tag ‘Allgemein’
Infoveranstaltung „Aufarbeiten und was dann?“ April 14, 2014 | 09:10 pm

Mittwoch 16.04.2014 19h Tristeza (Pannierstraße 5, 12047 Berlin)

„Wer Goethes und seiner Christine Gartenhaus zu Weimar in freundlicher Erinnerung behalten will, besichtigt gleich auch das Mahnmal in Buchenwald in ehrerbietiger Bestürzung“ bringt die Autorin Ruth Klüger ihre Kritik an der hegemonialen deutschen Erinnerungspraxis polemisch auf den Punkt. Klüger stellt das Gedenken an sogenannten authentischen Orten generell in Frage, während andere Initiativen seit vielen Jahren versuchen, ein würdiges Gedenken an eben solch einem Ort zu ermöglichen. Wie lauten die Vorschläge der radikalen Linken für eine adäquate Erinnerungspolitik? In einem Podiumsgespräch werden Vertreter_innen verschiedener geschichtspolitischer Initiativen über ihre Arbeit, das Spannungsverhältnis zu institutioneller Erinnerungspolitik und die Möglichkeiten alternativer Gedenkkonzepte diskutieren.

Referent_innen: Initiative für einen Gedenkort ehemaliges KZ Uckermark e.V., Anne Allex für den Arbeitskreis Marginalisierte – gestern und heute!

Aufruf für die Fahrraddemo am 28.04. April 12, 2014 | 03:02 pm

Aufruf zum Jahrestag der Befreiung Neuköllns 2014

Der 28.04.2014 ist der 69. Jahrestag der Befreiung Neuköllns vom Nationalsozialismus durch die Rote Armee. Wir nehmen dies zum Anlass, um mit einer antifaschistischen Fahrraddemonstration an die deutschen Verbrechen zu erinnern, das Ende des Nationalsozialismus zu feiern und zum Kampf gegen die deutschen Verhältnisse aufzurufen.

Die Befreiung Neuköllns
Am 24. April 1945 überschritten die Spitzen der Roten Armee die Südgrenze Neuköllns. In den nächsten Tagen gelang es der Roten Armee, gegen den erbitterten deutschen Widerstand vorzurücken. Die letzte Gegenwehr von deutschen Verbänden in Neukölln konnte am 28. April 1945 gebrochen werden, die Rote Armee hatte Neukölln befreit. Der Sieg der Roten Armee bedeutete das Ende der nationalsozialistischen Herrschaft in Neukölln. Er bedeutete die Befreiung für Zwangsarbeiter*innen und Jüdinnen*Juden in Neukölln. Viele der Zwangsarbeiter*innen, sowie die absolute Mehrzahl der Neuköllner Jüdinnen*Juden, erlebten die Befreiung jedoch nicht mehr. Nur wenigen war es vorher gelungen, unterzutauchen und zu überleben. Schließlich bedeutete der Sieg der Roten Armee auch die Befreiung für die Widerstandskämpfer*innen der verschiedenen sozialdemokratischen und kommunistischen Gruppen.

Deutscher Vernichtungskrieg und Holocaust
Mit dem Überfall Deutschlands auf Polen im September 1939 begann die NS-Eroberungspolitik, die in den folgenden Jahren fast ganz Europa unter deutsche Herrschaft zwang. Der deutsche Angriff auf die Sowjetunion bedeutete eine grundlegende Radikalisierung der NS-Kriegspolitik und des deutschen Antisemitismus. Hinter den Truppen der Wehrmacht folgten die deutschen Einsatzgruppen, die in Massenerschießungen Kommunist*innen, Jüdinnen*Juden und Rom*nja ermordeten. Zeitgleich verfolgten die Deutschen das Ziel einer Neuordnung Osteuropas unter rassenpolitischen Vorzeichen. Durch Deportation und Vernichtung von als nicht-arisch definierten Menschen sollte „Lebensraum“ für die Deutschen geschaffen und Osteuropa auf Dauer „germanisiert“ werden.
Währenddessen wurden jüdische Menschen systematisch in Ghettos und Konzentrationslager deportiert. Was sich durch die Novemberpogrome 1938 in Deutschland nur erahnen ließ, wurde nun zur Realität: Die planmäßige, industriell organisierte Vernichtung der Jüdinnen*Juden im deutschen Herrschaftsbereich. Bis zum alliierten Sieg über Deutschland forderte der deutsche Antisemitismus 6 Millionen Opfer. Gleichzeitig wurden auf der Grundlage eines deutschen antiziganistischen Vernichtungswahns hunderttausende Sinti*zza und Rom*nja ermordet. Darüber hinaus wurden Millionen Bewohner*innen der besetzten Länder, Kriegsgefangene, Kommunist*innen und andere politische Gegner*innen, Homosexuelle und Trans*Personen, Menschen mit sogenannten Behinderungen und als „asozial“ Verfolgte Opfer der NS-Vernichtungspolitik.

Die dafür verantwortliche sogenannte deutsche Volksgemeinschaft glaubte an den Endsieg und setzte ihre Mordpolitik bis zuletzt durch. Für Millionen Menschen – die Einwohner*innen der ehemals besetzten Gebiete, die Überlebenden der Konzentrations- und Vernichtungslager und die antifaschistischen Widerstandskämpfer*innen – bedeutete der Sieg der Anti-Hitler-Koalition nicht weniger als die Befreiung.

Aufgearbeitet und weg damit!?
Entnazifizierung und Reeducation-Politik der Alliierten scheiterten spätestens 1955 mit dem bundesdeutschen Souveränitätsgewinn und der Aufhebung des Besatzungsstatuts. Die NS-Verbrechen wurden absolut unzureichend gesellschaftlich, politisch und juristisch aufgearbeitet. Damit war die Grundlage für umfassende personelle, strukturelle und institutionelle Kontinuitäten in öffentlichem Leben und Staat gelegt. Bis heute werden zahlreichen Opfern des NS-Terrors Entschädigungszahlungen vorenthalten, während ehemalige SS-Soldaten hohe Renten beziehen. Erst im März 2014 wies Bundespräsident Gauck Forderungen der griechischen Regierung nach Reparationszahlungen für die deutsche Besatzung Griechenlands zurück – in derselben Rede bat er öffentlichkeitswirksam um Verzeihung für die deutschen Kriegsverbrechen.
Als federführende Kraft in der EU stellt sich Deutschland als geläuterte Nation dar, die nun ausgiebig den moralischen Zeigefinger schwenken kann. Die deutschen Verbrechen während des Holocaust werden zwar in Deutschland kaum noch bestritten – im Gegenteil, bewegende Reden in ehemaligen Konzentrationslagern gehören zum Tagesgeschäft deutscher Regierungsoberhäupter. Umso subtiler lassen NS-Verbrechen sich jedoch relativieren, revisionistisch umdeuten und einer kleinen nazistischen Elite zuschreiben. So seien historisch betrachtet eigentlich Frankreich, Großbritannien und Russland am Ersten Weltkrieg und damit an der Vorgeschichte des Dritten Reichs schuld.
Gleichzeitig sprengen im öffentlich-rechtlichen Fernsehen Produktionen wie „Unsere Mütter, Unsere Väter“ die Einschaltquoten mit Botschaften wie, dass Nazi-Opa den Krieg irgendwann auch nicht mehr so toll fand und dass „der Krieg an sich“ alle Beteiligten entmenschlichen würde.
Auf staatlich-politischer Ebene lassen sich verschiedene Veränderungen feststellen, die eine neue Phase der Erinnerungspolitik anzeigen: 2009 beschloss die EU einen „Europäischen Gedenktag an die Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus“ zum 23. August, dem auch eine allgemeine Gedenkstätte folgen soll. Der deutsche Bundestag unterstützte diesen Beschluss nur zu gern, steht die totalitarismustheoretische Umdeutung und Relativierung der deutschen Verbrechen doch schon länger auf der bundesdeutschen Agenda. Mit der Gleichsetzung von Nationalsozialismus und real existierendem Sozialismus geht der deutsche Staat nun noch einen Schritt weiter: Während die „Aufarbeitung der SED-Diktatur“ in Zukunft besonders gefördert werden soll, wird die Erinnerung an die Opfer des NS nach Beschluss der Großen Koalition keine besondere Finanzierung erhalten.

Die staatlich institutionalisierte Verharmlosung des Nationalsozialismus ergänzt seine Gleichsetzung mit der DDR. Passend erscheint hier der Beschluss für ein „Zentrum für Flucht, Vertreibung und Versöhnung“, das 2013 in die erste Bauphase ging. Wegen massiver Kritik und Vorwürfen des Geschichtsrevisionismus, möchte das Zentrum zukünftig eine Geschichte der Zwangsmigration in Europa im gesamten 20. Jahrhundert ausstellen, wobei auf Flucht, Vertreibung und Integration der Deutschen ein Schwerpunkt liegen soll. Das Ziel ist klar: Auch hier werden Deutsche wieder primär zu Opfern gemacht, um einen positiven Bezug auf die deutsche Nation zu ermöglichen.
Die Ambivalenz im Umgang mit der NS-Vergangenheit zeigt sich auch im Umgang mit Israel: So wird die staatliche Souveränität dieses Schutzraumes für alle von Antisemitismus bedrohten und verfolgten Menschen seit seinem Bestehen einerseits gebetsmühlenartig beschworen, aber gleichzeitig sein Recht auf Verteidigung immer wieder angezweifelt und negiert. Als sogenannte Israelkritik getarnt, treten häufig antisemitische und antizionistische Ressentiments auf, die von reiner Rhetorik bis hin zur Unterstützung antizionistischer Initiativen durch etablierte Berufspolitiker*innen reichen.

Neukölln, insbesondere Südneukölln, zählt zu den Stadtteilen Berlins in welchen die NPD am aktivsten ist. Gerade in den dörflichen Strukturen Rudows werden die Wahlstände der NPD immer wieder öffentlich geduldet. Obwohl die Veranstaltungen der NPD tendenziell schlecht besucht sind, stößt diese mit ihrer rassistischen Hetze und Agitation auf Toleranz, Zustimmung und Akzeptanz. Neonazistische Strukturen Neuköllns und die NPD sollten nicht unterschätzt werden, ganz egal wie bürgernah sie sich geben. So kam es in der Hufeisensiedlung immer wieder zu Anschlägen auf Familien. Die NPD ist bemüht, offizielle Räumlichkeiten zu ergattern und sich noch stärker in Neukölln zu etablieren, scheiterte bis jetzt allerdings immer wieder, sodass zu öffentlichen Plätzen gegriffen werden muss. Ein Beispiel ist die Rudower Spinne am U-Bahnhof Rudow. Aber auch im nördlicheren Teil Neuköllns kommt es immer wieder zu Angriffen von Nazis. 2012 wurden 4 Jugendliche vor dem Vivantes Klinikum angeschossen, einer von ihnen – Burak B. – erlag den Verletzungen und starb am 05.04.2012. Und obwohl dies kurz nach der Aufdeckung der NSU-Morde geschah, schlossen die Behörden vorerst rassistische Motive aus. Das macht deutlich, wie sehr Rassismus in der postnazistischen Nation Deutschland gesellschaftlich sowie institutionell virulent ist.
Am 28.04.2014 werden wir mit einer Fahrraddemo durch Südneukölln ziehen. Diesen Tag nehmen wir zum Anlass, um an die Befreiung Neuköllns durch die Rote Armee zu erinnern und dabei nicht zu vergessen, dass Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus Teil des bundesdeutschen Alltags sind.

Wir danken den Alliierten! Nie wieder Deutschland!
Unser Dank gilt der Roten Armee, der U.S. Army, den britischen und französischen Streitkräften, den Partisan*innen und allen anderen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens für die Zerschlagung Deutschlands kämpften. Der Sieg über die Deutschen bedeutete nicht weniger als die Befreiung der Menschen vom Nationalsozialismus.

Unser Dank heißt Krieg den deutschen Zuständen!

BINGO! – בינגו April 10, 2014 | 09:23 pm


Israel-Bullshit-Bingo in etwas höherer Auflösung

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Film­vor­füh­rung „Der un­be­kann­te Sol­dat“ April 8, 2014 | 08:37 pm

Don­ners­tag 10.​04.​2014, 20h, Pro­jekt­raum H48 Neu­kölln. Her­mann­stra­ße 48 (2. Hin­ter­hof | 1. Etage) – Nähe U-Bhf. Bo­ddin­stra­ße (U8) -> bei „Pro­jekt­raum“ klin­geln

Durch die „Wehr­machts­aus­stel­lung“ in Mün­chen und an­de­ren Groß­städ­ten ge­lang­ten 1995-​1999 die bis­her größ­ten­teils ver­schwie­ge­nen und ver­dräng­ten Ver­bre­chen der Wehr­macht aus den Fa­mi­li­en­al­ben deut­scher Tä­ter_in­nen wie­der in einen öf­fent­li­chen Dis­kurs. In­ter­views mit Ver­ant­wort­li­chen, Be­su­cher_in­nen und nicht zu­letzt Neo­na­zis und auf­ge­brach­ten Bür­ger_in­nen zei­gen einen Aus­schnitt deut­scher Ge­denk­kul­tur, er­gänzt durch die bild­li­che Auf­ar­bei­tung des Ver­nich­tungs­krie­ges der Wehr­macht in der So­wjet­uni­on. (DE 2006, 97 min.)

Jahrestag der Befreiung Neuköllns 28.04.2014 April 4, 2014 | 05:19 pm

Montag 28.04.2014

Plakat zur Befreiung 2014

Der 28. April 2014 ist der 69. Jahrestag der Befreiung Neuköllns vom Nationalsozialismus durch die Rote Armee. Wir nehmen dies zum Anlass, an die deutschen Verbrechen zu erinnern und zum Kampf gegen Deutschland und seine Nazis aufzurufen. Unser Dank gilt den alliierten Streitkräften, den Partisan_innen und allen anderen Menschen, die unter Einsatz ihres Lebens für die Zerschlagung Deutschlands kämpften.
Nie wieder Deutschland! Unser Dank heißt Krieg den deutschen Zuständen!

Burn, Holger April 3, 2014 | 03:25 pm

Ein anlässlich des Holger Burner-Auftritts überarbeiteter Text der Kritischen Initiative Schaumburg

Hol­ger Bur­ner’s not my homie!

Samstag (05.04.2014) soll der Hamburger Rapper Holger Burner, eigentlich David Schultz, in der Sturmglocke, einem linken Freiraum, und vorher auf der dritten Demo gegen den Thor Steinar-Laden, mitorganisiert von der SDAJ Hannover, auftreten.
Seine Musik, die er selbst als „Klas­sen­kampf-​Rap“ be­schreibt, ver­fehlt das Ziel einer eman­zi­pa­to­ri­schen Kri­tik des Ka­pi­ta­lis­mus’ je­doch bei wei­tem. An­statt die­sen in sei­nem ge­samt­ge­sell­schaft­li­chen Ver­hält­nis zu be­grei­fen, schürt er pri­mi­ti­ven Hass gegen „die da oben“, wie z.B. Kon­zern-​Chefs oder Georg W. Bush.1 Mit der Pro­jek­ti­on aller Ver­ant­wor­tung für die Übel, wel­che die ka­pi­ta­lis­ti­sche Wirt­schafts­ord­nung aus struk­tu­rel­len Grün­den immer her­vor­bringt, auf Ma­na­ger_in­nen und Po­li­ti­ker_in­nen, ver­kennt er eine der wich­tigs­ten Grund­la­gen des ka­pi­ta­lis­ti­schen Wirt­schaf­tens. Näm­lich dass sämt­li­che sich in die­ser Ord­nung be­find­li­chen Sub­jek­te ihren Teil zu ihrem Funk­tio­nie­ren bei­tra­gen. Mit dem Kampf­be­griff „Ka­pi­ta­lis­ten“, wird nun gegen re­el­le Per­so­nen ge­hetzt, an­statt die Wirt­schafts­ord­nung zu kri­ti­sie­ren, die diese zu ihren je­wei­li­gen Ent­schei­dun­gen zwingt.2 Sei­nem Ver­lan­gen nach der Er­mor­dung von ver­meint­li­chen „Len­kern“ des Ka­pi­ta­lis­mus’ ver­leiht er Aus­druck in dem fol­gen­den Satz: „Ich will Uzis ver­tei­len von Ham­burg bis Mün­chen – Mit dem Auf­ruf die Chefs aller Ban­ken zu lyn­chen“.3 Auch in dem Lied „Renn Yup­pie, Renn“ ruft Hol­ger Bur­ner un­ver­hoh­len zur Men­schen­jagd auf.

Auch ver­schwö­rungs­theo­re­tisch hat Hol­ger Bur­ner „ei­ni­ges drauf“: Einer „klei­nen Min­der­heit“4 wirft er vor, dass sie vom Dro­gen­kon­sum der „Un­ter­schicht“, dem Ta­bak-​ und Al­ko­hol­ver­kauf pro­fi­tiert. Zudem spricht er bspw. im Song „Unser Stan­dard“ von „euren Me­di­en“, hal­lu­zi­niert also eine Macht, die die Pres­se fremd­be­stimmt lenkt. Aus fort­schritt­li­cher Sicht be­son­ders ge­fähr­lich ist diese Ka­pi­ta­lis­mus­kri­tik, die den Namen ei­gent­lich nicht ver­dient hat, wegen ihrer „An­schluss­fä­hig­keit an an­ti­se­mi­ti­sche Bil­der und Ste­reo­ty­pe […], wie bei­spiels­wei­se das des raf­fen­den jü­di­schen Ka­pi­tals.“, wie das al­ter­na­ti­ve bran­den­bur­ger Por­tal „In­fo­ri­ot“ tref­fend fest­stellt.5

All dies soll­te ei­gent­lich schon genug sein, um Hol­ger Bur­ner als fort­schritt­li­chen Mu­si­ker ab­zu­leh­nen. Doch die durch an­ti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe6 be­ein­fluss­ten Aus­sa­gen des Rap­pers, der der trotz­kis­ti­schen Or­ga­ni­sa­ti­on SAV na­he­steht,7 gehen auch hier noch einen Schritt wei­ter. „Ich bin gegen jeden Na­tio­na­lis­mus und vor allem gegen den Zio­nis­mus“, po­saun­te Hol­ger Bur­ner bei einem Auf­tritt auf einem An­ti-​G8-​Camp der Ber­li­ner „Fal­ken“ 2007 her­aus. Die An­sa­ge wi­der­spricht einem eman­zi­pa­to­ri­schen Stand­punkt, da der Zio­nis­mus, der durch die Grün­dung Is­raels in die Tat um­ge­setzt wurde, als Schutz­raum für von An­ti­se­mi­tis­mus ver­folg­te Men­schen nun ein­mal un­ab­ding­bar ist, ent­puppt sich Bur­ners Aus­sa­ge als ver­hee­rend.8 Nach die­sem State­ment dis­tan­zier­ten sich die Ver­ant­wort­li­chen von Hol­ger Bur­ner und ent­schul­di­gen sich für des­sen „an­ti­se­mi­ti­sche und an­ti­zio­nis­ti­sche“ Aus­sa­gen.9

Auf­fäl­li­ger­wei­se macht Hol­ger Bur­ner auch aus sei­ner Sym­pa­thie für den „links­na­tio­na­lis­ti­schen“ ve­ne­zue­la­ni­schen Prä­si­den­ten Hugo Chávez kei­nen Hehl. Dass sich die­ser auch öf­fent­lich an­ti­se­mi­tisch äu­ßert, ist spä­tes­tens seit sei­ner Weih­nachts­an­spra­che 2005 be­kannt.10 In dem Song „Des­halb“, den Bur­ner zu­sam­men mit „Al­bi­no“ auf­ge­nom­men hatte, be­zeich­net Bur­ner Chávez als sei­nen „amigo“. Trotz sei­ner vor­geb­lich so an­ti­na­tio­na­len Ein­stel­lung, fühlt sich Bur­ner of­fen­sicht­lich dem Na­tio­nal­staat Ve­ne­zue­la ver­bun­den 12und so­li­da­ri­siert sich mit der na­tio­na­lis­ti­schen Re­gie­rung – wie sich in zahl­rei­chen Äu­ße­run­gen zeigt.11

Einen wei­te­ren Feind neben den „Rei­chen“ und sämt­li­chen Po­li­ti­ker_in­nen hat der selbst­er­nann­te „Mas­ter of Ce­re­mo­nies“ in den Ver­ei­nig­ten Staa­ten von Ame­ri­ka ge­fun­den. Er un­ter­stellt den USA, dass sie in Süd­ame­ri­ka Prä­si­den­ten „nur als Mario­net­ten“ ein­set­zen und „im In­ter­es­se der US“-​Ge­set­ze ver­letzt und ver­än­dert wür­den. Auch in dem Zu­sam­men­hang wird als Dif­fa­mie­rung das Wort „Bon­zen“ be­nutzt.

Hol­ger Bur­ner ver­harm­lost au­ßer­dem na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­bre­chen: „Hin­ter dem Fa­schis­mus steht das Ka­pi­tal – der Kampf um Be­frei­ung ist in­ter­na­tio­nal“, heißt es in „An­ti­fa­his­to­ry“. In eben­die­sem Lied stellt Bur­ner die NATO und die Na­tio­nal­so­zia­lis­t_in­nen auf eine Stufe: „Da­mals die nazis, heute schmeisst die Bom­ben die NATO“. In „Si se puede“ ver­gleicht der Rap­per die BRD mit dem Na­tio­nal­so­zia­lis­mus: „Kurze Zeit spä­ter and­res Land, kaum andre Zeit – in­zwi­schen gibt’s in Deutsch­land wie­der Zwangs­ar­beit.“

Vom Ka­pi­ta­lis­mus hat Hol­ger Bur­ner gar nichts ver­stan­den, was er in na­he­zu jeder Stro­phe be­weist. Er sieht sich als Spre­cher der „da unten“, die doch end­lich an­fan­gen müs­sen, denen „da oben“ zu zei­gen, dass sie sich nicht um­her­schub­sen las­sen. Diese rück­schritt­li­che Ka­pi­ta­lis­mus­schel­te in Ver­bin­dung mit sei­nen fort­schritts­feind­li­chen An­sa­gen lässt eine ge­fähr­li­che Mi­schung ent­ste­hen. Hol­ger Bur­ner hat sich durch diese Mi­schung in der links­deut­schen Sub­kul­tur ver­dient ge­macht und kann sich mit Grup­pen wie „Die Band­brei­te“ aus Du­is­burg in eine Reihe stel­len.

In die­sem Sinne:
Wert­kri­tik statt Re­bell­chi­que!

  1. vgl. „Des­halb“ und „Ame­ri­ca del Sur“ von Hol­ger Bur­ner [zurück]
  2. Diese Ent­schei­dun­gen sind selbst­ver­ständ­lich nicht durch­weg „po­si­tiv“ und haben teil­wei­se ne­ga­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf Ein­zel­ne, die Un­ter­neh­men oder na­tio­na­le Kol­lek­ti­ve; die Ent­schei­dun­gen und damit die Aus­wir­kun­gen fol­gen schlicht­weg den Ge­set­zen des Mark­tes. [zurück]
  3. Im Song „Ket­ten zer­rei­ßen“ [zurück]
  4. „All das ist im In­ter­es­se einer klei­nen Min­der­heit“, in: „Auf­wa­chen“ [zurück]
  5. In­fo­ri­ot: Hol­ger Bur­ner: „die Chefs aller Ban­ken lyn­chen“; http://​www.​inforiot.​de/​artikel/​holger-burner-chefs-aller-banken-lynchen [zurück]
  6. Hol­ger Bur­ners an­ti­se­mi­ti­sche Ste­reo­ty­pe sind dabei kein ras­sis­tisch-​bio­lo­gis­ti­schen, wie die der Nazis, son­dern la­tent-​se­kun­där. Siehe auch Fuß­no­te 8. [zurück]
  7. Siehe Fuß­no­te 5 [zurück]
  8. Die his­to­ri­sche Not­wen­dig­keit der Exis­tenz Is­raels, wel­che sich aus der Shoah ab­lei­tet, steht nicht zur Dis­kus­si­on. Eine So­li­da­ri­tät mit Is­ra­el ist daher aus eman­zi­pa­to­ri­scher Sicht un­um­gäng­lich. [zurück]
  9. Riot­pro­pa­gan­da (Blog); http://​riotpropa.​blogsport.​de/​2008/​04/​15/​1mai-reloaded/​ [zurück]
  10. Chávez sagte dort: „Die Welt ge­hört jedem Ein­zel­nen, aber es scheint so, als ob Min­der­hei­ten – die Nach­kom­men derer, die Chris­tus ans Kreuz ge­schla­gen haben – sich den gan­zen Wohl­stand der Welt ge­nom­men haben.“ Dass die Juden Jesus ge­kreu­zigt haben sol­len, ist ein altes an­ti­jü­di­sches Res­sen­ti­ment; http://​www.​taz.​de/​index.​php?​id=archivseite&​dig=2006/​01/​11/​a0091 [zurück]
  11. Siehe dazu z.B. Fuß­no­te 1 [zurück]
  12. Im Song „Ame­ri­ca del Sur“ heißt es:„Ak­ti­vis­ten wer’n ge­hetzt im In­ter­es­se der US / Es wer­den Ge­set­ze ge­än­dert, ver­ges­sen und ver­letzt / Prä­si­den­ten wur­den nur als Mario­net­ten ein­ge­setzt […] Ve­ne­zue­la Ver­staat­licht, Um­sturz­plä­ne aus den Staa­ten / Doch ihre Putsch­ver­su­che wer­den nie­der­ge­schla­gen / Wenn sie wie­der was ver­su­chen, dann steht das ganze Land / und ge­ball­ter Klas­sen­kampf macht den fuck­ing Ban­ken Angst“; vgl. http://hol­ger-​bur­ner.​de/​lyrics/​america_​del_​sur.​html [zurück]

Gegen Rassismus und Islamismus! March 25, 2014 | 05:59 pm

Gegen Islamismus und Rassismus

Am Samstag wird es in der hannoverschen Innenstadt ein Showdown der besonderen Art geben. Auf der einen Seite wird der Verein „Der Schlüssel zum Paradies“ stehen und Besuch vom Vorzeigekonvertiten der deutschen Salafisten bekommen: Pierre Vogel. Auf der anderen Seite steht die rechtspopulistische Splitterpartei „Die Hannoveraner“. Eine Handvoll mittelalter Männer, die sich gegen die „Islamisierung“ ihrer Heimat aussprechen. Sie demonstrieren gegen „eine menschenverachtende Ideologie“ der Salafisten. Soweit ist diese Kritik rechtfertigbar. Dem patriarchalen, manichäischen, antisemitischen und autoritären Weltbild der Salafisten ist entschieden entgegenzutreten. Beispielsweise eine islamische Rechtsprechung ist keineswegs erstrebenswert. Der zu extremer Gewalt neigenden Bewegung der Islamisten, die versuchen, den aufgeklärten Islam zurückzudrängen, sollte konsequent entgegengetreten werden. Doch der Gegenprotest der „Hannoveraner“ gerät zur Farce. Die Kritik, die sie an ihren politischen Gegnern ausmachen, kümmert sie nur dort. Patriarchale Strukturen und autoritäre Politik sind für sie nur dann ein Problem, wenn sie bei Muslimen auftauchen. Die politische Gegnerschaft wird zur bloßen Projektion des Hasses auf die als fremd Stigmatisierten. Es geht nicht darum, Kritik an reaktionären Positionen zu üben, sondern auf eine kulturalistisch-rassistische Weise Menschen, die sie als nicht-deutsch identifizieren, auszuschließen. Das ist klarer, sehr verbreiteter Rassismus. Deshalb werden wir am Samstag auch da sein. Unser Protest richtet sich gegen beide Seiten. Gegen antimuslimischen Rassismus und gegen Islamismus, für das schöne Leben!

Der Ort der Kundgebung steht nun fest und wird das Schillerdenkmal sein. Wer noch Redebeiträge halten möchte, bitte eine Mail an associationbellevie@aol.de.

Was ihr feiert: Armut, Ausgrenzung, Leistungszwang March 22, 2014 | 08:19 pm

Die Mobilisierung gegen die Einheitsfeierlichkeiten Anfang Oktober in Hannover beginnt, neben der Homepage ist auch der Kurzaufruf veröffentlicht:

Gegen die Einheitsfeier 2014 in Hannover

Am dritten Oktober diesen Jahres ist Hannover Gastgeber des Spektakels rund um die Einheitsfeierlichkeiten. Gefeiert wird an diesem Datum ganz unspektakulär der Stichtag der formellen Übernahme der DDR durch die BRD. In Hannover wird sich der Deutsche Staat anlässlich dieses Tages in Szene setzen und seine Politik würdigen lassen, ohne die nationalistisch aufgelade feucht-fröhliche Stimmung der Fußballfanmeilen. So oder so – kein Grund zum Feiern. Denn diese Ordnung, die mit der Politik des deutschen Staates gesichert wird, bedeutet immer auch: Armut, Ausgrenzung und Leistungszwang.

Logo gegen die Einheitsfeierlichkeiten 2014

Armut
Alles, was diese Gesellschaft bietet und produziert, ist für uns nur gegen Geld zu haben. Dafür, dass das so bleibt sorgt der deutsche Staat. Das Eigentum an Häusern, Fabriken und Rohstoffen bleibt exklusiv wenigen vorbehalten und wird nach ökonomischem Interesse verwaltet. Um möglichst gute Bedingungen für die eigene nationale Ökonomie zu schaffen versucht Deutschland als Verwalter neben einer guten Infrastruktur auch für billige Arbeitskräfte zu sorgen. Dies sichert der Staat durch niedrige Sozialleistungen, geringen Kündigungsschutz und Schikanen auf dem Amt. Er sorgt auch durch seine Polizei und Justiz dafür, dass wir uns nicht einfach nehmen können, was wir zum Leben brauchen. Und so müssen wir uns auch noch zum schlechtesten Lohn verkaufen um uns das Leben leisten zu können.

Ausgrenzung
Für die Menschen, die in ihren Heimatländern nicht einmal das können und deshalb versuchen hier her auszuwandern, endet die Flucht oft bereits an den europäischen Außengrenzen. Obwohl immer wieder Flüchtende bei dem Versuch die hermetisch abgedichtete Festung Europa zu erreichen, sterben, stimmen die überzeugten Nationalisten*innen dieser brutalen Politik noch zu. Für sie sind Flüchtende nichts anderes als potentielle Kostenfaktoren für “ihre” Nation, denn ‘die’ gehören qua Natur nicht zum eigenen nationalen Kollektiv. Konsequenterweise sollen daher auch die Menschen, die es hier her geschafft haben und nicht abgeschoben werden können oder sollen, stets ihre Leistungsbereitschaft unter Beweis stellen und sich gefälligst integrieren. Ausländer bleiben sie trotzdem und vor rassistischen Übergriffen schützt sie auch der deutsche Pass nicht.

Leistungszwang
Das alltägliche Hauen und Stechen in dieser Gesellschaft sorgt nicht gerade für eine solidarische Grundstimmung unter den Menschen. Obwohl wir schon nicht selber darüber entscheiden können wie und was produziert wird, müssen wir uns jetzt auch noch um mehr oder weniger schlecht bezahlten Arbeitsplätze streiten. Immer in Abhängigkeit des Gewinninteresses eines Arbeitgebers opfern viele ihre Freizeit und Kreativität in unbezahlten Praktika und Leiharbeitsjobs, schleppen sich krank zur Arbeitsstelle, oder gehen noch unter Hartz IV Niveau arbeiten, in der Hoffnung auf eine halbwegs gesicherte Existenz.

Damit diese Zustände ertragbar werden, wird sich eine solidarische Gemeinschaft im nationalen Kollektiv einfach herbei imaginiert. So kann man sich noch unter den beschissensten Umständen mit Stolz für Staat und Kapital krumbuckeln.

Während am dritten Oktober auch die Leute sein werden, die sich mit dem Vorankommen der Nation und allem was dazu aus ihrer Sicht notwendig ist identifizieren, werden auch wir da sein. Denn die Feier der Nation ist ein Angriff auf das schöne Leben und ein Hohn gegenüber der Gesellschaft, wie wir sie uns vorstellen: Wir wollen eine Gesellschaft die die Produktion, das Wohnen, die Bildung nicht nach kapitalistischen Interessen, sondern nach den Bedürfnissen der Menschen organisiert. Für eine Zukunft ohne Nationalismus und Nation gehen wir am 3. Oktober auf die Straße.

Denn was ihr feiert ist: Armut, Ausgrenzung, Leistungszwang!

association [belle vie]
Fast Forward Hannover
FAU Hannover
Kritik im Handgemenge
LUH Contra

Herzensangelegenheit: Tag des (Blut und) Bodens in München March 20, 2014 | 01:47 am

In München soll dieses Jahr wieder der „Tag des Bodens“ begangen werden. Der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ kündigte dazu eine „Mahnwache“ am 29. März auf dem Stachus sowie einen Begleitfilm an. Darüber hinaus hat sich angeblich ein „Palästina Koordinierungskreis“ gegründet, um die Aktivitäten in München zu bündeln.


Is­ra­el von der Land­kar­te blät­tern: Bild der Face­book-​Si­te der „Pa­läs­ti­nen­si­schen Ge­mein­de Mün­chen“ (2012)

„In Gedenken an den Tag des Bodens als Symbol des Widerstands der Palästinenser gegen den Raub des Landes“ – so der aktuelle Aufruf zur diesjährigen Mahnwache am Münchner Stachus – „folgen wir dem Ruf Palästinas mit einigen Aktionen“. Unter anderem soll im Anschluss der Propaganda-Streifen „30. März“ im Begegnungszentrum Eine-Welt-Haus gezeigt werden. Der Regisseur des Films, Nidal Badarny, wird ebenfalls erwartet. Einen Tag zuvor ist Badarny, der seine Karriere als Komiker begonnen hat, voraussichtlich in Stuttgart, danach in Wien und Duisburg zu sprechen.

Gäbe es die Waren-Exporte aus jüdischen Siedlungen nicht, gehörte wohl der „Tag des Bodens“ neben dem „Tag des Zorns“, dem „Tag der Märtyrer“ und dem „Nakba Gedenktag“ zu den größten Exportschlagern des Westjordanlands. Inhaltlich ist der „Tag des Bodens“ Ausdruck eines von Blut- und Bodenmetaphern durchtriebenen und religiös aufgeladenen Volkstumskampfes. Tausende intonieren dazu am 30. März in Ramallah Parolen wie „Nieder mit Israel“ oder „Tod den Juden“ – danach ziehen die antisemitischen Massen wütend durch die Straßen.

Tränendrüse statt Dschihad
Organisiert werden die Aktionen rund um den „Tag des Bodens“ sowie des „Tag des Zorns“ und des „Nakba Gedenktages“ in München regelmäßig vom Verein „Palästinensische Gemeinde München“. Die Parolen fallen bei dessen Kundgebungen weniger deutlich aus als in Ramallah. Anstelle klingt eine Mischung aus Tränendrüsen- und Warenboykott-Attacke an; Kinder säumen dazu wohlplatziert mit Intifada-Schals und Palästinafahnen bestückt das Schauspiel.

Der Verein „Palästinensische Gemeinde München“ bietet über das Jahr ansonsten Stick-, Koch- und Gymnastikkuse exklusiv für Frauen an sowie gemischtgeschlechtliche Dabkeh-Folklore-Abende. Derzeit weitet der Verein seine politischen Aktivitäten aus. Laut dem Vereinsorgan „Monatliches Infoblatt“ ist es am 15. Februar 2014 angeblich gelungen, zusammen mit „pro-palästinensischen Organisationen und Aktivisten“ einen „Palästina-Koordinierungskreis in München und Umgebung“ zu gründen.

„Während wir den Zionisten gegenüber standen…“
Der Verein hat seinen Sitz im städtisch finanzierten Eine-Welt-Haus in der Schwanthalerstraße. Anlässlich einer Kundgebung verschiedener Verbände gegen Antizionismus 2013 rief die selbsternannte „Palästinensische Gemeinde München“ auf ihrer Facebook-Seite am 13. Mai 2013 dazu auf, vor Ort Stellung zu beziehen. „Wir dürfen es nicht zulassen, dass die Zionisten ihr Unfug auch in München treiben“, hieß es. Im Anschluss wurde an gleicher Stelle verkündet: „Während wir den Zionisten gegenüber standen, haben wir die Zeit dazu genutzt, die anwesenden Polizeibeamten über die Thematik aufzuklären. Es ist erfreulich, wie viel Verständnis und Unterstützung für Palästina und für die Rechte des palästinensischen Volks vorhanden ist. Wir müssen bloß anklopfen.“

Die Polit-Folklore-Truppe sucht laut ihrem „Monatlichen Infoblatt“ ab September 2014 einen neuen Vereinssitz. Interessierte Vermieterinnen und Vermieter machen sich am Besten am Stachus, dem 29. März, selbst ein Bild, wer da anklopft.

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Sabotiert Augstein March 10, 2014 | 07:57 pm

Wir schließen uns dem Aufruf der Antideutschen Aktion Berlin an, Augsteins Auftritt in Berlin am 16 März zu verhindern. Im Folgenden dokumentieren wir ihren Text.

Am Sonn­tag den 16. März 2014 um 10:30 Uhr
Im Film­thea­ter Union in der Böl­sche­stra­ße 69, Ber­lin

„Jeder in Deutsch­land fühlt sich ver­ant­wort­lich für Schil­ler, für Goe­the und für Beet­ho­ven, aber kei­ner für Himm­ler. Ein Groß­teil der Be­völ­ke­rung denkt wie Mar­tin Wal­ser. Ende. Zeit, Schluß zu ma­chen, nur noch nach vorne schau­en.“ Ignatz Bubis

Nur einer blieb sit­zen, im Ok­to­ber 1998, bei der Ent­ge­gen­nah­me des Frie­dens­prei­ses des deut­schen Buch­han­dels in der Frank­fur­ter Pauls­kir­che, wäh­rend der Schrift­stel­ler Mar­tin Wal­ser gegen „Ausch­witz“ als „Mo­ral­keu­le“ wet­ter­te. Als ver­folg­te Un­schuld fühle er sich, lies Wal­ser die ver­sam­mel­te Pro­mi­nenz wis­sen, weil kein Tag ver­geht, an dem die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ver­bre­chen, „un­se­re ge­schicht­li­che Last, die un­ver­gäng­li­che Schan­de, sie uns nicht vor­ge­hal­ten wird“. Er habe das Ge­fühl, daß oft „nicht mehr das Ge­den­ken, das Nicht­ver­ges­sen­dür­fen das Motiv ist, son­dern die In­stru­men­ta­li­sie­rung un­se­rer Schan­de zu ge­gen­wär­ti­gen Zwe­cken.“ Über tau­sen­de Zu­hö­rer ap­plau­dier­ten, ste­hend. Nur einer blieb sit­zen. Ignatz Bubis, der da­ma­li­ge Vor­sit­zen­de des Zen­tral­ra­tes der Juden in Deutsch­land.

Wie in einem fal­schen Film. Bubis warf Wal­ser be­rech­tig­ter Weise „geis­ti­ge Brand­stif­tung“ vor. Doch mit sei­ner Kri­tik stand er al­lein auf wei­ter Flur. Die deut­schen Eli­ten dach­ten wie der al­tern­de Schrift­stel­ler. Deutsch­land kam lang­sam zu sich. Schon im Jahr 1995 ent­deck­te der so­zi­al­de­mo­kra­ti­sche Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­te Frei­mut Duve die „Rampe von Sbre­ni­ca“. Deut­sche Po­li­ti­ker hal­lu­zi­nier­ten ein zwei­tes Ausch­witz in Ju­go­sla­wi­en. Der bünd­nis­grü­ne Au­ßen­mi­nis­ter Josch­ka Fi­scher sprach 1999 von einem „neuen Ausch­witz“ im Ko­so­vo. Im Kriegs­fall spricht das kol­lek­ti­ve Un­be­wuß­te der Deut­schen voll­ends Ta­che­les. Wenn die Opfer der Na­tio­nal­so­zia­lis­ten die sel­ben Ver­bre­chen be­ge­hen wie die Na­tio­nal­so­zia­lis­ten, ver­lie­ren die Taten ihre be­son­de­re Scheuß­lich­keit, wenn man schon den alten Ver­bün­de­te in Pa­läs­ti­na nicht di­rekt mi­li­tä­risch unter die Arme grei­fen kann, so dann we­nigs­tens den ehe­ma­li­gen al­ba­ni­schen Hilfs­trup­pen. Der Clou: Eine einst­mals deut­sche Tat wird uni­ver­sell, Täter und Opfer be­lie­big aus­tausch­bar. Adolf Hit­ler wird letzt­lich in­ter­na­tio­nal.

Einen Monat vor sei­nem Tod im Jahre 1999 äu­ßer­te sich Ignatz Bubis re­si­gniert über seine Amts­zeit als Vor­sit­zen­der des Zen­tral­ra­tes der Juden, bei­na­he ge­bro­chen gab er zu Pro­to­koll: „Ich woll­te diese Aus­gren­ze­rei, hier Deut­sche, dort Juden, weg­ha­ben. Ich habe ge­dacht, viel­leicht schaffst du es, daß die Men­schen an­ders über ein­an­der den­ken, an­ders mit­ein­an­der um­ge­hen. Aber, nein, ich habe fast nichts be­wegt. Die Mehr­heit hat nicht ein­mal ka­piert, worum es mir ging. Wir sind fremd ge­blie­ben.“ Auf dem Weg zur neuen deut­schen Nor­ma­li­tät sind die letz­ten Nörg­ler nur noch un­nö­ti­ger Bal­last.

Im Zwei­fel an­ti­se­mi­tisch

„Jakob Augstein macht Is­ra­el, das meis­tens als Syn­onym für die Juden ge­nom­men wird, zum Sün­den­bock für alles. Er läßt den Ju­den­staat in An­spie­lung auf die Wei­sen von Zion nach der Welt­herr­schaft grei­fen, Blut­ta­ten ver­üben, die Welt in den Ab­grund rei­ßen und wei­te­re reich­lich ku­rio­se Taten voll­brin­gen.“ Rai­ner Tram­pert

Jakob Augsteins pu­bli­zis­ti­sches Stahl­ge­wit­ter ist die Fort­set­zung Mar­tin Walsers lang­jäh­ri­gen Wir­kens mit bei­na­he den­sel­ben Mit­teln. Was für Wal­ser Ausch­witz war, ist für Augstein Is­ra­el. Ein Me­ne­tekel. Ein deut­sches Me­ne­tekel, das man schleu­nigst hin­ter sich las­sen muß. Es gilt den lan­gen Schat­ten des Ho­lo­caust los zu wer­den, der deut­schen Zu­kunft wil­len. Bei Augsteins deutsch-​na­tio­na­lis­ti­schen Fan­ta­si­en dreht es sich „nicht um die Ge­schich­te Deutsch­lands. Son­dern um die Ge­gen­wart der Welt“. Für den nächs­ten An­lauf deut­scher Groß­macht­sam­bi­tio­nen sieht der Her­aus­ge­ber der Wo­chen­zeit­schrift ‚Der Frei­tag‘ den ers­ten Schritt in der voll­stän­di­gen Eman­zi­pa­ti­on von den USA und Is­ra­el. Ein Ku­kucks­kind sucht neue El­tern.

Die spe­zi­el­le Ver­bin­dung Deutsch­lands mit den USA und vor allem Is­ra­el ist das Re­sul­tat des al­li­ier­ten Sie­ges über den Na­tio­nal­so­zia­lis­mus. Nichts we­ni­ger als die voll­stän­di­ge An­nul­lie­rung der letz­ten al­li­ier­ten Auf­la­gen und die Re­vi­si­on der deut­schen Is­rael­po­li­tik ist Augsteins Ziel. Des­halb po­le­mi­siert er gegen die deut­sche Waf­fen­hil­fe für Is­ra­el, phan­ta­siert von dem jü­di­schen Welt­frie­dens­sa­bo­teur und be­haup­tet das „die Re­gie­rung Ne­tan­ja­hu die ganze Welt am Gän­gel­band“ führt. Mit An­ti­se­mi­tis­mus habe dies nicht zu tun, dies sei le­gi­ti­me Is­rael­kri­tik, be­zeu­gen seine zahl­rei­chen Un­ter­stüt­zer. Dabei un­ter­stellt Augstein pau­schal, das al­lein Is­ra­el ge­ne­rell „an Frie­den … kein In­ter­es­se“ hat. Wirft ihm vor es „brü­tet“ sich in Gaza „seine ei­ge­nen Geg­ner aus“ und setzt seit Jahr­zehn­ten seine In­ter­es­sen „ohne Rück­sicht auf die Ver­hält­nis­mä­ßig­keit der Mit­tel“ durch, ohne auch nur ein Wort über die stän­di­ge Be­dro­hung des Lan­des zu ver­lie­ren.

Augsteins Dar­stel­lung von Is­ra­el ist von an­ti­se­mi­ti­schen Ste­reo­ty­pen ge­prägt, bei­na­he ma­nisch ver­sucht er Is­ra­el, und den USA, all die Schuld am Elend die­ser Welt zu un­ter­stel­len. Un­ver­blümt nar­ziss­tisch schwingt sich hier der deut­sche An­ge­klag­te, wie­der ein­mal zum Rich­ter über seine An­klä­ger auf. Nicht nur für ihn gilt das Motto: Wir müs­sen uns beim Thema An­ti­se­mi­tis­mus von nie­man­dem be­leh­ren las­sen, er­st­recht nicht vom Si­mon-​Wie­sen­thal-​Zen­trum.

Keine Bühne für An­ti­se­mi­ten!

„Man muß sich von der Vor­stel­lung lösen, daß An­ti­se­mi­tis­mus ein nor­ma­les Vor­ur­teils­sys­tem ist. Der Ju­den­haß ist Teil des kul­tu­rel­len Codes vie­ler Men­schen und ge­hört seit Jahr­hun­der­ten un­ge­bro­chen zum kom­mu­ni­ka­ti­ven Ge­dächt­nis der abend­län­di­schen Ge­sell­schaft. Da­ge­gen hel­fen oft weder Bil­dung noch In­tel­li­genz.“ Mo­ni­ka Schwarz-​Frie­sel

Am Sonn­tag, den 16. März, will Jakob Augstein im Film­thea­ter Union in Ber­lin-​Fried­richs­ha­gen sein neu­es­tes Pro­pa­gan­da­werk mit dem Titel „Sa­bo­ta­ge“ vor­stel­len. Wir sind der Mei­nung, was ein­mal in Han­no­ver ge­klappt hat, kann auch in Ber­lin funk­tio­nie­ren. Des­halb rufen wir alle zi­vil­ge­sell­schaft­li­chen, an­ti­fa­schis­ti­schen und an­ti­deut­schen Ein­zel­per­so­nen, Grup­pen und In­itia­ti­ven auf, mit allen Mit­teln, auf allen Ebe­nen den Auf­tritt des Top-​Ten-​An­ti­se­mi­ten Jakob Augstein zu ver­hin­dern.

An­ti­deut­sche Ak­ti­on Ber­lin im März 2014

Und Münchens Experten werden wieder mal nicht gefragt March 4, 2014 | 03:25 pm

Der Krieger- und Veteranenverein München-Allach war nämlich auch schon da – und erinnert gerne daran.

Kennen Sie eigentlich die berühmten Juden des FC Bayern? March 4, 2014 | 02:10 am

Nein? Das könnte daran liegen, weil die Juden 1933 aus dem gesamten deutschen Fußball vertrieben wurden – und danach vergessen. Eine Erinnerung an jüdische Fußballpioniere des FC Bayern:

Otto Alber Beer (* 03. Juni 1891 in Graben, Kreis Karlsruhe – + 25. November 1941 im Ghetto Kaunas
Als einer der ersten Vereine in Deutschland förderte der FC Bayern München konsequent den Nachwuchs fußball. In der Saison 1927/28 gab es 535 Nachwuchsspieler in 36 Mannschaften, kein anderer Verein in Deutschland hatte eine so große Jugendabteilung. Das Konzept trug 1932 Früchte, als die Bayern zum ersten Mal Deutscher Meister wurden. Einer der entscheidenden Männer hinter diesem Erfolg war der gelernte Textilkaufmann Otto Albert Beer, seit den 1920er-Jahren stellvertretender Leiter der Nachwuchsabteilung. Nach der NS-Machtübernahme musste Beer den Klub verlassen und wirkte einige Jahre im jüdischen ITUS München. Nachdem 1938 seine Firma auf Druck der Nazis liquidiert wurde, arbeitete er als Automechaniker, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1941 wurden Beer, seine Frau und ihre beiden Kindern ins Ghetto Kaunas nach Litauen deportiert und dort er mordet.

Alfred Bernstein (* 26. Mai 1897 – + 17. Januar 1972)
Der Torwart Alfred Bernstein begann seine Karriere bei Wacker München, wechselte 1924 aber zum Lokalrivalen FC Bayern. Er war Stammtorwart der Bayern-Mannschaft, die 1926 und 1928 die süddeutsche Meisterschaft gewann. Als Sohn eines aus Wien stammenden jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter galt Bernstein den NS-Rassegesetzen zufolge als »Halbjude«. Nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten blieb er so von Deportation und Ermordung verschont, dennoch hatte er wiederholt Probleme mit der Gestapo.

Richard (Dombi) Kohn (* 27. September 1888 Wien – + 16. Juni 1963 Rotterdam)
Richard, genannt »Little«, Dombi war einer der ungewöhnlichsten Trainer in der Geschichte des FC Bayern München. Er revolutionierte in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren das Fußballtraining, indem er die individuelle Betreuung der Spieler in den Mittelpunkt stellte; außerdem war er noch Manager und Physiotherapeut des Teams. In einer Chronik des FC Bayern heißt es: »Wohl kein Trainer war mit seiner gesamten Zeit so für den Club tätig, als es Dombi war. Er war Trainer, Fitmaker, Masseur, Geschäftsführer und Organisator in einer Person.« Im Juni 1932 erreichte der FC Bayern mit ihm erstmals das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Dank Dombis hervorragender Vorbereitung, der seine Elf bis zum Spieltag von der Öffentlichkeit abschirmte, gelang ein überlegener 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt. Dombi wurde am 27. September 1888 in Wien als Richard Kohn geboren. Den Namen Dombi nahm er während seiner Spielerkarriere beim damals weltbekannten MTK Budapest an. Der Begriff war eine Ableitungdes ungarischen Wortes »Domb« und stand für kleine Hoheit oder Eminenz.

Zwischen 1908 und 1912 wurde Dombi sechs Mal in das österreichische Nationalteam berufen. Seine Trainerlaufbahn begann er Anfang der 1920er-Jahre in Deutschland bei Hertha BSC in Berlin. Dort legte er den Grundstein für die bis heute erfolgreichste Ära in der Vereinsgeschichte, als Herthazwischen 1926 und 1931 sechs Mal in Folge das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreichte. Dombiwar zu diesem Zeitpunkt aber bereits weiter nach Zagreb und ein Jahr später nach Wien gezogen, bevor er in der Saison 1926/27 vom FC Barcelona abgeworben wurde. 1928 kehrte er nach Deutschland zurück und rettete die Sportfreunde Stuttgart vor dem Abstieg. Die folgenden Stationen waren der TSV 1860 München (1928/29) sowie der VfR Mannheim (1929/30).

Ab 1930 arbeitete er für den damals aufstrebenden FC Bayern, aber schon wenige Monate nach dem Gewinn der Meisterschaft war dort kein Platz mehr für ihn. Im September 1933 musste Dombi Nazideutschland verlassen. Er ging zunächst zum FC Barcelona und wenige Monate später zum FC Basel. Von 1935-1939 trainierte er Feyenoord Rotterdam und gewann mit dem Verein 1936 und 1938 die niederländische Meisterschaft. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen überlebte Dombi wahrscheinlich durch Heirat und Konvertierung zum christlichen Glauben. Nach Ende des Weltkriegs übernahm er noch zwei weitere Male das Traineramt in Rotterdam. In einer Feyenoord-Chronik heißt es: »Vom Himmel gesandt wurde uns der größte Trainer, der jemals in den Niederlanden tätig war. Er war es, der Feyenoord eigentlich erst gelehrt hat, Fußball zu spielen.« Richard Dombi verstarb nach langer Krankheit am 16. Juni 1963 in seiner neuen Heimat, den Niederlanden.

Benno Elkan (*2. Dezember 1877 Dortmund – + 10 Januar 1966 London)
Einer der Gründungsväter des FC Bayern München kam ursprünglich aus Dortmund. Der Kaufmannssohn Benno Elkan zog 1897 nach München, um an der renommierten Kunstakademie ein Studium aufzunehmen, wo in diesen Jahren auch Wassily Kandinsky und Paul Klee studierten. Im liberalen und weltoffenen Schwabing, in dem der junge Kunststudent lebte, entstand im Februar 1900 der FC Bayern. Elkan war einer von 17 Unterzeichnern der Gründungsurkunde des Klubs und dabei neben Joseph Pollack eines von mindestens zwei jüdischen Gründungsmitgliedern. Bereits 1901 verließ Elkan München wieder und setzte sein Studium in Karlsruhe fort. In den 1920er-Jahren wurde er zu einem deutschlandweit anerkannten Bildhauer, bis ihm die Nazis ein Berufsverbot auferlegten. Elkan flüchtete 1934 nach London, wo er seine künstlerische Arbeit fortsetzen konnte. Sein bekanntestes Werk ist eine große Skulptur, die 1956 vor dem Eingang des israelischen Parlamentes, der Knesset, aufgestellt wurde.

Kurt Horwitz (* 22. Dezember 1897 Neuruppin – + 14. Februar 1974 München)
Der bekannte Schauspieler war bis 1933 ein begeistertes Mitglied des FC Bayern und Spieler in der Theaterelf der Münchner Kammerspiele, die dem FC Bayern angeschlossen war. 1933 musste Horwitz aus Deutschland in die Schweiz flüchten, wo er u.a. als Direktor des Stadttheaters Basel arbeitete. Anfang der 1950er-Jahre kehrte Horwitz nach München zurück und wurde Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels und schloss sich auch wieder dem FC Bayern an.

Kálmán Konrád (*23. Mai 1896 Palánka, Serbien – + 10. Mai 1989 Stockholm)
Der Bruder von Jenö, Kálmán Konrád, zählte bis 1933 zu den bekanntesten Spieler- und Trainerpersönlichkeiten Europas. Kálmán begann seine Karriere 1914 beim MTK Budapest, bevor er 1919 gemeinsam mit seinem Bruder zu den Wiener Amateuren (heute Austria Wien) wechselte. In den 1920er-Jahren warder dribbelstarke Innenstürmer einer der bekanntesten Torjäger Europas. Legendär waren vor allem seine vier Tore beim 5:0-Derbysieg gegen Rapid Wien im Mai 1926. Die Wiener Sportpresse feierte daraufhin die »sieben Sinne und zwanzig Beine« des Wunderstürmers. Nach einem kurzzeitigem Intermezzo in der US-Profiliga bei den Brooklyn Wanderers ließ Kálmán seine Karriere 1927 beim MTK Budapest ausklingen. Von 1928 bis 1930 war er Trainer des FC Bayern München. Nach Hitlers Machtübernahme flüchtete Kálmán aus Deutschland und übernahm in den folgenden Jahren Trainerposten in der Schweiz, in Tschechien und in Rumänien. Mit Slavia Prag wurde er zweimal tschechischer Meister. 1939 flüchtete er nach Schweden, wo er den Holocaust überlebte. Als Trainer von Malmö FF feierte er 1949 und 1950 den schwedischen Meistertitel.

Berhold Koppel (* 19. Juli 1895 Beilstein/Mosel – + 1942 im Ghetto Pialski/Polen)
Der jüdische Textilunternehmer unterstützte den FC Bayern bis 1933 großzügig. Nach der NS-Macht übernahme musste er sein Unternehmen schließen und wurde 1942 mit Ehefrau und Tochter in das Ghetto Pialski in Polen deportiert, wo sie ermordet wurden.

Kurt Landauer (* 28. Juli 1884 in Planegg, + 21. Dezember 1961 in München)
»Der FC Bayern war sein Leben – nichts und niemand konnte das ändern.« Mit diesem Spruchband feierten die Fans des FC Bayern München im September 2009 ihren langjährigen Vereinspräsidenten Kurt Landauer, der mit Unterbrechungen über vier Jahrzehnte die Geschicke des FC Bayern gelenkt und ihn Anfang der 1930er-Jahre erstmals an die Spitze des deutschen Fußball geführte hatte. Landauer stammte aus einer bürgerlich assimilierten Familie, in der die jüdische Religion nur eine unter geordnete Rolle spielte. Seine Eltern Otto und Hulda betrieben ein gutgehendes Modegeschäft an der Kaufinger Straße, in einer begehrten Lage der Münchner Innenstadt. Die Landauers – Kurt hatte insgesamt fünf Geschwister – galten als Beispiel dafür, dass sich jüdische Herkunft und bayrische Lebensart im Alltaggut verbinden ließen.

Landauer schloss sich 1901, ein Jahr nach Gründung des Klubs, als damals 17-Jähriger dem FC Bayern an. Er war zunächst Spieler, übernahm im Laufe der Zeit aber immer mehr administrative Funktionen und wurde 1913 erstmals zum Präsidenten gewählt. Wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus und Landauer zog wie viele zehntausend Juden für Deutschland in den Krieg. Ein militärisches Gutachten bescheinigte ihm, dass er »nach seinen bürgerlichen und sonstigen Verhältnissen« für die Beförderung zum Offizier geeignet sei. Wenige Monate nach Kriegsende übernahm Landauer 1919 ein zweites Mal die Führung des FC Bayern. Die folgenden gut zehn Jahre wurden zur ersten Blütezeit in der Geschichte des heutigen Rekordmeisters.

Laut FCB-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling zeigte sich Landauer dabei als einer »der großen Visionäre und treibenden Kräfte im deutschen Klubfußball«. Anders als viele Klubs, die in diesen Jahren jeglichen ausländischen Einfluss und Profibestrebungen strikt ablehnten, verpflichtete Landauer international renommierte und professionell arbeitende Spitzentrainer wie William Townley oder den aus Ungarn stammenden Kálmán Konrad. Seinen größten Coup landete er jedoch 1930 mit der Verpflichtung von Richard Dombi. Drei Jahre später, am 12. Juni 1932, gewann der FC Bayern erstmals die Deutsche Meisterschaft. Der 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt wurde zum Höhepunkt in der sportlichen Karriere von Kurt Landauer: Nach ihrer Rückkehr nach München wurden die Mannschaft und er von mehreren zehntausend Anhängern in der Münchner Innenstadt begeistert gefeiert. Unter gewöhnlichen Umständen wäre dieser Sieg lediglich der Anfang einer langen Blütezeit dieses jungen und aufstrebenden Vereins gewesen. Die NS-Machtübernahme jedoch veränderte auch das Gesicht des FC Bayern radikal. Am 22. März 1933, keine acht Wochen nach der Machtübernahme Hitlers, musste Kurt Landauer seinen Rücktritt als Bayern-Präsident erklären.

Im Zuge der »Selbstgleichschaltung« wurde immerhin kein strammer NS-Parteigenosse zum Nachfolger bestimmt, sondern Landauers langjähriger Freund und Weggefährte Siggi Herrmann. Auf diese Weise konnte er noch einige Jahre aus dem Hintergrund einen gewissen Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen. Auch abseits des Fußballplatzes spürte Landauer schon nach wenigen Monaten die Folgen der NS-Politik: Seit 1930 als Anzeigenleiter der »Münchner Neuesten Nachrichten« beschäftigt, wurde ihm am 30. April 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft fristlos gekündigt. Zu Helfern in der Not wurden die Brüder Klauber, alte Weggefährten vom FC Bayern: Sie boten ihm eine Stelle in ihrer Textilfirma an, in der er jedoch nur die Hälfte seines früheren Lohnes verdiente. Im November 1938 begann die schwerste Zeit im Leben von Landauer: Einen Tag nach den Pogromen wurde er ins KZ Dachau deportiert, wo er den Demütigungen seiner Aufseher ausgesetzt war. Als ehemaliger Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs gelang es ihm immerhin, dieser Hölle vergleichsweise schnell zu entkommen. Nach 33 Tagen wurde Landauer entlassen und floh in die Schweiz – ein alles andere als sicherer Zufluchtsort.

Da seine Aufenthaltsgenehmigung immer wieder nur für drei Monate verlängert wurde, musste der alleinlebende Landauer ständig eine Abschiebung nach Nazi-Deutschland und damit in densicheren Tod fürchten. In dieser Lage schenkte ihm der Fußball einen der wenigen schönen Momente. Als er FC Bayern im November 1943 zu einem Freundschaftsspiel in Zürich antrat, war Landauer unter den Zuschauern. Mitgereiste Gestapo-Männer überwachten die Bayern-Spieler und verboten jeglichen Kontakt mit Landauer. Dennoch lief die FCB-Elf nach Abpfiff in Richtung Tribüne und winkte demonstrativ ihrem ehemaligen Präsidenten zu. Für Kurt Landauer war dies ein wichtiges Zeichen, dass er trotz Flucht und Verfolgung in seiner Heimat noch nicht vergessen war.

1947 kehrte er nach München zurück und wurde nur wenige Wochen später als inzwischen 63-Jähriger zum Präsidenten des FC Bayern gewählt. In den folgenden Jahren etablierte er den Verein in der damals erstklassigen Oberliga und verschaffte ihm gegen große Widerstände sein heutiges Vereinsgelände an der Säbener Straße. Seine letzte Amtszeit endete im April 1951. Kurt Landauer, eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des FC Bayern, verstarb im Dezember 1961 im Alter von 77 Jahren in München.

Leopold Moskowitz (* 18. Juli 1886 – + 1962 USA)
Leopold Moskowitz war Inhaber eines Textilgeschäftes auf der Schwanthalerhöhe in München. Bis zur NS-Machtübernahme war er Mitglied und Förderer des FC Bayern. Im August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, gelang ihm die Flucht in die USA.

Hermann Schülein (* 24. Januar 1884 München – + 15. Dezember 1970 New York)
Der Generaldirektor der Löwenbräu-Brauerei in München war bis zu seiner Flucht in die USA 1936 Mitglied des FC Bayern. Nach Kriegsende kehrte er zurück, wurde wieder Bayern-Mitglied und unterstützte den Verein 1954 auch beim Bau eines neuen Sportplatzes.

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Ermöglicht wurde die Recherche durch die DFB-Kulturstiftung, eine Anzeige des Verlags »Die Werkstatt« sowie ein Preisgeld der Stiftung »Gegen Vergessen. Für Demokratie«, von der 11 FREUNDE für »die vorbildliche redaktionelle Arbeit« in Bezug auf Vergangenheitsaufarbeitung und Engagement gegen rechte Tendenzen im Fußball ausgezeichnet worden ist.

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German cartoon of Facebook CEO Zuckerberg sparks anti-Semitism row February 25, 2014 | 03:01 am

Wir dokumentieren den Artikel aus der Jerusalem Post vom 24. Februar 2014 zur kürzlich publizierten antisemitischen Karikatur „Krake Zuckerberg“ der Süddeutschen Zeitung:

BERLIN – A cartoon published by Munich-based Süddeutsche Zeitung (SZ) last week depicting Facebook founder Mark Zuckerberg as an octopus controlling the world with his company brought to mind a cartoon from 1938 Nazi Germany, the Simon Wiesenthal Center said Monday.

The SZ cartoon depicting the Facebook founder with a long nose, triggered sharp criticism from the Wiesenthal Center’s chief Nazi hunter Efraim Zuroff who told The Jerusalem Post that it “is starkly reminiscent of a 1938 Nazi cartoon depicting Winston Churchill as a Jewish octopus encircling the globe. And if anyone has any doubts about the anti-Semitic dimension of the cartoon, we can point to Mark Zuckerberg’s very prominent nose, which is not the case in real life. Absolutely disgusting!” In an email to the Post on Monday, the SZ’s cartoonist Burkhard Mohr wrote: “Anti-Semitism and racism are ideologies which are totally foreign to me.”

Mohr said he was “shocked” that his cartoon appears in this light.

He said that those who know him and his drawings know that “it is the last thing I would do, to defame people because of their nationality, religious view or origin.”

Mohr flatly rejected that his cartoon could be viewed as “anti-Jewish agitation.” He said his cartoon shows the WhatsApp purchase from Facebook and “is a combination of an octopus from the film the Pirates of Caribbean.”

Bohr said what he “meant was a cartoon depiction of the company Facebook beyond a specific person.”

He wrote his cartoon “did not deal with Mr. Zuckerberg, [but] rather Facebook. I am sorry that it led to this misunderstanding and hurt the feelings of some readers.”

Sacha Stawski, the head of the media watchdog organization Honestly Concerned in Germany, told the Post: “Every citizen has the right to be concerned about the invasion of his or her privacy, whether it be in regards to Google, Facebook or whatever multi-level organization it may be… And one may even compare such a multifold invasion into all areas of our privacy to the creeping arms of an octopus. So far so good.”

But, he continued, “The problem begins, however, when one replaces the face of this world-controlling octopus with that of a human, who shows traits, particularly the hooked nose, which the Nazis attributed particularly to Jews, thus transforming an otherwise perfectly acceptable caricature of the company Facebook into an anti-Semitic, Stürmer-like caricature against the Jew Mark Zuckerberg; the octopus, just like snakes, and spiders being frequent ways in which the Stürmer portrayed Jews.”

It is unclear why Mohr’s cartoon appears in two different variations. One showed Zuckerberg with a long nose and a second without a hook-style nose.

Stawski, whose organization works to combat anti-Semitism in the German media said, “interestingly, some people within the SZ must have realized that there was something highly problematic with their caricature, resulting in the unbelievable fact that different versions of the same caricature were published in different parts of the country on the same day.”

Last year, the SZ published a cartoon showing Israel as a demonic monster. The cartoon was widely criticized for depicting Israel in classic anti-Semitic terms.

Weiterführendes:
Vergangene SZ-Karikaturen vom gleichen Schlag
Alan Posener dazu: „Wenn der wütende Spießer den Diskurs bestimmt.“
Publikative.org: SZ macht Facebook zu Jewbook
The Scroll: German Paper Depicts Zuckerberg as Hook-Nosed Octopus
Frankfurter Rundschau: Keine Antisemiten, nirgends!

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Aufkleber bestellen! February 18, 2014 | 10:06 pm

Wir haben diese hübschen Sticker mit der Aufschrift „S A V E I S R A E L – fight antisemitism“ drucken lassen. Falls ihr daran interessiert seid, dann schreibt uns unter associationbellevie@aol.de . Wir nehmen 2.50 € für 50 Stück.

Konsumiert! Werdet glücklich! (Und schickt uns am besten Fotos davon!)

Edmund Hufnagel und das Ende der „Freiheit“ February 16, 2014 | 05:12 pm

Edmund Hufnagel gewann 1931 bei der Arbeiterolympiade in Wien. Für seinen ersten Platz im Jiu-Jitsu wäre er von der Stadt München fast ausgezeichnet worden. Doch die Nazis fuhren ihm in die Parade. Eine Erinnerung an den letzten (fast) gewürdigten Arbeitersportler aus dem Westend.


Schwerathleten üben am Rande der Arbeiterolympiade 1931

1.600 Einladungen verschickte die Stadtverwaltung noch zur großen Ehrenbriefverleihung am 15. März 1933. Doch die Weimarer Republik war am 15. März faktisch schon abgemeldet. Die sogenannte „Reichstagsbrandverordnung“ trat in Kraft, die Hakenkreuzflagge wehte vom Turm des Münchner Rathauses. Fünf Tage später wird sich der konservative Bürgermeister Scharnagl zum Rücktritt gezwungen sehen. Unter den Ehrenbriefen an diesem Abend befanden sich aber noch zwei, die überhaupt nicht in die neue Zeit hineinpassten. Die sozialistischen Fahrradfans vom Arbeiter- und Radfahrerbund „Solidarität“ sollten für ihren ersten Platz im Saalfahren 1932 in Halle einen Teampreis erhalten. Und ein Ehrenbrief für den Arbeitersportler Hufnagel vom Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“ war auf Lager. Aber wurden diese beiden Auszeichnungen inmitten der nationalsozialistischen „Erhebung“ verliehen? Und wer überhaupt war dieser Hufnagel?

Eine Rekonstruktion: Aufschlag der Hufnagels in München
Vater Hufnagel kam 1892 im Alter von 21 Jahren nach München. Das Westend, eine stinkende Ausgeburt der Industrialisierung auf der Sendlinger Haid, zog zwischen 1880 und 1900 circa 27.500 Menschen an, zumeist Jugendliche aus den bayrischen Provinzen. Wo und wann Vater Hufnagel, wohnhaft in der Kazmairstraße, dann Margareta Zilk aus der Oberpfalz einen Heiratsantrag machte, nach einem gemeinsamen Besuch beim ersten Fußballspiel auf der Theresienwiese 1895 oder nachdem er mit einem Fleisch vom Rossmetzer aus der Wirtschaft „Pferdebahnhof“ getorkelt war, ist nicht überliefert. Jedenfalls heirateten beide 1899 und nur wenig später erblickten drei weitere Hufnagels das Licht der Welt, wovon der zweite, Edmund, am 10. April 1902 geboren wurde.

Als Edmund zwölf Jahre alt war, zog es seinen Vater mit 43 Jahren noch in den 1. Weltkrieg, allerdings kam er schon 1916 vorzeitig zurück, und mietete sich in die Ganghoferstraße 19 ein. Die Schulen im Westend dienten während des 1. Weltkrieges als Reserve-Lazarette und der kleine Edmund wird seine Tage wie die anderen Kinder auch in der Ganztagsschule in Laim verbracht haben. Der 23-Jährige Edmund kam ab 1925 dann als Formerlehrling bei Theresa Schmidthuber unter, am Rande des Westends, jenseits der Gleise, im Hinterhaus der Ganghoferstraße 76.

Der Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“
Edmund Hufnagel begeisterte sich bald für die Arbeitersportbewegung, die sich parallel zur Herausbildung des Industriekapitals geformt hatte. Er wurde Mitglied im Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“. Dieser gründete sich 1923 im Zuge der aufkommenden Jiu-Jitsu Begeisterung, die in Deutschland vor allem von Berlin her angestoßen wurde. Nahezu zeitgleich entstanden in München beispielsweise der „Jiu-Jitsu Club München e.V.“, die „Münchner Jiu-Jitsu Vereinigung 1923“ und etwas später der kommunistische „Jiu-Jitsu Club Athena“.

Dem kleinen Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“ diente als Ringermatte ein unzureichendes Provisorium aus Holzwolle, an notwendiger Sportkleidung mangelte es ebenfalls. 1924 beantragte der Verein bei der Stadt eine finanzielle Förderung, die teilweise gewährt wurde. München dürfe hinter Berlin nicht zurückstehen, hieß es im Antrag auf Förderung der „Freiheit“. Außerdem verdiene Jiu-Jitsu „schon deshalb so große Beachtung, weil es kaum eine Leibesübung gibt, die in so hohem Maße den Sport als den angenehmen Teil mit der Selbstverteidigung als nützlichen Teil“ verbinde.

Reise ins „Rote Wien“
Im Juli 1931 machte sich Hufnagel mit 29 Jahren dann auf zur Arbeiterolympiade nach Wien. An diesem Event nahmen tausende Menschen teil, beim einleitenden Festzug sollen circa 100.000 aufgelaufen sein. Teilnehmende aus 15 Nationen reisten an. Die längsten Anreisewege nahmen die Sportlerinnen und Sportler aus Palästina und ein Leichtathlet aus den USA auf sich. Weshalb aber die meisten der mindestens 100 angereisten zionistischen Sportlerinnen und Sportler doch nicht an den Wettkämpfen teilnahmen, bleibt bislang ungeklärt. Mr. Lange, der erste und letzte US-Amerikaner, der je an einer der drei Arbeiterolympiaden teilgenommen hat, erreichte im Zehnkampf der Männer den vorletzten Platz. Insbesondere sein kurzreichender 27-Meter-Speerwurf verhagelte ihm die Bilanz.

Die Jiu-Jitsu-Wettkämpfe machten 28 Österreicher und acht Deutsche unter sich aus. Von den acht Deutschen kamen mindestens drei aus München: Edmund Hufnagel, Franz Zachmann und Josef Hammerstingl. In manchen Gewichtsklassen fanden sich kaum mehr als zwei Teilnehmer. Hammerstingl – seines Zeichens auchVorstand vom Arbeiter Jiu-Jitsu Klub „Freiheit“ – erreichte den dritten Platz im Bantamgewicht, in dieser Gewichtsklasse waren es aber nur vier Teilnehmer. Hufnagel hatte sich im Weltergewicht immerhin gegen sechs weitere Kontrahenten durchzusetzen.


Konnten ihr Versprechen nicht halten: Die Arbeiterfußballer 1931

Die Ungnade der späten Auszeichnung
Eigentlich hätte Hufnagel für seinen ersten Platz schon 1932 mit einem Ehrenbrief der Stadt München bedacht werden können, hätte der Arbeiter-Athleten-Bund das Gesuch für Hufnagels Ehrung nicht viel zu spät eingereicht. Die Auszeichnung wurde aufs Folgejahr verschoben. Vieles deutet aber darauf hin, dass Hufnagel seinen Ehrenbrief auch an diesem Abend des 15. März 1933 nicht entgegennehmen konnte.

Die Nationalsozialisten gaben im Münchner Rathaus faktisch schon den Ton an, kommunistische und sozialdemokratische Kader wurden auf offener Straße zusammengeschlagen. Heinrich Himmler schwang sich am Tag der Ehrung zum kommissarischen Polizeipräsident in München auf. Der Arbeitersportler Hufnagel stieg vor den Augen der SA-Schergen demnach vermutlich nicht auf das Podium im Festsaal, um seinen Ehrenbrief im Namen des sozialistischen Arbeitersports in Empfang zu nehmen.

Dafür spricht auch das Original-Manuskript der Rede des zweiten Oberbürgermeisters Küfner an diesem Abend, das im Münchner Stadtarchiv zu finden ist. Ein Satz des Entwurfs seiner Rede wurde nämlich nachträglich durchgestrichen: „Das Arbeiter Sport Kartell ist vertreten mit einem Meister im Jiu-Jitsu und einer Mannschaft im Radfahren.“

Weiterführendes:
Arbeiter-Olympiade in Wien: Was war mit den zionistischen Arbeitersportlern los?

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Münchner Piraten verstärken Bündnisarbeit gegen Antizionismus February 13, 2014 | 05:00 pm

Auf dem Kreisparteitag letzten Sonntag beschlossen die Münchner Piraten, verstärkt gegen Antizionismus in München vorzugehen. Die Bündnisarbeit mit Organisationen wie AmEchad, der Deutsch-Israelischen Gesellschaft München, der Grünen Jugend München und der Linksjugend Solid solle laut Beschluss verstärkt angestrebt werden.

(Noch) kein offizielles Parteilogo!

„Leider finden auch in München nach wie vor antisemitische und antizionistische Veranstaltungen statt“, hielt die Piratenpartei München auf ihrem Kreisparteitag letzten Sonntag in Milbertshofen fest. Deshalb strebe sie die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Organisationen an, heißt es im verabschiedeten Beschluss mit dem Titel „Gemeinsam gegen Antisemitismus und Antizionismus“. Damit ist die Piratenpartei München die einzige Partei in München, die sich zur Bedrohung Israels programmatisch eindeutig verhält. Die Zusammenarbeit mit den genannten Organisationen sei aber auf das Thema beschränkt, wird versichert. Der Beschluss erleichtere vor allem die Teilnahme an derartigen Bündnissen, da dazu kein Vorstandsbeschluss mehr eingeholt werden müsse, erklärte der Antragsteller gegenüber Schlamassel Muc.

Die Piratenpartei Bayern ist in dieser Frage ohnehin ziemlich klar aufgestellt – im Gegensatz zum ein oder anderen Landesverband. Bereits auf dem Landesparteitag im April 2013 in Gmünden hatten die Mitglieder eine für Bayern eigenständige Positionierung durchgewinkt. Darin heißt es, „einseitige, pauschal israelfeindliche und gegen das Existenz- und Selbstverteidigungsrecht Israels gerichtete Positionen“ seien als antisemitisch anzusehen. Auch bedienten sich Vorstellungen von „Strippenziehern“, die Wirtschaft und Politik heimlich steuerten, oftmals antisemitischer Klischees, steht im Beschluss.

Letztes Jahr hatte sich die Münchner Piratenpartei bereits an einem gemeinsamen Brief an das Eine-Welt-Haus beteiligt, in welchem bis heute in regelmäßiger Häufigkeit israelfeindliche Veranstaltungen stattfinden. Außerdem unterstützen sie die „Initiative Stolpersteine für München“.

Weiterführendes:
Wahlempfehlungen für die Kommunalwahl 2014 in München

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Rassismus ist&bleibt tödlich February 9, 2014 | 08:00 pm

Anlässlich der abgebrannten Geflüchtetenunterkunft in Hamburg führten wir am 8. Februar eine spontane Demonstration durch die Innenstadt mit über 150 Teilnehmern durch. Kurz zuvor war bekannt geworden, dass ein 13-Jähriger das Haus angezündet haben soll, ein rassistischer Hintergrund ist laut der Hamburger Polizei damit auszuschließen. Da dem voreiligen Ausschließen rassistischer Tatmotive seitens des Staates nicht zu trauen ist und wir die Mobilisierung und Plattform nutzen wollten, fand die Demonstration statt und thematisierte und kritisierte die rassistischen Verhältnisse in Deutschland, die ja weiterhin hochaktuell sind.
Demo

Forgotten Tomb: Rechtsradikale Blackmetalband soll im Backstage aufspielen February 8, 2014 | 11:20 pm

Die rechtsradikale Blackmetalband „Forgotten Tomb“ soll im Backstage auftreten – am 20. April, wenn Neonazis in ganz Deutschland das 125-jährige Jubiläum des „Führergeburtstags“ feiern. Das passt zusammen.


Backstage-Chef Stocker inszeniert sich gerne als großer Nazi-Jäger – doch selbst im eignen Laden geht es nicht immer koscher zu

Am Ostersonntag 2014 wird laut Plan im Backstage das „Dark Easter Metal Meeting“ stattfinden, mit zahlreichen Metalbands aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Frappant: Angekündigt ist unter anderem auch die 1999 gegründete Blackmetalband „Forgotten Tomb“, die damit das erste Mal in der bayerischen Landeshauptstadt anklingen würde. Die italienische Formation wird von Beobachtern der „National Sozialist Blackmetal“-Szene (NSBM) zum rechtsradikalen Spektrum gezählt.

Das erste „Forgotten Tomb“-Album produzierte der Bandleader „Morbid“ im Jahr 2000 mit seinem Label „Treblinka Productions“, eine Anspielung auf das Vernichtungslager Treblinka. Den Namen seines Labels begründete „Morbid“ im Jahr 2004 auf der Online-Seite von „Forgotten Tomb“ auch unmissverständlich: „Ich habe begonnen, manchen Abschaum zu hassen – wie kriminelle Immigranten, drogensüchtige Fotzen, Huren, Drogenhändler, Vergewaltiger und Scheiße wie diese. Sie verdienen es wirklich nicht, zu leben. So habe ich mit Treblinka Productions begonnen, um eine intolerante Art des Denkens zu verbreiten. Ich habe Propaganda gemacht, um die Schlachtfelder wieder zu eröffnen und um diese Idioten in den Ofen zu schicken.“

„E-Gay ein verdammtes, jüdisches Geschäft”
“Morbid” legte sich für ein NSBM-Seitenprojekt mit dem ebenfalls zynischen Namen “The true Gaszimmer“ ins Zeug. Über den Online-Shop Ebay sagte „Morbid“ angeblich, dass dieses „E-Gay ein verdammtes, jüdisches Geschäft” sei. An der menschenverachtenden und antisemitischen Haltung des Bandleaders dürfte sich wenig geändert haben. 2007 sagte er in einem Interview, er habe nichts gegen NSBM, er habe nur etwas gegen „Well-Thinking-Attitude“. Noch im November 2013 wurde „Forgotten Tomb“ zum „Fireblade Force Festival“ angekündigt, das als Highlight der Nazi-Metalszene gilt – allerdings 2013 doch nicht wie geplant im brandenburgischen Barnim stattfinden konnte.

Mit „Forgotten Tomb“ leistet sich das Münchner Backstage wieder einmal eine extrem fragwürdige Band, und das am 20. April, an dem Tag, an dem Neonazis den Geburtstag Adolf Hitlers feiern. 2011 trat beispielsweise – wie auch schon 2010 und 2009 – die Band „Frei.Wild“ im Backstag auf, am sogenannten Volkstrauertag. Im selben Jahr bot das Backstage der umstrittenen Deathmetalband „Minas Morgul“ und der Paganmetalband „Varg“ eine Bühne. Diese Liste ließe sich noch um einiges verlängern. Die Band „Forgotten Tomb“ dürfte allerdings nicht einfach zu verharmlosen sein, auch wenn die Backstage-Leitung darin inzwischen viel Übung hat.

Nachtrag: Am 10. Februar wird die Band aus dem Lineup entfernt. Am 11. Februar berichtet die „Süddeutsche Zeitung“, laut Geschäftsführer Georg Stocker seien „Forgotten Tomb“ nie offiziell bestätigt gewesen. Der „Fehler“ sei beim Co-Veranstalter passiert. Nach Recherchen bei der Fachinformationsstelle Rechtsextremismus habe Stocker Forgotten Tomb sofort aus dem Programm genommen. Das Backstage kündigt an, am Ostersonntag, 20. April (Hitlers Geburtstag), alle offen rechtsradikal auftretenden Konzertbesucher des Geländes zu verweisen.

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Rassismus ist und bleibt tödlich! February 7, 2014 | 09:46 pm

Bleibt

Am Mittwochabend brennt in Hamburg-Eimsbüttel ein Mehrfamilienhaus. Auslöser ist ein vorsätzlich angezündeter Kinderwagen im Treppenhaus. Es stirbt eine 33-jährige Mutter zusammen mit ihren zwei Söhnen. Über 30 weitere Personen werden (schwer) verletzt. Die besondere Tragik dieses Brandes offenbart sich aber in der wahrscheinlichen Intention der Brandstifter(_innen): Das vom städtischen Betrieb Fördern und Wohnen angemietete Haus ist ausschließlich von Geflüchteten bewohnt. Es ist davon auszugehen, dass diesem Brand eine rassistische Motivation vorausgeht. Er reiht sich damit in eine Reihe rassistischer Mobilmachung in jüngster Zeit in Deutschland ein. Schneeberg, Hellersdorf, Rheinhausen.
Die Attacken sogenannter Bürgerinitiativen auf Unterkünfte für Refugees oder gegen kriminelle „Armutszuwander_innen“ (gemeint sind Rom_nija) folgen keinem Wunsch einer humaneren Unterbringung oder Verbesserung ihrer Lebensqualität, sondern der vollständigen Ablehnung aus einer rassistischen Intention heraus. Der Vorfall zeigt, dass die Geflüchteten, die es geschafft haben, die hochgerüsteten EU-Grenzen zu überqueren und einen Asylantrag zu stellen, also immer noch, selbst wenn dieser zu Erfolg führt, in ständiger Lebensgefahr durch deutsche Bürger_innen sind.

Der mutmaßliche Brandanschlag ist so im Kontext eines rassistischen Klimas zu sehen, das diese menschenverachtende Ideologie erst anschlussfähig macht. Das Problem ist eine durch und durch rassistische Gesellschaftsstruktur. Deswegen:

* Alle Abschiebungen sofort stoppen!

* Residenzpflicht abschaffen!

* Alle Lager sofort schließen!

FIGHT RACISM NOW!

DEMO, 08. 02., 15 UHR, STEINTOR HANNOVER.

Empfehlungen zur Kommunalwahl 2014 February 7, 2014 | 07:12 pm

Am 16. März wird in München ein neuer Stadtrat gewählt. Wer bei dieser Veranstaltung unbedingt mitmachen möchte, kann ein paar Kreuze gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit setzen. Die Schlamassel-Muc-Wahlempfehlungen 2014:


Eingang zur Galerie des großen Sitzungssaals im Münchner Rathaus

Bei der Stadtratswahl 2014 ist es möglich, die Liste einer Partei anzukreuzen. Wer eine Parteiliste wählt, muss diese aber nicht wie aufgeführt unterstützen. Es ist möglich, Kandidatinnen oder Kandidaten aus der ausgewählten Liste zu streichen. Zusätzlich aber können bis zu achzig Stimmen auf einzelne Kandidatinnen und Kandidaten verschiedenster Parteien verteilt werden (panaschieren). Maximal sind drei Stimmen pro Kandidatin oder Kandidat möglich (kumulieren).

Marian Offman – eine starke Stimme im Rathaus
Der vielleicht wichtigeste Vertreter gegen Antisemitismus und Israelfeindlichkeit ist Marian Offman (CSU, Listenplatz 5). Niemand hat sich in den letzten Jahren im Stadtrat exponierter gegen Ausfälle der Stadtverwaltung in Stellung gebracht, wie bespielsweise gegen die vom Kulturreferat geförderten „Palästina Tage“. Offman dazu: „So viel Hass habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht erlebt wie bei den Palästina Tagen.“ Drei Stimmen beim Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern dürfen nicht fehlen.

Zwei Grüne für den Stadtrat
Auf der Liste der Grünen ist erstmalig Dominik Krause (Grüne, Listenplatz acht) zu finden, der bis vor Kurzem Sprecher der Grünen Jugend München war. Insbesondere im letzten Jahr trat die Grüne Jugend häufig als Kritikerin antizionistischer Zustände in Erscheinung, unter anderem kritisierte sie die „Nakba“-Ausstellung an der Montessori-Fachhochschule und Veranstaltungen im Eine-Welt-Haus. Es sei „be­sorg­nis­er­re­gend und ab­so­lut in­ak­zep­ta­bel“, dass das Ei­ne-​Welt-​Haus dem „Hass gegen Jü­din­nen und Juden oder der Hetze gegen den Staat der Shoa-​Über­le­ben­den dien­lich ist“, sagte Dominik Krause dazu. Ebenfalls auf der grünen Liste ist Jerzy Montag (Grüne, Listenplatz 75). Montag wurde 2005 zum Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe gewählt. Montag sagt: „Israel hat ein Recht, seine Bürger zu schützen. Und das tut es.“

Licht und Schatten der linken Liste
Von einer allgemeinen Bestätigung der Linkspartei-Liste muss dringend abgeraten werden, lassen sich doch in dieser Reihe viele finden, die in der Vergangenheit gegen Israel gehetzt haben. Wer die Linke trotzdem wählt, sollte mindestens aus der Liste streichen: Jürgen Lohmüller (Linke, Listenplatz 6), Kerem Schamberger (DKP/SDAJ, Listenplatz 14), Walter Listl (DKP, Listenplatz 16), Claus Schreer (DKP, Listenplatz 18), Elfi Padovan (Linke, Listenplatz 23), Henning Hintze (Linke, Listenplatz 56) und Bernhard Michl (Listenplatz 76).

Positiv sind hingegen Brigitte Wolf (Linke, Listenplatz 1) und Jan Tepperies (Linke, Listenplatz acht) hervorzuheben. Beide unterstützten die Linkspartei-Aktivitäten gegen den Sprudlerhersteller Soda-Club im Stadtrat nicht. Soda-Club verteidigt hatte damals übrigens der heutige Bürgermeisterkandidat der SPD, Dieter Reiter. Sowohl Wolf als auch Tepperies sprachen sich auch gegen die Teilnahme von Elfi Padovan bei der sogenannten „Gaza Flottille“ aus. Die Flottille verschärfe den Konflikt allenfalls, warnte Wolf. Zwar engagierte sich die Jugendorganisation Solid München im letzten Jahr ebenfalls vermehrt gegen Antizionismus, aus der Linksjugend hat es aber offenbar niemand auf die Liste geschafft.

Piraten und SPD
Die Piratenpartei München unterstützte einen offenen Brief an das Eine-Welt-Haus 2013. Darin wurde der Vorstand aufgefordert, gegen Israelfeindlichkeit im Hause vorzugehen. Auch wenn von einer allgemeinen Wahlempfehlung abgesehen werden muss, ist festzuhalten, dass sich die Piratenpartei München auf ihrem letzten Kreisparteitag mit einem klaren Beschluss gegen Antizionismus aussprach. Drei Stimmen hat auf jeden Fall Florian Deissenrieder (Piraten, Listenplatz 9) verdient, der sich innerhalb der Partei und in München immer wieder gegen Antizionismus stark machte. SPD-Stadtrat Christian Müller (Listenplatz 15) ist als langjähriger Freund der Israel gewogenen Europäischen Janusz Korczak Akademie bekannt.

Allzu viel versprechen sollte man sich aber auch von dieser Wahl nicht.

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Karawane München zur antiisraelischen Bundeskarawane January 31, 2014 | 08:53 pm

Die Karawane München, die sich für die Rechte von Flüchtlingen einsetzt, distanziert sich entschieden vom antiisraelischen Statement der bundesweiten Karawane, das als Solidaritätserklärung mit Flüchtlingsprotesten in Israel daherkam. Darin wurde unter anderem über eine angebliche „rassistische und kolonialistische Denkart des zionistischen Projekts“ hergezogen. Die Erklärung der Karawane München im Wortlaut:

Wir halten es für notwendig, angesichts der offen zu Tage tretenden, antisemitischen Denkmuster zu intervenieren. Notwendig, weil es keine Option ist, wegzusehen oder es stillschweigend hinzunehmen, dass sich Gruppen, die sich als antirassistisch verstehen und in antirassistischen Zusammenhängen aktiv sind, antisemitische Argumentationsmuster und Motive propagieren und diesen Vorschub leisten.

Mit dem Statement wird der Staat Israel, gegründet als Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden nach der Shoah, als “rassistisch und kolonialistisch” diffamiert und sein Existenzrecht negiert. Israel wird konsequent als “zionistisches Projekt” oder “besetztes Palästina” bezeichnet und habe “seine Hand in mehreren bewaffneten Konflikten […]“. Diese Formulierungen bedienen und verbreiten antisemitische Ressentiments und Verschwörungstheorien und machen den vergangenen wie gegenwärtigen Antisemitismus und die Shoah unsichtbar. Hier werden antisemitische Denkfiguren mit einer antirassistischen und flüchtlingssolidarischen Rhetorik lediglich verschleiert.

Es ist kein Zufall, dass es in den letzten Jahren zu einer Zuspitzung der Situation von Flüchtlingen in Israel gekommen ist. Denn mit dem fortschreitenden Verschärfung der Grenzpolitik der EU, vor allem im Mittelmeer, wie auch der zunehmenden Kooperation von nordafrikanischen Staaten wie Libyen und Ägypten erscheint Israel als nächstes, naheliegendes Ziel von Fluchtmigration vor allem aus Ostafrika. Während wir die derzeitige Regierungspolitik gegenüber Flüchtlingen auch in Israel kritisch sehen und uns mit der Protestbewegung der Flüchtlinge dort solidarisch erklären, so halten wir dennoch fest: Der anhaltende Trend zu aufgerüsteten Grenzen, Konstruktion neuer Flüchtlingsgefängnisse und Entrechtung von MigrantInnen ist global.

Die Situation in Israel kann nur vor dem Hintergrund dieser Konstellation betrachtet werden. Wenn sich die Kritik solcher Zustände aber eines Antisemitismus bedient, hat das mit Antirassismus nicht das Geringste zu tun. Im Gegenteil.

30. Januar 2014
Karawane München. Für die Rechte der Flüchtlinge und MigrantInnen!

Direkt zum Statement

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Warum die Sicherheitskonferenz ein Elend und die hiesigen Proteste trotzdem nichts wert sind January 29, 2014 | 01:41 am

Jedes Jahr nimmt in München die sogenannte Sicherheitskonferenz – und ein dagegenstehendes, abgehalftertes Protestritual – immer denkwürdigere Formen an. Aber beide Seiten haben mindestens eines gemeinsam. Sie zeigen keine Berührungsängste mit dem iranischen Regime. Dabei wäre genau das nötig. Ein Protestaufruf des Bündnisses gegen die Teilnahme des Irans an der Münchner Sicherheitskonferenz.


„Kein Krieg gegen Iran“: Mehr fiel den Demonstrierenden 2012 zum Iran nicht ein

Zum 50. Mal jährt sich im Februar dieses Jahres die Sicherheitskonferenz in München. Gegründet 1963 unter dem Namen „Wehrkundetag“ hat sie laut Selbstdarstellung die Funktion eines privat organisierten Diskussionsforums zu sicherheitspolitischen Fragestellungen. Bis heute steht dabei auch der inoffizielle Teil im Mittelpunkt, nämlich die Vernetzung hinter den Kulissen. So bezeichnet der Hauptorganisator und Vorstand Wolfgang Ischinger die Sicherheitskonferenz als „Marktplatz der Ideen“. Wer dort einen Stand bekommt, kann sich glücklich schätzen: Er ist Teil jener Prozesse, in denen Hochrangige aus Politik, Ökonomie und Rüstungsindustrie weltpolitische Themen verhandeln. Während jedoch beispielsweise der weißrussische Außenminister Sergej Martynow im Jahr 2010 aufgrund von Wahlfälschungen ausgeladen wurde, ist ein anderer Staat in den letzten Jahren stets willkommener Gast gewesen: Das islamistische Terrorregime der Republik Iran. Nachdem im letzten Jahr der iranische Außenminister Salehi der Konferenz beiwohnte, wird heuer sein Amtsnachfolger Mohammad Javad Zarif erwartet. Große Absatzmärkte sowie umfangreiche Erdölvorkommen sind hierbei für den Iran die Eintrittskarte zum illustren Forum Sicherheitskonferenz.

Das politische System im Iran
In der iranischen Verfassung ist der Zwölfer-Schiismus festgeschrieben, dazu gehören die Grundprinzipien des Monotheismus, des Glaubens an die Auferstehung, Offenbarung und Gerechtigkeit Gottes und an die zwölf Imame. Darüber hinaus gilt das Prinzip der „Herrschaft der Rechtsgelehrten“. Diese Programmatik sieht vor, dass die Staatsführung der Oberste Rechtsgelehrte des Zwölfer-Schiismus auf Lebenszeit innehält. Derzeit ist dies Ayatollah Chamenei, der nach dem Tod von Ayatollah Chomeini dieses Amt übernahm. Zu seinen politischen Kompetenzen gehören beispielsweise der Oberbefehl über die Armee, die Festlegung des außenpolitischen Kurses sowie die Ernennung der Mitglieder des Wächterrats. Der Wächterrat nimmt ebenfalls eine exponierte Stellung im politischen System ein. Seine zwölf Mitglieder werden je zur Hälfte vom Obersten Rechtsgelehrten und vom Parlament ernannt bzw. gewählt. Der Rat überwacht die Wahlen und die Entscheidungen des Parlaments und übernimmt eine religiöse Kontrollfunktion. Da die beiden mächtigsten Institutionen – sowohl Staatsoberhaupt als auch Wächterrat – religiösen Ursprungs sind, handelt es sich um ein theokratisches System.

Rohani hat eine blutige Geschichte
Das iranische Pseudo-Parlament, der Madschlis, setzt sich aus Parteien und Politikern zusammen, die zuvor vom Wächterrat überprüft und dann zugelassen worden sind. Die Beschlüsse des Parlaments werden zudem immer durch den Wächterrat auf ihre Konvergenz mit islamischen Prinzipien überprüft und bei Bedarf aufgehoben. Auch aus diesem Grund ist es vermessen, wenn westliche Medien heute behaupten, mit der Wahl Hassan Rohanis zum Präsidenten habe ein grundlegender Wandel stattgefunden. Nicht der Präsident, sondern Ayatollah Chamenei ist der starke Mann im Iran. Außerdem ist Rohani kein Moderater und schon gar kein Friedensstifter. Rohani war nicht nur Mitglied eines Sonderausschusses, der die Ermordung iranischer Oppositioneller 1992 in Berlin veranlasst hat. Er war unter Präsident Chatami als Chefunterhändler des iranischen Atomprogramms maßgeblich daran beteiligt, dass der Iran in der Nukleartechnologie heute da steht, wo er steht. Eben jener vermeintlich so gemäßigte Hassan Rohani ist es auch, der einen Großteil der 660 Hinrichtungen im Jahr 2013 zu verantworten hat. Allein in diesem Jahr haben im Iran schon weit über vierzig Hinrichtungen stattgefunden.

Iranische Rechtssprechung beruht auf der Scharia
Die Scharia lässt zwar einen Interpretations- und Auslegungsspielraum, ist aber im Iran der Maßstab allen politischen und privaten Lebens. Ob die Grundsätze der Scharia eingehalten werden, kontrollieren unter anderem die als paramilitärische Miliz auftretenden Religionswächter, die Basidsch-e Mostaz‘afin. Diese von Chomeini gegründete Einheit wurde erstmals im Ersten Golfkrieg gegen den Irak eingesetzt und dient heute als Sittenpolizei zur Kontrolle und Verfolgung unliebsamer Gruppen im Inneren. Menschen, die nicht in das ideologische Raster der Mullahherrschaft passen, werden im Iran verfolgt, gefoltert und hingerichtet. Homosexualität gilt neben der Abkehr vom Glauben als schwerstes zu begehendes Verbrechen. Seit der Islamischen Revolution 1979 wurden weit über 4.000 Schwule und Lesben öffentlich hingerichtet. Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender werden in den gesellschaftlichen Untergrund gedrängt und müssen versteckt leben.


Verdacht auf Schwulsein im Iran

Homophobe Verfolgung kein Asylgrund in Deutschland
So wurde beispielsweise 2012 der Asylantrag einer 24-jährigen Iranerin abgelehnt, da laut dem Verwaltungsgericht Bayreuth „bei entsprechend zurückhaltendem Lebenswandel, den alle Homosexuellen im Iran praktizieren, die unbehelligt leben wollen, keine Verfolgungsmaßnahmen zu befürchten“ seien. Frauen, die im Iran sexualisierte Gewalt erfahren, können im schlimmsten Fall wegen „außerehelichem“ oder „vorehelichem“ Geschlechtsverkehr zu Tode gesteinigt werden. Das „heiratsfähige Alter“ wurde 2012 für Mädchen auf neun Jahre herabgesetzt. Der Zugang zu universitärer sowie grundlegender Bildung bleibt Frauen in vielen Fällen verwehrt. Ihre Proteste gegen diese entwürdigende Behandlung werden blutig niedergeschlagen. Auch die 300.000 Angehörigen der im Iran lebenden religiösen Minderheit der Bahai erleben systematischer Verfolgung, willkürliche Inhaftierungen (600 zwischen 2005 und 2012), Hinrichtung (200 seit 1979) und Folter.

Der Iran wird oftmals nicht als Aggressor wahrgenommen
Der Iran ist scheinbar nicht offen an kriegerischen Konflikten beteiligt. Tatsächlich jedoch nimmt er maßgeblich Einfluss auf das politische Geschehen im Nahen Osten. Die logistische, finanzielle und militärische Unterstützung der Hamas hat das Regime seit Ausbruch des innersyrischen Konflikts zwar auf Eis gelegt. Doch seit einigen Monaten nähern sich beide Akteure wieder. Besonders an diesem Verhältnis zeigt sich, dass der antizionistische Erlösungsantisemitismus als einigendes Element zwischen vermeintlich grundverschiedenen Strömungen wie dem schiitischen und dem sunnitischen Islamismus fungiert. So zitiert der Journalist Ali Hashem auf al-monitor.com einen Vertreter der Teheraner Regierung: „Wir haben der Hamas gesagt, es macht uns nichts, wenn sie in vielerlei Hinsicht eine andere Meinung vertritt, außer im Falle von Israel, da müssen ihre Ansichten rational bleiben.” Gegen die landläufige Auffassung, die Existenz oder wenigstens die militärischen Operationen Israels gefährdeten den Frieden im Nahen Osten, ließe sich also festhalten: Der jüdische Staat eint die bis aufs Blut verfeindeten sunnitischen und schiitischen Fraktionen des Islamismus.


Erlösungs-Antizionismus als Kleister der (Staats)Lehren

Tatsächlich ist der Iran eine zentrale Kriegstreiberpartei
Vor diesem Hintergrund ist auch den Beteuerungen des iranischen Regimes, das Atomprogramm sei nur zur zivilen Nutzung bestimmt, mit der größtmöglichen Skepsis zu begegnen. Mehr noch als die Hamas kann die schiitische Hizbollah im Libanon auf die Hilfe ihres Bündnispartners Iran zählen. Mindestens 200 Millionen US-Dollar fließen jährlich aus dem Iran direkt der antisemitischen, reaktionären und islamistischen Organisation zu. Hinzu kommen Waffenlieferungen und die Weitergabe von logistischer und infrastruktureller, zur Kriegsführung notwendiger Sachkenntnis. Zudem macht der Iran seinen destabilisierenden Einfluss im Irak geltend: Die wiederholten Angriffe auf das von exiliranischen Oppositionellen bewohnte Camp Aschraf sind nicht zuletzt auf die wirtschaftliche und diplomatische Einflussnahme der iranischen Republik auf die schiitische Regierung al-Malikis zurückzuführen. Auch die Assad-Diktatur kann sich der Hilfe des Irans bei ihrem mörderischen Feldzug gegen die syrische Bevölkerung sicher sein. In Syrien beschränkt sich die Unterstützung nicht nur auf finanzielle, logistische und materielle Hilfestellungen: Nachweislich befinden sich dort auch iranische Elitetruppen. Es zeigt sich also, dass die Wahrnehmung Irans als friedfertiger Staat keineswegs der Realität entspricht, da er fundamentalistische Organisationen im gesamten Nahen Osten aufbaut und fördert.


Protestierende mit Mützen und Fahne auf der Anti-Siko-Demo 2012

Gegen das Hofieren des iranischen Regimes in München
Durch das Hofieren des iranischen Außenministers durch die internationale Gemeinschaft wird das iranische Terrorregime und seine brutale Innen- und Außenpolitik legitimiert. In keinem der großen Aufrufe zur offiziellen Demonstration gegen die Sicherheitskonferenz am 1. Februar wird all das auch nur am Rande erwähnt. Stattdessen herrscht antiimperialistische Revolutionsromantik. Jens Benicke schreibt hierzu: „Während Marx den Kapitalismus als ein soziales Verhältnis begreift, personalisiert die Imperialismustheorie die Strukturen von Herrschaft und Ausbeutung. Einige wenige Herrschende stehen darin dem ‚werktätigen Volk‘ gegenüber. So entwickelt sich ein strikter Manichäismus: ‚Die gesamte Welt zerfällt in zwei Lager: ‚wir‘, die Werktätigen, ’sie‘, die Ausbeuter“. Und tatsächlich meinten Teile der letztjährigen Demonstrationsbündnisse, den Iran als emanzipative Kraft und Bollwerk gegen den Imperialismus verklären zu müssen, statt das Ende der Verfolgung und des Terrors einzufordern. Ein solches Denken kann nur als antiemanzipatorisch und regressiv bezeichnet werden.

Veranstaltungshinweis:
Diesen Donnerstag, 30. Januar, 20.00 Uhr: Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat im DGB-Gewerkschaftshaus München: Alles neu mit Rohani? Das iranische Regime, die Bedrohung Israels und der Atomdeal von Genf.

Aktuelle Meldungen
+++Jutta Ditfurth dementiert ihren Auftritt als Hauptrednerin bei den Siko-Protesten+++
+++Linksjugend Bayern distanziert sich von Protesten: Mit dem antizionistischen Verein Salam-Shalom keine gemeinsame Sache machen+++
+++Antiimperialistische Aktion kündigt andererseits „Antiimperialistischen Block“ bei Siko-Protesten an+++
+++Ukrainische Svoboda-Faschisten wollen ebenfalls dabeisein: am „Sendlinger Thor“(!)+++

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Nie wieder! January 27, 2014 | 04:29 pm

Am 27. Januar 1945 befreite die Rote Armee Auschwitz und beendete damit an diesem Ort die industrielle Vernichtung von 6 Millionen Juden und die Internierung und Ermordungen von Homosexuellen, Sinti und Roma, Kommunisten, Behinderten und anderen Unterdrückten und Entrechteten.
Unser Dank heißt primär Krieg den deutschen Zuständen. Nie wieder Deutschland.
IDF in Auschwitz
Unsere Konsequenz aus Auschwitz ist außerdem die bedingungslose Solidarität mit Israel, dem Schutzraum der Jüdinnen und Juden. Gegen jeden Antisemitismus. Für den Kommunismus.
In Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus.

Veranstaltungshinweis: Alles neu mit Rohani? January 23, 2014 | 03:43 pm

Anlässlich der Teilnahme des iranischen Außenministers, Jawad Zarif, an der sogenannten Münchner Sicherheitskonferenz wird Stephan Grigat am Vortag in München sprechen.

Achtung, Raumänderung! Die Veranstaltung findet nicht im LMU-Gebäude, sondern im DGB-Gewerkschaftshaus in der Schwanthalerstraße 64 statt!

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Tabu-Brecher-Marathon 2014 January 22, 2014 | 01:39 am

Kommende Veranstaltungen zum Land, über das angeblich niemand sprechen, das man nur hinter vorgehaltener Hand kritisieren, für das man sich allenfalls die letzte Tinte aufsparen darf. Die mutigsten Tabu-Brecher der nächsten Wochen im Überblick:


Foto: Blues Sofa, Creative Commons

24. Januar | „Mahnwache ‚Für gerechten Frieden im Nahen Osten‘“ | der „Frauen in Schwarz“ | in der Fußgängerzone Neuhauserstraße 8

29. Januar
| „Die neuen Richtlinien der EU“ | Vortrag von Shir Hever in den Räumlichkeiten der Initiativgruppe | eine Veranstaltung der „Jüdisch-Palästinensischen Dialoggruppe“

29. Januar | „Israel, ein zerrissenes Land – zwischen Demokratie und Theokratie“ | Vortrag von Peter Barth im Gasteig

31. Januar | „Frieden für den Nahen und Mittleren Osten?“ | Vortrag von Mohssen Massarrat | auf der Internationalen Münchner Friedenskonferenz 2014 im Literaturhaus

1. Februar | Großdemonstration gegen die sogenannte Sicherheitskonferenz | zusammen mit Salam Shalom, SDAJ München, Freidenkerverband, ALM und anderen antizionistischen Organisationen | Abschlusskundgebung am Marienplatz

07. Februar | „Palästinensische Gebiete: Psychisch gestärkt und für den Notfall ausgebildet“ | eine Veranstaltung des Ärzte der Welt e.V. im EineWeltHaus

10. Febuar | Reuven Moskovitz-Jerusalem im Gespräch mit Fuad Hamdan | EineWeltHaus

26. Februar
| „Kinder im Gazastreifen“ | Karin Nebauer in Kooperation Münchner Friedensbündnis im EineWeltHaus

19. Mai
| „Pilger- und Solidaritätsreisen nach Israel+Palästina“ | veranstaltet vom Karmeliterorden Straubing

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