher kaum noch wahrgenommen wird. Und automatisch jeder Vorwurf von Antisemitismus den Bezichtigten als Opfer von wahlweise einer mächtigen Lobby oder mit dieser irgendwie kooperierenden, verbandelten, von ihr verblendeten, aufgehetzten etc. dastehen lässt. Da Antisemitismus nicht als das wahrgenommen wird, was er eigentlich ist, wird selbst die Rede vom Vergasen konkreter, vom Angeklagten als jüdisch identifizierten Individuen nicht mehr ernst genommen. Trotz der expliziten Brutalität seiner Sprache: „But I love Hitler. People like you would be dead today. Your mothers, your forefathers would be fucking gassed.“ (John Galliano)
Galliano hat nicht gesagt, er sei Antisemit, er muss nicht mal sagen, er sei keiner – es wird einfach begründungslos vorausgesetzt. Für Rassismus hingegen werden, wenigstens – wenn auch sonst ganz und gar nicht notwendigerweise! – in den sich kultiviert wähnenden Kreisen, aus denen heraus hier exkulpierende Aussagen getätigt wurden, gesellschaftliche Identifikationstandards vorausgesetzt. Was geschehen wäre, hätte er sich stattdessen dem z.B. den erschreckend weit verbreiteten (weswegen es absurd ist zu behaupten, es gäbe keinen Rassismus mehr!) rassistischen Glauben an die „Inferiorität Dunkelhäutiger“ öffentlich angeschlossen, steht auf einem anderen Blatt. (Und obwohl Gallianos konkrete Äußerung auch ausschließlich rassisitisch verstanden wird, verliert sie erst mit Bezug auf die „(weißen!) Juden“ und allein deswegen für viele ihre Brisanz.)
Das deutsche „Erwache!“ setzte ein als träumend vorgestelltes Individuum voraus, das allerdings kein die Realität im Traum verarbeitendes sondern ein künstlich in Ignoranz versetzt schlummerndes Volksmitglied sein musste. Der Weckruf erfolgt dann auch immer noch entsprechend der Empfehlung, man solle in persönlicher Not keinesfalls „Hilfe!“ sondern unbedingt „Feuer!“ schreien. Der differenziert individuellen Freudschen Traumdeutung wird ein kollektives Unterbewusstes entgegengeschleudert und das hat so brutal und rücksichtslos, so allgemeinverständlich und arm an Ausdrucksmöglichkeiten zu reagieren, wie man sich selbst gerade noch verstehen kann.

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Later: Magnus Klaue – Die Bauchredner des Affekts

„Im toten Winkel“ I: Antisemitismus kommt in Kenan Maliks Analyse des zunehmenden Islamismus in Großbritannien praktisch nicht vor December 18, 2010 | 10:26 pm

‚Bloody Jews,‘ he said. ‚Bloody Jews, bugger the Jews, I‘ve no sympathy for them.‘ […] When he saw my appalled stare, he said impatiently, ‚Oh well, I‘m sorry, but really…!‘ ‚I‘m glad you‘re sorry,‘ I replied politely, collecting myself together for a fight. But then he asked, ‚Are you Jewish?‘ When I nodded, this academic – whom I‘d met for the first time that day – put his arm around me and said, ‚I‘m sorry, but really Israel is terrible, the massacres, Plan Dalet, the ethnic cleansing, they‘re like the Nazis, they‘re the same as the Nazis…‘
Eve Garrard – Table Talk (Normblog)

Police statistics revealed that Jews were four times as likely to be attacked in the United Kingdom because of their religion than Muslims.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Auf den ersten Blick gibt es kein attraktiveres Aushängeschild für Multikulturalismus als London. Zwischen Hampstead und Brixton ist die ganze Welt in all ihrer Schönheit vertreten. Und nach dem Ende der „race riots“ der 1970er und 1980er sah es so aus, als könnten Menschen aller Religionen, Kulturen, sexuellen ‚Orientierungen‘ und was auch immer zumindest dort glücklich und zufrieden bis zum Kollaps des Sonnensystems miteinander leben. Kenan Malik allerdings beschreibt in „From Fatwa to Jihad“, dass das britische Multilkulturalismus-Modell eine gefährliche Illusion ist, die darüber hinaus auch aufgrund machttaktischer Erwägungen vorangetrieben wurde. So gelungen seine Analyse der Befindlichkeiten von u.a. sich dem Islamismus verschrieben habenden Briten ‚asiatischer Herkunft’ ist, so sehr scheitert sie daran, dass Malik es weitgehend vermeidet, eine grundlegende Kontinuität britischer ‚Protestkultur’ anzusprechen: Antisemitismus. Erst wenn man Antisemitismus als fortwährend zur Identitätsstiftung praktizierte Alltagsreligion vor allem linker und islamistischer Kreise zu seinem Buch hinzudenkt, lassen sich auch die wichtigsten ungeklärten Fragen in „From Fatwa to Jihad“ beantworten. Malik, der sich immer wieder als Linker und als Aktivist gegen Rassismus seit den späten 1970ern ausstellt, kann beispielweise nicht verstehen, warum viele seiner früheren Mitstreiter übergangslos z.B. vom Asian Youth Movement oder der Socialist Workers Party in den Islamismus abgleiten konnten. Oder warum nicht unerhebliche Teile der radikalen Linken geradezu begeistert mit misogynen und homophoben Islamisten kooperieren. Ein weiteres Missverständnis Maliks ist, dass er Multikulturalismus als zwar abzulehnendes aber genuin von Minderheiten entwickeltes Widerstandskonzept von Opfern versteht, das vom Staat und den Islamisten nur missbraucht wird. Aufgrund solcher Fehlinterpretationen und bewusster oder unbewusster Ausblendungen kann man dann auch nicht begreifen, dass zwischen Hampstead und Brixton tatsächlich Welten liegen.


Stoppt den BAK Shalom
(Alle Namen außer denen der Administratoren der Gruppe werden unkenntlich gemacht.)

Bereits Maliks relevanteste Erkenntnis – basiered auf den Untersuchungen Olivier Roys, Charles Taylors und Frank Furedis, die im späten 20. Jahrhundert eine u.a. durch New Age-Religionen beförderte Zunahme von Emotionalität und ästhetisierten Ritualen auch in den monotheistischen Religionen konstatieren – nämlich dass es sich bei den in Großbritannien agierenden Islamisten um Opferdarsteller handelt, die eine Politik der Vulnerabilität, der Verletztlichkeit, Empfindsamkeit, des Gekränktseins und Leidens vorführen, ignoriert, dass es für diese Form von Gruppen-Selbstrepräsentation ein eigentlich unübersehbares historisches Beispiel gibt.
Die mit emotionsfördernden Mitteln, Ästhetisierung und Ritualen betriebene Erneuerung/ Erfindung einer als ausdrücklich authentisch exponierten Kultur, der Anti-Intellektualismus, die Opferinszenierung und der Opferkult, der Hass auf die Moderne, den Kapitalismus, den Kommunismus/ Materialismus, die pathetische Symbolik und dergleichen, und all das in Abgrenzung zu am Ende einem Feind, der für praktisch alle Übel verantwortlich gemacht wird. Da Malik aber diesen einen Feind aus noch zu erörternden Gründen nicht benennen mag, sondern bloß die durch ihn und seine ‚perfide Strippenzieherei’ – so interpretieren es die Islamisten – ‚Fehlgeleiteten’, ‚Pervertierten’, zu ‚Sündern’ gewordenen oder ‚Verdammten’, also unter vielen anderen die ‚schamlosen Frauen’, die Homosexuellen, die Atheisten als deren Angriffsobjekte identifizieren will, müssen ihm die Parallelen entgehen.
Multikulturalismus aber auch (kulturalistische) Identitätspolitik auf der einen und Ethnopluralismus auf der anderen Seite waren keine Erfindung unterdrückter Minderheiten sondern in ihren Ursprüngen ein auf Überleben als Volk ausgerichtetes Projekt der Opferimagination, an dem sich Deutschlands Eliten spätestens seit der Romantik beteiligt hatten. Der Feind stand auch deshalb fest, weil er als unüberwindbar scheinender Konkurrent um den Titel als „das eine Volk“ galt. Im Zentrum deutschvölkischer Ideologie stand Opferneid. Die Juden, die seit zweitausend Jahren überall, wo sie lebten, unterdrückt, verfolgt und/ oder ermordet wurden, waren immer noch da. Nicht Herzls „Judenstaat“ war das Vorbild der Nationalsozialisten sondern, au contraire, ihre Wahnvorstellung vom unsterblichen Volk, das sie als hinterlistigen Verderber ihres leidenschaftlich naturgewachsenen und auf dem Planeten verwurzelten Volkes und entsprechend ihren Endgegner imaginierten. Am Ende sollten alle Deutsche oder ihre Sklaven sein, nur die Juden mussten vom Angesicht der Erde verschwinden, vor allem da sie den Deutschen ausschließlich als Projektionsfläche ihrer Ängste, Begierden, Albträume und Phantasien dienten. Wären sie erst einmal restlos vernichtet, so glaubten die Deutschen, würde alles von selbst gut werden. Zur Abwehr der einen Gefahr für das eine Opfervolk jedoch war endlich alles erlaubt. Mit der ungerechtfertigten Exkulpation Heideggers (auch des Heidegger von 1927) konnte der Wahn nach 1945 weltweit reüssieren. (Vgl. Die Yrr und der weltweite Erfolg deutscher Ideologie I + II)
Die von Heidegger im- oder explizit beeinflussten Philosophen waren und sind weitaus einflussreicher, als die von den Deutschen so sehr für ihren angeblich übermächtigen Einfluss verabscheuten „Spaßverderber“ Adorno, Horkheimer und selbst als Herbert Marcuse.
Trotz seiner richtigen Analyse der Probleme, die aus einer bloß kulturalistisch geprägten Minderheitenpolitik resultieren, verliert Malik kaum ein Wort über deren geschichtliche oder philosophische Hintergründe und findet Unterschiede, wo es keine gibt. Ihm gilt Multikulturalismus vor allem als ein von Machtinteressen geleitetes Regierungsprojekt zum Nachteil linker Projekte oder des Individuums, das bei ihm dennoch wieder zum etwas differenzierteren Identitätsvertreter à la Amartya Sen gerät. Macht (in Form von Geld und als Ermächtigung zum Ansprechpartner) wurde also ‚von oben’ denen gewährt, die sie anwenden sollten, um die Ruhe im Land wiederherzustellen respektive zu bewahren. Zutreffend erörtert er zudem den Rassismus im Multikulturalismus und ‚neuen linken’ Antirassismus: „It is simply that the council’s policies, like all multicultural policies, seemed to assume that minority communities had somehow arrived in Brimingham from a different social universe. Cosmologists believe that the physical universe in ist infancy was homogeneous and uniform. Multiculturalists seem to think the same about the social universe of minority groups. All are viewed as uniform, single-minded, conflict-free and defined by ethnicity, faith and culture.“ (66) Und „[o]nce political power and financial resources became allocated by ethnicity, then people began to identify themselves in terms of their ethnicity, and only their ethnicity.“ (68)
Obwohl Malik betont, dass an diesem Prozess nicht nur die konservative Regierung unter Margaret Thatcher (1979 – 1990) beteiligt war, sondern auch die radikale Linke in Form beispielsweise des damaligen Vorsitzenden (1981 – 1986) des Greater London Council und späteren Londoner Bürgermeisters (2001 – 2008) Ken Livingstone, machen seine unermüdlichen Versuche, diverse linksradikale Politbewegungen zu entschulden, jedes Verständnis von Kontinuitäten unmöglich. Erst wenn man neben Maliks „From Fatwa to Jihad“ Robert Wistrichs (ebd.) zwei Kapitel zum Antisemitismus und so genannten Antizionismus („Britain’s Old-New Judeophobes“ und „The Red-Green Axis“ – nice pun!) in Großbritannien liest, wird deutlich, wie relevant Antisemitismus seit spätestens (!) 1948 für den Zusammenhalt sowohl eines Großteils der Linken wie auch für deren Paktieren mit zu Beginn vor allem arabischen Nationalisten und später Islamisten und selbst das von Malik bestaunte Abdriften ehemaliger linker (Antirassismus-)Aktivisten in den Islamismus war und zunehmend ist. Völlig unverständlich erscheint ihm das Desinteresse an der oder die unverhohlene Akzeptanz der seiner Meinung nach Linke eigentlich abschrecken müssenden Homophopie der Islamisten. Homophobe Tendenzen sind in der Linken allerdings wesentlich verbreiteter, als sie es zugeben mag. Insbesondere in ihren ‚dekadenzphobischen’ Erscheinungsformen ist die radikale Linke mindestens so Homosexuellen-feindlich wie die konservativ-katholischen oder -anglikanischen Rechtgläubigen (in der Anglikanischen Kirche allerdings wird der Glaubenskampf offen ausgetragen, wobei sich dort auch rechte Anglikaner mit dem Islam solidarisieren, z.B. mit der Forderung, die Sharia wenigstens teilweise ins britische Recht zu integrieren).1

„’I don’t know who you think you married. But my mother was black.’
‚Your mother is who she is. First. Herself, before anything.’ […]
‚Only white men have the luxury of ignoring race.’
Da wheels, danger on all sides. This is not the route down which his mind inclines. His face works up an objection: ‚I’m not a white man; I’m a
Jew.’“
Richard Powers – The Time Of Our Singing

Kein Aspekt deutscher Ideologie war erfolgreicher als der der Opferimagination, und die ist weder links noch rechts noch mittig – sie ist ums Wohl der eigenen Opfergemeinschaft(en) besorgt. Und sie baut auf nichts auf als auf Projektion und ist entsprechend global anwendbar. Die Ideologie ‚Antirassismus’, die zur veritablen Heilslehre ausarten kann, funktioniert auch (!) als Projekt der Bestätigung der eigenen Empathie-Fähigkeit. Man ist noch nicht abgestumpft, korrumpiert, verführt, gekauft, reingelegt oder dergleichen worden und man fühlt eben mit. Den Durchblick meint man außerdem zu haben, und der lautet unisono „Cui bono?“ oder Irgendwomussdasübeljaherkommen.

Exkurs I
Kübra Yücel hat in der taz eine tränenreiche Illustration der Heilung vom Rassismus im „Schatten von Erkenntnis“ (Adorno) vorgelegt. In Paris, der Stadt der Liebe und Aufstände unterschiedlichster Natur, „verliebt“ sie sich in einen Kikoi, einen Wickelrock also, aber die Bezeichnung signalisiert ihren Respekt vor seiner ostafrikanischen Herkunft. Noch scheint auch dessen Verkäufer angemessen echt: „Er ist vielleicht fünfzig, etwas rundlich, trägt eine bunte Stoffkappe und hat ein breites Grinsen auf dem Gesicht.“ Und selbst als Yücel mitbekommt, dass er Jude ist, verspricht ihr seine marokkanische Herkunft immer noch Verbundenheit im Leiden an den Weißen, zu denen sie selbstverständlich die ‚Okkupanten’ Palästinas zählt. Diese ‚entwurzelten’ weißen Europäer, die das (fälschlich, vgl. z.B. Tilman Tarach – Der ewige Sündenbock und Alan Dershowitz – The Case for Israel) als einstmals friedlich und glücklich imaginierte Zusammenleben der dunkelhäutigen sprich: ‚authentischen Juden’ mit den Moslems durch ihre (natürlich!) Gier nach bebaubarem Land, Ertrag, Spekulationsgewinnen und entsprechend immer mehr Geld etc. erst zerstört haben. Yücels ‚Rassen-Theorie’, nicht „die Religion, sondern die ethnische [!] Herkunft von „weißen“ Israeliten sei Grund für die rassistische Politik Israels“ und fürs Elend der Welt überhaupt wird brutal widerlegt, denn beim „Schlagwort „Israel“ richtet sich der Verkäufer auf. „Israel?“ Eben noch freundlich, ist er nun angespannt. […] Ich verstehe nicht viel Französisch, aber genug: Die Araber hätten so viel Land und die Juden wollten nur ein bisschen Platz zum Leben. „Es ist das Heimatland [!] der Palästinenser“, entgegne ich. „Keiner darf sie dort verjagen.“ Wir diskutieren. Siedlungen, Menschenrechte, die UN, Rassismus und Freiluftgefängnisse. […] Will ich mein [!] Kikoi immer noch haben? Der Verkäufer sieht mein Grübeln und nimmt mir die Tüte aus der Hand. „No problem, no problem“, wiederholt er. Während er das Tuch aus der Tüte nimmt, sagt Maya zu mir: „Toll, jetzt sind wir Antisemiten.“ Mich trifft das tief. […] Aber ich will das Thema Palästina nicht so schnell zu den Akten legen und bitte Maya um eine letzte Übersetzung: „Kein Land auf dem Blut eines anderen.“ Der Verkäufer lacht [!] und sagt: „inschallah, inschallah.Alle Zitate: Kübra Yücel – Die weißen Israeliten
Yücel signalisiert deutlich, dass sie sich hereingelegt fühlt. Ihr Vertrauen galt dem dunkelhäutigen Bruder, der aber entpuppt sich ganz dem antisemitischen Klischee entsprechend als in Verkleidung sich unter das nichtsahnende Volk Mischender. Ein Kikoi-Verkäufer mit bunter Stoffkappe, der sich erst verrät, als es um Israel geht, und wenn er plötzlich Englisch spricht. ‚Der Jude’ kann sich anmalen, wie er will, er bleibt trotzdem einer. Das Inschallah am Ende des Gesprächs hilft auch nicht mehr – er ist erkannt.
Später sitzen wir auf einer Wiese. Ich lege das große Kikoi-Tuch [! „Das Tuch“] um meine Schultern. Es fängt an zu regnen. Das Tuch wird nass. Es ist schwer.“ (Ebd.)
Nass und schwer von den Tränen der verratenen Brüder und Schwestern. Das Tuch oder den Wickelrock aber hat sie dann doch nur gekauft, um nicht als das dazustehen, als was sie sich am Ende herausstellt. Und alles könnte so schön sein: die ganze bunte Welt, glücklich vereint, wenn nur nicht… Wenigstens ist man kein Rassist mehr – so traumatisch der Erkenntnisprozeß auch gewesen sein mag.

Yücel liefert sowohl eine denkbar kitschige Bestätigung von Maliks These der „politics of vulnerability/ culture of grievance“ als auch von absurder Opferimagination und ein unerträglich stereotypes Bild von Juden als nichtidentisch, changierend, hinterlistig usw. usf.2 sowie zugleich einen Hinweis auf die Mängel von „From Fatwa to Jihad“. Israel kommt im Buch vielleicht dreimal vor, u.a. in einer Reihe als verbrecherisch ausgestellter Staaten: „The [Asian Youth Movement] also saw the fight against racism as part of a wider set of struggles such as those in Ireland, South Africa, Zimbabwe and Palestine. Those struggles (like the AYM itself) had all but disappeared by the 1990s – not just physically, but intellectually, too, as the ideas that had fired them burned out.“ (Malik, 100) Jenseits davon, dass ‚die Kämpfe’ um Irland, Südafrika, Zimbabwe tatsächlich nicht mehr stattfinden, wird der um Palästina/ Israel umso vehementer, und zwar vor allem von angeblich widersprüchlichen und dennoch widerspruchslos vereinten Kräften (Linke und Islamisten) vorangetrieben. Außerdem erwähnt Malik Juden höchstens zehnmal, aber: „[The Muslim Parliament’s] model was the Board of Deputies of British Jews, the umbrella organization that seeks ‚to protect, to promote and to represent UK Jewry’ through a close relationship with the government, including ‚the privilege of personal approach to the Sovereign on state occasions’.“ (126) In dem Kontext sind Juden die Initiatoren des Urmodells einer als schädlich beurteilten Institution. Diejenigen, die mit ihrem Beispiel überhaupt erst ungerechte Beeinflussung von britischen Regierungen et al. auf Kosten des Klassenkampfs ermöglichten.
Wie Malik die Islamisten überhaupt in erster Linie als alle anderen Minderheiten ihres Einflusses Beraubende gelten. Er kritisiert die Opferhaltung derjenigen, die sich islamophob verfolgt wähnen, indem er angeblichen Islamhass mit dem Antisemitismus der Deutschen in der ersten Hälfte der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (aber nicht darüber hinaus – der Holocaust kommt in diesem Absatz nicht vor!) vergleicht und die Gleichsetzung für absurd erklärt. Richtig schreibt Malik, dass es in Großbritannien weitaus mehr offizielle Islam-freundliche Äußerungen als Islam-Kritik gebe: „Islamophobia is matched by Islamophilia. What is most troubling is the common desire to play the victim. […] Such exaggeration is the life-blood of grievance culture.“ (Malik, 140) Und ebenso richtig stellt er die Bedrohung dar, die von Islamisten ausgeht, neben der für Leib und Leben auch die für Rede- und Kunstfreiheit.
Malik ist ein Gegner von so genannter Political Correctness. Er diagnostiziert dem Westen Feigheit, ausgelöst zunächst durch die Fatwa, die Ayatollah Khomeini gegen Salman Rushdie aussprach und die darauf folgenden gewaltättigen Auschreitungen, die Ermordung des japanischen Übersetzers der „Satanischen Verse“ und die Anschläge auf u.a. deren norwegischen Verleger. Seine Verteidigung von Redefreiheit gilt uneingeschränkt. (Ebenso macht er keinen – meiner Meinung nach eigentlich notwendigen – Unterschied zwischen Kunst- und Redefreiheit.) Sie gerät ihm jedoch mitunter allzu exkulpierend, wenn er beispielsweise den islamistischen Hasspredigern insofern keine Macht zusprechen mag, weil ihr Publikum überhaupt nicht über die Mittel verfüge, wirklichen Schaden anzurichten. Die Geschichte der Morde an Islam-Kritikern und islamistischer Attentate seit der Fatwa gegen Rushdie allerdings beweist das Gegenteil. Für Malik gibt es in puncto Redefreiheit letztlich keinen Unterschied zwischen Holocaust-Leugung, white supremacy-Behauptungen, Moslemfeindschaft, islamistischer Homophobie (islamischer Antisemitismus kommt nur an einer Stelle und auch nur angedeutet vor) etc. pp. – er kritisiert ausschließlich die Ansprüche derjenigen, die zugleich in Anspruch nehmen und verbieten wollen. All dies so unbedingt vertreten zu können, ist wiederum nur möglich, weil er die historischen Konsequenzen von Antisemitismus und seine Unterschiede zu allen anderen Vorurteilen ignoriert. (Vgl. u.a. Hadassa Ben-Itto – The Lie That Wouldn’t Die: The Protocols of the Elder of Zion, Deborah L. Lipstadt – Denying the Holocaust, Detlev Claussen – Grenzen der Aufklärung)
Trotz seiner ausführlichen Beschreibung der Konsequenzen der Fatwa behauptet Malik, dass Worte nicht töten können. Und liegt damit falsch! Inwieweit eine solche Erkenntnis Gesetze zu Sprachregelungen erfordert, ist wiederum eine andere Frage und alles andere als leicht zu beantworten. Die Gegner von dem, was man ursprünglich unter Political Correctness imaginierte, könnten sich heute nicht unterschiedlicher definieren. Sie waren einmal vor allem Konservative, die ihren Kanon (oft vorgeblich) von Linken und Minderheiten bedroht glaubten. Heute finden sie sich überall (Antirassisten, wenn es um Juden oder Israel geht, Antiimperialisten, wenn es um Israel, die US-Amerikaner etc.geht, völkische Rechtsradikale, wenn es um Israel, die Juden, die ‚Ausländer’, die ‚Rolle der Frauen’ etc. geht, ‚transatlantische’ Rechtsradikale, wenn es um ‚Ausländer’, Feminismus, Homosexuelle, Moslems, Linke etc. geht, Islamisten, wenn es um Homosexuelle, Israel, Juden, Frauen, Bekleidung, Haare, Badeanstalten, das Paradies etc. geht und auch ‚Antideutsche’, wenn es um den Islam etc. geht). Alle wollen sich mehr oder weniger albern als unterdrückt ausstellen.
Der Vorwurf von Political Correctness war ursprünglich ein Transportmittel, zur Beförderung von Opferselbstdarstellungen, insofern als weiße, heterosexuelle (und in diesem Rahmen vorwiegend wohlhabende und oft akademisch gebildete) Männer einen Weg gefunden zu haben glaubten, – in Deutschland erneut – an den von ihnen als einflussreich gewähnten Repräsentationen als Opfer teilhaben zu könnnen. Das ist, wie oben beschrieben, nicht neu. Political Correctness als Machtfaktor aber gab es erst, und da liegt Malik richtig, als sie von (Regierungs-)Institutionen als Machtmittel definiert wurde. Dies gilt in Deutschland insbesondere für die so genannte historische Korrektheit. Jedes Aufbegehren gegen sie lässt die Schlange sich in den Schwanz beißen und dient ausschließlich den als unterschiedlich ausgegebenen Opferimaginationen, die alle letztlich dasselbe zum Ziel haben: Ein gutes Opfer sein, dem am Ende alles erlaubt ist. (Im besten Falle ist das Ergebnis von sich natürlich als bloß wehrhaft gebender Poltical Incorrectness Unhöflichkeit oder platter Vulgarismus.)

Exkurs II
Tabus sind überlebenswichtig! Tabubrecher um jeden Preis sind albern pseudoprovokativ und ihre trotzig infantilen Forderungen erinnern an André Bretons künstlerisch gemeinte Absage ans Über-Ich: „mit Revolvern in den Fäusten auf die Straße gehen, und soviel man kann aufs Geratewohl in die Menge schießen“. Das galt als das Einfachste, und in eben der Konsequenz bezeichnete ein deutscher Komponist den (erklärtermaßen antisemitischen) Massenmord an den Menschen im World Trade Center als „größtes Kunstwerk aller Zeiten“ (Stockhausen). Wer angesichts dessen der Freiheit der Kunst according to Al Qaida applaudieren mag und trotzdem Corporate Design als kapitalistische Werbemaßnahme verurteilt, darf ab sofort überdenken, welche Merkmale und Strukturen (kulturalistische) Identitätspolitik und Corporate Identity problemlos teilen. Und den die Wehrhaftigkeit der Völker verteidigenden antiimperialistischen Copyright-Gegnern seien die verdreht auf Urheberrecht insistierenden Video-Testamente der Selbstmordattentäter empfohlen.
Kunst ist uneinschränkbar frei und darf alles. Die von Malik geschilderten Fälle, in denen Galeristen Kunstwerke entfernten, weil sie als (von Muslimen) beleidigend empfunden werden könnten, sind Zeichen von natürlich auch Angst, aber vor allem einer korrupten Auffassung von Kunst im Zeitalter der Befindlichkeitspolitik. Auf der anderen Seite sind (insbesondere ostentativ als Provokateure agierende) Künstler zu diskreditieren, die Kritik an ihren Werken als Zensur bejammern.
Jeder, der sich als Provokateur ausstellt und sich im Nachhinein über mehr oder weniger heftige Reaktionen beklagt, ist ebenfalls nichts als Opferdarsteller und fügt dem Pool der Repräsentationsmöglichkeiten von Selbstviktimisierung nur ein weiteres Rollenmodell hinzu, auf das zurückgegriffen werden kann und werden wird.
Massenmord ist aber keine Kunst. Selbstmordattentate, die ebenso undifferenziert wie abspaltend treffen sollen (und ihre Geschichte zeigt, dass sie vor allem Juden und die von ihnen als verdorben Eingebildeten treffen), die Individuen zu einer Masse aus zerfetzten Körpern deformieren sollen, Nichtidentisches identisch machen sollen (vgl. Claussen ebd.), sind eben nicht Ausdruck von unerträglichem Leiden oder grenzenloser Empathie-Fähigkeit, sondern die letzte Konsequenz von pathologischer Opfer-Ideologie: „It is almost as if [Ziauddin] Sardar and his friends were driving themselves into a kind of self-induced hysteria, as if they felt that they had to suffer personally for their faith to be meaningful. The British sociologist Frank Furedi coined the term ‚therapy culture’ to describe the growing emotionalism of our age and its tendency to cultivate vulnerability.“ (Malik, 116, siehe außerdem allgemein zum Thema Gerhard Scheit – Suicide Attack)

While many European countries have come to associate anti-Semitism with the forces of the extreme Right, the radical Left, or the increasingly vocal Muslim minorities, in Britain anti-Semitism is also a part of mainstream discourse, continually resurfacing among the academic, political, and media elites. […] [I]n some ways British anti-Semitism (often masquerading under the banner of anti-Zionism) is more prevalent and enjoys unusual tolerance in public life.
Robert S. Wistrich – A Lethal Obsession. Anti-Semitism from Antiquity to the Global Jihad

Während Scheit die antisemitischen Projektionen im Selbstmordattentat aufdeckt, schließt der politisch von der antirassistischen Linken in den 1970ern und 80ern geprägte Malik vorm Antisemitismus (in seiner Erscheinungsform vor allem als Antizionismus) als wichtigstes Bindeglied zwischen relevanten Teilen der radikalen Linken und dem Islamismus die Augen. Und während er beklagt, dass Islam-feindliche Äußerungen per Gesetz quasi verboten seien und regelmäßig rechtlich verfolgt würden, ignoriert er, dass antisemitische aka antizionistische Äußerungen in Großbritannien mittlerweile beinahe zum guten (akademischen und/ oder linken) Ton gehören (vgl. z.B. auch Gerrard, ebd.). Robert S. Wistrich beschreibt ausführlich den Antizionismus der linken eben nicht nur Dritte-Welt-Aktivisten oder prokulturalistischen Antirassisten sondern auch den z.B. der trotzkistischen Socialist Workers Party. Von weiten Teilen der britischen (radikalen) Linken würden im ‚Kampf gegen den Antizionismus’ und in der Kapitalismuskritik regelmäßig antisemitische Stereotype appliziert – dies gilt auch für die Malik maßgeblich beeinflusst habenden Gruppierungen. Der „campus war“ in den 1970ern, der, so Wistrich, zur Verbannung jüdischer Gruppen von britischen Universitäten führte, weil sie (angeblich) Israel unterstützten, wurde auch mithilfe antisemitischer Klischees geführt. Und „[a]t the heart of this campaign was the New Left brand of anti-Zionism – initially an offshot of revolutionary Marxist efforts to root themselves in black and Asian immigrant populations. […] At the same time, the anti-Zionists denied that Jews were a nation with any claim to their ancestral homeland or to collective self-determination. This was the period when the British New Left (partly influenced by Soviet and Third Worldist propaganda) began to systematically depict Israel as a „colonialist settler state““. (381) 1982 publizierte die SWP eine Broschüre mit dem Titel „Israel: A Racist State. It unambiguously asserted: „There will be no peace in the Middle East, while the State of Israel continues to exist.““ (ebd.) Die Propaganda gegen Israel glich zunehmend „(except for the Marxist jargon) […] the British National Front’s enthusiastic embrace of Palestinian national self-determination.“ (382) Und im April 1983 insistierten die Trotzkisten, dass die „„world Jewish conspiracy“ extended from Jews in Margaret Thatcher’s Conservative government to the newly appointed „Zionist“ BBC chairman Stuart Young and the „so-called Left of the Labour Party.“ (383) Ebenfalls bereits 1983 wurden Boykott-Maßnahmen gegen Israel angestrebt. Heute sind sie weit verbreiteter Bestandteil britischer Gewerkschafts- und Universitätspolitik, und – das ist weltweit einzigartig – haben dazu geführt, dass akademischer Austausch zwischen Großbritannien und Israel und sogar die Arbeit israelischer Studenten an britischen Universitäten regelmäßig unmöglich gemacht werden. Selbst die immer mal wieder Palituch-verkaufende schwedische Billigbekleidungskette H&M ist mehrfach (europaweit) von ‚fantasievollen’ Protestaktionen betroffen gewesen, bloß weil sie eine Filiale in Jerusalem eröffnete. Und so weiter und so fort. Auch in den britischen Medien wird häufig ein verzerrtes, manchmal in offenem Antisemitismus sich äußerndes Bild von Israel präsentiert – das gilt auch für Channel 4, für den Malik Beiträge produziert. Und die trotz aller öffentlichen Bemühungen um speech codes überwiegend unkritisiert blieben. (Allerdings sind seit Einrichtung des All-Party Parliamentary Committee of the House of Commons zur Untersuchung von Antisemitismus, 2006, und der London Conference On Combating Anti-Semitism, 2009, zumindest bei der BBC Bemühungen um eine zumindest etwas differenziertere Vorgehensweise zu beobachten.)


„Stoppt den BAK Shalom“

Muslim pupils sometimes vehemently react to classroom lessons about the Holocaust. The result has been that a number of schools in Britain have dropped the subject from their history lessons to avoid „offending“ Muslim pupils. They evidently fear „upsetting students whose belief include Holocaust denial,“ according to a recent goverment-funded study that confirmed the alarming extent of anti-Semitic sentiment among British Muslim pupils.
(Wistrich 428)

2003 war das Jahr der großen Demonstrationen gegen den Irak-Krieg, in deren Verlauf es in London wiederholt zu Angriffen auf als Juden erkennbare oder verdächtige Menschen kam (Jean-Pierre Taguieff schildert Vorgänge in Paris, vgl. auch Eirik Eiglad über die Anti-Israel-Demonstrationen in Oslo, 2009). Die größte Demonstration wurde von der SWP in Zusammenarbeit mit der Muslim Association of Britain (MAB) organisiert: „The Marxist-Islamist axis achieved ist first mass expression in February 15, 2003, during what was perhaps the largest political demonstration held in postwar England: one that took place under the slogan „Don’t Attack Iraq – Freedom for Palestine.“ Nearly a million people marched through the streets of London. […] The MAB banners significantly read „Palestine from the Sea to the River“.“ (415)
Britische Linke (wie auch Konservative und explizit Rechtsradikale) sind vielfältig mit selbst ausgesprochenen Islamisten vernetzt (sogar auf Parteienebene, zum Beispiel in George Galloways obskurer Respect Party, aber auch in der Organisation von Friedensdemonstrationen oder der „Gaza Flotilla“). Angesichts der jegliche anderen Ansprüche überstrahlenden Schnittmengen zwischen Islamisten und (kulturalistischen, antiimperialistischen usw.) Linken: paranoide Kapitalismus-Erklärungsmuster, Machtversprechen via Selbstviktimisierung – vor allem als Opfer von „unheimlichen Drahtziehern“, aus Opferneid resultierende Projektionen, Gemeinwohl als asketische (männliche respektive mütterliche) Verzichtserklärung und dergleichen mehr verblasst die Solidarität mit anderen Minderheiten, und Antisemitismus, Homophobie, Misogynie etc. werden ignoriert, geleugnet, um jeden Preis beiseite erklärt („eigentlich…“ oder „ursprünglich…“ oder…) oder umarmt. Malik will das nicht verstehen, weil er Antisemitismus ausblenden muss („Aber es gibt keine Antisemiten mehr.“ Adorno), der jedoch ist nun einmal grundlegend für das Verständnis all dieser Prozesse. Seine Analyse von multikulturalistischem Antirassismus als selbst rassistisch ist zutreffend, seine Analyse des Feindbilds allerdings laviert um den von entsprechenden Bewegungen im- oder explizit ausgemachten Endgegner herum, um den an der „Wurzel Nagenden“, den „völkerverderbenden Intriganten“, das „Konstrukt“, den Nichtidentischen, den ‚Urheber’ von individuellem Anspruch, Traditions- und Sittenverfall, universalistischem Denken, Feminismus, Psychoanalyse, Homosexualität, Liberalismus, Kapitalismus, Materialismus, Dekadenz überhaupt und was auch immer. Horkheimers Vermutung, dass man ‚das Feindbild Arbeiter/ Proletariat’ eigentlich durch ‚das Feindbild Juden’ ersetzen müsse, um die Wahngläubigkeit (des völkischen Nationalsozialismus) auch nur annähernd erklären zu können, ist ihm verwehrt. Und somit bleiben am Ende seines ansonsten als hervorragende Beschreibung gelten könnenden Buches allzu viele Fragen unbeantwortet. Unbeantwortet bleibt auch, warum die oftmals geradezu hysterisch anmutende Bewunderung großer Teile der Linken Europas, Nord- und Südamerikas etc. mittlerweile der am erfolgreichsten den US-amerikanischen Kapitalismus ostentativ beleidigenden Revolution des späten 20. Jahrhunderts gilt – der im Iran nämlich. Trotz Fatwa (lies: Todesurteil!) gegen einen explizit linken Autoren, unerträglich grausamer und widerlich gestaffelter Bestrafungen und gnadenloser Verfolgung alles vom islamischen Revolutionsideal Abweichenden.


„Stoppt den BAK Shalom“

Wenn es einen Fehler in den Analysen von Robert Wistrich (ebd.), Paul Berman („The Flight of the Intellectuals“) et al. gibt, dann den, dass es sich bei den Islam-verherrlichenden Liberalen und (radikalen) Linken der westlichen Welt um die eigene ‚Identität’ Hassende handelt. Sie glauben sich ihrer beraubt und wollen unbedingt zu ihr zurück! Gerhard Scheit („Verborgener Staat, lebendiges Geld“) hat den angeblichen „jüdischen Selbsthass“ zu Recht als „Resignation“ gedeutet – genau darum geht es aber bei ‚westlichen’ Islamismus-Exkulpierenden eben nicht. Sie nehmen nicht die Perspektive der ihrer Ansicht nach Mächtigen ein – aus Frustration oder als nur mit Scheitern Konfrontierte – sie identifizieren sich nicht schicksalsergeben mit der vorherrschenden Macht, sondern wähnen sich ganz im Gegenteil im Bunde mit dem – erneut – ultimativen Opfer. Das wieder einmal in direkter Opposition zum imaginierten Opfergegenvolk leidenschaftlich Authentizität, Virilität, Jugend, Aufbruch, Tradition, Respekt, Gleichheit und noch mehr absurd widersprüchliche Eigenschaften zu verteidigen hat, weil es unbedingt glauben will, sich pausenlos gegen etwas die Heil stiftende Identität Bedrohendes wehren zu müssen. Sie hassen nicht ihre ‚Identität’, sondern lehnen in ihr nur deren offzielle Machtposition (Empathielosigkeit) ab. Und die gilt ihnen als vergiftet, zersetzt und inauthentisch. Mit ihrer Bewunderung fürs Ursprüngliche, im Glauben oder Boden Wurzelnde, fürs angenommen natürlich Empfundene, für den Affekt sehnen sie sich nach nichts als einer Legitimation für das Wiederauferstehen ihrer eigenen/ eigentlichen (vgl. allg. Heidegger) Identität zurück. Das Ziel ist, nicht mehr denken zu müssen, sondern Befindlichkeiten auszuleben und andauernd bemitleidet zu werden, endlich nicht mehr in Opferkonkurrenz stehen zu müssen, sondern alle Differenzen zu beseitigen und im Opferkollektiv aufgehen zu können.
Diejenigen, die im Hinblick auf den europaweit grassierenden Antisemitismus, vor allem in Skandinavien, Frankreich, Großbritannien und Osteuropa, sich über die deutschen Zustände erleichtert zeigen möchten, seien daran erinnert, dass fast alle bisherigen Studien von einem relativ gemäßigten Antisemitismus in Deutschland vor 1933 ausgehen. Hierzulande wartet man immer nur auf die Erlaubnis, vom Opfer- in den Sichendlichwehrendürfen-Status überzugehen. Und kaum etwas ist am Ende gefährlicher als die Täter, die sich als das leidendste und daran ohnmächtig gewordene Opfer überhaupt imaginieren, und die außerdem die politischen, philosophischen, rechtlichen, ideologischen Grundlagen für den derzeit virulenten Antisemitismus und den (multikulturalistischen) Rassismus und ein tragisch irreversibles Versprechen an alle Wahngläubigen (an die linke, die mittige und die rechte Volksgemeinschaft) in die Welt gesetzt haben.

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Kenan Malik – From Fatwa to Jihad. The Rushdie Affair And Its Legacy
Kenan Malik – Die Linke hat die Fatwa verinnerlicht
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Gerhard Scheit – Suicide Attack, Die Meister der Krise und Verborgener Staat, lebendiges Geld
Eirik Eiglad – The Anti-Jewish Riots In Oslo
Jean-Pierre Taguieff – Rising from the Muck: The New Anti-Semitism in Europe
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Saul Friedländer – Kitsch und Tod
Richard Powers – The Time of Our Singing
Manfred Dahlmann – Kultur ist Zwang
Pascal Bruckner – Die Erfindung der Islamophobie
Jens-Martin Eriksen/ Frederik Stjernfelt – Kultur als politische Ideologie Rezension
Nichtidentisches – Der Lügenbolzen

+ Later: Leon de Winter – Die Angst sitzt tief
WADIblog – Mal weinen dürfen

  1. Es kommt vor, dass man sich in einem einschlägigen Etablissement neben aufgerundet achtzehnjährigen Antifas wiederfindet, die einen Freund mit „Warum bist du denn heute so schwul?“ begrüßen, woraufhin der in dem Sinne ‚verteidigt’ wird, er sähe zwar gerade so richtig blöde aus, aber schwul sei er nun wirklich nicht. Und so weiter und so fort. Linkssein und Homosexuellen-Verachtung schließen sich eben nicht aus, und über den Islamismus werden die alten – linken wie rechten – Erklärungsmuster bekräftigt. (Vgl. auch die Bezeichnung des Hamburger Publikums von Lanzmanns „Warum Israel“ durch B5-Aktivisten als „Schwule“.) [zurück]
  2. Die derzeit virulente und insbesondere Israel-feindliche „pink washing“-These kann in allen genannten Kontexten bloß als Bestätigung wahrgenommen werden. Vgl. u.a. Floris Biskamp – Ist jihadistisch das neue schwul? Ein Text zur vorgeblichen Israel-, Homosexuellen-, Feminismus-Begeisterung der sich als neu ausgebenden Rechten (die es natürlich auch nur als Opferdarsteller gibt) ist nach wie vor in Vorbereitung.[zurück]