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“Hass auf Vermitllung und Lückenphobie – Zur Aktualität der Psychoanalyse” mit Prof. Dr. Christine Kirchhoff June 17, 2013 | 09:31 am

17. Juni 2013
20:00

17. Juni 20 Uhr Café KoZ, Uni Campus Bockenheim,Mertonstr.26-28,60325 Frankfurt am Main

lueckenTheodor W. Adorno bezeichnete die Psychoanalyse als die einzige Psychologie, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“. Im Vortrag soll es darum gehen, diese Feststellung zu entfalten und damit auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen:

Was heißt hier objektiv? Warum ist die Objektivität irrational? Was wäre demgegenüber rational? Ist Gesellschaftskritik auf Psychoanalyse verwiesen und wenn, warum? Warum ist es überhaupt wichtig, sich auch mit der individuellen Ver- und Bearbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse zu befassen? Warum ist die Psychoanalyse – zumindest der Möglichkeit nach – eine kritische Theorie?

Zunächst wird es also mit Rekurs auf Marx und die kritische Theorie v.a. Adornos um die Frage gehen, was unter gesellschaftlicher Objektivität zu verstehen ist

Ausgehend von diesen Bestimmungen soll es im zweiten Teil des Vortrages um die subjektiven Bedingungen gehen: also um die Psychoanalyse als kritische Theorie des Subjekts, um das Verhältnis von Natur und Kultur im Menschen, um Sexualität und Triebe, um die Freudsche Metapsychologie und wiederum darum, warum das alles gerade weil es so ungesellschaftlich daher kommt, eine Menge mit Gesellschaftskritik zu tun hat.

16. Frankfurter Gegenuni

Aktion 15.2.
AK kritische Psycologie Frankfurt

Mit freundlicher Unterstütziung durch den AStA der Uni Frankfurt

Nächstes Treffen der Gegenunivorbereitungsgruppe April 24, 2013 | 07:03 pm

25. April 2013
20:00

Nächstes Treffen der Gegenunivorbereitungsgruppe ist Donnerstag, 25. April 2013  um 20h vorm Studihaus, Mertonstr. 26-18, Uni Campus Bockenheim, Frankfurt am Main

http://ivi.copyriot.com/gegenuni-theorie-praxis-party

Gegenuni “Theorie-Praxis-Party” April 21, 2013 | 12:18 pm

10. Juni 2013bis23. Juni 2013

Studierendenhaus, Mertonstr. 26-28, 60325 Frankfurt am Main, Uni Campus Bockenheim

Was unter dem Namen „Gegen-Uni“ firmiert und dieses Semester zum 16. Mal stattfindet, war immer auch der Versuch, dem Motto des Instituts, “Theorie-Praxis-Party”, gerecht zu werden.
Nur konsequent, oder bereits völlig überfällig, dass sich nun dem Thema “Theroie- Praxis- Party” angenommen wird. Mit Blick auf das 10-jährige Bestehen des Projekts IVI in seinen derzeitigen Räumlichkeiten, scheint eine Reflexion der bisherigen politischen Arbeit sinnvoll, auch angesichts der aktuellen Bedrohung durch eine Räumung.
Neben einer Reflexion über Sinn – und Unsinn – des Instituts, soll über Möglichkeiten des Fortbestandes diskutiert werden. Dabei wollen wir uns auch damit auseinandersetzen, wie Theorie-Praxis-Party in den letzten Jahren theoretisiert, praktiziert und gefeiert wurden, und wie es in der Zukunft sein könnte. Gleichzeitig ist es dem bisherigen Vorbereitungskreis daran gelegen, Veranstaltungen zu denjenigen Themenfeldern zu organisieren, die auf unterschiedlichen Ebenen im IvI Relevanz haben oder hatten.
Die Gegenuni ist eine Veranstaltungsreihe, die zu jedem Semester stattfindet und sich mit verschiedenen Veranstaltungsformen einem Thema annähert. In den letzten Semestern bspw. den Themen Klassen, Utopie, Sexualität.

http://ivi.copyriot.com/gg_uni/sommersemester2013gg_uni-16o

Alternatives Vorlesungsverzeichnis SoSe 2013 April 15, 2013 | 10:04 am

Zur freundlichen Beachtung:

In diesem Semester werden 46 Veranstaltungen aus 6 Fachbereichen angeboten:

Du kannst es bereits hier runterladen.

Ab der ersten Vorlesungs-Woche werden auch Druckversionen des AVV auf den Campus ausliegen.

Bockenheim: Cafe KoZ

IGFarben: Campus Trinkhalle, Cafe Anna Blume , PEG Foyer, uvm

Riedberg: Eingang Physik

Ginnheim:  (kommt noch)

Uni-Klinikum: KOMM

Inhalt des AVV:

Algerien - Frankreich: revisited
Antonin Artaud
Architektur und Gesellschaft – Eine kritische Auseinandersetzung mit dem IG-Farben Gebäude
Blanchots Gespräche mit Nietzsche und Hegel
Bourdieu und das Unbewusste
Das andere Geschlecht - Teil II
Das Erlebnis – ein wirksames pädagogisches Mittel, oder nur ein neuer Trend in der heutigen Spaßgesellschaft?
Das Retrophänomen im zeitgenössischen Film
Dekonstruktion und Demokratie
Der Mann Moses und die monotheistische Religion
Dialektik der Aufklärung
Die (Mehrfach-)Krise als Herausforderung für Gesellwissenschaften
Die Praxis der Autonomie. Psychoanalyse und Politik. Castoriadis and beyond
Die Praxis der Revolte. Herbert Marcuse’s politisches Denken
Drehbuchschreiben
Eine Annäherung an die Thanato(sozio)logie der (Post)Moderne – zum Umgang mit dem Tod und der Unvorstellbarkeit der eigenen Endlichkeit
Einführung in den Anti-Ödipus
Einführung in die Biopolitik II
Einführung in die Kritik des Antiziganismus
Einführung in die Kritische Theorie Adornos
Filmtechnik in Theorie und Praxis
Fucking Different – Das Theater der Unterdrückten als Mittel der Auseinandersetzung mit Diskriminierung(en)
Inklusion in der Praxis, Durchbruch oder Worthülse?
Interkulturelle Pädagogik
Intersex
Jacques Derrida - Dekonstruktion als Kritik
Jelinek proben - oder: Machen, was wir wollen
Jurek Becker: Schriftsteller und Drehbuchautor
Kasuistik
Lenin - Einheit der Aktion, Freiheit der Diskussion und der Kritik
Lesekreis zu Sigmund Freuds „Die Traumdeutung“
LET’S TALK - about whatever you want
Marcuses „Der eindimensionale Mensch“
Marx‘ Kapital lesen
Methodologische Kritik der naturwissenschaftlichen Geschlechterforschung
Nachhilfe – Ungerechtigkeit oder große Hilfe?
Neoliberalism and Psy-Complex: Psychology, Psychiatry, Psychotherapy and Psychoanalysis (PsyMsc3B)
Partizipation in Kinder­ und Jugendeinrichtungen
Psychoanalyse als Sozialwissenschaft
Psychoanalyse des Antisemitismus
Psychologie des Geschlechterverhältnisses. Queer-feministische Perspektiven. (PsyBsc13)
Recht und Rechtfertigung in den frühen Schriften des jungen Hegel
Sylvia Plath und Emily Dickinson
Theorien und Konzepte sozialwissenschaftlicher Antisemitismusforschung
Trauma – politisch!
Was ist revolutionärer Marxismus, was ist die “Krise der Linken”? Theorie und Praxis - von der Oktoberrevolution zur Frankfurter Schule.

http://asta-frankfurt.de/aktuelles/alternatives-vorlesungsverzeichnis-sose-2013

Programm der Aktion 15.2. KW 10: (K)Ein Ende in Sicht March 4, 2013 | 11:39 am

4. März 2013bis7. März 2013
Zur freundlichen Beachtung:

Wie angekündigt folgen am heutigen Abend die Veranstaltungsankündigungen zur vorerst letzten Aktionswoche kritische Psychologie durch die Aktion 15.2. im Kontext der Besetzung der Myliusstraße 20. Dass es damit nicht getan ist – und auch nicht getan sein wird, steht schon fest. Unsere Kritik lässt sich nicht mundtot machen! Und: IVI bleibt stabil und geht weiter!

Montag, 04.03., 18.00 Uhr, KII, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Psychoanalyse als Methode: Instrumente einer kritischen Perspektive
(Erica Augello) [Fortsetzung vom 25.02., Neuzugänge möglich]

Dienstag, 05.03., 16.00 Uhr, TuCa (Raum 501), AfE-Turm, Campus Bockenheim
Lesekreis zu Marcuses „Psychoanalyse und Politik“

Dienstag, 05.03., 20.00 Uhr, Café KoZ, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Zur Sozialpsychologie von „Nazi-Vergleichen“ am Beispiel von Achtundsechzig
(Jan Lohl) [Eine Veranstaltung in Kooperation mit dem Universitäts-AStA]

Mittwoch, 06.03., 16.00 Uhr, KII, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Mitscherlich revisited: Die Unwirtlichkeit unserer Stadt
(David Malcharczyk)

Mittwoch, 06.03., 20.00 Uhr, KV, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Filmvorführung mit Diskussion „Jacques Lacan spricht“

Donnerstag, 07.03., 18.00 Uhr, Festsaal, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Zum neoliberalen Sozialcharakter
Prof. Dr. Dr. Rolf Haubl, Direktor des Sigmund-Freud-Instituts Frankfurt a.M.
[Abschlussvortrag der Aktionswochen kritische Psychologie]

Weitere und auch ausstehende, zumeist wegen Krankheit ausgefallene und noch nicht nachgeholte Veranstaltungen, werden vorraussichtlich im April/Mai 2013 stattfinden.

http://aktion152.blogsport.de/

Gemeinsame Pressekonferenz des AStA der Universität Frankfurt/Main mit der Aktion 15.2. February 28, 2013 | 01:02 pm

1. März 2013
13:00

Zur freundlichen Beachtung:

hiermit laden wir Sie zur gemeinsamen Pressekonferenz des AStA der Universität Frankfurt/Main mit der Aktion 15.2. ein.
Die Konferenz findet am Freitag, dem 01.03.2013, um 13.00 Uhr im Festsaal des Studierendenhauses Bockenheim, Mertonstrasse 26-28, statt.

Auf dem Podium werden Sie Vertreter_innen des Aktionsbündnisses 15.2., des AStA, von IVI Cube und außerdem Dr. med. Leuschner, ehemals stellvertretender Leiter des Sigmund-Freud-Instituts (SFI), informieren und Ihnen für Fragen zur Verfügung stehen.
Dabei wird die Aktion 15.2. ein Resümee ziehen. Es werden neue Erkenntnisse zur Räumung der Myliusstrasse 20 (SFI-Sitz) am 18.02. offengelegt. Der Programmabschluss der Aktionswochen für kritische Psychologie wird vorgestellt. Daran anschließend wird auf die Perspektiven kritischer Wissenschaften und selbstorganisierter Räume in Frankfurt eingegangen. Die Zukunft des Instituts für vergleichende Irrelevanz (IVI) steht somit zur Diskussion.

Mit freundlichen Grüßen

AStA der Universität Frankfurt/Main”

http://aktion152.blogsport.de/
http://asta-frankfurt.de/

Nachmeldungen Programm der Aktion 15.2. February 27, 2013 | 05:30 pm

27. Februar 2013bis7. März 2013

Mittwoch, 27.02., 21.00 Uhr, KV, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Filmvorführung mit Diskussion „Jacques Lacan – Die neu erfundene Psychonanalyse“ und gegebenenfalls im Anschluss „Jacques Lacan spricht“

Donnerstag, 28.02., 16.00 Uhr, KII, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Mitscherlich revisited: Die Unwirtlichkeit unserer Stadt

Donnerstag, 28.02., 18.00 Uhr, Bornheim-Mitte, Uhrtürmchen
Demonstration “Verdrängung erkennen – Leerstand nutzen” des AK Leerstand

Freitag, 29.02., 13.00 Uhr, Festsaal, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Pressekonferenz der Aktion 15.2. mit Vertreter_innen des Bündnisses und weiteren Personen (wird nachgemeldet)

Freitag, 01.03., 16.00 Uhr, KV, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Einführung in die Kulturindustrie Theorie nach Adorno/Horkheimer
(Dany Keil)

Freitag, 01.03., 20.00 Uhr, KV, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Woody Allen-Filmeabend mit Kommentierung/Diskussion im Anschluss an Adorno und Freud

TO BE CONTINUED! Das Programm läuft bis zum 7. März.
Für die abschließende Woche wird das Programm am Abend des 3. März ergänzt.

Für die nächsten Tage auch noch in Planung sind folgende Veranstaltungen:

Geschichte des Sigmund-Freud-Instituts
Geschichte der Psychoanalyse
Psychoanalyse vor, während und nach dem Nationalsozialismus
Mysterium Burnout
Kulturindustrie
Adornos Sprachtheorie
Neuer Opferdiskurs und Neonationalismus
Antisemitismus und Rassismus in der NS-Schülerzeitschrift „Hilf mit!“

http://aktion152.blogsport.de

Psychoanalyse filmreif: Lacan-Porträt um 21 Uhr February 27, 2013 | 02:30 am

27. Februar 2013
21:00
Im Rahmen der Aktion 15.2.
Heute, 27.02., 21 Uhr, KV, Studierendenhaus, Campus Bockenheim ;)
Filmvorführung mit Diskussion:
Jacques Lacan – Die neu erfundene Psychonanalyse“ und
bei Interesse und Ausdauer im Anschluss „Jacques Lacan spricht“

Aus katholisch-bürgerlichem Milieu stammend brachte der ebenso freigeistige wie eigenwillige und nonkonformistische Jacques Lacan (1901-1981) wieder Leben in die nach Freuds Tod unter Richtungs-und Schulkämpfen dogmatisch erstarrte Psychoanalyse. Die Zeitgenossen belächelten seine Exzentrik, aber er blieb als jener Forscher in Erinnerung, der die Veränderungen der westlichen Familie, den Niedergang des Patriarchats, die Widersprüche der Liebe, die Illusionen der Revolution und die Logik des Wahnsinns differenziert zu analysieren verstand.
DIE NEU ERFUNDENE PSYCHOANALYSE: Elisabeth Kapnist und die Psychoanalytikerin Elisabeth Roudinesco ließen sich von Lacans Freude an Wortspielen und Pointen anregen, entwarfen ein Filmpuzzle, in dem Biografisches gekonnt mit Konzeptuellem verbunden wird. Zu Wort kommen Jacques Derrida, Christian Jambet, Jean-Bertrand Pontalis u. a. So rundet sich dieses reizvolle Lacan-Porträt zu einem Rückblick auf die neuere Geschichte der Psychoanalyse ab.
JACQUES LACAN SPRICHT: Sein einziges Fernsehinterview gab Jacques Lacan im Oktober 1972 Françoise Wolff, einer jungen Journalistin vom belgischen RTBF. Außerdem erlaubte er ihr, seinen Vortrag auf der Konferenz an der Universität von Löwen zu filmen. Dieser zweiteilige Film ist ein faszinierendes Dokument, das einen verführerischen und provokanten Jacques Lacan vor großem Publikum zeigt und dann im persönlichen Interview einen ganz anderen Lacan präsentiert.

Weiteres Programm

Heutige Workshops der Aktion 15.2. February 25, 2013 | 02:47 pm

25. Februar 2013
18:00
20:00

Montag, 25.02., 18.00 Uhr, KII, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Psychoanalyse als Methode: Instrumente einer kritischen Perspektive
(Erika Augello)

Montag, 25.02., 20.00 Uhr, KII, Studierendenhaus, Campus Bockenheim
Workshop: Lorenzer und Laplanche
(Julia König, Nadine Teuber)

http://aktion152.blogsport.de/

Sa., 18 Uhr: Psychoanalyse und Gesellschaftskritik – Wird wegen Krankheit verschoben! - February 23, 2013 | 03:54 pm

23. Februar 2013
18:00

Vortrag zu „Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“

- Wird wegen Krankheit verschoben! -

durch Jun.-Prof.‘in Dr. Christine Kirchhoff (IPU Berlin)
am Samstag, dem 23.2.2013, ab 18 Uhr
in H10 des Hörsaalgebäudes Campus Bockenheim

Theodor W. Adorno bezeichnete die Psychoanalyse als die einzige Psychologie, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“. Im Vortrag soll es darum gehen, diese Feststellung zu entfalten und damit auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen. Kurzum, es geht um die Frage, warum gerade die Psychoanalyse, die so ungesellschaftlich daher kommt, eine Menge mit Gesellschaftskritik zu tun hat.

Christine Kirchhoff promovierte 2007 in Bremen in der Psychologie zum Thema „Zeit und Bedeutung: Zur Aufschlusskraft des psychoanalytischen Konzepts der Nachträglichkeit“. Seit 2011 ist sie Mitglied des DFG-Nachwuchswissenschaftler_innen-Netzwerks „Sprachdenken und politische Theorie. Jüdisch-deutsche Beiträge vom 18. – 20. Jahrhundert“ mit einem Projekt zu „Sprache als Voraussetzung politischen Denkens bei Sigmund Freud“. Unter anderem ist sie an der Herausgabe von „Adorno und Freud. Zur Urgeschichte der Moderne“ (Frühjahr 2013) beteiligt.

Ein Vortrag im Zuge der Aktion 15.2.,
aus Solidarität zum IVI und für Bemühungen um kritische Wissenschaft,
unterstützt vom AStA der Universität Frankfurt/Main

Inhaltliches Programm der Aktion 15.2. February 20, 2013 | 09:56 am

16. Februar 2013bis25. Februar 2013

Programm der Aktion 15.2.
Sigmund-Freud-Institut, Jügelhaus, Jügelstraße 17, Uni Campus Bockenheim, 60325 Frankfurt am Main

Wenn ihr Ideen zu weiteren Workshops, Vorträgen etc. habt:
Meldet euch! aktion152@gmx.de

Mittwoch, 20.02., 16.00-20.00 Uhr
Diskussionsgruppe zu aktueller Psychiatrie als Erlebnisgastronomie

Mittwoch, 20.02., 20.00 Uhr Fällt heute leider aus
Kritik der Gleichsetzung der 68er-Bewegung mit dem Nationalsozialismus
(Jan Lohl – mit einem Exkurs zur Rhetorik rund um die TuCa-Debatte)

Donnerstag, 21.02., 14.00 Uhr
Workshop: Einführung in psychoanalytische Sozialpsychologie
(AK kritische Psychologie Frankfurt a.M.)

Donnerstag, 21.02., 14.00 Uhr, SFI-Hörsaal im Jügelhaus
Workshop: Einführung in psychoanalytische Sozialpsychologie
(AK kritische Psychologie Frankfurt a.M.)

Donnerstag, 21.02., 16.00 Uhr, SFI-Hörsaal im Jügelhaus
„4 in 1″: Über die Verbindung von Marxismus und Feminismus
(Danielle Lichère)

Donnerstag, 21.02., 16.00 Uhr – NOCH UNSICHER –
Herrschaftsnarrativ der Uni am Beispiel des Umzugs
(TuCa – TurmCafé [im Exil])

Freitag, 22.02., 16.00 Uhr
Erziehung im Kapitalismus
(Markus Balzereit)

Samstag, 23.02., 18.00 Uhr
Psychoanalyse und Gesellschaftskritik
(Christine Kirchhoff, IPU Berlin)

Montag, 25.02., 18.00 Uhr (Nachholtermin zum 18.02.)
Psychoanalyse als Methode: Instrumente einer kritischen Perspektive
(Erika Augello)

Für die nächsten Tage in Planung sind folgende Veranstaltungen:

Geschichte des Sigmund-Freud-Instituts
Geschichte der Psychoanalyse
Psychoanalyse vor, während und nach dem Nationalsozialismus
Mitscherlich revisited: Die Unwirtlichkeit unserer Stadt
Woody Allen-Filmeabend mit Kommentierung/Diskussion im Anschluss an Adorno und Freud
Kulturindustrie
Adornos Sprachtheorie
Neuer Opferdiskurs und Neonationalismus
Antisemitismus und Rassismus in der NS-Schülerzeitschrift „Hilf mit!“

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Bereits stattgefundene Veranstaltungen:

Sonntag, 17.02., 13.00 Uhr
Vernunft und Naturbeherrschung
(oLiLi)

Sonntag, 17.02., 14.30 Uhr
Großplenum der Besetzer_innen

Sonntag, 17.02., ab 14.30 Uhr
Police Academy-Marathon im IVI, Kettenhofweg 130

Sonntag, 17.02., 16.00 Uhr
Schaffen wir ein, zwei, viele AK Kritische Psychologie
(AK kritische Psychologie Frankfurt a.M.)

Sonntag, 17.02., 18.00 Uhr
Politische Psychologie: Einführung zu Peter Brückner
(Markus Brunner, SFU Wien)

Sonntag, 17.02., etwa 20.00 Uhr
Essen im Café ExZess, Leipziger Strasse 91

Montag, 18.02., 13.15 Uhr
Pressekonferenz der Aktion 15.2. mit
Vertreter_innen des Bündnisses, des IVI und des AK kritische Psychologie

Montag, 18.02., 14.00 Uhr
Einführung in die Kritische Psychologie
(AK kritische Psychologie Frankfurt a.M.)

Montag, 18.02., 17.00 Uhr
Foucaults „Was ist Kritk?“
(AK kritische Psychologie Frankfurt a.M.)

Dienstag, 19.02., 14.00 Uhr
Die Multitude und ihr Bewusstsein (Buchpräsentation)
(AK kritische Psychologie Frankfurt a.M.)

Dienstag, 19.02., 16.00 Uhr
Zum Kritikbegriff bei Marx und Adorno
(Robin Mohan)

Dienstag, 19.02., 20.00 Uhr
Antirassistischer und antisexistischer Lesekreis

SFI geräumt – PM der Aktion152 vom 18.2.2013 February 18, 2013 | 10:50 pm

Zur freundlichen Beachtung:

PM der Aktion152 vom 18.2.2013:
Myliusstr. 20 geräumt – Veranstaltungsprogramm wird fortgesetzt – Aktion 15.2. nicht am Ende

Das am Samstag, dem 16.02.2013, besetzte Haus in der Myliusstraße 20 wurde heute gegen 18 Uhr in Anwesenheit der Polizei und dem Direktor des Sigmund-Freud-Instituts Herr Haubl von den momentanen Nutzer_innen geräumt. Die Anwesenden verließen – wie von vornherein kommuniziert – nach Aufforderungen das 2014 endlich wieder dem SFI zur Verfügung stehende Gebäude. Zuvor hatte Herr Haubl erklärt, alle Plädoyers beim Land, die Aktion 15.2. bis zum Samstag oder doch zumindest noch eine Weile verweilen zu lassen, seien gescheitert. Zu groß müssen die Drohgebärden der Landesregierung gegen das SFI-Direktorium ausgefallen sein, als dass ein anderer friedlicher Ausgang der anfangs tolerierten Besetzung noch denkbar gewesen wäre.

„Wer hier auf Krawall gebürstet ist, dürfte völlig klar sein. Nachdem der Dialog zwischen SFI und Aktion 15.2. reibungslos verlief und von gegenseitigem Verständnis geprägt war, stieß gerade dies wohl jemandem in Wiesbaden auf. Noch immer deprimiert, von der Frankfurter Bevölkerung nicht innig geliebt zu werden, lässt Boris Rhein Luft ab und setzte den Repressionsapparat, dem er vorsteht, in Gang“, erläutert Moshe Anhan. Anscheinend übte – tatsächlich: in persona – der Innenminister einen derartigen Druck auf das SFI aus, dass sich diesem keine Alternative mehr bot, als der Räumung stattzugeben.

Auf der Pressekonferenz am Mittag war das Aktionsbündnis noch von einer weiterhin gelingenden Zeit bis Samstag, voll von Veranstaltungen und Diskussionen, ausgegangen. Zwar war bereits bekannt, dass Hinterzimmergespräche zu Ungunsten der Hausnutzer_innen stattfanden. Doch die Dringlichkeit mit der sich die Landesregierung hier einmischte und eine sofortige Aufkündigung der getroffenen Absprachen forcierte, überraschte sämtliche Aktivist_innen.

„Die Landesregierung wollte eine Eskalation, um uns an der Artikulation unserer Kritik zu hindern. Gerade in Wahlkampfzeiten scheint ihr unser Versuch zu selbstorganisierter Theoriearbeit ein besonders großer Dorn im Auge gewesen zu sein“, Margarete Rothschild bedauert: „Die herrschaftsförmige Politik, der Boris Rhein anhängt, hat hingegen die Unmündigkeit und projektive Ausgrenzungen zur Basis.“

Noch um 16 Uhr strömten Menschen hinzu, um an der Einführung in die Methode der Psychoanalyse anhand der aktuellen Sexismusdebatte teilzunehmen. Doch einem derart sensibles Thema war mit dem Chauvinisten Boris Rhein im Rücken und den vorfahrenden Einsatzfahrzeuge vor der Tür nicht mehr gerecht zu werden. Die Referentin, selbst Mitarbeiterin des SFI, will den Workshop jedoch nachholen. Immerhin konnte ein Lesekreis zu Foucaults „Was ist Kritik?“ noch bis unmittelbar vor dem Anrücken der Polizei umgesetzt werden. „Es zeigt sich einmal mehr: Mit harten Bandagen wird alles unternommen, jeden kritischen Ansatz in Theorie und Praxis im Keim zu ersticken. Doch wir gehen nicht zu Boden – nicht in der Theorie, nicht in der Praxis!“, gibt sich Moshe Anhan kämpferisch.

Die Besetzung geschah als Reaktion auf die akut drohende Räumung des IVI infolge des fragwürdigen Landgerichtsurteils. Erst recht wenn im Kettenhofweg 130 die Arbeit unter dem Motto „Theorie – Praxis – Party“ nicht weitergeführt werden sollte, sind hierfür neue Räume notwendig. Margarete Rothschild gibt sich zuversichtlich: „Das SFI begegnete uns solidarisch und bestärkt somit, dass die artikulierten Anliegen nicht bloß fixe Ideen sind. Das gibt Mut, wurden in letzter Zeit doch sämtliche Versuche solche Räume zu schaffen – ob legal im Wege der Verhandlung oder aktivistisch durch Besetzungen – mit großen Härte und mitunter extremen Gewalt begegnet.“

Mit der Aktion 15.2. kann weiterhin gerechnet werden. Für den Moment schätzt das Bündnis sich glücklich, die bereits geplanten Veranstaltungen noch durchführen zu können. Trotz ihrer präkeren Raum- und ihrer auch in anderer Hinsicht mäßig komfortablen Situation baten die Mitglieder des SFI ihre Übergangsräumlichkeiten im Jügelhaus an. Dorthin wird schon morgen ausgewichen.

PM der Aktion152 vom 18.2.2013: Myliusstr. 20 geräumt – Veranstaltungsprogramm wird fortgesetzt – Aktion 15.2. nicht am Ende

Myliusstraße 20, Sigmund-Freud-institut, in Ffm besetzt February 16, 2013 | 09:28 pm

Am Samstag den 16. Februar 2013 wurde im Frankfurt am Main das Sigmund-Freud_institut (SFI) in der Myliusstraße 20 im Westend besetzt.

Vorweg eine Info der Besetzer_innen von deren Homepage:
“Solidarität mit SFI und Jüdischen Psychotherapeutischen Beratungszentrum FFM.
Wir streben eine Zwischennutzung an und sehen das Sigmund Freud Institut und Jüdische Psychotherapeutische Beratungsstelle als unsere Freunde.
Bitte geht mit Räumlichkeiten sorgsam um und macht nichts im Haus kaputt!”

Anbei die PM zur Besetzung:

Eine Reminiszenz an Mitscherlichs „Die Unwirtlichkeit unserer Städte. Anstiftung zum Unfrieden“

Am 16.02.2013 haben Aktivist_innen ein leerstehendes Gebaude in der Myliusstraße besetzt.
In dem Haus befand sich bis 2010 das Sigmund-Freud-Institut, das auf Grunde einer Renovierung umziehen musste. Das Institut wurde 1960 maßgeblich von Alexander Mitscherlich gegründet, 1964 eröffnete es in der Myliusstrasse 20. Wie der Frankfurter Rundschau vom 15. Februar 2013 zu entnehmen war, soll im Juni endlich mit dem Umbau des Gebäudes begonnen werden. Ein prächtiger Glasbau wird neben dem seit 2012 denkmalgeschützten Gebäude errichtet werden.
„Die Freudsche Psychoanalyse ist, genauso wie die Kritische Theorie, in der gesellschaftlichen Irrelevanz verschwunden und dient der Universität Frankfurt lediglich als schickes Aushängeschild“, erläutert Aktivistin Margarete Rothschild. „An diese Tradition anknüpfend soll das Institut zwischengenutzt werden.“ In den nächsten Tagen werden hierzu mehre Veranstaltungen stattfinden. Fokus wird auf die Psychoanalyse und ihre gesellschaftskritische Relevanz gelegt werden. Ergänzend ist eine Kritik der psychiatrischen Praxis zu leisten.
„Es scheint normal zu sein sich gegen nichts zu wehren, selbst wenn es die eigenen Umstände betrifft. Höchstens kommt es zu einer kurzen Empörung“, merkt Aktivist Moshe Anhan an und erklart weiter: „Nach dem gestern das Ende des IVI ein Schritt näher gerückt ist, haben wir beschlossen nicht noch weiter untätig in unseren Wohnungen zu sitzen.“
Gestern erwirkte die Frankonofurt AG beim Landgericht den Räumungstitel gegen das IVI. Abends kam es bereits zu zwei Besetzungen, die aber innerhalb kürzester Zeit wieder geräumt wurden. Zeitgleich wurde mit einem großen Rave der Umzug des Bockenheimer Campus und die Bedrohung des IVI thematisiert. Gut 400 Menschen zogen bei lauter Musik durch die Frankfurter Innenstadt und wiesen auf ihre Anliegen hin.
„In den letzten zwei Jahren gab es in Frankfurt viele Versuche Häuser zu besetzten und sich urbanen Raum anzueignen. Wir sind diesem Beispiel gefolgt, “ schließt Moshe Anhan. „Wir rufen dazu auf dies auch zu tun! Denn all diese Bemühungen müssen zum Erfolg führen. Auch vermeintliche Misserfolge der Vergangenheit sind Mosaiksteine hin zu einem anderen, selbstbestimmten Stadtbild.“

Aktion 15.02.

Aktuelle Informationen bekommt ihr über unsern Twitter Account:
https://twitter.com/aktion152

Antideutsche Wertarbeit December 30, 2012 | 10:08 pm

Zum Jahresende dokumentieren wir einen Kongress, der vor mittlerweile mehr als zehn Jahren, vom 29.-31.3.2002 in Freiburg stattfand. Ein halbes Jahr nach den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center, in deren Folge sich der Bruch innerhalb der deutschen Linken zur unleugbaren Kenntlichkeit vertiefte, richtete die Initiative Sozialistisches Forum einen Kongress aus, dessen Beiträge teilweise auch heute noch – nicht nur in »szenehistorischer« Hinsicht – interessant sind und dessen Diskussionen ihre Aktualität mitunter noch nicht vollends verloren haben. Einige der Beiträge sind bereits in Form von Radiosendungen dokumentiert worden.

Die als Links bzw. Anker ausgeführten fortlaufenden Nummern dienen auch der leichteren Verlinkung der einzelnen Beiträge. Wer die Dateien mit einem Downloadmanager (von Rapidshare) herunterladen möchte, findet hier die entsprechenden Containerformate.

1. Begriff des Kapitals: Die Implikationen der marxschen Kritik der politischen Ökonomie Hörenswert!

Podiumsdiskussion mit Michael Heinrich, Nadja Rakowitz und Manfred Dahlmann, moderiert von Joachim Bruhn.

Die Debatte zwischen Michael Heinrich und Dahlmann/Bruhn kann als Vorläuferin bzw. Auftakt des bis in jüngste Zeit (mit modifiziertem, vielleicht erweitertem Thema) fortgesetzten1 Marxismus-Mystizismus-Streits gelten, einer Art innerlinken Neuauflage des Positivismustreits in der Deutschen Soziologie, der hin und wieder zwischen der (semi-/sub-)akademischen »Neuen Marx-Lektüre« auf der einen und »antideutscher materialistischer Kritik« auf der anderen Seite ausgetragen wird. Die Diskussion betrifft die Frage nach dem »Theorietypus« und dem »Erkenntnismodus« der marxschen Kritik der politischen Ökonomie und nach ihren erkenntnis- bzw. ideologiekritischen Implikationen: Handelt es sich um eine als positive Wissenschaft oder Quasi-Systemphilosophie zu vollendende Theorie der kapitalistischen Gesellschaft, deren »Dialektik« eine bloße »Darstellungsmethode« ist, mit deren Hilfe die aufkommenden Widersprüche im Fortgang stets aufgelöst werden, oder um eine »subversive Kritik«, die, in jedem Satz zugleich Aufruf zur Revolution, die logische Unmöglichkeit und das Skandalon einer an sich unbegreifbaren, durch und durch irrationalen Vergesellschaftungs- und Produktionsweise aufzeigen möchte?
Dahlmann macht zunächst Ausführungen zum Zusammenhang von Warenform und Denkform, um die gesellschaftliche Konstitution des Subjekts anzudeuten. Heinrich weist u. a. auf die Selbstwidersprüche der ISF-Position hin, etwa Aussagen über den Wert und das Kapital zu machen und zugleich jede Theoretisierung derselben für eine Unmöglichkeit und »Rationalisierung« zu erklären. Warnung an GSPler: Die prüfen beide nicht den Wahrheitsgehalt ihrer Argumente.

Heinrich: Die Kritik der politischen Ökonomie löst nicht nur das wissenschaftliche Problem einer adäquaten Erklärung des Mehrwerts, sie besitzt auch eine unmittelbar politische Seite, indem sie eine moralische Kapitalismuskritik sowie sozialistische Auffassungen, die auf einen Sozialismus der kleinen Warenproduktion hinauslaufen, als in dem von der kapitalistischen Produktionsweise selbst hervorgebrachten Schein befangene Vorstellungen nachweist. Die Marxsche Kapitaltheorie steht daher in einer doppelten Frontstellung. Die »Apologeten« lösen die kapitalistische Produktion in die Harmonie der einfachen Zirkulation auf. Indem sie Kapital auf Ware und Geld, auf Kauf und Verkauf reduzieren, sehen sie Freiheit, Gleichheit und Eigentum gewährleistet, indem sie die kapitalistische Produktion mit der nicht-kapitalistischen Warenproduktion identifizieren. Ihnen gegenüber weist Marx nach, daß ihre Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum aufgrund eigener Arbeit bloßer Schein ist, da die von ihnen unterstellten gesellschaftlichen Verhältnisse nicht existieren und nie existiert haben. Damit intendiert Marx jedoch keine immanente Kritik der bürgerlichen Gesellschaft. Daß es Marx darum gegangen wäre, aufzuzeigen, daß der Kapitalismus seinen eigenen normativen Standards widerspreche, wurde u.a. von Habermas vertreten. Diesen Marx unterstellten Versuch einer immanenten Kritik unternimmt eher Proudhon. Gegen utopische Sozialisten wie Proudhon, die das aus der einfachen Zirkulation abgezogene Ideal gegen seine angebliche Verfälschung in der kapitalistischen Produktion geltend machen wollen, argumentiert Marx, die kapitalistische Produktion sei die durchgeführte Freiheit und Gleichheit der einfachen Zirkulation und nicht etwa deren Entartung, da die einfache Zirkulation mitsamt ihren Vorstellungen von Freiheit, Gleichheit und Eigentum nur auf kapitalistischer Grundlage existiert. Die Utopisten betreiben daher, sagt Marx in den »Grundrissen«, »das überflüssige Geschäft…, den idealen Ausdruck, das verklärte und von der Wirklichkeit selbst aus sich geworfne reflectirte Lichtbild, selbst wieder verwirklichen zu wollen.«

(Rakowitz: Die marxsche Wertformanalyse erweist sich als systematischer Weg, den Schein der einfachen Zirkulation zu durchbrechen. Als Kritik kann sie die Momente des ideologischen Scheins der bürgerlichen Gesellschaft transzendieren und zumindest die negativen Bedingungen der Aufhebung der bürgerlichen Gesellschaft aufzeigen. Deshalb ist die Kritik der einfachen Zirkulation und damit die Kritik der einfachen Warenproduktion und ihr notwendiges Übergehen in die Kritik des Kapitalverhältnisses zentral für das Verständnis der Kritik der politischen Ökonomie. Dies gilt nicht nur in methodischer, sondern vor allem in politischer Hinsicht. In den »Grundrissen« gibt Marx einen Ausblick auf den Fortgang der Darstellung der Widersprüche der politischen Ökonomie, der zu leisten wäre, um die kapitalistische Produktionsweise als Totalität begreifen zu können. Begreifen heißt hier Kritik der Theorien wie der Verhältnisse und hat Praxis als immanenten Zweck: »Durch sich selbst weist (die Warenwelt) … über sich hinaus, auf die ökonomischen Verhältnisse, die als Produktionsverhältnisse gesetzt sind. Die innere Gliederung der Produktion bildet daher den zweiten Abschnitt, die Zusammenfassung im Staat den dritten, das internationale Verhältnis den vierten, der Weltmarkt den Abschluß, worin die Produktion als Totalität gesetzt ist und ebenso jedes ihrer Momente; worin aber zugleich alle Widersprüche zum Prozeß kommen. Der Weltmarkt bildet dann wieder ebenso die Voraussetzung des Ganzen und seinen Träger. Die Krisen sind dann das allgemeine Hinausweisen über die Voraussetzung und das Drängen zur Annahme einer neuen geschichtlichen Gestalt.«)

Dahlmann: Daß es in der materialistischen Gesellschaftsanalyse keine vom Gegenstand abgelöste Methode geben kann, ist zur Binsenweisheit linker Theoriebildung geworden. Wenn jedoch eine weitere zentrale Differenz nicht reflektiert und aufgehoben wird – nämlich die Differenz zwischen Erkenntnissubjekt und Gegenstand –, ist mit dem Postulat der Übereinstimmung von Form und Inhalt nur wenig gewonnen. Kapital und Wert jedenfalls bleiben unbegriffen, das heißt sie werden, wie in der Linken üblich, ökonomistisch reduziert, wenn sie dem Subjekt, erst recht dem sich wissenschaftlicher Analyse befleißigenden, als Gegenstand erscheinen, dessen sich der Gedanke bemächtigen könne, oder gar, umgekehrt: als Gegenstand, der den Gedanken sich subsumiere. Vielmehr ist es dieses Subjekt, das in der Reflexion sich und den Gegenstand (negativ) erst konstituiert. Dementsprechend hängt die überindividuelle Geltung von Urteilen nicht davon ab, ob in ihnen Methode und Gegenstand übereinstimmen oder nicht, sondern Wahrheit ist grundsätzlich nur zu verbürgen, wenn eine das Subjekt transzendierende, allgemeine (und verallgemeinernde) Vermittlung postuliert wird, durch die hindurch erst alle Differenzen (Methode und Sache, Subjekt und Objekt) in eins gesetzt werden können. Oder anders: man sollte den Schritt von Kant zu Hegel nicht vorschnell vollziehen – denn das droht auf Kosten der Kritik zu gehen; auf Kosten einer Kritik, der allein sich auch die Negativität der totalen Vermitteltheit (als Kapital, als Wert) zu erschließen vermag.

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2. Uli Krug: Begriff des Subjekts. Marx, Freud, Adorno und der Wert des Ich

Die Psychoanalyse ist kein der Kritischen Theorie nach Belieben anzuheftendes oder abzulösendes Assecoir: »Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrationslager Kastration charakteristischer als Konkurrenz« (Adorno). Aus demselben Grund, aus dem Marx »psychologischen« Erwägungen gegenüber so kritisch war, daß sie nämlich objektivem Zwang einen falschen Schleier von Individualität verliehen, aus demselben Grund ist die unrevidierte Psychoanalyse eines Sinnes mit der Kritik der politischen Ökonomie: Als Kritik der seelischen Ökonomie. So wie die eine das kapitale Subjekt als »Charaktermaske« eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte – in der revolutionären Hoffnung, daß kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch sind –, so legt die andere das Zwanghaft-Unbewußte am vorgeblich freien Willen des Individuums frei. So wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politischen Zwangscharakter kapitaler Subjektivität befestigt, so entspricht ihr die steigende Zusammensetzung des Subjekts in seinem Inneren: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die – schon immer limitierte – autonome Kontrolle über sein Schicksal und seine Entscheidungen, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die – schon immer limitierte – Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: Der Nationalsozialismus und die Epoche, die er begründete, können so als Infantilisierung der ehemals bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Rechtssubjekte beschrieben werden: Abhängig wie Kinder von unverstandener Außenwelt und beherrscht von einem sublimationsunfähigen Gefühlschaos, von Größenwahn, Angst und Sadismus. Der Zügellosigkeit der Feindkampagnen, wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus, mit Deutschland und den Deutschen, nicht so tun, als ob die politisch-ökonomische Regression der Gesellschaft die Kategorien wie Interesse, Bewußtsein, etc. im Individuellen in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Es.

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3. Joachim Bruhn: »Logik des Antisemitismus«: Die ökonomische/soziologische Reduktion des Wertbegriffs und ihre Folgen

Die Überlebsel der radikalen Linken haben seit dem Golfkrieg von 1991 den Antisemitismus als Thema politischer Agitation wie akademischer Beschäftigung entdeckt: Das ist schick, zumindest Common Sense. Wer sich informieren will, was das deutsche Mordkollektiv den Juden wie und wo angetan hat, leidet nicht an einem Mangel einschlägiger Literatur. Wer sich allerdings aufklären möchte, warum es das getan hat, stößt bald darauf, daß außer Moishe Postones Aufsatz über die »Logik des Antisemitismus« nur wenig Substantielles vorhanden ist. Sein Essay bedeutete, vor über zwanzig Jahren, die längst fällige Revolutionierung der materialistischen Antisemitismustheorie. Aber eben nur: der Theorie. Weil Postones Bemühung im Theoretischen steckenblieb, konnte sich hinfort die linke Kritik des Antisemitismus bestens mit den verschiedensten Spielarten des Antizionismus, der Aversion und des Hasses gegen Israel vertragen. Ein Komplex bildete sich heraus, in dem die Erkenntnis mit ihrer Verdrängung kollaborierte. Denn Postone hatte nicht nur den philosophischen Status der Kritik der politischen Ökonomie als einer Kritik verfehlt, er hatte auch das politische Moment und die staatskritische Implikation dieser Kritik verkannt. Und so wußten die Linken nun ganz genau, was es mit dem Verhältnis von konkret und abstrakt auf sich hatte, warum die Nazis von der »Brechung der Zinsknechtschaft« halluzinierten, warum die Volksgemeinschaft eine verschwörerische Antirasse sich erfinden mußte. Warum jedoch die Nazis von Anfang an ihren Vernichtungswillen so antisemitisch wie antizionistisch programmierten, das blieb sowohl als historischer Tatbestand wie als materialistisches Thema unbekannt. Postones Reduktion des Antisemitismus auf ein binnengesellschaftliches und ökonomisches Phänomen erklärt sich zwanglos aus seiner ökonomischen Reduktion des Wertbegriffs selbst, einer Depotenzierung also des Erkenntnisanspruchs, den der Materialismus mit Marx und Adorno erhebt; einer Depotenzierung, die neuerdings als »fundamentale Wertkritik« selbst schulbildend geworden ist. Wert jedoch, so wird zu zeigen sein, ist, als Inbegriff negativer Vermittlung einer in sich selbst verkehrten Gesellschaft, allererst keine ökonomische Kategorie, sondern die Kategorie der Konstitution politischer wie ökonomischer Gegenständlichkeit. Die Logik, von der Postone spricht, erweist sich erst dann als hinreichend verstanden, wird sie als Moment der negativen Dialektik des Antisemitismus bestimmt.

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4. Clemens Nachtmann: Begriff des Faschismus: Marx und die negative Aufhebung des Kapitals

Der nationalsozialistische Staat stiftet gesellschaftliche Einheit in Form der Zwangshomogenisierung der Bevölkerung zum Volk. Er organisiert die totale Dienstbarkeit des Einzelnen fürs gesellschaftlicher Ganze, die totale Unterordnung der Partikularinteressen unter die Staatsräson, indem er einerseits die bürgerliche Öffentlichkeit und ihre klassische Repräsentanz, das Parlament, zerschlägt; indem er andererseits die Organisationen der Arbeiterbewegung liquidiert und die gesellschaftliche Arbeit in unmittelbar staatlich gelenkten Massenorganisationen zusammenfaßt. Der nationalsozialistische Staat bewerkstelligt so die endgültige Aufhebung der Trennung von Staat und Gesellschaft; er kreiert den totalen Staatsbürger, der seine gesellschaftlichen Bestimmungen nur noch nebenher, als Anhängsel mitschleppt. Die »Volksgemeinschaft« ist daher alles andere als eine, wie der orthodoxe Marxismus es unterstellt, bloße Parole, die der »Verschleierung« der in gehabter Form weiterexistierenden Klassen diente. Im Nationalsozialismus konstituiert sich die Volksgemeinschaft real, und zwar in der einzig möglichen Form: ex negativo, als klassenübergreifendes Kollektiv der Verfolger, das sich tätlich, in massenmörderischer Aktion gegen diejenigen definiert, in denen der völkische Wahn die Inkarnation all dessen erblickt hatte, was der substantiellen Einheit der Nation im Wege stehe – die Juden. Die Massenvernichtung der Juden als kollektiv begangenes Verbrechen besiegelt derart den faschistischen Sozialpakt als die negative Aufhebung der Klassengesellschaft.

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5. Deutschland und das Kapital. Kann es einen Materialismus geben, der nicht antideutsch ist?

Streitgespräch zwischen Ulrich Enderwitz und Gerhard Scheit

Die Diskussion kreist um eine Frage, mit der sich der »antideutsche Materialismus« immer wieder herumschlagen muss: Was ist das Deutsche am Deutschen Sonderweg und welche Zukunft hat die deutsche Ideologie als Krisenlösung? Ulrich Enderwitz, offenbar langjähriger Sympathisant der ISF, wandte sich, reagierend auf die einschlägigen ISF-Stellungnahmen nach dem 11. September, zunächst verwundert und kritisch an seine alten Genossen und schließlich von ihnen ab.2

Enderwitz: Woher plötzlich der qualitative Unterschied zwischen liberalistisch operierendem und nationalsozialistisch organisiertem Kapital, zwischen oligarchischer Demokratie und Faschismus, zwischen Angelsachsen und Teutonen? Waren wir uns denn nicht immerhin darin einig, dass der volksdemokratische Faschismus eine logische oder jedenfalls krisen- beziehungsweise notstandslogische Konsequenz des repräsentativ-demokratischen Kapitalismus ist und der Nationalsozialismus insofern als eine durch die besonderen Umstände Deutschlands begünstigte frühe Ausbildung oder Vorform einer der kapitalistischen Entwicklung insgesamt eingeschriebenen Rezeptur gelten kann? Wobei Früh- oder Vorform gar nicht so sehr im historisch-exemplarischen als vielmehr bloß im systematisch-paradigmatischen Sinne verstanden werden soll, das heißt unter der Annahme, daß nur unter allgemeinen strukturellen Gesichtspunkten (Intervention des Staats, Zusammenschluß von Kapital und Arbeit, Schaffung eines die gemeinschaftliche Identität terroristisch festklopfenden Feindbilds), nicht aber unbedingt unter dem Aspekt seiner besonderen funktionellen Ausprägung (Führerkult, volksgemeinschaftliche Arbeitsfront, Antisemitismus) der deutsche Faschismus wegweisend gewesen ist. Es ist mit anderen Worten durchaus denkbar, daß zukünftige faschistische Entwicklungen ohne die charakterologischen Besonderheiten des deutschen Faschismus, wenn auch nicht ohne seine strukturellen Prinzipien auskommen werden. Die mordlüstern-schlagkräftige Volksgemeinschaft und der Antisemitismus sind nicht unbedingt konstitutive Bestandteil jedes Faschismus. Was nun? Entweder dieser deutsche Faschismus bleibt ein Sonderphänomen, seine »Implementation«, wie man neudeutsch zu sagen pflegt, ein Sonderweg der Deutschen; dann muß man sich, um ihn zu verhindern, auf die Seite des »normalen«, liberalistischen Kapitalismus als des herrschenden und den deutschen Sonderweg allein zu verbauen fähigen Allgemeinen schlagen. Oder dieser deutsche Faschismus ist – wie ja durch die These von der tendenziellen, wo nicht gar notwendigen Faschisierung des Kapitalismus nahgelegt wird – der maßgebende Wechsel auf das Schicksal des Kapitalismus ganz allgemein, der Vorgriff auf die Zukunft aller Gesellschaften, in denen kapitalistische Produktionsweise herrscht; dann hat man in vexierbildlicher Wiederaufnahme der Rede vom deutschen Wesen, an dem die Welt genesen wird, und des darin kodifizierten Größenwahns Deutschland zur schlechthin schicksalsträchtigen Nation, zum »Meister der Krise« oder besser gesagt zum »Tier der Apokalypse« erklären. Diese Sicht aber von Deutschland als dem bahnbrechenden Vorreiter beziehungsweise wegweisenden Anführer beim leviathanischen Marsch in den apokalyptisch permanenten Notstand scheint mir bar jedes Realismus und historischen Sinns. Sie führt in Selbstbespiegelung und damit hinein in die Paradoxie des Antideutschtums, einer aus Provinzialismus und Projektion gemischten negativen Deutschtümelei.

Scheit: Die oberste Instanz der Gewalt ist der Staat. Seine Souveränität ist so allgemein wie das Kapitalverhältnis. Anders als bei dessen Fetischismus, der im Logisch-Abstrakten der Wertform steckt, erschließt sich Ideologie hier jedoch im Historisch-Konkreten – möglich allerdings nur durch die Kritik jener fetischistischen Form. Denn Souveränität wird letztlich durch die von vornherein gegebene Möglichkeit der Krise konstituiert. Die Kritik der Warenform ist zwar die Bedingung dafür, die Macht radikal in Frage zu stellen, die das Monopol auf die gewaltsame Durchsetzung dieser Form beansprucht – aber die Staatsmacht geht darum in der Warenform so wenig auf wie der Gebrauchswert im Tauschwert. Es geht also darum, die Logik des Kapitals und die Geschichte des Staats jederzeit als einen einzigen, unauflösbaren Zusammenhang zu begreifen – ohne sie entweder als Logisch-Abstraktes oder Historisch-Konkretes kommensurabel zu machen, ohne die Nichtidentität in der Identität verschwinden zu lassen. Der Wert ist immer und überall derselbe – mit sich selbst absolut identisch (Differenz ist allein quantitativ möglich); und er kann überhaupt nur als diese absolute Identität auf den Begriff gebracht werden. Der Staat entspricht zwar seinerseits solcher realen Abstraktion und ist insofern immer und überall der gleiche; untrennbar davon aber – also gerade in seiner Allgemeinheit – läßt er sich nur als ganz bestimmter begreifen, das heißt: im Zusammenhang, in dem er mit seinesgleichen steht und worin er sich unterscheidet. So ist es ein- und dasselbe Kapitalverhältnis, das überall in die Krise gerät, doch gerät es überall auf je verschiedene Weise in die Krise – und darüber entscheidet nicht zuletzt, welches Bewußtsein von Krise und Krisenbewältigung das Verhältnis zum Staat bestimmt und die Menschen zur Nation formiert. So wären nicht nur ganz allgemein die Warenbesitzer mit dem Staat in Beziehung zu bringen – unter dem Gesichtspunkt: Was ist eine Nation? –, sondern genau in diesem Punkt die Staaten zueinander ins Verhältnis zu setzen – also: Was ist deutsch?

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6. Iris Harnischmacher: Begriff der Kritik (1). Karl Marx und die gesellschaftliche Reflexion der Hegelschen Systemphilosophie Hörenswert!

Ein recht anspruchsvoller, aufgrund zahlreicher Erläuterungen aber doch verständlicher Vortrag zum Verhältnis von Hegel und Marx hinsichtlich des Verfahrens immanenter Kritik. Im Mittelpunkt steht der Begriff des Gesetzes und die Kritik an ihm.

Die Transformation des Hegelschen Begriffs in materialistische Kritik läßt die destruktiven Züge des Denkens deutlicher hervortreten, die der »Wissenschaft der Logik« zufolge die reflexive Tätigkeit des Verstandes charakterisieren. Als die negative Kraft des Denkens werden sie zu konstruktiven Momenten der positiven Wahrheit neutralisiert, dergestalt, daß, was sie destruieren, zur neuen Einheit zusammengefügt, in die neue entstehende Unmittelbarkeit überführt wird. Die materialistische Kritik formt ein Denken, das aller proklamierten Negativität zum Trotz vor seiner eigenen zerstörerischen Macht geschützt zu sein glaubt, in ein selbstkritisches Denken um, das eingesteht, von der Wirklichkeit abzuhängen, ohne sich ihr vollständig zu unterwerfen. Es glaubt, von der Kritik ausgenommen zu sein, weil es sich in ein substantielles, durch die Sache hindurch sich realisierendes, sich vampirisch von ihr nährendes, sie ersetzendes Denken verwandelt hat: in Geist. Die Kritik zielt nicht darauf, das geistige Prinzip durch ein materielles zu ersetzen. Die Transformation des Idealismus, die erfordert ist, weil er die gebrechliche Einrichtung der Welt ignoriert, setzt voraus, ihn dialektisch zu entfalten. Marx hält am objektiven Impuls der idealistischen Philosophie fest. Er zeigt zugleich, daß in ihrem Rahmen der Anspruch, die Wirklichkeit zu greifen und das Denken zur Objektivität zu führen, nicht erfüllt ist. Die Weise, in der er mit dem Idealismus bricht, ist durch dessen eigene methodische Einsichten vorgegeben. Nicht subjektives Dafürhalten, der am Gegenstand sich bildende Begriff begründet die materialistische Kritik. Der Integrität und inneren Wahrheit des Gegenstandes entspräche es, seine aktuelle Form zu zerstören, in der zu verharren er nicht zuletzt durch eine affirmative Philosophie gezwungen ist. Die Kritik unterscheidet sich darin vom logischen Begriff, daß sie zu einem destruktiv-transitorischen Wahrheitsbegriff gelangt. Nicht die adäquate Darstellung der Realität ist ihr Ziel, sondern die tätige Veränderung. Die Kritik ruht nicht in sich, denn der Impuls zur Veränderung geht von der Praxis aus. Ob er vorhanden ist, mag eine theoretische Frage sein; ihn hervorzubringen ist nicht die Aufgabe der Theorie. Zwar strebt die Kritik wie der absolute Idealismus die Versöhnung an, doch zeigt sie, daß, wer dieses Ziel erreichen will, die falsche Form der Welt ebenso wie die falschen Formen des Bewußtseins, die ihr korrespondieren, zerstören muß.

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7. Hans-Georg Backhaus: Begriff der Kritik (2). Horkheimer, Adorno und die gesellschaftliche Reflexion der Marxschen Ökonomiekritik

Um Adorno und Horkheimer geht es in diesem Vortrag nur am Rande. Backhaus redet eher über die erfolglosen Versuche der ökonomischen Wissenschaft, das Geld widerspruchsfrei zu bestimmen. In der Diskussion wird die meiste Zeit gelacht, etwa nachdem Backhaus eine Aussage Marxens zitiert, in welcher jener seinen Stolz bekundet, dem deutschen Volk anzugehören…

Die traditionell einseitige Rezeption des marxschen »Kapital« in seiner Eigenschaft als einer »Kritik der politischen Ökonomie« führt darauf, daß die Neutralisierung oder gar Eliminierung des Marxschen Kritik-Programms ein konstitutionelles Markmal des traditionellen Marxismus ausmacht, und zwar in allen seinen Spielarten. Dagegen begründet Max Horkheimers Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« eine neue Perspektive, indem das die Differenz der beiden Theorietypen kennzeichnende Attribut »kritisch« ausdrücklich auf die »dialektische Kritik der politischen Ökonomie« bezogen wird, also auf Marxens Analyse im Sinne einer »dialektischen Kritik«. Dabei geht es einmal um jene spezifische Auslegung der »Kritik« und ebenso ihres Objekts, wie sie Theodor W. Adorno in seinen 1942 verfaßten »Reflexionen zur Klassentheorie« knapp und präzise formuliert hat: daß Marxens »Kritik der politischen Ökonomie die des Kapitalismus« bedeutet, also die der »politischen Ökonomie« primär nicht als einer ökonomischen Theorie, sondern als eines realen ökonomischen Gesamtsystems – eines »Systems der Entmenschlichung«, wobei Adorno die »Unmenschlichkeit« so definiert, »daß die Menschen zu Objekten geworden sind«. Einer so verstandenen »Kritik der politischen Ökonomie« geht es nicht allein um die Kritik apologetischer Wirtschaftstheorien, sondern um eine weit radikalere und umfassender Kritik, die in eine Begründung der Klassentheorie als Basis des Historischen Materialismus einmündet, somit in eine »Kritik der ganzen Geschichte« als einer zu kritisierenden »Geschichte der Herrschaft«. Herbert Marcuse hat die Konsequenz dieses kritischen Erkenntnisbegriffs am provokantesten formuliert: »Die Wahrheit der materialistischen These soll sich in ihrer Negation erfüllen.« Und im gleichen Sinne schrieb Adorno 1969 in seiner »Negativen Dialektik«: »Fluchtpunkt des historischen Materialismus wäre seine eigene Aufhebung. … Eine befreite Menschheit wäre nicht länger Totalität, eine wahre Gesellschaft erst wäre frei von Widerspruch und Widerspruchslosigkeit gleichermaßen.« Und trotzdem wird bis heute der werttheoretische Hintergrund jenes Grundmotivs der Frankfurter »Kritik« ignoriert, daß das »Ganze« der kapitalistischen Gesellschaft ein »Unwahres« ist, »eine falsche Identität von Subjekt und Objekt«.

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8. Manfred Dahlmann: Der Wert und die Ideale: (Un-)Moralische Perspektiven

Der sogenannte Materialismusstreit beherrschte die philosophischen Debatten der Linken in den siebziger Jahren. Von den sich als Materialisten bezeichnenden kritisiert wurde ein ‚Idealismus‘, dem die Idiotie unterstellt wurde, er betrachte die Gegenständlichkeit der Natur als bloßes Gedankengebilde. Gar nicht ging es ihnen um das naheliegendste: die Kritik der Ideale im profanen, umgangssprachlichen Sinne. Der Grund dafür ist einfach – waren sie es doch, die damaligen ‚Materialisten‘ also, die die Ideale der bürgerlichen Gesellschaft in ihrer reinsten Form (Freiheit, Gleichheit, Solidarität) zu verwirklichen vorgaben, und legitimierten sie doch auf genau dieser (nicht anders als idealistisch zu nennenden) Grundlage ihre Politik. Alles also wie gehabt: die Linke als die wahren Bürger und somit als Ärzte am Krankenbett einer Welt, die den Glauben an ihre eigenen Ideen längst verloren hatte. Die bürgerliche Rechte redet denn auch seit langem schon, seit der Mitte des 19. Jahrhunderts, von kaum etwas anderem als vom Verfall der kulturellen Werte (der ihnen dabei gern als Konsequenz des »Materialismus« gilt) und sieht in ihm die Ursache alles Bösen. Unter Linken und Rechten herrscht ungeachtet aller Animositäten bis auf den heutigen Tage somit der Glaube, wie in der Antike seien es die individuellen Tugenden, und somit das wohlgefällige, am Guten, Wahren, Schönen ausgerichtete Leben eines jeden, die letztlich darüber entschieden, wie es um die Qualität des gesellschaftlichen Ganzen bestellt sei. Wer wollte denn auch bestreiten, daß die Moral in seinem Alltag eine herausragende Rolle spielt (keiner behauptet schließlich von sich, er gefalle sich darin, seinen Freunden und Bekannten als Bösewicht gegenüber zu treten), und was liegt näher, als ins gesellschaftliche Allgemeine unmittelbar zu projizieren, was aus dieser Erfahrung – der, daß man selbst zweifellos nie etwas Böses im Schilde führen könne – unmittelbar folgt: daß es sich bei den anderen um Menschen mit schlechtem Charakter handeln muß, wenn es gesellschaftlich mal nicht so läuft wie man selbst es gerne hätte. Gegen die unvollkommene Verwirklichung der Werte als auch gegen den Werteverfall wird allseits die gleiche Medizin aus dem Arsenal erfolgsorientierten Managements verschrieben: konsequentes, zielgenaues Handeln. Selbst wem es um die Umwertung aller Werte (Nietzsche/Heidegger/Foucault) geht, oder auch, etwas bescheidener, nur um die Wertfreiheit der Wissenschaften (die so zur Verwirklichung allgemein anerkannter, pluralistischer Werte instrumentalisiert werden sollen), der redet immer von den anderen als denjenigen, die die falschen Ideale (oder die richtigen Ideale mit falschen Mitteln) verwirklichen würden, aber nie darüber, worum es jedem Gerede um Moral, Normen, Macht, Zwecksetzungen oder was für einer Praxis und Idealität auch immer in Wirklichkeit einzig geht: die Verwertung des Werts als die im empirischen Subjekt sich konstituierende und in Geld und Kapital inkarnierende gesellschaftliche Synthesis.

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9. Abschlußveranstaltung: Begriff des Kommunismus – Notwendigkeiten der staaten- und klassenlosen Weltgesellschaft nach dem 11. September

Podiumsdiskussion mit Tjark Kunstreich, Horst Pankow, Stephan Grigat (angefragt) und Joachim Bruhn

(Grigat: Was heute ansteht, ist eine Radikalisierung der Kritik der Politik vor dem Hintergrund der Neurezeption der Marxschen Fetischkritik. Die Kritik an der begeisterten Bezugnahme auf jede auch nur irgendwie widerständige Regung der wert- und staatsfetischistischen Subjekte und an der diesen Regungen im Postnationalsozialismus fast zwangsläufig innewohnenden Affirmation der Volksgemeinschaft muß dabei in Zukunft ins Zentrum gerückt werden. In dieser Kritik wird Politik einerseits als bewußte Herrschaft und andererseits als objektiver, den Trägern von Politik unbewußter historischer und aktuelle Durchsetzungsmodus der Wertvergesellschaftung begriffen. Auch die Politik der traditionellen Arbeiterbewegung wie der Neuen sozialen Bewegungen hat daran teil. Allein die Tatsache, daß alle anfänglich emanzipatorischen Bewegungen im Staat gelandet sind, rechtfertigt es, jede Politik als staatsfixiert zu begreifen. Der Kritik der Politik geht es daher nicht um die Wiederbelebung des Politischen oder um die Rettung der Politik, sondern um ihre Abschaffung.)

Pankow: Spätestens mit Auschwitz wurde der Zionismus als jüdisches Selbstbewußtsein, das sich auch materiell – d. h. gewaltsam – zu behaupten weiß, für die Juden zur Überlebensnotwendigkeit. Schließlich hatten die Deutschen unter Beweis gestellt, wozu der Antisemitismus in seiner Konsequenz fähig ist. Wenn ein auf solche Weise gewaltsam zur »Nation« befördertes Kollektiv sich einen Staat schafft, ist dies in einer Welt, deren Normalzustand die gewaltförmige Organisation in Staaten ist, nicht nur nicht verwunderlich, es ist erforderlich. Die Gründung Israels war insofern nur konsequent. Israel ist für alle Juden eine Bedingung relativer Sicherheit, solange es Antisemitismus gibt. Gerade antinationale und antideutsche Linke haben daher das scheinbare Paradox zu akzeptieren, daß es ihre Aufgabe ist, die Existenz des Staates Israel und seiner nationalen Interessen bedingungslos zu verteidigen.

Bruhn: »Ihr wißt, der Kommunismus ist ein System, nach welchem die Erde das Gemeingut aller Menschen sein, nach welchem jeder nach seinen Fähigkeiten arbeiten, ›produzieren‹, und jeder nach seinen Kräften genießen, ›konsumieren‹ soll; die Kommunisten wollen also die ganze alte gesellschaftliche Organisation einreißen und eine völlig neue an ihre Stelle setzen. (…) Denn daß aber an der alten, gänzlich verfaulten Gesellschaftsordnung zu flicken und zu übertünchen Zeitverschwendung ist, wird jeder vernünftige Mensch leicht erkennen. Es ist daher nötig, daß wir fest an dem Wort Kommunismus halten und es kühn auf unsre Fahnen aufpflanzen und dann die Streiter zählen, die sich unter derselben versammeln«, so heißt es in der »Ansprache der Volkshalle des Bundes der Gerechten« an den Bund aus dem Februar 1847; und wenig später gab man bei Marx das »Kommunistische Manifest« in Auftrag. An der Wahrheit dieser Sätze hat der 11. September einerseits gar nichts geändert, andererseits aber so viel, daß Vernunft und Wirklichkeit ein weiteres Stück auseinandergetreten sind, so weit, daß, wenn die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« die antiimperialistischen Bekenntnisse von Arundhati Roy druckt, die Linke das stantepede im autonomen Vereinsblättchen raubdruckt. Das kommt davon: Deutsche Bourgeoisie und deutsche Linke sind eine Volksfront geworden: So viel, als Fußnote, zum Begriff des Kommunismus.

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  1. Siehe etwa den entsprechenden Vortrag von Ingo Elbe und die zuletzt von Manfred Dahlmann in der Prodomo formulierte Kritik an der NML, die in einem Zusammenhang mit dem Begriff der Freiheit, der Kritik des Antisemtimus und dem Existentialismus Sartres steht: Teil 1 | Teil 2 | Teil 3. Joachim Bruhn hat unterdessen seine Kritik an der akademischen NML zugespitzt zu der Frage »Warum können Marxisten nicht lesen?«. Hinzuweisen ist auch auf den Nachtrag zur Prodomo-Debatte, den Elmar Flatschart in der EXIT! veröffentlicht hat. Nr. 10/2012 [zurück]
  2. Hier ein Überblick über die entsprechenden Texte: [zurück]
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Psychoanalyse des Antisemitismus December 18, 2012 | 07:41 pm

Felix Riedel (Nichtidentisches) stellte vor einigen Tagen bei einem ausführlichen Vortrag in Rostock zentrale Differenzen der psychoanalytischen und sozialpsychologischen Erklärungsversuche des Antisemitismus, ihre Aktualität und kritische Relevanz zur Diskussion.

Die kritische Dimension der Psychoanalyse erwächst wesentlich aus ihrer Perspektive vom Individuum auf die Gesellschaft und zurück. Die Ableitung von Pathologien aus fast unvermeidlichen Traumata der frühen Kindheit ist der Kernbestand, um den Antisemitismus einer angemessenen Kritik zu unterziehen. Nur so lässt sich sein historisches Alter, seine gleichzeitige Flexibilität und Starrheit erklären – aus seinem Angebot an sehr frühe, quasi überhistorische intrapsychische Konfliktkonstellationen, die in jeweils unterschiedlichen gesellschaftlichen Bedingungen umgeformt und beeinflusst, aber nicht durch diese erst erzeugt werden müssen.
Für Freud selbst war der Antisemitismus die offene Frage seiner letzten großen Publikation, dem „Mann Moses“. Neben einer radikalen Religionskritik am Beispiel der jüdischen versuchte Freud die Permanenz des antisemitischen Ressentiments in zwei Bereichen zu fassen: Einmal auf Grundlage des Kastrationskomplexes und einmal unter Annahme einer ödipalen Grundstruktur des Antisemitismus: in jenem Diktum von den Christen als schlecht getaufte Heiden. Beide Vorschläge sind überarbeitungsbedürftige Fragmente geblieben. Die heilige Allianz von Narzissmus und Antisemitismus in der christlichen Religion wurde von Grunberger/Dessuant analysiert: Für diese stellt der Narzissmus als eigene Instanz den Antisemitismus auf. Adorno schließlich beschrieb den Phänotyp des autoritären Charakters, mit Horkheimer entstanden Fragmente einer Analyse in den „Elementen des Antisemitismus“. Beide basieren auf dem Konzept der „pathischen Projektion“.
Felix Riedel ist Ethnologe und publizierte unter anderem zu strukturellen Ähnlichkeiten und Differenzen von Antisemitismus und modernen Hexenjagden. Seit 2006 analysiert er auf nichtidentisches.wordpress.com gesellschaftliche Phänomene und Filme.

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Roger Behrens: Versuche einer kritischen Radiopraxis December 9, 2012 | 02:53 pm

Er hielt Rundfunkvorträge, nahm an Gesprächsrunden1 teil, diskutierte im Fernsehen über Fragen der kritischen Theorie, bediente sich des Rundfunks, um im Sinne der Erziehung zur Mündigkeit mit politisch – philosophischen Beiträgen Aufklärung zu leisten: Theodor W. Adorno. Michael Schwarz, Mitarbeiter im Adorno-Archiv, hat allein 114 Rundfunkgespräche gezählt, bei denen sich Adorno vor das Mikrophon setzte. Noch höher ist die Zahl der ausgestrahlten Vorträge im Radio. Durch die Partizipation im öffentlich-rechtlichen Rundfunk versprach er sich seinen Teil zur Entbarbarisierung beizutragen; das Radio als Kommunikationsapparat zu nutzen, statt es wie in der Kulturindustrie zum Volksempfänger zu funktionalisieren.
Das (öffentlich-rechtliche) Radio, das hilft nicht zu verkümmern, ist heute Illusion: Rundfunkanstalten sind vernarrt in die Idee, dass Hörfunk eine Art überall erreichbaren Services sei. Die Konsequenz ist das kleinste zumutbare gemeinsame Vielfache: Musik, die durch den Alltag dudelt und – quasi zusätzlich- Informationen über das Wetter, den Verkehr und das tagesaktuelle Geschehen – möglichst gut und schnell verdaulich. Nicht verwunderlich daher, dass Akteure, die sich in der Tradition der Kritischen Theorie sehen, sehr selten in solchen Formaten zu Wort kommen. Die Wenigen, die dennoch zu hören sind, sind zumeist auf die limitierten Möglichkeiten freier Radios angewiesen. Ein Beispiel liefert Roger Behrens Sendung Freibaduniversität (im Winter Hallenbaduniversität genannt), die er für das Freie Senderkombinat Hamburg und Radio Corax produziert. Einige Sendungen der letzten Monate dokumentieren wir im Folgenden.

Zu Walter Benjamins Über den Begriff der Geschichte2

Es gibt ein Bild von Klee, das Angelus Novus heißt. Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt. Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund ist offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muß so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, daß der Engel sie nicht mehr schließen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir den Fortschritt nennen, ist dieser Sturm. (Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte) Roger Behrens spricht über die posthum unter dem Titel „Über den Begriff der Geschichte“ publizierten geschichtsphilosophischen Thesen Benjamins.

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Verstummen. Versuch einer Aktualisierung der Kritischen Theorie

Roger Behrens unternimmt den Versuch einer Bestandsaufnahme sowie einer Aktualisierung der kritischen Theorie des Sozialphilosophen Theodor W. Adorno; dabei geht es auch um Aspekte, die in der kritischen Gesellschaftstheorie Adornos widersprüchlich oder bloß angedeutet blieben, etwa um die Frage der gegenwärtigen Bedeutung der Kritik der Kulturindustrie für die neuere Popkultur, um die Perspektiven einer ästhetischen Theorie nachdem Kunst endgültig verstummt scheint.

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Die Moderne redigiert. Zum Tod von Heinz Paetzold

Am 9. Juni ist der Kulturphilosoph und Kritische Theoretiker Heinz Paetzold gestorben. Wer Paetzold liest, merkt sofort, auf welche Vielfalt von Theorien er sich bezogen hat. Keineswegs ist sein Zugriff auf die unterschiedlichsten Theorien affirmativ, wenn auch insofern wohlwollend, als er selbst Arnold Gehlen oder Shuzo Kuki und Tetsuro Watsuji in der Perspektive rettender Kritik rezipiert.

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Über und gegen Heideggers Ontologie

Heideggers Ontologie wurde von unterschiedlichsten Schulen nachgerade euphorisch rezipiert als vermeintlich einziger Denkweg, der im gegenwärtigen Zeitalter überhaupt noch beschritten werden könne. Dass Heidegger die Metaphysik endgültig zerschlagen wollte und Jacques Derrida dies mit dem Verweis quittierte, Heidegger sei damit nicht weit genug gegangen, ist überdies symptomatisch für eben die Paradoxie, die die moderne Ontologie im Kontext der Geschichte des 20. Jahrhunderts ohnehin bezeichnet: Die Fundamentalontologie ist nur naiv oder zynisch vom deutschen Boden zu trennen, auf dem die Lichtung des unverborgenen Seins inmitten des nationalsozialistischen Terrors ausgemacht wurde. Dass Heidegger sich nicht nur persönlich zum Faschismus bekannte, gilt noch heute in der akademischen Philosophie als Tabu.

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Erich Fromm und die kritische Theorie des Subjekts

Erich Fromm über den angepassten Menschen heißt ein kurzer, zweiminütiger Clip auf Youtube, in dem Fromm in einem Interview von 1977 über die spätkapitalistische Gesellschaft spricht: Wie werden Menschen in die bestehende Ordnung integriert, und wie wird dabei ihr psychischer Apparat so organisiert, dass man sich mit einer Struktur abfindet, in der die Repression nachgerade als Erfüllung höchster Ziele erscheint? Fromm beginnt: Die Normalsten sind die kränkesten, und die Kranken sind die gesündesten … Der Mensch, der krank ist, der zeigt, dass bei ihm gewisse menschliche Dinge noch nicht so unterdrückt sind, dass sie in Konflikt kommen mit den Mustern der Kultur und dass sie dadurch Symptome erzeugen … Glücklich der, der ein Symptom hat; wie glücklich der, der einen Schmerz hat, wenn ihm etwas fehlt. Das wissen wir: Wenn der Mensch keinen Schmerz empfinden würde, wäre er in einer sehr gefährlichen Lage. Aber sehr viele Menschen sind so entfremdet, dass sie schon gar keinen Konflikt mehr empfinden, das heißt, ihr wirkliches Gefühl ist so verkümmert, dass sie das Bild einer chronischen leichten Schizophrenie zeigen.

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Allumfassende Kulturindustrie

In der Konkurrenz der Medien ist der Bedarf nach Musik, Geschichten und Bildern ebenso unersättlich wie in der politischen Konkurrenz der Interessen der nach Expertenäußerungen. Irgendwelche Verbindlichkeit hat das alles nicht. Ein Musikstück folgt dem anderen, eine Expertenäußerung wird von der nächsten aufgehoben. Künstler machen es mehr mit modischer Unangepaßtheit. Aber im Großteil der Fälle passiert gar nichts. Roger Behrens über die Totalität und die Möglichkeiten einer Kritik der Kulturindustrie.

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Krieg und Pop

Die Gammler und der Protest gegen die atomare Wiederaufrüstung, die friedliche Nelkenrevolution mit den Blumen in den Gewehrläufen, die Poster, auf denen Atompilze und sterbende Soldaten mit einem Why? befragt wurden, und die Mauer, auf der steht: Stell Dir vor es ist Krieg, und keiner geht hin!; Yoko Ono und John Lennon (Make Love, not War), Joseph Beuys (Wir wollen Sonne statt Reagan, in), Nicole (Ein bißchen Frieden) und natürlich die Bots, überhaupt die Friedensbewegung, das Friedenszeichen und Picassos weiße Taube, und so weiter. Doch die Symbolik der Popkultur ist nur augenscheinlich eine des Friedens: Bereits die frühen Jugendbewegungen zogen 1914 begeistert in den ersten Weltkrieg; eine – wie auch immer codierte – Adaption militärischer Accessoires gehört zu fast allen Popkulturen, von den Flieger-Lederjacken bis zu den Parkas der Mods und! der derzeitigen Camouflagebekleidung. Ihren Protest gegen den Krieg setzt die Popkultur nicht selten mit den Mitteln des Krieges um – diesen Zynismus hat zuerst der Punk erkannt, allen voran Gruppen wie Crass, die dann auch richtig stellten: Fight War, not Wars!. Um es kurz zu machen; Kein Pop ohne Krieg. Friedrich Kittler hat die Nähe zwischen Kriegselektronik und moderner Kulturtechnik nachgewiesen; die Fundierung der sexistischen Gewalt in der Popkultur, die im Krieg etwa als Massenvergewaltigung eingesetzt wird, bestätigt Männerphantasien von Ernst Jünger bis Slayer. Alle maßgeblichen Elemente der Massenkultur sind zugleich Elemente des Krieges. Roger Behrens über Krieg und Pop.

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Gesellschafts- statt Kulturkritik.75 Jahre traditionelle und kritische Theorie (Max Horkheimer)

Die Frage, ob man für oder gegen Kritische Theorie sei, ist Unfug; sie entspricht der herrschenden Tendenz in den Geistes- und Sozialwissenschaften, vom theoretischen Ballast, von schwerverdaulicher Kritik sich zu verabschieden: sich frei zu machen, womöglich von Theorie überhaupt; als ob nicht die Zustände das Problem seien, sondern die Theorie, die diese Zustände als problematisch beschreibt. Mit der Kulturindustriethese gelingt Adorno eine Kulturkritik, die über den konservativen und restaurativen Kulturpessimismus mehr als hinausgeht – und deswegen keine Kulturkritik ist, sondern an der Kultur explizierte Gesellschaftskritik; mit der Kulturindustriethese entfaltet Adorno die Notwendigkeit einer dialektischen Aufhebung der Kultur, als deren Resultat das stünde, was Adorno kaum auszusprechen wagte, was zugleich im Namen der Kultur strukturell verhindert wird: die emanzipierte Gesellschaft. Roger Behrens – aus Anlass des 75. Jahrestages des Erscheinens des Aufsatzes traditionelle und kritische Theorie von Max Horkheimer – zur Aktualität der Kritischen Theorie.

    Download: via AArchiv (mp3; 45 min; 15 MB)

Kritik der Medien und des Pop

Seit den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts bilden Neue Medien, Pop, Postmoderne und die dazugehörigen theoretischen Derivate die kulturelle, technische und ideologische Architektur des Spätkapitalismus; zusammen mit Wörtern wie Information, Kybernetik, Kommunikation und dergleichen bestimmen sie den Ausdruckszusammenhang der Entwicklung von der fordistischen zur postfordistischen Gesellschaft bis in die Gegenwart. Pop, Medien oder Postmoderne werden dabei in je spezifischen Diskursformationen (Popdiskurs, Cultural Studies, Medientheorie, Postmoderne und Poststrukturalismus) als Paradigmen eingeführt. Dabei werden Bezeichnungen wie Pop und Medien auf immer mehr Bereiche der gegenwärtigen Gesellschaft ausgedehnt und verallgemeinert (ohne damit aber Allgemeines zu begreifen): Die Gesellschaft wird zum abstrakten Modell, die konkreten Beziehungen der Menschen immaterialisiert. Die materiellen Bedingungen der Produktion sind aufgelöst in Feldern, Koordinaten, Systemen, oder werden schlichtweg theoretisch annulliert. Roger Behrens übt eine Kritik der Medien und des Pop.

    Download: via FRN (mp3; 49 min; 35 MB)

Weitere aktuelle Beiträge von Behrens werden unregelmäßig, aber früher als im Audioarchiv, hier zusammengetragen.

  1. Eine kleine Auswahl findet sich unter anderem bei Ubu:
    http://ubu.com/sound/adorno.html
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  2. In dieser Sendung tauchen auch hin und wieder Sequenzen des Ammer & Console Projektes Loopspool (1999) auf. Dort finden sich die Stimmen von Theodor W. Adorno, Laurie Anderson, Ernst Bloch, Lisa Fittko, Heiner Müller, Max Rychner und Gerschom Sholem: http://www.coderecords.de/code01loopspool.html [zurück]
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Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (III) November 25, 2012 | 06:18 pm

Eine kritische Einführung in die Psychoanalyse

Johanna Schmidt (EXIT!) hat sich an einer m.E. gelungenen Einführung in die Psychoanalyse im Kontext feministisch akzentuierter Gesellschaftskritik probiert. Ausgehend von einer rudimentären Entfaltung des Begriffs der Gesellschaft im Anschluss an die Marxsche Ökonomiekritik und die Wert-Abspaltungs-Kritik von Roswitha Scholz expliziert sie einige Grundkategorien und -annahmen der psychoanalytischen Theorie (Trieb, Nachträglichkeit, Lustprinzip usw.), wobei sie sich um die Zurückweisung gängiger Vorurteile bemüht. Abschließend diskutiert sie zentrale feministische Einwände gegen Freud.

Der Mitschnitt ist am 08.09.2012 im selbstverwalteten Jugendhaus Erlangen entstanden und enthält eine kurze, etwa zehnminütige Diskussion.

Download (mp3): via AArchiv | via RS (0:45 h, 21 MB)

Download (mp3 oder ogg) via Archive.org.

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Hören:

    Die Einwände gegen die Psychoanalyse – die meist schon vorab als widerlegte oder gar lächerliche Theorie abgetan wird – sind vielfältig: So steht sie in der Kritik, deterministisch, individualistisch und anti-feministisch zu sein. Ihr wird vorgeworfen, den Menschen als notwendiges Produkt seiner Kindheitsentwicklung zu verstehen. Sie würde des Weiteren gesellschaftliche Einflüsse auf das Individuum nicht hinreichend mit einbeziehen und könne somit soziale Phänomene nicht erklären. Außerdem konzentriere sich psychoanalytische Theorie nur auf das Männliche und rechtfertige eine Inferiorsetzung von Weiblichkeit.

    In dem Vortrag „Psychoanalyse und Gesellschaftskritik“ sollen – nach einer kurzen Erläuterung psychoanalytischer Grundannahmen – solche Meinungen und Einwände auf ihre Richtigkeit überprüft und der Frage nachgegangen werden, inwieweit psychoanalytische Theorie für eine Ideologiekritik der modernen Gesellschaft fruchtbar gemacht werden kann.

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Once more, with feeling September 21, 2012 | 12:58 am

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Once more, with feeling

Gegen Islam und Aufklärungsverrat!

 

„›Die Linke‹ ist tot, aber die meisten Linken haben es gar nicht bemerkt und einige wollen es nicht so recht wahrhaben.“

„Der linke ›Common sense‹ ist die moraline Variante der herrschenden Meinung, die bekanntlich die Meinung der Herrschenden ist.“

Joachim Bruhni

 

Die Antisemiten in der deutschen Linken haben es nicht leicht: Anders als den Rechten, die ebenfalls ihren Antisemitismus nach 1945 unter dem Joch des gesellschaftlichen Tabus verdrängen oder zumindest tarnen mussten, macht ihrem Hass auf die Juden auch das eigene, linke Selbstverständnis zu schaffen. Sie denken Antifaschisten im Kampf gegen Unterdrücker zu sein und das passt nicht zum Judenhass, außer die Juden seien selbst Unterdrücker: Auf der ersten Stufe des Selbstbetrugs rehabilitierte die deutsche Linke den Antizionismus. Der deutschen Palästinasolidarität, der die realen Probleme der Palästinenser und Palästinenserinnen vollkommen egal waren und sind, gelang ein preisverdächtiges Kunststück. Man konnte gegen den jüdischen Staat schlagen und sich als Vorhut des Sozialismus fühlen. Die eigene deutsche Vergangenheit wurde ihnen dabei zum moralischen Kapital im Abwehrkampf gegen den in Israel hineingeheimnißten Faschismus. Eigentlich hätte alles so gut sein können. Doch dann fiel die Sowjetunion und mit der Wiedervereinigung kam die antideutsche Kritik und machte den deutschen Linken den Antizionismus madig. Einige resistente Antizionisten wehren sich bis heute dagegen, aber nicht wenige Linke wurden antinational. Sie sind nun kritisch gegenüber Antisemitismus, den manche von ihnen auch im Antizionismus aufzuspüren gelernt haben. Ihre Entsorgung der Vergangenheit und Rehabilitierung des antiisraelischen feeling tarnt sich unter dem Mantel einer, von allen historischen Bedingtheiten abstrahierenden, pesudo-universalistischen Nationalismuskritik. Von Postnazismus will man nichts wissen und Solidarität mit Israel verbietet man sich, schließlich sei es doch auch nur ein Nationalstaat wie jeder andere. Die eigenen Demonstrationen hält man rein von Nationalflaggen, wovon selbstverständlich nur israelsolidarische Menschen betroffen sind und solche, die denken, man könne den Alliierten schon mal für die Befreiung der Welt von den Deutschen danken. Aber das genügt den Linken nicht mehr. Denn seit islamistische Rackets der USA, dem Hauptfeind aller Linken, ihre Verletzlichkeit demonstrierten, sieht man die Muslime und Muslimas der Welt der bevorstehenden Vernichtung ausgeliefert, wie es einst Palästinenser und Palästinenserinnen zu sein schienen. So packt man postmoderne Modetheorie und islamische Kampfbegriffe ins Gepäck und stürzt sich in den queeren Djihad gegen USA und Israel. Auch vor Hamburg macht die Rekrutierungswelle nicht halt. Bereits 2011 organisierten die undogmatischen Bündnisfetischisten von Avanti eine Veranstaltungsreihe zu „antimuslimischem Rassismus“. Ein Jahr später wurde das Thema ausgegriffen von Susann Witt-Stahl, die sich als Boykotteurin jüdischer Filme einen Namen machte und nebenberuflich antispeziezistische Leichenschändung an Vertretern der Kritischen Theorie betreibt. Doch die Hamburger Szene hat eigentlich ganz andere Sorgen: Sie befindet sich seit Jahren im verzweifelten Abwehrkampf gegen Aufklärung und Emanzipation, stets bemüht dem Gift der Ideologiekritik zu entrinnen. Die Einen versuchen, der Barbarei so viel als möglich Vorschub zu leisten, beschimpfen und schlagen panisch gegen alle, die ihnen als Szenevergifter gelten. Die anderen fühlen sich einem wie auch immer gearteten ideologiekritischen Projekt verbunden bzw. haben wenigstens einen noch so rudimentären Begriff von linkem Antisemitismus, dass sie für den Rest der Szene zu Hassobjekten erster Klasse werden. Nicht wenige von ihnen scheinen an Reintegration interessiert und versuchen „die Spuren ihrer Lektüre zu tilgen, wie manche Altersgenossen ihre Facebook-Fotos aus früheren Jahren.“ii Der Großteil der Hamburger Szene verharrt in Gleichgültigkeit: bloß keine Debatte, bloß keine Spaltung! So schrecklich dieser Konflikt für die darin Gefangenen, so grausam die Schläger der antiimperialistischen Rackets, so sonderbar die Versuche Postantideutscher in den antisemitischen linken Mainstream zurück zu finden: So sehr bleibt zumindest zu hoffen, dass das „[schleichende] Gift“ der Kritik noch mehr Linke „zum unfreiwilligen Eingeständnis ihres endgültigen Scheiterns“ treibt.iii Wir erlauben uns diese Hoffnung, denn ideologiekritische „Schriften werden weiterhin von Linksradikalen gelesen […] und werden von jungen, unschuldigen Gemütern aufgenommen und in ihr politisches Weltbild eingebaut.“iv

Wenn also Hamburger Linke schon wieder meinen, den Islam vor Kritik schützen zu müssen und einen Kongress gegen „antimuslimischen Rassismus“ veranstalten und die Rote Flora meint, nach den antiisraelischen Tiraden der Hamas-Freundin Inbal S. sei ein solcher Kongress eine willkommene Fortsetzung, finden wir genug gute Gründe, solchem Meinen seinen verdienten Platz auf dem Müllhaufen der Geschichte auszuweisen.

 
 

Zuvor: Die Aufklärung vor sich selbst retten und gegen ihre Feinde verteidigen

Der Sieg der bolschewistischen Revolution 1917 war ein Befreiungsschlag. Viele verbanden mit ihr die Hoffnung, die Menschen könnten sich aus dem Stande der Unfreiheit lösen und eine vernünftige Gesellschaft einrichten. Es schien an der Zeit. Doch die Revolution beinhaltete auch die Bedingungen ihres Scheiterns: Zur Verteidigung der Revolution wurde die sozialistische Gesellschaft totalitär und erschuf das Archipel Gulag. 16 Jahre später siegte in Deutschland die totale Konterrevolution der Nazis. Der antisemitische Wahn hatte das Proletariat erfasst, von dem man sich doch den Kommunismus erhoffte, und die Grausamkeit des deutschen Verbrechens adelte noch den Krieg als Vollstrecker der Menschlichkeit. Spätestens mit dem Hitler-Stalin-Pakt verlor auch das realsozialistische Regime endgültig seine Unschuld. Inmitten dieses Wahnsinns stellte sich die Frage, „warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“v Adorno und Horkheimer versuchten sie mit der 1947 erschienenen Dialektik der Aufklärung zu beantworten: „schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“vi

Sechs Jahrzehnte später hat es auch in der deutschen Linken sich herumgesprochen, dass Aufklärung „problematisch“ ist. Allerdings nicht aufgrund der kritischen Theorie Adornos und Horkheimers, sondern weil sie das postmoderne Ticket zog. Von Lyotard lernte man, die Zeit der großen Erzählungen sei vorbei und auch die Aufklärung wähnt man erledigt.vii Ihren universalistischen Anspruch verdächtigt man des Vernichtungswunschesviii, ihr Beharren auf Vernunft schimpft man logozentrisch.ix Der Idealismus, den Marx einmal besiegt zu haben schien, feiert sein glorreiches Comeback in der Vorstellung, der gesellschaftliche Diskurs erschaffe die materielle Welt.x Inmitten dieser Sonnenfinsternis der vollendeten Gegenaufklärung heiratet der religiöse Fundamentalismus den antisemitischen Wahn und schenkt der Welt den Islamismusxi – an seiner Verteidigung üben sich die Adepten Foucaults, Spivaks und Butlers: Studenten, Intellektuelle, Linke und andere selbsternannte Gesellschaftskritiker. War es einst ihr Programm die Welt zu entzaubern, wenden sie sich nun gegen das Verschwinden der Spiritualität im Westen, das Verbot der Witwenverbrennung in Indien oder liberale Rechte von Homo-, Bi- und Transsexuellen in Israel. Was könnte man dieser völlig verkehrten Welt noch entgegensetzen? Wohl einzig den Versuch, „weder von der Macht der anderen, noch von der eigenen Ohnmacht sich dumm machen zu lassen.“xii Der kritische Gedanke müsste, will er dem Wahnsinn nicht verfallen, durch Selbstbesinnung seinen pathischen Anteil negieren. Zwar ist es die Aufklärung selbst, die Gegenaufklärung hervorbringt und in Barbarei umschlägt, dennoch vermag nur die „ihrer selbst mächtige, zur Gewalt werdende Aufklärung […] die Grenzen der Aufklärung zu durchbrechen.“xiii Es gilt, die Aufklärung vor sich selbst zu retten und gegen ihre Feinde zu verteidigen.

Doch es war die Härte und Strenge, mit der Aufklärung gegen die religiösen Spinnereien und den Zwang der Natur schlug, die ihr zum Verhängnis wurde. Sie wollte sich durch Beherrschung der Natur von deren Bann befreien und die Menschen aus der Furcht führen. Doch mit der Naturbeherrschung produziert sie einen neuen Zwang. Die Gesellschaft wird zur zweiten Natur, die Menschen, obschon durch die Entwicklung der Produktivkräfte zur Freiheit befähigt, stehen jetzt unter der Herrschaft des Kapitalverhältnisses. Aufklärung wird totalitär und das lässt auch die Vernunft nicht unbeschadet. Wo sie einst Hoffnung stiftete, die Menschen könnten sich als Gattung aus der Unmündigkeit befreien, steht sie heute selbst unter dem Verdacht des Totalitarismus. Gegen die Religionen denunzierte Aufklärung das Mythologische am Wahrheitsbegriff, aber sie traf auch sich selbst: Der Vernunft wird unterstellt auch nur Glaube zu sein und ihre Entzauberung macht sie zur Meinung unter vielen. Der Begriff des Universellen, für alle Menschen gültigen, objektiv Wahren, ohne den eine befreite Gesellschaft als freie Assoziation freier Individuen nicht zu denken ist, wird zur Ware auf dem Meinungsmarkt. Die Not, unter den Bedingungen einer zunehmend undurchsichtigeren und komplexeren Welt Meinungen für wahr nehmen zu müssen, ohne ihre Wahrheit prüfen zu können, verwischt den Unterschied zwischen Wahrheit und Meinung.xiv Das adelt den subjektiven Wahn.xv So wird die islamische Barbarei zum gleichberechtigten Konkurrenten des Universalismusxvi und wer letzteren gegen ihren Sexismus oder Antisemitismus in Anschlag bringt, den schimpft man einen eurozentrischen Rassisten. Selbstverständlich im Namen der Emanzipation.

 

Postkoloniale Kulturschützer als Fünfte Kolonne des Mullahregimes

Es war einmal, 1979, da siegte im Iran die islamische Revolution. Michel Foucault sah darin Anlass zur Freude.xvii Etliche iranische Frauen allerdings sahen die Dinge anders als der Vordenker des heute modischen Queerfeminismus. Sie gingen auf die Straße, um gegen die vom Regime verordnete Zwangsverschleierung zu demonstrieren. Eben jenes Regime bastelt heute an einer nuklearen Bombe, mit der es den jüdischen Staat auslöschen will und der Rest der Welt gibt sich beste Mühe so zu tun als würde man dabei nicht tatenlos zuschauen. Einige Verrückte – Nazis, Antiimperialisten, Günter Grass und sonstige Antisemiten – begrüßen dieses Vorhaben, ein paar von ihnen versammeln sich jährlich zu Al Quds-Märschen, um die ersehnte Entjudaisierung Jerusalems schon im Hier und Jetzt zu feiern. Die meisten deutschen Linken interessieren sich nicht sonderlich für den Iran. Sich offen gegen ihn aussprechen oder gegen die Al Quds-Märsche demonstrieren wollen sie aber auch nicht. Man könnte da ja mit Rechtspopulisten in einen Topf geworfen werden, oder – für einige Linke noch schlimmer – mit Antideutschen und Ideologiekritikern. Man wähnt sich auf jeden Fall in gefährlicher Nähe zur gefürchteten Islamophobie.

Aber was soll das eigentlich sein? In seiner linken Verwendung soll Islamophobie ressentimenthafte, irrationale Kritik am Islam bezeichnen ebenso wie gesellschaftliche Diskriminierung gegenüber Muslimen und Muslimas. Seine Apologeten verstehen sich in herrschaftskritischer, antirassistischer Mission. Aus verschiedenen Gründen lehnen verschiedene linke Gruppierungen den Begriff ab, am häufigsten weil er Rassismus pathologisiere – und Pathologisierungen, meint man, entschuldigen den vermeintlichen Täter. Gesellschaftskritiker, deren Utopie die Welt der vielen, frei nebeneinander existierenden Diskurse ist – früher nannte man so etwas ein Irrenhaus – müssen im irrationalen Kranken wohl etwas Entschuldigendes, wenn nicht gar eine Würdigung sehen. Außerdem werde der Pathologisierte als Subjekt nicht ernst genommen – ähnliche Empörungen werden von Linken auch immer wieder gegen die Psychoanalyse vorgebracht. So wurden verschiedene Alternativen eingeführt: „antimuslimischer Rassismus“, „antiislamischer Rassismus“ oder der völlig perfide Begriff des „Antiislamismus“. Zwischen diesen Begriffen bestehen zwar jeweils kleine Unterschiede hinsichtlich ihrer Herleitung, doch in ihrer Verwendung findet man sie kaum. Sie alle speisen sich aus dem Begriff der Islamophobie.

Als die iranischen Frauen 1979 auf die Straße gingen, um gegen den Schleierzwang zu protestieren, bezeichnete das Mullahregime sie als „gegen den Islam“ und „gegen die Revolution“. Sie wurden nicht pathologisiert, dennoch gilt diese Brandmarkung als Geburtsstunde des Islamophobiebegriffs.xviiiEr ist kein herrschaftskritischer, sondern ein herrschaftstragender. In seiner Affirmation durch die postmodernen Linken wird er zur Neuauflage zweier alter, anti-universalistischer Projekte: Des Chauvinismus und des Relativismus. Den westlichen Chauvinismus gegenüber dem Orient nennt man Orientalismus, eine romantisierende, aber auch abwertende Verzerrung der orientalischen Gesellschaft, zur der auch der Islam zählt. Ihrer Bevölkerung wird eine homogene Identität unterstellt, um in Abgrenzung davon eine ebenso homogene westliche Identität zu entwerfen. Zur Kritik daran könnte man den Universalismus bemühen. Da den postmodernen Orientalismuskritikern aber Universalismus selbst als westlicher Partikularismus gilt, rekurrieren sie auf den Relativismus. Dieser erklärt westliche und orientalische Werte für gleichberechtigt. Somit wird zwar die Abwertung der anderen Kultur thematisiert, nicht aber die Unterstellung einer homogenen Kultur und die angebliche Unvereinbarkeit westlicher und östlicher Werte. Völlig unter den Tisch fällt, dass diese keine ahistorischen Gegebenheiten sind, sondern stets gesellschaftlich umkämpft werden und sich auch verändern können.xix Sein Siegeszug in der Linken gelang dem Relativismus spätestens mit dem Multikulturalismus der Anti-Globalisierungsbewegung. Dieser wollte, dass alle Kulturen in ihrer „authentischen“ Form friedlich nebeneinander existieren sollen. Solche Gesellschaftstheorie ist wirklich antikolonialistisch, denn im Gegensatz zum bürgerlichen Kolonialismus geht sie nicht mehr von der Zivilisierbarkeit der anderen Kultur aus. Stattdessen nähert sie sich dem Gesellschaftsbild der Nazis an, in dem es viele verschiedene Völker mit unvereinbaren, unveränderbaren Eigenschaften gibt – es ist offensichtlich, wie leicht dieser Antichauvinismus in Chauvinismus umschlagen kann.

Was die post-colonial studies, Antiimperialisten, Antikolonialisten und poststrukturalistischen Antirassisten nicht verstehen ist die Kehrseite des Orientalismus: der Okzidentalismus, der orientalische Überlegenheitsanspruch gegenüber dem Westen. Im Namen der Selbstkritik, des marginalisierten Diskurses, der Subalterne oder der hybriden, postkolonialen Identität machen sie sich den anti-westlichen Chauvinismus zu eigen.xx So ausgerüstet denkt man sich auf der sicheren Seite und gegen den totalitären Charakter der Aufklärung gefeit. Aber die postkolonialen Antirassisten verstehen die Dialektik der Aufklärung nicht. Die antidialektische Mission der postmodernen Theorie reduziert den Begriff der Aufklärung auf deren herrschaftliche, totalitäre Seite und wirft die emanzipatorische über Bord. Dadurch redet sie der Gegenaufklärung das Wort. Anstatt den Islam reformieren, abschaffen oder zumindest in die relative gesellschaftliche Irrelevanz verbannen zu wollen, wie es die Aufklärer einst mit dem Christentum versuchten, wird er unter Kulturschutz gestellt und vor westlichen Einflüssen verteidigt. Die Theorie schlägt um in Affirmation der Herrschaft, als deren Kritik sie sich geriert. Sie wird zur konformistischen Rebellion: Der Islamophobievorwurf gegen feministische Kritik am Kopftuchzwang wird transformiert zum antirassistischen Loblied auf das Kopftuch.xxi

 

Aller Orten „antimuslimischer Rassismus“ – nirgendwo Islam?

Mit Banalitäten wie der Dialektik der Aufklärung geben sich die Veranstalter eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ nicht ab. Ihnen geht es darum, „ein zentrales Element widerständiger Politik zurück zu erlangen: Handlungsfähigkeit!“.Man will sich in die Politik stürzen, „linke Positionen zu dem Themenkomplex [...] erarbeiten“.xxii. Das Ziel ist klar: „Ready for Action“ sein.xxiii Doch mit welchem Instrumentarium schreitet man zur Tat? Der Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ beschreibe „rassistische Verhaltensweisen und Einstellungen gegenüber Menschen, die aufgrund ihres Aussehens, ihres Namens oder ihrer vermeintlichen Herkunft für Muslime gehalten werden.“ Mit der „Kategorie Muslim_A“ seien „bestimmte Stereotype“ verknüpft, zum Beispiel die „[kollektive] Unterstellung“ von „antiemanzipatorischen, homophoben oder antisemitischen Einstellungen“.xxiv Die Kritik richte sich dagegen, dass „Mitglieder dieser konstruierten Gemeinschaft [...] homogenisiert“ und „auf zugeschriebene kulturelle bzw. religiöse Eigenschaften reduziert“ werden. Und es geht es auch um „Vorurteile gegen den Islam“, denn der „Islam [wird] dämonisiert“. Der christliche Westen des 16. Jahrhunderts behauptete, der Islam sei „eine Lehre der Unterdrückung, der Gewalt und der sklavischen Unterwerfung“ – und diese Behauptung sei an sich schon rassistisch.xxv

Es geht also um dreierlei: 1. die Identifikation von Menschen als Muslime und Muslimas anhand stereotyper Merkmale; 2. die homogenisierende Darstellungxxvi der Gruppe der Muslime und Muslimas; 3. die Dämonisierung des Islam. Während die ersten beiden Punkte zweifelsfrei Aspekte eines rassistischen Vorurteils sein können, richtet sich dieses nicht gegen Muslime und Muslimas, sondern gegen Menschen, die als Muslime und Muslimas identifiziert werden. Es ist kein „antimuslimischer“ Rassismus, sondern wäre treffender als antiarabischer zu bezeichnen. Deswegen trifft er auch „eher Menschen aus der Türkei, dem Iran oder dem arabischen Raum“ denn „aus muslimisch geprägten Ländern wie Malaysia, Indonesien oder Somalia“.xxvii Die Verbindung zur Islamkritik erklärt sich daraus, dass den Rassifizierten etwas angeblich ihrem Wesen zugehöriges nachgesagt wird, nämlich dass sie Muslime oder Muslimas seien. Diese Biologisierung bzw. Rassifizierung des Islam drückt sich am deutlichsten in der Forderung Serkan Törens (FDP) nach Ausbürgerung deutscher Salafisten aus. Die Möglichkeit einer aufklärenden Reeducation wird ausgeschlossen, nur den Ausschluss aus der Nationalgemeinschaft kann er als mögliche Problemlösung denken. Wer hier den Rassismus in der Kritik oder Dämonisierung des Islam sieht, statt in dessen Rassifizierung und der daran anknüpfenden Identifizierung vermeintlicher Muslime und Muslimas aufgrund ihres Aussehens, verklärt diesen. Die Aussage von Innenminister Friedrich (CSU): „der Islam gehört nicht zu Deutschland“, bringt das rassistische Motiv auf den Punkt. Nicht die jeweiligen Glaubensinhalte der islamischen Strömungen oder die tatsächlich damit einhergehenden antiemanzipatorischen Vorstellungen und Praxen ihrer Anhänger sind für den Rassisten entscheidend, sondern, dass der Islam und seine Anhänger undeutsch seien – bzw. nicht Teil des nationalen, europäischen oder abendländischen Erbes. Dies allerdings nicht den jeweiligen Nationalismen anzulasten, sondern einer angeblichen Dämonisierung des Islam, hat genau zwei Effekte: Der reale Rassismus wird nicht begriffen und der Islam kategorisch gegen Kritik immunisiert. Letzteres steht perfekt in der Tradition des Islamophobievorwurfs gegen die iranischen Demonstrantinnen.

Einen vorläufigen Gipfel der Absurdität erreicht der Begriff des antimuslimischen Rassismus schließlich, indem er sich der Beziehung zum Objekt, nicht dem vermeintlichen Rassisten, sondern dem Islam, verweigert. Wenn die Veranstalter des Hamburger Kongresses extra einen Disclaimer schreiben, um zu erklären, mit Islamkritik nichts zu tun zu haben und sich mit dem Islam nicht beschäftigen zu wollen, denn „[d]arum geht’s doch gar nicht!“, dann ist das nichts weniger als eine Absage ans Prinzip der Realitätsprüfung.xxviii Die eigene Meinung – „der Islam wird dämonisiert“ – steht fest, einer Verifizierung bedarf sie nicht. Woher wollte man denn auch wissen, welche Aussage über den Islam Vorurteil ist und welche nicht, wenn man doch ausdrücklich nicht über diesen reden will? Man kann es nicht, aber man kann auch nicht innehalten und auf diesen Missstand reflektieren: „Meinung, als die von ihrem Gegenstand noch getrennte ratio, gehorcht einer Art von Kräfteökonomie, folgt der Linie des geringsten Widerstands, wenn sie undurchbrochen der bloßen Konsequenz sich überlässt. […] Bloße Meinung neigt zu jenem Nicht-aufhören-Können, das Pathische Projektion heißen darf.“xxixUnd die hat es in sich.

Während die eigene Textproduktion und Kongressvorbereitung hauptsächlich auf die Immunisierung des Islam gegen Kritik hinausläuft, projizieren die Veranstalter des Kongresses genau dieses Vorhaben auf jedwede Islamkritik, die sie per Definition einer westlichen Mehrheitsbevölkerung zuschreiben. Dass Homophobie, Antisemitismus, Sexismus und Gewaltbereitschaft auch in der Mehrheitsbevölkerung existieren, würde geleugnet. Das zeige sich zum Beispiel an der Thematisierung von Ehrenmorden, schließlich seiGewalt gegen Frauen [...] kein spezifisches Problem des Islam, sondern ein gesamtgesellschaftliches.“ Das stimmt zwar, aber Ehrenmorde sind trotzdem eine spezifisch islamische Form der Gewalt gegen Frauen. Unbeirrt von solchen Differenzierungen fahren die Veranstalter fort und meinen: „Die Diskussion um Gewalt gegen muslimische Frauen wird instrumentalisiert, um von Problemen häuslicher Gewalt in der eigenen Gesellschaft abzulenken.“xxx Belege oder Argumente für diese These brauchen sie nicht. Dem interessierten Publikum wird es schon gefallen, seine eigene Meinung bestätigt zu sehen. Der Verweis auf die keineswegs rosigen westlichen Gesellschaften führt zur Relativierung der islamischen Barbarei, frei nach dem Motto: „Wenn man das im Westen auch so macht, dann darf man das den islamischen Gesellschaften nicht vorwerfen.“ Der Chauvinismus des Zivilisierten, der voller Verachtung auf die Wilden blickte, wurde selbstkritisch: Der Zivilisierte merkt, dass auch die Zivilisation nicht perfekt ist. Aus dieser richtigen Einsicht wird der falsche Schluss gezogen: Anstatt jede Form der Barbarei anzuprangern, verstummt man gegenüber der anderen. Günter Grass zum Beispiel entschuldigt sie so: „Wir haben das Glück der Renaissance, der Aufklärung gehabt und damit einen schmerzhaften Prozess durchgemacht… Die islamische Welt hat diesen Prozess nicht durchgemacht, sie befindet sich auf einer anderen Entwicklungsstufe und das muss man respektieren.“xxxiEs kommt noch schlimmer: „Wir haben das Recht verloren, unter dem Recht auf freie Meinungsäußerung Schutz zu suchen.“xxxii Wundert sich bei solchen Aussagen ernsthaft jemand, dass Grass sechs Jahre später den Iran zum Opfer Israels umdichtet?

Als Organisator eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ teilt man Grass’ Ressentiments gegen den jüdischen Staat natürlich nicht. Zumindest äußert man sie nicht öffentlich. Stattdessen behaupten die Veranstalter, „den Blick nur auf den Antisemitismus der anderen zu richten“ solle „vom Antisemitismus in der eigenen Gesellschaft“ ablenken. Sie hätten ihre eigene Feststellung, „dass die Ursprünge des Antisemitismus als europäisches Phänomen von den Kolonialmächten in die arabische Welt getragen wurden“, ernster nehmen sollen. Dann könnten sie historisch nachvollziehen, dass das Zentrum des globalen Antisemitismus sich nach 1945 aufgrund der gesellschaftlichen Tabuisierung von Deutschland in die islamischen Gesellschaften des Nahen und Mittleren Osten verlagerte. Zu solcher Reflexion unfähig, behaupten sie, der Antisemitismus sei etwas dem Islamismus äußerliches. In der Konsequenz läuft das hinaus auf die Meinung, die islamistischen Akteure der zweiten Intifada hätten die „Kritik an der Politik Israels [...] missbraucht […] um Antisemitismus in vermeintlich legitimer Form zu äußern.“xxxiii Als ob sich die Hamas für political correctness interessierte! Als ob Antisemitismus der islamistischen Israelkritik äußerlich sei!

Die Inschutznahme islamistischer Mörderbanden geht noch weiter: Der Afghanistankrieg wird zum „vorläufigen Höhepunkt“ des „Generalverdachts“ gegen Muslime umgedeutet. Die Autoren suggerieren allen Ernstes, die USA hätten in Afghanistan nicht die realen, zweifelsfrei für den Elften September verantwortlich zu machenden Taliban und Al Qaeda, sondern die, rassistisch unter „Generalverdacht“ gestellte, muslimische Bevölkerung angegriffen.xxxiv Damit entlasten sie die Drahtzieher des Attentats und stellen diese als Opfer eines amerikanischen Rassismus dar. Hier wird deutlich, wie die Islamophobiekritik nicht nur dem Antiamerikanismus der Linken Vorschub leistet, sondern auch die Querfront mit antiamerikanischen, antisemitischen Islamisten vorbereitet.xxxv

 

Hybride Identitäten im 21. Jahrhundert: Der islamophile Islamhasser und seine Kritiker

Wer behauptet, es gäbe keine Querfront zwischen Islamisten und den Adepten postmoderner Theorie, belügt sich selbst. Man kann das antirassistische Loblied aufs Kopftuchnicht den Veranstaltern des Kongresses anlasten. Sie singen es zwar lautstark mit, aber geschrieben haben sie es nicht. Wer es zuerst sang, wissen wir nicht, wohl aber, dass es noch abstoßendere Interpretationen des Motivs gibt: Christina von Braun und Bettina Mathes nehmen in ihrem Buch Verschleierte Wirklichkeit. Die Frau, der Islam und der Westen etwa zustimmend Bezug auf die Gründer des Islamismus: „Schon die ägyptische Moslembruderschaft etablierte einen Zusammenhang zwischen Kapitalismus und Entkleidung des westlichen Frauenkörpers [...] Der Westen missbrauche Frauen und weibliche Sexualität, um den Profit zu maximieren; die Werbung beute die Frau im Dienste des Kapitalismus aus.“Die Umdichtung reaktionärer Fundamentalisten in antikapitalistische Feministen ist noch nicht mal das Verstörendste an dieser Textstelle. Hinter der kritisierten „Entkleidung des Frauenkörpers“ verbirgt sich nichts weniger als „westliche Blickmacht“. Diese mache aus Frauen, „die das westliche Frauenbild angenommen haben“, „Komplizinnen eines männlich geprägten Entschleierungsdiskurses.“ Wenn die Muslima es wagt, den islamischen Befehl zur Verhüllung ihres Körpers zu missachten und sich „westlich“ kleidet, schimpft man sie also eine antifeministische Komplizin des Patriarchats.xxxvi Das hat nichts, aber auch gar nichts mit emanzipatorischer Kritik zu tun, sondern ist die Bejahung islamischer Tradition aufgrund eines, von den Islamisten übernommenen und als Selbstkritik verkauften, antiwestlichen Chauvinismus.

Judith Butler geht die Sache anders an. Die als Begründerin der queer theory und gender studies bekannt gewordene Poststrukturalistin treiben in den letzten Jahren ganz andere Sorgen um als Kopftücher und Frauenkörper: Ihr geht es um die Rechte von Queers, also Lesben, Schwulen, Transgendern, Intersexuellen und allen anderen sexuellen Identitäten, die sich der „heteronormativen Matrix“ entziehen. Man könnte nun zu dem häufig gefällten Vorurteil gelangen, die Begründerin der queer theory würde eine liberale Gesetzgebung gegenüber Queers begrüßen. Doch so einfach ist die Sache nicht, denn als gestandene postmoderne Theoretikerin kann auch Judith Butler dem Islam so einiges abgewinnen, vor allem wo Islamisten gegen Israel kämpfen. Sie konstruiert Hamas und Hisbollah als „deskriptiv“ progressive Linkexxxviiund dekonstruiert die liberale Sexualpolitik Israels als „Pinkwashing“. Nicht weil die israelische eine liberale Gesellschaft ist oder die queeren Kämpfe erfolgreich waren, sei Israel ein juristisches Paradies für Queers, sondern weil damit die Unterdrückung der Palästinenser gerechtfertigt werden solle. Dagegen und gegen den damit einhergehenden „Homonationalismus“ wendet sich Butler. An ihrer Seite finden sich auch die Erfinderin des Begriffs, Jasbir Puar, der linksradikale „Transgeniale CSD“ in Berlin und die auf dem Hamburger Kongress referierende Urmila Goel.xxxviiiDiese Argumentation folgt demselben Muster wie die Relativierung von Homophobie, Sexismus und Antisemitismus in islamischen Ideologien und Gesellschaften: Mit der Kritik daran wolle der Westen nur von seinen eigenen Untaten ablenken und diese dem Islam anlasten.

Selbsternannte Antisexistinnen sprechen sich für die islamische Zwangsverschleierung aus und die Begründerin der queer theory agitiert gegen liberale Rechte für Queers. Was schon ziemlich absurd klingt wird noch verrückter: Die Anthropologin Janice Boddy nimmt weibliche Genitalverstümmelungen als „Instrument der Befreiung des weiblichen Körpers von seinen männlichen Anteilen“ in Schutz. Die Verurteilung der Genitalverstümmelung lastet sie der „arroganten Sicht“ der westlichen Beobachter an und fragt sich, was in die Klitoris investiert wird, „dass ihre Entfernung einen solchen Horror auslöst?“.xxxixDie postmodern-islamische Querfront ist längst in den Seminarräumen der Universitäten und den Plena der linken Szene angekommen.xlAngesichts solchen Wahnsinns täte es tatsächlich Not, einen Kongress gegen Rassismus zu veranstalten: Man hätte den postkolonialen Antirassisten aufs Heftigste zu widersprechen, wenn sie den Muslimas das Recht auf freie Kleidungswahl und körperliche Unversehrtheit absprechen. Man hätte ihnen zu widersprechen, wenn sie mit dem Begriff des „antimuslimischen Rassismus“ eine religiöse Ideologie rassifizieren, indem sie Anhänger einer Religion ex negativo zum vom Westen bedrohten Kollektiv homogenisieren. Man hätte schließlich den antiemanzipatorischen Gehalt der gesamten postmodernen Theorie, auf der solche Spinnereien beruhen, anzuprangern. Nichts dergleichen haben die Veranstalter eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ im Sinn.

Wogegen sich der Hamburger Kongress richtet, ist klar bezeichnet: Die „rassistischen Stereotype der Mehrheitsgesellschaft“, die europäische Rechte und Teile der Antideutschen, die sich „zu fanatischen Islamhassern entwickelt“ hätten. Als besonders fieser Antideutscher gilt ihnen Gerhard Scheit, der „die Thematik des antimuslimischen Rassismus“ schlicht leugne, „als gebe es ihn einfach nicht.“xli Seine Argumentation gegen die Titulierung Anders Breiviks als islamophob, verzerren die Veranstalter zum Inbegriff einer antideutschen Rassismusapologie. Was hier verdrängt und verteufelt werden soll, weil es nicht ins Weltbild passt, ist die proislamische Querfront zwischen linken Islamapologeten und rechten Islamhassern: Bei den einen bedroht der Westen den Islam, bei den anderen bedroht der Islam den Westen. Dies sind nicht die beiden Pole einer kruden Neuauflage von Huntingtons Kampf der Kulturen, sondern zwei Seiten derselben Medaille: Begeisterung für den Islam. Es gefällt den Antisemiten, egal ob links oder rechts, „dass diese Religion gemeinschaftsbildend im politischen Sinn ist; dass der gläubige Muslim seinen Status als Überflüssiger auf dem Arbeitsmarkt nicht nur so gut erträgt, sondern daraus Stolz und Würde, und, in Gestalt des jihadistischen Kollektivs, Kampfgeist gegen einen Feind gewinnt, den man als Hirngespinst mit den Jihadisten durchaus gemeinsam hat, nämlich die isoliert betrachtete, abstrakte Seite des Kapitals, in dieser oder anderer Form auf die Juden projiziert, die alle Gemeinschaften zersetzten.“xliiDie linken Islamophobiekritiker können Foucaults Begeisterung für die Spiritualität und den Gemeinschaftssinn der iranischen Revolutionxliiinachvollziehen und sich für den islamischen Einspruch gegen „westliche“, kapitalistische Zumutungenxliv begeistern, besonders, wo er als Opposition gegen die USA und Israel auftritt. Da sie als Linke ihrem Hass auf Israel und die USA freien Lauf lassen dürfen, wird ihre Begeisterung für den Islam offen affirmativ. Den rechten Islamhassern hingegen wird die Ahnung, dass der Islam erfolgreich ist, wo sie versagen oder verhindert werden, zum Neid auf die konkurrierende Ware am Meinungsmarkt. Die „Konkurrenz zwischen abendländischem Vernichtungswahn und islamischen Jihadismus“ verlangt von ihnen die Parteinahme fürs Abendland. Als „abendländischer“ Staat im Handgemenge mit islamistischen Mörderbanden ist es aber ausgerechnet Israel, das gegen die Konkurrenz angerufen wird: Ihr Antisemitismus wird israelsolidarisch.xlv Darum hat Gerhard Scheit recht und „wer hier wie auch sonst von Islamophobie spricht, […] nichts anderes im Sinn, als Antisemitismus zu verschleiern.“xlvi

Der Rekurs auf Breivik ist sicherlich einer aufs Extrem. Das macht ihn allerdings nicht falsch, folgt er doch der Maxime, „daß heute überhaupt nur Übertreibung das Medium von Wahrheit sei.“ So ist es möglich, „eine von der glatten Fassade des Alltags verdeckte Tendenz zu bezeichnen, ehe sie die institutionellen Dämme überspült, die ihr einstweilen gesetzt sind.“xlvii Trotzdem soll die Verschleierung des Antisemitismus durch den Islamophobiebegriff weiter exponiert werden. Vom Antisemitismus in islamischen Gesellschaften und communities wollen die Islamophobiekritiker nichts wissen, diene die Beschäftigung mit jenem doch nur der Entlastung des Westens oder der Mehrheitsbevölkerung. Die Entsorgung der Antisemitismuskritik durch die Kritik der Islamophobie geschieht aber auch auf andere Weise. Sie ist vergleichbar mit der Gleichsetzung von Zionismus mit Nationalsozialismus, die der Schuldabwehr der deutschen Linken durchaus zuträglich war, aber auch international erfolgreich war und ist. Anstatt Antisemitismus im Islam zu kritisieren, wird ein angeblich antisemitisches Ressentiment gegen den Islam konstruiert oder Islamophobie mit Antisemitismus gleichgesetzt. Edward Said, Begründer des postmodernen Orientalismusbegriffs, meint „[d]ie Übertragung eines weit verbreiteten antisemitischen Stereotyps von einem jüdischen auf ein arabisches Ziel“ festzustellen.xlviii Wie soll es möglich sein, dass der Antisemitismus, der die Juden aufgrund historischer Diskriminierung mit der Zirkulationssphäre gleichsetztxlix und sie aufgrund ihrer historischen Staatenlosigkeit als Gegenrasse schlechthin definiertl, „auf ein arabisches Ziel“, auf das diese Zuschreibungen nicht zutreffen, springt? Das funktioniere, so der offenbar bestens in deutscher Rassenkunde geschulte Said, „weil sowohl Juden, als auch Araber beide orientalische Semiten sind“.li Aber warum interessierten die deutschen Antisemiten sich für Araber, zum Beispiel die Moslembrüder, hauptsächlich als Bündnispartner und nicht als zu vernichtende?lii „Denn der Jude des prä-nazistischen Europas hat sich verdoppelt: was wir jetzt haben, ist auf der einen Seite, ein jüdischer Held, der aus einem rekonstruierten Kult des abenteuerlichen Siedler Orientalisten geschaffen wurde (…) und auf der anderen Seite seinen kriechenden, mysteriösen, furchteinflössenden Schatten, den arabischen Orientalen.“ Und wer soll Schuld daran haben? Klar, der Zionist: „Insoweit dieser Araber eine Geschichte hat, ist es die Geschichte, die ihm gegeben (oder ihm genommen wurde: der Unterschied ist minimal) durch die Orientalistische Tradition, und später die Zionistische.“liii Das unterscheidet sich überhaupt nicht mehr vom antisemitischen Gemurmel deutscher Antiimperialisten, die meinen, Zionisten seien die neuen Nazis und Palästinenser deren Juden. Als Said 1978 in Orientalism Islamophobie und Antisemitismus gleichsetzte, mag das gesellschaftlich irrelevant gewesen sein. 34 Jahre später jedoch wird die Gleichsetzung, im Zuge der Beschneidungsdebatte, von fast allen deutschen Medien nachgeplappert und „von jüdischen Organisationen zum festen Bestandteil der herrschenden Ideologie in Deutschland erklärt“.liv

 

Die Resistenz des Antisemitismus und das Elend der Kritik

Den Organisatoren des Hamburger „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ ist der antisemitische Gehalt ihres Anliegens nicht bewusst. Einer solchen Bewusstwerdung widerstrebt das Selbstverständnis als Linke, die sich, ihrer Ideologie zufolge, gegen Antisemitismus wie gegen jedes andere Ressentiment stellen, als auch der Antisemitismus selbst.lv Angesichts des riesigen psychischen wie theoretischen Aufwands, der betrieben wurde, um ihn zu verschleiern oder mit „antimuslimischem Rassismus“ gleichzusetzen, bezweifeln wir, dass die Organisatoren unsere Kritik nachvollziehen werden können. Jenseits psychischer Widerstände verhindert auch die Hegemonie postmoderner Ansätze in der antirassistischen Theoriebildung das Begreifen des Antisemitismus.lvi Eine Theorie des Antisemitismus muss zwangsläufig psychoanalytische Elemente beinhalten, um ihren Gegenstand als unbewussten zu treffen und das arbeitet ebenfalls gegen sie: Zu groß wäre die narzisstische Kränkung durch die Psychoanalyse. Das Ressentiment gegen diese kritisierte schon Adorno als antisemitisches.lvii Die linken Islamapologeten aber denken, sie übten antirassistische Kritik – in manchen Spielarten auch antisexistische, antikapitalistische oder gar anti-antisemitische. Sie meinen, sie ergriffen Partei für ein Opfer gesellschaftlicher Diskriminierung und seines Widerstands gegen den Unterdrücker. Aus diesem Impetus heraus lehnen sie jegliche kritische Auseinandersetzung mit dem Islam ab, da diese ihnen selbst rassistisch zu sein scheint: Stattdessen projizieren sie alle möglichen Bedürfnisse in den Islam und alle möglichen Ressentiments, nicht zuletzt den eigenen Antisemitismus, in dessen Kritiker. Die Projektion ist pathisch und befeuert die antisemitische Wahrnehmung zusätzlich. Da sie den realen Rassismus aufgrund ihrer Begriffsbildung und Ressentiments verklären, wird ihre Parteinahme eine für den Islam, im Zweifel auch gegen die individuellen Muslime und Muslimas. Die Unterdrückung ebenjener durchs Kollektiv erscheint ihnen als Widerstand des Islam gegen den Westen und antisemitische Islamisten werden als Opfer des Westens in Schutz genommen.lviii

Ohne postmoderne Theorie wäre die linke Islamapologie nicht möglich. Als angebliche Herrschaftskritik rehabilitiert sie den Wahn als unterdrückten Diskurs und subjektiviert den Wahrheitsbegriff. Ebenso absurd und affirmativ wie die Vorstellung, „das Normale sei wahr und das Abweichende falsch“lix, ist auch deren Umkehr. Die Verteidigung offenkundig reaktionärer subalterner Diskurse aufgrund ihrer Subalternität ist „falsche Vorurteilslosigkeit“, ihre Prediger sind „noch dem Wahn gegenüber aufgeschlossen.“lx Die Vorliebe fürs Pathische ist sowohl Konsequenz postmoderner Theoriebildung als auch, diese bedingend, ideologische Affirmation gesellschaftlicher Entwicklung: Nachdem Aufklärung die großen Religionen als Mythen denunzierte, richtete sie sich gegen die Vernunft. Ihr Angriff auf die Idee der objektiven Vernunft adelte die subjektive. Darunter leidet die Utopie einer vernünftig eingerichteten Gesellschaft ebenso wie Vernunft selbst, die nun als Glaube verstanden wird. Der Universalismus und die Idee der objektiven Wahrheit wurden zu Waren neben anderen auf dem Meinungsmarkt. Die Fähigkeit, zwischen bloßer Meinung und Wahrheit zu unterscheiden, schwindet aufgrund der Komplexität der kapitalistischen Gesellschaft. Wahn ist aufgewertet und steht als gleichberechtigter Konkurrent jeder vernünftigen Idee ebenso wie der Idee der Vernunft gegenüber. Diese Entwicklung lässt auch am Sinn unserer Intervention zweifeln, denn unsere Kritik erscheint letztlich auch nur als Meinung unter vielen auf dem Markt. Ihr Gebrauchswert für linke Aktionsfetischisten ist gering, denn man kann sich mit ihr nicht in den Aktionismus stürzen. Sie widerspricht dem, was der Rest der WG und Politsekte denkt, hat also Potential zur Störung der familiären Nestwärme und zur narzisstischen Kränkung des Individuums sowie seines Kollektivs. Kurzum: Sie ist nicht satisfaktionsfähig.

Während wir also kaum hoffen können, unsere Leserschaft wider ihre Meinungen und psychischen Abwehrfunktionen zu überzeugen, müssen wir leider davon ausgehen, als fanatische Islamhasser beschimpft zu werden. Eventuell weisen wir dem Hamburger Kongress mehr Bedeutung zu, als er verdient hätte und verhelfen ihm zu zusätzlicher Aufmerksamkeit. Unser Papier wird allen möglichen Antisemitenrackets willkommener Anlass sein, ihren islamophilen, antizionistischen und antiamerikanischen Stumpfsinn zu verbreiten und einigen Antideutschen wird die Abgrenzung von uns ihre Reintegration in die Linke erleichtern. Nicht, dass Antideutsche Probleme mit Reintegration hätten. Die Frankfurter Gruppe „sinistra! radikale linke“ antizipierte bereits 2001 den islamapologetischen Diskurs. Sie behauptete, die Forderung der Redaktion BAHAMAS nach Verteidigung der westlichen Zivilisation gegen islamistische Angriffe, sei Entlastung der Deutschen durch das Bild des antizivilisatorischen Moslems. Nicht nur unterscheidet sich diese Argumentation fast nicht von Judith Butlers Pinkwashinggeschwätz, auch Günter Grass’ Redeverbot für den Westen nehmen „sinistra!“ vorweg und ziehen mit Auschwitz gegen die Islamkritik zu Felde: „die deutschen haben nach auschwitz ein für alle mal das recht verwirkt, den rest der welt darüber zu belehren, was ‘zivilisation’ heisst! (sic!)“lxi Was nicht nachvollzogen werden kann, ist der Einfluss der deutschen Ideologie und des Antisemitismus auf den Islamismus. Der Kulturexport der Deutschen war erfolgreich und gegen dessen Machtanspruch gilt es die bürgerliche Gesellschaft nach wie vor zu verteidigen. Eine Ablehnung des deutschen Verbrechens und die konsequente Bekämpfung der Möglichkeit seiner Wiederholung stehen nicht im Widerspruch zur Kritik am Islam, sondern bedingen diese. Es ist richtig, dass der Nazismus sich inmitten einer entwickelten kapitalistischen Gesellschaft durchsetzte. Ohne die zivilisatorischen Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft lässt sich aber keine freie Assoziation freier Individuen denken. Diese will ja nicht hinter die bürgerliche Gesellschaft zurückfallen, sondern über sie hinaus gehen. Mit einer islamischen Theokratie ist gewiss kein Kommunismus herbeizuführen. Letzterer ist der bürgerliche Staat, als immerhin formeller Garant individueller Freiheitsrechte, in jedem Fall vorzuziehen. „Kritisches Denken, das auch vor dem Fortschritt nicht innehält, verlangt heute Parteinahme für die Residuen von Freiheit, für Tendenzen zur realen Humanität, selbst wenn sie angesichts des großen historischen Zuges ohnmächtig scheinen.“lxii

Anstatt eine ideologiekritische Auseinandersetzung mit der postmodernen Theoriebildung zu forcieren, stürzen sich viele Antideutsche auf die queer theory als Erklärungsangebot für Rassismus, Nationalismus, Sexismus, etc. Auch Bini Adamczak steckt voller Begeisterung: „An die Stelle von Kritik setzt sie eher Dekonstruktion, statt mit Opposition(en) arbeitet sie mit Veruneindeutigungen, konstruiert und affirmiert Begehren und dessen Vervielfältigung eher als moralische Anklagen zu produzieren.“ Kritiklos das antisemitische Begehren der Islamisten affirmieren und vervielfältigen wollen die Antideutschen zwar nicht, aber die Tendenz zur Veruneindeutigung und Oppositionslosigkeit gegenüber postmoderner Gegenaufklärung ist durchaus gegeben. Einwürfe gegen die Modetheorie stören nur, sind viel zu dogmatisch, nicht auf der Höhe der Zeit. Kritiken wie die unsre stammen offenbar aus dem bereits Überwundenen. Wir teilen Bini Adamczaks Eindruck, es „würden nach Jahrzehnten, die vor allem von offener Feindschaft und Nichtbeachtung gekennzeichnet waren, jetzt Möglichkeiten von Allianzen, vor allem auf transnationalem Niveau, entstehen.“ Dass sie als Beispiel einer solchen Möglichkeit ausgerechnet den Dialog mit Judith Butler nennt, erübrigt jeden weiteren Kommentar.lxiii Die Verdinglichung Kritischer Theorie ist abgeschlossen, wo unter ihr bloß ein auswendig gelerntes „Denkmodell“ verstanden wird, eine nützliche Ansammlung von „termini technici“lxiv, die man aus der foucaultschen Werkzeugkiste holt, um Antisemitismus zu kritisieren, aber schleunigst gegen Precarious Life, Orientalism oderCan the Subaltern Speak? eintauscht, sobald es um Rassismus geht. Wer meint, sie mit dem Instrumentarium der queer theory kurzschließen zu können, hat die kapitalistische Zweckrationalität vollends verinnerlicht.

Transnationale Allianzen werden jedoch auch andernorts ausgelotet. Die seit 2011 andauernden Aufstände in der arabischen Welt haben Potential zum antideutschen Ticket zurück in die Bewegungslinke zu werden. Die „Antideutsche Aktion Berlin“ zum Beispiel will nicht länger nur die Verhältnisse kritisieren, sondern „endlich konkret denjenigen [...] helfen – soweit dies uns möglich ist – die seit Monaten aus gutem Grund gegen die Schergen Assads auf die Straße gehen.“ So sehr man den Menschen in Syrien ein Ende des Regimes und ein Ende des Bürgerkriegs wünscht, das nicht auf islamistische Herrschaft hinausläuft: Niemand kann wirklich sagen, wer „jene Oppositionelle [...], die sich für eine demokratische und zwischen den Religionen vermittelnde Zukunft einsetzen“lxv sein sollen, oder ob es solche Gruppierungen überhaupt gibt. Unbeirrt von solch nervigen Fragen schwärmt auch das „Antifaschistische Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag“ vom „Aufbruch emanzipatorischer Kräfte im Nahen und Mittleren Osten“ und fordert „Solidarität mit den emanzipatorischen Kämpfen vor Ort!“lxvi Dabei gibt es mehr als genug Hinweise, dass die Aufstände im Nahen Osten nicht nur Diktaturen stürzen, sondern auch den Islamisten zuspielen: In Tunesien, der ersten Station des Arabischen Frühlings, verbietet die neu geschriebene Verfassung eine Normalisierung der diplomatischen Beziehungen zu Israellxvii und in Ägypten, dem Symbol für die Arabische Rebellion, erhielt der Kandidat der islamistischen Moslembruderschaft bei den Wahlen die Hälfte der Stimmen.lxviii Obwohl und weil die Lage in Syrien überaus chaotisch ist, wäre es naiv, die Rolle islamistischer Gruppen in der Opposition gegen Assad zu unterschätzen. Während also vieles darauf hindeutet, dass der Arabische Frühling zur islamischen Erweckungsbewegung wird, entdecken nicht wenige Antideutsche ihren linken Fetisch für soziale Bewegungen wieder. Vielleicht hatten sie einfach 2011 den Schuss nicht gehörtlxix, aber vielleicht hört man den Sirenengesang des queeren Jihad auch im Lager angeblich fanatischer Islamhasser.

 

Break the ice: Das Kopftuchverbot als militante Aufklärung

„Emanzipation ist nicht westlich oder östlich, sondern universal!“lxx – dies war eine der Parolen unter denen die iranischen Frauen 1979 in Teheran gegen die Zwangsverschleierung demonstrierten. Das islamische Kopftuch ist „erstens ein wesentliches unter Gewaltandrohung und Ausübung sich in den betroffenen Körper materiell einschreibendes Unterdrückungswerkzeug des patriarchalen Keuschheitskäfigs und zweitens sowohl konkretes Symbol für den ganzen Überwachungs- und Strafapparat als auch abstraktes Symbol für Modernefeindschaft und Islamismus“. In den allermeisten Ländern herrscht zwar kein staatlich verordneter Kopftuchzwang, dennoch werden „weltweit Frauen systematisch unters islamische Kopftuch gezwungen und bei Unbotmäßigkeit terrorisiert“.lxxi Auch in westlichen Gesellschaften gibt es enorme soziale Zwänge, die auf Muslimas einwirken können: Die eigene Familie, das soziale Umfeld und nicht zuletzt die religiöse Gemeinschaft. Darüber hinaus stellen sich auch linke Kulturschützer an, den Muslimas die freie Kleidungswahl durch Appell an die emanzipatorischen Vorzüge des Gespenst-Werdenslxxii auszutreiben: Den Veranstaltern eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ zum Beispiel ist es sicheres Zeichen linken Rassismus, dass „auch in Teilen der Linken das Kopftuch- und Burkaverbot als gerechtfertigtes Mittel [gilt], die unterdrückte Frau zu ‘befreien’“.lxxiii Warum Teile der Linken ausnahmsweise auch mal recht haben und warum es gilt, die Aufklärung in Form des Kopftuchverbots militant werden zu lassen, wollen wir mit folgendem Entschleierungsdiskurs enthüllen.

Wie es einst „common sense“ war, dass Emanzipation allen Menschen zuteil werden sollte, galt es einmal als Basisbanalität im linksradikalen Lager, dass Menschen unter ideologischer Verblendung auch gegen ihre Interessen, also gegen ihre Emanzipation, handeln können. Nicht zuletzt auf dieser Einsicht, von der nicht ersichtlich ist, warum sie auf freiwillig das Kopftuch tragende Muslimas nicht zutreffen sollte, beruht die Ideologiekritik.lxxiv Die postmodernen Linksradikalen sind aber nicht an Kritik der bestehenden Verhältnisse und ihrer ideologischen Verarbeitung interessiert, sondern an deren Subversion, die sie „in der Bejahung und Stärkung jener Kräfte, die diese direkt angreifen“ sehen.lxxv Dass diese Kräfte selbst hochgradig reaktionär sein können und der Feind eines Feindes keineswegs gleich Freund ist, ist ihnen egal: „Revolutionär ist nur, was im Werden die Gegensätze von Politischem und Privatem […] und von Revolution und Lust überwindet […].“lxxvi Revolutionär im poststrukturalistischen Sinne ist also vor allem der Nationalsozialismus, der die völkische Revolution als Lust bereitende Judenvernichtung vorantreibt bis hin zur Aufhebung jeglicher Klassengegensätze und Privatsphäre im ständig denunzierbaren Volksgenossen. Heidegger, philosophischer Vollender der Naziideologie, praktizierender Judendenunziant und Lieblingsphilosoph der postmodernen Theoretiker, wäre stolz gewesen.

Zur Bekämpfung des Antisemitismus empfahl Adorno, „bei antisemitischen Manifestationen […] die zur Verfügung stehenden Machtmittel ohne Sentimentalität [anzuwenden], gar nicht aus Strafbedürfnis oder um sich an diesen Menschen zu rächen, sondern um ihnen zu zeigen, daß das einzige, was ihnen imponiert, nämlich wirklich gesellschaftliche Autorität, einstweilen doch noch gegen sie steht.“lxxvii So einfach funktioniert die Sache bei linksradikalen, antiautoritären Antisemiten leider nicht, sehen sie doch in staatlicher Repression gerade die Bestätigung, etwas richtig gemacht zu haben. Ähnlich dürfte es sich bei Islamisten in westlichen Gesellschaften verhalten, da diese sich ohnehin als im Krieg mit der westlichen Autorität begreifen. Ganz anders sieht es glücklicherweise mit der Emanzipation der Muslimas von ihrem patriarchalen Zwangskollektiv aus. Zwar haben staatliche Machtmittel nichts mit menschlicher Emanzipation zu tun, die letztlich auch die Emanzipation der Menschen vom Staat sein muss. Allerdings war es der bürgerliche Staat, der antrat, um die Menschheit von feudaler und religiöser Herrschaft zu befreien. Im Falle des islamischen Kopftuchzwanges kann die Staatsmacht helfen, religiöse Traditionen aufzusprengen und es den Muslimas erlauben, sich zumindest in öffentlichen Gebäuden, zum Beispiel an Schulen, über die sozialen Zwänge zu erheben. Ein Kopftuchverbot für Schülerinnen etwa würde zu einer Normalisierung der Entschleierung beitragen und somit zu einer Entkräftung und Aufweichung der religiösen Tradition.lxxviii Es leistete damit nicht nur reformistischen Tendenzen im Islam einen erheblichen Dienst, sondern schaffte auch Freiräume für Zwangsmuslimas, die „das Kopftuchverbot als Befreiung erleben (würden)“. Selbst wenn diese „entgegen vernünftiger Annahmen […] unter den migrantischen oder kopftuchtragenden Mädchen die Minderheit stellen, ist dieses Verbot zu fordern, weil es einer modernen Gesellschaft gerade um diese Mädchen gehen muss.“lxxix

Rassistisch ist nicht die Forderung nach Schutz der Zwangsmuslimas vor ihrem Kollektiv, zur Not auch auf Kosten der „selbstbewussten Mittäterinnen des islamischen Patriarchats“lxxx, sondern „die Förderung und Duldung jener gegengesellschaftlichen Strukturen […], die auf Diskriminierung und Apartheid setzen, das heißt auf die Diskriminierung als ‘migrantisch, islamisch, weiblich’ markierter Menschen.“ Die „antirassistisch-antipaternalistisch ‘staatskritischen’ Einwände der Linken“lxxxi bewirken nichts weniger, als den Zwangsmuslimas „die längst überfällige staatliche, gesellschaftliche, schulische Unterstützung dieser Mädchen und ihres emanzipatorischen Kampfes für Rechte, die Nicht-Migrantinnen selbstverständlich sind“, abzusprechen. Rassistisch ist die Meinung, dass „die unveräußerlichen Menschen- und Individualrechte“ rassistischer Orientalismus seien und daher nicht „für Migrantinnen zu gelten haben“. Nicht einmal die vermeintlich antirassistischen Kopftuchträgerinnen, von deren emanzipatorischem Kampf uns die Kongressveranstalter erzählen, würden zu Kollateralschäden eines Kopftuchverbots werden, denn „solch ein Kopftuch könnte [...], sofern es wie behauptet nichts mit der Orthopraxie zu tun hat, [...] problemlos in der Schule abgelegt werden.“lxxxii Außer sie tragen es doch nicht so unorthodox oder sind menschenverachtend genug, sich über den Schutz der Zwangsmuslimas zu stellen. Während das „Kopftuchverbot für Schülerinnen […] daher ausnahmslos die Richtigen [trifft]“, tun die Veranstalter eines „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ ausnahmslos das Falsche: Ihre Kritik trifft den realen Rassismus nicht, sondern verschleiert ihn ebenso wie den Antisemitismus. Stattdessen wird sie selber rassistisch und redet – antikolonialistisch – der religiösen Tradition das Wort. Konsequent zu Ende gedacht entlastet sie antisemitische Rackets und fügt sich als Antiuniversalismus, Hass auf Israel oder Antiamerikanismus perfekt in sämtliche hegemonialen antiemanzipatorischen Diskurse ein. Alles an ihr läuft darauf hinaus, den Islam, als wirkmächtigste und aggressivste religiöse Ideologie der Gegenwart und den Islamismus als größte antisemitische Bewegung seit dem Nationalsozialismus vor Kritik zu schützen. „Dieser Aufklärungsverrat wird nicht dadurch besser, daß er sich als probates Mittel des notwendigen Kampfes gegen tatsächlich existierende, waschechte Rassisten verkauft.“lxxxiii

 

Gezeichnet,

Gruppe Melange

 
 

Literaturverzeichnis

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Maul, Thomas (2006): Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger. Freiburg: Ça ira.

Mentz, Paul (2008): Das Gerücht über die Juden. Antisemitismuskritik bei Horkheimer und Adorno und ihre Aktualität. In: Fabian Kettner und Paul Mentz (Hg.): Theorie als Kritik. Freiburg im Breisgau: ça-ira-Verlag, S. 147–176.

 
 

Anmerkungen

iJoachim Bruhn, „Erfahrung und Konsequenz“, http://www.studienbibliothek.org/texte/PcAntisemitismus.pdf.

iiRedaktion BAHAMAS, „Editorial 63“ (http://redaktion-bahamas.org/hefte/edit63.html).

iiiOtto Zeiger, „Bandenkrieg um die Villa Kunterbunt“ (http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web34-1.html).

ivDas behaupten jedenfalls einige völlig panische Volksbefreier und Islamfreunde. In Zeiten des allgegenwärtigen Aufklärungsverrats sind wir geneigt aus ihrer Angst Hoffnung zu ziehen. (Zitiert nach: siehe Anmerkung 2).

vDialektik der Aufklärung, 1.

viDialektik der Aufklärung, 6.

viiLyotards „Annahme besteht [...] darin, daß das Projekt der Moderne (die Verwirklichung der Universalität) nicht aufgegeben, vergessen, sondern zerstört, ‘liquidiert’ worden ist. [...] ‘Auschwitz’ kann als paradigmatischer Name für die tragische ‘Unvollendetheit’ der Moderne genommen werden.“ (Randbemerkungen zu den Erzählungen, 50) Anstatt sich im Angesicht von Auschwitz aufzulehnen und vom vernichteten Projekt der Moderne zu retten was zu retten ist und es gegen erneute Auslöschung zu verteidigen, resigniert Lyotard und erklärt sein Einverständnis mit der Vernichtung.

viiiSo meint etwa eine linksradikale Einführung in die „politische Philosophie des Poststrukturalismus“: „Unter dem Banner der Universalität und Absolutheit auftretende Gruppen sind immer Gefährlich für die Mannigfaltigkeit der Lebensverhältnisse, da ihr Programm auf einer Negation derselben beruht und unweigerlich deren tatsächliche Auslöschung zu Ziel hat.“ (Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 29).

ixZum Begriff des Logozentrismus erklärt besagtes Einführungsbändchen Folgendes: „Die Rationalität des Abendlandes ist eine extrem eingeschränkte: Sie ist den traditionellen Regeln der abendländischen Logik verpflichtet […], macht diese zur Grundlage eines angeblich heilsamen Wissenschaftsfortschritts […] und schließt alle anderen Denkregeln aus, wenn es um die Gestaltung und Ordnung der Wirklichkeit geht.“ (Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 41) Ob er in der Ausrichtung des Denkens an dem, im Koran niedergeschriebenen, Wort Allahs eine wünschenswerte Sprengung der abendländischen Beschränktheit sieht, verrät uns der Autor leider nicht.

xPostmoderne Theorie geht wie der deutsche Idealismus davon aus ein transzendentales Subjekt erschaffe die materielle Realität. Hegel nannte es Weltgeist, die Poststrukturalisten nennen es Diskurs – bei Hegel wirkte er hinter dem Rücken der Menschen, bei den Poststrukturalisten durch die Gesamtheit ihrer performativen Sprechakte. Solch binäre Opposition von Diskurs und Materialität würden Poststrukturalisten wohl ablehnen, denn „Es gibt für uns nichts außerhalb des Diskurses und doch gibt es nicht nur Diskurs. Die von KritikerInnen des Poststrukturalismus so oft gestellte Alternative: entweder alles ist Diskurs oder es gibt etwas Vordiskursives (authentische Gefühle etwa), ist wohl falsch gestellt: […] Der poststrukturalistische Begriff des Diskursiven entzieht sich der Opposition von diskursiv vs. nicht-diskursiv – er verunmöglicht es, diese Bereiche zu trennen, ist (wie das ‘Vordiskursive’) beides zugleich: diskursiv = nicht-diskursiv.“ (Tier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 70) Judith Butler schließlich gesteht zwar die Existenz des Vordiskursiven (Naturanteils) ein, sieht dies aber auch vom Diskurs bestimmt. Sie wendet sich gegen die Auffassung, biologisches Geschlecht („sex“) sei – im Gegensatz zu sozialem Geschlecht („gender“) – nicht diskursiv bestimmt: „One of the interpretations that has been made of Gender Trouble is that there is no sex, there is only gender, and gender is performative. [...] So what became important to me in writing Bodies that Matter was to go back to the category of sex, and to the problem of materiality, and to ask how it is that sex itself might be construed as a norm. [...] I wanted to work out how a norm actually materialises a body, how we might understand the materiality of the body to be not only invested with a norm, but in some sense animated by a norm, or contoured by a norm. So I have shifted. I think that I overrode the category of sex too quickly in Gender Trouble. I try to reconsider it in Bodies That Matter, and to emphasise the place of constraint in the very production of sex.“ (Radical Philosophy 67, Gender as Performance: An Interview with Judith Butler, http://www.theory.org.uk/but-int1.htm ).

xi„In Wirklichkeit ist der Islamismus nicht in den Sechziger-, sondern in den Dreißigerjahren entstanden. Sein Aufstieg wurde nicht vom Scheitern des Nasserismus, dafür jedoch vom europäischen Faschismus inspiriert. Bis 1951 waren sämtliche Mobilisierungskampagnen der Islamisten nicht antikolonial, wohl aber antijüdisch orientiert.“ (Matthias Küntzel, „Djihad und Judenhass“, http://www.matthiaskuentzel.de/contents/djihad-und-judenhass-jw).

xiiMinima Moralia, 63.

xiiiDialektik der Aufklärung, 217.

xivAls Lektüre zu diesen Ausführungen sei empfohlen: Die Dialektik der Aufklärung, insbesondere das Kapitel „Begriff der Aufklärung“ sowie der Aufsatz „Meinung Wahn Gesellschaft“ aus der Sammlung Eingriffe, erschienen in Kulturkritik und Gesellschaft II.

xvBei Foucault wird diese Entwicklung affirmiert in seiner Kritik der diskursiven Ausschlüsse: „Es gibt in unserer Gesellschaft noch ein anderes Prinzip der Ausschließung: kein Verbot, sondern eine Grenzziehung und eine Verwerfung. Ich denke an die Entgegensetzung von Vernunft und Wahnsinn. […] Man wird mir sagen, daß all das heute zu Ende ist oder zu Ende geht; daß das Wort des Wahnsinnigen nicht mehr auf der anderen Seite steht; daß es nicht mehr null und nichtig ist; […] Wenn es des Schweigens der Vernunft bedarf, um die Ungeheuer zu heilen, so muß das Schweigen doch auf der Hut sein: also bleibt die Grenzziehung.“ Angesichts dieser nicht weit genug gehenden, da nur scheinbaren, Rehabilitation des Wahns, wagt es Foucault, „den Gegensatz zwischen dem Wahren und dem Falschen als ein drittes Ausschlusssystem zu betrachten“. (Die Ordnung des Diskurses, 11ff.) Dazu passt sein im Vorwort zu Wahnsinn und Gesellschaft artikulierter Relativismus: es galt ihm bei seiner Arbeit „sich in einer Art rückhaltloser Relativität zu halten […] Es ging darum, um jeden Preis das Relative zu bewahren und absolut verstanden zu werden.“ (Analytik der Macht, 16) Auch Lyotard bringt diese Entwicklung, nicht weniger affirmativ, auf den Punkt: „Das soll nicht heißen, daß keine Erzählungen mehr glaubwürdig wäre. Unter Metaerzählung oder großer Erzählung verstehe ich gerade die Erzählungen (narrations) mit legitimierender Funktion. Ihr Niedergang hindert Milliarden von kleinen und weniger kleinen Geschichten nicht daran, weiterhin den Stoff des täglichen Lebens zu weben.“ (Randbemerkungen zu den Erzählungen, 51).

xviGegen die eventuelle Versuchung der Leserschaft, den Universalismus als etwas „westliches“ zu begreifen, sei hier eingewandt, dass die Idee des Universalimus zwar historisch im Westen entstand und hier auch vorerst Verbreitung fand, aber eben doch selbst eine universelle ist, um die längst auch außerhalb des Westens gerungen wird. Vergleiche hierzu Thomas Mauls Ausführungen zur Gleichberechtigung von Mann und Frau und zum kritischen Universalismus. (Die Macht der Mullahs, 9f.) Anzumerken sei hier, dass Universalismus tatsächlich Teil des Widerspruches der bürgerlichen Gesellschaft ist, da die Gleichheit der Menschen zwar formal vom bürgerlichen Recht postuliert wird und formell auch auf dem auf Verträgen basierenden Geschehen am Markt verwirklicht wird, aber reell in der antagonistischen Klassengesellschaft, die der Kapitalismus ist, nicht existieren kann. Aus diesem Verrat am bürgerlichen Glücksversprechen speist sich nicht zuletzt der Hass auf alles Abweichende, das die Gleichheit in Frage stellt. Unter solchen Bedingungen kann sich immer nur ein Partikulares als Universales erheben, was dann, wie etwa im Antisemitismus zur Vernichtung des Abweichenden führt. (Vergleiche zu diesen Ausführungen: Das Gerücht über die Juden, 149f.) Die emanzipatorische Konsequenz, die aus dem falschen Universalismus zu ziehen wäre, ist die radikale Kritik der kapitalistischen Gesellschaft, nicht die Verwerfung des Universalismus und damit die Idee des „wahrhaft menschlichen Zustand[s]“. (Dialektik der Aufklärung, 6) Genau dieses Projekt treibt aber die postmoderne Theorieproduktion um: die Affirmation eines jeden Partikularen und die ewige, wenn auch dynamische, Fragmentierung der Menschheit.

xviiFoucaults Liebe zum Iran wird ausführlich behandelt im Kapitel „Postmodernismus und Islam – Wie Foucault die schiitische Revolte lieben lernen konnte“ aus: Die Macht der Mullahs.

xixDie Macht der Mullahs, 9.

xxDie Macht der Mullahs, 10.

xxiSo auch die Veranstalter des „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“: „Viele Frauen tragen [das Kopftuch] als Abgrenzung gegenüber einer Gesellschaft, die sie als rassistisch empfinden. Sie tragen es nicht nur als Zeichen ihrer religiösen Identität, sondern zum Teil auch als Mittel, um Selbstbewusstsein zu demonstrieren.“ Bemerkenswert ist hieran die linke Ideologie, die sich Diskriminierte sucht, diesen einen Persilschein ausstellt und von Diskriminierung von seitens der Diskriminierten nichts wissen will. Es stimmt ja, dass viele Muslimas das Kopftuch als Abgrenzung, Zeichen religiöser Identität und Demonstration von Selbstbewusstsein tragen. Warum darin nicht eine fundamental islamistische, sondern eine antirassistische Absicht liegen soll wird allerdings nicht klar und das verraten uns die Autoren auch nicht. Denn Verschleierung ist nicht einfach nur Unterdrückung, wie Alice Schwarzer sich das denkt, sondern auch Zeichen der Überlegenheit gegenüber Ungläubigen. Unverhüllte Frauen gelten dem traditionellen Islam als ehrlos und billig. Die von den Autoren festgestellte Abgrenzung kann genau so gut eine anti-westlich chauvinistische auf der Basis religiöser Identität sein, aus der sich das demonstrierte Selbstbewusstsein speist. (Zitat aus: „Hintergrund“, http://amrhh.blogsport.de/einladungstext/).

xxii„Einladung zur Vorbereitung eines Kongresses gegen den antimuslimischen Rassismus“, http://amrhh.blogsport.de/2012/02/20/einladung-zur-vorbereitung-eines-kongresses-gegen-den-antimuslimischen-rassismus/.

xxiv„Disclaimer: Darum geht’s doch gar nicht!“, http://amrhh.blogsport.de/disclaimer/.

xxv Siehe Anmerkung 23.

xxviDer etwas anders gelagerte Vorwurf gegen Islamkritiker, sie betrieben eine Homogenisierung oder Essenzialisierung des Islam, bedürfte einer eigenen Abhandlung, die an dieser Stelle nicht leistbar ist. Kurz angemerkt sei hier, dass: a) Vertreter fast aller islamischer Schulen von ihrem Islam als „dem Islam“ sprechen; b) die Islamophobiekritiker ständig von Vorurteilen, Diskriminierung, etc. gegen „den Islam“ sprechen; c) es selbstverständlich auch im Islam hegemoniale Strömungen, namentlich die Sunniten und Schiiten, gibt; d) die Kategorie „Islam“ überhaupt nur Sinn macht, wenn es etwas die islamischen Strömungen Verbindendes gibt. Darüber hinaus wäre darauf zu hinzuweisen, „dass es nicht die Islamisten oder konservativ-orthodoxen Theologen sind, die einzelne, randständige Sentenzen des Korans und damit eine angeblich ihrem Wesen nach friedliche Religion für äußere, politisch-aggressive Zwecke missbrauchen. Im Gegenteil beansprucht ihre Lesart zurecht historische und textliche Authentizität“. (Die Macht der Mullahs, 81) Der Gegenstand der Kritik selbst zwingt uns also eine verallgemeinernde Betrachtung auf.

xxviiSiehe Anmerkung 23; die Behauptung, es sei rassistisch, Frauen aufgrund religiöser Symbole wie Kopftuch oder Burka als Muslimas zu identifizieren, ist allerdings grober Unfug.

xxviiiSiehe Anmerkung 24.

xxixMeinung Wahn Gesellschaft, 579.

xxxSiehe Anmerkung 23.

xxxiZitiert nach: Die Macht der Mullahs, 26.

xxxiiZitiert nach: Spiegel Online, „Heute in den Feuilletons“ vom 10.02.2006. (http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/heute-in-den-feuilletons-die-rueckkehr-des-baeren-a-400097.html).

xxxiiiSiehe Anmerkung 23.

xxxivEbd.

xxxvDer antisemitische Gehalt erklärt sich auch aus dem antirassistisch motivierten Unwillen, sich mit den Islam auseinanderzusetzen und dessen Fortführung in Pathische Projektion, in der Adorno und Horkheimer die Grundlage des Antisemitismus sahen. (Vgl.: Dialektik der Aufklärung, 196).

xxxviZitiert nach: Hedonistische Mitte, „Nazi-Nichten, Selbstviktimisierung, Politische Theologie – Postkoloniale ‘Feministen’ und ihre liaison dangereuse mit dem Islam“ (http://redaktion-bahamas.org/aktuell/Flugblatt-21-6-07.pdf).

xxxviiJudith Butler: „Similarly, I think: Yes, understanding Hamas, Hezbollah as social movements that are progressive, that are on the Left, that are part of a global Left, is extremely important.“ (http://radicalarchives.org/2010/03/28/jbutler-on-hamas-hezbollah-israel-lobby/); Empfehlenswert hierzu ist die Kontextualisierung des Zitats durch http://www.matthiaskuentzel.de/contents/butler-rennt.

xxxviiiZu den Begriffen „Pinkwashing“ und „Homonationalismus“ siehe weiter: Markus Ströhnlein, „Pretty in Pink“ (http://jungle-world.com/artikel/2012/26/45739.html) und Nina Rabuza, „Pinkwashing – Israels ‘schwuler Propagandakrieg’“ (http://www.publikative.org/2012/07/18/pinkwashing-israels-schwuler-propagandakrieg/);
Dr. Urmila Goel betreibt den Blog „andersdeutsch“, auf dem sich neben anderen Scheußlichkeiten ein fetter „No Homonationalism“ Banner findet (http://andersdeutsch.blogger.de/).

xxxixZitiert nach: Sanja Stankovic, Sandra Strobel und Arvid Vormann, „’Eine Ehre für die Familie’“ (http://jungle-world.com/artikel/2008/20/21814.html).

xlDie Bestandsaufnahme der Hedonistischen Mitte „Zum Stand des queeren Jihad“ spricht Bände hierüber. (http://redaktion-bahamas.org/aktuell/20110608-zum-stand-des-queeren-jihad.html).

xliSiehe Anmerkung 23.

xliiGerhard Scheit, „Es gibt keine Islamophobie“ (http://jungle-world.com/artikel/2011/32/43769.html).

xliiiSiehe Anmerkung 17.

xlivSiehe Anmerkungen 36 und 40.

xlvStefan Grigat, „Islamneid“ (http://www.cafecritique.priv.at/Islamneid.html); Es gibt selbstverständlich auch rechtsradikale Antisemiten die ihrem Hass auf Israel und die USA freie Bahn lassen. So einzuordnen sind zum Beispiel die antiimperialistischen Avancen der „Autonomen Nationalisten“ mit ihren antizionistischen Parolen und Teils offener Begeisterung für den Iran.

xlviSiehe Anmerkung 42.

xlviiWas bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, 567f.

xlviiiEdward Said in seinem Buch Orientalism, zitiert nach Anmerkung 36.

xlixDas Gerücht über die Juden, 149.

lEbd., 151.

liSiehe Anmerkung 48.

liiSiehe Anmerkung 11.

liiiSiehe Anmerkung 48.

livRedaktion BAHAMAS, „Hauptsache Respekt“, http://redaktion-bahamas.org/aktuell/20120927berlin.html

lv„Daran sollte deutlich werden, auf wie wackeligen Beinen der Versuch steht, in Diskussionen um Antisemitismus in den eigenen Zusammenhängen denjenigen, denen Antisemitismus vorgeworfen wird, mit Formulierungen wie ‘bewusst oder unbewusst’ produziere dieses oder jenes antisemitische Denkmuster, die Einsicht zu erleichtern. Der Sinn derartiger Formulierungen ist es ja in der Regel, den Kritisierten ein Hintertürchen offen und für sich selbst die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass die Auseinandersetzung glimpflich und ohne schwere Vorwürfe verlaufen kann. Impliziert ist damit, dass Antisemitismus, wenn er bewusst ist, absichtlich und mit bösem Willen verbreitet werden würde, während er, solange er unbewusst ist, leicht korrigiert werden könnte.
Nicht einmal das Gegenteil ist der Fall. Es gibt keinen bewussten Antisemitismus. [...] Wäre er bekannt ist (sic!), dominierte das Unbewusste nicht die Wahrnehmung, und die spezifisch antisemitische Wahrnehmung wäre gar nicht erst aufgetreten. Genau dies kann aber nicht so einfach erreicht werden. Es ist sehr viel schwieriger, etwas Unbewusstes bewusst zu machen, als einen bewussten Gedanken zu verwerfen. Nicht weniger wackelig ist daher die Forderung, sich den eigenen Antisemitismus „bewusst zu machen“. Diese umgangssprachliche Formulierung, die aus dem Antirassismus und dem Antisexismus übernommen wurde, impliziert, dass sich bestimmte Gedanken und Empfindungen besser abstellen ließen, wenn denjenigen, die sie äußern, ihre herrschaftliche Funktion bekannt (= bewusst) wäre. Damit würde aber gerade nicht die Verdrängung bewusst gemacht, die das Verdrängte in gewandelter Form wiederkehren lässt. Bewusstwerdung im psychoanalytischen Sinn ist kein ‘Das haben die also mit mir getan, und jetzt mach ich da nicht mehr mit’, sondern ein ‘Aha, ich habe das gemacht/gewollt’.“ (JustIn Monday, „Ein lautschweigender Konsens“, http://mcguffin.blogsport.de/2010/02/09/ein-lautschweigender-konsens/ ).

lvi„Insofern ist es auch problematisch, Antisemitismus postmodern als eine Form des ‘Othering’ zu beschreiben, weil es in ihm das entgegengesetzte ‘Self’ nicht gibt. Zum Antisemitismus führt kein ‘So musst du sein, Kind, dann bringst du es zu was’, sondern nur ein rechtfertigend pauschales ‘Irgendwer muss schuld daran, dass wir es zu nichts gebracht haben, denn wir haben uns ja an alles gehalten’.“ (Ebd.).

lvii„Der Haß gegen sie ist unmittelbar eins mit dem Antisemitismus, keineswegs bloß weil Freud Jude war, sondern weil Psychoanalyse genau in jener kritischen Selbstbesinnung besteht, welche die Antisemiten in Weißglut versetzt.“ (Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit, 569f.).

lviiiSiehe Anmerkung 36 sowie die Umdeutung des Afghanistankrieges durch die Veranstalter des „Kongress gegen antimuslimischen Rassismus“ (siehe Anmerkung 23); die Verteidigung orthodox islamischen und islamistischen Widerstands gegen westliche Einflüsse verweist darauf, wie wenig der Antisemitismus von den Islamophobiekritikern begriffen wird: „Weil es wiederum den positiven Ansatzpunkt im Antisemitismus nicht gibt, erscheint er immer als Rebellion. Auch dies ist ein wichtiger Punkt, der es der linken Theoriebildung schwierig macht, ihn zu begreifen. Und zwar auch denjenigen Richtungen, die nicht von einem dualistischen Gegensatz vor Herrschenden und Beherrschten ausgehen.“ (Siehe Anmerkung 55).

lixMeinung Wahn Gesellschaft, 574.

lxEbd., 586.

lxisinsitra! radikale Linke, „zivilisation und auschwitz“ (http://www.copyriot.com/sinistra/reading/bahamas.html).

lxiiDialektik der Aufklärung, IX.

lxiiismrt postnazismus im Gespräch mit Bini Adamczak und Aljoscha Weskott (http://www.igbildendekunst.at/bildpunkt/2011/smrt-postnazismus/adamczak-weskott-gespraech.htm).

lxivDialektik der Aufklärung, 211.

lxviAntifaschistisches Berliner Bündnis gegen den Al Quds-Tag, „Kein Al Quds-Tag 2012 in Berlin!“, http://noalquds.blogsport.de/2012/07/23/kein-al-quds-tag-2012-in-berlin/.

lxviiElder of Ziyon, „Tunisia draft constitution forbids normalization with ‘Zionism’“ (http://elderofziyon.blogspot.de/2012/08/tunisia-draft-constitution-forbids.html).

lxviiiThe Guardian, „Egypt election: Both sides claim victory – Monday 18 June“ (http://www.guardian.co.uk/world/middle-east-live/2012/jun/18/egypt-election-muslim-brotherhood-claims-victory-live).

lxixDie revolutionären arabischen Massen sind nämlich keineswegs so friedliebend und von Ressentiments befreit wie das linke Revolutionsromantiker gerne hätten: Am 10. September 2011 stürmte ein ägyptischer Mob die Israelische Botschaft in Kairo nach den Freitagsgebeten auf dem Tahrir Square. (BBC, „Egyptian protesters break into Israeli embassy building“, http://www.bbc.co.uk/news/world-middle-east-14862159) Ein Jahr später, am 11. September 2012, wurde die US Botschaft in Kairo gestürmt. In der folgenden Woche gab es Angriffe auf westliche Einrichtungen in über 20 (nicht nur arabischen) Ländern, darunter auch Tunesien, Sudan und Syrien. Anlass war ein US Film in dem der Prophet Mohammed beleidigt wird. (Rick Gladstone, „Anti-American Protests Flare Beyond the Mideast“, http://www.nytimes.com/2012/09/15/world/middleeast/anti-american-protests-over-film-enter-4th-day.html?_r=1&smid=FB-nytimes&WT.mc_id=WO-E-FB-SM-LIN-HBA-091512-NYT-NA&WT.mc_ev=click).

lxxZitiert nach: Die Macht der Mullahs, 7.

lxxiThomas Maul, „Plädoyer für die kopftuchfreie Schule“, http://www.kritiknetz.de/images/stories/texte/Plaedoyer_fuer_die_kopftuchfreie_Schule.pdf.

lxxii„Mit der Verschleierung und der Aufforderung, den Blick zu senken und keine akustischen Signale zu senden, also zu schweigen und auf klappernde Absätze zu verzichten, wird die Muslima unsichtbar, unhörbar und blind zugleich für andere gemacht: auf dass Sehnsucht sich gar nicht erst regen möge, wohin auch immer die entfesselten Blicke der muslimischen Männer schweifen. Zwar dehumanisiert diese Verrohung des Geschlechterverhältnisses und der Sexualität die schariakonforme Muslima zum Gespenst und zur Söhnefabrik. Indem sie darin aber zur Hüterin der öffentlichen Ordnung nach Innen und zur Djihadisten-Produzentin nach außen aufsteigt, wird es ihr möglich, die eigene Unterwerfung zu erotisieren, das heißt, das Kopftuch bzw. den Sohn als ihren Phallus über die Maßen zu begehren. Selbstbewusste und gebildete Kopftuchträgerinnen sprechen daher nicht für die Harmlosigkeit des Kopftuchs oder gegen phallozentrische Unterdrückung, sondern für den Verlust eben jenes Selbst, auf dessen Existenz desto inbrünstiger gepocht wird.“ (Thomas Maul, „Der gefesselte Odysseus “, http://redaktion-bahamas.org/auswahl/web60-1.html).

lxxiiiSiehe Anmerkung 23.

lxxiv„Dabei ist es doch erstens überhaupt nichts Neues, dass autoritäre Charaktere von autoritären Ideologien angezogen werden und daher so manches Individuum sich lieber für einen festen Platz im Kollektiv freiwillig unterwirft und aufgibt, als Selbstverantwortung zu übernehmen und mit den Ambivalenzen und Unsicherheiten zu leben, welche die Freiheit moderner Gesellschaften eben mit sich bringt. So fungiert das Kopftuch den Konvertitinnen und anderen Neomusliminnen als Ersatzpenis, der gewisse Gratifikations- und Potenzerlebnisse mit sich bringt – abgesehen von der Geilheit der Wahnvorstellung, mit Ablegen des Kopftuchs alle Männer verrückt machen und damit die ganze Gemeinschaft zum Einsturz bringen zu können.“ (Siehe Anmerkung 71).

lxxvTier-Werden, Schwarz-Werden, Frau-Werden, 161f.

lxxviEbd., 163.

lxxviiZur Bekämpfung des Antisemitismus heute, 110.

lxxviii„Indem es den Mädchen zunächst begrenzte kopftuchfreie öffentliche Räume und Zeiten schafft, macht es das Kopftuch potentiell überflüssig, da der Stoff seine sexualpolitische und ideologische Wirkung nur im totalen Anspruch auf den öffentlichen Zeit-Raum entfalten kann. Dabei leistet das Verbot einen wichtigen Beitrag dazu, dem islamischen Ehrbegriff und der mit ihm verbundenen Gewaltdynamik als Hauptemanzipationshindernis das Fundament zu entziehen.“ (Siehe Anmerkung 71).

lxxixDie Macht der Mullahs, 165.

lxxxEbd., 167.

lxxxiEbd., 168.

lxxxiiSiehe Anmerkung 71.

lxxxiiiDie Macht der Mullahs, 168.


Peter Weiss »Filme« July 30, 2012 | 07:53 pm

Übergänge zwischen Bild und Text: Zum 30. Todestag des politischen Künstlers Peter Weiss hat der Suhrkamp Verlag neun seiner, in den fünfziger Jahren entstandenen experimentellen und dokumentarischen Filme auf einer DVD veröffentlicht.

Die Formulierung: »Versuch, die Welt, in der wir leben, zu begreifen«, wie eine kurze Bemerkung in den »Notizbüchern« von Peter Weiss lautet, bringt das Motto seines Werks prägnant auf den Punkt. Der am 8. November 1916 in Nowawes bei Berlin als Sohn des jüdischen Textilkaufmanns Eugen Weiss und der Schauspielerin Frieda Weiss geborene politische Künstler, der Theater‑ und Filmemacher, Maler und Schriftsteller Peter Weiss, hat sich Zeit seines Lebens mit der Möglichkeit und Unmöglichkeit beschäftigt, wie die als zutiefst falsch erfahrene Welt – die gesellschaftliche und politische Wirklichkeit der Moderne – als veränderbare verstanden und dargestellt werden kann. Weiss hat, nach Perioden des Suchens, Experimentierens mithin, eine politische Ästhetik erarbeitet, die sowohl der berühmten Forderung Walter Benjamins nach der »Politisierung der Kunst« Rechnung trägt als auch der Einsicht Theodor W. Adornos von der Unmöglichkeit des Gedichteschreibens nach Auschwitz genügt.1 Dabei hält das »Theater der Berichterstattung«, wie Weiss die von ihm entworfene dokumentarische Dramatik auch nannte, dem Bilderverbot in zweifachem Sinne die Treue: Weder maßt sich Weiss an, das Leiden und die Gräuel abzubilden noch malt er die durch die Darstellung provozierte Utopie en dé¬tail aus; in Erinnerung zurückgerufen werden die vergessenen Träume und Hoffnungen eines menschenwürdigen Zustands ebenso wie die verdrängte Gewalt und das Ineinander von Vergangenheit und Zukunft.

Dabei macht nach gängiger Einteilung das Weiss’sche Oeuvre verschiedene Entwicklungsphasen durch. Phasen der anfänglichen Dominanz des Bildes über solche der Vermittlung von Bild und Wort bis hin zur Abwesenheit der Bilder, während diese schließlich, nach einer Bemerkung Martin Rectors, »politisch rehabilitiert« werden.2 Und die Zeit, in welcher sich Weiss vorrangig als Filmemacher begriff, gilt gemeinhin als eine des Umbruchs. »Ende der fünfziger Jahre hab‘ ich kaum mehr Bilder gemacht, sondern Filme«, sagt Weiss und beschreibt sein filmisches Werk rückblickend als Formen von »Andeutungen, Skizzen zu etwas, das mir vorgeschwebt hat«, als »Skizzenmaterial« sowie »Vorstudien oder Nebenstudien« und bezeichnet retrospektiv jene Zeit – die Filme entstanden in den Jahren 1952 bis 1960/61 – als »ein einziges Suchen nach irgendwelchen Ausdrucksformen«. Kurzum, die Filme Weiss‘ sind Zeugnis und Ausdruck von Übergängen. Es ist Hark Machnik und Reiner Niehoff, den Herausgebern der von Harun Farocki zusammengestellten Filmauswahl, nur beizupflichten, wenn sie betonen, dass das Werk von Weiss, lässt man seine Filme außer Acht, unvollständig bleiben müsse.

14 Filme hat Peter Weiss insgesamt gedreht. Die Auswahl von Farocki zeigt die Übergänge auch innerhalb der Phase des Filmemachens, wie Machnik und Niehoff herausstreichen: Zunächst macht Weiss vom Surrealismus beeinflusste experimentelle Kurzfilme, die von einer Auseinandersetzung mit dem Medium des Films als solchem zeugen. So etwa die ersten beiden »Studien« »Das Aufwachen« und »Halluzinationen« aus dem Jahr 1952, während »Befreiung« von 1954 Weiss‘ Rezeption der Psychoanalyse beinhaltet. Danach ändert sich die Perspektive von Weiss, er begibt sich sozusagen von innen nach außen – Thema der vorrangig dokumentarisch angelegten Filme ab Mitte der fünfziger Jahre ist das Dasein der von den Verhältnisseen umklammerten wie erdrückten Menschen. Die »Gesichter im Schatten« von 1956 z.B. zeigt die andere Seite der Medaille einer Wohlstandsgesellschaft, Obdachlose in Stockholm, größtenteils mit versteckter Kamera gefilmt. Der Film aus dem Jahr 1957, »Im Namen des Gesetzes«, ist ein Dokumentarstück, das das spätere Verständnis des Dokumentarischen von Weiss bisweilen filmisch vorwegnimmt. Gezeigt wird, so Weiss, »die völlig verkehrte Verhaltensweise von Institutionen gegenüber jugendlichen Missetätern«, der Alltag eines schwedischen Jugendgefängnisses. »Unmenschlichkeit wird gezeigt«, nicht in Form eines moralischen Appells, einer Anklage oder eines Kommentars, sondern allein durch die Darstellung des Materials selbst. »Es ist wieder das Verhältnis von den Oberen zu den Unteren«, erläutert Weiss, »die unten sind gesichtslos, und die oben, die Wärter, werden in Großaufnahme gezeigt, aus einer Untersicht.«

»Die meisten Produkte, die wir zu sehen bekommen, haben mit dem Wesen des Films wenig zu tun«, macht Weiss dagegen einen Widerspruch zum kulturindustriell gefertigten Film auf. »Das Starspiel, die Krankheit des Dialogs und der Intrige hält sie im Theatralischen fest, das Erzählerische hält sie im Literarischen fest, der Konzertsaal spukt in der Musikbegleitung«, schreibt Weiss einleitend in einem im Beiheft zur DVD nebst zweier Gespräche zwischen Farocki und Weiss über dessen Filme abgedruckten Manuskript zu seinem Filmbuch. »Nur in den Randgebieten der riesenhaften kommerziellen Apparatur«, heißt es weiter, »in kurzen besonders günstigen Epochen, und in den Kreisen der Außenseiter, der Experimentatoren, sind filmische Werke zustande gekommen. Zeiten des Zusammenbruchs, der Umwälzung, der Krise, des bloßgelegten Lebensnervs haben oft zu solchen Werken geführt.« Was Weiss hier theoretisch reflektiert, hat er in den rund zehn Jahren, in denen er Filme machte, sicherlich umzusetzen versucht. Ohne Frage zeugen die Weiss’schen Filme von eben dem Versuch, die gesellschaftliche Welt zu begreifen, in einer frühen Variante freilich, die Weiss bekanntlich noch weiterentwickelte. So ist es auch nur folgerichtig, dass die DVD mit »Zur Ansicht«, einer Diskussion über »Die Ästhetik des Widerstands«, schließt.

Peter Weiss: Filme, vorgestellt von Harun Farocki, Filmedition Suhrkamp, Berlin 2012, 152 Minuten, 19,90 Euro.

Anmerkungen

  1. Alfons Söllner: »Peter Weiss und die Deutschen. Die Entstehung einer politischen Ästhetik wider die Verdrängung«, Westdeutscher Verlag, Opladen 1988.
  2. Martin Rector: »Laokoon oder der vergebliche Kampf gegen die Bilder. Medienwechsel und Politisierung bei Peter Weiss«, in: »Peter Weiss Jahrbuch«, Band 1, Westdeutscher Verlag, Opladen 1992, S. 24–41.

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Schuld und Vorhaut July 20, 2012 | 04:03 pm

 Der folgende Artikel bildet den vorläufigen Abschluss einer Trilogie. Die Beschneidungsdebatte, die keine ist, verläuft entlang tiefenpsychologischer Verwerfungslinien. In zwei weiteren Beiträgen (1, 2) problematisierte ich die Sexualneiddimension: Sobald der Vorhaut ein Wert zugesprochen wird, werden zwangsläufig bisherige Kompensationsformen der Differenz in Frage gestellt. Verdrängter Neid und Kastrationsangst beherrschen dann die Abneigung gegen die jeweils andere Position.

Die zweite Ebene ist die einer allgemeinen analen Abwehr der Vorhaut als Zeichen zu intensiver Körperlichkeit: Sie stinke, sehe hässlich aus, sei wertlos, überflüssig, ein Irrtum der Evolution, befördere Krankheiten und in den puritanischen Ländern symbolisiert sie die Onanie. Für die symbolische Aufladung der Vorhaut und der Beschneidung gibt es zwei mediale Beispiele.

Ein populärer Film über Katharina die Große stellt der edlen Schönheit Katharina einen infantilen, perversen, hässlichen Peter gegenüber, der wegen seiner Phimose kein Kind mit der Zarin zeugen könne. Die wird aber von ihrem Liebhaber schwanger. Es muss also schleunigst ein Akt mit dem Zar Peter stattfinden, damit man ihm das Kind unterschieben kann. Man macht ihn betrunken und beschneidet ihn, in der nächsten Szene lässt er sich dann endlich verführen. Die Vorhaut symbolisiert hier das Elend eines ganzen Reiches, ihre Beseitigung bereitet die Beseitigung des Zaren vor und damit die “Befreiung” Russlands.

Der Film trägt jenseits dieser symbolischen Dimension zum populären Irrtum bei, eine Beschneidung sei ein winziger Eingriff, den man im Zustand durchschnittlicher Trunkenheit kaum bemerke und dem am nächsten Tag Sex folgen könne: Der Film-Schnitt legt zumindest diese Abfolge nahe.

Ein weiterer Film, in dem die Beschneidung verharmlost wird, ist “Robin Hood – Helden in Strumpfhosen”. Wir sehen eine satirische Gestalt eines missionierenden Juden, der Beschneidungen mit dem Werbeträger verkauft, die Frauen seien ganz wild drauf. Er führt eine Art Guilliotine vor, mit der es in Sekundenbruchteilen vonstatten gehe und danach solle man ein bisschen Wasser drauftun. Der Film ist natürlich nicht ernstzunehmen, dürfte aber durchaus das verzerrte Bild einer Beschneidung von Millionen darstellen: Kurzer Schnitt mit einer Art Guilliotine und kaum Schmerzen.

Tatsächlich werden die wenigsten Menschen außerhalb eines abgehärteten medizinischen Personals Filmaufnahmen einer Beschneidung ertragen können, ohne Phantomschmerzen am eigenen Genital und Übelkeit zu verspüren. Man schneidet sorgfältig einmal senkrecht bis zum Eichelrand und von da mit einer kleinen Operationsschere oder einem Skalpell direkt am Rand zwischen Eichel und Vorhaut entlang. Danach wird alles mit einem selbstzersetzenden Faden vernäht. Der Rand muss genau getroffen werden, da die Oberhaut auch mal verziehen kann und dann zuviel Haut fehlen würde. Bei Erwachsenen dauert die Wundheilung leicht vier Wochen, die Narbenbildung und Veränderung der Eichelhaut erheblich länger und bis zu Jahre später können noch Veränderungen auftreten: vor allem das Abschuppen der verhornenden Eichelhaut, brüchige Hautübergänge zwischen Narbe und Eichel aber auch klassische Narbenschmerzen, Missempfindungen am nunmehr offen liegenden unbefeuchteten Übergang von Harnröhre zur Eichel. Wer die in Lokalanästhesie vorgenommene Operation bewusst mitansieht, kann auch einen reaktualisierten Kastrationskomplex und eine temporäre, tiefenpsychologisch begründete erektile Dysfunktion erleiden. Alle Symptome lassen sich relativ gut nachbehandeln, werden aber von Ärzten selten als Nebenwirkung erwähnt oder nachuntersucht. Verabreicht wird in der Regel eine Lanolincreme, um die Hautveränderung zu erleichtern. Keloide kommen vor. Bei der klassischen Hand-Masturbation kommt es insbesondere in der Frühphase der Narbenbildung durch den stärkeren Zug am Gewebe leichter zum Aufreiben des Narbengewebes und auch nach vollständiger Heilung ist die Penishaut aufgrund des wegfallenden Spielraums zugempfindlich. Wer als Kind beschnitten wurde, hat in der Regel bereits vollständig angepasste Masturbationstechniken entwickelt und natürlich gibt es Kompensierungsmöglichkeiten wie die Anwendung von Hautcremes oder Gleitgels.

Die allgemeine Verharmlosung der Beschneidung war bis vor wenigen Wochen noch so dominant, dass Beschneidungsgegner, sogenannte Intaktivisten, als obskure Sekte mit einem massiven Kastrationskomplex verlacht wurden, die aus einer Mücke einen Elefanten machen. Es gab Studien, die eine (durchaus mögliche) narzisstische Besetzung der Vorhaut in toto pathologisierten und die Akzeptanz der Beschneidung zum Beweis einer gesunden Psyche nahmen.

Wenn in wenigen Wochen ein Gesetz verabschiedet sein wird, das Beschneidungen unter bestimmten Maßgaben legalisiert, geschieht das mit dem Argument “jüdisches und muslimisches Leben in Deutschland zu ermöglichen”. Diese Formulierung ist bezeichnend. Eine religiöse Praxis wird mit “Leben” in eins gesetzt, darauf zu verzichten würde den Tod bedeuten. Nicht nachgewiesen ist, wie das Leben von Juden und Muslimen sowohl von der Religion wie auch von der Beschneidung und wie Religion von der Beschneidung zwangsläufig und auf ewig abhängen sollen.

Schreckensszenarien werden entworfen: Die fraglichen Gruppen könnten nach Polen (!) oder in noch barbarischere Regionen gehen und dort in unsauberen Hinterhofkliniken ihre Beschneidung vornehmen lassen. Das deutsche Medizinsystem war noch nie in der europaweiten Bestenliste, auf einmal gehören polnische Krankenhäuser, in denen sich  Deutsche ganz gern mal die Zähne oder die Brüste “machen” lassen, zum medizintechnologischen “Anderen”. Wahrscheinlich wissen Menschen, die solche Ängste vor polnischen Krankenhäusern schüren, nicht, dass rituelle Beschneidungen bei Muslimen recht häufig in der Türkei durch traditionelle Beschneider vorgenommen werden (ein Grund, die Verwandten zu besuchen und manchmal kommen ein paar Dutzend oder Hundert Knaben hintereinander in einem rauschenden Fest dran), oder in Deutschland auch auf dem Küchentisch. Gering dürfte die Zahl der Ärzte sein, die in Deutschland überhaupt noch eigene Operationserfahrungen mit Beschneidungen haben, von Routine ganz zu schweigen. Daran wird auch eine entsprechende “Aufsichts”-Regelung der Bundesregierung nichts ändern, weshalb die Zeit bis zur Gesetzgebung die einzige Gelegenheit bietet, über Beschneidungen aufzuklären und so tatsächlich diese Zustände zu problematisieren.

Bei der Aufklärung stößt man allerdings auf ein tiefenpsychologisches Problem, das sehr viel schwerer fassbar ist, als die bislang angesprochenen Abwehrmechanismen: dem Schuldkomplex.

Schuldgefühle löst die Beschneidungsdiskussion auf drei Ebenen aus.

1. Die individuelle Ebene. Eltern haben gegenüber ihren Kindern Schuldgefühle, müssen diese abwehren und sich vergewissern, dass die konkrete Beschneidung ein harmloser Akt war. Die Kinder wiederum haben Angst, ihre Eltern bezichtigen zu müssen und nehmen sie aus Konfliktvermeidung vorauseilend in Schutz. Resultat ist in beiden Fällen die Verharmlosung der Beschneidung, das Verdrängen von negativen Folgen und das Überidealisieren von positiven Folgen.

2. Die historische Ebene: Da Beschneidungen kollektivbildende Akte sind, bedeutet ihre Kritik auch Kritik am Kollektiv, dem aktuellen wie dem historisch sich reproduzierenden. Zu sagen, dass die Beschneidung heute überflüssig, falsch und Genitalverstümmelung ist, bedeutet die Aussage, dass alle Eltern der Geschichte, die diesen Akt vollzogen haben, mindestens im Irrtum und schlimmstenfalls “böse” Menschen waren. Es ist übrigens fraglich, ob unter historischen Bedingungen eine Beschneidung je präventiven Charakter vor allem bezüglich der Phimose haben konnte. Aus dem Pentateuch ist das Wundfieber als Folge der Beschneidungen überliefert und es wird als Grund angeführt, dass Moses ihr aus dem Weg zu gehen suchte.

Unabhängig davon müssen diese beiden Ebenen in den jeweiligen Konstellationen gelöst werden: In der Familie und im religiösen/säkularen Kollektiv. Wirklich gravierend erscheint mir die für den jüdischen Ritus spezifische dritte Ebene:

3. Die antisemitische Ebene. Wenn, wie Freud nahelegte, die Imaginierung der Beschneidung beim Antisemiten Kastrationsängste auslöst und diese den Kern seines Antisemitismus ausmachen, so war es bislang bequem, zu sagen, dass die Beschneidung ja in Wirklichkeit harmlos ist und der Antisemit schlichtweg irrt über die Beschneidung.

Auf der gleichen Ebene wurden noch die Argumente der Intaktivisten als pathische Projektionen in den Wind geschlagen. Wenn nun die Beschneidung als Akt der Genitalverstümmelung anerkannt wird, erhalten nicht nur die Intaktivisten Recht, sondern auf einer subdiskursiven, unbewussten symbolischen Ebene auch die Antisemiten und deren historische Verbrechen.

Die Beschneidung als Akt der Genitalverstümmelung anzuerkennen bedeutet dann die unbewusste Assoziation der antisemitischen Gewaltakte mit einer Bestrafung für dieses Verhalten. Die Abwehr der Beschneidungsdebatte ist demgemäß die Abwehr der illegitimen Rationalisierung des Antisemitismus an der Beschneidung, letztlich des Antisemitismus selbst und nicht bloß das Eintreten für die Religionsfreiheit oder für ein theologisches, literalistisches Konstrukt des Bundes.

Träfe diese verkürzte und in Reinform schwer nachweisbare Deutung zu, würde sie eine kaum erträgliche Spannung zwischen Bestrafungsphantasie, abgewehrte Identifikation mit dem Aggressor, Kastrationsangst, Schuldvorwurf an die Eltern und Infragestellung des positiven kollektiven Selbstbildes diagnostizieren, die in Verdrängung und Verfolgungsangst münden kann. Die wütenden Ineinssetzungen von Nazismus und Beschneidungsverbot sprechen für die Existenz einer solchen tiefenpsychologischen Problemlage. Der offensichtliche Unterschied, dass der Nazismus nie das Recht des Individuums gegen das Kollektiv vertreten hat, dass also ein individualistisch begründetes Beschneidungsverbot nicht nur dem Kollektivrecht der Religionen sondern auch der suprematistischen Kollektivideologie des Nazismus diametral entgegensteht, wird ausgeblendet. Anstelle theologischer Diskussionen um die (Un-)Möglichkeit der Abschaffung der Beschneidung unter Erhaltung des religiösen Kollektivs tritt eine dualistische Radikalopposition, in der es nur Beschneidungsrecht oder den “Tod” des jüdischen/muslimischen “Lebens” zu geben scheint.

Die strukturell antisemitische, aber staatsantifaschistische Mehrheit im Bundestag kann ihrerseits die Drohung nicht aushalten, hier mit der konsequenten Abwertung eines spezifischen jüdischen und muslimischen Rituals dem ganzen in sich selbst tabuierten, aber nie abgeschafften Antisemitismus und Rassismus ein Einfallstor zu schaffen. Die Gesetzesinitiative antizipiert in der Formulierung vom “jüdischen und muslimischen Leben” den Dammbruch des eigenen Ressentiments und den Umschlag von mühsam aufrechterhaltenem, begriffslosem Staatsantirassismus (dem die Realpolitik ohnehin Hohn spricht) in vernichtenden Antisemitismus. Weil man zu viele der vielfältigen Morphen des Antisemitismus in sich trägt, darf es keinen Makel am Judentum geben, an dem dieser in den deutschen Menschen auf der Lauer liegende Antisemitismus wieder Kraft gewinnen könnte. Die vermeintliche Toleranz ist mühsam durch Idealisierung verdrängtes Ressentiment, für die ernsthafte Bearbeitung von medizinischen, rechtlichen und theologischen Problemlagen bleibt kein Raum.

Wenn der Antisemitismus in dieser Debatte seine Kastrationsphantasien an der Beschneidung rationalisiert, so bedeutet doch die Anerkennung der Beschneidung als Kastration nicht die Legitimation der antisemitischen Kastrationsängste. Die Psychoanalyse des Antisemitismus weist keinen Irrtum über die Juden nach: Der Antisemitismus ist die “gewusste Lüge”, er geht gesellschafltichen Konflikten aus dem Weg und anstatt dort die Kastration zu riskieren, identifiziert er sich mit dem, was ihm als Individuum feindlich ist, dem nationalen oder antinationalen Kollektiv, und projiziert das von diesem als Negatives, Kastrierendes Erfahrene auf “die Juden”. Mit der Beschneidung hat das historisch wenig zu tun, auch wenn sie hin und wieder als Projektionsfläche aufscheint. Gemeinhin bekannt ist, dass der Antisemitismus sich sein Bild vom Juden aus sich selbst heraus schafft. Ein Beschneidungsverbot wird er ebenso inkorporieren wie die Legalisierung – und umgekehrt wird kein Antisemit durch ein Beschneidungsverbot oder eine Legalisierung von seinem Antisemitismus geheilt werden.

Mit der gleichen Begründung lässt sich auch die reaktualisierte Vermutung widerlegen, die Ritualmordlegenden seien an dem wohl ausgestorbenen Ritual entstanden, in dem der Mohel die Beschneidungswunde aussaugte um die Wundreinigung zu fördern und Blutungen zu stillen. Dann wären historisch entsprechende negative Berichte über konkrete Beschneidungsrituale häufiger. Auch in den antiken Antisemitismen findet sich die Beschneidung nur selten als Ideologem gegen das Judentum und wenn, ist es einer Reihe von anderen Ressentiments untergeordnet und tritt als Akzidentielles hinzu. Die europäischen Ritualmordlegenden erwähnen die Beschneidung nicht als verwerfliches Verhalten – dafür aber die Hostienschändung, die Hexensynagoge, den Hexensabbath und die Blut-Geldmagie.

Freud bietet eine zweite, weitaus schlüssigere Deutung des Antisemitismus an: Die von Antisemiten als “schlecht getauften Christen”, die das Negative und die unausgehaltene Widersprüchliche des unbegriffenen, weil unbegreiflichen Christentums auf das Judentum projizieren, allen voran dem christologisch notwendigem Gottesmord und dem magischen, virtuellen Kannibalismus der Eucharistie (projiziert als Hostienschändung und Ritualmord). Daher kam es zu Kreuzzugspogromen und Karfreitagspogromen, Pogrome in Folge von jüdischen oder islamischen Beschneidungsfesten sind jedoch nicht bekannt. Mit dem Hinzutreten des islamischen Antisemitismus wird die Beschneidungsthese Freuds noch unwahrscheinlicher, seine Taufthese ließe sich allerdings problemlos auf den Islam übertragen.

Während also die Freud’sche These zweifelhaft ist, dass der Antisemit seinen zweifellos gegebenen Kastrationskomplex an der Beschneidung bildet (wohingegen nachgewiesen werden kann, dass er ihn daran gelegentlich auflädt), besteht die wahrscheinliche Möglichkeit, dass für jüdische Individuen durchaus eine Abwertung der Beschneidung intrapsychisch Selbsthass und unbewusste Identifikation mit den Antisemiten auslöst, die wiederum abgewehrt werden muss.

Dahingehend ist den Beschneidungsgegnern anzuraten, angesichts der Drastik der hier formulierten Spannung ein Verständnis für diese Überreaktion einzuüben, auch wenn es schwer auszuhalten sein mag, sich nun selbst als Antisemit bezeichnet zu sehen. Weil man den modernen Antisemiten die Klage darüber, zu Unrecht als Antisemit diffamiert worden zu sein, leicht als Verdrängung nachweisen kann und die analytischen Begriffe zur Bestimmung des spezifischen Antisemitismus’ parat hat, ist es nun umso bedeutender, sich nun selbst nicht analog idiosynkratisch zu verhalten, sondern diesen Verdacht und Vorwurf ernst zu nehmen, zu reflektieren, zu kontextualisieren und die zugrunde liegenden, möglichen Verdrängungsmechanismen ins Bewusstsein zu überführen. In keinem Fall wäre aber dem überkommenen Anspruch der Religionen, nach Belieben mit den Körpern ihrer Kinder zu verfahren, nachzugeben. Das religiöse und noch so orthodoxe Judentum gegen jeden Antisemitismus zu verteidigen ist der kategorische Imperativ. Er bedeutet nicht, eine Religion, und sei es die jüdische, vor zwangsläufigen Konflikten mit dem Realitätsprinzip zu bewahren.

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Die gesamte Trilogie zur Beschneidung auf Nichtidentisches ist über folgende Links abrufbar:

Ein Beitrag zur Beschneidungsdebatte

“Die latente Unehrlichkeit ihres positiven Israel-Knacks” – Eine Diskussion der Gegner der Gegner der Beschneidung

Schuld und Vorhaut

 


Einsortiert unter:Antisemitismus, Psychoanalyse, Rassismus, Verwaltete Welt

“Die latente Unehrlichkeit ihres positiven Israel-Knacks…” – Eine Diskussion der Gegner der Gegner der Beschneidung July 16, 2012 | 01:21 pm

Filipp Piatov diagnostiziert in seinem Beitrag zur Beschneidungsdebatte jenen Individuen, die nun die Beschneidung kritisieren, eine “latente Unehrlichkeit”:

Menschen, die sich in jede Israel-Debatte werfen und den jüdischen Staat bis in den Himmel loben, ihn überall verteidigen und Antisemiten kampfeslustig enttarnen. Allerdings hat sich bei diesen glühenden Israelfreunden unbemerkt ein Zwiespalt eingeschlichen, der die latente Unehrlichkeit ihres positiven Israel-Knacks‘ offenbart.

Piatovs Argumentation lautet: Die Beschneidung ist einer der essentiellsten Bestandteile des Judentums. Das religiöse Judentum allein habe den jüdischen Kollektivgedanken getragen und verteidigt und ohne diesen Kollektivgedanken sei Israel undenkbar. Daher ist ein Angriff auf die Beschneidung ein Angriff auf das religiöse Judentum und damit auf Israel. Daher sind die Beschneidungsgegner latent unehrlich. Eine solche Argumentation entbehrt nicht einer gewissen Logik und Wahrheit. Piatov unterstellt aber, dass sein Argument den aufgeklärteren Beschneidungsgegnern entweder unbekannt oder egal ist.

Doch sobald der Jude sein Kind beschneiden will, einen Tag fastet und am Shabbat den PC aus lässt, verliert er seine hippen Eigenschaften und entspricht plötzlich so garnicht mehr dem liberalen Weltbild seiner ehemaligen Unterstützer. Und ist er dann nicht mal mehr bereit, seine eigentlich vorhandene Diskussionsliebe auf religiöse Grundpflichten anzuwenden, so wird aus dem netten Shlomo der fanatische Fundi.

Hier wirft Piatov kosher essen und Shabbat mit  der Beschneidung in einen Topf, was ein Bedürfnis nach Verharmlosung ausdrückt und damit ein verdrängtes Bewusstsein der Drastik des Eingriffs. Die eigentliche Frage an ihn ist aber die, wo er diesen Umschlag vom netten Shlomo zum fanatischen Fundi ausmacht. Es dürfte jedem der von ihm angesprochenen Diskussionsteilnehmer – Thomas von der Osten-Sacken, Gideon Böss, Alan Posener, und in der Sache fühle ich mich mitgemeint – bewusst sein, dass die Kritik der Beschneidung jung ist und aus ihrer Abwehr mitnichten gleich auf Fanatismus geschlossen werden kann. Diesen Personen ist sehr sicher das theologische Dilemma bewusst, in dem sich das religiöse Judentum befindet, sie nehmen keine altkluge, sondern eine avantgardistische Position ein. Der Unterschied ist: Sie haben wahrscheinlich mehr Zuversicht in die Flexibilität jüdischer Theologie und jüdischer Gemeinden als Piatov, der sich Einmischung in theologische Debatten verbittet.

Muslimische Stimmen in der Diskussion sind relativ unterrepräsentiert, was wohl daran liegt, dass die Beschneidung für Muslime Sunna, und damit nicht verpflichtend ist:

Bei den Moslems entscheidet die Beschneidung nicht über die Zugehörigkeit. Es handelt sich dabei vielmehr um eine Sunna des Propheten Ibrahim und gehört zur natürlichen Hygiene. Es gibt unterschiedliche Strömungen. Nach einigen Imamen wird die Beschneidung empfohlen, nach anderen ist sie zwingend.
Entsprechend der Sunna wird den Eltern geraten, die Beschneidung am siebten Tag nach der Geburt (einschließlich des Geburtstages) vorzunehmen. Sie kann aber auch früher oder später erfolgen, jedoch aus medizinischer Sicht nicht vor dem 4. Tag nach der Geburt. Wer den Eingriff vornimmt, bleibt den Eltern freigestellt.

Piatov hat in einem Punkt zweifellos recht: Das Verbot stellt allein das religiöse Judentum vor eine existentielle Herausforderung. Er streitet zwar nichtreligiösen Menschen, und hier trennt er nicht zwischen Juden und Nichtjuden, die Fähigkeit zur theologischen Exegese ab. Er kann aber auch selbst nichts Argumentähnliches dazu beitragen. Der jüdische Gott als literarische Figur ist nun mal kein auf Literalismus geeichter Gott: Er ist fehlbar und lässt sich mitunter von Argumenten der Menschen überzeugen. Sein Zorn reut ihn ebenso wie seine vergangenen Fehler. Er ist ein zutiefst historischer Gott, der über die Jahrtausende der Überlieferung Gesetze vermittelt, die meist den jeweiligen historischen Bedingungen angemessen sind. Was im Buch Richter steht, widerspricht dem Buch Könige und das wiederum den späteren Propheten. Aus dieser objektiven historischen Vernunft des religiösen Judentums, seinem aufklärerischen Gehalt ergibt sich auch die ambivalente Zuversicht der Atheisten, dass ein Verbot der Beschneidung von Kindern nicht in einem Untergang des religiösen Judentums münden muss. Es überlässt diese Diskussion aber tatsächlich den religiösen Juden und folgt damit der Forderung Piatovs.  Frank Furedi kontextualisiert das theologische Prinzip in seiner Polemik:

The Hasmonean Jewish revolt, in the second century BC, was a response to attempts by their Hellenic rulers to make them give up their ‘barbaric’ customs and adopt a more civilised way of life. One of the catalysts for the revolt was a decree by the Seleucid emperor Antiochus IV, which commanded Jews to leave their sons uncircumcised or face death. This decree, targeting the ‘barbaric’ behaviour of an ‘uneducated’ people, was part of a comprehensive campaign to destroy the Jewish way of life. It is not surprising that the revolt against it, led by Judah Maccabee, is considered one of the defining moments of Judaism. That is why, for any Jew with an historic memory, the current crusade against circumcision will be seen as a less brutal version of the Hellenic project to make Jews more ‘civilised’.

Furedis angenehm ausführlicher Text ist eine wertvolle Infragestellung zahlloser Ressentiments und Unterströmungen der Beschneidungsdiskussion und ausdrücklich zur Lektüre empfohlen. Grundsätzlich sieht er das Recht der Eltern auf jegliche Handlung gegen den Willen des Kindes in Frage gestellt. Hier unterschlägt er das Problem, dass sich alle Eltern vor dem mündigen Kind für alle diese Akte rechtfertigen müssen und für die allermeisten erzieherischen Akte die Zustimmung des reifen Individuums erhalten werden: Es war gut, dass die Eltern einem verboten haben, den heißen Ofen anzufassen. Es war zumindest nicht so schlimm, dass sie einen zum Klavierspielüben ermahnt haben. Für die Beschneidung gibt es aber die Möglichkeit der rationalen Ablehnung des reifen Individuums und somit der fundamentalen unwiderrufbaren Integritätsverletzung. Ein reifes Individuum kann den Eltern zu Recht vorwerfen, durch die Beschneidung beeinträchtigt worden zu sein und hat dann keine Möglichkeit der Reparation mehr. Zu Recht wurde auch die massenhafte, international übliche Praxis der Ohrfeige verboten, auch wenn Millionen Eltern tief überzeugt waren, sie zum Wohle des Kindes auszuüben und sie das Kind auch herzlich trösteten, wenn es danach weinte. Furedi verwechselt Widerspruch und Zustimmung des unreifen Kindes gegen rationale Erziehungsmaßnahmen mit nicht (mehr) oder allenfalls begrenzt rationalen körperlichen Veränderungen, die durch das reife Individuum nur noch betrauert werden können.

Eine weitere Strategie Furedis ist, die Ressentiments nachzuweisen, die über die psychologische Konstitution der Beschneidenden kursieren. Hier ist ihm bedingungslos recht zu geben: es besteht keine zwangsläufige pathologische Konstitution der beschneidenden Individuen. Das ist auch eine Grunderkenntnis der Ritualforschung. Ein Inquisitor konnte die als Hexe gemarterte Person bemitleiden und die Folter abscheulich finden, er musste kein Sadist sein, um dennoch die ekelerregende Folter für absolut notwendig zu halten und durchzuführen. Eine Mutter kann ihr beschnittenes Kind bemitleiden, mitunter stärker traumatisiert werden als das Kind selbst, einem Mohel wird seine Arbeit zuwider sein, wenn das Kind starke Schmerzen hat oder ihm ein Fehler unterläuft. Pathologie und begriffsloses Befolgen von normativen gesellschaftlichen Erwartungen sind auf der individualpsychologischen Ebene grundsätzlich unterschiedliche Phänomene. Pathisch wird der Reflexionsausfall, sobald Reflexion eine Wahlmöglichkeit ist.

Furedi hat sich mit dieser Depathologisierungs-Strategie aber schon wieder der Kerndiskussion entzogen: Ob die Beschneidung selbst ein schädliches oder verzichtbares Ritual ist. Auch seine Argumentation bedarf der Verharmlosung der Beschneidung und des Verweises auf die massenhafte problemlose Anwendung. Vor jeder religiösen Diskussion sollte also die Frage ausführlich geklärt werden, ob die Beschneidung trotz ihrer jahrtausendelangen, religionsübergreifenden, säkularen Anwendung und trotz ihres unbestreitbaren Präventivcharakters bislang vernachlässigte Probleme aufweist, die all jene Vorteile und Partikularinteressen aufwiegen.

Ein von den Gegnern der Gegner vernachlässigtes Problem besteht im Relativismus. Für Thomas von der Osten-Sacken und andere individualistisch argumentierende Positionen (darunter meine) stellt sich primär die Frage der Integrität der eigenen Position. Wenn Aktivisten gegen weibliche Genitalverstümmelung von anderen Religionen erwarten, dass sie zentrale Rituale aufgeben, weil sie das Individuum schädigen, dann müssen wir an die mächtigen Religionen und die Jungenbeschneidung die gleichen Maßstäbe anlegen. Falls die Frage ist, ob sich meine atheistische Positionen für aufgeklärter, “zivilisierter” als das religiöse Judentum hält: Ja. Meine atheistische, universalistische Position ist paternalistisch, ich habe aber kein Problem damit, es besser zu wissen und ich halte “das Andere” für fähig genug, dieses bessere Wissen auch einzusehen und zu begreifen oder zumindest zu diskutieren und zu falsifizieren. Gegen – auch von Atheisten gehegte Ressentiments – werde ich das religiöse Judentum in der Beschneidungsdebatte verteidigen, wie ich es bisher – unter anderem mit theologischen Argumenten – gegen vulgäratheistische und ahnungslose Anwürfe verteidigt habe. Die Position des Atheismus aber ist avantgardistisch und muss sich nicht gegen den Vorwurf rechtfertigen, Religionen und auch die jüdische abschaffen zu wollen. Dieser Vorwurf ist wahr und banal, kritikabel wäre, wenn diese Position selbst wieder religiös oder totalitär wird, indem sie unaufgeklärte Aufklärung als unbestimmten Selbstzweck und besinnungslos praktiziert.

Der Antisemitismus hat mit der Beschneidungsdiskussion erst dann etwas zu tun, wenn zum Beispiel nachgewiesen werden kann, dass über die Beschneidung das religiöse Judentum abgeschafft werden soll. Diese Wirkung wäre nur als Absicht antisemitisch, weil die Beschneidung dann nachweislich instrumentell verwendet würde und das Ziel “das Judentum” unabhängig von spezifischem Verhalten oder Ritus ist. Es ist aber sicher nicht die Absicht von Osten-Sacken, Boess und mir, aus lauter Bösartigkeit heraus das religiöse Judentum vor blöde Rechtslagen und theologische Zwickmühlen zu stellen, sondern diese Autoren stellen die Jungenbeschneidung in Frage, die muslimische, jüdische, afrikanische, säkulare. Tatsächlich glaubt wohl keiner der erwähnten Autoren, zumindest ich, nicht, dass das ohnehin unverbindliche, fallspezifische Urteil in absehbarer Zeit allgemeines Recht werden wird – Deutschland ist zu sehr auf Kultur, Kindergottesdienst und Kollektiv gebürstet und die Kanzlerin Merkel fürchtet schon das Stigma einer “Komikernation”. Es besteht aber die Möglichkeit, das Problem als solches gesellschaftlich zu diskutieren und aus der Selbstverständlichkeit heraus zu bugsieren. Die rituelle Beschneidung wird wohl nicht in den nächsten 100 Jahren fallen, aber vielleicht werden sich, wenn die Debatte anhält, mehr und mehr Menschen entschließen, doch etwas besser darüber nachzudenken und im Interesse ihres Kindes zumindest mehr Wissen und Beratung über mögliche Folgen einzuholen. Und mehr und mehr beschnittene Erwachsene werden aufhören, unbewusst sich selbst oder Unbeschnittene abzuwerten und besser zur Trauer um diesen verlorenen Körperteil in der Lage sein, die erfüllte Lust ohne diesen Körperteil ermöglichen kann.

Furedi schließt seinen Text mit einer Anklage:

What makes the anti-circumcision campaign insidious is not simply its intolerance of the religious freedom of others, but also its arrogant assumption that it has the right to tell other people how they should lead their lives. If I were a religious believer, I would ask: ‘Who made them God?’

Furedi, der vorgebliche Agnostiker, umgeht das Problem der Aufklärung und des Nietzscheanischen Gottesproblems. Die Arroganz des Besserwissenden ist dem besseren Wissen inhärent. Aufklärung ist arrogant, sie sagt anderen Menschen, wie sie ihr Leben besser führen sollten. Furedi beklagt das, aber er hat ein logisches Problem: Er selbst sagt Beschneidungsgegnern, wie sie sich zu äußern haben, wie sie ihr Leben zu führen haben und letzendlich befürwortet er, dass Eltern ihren Kindern auf den Leib schreiben, wie sie zu leben haben – Furedi macht seiner eigenen Argumentationsweise folgend Eltern zu Gott.

Kehren wir nach diesem Exkurs zur Kernfrage zurück: Ist die Beschneidung ein schwerer Eingriff? Fest steht bereits, dass die Befürworter eine Sprache der Verharmlosung pflegen, die für sich schon die verdrängte Schwere des Eingriffs bezeugt. Floris Biskamp in der Jungle World ist schon im Titel ganz immun gegen Schmerzen und Verlust: “Kampf der Supermänner – warum das Verbot harmloser religiöser Rituale nicht Teil einer säkularen, religionskritischen Position ist.” Biskamp orchestriert die Verächtlichkeit des Gejammers, hier gehe es um Lappalien wie kosher essen, Cannabisrauchen oder Beethovenschallplatten rückwärts hören.

Das Mindeste, was nötig wäre, um die religiös begründete Beschneidung der Vorhaut von Jungen als einen solchen Normbruch zu kennzeichnen und ein staatliches Verbot zu legitimieren, wäre ein weitgehender medizinischer und psychologischer Konsens darüber, dass es sich bei der Beschneidung tatsächlich um eine »schwere und irreversible Beeinträchtigung der körperlichen Unversehrtheit« handelt, wie es das Kölner Landgericht behauptet. Von einem solchen Konsens kann jedoch keine Rede sein. Die in Judentum und Islam vorgenommene Beschneidung ist nüchtern betrachtet eine Unannehmlichkeit, die man den Jungen ersparen könnte, sie zieht aber bei sachgemäßer Operationshygiene und Narkose weder gesundheitliche noch sexuelle Beeinträchtigungen nach sich. Sie kann getrost unter die zahlreichen Entscheidungen eingereiht werden, die Erziehungsberechtigte für ihre Kinder treffen müssen und die deren späteres Leben irreversibel beeinflussen: Das betrifft die Ernährung, die Wahl der Schule, den Medienkonsum, die kieferorthopädische Behandlung und so weiter. Irgendwo in diesen Katalog gehört die Frage der Beschneidung von Jungen – und nicht unbedingt an die vorderste Stelle.

Er kann schlichtweg nicht nachweisen, dass diese “Unannehmlichkeit” weder gesundheitliche noch sexuelle Beeinträchtigungen nach sich zieht, es ist zumindest umstritten. Sehr wohl gibt es Studien, die teilweise erschreckend signifikante statistische Werte für beschneidungsspezifische Missempfindungen ermitteln. Ich habe argumentiert, dass die Nichtbeschneidung in Bezug auf mögliche Phimosen ebenso zu Missempfindungen führen kann, aber das wiegt meines Erachtens das andere nicht auf. Wer die Beschneidung bewusst erlebt hat, wird sie schwerlich als “Unannehmlichkeit” einstufen. Sie ist eine mehrminütige Operation, bei der Nervenstränge durchtrennt werden und die im traditionellen religiösen Ritus und bis vor einigen Jahren auch in der ärztlichen Praxis ohne signifikante Betäubung durchgeführt wird. Die Diskussion der Traumatisierung und Altersspezifik habe ich unten bereits diskutiert.

Betreten wir also noch einmal das medizinische Argument, weil es nicht häufig genug widerholt werden kann:

“Die Vorhaut macht rund 50 bis 80% des Hautsystems des Penis aus, je nach Länge des Penisschafts. Die durchschnittliche Vorhaut hat über 3 Fuß (ungefähr 1 m) an Venen, Arterien und Kapillaren, 240 Fuß (73 m) an Nervenfasern und mehr als 20000 Nervenendungen. Aufgefaltet misst die Vorhaut circa 10 bis 15 Quadratzoll (65 bis 100 cm²). Das entspricht ungefähr der Fläche einer Fünf-Pfund-Note.”

Natürlich nur der Fläche einer Seite einer Fünf-Pfund-Note. Die weiteren Funktionen können an jeder medizinischen Quelle nachgelesen werden, sie betreffen sowohl positive Eigenschaften der Vorhaut-Sekrete als auch eine Erleichterung des Geschlechtsaktes. Ein ausführlicher Kommentar zum Urteil findet sich auf: http://www.beschneidung-von-jungen.de/home/erklaerung-zum-koelner-beschneidungsurteil.html

Tatsächlich gelten die medizinischen Argumente den Befürwortern nichts, sie werden nicht einmal diskutiert. Man stellt sich nicht dem Widerspruch und kommuniziert eine falsche Selbstverständlichkeit. Die Vorhaut gilt konsensuell als das Böse, Schlechte, Verderbte. “Auf der faulen Vorhaut liegen” phrasendrischt ein FR-Schreiberling, andere sehen die Welt “an der deutschen Vorhaut genesen”, allgemein wird äußerste Beziehungslosigkeit zu diesem anscheinend ungeliebten Körperteil vermittelt, ein stinkendes, winziges, hässliches Fetzchen, um das es nie schade ist.

Von barbarischer Härte geprägt sind einige Lobesreden auf die Beschneidung: Der Mann könne “länger” oder “intensiver” etwas leisten und bei der Frau bewirken. Er ist in diesem Argument seines eigenen Rechts auf Lust beraubt, seine Lust wird aus der Versorgung der Frau mit einer maximierten Dosis Penis abgeleitet. Wenig bekannt ist, dass die Beschneidung in den USA nicht aus hygienischen Gründen sondern aus der Anti-Masturbationsbewegung heraus gefördert wurde. Es wird noch zum Vorteil des Mannes umgedichtet, weniger empfinden zu können, und das stellt sich durchaus in eine Reihe mit der Barbarei der toughen Männlichkeit.

Auch der präventive Schutz vor Krankheiten ist ein Scheinargument. Wenn die WHO die Beschneidung empfiehlt, so ist das eher ein Zeichen von Hilflosigkeit gegenüber dem Scheitern von Aufklärung. HIV korrelliert zuallererst mit Misogynie und sexueller Gewalt gegen Frauen, dann mit Aufklärung und dann irgendwann vielleicht einmal mit der Beschneidung. Dass gerade Kritiker des Nexus “Hygiene-Staat-Macht” auf dieses Argument hereinfallen und eine Körpermodifizierung aus hygienischem Interesse anempfehlen, ist bemerkenswert.

Die Phimose stellte früher zweifellos ein Problem dar, ist aber heute sehr gut und auch unter Beibehaltung der Vorhaut behandelbar, auch wenn aufgrund allgemeiner gesellschaftlicher Klemmigkeit wenig darüber aufgeklärt wird.

Die Ambivalenz der jeweiligen Positionen, die beide in verdrängten Sexualneid oder Kastrationskomplexen verbleiben können, wurde ebenfalls unten diskutiert.

Biskamp argumentiert allerdings so originell, dass ich ihn zu Wort kommen lassen möchte:

Während dieses Theorem davon ausgeht, dass die übertriebene Ablehnung der Beschneidung auf eine Abneigung gegen Islam oder Judentum zurückgeht, könnten auch umgekehrt die Phantasien über die Beschneidung ein Ursprung des Ressentiments gegen Juden und Muslime sein. Davon jedenfalls war Sigmund Freud überzeugt, der zu dem Schluss kam, dass der von ihm beschriebene Kastrationskomplex »die tiefste unbewusste Wurzel des Antisemitismus« sei. Durch die als Kastration fehlinterpretierte Beschneidung werde die von Jungen in der Kindheit entwickelte Angst, vom übermächtigen Vater zur Strafe für die Freude am eigenen Penis und die Begierde nach der Mutter kastriert zu werden, aktiviert und projektiv nach außen gewandt: als Verachtung, Hass und Angst gegenüber der die Beschneidung praktizierenden Religionsgemeinschaft.

Das ist im tiefenpsychologischen Kern annähernd richtig, rechtfertigt aber nicht die Beschneidung. Vielmehr wird die gesellschaftliche Gewalt, der kulturindustrielle Charakter, der religiöse Kontext der jeweiligen Antisemitismen auf den ontologischen Kastrationskomplex eingedampft und implizit die Beschneidung als Wirkstoff gegen diesen angeführt. Wahlweise bleibt das Argument der Härte: Um den Antisemiten nichts nachzugeben, sollte die Beschneidung beibehalten werden. Mit den verhandelten Rechten der Individuen hat das nichts zu tun. Freud jedenfalls ließ allen biographischen Hinweisen gemäß seine Söhne nicht beschneiden und zeitgenössische jüdische Ärzte forderten bereits mit einigem Erfolg die Abschaffung der Beschneidung. (S. “Freud, Moses und die monotheistische Religion. Ein Essay.” Pieter van den Berg. Via Tilman Tarach)

An dieser Stelle sei auch nochmals das Comic “Foreskin Man” erwähnt: Es ist primär ein Comic. Comics dürfen Charaktere stereotyp zeichnen, sie haben es immer getan und nicht wenige verwendeten rassistische Formen. Foreskin Man aber könnte ebenso gut jüdisch sein, wie er überarisch gezeichnet ist. Wie die Charaktere antisemitisch visualisiert werden, ist so offensichtlich, dass es schon wieder auf Selbstironie hinausläuft. Hier wird nichts im Unklaren belassen, man braucht keine “Analyse” dafür. Erwähnt werden sollte aber, dass im Comic die jüdische Mutter ihr jüdisches Kind vor der Beschneidung beschützt sehen will und, ganz unrassistisch und progressiv auch schwarze Charaktere eingeführt werden, die zum Beispiel als “Vulva-Girl” FGM bekämpfen. Wenn ich diese ironische Komplexität unten verkürzt habe, nehme ich das hiermit zurück. Eine naive, vom Comic unabhängige Wiederholung dieser Stereotype findet sich in der Beschneidungsdebatte allemal. Diese Stereotype werden aber nicht aufgelöst, wenn nicht die Beschneidung objektiv diskutiert wird und man dahergezauberte Fakten auch einmal überprüft.

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Nachtrag:

Ivo Bozic hat unter dem markigen Titel “Cut and Go” in der Jungle World eine ebenfalls recht originelle Strategie eingeschlagen. Studien gebe es auch zu hunderten über Mobiltelefone (auch über Antisemitismus oder Passivrauchen, wie wir wissen), daher müsse man sich keine wissenschaftliche Meinung bilden, sondern irgendeiner natürlichen Vernunft lauschen. Die äußert sich dann so:

dass bei der Beschneidung, nur ein paar Zentimeter Haut entfernt werden, was, selbst wenn man allen kritischen Studien glaubt, in der Regel ohne Folgen bleibt, während operative Eingriffe zur Vereinheitlichung des Geschlechts Einfluss auf das gesamte Leben der Betroffenen haben.

Das ist erstmal kein Argument, sondern mindestens 3. Erstens, dass “operative Eingriffe zur Vereinheitlichung des Geschlechts Einfluss auf das gesamte Leben der Betroffenen haben“. Unbestritten. Das wurde aber im konkreten Urteil nicht verhandelt und hier das eine gegen das andere auszuspielen macht wenig Sinn, aber mächtig Stimmung.

Dann wieder die Verächtlichmachung der elenden Vorhaut: “nur ein paar Zentimeter Haut“. Bozic weiß es ja nicht so genau, ist es die Eichel oder doch die Vorhaut, die wichtiger sind und deshalb kann es ja nicht so schlimm sein. Es sind 60-100 cm² Penishaut, die in einer Operation zur Zeit meistens ohne Narkose entfernt oder am Entstehen gehindert werden. Ich weiß natürlich, dass man ohne leben kann und auch ein einigermaßen erfülltes Sexualleben genießen kann. Vielleicht weiß es auch Ivo Bozic. Zahlreiche andere erinnern sich mit Unmut und lieber nicht an ihre Beschneidung und viele, die sich nicht erinnern, haben dennoch Probleme damit. Was ihre Sache eigentlich mit jener der Geschlechtsumwandlungen vereinen sollte.

In einem Argument sieht er meinem vormals stärksten Argument für die Beschneidung gleich:

Dass acht Prozent aller Männer weltweit mit Phimose, einer krankhaften Vorhautverengung, zu kämpfen haben, ist Gegenstand ungezählter Untersuchungen, die Folgen körperlicher Art sind nachgewiesen und unbestreitbar.

Auch dieses Phänomen ist mir recht gut bekannt. Man braucht aber zur Entkräftung keine wissenschaftliche Studien, weil es Faktenwissen ist, dass die Phimose fast immer ohne Operation behandelt werden kann und heute nur in wenigen Ausnahmen der verbleibenden Fälle (z.B. Lichensklerose) eine komplette Beschneidung erforderlich ist, weil vorhauterhaltende operative Techniken entwickelt wurden.

Dank seiner lapidaren, wurstigen Behandlung von wissenschaftlichen Fakten, bei denen man halt alles nicht so genau wisse, trägt Ivo Bozic wie schon Floris Biskamp und Filipp Piatov zu seiner schlimmsten Befürchtung bei, dass nämlich die ganze Diskursblase darum herum ganz furchtbar werden wird.

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Nachtrag 2: Das schwer widerlegbare anatomische Argument kann auf zahllosen Seiten aufgerufen werden, so zählt stichwortartig die Seite http://www.circumstitions.com/Functions.html 16 biologische und 6 artifizielle Funktionen der Vorhaut auf. Bemerkenswert ist, dass sich durch alle Bildungsschichten, auch in intellektuellen und gut informierten Kreisen, mich bis vor zwei Wochen eingeschlossen, das Vorurteil gehalten hat, die Vorhaut sei überflüssig und praktisch schon totes, zum Abschneiden prädestiniertes Gewebe. Wer es gern audiovisuell mag, wird hier ein wenig Aufklärung finden:

http://www.youtube.com/watch?v=D_dzeDvx2QA&feature=player_detailpage

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Nachtrag 3:
Die gesamte Trilogie zur Beschneidung auf Nichtidentisches ist über folgende Links abrufbar:

Ein Beitrag zur Beschneidungsdebatte

“Die latente Unehrlichkeit ihres positiven Israel-Knacks” – Eine Diskussion der Gegner der Gegner der Beschneidung

Schuld und Vorhaut


Einsortiert unter:Antisemitismus, Make a wish, Misogynie, Psychoanalyse, Verwaltete Welt

Markus Brunner, u.a. (Hg.) »Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus« June 26, 2012 | 06:30 am

Der Sammelband weckte große Erwartungen, so verhieß der Untertitel »Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen«. Doch, das sei vorweg gesagt, die Erwartungen, sozialpsychologische Untersuchungen und Analysen zu finden, wurden enttäuscht. Zwar zeugen die Beiträge von Makus Brunner, Jan Lohl, Rolf Pohl, Sebastian Winter, Sasch Howind, Isabelle Hannemann und Wolfram Stender durch Belesenheit und einem gemeinsam geteilten theoretischen Horizont: der kritischen Theorie – oder vielmehr: der Kritischen Theorie mit »capital K« – eine kanonisierter Textsammlung von Adorno, Horkheimer, Fromm…

Zwar betont die Einleitung von Brunner, Lohl, Pohl und Winter den Anspruch des Gegenwartsbezugs sozialpsychologischer Analysen, primär verbleiben die Artikel aber den theoretischen Aporien verhaftet und verfangen sich in der historistischen Rekonstruktion der Elemente einer politischen Sozialpsychologie. Die Verweise auf den historischen Hintergrund der Sozialpsychologie bleiben spärlich und ihre 1944 in San Francisco auf dem »Psychiatrischen Symposium zum Antisemitismus« vorgestellten Analysen und Interpretationen werden zumeist wiederholt, nicht weiterentwickelt. Das ist zum einen schade, weil es die (vielleicht zu Unrecht gehegten) Erwartungen enttäuscht; es ist aber zugleich weit mehr, nämlich analytisch eingeengt. Denn gerade Ernst Simmel stellt in seinen einleitenden Worten zum Sammelband der Tagung heraus, dass sich der Antisemitismus in der Zeit gewandelt hat, 1944 ein anderer ist als noch vor wenigen Jahrzehnten.1 Die Veränderungen der sozialpsychologischen Konstellation des Antisemitismus der Gegenwart werden von den Autoren nicht aufgegriffen. Auch Leo Löwenthal, einer der wichtigsten Beiträger der Kategorien eines demokratisch verkleideten Antisemitismus nach Auschwitz, wird wie ein Zaungast abgehandelt. Seine Analysen der »Falschen Propheten« finden keinen Widerhall in dem Sammelband. Dabei wäre sein Beitrag zu einem demokratisierten Antisemitismus, wie er an den »Vorurteilsbildern« zum Vorschein kommt, für die Fragen nach einem aktuellen Antisemitismus in der neoliberalen Ära relevant. Indem Löwenthal die Interviews mit amerikanischen Arbeiterinnen und Arbeitern unter sozialpsychologischen Gesichtspunkten analysiert, schafft er eine empirisch grundierte Studie, die für die Gegenwart fehlt.2

Es überwiegt der Akademismus, der nur über den Filter der wissenschaftlichen Publikation Phänomene des gegenwärtigen Antisemitismus wahrnimmt – worüber es keine wissenschaftliche Literatur gibt, wird nicht in Betracht gezogen. Die akademische Vorformung schlägt sich nicht nur negativ in der Schreibweise nieder, sondern auch in der Frage‑ und Problemstellung. Denn vor allem sind es aus der akademischen Sozialforschung kommende Probleme, die aufgegriffen werden. Erst in dieser Vermittlung wird die Gesellschaft einbezogen. Das birgt Fallstricke. Denn gesellschaftliche Phänomene von Antisemitismus, (Neo‑)Nationalsozialismus, etc. fallen nicht mit ihrer akademischen Reflektion zusammen. Beides wäre im Sinne einer kritischen Theorie der Gesellschaft als Teil eines gesellschaftlichen Gesamtzusammenhangs zu kritisieren (wenngleich mit anderen Mitteln). Was sagen soll: eine den gegenwärtigen akademischen Theorien und Forschungsmethoden entsprechende theoretische Systematisierung und Bearbeitung eines gesellschaftlichen Phänomens kann nicht kritisch sein in der Hinsicht, dass die akademische Bearbeitung keinen Beitrag leistet zu einem »entfalteten Kategorialurteil«, als welches kritische Theorie sich einmal begriff. Die immer wieder heranzitierten Horkheimer, Adorno, auch Löwenthal und Fromm, ebenso Marcuse, haben bedeutende und auch wenig beachtete Kämpfe gegen die jeweils vorherrschenden akademischen Moden gekämpft. Und zugleich die Phänomene der falschen Gesellschaft theoretisch reflektiert. (Dies als Teil einer aufklärerischen Praxis kritischer Theorie – sei’s im 19., sei’s im 20. Jahrhundert.) Kurz: es wird sich wenig getraut aus dem Gehäuse des universitären Referenzsystems auf die Gesellschaft zu schießen.

Stattdessen wird sich an Akademikern, Theoretikern und ihrer Textproduktion abgearbeitet. Diese Doppelung von falscher Gesellschaft und falscher Theorie, bzw. der angemessenen Theorie einer falschen Gesellschaft, wird nicht auseinandergehalten in diesem Band. Gerade bei den meines Erachtens interessantesten Beiträgen macht der Hang zur akademischen und nicht gesellschaftstheoretischen Diskussion die Texte dröge, zäh, bisweilen gar abseitig. Ihr Vorbild haben die bisweilen langatmigen Texte an Seminararbeiten gefunden, die schematisch Einleitung, These, Hauptteil, Schluss, Literatur in zig verschiedenen Punkten fordern. Pointierte Artikel wären für das Verständnis besser gewesen. Zugleich muss der Selbstverständigungscharakter, den das Buch zu tragen scheint, berücksichtigt werden. Als Grundlage für eine weitere Diskussion sozialpsychologischer Theorie der Gegenwart kann es dienen, zur Vorstellung der Arbeit der AG Politische Psychologie gereicht es allemal. Während einige Artikel verhandeln, was zumindest Leserinnen und Lesern einschlägiger Publikationen bekannt sein dürfte,3 stechen andere wiederum durch detaillierte Problemaufrisse und gegenwartsanalytische Beobachtungen heraus.4

Die anregendsten Beiträge boten Rolf Pohl, Isabelle Hannemann und Wolfram Stender. Pohl explizierte seine Kritik an nicht-normativen Forschungsverfahren und Deutungsweisen der »Täterforschung« wie sie durch Christopher Browning und Harald Welzer in Wissenschaft und Feuilletons populär wurde. Die pseudo-analytische Sprache der wissenschaftlichen Differenzierungen bieten wenig grundlegenden Erkenntnisgewinn sondern nötigen dem zu untersuchenden Objekt eine unangemessene und abstrahierende Kälte auf. Diese schlägt sich, wie Pohl nachweist, in präjudizierenden Aussagen wieder – »Alles ist möglich« – und verweigert sich der Einlassung auf die konkrete Geschichte. Auch die Frage der »Normalität« im Nationalsozialismus, darauf insistiert Pohl, ist nicht nur relativ, sondern immer von ihren Vexierbildern Abweichung und Perversion begleitet, oftmals Projektionen der »normalen Volksgenossen« auf die Abweichenden mit kaum zu unterschätzenden Konsequenzen. Während die Diskussion der aktuellen Geschichtswissenschaft durchaus verdienstvoll ist, hinterläßt der Mangel an quellengestützter Analyse von Täterschaft und ’Normalität’ den Eindruck, der Artikel komme nur den Epiphänomenen nahe. Eine materialreichere Untersuchung, welche sich den Verhältnissen von Subjekt, NS-Volksgemeinschaft und Massenmobiliserung annähert, steht bei aller Produktivität der gegenwärtigen Wissenschaft aber immer noch aus, vor allem eine, die mit Begriffen kritischer Theorie operiert. Vor dem Hintergrund der Konklusion Christopher Brownings in seiner bahnbrechenden Studie »Ganz normale Männer«, in welcher Browning die Muster der Täterschaft der Mitglieder des Reservepolizeibattaillons 101 auf die Gewalt des Krieges appliziert.

Isabelle Hannemanns Auseinandersetzung mit Täterinnenschaft und weiblicher Grausamkeitsmotivation besticht durch ihre detaillierte Untersuchung zu Fragen weiblicher Perversion, im Subjekt sedimentierender differierender Geschlechtserfahrung, sexuelle und sexualisierte Gewalt. Hingegen dort, wo es um die akademische Auseinandersetzung und die theoretischen, aus dem akademischen kommenden, konzeptuelle Erweiterung von psychoanalytischen Modellen geht, wird ihr Essay schwach. Nicht weil es Hannemann an Belesenheit fehlen würde, im Gegenteil; es mangelt an dem Nachweis der gesellschaftlichen Relevanz bspw. des »Körper-Raum-Konzepts«. Seine Notwendigkeit wird aus der Theorie begründet – und ermangelt daher der Grundierung durch Gesellschaftlichkeit, leider. Zu bedauern ist auch der Artikel von Sascha Howind, der den Sprachduktus des linken Dogmatismus bedient; ellenlang werden Freud und Adorno referiert, am Ende folgt ein apodiktischer Satz, der das Zitat analytisch abzurunden meint. Die harten kurzen Hauptsätze suspendieren den Gedanken durch die abgeschloßenene Form: »Hitler verkörperte die Rolle der strafenden Autorität.« Punkt. Der Artikel klappert im Gang des Schemas »Überbau‑ökonomische Basis«, welches historische und gesellschaftliche Differenzen im ehernen Gang der marxistisch-leninistischen Siegesgewissheit planiert.5

Wolfram Stender arbeitet für das 21. Jahrhundert drei Formen des autoritären Syndroms heraus. Erstens einen ethnischen Nationalismus, zweitens sekundären Antisemitismus, drittens kulturalistischen Rassismus. Die Adjektive zeigen die Neuerungen an den Phänomenen an, die sich im Kern zu – hier verweist Stender auf Shulamit Volkov – »kulturelle Codes« verfestigt hatten. Trotzdem, dass sich Antisemitismus und Nationalismus wie auch Antisemitismus und Rassismus immer wieder neu verbinden, sind die Differenzen nicht zu unterschätzen. (S. 236 ff.) In seinem Praxisbericht mach Stender deutlich, wie Antisemitismus abgespalten und durch einen antimuslimischen Rassismus verdrängt wird – Antisemitismus wird zum Problem der »Muslime« erklärt, das bundesrepublikanische Trugbild eines anti-antisemitischen Grundkonsenses bedient. Darauf zu insistieren, dass die Projektionen der authochtonen Deutschen auf ihre allochtonen Nachbarn von rassistischem Ressentiment gespeist sind, ist gegenwärtig richtig, wichtig und zu unterstreichen. Zugleich wäre aber die Untersuchung der Bedeutung des migrantisch geprägten Antisemitismus auf die bundesdeutsche Gesellschaft und ihre Korrelation mit den belegten 20 bis 60 Prozent antisemitisch und antisemitisch-autoritärer Bürger in diesem Land aufschlussreich gewesen.

Auch um der Realität einer zumindest partiell multikulturellen Gesellschaft, wie die BRD als Einwanderungszielland sie darstellt, ein Stück gerechter zu werden. Zu hoffen bleibt erstens, dass die Ansprüche des Sammelbandes, sozialpychologische Analysen von Gegenwart und Vergangenheit fruchtbar zu machen, sich in Zukunft deutlicher zeigen. Dies vor allem, weil diese Analysen auf eine Tiefe der Phänomene dringt, die den meisten anderen analytischen Instrumenten verwehrt bleibt. Zweitens ist zu hoffen, dass dieser Sammelband der Arbeitsgemeinschaft Politische Psychologie eine erste Selbstverständigung darstellt und die nächsten Schritte über diesen Punkt hinausgehen. Die AG scheint jedoch, so schleicht es bisweilen durch die Zeilen, an einem Scheidepunkt zu stehen: möchte sie Sozialpsychologie als kritische Theorie der Gegenwart oder Kritische Theorie als Garnierung akademischer Karriereanstrengungen betreiben. Das mag der nächste Band aus dem Arbeitszusammenhang zeigen.

Markus Brunner, Jan Lohl, Rolf Pohl, Sebastian Winter (Hg.): Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen, Gießen 2011 (Psychosozial-Verlag), 252 S., 24,90 EUR.

Anmerkungen

  1. Ernst Simmel: Einleitung, in: Ders. (Hg.): Antisemitismus, Frankfurt am Main 1993 [Erstausgabe in New York/Boston 1946 unter dem Titel »Anti-Semitism. A Social Disease«], S. 12–22, hier: S. 12.
  2. »Prophets of Deceit«, so lautete der Originaltitel der 1949 in New York und Boston erschienenen Studie über die faschistische Agitation in den USA, die Löwenthal gemeinsam mit Norbert Guterman erarbeitet hatte. Sie bilden den fünften Band der durch das American Jewish Committee und dem Institut für Sozialforschung in den USA durchgefürhten und publizierten »Studies in Prejudice«. In dieser 1950 abgeschlossenen Reihe erschien auch die Studie »The Authoritarian Personality«, die partiell ins Deutsche übertragen wurde, wenngleich hier sich auf den alphabetisch ersten Adorno konzentrierend. Online sind alle Bände der »Studies in Prejudice« wie auch kontextualisierendes Material (Briefwechsel, Memoranden und Buchbesprechungen) zugänglich: http://www.ajcarchives.org/main.php?GroupingId=1380 »Antisemitism among American Labor«, eine 1400 Seiten starke Studie des Instituts für Sozialforschung, die bis heute unpubliziert ist. »Voruteilsbilder. Antisemitismus unter amerikanischen Arbeitern« wurde im Band 3 der Schriften Löwenthals (Frankfurt am Main 1990, S. 177–236) publiziert. Siehe dazu auch: Catherine Collomp (2011): ‘Anti-Semitism among American Labor’: a study by the refugee scholars of the Frankfurt School of Sociology at the end of World War II, Labor History, Vol. 52, No. 4, pp. 417–439.
  3. Zu den einschlägigen Texten gehören: Sebastian Winters »Lüstern und verkopft. Zur affektiven Dimension antisemitischer Feindbilder im Nationalsozialismus«, Jan Lohls »Das psychische Erbe des Nationalsozialismus. Ein psychoanalytischer Beitrag zur Generationenfroschung«
  4. Demgegenüber hat Detlev Claussens Artikel über die »Umgekehrte Psychoanalyse. Leo Löwenthals Beitrag zu einer analytischen Sozialpsychologie« (Freibeuter 57, 1993, S. 129–137) weitaus größere Aktualität bewahrt.
  5. Auch ist der Artikel von einer missachtenden Schlampigkeit gekennzeichnet: Die SOPADE ist die Bezeichnung für die SPD im Exil nach 1933; der Begriff der »Ästhetisierung des Politischen« geht auf Walter Benjamin und seinen Aufsatz über die Kunst im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit zurück – wenn man ihn zitiert, sollte man auch den Autoren nennen.

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Muß leider ausfallen: Ideologiekritik und Subjektivität – Lacan und der Marxismus June 11, 2012 | 04:34 pm

20. Juni 2012
18:00

Ein Vortrag von Tove Soiland

lacan-flyer-soiland

AK kritische Psychologie // Frankfurt

Alles freigeräumt. Freiheit und Sicherheit im linken Haus June 4, 2012 | 11:49 am

Die kulturelle Dialektik von Alkohol, Arbeit, Halbbildung und reglementiertem Vergnügen manifestiert sich in Kombination mit individueller Psychopathologie bisweilen in einem unschönen Kneipenszario: Jemand ist betrunken, belästigt andere Gäste, faselt rassistische Monologe oder verletzt die körperliche Integrität von Frauen oder Männern. Natürlich möchten andere Gäste lieber in Ruhe ihren Abend verbringen und daher erteilt jeder halbwegs geschäftstüchtige und vernünftige Kneipenbetrieb solchen auffällig gewordenen Personen ein Hausverbot, um zumindest Wiederholungen von solchen Unannehmlichkeiten vorzubeugen.

Nun gibt es aber auch eine andere Szene, die in Kneipen passieren könnte: Ein politisch aktiver Mensch, vielleicht hat er einen örtlichen Parteienfilz aufgedeckt, vielleicht ist er nur Engländer, schwarz oder schwul oder ein Hergezogener, möchte in einer Kneipe sein Bier trinken. Die Stammtische murren, der Wirt verweigert ihm Getränk und Service. Ein klarer Fall von Diskriminierung. Es steht zwar jedem Verein frei, eine Zielgruppe zu definieren. Wenn an Diskotheken und prinzipiell öffentlichen Kneipen von vornherein eine Selektion stattfindet, wirkt das ein wenig spießig und elitär. Wo Türsteher nach Äußerlichkeiten das Publikum sortieren, entstehen fließende Übergänge zum immerhin heute strafbaren Rassismus.

In sich links oder alternativ nennenden Szenetreffs wiederum findet sich noch nicht allzu lange das Versprechen eines sogenannten „Freiraums“. Die BetreiberInnen solcher Lokalitäten versichern auf Wandanschlägen und Getränkekarten allen Gästen, dass „Sexisten, Rassisten und Antisemiten“ nicht erwünscht seien. In einer Universitätsstadt ergänzt man die Liste der Unerwünschten gerne um Verbindungsstudenten. Wer darüber hinaus sexuell oder verbal belästigt werde oder Belästigungen bezeuge, wird ans Thekenpersonal verwiesen.

Der abgesteckte Katalog von Tatbeständen ist offen für relativ beliebige Modifikationen: von sehr unangenehmen Verhaltensweisen bis hin zur privaten Meinung. Insinuiert wird, dass die inkriminierten Ideologien trennscharf und eindeutig zu bestimmen seien, als gäbe es nicht innerhalb der Linken sehr unterschiedliche Definitionen beispielsweise des Antisemitismus. Das in der Häufung suggerierte Bedrohungspotential erzeugt eine ängstlich-drohende Grundstimmung, der permanenten Angst vor Infiltrierung. Einige Aspekte dieser Angst will diese begrenzt fundierte Analyse begrifflich erfassen und zur Diskussion stellen.

Zunächst wird der eigentlich selbstverständliche Grundsatz des gegenseitigen Respekts und der Höflichkeit zur erwähnenswerten Ausnahme, zum Alleinstellungsmerkmal hochstilisiert. In politischen Institutionen bezeugt eine solche Aufwertungsstrategie ein angekränkelten Selbstbewusstsein. Zwei Elemente kommunizieren doch bereits die Gesinnung dieser Einrichtungen nach außen: Das Veranstaltungsprogramm und die Ästhetik. Wenn nun mit dem Hausverbot für Andersgesinnte ein Drittes hinzutritt, spricht das dafür, dass weder die Ästhetik noch die inhaltliche Präsentation von den linken Orten selbst wirklich ernst genommen werden, dass an ihre kombinierte Wirkung insgeheim gar nicht geglaubt wird.

Bereits die Ästhetik wird durch Kontrolle abgedichtet. Seit Jahren häufen sich Berichte über systematische Diskriminierungen in Szenelokalen. Wenn sie auf zulässige Insignien und Dresscodes verzichteten und dann noch geringfügig eleganter in H&M oder Boheme-Sakko eintreten wollten, wurden gestandene Antifaschisten vom Thekenpersonal unter Generalverdacht gestellt: „Bist du ein Burschi oder was?“

Weil gerade Zugehörigkeit und Gesinnung immer auch unsichtbar sind, sozusagen im schönsten Stressmob-Actionwear-Schafspelz ein Wolf verborgen sein könnte, mahnen zusätzlich Plakate und Bierdeckel-Aufdrucke zur permanenten Wachsamkeit gegen sexuelle Übergriffe und Verbrechen. Die “antisexistischen Bierdeckel” sind besonders interessant und können stellvertretend für den Umschlag von Solidarität in Paternalismus und Kontrolle analysiert werden. In fünf abgebildeten “Übergriff”-Szenarios wird die Passivität der jeweils viktimisierten Frau als total imaginiert, die Ratschläge richten sich nicht an das prospektive Opfer sondern empfehlen einer dritten Person Handlungs- und Wahrnehmungsweisen an, die meistens selbst übergriffig sind. Die Bierdeckel sind allein ihrer Form nach Propaganda. Mit jedem Schluck soll ein moralisches Wahrnehmungmuster ins Unbewusste transportiert werden. Was an Komplexität solche Situationen ausmacht, wird in Bild und Wiederholung geplättet.

Zunächst aber wäre zu klären: Woher aber kommt diese relativ junge Angst, dieses Gefühl, sich in einem permanenten Abwehrkampf gegen sexuelle Übergriffe zu befinden? Wer in eine bürgerliche Kneipe geht, wird möglicherweise einen Rassisten am Nachbartisch vom Leder ziehen hören. In aller, wirklich aller Regel aber kann jede und jeder in einer durchschnittlichen Kneipe friedlich sein Getränk zu sich nehmen und muss schlimmstenfalls befürchten, vom Nachbartisch von endlosen Belanglosigkeiten und grausam inhaltsleerem Geschwätz oder einer Junggesellinenparty belästigt zu werden.  Die Bierdeckel gestehen das implizit ein: Es wird überhaupt nicht jene rituelle sexuelle Belästigung visualisiert, wie sie tatsächlich in manchen rückständigeren Orten gerade unter Alkoholeinfluß noch usus ist und wie sie auch der männliche Autor dieses Textes am eigenen Leib erfahren hat. Strategien gegen sexuelle Belästigung und Vergewaltigung zu denken und zu üben macht Sinn, aber deren permanente Visualisierung im öffentlichen Raum ist der Instrumentalisierung für andere Zwecke verdächtig.

 ”Eigentlich wissen wir es ja. Auch an Orten wie diesem suchen Täter ihre Opfer aus und treten in Aktion – vor unser aller Augen. [...] Blicke, Nachgehen, anzügliche Bemerkungen und vieles mehr können jedoch schon Übergriffe sein. Nicht selten gehen sie einer Vergewaltigung voraus.”

Die Bierdeckel-Szenen stilisieren noch Blicke zu “häufigen” Vorläufern von Gewalttaten und Schaulust hoch. Eine versonnene ästhetische Betrachtung des Anderen wird der grinsenden, abgefeimten Gewalt verdächtig, die des regulierenden Eingriffs einer aufmerksamen, bierdeckelsensibilisierten Person bedürfe, unter Umständen selbst dann, wenn es der oder die Betrachtete selbst nicht bemerkt oder stört. Diszipliniert wird nicht erst durch konkrete Situationen, sondern durch ein Panoptikum, in dem alle sich gegenseitig überwachen und kontrollieren. Mit dem so erzeugten generellen Verbot der optischen Anbetung des Schönen aber wird das Schöne selbst unbewusst durchgestrichen, seine Attraktivität beneidet. Etwas darf schön sein, aber niemand anderes darf es zu lange betrachten. Ein mythologisches Verhältnis spannt sich da auf, das des Medusenhauptes auf der einen und des bösen Blicks auf der anderen Seite. KünstlerInnen und Verliebte studieren Gesichter und Körper, können sich darin verlieren und mitunter vergessen, dass sie mit ihrer bornierten, ewig blickenden Sprachlosigkeit hinter der Oberfläche ein Individuum verunsichern und zum Mittel für ihren Zweck machen. Diese ambivalente und durchaus latent “übergriffige” Blickerotik wird auf einmal als Vorbote der extremen Gewalt verdächtig, man muss sie daher überall erblicken, erkennen, überwachen und verfolgen, in keinem Fall tolerieren: “Aber wir sehen keine Alternative.” Auch wo ein lüsterner, älterer Mann jungen Frauen beim Gespräch nur zusieht, und diese sich daran stören, ohne es verbalisieren zu können, steht am Rand des Bierdeckels eine bezeichnende Reihe von Universalrezepten: “feuer rufen, eineinsnull, hilfe holen, öffentlich machen, laut werden, zuschlagen.” Wie eine angemessene Kritik der Schaulustigen und ein reifer Umgang der männlichen oder weiblichen Schönen mit neidischer oder lüsternerner Schaulust der Anderen zu gestalten sei, denken auch die ausformulierteren Texten über “Blickregimes” oder “Lookism” nicht an. Wahlweise ist ihnen der Blick aufs Schöne oder das Schöne selbst verdächtig. Suggeriert wird eine Welt ohne Übergriffe, ohne die alltägliche Zumutung, dass eine Gesellschaft vermittels des Kapitals auf Körper und Geist zugreift, diese für ihre Zwecke verwendet und meist nur ein klägliches Äquivalent dafür bietet. Aufstehen müssen, Bus fahren, seine Arbeit begutachten lassen, sich von nicht so schönen Menschen ansehen, das heißt konsumieren lassen, in einer Kneipe der einzige Nichtraucher sein – das alles heißt Übergriffe am eigenen Leib zu erleiden, die regressive Ausflucht ist die Monade, der Schutzraum, das private, in dem niemand mehr irgendwie übergreift.

Zu begrüßen wäre, wenn tatsächlich betroffene Individuen zu Kommunikationsstrategien und Wehrhaftigkeit gegenüber sexueller Belästigung ermutigt würden, idealerweise in Workshops oder irgend dialogisch. Antisexistische Bierdeckel definieren aber eher neue Formen des Unzumutbaren (Blicke vom Nachbartisch, ein Augenzwinkern, nicht allein auf einer nächtlichen Straße unterwegs zu sein), sie fühlen in steter Wiederholung vor, was Individuen widerwärtig oder verängstigend zu finden haben, und sie steigern so zuallererst die Angst der potentiellen Opfer. Das unterscheidet die wünschenswerte, selbstverständliche und doch nicht zwangsläufige Solidarität mit Opfern vom Paternalismus, der die “Hilfe” immer mit narzisstischen Boni belohnt und sein Objekt gewiss nicht zur Emanzipation führt.

Einer Frau, die ganz gut brüllen, drohen, einen “Candywrapper” anwenden oder an entsprechender Stelle zutreten könnte, versichert Bierdeckel Nr. 1, man würde ihr diesen Akt der Aggression abnehmen. Sie soll so wehrlos bleiben, wie man sie erzogen hat. Emanzipation bedeutet aber auch den anstrengenden Verzicht auf die allzu selbstverständliche feminin-passive Auslagerung von Aggression an Dritte, eine Strategie der Kollusion. Aggression und Gewalt darf und soll in dieser Konstellation nur männlich sein – das weibliche Ideal bleibt narzisstisch rein von verfemter Aggressivität. Diese zutiefst patriarchale und ökofeministische Erbschaft aufzukündigen ist nur durch ein Zurückführen von Frauen an den verlernten strategischen Einsatz von Aggressionen möglich, nicht aber durch die regressive Bestätigung ihrer angeblich ontologischen Wehrlosigkeit auf Bierdeckeln.

Wahrscheinlicher will die permanent evozierte Bedrohung auch etwas anderes erreichen, einen Distinktionsgewinn. Wenn die invasive Außenwelt nur noch als Hort von Vergewaltigung, unreglementierten Trieben und Gewalt imaginiert wird, kann dadurch die eigene Burg gefestigt werden. Foucault hat in seinen lesbarsten Stellen ein tiefes Misstrauen gegen eine Strategie formuliert, die einen Herrschaftsanspruch als Fürsorge tarnt. An den Hausordnungen der linken Räume ist bemerkenswert, dass Verantwortung gern departementalisiert wird: Stets ist die Versicherung da, dass man sich kümmern werde. Die Vermittlung durch das Thekenpersonal ist nun nicht aus dessen besonderer Schulung im Umgang mit sexueller Gewalt oder Konfliktmediation abgeleitet, sondern aus der Machtposition.

Diese Macht verspricht den Anwesenden Ruhe und Identität. Die in den Kneipen versprochene Sicherheit muss aber kontinuierlich durch Ermahnungen auf Getränkekarten, Plakaten, Bierdeckeln gestört werden. Um Ruhe zu schaffen, wird die Bedrohung permanent, mit jedem Getränk, visualisiert, exerziert und zelebriert. Dass dadurch tatsächlich Traumatisierte in ihrem Ruhebedürfnis ernst genommen werden, ist zweifelhaft. Die allgemeine Folge einer solchen Ritualisierung ist eine stets aufgereizte, stimulierte Angstlust und insgeheim womöglich eine Identifikation mit den bildlich vorgeführten Verbrechen.

Historisch war die autoritäre Inbetriebnahme von  sexuellen Gewaltängsten/-phantasien  Teil der fürchterlichsten Regimes, allen voran der Nationalsozialismus. Dessen Nacktkörperkultur und Natürlichkeitswahn, von Fetischismus und Aggression vermeintlich gereinigte Sexualität, ging mit dem Wahnbild einer invasiven Außenwelt einher, in der Afrikaner und Juden ihr sexuelles Unwesen treiben würden. Das Verhältnis von Sexualneid und Rassismus wurde hinlänglich analysiert. Der puritanischere Ku Klux Klan lynchte vor allem schwarze Männer, der konstruierte Vorwurf war fast immer die „Vergewaltigung einer weißen Frau“. Im Kambodscha der roten Khmer galt jegliches Private verdächtig, Familien wurden zerrissen, die dünne Reiswassersuppe musste in den schlimmsten Distrikten im Kollektiv eingenommen werden, um die allseitige Kontrolle auszuüben und bei geringsten Delikten “im Interesse der Allgemeinheit” Menschen zu liquidieren. Die “fürsorgliche” Überwachung des Privaten hat eine so perfide Tradition, dass ihr äußerstes Misstrauen selbst dort entgegen zu bringen ist, wo sie sich antitotalitär gibt. Anzusetzen wäre zuerst an der Schimäre der Außergewöhnlichkeit, der narzisstische Überhöhung, dass diese “Sensibilisierung” für die Linke neu und spezifisch sei. Jeder “Tatort” und jeder Horrorfilm kultiviert schließlich die Angst davor, dass auf neugierige Frauen nur Vergewaltigung und Tod wartet, dass das liebenswerte Date sich als Psychopath entpuppt, dass die Wälder von kindsentführenden Mafiosi wimmeltn und hinter jeder dunklen Ecke ein Monstrum auf sein Opfer lauert.

Der linksautonome Antisexismus schlug mehrfach schon in verfolgenden Autoritarismus um. Als einige gegen „den Sexismus“ Protestierende in Marburg einen mit fadenscheinigen Argumenten als sexistisch identifizierten Vortrag verhinderten, entwarfen sie spontan ein Submissions-Ritual. Wer den universitären Veranstaltungsraum betreten wollte, sollte unter einem aufgespannten Transparent hindurchkriechen. Dieses Ritual ist so alt wie archaisch: In Gallien wurde das römische Heer von den Tigurinern besiegt, diese schickten die besiegten Soldaten unter einem Joch hindurch. Herrschaft über Andere in deren Körper einzuschreiben ist eine der perfidesten und ältesten Machtstrategien. Vermeintliche Herrschaftskritik schlug in Marburg um in unreflektierteste Herrschaftsausübung, in Heimzahlung und Zurichtung des Anderen durch dessen gebeugten Körper.

Solche Rituale zeugen von einem erschütterten Selbstvertrauen in die sprachlichen Fähigkeiten, in den Begriff. Die wütende Aktion folgte begriffsloser Identifizierung. Man will, gegen die Freudsche Kränkung aufbegehrend, Herr im „eigenen“ Haus sein und lässt gerade dadurch seinen niedrigsten Lüsten – Häme, Heimtücke, Rache, Verfolungslust – freien Lauf. Einer der Veranstalter wurde denunziert, ein Anruf bei seinem Chef sollte seinen “Rassismus und Sexismus” bloß stellen, was fast zu seiner Entlassung geführt hatte. Natürlich haben die Aggressiven „keinen Verdacht auf sich selbst“, wie man in der Psychotherapie umgangssprachlich sagt. Sie sind “unschuldige Verfolger”, in gerechter Sache aggressiv, es läuft alles ganz logisch auf Notwehr hinaus, denn “wie sind die Guten”, wie man auf Demonstrationen gerne skandiert. Mit dem gleichen Argument wurde in einem Szenelokal das Hausverbot gegen einen der verhinderten Veranstalter ausgesprochen, der Begründung zufolge hätten der ausgewiesene Mensch „beschissene Texte“ in einem Blog geschrieben, die das avantgardistische Selbstbild offenbar so tief kränkten, dass der Nachweis für sexistische, rassistische oder antisemitische Zitate gar nicht mehr erbracht musste. Aus dem Vorwand des Schutzes von potentiellen Opfern von Sexismus und Rassismus wurde ganz konkret ein systematisches und organisiertes Verfolgen von Andersdenkenden. Das gleiche Phänomen spielt sich überall ab, wo Bahamas-Autoren in Dialog mit Kritikern und Anhängern treten wollen – die bundesweite Verfolgungsjagd auf diese Kritiker der Linken ist längst Realität.

Es ginge, wenn Begreifenwollen einsetzte, auch anders. Man könnte den Individuen ihre Selbstverantwortung zurück geben, statt sie erst durch die Imagination übermächtiger Bedrohungen einzuschüchtern, und ihnen dann als einzigen Ausweg die Autorität des Kollektivs anzuempfehlen. Anstatt Plakate aufzuhängen, die sich sinngemäß an potentielle Vergewaltiger richten, und dadurch Vergewaltigungsopfern suggerieren, eine Missverständnis auf der Kommunikationsebene oder theoretische Unbildung habe beim Täter vorgelegen; anstatt mit solchen Plakaten die Vergewaltigung als alltägliche Imagination zu inszenieren, wie jene prüde Kirchen-Pornographie, die ihre Lust an Abbildungenen als Denunziation abnormalen Verhaltens tarnt; anstelle einer solchen Veralltäglichung des Sexualverbrechens könnte man Frauen und Männer analytisch bilden, ihnen komplexere Begriffe anempfehlen durch ausgearbeitete Texte, ihnen Strategien aufzeigen, Nein- und Ja-Anteile an sich selbst und an anderen zu erkennen, abzuwägen und angemessen zu artikulieren, schlichtweg ihnen beizubringen, nett zueinander zu sein, ohne gleich den immer riskanten und kränkungsgefährdeten Verführungsversuch oder die sexuelle Dimension aller zwischenmenschlichen Beziehungen zu kriminalisieren.

Das Missverhältnis zwischen der Arbeit an Begriffen und Tanzveranstaltungen ist allerdings eklatant. Gut möglich ist, dass dadurch erst die Angst genährt wird. Es fehlen Begriffe und Worte, wenn Kommunikation durch Lautstärke und Alkohol unterdrückt wird und letztendlich nur noch begriffslose somatische Emotion herrscht und allenfalls mit Tanzstilen Attraktion und Attraktivität, Zugehörigkeit und Ablehnung kommuniziert werden kann. Sprache und Körper verfließen, die Angst vor der sprachlichen Verletzung gleicht sich der Angst vor dem körperlichen Übergriff an, wer „beschissen“ schreibt, beginnt plötzlich tatsächlich zu stinken und muss weggespült, verwiesen, verboten werden.

Was wäre der politischen Sache verloren, wenn nicht nur die mit Hausverbot bedachten antifaschistischen Feministen und Kritiker der Linken sondern vielleicht sogar ein Verbindungsstudent in einer solchen Örtlichkeit gelegentlich sein Bier trinken würde. Wäre man sich seiner intellektuellen Überlegenheit zutiefst gewiss, man könnte freudig eine Gelegenheit wahrnehmen, das rhetorische Geschick am willkommenen Gegner zu testen. Das beinhaltet aber die Gefahr, auf religiöse Anteile der eigenen Ideologie zu stoßen, unbegriffene Natürlichkeiten erschüttert zu sehen. Glaubt man denn wirklich, dass ohne Verbote die Infiltration der stickerbewehrte Institution – die allein durch die Aufkleber und die ranzigen Kritzeleien so oft an ein Kinderzimmer erinnern, das vor den Eltern geschützt werden muss – glaubt man also wirklich dass die Invasion der verrauchten Schuppen durch Burschenschafter anstünde oder macht man sich insgeheim die Welt durch ein sattes Stück Unfreiheit, Intoleranz und Unehrlichkeit vor sich selbst erträglicher?

Kritik an der derzeitigen Praxis ist selbst dort zu leisten, wenn sie ihr Recht hat, bei tatsächlichen Übergriffen. Die notwendige Abwehr “Hausverbot” masst sich mitunter an, das Strafrecht zu ersetzen: In Frankfurt wurde einem als geständig bezeichneten Vergewaltiger ein Hausverbot erteilt – von einer Strafanzeige wird dem Opfer implizit abgeraten, das linke Recht sei dem bürgerlich-politischen durch die “Definitionsmacht” überlegen.  Ein solches Verhalten ist perfide: Das Opfer wird “geschützt” – solange es sich ans Kollektiv bindet und in dessen Räumen aufhält. Es wird an diesem Punkt mit Leib und Seele abhängig gemacht von seiner politischen Gesinnung. Im konkreten Fall wird noch ein Kollektivgewinn herausgeschürft: “Bei einer Vergewaltigung sind alle betroffen. Sie ist keine Privatangelegenheit, sondern muss als politische, nämlich sexistische Gewalt politisch geächtet werden.”

Das Hausverbot schickt sich nicht nur an, bürgerliche Rechtsgrundsätze wie das “in dubio pro reo” oder das Grundgebot eines festgesetzten Strafmaßes, sondern auch jede Analyse zu ersetzen. Das höchste Interesse der kritischen Theorie lag darin, herauszufinden, wie die Menschen zu dem geworden sind, was sie sind und wie man es sich und anderen begreiflich macht – auch und gerade an den ärgsten der nationalsozialistischen Massenmörder. Das bedeutet nicht den pazifistischen Ausschluß von Notwehr und Aktion, sondern das Primat der Analyse und der Trauer um die Verlorenen.

Ein solches Primat würde endlich auch jenes abscheuliche Identifizieren abstellen, das aus Individuen, die vielleicht in einer schlechten Polemik wirklich danebengehauen haben, auf Lebenszeit einen „Sexisten“ oder „Rassisten“ in toto macht. Wer das einmal „ist“, hat so schnell kein Auskommen. Kontagiös verbreitet sich das Gerücht und es erweitert sich.  Hatte sich jemand am ersten Ort wegen einer Plakatzerstörung einen Verweis eingetragen, eilt ihm rasch die Identifizierungswut hinterher und treibt ihn als Gesinnungstäter und prospektiven Vergewaltigungsbefürworter aus allen Institutionen, deren das linke Kollektiv habhaft werden konnte. Es scheint erneut so, als könnte das Selbstbild einer aggressionsbereinigten besseren Gesellschaftsform, der neuen Menschen, nur aufrechterhalten werden, wenn man diesen neuen Menschen hin und wieder einen richtigen Verbrecher präsentiert, der wie die Manifestationen des Verdrängten im Horrorfilm an den Fenstern kratzt. Symptomatisch für diese Form des Identifizierens ist die zeitliche Entfristung von Hausverboten. Nicht wird versucht, zu disziplinieren, gerecht zu sein, Kritik wirken zu lassen, vorzubeugen – das Hausverbot will in seiner derzeitigen Form Identität schaffen und das Kollektiv begründen, das keine anderen Argumente mehr hat und zulässt und in sich schon jene Deprivation ahnt, die es den anderen, willkommenen oder dem Bild zurechtgelogenen Objekten angedeiht, um sie nicht zu schmerzhaft selbst zu fühlen.


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Psychoanalyse und Gesellschaftskritik (II) April 1, 2012 | 04:33 pm

Hass auf Vermittlung und »Lückenphobie«

Christine Kirchhoff hat im Januar 2012 auf Einladung der Bielefelder Association Critique einen Vortrag gehalten, der insofern sehr gut zum letzten hier dokumentierten Beitrag passt, als das Thema Psychoanalyse als ein Strang bzw. eine Quelle der Kritischen Theorie dort ausgespart worden ist. Es handelt sich um eine erweiterte Fassung ihres in der letzten Phase 2 (41/2012) erschienen Essays über die Aktualität der Psychoanalyse, in dem sie diese als notwendiges Reflexionsmoment von Gesellschaftskritik bestimmt. Psychoanalyse erlaube es, »den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität« nachzugehen (Adorno), ohne die unüberwindbare Lücke bzw. Kluft zwischen Subjekt/Individuum und Objekt/Struktur/Gesellschaft in deterministischer und rationalisierender Weise zu schließen, wie es in Postones Antisemitismus-Aufsatz geschehe. Den Hintergrund für Kirchhoffs Begriff von Gesellschaftskritik bildet eine stark von Adorno beeinflusste neue Marx-Lektüre.
Das letzte von ihr angeführte Adorno-Zitat wurde von diesem übrigens in dem Radiogespräch »Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen?« gegen Arnold Gehlen vorgebracht, das in Textform als Anhang erschienen ist in: Friedemann Grenz, Adornos Philosophie in Grundbegriffen. Auflösung einiger Deutungsprobleme, Frankfurt am Main: Suhrkamp 1974.

Ankündigungstext und Referentin-Info:

Theodor W. Adorno bezeichnete die Psychoanalyse als die einzige Psychologie, „die im Ernst den subjektiven Bedingungen der objektiven Irrationalität nachforscht“. Im Vortrag soll es darum gehen, diese Feststellung zu entfalten und auf ihre Voraussetzungen und Konsequenzen zu befragen.
Was heißt hier objektiv? Warum ist diese irrational? Was wäre demgegenüber rational? Ist Gesellschaftskritik auf Psychoanalyse verwiesen und warum? Warum ist die Psychoanalyse – zumindest der Möglichkeit nach – eine kritische Theorie? Warum ist es überhaupt wichtig, sich auch mit der individuellen Ver- und Bearbeitung gesellschaftlicher Verhältnisse zu befassen?
Zunächst wird es also mit Marx und kritischer Theorie darum gehen, was unter gesellschaftlicher Objektivität zu verstehen ist (Begriff der Gesellschaft, Verselbständigung, Verkehrung, Wert- und Subjektform).
Ausgehend von diesen Bestimmungen geht es im zweiten Teil des Vortrages um die subjektiven Bedingungen, also um die Psychoanalyse als kritische Theorie des Subjekts, um das Verhältnis von Natur und Kultur im Menschen, um Sexualität und Triebe, die Freudsche Metapsychologie und wiederum darum, was das alles mit Gesellschaftskritik zu tun hat.

Der Vortrag ist insgesamt so konzipiert, dass er als Einführung ins Thema geeignet ist, Vorkenntnisse schaden allerdings auch nicht.


Dr. phil. Christine Kirchhoff Psychologin, lebt in Berlin. Mitherausgeberin von Gesellschaft als Verkehrung, Autorin von „Zeit und Bedeutung: Das psychoanalytische Konzept der Nachträglichkeit. Zum Thema: Wozu noch Metapsychologie, Hass auf Vermittlung und Lückenphobie. Zur Aktualität der Psychoanalyse (Phase 2/41).

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