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Hysterie November 20, 2013 | 09:27 pm

Der Wahnsinn des Weibes – oder: Sternstunden patriarchaler Wissenschaft

Das Krankheitsbild der Hysterie und seine Geschichte geben ein eindrückliches Beispiel von den sexistischen Gehalten männlich dominierter Wissenschaft, wurde der Hysterie und somit der Gebärmutter doch alles zugeschlagen, was am »Weib« vermeintlich unerklärlich und/oder krankhaft war. Die folgenden Beiträge aus dem Öffentlich-Rechtlichen zeichnen die Geschichte der Hysterie mit unterschiedlichen Schwerpunkten nach.

1. Die wandernde Gebärmutter – Eine Kulturgeschichte der Hysterie (2012)

Diesmal führt die Reise von der Antike bis ins 20. Jahrhundert, immer auf den Spuren eines medizinischen Irrglaubens – in die Welt gesetzt von Männern, zu Lasten der Frauen.

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2. Hysterie – Die Geschichte eines Krankheitsbildes (2012)

„Die Gebärmutter ist ein Tier, das glühend nach Kindern verlangt. Bleibt es lange Zeit unfruchtbar, so erzürnt es sich und erzeugt allerlei Krankheiten!“ So heißt es bei Platon. Vom griechischen Wort für Gebärmutter ist die Bezeichnung Hysterie abgeleitet. Die Hysterieforschung brachte Freuds Psychoanalyse hervor. Autorin: Ulrike Rückert

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3. Theatrum Hystericum. Der Siegeszug/kurze Glanz eines Nervenleidens (2013) Hörenswert

Das SWR2-Feature von Christine Wunnicke legt den Schwerpunkt auf das fin de siècle, eine Zeit, in der die Hysterie eine Art kulturellen Hype erlebte und regelrecht zur Kunstform avancierte. Sehr schön gestaltet und hörenswert!

In den 1880er-Jahren öffnete die neurologische Abteilung des Hôpital de la Salpêtrière in Paris ihre Pforten für die Öffentlichkeit: Jeden Dienstag führten die hauseigenen Hysterikerinnen vor Publikum ihr ansehnliches Leiden vor. Professor Charcot erklärte; Dr. Tourette assistierte; Dr. Duchenne elektrisierte und nahm Lichtbilder auf. In hypnotischen Tableaus inszenierte man die Krankheit der Epoche. Sie konnte jeden ereilen; neuerdings auch Männer. Die Hysterie, eben noch mit rustikalen Theorien über wandernde Gebärmütter assoziiert, wurde plötzlich zur Befindlichkeit à la mode, zur Muse der Künste, zum Schatten der Belle Époque.

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Meditation, ein endloser Spaziergang um den Block March 5, 2013 | 01:14 pm

Über Meditation wird haupsächlich Gutes geschrieben, egal ob sie christlich, hinduistisch oder buddhistisch geprägt ist. Ihre Nützlichkeit wird kaum bezweifelt, die Meditationspraxen zugrundeliegenden philosophischen Ideen werden kaum kritisiert. Mir ist keine kritische Sozialgeschichte der Meditation bekannt.

Wird soziales Elend oder Autoritarismus in religiös geprägten Ländern wie Indien oder Tibet kritisiert, kommt kaum jemand auf die Idee, die mit häufig widerlichen religiösen Ideen verknüpften Meditationspraxen – wie Buddhas Empfehlung an seine zölibatären Studenten, über Frauen als Sack voller Fäkalien zu meditieren – zahlloser leidender Menschen könnten eher einen Beitrag zum Fortbestand als zur Überwindung dieses Elends leisten. Tibetischen Eltern ihr Kind wegzunehmen und es dazu zu zwingen, viele Stunden am Tag über ein einziges Wort zu meditieren, wird wohl wirklich von vielen Menschen als Befreiung von weltlichen Zwängen betrachtet. Wenigstens ist es eine von der Armut der Eltern. Wer das christliche Klosterleben im Mittelalter romantisiert, möge an die Leibeigenen denken, die für die meditierenden Mönche schuften durften.

Im Zen-Buddhismus ist es eine beliebte Praxis, über paradoxe Aussagen (eine Hand, die klatscht etc.), die nicht auflösbar sind, zu meditieren. Es ist keine Auflösung erreichbar außer der, irgendwann zu realisieren, dass es keine Auflösung gibt. Und – wenn es gut läuft –  der Erkenntnis, dass es keinen Sinn hat, Gehirnschmalz an Dinge zu verschwenden, die völlig offenkundig zu nichts führen. Wer über Sinnfreies allzu lange nachdenkt, mag irgendwann auf die Idee kommen, dass die Befreiung vom Sinn Sinn macht, und dass das Nirvana ein gutes Ziel einer imaginären Reise abgibt. Man kann aber auch einfach gleich den Seitenausgang nehmen und sich Dingen widmen, die das eigene Leben oder gar das anderer Menschen verbessern. Die Idee der Illusionarität von Allem ist eine arg durchschaubare Illusion.

Yogis und Meditationsmeister sehen oft, wenn auch nicht immer, noch im fortgeschrittenen Alter recht gesund aus, was erst einmal beeindruckt. Wer einen Moment über die Gründe nachdenkt, wird schnell auf den Gedanken kommen, dass diese Menschen sich in der Regel von anderen dafür bezahlen lassen, viel Zeit für körperliches Training zu haben, von schwerer Arbeit befreit zu sein, viel frische Luft zu genießen etc.pp. Das erhöht die Warscheinlichkeit ungemein, mit 60 nicht so auszusehen, als habe man sein erwachsenes Leben im Büro oder am Schmelzofen verbracht. Auch spielt von vornherein ein Selektionseffekt eine Rolle: Wer als Yogi in spe nicht nicht den Anforderungen nahekommt, die potentielle Anänger an Körperbau, Hautbeschaffenheit, Bartwuchs etc. stellen, wird deutlich schlechtere Chancen haben, es im hartumkämpften spirituellen Gesundheitsbusiness zu etwas zu bringen.

Die Frage, ob Yoga, Meditation und anderes bei allem Brimborium gesundheitlich von Nutzen sein könnte: Hatha-Yoga ist nichts wesentlich anderes als eine Mischung aus Gymnastik, Atemtechnik und Entspannung sowie Ernährungsempfehlungen. Ein Nutzen kann daraus entstehen, dass vielleicht auch Menschen, denen die bewusste Förderung der eigenen Gesundheit zu banal erscheint, ihre Muskeln dehnen und sich ab und zu entspannen. Gleichzeitig fragt man sich jedoch, inwieweit Verluste an kognitiver Klarheit das Leben dieser Menschen wiederum negativ beeinflussen.

Ein großes Problem der Meditationsforschung liegt darin, dass ein beträchtlicher Teil der Forscher unbedingt herausfinden möchte, dass Meditation eine gute Sache ist, was der Qualität der Studien nicht eben zuträglich ist. Ein Großteil der bekannten Meditationstechniken scheint gesundheitlich keine besseren Ergebnisse hervorzubringen als ein Nickerchen, auch wenn von den Apologeten in Presse und Öffentlichkeit gerne etwas anderes behauptet wird. Wäre Meditation so fantastisch effektiv, müsste das relativ einfach nachweisbar sein.

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Etwas für die eigene Gesundheit zu tun ist gut. Ideal ist es, wenn man dabei nicht blöder wird und einen klaren, kritischen Kopf behält.Was kann man also tun? In keiner besonderen Reihenfolge und ohne den Anspruch, dass ich selbst auch nur irgend eine Kompetenz habe, meinen eigenen Ratschlägen zu folgen:

  • Gehe vor die Tür.
  • Dehne deine Muskulatur.
  • Frage dich, welche Bewegungen du nie oder selten durchführst, und beschäftige dich mit ihnen.
  • Bewege dich auf eine Art, die dir Spaß macht, und die deine Gelenke nicht zu sehr belastet.
  • Benutze deine höheren Gehirnfunktionen für viele verschiedene Dinge. Monotones Lösen von Sudokus bringt mit der Zeit immer weniger Nutzen, besser wäre eine progressive Beschäftigung mit mathematischen Themen, die einem schwerfallen.
  • Beschäftige dich mit Dingen, die dir in der Schule schwer gefallen sind. Dort winken die größten Verbesserungen.
  • Beschäftige dich mit Techniken systematischen Denkens.
  • Versuche, dich situativ in das Denken anderer Menschen hineinzuversetzen. Viele sind darin ohnehin gut, für die, die es nicht sind, winkt ein beträchtlicher Gewinn.
  • Mache Pausen, in denen du möglichst wenig tust, damit dein Gehirn, dessen Fähigkeiten begrenzter sind, als viele denken, Zeit zur Integration von Gelerntem hat und dein Körper sich entspannen kann.
  • Helfe anderen Menschen. Es klingt eigennützig, aber man ist oft derjenige, der davon am meisten profitiert. Wenn man jedoch zu sehr darüber nachdenkt, wie man sich damit gerade selbst etwas Gutes tut, sinkt der Ertrag wieder.
  • Finde einen für dich funktionierenden Mix aus Gewohnheiten, die dein Leben leichter machen, und neuen Erfahrungen, die deine Möglichkeiten erweitern.
  • Setze dir erreichbare Ziele, die dir immer wieder Erfolgserlebnisse verschaffen.

All diese Vorschläge haben einen für viele Menschen entscheidenden Haken: Man wird dadurch nicht zu etwas Besonderem, man kommt “Gott” nicht näher, man ist nicht auf einem “erhabenen” Weg, und wenn er auch ins Nichts führte.

Ich hätte diesen Text nicht geschrieben, hätte ich nicht selbst Jahre meines Lebens mit spirituellen Dingen vertrödelt, zum Glück ohne je elementare Zweifel überwinden zu können. Diese Zweifel wertschätzen zu lernen hat lange gedauert, auch und gerade weil sie mich nicht zu einem besseren Menschen gemacht haben.


Spirituell, aber nicht religiös November 24, 2012 | 11:12 am

Hoppla: laut dieser größeren englischen Studie sind spirituelle Menschen ohne formale religiöse Bindung anfälliger für eine Vielzahl seelischer Erkrankungen als Religiöse und Atheisten.

Bei Religiösen mag ich es nicht beurteilen, aber in einer persönlichen Einzelfallstudie ist mir aufgefallen, dass der eine oder andere Atheist herzlose Häme als halbwegs effektives Mittel zum Stessabbau einsetzt.


Lost Tapes #6 March 25, 2012 | 03:07 pm

Seite A: Alexander Mitscherlich – »Wie zeitgemäß ist Toleranz?« (1969) – Alexander Mitscherlich (u.a. »Die Unfähigkeit zu trauern«) spricht über den Begriff der Toleranz, den er aus kulturhistorischer, anthropologischer, vor allem aber aus psychoanalytischer Perspektive einkreist. Als Zeitdokument ist dieser Radiovortrag bspw. interessant, wenn Mitscherlich einige Vorbilder der Gegenwart anführt und dabei Che Guevara, Frantz Fanon, Lenin und Mao nennt…

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Seite B: Stéphane Mallarmé und sein Entwurf eines absoluten Buches – Ein hörenswert gestaltetes Feature über den symbolistischen Dichter Stéphane Mallarmé, dessen dichterisches Schaffen (u.a. das Experimentieren mit visueller Poesie), seine für die Moderne so verhängnisvolle wie charakteristische Schaffenskrise und die Berührung des Nichts in seinem letzten großen Entwurf…

    Download: via Mediafire (mp3; 17,1 MB; 24:57 min)
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Unheilig Sprechen February 8, 2011 | 11:22 am

hate nina fünfundzwanzig

“Das hohe Ansehen, das der Dalai Lama quer durch sämtliche politischen und weltanschaulichen Lager genießt, ist trotz aller Kritik, die seit geraumer Zeit gegen ihn vorgebracht wird, weitgehend ungebrochen. Nach wie vor gilt er als Symbolfigur für Friedfertigkeit, Güte und in unendlichem Weistum ruhende Gelassenheit. Derlei verklärende Sicht ist reine Projektion. Dass der Dalai Lama nichts anderes ist als eine Randfigur im Propaganda-Schach der Großmächte, will man ebenso wenig wahrhaben wie die Tatsache, dass er als oberster Repräsentant des “alten Tibet” einem der blutsaugerischsten Herrschaftssysteme vorstand, die es je auf diesem Planeten gab – einer theokratischen Mönchsdiktatur, in der die große Mehrheit der Bevölkerung in unvorstellbarer Armut und bitterstem Elend lebte, unterdrückt und ausgebeutet von einer winzigen Schicht aus Adel und hohem Klerus. Hier Klartext zu sprechen ist unverzichtbar, auch wenn manche das als ätzend empfinden mögen.”

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Mir geht es um die bestmögliche Auflösung von Projektionen: Bei Lichte besehen ist der Dalai Lama – wie alle “Heiligkeiten”, egal welcher Glaubensrichtung – in der Tat eine Witzfigur, die an Karma und Wiedergeburt glaubt, an Astrologie, Hellseherei, Psychokinese und jedweden sonstigen Esoterik-Unsinn – einschließlich der Fähigkeit tibetischer Mönche, frei durch die Luft zu fliegen. Zugleich aber dürfen seine extrem rechtslastigen Positionen, auch seine eklatante Frauen- und Homosexuellenfeindlichkeit, nicht unwidersprochen bleiben, zumal er trotz – oder vielleicht gerade wegen- des Unfugs, den er erzählt, über enormen gesellschaftlichen Einfluss verfügt.

sagt der Psychologe und Buddhismus-Kritiker Colin Goldner unter anderem in einem interessanten Interview mit taz über seine Kritik am Dalai Lama und dessen unkritischer Gefolgschaft.

Bild via Die Presse.