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Lewandowski sendet Solidaritätsadresse an „Mia san mia Palestine“ March 17, 2017 | 12:55 am

Der Topscorer des FC-Bayern, Robert Lewandowski, sendete kürzlich eine Video-Solidaritätsadresse an den Fanclub „Mia san mia Palestine“. Das wäre eigentlich nicht nötig gewesen. Vielmehr sollte der FC Bayern den Umgang mit einem Fanclub überdenken, der Israel abschaffen möchte.

Sichtlich stolz wurde Mitte Februar auf dem Facebook Portal von „Mia san mia Palestine“ ein Video mit Robert Lewandowski veröffentlicht, in dem der Strafraumvirtuose des FC Bayern das palästinensische Fanclub-Portal auf einem Laptop präsentiert. Nach den üblichen Fanclub-Bauchpinseleien endet Lewandowski auf Zuruf mit den Worten „Mia san mia Palestine“.

Grundsätzlich ist das Interesse am FC Bayern und modernem Fußball zu unterstützen. Das verfolgen von Spielen des FCB ist eine genussvollere Beschäftigung als so manches, was hierzulande und freilich auch in Gaza oder Ramallah sonst noch so geboten ist. Dieser Fanclub hat sicherlich auch eine sympathische Seite. Dennoch drängt sich die Frage auf, ob der 2014 offiziell anerkannte FCB-Fanclub mit Sitz in Jericho diesen Zuspruch verdient.

Immerhin ziert der Fanclub seine Dokumente und Urkunden mit dem Logo eines „Palästinas“, das die Existenz Israels verheimlicht, ja im Grunde geografisch auslöscht. Das ist dem FC-Bayern bekannt, der FCB selbst hat das fragliche Logo mit einem „Palästina“ ohne Israel in seinem „Bayern-Magazin“ 2014 abgedruckt. Das ist keine grafische Ungenauigkeit – in einem Posting von 2013 legt der Fanclub zweifelsfrei dar, welche Länder seiner Lesart nach in die Region gehören: Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien und Palästina. Israel ist nicht dabei.

Der FC-Bayern lässt auch bei der Darstellung des Fanclubs „Mia San Mia“ eine bemerkenswert unkritische Berichterstattung zu. Im „Bayern-Magazin“ wird der Verein mit den Worten vorgestellt: „Wir freuen uns sehr über die kreativen Ideen und Anregungen unserer weiblichen Mitglieder“, obwohl auf den Veranstaltungsfotos des Fanclubs (1, 2) allesamt keine Frauen zu sehen sind.

Offensichtlich politische Einträge verfasst der erste offizielle palästinensische FCB-Fanclub zwar selten, aber dafür umso knackiger. Zum Tode des israelischen Präsidenten Shimon Peres (ehemals Arbeitspartei, Gewerkschafter und Holocaustüberlebender) erschien im Oktober 2016 beispielsweise ein Bild mit der Überschrift: „Israels größter Massenmörder“. Weiter heißt es dort, Perez sei ein „Hitler 2.0“ gewesen und seine Seele möge „in der Hölle schmoren“.

Der Bayern-Manager Karl-Heinz Rummenigge versicherte 2011 dem Auditorium in der Israelitischen Kultusgemeinde München: „Wir sind stolz auf die jüdische Vergangenheit. Und eines ist sicher, das verspreche ich ihnen: Wir werden gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden eine stolze Zukunft haben.“ Eine stolze Zukunft mit jüdischen Freunden dürfte allerdings nicht so aussehen, einem Fanclub gesonderte Solidaritätsadressen zu übersenden, der den einzigen jüdischen Staat von der Landkarte streichen möchte und dessen verstorbenen Präsidenten mit Hitler gleichsetzt. Der FC-Bayern sollte seinen Umgang mit „Mia san mia Palestine“ noch einmal überdenken.

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Das hat Kurt Landauer nicht verdient February 16, 2016 | 02:03 pm

Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer und der Chief of Competition and Football Development der Qatar Stars League, Ahmad al-Harami, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, Doha, 11. Januar 2015 (© Getty Images)
Wegen seiner Kooperation mit Katar wird der FC Bayern scharf kritisiert. Manche Fans werfen ihm sogar einen Verrat an den Werten des Vereins vor. Die Frage ist allerdings, ob es diese Werte überhaupt gibt.

Die enge Bande, die der FC Bayern München mit dem Emirat Katar pflegt, hat zu einer Menge Kritik geführt, seit zum einen die sklavenarbeitsähnlichen Bedingungen auf den WM-Baustellen im Land in den Fokus gerückt sind und sich zum anderen selbst eingefleischte Fans des Rekordmeisters auch öffentlich ablehnend über die Zusammenarbeit ihres Lieblingsvereins mit dem Golfstaat äußern, in dem die Menschenrechte mit Füßen getreten werden. So kritisiert beispielsweise Oliver Schmidt auf seinem bekannten Blog »Breitnigge« in einem offenen Brief an den Vorstand des Klubs, »dass ausgerechnet der FC Bayern, als Verein mit einer großen jüdischen Tradition – zu der sich der Verein ja (inzwischen) bekennt und diese lebt […] –, mit Ländern wie Katar geschäftliche Beziehungen unterhält. Einem Land, welches Israel – gelinde gesagt – ablehnt und unter anderem israelischen Sportlern die Einreise verwehrt.« Tatsächlich stellt sich die Frage, wie es eigentlich zusammengeht, auf der einen Seite diese jüdische Tradition zu pflegen, für die vor allem der Name des langjährigen Präsidenten Kurt Landauer steht, und auf der anderen Seite mit einem antisemitischen Regime zu kooperieren. Auch mutet es ausgesprochen widersprüchlich an, wenn sich der FC Bayern, wie im Januar 2015 geschehen, einerseits mit den Opfern der islamistischen Terroranschläge in Paris solidarisiert (»Je suis Charlie«) und andererseits unmittelbar darauf in ein Land fliegt, das zu den Hauptförderern des islamistischen Terrorismus gehört.

Um dieser Widersprüchlichkeit auf den Grund zu gehen, ist ein Blick auf die jüngere Geschichte des Klubs zweckmäßig, in der die ältere Geschichte überhaupt erst ein Thema wurde. Zuvor hatten die Ära Landauer, der jüdische Teil der Vereinshistorie und der Nationalsozialismus in Verlautbarungen des FC Bayern München lediglich eine untergeordnete Rolle gespielt. In den hauseigenen Chroniken etwa wurde all dies lange Zeit lediglich am Rande erwähnt, und selbst im Nachruf auf Kurt Landauer in der Klubzeitung hieß es im Januar 1962 hinsichtlich seiner Abwesenheit zwischen 1933 und 1947 bloß knapp, diese habe »politische Gründe« gehabt. Noch im Mai 2003 wurde Uli Hoeneß in einem Beitrag der »Zeit« mit den lapidaren Worten zitiert: »Ich war zu der Zeit nicht auf der Welt.« Und der langjährige Vizepräsident Fritz Scherer wollte auch vor sieben Jahren noch nicht die jüdische Tradition des FC Bayern herausstellen: »Dann laufen Sie Gefahr, dass es Gegendemonstrationen gibt, da provoziert man etwas«, sagte er mit Blick auf die »rechte Szene«. Eine Form von Appeasement also, um Neonazis und andere Antisemiten zu beschwichtigen. Ein unwürdiger Umgang mit der Geschichte des Vereins.

Es waren die Ultras von der »Schickeria«, die Kurt Landauer und das jüdische Erbe des FC Bayern aus der Vergessenheit holten – zum Beispiel mit selbstorganisierten Fußballturnieren um den Kurt-Landauer-Pokal, Artikeln, Vorträgen und Choreografien im Stadion. Erst 2009 begann auch die Klubführung allmählich, sich damit zu beschäftigen: Zum 125. Geburtstag von Kurt Landauer legte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge in Dachau einen Kranz an der ehemaligen KZ-Zelle des früheren Präsidenten nieder, und auf der Homepage des Vereins erschien erstmals eine ausführliche Würdigung. Im Mai 2011 nahm Rummenigge in München an der Präsentation des Buches »Der FC Bayern und seine Juden« von Dietrich Schulze-Marmeling teil und sagte dort: »Der FC Bayern hat eine jüdische Vergangenheit, eine sehr reiche und erfolgreiche. Wir sind stolz auf diese jüdische Vergangenheit, und gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden werden wir auch eine stolze Zukunft haben.« Inzwischen wird die Ära Landauer in der »Erlebniswelt« des FC Bayern in der heimischen Arena gebührend gewürdigt, und zum Holocaust-Gedenktag am 27. Januar gibt es seit 2013 regelmäßig Sonderausstellungen, Führungen und Veranstaltungen.

Für sein mittlerweile recht offensives Bekenntnis zum jüdischen Teil seiner Geschichte und insbesondere zum Vermächtnis von Kurt Landauer – nach dem unlängst auch der Platz vor dem Stadion in Fröttmaning benannt wurde – hat der FC Bayern sehr viel Lob bekommen. Sätze wie die von Fritz Scherer oder Uli Hoeneß würde man heute nicht mehr von einem Funktionär des Rekordmeisters hören. Man könnte also annehmen, dass in der Führungsetage ein Umdenken stattgefunden hat. Womöglich hat dieses Umdenken aber vor allem etwas damit zu tun, dass es dem Prestige und dem Image des Klubs genutzt hat. Der sportlich und finanziell größte und erfolgreichste deutsche Fußballverein gilt längst auch im Umgang mit der Vergangenheit als vorbildlich, und das hat ihm eine Menge Sympathien eingebracht, selbst von Kritikern und Fans anderer Klubs. Daran ist zunächst einmal nichts auszusetzen. Die Frage ist nur, ob dieser Umgang tatsächlich mehr ist als eine Marketingstrategie. Und daran muss man angesichts der Beziehungen zu Katar inzwischen zweifeln.

Denn wer es ernst meint mit dem Bekenntnis zur jüdischen Tradition und der entschiedenen Ablehnung einer Ideologie, derentwegen Kurt Landauer verfolgt und ins Konzentrationslager gesperrt wurde, kann nicht in und mit einem Land, das von einem totalitären, antisemitischen Regime beherrscht wird, millionenschwere Geschäfte machen. Der FC Bayern hat jedoch nicht einmal davor zurückgeschreckt, seinen Deal mit dem Flughafen Doha auch noch ausgerechnet am diesjährigen Holocaust-Gedenktag zu verkünden. Genau darin kulminiert die vermeintliche Widersprüchlichkeit – und löst sich gleichzeitig auf: Getan wird einfach, was sich auszahlt. Als man beim FC Bayern begriff, dass sich die Zeiten geändert haben und sich die Würdigung von Kurt Landauer und der damit verbundenen Tradition in vielerlei Hinsicht lohnen könnte, gab man seine Ignoranz auf und verkaufte sein Engagement fortan als Einsatz für die Werte des Vereins. Als man verstand, dass die Kooperation mit Katar sich lohnen könnte, ließ man sich auf sie ein. Der Kritik daran begegnete man mit Alibi-Beteuerungen wie jener von Philipp Lahm, man werde im Emirat »nicht die Augen zumachen«. Was der Bayern-Kapitän dort sah und gegebenenfalls in kritischer Absicht ansprach, hat die Öffentlichkeit jedoch bis heute nicht erfahren.

Der FC Bayern bewegt sich damit allerdings voll und ganz im deutschen Mainstream. Auch in der Politik hat man bekanntlich kein Problem damit, einerseits das Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus hochzuhalten, am Holocaust-Gedenktag oder am Jahrestag der Pogromnacht von 1938 besonders laut »nie wieder« zu rufen und das Eintreten für die Sicherheit Israels als Teil der Staatsräson zu bezeichnen – und andererseits mit einem Regime wie dem iranischen, das den Holocaust leugnet und Israel am liebsten von der Landkarte radieren würde, gute Beziehungen zu pflegen. Insofern tut das Flaggschiff des deutschen Fußballs nichts, was hierzulande nicht ohnehin schlechte Normalität ist. Ein Grund, das nicht zu kritisieren, kann das gleichwohl selbstverständlich nicht sein. Von der Illusion, dass dem FC Bayern die eigene Geschichte ganz besonders am Herzen liegt, sollte man sich allerdings tunlichst verabschieden. Das Bekenntnis zur Historie dient dem Klub vor allem zur Imagepflege, also letztlich zu Marketingzwecken. Das hat Kurt Landauer nicht verdient.

Zuerst veröffentlicht auf kickwelt.de.

Zum Foto: Bayerns Sportvorstand Matthias Sammer und der Chief of Competition and Football Development der Qatar Stars League, Ahmad al-Harami, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz, Doha, 11. Januar 2015 (© Getty Images).


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Hommage an ein Multitalent April 20, 2015 | 09:54 pm

Das Cover der von Jean-Marie Pfaff aufgenommenen Platte »... jetzt bin ich ein Bayer«

Vor einigen Jahren sollte ich für ein Buchprojekt meine ganz eigene, persönliche Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern vielmehr eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da natürlich ein Kandidat gewesen, Oliver Kahn ebenfalls. Doch ich habe mich ohne zu zögern für Jean-Marie Pfaff entschieden, den belgischen Nationaltorhüter, der sechs Jahre lang, zwischen 1982 und 1988 nämlich, bei den Münchnern zwischen den Pfosten stand. Mit ihm lösten die Bayern 1987 den 1. FC Nürnberg als deutschen Rekordmeister ab.

Als Jugendlicher habe ich Jean-Marie Pfaff nachgerade bewundert, so sehr, dass ich mir von meinem Taschengeld sogar seine Schlagerschallplatte mit dem Titel »…jetzt bin ich ein Bayer« zugelegt habe. Zu Akkordeonklängen trällerte Pfaff da gemeinsam mit einem Chor unablässig diese vier immergleichen Zeilen:

Ich war ein Belgier und jetzt bin ich ein Bayer
Ich trinke Bier und esse Leberkäs mit Eier
[sic!]
Und jeden Samstag steh ich froh in meinem Tor
und kein Stürmer macht dem Jean-Marie was vor

Eine amüsante, wenn auch musikalisch sicherlich ausbaufähige Mischung aus, sagen wir: unbändiger Assimilationsbereitschaft und strahlendem Selbstbewusstsein war das. Die »Süddeutsche Zeitung« befand sogar, mit diesem Lied habe Pfaff »die Grenzen zwischen Popkultur und Fußball so konsequent zertrümmert« wie kein anderer singender Bundesligaspieler, und »die Rolle des Schlagersängers« habe »nie aufgesetzt« gewirkt. Letzteres darf man mit Fug und Recht grundsätzlich von diesem Mann behaupten: Was immer er öffentlich tat, stets war er auf eine sympathische Art unverstellt und authentisch.

Bei seinem allerersten Bundesligaspiel am 21. August 1982 stand Jean-Marie Pfaff allerdings noch gar nicht so froh in seinem Tor, genauer gesagt: Seine gute Laune hielt nur 44 Minuten lang an. Dann flog einer dieser seinerzeit gefürchteten weiten Einwürfe des Bremers Uwe Reinders direkt vor seinen Kasten. Pfaff sprang hoch, gemeinsam mit seinem Mitspieler Klaus Augenthaler und bedrängt von einem Werderaner, aber er verschätzte sich dermaßen, dass er den Ball nur mit den Fingerspitzen erreichte und ihn in sein eigenes Tor lenkte. Weitere Treffer fielen nicht. Ein unglücklicherer Einstand wäre wohl kaum denkbar gewesen, zumal die Bayern ja gehofft hatten, mit Pfaff endlich ihr Torwartproblem gelöst zu haben, das es seit Sepp Maiers durch einen Autounfall erzwungenes Karriereende drei Jahre zuvor gab. Für die stattliche Ablösesumme von einer Million Mark war der Keeper vom SK Beveren an die Isar gewechselt. Und jetzt das.


Held in der Nachspielzeit

Doch Jean-Marie Pfaff – damals immerhin schon 28 Jahre alt, Nationalspieler seit 1977, Belgiens Fußballer des Jahres 1978 und Vize-Europameister 1980 – ließ sich von diesem Fauxpas nicht unterkriegen. Am neunten Spieltag gastierte der Hamburger SV, in jenen Jahren der Hauptkonkurrent der Bayern im Kampf um die Meisterschaft, im ausverkauften Münchner Olympiastadion. Zur Pause führten die Norddeutschen bereits mit 2:0, aber der FC Bayern egalisierte diesen Vorsprung nach dem Seitenwechsel durch Tore von Paul Breitner und Karl-Heinz Rummenigge. Als sich alle schon mit einem Remis abgefunden zu haben schienen, hatte Bayerns routinierter Verteidiger Udo Horsmann urplötzlich einen Blackout: Ohne jede Not hechtete er nach einer Flanke wie ein Torwart. Ob er den Ball tatsächlich mit der Hand berührte oder nicht, konnten die Fernsehbilder nicht zweifelsfrei klären. Schiedsrichter Walter Eschweiler jedenfalls war sich sicher: Er gab Elfmeter – in der 90. Minute.

Ich verfolgte das Spiel zu Hause vor dem Radio und rang um Fassung. Bereits in der vergangenen Spielzeit hatten die Bayern gegen den späteren Deutschen Meister eine Heimniederlage kassiert, weil es ihnen nicht gelungen war, einen 3:1-Vorsprung ins Ziel zu retten. Kurz vor dem Abpfiff erzielte Horst Hrubesch das 3:4, und ich heulte vor Enttäuschung und Wut. Sollte es nun schon wieder in buchstäblich allerletzter Minute eine Pleite gegen den HSV setzen?

Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Elfmeter ausgeführt werden konnte. Auf den Rängen kam es zu Tumulten, auf dem Platz bedrängten einige Bayernspieler den Schiedsrichter, während andere versuchten, Manfred Kaltz, den stets so sicheren Hamburger Elfmeterschützen, aus dem Konzept zu bringen. Paul Breitner lief derweil in die Südkurve und versuchte, die wütenden Bayernfans zu beschwichtigen, von denen einige bereits drauf und dran waren, den Platz zu stürmen. Nach geschlagenen sechs Minuten gab Walter Eschweiler den Strafstoß schließlich frei.

Manfred Kaltz hatten das Tohuwabohu und die Verzögerung in der Zwischenzeit offenkundig verunsichert. Ohne die letzte Überzeugung schob den Ball in die Mitte – und Jean-Marie Pfaff hielt den unplatziert getretenen Elfmeter sicher. Während das Olympiastadion förmlich erbebte, heulte ich wieder – diesmal vor Glück und Erleichterung über den geretteten Punkt. Am Mikrofon des jungen Uli Köhler, der damals beim ZDF arbeitete, erzählte ein sicht- und hörbar aufgewühlter Jean-Marie Pfaff unmittelbar nach dem Spiel mit einem rot-weißen Schal um den Hals und in einem wunderbaren Mischmasch aus Flämisch und Deutsch, wie er den Strafstoß erlebt hatte: »Ich habe ruhig gebleeben« und schon vorher »mit Belgien viele Elefmeters gestoppt, dat maak ick hier ooch«.

Pfaff, das war für mich die reine Leidenschaft und der personifizierte FC Bayern; jedes Gegentor, das er kassiert hat, habe ich als persönliche Beleidigung empfunden. Eine Partie von ihm ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, eine, bei der ich selbst im Stadion war. Saison 1983/84, UEFA-Pokal, zweite Runde, Rückspiel gegen PAOK Saloniki. Der griechische Klub wurde seinerzeit von Pál Csernai trainiert, der nicht mal ein halbes Jahr zuvor noch bei den Bayern auf der Bank gesessen hatte, bevor er kurz vor dem Ende der Saison entlassen und durch seinen Assistenten Reinhard Saftig ersetzt wurde. Das Hinspiel war torlos geblieben, die Bayern hatten sich die Zähne an der PAOK-Defensive ausgebissen. Die (Herbst-)Ferien verbrachte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wie so oft am Ammersee, was mir die Möglichkeit bot, das Rückspiel live im Olympiastadion verfolgen zu können. Und obwohl ich erst vierzehn war, durfte ich nach tagelangem Drängeln und Quengeln alleine dorthin – für mich eine Premiere, und zwar eine, die vor allem meine Mutter noch bereuen sollte.


Das Drama gegen PAOK

Es war ein grauenvolles Spiel an einem kalten, nassen Novemberabend. Der FC Bayern, inzwischen wieder von Udo Lattek trainiert und klarer Favorit, fand erneut kein Mittel gegen Salonikis Betonabwehr; erschwerend kam hinzu, dass Karl-Heinz Rummenigge nach kaum mehr als einer halben Stunde mit einer Verletzung raus musste. Für ihn kam Calle Del’Haye, der später auch ein Tor erzielen sollte, das wegen eines Fouls am griechischen Torwart aber nicht zählte. Nach 90 Minuten stand es immer noch null zu null, also Verlängerung; eine halbe Stunde später das gleiche Bild, also Elfmeterschießen. Mein Tribünennachbar, ein älterer Mann, fragte mich angesichts der vorgerückten Stunde etwas verwundert, wo eigentlich meine Eltern seien. »Die warten am Ausgang auf mich«, log ich ihn an. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert, dafür aber umso mehr, dass meine Bayern gleich aus dem Wettbewerb fliegen könnten.

Der Schiedsrichter teilte diese Sorge offenbar, denn nachdem PAOK in Führung gegangen war, gestattete er Klaus Augenthaler, Bayerns erstem Schützen, gleich drei Versuche. Die ersten beiden Schüsse konnte Salonikis Torwart problemlos parieren, doch Referee Robinson aus England ließ jeweils wiederholen, weil sich der Keeper zu früh bewegt haben soll. Was regeltechnisch äußerst fragwürdig war und selbst Klaus Augenthaler nach dem dritten und erfolgreichen Anlauf zu einer tröstenden Geste gegenüber dem Schlussmann veranlasste, war mir nur recht. Den zweiten Elfmeter der Roten vergab Dieter Hoeneß kläglich, den dritten verwandelte Wolfgang Kraus mit viel Glück. Als nun endlich die Griechen einmal patzten, gewährte der Schiedsrichter auch ihnen – vermutlich aus Gründen der Konzession – einen erneuten Versuch, der schließlich saß. Norbert Nachtweih versenkte anschließend seinen Schuss, und als der fünfte Schütze für PAOK antrat, war klar: Trifft er, dann ist Bayern draußen.

Dass Jean-Marie Pfaff den Ball mit einer sensationellen Parade um den Pfosten drehte, schrieb ich in diesem Moment alleine meiner Anwesenheit im Stadion zu. Er wusste, dass da oben auf der Tribüne irgendwo ein Vierzehnjähriger sitzt, den man nicht mit einer Niederlage nächtens zurück an den Ammersee schicken konnte. Auch Sören Lerby – mein damaliger Lieblingsfeldspieler – wusste das und knallte die Kugel links oben rein. Nach jeweils fünf Schüssen stand es damit 4:4, und nun schien plötzlich niemand mehr Nerven zeigen zu wollen. Calle Del’Haye, Hans Pflügler, Bernd Dürnberger und Michael Rummenigge gaben sich so wenig eine Blöße wie ihre Kontrahenten auf der Gegenseite. Als die Anzeigetafel nach sage und schreibe 18 Versuchen ein 8:8 vermeldete, hielt Pfaff endlich seinen zweiten Elfmeter, und nach meiner Rechnung gab es nun nur noch einen Münchner Feldspieler, der noch nicht geschossen hatte, nämlich Bertram Beierlorzer. Ihm fiel jetzt die Aufgabe zu, seine Mannschaft eine Runde weiter zu bringen. Doch wohin ich auch blickte – es war kein Beierlorzer zu sehen. Wie sich herausstellen sollte, war er vor lauter Angst in die Kabine geflüchtet.

Damit musste Jean-Marie Pfaff zwangsläufig selbst ran. Ein Torwart, der einen Elfmeter schießt? Und dann auch noch einen (potenziell) entscheidenden? Anfang der achtziger Jahre war das eine noch größere Seltenheit als heute, und so war Pfaff in seiner gesamten Laufbahn bis dahin auch noch nie vom Punkt angetreten. Ich brauche die Aufzeichnung des Spiels nicht, um mich zu erinnern, wie er da kurz vor der Ausführung stand: den Kopf gesenkt, die Arme auf dem Rücken. Schon die Körpersprache verriet die ganze Dramatik des Augenblicks. Ein Pfiff, ein langer Anlauf, ein Schuss wie ein Abstoß – und im rechten Knick schlug es ein. Unten sank Pfaff auf die Knie, oben tat ich es ihm gleich, bevor ich meinem Tribünennachbarn, dem älteren Mann, den ich für diesen Moment zum Vaterersatz machte, in die Arme fiel. Die einstündige Rückfahrt mit der Bahn verbrachte ich wie in Trance, Pfaffs Elfmeter als Endlosschleife im Kopf.

Zu Hause erwartete mich – es war längst nach Mitternacht – meine in Tränen aufgelöste Mutter. Damals verstand ich ihr Problem nicht – wie konnte sie sich bloß Sorgen um mich machen, wo es doch um etwas viel Wesentlicheres ging, nämlich das Weiterkommen des FC Bayern? Wir begannen uns zu streiten, bis sie etwas sagte, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Diesem Pfaff schreib’ ich morgen einen Dankesbrief. Ohne den wären die immer noch dran. Und jetzt geh endlich ins Bett.«


Ans Aluminium geguckt

Wenn ich in den Schulferien am Ammersee war, fuhr ich aber nicht nur regelmäßig ins Olympiastadion, sondern auch zur Säbener Straße, um den Bayern beim Training zuzusehen und Autogramme zu sammeln. Die weitaus meisten Spieler kritzelten auf dem Weg von der Umkleidekabine zu ihren Autos eher leidenschaftslos und wortkarg ihren Namenszug auf hingehaltene Trikots, Bälle und Poster, aber Pfaff hatte für die Fans oft ein Lächeln, ein Schulterklopfen oder einen Scherz übrig. Er, der mit elf Geschwistern aufgewachsen war, schon in jungen Jahren zum Lebensunterhalt der Familie beitragen musste und bis zu seinem Wechsel an die Isar neben dem Fußball einem geregelten Beruf nachging, schien auch beim großen FC Bayern nicht vergessen zu haben, aus welchen Verhältnisse er stammte. Seine stets offene und freundliche Art kam an. Wohl vor allem deshalb ist er noch heute nicht nur bei vielen, die es mit dem Rekordmeister halten, so überaus beliebt.

Weil ich ihn so verehrte, erwog ich seinerzeit sogar, vom Feldspieler zum Torhüter umzusatteln. Ein paar Mal erschien ich mit Torwarthandschuhen zum Training des kleinen Vereins im Westerwald, bei dem ich mit mäßigem Erfolg kickte. Doch nach dem dritten oder vierten Versuch zwischen den Pfosten – mit zahllosen unterlaufenen Flanken, missglückten Abschlägen und schlechten Reflexen – nahm mich mein Trainer beiseite und raunte mir zu: »Wenn Jean-Marie Pfaff dich so sehen könnte, würde er vor Verzweiflung in Tränen ausbrechen.« Da verschwanden die Handschuhe auf Nimmerwiedersehen im Schrank. (Mein jüngerer und erheblich talentierterer Bruder dagegen, auch er ein Bayernfan, schaffte es als Keeper immerhin in die Kreisauswahl. Ich hätte kaum neidischer sein können.)

Mit dem FC Bayern wurde Jean-Marie Pfaff unter anderem dreimal Deutscher Meister, darunter war auch der Titelgewinn 1986, der für den Klub bis heute neben der Last-Minute-Meisterschaft 2001 vermutlich der emotionalste ist. Denn in jenem Jahr fingen die Münchner im letzten Spiel noch die Bremer ab, die fast während der gesamten Spielzeit auf Platz eins gestanden hatten. Dabei hatte Werder am vorletzten Spieltag die Riesenchance, bereits alles klar zu machen: Im Heimspiel gegen die Bayern bekamen sie beim Stand von 0:0 kurz vor Schluss einen fragwürdigen Handelfmeter zugesprochen, und ihr etatmäßiger Schütze Michael Kutzop hatte bis dahin in der Bundesliga noch nie einen Strafstoß verschossen.

Doch diesmal traf er lediglich den Pfosten, es blieb beim torlosen Remis, die Entscheidung über die Meisterschaft war vertagt. Und weil die Bremer ihre letzte Bundesligapartie in Stuttgart knapp verloren, während der FC Bayern sein Spiel gegen Borussia Mönchengladbach deutlich mit 6:0 gewann, ging die Schale schließlich doch noch nach München. Jean-Marie Pfaff hatte Kutzops Elfmeter zwar nur hinterherschauen können – aber was heißt »nur«? Ich bin mir bis heute ganz sicher, dass er ihn – knapp vier Jahre nach seinem Eigentor im selben Stadion – sozusagen »ans Aluminium geguckt« hatte. Pfaff und die Elfmeter, das war einfach eine ganz besondere Beziehung.


Rückkehr nach Belgien

Ein Jahr danach hatte der aus Flandern stammende Schlussmann sogar die Chance, den Europacup der Landesmeister zu gewinnen. Doch in europäischen Endspielen fehlte ihm das nötige Quäntchen Glück: So, wie er mit Belgien das EM-Finale 1980 gegen die DFB-Auswahl knapp mit 1:2 verloren hatte, so scheiterte er auch mit den Bayern im entscheidenden Spiel um Europas Krone. Gegen den FC Porto waren die Münchner als klarer Favorit in die Partie gegangen und sahen nach Kögls Kopfballtreffer auch lange Zeit wie der sichere Sieger aus. Doch Rabah Madjer mit seinem legendär gewordenen Hackentor und Juary drehten den Spieß binnen zwei Minuten um. Pfaff war bei beiden Gegentoren chancenlos, aber das war natürlich kein Trost.

Ein weiteres Jahr später verließ er den FC Bayern und kehrte zurück nach Belgien, wo er sich Lierse SK anschloss, bevor er beim türkischen Erstligisten Trabzonspor im Sommer 1990 seine Laufbahn beendete. Von der Bildfläche verschwand er jedoch nie – und das ist wörtlich zu nehmen: Ab 2003 strahlte ein belgischer Fernsehsender wöchentlich eine Doku-Soap mit dem Titel »De Pfaffs« aus, in der Jean-Marie Pfaff und seine Familie zu sehen waren. Die Serie war so beliebt, dass sie es auf satte 267 Folgen brachte. Dass er durchaus das Zeug zum Schauspieler besitzt, hatte Pfaff schon 1987 unter Beweis gestellt, als er im Film »Zärtliche Chaoten«, zu dessen Hauptdarstellern unter anderem Thomas Gottschalk, Helmut Fischer und Pierre Brice gehörten, eine Gastrolle spielte.

Für seinen Schlager »…jetzt bin ich ein Bayer« bekam er in Belgien übrigens sogar die »Goldene Schallplatte« überreicht. Er behielt sie jedoch nicht, sondern übergab sie, wie er in einem Interview des WDR erzählte, Papst Johannes Paul II. während einer Audienz, zu der er in Lederhosen erschienen war. Der Grund für diese Spende, so berichtete Pfaff, lag in einem nicht von ihm verschuldeten Autounfall, bei dem eine Nonne getötet worden war. Nein, ein gewöhnlicher Torwart und Mensch war und ist Jean-Marie Pfaff, den Pelé im Jahr 2004 für die FIFA aus Anlass von deren 100-jährigem Bestehen auf eine Liste der besten 125 noch lebenden Fußballer gesetzt hat, ganz gewiss nicht.


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Kennen Sie eigentlich die berühmten Juden des FC Bayern? March 4, 2014 | 02:10 am

Nein? Das könnte daran liegen, weil die Juden 1933 aus dem gesamten deutschen Fußball vertrieben wurden – und danach vergessen. Eine Erinnerung an jüdische Fußballpioniere des FC Bayern:

Otto Alber Beer (* 03. Juni 1891 in Graben, Kreis Karlsruhe – + 25. November 1941 im Ghetto Kaunas
Als einer der ersten Vereine in Deutschland förderte der FC Bayern München konsequent den Nachwuchs fußball. In der Saison 1927/28 gab es 535 Nachwuchsspieler in 36 Mannschaften, kein anderer Verein in Deutschland hatte eine so große Jugendabteilung. Das Konzept trug 1932 Früchte, als die Bayern zum ersten Mal Deutscher Meister wurden. Einer der entscheidenden Männer hinter diesem Erfolg war der gelernte Textilkaufmann Otto Albert Beer, seit den 1920er-Jahren stellvertretender Leiter der Nachwuchsabteilung. Nach der NS-Machtübernahme musste Beer den Klub verlassen und wirkte einige Jahre im jüdischen ITUS München. Nachdem 1938 seine Firma auf Druck der Nazis liquidiert wurde, arbeitete er als Automechaniker, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. 1941 wurden Beer, seine Frau und ihre beiden Kindern ins Ghetto Kaunas nach Litauen deportiert und dort er mordet.

Alfred Bernstein (* 26. Mai 1897 – + 17. Januar 1972)
Der Torwart Alfred Bernstein begann seine Karriere bei Wacker München, wechselte 1924 aber zum Lokalrivalen FC Bayern. Er war Stammtorwart der Bayern-Mannschaft, die 1926 und 1928 die süddeutsche Meisterschaft gewann. Als Sohn eines aus Wien stammenden jüdischen Vaters und einer evangelischen Mutter galt Bernstein den NS-Rassegesetzen zufolge als »Halbjude«. Nach der Rassenideologie der Nationalsozialisten blieb er so von Deportation und Ermordung verschont, dennoch hatte er wiederholt Probleme mit der Gestapo.

Richard (Dombi) Kohn (* 27. September 1888 Wien – + 16. Juni 1963 Rotterdam)
Richard, genannt »Little«, Dombi war einer der ungewöhnlichsten Trainer in der Geschichte des FC Bayern München. Er revolutionierte in den 1920er- und frühen 1930er-Jahren das Fußballtraining, indem er die individuelle Betreuung der Spieler in den Mittelpunkt stellte; außerdem war er noch Manager und Physiotherapeut des Teams. In einer Chronik des FC Bayern heißt es: »Wohl kein Trainer war mit seiner gesamten Zeit so für den Club tätig, als es Dombi war. Er war Trainer, Fitmaker, Masseur, Geschäftsführer und Organisator in einer Person.« Im Juni 1932 erreichte der FC Bayern mit ihm erstmals das Finale um die Deutsche Meisterschaft. Dank Dombis hervorragender Vorbereitung, der seine Elf bis zum Spieltag von der Öffentlichkeit abschirmte, gelang ein überlegener 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt. Dombi wurde am 27. September 1888 in Wien als Richard Kohn geboren. Den Namen Dombi nahm er während seiner Spielerkarriere beim damals weltbekannten MTK Budapest an. Der Begriff war eine Ableitungdes ungarischen Wortes »Domb« und stand für kleine Hoheit oder Eminenz.

Zwischen 1908 und 1912 wurde Dombi sechs Mal in das österreichische Nationalteam berufen. Seine Trainerlaufbahn begann er Anfang der 1920er-Jahre in Deutschland bei Hertha BSC in Berlin. Dort legte er den Grundstein für die bis heute erfolgreichste Ära in der Vereinsgeschichte, als Herthazwischen 1926 und 1931 sechs Mal in Folge das Finale um die Deutsche Meisterschaft erreichte. Dombiwar zu diesem Zeitpunkt aber bereits weiter nach Zagreb und ein Jahr später nach Wien gezogen, bevor er in der Saison 1926/27 vom FC Barcelona abgeworben wurde. 1928 kehrte er nach Deutschland zurück und rettete die Sportfreunde Stuttgart vor dem Abstieg. Die folgenden Stationen waren der TSV 1860 München (1928/29) sowie der VfR Mannheim (1929/30).

Ab 1930 arbeitete er für den damals aufstrebenden FC Bayern, aber schon wenige Monate nach dem Gewinn der Meisterschaft war dort kein Platz mehr für ihn. Im September 1933 musste Dombi Nazideutschland verlassen. Er ging zunächst zum FC Barcelona und wenige Monate später zum FC Basel. Von 1935-1939 trainierte er Feyenoord Rotterdam und gewann mit dem Verein 1936 und 1938 die niederländische Meisterschaft. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen überlebte Dombi wahrscheinlich durch Heirat und Konvertierung zum christlichen Glauben. Nach Ende des Weltkriegs übernahm er noch zwei weitere Male das Traineramt in Rotterdam. In einer Feyenoord-Chronik heißt es: »Vom Himmel gesandt wurde uns der größte Trainer, der jemals in den Niederlanden tätig war. Er war es, der Feyenoord eigentlich erst gelehrt hat, Fußball zu spielen.« Richard Dombi verstarb nach langer Krankheit am 16. Juni 1963 in seiner neuen Heimat, den Niederlanden.

Benno Elkan (*2. Dezember 1877 Dortmund – + 10 Januar 1966 London)
Einer der Gründungsväter des FC Bayern München kam ursprünglich aus Dortmund. Der Kaufmannssohn Benno Elkan zog 1897 nach München, um an der renommierten Kunstakademie ein Studium aufzunehmen, wo in diesen Jahren auch Wassily Kandinsky und Paul Klee studierten. Im liberalen und weltoffenen Schwabing, in dem der junge Kunststudent lebte, entstand im Februar 1900 der FC Bayern. Elkan war einer von 17 Unterzeichnern der Gründungsurkunde des Klubs und dabei neben Joseph Pollack eines von mindestens zwei jüdischen Gründungsmitgliedern. Bereits 1901 verließ Elkan München wieder und setzte sein Studium in Karlsruhe fort. In den 1920er-Jahren wurde er zu einem deutschlandweit anerkannten Bildhauer, bis ihm die Nazis ein Berufsverbot auferlegten. Elkan flüchtete 1934 nach London, wo er seine künstlerische Arbeit fortsetzen konnte. Sein bekanntestes Werk ist eine große Skulptur, die 1956 vor dem Eingang des israelischen Parlamentes, der Knesset, aufgestellt wurde.

Kurt Horwitz (* 22. Dezember 1897 Neuruppin – + 14. Februar 1974 München)
Der bekannte Schauspieler war bis 1933 ein begeistertes Mitglied des FC Bayern und Spieler in der Theaterelf der Münchner Kammerspiele, die dem FC Bayern angeschlossen war. 1933 musste Horwitz aus Deutschland in die Schweiz flüchten, wo er u.a. als Direktor des Stadttheaters Basel arbeitete. Anfang der 1950er-Jahre kehrte Horwitz nach München zurück und wurde Intendant des Bayerischen Staatsschauspiels und schloss sich auch wieder dem FC Bayern an.

Kálmán Konrád (*23. Mai 1896 Palánka, Serbien – + 10. Mai 1989 Stockholm)
Der Bruder von Jenö, Kálmán Konrád, zählte bis 1933 zu den bekanntesten Spieler- und Trainerpersönlichkeiten Europas. Kálmán begann seine Karriere 1914 beim MTK Budapest, bevor er 1919 gemeinsam mit seinem Bruder zu den Wiener Amateuren (heute Austria Wien) wechselte. In den 1920er-Jahren warder dribbelstarke Innenstürmer einer der bekanntesten Torjäger Europas. Legendär waren vor allem seine vier Tore beim 5:0-Derbysieg gegen Rapid Wien im Mai 1926. Die Wiener Sportpresse feierte daraufhin die »sieben Sinne und zwanzig Beine« des Wunderstürmers. Nach einem kurzzeitigem Intermezzo in der US-Profiliga bei den Brooklyn Wanderers ließ Kálmán seine Karriere 1927 beim MTK Budapest ausklingen. Von 1928 bis 1930 war er Trainer des FC Bayern München. Nach Hitlers Machtübernahme flüchtete Kálmán aus Deutschland und übernahm in den folgenden Jahren Trainerposten in der Schweiz, in Tschechien und in Rumänien. Mit Slavia Prag wurde er zweimal tschechischer Meister. 1939 flüchtete er nach Schweden, wo er den Holocaust überlebte. Als Trainer von Malmö FF feierte er 1949 und 1950 den schwedischen Meistertitel.

Berhold Koppel (* 19. Juli 1895 Beilstein/Mosel – + 1942 im Ghetto Pialski/Polen)
Der jüdische Textilunternehmer unterstützte den FC Bayern bis 1933 großzügig. Nach der NS-Macht übernahme musste er sein Unternehmen schließen und wurde 1942 mit Ehefrau und Tochter in das Ghetto Pialski in Polen deportiert, wo sie ermordet wurden.

Kurt Landauer (* 28. Juli 1884 in Planegg, + 21. Dezember 1961 in München)
»Der FC Bayern war sein Leben – nichts und niemand konnte das ändern.« Mit diesem Spruchband feierten die Fans des FC Bayern München im September 2009 ihren langjährigen Vereinspräsidenten Kurt Landauer, der mit Unterbrechungen über vier Jahrzehnte die Geschicke des FC Bayern gelenkt und ihn Anfang der 1930er-Jahre erstmals an die Spitze des deutschen Fußball geführte hatte. Landauer stammte aus einer bürgerlich assimilierten Familie, in der die jüdische Religion nur eine unter geordnete Rolle spielte. Seine Eltern Otto und Hulda betrieben ein gutgehendes Modegeschäft an der Kaufinger Straße, in einer begehrten Lage der Münchner Innenstadt. Die Landauers – Kurt hatte insgesamt fünf Geschwister – galten als Beispiel dafür, dass sich jüdische Herkunft und bayrische Lebensart im Alltaggut verbinden ließen.

Landauer schloss sich 1901, ein Jahr nach Gründung des Klubs, als damals 17-Jähriger dem FC Bayern an. Er war zunächst Spieler, übernahm im Laufe der Zeit aber immer mehr administrative Funktionen und wurde 1913 erstmals zum Präsidenten gewählt. Wenige Monate später brach der Erste Weltkrieg aus und Landauer zog wie viele zehntausend Juden für Deutschland in den Krieg. Ein militärisches Gutachten bescheinigte ihm, dass er »nach seinen bürgerlichen und sonstigen Verhältnissen« für die Beförderung zum Offizier geeignet sei. Wenige Monate nach Kriegsende übernahm Landauer 1919 ein zweites Mal die Führung des FC Bayern. Die folgenden gut zehn Jahre wurden zur ersten Blütezeit in der Geschichte des heutigen Rekordmeisters.

Laut FCB-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling zeigte sich Landauer dabei als einer »der großen Visionäre und treibenden Kräfte im deutschen Klubfußball«. Anders als viele Klubs, die in diesen Jahren jeglichen ausländischen Einfluss und Profibestrebungen strikt ablehnten, verpflichtete Landauer international renommierte und professionell arbeitende Spitzentrainer wie William Townley oder den aus Ungarn stammenden Kálmán Konrad. Seinen größten Coup landete er jedoch 1930 mit der Verpflichtung von Richard Dombi. Drei Jahre später, am 12. Juni 1932, gewann der FC Bayern erstmals die Deutsche Meisterschaft. Der 2:0-Sieg gegen Eintracht Frankfurt wurde zum Höhepunkt in der sportlichen Karriere von Kurt Landauer: Nach ihrer Rückkehr nach München wurden die Mannschaft und er von mehreren zehntausend Anhängern in der Münchner Innenstadt begeistert gefeiert. Unter gewöhnlichen Umständen wäre dieser Sieg lediglich der Anfang einer langen Blütezeit dieses jungen und aufstrebenden Vereins gewesen. Die NS-Machtübernahme jedoch veränderte auch das Gesicht des FC Bayern radikal. Am 22. März 1933, keine acht Wochen nach der Machtübernahme Hitlers, musste Kurt Landauer seinen Rücktritt als Bayern-Präsident erklären.

Im Zuge der »Selbstgleichschaltung« wurde immerhin kein strammer NS-Parteigenosse zum Nachfolger bestimmt, sondern Landauers langjähriger Freund und Weggefährte Siggi Herrmann. Auf diese Weise konnte er noch einige Jahre aus dem Hintergrund einen gewissen Einfluss auf die Vereinspolitik nehmen. Auch abseits des Fußballplatzes spürte Landauer schon nach wenigen Monaten die Folgen der NS-Politik: Seit 1930 als Anzeigenleiter der »Münchner Neuesten Nachrichten« beschäftigt, wurde ihm am 30. April 1933 wegen seiner jüdischen Herkunft fristlos gekündigt. Zu Helfern in der Not wurden die Brüder Klauber, alte Weggefährten vom FC Bayern: Sie boten ihm eine Stelle in ihrer Textilfirma an, in der er jedoch nur die Hälfte seines früheren Lohnes verdiente. Im November 1938 begann die schwerste Zeit im Leben von Landauer: Einen Tag nach den Pogromen wurde er ins KZ Dachau deportiert, wo er den Demütigungen seiner Aufseher ausgesetzt war. Als ehemaliger Frontkämpfer des Ersten Weltkriegs gelang es ihm immerhin, dieser Hölle vergleichsweise schnell zu entkommen. Nach 33 Tagen wurde Landauer entlassen und floh in die Schweiz – ein alles andere als sicherer Zufluchtsort.

Da seine Aufenthaltsgenehmigung immer wieder nur für drei Monate verlängert wurde, musste der alleinlebende Landauer ständig eine Abschiebung nach Nazi-Deutschland und damit in densicheren Tod fürchten. In dieser Lage schenkte ihm der Fußball einen der wenigen schönen Momente. Als er FC Bayern im November 1943 zu einem Freundschaftsspiel in Zürich antrat, war Landauer unter den Zuschauern. Mitgereiste Gestapo-Männer überwachten die Bayern-Spieler und verboten jeglichen Kontakt mit Landauer. Dennoch lief die FCB-Elf nach Abpfiff in Richtung Tribüne und winkte demonstrativ ihrem ehemaligen Präsidenten zu. Für Kurt Landauer war dies ein wichtiges Zeichen, dass er trotz Flucht und Verfolgung in seiner Heimat noch nicht vergessen war.

1947 kehrte er nach München zurück und wurde nur wenige Wochen später als inzwischen 63-Jähriger zum Präsidenten des FC Bayern gewählt. In den folgenden Jahren etablierte er den Verein in der damals erstklassigen Oberliga und verschaffte ihm gegen große Widerstände sein heutiges Vereinsgelände an der Säbener Straße. Seine letzte Amtszeit endete im April 1951. Kurt Landauer, eine der wichtigsten Persönlichkeiten in der Geschichte des FC Bayern, verstarb im Dezember 1961 im Alter von 77 Jahren in München.

Leopold Moskowitz (* 18. Juli 1886 – + 1962 USA)
Leopold Moskowitz war Inhaber eines Textilgeschäftes auf der Schwanthalerhöhe in München. Bis zur NS-Machtübernahme war er Mitglied und Förderer des FC Bayern. Im August 1939, wenige Tage vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, gelang ihm die Flucht in die USA.

Hermann Schülein (* 24. Januar 1884 München – + 15. Dezember 1970 New York)
Der Generaldirektor der Löwenbräu-Brauerei in München war bis zu seiner Flucht in die USA 1936 Mitglied des FC Bayern. Nach Kriegsende kehrte er zurück, wurde wieder Bayern-Mitglied und unterstützte den Verein 1954 auch beim Bau eines neuen Sportplatzes.

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Ermöglicht wurde die Recherche durch die DFB-Kulturstiftung, eine Anzeige des Verlags »Die Werkstatt« sowie ein Preisgeld der Stiftung »Gegen Vergessen. Für Demokratie«, von der 11 FREUNDE für »die vorbildliche redaktionelle Arbeit« in Bezug auf Vergangenheitsaufarbeitung und Engagement gegen rechte Tendenzen im Fußball ausgezeichnet worden ist.

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Jahrestag der Befreiung: Bayernfans erinnern an Richard Kohn January 28, 2013 | 01:21 pm

Am Jahrestag der Befreiung von Auschwitz erinnerten Fans des FC Bayern auf der ehemaligen Adolf-Hitler-Kampfbahn in Stuttgart mit einer gelungenen Choreographie an den jüdischen Trainer Richard „Dombi“ Kohn. Dieser holte 1932 den ersten Titel des FC Bayern.


Mehr über Richard Kohn | Ausführlicher Lebenslauf über die Zeit beim FC Bayern

Siehe auch: Andreas Wittner: „Richard Little Dombi – Kleine Eminenz, vom Himmel gesandt“. In: Schulze-Marmeling, Dietrich (Hrsg.): „Strategen des Spiels – Die legendären Fußballtrainer“, Die Werkstatt, Göttingen 2005

Die Aktion in bewegten Bildern

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Reise-Empfehlung 2013: Fußball-EM in Israel September 4, 2012 | 12:03 am

Die Aufrufe zum Boykott von Produkten aus dem Judenstaat werden immer lauter. Die Friedensbewegung übt sich im Nachplappern iranischer Machtinteressen. Austräger der U21-EM 2013 wird Israel sein. Also nichts wie hin!


London, Juni 2012: Antisemiten demonstrieren gegen die U21-EM in Israel

Sportlerinnen und Sportler aus Israel werden diskriminiert, weil sie für den jüdischen Staat antreten. Schon zur Arbeiterolympiade in Wien 1931 reisten die jüdischen Athleten weither an, aber nahmen aus bislang ungeklärten Gründen nicht an den Turnieren teil (bis auf die Fußballer). Oft lassen die internationalen Sport-Institutionen gegenüber Antisemitismus Milde walten. Die Verantwortlichen der Olympiade errichteten in London 2012 eigens eine Trennwand, weil sich libanesische Judoka weigerten, neben Israelis zu trainieren. Verachtung in diesem Ausmaß erfahren Sportive aus anderen Ländern bei weitem nicht. Der FC Bayern leistete sich ein verfehltes Entgegenkommen im Jahre 2004, als er eine Verletzung vorgab, damit der iranische Stürmer Hashemian von einem Championleage-Spiel in Tel Aviv entbunden war.

Die kommende U21-EM 2013 könnte interessant werden. Im Januar 2011 bestimmte das UEFA-Exektivkomitee Israel als Ausrichter. Der UEFA-Präsident, Michael Platini, bestätigte: „Obwohl ein gewisser Druck auf uns ausgeübt wird, wird die europäische U21-Meisterschaft 2013 in der Tat in Israel stattfinden.“ Prompt trat ein ehemaliger „palästinensischer Nationalspieler“ in den Hungerstreik. Noch dreißig Kilo wiege er, berichtete alarmiert die internationale Profifußballer-Gewerkschaft (FIFPro) – von der man ansonsten wenig hört. In England sprießen bereits die „Mahnwachen“ aus dem Boden. Bald wird die Münchner Friedensbewegung das Thema für sich entdecken.

München wehrt sich – gegen Iran-Sanktionen
In München ist man derzeit noch mit vereinten Kräften bemüht, die Sanktionen gegen die Iran zu unterwandern. Die Hypo-Vereinsbank hat der FAZ zufolge „mit hoher Wahrscheinlichkeit“ gegen Sanktionsregeln verstoßen und eine Exportfinanzierung in den Iran geleistet. Ein Münchner Gericht legitimierte dieses Jahr den iranischen Propganda-Sender „Press TV“. Auch im weiteren Verfahren sieht es bislang gut für den Sender aus. Die verherrlichende Ausstellung „Ein Blick Iran – betrachten, lauschen, fühlen, Iran erleben“ im katholischen Pfarramt St. Maximilian endete vor zirka drei Wochen. Ausgesprochen wohlwollend berichtete die Süddeutsche Zeitung darüber. Die Friedensbewegung hat ihren militärisch anklingenden „Münchner Appell“ nun umbenannt in „Münchner Aufruf“. Die dazugehörige Internetseite, „Kein Krieg gegen Iran“, deren Breite an Unterstützenden von Linkspartei bis zum antizionistischen Verein „Salam Shalom“ reicht, soll von „Hackern“ zeitweise stillgelegt worden sein, beklagten die Macher.

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Neues aus dem Hause FC Bayern! July 19, 2012 | 12:31 am

Kommende Saison tritt voraussichtlich der israelische Superstar Yotam Halperin bei der Basketballmannschaft des FC Bayern an. Und die Utragruppe Schickeria München richtete wieder das alljährliche „Kurt-Landauer-Turnier“ aus. So kanns weitergehen.

Laut Medienberichten konnte jetzt der israelische Basketballer Yotam Halperin in München verpflichtet werden. Die Basketballmannschaft des FC-Bayern war letzte Saison so erfolgreich, dass sich der Mittelfeldstar der Fussballabteilung, Sebastian Schweinsteiger, während seiner verletzungsbedingten Pause 2011 vorzugsweise den Basketball-Krimi Bayern vs. Treviso ansah, als das zeitgleiche Fussballspiel Holland gegen Deutschland. Der in Tel Aviv geborene Halperin soll jährlich knapp 500.000 Dollar verdienen.

Bereits letzten Monat fand zum wiederholten Male das Kurt-Landauer-Turnier statt, organisiert von der Utragruppe „Schickeria München“. Bei der Begegnung zu Ehren des wegen seiner jüdischen Herkunft verfolgten ehemaligen Präsidenten des FC Bayerns nahmen unter anderen die Mannschaften der Organisationen „Jugendliche ohne Grenzen“ und „Karawane München“ teil, wovon letztere den begehrten Kurt-Landauer-Pokal gewann. Dieses Jahr stand die erfolgreiche Meisterschaft im Jahre 1932 – woran Landauer maßgeblich mitwirkte – im Mittelpunkt des Rahmenprogramms. Darüber hinaus waren u.a. Vorträge zur „Swing Jugend“, der Situation von Flüchtlingen in Italien, der Revolution in Ägypten und zur queeren Community in München bzw. zu Homophobie zu hören. Fans des TSV 1860 rollten beim Amateurderby 2011 gegen den FC Bayern ein Banner aus mit der Aufschrift: „Fussball ist ein Männersport – ihr schwulen Fotzen“.

2011 kündigte Karl-Heinz Rummenigge bei der Buchvorstellung des Sporthistorikers Dietrich Schulze-Marmeling in der Israelitischen Kultusgemeinde an, der FC Bayern werde „gemeinsam mit seinen jüdischen Freunden eine stolze Zukunft haben.“ Im Museum zum 111-jährigen Bestehen des Vereins, das im April 2012 eröffnet werden sollte, würde Kurt Landauer viel Platz eingeräumt, so Rummenigge. Ebenso wolle er sich dafür einsetzen, dass eine Straße in München nach Landauer benannt wird. Die jetzige Kurt-Landauer-Straße nahe der Allianz Arena, in „the middle of nowhere“, sei kein würdiger Ort, so der FC-Bayern Manager.

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Pfaff und der PAOKenschlag February 15, 2012 | 07:38 pm

Unlängst sollte ich für ein Buchprojekt einmal meine ganz eigene Bayern-Elf zusammenstellen, nicht – oder jedenfalls nicht nur – aus aktuellen Spielern, sondern eine Art »Best of«. Man fängt in solchen Fällen ja doch meistens mit dem Torwart an, einer Position also, auf der die Roten fast immer glänzend besetzt waren. Sepp Maier wäre da natürlich ein Kandidat gewesen, Oliver Kahn ebenfalls. Doch ich habe mich für Jean-Marie Pfaff entschieden, den ich als Jugendlicher nachgerade bewundert habe, so sehr, dass ich mir sogar die Schallplatte mit seinem reichlich grenzwertigen Gesangsversuch namens »…jetzt bin ich ein Bayer« zugelegt habe. Pfaff, das war für mich die reine Leidenschaft und der personifizierte FC Bayern; jedes Gegentor, das er kassiert hat, habe ich als persönliche Beleidigung empfunden, und über einen von ihm gehaltenen Elfmeter habe ich mich bisweilen mehr gefreut als über ein Münchner Tor.

Eine Partie von ihm ist mir ganz besonders in Erinnerung geblieben, eine, bei der ich auch im Stadion war. Saison 1983/84, Uefa-Pokal, zweite Runde, Rückspiel gegen PAOK Saloniki. Der griechische Klub wurde seinerzeit von Pál Csernai trainiert, der nicht mal ein halbes Jahr zuvor noch bei den Bayern auf der Bank gesessen hatte, bevor er kurz vor dem Ende der Saison entlassen und durch seinen Assistenten Reinhard Saftig ersetzt wurde. Das Hinspiel war torlos geblieben, die Bayern hatten sich die Zähne an der PAOK-Defensive ausgebissen. Die (Herbst-)Ferien verbrachte ich mit meinen Eltern und meinem Bruder wie so oft am Ammersee, was mir die Möglichkeit bot, das Rückspiel live im Olympiastadion verfolgen zu können. Und obwohl ich erst vierzehn war, durfte ich nach tagelangem Drängeln und Quengeln alleine dorthin – für mich eine Premiere, und zwar eine, die vor allem meine Mutter noch bereuen sollte.

Es war ein grauenvolles Spiel an einem kalten, nassen Novemberabend. Der FC Bayern, inzwischen wieder von Udo Lattek trainiert und klarer Favorit, fand erneut kein Mittel gegen Salonikis Betonabwehr; erschwerend kam hinzu, dass Karl-Heinz Rummenigge nach kaum mehr als einer halben Stunde mit einer Verletzung raus musste. Für ihn kam Calle Del’Haye, der später auch ein Tor erzielen sollte, das wegen eines Fouls am griechischen Torwart aber nicht zählte. Nach 90 Minuten stand es immer noch nullzunull, also Verlängerung; eine halbe Stunde später das gleiche Bild, also Elfmeterschießen. Mein Tribünennachbar, ein älterer Mann, fragte mich angesichts der vorgerückten Stunde etwas verwundert, wo eigentlich meine Eltern seien. »Die warten am Ausgang auf mich«, log ich ihn an. Ich hatte überhaupt keine Angst, dass mir etwas passiert, dafür aber umso mehr, dass meine Bayern gleich aus dem Wettbewerb fliegen könnten.

Der Schiedsrichter teilte diese Sorge offenbar, denn nachdem PAOK in Führung gegangen war, gestattete er Klaus Augenthaler, Bayerns erstem Schützen, gleich drei Versuche. Die ersten beiden Schüsse konnte Salonikis Torwart problemlos parieren, doch Referee Robinson aus England ließ jeweils wiederholen, weil sich der Keeper zu früh bewegt haben soll. Was regeltechnisch äußerst fragwürdig war (wie auch das Video zeigt) und selbst Klaus Augenthaler nach dem dritten und erfolgreichen Anlauf zu einer tröstenden Geste gegenüber dem Schlussmann veranlasste, war mir nur recht. Den zweiten Elfmeter der Roten vergab Dieter Hoeneß kläglich, den dritten verwandelte Wolfgang Kraus mit viel Glück. Als nun endlich die Griechen einmal patzten, gewährte der Schiedsrichter auch ihnen – augenscheinlich aus Gründen der Konzession – einen erneuten Versuch, der schließlich saß. Norbert Nachtweih versenkte anschließend seinen Schuss, und als der fünfte Schütze für PAOK antrat, war klar: Trifft er, dann ist Bayern draußen.

Dass Jean-Marie Pfaff den Ball mit einer sensationellen Parade um den Pfosten drehte, schrieb ich in diesem Moment alleine meiner Anwesenheit im Stadion zu. Er wusste, dass da oben auf der Tribüne irgendwo ein Vierzehnjähriger sitzt, den man nicht mit einer Niederlage nächtens zurück an den Ammersee schicken konnte. Auch Sören Lerby – mein damaliger Lieblingsfeldspieler – wusste das und knallte die Kugel sörenlerbymäßig links oben rein. Nach jeweils fünf Schüssen stand es damit 4:4, und nun schien plötzlich niemand mehr Nerven zeigen zu wollen. Calle Del’Haye, Hans Pflügler, Bernd Dürnberger und Michael Rummenigge gaben sich so wenig eine Blöße wie ihre Kontrahenten auf der Gegenseite. Als die Anzeigetafel nach sage und schreibe 18 Versuchen ein 8:8 vermeldete, hielt Pfaff endlich seinen zweiten Elfmeter, und nach meiner Rechnung gab es nun nur noch einen Münchner Feldspieler, der noch nicht geschossen hatte, nämlich Bertram Beierlorzer. Ihm fiel jetzt die Aufgabe zu, seine Mannschaft eine Runde weiter zu bringen. Doch wohin ich auch blickte – es war kein Beierlorzer zu sehen. Wie sich herausstellen sollte, war er vor lauter Angst in die Kabine geflüchtet.

Damit musste Jean-Marie Pfaff zwangsläufig selbst ran. Ein Torwart, der einen Elfmeter schießt? Und dann auch noch einen (potenziell) entscheidenden? Anfang der achtziger Jahre war das eine noch größere Seltenheit als heute. Ich brauche das Video des Spiels nicht, um mich zu erinnern, wie er da kurz vor der Ausführung stand: den Kopf gesenkt, die Arme auf dem Rücken. Schon die Körpersprache verriet die ganze Dramatik des Augenblicks. Ein Pfiff, ein langer Anlauf, ein Schuss wie ein Abstoß – und im rechten Knick schlug es ein. Unten sank Pfaff auf die Knie, oben tat ich es ihm gleich, bevor ich meinem Tribünennachbarn, dem älteren Mann, den ich für diesen Moment zum Vaterersatz machte, in die Arme fiel, heulend vor Glück und Erleichterung. Die einstündige Rückfahrt mit der Bahn verbrachte ich wie in Trance, Pfaffs Elfmeter als Endlosschleife im Kopf.

Zu Hause erwartete mich – es war längst nach Mitternacht – meine in Tränen aufgelöste Mutter. Damals verstand ich ihr Problem nicht – wie konnte sie sich bloß Sorgen um mich machen, wo es doch um etwas viel Wesentlicheres ging, nämlich das Weiterkommen des FC Bayern? Wir begannen uns zu streiten, bis sie etwas sagte, das ich bis heute nicht vergessen habe: »Diesem Pfaff schreib’ ich morgen einen Dankesbrief. Ohne den wären die immer noch dran. Und jetzt geh endlich ins Bett.«

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Webportal SPOX.


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immer diese bayern November 13, 2011 | 01:51 pm

Als “Judenklub” werden die Bayern heute in der Regel nicht mehr beschimpft, aber die Ressentiments, die sich gegen sie entladen, sind dennoch von typisch antisemitischen Stereotypen durchsetzt. Man hasst den Klub, weil er erfolgreich ist und dieser Erfolg angeblich ausschließlich dem vielen Geld zu verdanken ist, das der Verein besitzt, zu dem er mühelos und ohne Arbeit gekommen zu sein scheint – vermutlich durch undurchschaubare Transaktionen und zwielichtige Geschäfte – und das sich wie von selbst zu vermehren scheint, während andere Klubs darben und ständig um ihre Existenz kämpfen müssen.

aus was für eltern muss man haben by alex feuerherdt (via eisprinzessin)


Lieb und Treue immer preise, unser deutscher Männerbund October 5, 2011 | 10:42 pm

Die Fans des TSV 1860 sind schon ein wenig stolz. Ihre zweite Mannschaft konnte das Derby gegen die Amateure vom FC Bayern am Dienstag für sich entscheiden. Mit Ruhm haben sich die Fans dennoch nicht bekleckert. Vielmehr sind sie ganz die alten.

Die Partien zwischen dem TSV 1860 und dem FC Bayern waren schon im Jahre 1902, als der TSV sein erstes Fußballspiel bestritt, stark aufgeladen, da ganz unterschiedliche Vereinsvorstellungen aufeinander trafen. Der TSV entsprang der reaktionären sowie bürgerlichen Turnerbewegung, den FC Bayern zeichnete ein liberales und weltoffenes Klima aus, Kaufleute und Studenten gehörten zu seinen ersten Kickern. Vor genau hundert Jahren wurde eine Löwenkarikatur zum Vereinswappen des TSV. Jubiläumsfeiern sind allerdings nicht zu erwarten, denn sonst wäre auch Franz Grundner zu ehren. Der Festspieldichter entwarf der Überlieferung nach den Löwen der Sechziger im Jahre 1911. Nur war Grundner schon zu dieser Zeit ein Rechtsradikaler und Antisemit, wenig später Mitglied des Wehrverbands Altreichsflagge und führte einen Zug der SA beim „Marsch auf die Feldherrenhalle“ an. Zwei Jahre nachdem Grundner den Löwen entwarf, wurde beim FC Bayern hingegen Kurt Landauer, Sohn einer jüdischen Familie, Präsident. Die Unterschiede zwischen den Vereinen spitzten sich während der NS-Herrschaft eher noch zu. Dem FC Bayern wurde von den Nazis nicht verziehen, ein „Judenverein“ gewesen zu sein, während der TSV darlegen konnte, dass seine Mitglieder schon „früh bei der Fahne Adolf Hitlers“ gestanden haben. Nach dem 2. Weltkrieg wendete sich das Blatt. Landauer kehrte aus dem Exil zurück. Er konnte mit den Alliierten gut und verschaffte dem FC Bayern eine komfortable Startposition, u.a. das Gelände an der Säbener Straße. Beim TSV befanden sich zeitgleich zahlreiche Mitglieder der Vereinsführung im Internierungslager oder vor Gericht. Der Verein tat sich noch über Jahre hinweg schwer, überhaupt unbelastete Führungskräfte an die Vereinsspitze zu setzen. In den 60er und 70er Jahren veränderten sich beide Vereine. Zur Mitgliederbasis des TSV gesellten sich zunehmend Arbeiterinnen und Arbeiter, dem FC Bayern schlossen sich Fangruppen aus dem ländlichen Raum Bayerns an. Diese Entwicklung verwässerte im Grunde die Pole. Aber nicht alle Unterschiede sind bis heute aufgehoben. Das Ressentiment hat nach wie vor überwiegend beim TSV ein Zuhause.

„In zehn Minuten schlagen wir euch tot“
Beim Fankreis des TSV bricht bei den Spielen gegen den FC Bayern oftmals die reaktionäre Tradition auf, insbesondere beim Aufeinandertreffen der beiden Amateurmannschaften. Das könnte daran liegen, weil sich zuvörderst die „wahren Fans“ für Amateurspiele interessieren, also Fans, die mehr die Identifikation als der Sport umtreibt. Diese „wahren Fans“ legen dann in der Regel ein beredtes Zeugnis von sich selbst ab, indem sie den gegnerischen Verein alles nennen, was ihnen im Allgemeinen verhasst ist, bzw. dessen Gegenteil sie gerne wären. So wurde beispielsweise das Lied vom „Stern im Ausweis“ – eine antisemitische Aufbereitung des FC Bayern Fansongs „Stern des Südens“ – erstmals bei einem Derby beider Amateurmannschaften gehört. Bei der Partie am vergangenen Dienstag schafften es die Fans des TSV nahezu, an ihre vergangenen Leistung anzuknüpfen. Nun muss man vorweg sagen, dass der Claim der Bayernfans „Tod und Hass dem TSV“ auch nicht gerade von gut gelüfteten Geistern zeugte. Aber der Chor aus der TSV-Kurve, „In zehn Minuten schlagen wir euch tot“, ward dennoch aus einem anderen Holz geschnitzt. Das Geheimnis, was denn die TSV-Fans an den Bayern zum Totschlagen hässlich fanden, wurde schließlich auch gelüftet. Über die ganze Breite des Blocks entrollte ein Banner, auf dem geschrieben stand: „Fussball ist ein Männersport – ihr schwulen Fotzen“. Das hätte dem Löwen-Logo-Nazi Grundner sicher auch gefallen. Ein weiteres, ebenso großes Banner in der Löwenkurve traf dagegen den Nagel auf den Kopf: „Hass kann ‚Mann‘ sich nicht antrainieren“, stand darauf. Stimmt, diese Männer hassen tatsächlich nicht antrainiert, sondern ganz selbstverständlich – seit mindestens 1860.

Ein Reim von Grundner zum Kehraus
Das „Festlied“, das der Nazidichter zum 60-jährigen Jubiläumsfest des TSV 1860 im Jahre 1920 ins Programm komponierte – und das vermutlich lauthals gesungen wurde – verdeutlicht die Linie zwischen dem Heute und Gestern unzweideutig und stellt einen hinreichend unwürdigen Abschluss für diesen Beitrag dar:

„Und das Lied schwillt mächtig an:
Alle Stimmen rings im Kreise
Eint der feurige Orkan:
Lieb und Treue immer preise
Unser deutscher Männerbund!
Sing und kling du Feuerspreise
Brenn das Vaterland gesund!
Heiße Wünsche uns entflammen -
Zorn erpresst uns Schwur um Schwur.
Fall der Bau der Welt zusammen!
Leb du, unser Deutschland, nur!“

Literaturhinweis
Anton Löffelmaier: Die Löwen unter dem Hakenkreuz, Göttingen, 2009

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Rummenigge: „Wir werden eine gemeinsame Zukunft haben“ May 25, 2011 | 10:29 pm

Der Sport-Historiker Dietrich Schulze-Marmeling ist eingefleischter Fan des Bundesligavereins Borussia Dortmund. Dennoch widmet er ein weiteres Buch der Geschichte des FC-Bayern, insbesondere den Jahren, in denen der Verein „wie ein Fels in einer anschwellenden antisemitischen und antiliberalen Brandung“ erscheint – so Marmeling. Sein aktuelles Werk wurde am Dienstag in den Räumlichkeiten der Israelitischen Kultusgemeinde München (IKG) vorgestellt, umrandet von einem prominent besetzten Podium.

Der große Hubert-Burda-Saal der IKG ist vollständig gefüllt. Um Karl-Heinz Rummenigge bildet sich ein Kreis aus Presseleuten, die allerhand von ihm wissen wollen, zum Transfer von Manuel Neuer und weniger wichtigem Tagesgeschäft. „Rotbäckchen“ nannte man den heutigen Top-Manager des FC Bayern seinerzeit, verrät der langjährige Vereinsschatzmeister Willi Hoffmann später den Gästen – worauf Rummenigge dann tatsächlich rot wird, wie ein ertappter Lausbub. Der Kommentar des FCB-Urgesteins ist für den Routinier weit schwieriger zu handeln, als alle Fragen zuvor. Charlotte Knobloch, die Vorsitzende der IKG, wird auch etwas gestehen, ihre Liebe zum FC-Bayern nämlich.
Schulze-Marmeling liest aus seinem neuen Buch. Das Werk, „Der FC-Bayern und seine Juden – Aufstieg und Zerschlagung einer liberalen Fußballkultur“, ist trotz der darin markierten Verdienste des Vereins – im Zeichen des Liberalismus, der Moderne und des Fussballs – keine Jubelarie auf den FC Bayern. Nicht-Bayernfans können also beruhigt sein. Schulze-Marmeling kritisiert beispielsweise das Manifest des Süddeutschen Fussball- und Leichtathletikverbandes, das in Stuttgart am 09. April 1933 verabschiedet wurde. Mit dem Papier verpflichteten sich die Unterzeichner – unter anderem der FC Bayern – „insbesondere in der Frage der Entfernung der Juden“ gewillt zu sein. Dieser Akt des „vorauseilenden Gehorsams“ auch liberaler Fussballvereine, so Schulze-Marmeling, verwundere, zumal das Manifest den Forderungen des DFBs vorausgriff.

Der verfolgte Jude hat seine Schuldigkeit getan
Noch schärfer kritisiert Schulze-Marmeling die Abwahl Landauers im Jahre 1951. Der ehemalige jüdische Präsident kehrte nach seinem Rücktritt 1933, nach Konzentrationslager und schweizer Exil, 1947 zum FC Bayern zurück und bescherte dem Verein als neu gewählter Präsident gegenüber skeptischen US-amerikanischen Militärs nicht nur aufgrund seiner persönlichen Geschichte Startvorteile, sondern reichte dem Club auch von seinem ersten „Wiedergutmachungsgeld“ ein Darlehn in Höhe von 10.000 DM. Fürderhin setzte Landauer durch, dass der FC Bayern das Erbbaurecht an der Säbener Straße und Fördergelder bekam. 1951 aber – nachdem der Verein aus dem Gröbsten raus war – wurde Landauer infolge einer Initiative der Handball-Abteilung kurzerhand abgewählt. „Der verfolgte Jude, so erscheint dieser Vorgang, hat seine Schuldigkeit getan“, kommentiert Schulze-Marmeling die Abwahl in seinem Buch. Landauer kehrte nun dem FC Bayern, nach knapp fünfzigjähriger enger Verbundenheit, weitestgehend den Rücken. Ebenfalls kritisiert Schulze-Marmeling, dass seitens des FC-Bayerns zwar die vielfache jüdische Vergangenheit direkt nach dem Krieg betont, in den Folgejahren aber vollständig tabuisiert wurde. Es hat 60 Jahre gedauert bis das Thema wieder auf den Tisch kam, herangetragen von kritischen Journalisten und Fan-Initiativen, wie dem Ultra-Club „Schickeria München“, bemängelt der Sporthistoriker. Rummenigge kann das den Gästen im Hubert-Burda-Saal nicht begründen. Aber der Manager versichert dem Publikum stattdessen:

Wir sind stolz auf die jüdische Vergangenheit. Und eines ist sicher, das verspreche ich ihnen: Wir werden gemeinsam mit unseren jüdischen Freunden eine stolze Zukunft haben

Bayern hat viel vor
Rummenigge kündigt an, im Museum zum 111-jährigen Bestehen des Vereins, das im April 2012 eröffnet werden soll, wird „Landauer viel Platz eingeräumt“. Ebenso will sich Rummenigge dafür einsetzen, dass eine Straße in München nach Landauer benannt wird. Die jetzige Kurt-Landauer-Straße nahe der Allianz Arena, in „the middle of nowhere“, so Rummenigge, zwischen Autobahn und Kläranlage, so Knobloch, hält auch der Bayern-Manager für keinen würdigen Ort.


Unglücklich mit dem jetzigen Standort der Kurt-Landauer-Straße

Das neue Buch von Schulze-Marmeling ist streckenweise redundant, hat man seine letzten Veröffentlichungen zum Thema, „Die Bayern. Die Geschichte des deutschen Rekordmeisters“ und „Davidstern und Lederball“ bereits gelesen. Manche Abschnitte scheinen nur leicht modifizierte Passagen der Vorgänger zu sein, einige Sätze stimmen fast wörtlich überein. Dennoch bietet das Werk viel Neues. Wer weiß schon, dass einer der 16 Unterzeichner der Gründungsurkunde des FC-Bayern, Benno Elkan, später in England eine Bildhauerkarriere machte und die große Menora vor der Knesset in Jerusalem von ihm gestaltet wurde? Auch auf zeitnahe Entwicklungen geht der Sport-Historiker ein. So widmet er zum Beispiel ein Kapitel dem Freundschaftspiel des FC Bayern im Iran und dessen problematische Verwertbarkeit für das iranische Regime.

Eine Kritik am Buch kann nicht erspart bleiben
Wagt sich Schulze-Marmeling zu weit in die Sphären der Antisemitismusforschung, wird es mitunter bunt. Nicht richtig ist mit Sicherheit seine verkürzte Einschätzung, für Golo Mann wäre der „gewöhnliche deutsche Jude, ob getauft oder ungetauft, deutsch in seinen Lastern, deutsch in der Kleidung, Sprache und Manieren, patriotisch und konservativ“ gewesen. Auch wenn sich der streng konservative Mann-Nachkomme das vielleicht gewünscht hat, formulierte dieser in der grottenschlechten – und zu allem Überfluss verlegten Rede „Zum Antisemitismus“ im Jahre 1960 geradezu Gegenteiliges. Im Rahmen einer versuchten Ehrenrettung des Antisemiten Treitschke verweist Mann auch auf einige deutsche Juden, die eine „in gewissem Sinn entwurzelte Existenz“ geführt haben sollen. Der Ausdruck „jüdisch-zersetzend“ sei demnach – bis in die Weimarer Zeit hinein – nicht „völlig ohne Boden“ formuliert worden, so Mann.

Nichtsdestotrotz: Ein gelungenes Buch, das die Tradition des FC Bayern gebührend ehrt, aber nicht in Watte packt. Ich möchte mit einem Zitat aus dem Werk schließen:

In der Rückschau mag der Eindruck entsehen, als habe es im europäischen Fussball von Juden nur so gewimmelt. Dass dies aus heutiger Sicht so erscheint, ist weniger ein Hinweis auf das, was einmal war, als auf das, was nicht mehr ist. „Viele Juden“ waren es nur aus der Sicht einer Generation, die – bedingt durch den Holocaust – Juden und jüdisches Leben kaum noch kennt.

Nächste Lesung:
24.06.11 | im Rahmen des antirassistischen Turniers um den Kurt-Landauer-Pokal | veranstaltet von der Schickeria München

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Auf Gottes grüner Wiese March 2, 2011 | 11:55 am

Was ist der Unterschied zwischen Louis van Gaal und Karl-Theodor zu Guttenberg? Van Gaal hat noch nichts abgeschrieben. Zumindest nicht den deutschen Vereinspokal, in dem der Bayern-Trainer ja quasi als Verteidigungsminister fungiert. Die Schalker leiden derweil bis heute darunter, dass der Herr und Gebieter, nachdem er das Ruhrgebiet erschaffen hatte, euphorisiert ausrief: „Essen ist fertig!“ Also bauten sie die Arena AufVeltins, das Cabrio unter den Bundesligastadien, und schlossen regelmäßig das Verdeck, um dem Allmächtigen die freie Sicht zu nehmen. Der rächte sich unlängst, indem er ihnen einen veritablen Dachschaden zufügte.

In München hingegen kann der Schöpfer allerweil ungehindert ins knallrote Gummiboot gucken, und es müsste schon mit dem Teufel zugehen, wenn er’s heute Abend nicht täte. Wird er Zeuge werden, wie Arjen Robben neuerlich in einem DFB-Pokal-Halbfinale das Meer teilt? Oder muss er mit ansehen, wie Manuel Neuer unbarmherzig die Pforten verrammelt? Darüber wird – wie schon vor knapp einem Jahr – jedenfalls Protokoll zu führen sein. Und zwar – da die für dieses Blog verwendete Version von WordPress das Einbetten von Frames leider nicht gestattet – nebenan, auf Lizas Logbuch, ab 20 Uhr. Bis später also!


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Gustav Gans und die blaue Bandage January 14, 2011 | 08:23 pm

Wenn der Trainer Thomas Kraft am Samstag aufstellen sollte, ist das seine exklusive Entscheidung. Und damit Ende. Wir sind überhaupt nicht irritiert oder verärgert.“ (Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandvorsitzender der FC Bayern München AG, am 11. Januar dieses Jahres. Quelle: Süddeutsche Zeitung)

Kaum ein Medium widerstand der Versuchung, den anstehenden Tausch im Gehäuse des FC Bayern mit der mäßig originellen Schlagzeile „Kraft-Probe“ zu überschreiben. Mäßig originell zum einen deshalb, weil Namenswitze grundsätzlich verschmockt sind, und zum anderen, weil das Ganze in erster Linie von den Medien hochsterilisiert wurde, um es mal mit den Worten eines früheren Bayernprofis zu formulieren. Mag schon sein, dass der Vorstand insgeheim not amused war über van Gaals Entscheidung „Butt raus, Kraft rein“. Doch mit der offiziellen Rückendeckung durch „Killer-Kalle“ passt – zumindest offiziell – kein Blatt eitel Bütten mehr zwischen Vorstand und Vorturner. Und der Kaiser hat bekanntlich schon Werbung für Kraft gemacht, als der noch flüssig war wie eine Hühnersuppe.

Aber entscheidend ist ja ohnehin – wie man spätestens seit Adi Preißler weiß – auf’m Platz. Und damit zu einem kleinen, ausgewählten Formcheck kurz vor dem ersten Rückrundenspiel in Wolfsburg.

Franck Ribéry: Will jetzt wieder spielen wie unter Hitzfeld und, öhm, Klinsmann. Hat dem Kicker erzählt: „Isch ‘abe misch verändert.“ Stimmt: Statt Frauen schleppt er neuerdings Männer ab. Sogar mitten im homophoben Katar, in aller öffentlichkeit. Mutig, aber: no risk, no fun.

Arjen Robben: Hat weder unter Hitzfeld noch unter, öhm, Klinsmann gespielt und will deshalb wieder spielen wie unter van Gaal. Hat zu diesem Zweck seine graue Gábor-Király-Gedächtnishose gegen eine blaue Erich-Deuser-Gedächtnisbandage getauscht. Jede Wette: Das gibt wieder Stress mit den Dresscode-Vorschriften von DFB und DFL – und einen Boom in deutschen Sanitätshäusern.

Luiz Gustavo: Extrem effektiv schon vor seinem ersten Einsatz in München: Mit seinem Wechsel hat er nicht nur seinen neuen Klub verstärkt, sondern auch seinen alten ins Chaos gestürzt. Die stärkste Rückennummer 30 seit Christian Lell. Und jetzt schenkt ihm Oliver Bierhoff auch noch einen deutschen Pass, der auf den Namen „Gustav Gans“ ausgestellt wird. Kann es ein größeres irdisches Glück geben?

Holger Badstuber: Die Emo-Frisur is back! Wird jetzt wieder schambeinhart zu Werke gehen und darüber hinaus dem Kollegen Breno zeigen, was eine Spieleröffnung ist. Wären Namenswitze nicht so verschmockt, müsste man ihn glatt Goodstuber nennen.

Breno: Hat eine tierisch gute, ja, eine nachgerade animalische Vorbereitung absolviert. Das fand auch sein Trainer. Und wer würde dem widersprechen wollen?

Mark van Bommel: Im Alter lässt bekanntlich das Kurzzeitgedächtnis nach. Hat deshalb vergessen, dass man bei der Fifa-Wahl zum Fußballer des Jahres keine Landsleute mit Stimmen versorgen darf. Ergebnis: Platz 1 und 2 ungültig. Ein Wechsel zu den Alten Herren vom AC Mailand wäre daher nur konsequent.

Mario Gómez: Hat sich im SPOX-Interview als Klimaschützer geoutet. Wird nun die Nachfolge von Bixente Lizarazu als „Che Guevara der Umwelt“ antreten. Erster Schritt: den gegnerischen Verteidigern noch mehr als in der Hinrunde die Luft zum Atmen nehmen und so den globalen CO2-Ausstoß verringern. Ein löbliches Unterfangen, das ihm gleich zwei Preise einbringen wird: die Torjägerkanone und eine Ehrenmitgliedschaft bei Greenpeace.

Thomas Müller: Nennt sich jetzt „Raumdeuter“ und ist damit zum Sigmund Freud der deutschen Fußballprofis emporgestiegen. Noch nie hat jemand mit so dünnen Beinen so große Karrieresprünge gemacht. Respekt.

Bastian Schweinsteiger: Für den Kicker und Sarah Brandner der Mann des Jahres. Hach ja.

Fazit: Wolfsburg kann kommen. Bzw. daheim bleiben. Denn der FCB wird den VfL so nass machen, dass Steve McClaren selbst ein Ganzkörperkondom nicht hülfe. Mark my words.

Zum Bild: Bayerns Neuzugang Luiz Gustavo (rechts) leistet engagierten Widerstand gegen eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf dem Webportal SPOX.


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