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Fighting the conservative mood March 21, 2014 | 11:16 am

As head of the Egyptian delegation to the two-week meeting of the Commission on the Status of Women, which ends Friday, Tallawy said she has been working hard to prevent any rollback on hard-fought gains including international recognition of women’s reproductive and sexual health and rights.

“We are saying the gains that we have reached during the 1990s, we should not lose it now, or take a step backwards,” Tallawy said in an interview on Wednesday between negotiating sessions. “Why are we saying so? Because there is a conservative mood in the world, not only the Islamists, the developing countries, but also in the developed countries.”

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Egypt launches first prosecution for female genital mutilation after girl dies March 15, 2014 | 11:36 am

A doctor will stand trial for the first time in Egypt on charges of female genital mutilation, after a 13-year-old girl died following an alleged operation in his clinic last year.

In a landmark case, Dr Raslan Fadl is the first doctor to be prosecuted for FGM in Egypt, where the practice was banned in 2008, but is still widely accepted and carried out by many doctors in private.

Sohair al-Bata’a died in Fadl’s care in June 2013, and her family admitted that she had been victim to an FGM operation carried out at their request.

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Polling for the constitution referendum January 14, 2014 | 05:24 pm

From the Al Ahram Live Blog:

Sherif Taher of the liberal Wafd Partysays the percentage of voters endorsing the constitution is not the crucial thing — a big turnout is of the utmost importance to give the charter undisputed legitimacy.

“There is no doubt the ‘yes’ vote will exceed 90 percent, this is no concern, given that the Muslim Brotherhood has decided to boycott the poll,” he tells Ahram Online. “What really matters now is that we see a high turnout.”

“I am afraid the media keeps saying the numbers are huge, which could make other people not bother to cast their ballots. They should start urging people to go, it doesn’t matter what their votes are, but they have to go.”

“If, for instance, the turnout does not exceed 30 percent, that would mean the public has more or less rejected the constitution. But on the contrary, if the turnout is 60 or 70 percent, that will strengthen the status of the constitution.”

Ägyptens Männer verzweifeln am Nein ihrer Frauen January 11, 2014 | 02:24 pm

Birgit Svenson berichtet aus Ägypten über die Folgen des “arabischen Frühlings”:

Zweifellos hat der “arabische Frühling” das Leben der Menschen am Nil verändert. Wie auch immer die Revolution ausgehen mag, in welche Richtung sich das Land entwickeln wird, eines ist sicher: Ägypten wird nie wieder so sein wie vor dem 25. Januar 2011. Der Aufstand gegen die Staatsmacht hat eine eigene Dynamik entwickelt. Er hat dazu geführt, dass die 83 Millionen Ägypter zu politisch erwachsenen Menschen wurden, die eine angemessene Teilhabe am politischen Geschehen und der Entwicklung der Gesellschaft einfordern. (…)

Ägypten ist das Land in der arabischen Welt mit den schlechtesten Lebensbedingungen für Frauen, das ergab eine Mitte November veröffentlichte Studie der britischen Thomson Reuters Stiftung. Sie hat untersuchen lassen, welche Rechte Frauen in islamisch geprägten Staaten haben und welchen Gefahren sie in ihren jeweiligen Heimatländern ausgesetzt sind. (…)

Doch während die Frauen sich die Schmach jahrelang nahezu unkritisch gefallen ließen, begehren sie jetzt auf, sagt die Mutter dreier Kinder. “Die Frauen werden lauter und prangern die Missstände öffentlich an.” In den Familien liefen heftige Diskussionen ab. “Immer mehr Frauen entziehen sich ihren Ehemännern”, erfährt die Frauenrechtlerin. Das führe dazu, dass immer mehr Frauen alleine leben.

Das sei früher undenkbar gewesen in Ägypten. Eine allein lebende Frau sei gesellschaftlich geächtet worden. Zwar hätten sich diese familiären Auseinandersetzungen noch nicht in höheren Scheidungsraten niedergeschlagen, aber das sei nur eine Frage der Zeit, meint Abol Komsan. “Die Revolution hat die Frauen tapferer werden lassen.” Aus den Gesprächen in ihren Sprechstunden weiß die Anwältin, dass für Männer über 40 Jahre eine Scheidung heutzutage eine echte Krise bedeutet. Während die Frauen in der Zwischenzeit wählerischer geworden seien, hielten die Männer noch an ihrem alten Status fest.

Egypt’s new constitution December 13, 2013 | 10:20 pm

Al Ahram analyses the new Egyptian constitution:

Inside Egypt’s draft constitution: Progress on key freedoms

Inside Egypt’s draft constitution: Role of sharia redefined

Inside Egypt’s draft constitution: Checks and balances mediate presidential power

Inside Egypt’s draft constitution: Questions over social justice

Inside Egypt’s draft constitution: Debates over military powers continue

Egypt’s constitution 2013 vs. 2012: A comparison

Der Kampf um den “zivilen” Staat November 24, 2013 | 08:05 pm

In Aegypten geht unvermindert die Auseinandersetzung weiter, ob in der Verfassung das Wort “ziviler Staat” verwendet werden soll, oder nicht. Die Salafiten wehren sich dagegen mit Haenden und Fuessen:

According to the preamble, “The constitution is for a civilian, democratic and modern state in Egypt.”

The above words triggered, however, furious reactions from Mohamed Ibrahim Mansour, representative of the ultraconservative Salafist Nour Party. Mansour, in a request submitted to chairman of the committee Amr Moussa, said “The party strongly rejects the word ‘civilian’ because it reflects Western and secular values.” “We want the word ‘civilian’ to be omitted from the preamble and it is enough to state that the constitution is for a democratic and modern Egypt,” read Mansour’s request.

Mansour also wanted the preamble to state that the new constitution aims to keep abreast of Islamic Sharia and the latest international developments. The preamble states that, “We write a constitution that opens the road for the future and is in line with international conventions on human rights, which we played a role in writing and endorsing, and which the honourable institution of Al-Azhar stressed go in line with the noble goals of Sharia.”

 

Radeln gegen Unterdrückung November 9, 2013 | 04:55 pm

A group that goes by the name “Tomorrow” organized a bicycle demonstration in Egypt’s Suez on Friday evening where tens of girls biked on the Corniche in defiance of sexual harassment.

 A number of men also joined the demonstration in solidarity with the female participants to stress that society must let women go about their daily lives without fear.

“The idea is to revolt against this model imposed on Egyptian women by society since the 70’s where everything outside of it is considered a crime that we have to pay for,” said Coordinator Marwa Radwan.

She pointed out that sexual harassment and verbal and psychological attacks are the society’s way of punishing women and teaching them to take caution with every move they make.

Radwan added that they decided to organize the demonstration after similar attempts in Cairo, Alexandria and Port Said were successful.

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Weibliche Genitalverstümmelung im Diskurs October 26, 2013 | 06:45 pm

Geht es um Genitalverstümmelung, mag man in manchen Expertenkreisen die Islam-Auslegung und Sunnah-Exegese nicht länger den Gläubigen und Religionsgelehrten überlassen:

Menschen, die annehmen, dass die weibliche Beschneidung zur Sunna des Propheten gehört, verweisen auf einen Ausspruch Mohammeds, der einer Beschneiderin zwar erlaubt die Praktik weiterhin anzuwenden, aber sie anweist nur wenig wegzuoperieren. Es lässt sich kaum eine ausdrückliche Befürwortung der Praxis durch den Propheten aus diesen Worten ableiten.

Doch, es lässt sich, ganz prima sogar. Aber die Realität vor Ort schert Anna Kölling, die auch ein Buch zum Thema mit dem bezeichnenden Titel “Weibliche Genitalverstümmelung im Diskurs” verfasst hat, offenkundig wenig. Was zählt, ist der Diskurs. Der füllt sich alsdann mit dem Lieblingsnarrativ deutscher Orientalisten, Kulturrelativisten und Islamisten: Der Islam ist rein, die Menschen kennen oder befolgen ihn nur nicht richtig, und außerdem ist der Westen auch nicht besser.

Die Tatsache, dass weibliche Genitalverstümmelung in der westlichen Welt praktiziert wurde und ebenso unter koptischen Christen in Ägypten verbreitet ist, spricht gegen die Behauptung eines rein islamischen Ursprungs der Praxis.

Ich meine, wir sollten dringend mal nachprüfen, ob die offenkundig sehr erfolgreichen Konzepte zur Bekämpfung von Genitalverstümmelung in Deutschland nicht auch auf heute betroffene Länder anwendbar sind. Spaß beiseite, die Autorin ist nämlich dem wahren Ursprung von FGM dicht auf der Spur:

Ägyptische Aktivistinnen und Wissenschaftlerinnen sehen den eigentlichen Grund für die Verstümmelung weiblicher Genitalien im Wunsch nach der Kontrolle weiblicher Sexualität.

Diese Binsenweisheit wird immer wieder dann vorgebracht, wenn man vom Islam nicht sprechen mag. Es wird ein Widerspruch konstruiert, der keineswegs der Sache geschuldet ist. Worin schließlich sonst liegt die systematische Diskriminierung der Frau nach islamischem Recht begründet, wenn nicht “im Wunsch nach der Kontrolle weiblicher Sexualität”?

Ähnlich fruchtlos (zumindest im nahöstlichen Raum) sind Spekulationen, ob Genitalverstümmelung eher religiösen oder eher kulturellen Normen folge, wenn die Befragten den Unterschied nicht zu sagen wissen. Wird als weitere Alternative nach sozialem Druck gefragt, ist die Konfusion perfekt, denn alles ist durchaus zutreffend. Religion ist Kultur ist sozialer Druck ist Wunsch nach der Kontrolle weiblicher Sexualität. Und vice versa.

Es kann aber nicht sein, was nicht sein darf, also mault die Expertin ex cathedra:

Die Tatsache, dass der erfüllten Sexualität von Frau und Mann im Islam größte Wichtigkeit beigemessen wird, widerspricht der Annahme, dass es sich bei der weiblichen Genitalverstümmelung um eine religiöse Tradition handelt.

Entislamisierung der ägyptischen Verfassung September 21, 2013 | 03:47 pm

The ten-member committee also removed Article 4, which consolidated restrictions imposed on parliament and the Constitutional Court by granting Al-Azhar, the highest Sunni authority, an advisory role on all legislation relating to Sharia. In fact, this article formalised and made mandatory a practice already in place to seek the advice of Al-Azhar on the laws relating to Sharia. Al-Azhar, however, never called for such a strengthening of its role. It is even opposed to it, saying it did not want to be dragged into politics.

The ten-member committee’s draft also cleared the 2012 text of various provisions and additions of religious inspiration. These are Article 10, which says the state and “society” protect moral values, which could, according to some jurists, pave the way for the creation of a religious police; Article 44 which prohibits offence against the “prophets and messengers” of God, and Article 76 which authorises judges to make rulings based on the texts of the constitution, not only laws. That would have allowed judges to decide sentences by referring to constitutional texts relating to Sharia. Article 69 of the new draft constitution explicitly limits penalties to those mentioned in the penal code.

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Egyptian activists battle ‘epidemic’ of sexual harassment and violence September 20, 2013 | 01:57 pm

Most of the attacks occurred in or near Tahrir Square in downtown Cairo where hundreds of thousands of opposition protesters had gathered to demonstrate against the Muslim Brotherhood president and later, to celebrate his downfall. Vicious mobs used metal chains, sticks , blades and knives to attack female protesters despite the presence of volunteer vigilante groups keeping an eye out for harassers.

In response to the surge in harassment, several civil society organisations have sprung up in recent months with the aim of curbing sexual assaults and protecting victims of harassment. One such organisation is the Anti-Sexual Harassment Campaign , an outreach movement set up in November 2012 to keep track of harassment cases and send teams of volunteers to protest sites to intervene in mob assaults. The organisation is just one of several movements monitoring protest sites and offering ‘safety advice’ to women. The emergence of such movements is evidence of the growing unwillingness to tolerate street harassment as public awareness about the problem increases .

Police in Egypt have meanwhile, formed a special unit of female police officers to combat street harassment in particular, and violence against women in general. While the unit is still small in size –consisting only of ten women—rights campaigners believe it is “a step in the right direction.”

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Das letzte Wort bleibt bei Al Azhar September 15, 2013 | 11:47 pm

Wie immer man es nennen mag, was da gerade in Ägypten geschieht, dass jedenfalls die salafitische Nour Partei (vielleicht auch unter Druck aus Saudi Arabien, dem neuen Mentor der neuen ägyptischen Regierung) bereit ist, auf Artikel 219 der Verfassung zu verzichten, sollten die Kleriker der Al Azhar Universität dieser Forderung nichtreligiöser Parteien und Gruppierungen zustimmen, ist doch ein recht verblüffender Sinneswandel, bedenkt man, welche Töne die Partei noch vor einem Jahr angeschlagen hat. Noch stärker als in den vergangenen zwei Jahren betont nämlich Al Azhar, dass sie einen zivilen Staat unterstütze und keineswegs einen religiösen:

The Nour party’s chairman, Younis Makhioun, said he – and representatives of other political parties – attended Sunday’s meeting with interim-President Adli Mansour to discuss Egypt’s post-30 June political roadmap.

Ahead of the meeting, Makhioun said the Nour party is keen to see a settlement reached regarding disputed articles, through negotiations among all political forces and factions.

The Nour party’s new position represents a shift from earlier statements, emphasising that “the party would not accept that article 219 – and other Islamic identity articles – be eliminated from the new constitution.”

Representatives of Al-Azhar said they are against any articles aimed at turning Egypt into a religious state. Mohamed Abdel-Salam, chairman of the State and Foundational Principles Committee and legal advisor to the Grand Sheikh of Al-Azhar, said “some imams in the last period have highly distorted the image of Islam and all should know that Islam rejects a religious state.”

The Nour party’s position was highly lauded by Anwar Al-Sadat, chairman of the liberal-oriented Reform and Development party. According to Al-Sadat, “the Nour party’s decision to leave the final word on Islamic Sharia articles to the moderate and highly-esteemed institution of Al-Azhar is a very honourable and progressive step … because Al-Azhar enjoys unlimited appreciation from all forces, including Egyptian churches,” he said.

Nichtreligiöse dominieren … September 8, 2013 | 07:32 pm

Representatives of liberal forces swept the leading positions of the Committee of 50 during internal elections on Sunday, ending the day with a resounding majority in the newly-formed committee tasked with writing the final draft of Egypt’s post-30 June constitution.

Amr Moussa, a former presidential candidate and past secretary-general of the Arab League, was elected committee chairman with 30 votes. His rival, lawyers syndicate chairman Sameh Ashour, got 16 votes. Two votes were considered invalid.

According to Mohamed Salmawy, the committee member in charge of counting the votes, 48 members out of a total 50 attended the session. Absent were El-Sayed Mohamedein, chairman of Suez Canal University, and Bassam Al-Zarqa, deputy chairman of the ultraconservative Islamist Salafist Nour party. Mohamedein is currently outside Egypt, whereas Al-Zarqa is expected to attend tomorrow’s session following a last-minute Nour party vote in favor of participating in the committee.

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Faces of a New Middle East: Ismaeel from Egypt September 2, 2013 | 11:44 am

Kolonialismus der Muslimbrüder September 1, 2013 | 02:42 pm

Aus einem Interview mit einem koptischen Aktivisten:

Außerdem sind in der Übergangsregierung überwiegend Konstitutionalisten, und linke Nasseristen aus dem Umfeld von »Tamarod« haben dort Einfluss. Der Weg ist richtig, ich sehe das Problem nicht. Auch nicht, dass dort von Mubarak korrumpierte Leute sitzen. Sie sind wenigstens keine Terroristen und konstitutionell gebunden. Das Problem der Muslimbrüder ist ihr kolonialistisches Besatzer-Verhalten. So sagte etwa 2010 der ehemalige Vorsitzende der Muslimbrüder, Mohammed Mahdi Akef: ›Hör’ mir auf mit Scheiß-Ägypten! Ich kenne nur eine Nationalität: den Islam.‹ Deswegen geht es auch nicht um die Fortsetzung der Revolution um jeden Preis, womöglich noch mit den Muslimbrüdern, sondern um die Garantie konstitutioneller Rechte. Oder so ausgedrückt: Auch wenn es unter Mubarak den Kopten schlecht ging, so sind für mich 30 Jahre Mubarak so schlimm wie ein Jahr Mursi.

Putsch und Terror August 21, 2013 | 12:33 pm

Geschichte wiederholt sich nicht und schon gar nicht als Farce. Diese Erkenntnis stammt aus dem “18. Brumaire des Louis Bonaparte” von Karl Marx – auch wenn sein einführender ironischer Spottvers auf Hegel stets noch als Standpunkt zitiert wird. Möchtegerngeschichtsphilosophen behaupten dann, Marx hätte ernsthaft die Wiederholung der Geschichte gepredigt – und sei es als Farce. Was sich Marx zufolge wiederholt ist die Unfähigkeit von Revolutionären, das spezifische Neue ihrer Situation zu erfassen und wirklich revolutionär zu werden – stattdessen, so Marx, befleißigen sie sich mit “weltgeschichtlichen Totenbeschwörungen”, berufen sich auf tote Vorbilder und veraltete Rezepte und bereiten so ihr eigenes Zurückfallen hinter das Neue, Besondere vor. Was sich ebenfalls wiederholt, so die spätere Erkenntnis Freuds, ist der Wiederholungszwang der Menschen, der ihre Unfähigkeit, Geschichte aus freien Stücken zu gestalten erklärt.

Nun unterstützen in Ägypten bürgerliche Revolutionäre den Militärputsch und kein Widerstand regt sich, wenn Muslimbrüder zusammengeschossen werden. Für die westlichen Leit-Ideologen und ihre Medien ist das eine enervierende Situation, mit der sie nicht zurecht kommen. Sie kokettieren daher auch mit der Angstlust vor der Wiederkehr des Regimes Mubarak und vor einem Bürgerkrieg wie in Syrien, von dem man allerdings auch schon wusste, dass er “wie Vietnam” oder eben alle anderen Bürgerkriege so sei.

Einige wenige Demokraten haben zu Beginn des sogenannten arabischen Frühlings die Revolten und Revolutionen verteidigt gegen die konservativen Elegien, dass man nicht wissen könne, was danach komme und daher besser mit einer Militärdiktatur am Gängelband fahre als mit unberechenbaren Volksmassen. An der Verteidigung der Revolten ist festzuhalten: Der Islamismus war ein Produkt der Diktaturen, keine von ihnen hat ihn wirksam bekämpft, alle boten ihm und dem staatsdoktrinären Antisemitismus Brutbetten. Die Revolten wurden initiiert von bürgerlich-demokratischen Elementen und erst später von Islamisten gekapert. Der Islamismus ist immer noch ein Produkt der Diktaturen – in Qatar, Saudi-Arabien, Iran, um nur die drei mächtigsten zu nennen – wenngleich zweien davon die Muslimbruderschaften noch zu demokratisch sind. Ohne das Versprechen auf eine antisemitische Diktatur, auf das Kalifat ohne Juden, wäre der Islamismus kein Islamismus, sondern nur eine Art islamisches Pendant zur Christdemokratie.

Die Darstellung des Putsches als undemokratisch und als Wiederkehr der Militärdiktatur war für westliche Medien zu verführerisch. Aus den Muslimbrüdern wurden Revolutionäre und Demokraten, aus den Militärs Diktatoren, bevor sie überhaupt als solche sich erweisen konnten. Das spezifische Neue an der Situation wurde zensiert zugunsten der bewährten und erprobten Erfolgsstory. Wer sich mit der Weltgeschichte des Putsches auseinandergesetzt hat, hätte da schon widersprochen: Putsche waren und sind in der Peripherie, insbesondere in Südamerika, mal bürgerlich, mal faschistisch gewesen – als Form lassen sie sich kaum reduzieren auf die faschistische Militärdiktatur. In Ägypten war der Putsch eindeutig von demokratischen Argumenten und Mehrheiten getragen. Dieselbe Tamarod-Bewegung, die der Armee die Legitimation für den Putsch verlieh, sammelt aber jetzt Unterschriften für den Krieg gegen Israel – weil durch den Friedensvertrag und US-Militärhilfen angeblich der Krieg gegen Djihadisten auf dem Sinai verhindert würde.

Wie auch immer man zum Putsch und Tamarod steht: Jeder mit Sachverstand konnte beobachten, wie Mursi und seine Muslimbruderschaft während ihrer Herrschaft in Riesenschritten auf ihr Ziel hineilten: Den Scharia-Staat. Das Weblog Thinktankboy fasst das in seiner exzellenten Kritik zusammen:

Mursi ließ kurz nach der Wahl neben der exekutiven auch die gesamte legislative Macht vom Militärrat auf sich selbst übertragen. Ende 2012 setzte er die Judikative außer Kraft und ermächtige sich selbst, jedes Gerichtsurteil blockieren zu dürfen und gleichzeitig verbot er den Richtern, die von ihm erlassenen Dekrete anzufechten. Die von den Muslimbrüder verabschiedete schariakonforme Verfassungsreform machte Frauen und Menschen nicht islamischer Religionen zu Menschen zweiter Klasse. Nach der reformierten Verfassung dürften beispielsweise Kopten kein Alkohol trinken, waren Frauen nur halb so viel wert wie Männer und galten die wenigen Schiiten Ägyptens als vom Glauben Abgefallene, die den Tod verdienten. Im März 2013 legten die Muslimbrüder Einspruch gegen eine UN-Resolution ein, in der Gewalt gegen Frauen verurteilt wird, denn laut Muslimbrüder müsse die Möglichkeit einer Ehefrau, zu verreisen, zu arbeiten oder ein Verhütungsmittel anzuwenden von der Zustimmung des Ehemannes abhängig sein und Töchter hatten laut der ägyptischen Verfassung nicht dieselben Erbrechte wie Söhne. In der mittlerweile außer Kraft gesetzten Mursi-Verfassung wurde „auch die  “Beleidigung” oder der “Missbrauch” aller “religiöser Botschaften und Propheten“ unter Strafe gestellt, wobei allerdings beispielsweise ein Atheist bereits zuvor wegen kritischer Stellungnahmen über den Islam und das Christentum zu einer mehrjährigen Gefängnisstrafe verurteilt werden konnte.

Der Terror auf dem Sinai eskalierte, ebenso die Angriffe auf Kopten und Frauen. Man darf hier keinem Trugschluss aufsitzen: Wenn ägyptische Militärs sagen, dass sie getan hätten, was Deutschland 1933 hätte tun sollen, ist das keine demagogische Polemik, sondern wahr. Nicht, weil Geschichte sich wiederholt, sondern weil die Muslimbruderschaft eine nationalsozialistische Organisation ist. Sie pflegt den gleichen eliminatorischen Antisemitismus, die gleiche maximalistische Weltherrschaftsmanie, den Todeskult, den der Ableger Hamas hinreichend popularisierte, vom Hass auf Frauen und Sexualität ganz zu schweigen. Sie selbst hatte die Chance, sich zu reformieren und als das zu erweisen, was ihr eigenes Selbstbild ist: Eine demokratische religiös-konservative Bewegung, die man als Demokrat gerade noch tolerieren kann. Alle ihre Aktionen liefen aber auf einen faschistischen Gottesstaat am Nil hinaus.

Wenn nun die Muslimbrüder demonstriert haben, so gewiss nicht für Demokratie und Freiheit, sondern für ihren Führer Mursi, für das religiöse Gefängnis, für einen islamischen Faschismus. Ihre Demonstrationen waren von Gewalt auf Exekutive und Minderheiten begleitet. (1, 2, 3) Über die Art und Weise ihrer vorläufigen Zerschlagung braucht man sich keinen Illusionen hinzugeben: nicht nur erwartbare Unprofessionalität sondern ganz professionelle Polizeigewalt und Sadismus waren beobachtbar.(4) Die Muslimbruderschaften aber haben das Blut eingeplant, sie wollten Opfer und haben in Sachen djihadistische Medienmanipulation langjährige Erfahrung  – Pallywood lässt grüßen. Ihre Demonstrationen prägte jene bewährte Mischung aus Provokation bis hin zu Heckenschützen hinter menschlichen Schutzschilden und dem Präsentieren von fast zwangsläufigen Opfern (Märtyrern) für die Kameras. Als letzte wollten die Muslimbrüder eine unblutige Beilegung der Krise. Ohne erheblichen Todeszoll zu gehen hätte ihre Ehre verletzt. Daher auch die Angriffe auf Polizeistationen und Kopten.

Mit ihren “Reformen” ruinierten sie Ägypten noch in der Zeit ihrer Herrschaft:

Die Währungsreserven waren innerhalb eines Jahres von über 30 Milliarden auf 14 Milliarden Dollar gesunken. Wegen dem jährlichen Außenhandelsdefizit von 36 Milliarden Dollar war leicht auszurechnen, dass Mitte 2013 kein Weizen mehr aus dem Ausland bezahlt werden kann und die Hungersnot sich ausweiten würde. Mursi stand vor der Pleite, nachdem die Verhandlungen mit dem Internationalen Währungsfonds gescheitert waren. Der Wirtschaftszweig Tourismus liegt am Boden. Welcher Tourist will schon an nach Geschlechtern getrennten Stränden das Meer genießen. 

Todesopfer durch Terror und ökonomische Krisen waren schon im Plan der Muslimbrüder enthalten. Das und die antiliberale Ideologie unterscheidet sie wesentlich von jenen freundlichen Chinesen, die auf dem Platz des himmlischen Friedens für Freiheit demonstrierten und von Panzern zermalmt wurden. Um das scheinbare Paradox aufzulösen: Für das Recht der Muslimbrüder auf demokratische Wahl, Parteienbildung und friedliche Demonstrationen haben auch die bürgerlichen Revolutionäre gestritten. Hätten die Muslimbrüder und -Schwestern nur diese Rechte erstritten und wahrgenommen, man hätte sie gegen den desaströsen Konservativismus verteidigen müssen, der die Diktatur einer islamistischen “Demokratie” vorzog (und eine solche einem völlig unberechenbaren Markt).  Die Muslimbruderschaft selbst blies zum Angriff auf die demokratischen Rechte der Frauen und bürgerlichen Revolutionäre – sie selbst hatten und haben es in der Hand, diesen Angriff abzubrechen und sich zurückzuziehen. Diese Situation ist neu.

Für den Westen hat sich nichts geändert. Hier wiederholt sich seine Indifferenz, sein Unvermögen sich klar auf die Seite der Demokraten zu schlagen, sein Widerwille gegen echte Solidarität, sein Wunsch nach stabilen Märkten und sei es auf Kosten der Demokratie, seine Unfähigkeit, komplexere Zusammenhänge zu analysieren. Diese Elemente strahlen auf die Vorgänge im arabischen Raum aus und stärken die islamistischen und reaktionären Elemente an allen Fronten. Nicht einmal im eigenen Augiasstall kann Europa den Faschismus eindämmen, und die USA dämmern immer noch in ihrem Rausch aus längst verblassendem Einfluss und heimischem Schieferölboom, der eher zu mehr Desinteresse an arabischen Belangen als zu mehr Mut führte. Mit islamischen Diktaturen hat man immerhin Erfahrung. Bigott ist nicht, nach den (mehrheitlich antisemitischen) bürgerlichen Revolutionären gegen die Militärdiktatur nun den Militärputsch zu unterstützen – bei aller gebotenen Kritik und allem begründeten Misstrauen. Bigott ist die Ankündigung westlicher Politiker, nun die Militärführung wegen der Niederschlagung des faschistischen Aufstandes mit Sanktionen zu bedrohen. Keine einzige Sanktion stand im Raum, als Mursi die oben angeführten Angriffe auf Leib und Leben von Frauen, Kopten und Demokraten ausführte. Somit bleibt auch das Hauptproblem westlicher Demokraten nicht die Situation in Ägypten, sondern die antidemokratische Tendenz IN den westlichen Demokraten und Demokratien selbst.

Absturz August 6, 2013 | 05:05 pm

Only 29 percent of Egyptians claimed they have confidence in the government, according to Gallup’s June 2013 poll results, which is the lowest-ever polling since tracking started soon after January 2011. It was first time the indicator fell below 50 percent. Some 66 percent indicated that they didn’t have confidence in the government.

The decline in confidence wasn’t only related to the government, but also the Freedom and Justice Party — the political wing of the Muslim Brotherhood — that dropped in support from 67 percent around the time of parliamentary elections to a mere 19 percent in June 2013. Some 73 per cent said they did not support the party — the largest opposition to the party since its establishment in spring 2011.

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Vortrag am 31. Juli in Berlin: Konkurrenz der Mächte, Kampf der Identitäten – Über soziale Verwerfungen und ethnoreligiöse Konflikte im Nahen Osten und die wichtigsten Akteure vor und „hinter“ den Kulissen July 26, 2013 | 08:10 am

Viel ist in den letzten Jahren des „arabischen Frühlings“ von Muslimbrüdern, Salafisten und Säkularen geschrieben und gesprochen worden, von Sunniten, Schiiten und Kopten, von Iran und Qatar, Ägypten und Syrien. Doch über das Augenscheinliche gingen Berichte und Kommentare selten hinaus, Analysen und Hintergründe suchte man vergeblich, ebenso Aussagen zu grundlegenden strukturellen sozialen oder historischen Zusammenhängen. [...]

Murky Waters July 24, 2013 | 10:00 pm

Mahmoud Salem über die politischen Akteure in Ägypten nach dem Sturz Mohammad Mursis:

As we move ahead as a nation with a new transition plan, it’s important to note who is and who isn’t a player in this new phase, and where they fall in this new state order. People who are out of the stage of influence are both the Muslim Brotherhood and the independent Jan 25 revolutionary symbols: the former due to being the party that this revolution was created to oust, and the latter due to their usual inherent and systemic problems (lack of organisation, mixed messaging, in-fighting, etc.) coupled with a record-low popularity amongst the Egyptian public, who fairly or unfairly, after the mess of the past three years, no  longer trust them or their judgment very much. Their unease with the post-30-June Egypt, while completely understandable, has placed them on the fringes of an explosively polarised political scene where there is no room for a nuanced position, for now anyway.

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How NOT to Write about Egypt July 10, 2013 | 06:14 pm

Events in Egypt are dangerous and frightening. But even more disturbing is the looking-glass world of Washington punditry in which Egyptians are simply incapable of democracy or must choose between Morsi and al-Qaeda; a gruesome fantasyland in which Ghannouchi psychedelically morphs into Mandela, and the blood-soaked mass murderer Pinochet is celebrated as a model of governance.

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A coup? July 5, 2013 | 09:08 pm

As the historian Khaled Fahmy pointed out to the New York Times, it was the whole society versus a clique, thereby creating the most existential crisis in the ninety-year history of the Muslim Brotherhood.

One might, of course, still insist on a legalistic approach to what happened, or indulge a ballot-box fetish (notwithstanding the fact that the demonstrators were specifically calling for early elections), and insist that neither this, nor for that matter, what happened on 25 January, which, incidentally, had a more overtly military endgame, were revolutions. One might argue that the demonstrators have no right to call for early elections, and that once elected, a president has every right to finish his term, come what may. Then, and only then, can one call this “unquestionably a coup”.

Does this mean that we have a happy ending? Not quite. Not yet anyway. The revolution took place to fulfill specific goals – embodied in the legendary trio “bread, freedom and social justice”. We are certainly not there yet. The road to full redemption is long, problematic and complex. Setbacks can and may occur. But if we were to take home only one thing from the amazing outpour of Egyptians that took to the streets in millions to reclaim their revolution, it will be this: Egypt’s revolution continues, its contradictions abound, but a revolution it remains.

Quelle

Please don’t tell us … July 4, 2013 | 07:59 pm

Mahmoud Salem in Daily News Egypt:

No matter what happens, let’s celebrate the Egyptians who have stood in the millions in opposition to attempts of creating a theocratic state in Egypt. Muslims and Christians went down yesterday to stop a government that: (1) attempted to destroy the institution of the state; (2) utilised religion to smear its opponents and critics; and (3) incited sectarianism on an unprecedented level against both Christians and Shiites (locally and abroad). In the new Egypt there will naturally be a place for Salafi and religious conservative parties, but they will have to abide by the rules of the game: no sectarianism, no thuggery and no religion in politics. Politics should be the war of ideas aimed at making the lives of people better, not a method to get into power to simply fulfil your fantasies of absolute power and divine rule.

 While we are at it, dear western analysts and pundits: please don’t tell us that we shouldn’t take to the streets and overthrow a regime that violates our rights, kills us, places itself above all accountability (popular or judicial) and fails at providing even the most basic functions of the state due to its insistence on resorting to nepotism over efficiency and experience. You have institutions, we don’t. You have rights that are respected in the constitution, we don’t, and we won’t be silent until they are enshrined as well, and we will topple any regime that attempts to take them away from us. The age of the strong stabilising autocratic regimes in the Middle East is over. For one last time, the people will decide their fate, not regimes or interests. Also, dear US government: it would be wise to remove Ambassador Anne Patterson from her position, and place her as far away from the Middle East as possible for her complete and epic failure to do her job and complete antagonism to the population in your name. Transfer her elsewhere.  Swaziland sounds nice.

The end of a short era July 3, 2013 | 09:00 pm

Fireworks and shouts of joy emanate from Tahrir Square after a broadcast by the head of the Egyptian military confirming that they will temporarily be taking over from the country's first democratically elected president Mohammed Morsi on July 3, 2013 in Cairo, Egypt.

Fireworks and shouts of joy emanate from Tahrir Square after a broadcast by the head of the

Egyptian military confirming that they will temporarily be taking over from the country’s first democratically

elected president Mohammed Morsi on July 3, 2013 in Cairo, Egypt

What would the fall of Morsi mean to the Islamists? July 3, 2013 | 11:15 am

Khalil Al-Anani in Al Ahram:

Over the past weeks, I spoke to many senior Brotherhood leaders and was shocked by their utter disregard for the opposition and the popular rage building up against their rule. I realised how badly mistaken they are about the crisis when I asked Mahmoud Hussein, the Brotherhood secretary general, about his expectations for 30 June demonstrations. Hussein said: “A normal day and the people will protect us.” It was then that I realised the Brotherhood is living on another planet and is disconnected from what is happening.

After mass demonstrations on 30 June, I spoke to some Brotherhood leaders and I detected their regret. One of them told me: “We misjudged the situation and we will pay the price.”

The last card the Brotherhood holds today is converting the crisis into a religious and sectarian battle in order to win the sympathy of some sectors in society. I found many Brotherhood youth in Rabaa Al-Adawiya who believe they are defending Islam and Egypt’s identity, not only the president. One leader told me: “The Islamic project is under threat”, which is similar to what Brotherhood leader Mohamed El-Beltagi said: “We will protect President Morsi with our blood.”

If that were true, the Brotherhood will lose everything – not just the presidency.

Millions on streets for anti-Morsi protests June 30, 2013 | 10:13 pm

Live Updates der anti-Mursi Proteste bei Al-Ahram

presidential palace

 

In Egypt, Skepticism over Religion in Politics June 28, 2013 | 02:48 pm

There are growing signs in Egypt that, after a year of Morsi’s presidency and two years of growing Islamist political power in general, religiosity is not the political selling point it once was among Egyptians. Increasingly, Egyptians denounce “wrapping politics in the cloak of religion,” even in rural areas seen as the heartland of the conservative voter.
The disillusionment is a factor fueling support for massive protests to demand Morsi’s removal, planned for Sunday. Egyptians are hardly becoming less religious. But more are losing their belief that someone who touts his religiosity is necessarily a trustworthy, clean and effective politician. A poll released this week by the Egyptian Center for Public Opinion Research, or Basserah, found Morsi’s approval rating at 32%, compared to 78% after his first 100 days in office.